Blogparaden, Blogstöckchen und Blockwärtinnen (Monatsrückblick Dezember 2013)

„Sie ist die Frau, für die zwei Männer Platz machen mussten, Ex-Innenminister Freidrich und Ex-Verteidigungsminister de Maizière.“
Während Ursula von der Leyen also laut Spiegel vom 21.12. Männer aus dem Weg räumt (S. 20) und „den Kabinettspoker so kaltblütig gespielt wie kein Mann“ habe (S. 24), sehen die Männer in der Spiegel-Berichterstattung eher soft aus: Harte Mädchen, weiche Jungs.
Die Koalitionsvereinbarungen in Berlin waren geschlechterpolitisch aus zwei Gründen interessant. Einerseits, weil sie einiges an feministischen Pflichtprogramm absolvierten, Frauenquoten, die Bestrafung von Freiern bei „erkennbarer Zwangsprostitution“ (eine Regelung, deren zweifelhafte Realitätstauglichkeit erzaehlmirnix zu dem Spott veranlasste, die Regierung wolle nun eine „Kennzeichnungspflicht für Zwangsprostituierte“ einführen), und aus personalpolitischen Gründen.
 
Ursula von der Leyen steht als erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums, Andrea Nahles, deren Berufserfahrung sich fast ausschließlich auf die Pflege ihrer Parteikarriere beschränkt, ist nun Arbeitsministerin, und Manuela Schwesig (dazu gab es eine längere Diskussion bei Alles Evolution).

Zwischen Weihnachtskitsch und Shitstorm – Mit einer knallreaktionären Ideologie, verpackt in Sentimentalitäten, gelang es einem Nivea-Werbeclip, seine eigene Blogparade aus scharfen Kritiken loszutreten.
Die Koalition liefert aber auch ein Leitmotiv des vergangenen Monats – die Fragen, wie ganz unterschiedliche Akteure eine Zusammenarbeit organisieren können, und die Frage, wo eine Zusammenarbeit nicht mehr sinnvoll ist. Kurz: Verknüpfungen und Grenzziehungen.

Pimmelchen, Kanonenfutter und die tatsächlichen Probleme von Frauen Mit dem Verteidigungsministerium verbindet von der Leyen offenkundig offenbar einen erhebliches PR-Potenzial – als erste Frau an der Spitze. Kritik an der Berufung wertete Lisa Caspari in der Zeit selbstverständlich sogleich als „Sexismus“ – mit der bewährten Methode, nachvollziehbare Zweifel und dämliche Polemik so zu vermischen, dass schließlich alles gleichermaßen als illegitime Kritik erscheint.
„Wenn eine Frau das Verteidigungsministerium übernimmt, sind sexistische Kommentare programmiert.“
Einen Hintergrund dieser Bewertung führte wiederum der Spiegel vor, der das Kunststück fertig brachte, denn zu kleinen „Frauenanteil“ (21.12., S. 21) in der Bundeswehr zu kritisieren, ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, dass ein wesentlicher Grund dafür in der – bloß ausgesetzten, nicht abgeschafften – Wehrpflicht für Männer liegt.
Ähnlich weltvergessen äußerte sich die niederländische Verteidigungsministerin Jeanine Hennis-Plasschaert, die frohgemut erklärte, es mache keinen Unterschied, ob man „ein Pimmelchen hat oder nicht“ (Spiegel, 21.12, S.18) – bei dieser Gelegenheit wäre es übrigens interessant zu erfahren, was passieren würde, wenn ein europäischer Politiker ab und an mal über „Mösichen“  daherredete.
 
Auch in den Niederlanden darf die Geschlechtszugehörigkeit an der Spitze des Verteidigungsministeriums, selbstverständlich, nicht von Belang sein – während das Fußvolk ebenso selbstverständlich männlich zu sein hat. Die Wehrpflicht in den Niederlanden ist seit 1996 ausgesetzt, Männer und Frauen können freiwillig dienen, aber die Männer zwischen 17 und 45 Jahren werden weiterhin erfasst. Wer also Irritationen über die Berufung einer Frau an die Spitze des Verteidigungsministeriums als frauenfeindlich abtut, ignoriert gemeinhin mit großer Selbstverständlichkeit, dass das Kanonenfutter fast ausschließlich männlich ist (hat jemand etwas von „Sexismus“ gesagt?).
Von der Leyen selbst ähnelt in ihrem politischen Habitus Gerhard Schröder – sie profiliert sich gegen ihre Partei und auf deren Kosten, macht sich für sie aber eben gerade dadurch unentbehrlich. Ein Gegenmodell ist dazu Manuela Schwesig, die im Parteiapparat und mit erheblicher Unterstützung älterer Herren wie Steinmeier und Steinbrück eine Blitzkarriere machte, ohne jemals durch allzu eigenständige Positionen aufgefallen zu sein. Gleichwohl beklagt sie, dass die besonderen Schwierigkeiten von Frauen auf dem Weg nach oben nicht genügend Berücksichtigung fänden.
Das Blog achdomina nahm Äußerungen Schwesigs zu den „tatsächlichen Problemen von Frauen“ auseinander und zeigte, dass sie tatsächlich
„die realen, handfesten Probleme des alltäglichen Lebens derjenigen, über die sie spricht, nicht vor Augen“
habe – das weitgehend substanzlose Gerede vom Gender Pay Gap oder das große Interesse an „Frauen in Führungspositionen“ bediene lediglich Interessen relativ kleiner Gruppen.
Dass von der Leyen und Schwesig nach schon von Männern etablierten, wenn auch ganz verschiedenen Mustern Karriere machen, ist ihnen natürlich nicht vorzuwerfen. Irritierend aber ist, wie sie dabei ihre Geschlechterzugehörigkeit ins Spiel bringen: Die eine spekuliert auf den medialen Reiz einer Frau an der Spitze eines Ministeriums, das in den letzten Jahren viele und fast ausschließlich männliche Soldaten in den Tod geschickt hat (Todesfälle von Frauen sind hier weiterhin eine absolute Ausnahme). Die andere beklagt die besonderen Schwierigkeiten von Frauen, hat aber ihre eigene Karriere der massiven Protektion von Männern zu verdanken.
Anstatt sich aber zu fragen, ob diese feministische Politik der Privilegiensicherung nicht an dem relativ schlechten Abschneiden der Sozialdemokraten bei Wählerinnen beteiligt sein könnte, hat sich in der SPD offenbar die Meinung durchgesetzt, sie bräuchte immer mehr und mehr desselben – als ob es einfach ausgeschlossen sei, dass andere Menschen davon einmal genug bekommen könnten.
 
Paraden und Stöckchenwürfe Inhaltlich interessanter waren ohnehin andere Debatten.
„Männerrechtler Hand in Hand“, 
titelte der homosexuelle Blogger Adrian über die Blog-Parade zum Thema „Die Schwulen und die Männerbewegung“, die Christian Schmidt initiiert hatte. Obwohl nur grob das Thema, aber nicht seine Ausgestaltung abgesprochen war, hatten alle Beiträge – bei Alles Evolution, beim Flussfänger, bei Genderama, im wortschrank, bei Mein Senf, beim Pelz-Blog, bei Maskulismus für Anfänger und auch hier bei man tau  – eine klare Abgrenzung von Schwulenfeindlichkeit gemein.
Die Verbindung untereinander in der Blog-Parade, aber auch das Verständnis von Schwulenrechten als Männerrechten bedeutet zugleich eine Abgrenzung zu einer anderen Seite hin, nämlich eine – unabgesprochene, aber trotzdem unisono vorgetragene – scharfe Kritik an der Position, dass männerrechtliches Engagement selbstverständlich schwulenfeindlich wäre. Es sind genau genommen zwei Gruppen, die diese Position vertreten, nämlich etablierte Feministinnen und brachiale Maskulisten – und es ist kein Zufall, dass die Blog-Parade aus eben diesen beiden Richtungen natürlich auch, zum Teil höhnisch, kritisiert wurde.
 
Im Fazit war die Blog-Parade nach meinem Eindruck ein großer Erfolg, weil sie die großen Gemeinsamkeiten, die Unterschiede und auch den großen Willen zur Kooperation männerrechtlicher Blogger deutlich machte.
 
Das Thema Homosexualität ist aus mindestens drei Gründen wichtig für eine Klärung männerrechtlicher Positionen: Es ist davon auszugehen, dass Schwulenfeindschaft sich zu einem guten Teil aus einer für alle Männer ungünstigen Erwartung speist, nämlich der Erwartung, Versorger der Frau zu sein – der Erfolg einer Männerbewegung wird auch davon abhängen, inwieweit Männer mit ganz unterschiedlichen gründen miteinander solidarisch sein können – und ein Einsatz auch gegen maskulistische Schwulenfeindlichkeit ist auf die Interessen von Männern konzentriert, nicht auf eine Auseinandersetzung mit dem Feminismus.
 
 
Dass eben dies Männerrechtlern fehle, dass womöglich gar der Einsatz für die Interessen von Männern nur ein Vorwand für die Formulierung feminismusfeindlicher Positionen sei, war ein Vorwurf, den die Netzfeministin (für Arne Hoffmann eine Equity-Feministin, also eine Feministin, die für Gleichberechtigung eintritt und gegen Benachteiligungen beider Geschlechter) Robin Urban anlässlich der mau gebliebenen Unterstützung der Movember-Kampagne zur Aufklärung über männertypische Erkrankungen erhoben hatte.
 
Schon in der Kommentarspalte wurde der Text intensiv diskutiert, mit häufiger und ausdrücklicher Zustimmung von Männern, beim Flussfänger, bei Genderama und bei und man tau erschienen Antworten.
 
Ganz offensichtlich ist das Bedürfnis nach gemeinsamen Klärungen der männerechtlichen Positionen überhaupt sehr groß. Elmar Diederichs veröffentlichte auf seinem Blog jungsundmaedchen schon Ende November eine scharfe Attacke auf evolutionsbiologische Erklärungen in Geschlechterdebatten.
 
Christian Schmidt lud auf Alles Evolution in mehreren Beiträgen zur Diskussion von Elmars Thesen: zum Vorwurf, nur mit ausreichendem biologischen Wissen könnten biologische Erklärungen kritisiert werden, zur Bedeutung evolutionärer Erklärungen für den Maskulismus, zur Gendrift und zu anderen evolutionsbiologischen Konzepten, die Elmar nicht richtig wiedergegeben habe, zum Vorwurf der „Biologismus“ und zu den philosophischen Theorien des Geistes, die Elmar anführt.
 
Die These Elmars, dass evolutionäre Erklärungen eigentlich keine brauchbaren Erklärungen sozialen Verhaltens lieferten und so für den Maskulismus kaum brauchbar wären, stand in den Diskussionen schroff dem Vorwurf gegenüber, evolutionäre Theorien gar nicht verstanden zu haben.
 
Möglicherweise ist die Diskussion typisch für männerrechtliche Positionsbestimmungen: Auch wenn beide Seiten die Kontroverse nicht auf einen Streit der Fakultäten reduzieren wollen, ist doch deutlich, dass ein entsprechend der Disziplinen – Philosophie, Soziologie, Psychologie, Biologie – unterschiedliches professionelles und fachwissenschaftliches Selbstverständnis die Diskussion selbst ebenso prägt wie ihre zeitweiligen Verhärtungen. Gerade Männer diskutieren eben nicht unbedingt in erster Linie als Männer, sondern eingebunden in ihre beruflichen oder auch wissenschaftlichen Habitualisierungen.
 
Weit weniger kontrovers waren die Reaktionen auf den zweiten großen Anstoß für männerrechtliche Reflexionen, der in diesem Monat von einer Frau ausging: erzaehlmirnix warf ein Blogstöckchen, und zum jetzigen Zeitpunkt haben allein vierzehn Blogger, darunter mit Robin und Onyx auch zwei feministische Bloggerinnen, auf die acht Fragen von erzaehlmirnix geantwortet (ich habe alle am Ende meiner eigenen Antwort verlinkt), dazu viele in Kommentaren zu ihrem eigenen Artikel.
 
Auch an der trotz Weihnachtszeit enorm großen Bereitschaft zur Beteiligung wird deutlich, dass das Bedürfnis nach einer Formulierung der eigenen Position, die mit den Formulierungen anderer verglichen werden kann, enorm ist. Fast allen ist auch hier die Abgrenzung vom „lunatic fringe“ der Männerbewegung, von Frauen- und Schwulenfeindlichkeit gemein.
 
Nivea im Shitstorm Es wächst aber womöglich auch die Bereitschaft, sich offener und gemeinsam gegen männerfeindliche Zumutungen auszusprechen. Nivea spürte das mit einem Weihnachts-Werbespot, der den abwesenden Vater sorgfältig ausklammerte und zugleich das Bild einer heilen Familie vermittelte (Arne Hoffmann verlinkte und kommentierte die  Proteste  regelmäßig bei Genderama, die „fast schon eine sich selbständig bildende neue Blogparade“ seien).
 
Abstoßend war an dem Spot – dazu als passendes Gegenstück der Weihnachtsgruß einer Siebzehnjährigen an den Vater, den sie viele Jahre nicht sehen konnte – in meinen Augen nicht allein das sorgfältige Herausschneiden des Vaters aus dem Familientableau und die herablassende Darstellung der anderen Männerfiguren des Onkels und des Opas, sondern insbesondere die Darstellung des Kindes (danke an Nick für den Hinweis darauf).
 
Das Kind ist stumm, noch zu jung zum Sprechen, erzählt aber aus dem Off. Das Resultat: Der Spot propagiert eine Ideologie der mütterlichen Alleinerziehung, die allein die Bedürfnisse Erwachsener im Auge hat und die Interessen von Kindern ignoriert, sie legt aber zugleich eben diese Ideologie einem kleinen, von ihr erheblich betroffenen Kind in den Mund, das zugleich als stummer Mittelpunkt des sichtbaren Geschehens zur beliebigen Projektionsfigur Erwachsener aufgebaut wird.
Interessant war für mich zu sehen, dass die Proteste dagegen sich nicht durch erwartbare Widersprüche ruhigstellen ließen – einige von ihnen finden sich in intensiven Diskussionen zu einem Artikel im wortschrank.
„Das hat sowas von ‚Knutschverbot‘, wenn du dich daran erinnerst. Da ging es drum, dass Heteros gefälligst nicht öffentlich knutschen sollen weil das Homosexuellen und ungewollt Partnerlosen weh tun könnte“,
schreibt beispielsweise erzaehlimirnix dort. Die Analogie ist allerdings krumm – analog zum „Knutschverbot“ wäre es gewesen, wenn Väterrechtler gefordert hätten, dass sich überhaupt niemand mehr über Weihnachten freuen dürfe, und schon gar nicht öffentlich. Ebenso ins Leere geht der Vorwurf, die Protestierer würden offenbar erwarten, dass
„jeder 2-Minutenspot jedem gerecht werden müsste“.
Wer Weihnachten als Familienfest inszeniert und dort den Vater betont herausnimmt, der vergisst schließlich nicht einfach nur, irgendeine Minderheit zu bedenken – als ob die Familie am Weihnachtsabend plötzlich gemerkt hätte, dass ihr der Quotendicke fehlt. Dass Problem ist, dass eine zentrale Figur fehlt und der Eindruck erweckt wird, das wäre gleichgültig.
 
Nivea verbreitet eine knallreaktionäre Ideologie, nach der ein Kind neben der Mutter eigentlich nur noch die Großmutter (mütterlicherseits natürlich) bräuchte – die Proteste dagegen sind kein Zeichen dafür, dass nun nach Feministinnen auch Maskulisten die Werbelandschaft verbissen nach möglichen Sexismen durchkämmen, sondern dafür, dass Nivea hier einfach sehr tief ins Klo gegriffen hat.
 
