Wegbeißen, wegberaten, wegprozessieren – und weitere Zaubertricks der Vaterentsorgung

„Das Magazin „PAPA-YA“ fordert vom Bundesfamilienministerium eine Überprüfung der Arbeit des Verbandes allein erziehender Mütter und Väter (VAMV). Der VAMV untergrabe systematisch das neue Sorgerechtsgesetz (…).“
So begann im Mai des vergangenen Jahres eine Pressemeldung über einen Artikel des Magazins Papa-Ya, der schwere Vorwürfe gegen den Verband der alleinerziehenden Mütter und Väter, VAMV, erhob:
„Aufrufe zu Falschaussagen hinsichtlich des Kindeswohls und ‚Anleitungen‘ für eine dauerhafte, wörtlich als ‚Entsorgung‘ bezeichnete, Trennung des Kindes vom Vater“
seien von Vertreterinnen des Verbands auf öffentlichen Veranstaltungen verbreitet worden.
Ob dieses Kind sich tatsächlich wohlfühlt, lässt sich nicht genau entscheiden. Die Frage sollte auch nicht per Schnellverfahren beantwortet werden, und schon gar nicht ohne Einbindung des Jugendamts oder des VAMV, oder gar ohne Einbindung von Familienanwälten. ( Quelle )

Insbesondere der Münchner Familienanwältin Strasser, die seit vielen Jahren Informationsveranstaltungen des VAMV abhält,  und einer Münchner Beratungsstelle, Kiebitz e.V., unterstellt der Artikel (der hier im Gelben Forum als pdf-Datei zu finden ist) zudem eine Zusammenarbeit mit dem Ziel, Vätern auf Wunsch der Mütter die Möglichkeit des Umgangs zu nehmen und entsprechende Gutachten bereitzustellen.

Nun hat die Anwältin den Chefredakteur von Papa-Ya, Jörg Mathieu, verklagt – was diesen nicht überrascht.
„Das die im Artikel namentlich genannte Person sich juristisch dagegen wehren würde, war abzusehen. Wir sehen der öffentlichen Verhandlung am 03.02. in München aber gelassen entgegen,“
erklärt er im Interview.

Inwieweit die Vorwürfe sich bestätigen, wird sich in der Verhandlung ja erweisen – wenn sie denn fair abläuft. Von außen lässt sich allerdings feststellen, dass die Gerichtsverhandlung Probleme austrägt, die eigentlich längst politisch hätten geklärt werden müssen.

Bauanleitungen zum Barrikadenbau Eine ganze Reihe allgemein bekannter Informationen lassen die Vorwürfe in Richtung VAMV plausibel werden. Eine Handreichung des Verbands zur neuen Gesetzgebung listet beispielsweise seitenweise auf, welche Gründe gegen eine gemeinsame Sorge sprächen, welche Gründe nicht angeführt werden könnten oder wie die Mutter in ihrer Stellungnahme gegen ein Sorgerecht des Vaters vorgehen sollte.

„Stichworte: Hochstrittigkeit, Motivation des Antragsstellers (Macht / Druckmittel / Blockade der Entscheidungen der Mutter anstelle von Übernahme von Verantwortung für das Kind /Absicht, gemeinsame Entscheidungen zu finden und abzustimmen), negative Auswirkungen auf das Kind“ (S. 5).
Demgegenüber gibt es dort faktisch keine Hinweise darauf, dass die gemeinsame Sorge auch Vorteile für alle und insbesondere für die Kinder haben kann – allenfalls wird einmal unverbindlich die Frage gestellt, was für eine gemeinsamen Sorge spräche, ohne dann auf dieses Thema weiter einzugehen.

Stattdessen schreibt der Verband über eine verfestigt ablehnende Haltung“ der Eltern, die als Grund gegen die gemeinsame Sorge angeführt werden könne:

„Hier dürften langjährige Gerichtsverfahren, beispielsweise den Umgang betreffend, einschlägig sein, weil sie die Unfähigkeit der Eltern, ohne Hilfe Dritter gemeinsame Entscheidungen zu fällen, schwarz auf „weiß vor Augen führt.“ (S. 8)
Das bedeutet im Klartext: Eine Mutter, die sich mit dem Vater um einen reibungslosen Umgang bemüht, verliert Argumente, die gegen eine starke Beteiligung des Vaters am Sorgerecht sprechen könnten. Eine Mutter aber, die wiederholt für Konflikte im Umgang gesorgt hat, schwächt damit die Position des Vaters. (Dazu auch dieser Artikel bei man tau.)

Die manipulative Beratung in der VAMV-Handreichung, die auf das Errichten von Barrikaden gegen eine gemeinsame Sorge fixiert ist, widerspricht dem erklärten Willen des Gesetzgebers, in dessen Augen eine gemeinsame elterliche Sorge grundsätzlich zum Wohle der Kinder ist. Natürlich ist der Verdacht naheliegend, dass Vertreterinnen eines Verbands, der schon in veröffentlichten Texten so unverblümt Ratschläge zur Abwehr väterlicher Sorge gibt, noch sehr viel deutlicher agieren, wenn sie sich nicht öffentlich kontrolliert fühlen.

Steuergelder für die Familienverwertung Warum aber tun sie das eigentlich? Wenn der Verband doch die Alleinerziehenden vertritt, dann gehören dazu schließlich auch die Mütter, die gern mit Vätern zusammenarbeiten würden und deren Anliegen es eher ist, diese Väter einzubinden, als sie auszugrenzen. Das ist natürlich auch im Sinne der Kinder: Sowohl entwicklungspsychologisch als auch ökonomisch und sozial sind die negativen Folgen vaterlosen Aufwachsens für Kinder erheblich.

Die Daten zu psychosozialen Folgen der Vaterlosigkeit, gerade noch einmal vom Flussfänger zitiert, wirken wie Zahlen aus einem Horrorfilm, und europaweit ist die Alleinerziehung das größte Armutsrisiko für Kinder – selbst in Schweden mit seinen umfangreichen staatlichen Hilfen (dazu das „Dossier Kinderarmut“ vom Familienministerium, S. 22).

Die Alleinerziehung lässt sich, wenn die Folgen für die Kinder bedacht werden, als Lösung für den Notfall rechtfertigen, wenn ein Partner nicht bereit oder nicht in der Lage zur Kindessorge ist – sie lässt sich nicht rechtfertigen als eine vorgeblich ganz normale Form der Familie, als eine Option unter anderen.

Warum es trotzdem eine Politik des Vaterentzugs gibt, kann man wohl nicht ohne den Hinweis erklären, dass diese Politik – bei allen negativen Folgen für Kinder und Väter – auch ein Millionengeschäft ist. Der VAMV allein erhält laut Papa-Ya-Artikel mindestens 500.000 Euro jährlich vom Familienministerium, und seine starke Stellung als Lobbygruppe kann er auf Dauer nur aufrechterhalten, wenn die Zahl der Alleinerziehenden hoch bleibt.

Die großzügige Versorgung des Verbands mit Steuermitteln legitimiert sich dabei durch die noch immer lebendige Vorstellung von der unschuldigen Notlage alleinerziehenden Mütter, die samt ihrer Kinder von verantwortungsvergessenen Vätern im Stich gelassen worden und nun auf Hilfe angewiesen seien. Das aber ignoriert die VAMV-Politik, gerade diejenigen Notlagen überhaupt erst herzustellen, gegen die sich der Verband dann als notwendige Abhilfe in Positur setzt – orchestriert von einer „Alleinerziehen-als-Befreiung“-Ideologie, die den väterlichen Wunsch zur Kindessorge kurzerhand als illegitimen Eingriff in die Angelegenheiten der Mütter denunziert.

Zudem sind die auf Dauer gestellten Konflikte, die Folge einer Politik der Elternkonfrontation sind, natürlich eine erhebliche Einnahmequelle für Familienanwältinnen und -anwälte. Wäre es Ziel des Kindschaftssrechts und seiner Umsetzung, möglichst schnell und unkompliziert Verständigungen zwischen Eltern herbeizuführen, die sich gegenseitig in ihren Rechten achten müssen und die gleichermaßen dem Kind gegenüber verpflichtet sind – dann wären deutlich weniger Konflikte zu erwarten, die sich über Jahre hinziehen und die immer wieder Anwälte, Ämter, Verfahrensbeistände, Gutachter, Berater und Gerichte bemühen.

Wenn aber Familien größere Möglichkeiten erhalten, sich von ihre institutionellen Verwertern zu distanzieren, dann reagieren diese Institutionen scharf.

„Die Unterzeichnenden dieses Aufrufs fordern den Gesetzgeber auf, bei der Neuregelung des Sorgerechts nicht miteinander verheirateter Eltern darauf zu verzichten, ein rein schriftliches Schnellverfahren ohne Anhörung der Eltern oder des Jugendamtes einzuführen.“
So der Aufruf zur Neuregelung des Sorgerechts, den der VAMV gemeinsam mit dem Juristinnenbund und Beratungsinstitutionen lanciert hat. Abgelehnt wird dabei, dass der Vater ohne weiteres Verfahren am gemeinsamen Sorgerecht beteiligt wird, wenn er einen entsprechenden Antrag stellt und die Mutter in einer festgelegten Frist keinen Widerspruch einlegt.

