Viele Verlierer, wenige Gewinner und ab und zu ein Märchen – "Inside Llewyn Davis" und "Searching for Sugar Man"

Hätte mir nicht ein Freund eine DVD ausgeliehen und mir dringend empfohlen, sie anzusehen, dann hätte ich eines der wichtigsten Film-Ereignisse des Jahres glatt verpasst: Searching for Sugar Man, ein schwedisch-britischer Dokumentarfilm des zuvor unbekannten Regisseurs Malik Bendjelloul aus dem Jahr 2012 wurde bei den Academy Awards im Januar mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Eigentlich schafft der Film sich sein eigenes Genre, das eines Doku-Märchen-Films – nachdem ich ihn gesehen hatte, habe ich erst einmal das Internet durchsucht, um herauszufinden, dass die dort gezeigte Geschichte tatsächlich wahr ist.
Der Film ist in überraschend vielen Aspekten vergleichbar mit einem Spielfilm, der gerade erst in den Kinos angelaufen ist: Inside Llewyn Davis von Joel und Ethan Coen.  In beiden Filmen geht es um erfolglose Musiker aus einer gerade vergangenen Zeit, die aber versuchen, ihrer Idee von Musik treu zu bleiben – beide kontrastieren die radikale Erfolglosigkeit mit einem gigantischen Erfolg – und beide stellen einen direkten Bezug zu einem der wichtigsten Musiker des zwanzigsten Jahrhunderts her, zu Bob Dylan. Vor allem aber sind beides Filme über Männer, die vieles über männliches Leben deutlich machen und die gängige Klischees über Männerleben ins Leere laufen lassen.

Inside Llewyn Davis: Ein Blick auf einen Vergessenen Inside Llewyn Davis, der lose auf der Autobiografie des vergessenen Folksängers Dave von Ronk basiert, erzählt vom Leben des Folk-Sängers Llewyn Davis (Oscar Issac) im New Yorker Greenwich Village zu Beginn der sechziger Jahre. Dass der Film dort beginnt, wo er dann schließlich auch aufhört, ist bezeichnend: „Llewyn dreht sich im Kreis“, sagt Ethan Coen, er hat kaum realistisches Ziel, er hat nicht einmal ein Zuhause, schläft bei wechselnden Freunden und Bekannten auf der Couch, wandert tagsüber durch die Stadt und schnorrt sich durch sein Leben.

Wenn ihm doch einmal die Möglichkeit begegnet erfolgreich zu werden, verpasst er sie: Er schlägt das Angebot aus, in einem Trio zu spielen (dessen reales Vorbild wohl, so Andreas Borcholte im oben verlinkten Spiegel-Artikel, das Trio Peter, Paul and Mary war), und als er mit dem befreundeten Musiker Jim (Justin Timberlake) ein hitverdächtiges Lied aufnimmt, nimmt er den Song kaum ernst und sichert sich die Tantiemen nicht.

Tragisch ist die Hintergrundgeschichte des Films, die bis zum Ende eher angedeutet als erzählt wird: der Gesangspartner Mike hatte sich von der George-Washington-Bridge gestürzt, und eben um ihm treu zu bleiben, lehnt Llewyn es ab, sich neuen Gesangspartnern anzuschließen. Die Treue zu seiner Musik ist für ihn ohnehin zentral, und es bleibt in der Schwebe, ob sie bewundernswert oder dumm ist. Er erzählt seiner empörten Schwester, die ein bürgerliches Leben führt und deren Hilfe er oft in Anspruch nennt, dass der bei der Marine erfolgreiche Vater bloß „existiert“ habe, und Jims Partnerin Jean (Carey Mulligan) wirft er vor, in ihrer Musik Kompromisse zu machen, um sich Träume von einem sicheren bürgerlichen Leben erfüllen zu können.

Mit Jean führt er auch eines der härtesten Gespräche des Films, das Wenke Husman in der Zeit aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen als Ausdruck der Liebe Jeans zu Llewyn deutet. Jean erwartet ein Kind, weiß nicht, ob sie es von Llewyn oder von Jim hat – am Ende des Films kommt noch ein weiterer Kandidat ins Spiel – und macht deutlich, dass sie dieses Kind gern zur Welt brächte, wenn sie nur sicher sein könnte, dass es von Jim und nicht von Llewyn ist.