Das Unverständnis gegenüber diesen Protesten zeigt wiederum, wie sehr wir bereits daran gewöhnt sind, Vaterabwesenheit als etwas ganz Normales zu betrachten.
Zwei Schlussfolgerungen daraus: Ganz offensichtlich wird es Zeit, statt der weitgehend künstlichen Diskussionen um den Gender Pay Gap darüber zu reden, wer eigentlich das verdiente Geld ausgibt. Der Nivea-Spot bewirbt an keiner Stelle ein Nivea-Produkt, sondern ist allein darauf konzentriert, einer weiblichen Zielgruppe eine maßgeschneiderte Ideologie zu liefern und so die Kundenbindung zu erhöhen.
 
Wer Geld zum Ausgeben hat, bekommt praktische und opportune Welterklärungsmodelle gratis mitgeliefert. Der kress-Mediendienst, der den werbetechnischen Kindesmissbrauch durch Nivea als „unglaublich rührend“ empfindet, postet zugleich noch einen anderen Spot als vorbildlich, der in ganz ähnlicher Weise nicht etwa ein Produkt, sondern lediglich eine gefällige Ideologie verkauft.
 
Zudem ist klar geworden, dass natürlich der gerade in feministischen Kreisen beliebte Glaube nicht haltbar ist, „Betroffene“ hätten einen privilegierten Zugang zur Wahrheit hätten und alle anderen könnten demgegenüber nur schweigen und lernen – dass es aber auch keine Alternative ist, so zu tun, als ob sich nur Nicht-Betroffene sachlich und objektiv zu einem Sachverhalt äußern könnten, während „Betroffene“ lediglich persönliche Befindlichkeiten projizierten. Es wäre simpel, aber auch vernünftig, davon auszugehen, dass es überhaupt keinen an die eigene Position privilegierten Zugang zur Wahrheit gibt, weder den Betroffener noch den Nicht-Betroffener.
 
Feministinnen übrigens waren in diesen Wochen damit beschäftigt, bei Twitter einen Account einzurichten, der das Blocken (das heißt de facto: das Löschen) unwillkommener anderer Nutzer organisieren sollte, und damit, zur Weihnachtsmesse im Kölner Dom mit blanken Brüsten und dem Spruch „I am God“ auf den Altar zu hüpfen.  
 
Die Gier nach Aufmerksamkeit, die Verachtung gegenüber den Werten anderer, die Infantilität, die idiotische Selbst-Vergötterung – bei den Femen kondensiert die große Wolke Feminismus endgültig zu einem Tropfen aus konzentriertem Narzissmus. Warum Femen mit all ihrer Gewaltnähe und ihrer bekloppten „Solange-ich-dabei-meine-Brüste-zeige-darf-ich-alles“-Moral bei Medien Erfolg haben und hofiert werden, müssten vielleicht einmal einschlägig Belastete wie etwa Sandra Maischberger  beantworten.
Es sieht jedenfalls nach einem interessanten neuen Jahr aus: Während Männer sich im Netz sortieren, ihre eigenen Positionen klären, sich klar von belastenden Positionen anderer abgrenzen und gerade dadurch an Durchschlagkraft gewinnen können – während sich eine Regierungskoalition gebildet hat, die geschlechterpolitisch mit ihren verhärteten Klischees und ihren Sprechblasen außer Angriffsflächen wenig zu bieten hat – währenddessen sind Feministinnen vorwiegend damit beschäftigt, sich als Blockwärtinnen zu betätigen, anderen und einander den Mund zu verbieten oder gleich ganz in öffentlich zelebrierten Schwachsinn abzutauchen.
 
 
Ich wünsche allen einen Guten Rutsch und dann ein wunderschönes neues Jahr!

Erzählmirnix: "Nun sag, wie hast du’s mit dem Maskulismus?" – Acht Antworten

Erzählmirnix hat ein Blog-Stöckchen geworfen, das mittlerweile schon von vielen aufgenommen und beantwortet wurde – acht Fragen stellt sie, die sich eigentlich um eine Frage drehen: „Wie hast du’s mit dem Maskulismus?“
Dass die Fragen so bereitwillig aufgegriffen und beantwortet wurden, verstehe ich – sie bieten eine Gelegenheit,  die eigene Position einmal grundsätzlich zu beschreiben und dieser Beschreibung zugleich mit der anderer vergleichen zu können. Ich hatte nun beim weihnachtlichen Zugfahren Zeit dafür.

1. DEN Maskulismus gibts ja eigentlich gar nicht… oder? Wie würdest du (deinen) Maskulismus definieren?

Ich hab mich selber nicht als Maskulist bezeichnet und glaube, dass sich viele andere männerrechtlich organisierte Männer ähnlich unwohl mit dem Begriff fühlen. Analog zum Feminismus könnte der Begriff bedeuten, dass entweder unter den Angelegenheiten aller die Konzentration auf die Angelegenheiten von Männern oder Jungen gelegt wird, oder dass die Angelegenheiten aller unter einer spezifisch männlichen Perspektive betrachtet werden, was immer das heißen mag.

„Was immer das heißen mag“ – damit ist schon klar, dass es DIE männliche Perspektive nicht gibt, DEN Maskulismus auch nicht, selbstredend. Zudem haben die meisten Männer, die ich kenne, und auch ich selbst Ziele, die nur gemeinsam mit Frauen oder in Kooperation mit ihnen zu erreichen sind: unter anderem eine sinnvolle Arbeit in einem halbwegs friedlichen und funktionalen Umfeld, eine Partnerschaft, oft auch Kinder, die vernünftige Bedingungen des Aufwachsens vorfinden sollen.

 
Ein Maskulismus als Krieg des Mannes gegen die Frau, analog zum im Deutschland vorherrschenden misandrischen Feminismus à la Alice Schwarzer, #aufschrei oder bei den Femen, wäre sinn- und chancenlos.

Maskulismus erfüllt eine gute Funktion als Ausbalancieren eines Ungleichgewichts, das durch feministische Einseitigkeiten und ihre fortgesetzte Institutionalisierung entstanden ist. Insofern ist der Orientierungspunkt vieler Maskulisten, auch meiner, eigentlich ein Humanismus.

2. Was war dein erster Berührungspunkt mit Maskulismus? Wann hast du zum ersten Mal was davon gehört und wann und warum hast du dich evtl. zum ersten mal selbst so bezeichnet?

Im Studium  waren manchmal auch vorsichtige maskulistische Positionen ein gefundenes Fressen für hegemoniale feministische Deutungen. Da diese Positionen in aller Regel widerspruchslos blieben, fehlte ihnen der Gegner, der die oft mit ihnen verbundene Härte und Unduldsamkeit zumindest halbwegs plausibel gemacht hätte. Insofern waren auch vorsichtige Formulierungen – „Als Mann ist man aus der Diskussion hier ausgeschlossen“, oder ähnliches – ein regelrecht ersehnter Anlass für feministisch inspiriertes Enragement.

Vereinzelt hatte ich etwas von, eher: über Warren Farrell gelesen, natürlich standen er und andere nicht auf den üblichen universitären Leselisten. Systematisch begann ich mich mit männerrechtlichen Positionen erst auseinanderzusetzen, als meine damalige Partnerin sich urplötzlich trennte und ebenso plötzlich und weitgehend den Kontakt zwischen mir und unserem Sohn verhinderte, ohne dass sie dafür jemals eine Begründung genannt hätte, oder hätte nennen müssen. 

The Myth of Male Power von Farrell ist für mich eines der wenigen Bücher, nach deren Lektüre ich die Welt in vielen Teilen anders gesehen habe. Wichtig war für den deutschen Raum natürlich Arne Hoffmann, dort insbesondere Männerbeben.

3. Gibt es maskulistische/männerrechtliche Bereiche, von denen du persönlich besonders betroffen bist?

Natürlich die Elternschaft, obwohl das ja eigentlich eben gerade kein „maskulistischer Bereich“ ist, sondern einer, in dem die Kooperation von Frauen und Männern besonders große Bedeutung hat. Männerrechtlich, aber mehr noch kinderrechtlich ist hier für mich die Feststellung wichtig, dass angesichts immer noch bestehender Regelungen, rechtlicher und institutioneller Rahmenbedingungen die mütterliche Verweigerung von Kooperation regelrecht belohnt, gezüchtet und gefördert wird.

Als Lehrer ist mir natürlich auch die Situation von Jungen wichtig – und die Blockade einer Diskussion über die erheblichen schulischen Nachteile von Jungen durch Institutionen wie die GEW, die sich in diesem Punkt auf eine äußerst autoritäre Pädagogik festgelegt hat.

Wichtig – aber das ist schon Ergebnis von Überlegungen, nicht direkter persönlicher Betroffenheit – sind die erheblichen Widerstände gegen die Diskussion männerrechtlicher Anliegen in den Parteien und Massenmedien oder ihre gezielte Ausgrenzung in Universitäten.

4. Rein hypothetisch: Der Maskulismus wird plötzlich unglaublich einflussreich und Deutschland wird ein komplett maskulistischer Staat. Was würde sich aus deiner Sicht geändert haben?

Wer will das schon? Ein Staat, der sich allein den Interessen einer bestimmten Gruppe von Menschen verpflichtet fühlt, ist nun einmal weder demokratisch noch rechtstaatlich. Es gäbe aber vermutlich auch eine Reihe positiver Änderungen:

Männer und Frauen wären im Familienrecht gleichberechtigt, die Absurdität eines männerausgrenzenden „Familienministeriums“ würde beendet.

Abgeschafft würde vermutlich auch nicht nur die Absurdität, dass „Gleichstellungsbeauftragte“ weiblich sein müssen – sondern abgeschafft würde überhaupt eine Orientierung an „Gleichstellung“, die einer Verpflichtung auf „Gleichberechtigung“ entgegensteht und die stattdessen konsequente Klientelpolitik betreibt.

Die Wehrpflicht würde abgeschafft, nicht nur ausgesetzt. Alternativ dazu würde sie für Männer und Frauen gleichermaßen eingeführt.

Es gäbe eine bessere gezielte Gesundheitsvorsorge für Männer, vergleichbar mit der für Frauen.

Statt solcher irreführender Diskussion wie der um das sogenannte „Gender Pay Gap“ hätten wir eine jährlich aufgelegte Untersuchung der Art, wie sie MANNdat einmal mit als „Gender Budgeting“-Analyse vorgelegt hat. Es würde klar werden, dass Männer den Löwenanteil der öffentlichen Einnahmen erarbeiten und dass Frauen, insbesondere im Gesundheitswesen, den größten Teil der Ausgaben erhalten – soweit Einnahmen und Ausgaben überhaupt geschlechtsspezifisch aufzuspalten sind. Endlich gäbe es damit eine Basis für eine zukunftsorientierte Geschlechterpolitik, weil konsequent in Frage gestellt werden könnte, dass die (finanzielle) Versorgung von Frauen durch Männer überhaupt noch funktional ist.

Es gibt sicher noch mehr Punkte – deutlich würde in jedem Fall aber auch werden, wie groß die politischen Unterschiede zwischen Männern sind und dass allein schon deshalb die Perspektive eines „maskulistischen Staates“ weder realistisch noch wünschenswert ist.

 

5. What about the Womenz? Ist für Frauen die Welt schon rosarot (haha, Wortspiel) oder gibt es aus deiner Sicht noch Dinge, die sich für Frauen verbessern sollten. Was für eine Rolle spielt da aus deiner Sicht der Maskulismus?

Rechtliche Nachteile gibt es für Männer, nicht für Frauen. Dort, wo Frauen Nachteile erleben, sind die Nachteile in aller Regel mit Privilegierungen in anderen Bereichen verbunden.

 
Schlechtere Positionen im Beruf lassen sich nicht vermeiden, wenn Frauen zugleich verbissen auf ihren Vorrechten in der Kindessorge bestehen.
 
Aufgrund der notorisch prekären familienrechtlichen Situation von Männern müssen sich Männer sehr viel stärker auf eine berufliche Perspektive konzentrieren, während Frauen mit verschiedenen Optionen (Beruf, Kindessorge, Kombination beider) hantieren können – was in der beruflichen Konkurrenz eher hinderlich ist.
 
Da Männer sehr viel stärker als Frauen in die Funktion der finanziellen Versorger der Familie gedrängt werden, haben sie auch ein wesentlich größeres Interesse daran, bei ihren Berufsentscheidungen auf eine gute Bezahlung zu achten – während bei der Berufswahl von Frauen oft andere Aspekte im Vordergrund stehen (nicht nur die „Vereinbarkeit von Familie und Arbeit“ übrigens, die ist Männern in aller Regel ebenso wichtig).
 
Die Frauenquoten erwecken den Eindruck, Frauen seien nicht allein in der Lage, sich durchzusetzen, sondern auf beständige Hilfe und Unterstützung angewiesen – was gerade bei Bewerberinnen um Führungspositionen natürlich schädlich ist. 
Die Frauenquoten in den Parteien signalisieren Frauen. dass ihr Engagement eigentlich gar nicht nötig ist, weil Männer so oder so dazu verpflichtet seien, einflussreiche Positionen für Frauen in ausreichender Zahl offen zu halten, auch weit über den Anteil von Frauen an der Basisarbeit hinaus.
 
Die Blockade des Rechts zur väterlichen Kindessorge bei Nichtverheirateten und die prekäre gerichtliche Situation bei allen Vätern signalisiert Vätern, die sich der Verantwortung für ihre Kinder entziehen, dass ihr Verhalten stillschweigend gebilligt wird, weil ihre Verantwortung ohnehin verzichtbar sei. Die mütterlichen Privilegien schaden also nicht nur Kindern und Vätern, sondern potenziell auch ausgerechnet denjenigen Müttern, die mit den Vätern ihrer Kinder kooperieren wollen.
Die Liste ließe sich fortsetzen, klar ist aber schon: Es ist nicht sinnvoll, vom Staat zu erwarten, dass er im Interesse der „Gleichstellung“ einfache marktwirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen habe oder einfache logische Zusammenhänge kappen müsse. Eine Politik, die Frauen allüberall als Opfer männlicher Herrschaft behandelt, schadet Frauen. Wesentlich sinnvoller wäre es, die Zusammenhänge zwischen Privilegien und ihren unerwünschten Folgen zu klären.

In diesem Sinne ist es höchste Zeit für Frauen zu verstehen, dass der Maskulismus auch für sie gut ist.

 
6. Was stört dich am Maskulismus? Welche Themen, Meinungen oder Maskulisten gehen dir auf die Nerven, bzw. mit wem möchtest du nicht in einen Topf geworfen werden?

Die häufige Bitterkeit, auch wenn ich sie verstehen kann.

 
Dass Gerede darüber, „die Frauen“ seien … (hier bitte beliebige missliebige Eigenschaft einsetzen), anstatt sich auf implizite und explizite soziale Regeln zu konzentrieren – und darauf, wie diese Regeln die Interaktion beeinträchtigen bzw. fördern könnten.
 
Die „Ich sag‘s, wie‘s ist“-Attitüde, die im Regelfall mit besonders klischeehaften Grobheiten verbunden ist.
 
Die Tendenz mancher, sich auf Forderungen und Positionen zu versteifen, die unsinnig, undemokratisch und zudem schlicht nicht überzeugend sind („Abschaffung des Frauenwahlrechts“ etc.)
 
Aber auch: die Duldsamkeit vieler Männer (ich finde es zum Beispiel sehr gut, dass die bekloppte Nivea-Weihnachts-Werbung Ärger bekommt, auch wenn viele nicht nachvollziehen können, worüber sich die Kritiker eigentlich aufregen).
 
Mich stört zudem, dass es Männern untereinander häufig noch an Solidarität fehlt.
 
Noch.

7. Welche Erfahrungen hast du allgemein gemacht, wenn du über das Thema Maskulismus diskutiert hast?

An der Uni – siehe oben. Ansonsten keine schlechten – ich habe zum Beispiel Kollegen von meinem Blog erzählt, die Reaktionen sind interessiert oder desinteressiert, offen ablehnend bislang nie.