Natürlich ist diese Regelung ungünstig, und das gleich doppelt. Dass der Vater das Grundrecht auf Kindessorge – und das Kind sein Grundrecht auf väterliche Sorge – erst nach einem väterlichen Antrag erhält, signalisiert der Mutter, dass grundsätzlich und bis auf Weiteres nur sie für die Kindessorge zuständig sei. Zugleich signalisiert es dem Vater, dass er seine Verantwortung nur übernehmen müsse, wenn er das auch wolle und einen entsprechenden Antrag stelle.

Den VAMV aber stört etwas ganz anderes an diesem Gesetz – es geht ihm schon viel zu weit, es schafft eine Möglichkeit der väterlichen Sorge ohne ausdrückliche Zustimmung der Mutter, und es schafft überhaupt neue Möglichkeiten, das Recht zur Kindessorge beider Eltern zu etablieren, ohne dabei die üblichen Institutionen (Jugendamt, Familienanwälte, Gerichte, Beratungsstellen, VAMV, …) in Anspruch zu nehmen.

Es gab nur eine Fraktion im deutschen Bundestag, die sich die Kritik des VAMV kritiklos zu eigen machte und der die extrem zurückhaltende gesetzliche Neuregelung schon viel zu weit ging: die der SPD. Warum es verrückt ist, dass ausgerechnet Sozialdemokraten in ihrer Familienpolitik der VAMV-Lobbyarbeit hinterherlaufen, kann ich an meinem eigenen Beispiel vielleicht deutlicher machen.

Familienpolitik im Verrücktland Vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen sind mir die Vorwürfe, die Papa-Ya erhebt, völlig plausibel. Ich muss dazu ein paar persönliche Geschichten erzählen, es wird aber wohl deutlich, dass das hier der Klärung sachlicher Fragen dient.

Den Verein „Kiebitz e.V.“ kannte ich beispielsweise schon seit Jahren – meine ehemalige Partnerin, damals noch mit unserem Kind in der Nähe von München lebend, wollte dort nach der Trennung eine Elternberatung nur bei diesem Verein beginnen, und schon damals warnte meine Anwältin mich nachdrücklich vor dieser Beratungsstelle und ihrer Zusammenarbeit mit einer nach ihren Auskünften ausgesprochen väterfeindlichen Münchner Anwältin.

Sollten sich die Vorwürfe von Papa-Ya bewahrheiten, dass der Verein es gezielt darauf angelegt hat, Väter aus der Beziehung zu ihren Kindern herauszuberaten und entsprechende Gutachten zu erstellen, dann wird vielleicht erst angesichts solcher konkreter Situationen klar, wie perfide ein solches Vorgehen ist. Schließlich ist diese Beratung für einen Vater, der willkürlich von seinen Kindern getrennt wird, oft eine letzte, zumindest aber sehr wichtige Hoffnung.

Dass eine Ärztin ein Gutachten erstellt, die mit äußerst willkürlichen Argumenten (die mit mir übrigens gar nichts zu tun hatten) und durch die Blume Umgangseinschränkungen empfiehlt, ohne jemals mit dem Vater gesprochen zu haben – das habe ich auch erlebt. Ich hatte nur das Glück, an einen Richter zu geraten, der sich für ein solches offenkundig voreingenommenes Gutachten nicht interessierte.

Dass dabei Mütter offen, und offen rechtsbrechend, gegen Väter aufgehetzt werden, ist oft überhaupt nicht nötig. Ich habe beispielweise eine Situation in der Familienberatung erlebt, in der die Beraterin ohne erkennbaren Anlass ein Gerichtsurteil vorlegte, nach dem einem Vater die gemeinsame Sorge vorenthalten worden sei, weil die Mutter nicht mit ihm habe sprechen wollen. Natürlich ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Mutter, aber im Zweifelsfall könnte sie sich immer darauf berufen, uns lediglich eine sachlich relevante Information nicht vorenthalten zu haben.

Vor allem aber: Den Umgang mit unserem Kind aufrecht zu erhalten, kostet durchaus sehr viel, in mehrfacher Hinsicht.

Ich hätte mich gern an den Wohnort unseres Kindes versetzen lassen – ohne Sorgerecht und ohne Bereitschaft meiner Ex-Partnerin, wenigstens für die absehbare Zukunft dort auch wohnen zu bleiben, wäre das aber sinnlos gewesen. Ich habe also eine Zweitwohnung für den Umgang gemietet, weil das nicht viel teurer als ein Hotel, aber wesentlich sinnvoller ist, und fahre alle zwei Wochen hin. Mit den Kosten für die Zugfahrten, die Wohnung und den doppelten Haushalt bezahle ich schon für die Aufrechterhaltung des Umgangs etwa 700-800 Euro im Monat, der Kindesunterhalt ist noch nicht enthalten.

In den ersten drei Jahren, als ich auch der Mutter gegenüber noch Betreuungsunterhalt bezahlen musste, konnte ich den regelmäßigen Umgang nur aufrechterhalten, weil ich einen Kredit über mehrere tausend Euro aufgenommen habe – obwohl ich ja als A13-Beamter überdurchschnittlich viel verdiene.

Insgesamt ist das natürlich eine kranke Situation, in der für eine Umgang im Zweiwochentakt ein sehr großer Aufwand nötig ist und enorm viel Geld in die Luft gepumpt wird, das ich für unseren Sohn ausgebe, das aber niemals bei ihm ankommt. Perfide daran ist, dass ein Vater in dieser Situation ja eine ganz einfache Möglichkeit hat, nicht nur enorm viel Geld und Zeit zu sparen, sondern auch einen großen Teil der Autonomie über sein Leben zurück zu gewinnen. Er muss nur den Kontakt zum Kind aufgeben.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist etwas anderes. Mit einem normalen Facharbeitergehalt, mit dem Gehalt eines klassischen SPD-Wählers also, wäre es mir schon aus finanziellen Gründen nie und nimmer möglich gewesen, den Kontakt mit unserem Kind aufrecht zu erhalten. Im Kosmos der sozialdemokratischen Familienpolitik ist der Umgang eines Trennungskindes mit dem Vater, und der Umgang eines Vaters mit dem getrennt von ihm lebenden Kind, schon unter relativ gewöhnlichen Bedingungen ein Privileg Wohlhabender.

Nach allem, was von der neuen sozialdemokratischen Familienministerin bekannt ist, ist nicht zu erwarten, dass sie an dieser Situation etwas ändern oder sie auch nur als Problem begreifen wird. Ihre Prioritäten liegen bei der Frauenquote für Führungsgremien, ebenso wie die ihres Justiz-Kollegen Heiko Maas, für den die Einführung der Frauenquote in Aufsichtsräten „absolute Priorität“ hat (mehr dazu auch hier). Auch das ein Beispiel dafür, wie eng eine feministisch orientierte Politik und eine Fixierung auf die Interessen weniger Privilegierter zusammenhängen.

Da wurden gerade im NSA-Skandal die Rechte von Millionen auf informationelle Selbstbestimmung massiv verletzt, und da steht weiter die Frage im Raum, wie viele Freiheiten wir eigentlich für das Versprechen, vor Terror geschützt zu werden, noch aufgeben wollen – da steht die EU vor dem Auseinanderbrechen und kann nur mit massivem Einsatz finanzieller Mittel und mit erheblichen rechtliche Problemen zusammengehalten werden – und auch: Da wurde der Bundesrepublik vor wenigen Jahren de facto bescheinigt, mit ihrem Kindschaftsrecht die Grund- und Menschenrechte hunderttausender Kinder und Väter massiv verletzt zu haben, so dass es dringend wäre, endlich Rechtsfrieden herzustellen und mit dem Aufsammeln der Scherben zu beginnen –

– aber angesichts all dessen hat der neue sozialdemokratische Justizminister kein dringenderes Problem als die Frage, wie er möglichst schnell eine Handvoll ohnehin schon privilegierter Frauen per Gesetz auf lukrative Aufsichtsratsposten hieven kann.

Die Gedankenlosigkeit dieser Politik schlägt auf die Familienpolitik besonders gewaltsam um, weil gerade hier Kinder direkt betroffen sind. Als „Verrücktland“ bezeichnet unser Sohn ein imaginäres Land, in dem im gedanklichen Spiel immer das Gegenteil dessen behauptet wird, was eigentlich wahr ist. Aus diesem Land stammt auch weiterhin die deutsche Familienpolitik.