Sie beschimpft ihn unmäßig, brüllt ihn an, dass ein Mann wie er beim Sex mindestens zwei Kondome benutzen müsse, günstigenfalls noch mit Isolierband umwickelt, um auch ganz sicher zu gehen, dass er keine Frau schwängere – dass ein Versager wie er aber eigentlich ganz seinen Zeitgenossen vom Leib bleiben müsse. Llewyn, der Vaterschaft unwert, müsse ihr die Abtreibung bezahlen – was eine Schande wäre, da das Kind ja auch ein Wunschkind von Jim sein könne. Eine kommunikative Kastration.

Motive der Entmannung durchziehen den ganzen Film. Durch Llewyns Schuld entläuft einem befrendetetn Paar, das ihn kurz aufgenommen hatte, die Katze – Llewyn fängt sie auf der Straße wieder ein und bringt sie zurück – doch die Frau stellt schreiend fest, dass es nicht die richtige Katze ei, und hält Llewyn empört deren Unterleib vor das Gesicht: „Sie hat nicht einmal ein Scrotum!“

Wenn Llewyn bei seiner Schwester schläft, macht deren junger Sohn ein Bett für Llewyn frei – und dessen erster Blick fällt morgens auf die Jungentapete an der Wand, wenn er im Kinderbett des aufwacht. Als Llewyn erfährt, dass eine ehemalige Freundin eine vereinbarte Abtreibung nicht hat duchführen lassen, er also wohl ohne sein Wissen vater geworden ist, überfordert ihn diese Nachricht hofnungslos – er versucht nicht einmal, den Kontakt zu ihr oder zu dem Kind herzustellen.

Am Ende tritt in der Musikkneipe, in der Llewyn gerade gesungen hatte, ein anderer Sänger auf, der – noch – ebenso unbekannt ist wie Llewyn selbst: Bob Dylan. Ährend Dylan singt, geht Llewyn nach draußen und wird dort zusammengeschlagen. Die FAZ zu diesem Film:

„Die Grundidee von ‚Inside Llewyn Davis‘ ist, einen Sänger zu zeigen, der es nicht geschafft hat: als Sinnbild für die sehr vielen Vergessenen, die hinter den heute noch Bekannten stehen.“

Das ließe sich genau so auch für den Film Searching for Sugar Man sagen – wenn sich der Dokumentarfilm nicht in ein reales Märchen verwandeln würde.

Searching for Sugar Man: Hilfsarbeiter, Streuner, Superstar Der Film beginnt an zwei unterschiedlichen Orten, bei denen zunächst nicht klar ist, was sie miteinander zu tun haben. In Südafrika erzählt Stephen Segerman, Eigentümer eines Plattenladens, von dem Lied Sugar Man und von der vierzig Jahre alten Platte, von dem es stammt. Cold Fact von Rodriguez aus dem Jahr 1970 sei eine der wichtigsten Platten der Zeit gewesen, äußerst populär in Südafrika – ohne dass jemand gewusst hatte, wer der Sänger gewesen sei. Das Gerücht sei umgegangen, Rodriguez habe sich in einem der spektakulärsten Selbstmorde der Rockgeschichte auf offener Bühne mit Benzin übergossen und angezündet.

Der Film wechselt nach Detroit – eine Stadt mit einer großen Vergangenheit, wirtschaftlich mit der Autoindustrie, musikalisch mit Motown (Motor Town), deren Niedergang aber Anfang der siebziger Jahre schon längst begonnen hatte. Der Sänger Rodriguez wird bei einem Konzert entdeckt, er nimmt zwei Platten auf, hat ein Label (Sussex Records) und Geld hinter sich, einige Kritiker sind begeistert – aber die Platten sind Flops.

„Vielleicht sechs“ („maybe six“), antwortet der ehemalige Boss des Labels auf die Frage, wieviele Platten Rodriguez in den USA verkauft hatte. Für ihn wie für andere der Interviewten ist das ausdrücklich kein Ausdruck mangelnder künstelrischer Qualität, im Gegenteil: Bob Dylan – mit dem Rodriguez mehrfach verglichen wird – sei zahm („mild“) gewesen neben ihm.