Oft merke ich, dass Gesprächspartner – und besonders: -partnerinnen – auch schlicht überfordert sind. Es wird dann deutlich, dass manche es überhaupt nicht gewohnt sind, auf ihre Positionen auch einmal Widerspruch zu erhalten – ob es nun SPD-Frauen sind, die erstaunlich ahnungslos über das „Gender Pay Gap“ reden, oder alleinerziehende Mütter, die über Väter herziehen.

Oft begegnet mir eher ein Mangel an Informationen als eine offene Gegnerschaft. Beispielsweise sind viele, auch Männerrechtler selbst, überzeugt, dass sich im Familienrecht doch viel für Männer getan habe – obwohl sich bei näherem Hinsehen nur Kleinigkeiten geändert haben.

 
Überhaupt ist nach meinem Eindruck eine feministisch inspirierte Politik – sei es im Familienrecht, beim „Gender Mainstreaming“ oder bei der extrem großzügigen Vergabe von Mitteln für die „Gender-Forschung“ – nur dadurch möglich, dass die meisten Menschen gar nicht auf die Idee kommen, so etwas könne möglich sein.

 

8. Wenn du die Möglichkeit (Zeit, finanzielle Mittel, Reichweite, Unterstützung) hättest eine maskulistische Aktion zu organisieren, wie würde diese aussehen?

Einerseits geht es, siehe oben, um Informationen, andererseits geht es darum, die Blockaden gegen offene Informationen und Diskussionen zu beenden, die in der Regel von privilegierten Positionen aus (in den Parteien, Medien, Hochschulen) organisiert werden.

Also: Eine Stiftung „Menschenrechte sind unteilbar“ würde ich einrichten, mit hauptamtlichen Mitarbeitern, die sich auf diese Arbeit konzentrieren können und sie nicht in der Freizeit erledigen müssen.

Diese Stiftung startete unter anderem eine Medienkampagne zum Generalthema, dass auch die Rechte von Jungen und Männern Menschenrechte sind, jeweils untergliedert in einzelne der oben genannten Schwerpunkte.

Von dort aus müsste es Möglichkeiten geben, sich differenzierter zu informieren. Dazu gehörte auch die Finanzierung von Forschungen zu stark tabuisierten und absichtsvoll ignorierten Themen, wie etwa zum sexuellen Missbrauch von Kindern in der mütterlichen Alleinerziehung.

Neben der Information müsste es ein Ziel der Stiftung sein, breiten Druck aufbauen zu können – und politisch Verantwortlichen die Möglichkeit zu nehmen, Verletzungen von Jungen- und Männerrechten weiterhin als Kleinigkeiten zu behandeln oder ganz zu ignorieren.

Bisher wurde das Blogstöckchen von folgenden Bloggern aufgehoben:

Flussfänger: Das Masku-Blogstöckchen

Dschinblog: Das Masku-Blogstöckchen

Arne Hoffmann: Blogstöckchen: Acht Fragen zum Maskulismus 

Wortschrank: Erzählmirnixs Blogstöckchen

Alles Evolution: Erzählmirnix Masku-Blogstöckchen: 8 Fragen zum Maskulismus

Pelzblog: erzaehlmirnix – Blogstöckchen “Maskulismus”

Mein Senf: Noch ne Auftragsarbeit

Maskulinistblog: Erzählmirnix wirft das Masku-Stöckchen

Jungsundmädchen: erzählmirnix – Masku-Blogstöckchen

robins urban life stories: Noch was über Maskulismus – ein Blogstöckchen

Gedankensalat… (Onyx): Mein Maskulismus?

Männerstreik: Das Masku-Blogstöckchen von erzählmirnix

Gay West: Masku-Blogstöckchen: Fang auf!

Aranitas Gedanken: Masku-Blogstöckchen

Zahlreiche Antworten finden sich zudem schon in den Kommentaren zu den acht Fragen, also bei:

erzählmirnix: Masku-Blogstöckchen
Ein weiterer Kommentar zum Blogstöckchen findet sich hier:
Die komische Olle erzählt vom Leben (marenleinchen): Eine Stöckchen-Retrospektive (Feministinnen-Edition)
 
Auch in den Kommentaren hier ist viel Platz für eigene Antworten – ich würde mich drüber freuen!

 

Josef und Nivea. Und eine Weihnachtsgeschichte.

„Mit Blick auf das nahende Weihnachtsfest empfahl Franziskus seinen Mitarbeitern Josef als Vorbild. Dieser habe sich fürsorglich ‚um seine Braut und das Kind‘ gekümmert und dabei ‚still‘ an der Seite Marias gestanden.“
Ganz ähnlich wie von Papst Franziskus, aber mit ganz anderer Bewertung, wird Josef von Marcus Spicker im Kuckucksvaterblog beschrieben:
„Er, der sich um Maria und ihr Kind kümmerte, aber stets im Hintergrund stand und in der Bibel nie zu Wort kommt. (…) Er, dessen Geschichte sich nüchtern betrachtet am Anfang genauso liest, wie die unzähligen Geschichten von heutigen Scheinvätern.“
Josef, der berühmteste Kuckucksvater der Religionsgeschichte, habe aber nur deshalb so tolerant sein können,
„weil er von Anfang an Bescheid wusste über seine Nicht-Vaterschaft und er die Verantwortung für den Jungen auch tatsächlich, zumindest eine Zeit lang, übernehmen durfte. Letztendlich wurde er aber genauso entsorgt, wie unzählige andere Scheinväter heutzutage auch.“
Dass heutzutage auch unzählige reale Väter entsorgt werden, wird Josef keine große Hilfe sein. Julia Schramm schrieb 2012 in der FAZ über einen Mann, der auf vielen Bildnissen weit weg von seinem neugeborenen Sohn steht, weiter als selbst Ochse und Esel, und
„der Vater sein soll, ohne das Baby gezeugt zu haben. Nicht einmal in der Lage war er, für die Niederkunft seiner schwangeren Frau eine ordentliche Herberge zu organisieren.“
Josefs Zurückhaltung sei im Laufe der Jahrhunderte aber auch in eine Tugend uminterpretiert worden. Zur „Disziplinierungsfigur für die Männer nach dem Dreißigjährigen Krieg“ sei er geworden, der „ein vorbildliches Familien- und Arbeitsleben“ vorgeführt hätte. Zudem sei die „Schmach, dass seine Frau ihm ein fremdes Kind untergeschoben hat, (…) längst zum Ausdruck seiner Reinheit umgedeutet“ worden. Ein heutiger Pastor entdeckt in Josef gar einen idealen Mann:
„Er war kein Mensch der vielen Worte, der erst eine Planungskonferenz einberufen musste. Er hat angepackt und gemacht. Und er hat traumhaft genau das Richtige getan.“
Antonio Allegri, genannt Correggio: Die Heilige Nacht (etwa 1530) Vorne ein Hirt und Mägde, die das Kind anbeten, beleuchtet von dem Glanz, der von ihm und der Mutter ausgeht. Im Hintergrund kümmert sich Josef um den Esel.
In diesem Sinne ist Josef ein Traummann aller vaterentsorgenden Mütter: Er ist da, wenn er gebraucht wird, hält aber auch dann den Mund, drängt sich nicht in den Vordergrund, übernimmt Verantwortung für Frau und Kind, ohne dumme Fragen zu stellen, macht der Mutter beim Kind keine Konkurrenz – und wenn er nicht mehr benötigt wird, verschwindet er stillschweigend, ohne dass das noch eigens erwähnt werden müsste.

Josef als Vorbild und verschwindender Vater Tatsächlich hat die positive Deutung dieser Figur beunruhigende Aspekte. Dass Maria bei Jesu Geburt noch Jungfrau gewesen sei, dass ihr Mann womöglich gar mit ihr auch danach eine sexfreie Ehe – eben eine „Josefsehe“ – geführt habe, lässt die Frau eben deswegen als rein dastehen, weil sie niemals mit männlicher Sexualität in Berührung kam. Nicht nur Sexualität insgesamt, sondern insbesondere die männliche Sexualität erscheinen hier als schmutzig – und Josef wird es als Verdienst angerechnet, die Frau niemals mit diesem Schmutz in Berührung gebracht zu haben, obwohl er ihn doch nach dieser Logik in sich trug.

Bei einem kirchlichen Männertag, von dem Schaaf in ihrem Artikel berichtet, habe der Leiter eine kirchliche Litanei zu Ehen von Josef verteilt.

„‘Du gerechter Josef / Du keuscher Josef (…) Du gehorsamer Josef / Du getreuer Josef / Du Spiegel der Geduld / Du Freund der Armut (…) Du Zierde des häuslichen Lebens / Du Beschützer der Jungfrauen / Du Stütze der Familien / Du Trost der Bedrängten.‘ Und dann sitzen da knapp 35 erwachsene Christen im Stuhlkreis und fühlen sich nicht richtig angesprochen.“
Das ist kein Wunder – dieser Josef wird verehrt, weil er sich selbst so sehr zurücknimmt, dass er eigentlich gar nicht mehr existiert.

Irritierend ist dabei gerade die Selbstlosigkeit, mit der Josef nach den Geschichten biblischer Tradition für Frau und Kind da war.

„Jesus, das heilige Kuckuckskind, brauchte einen Menschen, der auf dieser Welt dafür sorgte, dass es in Sicherheit behütet aufwachsen konnte“,
schreibt Schaaf. Dass er nicht der eigentliche Vater gewesen sei, dass Jesus überhaupt keinen menschlichen Vater gehabt habe, fixiert das menschliche Verwandtschaftsverhältnis des Jungen ganz auf die Mutter. Warum eigentlich sollte das gut sein?

Auch Jesus hat Josef, soweit die Bibel vom Verhältnis beider berichtet, nicht gedankt. Als er als Zwölfjähriger bei einem Besuch Jerusalems verschwunden war, fanden ihn  Maria und Josef erst nach drei Tagen Suche im Tempel wieder, wo er angeregte Gespräche führte.

„Der Vater sagt, wie immer, wenn es darauf ankommt: nichts. Woraufhin der Sohn, typisch Vorpubertät, nichts Besseres zu tun hat, als dem Papa Salz in die Wunde seines Lebens zu reiben. Er erinnert ihn daran, dass er gar nicht sein richtiger Vater sei.“
Nivea verschmiert Häme zum Weihnachtsfest Pünktlich zum Weihnachtsfest hat die Firma Beiersdorfer für ihr Nivea-Sortiment das Motiv des vaterlosen Jungen für eine Werbekampagne verwendet und damit Entzücken, aber bei vielen Männern und einigen Frauen auch Empörung ausgelöst. Der Clip ist Bestandteil einer Reihe von Nivea-Werbespots, in deren Mittelpunkt eine alleinerziehende Mutter und ihr kleiner Sohn stehen

Zu Weihnachten ist der Onkel zu Besuch und hilft der Mama in der Küche. Beide schmücken den Weihnachtsbaum, der Junge blickt aus dem Fenster, sieht dort jemanden und erzählt aus dem Off: „Aber am allermeisten freue ich mich auf…“ Eine kleine Pause, man sieht den Kleinen freudig zur Tür rennen, dann kommen eine alte Frau und ein alter Mann herein, und er beendet seinen Satz: „…Oma und Opa.“
„Das schönste Geschenk ist die Familie. Nivea“ Dieser Satz wird schließlich über das Bild geblendet, das die Oma mit dem Jungen auf dem Arm zeigt.
Der Spot spielt gezielt mit Erwartungen der Zuschauer, die sicherlich zu einem großen Teil davon ausgehen, dass am Ende der Vater kommt und vom Kind freudig begrüßt wird. Der Spot aber versichert, dass eine Weihnachtsfamilie ohne Vater eine vollständige Familie ist – uns, den Erwachsenen, möge der Vater fehlen, aber doch gewiss dem Kind nicht.

Warum die Boykottaufrufe gegen Nivea, die auf diesen Spot folgten, wohl sinnlos sind, erklärt das Blog Papa rockt (andere Reaktionen finden sich hier, und hier, und hier):

„Die einzigen, die sich genügend empören um etwa einen Boykott zu fordern, sind Männern. Die dürften ungefähr 2 Prozent der kaufentscheidenden Zielgruppen ausmachen. Lasst sie streiken, werden sich die Werbefachleute gesagt haben. Juckt uns nicht. Die Einkaufsliste schreibt immer noch Mama.“
Eben. Wer Geld zum Ausgeben hat, bekommt eine maßgeschneiderte Ideologie gern frei haus mitgeliefert. Im Werbespot geht es darum, alleinerziehenden Müttern ein gutes Gefühl zu geben und die bösen Gedanken zu verscheuchen, dass der Vater den Kindern zu Weihnachten fehlen könnte.
 
Dass dieses gute Gefühl nur zu dem Preis zu haben ist, dass ausgerechnet zum Weihnachtsfest Väter für irrelevant erklärt werden, ist dabei nebensächlich. Die Familie ist ohne den Vater komplett und glücklich – er würde nur stören. Ich würde gern wissen, was passiert wäre, wenn ein solcher Werbespot mit einem alleinerziehenden Vater gedreht worden wäre und er ebenso hämisch die Mutter für überflüssig erklären würde.
 „Für uns umfasst der Familienbegriff (…) mehr als das klassische Bild der ‚Mutter-Vater-Kind-Familie‘“,
schreibt Nivea Deutschland in einer Stellungnahme zur Kritik an der Werbesendung. Dass die Ausblendung des Vaters als modernes Familienmodell verkauft wird, zeigt, wie wenig sich die Verantwortlichen dafür interessieren, dass die Vaterausgrenzung lange Traditionen hat.
 
Die Josefsfigur ist ein guter Anlass, eine Geschichte darüber zu erzählen – eine Geschichte, die eben den Vater in den Mittelpunkt stellt, der in der glücklichen Nivea-Familie nicht vorkommt. Aber vorher:

Ich wünsche allen, wo und wie auch immer, sehr schöne Feiertage!

Josefs Stern. Eine Weihnachtsgeschichte
 
Josef übernahm immer die Weihnachtsschichten. Er kam am frühen Mittag vor dem Heiligen Abend, blieb die Nacht über, machte einige Stunden Pause und kam am nächsten Mittag zurück. Heiligabend selbst sei gar nicht so schwer für die meisten, sagte er, erst danach würden viele ganz verstehen, was es heißt, über die Feiertage allein zu sein.

Der Stern an der Spitze des Weihnachtsbaumes leuchtete nicht. Ich war noch allein mit Josef. Er arbeitete schon sehr viel länger als ich in dem kleinen Haus hinter der Kirche, das pausenlos geöffnet war und das auch einige Notschlaflätze bereithielt. Er nahm den Stern ab. Der Raum war nun am frühen Nachmittag noch leer, wir erwarteten die Besucher erst später zur Feier.

„Was hast du eigentlich gegen Weihnachten?“, fragte ich Josef. „Wir würden mit dir abwechseln, wenn du wolltest. Warum bleibst du die ganze Zeit hier?“

Josef nahm den Weihnachtsstern vorsichtig auseinander und überprüfte die Lichterkette darin. „Es ist schon in Ordnung so, keine Sorge“, sagte er. „Ich mach das gern. Und ich muss Weihnachten etwas zu tun haben. Für mich ist es ohnehin kein Familienfest.“

Das hatte mich von Beginn an bei Josef irritiert: Ich wusste nie genau, wann er etwas ernst meinte. Wenn er einen Witz machte, war das – aber das hatte ich erst spät gemerkt – daran zu erkennen, dass er todernst schaute, anders als sonst.

 „Wir haben noch Zeit“, sagte ich, und da ich gerade Kaffee gekocht hatte, setzte ich mich zu ihm an den Tisch und schob auch ihm einen Becher hin.