Wenn Kunstformen wie „Ein-Elter-Familien“ oder „Mutter-Kind-Familien“ als wesentliche Elemente moderner Familienpolitik verkauft werden, als ob sie nichts mit der Ausgrenzung von Vätern zu tun hätten – dann werden reaktionäre Positionen, nach denen allein die Mutter zum Kind gehöre, als progressive Politik verkauft. Dann kann natürlich auch der sozialdemokratische Ministerpräsident Beck der sozialdemokratischen VAMV-Vorsitzenden und Familienanwältin Edith Schwab für ihre Verdienste das Bundesverdienstkreuz verleihen.

Auf lokaler Ebene gibt es Mitarbeiterinnen des VAMV, die gesprächsbereit und konstruktiv agieren – auf dieser Ebene hat es auch schon vereinzelt eine Zusammenarbeit mit dem Väteraufbruch gegeben. Im Interesse der Kinder, und der Eltern, ist das wichtig. Die Politik des VAMV aber, für die vor allem Schwab steht, ist von solchen konstruktiven Ansätzen weit entfernt.

Diese Politik der mütterlichen Alleinerziehung hält an längst überlebten Geschlechterstereotypien fest und produziert damit beständig Konflikte, und sie missbraucht zugleich das Recht als Transmissionsriemen, um diese Konflikte in die Elternbeziehungen hineinzutragen – wo sie dann überhaupt nicht mehr lösbar sind.

Was am 3.2. in München vor Gericht ausgetragen wird, hätte also nicht vor ein Landgericht, sondern schon längst in die politische Diskussion gehört. Mit welchem Recht, beispielsweise, wird ein Verband aus Steuermitteln unterstützt, in dessen Eigeninteresse es ist, humane Änderungen in der Praxis des Kindschaftsrechts, also Entwicklungen zu einer besseren Beteiligung beider Eltern an der Sorge zu verhindern?

Dass der VAMV, oder Vertreterinnen dieses Verbands, Gerichtsverfahren gegen Kritiker anstrengen, ist jedenfalls nichts Neues. Im Gedächtnis geblieben ist die Strafanzeige des Verbands gegen Matthias Matussek, weil der es gewagt hatte, auf Forschungsergebnisse über Kindesmisshandlung und -missbrauch in der mütterlichen Alleinerziehung hinzuweisen (mehr dazu z.B. bei Arne Hoffmann: Sind Frauen bessere Menschen, S. 54). Die Strafanzeige war natürlich völlig aussichtslos – der großzügig aus Steuermitteln gedopte Verband aber kann es sich leisten, aussichtslose juristische Auseinandersetzungen zu beginnen. Das schüchtert Kritiker ein, die, auch wenn sie im Recht und nicht gerade Spiegel-Ressortchef sind,  weniger Geld für solche Auseinandersetzungen zur Verfügung haben als der Verband.

Eine Politik wiederum, die zwar Lippenbekenntnisse zur Bedeutung beider Eltern für die Kinder ablegt, aber zugleich die verbissenen Gegner der gemeinsamen elterlichen Sorge, und der väterlichen Sorge, großzügig finanziert und unterstützt – eine solche Politik signalisiert, dass sie Taktiken der Väterausgrenzung stillschweigend weiterhin für legitim hält.

Gleichwohl ist es vielleicht immerhin ein Fortschritt, dass diese politischen Konflikte am 3.2. wenigstens vor einem Gericht ausgetragen werden und nicht allein, wie sonst üblich, zwischen den Eltern – und mitten im Leben der Kinder.

#Aufschrei: Das Schweigen der Männer und vegane Schweinshaxen

Ich wollte ja immer schon einmal einen Text über „Gender Mainstreaming“ schreiben, hatte dabei aber das kleine Problem, dass ich auch nach langen Überlegungen und der Lektüre vieler Texte noch immer nicht so recht weiß, was das ist. Also habe ich auf der Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nachgesehen, weil dort Gender Mainstreaming ja engagiert vorangetrieben wird, und festgestellt, dass das Ministerium auch nicht mehr weiß als ich. Doch dazu später.
 
Ich hätte mein Vorhaben also aufgegeben, wenn mich nicht einige Artikel, die in Zeitungen und Blogs zum einjährigen Aufschrei-Jubiläum erschienen sind, wieder daran erinnert hätten.

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Lena Jakat beispielsweise über Frauen, die ihre „Erfahrungen über Alltagssexismus“ bei Twitter skizziert hätten:

„Sie sind sehr leise geworden, zum Schweigen gebracht von einer digitalen Front aus Aggression, die sich in den vergangenen Monaten bei Twitter aufgebaut hat. Dort schwappt dem Hashtag inzwischen so viel Hass entgegen, dass sich kaum noch jemand traut, ihn ernsthaft zu tippen. Dabei sollte das Schlagwort einst ebendiesen Hass bekämpfen.“
Jakat ist im vergangenen Jahr vermutlich ganz einfach nicht dazu gekommen, sich mit dem Thema, über das sie schreibt, näher zu beschäftigen. Sonst wäre ihr sicher aufgefallen, dass die „Erfahrungen über Alltagssexismus“ nur einen kleinen Teil der Aufschrei-Beiträge ausmachten, und dass es kein „Hass“ ist, wenn Männer sich darüber beschweren, dass ihre Erfahrungen mit anti-männlichem Sexismus in der Aufschrei-Kampagne geschlossen abgewehrt wurden. 
Ein Mann beteiligt sich am „Aufschrei“
Immerhin befindet sich Jakat damit in guter universitärer Gesellschaft – gerade hat schließlich auch die Osnabrücker Professorin Julia Becker in der Zeit deutlich gemacht, dass eine Aussage wie
„Wenn ständig über Diskriminierung von Frauen gesprochen wird, wird dabei die Diskriminierung von Männern vernachlässigt“
ausgesprochen sexistisch sei.

Zuvor hatte Hannah Beitzer ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung freundlich eingeräumt: „Es gab Männer, die sich selbst im Alltag benachteiligt fühlten.“ Dass damit aber neben den unzähligen Frauen mit ihren realen Diskriminierungserfahrungen Männer mitmischen und sich auch einmal ein wenig diskriminiert füllen wollten, kann Beitzer natürlich nicht unkommentiert stehen lassen. Sie ist sich sicher, dass sich

„hier vor einem Jahr etwas entlud, das sich schon eine ganze Weile angebahnt hatte – nämlich die Unzufriedenheit darüber, dass Männer und Frauen in Deutschland noch immer nicht wirklich gleichberechtigt sind. Immer noch verdienen Frauen im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer, immer noch ist ein Großteil der Führungspositionen in der Wirtschaft von Männern besetzt, während Frauen sich häufiger und intensiver als ihre Partner um Haushalt und Kindererziehung kümmern.“
Diskriminiert sein, bitteschön, ist Frauensache.

Das Schweigen der Männer, oder: Haben Männer eigentlich irgendwelche Gründe, aufzuschreien? Es interessiert Beitzer nicht allzusehr, dass der Artikel, den sie zum Beleg ihrer „22 Prozent“-Angabe verlinkt, schon selbst klarstellt:

„Bei vergleichbarer Tätigkeit und Ausbildung reduziert sich der Unterschied allerdings auf rund acht Prozent, wie aus der vorhergehenden Erhebung zur Verdienststruktur im Jahr 2006 hervorging.“
Wer wiederum in dieser Erhebung nachliest, erfährt schon auf der ersten Seite nach dem Inhaltsverzeichnis, dass dieser Wert eine „Obergrenze“ ist und geringer ausgefallen wäre,
„wenn der Berechnung weitere lohnrelevante Eigenschaften – vor allem Angaben zu Erwerbsunterbrechungen – zur Verfügung gestanden hätten.“ 
Das ist schon so lange bekannt, dass sicherlich auch eine SZ-Journalistin irgendwann einmal davon gehört hat: Je ähnlicher die verglichenen Tätigkeiten von Männern und Frauen tatsächlich sind, desto mehr verschwindet der „Gender Pay Gap“.

Was aber wäre eigentlich, wenn Männer die Diskussion einmal umdrehen würden und statt des Versuchs, zum fünfhundertsten Mal die auch Beitzer und anderen schon längst bekannnte Haltlosigkeit des „Gender Pay Gap“-Geredes nachzuweisen, entschlossener die Frage stellen würden, warum Frauen eigentlich immer noch so viel weniger als Männer zum Bruttosozialprodukt und zum allgemeinen Steuereinkommen (hier, gleich auf S. 1) beitragen? Was wäre wohl, wenn sich auch hier der Staat verpflichtet fühlte, für „Gleichstellung“ zu sorgen?

Ich habe neulich eine sehr kurze, schnell abgebrochene Diskussion erlebt, in der Kollegen darüber redeten, wie sehr der hohe Anteil von Kolleginnen im Mutterschutz die Ressourcen des Kollegiums insgesamt belasten würden. Eine Frau fragte daraufhin scharf, ob denn wohl Frauen nicht mehr eingestellt werden sollten – und die Diskussion war beendet. Nur einer sagte noch leise, dass er den Eindruck habe, es gäbe auch so etwas wie eine Flucht in die Schwangerschaft, dass darüber aber nicht laut geredet werden dürfe.