Auch hier ist Rodriguez als Person vielen ein Rätsel. Ein Barmann erzählt, dass niemand genau gewusst hätte, wo er lebte, dass er durch die Stadt gewandert sei, sein Geld mit Dach- und Bauarbeiten verdient habe und offenkundig ähnlich wie ein Obdachloser gelebt habe. Nach den furchtbaren Misserfolgen seiner Platten wird Rodriguez vom Label entlassen und kehrt in dieses Leben zurück.

So könnte der Film eine ähnliche Geschichte erzählen wie Inside Llewyn Davis, wenn sich nicht am anderen Ende der Welt etwas Außergewöhnliches ereignen würde. Im Südafrika der Apartheid wird die Musik von Rodriguez, die wohl durch amerikanische Besucher ins Land gebracht wird, zu einem ungeheuren Erfolg.

„Jede Mittelklassefamilie hatte neben ,Abbey Road‘ von den Beatles ,Cold Fact‘ im Regal“,
erzählt Segerman.  Insbesondere für die sich vorsichtig formierende Opposition gegen die Apartheid wird Rodriguez mit seinen Liedern vom Establishment Blues, vom Inner City Burst oder von der offenen Frage nach Sexualität (I Wonder) zu einer wichtigen Inspiration. Liberale weiße Mittelschichtskinder werden romantisch oder rebellisch zu seiner Musik, aber auch der schwarze Bürgerrechtler Steve Biko ist Rodriguez-Fan.
Als Person aber bleibt Rodiguez im abgeschotteten, durch Sanktionen international isolierten Südafrika völlig unbekannt. Die Gerüchte um seinen Tod sind wohl Legenden, die entstehen, um zu erklären, warum nach seinen ersten beiden keine weiteren Platten aufgenommen hat.

Später erfährt Segerman zufällig, dass Rodriguez in den USA keinesfalls, wie angenommen, ein großer Star, sondern völlig unbekannt ist. Er versucht, gemeinsam mit dem Musikjournalisten Craig Bartholomew-Strydom das Rätsel um Rodriguez und seinen Tod zu lösen, hat kaum eine andere Orientierung als Ortsangaben aus den Liedern, richtet eine Homepage ein – und bekommt schließlich 1998 Kontakt zu einem Produzenten, von dem er erfährt, das Rodriguez keineswegs tot ist.

In einem nächtlichen Telefongespräch überzeugt er Rodriguez, der ihn wohl zunächst für einen Scherzanrufer hält, dass er in Südafrika noch immer ein großer Star sei – und dass er das Land besuchen müsse. Rodriguez kommt mit seinen drei Töchtern, die von der Reise erzählen: Als am Flugzeug Limousinen gestanden hätten, seien sie – so die Jüngste – um sie herumgegangen, um diesen Menschen nicht im Weg zu sein. Sie hätten sich nicht vorstellen können, dass sie es selbst waren, auf die die Limousinen warteten.

Rodriguez ist für Konzerte gebucht, und von einem zeigt der Film zu einem Höhepunkt Filmaufnahmen: Die Töchter und der Vater hoffen, dass zumidest zwanzig Zuschauer kommen werden – doch der groß Saal ist voller begeisterter Menschen. Rodriguez selbst aber, auf der Bühne, wirkt ruhig und gelassen.

So hat auch in diesem Film das Motiv der künstlerischen Authentizität eine große Bedeutung. Schon Anfang der siebziger Jahre hatte der Sänger Kompromisse – wie etwa, bezeichnenderweise, die Änderung seines hispanischen Namens – verweigert, und jetzt wirkt er auf andere nicht etwa befremdet, sondern gelassen und so, als ob er dort angekommen sei, wo er die ganze Zeit sein wollte. Als er aber im Interview gefragt wird, wie es für ihr war, sich plötzlich in der Rolle des Superstars wiederzufinden, hat er keine Antwort – er kann die beiden Seiten seines Lebens nicht vereinbaren.

Ähnlich verwundert sind auch Arbeitskollegen, die stolz, freudig, aber auch amüsiert davon berichten, wie er ihnen von seinem zweiten Leben als Superstar erzählt hatte. In den Erzählungen seiner Töchter steht sein ärmliches, hartes Leben im Vordergrund:

„Er arbeitete härter als andere Väter“,
sagt beispielsweise die Jüngste, als sie davon berichtet, wie ihr kleiner, eher zierliche aussehender Vater Arbeiten verrichtet habe, die niemand sonst tun wollte, und beispielsweise beim Ausräumen von Häusern Kühlschränke auf seine Rücken Treppen heruntergetragen habe.