„Rieke hieß sie“, sagte Josef beiläufig und schaute konzentriert auf eine Spitze des Sterns, aus der er eine Leuchtdiode herauszog. „Wir waren beide sehr jung, und wir hatten ein Kind zusammen. Oder sie hatte ein Kind, aber ich war immer dabei.“

„Ich wusste nicht einmal, dass du Vater bist.“

„Ich weiß es selbst nicht so genau. Jedenfalls bekam Rieke ihr Kind, unser Kind, in der Zeit, als wir zusammenwaren. Ich war dabei bei der Geburt, obwohl sie mir gesagt hatte, dass ich vermutlich nicht der Vater bin. Aber was sollte ich machen, ich war nun einmal sehr verliebt. Sie war toll.“ Josef schaute ernst auf die Lichterkette.

„Die Geburt war furchtbar. Rieke hat so geschrien…und ich konnte nichts machen. Aber als der Kleine da war, dachte ich nicht mehr daran. Er schrie, die Hebamme legte ihn mir in den Arm, und ich sagte die ganze Zeit: ‚Es ist alles gut, es ist alles gut, es ist alles gut…‘

Später, als Rieke und der Junge schliefen, kamen drei Freunde von mir. Sie wussten, dass das Kind wohl nicht mein Kind war, sie verstanden nicht, was ich tat, aber sie kamen zu mir. Es war mitten in der Nacht, in der Aufregung von Riekes Geburtswehen hatte ich mein Geld zu Hause vergessen und konnte mir nicht einmal einen Kaffee leisten. Carsten gab mir einen aus uns sagte:

‚Wir wissen nicht, was du hier eigentlich machst, aber da wir gerade nichts anderes zu tun hatten, dachten wir, ein bisschen Geburtstourismus wäre zur Abwechslung einmal ganz interessant.‘

Merle umarmte mich und flüsterte in mein Ohr: ‚Du bist ein Esel. Aber es ist toll, was du tust.‘

‚Oder ein Ochse‘, sagte Ben, ‚jedenfalls kein Stier.‘ Er lachte. Merle gab mir eine Zigarette, und wir gingen zum Rauchen vor die Tür des Krankenhauses.

‚Es ist etwas Besonderes‘, hab ich ihnen gesagt. ‚Als er zur Welt kam, war er im ersten Moment ganz fremd, wie ein kleines Alien. Aber dann hatte ich das Gefühl…das es richtig ist. Dass ich mich um ihn kümmern werde.‘

‚Und du bist dir sicher?‘, fragte Carsten.

‚Natürlich nicht. Bauchschmerzen habe ich, die ganze Nacht hat schon. Nicht nur im übertragenen Sinne…mein Bauch tut so weh, als wär ich selbst schwanger gewesen.‘

‚Immer diese sensibel mitfühlenden Männer‘, sagte Merle grinsend, ‚Rieke kann froh sein, dass sie sich nicht um dich kümmern musste, während sie nebenbei das Kind bekam.‘ Ben aber ging in das Haus zurück und versuchte, ein Mittel gegen die Bauchschmerzen aufzutreiben.

‚Ich weiß selbst nicht, ob es richtig ist, was ich hier mache. Oder ob sie einen Trottel aus mir macht. Aber zumindest beim Namen habe ich mich durchgesetzt.‘

‚Grandios. Wie soll er heißen?‘, fragte Carsten.

‚Jes. Das ist ein alter norddeutscher Name, oder ein dänischer. Er klingt wie das englische Ja. Das gefällt mir.‘

Ich war nun einmal noch sehr jung, damals.“

Josef hatte nun die ganze Lichterkette aus dem Stern entfernt und packte eine neue aus. „Wie ging es dann weiter?“, fragte ich.

„Sehr gut. Viel besser als befürchtet. Bald allerdings zogen wir um, weil der Kleine krank war und eine Luftveränderung brauchte, an die Küste – aber wir lebten zusammen wie eine richtige Familie. Bis er zwölf war.

Rieke und ich hatten uns ab und zu gestritten, nichts Ernstes, hatte ich gedacht. Doch eines Abends sagte sie mir, dass sie etwas Raum für sich bräuchte und bei ihrer Schwester in Berlin unterkommen wolle. Den Kleinen wollte sie mitnehmen, nur für eine Weile, bis sie ihre Gedanken geordnet hätte. Ich verstand sie nicht, bekam Angst, jedenfalls war ich nicht einverstanden. Als ich am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, war sie mit dem Jungen weg.

Ich rief sie an, schrieb ihr Mails – aber sie antwortete, dass ich alles nur noch schlimmer machen würde, wenn ich sie unter Druck setzte, und dass sie Zeit bräuchte. Also wartete ich. Drei Monate, tatsächlich, auch wenn mir das heute verrückt erscheint. Dann fuhr ich nach Berlin, zur Schwester, und die sagte mir nach langem Bitten, dass Rieke mit dem Jungen bei einem alten Freund eingezogen war.

Ich fuhr hin, wütend, panisch, ich klingelte – und ausgerechnet Jes öffnete. Ich sagte dem Kleinen, dass ich ihn mit nach Hause nehmen würde, aber er antwortete, dass er schon zu Hause sei und nun bei seinem richtigen Vater leben würde.

Rieke kam dazu, sagte mir, ich solle den Jungen in Ruhe lassen, schrie mich schließlich an, dass ich gehen solle. Ich hätte den Mann, den ich gar nicht kannte, gern zusammengeschlagen, aber ich ging und sagte nichts mehr. Rieke bleib dabei, dass dieser Mann der richtige Vater von Jes sei, aber ich weiß bis heute nicht, ob das stimmt.“

„Was ist denn jetzt mit Jes?“

„Ich hab ihn seit zehn Jahren nicht gesehen. Er studiert, das weiß ich, ich habe ihm ab und zu Briefe geschrieben, aber kaum einmal eine Antwort bekommen.“

Während er erzählt hatte, hatte Josef die neue Lichterkette in den Spitzen des Sterns befestigt. Nun legte er alles beiseite, sah mich an und sagte: „Ich wünsche dem Jungen alles Gute. Dass er ein langes Leben haben wird, und dass er irgendwann als alter Mann von seinen Kindern und Enkelkindern Besuch bekommt.“ Dann nahm er den Stern wieder auf und fügte hinzu, ohne seine Mine zu verziehen: „Er braucht also definitiv mehr Glück bei den Frauen als ich.“

Er war nun fertig, steckte den Stecker der Lichterkette in die Steckdose – und der Stern leuchtete. „Jetzt wissen die Mühseligen und Beladenen wieder, wo sie hingehen müssen. Ich hatte schon befürchtet, Weihnachten ohne anständigen Stern verbringen zu müssen, das hätte mir schwer zu schaffen gemacht.“

Ich befestigte den Stern oben auf dem Baum und wusste nichts zu sagen. „Ist alles in Ordnung?“, fragte ich schließlich.

„Nein“, antwortete Josef. „Und bei dir?“

 
Er hätte aber das Gefühl, aus all dem noch etwas Sinnvolles gemacht zu haben, und deshalb arbeite er auch zu Weihnachten gern. Es gäbe schließlich andere, denen es deutlich schlechter ginge als ihm.

Als ich etwas später nach Hause ging, war es schon dunkel geworden. Es nieselte, ich überquerte die Straße und blickte mich noch einmal um. Durch das Fenster sah ich den Stern leuchten.

Friede, Freude und Klingonen – Ein Rückblick auf die Blog-Parade

Bei Alles Evolution  beschreibt der Blogger vom wortschrank in den Kommentaren seine „Ernüchterung“ angesichts der Reaktionen auf die Blogparade, die sich in verschiedenen zeitgleich erschienenen Beiträgen mit dem Verhältnis der Männerbewegung und Homosexuellen auseinandergesetzt hatte.
„Spott und Häme von Feministen, kaum Reaktion aus dem ‚homosexuellen Lager‘ (also weder Lob noch Kritik) und das alles vermengt mit homophoben Kommentaren.“
Mir ging das anders. In meinen Augen war das Ergebnis dieser Blogparade sehr positiv: Im Stil sehr unterschiedliche Artikel, die verschiedene Schwerpunkte setzten, aber im Grundtenor ähnlich waren – nämlich in der klaren Ablehnung von Schwulenfeindlichkeit, auch von der, die maskulistisch daherkommt.
Die Einhelligkeit dieser Ablehnung legte für manche natürlich sogleich die Frage nach der strategischen Absicht nahe. Marenleinchen bei Christian:
„Meiner bescheidenen Meinung nach WERDEN Schwule instrumentalisiert, wenn auf einmal erkannt wird, dass da “Potential” verschenkt wird (…).“
Das unterstellt, Männer – nichtfeministsiche Männer – hätten gewiss gar kein ehrliches Interesse daran, sich gegen Schwulenfeindlichkeit auszusprechen, sondern wären dabei von anderen Motiven geleitet, die es aufzudecken gelte. Das stimmt so nicht, kommt aber Verdächtigungen erstaunlich nahe, die ich so auch im „Gelben Forum“, dem virtuellen Versammlungsraum brachialer Maskulisten, gelesen habe.
 
Betonfeministinnen und Brachialmaskulisten im klingonischen Balzritual Tatsächlich gab es lediglich eine Einigung auf einen Erscheinungstermin und auf das Thema „Homosexualität und Männerrechtsbewegung“. Es gab überhaupt keine Einigung darauf, in welche Richtung die Beiträge gehen sollten, welche Hauptthese unterstützt werden müsse oder ähnliches – es war (mir zumindest) nicht einmal klar, wer überhaupt mitmachen würde. Arne Hoffmann hatte in seinem Beitrag ausdrücklich dazu eingeladen, in die Blogparade einzusteigen – wer also eine andere Position hätte einnehmen wollen, der hätte das ohne Weiteres tun können.
Dass Schwulenfeindlichkeit so einhellig von den Bloggern abgelehnt wurde, hat bei allen sonstigen Unterschieden der Beiträge nach meinem Eindruck ein gemeinsames Motiv: Die hohle Behauptung satt zu sein, dass ein Engagement für Männer- und Jungenrechte nach der Darstellung einer besonders lauter Maskulisten nur im Kombi-Pack mit Ressentiments gegen Homosexuelle, gegen „Homo-Perverse“ und die angebliche „Verschwulung der Gesellschaft“ zu haben wäre.
Die selbstverständliche, aber von Brachialmaskulisten gleichwohl geleugnete Aussage „Schwule Männer sind Männer!“  war folgerichtig Titel des wortschrank-Beitrags, und Christian schreibt in seinem Beitrag von den „Bauchschmerzen“, die er hat, wenn er gelegentlich im Gelben Forum liest:
„Ich denke es ist durchaus an der Zeit, sich von den radikaleren Kräften abzugrenzen um genau diese Bauchschmerzen reduzieren zu können und eine Option zu schaffen, mit der man die Männerbewegung positiv wahrnehmen kann.“
Viele Beiträger in diesem Forum vereint offenkundig das Gefühl, Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit zu sein – tatsächlich können sie sich als „Mehrheit“ nur deshalb fühlen, weil sie alle anderer Meinung weggebissen haben.
Als „Müllhalde der Männerechtsbewegung“ hat Adrian das Gelbe Forum einmal bezeichnet und damit ganz offenbar einen wunden Punkt getroffen – die Äußerung ist dort bis heute unvergessen. Adrian wird so verstanden, dass er Menschen als Müll bezeichnet hätte, und diese Bezeichnung wäre natürlich tatsächlich nicht haltbar – schon allein, weil sicher davon auszugehe ist, dass einige der dort beitragenden Männer, z.B. Trennungsväter, tatsächlich die Erfahrung gemacht haben, wie Müll behandelt zu werden.
In einem anderen Sinn aber ist Adrians Äußerung sehr präzise: Im Gelben Forum laden alle Beteiligten ihren Müll ab, niemand kümmert sich darum, was mit diesem Müll passiert, und diese wilde Sammlung hat schon längst das Grundwasser vergiftet.
Dass solch ein Forum als repräsentativ wahrgenommen werden konnte, lag auch daran, dass politische Gegner an dieser Wahrnehmung ein großes Interesse hatte – diffamierende Texte wie der von Hinrich Rosenbrock oder Sendungen wie die über die „Maskulinen Muskelspiele“ sind ja einprägsame Beispiele dafür.
Daher ist es auch ein Erfolg, wenn die Blog-Parade – wie wortschrank schreibt – Kritik von Brachialmaskulisten UND von Betonfeministen erhalten hat. Beide Seiten sind sich in vielen Punkten ähnlich: In der Gesprächsverweigerung, in der Fixierung auf Feindbilder, in der hochsensiblen Empörungsbereitschaft, die sie routiniert mit einer völlig desensibilisierten Rohheit gegenüber anderen verknüpfen, überhaupt in der Konzentration auf eigene – tatsächliche oder behauptete – Benachteiligungen und in der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer, im Interesse an einer Verhärtung der Debatten.
Beide Seiten präsentieren sich als erbitterte Gegner, sind aber eigentlich in einer Weise aufeinander fixiert, die mehr mit einem bizarren klingonischen Balzritual gemein hat als mit einer sinnvollen politischen Debatte. Gleichwohl haben beide ganz offenkundig kein Interesse daran,  dass ihnen dabei jemand in die Quere kommt.
Friede, Freude und Konflikte Dabei skizzieren die Texte der Blogparade ja keineswegs ein Friede-Freude-Eierkuchen-Modell einer störungsfreien Verständigung zwischen hetero- und homosexuellen Männern. Arne Hoffmann führt, unter anderem, viele Statistiken an, die zu einem guten Teil sehr bedrückend, aber heterosexuellen Männern meist vermutlich auch unbekannt sind: Zur vergleichsweise hohen Selbstmordquote von schwulen Männern zum Beispiel, oder zur Masse ihrer Gewalterfahrungen.
Auf ganz andere Weise illustriert der Pelz-Blog Alltäglichkeiten der Feindseligkeiten:
„Mein Kindheit war also von anerzogener Aggression gegenüber Schwulen geprägt. Mir rutscht auch nach wie vor ‚Boah, voll schwul, ey!‘  oder Ähnliches heraus. Das war ein Satz, der in meiner Kindheit oft gefallen ist. Schwul wurde auch oft als Beleidigung verwendet. Ich habe es verwendet, meine Freunde haben es verwendet.“
In der Ablehnung solcher Aggressionen sind sich alle beteiligten Blogger einig. Deutlich werden aber auch sachliche Konflikte, in den Texten oder in den Kommentaren dazu. Nach meinem Eindruck gibt es insbesondere zwei besonders wichtige ungeklärte Fragen im Verhältnis von Homosexuellen und Männerrechtsbewegung, nämlich die nach der Definition von Familien – dazu gehören die sogenannte „Homo-Ehe“ und die Adoption von Kindern – und die nach dem Verhältnis zum Feminismus.
Als Single kann ein Mann (oder auch eine Frau) es beispielsweise völlig akzeptieren, wenn zwei Männer als Paar zusammenkommen, wenn sie das auch offen und nicht nur heimlich tun – gleichwohl kann er fragen, warum er denn eigentlich per Gesetz verpflichtet werden sollte, diese Beziehung anderer Menschen über steuerliche Begünstigungen der Ehe finanziell zu unterstützen.
 