Niemand hatte verlangt, dass eine Frau nicht eingestellt werden oder dass der Mutterschutz abgeschafft werden sollte. Die Unzufriedenheit, die sich erst sehr kurz offen und dann, nach der erwartbaren Zurechtweisung, nur noch grummelnd äußerte, basierte vielmehr darauf, dass der Preis dafür ebenso wenig wahrgenommen wird wie diejenigen, die ihn zahlen. Denn zu leistende Arbeit löst sich schließlich nicht plötzlich in Luft auf, wenn die Gründe, von ihr fernzubleiben, gute Gründe sind – dass die Arbeit von irgendjemandem zusätzlich übernommen werden muss, wird mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit übersehen.

Das Einspringen für andere wäre wohl ein wesentlich geringeres Problem, wenn dieser zum großen Teil von Männern geleistete Anteil überhaupt als Leistung wahrgenommen und nicht als Diskriminierung von Frauen präsentiert würde. Das gilt keineswegs nur für den Mutterschutz: Laut DAK Gesundheitsreport ist der Krankenstand bei Frauen in fast allen Lebensaltern, außer bei den ganz Jungen, deutlich höher als bei Männern (S. 13). Was wird denn hier eigentlich für „Gleichstellung“ getan?

Als es aber darum ging, für Versicherungen – und das hat gerade für Krankenversicherungen große Konsequenzen – Unisex-Tarife einzuführen, stellte die Generalanwältin Juliane Kokott in ihrem Schlussplädoyer vor dem Europäischen Gerichtshof klar, eine „unmittelbare Ungleichbehandlung“ von Männern und Frauen sei nicht zulässig,

„wenn Versicherungsprämien und ‑leistungen allein oder jedenfalls maßgeblich unter Zugrundelegung von Statistiken für Männer und Frauen unterschiedlich berechnet werden.“  (Absatz 60/61)
Im Klartext: Bloß statistische Ungleichheiten würden keine Ungleichbehandlung ganzer Gruppen rechtfertigen.

Ein wesentlicher Hintergrund war die Praxis von privaten Krankenversicherungen, von Frauen deutlich höhere Tarife zu fordern als von Männern, da das Risiko der Versicherungen bei Frauen – aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung und den auch damit verbundenen höheren Kosten – deutlich größer als bei Männern ist. In den gesetzlichen Krankenkassen zahlen Männer ohnehin traditionell erheblich mehr ein, nehmen aber wesentlich weniger Leistungen in Anspruch (hier, S. 6).

Dass also die Lebenserwartung von Männern deutlich geringer ist als die von Frauen, dass es dafür natürlich auch Gründe gibt, die möglicherweise behoben werden könnten – das ist kein Problem der Gleichstellungspolitik. Sobald aber Männer dadurch, dass sie im Durchschnitt deutlich kürzere Leben haben als Frauen, auch einen kleinen Vorteil haben, erkennt eine bedeutende europäische Institution sogleich eine unrechtmäßige Ungleichbehandlung, die beseitigt werden müsse.

 
Kein Grund, gleich aufzuschreien.
 
Von veganen Schweinshaxen und gerechter Geschlechterpolitik
 „Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.“
Warum ausgerechnet das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das Männer schon in seinem Titel sorgfältig ausklammert, sich in dieser Weise für die „Interessen von Frauen und Männern“ stark macht, ist nur auf den ersten Blick rätselhaft.

Der Begriff „Gender“ bedeutet, dass Mann und Frau als soziale Konstruktionen, nicht als biologische Tatsachen betrachtet werden. Es ist eine Lieblingsidee der Gender-Forschung, dass es dementsprechend nicht nur zwei dieser „Konstrukte“, sondern noch beliebig viele mehr geben könnte.

 
Die „Gender Mainstreaming“-Politik hingegen greift stur auf bestehende Konzepte von Mann und Frau zurück, die sich anhand biologischer Merkmale eindeutig und klar unterscheiden lassen. Mit „Gender“ hat das also gar nichts zu tun – was ja auch im Prinzip nicht schlimm wäre, nur ist die Namensnennung eben ungefähr so passend, als würde eine saftige Schweinshaxe ab sofort „veganer Snack“ heißen, oder als würden die Grünen sich als „Arbeiterpartei“ bezeichnen.
„Zur tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist die Bundesregierung durch Art. 3, Abs. 2, Satz 2 GG ausdrücklich verpflichtet“,
heißt es weiter im Text. Ich verstehe nun nicht ganz, wie eine nicht-tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung aussehen könnte. Jedenfalls geht es irgendwie darum, dass Männer und Frauen nicht nur gleiche Rechte haben sollten: Das haben sie ja auch nicht, Männer sind im Kindschaftsrecht, im Recht zur Wehrpflicht, Jungen sind im Beschneidungsgesetz benachteiligt, von weiteren Regelungen ganz abgesehen – beispielsweise davon, dass nur Frauen, ausgerechnet, Gleichstellungsbeauftragte werden können.

Die Idee dabei ist wohl: Frauen sind Männern gegenüber zwar nicht mehr rechtlich benachteiligt, aber da wir, irgendwie, in einer Männergesellschaft lebten, seien sie immer noch diskriminiert, und diese Diskriminierung müsse abgebaut werden. Daher also fühlt sich für „Gender Mainstreaming“ auch vor allem und ausgerechnet das Frauenministerium zuständig – da Männer ja ohnehin im Vorteil seien, kann nach dessen Verständnis eine Balance zwischen Männer- und Fraueninteressen nur durch eine gezielte Stärkung von Frauen hergestellt werden.

 
Eine Graswurzelbewegung von oben Von der Lebenserfahrung der meisten Männer, und wohl auch eines Großteils der Frauen, sind diese Vorstellungen sehr weit entfernt. Die Abgehobenheit dieser Politik zeigt sich schon im Desinteresse der Verantwortlichen, den weithin unverständlichen und bei näherem Hinsehen auch widersprüchlichen Begriff des „Gender Mainstreaming“ durch Begriffe zu ersetzen, die allgemein nachvollziehbar und so für eine demokratische Diskussion brauchbar wären.
 
Je weniger aber eine Politik, die offen oder stillschweigend von der Idee einer „Männerherrschaft“ oder eines „Patriarchats“ ausgeht, noch allgemein plausibel ist, desto mehr zieht sie sich auf institutionelle Herrschaftspositionen zurück, von wo aus dann die „tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung“ in einem Top-Down-Prozess durchgesetzt werden kann.

Für Hanna Beitzer hat sich die Aufschrei-Kampagne dadurch ausgezeichnet, dass dort „mal jemand mit dem allgemeinen Konsens“ gebrochen habe. Das Gegenteil ist richtig. Aufschrei hat geradezu prototypisch einen Konsens gespiegelt, der Geschlechterdebatten in der Medienlandschaft und politischen Institutionen prägt, der aber außerhalb davon kaum noch vermittelbar ist.

 
Aufschrei war die Simulation einer Graswurzel-Bewegung, die eine institutionell verfestigte Geschlechterpolitik brauchte, um sich und andere über ihren eigenen Realitätsverlust täuschen zu können.

Wie angreifbar aber diese Politik ist, lässt sich vielleicht mit einem Hinweis auf eine Diskussion deuten, mit der die politische Philosophie schon seit Jahrhunderten – zum Beispiel lange in der Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte, die in den achtziger Jahren begann – beschäftigt ist: eine Diskussion darüber nämlich, ob eine legitime und sinnvolle Politik vor allem die Interessen des Individuums oder die des Gemeinwohls im Auge haben sollte. Die etablierte Geschlechter-Politik wendet sich von wesentlichen Grundlagen BEIDER Seiten ab.

Die Orientierung am individuellen Wohl macht sie unmöglich, weil sie Individuen stur unterschiedlichen Gruppen unterordnet  – die Orientierung am Gemeinwohl macht sie unmöglich, weil sie diese Gruppen grundsätzlich in einen permanenten und bitteren Konflikt miteinander schiebt.

Diese Politik ist also sowohl in einem liberalen Sinn wie auch im Sinne des Gemeinwohls sinnlos und vermutlich auch schädlich. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass sie sich nicht in offenen demokratischen Prozessen durchsetzen, sondern nur über gezielte Ausschlüsse vieler aus der Diskussion und über institutionelle Herrschaftspositionen etablieren konnte.

Eigentlich gäbe es daher gute Gründe für Männer und Frauen, die diesen Konsens nicht teilen, dieses Spiel nicht mitzuspielen, das beständig ein Geschlecht gegen das andere ausspielt – und Vertrauen darauf zu haben, dass die eigenen Investitionen in das öffentliche Leben sich zumindest auf längere Sicht auszahlen.