Wenn der Film heute dem alt gewordenen, 1941 geborenen Rodriguez auf seinen Wegen durch die Stadt folgt, sind ihm die Spuren der harten Arbeit deutlich anzumerken.

Wie angelt man sich einen Millionär?: Der starre Blick nach oben Ein Motiv beider Filme ist der enge Zusammenhang zwischen riesigem Erfolg und erdrückendem Misserfolg. In dieser Hinsicht ist es auch kein Zufall, dass in beiden Filmen Männer zentrale Rollen einnehmen – in Searching for Sugar Man treten, außer den Töchtern, sogar ausschließlich Männer auf. In allen Bereichen, die hier eine Rolle spielen, sind Männer statistisch weit überrepräsentiert: in der Obdachlosigkeit, in der Selbstmordrate, im Militär (einer der erfolglosen Folk-Sänger in Inside Llewyn Davis ist Angehöriger der US-Army), als Opfer von Gewalt, in der harten, ungesunden körperlichen Arbeit, aber eben auch in außergewöhnlich herausgehobenen Positionen.

Statistisch führen Männer im Vergleich zu Frauen das wesentlich riskantere Leben. Für viele rächt  sich dieses Risiko, für einige aber zahlt es sich auch aus. Zentral für beide Filme ist der Blick auf beide Seiten: auf die fast unausweichliche Selbstverständlichkeit des Misserfolgs und auf die märchenhafte Unwahrscheinlichkeit des großen Erfolgs.

Angesichts diese Geschichten wird deutlich, wie dumpf und eindimensional die Rede von einer „hegemonialen Männlichkeit“ oder die von einer „patriarchalen Dividende“ ist. Als etwa Rodriguez davon erfährt, dass sich seine künstlerische Arbeit – und eben keinesfalls sein schlichtes Mannsein – wider Erwarten doch ausgezahlt habe, ist diese Dividende für ihn so ungewohnt und fremd, dass er gar keine Worte hat, sie zu beschreiben.

Für die Connell‘schen Begriffe gilt dasselbe wie für eine Geschlechterpolitik, die darauf konzentriert ist, Frauenquoten für Spitzenpositionen zu fordern und Männer routiniert mit Macht und Herrschaft zu assoziieren. Es ist eine Politik, die auf den winzigen Teil der erfolgreichen Männer fixiert ist und die den großen Teil der anderen keines Blickes würdigt – als ob die radikal begrenzte und egoistische Frauenperspektive auf Männer, mit welcher der FilmklassikerWie angelt man sich einen Millionär?“ beginnt, zur Staatdoktrin erhoben worden wäre.

Beide der hier besprochenen Filme distanzieren sich von solchen Perspektiven mit großer Selbstverständlichkeit, und sie öffnen so den Blick für den enormen Preis, den viele dafür zahlen, dass wenige erfolgreich sein können.

Wer diese Filme sieht, lernt zudem ganz nebenbei Musik kennen, die einfach nicht überhört werden sollte. Das gilt insbesondere für Searching for Sugar Man: Nachdem ich den Film gesehen hatte, hatte ich das Gefühl, Lieder wie Sugar Man, I Wonder oder Forget It schon seit Ewigkeiten gekannt zu haben.
  1. Ehrlich gesagt: Den kannte ich nicht. Auch Bill Fay passt, soweit ich sehe, sehr gut in den Zusammenhang – eher mit positivem Drall wie bei Rodriguez als mit deprimierendem wie bei Llewyn Davis. http://en.wikipedia.org/wiki/Bill_Fay

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  2. Dazu passt:

    „So darf man sich nicht anziehen, so kann man nicht dastehen, so soll man nicht Blues spielen? Keith Richards, unsterblicher Gitarrist der „Rolling Stones“, macht alles richtig.“

    …wenn Mann Erfolg hat.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/keith-richards-zum-siebzigsten-der-eiserne-gammler-12712281.html

    Tom Waits ist auch so Kandidat. Ohne den großen Durchbruch längst tot und vergessen. Hoch gepokert mit nichts in der Hand und gewonnen. Konsequenter Nonkonformismus ist die letzte Chance abermillionen nichthegemonialer Männer, um letzthin Erfolg und doch noch ein bürgerliches mit Familienoption zu erlangen.

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