Die Frage wird umso dringlicher, wenn eine traditionell naheliegende Antwort ausfällt: dass nämlich die Ehe als Institution, die eine familiäre Kindessorge garantiert, im Interesse der gesamten Gesellschaft und damit im Interesse aller wäre.
Es wäre falsch, eine solche Kritik an der „Homo-Ehe“ einfach als schwulenfeindlich abzutun – es ist eine sachliche Kritik, auf die sachlich geantwortet werden kann. Für mich besteht das Problem bei ihr vor allem in der engen Verknüpfung von Ehe und Kindessorge, die weder den ehelichen Beziehungen von Menschen noch den familiären Bedingungen der Kindessorge gerecht wird. Diese enge Verknüpfung führt ja nicht nur dazu, die Beziehung Homosexueller als zweitklassig anzusehen, sondern sie führt auch zur grundgesetzwidrigen, aber bleibenden Diskriminierung nicht-ehelicher Kinder und Väter.
Wie die Betonung der Ehe als Institution der Kindessorge zur Ausgrenzung leiblicher Väter sogar beitragen kann, hat ja gerade erst ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts illustriert.  Es lenkt von vielen Problemen nur ab, wenn die Frage nach der heutigen Funktion der Ehe auf die Frage nach der „Schwulen-Ehe“ reduziert wird.
Damian macht zudem in den Kommentaren bei Alles Evolution schon darauf aufmerksam, dass schwule Väter doppelt betroffen sind.
„Ich kenne eine ganze Reihe schwuler Männer, die früher heterosexuell verheiratet waren, aus dieser Ehe Kinder haben und nun nach der Trennung Streit mit der Ex haben. Die Homosexualität ihrer Ex-Männer wird von den Frauen dabei teilweise als zusätzliche Munition verwandt, z.B. bei Sorgerechtsstreitigkeiten.“
Das führt zum zweiten genannten Aspekt, der Beziehung der Schwulenbewegung zum Feminismus.  
„Aber warum eigentlich kann eine Bewegung von sich behaupten die Interessen einer Gruppe mitzuvertreten, und sich gleichzeitig für Gesetze und Regelungen einsetzen, die klar entgegen den Interessen dieser Gruppe sind? Gibt es für homosexuelle Männer keine Wehrpflicht? Gilt die Quote nur bei Heteros? Dürfen Männer als Gleichstellungsbeauftragte arbeiten, wenn sie schwul sind? Gibt es keine homosexuellen Väter?“
Was Martin Domig auf seinem Blog Flussfänger  besonders pointiert ausdrückt, ist eine Gemeinsmkeit vieler Beiträge der Blog-Parade: Der Hinweis, dass schwule Männer von feministischer Männerfeindlichkeit nicht verschont werden. Arne Hoffmann zitiert beispielsweise Christoph Kucklick, der Schwulenfeindlichkeit regelrecht als Folge von Männerfeindlichkeit beschreibt:
„Kaum war der Mann als soziales Zentralproblem etabliert, galten zwei miteinander verbundene Männer als unerträgliche Bedrohung.“
Ähnich argumentiert David als Kommentator bei Alles Evolution, der wiederum von Christian zitiert wird:
„Sex ist in unserer Gesellschaft eigentlich nur dann sozial akzeptiert und nicht von Abwertung betroffen, wenn dabei eine Frau befriedigt wird.“
Tom schreibt aber bei Mein Senf  schon dazu:
„Ich glaube, noch brächte es der Schwulenbewegung schlicht nichts, sich der Männerbewegung anzuschliessen. Klar ein Mann kann in beiden Feldern aktiv sein, aber zum vereinen ist es schlicht zu früh. Ich würde mich freuen, wenn die Schwulenbewegung auch Männerrechtsdinge thematisieren würde. Wäre aber, solange sie in den feministischen Kreisen noch selbst den Opferbonus haben, und als nicht-richtige-männer (aka nicht frauenunterdrücker)angesehen werden, vielleicht ein Fehler.“
Tatsächlich gibt es ja Beispiele, wie ein gemeinsames Feindbild des weißen heterosexuellen Mannes in einem queer-feministischen Crossover gepflegt wird. Allerdings macht Damian in einer Antwort auf einen Beitrag von man.in.th.middle  auch deutlich, dass Konzepte vom „Patriarchat“ heute in der Schwulenbwegung eine deutlich geringere Rolle spielen als vor einigen Jahrzehnten.
Dass es also durchaus sachliche Konflikte zwischen hetero- und homosexuellen Männern geben kann,  ist an sich gar nicht problematisch, sondern ausgesprochen erwartbar – und es ist auch gut so.
Von den Vor- und Nachteilen des Klappehaltens  Denn schließlich ist „Mannsein“ keine sonderlich sinnvolle soziale Kategorie. Unterschiede in den Interessen, Erfahrungen und Erwartungen – zwischen Männern verschiedener sozialer Schichten, verschiedener politischer Überzeugungen, verschiedener Berufsfelder, verschiedener Generationen, zwischen Vätern und Kinderlosen, hetero-und homosexuellen, etc. – sind so groß, dass eine bruchlose Gemeinsamkeit ohnehin nicht zu erwarten ist. Das ist bei Frauen eigentlich ganz genau so.
Warum aber haben Feministinnen dann erfolgreich behaupten können, Fraueninteressen“ zu vertreten? Der Erfolg beruht entgegen der Selbsteinschätzung wohl nicht darauf, dass durch den Feminismus Frauen endlich zu Wort gekommen wären, die zuvor in rundweg männerdominierten Strukturen hätten ruhig sein müssen. Der feministische Erfolg beruht eher darauf, dass bis heute ein großer Teil der Frauen konsequent die Klappe gehalten hat.
 
Alice Schwarzers Weise, ihren Protest gegen die Prostitution zu managen, ist ja nur ein aktuelles Beispiel. Sie reagiert ungehemmt wütend und herrisch auf Frauen, die ausnahmsweise einmal nicht ordnungsgemäß die Fresse halten, während sie heroisch für ihre Interessen streitet.
Gravierender war der Umgang mit Frauen, deren Leben das Leitmotiv der Befreiung aus der Unterdrückung durch den Mann nicht unterstützten. Auf die Idee eines Hausfrauengeldes angesprochen, hat Heide Pfarr  – für die SPD immerhin Ministerin in Hessen und Senatorin in Berlin – einmal in einer verrückten, aber typischen Schärfe reagiert:
„Also die Hausfrau, die sich mein Kollege zu Hause hält, um mit mir besser konkurrieren zu können, weil ich mir so was nicht halte, die unterstütze ich weder steuerlich noch sonstwie. Überhaupt null. (…) Diesen weiblichen Lebensentwurf unterstütze ich nicht, sondern bekämpfe ihn, wo ich ihn treffe.“ (zitiert nach: Karin Jäckel: Deutschland frisst seine Kinder, Reinbeck 2000, S. 193)
Nicht einmal solch ein dehumanisierendes Gerede, das Hausfrauen als Tiere präsentiert, hatte Pfarr geschadet – sie verlor ihren Ministerposten in Hessen erst dadurch, dass sie öffentliche Gelder für die Renovierung ihrer Privatwohnung verwendete. Ihr Fall war weich, sie hatte bis 2011 einen Direktorinnenposten bei der Hans Böckler Stiftung.
Angesichts solcher Bedingungen ist die notorisch schlechte Laune brachialer Maskulisten durchaus verständlich. Obwohl ihnen, was die Härte ihrer Formulierungen und übrigens auch die Liebäugelei mit Gewalt angeht, eher noch weniger vorzuwerfen ist als ihrem feministische Gegenpart, bleibt ihnen vorwiegend die Möglichkeit, sich in einem schlecht beleumundeten Bereichs des Internets auszutoben – während ihre frauenbewegten Pendants mit Ministerposten und Bundesverdienstkreuzen versorgt werden.
Das Mitgefühl für diese Ungerechtigkeit kann sich allerdings in Grenzen halten. Grenzen der Zusammenarbeit sind nämlich erreicht, wenn jemand basale demokratische und rechtsstaatliche Voraussetzungen leugnet – wenn also beispielsweise die prinzipielle Gleichwertigkeit von Menschen oder ihr Recht, sich an demokratischen Prozessen zu beteiligen, in Frage gestellt werden.
 
Abgesehen davon wird sich eine Männerrechtsbewegung eben darauf einstellen müssen, dass Männer verschiedener Hintergründe deutlicher ihre Interessen und Erfahrungen artikulieren, als Frauen verschiedener Hintergründe das getan haben. Daher wohl ist es für eine Männerbewegung auch eine wichtige Perspektive, nicht als Sprachrohr „der“ Männer aufzutreten, sondern sich auf menschenrechtliche Traditionen zu berufen und einer Aufteilung von Menschen und ihren Rechten entlang der Geschlechtergrenzen zu widersprechen.
Zudem sind die Erfahrungen ganz unterschiedlicher Männer ja nicht in jeder Hinsicht ganz unterschiedlich. Es gibt Erfahrungen, die von völlig verschiedenen Männern geteilt werden, etwa im Hinblick auf die Abwertung männlicher Sexualität, auf die prekäre Position von Vätern, auf berufliche Ungerechtigkeiten, auf schulische Nachteile von Jungen oder anderes.
Es ist gut, die Diskussion dieser Erfahrungen, wie nun in der Blog-Parade, gezielter zu strukturieren.
„Schön, dass sich viele beteiligt haben, ich freue mich auf die nächste Blogaktion!“,
schreibt Christian als Initiator. Das geht mir genauso.

Hetenknutschen und andere Männergeschichten

„Ich habe Adrians Blog bisher vernachlässigt, mir wurde erst mit seinem Artikel klar wie dumm Maskulisten sind, die die Diskriminierung von Schwulen nicht zu ihrem Thema machen (ganz zu schweigen von den Idioten, die sie aktiv ausgrenzen und die eigene Bewegung damit komplett diskreditieren). Es ist eine Schande, dass Schwule sich vom Feminismus (leider zurecht) besser vertreten fühlen, obwohl sie in vielen Aspekten auch von seinen negativen Auswüchsen betroffen sind. Hier hat die Männerbewegung bisher auf ganzer Linie versagt, und macht Vorbehalte erst recht nachvollziehbar.“ 
Das schreibt David in einem Kommentar bei Alles Evolution. Adrian wiederum hatte auf seinem Blog Gay West über die „Kluft zwischen heterosexuellen und homosexuellen Männern“ geschrieben und über die in seinen Augen fatale Außenwirkung der Männerrechtsbewegung, die weiterhin oft von ein paar Brachialmaskulisten geprägt werde, die gern über „Homo-Perverse“ herziehen oder dramatisch vor einer „Verschwulung der Gesellschaft“ warnen.
„Es sind eben (‚offiziell‘) heterosexuelle Männer, die Schwule auf der Straße beleidigen, anpöbeln, angreifen. Es sind (‚offiziell‘) heterosexuelle Männer, die ihre immerwährende Abneigung gegenüber Homosexualität kund tun. (…) Ich weiß, ich weiß, das alles gibt es bei Frauen ebenfalls zur Genüge, dennoch lässt sich meines Erachtens nicht verleugnen, dass Frauen Schwulen gegenüber toleranter und auch freundschaftlicher gesinnt sind.“ 
Gentlemen gegen Homophobie, Hetenknutschen für ein friedlicheres Deutschland – Für das Magazin Gentlemen’s Quarterly küssen sich Hetero-Männer, hier die Schauspieler Ken Duken und Kostja Ullmann
Welche Chancen auf Verständigung gäbe es also, wenn Männerrechtler Feindseligkeit gegen Schwule stärker zu ihrem Thema machten? Und: Welchen Sinn hätte es?
Falsche Gegner und richtige Probleme „Die Schwulenbewegung ist sehr viel besser positioniert und etabliert als die Männerrechtsbewegung. Die haben unseren Beistand schlicht nicht nötig“, schreibt Peter in einer Antwort auf David. Alexander Roslin setzt das fort: 
„Das ist kein Zufall und nicht allein das Verdienst der Schwulen. Sie gehören schließlich zu der Koalition der Minderheiten, die gebraucht und benutzt wird, die ‚Bourgeoisie‘ der weißen, heterosexuellen Männer zu entmachten.“
Besonders kritisch sieht er das Recht zur Adoption durch Homosexuelle –
„ein Recht des Kindes auf BEIDE Eltern beiderlei Geschlechtes wird kaum bedacht – das Kind als Selbstverwirklichungsaccessoire und GLEICHSTELLUNGSTROPHÄE“.
In diesem Punkt sind tatsächlich sachliche Kontroversen zwischen Väterrechtlern und Homosexuellenaktivisten möglich, die nicht allein auf das Konto irrationaler Ressentiments gebucht werden können. Ich kenne Väter, die mit dem Adoptionsrecht für Homosexuelle die Befürchtung verbinden, dass neue Möglichkeiten der Väterausgrenzung geschaffen werden.
Ich teile diese Befürchtung nicht: Ausgrenzungen von Vätern durch eine neue lesbische Lebensgemeinschaft der Mutter sind ohnehin möglich und nicht auf das Adoptionsrecht angewiesen.
 
Sie ist aber Ausdruck einer tieferen Irritation darüber, dass in der Berliner Politik die Möglichkeit der Adoption durch Schwule und Lesben engagiert diskutiert und vorangetrieben wird, während zugleich die Kindessorge leiblicher Väter weiterhin massiv eingeschränkt bleibt. Wer aber dem Recht von Kindern auf Adoption einen größeren Stellenwert einräumt als ihrem Recht auf die Sorge leiblicher Eltern, muss dringend seine Prioritäten überprüfen.
Eines der abschreckendsten Beispiele lieferte 2009, pünktlich zum Bundestagswahlkampf, die damalige Justizministerin Brigitte Zypries: Während sie, trotz ausdrücklicher Aufforderung durch das Bundesverfassungsgericht, Überprüfungen des mittlerweile als menschenrechts- und verfassungswidrigen deutschen Sorgerechts über mehrere Jahre verschleppt und so im Amt Väter- und Kinderrechte erheblich verletzt hatte, brachte sie sich mit einem engagierten Vorstoß für das „volle Adoptionsrecht für Regenbogenfamilien“ in die Schlagzeilen.
An dieser Aktion zeigt sich aber auch schon, dass das politische Engagement für Homosexuellen-Rechte oft etwas Unernstes und Plakatives hat: Zypries ging es offenkundig gar nicht darum, breite Akzeptanz für das volle Adoptionsrecht zu erlangen, sondern vor allem darum, die CDU in eine Zwickmühle zu bringen: entweder zuzustimmen und einen großen Teil ihrer Wähler zu brüskieren oder zu widersprechen und als reaktionär dazustehen.
Tatsächlich ist das Adoptionsrecht Homosexueller mit Problemen verbunden, doch problemlos ist es natürlich auch bei Heterosexuellen nicht. Eine „Trophäe“ kann ein Kind für Schwule und Lesben ebenso wie für heterosexuelle Frauen und Männer sein, und der Kontakt mit den leiblichen Eltern ist schon immer ein belastetes und wichtiges Thema in der Adoption gewesen.
 
Gewiss sind Kinder auf gute Kontakte zu Erwachsenen beiderlei Geschlechts angewiesen, aber die stehen auch in der Alleinerziehung in Frage – und im Unterschied dazu stehen die Kinder zweier Schwuler oder Lesben zumindest nicht in voller Abhängigkeit von einem einzigen Elternteil.
Einen ausreichenden Kontakt zu verlässlichen Bezugspersonen beiderlei Geschlechts und zu den leiblichen Eltern zu ermöglichen, läge damit in der Verantwortung der Adoptiveltern – wie in anderen Fällen auch würde sich die Frage nach dem Sinn der Adoption also an der Verantwortungsbereitschaft der Eltern orientieren müssen und nicht an der Geschlechtszugehörigkeit ihrer Partner.
 