 
Der Gender Mainstreaming-Politik hingegen gelingt das Kunststück, sowohl Männern wie auch Frauen das beständige Gefühl zu geben, zu kurz zu kommen. Frauen, weil sie ihnen den Eindruck vermittelt, grundsätzlich und strukturell unterdrückt zu werden – und Männern, weil diese die Erfahrung machen, dass ihre eigenen Leistungen systematisch übersehen, dass ihre rechtlichen Benachteiligungen für irrelevant erklärt und dass sie selbst dabei zwanghaft weiterhin als „Herrscher“ oder „Sexisten“ präsentiert werden.

Sich diesem Spiel völlig zu verweigern, ist allerdings wohl aussichtslos. Angesichts eines Artikels, in dem wieder einmal eine Journalistin wider besseres Wissen vom „Gender Pay Gap“ schreibt, einfach nur freundlich darauf hinzuweisen, dass dieser Gap eine haltlose statistische Konstruktion und dass das beständige Ausspielen eine Geschlechts gegen das andere eher schädlich als nützlich ist – das wirkt gegen die wütend vorgebrachte Behauptung der Diskriminierung von Frauen regelrecht hilflos, abstrakt und ausweichend.

 
Vermutlich haben Gegner dieser Politik nur eine Chance: Gender Mainstreaming beim Wort zu nehmen, Gegenrechnungen wie diese aufzumachen, zu zeigen, wo und wieviel Männer gesellschaftlich draufzahlen – und klarzustellen, dass „Geschlechtergerechtigkeit“, wenn man es ganz genau nimmt, eigentlich kein Privileg von Frauen ist. Der Vorschlag, dafür den Aufschrei-Hashtag zu nutzen, wäre vielleicht ein guter Anfang. 

Schulen, Sex und Bildungspläne

Manchmal gibt es bekanntlich Auseinandersetzungen, bei denen es für unbedarfte Betrachter schwer zu entscheiden ist, welche Seite ihnen stärker auf die Nerven geht. Für mich ist der Streit um die Online-Petition, die sich gegen den Bildungsplan der Landesregierung in Baden-Württemberg richtet, eine solche Situation. Auch lesenswerte Diskussionen und Beiträge dazu in Blogs, etwa bei Alles Evolution, beim Stadtfuchs, bei Mein Senf oder im Pelz-Blog, beziehen ganz unterschiedliche Positionen, sind aber nach meinem Eindruck jeweils beiden gegnerischen Parteien gegenüber skeptisch.
Weht diese Fahne bald über dem ganzen Ländle? Oder setzen sich die Feinde des Regenbogens durch? Und vor allem: Kann es sein, dass beide Seiten ein wenig übertreiben? (Quelle)
Auf der einen Seite eine Petition mit mittlerweile etwa 154.000 Unterzeichnern, die sich kaum die Mühe macht, zwischen akzeptablen und inakzeptablen Zielen der Landesregierung zu unterscheiden und die ihr rundweg unterstellt, eine
„pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“
anzustreben. 
 
Dass es richtig sei, die Diskriminierung von Homo-, Bi- und Transsexuellen im Unterricht zu thematisieren, erwähnt der Autor in einer einzigen Passage, die er dann nirgends weiter vertieft. Welche Diskriminierung? Was hat die Schule damit zu tun? Was erleben beispielsweise Jungen an durchschnittlichen deutschen Schulen, wenn sie früher oder später merken, dass sie sich sexuell für ihre Mitschüler stärker interessieren als für ihre Mitschülerinnen? Oder Mädchen, die merken, dass sie lesbisch sind?

Solche Fragen sind dem Petenten, dem Realschullehrer Gabriel Stängle, nicht sonderlich wichtig. Stattdessen ärgert er sich gleich mehrmals über die wolkige – und im Original übrigens in eine Frage, nicht in eine Tatsachenaussage verpackte – Formulierung des Lesben- und Schwulenverbands, dass womöglich die „Schule ein homophober Ort“ sei.

Noch seltsamer ist jedoch die Reaktion auf die Petition.


Warum eigentlich denken Bildungspolitiker immer nur an Sex? Nachdem die Petition zum Erfolg geworden war und schon Zehntausende unterschrieben hatten, erschienen in großen Zeitungen und Magazinen des Landes heftige Angriffe auf sie und ihren Verfasser – so gleichlautend, dass auch stabile Gemüter darüber zu Verschwörungstheoretikern hätten werden können.
„In Baden-Württemberg soll die Vermittlung von Toleranz gegenüber Homosexuellen in den Bildungsplan geschrieben werden. Ein Realschullehrer sammelt dagegen in einer Online-Petition mit abstrusen Argumenten Unterschriften. Er erntet erschreckenden Zuspruch.“
Damit gelingt es Carola Padtberg-Kruse im Spiegel in nur drei Sätzen, den Bildungsplan falsch darzustellen, den Petitionstext zu verzeichnen und als Sahnehäubchen auch noch das Klischee vom Volk, dem großen bösen Lümmel, draufzusetzen.

Johanna Bruckner entdeckt für die Süddeutsche Zeitung bei Stängle einen Kampf „wider die Toleranz“, bei dem er, offenbar ebenso boshaft wie durchtrieben,

„die an Menschenverachtung grenzenden Passagen geschickt weiter unten auf der Seite platziert hat“.
Welche Passagen sie damit meint, verrät Bruckner praktischerweise übrigens nicht, so dass sich alle SZ-Leser besorgt nickend selbst die Sätze der Petition heraussuchen können, die sie am meisten empören.
 
In der taz hatte zuvor Lena Müssigmann den Ton gesetzt, klargestellt, dass Stängle – wer hätte das gedacht – „Zuspruch aus der rechten Szene“ erhalte und dass mit der Petition „konservative Kräfte ins Feld“ gegen die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ ziehen würden.

Die Zeitungen äußern sich, als sei die Idee einer kritischen Distanz von Journalisten gegenüber Politikern ohnehin absurd, fast unisono mit dem bildungspolitischen Sprecher der SPD, Stefan Fulst-Blei:

„Die jetzige Onlinepetition birgt den Geist massiver Intoleranz und ist pädagogisch wie politisch unterste Schublade”. 
Solch große Worte sind bekanntlich dazu geeignet, alles Mögliche dahinter zu verstecken. Zum Beispiel die Tatsache, dass der Baden-Württembergische Bildungsplan pädagogisch und im Hinblick auf die Schulpraxis völlig misslungen ist – ein Referendar, der eine solche Planung einer Unterrichtsreihe einreichen würde, bekäme mit etwas Pech von seinen Ausbildern nahegelegt, sich doch bitte einen anderen Beruf zu suchen.
 
Der Entwurf hat fünf „Leitprinzipien“ (Berufliche Orientierung, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienbildung, Prävention und Gesundheitsförderung und Verbraucherbildung – warum das „Prinzipien“ sein sollen, und nicht etwa „Bereiche“ oder „Lernfelder“ oder was auch immer, hab ich übrigens selbst nicht so richtig verstanden), die den ganz unterschiedlichen traditionellen Fächern ihre Ziele setzen.
 
Gemeinsam ist diesen Leitprinzipien der „Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt“, der damit gleichsam ein Meta-Leitprinzip ist.

An vier der fünf „Prinzipien“ wird daher ein Passus angehängt, der mit der ritualisierten Wendung „Zusätzlich ist zu berücksichtigen“  beginnt. Bei beruflicher Orientierung haben also die Lehrkräfte zusätzlich zum Bewerbungstraining, zur Organisation von Praktika („Realbegegnungen“) und Jobbörsen, zum Erstellen von Portfolios und zur Hilfe bei der Berufs- und Karriereplanung unbedingt ein weiteres Lernziel zu berücksichtigen:

„Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der eigenen geschlechtlichen Identität und Orientierung auseinander mit dem Ziel sich selbstbestimmt und reflektiert für ein ihrer Persönlichkeit und Lebensführung entsprechendes Berufsfeld zu entscheiden.“ (S. 9)
Wär ja auch noch schöner, wenn Schüler_innen* sich ihren Beruf nach solchen profanen Kriterien wie dem Verdienst suchen würden, ohne darauf zu achten, ob er auch angemessen zu ihrer geschlechtlichen Identität passt.

Die Passagen zur Akzeptanz sexueller Vielfalt sind in vier von fünf Fällen in dieser willkürlichen Weise an das Ende der Listen mit den jeweils zu erwerbenden „Kompetenzen“ angeklatscht. Seltsamer noch wird dieses Vorgehen, wenn in anderen Fällen klar wird, dass die Auseinandersetzung mit der „geschlechtlichen Identität“ ihren Schwerpunkt bei der Beschäftigung mit Homo- und Transsexualität hat.

Für die Unterrichtsplanungen in Schulen würde das bedeuten, dass Lehrkräfte wie bisher Jahresarbeitspläne oder Pläne für Unterrichtseinheiten erstellen und sich am Ende jeweils fragen müssen, wo sie denn nun eigentlich noch die Schwulen, die Lesben oder die Transsexuellen unterbringen können.

Was wäre wohl, wenn sich eine einzelne Lehrkraft im Unterricht so zwanghaft auf Sexualität fixieren würde wie dieser Bildungsplan? Wenn ein Lehrer beispielweise wieder und wieder nach Gelegenheiten suchte, sein Steckenpferd „lesbische Liebe“ im Unterricht unterzubringen?

Dass es ausgesprochen seltsame Folgen haben würde, an Schulen tatsächlich nach diesem Bildungsplan zu unterrichten und ihn dabei ernst zu nehmen, hat sicherlich auch Stängle gemerkt. Wie arrogant aber von ihm, anzunehmen, als Lehrer könne er im Hinblick auf Schulunterricht oder pädagogische Fragen kompetenter sein als eine Spiegel-Redakteurin oder ein Baden-Württembergischer Landespolitiker.

Was Stängle in seiner Umerziehungs-Rhetorik jedoch verschweigt, ist, dass dieser Bildungsplan in den Routinen des Schulalltags ohnehin abgeschliffen würde. Vielleicht würde sogar, in der Zersetzungsarbeit der Alltagstätigkeiten gegen die erhabene Planung, etwas Positives daraus werden – dass Lehrkräfte ab und zu mal auf gute Filme oder Texte aufmerksam würden, die Homosexualität oder Transsexualität zum Thema haben, oder dass schwule Kollegen und Schüler  oder lesbische Kolleginnen und Schülerinnen weniger allein mit der Frage dastünden, wie sie in der Schule mit ihrer Homosexualität umgehen können.

Ist es eigentlich normal, normal zu sein? Heikler als die an vier der Leitlinien herangeklatschten Absätze ist ohnehin das einzige „Leitprinzip“, in das die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ bereits eingebaut werden konnte, nämlich das zur „Prävention und Gesundheitsförderung“. Zur „Identität und Identitätsentwicklung“ gehören dort nicht nur solche Klassiker wie der „Abgleich von Selbst- und Fremdbild“ (25), sondern auch die „Vielfalt in der sexuellen Identität und Orientierung (Hetero-, Homo-, Bisexualität; Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle)“ (25f.) sowie die

„Zusammenhänge von Sexualität, Geschlechtsidentität und gesellschaftlichen Mustern in Bezug auf die Identitätsentwicklung (erlebtes Geschlecht, biologisches Geschlecht, soziales Geschlecht, juristisch zugeschriebenes Geschlecht)“ (26).
Fächerübergreifend und prinzipiell schon von der Grundschule an.

Hier werde die „Thematisierung verschiedener Sexualpraktiken in der Schule als neue Normalität“ propagiert, schreibt Stängle in seiner Petition. Das stimmt so nicht – der Begriff „normal“ kommt im Arbeitspapier zum Bildungsplan überhaupt nicht vor, auch der Begriff „Normen“ (26) nur zwei Mal, und dann unabhängig von sexueller Identität. Das ist angesichts eines Bildungsplans für Schulen überraschend und unrealistisch, aber erklärbar – schließlich ist der Begriff „normal“ im Zusammenhang mit sexuellen Orientierungen vorbelastet.

Wird „normal“ im Sinne von „gesund“ verstanden, dann werden diejenigen, die außerhalb dieser Normalität leben, als krank angesehen, als abnorm. Im Hinblick auf sexuelle Orientierungen hat sich das keineswegs total verflüchtigt, aus guten Gründen übrigens – schon der Stadtfuchs weist in seiner sehr lesenswerten Begründung, warum er die Petition unterschrieben habe,  darauf hin, dass es bei der Auseinandersetzung von Menschen mit ganz unterschiedlichen sexuellen Orientierung doch wahrscheinlich nicht, beispielsweise, um eine eingehende Beschäftigung mit der Lebenssituation Pädophiler gehen soll.

Für Homosexualität, auch für Transsexualität aber hat sich die Zuschreibung als „krank“ für die meisten Menschen wohl erledigt, und ebenfalls mit guten Gründen. Wenn Stängle Homosexualität mit erhöhten Gesundheitsrisiken konnotiert, dann haben sich darin womöglich Restbestände dieser Zuschreibung erhalten – doch einerseits sind Stängles Daten, wenn auch nur zum Teil, belegt (die im Vergleich zu Heterosexuellen relativ hohe Zahl der HIV-Infektionen bei homosexuellen Männern), und es ist auch hier nicht die Homosexualität selbst, die als krank erscheint.

Im Sinne von „vertraut“ ist der Begriff „normal“ möglicherweise schon relevanter für das Thema. Wenn Homosexuelle von Heterosexuellen als fremd, andersartig wahrgenommen werden, dann wird es ihnen damit schwerer gemacht, offen homosexuell zu leben – was wiederum eine Situation betoniert, in der Homosexualität als fremd empfunden wird. Hier kann es also sehr wohl sinnvoll und gerechtfertigt sein, den Begriff der Normalität zu überprüfen.

Wichtig ist ebenso noch ein anderes Verständnis von Normalität, das Homosexuelle oder Transsexuelle weder als krank noch als fremd und andersartig dastehen lässt – der Begriff „normal“ im Sinne von „(statistisch) erwartbar“. Wenn Kinder und Jugendliche ihre „Identität entwickeln“ sollen, dann gehört dazu ja wesentlich die Frage, was sie bis im Normalfall und bis auf Weiteres von anderen erwarten können – und was sie im Hinblick auf die Erwartungen anderer an sie selbst erwarten können.

 
Ein Jugendlicher, der mit einem Freund unterwegs ist, wird nicht ohne Weiteres erwarten, dass dieser andere Junge ein sexuelles Interesse an ihm hat. Ähnlich geht es auch Erwachsenen, Männern wie Frauen, mit gleichgeschlechtlichen Freunden oder Freundinnen. Hat der andere dieses Interesse doch, dann ist das weder schmutzig noch sündhaft, aber es ist eben überraschend und möglicherweise überrumpelnd.

Normalerwartungen sind funktional, um das eigene Handeln im Alltag zu strukturieren und es mit dem Handeln anderer abzustimmen – auch wenn diese Erwartungen in einigen Fällen falsch sind, sind sie nützlich. Ein Mann etwa, der bei jeder Frau, die er trifft, eingehend überlegt, ob sie eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle sein könnte, wird sich vermutlich weder tolerant noch offen, sondern einfach ein wenig seltsam verhalten.

Es hat keinen Sinn, vom Grünen Tisch – bzw. von der Landesregierung oder einem Uni-Schreibtisch aus – die Funktion dieser Normalerwartungen zu leugnen, als ob in der Landesregierung oder in der Uni nicht auch mit eben solchen Erwartungen hantiert würde. Im Gegenteil: Mit dem Blick auf diese Erwartungen lässt sich überhaupt erst nachvollziehbar machen, mit welchen Schwierigkeiten ein Leben verbunden ist, dass solche selbstverständlichen und daher oft gar nicht mehr bewussten Erwartungen nicht erfüllt – Schwierigkeiten im Hinblick auf die Interaktion mit anderen wie auf das Selbstgefühl.

Es ist also auch in den Schulen völlig richtig zu versuchen, Menschen das Leben mit solchen Schwierigkeiten zu erleichtern. Das wird aber weit eher gelingen, wenn klargestellt wird, dass ein Leben, das Normalerwartungen in einigen Aspekten nicht erfüllt, deshalb weder krank noch fremd noch bedrohlich noch lächerlich ist – anstatt dadurch, schnurstracks alle diese Erwartungen mit großem Gestus als soziale Konstrukte im Dienste von Herrschaftsstukturen zu entlarven, die ebenso gut anders konstruiert werden könnten.

 
Von solchen (gender-)feministischen Positionen würden Transsexuelle, so der selbst transsexuelle Walter Greiner,
„als Gallionsfigur für eine geschlechtliche Willkür und Beliebigkeit missbraucht, für die doch gerade wir Transsexuelle der lebende Gegenbeweis sind. Denn genauso wie alle Männer und Frauen – aber ganz anders, als Feministinnen glauben – sind wir geschlechtlich schon von klein auf das, was wir sind: originär, im Kern nicht veränderbar durch jegliche Erziehungs- und Therapieversuche.“

Wer schützt Menschen eigentlich vor ihren Beschützern? Die unerklärliche und unerklärte Sexualitäts-Fixiertheit des Bildungsplans, aber auch die ebenso unerklärte Ignoranz gegenüber nicht-sexuell motivierten Formen der Diskriminierung (zum Beispiel der statistisch wesentlich bedeutenderen aus sozialen Gründen) legt den Gedanken nahe, dass es der Landesregierung weniger um Offenheit und Toleranz geht als darum, Schulen auf die oben skizzierten Grundannahmen der Gender-Theorien zu verpflichten.
 „Es gibt nicht eine Demokratietheorie, aus der Politiker den Auftrag ableiten könnten, ihre Wähler zu erziehen bzw. ihren Wählern Vorgaben zu machen“,
schreibt dazu Michael Klein bei Kritische Wissenschaft.