Rätselhafter als die Widerstände gegen das Adoptionsrecht Homosexueller sind die massiven Widerstände gegen die „Homo-Ehe“, die in Frankreich eine der größten Bürgerbewegungen nach dem zweiten Weltkrieg entzündet haben. Wer wie der Rechtswissenschaftler Bernd Rüthers wesentlich an der
„einmaligen und unveränderlichen Bedeutung von Ehe und Familie für die Erhaltung von Gesellschaft und Staat“
orientiert ist, also an der Ehe als Institution zum Aufwachsen von Kindern, der wird natürlich Bedenken gegenüber einer Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften haben, weil die Privilegierung der klassischen Ehe damit gefährdet werde.
Auch das aber ist kaum plausibel. Nicht nur – wie schon Kai in seinem Artikel bei man tau argumentiert  – wären damit andere Kinderlose, etwa Ältere, ebenso von der Ehe ausgeschlossen: Es ist zudem nicht einzusehen, warum denn eigentlich auch nur eine einzige klassische Mann-Frau-Ehe weniger geschlossen werden sollte, wenn die Ehe auch auf Homosexuelle ausgedehnt wird.
Tatsächlich lenkt eine Diskussion um die sogenannte „Homo-Ehe“ lediglich von der Frage ab, wodurch eigentlich die Institution der Ehe tatsächlich belastet wurde.
„Die Frau, die nach drei Scheidungen noch keinen Porsche fährt, hat etwas falsch gemacht“,
hat Gaby Hauptmann einmal gewitzelt, und diese Witzelei hat durchaus einen realen Hintergrund. Durch Abfindungen, Unterhalt, Betreuungsgelder und weitere Unterstützungsleistungen ist eine Situation entstanden, in der eine Trennung sehr attraktiv werden kann. Laut Spiegel ist es
„ein offenes Geheimnis (…), dass viele Paare die Trennung vortäuschen und sich die Väter nur zum Schein eine andere Wohnung suchen.“ 
Nach der Trennung haben insbesondere Mütter mit Kindern so viele Ansprüche auf Unterstützung, dass eine Scheidung unter manchen Bedingungen tatsächlich als lohnendes Geschäft erscheinen kann. Das gehört für den Alleinerziehendenverband zur „Vielfalt der gelebten Familienformen in unserer Gesellschaft“: Die Bruchstücke der zerstörten Familie werden einfach flugs wiederum als Familie definiert, und wer sich darüber wundert, erweist sich damit als unmodern.
Angesichts dieser Entwicklung, die eine Zerschlagung familiärer Strukturen als Bereicherung des Familienlebens verkauft, ist die Debatte um die Ausweitung der Ehe auf Homosexuelle eine Diskussion, die von den tatsächlichen Problem bloß ablenkt. Eher ginge es für Homos wie für Heteros darum, gemeinsam mit der amerikanischen Männerrechtler-Webseite „A Voice for Men“ zu fragen, ob nicht die Ehe eher eine Institution zur Auslöschung persönlicher Freiheiten statt eine zur Ausweitung ihrer Rechte ist.
Das also ist ein wichtiger Grund, warum Männerrechtler sich um eine stärkere Einbeziehung der Rechte Homosexueller und um eine Abgrenzung von schwulenfeindlichen Positionen bemühen sollten: Schwule sind schlicht der falsche Gegner, und eine Fixierung auf das Gerede von „Homo-Perversionen“ lenkt lediglich von den realen Perversionen des deutschen Familienrechts ab.
 
Hetenküsser und Frauenversorger Das führt zu einem weiteren Grund, der eingangs zitierten Position von David zuzustimmen. Maskulistische Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen ist eine Feindseligkeit von Männern gegen Männer – und mehr noch: Sie begründet sich ausgerechnet in dem Sachverhalt, dass Männer andere Männer und nicht Frauen lieben. Der Verdacht liegt nahe, dass diese Feindschaft ein regelrecht selbstschädigendes Verhalten ist.
Was offen homosexuell lebende Männer schon lange auszeichnet, ist, dass sie nicht als Versorger von Frauen leben – jedenfalls nicht im Bereich ihrer persönlichen Beziehungen. Wer ihnen aus diesem Grund feindselig gegenübersteht, bezeugt damit ein großes Interesse daran, dass Männer ihre Funktion des finanziellen Versorgers von Frauen aufrechterhalten.
Solcher Feindseligkeit begegnen schwule Männer übrigens auch bei Feministinnen – so wie homosexuelle Männer dort ohnehin nur immer dann unterstützt werden, wenn diese Unterstützung gegen heterosexuelle Männer funktionalisiert werden kann.
Es ist im Unterschied dazu ein zentrales Argument der Männerrechtsbewegung, dass die Versorgung der Frau durch den Mann – mit Warren Farrell argumentiert – von einer ehemals funktionalen zu einer massiv dysfunktionalen Einrichtung geworden ist. In diesem Sinn sollte es sogar ein wesentliches Anliegen von Männerrechtlern sein, die eigene Position gegenüber Homosexuellen zu klären und Schwulenfeindlichkeit entgegenzutreten – es ist davon auszugehen, dass diese Feindlichkeit in einer Haltung wurzelt, die für alle Männer und nicht nur für Schwule schädlich ist.
„Homosexuelle gehören (…) quasi automatisch zum Kern des Maskulismus“,
schreibt man.in.th.middle in seinem Blog Maskulismus für Anfänger in einem Artikel, in dem er auch die gemeinsamen Anliegen hetero- und homosexueller Männer konkretisiert.
Das allerdings muss nicht in solchen Kampagnen wie der gerade aktuellen Kuss-Kampagne münden, in der sich heterosexuelle Männer öffentlichkeitswirksam küssen. Wenn Heten sich schwul stellen, dann bewirkt das für Minderheitenrechte ähnlich viel wie eine Aktion, in der sich hellhäutige nordeuropäische Menschen Schuhcreme in das Gesicht schmierten, um der Ausländerfeindlichkeit entgegenzutreten – es geht eher, wie beim zitierten Zypries-Vorstoß, um eine effektvolle Selbstdarstellung als um eine überzeugende Geste der Solidarität.
 
Was für ein Problem haben eigentlich Männer mit der Solidarität? Dies aber führt zu einem dritten Grund, warum Männerrechtler die Rechte Homosexueller stärker zu ihrem eigenen Thema machen sollten. Männer haben nach meinem Eindruck traditionell Schwierigkeiten, mit anderen Männern, als Männer, Solidarität zu zeigen. Das gilt keineswegs nur für die Solidarität heterosexueller Männer mit Homosexuellen.
 
Ich habe beispielsweise auf den (kleinen) Demonstrationen von Väterverbänden kaum einmal Solidarität von Nicht-Vätern erlebt – eher noch waren es Frauen, die mit den Vätern demonstriert haben. Dabei sind von der Einschränkung der Väterrechte ja auch andere betroffen, beispielsweise auch homosexuelle Männer – als Väter, als Söhne entsorgter Väter oder als neue Partner entsorgter Väter.
Solange Männer nicht lernen, die Unterschiede mit anderen Männern – in der sozialen Situation, in der politischen Ausrichtung, in der sexuellen Orientierung – wahrzunehmen und gleichwohl mit ihnen, falls nötig, solidarisch zu sein: Solange wird eine Männerbewegung relativ wirkungslos und zerstreut sein.
Eben das stört mich an der oben erwähnten Kuss-Aktion: Sie ist eine gönnerhafte Geste. Wer so agiert, wähnt sich selbst sicher und schert sich nicht darum, ob nicht auch er selbst, als Hetero-Mann, Solidarität einfordern müsste. Anstatt nach gemeinsamen Interessen homo- und heterosexueller Männer zu fragen und sich um eine Situation zu bemühen, in der im günstigen Fall alle voneinander profitieren können, mündet die Kampagne in einer hohlen Identifikation. Damit zapfen die Beteiligten lediglich die mediale Attraktivität einer Minderheit an, anstatt sich um eine gemeinsame Perspektive zu bemühen.
 
Es sind also wesentlich drei Gründe, die dafür sprechen, Rechte von Homosexuellen als Teil der Männerrechte zu verstehen:
1. Homosexuelle Männer sind der falsche Gegner, und Feindschaft gegen sie lenkt bloß von den Konflikten ab, die tatsächlich wichtig sind.
2. Die Auseinandersetzung mit der Schwulenfeindschaft und die Abgrenzung von ihr tragen dazu bei, männerrechtliche Positionen zu klären und von dysfunktional gewordenen Ansprüchen der Versorgung von Frauen durch Männer Abstand zu nehmen.

3. Ohne Solidarität ganz unterschiedlicher Männer miteinander wird eine Männerrechtsbewegung wirkungslos bleiben.


Zum selben Thema erscheinen heute auch noch folgende Texte:

Alles Evolution: Die Schwulen und die Männerbewegung 

Flussfänger: Warum eigentlich?

Genderama: Erste maskulistische Blogparade: Warum auch Schwulenrechte Männerrechte sind

Mein Senf: Schwule und die Männerrechtsbewegung

Pelz-Blog: Ach, ist doch alles schwul hier…

Wortschrank: Schwule Männer sind Männer!

Grundlegend ist auch der gerade erschienene und oben schon zitierte Artikel Wie steht der Maskulismus eigentlich zu Homosexuellen? auf dem Blog Maskulismus für Anfänger.

Ein wichtiger Bezugspunkt war Adrians Text Männerrechtler – ich mag euch ja… bei Gay West. Eine Reaktion dort auf die Blogparade zum Thema Schwule und Männerrechtsbewegung trägt den Titel Männerrechtler – Hand in Hand.

Wichtig zum Thema finde ich auch weiterhin Kais Gastbeitrag, den er hier bei man tau vor einigen Tagen veröffentlicht hat: Wer hat Angst vorm bösen Männerrechtler?

Und  eine schöne Illustration dieser Blog-Parade gibt es, wo sonst, bei erzählmirnix: Kleiner Flachwitz

 

Viele Verlierer, wenige Gewinner und ab und zu ein Märchen – "Inside Llewyn Davis" und "Searching for Sugar Man"

Hätte mir nicht ein Freund eine DVD ausgeliehen und mir dringend empfohlen, sie anzusehen, dann hätte ich eines der wichtigsten Film-Ereignisse des Jahres glatt verpasst: Searching for Sugar Man, ein schwedisch-britischer Dokumentarfilm des zuvor unbekannten Regisseurs Malik Bendjelloul aus dem Jahr 2012 wurde bei den Academy Awards im Januar mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Eigentlich schafft der Film sich sein eigenes Genre, das eines Doku-Märchen-Films – nachdem ich ihn gesehen hatte, habe ich erst einmal das Internet durchsucht, um herauszufinden, dass die dort gezeigte Geschichte tatsächlich wahr ist.
Der Film ist in überraschend vielen Aspekten vergleichbar mit einem Spielfilm, der gerade erst in den Kinos angelaufen ist: Inside Llewyn Davis von Joel und Ethan Coen.  In beiden Filmen geht es um erfolglose Musiker aus einer gerade vergangenen Zeit, die aber versuchen, ihrer Idee von Musik treu zu bleiben – beide kontrastieren die radikale Erfolglosigkeit mit einem gigantischen Erfolg – und beide stellen einen direkten Bezug zu einem der wichtigsten Musiker des zwanzigsten Jahrhunderts her, zu Bob Dylan. Vor allem aber sind beides Filme über Männer, die vieles über männliches Leben deutlich machen und die gängige Klischees über Männerleben ins Leere laufen lassen.

 
Inside Llewyn Davis: Ein Blick auf einen Vergessenen Inside Llewyn Davis, der lose auf der Autobiografie des vergessenen Folksängers Dave von Ronk basiert, erzählt vom Leben des Folk-Sängers Llewyn Davis (Oscar Issac) im New Yorker Greenwich Village zu Beginn der sechziger Jahre. Dass der Film dort beginnt, wo er dann schließlich auch aufhört, ist bezeichnend: „Llewyn dreht sich im Kreis“, sagt Ethan Coen, er hat kaum realistisches Ziel, er hat nicht einmal ein Zuhause, schläft bei wechselnden Freunden und Bekannten auf der Couch, wandert tagsüber durch die Stadt und schnorrt sich durch sein Leben.
Wenn ihm doch einmal die Möglichkeit begegnet erfolgreich zu werden, verpasst er sie: Er schlägt das Angebot aus, in einem Trio zu spielen (dessen reales Vorbild wohl, so Andreas Borcholte im oben verlinkten Spiegel-Artikel, das Trio Peter, Paul and Mary war), und als er mit dem befreundeten Musiker Jim (Justin Timberlake) ein hitverdächtiges Lied aufnimmt, nimmt er den Song kaum ernst und sichert sich die Tantiemen nicht.

Tragisch ist die Hintergrundgeschichte des Films, die bis zum Ende eher angedeutet als erzählt wird: der Gesangspartner Mike hatte sich von der George-Washington-Bridge gestürzt, und eben um ihm treu zu bleiben, lehnt Llewyn es ab, sich neuen Gesangspartnern anzuschließen. Die Treue zu seiner Musik ist für ihn ohnehin zentral, und es bleibt in der Schwebe, ob sie bewundernswert oder dumm ist. Er erzählt seiner empörten Schwester, die ein bürgerliches Leben führt und deren Hilfe er oft in Anspruch nennt, dass der bei der Marine erfolgreiche Vater bloß „existiert“ habe, und Jims Partnerin Jean (Carey Mulligan) wirft er vor, in ihrer Musik Kompromisse zu machen, um sich Träume von einem sicheren bürgerlichen Leben erfüllen zu können.

Mit Jean führt er auch eines der härtesten Gespräche des Films, das Wenke Husman in der Zeit aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen als Ausdruck der Liebe Jeans zu Llewyn deutet. Jean erwartet ein Kind, weiß nicht, ob sie es von Llewyn oder von Jim hat – am Ende des Films kommt noch ein weiterer Kandidat ins Spiel – und macht deutlich, dass sie dieses Kind gern zur Welt brächte, wenn sie nur sicher sein könnte, dass es von Jim und nicht von Llewyn ist.

 
Sie beschimpft ihn unmäßig, brüllt ihn an, dass ein Mann wie er beim Sex mindestens zwei Kondome benutzen müsse, günstigenfalls noch mit Isolierband umwickelt, um auch ganz sicher zu gehen, dass er keine Frau schwängere – dass ein Versager wie er aber eigentlich ganz seinen Zeitgenossen vom Leib bleiben müsse. Llewyn, der Vaterschaft unwert, müsse ihr die Abtreibung bezahlen – was eine Schande wäre, da das Kind ja auch ein Wunschkind von Jim sein könne. Eine kommunikative Kastration.

Motive der Entmannung durchziehen den ganzen Film. Durch Llewyns Schuld entläuft einem befrendetetn Paar, das ihn kurz aufgenommen hatte, die Katze – Llewyn fängt sie auf der Straße wieder ein und bringt sie zurück – doch die Frau stellt schreiend fest, dass es nicht die richtige Katze ei, und hält Llewyn empört deren Unterleib vor das Gesicht: „Sie hat nicht einmal ein Scrotum!“

 
Wenn Llewyn bei seiner Schwester schläft, macht deren junger Sohn ein Bett für Llewyn frei – und dessen erster Blick fällt morgens auf die Jungentapete an der Wand, wenn er im Kinderbett des aufwacht. Als Llewyn erfährt, dass eine ehemalige Freundin eine vereinbarte Abtreibung nicht hat duchführen lassen, er also wohl ohne sein Wissen vater geworden ist, überfordert ihn diese Nachricht hofnungslos – er versucht nicht einmal, den Kontakt zu ihr oder zu dem Kind herzustellen.

Am Ende tritt in der Musikkneipe, in der Llewyn gerade gesungen hatte, ein anderer Sänger auf, der – noch – ebenso unbekannt ist wie Llewyn selbst: Bob Dylan. Ährend Dylan singt, geht Llewyn nach draußen und wird dort zusammengeschlagen. Die FAZ zu diesem Film:

„Die Grundidee von ‚Inside Llewyn Davis‘ ist, einen Sänger zu zeigen, der es nicht geschafft hat: als Sinnbild für die sehr vielen Vergessenen, die hinter den heute noch Bekannten stehen.“
Das ließe sich genau so auch für den Film Searching for Sugar Man sagen – wenn sich der Dokumentarfilm nicht in ein reales Märchen verwandeln würde.