Stängles Umerziehungs-Rhetorik überspielt, dass die Schule tatsächlich einen weitgehend als legitim anerkannten Erziehungsauftrag hat. Bei den genderheoretischen Fixiertheiten des Bildungsplans geht es allerdings weniger darum, Schüler im Sinne gesellschaftlich anerkannter Normen zu erziehen – als darum, die Schulen als Hebel zu benutzen, um diese Normen allgemein umzugestalten. Wer die Gesellschaft verändern will, fängt damit eben praktischerweise bei den Menschen an, die sich am wenigsten dagegen wehren können.

Tatsächlich kehrt ein so agierender pädagogischer Staat die Vorgaben eines liberalen Staates um. Dieser hat seine Freiheiten ja nur, weil seine Bürger Freiheiten an ihn delegiert haben – „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Es sind die Bürger, die kontrollieren, ob dieser Staat seine Kompetenzen nicht überschreitet.
Im pädagogischen Staat aber ist es umgekehrt eben der Staat, der kontrolliert, ob seine Bürger sich auch in angemessener Weise liberal verhalten. So offen und toleranzverpflichtet sich auch seine Lernziele geben mögen – tatsächlich ist dieser Staat ein autoritärer Staat. Wir brauchen kein Vertrauen, wir sind so oder so im Recht – eine so von sich überzeugte Politik produziert verständlicherweise Misstrauen, und es ist unrealistisch zu glauben, in diesem Klima zur Entwicklung von Offenheit und Toleranz Ernsthaftes beitragen zu können.

Gibt es beispielweise an Schulen bald Noten für die „richtige“ Einstellung zu verschiedenen Formen der Sexualität, als Gesinnungstest? An den Universitäten ist es schließlich auch schon längst normal geworden ist, die sogenannte „geschlechtergerechte Sprache“ zur Bedingung für die Annahme studentischer Arbeiten zu machen und so dem Nachweis der richtigen Gesinnung absoluten Vorrang vor der wissenschaftlichen Qualität eines Textes zu geben.

Wenn sich autoritäres staatliches Handeln auf den Schutz von Minderheiten beruft, dann produziert das zudem die Gefahr, dass der Widerspruch gegen dieses Handeln sich nicht etwa gegen die verantwortlichen Politiker, sondern gegen die vorgeblich geschützten Minderheiten richtet. Dass die größten französischen Demonstrationen der letzten Jahrzehnte sich ausgerechnet gegen Rechte von Homosexuellen richteten (dazu dieser Gastbeitrag von Kai), ist möglicherweise so erklärbar.

So weit gehen die Proteste gegen den Bildungsplan nicht, doch auch bei der Petition ist nicht deutlich, ob sie sich eigentlich gegen die autoritären Vorstellungen der Landesregierung richtet – oder gegen das, was der Verfasser als einen homosexuellen „Lebensstil“ hinstellt. In einigen Debattenbeiträgen zur Unterstützung der Petition entlädt sich durchaus eine erhebliche Wut auf Schwule, Lesben oder Transsexuelle.

Verfestigt sich diese Konstellation, dann stehen sich schließlich zwei autoritäre politische Gruppen gegenüber: eine, die sich als Schutzherrin der Minderheiten gegen die Mehrheit, und eine, die sich als Schutzherrin der Mehrheit gegen die Minderheiten in Szene setzt.

 
Vernünftige politische Perspektiven bietet weder die eine noch die andere. So war es eigentlich noch freundlich ausgedrückt, wenn ich eingangs behauptet habe, das mir beide auf die Nerven gehen.
 

Monströse Männer, reine Frauen – und andere Sonderbarkeiten moderner Familien

Als sich einmal in einem Bielefelder Kindergarten, so der Zeit-Artikel Not am Mann. Das geschwächte Geschlecht,
„ein Mann beworben hatte, berief die Kitaleitung erst einmal einen Sonder-Elternabend ein. In hitzigen Debatten sprachen sich einige der vermeintlich fortschrittlichen Eltern gegen den Kandidaten aus. Dann machte einer der Väter einen Kompromissvorschlag: Er sei einverstanden, vorausgesetzt, seine Tochter werde nicht von dem Erzieher gewickelt.“
Für die Autorinnen Elisabeth Raether und Tanja Stelzer (deren Artikel ich hier schon besprochen hatte) ist die ablehnende, ressentimentgeladene Reaktion der Eltern angesichts ihres wohl „fortschrittlichen“ Milieus offenbar überraschend. Das lässt sich auch anders sehen: Gerade in einem vordergründig fortschrittlichen, tendenziell links-alternativen Milieu sind Geschlechterklischees wie der Glaube, dass ein Kind unbedingt zu Mutter gehöre und der Vater ihm im Zweifelsfall schädlich sei, in den vergangenen Jahrzehnten besonders liebevoll gepflegt worden.
Würden Sie diesem Mann Ihr Kind anvertrauen?
Wie also sind Kindergärten und andere Orte der Kindererziehung zu solch androphoben Orten geworden? 

Ein mögliches Beispiel dafür, welche Quellen das absonderliche Verhalten der fortschrittlichen Bielefelder Eltern haben kann, lässt sich mit ein wenig Gegenwartsarchäologie finden – in den Schriften der Münchner Wissenschaftlerin Anita Heiliger, die 1991 eine folgenreiche Dissertation veröffentlicht hat, bis 2006 am Deutschen Jugendinstitut in München arbeitete und die bis heute als Vortragende auf Veranstaltungen autonomer Frauenhäuser unterwegs ist. Es lohnt sich, einen Blick in ihre Schriften zu werfen – auch wenn er erschreckend ist.

Väter wollen herrschen, und Mütter wollen immer nur das Beste Alleinerziehen als Befreiung, Heiligers 1990 in Tübingen als Dissertation eingereichter Text, basiert wesentlich auf Interviews mit Müttern, die nicht oder nicht mehr mit den Vätern ihrer Kinder zusammenleben. Erklärtes Ziel der Untersuchung, so Heiliger, sei es gewesen,

„spezifische Details über die positive Qualität des Lebenszusammenhangs zu erfahren“. (S. 1)
Gegen die Vorstellung, dass die Kinder ihren abwesenden Vater brauchen und vermissen könnten, soll also die „Mutter-Kind-Familie“ als positive Alternative präsentiert werden.

Dass die Arbeit also eher durch politische als durch wissenschaftliche Interessen bestimmt wurde, ist für Heiliger – und offenbar auch für die Universität Tübingen, die den Text als Dissertation akzeptiert hat – kein Problem gewesen. Schließlich werde ihre Forschung, so Heiliger, 

„durch die wesentlichen Prinzipien der Frauenforschung: Betroffenheit, Teilidentifikation und Parteilichkeit geprägt.“ (62)
Dass das herkömmliche Vorstellungen wissenschaftlichen Arbeitens schlankweg in ihr Gegenteil verkehrt, ist sicherlich schon deshalb kein Problem, weil diese herkömmlichen Vorstellungen ebenso wie die herkömmliche Familie selbstredend patriarchalisch strukturiert sind.
„Die patriarchalische Struktur der Ehe und Kleinfamilie verbindet in ihrem Kern die sexuelle Unterwerfung der Frau mit der Nachrangigkeit ihrer eigenständigen Lebensinteressen und entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten.“ (2)
Väter jedenfalls, die sich auch nach einer Trennung um ihre Kinder kümmern wollten, führten dabei vermutlich nichts Gutes im Schilde – wer könnte auch auf die naive Idee kommen, diesen Vätern ginge es vielleicht wirklich um ihre Kinder?
„Das Verlangen nach gemeinsam ausgeübtem Sorgerecht oder die Übertragung des Sorgerechts auf den Vater“ könne, so Heiliger im Anschluss an Phyllis Chessler, „als eine Art kollektiver Racheakt interpretiert werden“ (53),
nämlich als ein Verlangen nach maximaler Kontrolle bei minimaler Verantwortung. Frauen hingegen, „die sich völlig oder weitgehend entfernt haben von der patriarchalisch bestimmten Definition ihrer Lebens- und Reproduktionszusammenhänge“, die also beispielsweise der Meinung seien, ein Kind zu haben ginge nur sie – und ganz gewiss nicht den Vater – etwas an, seien nach Forschungen von Jean Renvoize
„zumeist glückliche, ausgefüllte, starke, aber sanfte Individuen, die Wärme und eine Bereitschaft, mit anderen zu teilen, ausstrahlen.“ (51)
Auch Renvoize hat also ihre Forschungen offensichtlich von den einschränkenden hegemonial-patriarchalen Mustern herkömmlicher Wissenschaftlichkeit (Sachlichkeit, Nachprüfbarkeit, Reliabilität, Seriosität etc.pp) erfolgreich befreien können.
 