Searching for Sugar Man: Hilfsarbeiter, Streuner, Superstar Der Film beginnt an zwei unterschiedlichen Orten, bei denen zunächst nicht klar ist, was sie miteinander zu tun haben. In Südafrika erzählt Stephen Segerman, Eigentümer eines Plattenladens, von dem Lied Sugar Man und von der vierzig Jahre alten Platte, von dem es stammt. Cold Fact von Rodriguez aus dem Jahr 1970 sei eine der wichtigsten Platten der Zeit gewesen, äußerst populär in Südafrika – ohne dass jemand gewusst hatte, wer der Sänger gewesen sei. Das Gerücht sei umgegangen, Rodriguez habe sich in einem der spektakulärsten Selbstmorde der Rockgeschichte auf offener Bühne mit Benzin übergossen und angezündet.

Der Film wechselt nach Detroit – eine Stadt mit einer großen Vergangenheit, wirtschaftlich mit der Autoindustrie, musikalisch mit Motown (Motor Town), deren Niedergang aber Anfang der siebziger Jahre schon längst begonnen hatte. Der Sänger Rodriguez wird bei einem Konzert entdeckt, er nimmt zwei Platten auf, hat ein Label (Sussex Records) und Geld hinter sich, einige Kritiker sind begeistert – aber die Platten sind Flops.

 
„Vielleicht sechs“ („maybe six“), antwortet der ehemalige Boss des Labels auf die Frage, wieviele Platten Rodriguez in den USA verkauft hatte. Für ihn wie für andere der Interviewten ist das ausdrücklich kein Ausdruck mangelnder künstelrischer Qualität, im Gegenteil: Bob Dylan – mit dem Rodriguez mehrfach verglichen wird – sei zahm („mild“) gewesen neben ihm.

Auch hier ist Rodriguez als Person vielen ein Rätsel. Ein Barmann erzählt, dass niemand genau gewusst hätte, wo er lebte, dass er durch die Stadt gewandert sei, sein Geld mit Dach- und Bauarbeiten verdient habe und offenkundig ähnlich wie ein Obdachloser gelebt habe. Nach den furchtbaren Misserfolgen seiner Platten wird Rodriguez vom Label entlassen und kehrt in dieses Leben zurück.

So könnte der Film eine ähnliche Geschichte erzählen wie Inside Llewyn Davis, wenn sich nicht am anderen Ende der Welt etwas Außergewöhnliches ereignen würde. Im Südafrika der Apartheid wird die Musik von Rodriguez, die wohl durch amerikanische Besucher ins Land gebracht wird, zu einem ungeheuren Erfolg.

„Jede Mittelklassefamilie hatte neben ,Abbey Road‘ von den Beatles ,Cold Fact‘ im Regal“,
erzählt Segerman.  Insbesondere für die sich vorsichtig formierende Opposition gegen die Apartheid wird Rodriguez mit seinen Liedern vom Establishment Blues, vom Inner City Burst oder von der offenen Frage nach Sexualität (I Wonder) zu einer wichtigen Inspiration. Liberale weiße Mittelschichtskinder werden romantisch oder rebellisch zu seiner Musik, aber auch der schwarze Bürgerrechtler Steve Biko ist Rodriguez-Fan. 
Als Person aber bleibt Rodiguez im abgeschotteten, durch Sanktionen international isolierten Südafrika völlig unbekannt. Die Gerüchte um seinen Tod sind wohl Legenden, die entstehen, um zu erklären, warum nach seinen ersten beiden keine weiteren Platten aufgenommen hat.
 
Später erfährt Segerman zufällig, dass Rodriguez in den USA keinesfalls, wie angenommen, ein großer Star, sondern völlig unbekannt ist. Er versucht, gemeinsam mit dem Musikjournalisten Craig Bartholomew-Strydom das Rätsel um Rodriguez und seinen Tod zu lösen, hat kaum eine andere Orientierung als Ortsangaben aus den Liedern, richtet eine Homepage ein – und bekommt schließlich 1998 Kontakt zu einem Produzenten, von dem er erfährt, das Rodriguez keineswegs tot ist.

In einem nächtlichen Telefongespräch überzeugt er Rodriguez, der ihn wohl zunächst für einen Scherzanrufer hält, dass er in Südafrika noch immer ein großer Star sei – und dass er das Land besuchen müsse. Rodriguez kommt mit seinen drei Töchtern, die von der Reise erzählen: Als am Flugzeug Limousinen gestanden hätten, seien sie – so die Jüngste – um sie herumgegangen, um diesen Menschen nicht im Weg zu sein. Sie hätten sich nicht vorstellen können, dass sie es selbst waren, auf die die Limousinen warteten.

Rodriguez ist für Konzerte gebucht, und von einem zeigt der Film zu einem Höhepunkt Filmaufnahmen: Die Töchter und der Vater hoffen, dass zumidest zwanzig Zuschauer kommen werden – doch der groß Saal ist voller begeisterter Menschen. Rodriguez selbst aber, auf der Bühne, wirkt ruhig und gelassen.

So hat auch in diesem Film das Motiv der künstlerischen Authentizität eine große Bedeutung. Schon Anfang der siebziger Jahre hatte der Sänger Kompromisse – wie etwa, bezeichnenderweise, die Änderung seines hispanischen Namens – verweigert, und jetzt wirkt er auf andere nicht etwa befremdet, sondern gelassen und so, als ob er dort angekommen sei, wo er die ganze Zeit sein wollte. Als er aber im Interview gefragt wird, wie es für ihr war, sich plötzlich in der Rolle des Superstars wiederzufinden, hat er keine Antwort – er kann die beiden Seiten seines Lebens nicht vereinbaren.

Ähnlich verwundert sind auch Arbeitskollegen, die stolz, freudig, aber auch amüsiert davon berichten, wie er ihnen von seinem zweiten Leben als Superstar erzählt hatte. In den Erzählungen seiner Töchter steht sein ärmliches, hartes Leben im Vordergrund:

„Er arbeitete härter als andere Väter“,
sagt beispielsweise die Jüngste, als sie davon berichtet, wie ihr kleiner, eher zierliche aussehender Vater Arbeiten verrichtet habe, die niemand sonst tun wollte, und beispielsweise beim Ausräumen von Häusern Kühlschränke auf seine Rücken Treppen heruntergetragen habe. 
 
Wenn der Film heute dem alt gewordenen, 1941 geborenen Rodriguez auf seinen Wegen durch die Stadt folgt, sind ihm die Spuren der harten Arbeit deutlich anzumerken.

Wie angelt man sich einen Millionär?: Der starre Blick nach oben Ein Motiv beider Filme ist der enge Zusammenhang zwischen riesigem Erfolg und erdrückendem Misserfolg. In dieser Hinsicht ist es auch kein Zufall, dass in beiden Filmen Männer zentrale Rollen einnehmen – in Searching for Sugar Man treten, außer den Töchtern, sogar ausschließlich Männer auf. In allen Bereichen, die hier eine Rolle spielen, sind Männer statistisch weit überrepräsentiert: in der Obdachlosigkeit, in der Selbstmordrate, im Militär (einer der erfolglosen Folk-Sänger in Inside Llewyn Davis ist Angehöriger der US-Army), als Opfer von Gewalt, in der harten, ungesunden körperlichen Arbeit, aber eben auch in außergewöhnlich herausgehobenen Positionen.

Statistisch führen Männer im Vergleich zu Frauen das wesentlich riskantere Leben. Für viele rächt  sich dieses Risiko, für einige aber zahlt es sich auch aus. Zentral für beide Filme ist der Blick auf beide Seiten: auf die fast unausweichliche Selbstverständlichkeit des Misserfolgs und auf die märchenhafte Unwahrscheinlichkeit des großen Erfolgs.

Angesichts diese Geschichten wird deutlich, wie dumpf und eindimensional die Rede von einer „hegemonialen Männlichkeit“ oder die von einer „patriarchalen Dividende“ ist. Als etwa Rodriguez davon erfährt, dass sich seine künstlerische Arbeit – und eben keinesfalls sein schlichtes Mannsein – wider Erwarten doch ausgezahlt habe, ist diese Dividende für ihn so ungewohnt und fremd, dass er gar keine Worte hat, sie zu beschreiben.

Für die Connell‘schen Begriffe gilt dasselbe wie für eine Geschlechterpolitik, die darauf konzentriert ist, Frauenquoten für Spitzenpositionen zu fordern und Männer routiniert mit Macht und Herrschaft zu assoziieren. Es ist eine Politik, die auf den winzigen Teil der erfolgreichen Männer fixiert ist und die den großen Teil der anderen keines Blickes würdigt – als ob die radikal begrenzte und egoistische Frauenperspektive auf Männer, mit welcher der FilmklassikerWie angelt man sich einen Millionär?“ beginnt, zur Staatdoktrin erhoben worden wäre.

Beide der hier besprochenen Filme distanzieren sich von solchen Perspektiven mit großer Selbstverständlichkeit, und sie öffnen so den Blick für den enormen Preis, den viele dafür zahlen, dass wenige erfolgreich sein können.

 
Wer diese Filme sieht, lernt zudem ganz nebenbei Musik kennen, die einfach nicht überhört werden sollte. Das gilt insbesondere für Searching for Sugar Man: Nachdem ich den Film gesehen hatte, hatte ich das Gefühl, Lieder wie Sugar Man, I Wonder oder Forget It schon seit Ewigkeiten gekannt zu haben.

Kleine Schnitte, große Konflikte und offene Wunden – Kein Ende der Beschneidungsdebatte

„Seine Mutter wollte ihm etwas vorlesen, wie früher, damit er sich nicht so allein fühlte und sich beruhigte, aber er wollte nicht, dass sie da blieb, er wollte nicht Antworten geben müssen oder nachdenken oder Rücksicht nehmen, alles, was er wollte, war, eine Position zu finden, die es ihm erlaubte, sich vor dem Schmerz zu verkriechen.
Den Rest der Nacht lag er steif in seinem Bett und wagte nicht, sich zu rühren.“
Der neunjährige Jason aus Gunnar Kunz‘ 2013 erschienen Kurzgeschichte Unberührbar, oder: Nur ein kleiner Schnitt“ lebt mit seinen Eltern Bob und Fay in Deutschland – der Vater hat nach vierzehn Jahren Arbeit für die Niederlassung einer amerikanischen Firma seinen Beruf verloren, aber einen neuen Beruf in Aussicht – die Mutter erteilt Englischunterricht. Nicht lange vor der oben zitierten Szene hat er mit seinem Vater ein beiläufiges Gespräch geführt, das erhebliche Folgen haben sollte.
„‚Weißt du, es ist langsam an der Zeit, dass du beschnitten wirst.‘
‚Beschnitten? Was bedeutet das?‘
‚Dass die Vorhaut um dein Glied entfernt wird.‘
‚Warum?‘
‚Weil das hygienischer ist. In Amerika machen das fast alle so.‘
‚Es sieht auch ästhetischer aus, finde ich‘, mischte sich Fay ein.“
Der Vater hatte Jason, auch in Erinnerung an seine eigene, komplikationslose Beschneidung einen einfachen Eingriff versprochen.
„‚Von der Operation selbst wirst du gar nichts spüren, weil du ja betäubt wirst. Hinterher ist es ein bisschen unangenehm, ein paar Tage vielleicht, aber nichts, was man nicht aushalten könnte. Alles in allem nicht der Rede wert.‘“
Das Versprechen des Vaters aber erweist sich als haltlos – die Wunde der Operation infiziert sich und vereitert, das Glied des Jungen schwillt an, Jason hat bei jeder Bewegung ungeheure Schmerzen.
„Jede noch so kleine Berührung der Decke entlockte ihm einen Schrei. Bitte, lieber Gott, lass die Schmerzen aufhören!“
Vor einem Jahr, im Dezember 2012, wurde in Deutschland ein schnell entwickeltes Gesetz in zweiter und dritter Lesung durch den Bundestag gebracht, das die Beschneidung von Jungen auch bei Säuglingen und anderen Kindern, die noch nicht zustimmungsfähig sind, und auch ohne medizinische Notwendigkeit erlaubt. Gunnar Kunz‘ Kurzgeschichte bietet eine gute Möglichkeit, um an den Jahrestag des neuen Gesetzes zu erinnern.

Der verstummte Löwe und das Mittel gegen Masturbation Die Geschichte beginnt, natürlich, mit der Beschreibung eines fröhlichen Kindes. 
„Hinter ihm kamen die anderen Jungen den Hügel herabgepurzelt und prallten gegen ihn, und dann balgten sie sich und wälzten sich durch eine matschige Pfütze und fühlten sich so wohl in ihren Körpern, wie es nur neunjährige Jungen können.“
„Mein kleiner Löwe“ nennt die Mutter ihren Sohn in Gedanken, und sein Vater überlegt: „Er kannte keinen zweiten Jungen in seinem Alter mit einem so großen Herzen.“ Die ungebrochen positive Darstellung des Jungen, der Vertrauen zu seinen Eltern hat, vital ist und der sich wohl in seinem Körper fühlt, stellt allerdings lediglich den hellen Hintergrund bereit, von dem sich die folgende düstere Geschichte umso stärker abhebt.
„Kein Laut drang aus dem Kinderzimmer. Ihr kleiner Löwe brüllte nicht mehr.“
Jasons Vertrauen zu den Eltern, das vorher ungebrochen war, ist erschüttert:
Nicht der Rede wert. Sein Körper wurde verstümmelt, und es war nicht der Rede wert. Sein Schniepel war eine flammende Hölle, und es war nicht der Rede wert. Nie wieder würde er sich da unten unbefangen anfassen können, und es war nicht der Rede wert.“
Jetzt erst informieren sich Bob und Fay umfangreich über mögliche Komplikationen nach dem Eingriff – über bleibende Schäden, eine beeinträchtigte Sexualität, Todesfälle, über die Schmerzen, die für Kinder mit der Operation verbunden sind.

Sie bekommen Zweifel an den Gründen, die für Beschneidungen angeführt werden, und Zweifel an der kategorischen Unterscheidung zwischen Jungen- und Mädchenbeschneidungen, deren Trick schlicht darin bestehe,

„den schwerstmöglichen Eingriff bei Mädchen und den am wenigsten schweren Eingriff bei Jungen miteinander zu vergleichen.“
Eindrucksvoll ist insbesondere, dass sich Jasons Verhältnis zu seinem eigenen Körper ebenso ändert wie zu einen Eltern. Er hatte sich zunächst noch über einen Film (wohl Doris Dörries Ich und Er“) lustig gemacht, in dem ein Mann zu seinem Penis sprach, als sei er ein Fremder – nun ist ihm sein Körper selbst fremd. Was als sachlich mit Hygiene-Argumenten begründeter einfacher Eingriff beginnt, entpuppt sich schließlich als gewaltvoller Initiationsritus, der den Jungen durch die massive Schmerzen aus seiner naiven Lebensfreude herausreißt.

Die Geschichte listet auch Reaktionen auf das Kölner Beschneidungsurteil vom 7. Mai 2012  auf, in dem die Beschneidung aus religiösen Gründen als unzulässig erklärt wurde, wenn die betroffenen Kinder keine Zustimmung erteilt haben oder noch zu jung dazu sind: Angela Merkels Befürchtung, Deutschland würde sich in den Augen der Welt zur „Komikernation entwickeln“, Renate Künasts (und Volker Becks) Vergleich der Beschneidung mit dem „Stechen von Ohrläppchen“, Alice Schwarzers Tadel für die „realitätsferne politische Correctness“ des Urteils.

Eine wesentliche Frage ist dabei allerdings, welche Realität beachtet wird. Wer sich darauf konzentriert, dass die Beschneidung von Jungen in vielen Ländern der Erde, etwa den USA, der Normalfall und nicht die Ausnahme ist, dass sie im Judentum und Islam seit Jahrtausenden selbstverständlich praktiziert wird, dass viele beschnittene Männer überhaupt kein Gefühl einer Beeinträchtigung haben – der wird es vermutlich mit Angela Merkel als komisch empfinden, wenn eine Praxis, die an vielen Orten und zu vielen Zeiten normal war und ist, in Deutschland plötzlich kriminalisiert wird.

Wer sich aber darauf konzentriert, dass die Beschneidung eine ernstzunehmende Operation ist, die zudem bei kleinen Kindern ohne medizinische Notwendigkeit und ohne deren Zustimmung durchgeführt wird, dass sie etwa bei einer erheblichen Anzahl der beschnittenen Säuglinge Komplikationen zur Folge hat  und dass auch schon Kinder an ihren Folgen gestorben sind, dass zudem Säuglinge nicht etwa (wie Erwachsene sich das lange einredeten) schmerzunempfindlich sind, sondern im Gegenteil Schmerzen intensiver und hilfloser erleben als Ältere  – dem wird es regelrecht unwirklich vorkommen, dass eine Kritik an dieser Praxis als realitätsfern verhöhnt wird.

Bei der Diskussion um Beschneidung stehen sich also Positionen gegenüber, von denen jede aus der Sicht der anderen absurd, ja skandalös erscheint. Dabei ist das in der Kurzgeschichte zentrale Hygiene-Argument für die Beschneidung noch relativ leicht zu entkräften und für sich genommen kaum überzeugend: Es ist schließlich einigermaßen bizarr, sich Körperteile amputieren zu lassen, nur um sie nicht mehr waschen zu müssen.

 
Seine Kraft gewinnt dieses Argument wohl vor allem aus dem Umstand, dass es eine Rationalisierung herkömmlicher sexualfeindlicher Beschneidungsbegründungen ist, von denen Kunz als Motto seiner Kurzgeschichte eine berühmte zitiert:
„Ein Mittel gegen Masturbation, das bei kleinen Jungen fast immer erfolgreich ist, ist die Beschneidung.“ (John Harvey Kellogg)
Heute schützt die Beschneidung, zeitgemäßer, eben nicht mehr vor unreinen Tätigkeiten und Gedanken, sondern von Unreinheiten unter der Vorhaut. (Mit diesem Argument, und vielen anderen, hat sich übrigens Robin Urban in ihrem viel gelobten und viel gelesenen Text zur Beschneidung auseinandergesetzt).

 

Besserwisser und Brückenbauer Wesentlich schwieriger ist die Auseinandersetzung mit einem anderen Aspekt. Unter den Reaktionen auf das Beschneidungsurteil, die Kunz‘ Erzähler anführt, ist auch die Charlotte Knoblochs, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. In einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung schreibt sie über die „unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik“, die die „verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen.“ Und weiter:
„Anders als im Islam ist die Beschneidung im Judentum konstitutiv. Sie ist Kern der jüdischen Identität. Der Eifer, mit dem Selbstberufene gefühls- und gedankenlos unsere religiösen Fundamente in den Dreck ziehen, sucht seinesgleichen.“
Die zentrale religiöse Bedeutung der Beschneidung für Muslime und Juden in Deutschland schafft sehr viel mehr als das Hygiene-Argument einen schwierigen Wertekonflikt, nämlich zwischen der medizinisch begründeten Ablehnung der Säuglings- du Kinderbeschneidung und religiösen  Verpflichtungen und Überzeugungen. Dass Juden betroffen sind, hat auch angesichts des nationalsozialistischen Massenmords an den europäischen Juden eine besondere Brisanz, daher werde ich mich in diesem Text auf Argumente von jüdischen Autoren konzentrieren – sie lassen sich in vielen Fällen jedoch unschwer mit Argumenten von Muslimen vergleichen,
 
Gerade in dem von Kunz‘ Erzähler zitierten Text, in dem sie die rituelle Beschneidung, die Brit Mila, mit einer „Impfung“ vergleicht, argumentiert Knobloch auf eine Weise, die prinzipiell eine Vereinbarkeit beider Seiten behauptet und so eigentlich eine Brücke zwischen medizinischer und religiöser Einschätzung schlägt.
„Im Judentum hebelt der Schutz von Leben und körperlicher Unversehrtheit alle religiösen Gebote aus. Wir brauchen keine Nachhilfe. Jüdische Eltern willigen in die Beschneidung ein, weil der Eingriff unschädlich, laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar gesundheitsfördernd ist.“ 
Das heißt eben auch: Religiöse Gebote können dann nicht gültig sein, wenn sie Leben und körperliche Unversehrtheit gefährden – von der Beschneidung aber ginge, so Knobloch, eine solche Gefährdung eben nicht aus.
 
Es lohnt sich allerdings, die Empfehlung der WHO (dazu auch dieser Text) genauer anzusehen, auf die sie sich wohl beruft: Diese bezieht sich auf Untersuchungen in afrikanischen Ländern, nach denen die Beschneidung einen gewissen Schutz vor einer HIV-Infektion biete. Inwieweit die Empfehlung auch auf europäische Länder übertragbar ist, in denen beispielsweise Kondome viel leichter verfügbar sind, ist fraglich.
 
Vor allem aber weist die WHO auf die große Bedeutung der „informierten Einwilligung“ („informed consent“) in die Beschneidung hin   – das aber ist eben der entscheidende Aspekt für Juristen, die eine Säuglingsbeschneidung ablehnen: Säuglinge nämlich sind selbstverständlich zu einer solchen Einwilligung noch nicht in der Lage.

Der sachliche Konflikt ist also bei näherem Hinsehen gar kein tragischer Konflikt zwischen religiösen Überzeugungen und juristisch-medizinischen Argumentationen, sondern reduziert sich auf eine unterschiedliche Einschätzung des medizinischen Risikos.

In diesem Punkt aber ist das Urteil von Medizinern deutlich. Die „Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin“ (DAKJ), der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften und Fachverbände Deutschlands, stellt auch die rituelle Beschneidung als eine „Körperverletzung“ dar und betont insbesondere:

„Eine Beschneidung ohne wirksame Analgesie (Schmerzausschaltung, LS), gleichviel in welchem Alter, ist (…) strikt abzulehnen.“
Diese Kritik ist keine deutsche Eigenart, die Königlich-Niederländische Ärztevereinigung ist eher noch deutlicher:
„Die nicht-therapeutische Beschneidung minderjähriger Jungen ist eine Verletzung der Rechte des Kindes auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit.“
Der Appell skandinavischer Kinderärzteverbände fordert schon in seiner Überschrift:
„Lasst Jungen selbst entscheiden, ob sie beschnitten werden wollen.“
Mehr noch: Im Frühjahr dieses Jahres haben Vertreter von neunzehn europäischen Kinderärzteverbänden einer positiven Einschätzung des amerikanischen Kinderärzteverbands klar widersprochen, die der Bundestagsentscheidung im Dezember zu Grunde lag.

Gemeinsamkeiten dementieren, Spaltungen zementieren Trotzdem ist es natürlich verfehlt, wenn – wie in Kommentaren auf der Webseite „abgeordnetenwatch“ zur Entscheidung des Bundestags, die Beschneidung aus religiösen Gründen zuzulassen – über eine „Antisemismus-Keule“ räsonniert und „Knast“ für die Befürworter der religiös begründeten Säuglingsbeschneidung gefordert wird. Auch wenn die Assoziationen der Europäischen Rabbinerkonferenz, die  ein Verbot der Säuglingsbeschneidung als schwersten „Angriff auf jüdisches Leben in Deutschland seit dem Holocaust“ bezeichnete, ebenso ungerecht und eskalierend sind wie die Parallelschaltungen der „Antisemiten in Nazi-Deutschland“ mit Gegnern der Säuglingsbeschneidung durch den französischen Philosophen Alain Finkielkraut: Es lässt sich gleichwohl nicht einfach als Demagogie abtun, wenn sich Juden durch das Kölner Urteil massiv angegriffen sahen.

 
Auch Männerrechtler, die ja an beliebige Rechtsradikalismus-Unterstellungen gewohnt sind, könnten das einräumen: Wenn Juden angesichts des Beschneidungsurteils antisemitische Motive vermuten, ist das etwas anderes, und es hat auch einen anderen Hintergrund, als wenn Feministen männerrechtliche Positionen beliebig als rechtsradikal denunzieren. Dafür gibt es gleich mehrerer Gründe:

Einerseits gibt es einfach viele Beispiele dafür, dass judenfeindliche Positionen sich Vorwände suchen und sich nicht offen als antisemitisch präsentieren. Ein genuin „linker Antisemitismus“ , der sich vordergründig auf Menschenrechte beruft, ist nur eines davon. Wenn Juden angesichts der Kritik der Säuglingsbeschneidung antisemitische Motive vermuten, ist das in vielen Fällen verfehlt – es ist aber nicht absurd und hergeholt, sondern basiert auf realen Erfahrungen. „Ein Dauerbrenner in den Top-Ten antijüdischer Propaganda ist das Thema Beschneidung,“ schreibt Daniel Neumann in der Jüdischen Allgemeinen.

Zudem stellt sich tatsächlich die Frage, wie denn jüdisches Leben in einem Land möglich ist, in dem die Beschneidung verboten wird. Sicherlich lässt sich der Ritus modifizieren, wie das auch die DAKJ nahelegt, und die Beschneidung lässt sich in einem Alter nachholen, in dem die Jungen zustimmungsfähig sind. Das aber ist eine erhebliche Änderung, deren Tragweite von Nicht-Juden allem Anschein nach unterschätzt wird. Nachvollziehbar wird das große Befremden angesichts der Kölner Entscheidung beispielweise in einem Text von Channah Trzebiner.

Zudem war der deutsche Massenmord an den europäischen Juden schließlich auch, unter anderem, der größte systematische Kindermord der Geschichte – bekanntlich wollten die Nationalsozialisten die Zukunft des Judentums auslöschen und ermordeten daher gezielt die Kinder. Das mag vielen nichtjüdischen Deutschen als geschichtliches Wissen präsent sein, für Juden aber ist es in aller Regel in der unmittelbaren Familiengeschichte gegenwärtig – im europäischen Judentum nach dem Krieg fehlt eine Generation fast komplett. Wenn heute Deutsche mit dem Anspruch auftreten, die jüdischen Kinder vor ihren Eltern schützen zu müssen, dann muss das vielen Juden regelrecht als verrückt erscheinen.

Mein Eindruck ist, dass hier viele Gegner der Jungenbeschneidung, auch männerrechtliche, einen blinden Fleck haben: Männerrechtler konzentrieren sich darauf, dass die Rechte von Jungen auf körperliche Unversehrtheit geringer geachtet werden als die von Mädchen, und übersehen dabei leicht andere, ebenfalls wichtige Aspekte des Konflikts. Dass jedoch ihre Argumente gut sind, bedeutet ja nicht, dass ein Verbot der Säuglingsbeschneidung keine gravierenden Konsequenzen hätte. Wer sich aber mit diesen Konsequenzen nicht auseinandersetzt, wird vermutlich auch nichts erreichen können.

Dabei sind die Verständigungen, die die DAKJ in ihrer Stellungnahme dringend – und vergeblich – eingefordert hat, im Prinzip durchaus möglich. Weder steht das Kölner Landgericht in der Nachfolge des Volksgerichtshofs, noch sind die deutschen Gesetze zum Kinderschutz Neuauflagen der Nürnberger Gesetze – und das ist gewiss auch eigentlich allen Beteiligten klar.

 „Wollt ihr uns Juden noch?“, fragt Knobloch in ihrem SZ-Text, und sie behauptet damit eine massive Spaltung zwischen den (offenbar in ihren Augen nur auf Zeit geduldeten) Juden und den – nichtjüdischen – Deutschen. Diese Spaltung dementiert Gemeinsamkeiten, etwa in der gemeinsamen Rechtsstaatlichkeit und der gemeinsamen Orientierung am Wohl von Kindern – und sie zementiert Unterschiede und Gegensätze.

Die Bundestagsentscheidung hat diese Spaltung eben nicht überbrückt – Juden und ebenso Moslems wirken angesichts dieser Entscheidung wie Fremde, die nun einmal seltsame Bräuche hätten, welche man nicht verstehen, aber doch irgendwie akzeptieren müsse. Sie werden weiterhin eher als Gäste denn als Bürger dieses Landes behandelt – auch wenn heute immerhin viele Politiker ein Interesse daran vorgeben, dass sich diese Gäste zumindest wohlfühlen.

Es hat der weit überwiegenden Mehrzahl des Bundestags der Mut oder das Interesse gefehlt, offen zu vertreten, dass es bei der Kritik an der Säuglings- oder Kinderbeschneidung um Argumente zum Wohl von Kindern geht, hinter denen sich keineswegs Antisemitismus oder Antiislamismus verstecken. Dem Bundestag ist nicht vorzuwerfen, dass er die Konflikte wahrgenommen hat, die sich aus dem Kölner Urteil ergeben – ihm ist aber vorzuwerfen, dass ihm das Wohl von Kindern nicht wichtig genug war, diese Konflikte auch offen anzusprechen.

 
Wenn die religiös oder „hygienisch“ motivierte Säuglingsbeschneidung – wie ja viele Stellungnahmen aus der organisierten Ärzteschaft deutlich machen – medizinisch nicht vertretbar ist, dann lässt sich die Position nicht halten, dass zwar christliche oder atheistische, nicht aber jüdische oder muslimische Kinder einen Anspruch auf den Schutz ihrer körperlichen Integrität haben. Die Entscheidung des Bundestags hat eben keine Rechtssicherheit geschaffen, sondern den Konflikt vertagt.

Dabei gibt es ja durchaus auch bei Juden – und auch bei Muslimen  – keine geschlossene Gesprächsverweigerung, die Texte von Gil Yaron  oder Michael Wolfssohn sind eindrucksvolle Beispiele dafür.

Tatsächlich erkennen auch alle Seiten an, dass eine Legitimität der Beschneidung ihre medizinische Vertretbarkeit voraussetzt – die Unterschiede, wie immer sie auch motiviert sein mögen, äußern sich in unterschiedlichen Einschätzungen eben dieses Aspekts. Die Beschneidungsdebatte ist in dieser sachlichen Hinsicht keine tragische Diskussion, in der eine Verständigung prinzipiell unmöglich wäre. Was fehlt, insbesondere bei den verantwortlichen Politikern, ist die Bereitschaft zum sachlichen Konflikt – und das Interesse am Wohl und am Leid von Kindern.

 
Eine Geschichte wie die, die Gunnar Kunz geschrieben hat, kann dabei vielleicht ein wenig helfen: „Unberührbar“ ist einerseits die Geschichte eines Jungen, der sein Urvertrauen gewaltsam verliert, es ist aber zugleich – gerade für die Leser, die an der Einschätzung der Beschneidung in dieser Geschichte Zweifel haben und sich näher informieren wollen – ein guter Einstieg in die sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

Ich bedanke mich bei Gunnar Kunz, der mir auf Nachfrage eine Reihe der hier verwendeten Links geschickt hat.

 
Ich hatte mir zunächst überlegt, oben ein Bild einer Beschneidung einzufügen, weil durch solche Bilder deutlich wird, wie wenig überzeugend Vergleiche mit dem Ohrlochstechen oder einer Impfung sind. Ich habe mich dagegen entschlossen, weil in diesem Fall eine Trigger-Warnung tatsächlich einmal angebracht ist und ich niemanden ohne Vorwarnung damit konfrontieren wollte. Es ist zur Einordnung der Informationen aber empfehlenswert, sich die Bilder hierhier oder hier  bei wikimedia anzuschauen.