Stille Post, Heilige Nacht – und weitere Wunder des Vaterentzugs Natürlich haben bei Heiliger auch die Kinder etwas davon, dass Frauen sich in der „Alleinerziehung“ von patriarchalisch bestimmten Definitionen befreien. Nach Angaben der befragten Mütter wüchsen die Kinder „in eine größere Selbstverantwortung“ hinein und in eine „(g)rößere Lebenstüchtigkeit“ (124), würden „keine Prügel mehr vom Vater“ erleben, dafür aber einen geradlinigen und einheitlichen Erziehungsstil, würden in „Harmonie“ und in einer engen Beziehung zur Mutter (125) leben und „sozial kooperativ“ werden. (126)

Bei von den Müttern beobachteten negativen Folgen hingegen, Verlassensängsten oder dem Fehlen des Vaters etwa, würden sich wohl die „gängigen Auffassungen über die Bedeutung eines Vaters“ (139) ausprägen, die entsprechenden Angaben würden

„auf einen starken Einfluss herrschender Normen und Ideologien im Gegensatz zur Bewertung der realen Lebenserfahrungen hinweisen“. (130)
Bei Angaben positiver Folgen haben die Frauen also recht, Aussagen zu negativen Folgen hingegen zeigen lediglich ihre Beeinflussung durch herrschende Normen.

Nicht nur durch diese willkürlich-einseitige Interpretation werden die Angaben zu den Folgen der „Alleinerziehung“ für Kinder haltlos. Die ganze Untersuchung ist explizit auf eine positive Beschreibung der Vaterlosigkeit angelegt, die Interviewpartnerinnen sind zu diesem Zwecke handverlesen („zur „Gewinnung von Interviewpartnerinnen“ wurde „in ein Projekt der autonomen Frauenbewegung eingeladen“, 65), und Angaben der Mütter werden – soweit sie wie erwünscht ausfallen – blind als tragfähige Aussagen über das reale Befinden der Kinder gedeutet, ohne die Befangenheit der Mütter zu berücksichtigen.

Trotz der kaum zu ignorierenden Unseriosität dieses Vorgehens sind Heiligers Daten als „Forschungsergebnisse“ zu modernen Legenden geworden, die von interessierten Organisationen wie dem Verband alleinerziehender Mütter (und Väter) gern aufgegriffen werden. Ein Beispiel ist ein Familienratgeber aus dem Jahr 2008, Familie geht auch anders, in dem die Autoren Matthias Ochs und Rainer Orban über Seiten hinweg positive Folgen der Alleinerziehung aufzählen – ohne Angabe von Quellen, selbstverständlich, aber deutlich im Anschluss an Heiliger.

 
Gelobt wird beispielweise der „Ausstieg aus dem chronischen Konflikt zwischen den Eltern“, die „größere Selbstständigkeit du Kooperationsbereitschaft“ der Kinder, das größere „Verantwortungsgefühl“ (112), der bessere „Schutz vor Kindesmisshandlung“, und natürlich seien auch größere „soziale Fähigkeiten alleinerziehender Mütter“ (114) nachweisbar.

Der kitschige Nivea-Spot, der die Vaterlosigkeit zur modernen weihnachtlichen Familienidylle verklärt, taugt wundervoll als Illustration dieses problem- und vaterbefreiten Bildes. Angaben wie die Heiligers wurden so unkritisch über die Jahre weitergetragen, und wie in jedem „Stille Post“-Spiel ging auch hier etwas Wesentliches verloren, nämlich das Wissen über die unzureichende Gewinnung dieser Daten – das auch niemanden ernsthaft interessierte und interessiert.

 
Dass die Harmonie im Mutter-Kind-Verhältnis vielleicht trügerisch sein könnte, weil das Kind nach der Erfahrung des Vaterverlusts nun Angst davor hat, auch die Mutter zu verlieren, und Konflikte vermeidet – dass das Kind womöglich deswegen verantwortungsvoller wirkt, weil es angesichts des Vaterverlusts früh in eine Erwachsenenposition manövriert wird – und dass Kinder in der „Alleinerziehung“ statistisch mehr Gewalt erfahren als Kinder, die bei beiden Eltern leben  – das sind Gedanken, die Heiliger ebenso wenig interessieren wie diejenigen, die ihre „Forschungsergebnisse“ ungeprüft nachsingen.
 
Dabei hätte schon die Tatsache, dass die Autorin zwischen Angaben der Mütter zum Kindeswohl und dem realen Befinden der Kinder keinen Unterschied macht, ein Warnsignal sein müssen: Die Interessen der Kinder werden hier den Bedürfnissen der Mütter beliebig untergeordnet – die Kinder werden für politische Interessen, für die „Befreiung“ der Mütter regelrecht verreinnahmt.

Sowohl in den inhaltlichen Vorannahmen als auch in seiner Form ist Heiligers Arbeit einem Text verpflichtet, der gewiss nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Arbeit hat: Alice Schwarzers Der kleine Unterschied und seine großen Folgen aus dem Jahr 1975. Beide Texte basieren vorgeblich auf Interviews mit Frauen, doch beide benutzen diese Interviews lediglich als Steinbruch, um beliebig politische Positionen der Autorinnen zu illustrieren, die diese völlig unabhängig von aller „Forschung“ ohnehin einnehmen. In einem Text für das Deutsche Jugendinstitut nimmt Wolfgang Erler Heiliger gleichwohl gegen Kritik an ihrer Arbeit in Schutz und bescheinigt ihr, „sorgfältig entlang der vorliegenden empirischen Daten“ gearbeitet zu haben

Diese Gefälligkeitskritik vom Deutschen Jugendinstitut für die Mitarbeiterin des Deutschen Jugendinstituts suggeriert, Heiliger sei aus politischen Gründen für eine wissenschaftlich untadlige Arbeit angegriffen worden. Tatsächlich ist es eher umgekehrt.

 
Wäre ihr Text nicht politisch opportun gewesen, dann wäre er wohl niemals als wissenschaftliche Arbeit oder gar als Dissertation akzeptiert worden. Was wäre, beispielsweise, wohl geschehen, wenn Heiliger sich mit gleichem Vorgehen und gleichem Ressentiment gegen ein anderes Feindbild als gegen Männer gewandt hätte – wenn sie zum Beispiel nachzuweisen versucht hätte, dass Ausländern in Deutschland der Kontakt zu ihren Kindern genommen werden sollte, im Interesse aller und insbesondere in dem der Kinder? Hätte ihr das Deutsche Jugendinstitut dann auch eine „sorgfältige Arbeit“ bescheinigt?
 
Warum reaktionäre Menschen modern sind und aufgeklärte vorgestrig 
„Beleidigung, Belästigung, Erniedrigung, Terrorisierung, Stalking, Einbrüche in die Wohnung, finanzielle Aushungerung der Frau, Auflauern, Bespitzeln, Drohungen, Telefonterror, körperliche Angriffe, Misshandlung und Vernachlässigung der Kinder bei Umgängen, Verabreichung von Medikamenten zur Ruhigstellung des Kindes, sexueller Missbrauch, Ablieferung der Kinder nach Umgängen in verwahrlostem körperlichem und seelischem Zustand: weinend, erkältet, mit div. Symptomen, Einsperren des Kindes beim Umgang, Umherziehen mit dem Kind durch Kaufhäuser oder Kneipen, sexuelle Perversionen diverser Arten usw. (vgl. Heiliger/Wischnewski 2003). All solche Verhaltensweisen bleiben folgenlos für das Umgangsrecht, Kinder erhalten keinen Schutz vor solchen Vätern, die Mütter sind gezwungen, ihre Kinder immer wieder entsprechenden Situationen auszuliefern unter der Prämisse: ein Vater hat ein Recht auf sein Kind.“
Ein Horrorszenario, entworfen von Anita Heiliger 2007 in einem Vortrag zum zehnjährigen Bestehen des Frauenhauses Oberursel. Frauen dagegen, die den Umgang zwischen Vater und Kind erschweren, haben hier nicht nur redliche Motive, sondern werden dafür auch noch drangsaliert, nämlich durch 
„eine oft ins Absurde gehende besondere Aufmerksamkeit gegenüber allen ihren Verhaltensweisen im oft sehr deutlich erkennbarem Interesse, Anzeichen zu finden bzw. zu erfinden, mit denen sich eine Erziehungsungeeignetheit begründen lassen könnte, um die Ursachen der Weigerung leugnen zu können (…).“
Obwohl leicht erkennbar ist, dass die Wissenschaftlerin die schroffen Schwarz-Weiß-Mustern ihres Denkens weiter betoniert hat, lohnt sich ein genauerer Blick. Dass Kinder manchmal erkältet sind oder weinen, ist alltäglich, die Rede von der finanziellen „Aushungerung“ der Frau belegt weniger den bösen Willen des Vaters als die Hohlheit einer „Befreiung“ die auf Zahlungen durch den Unterdrücker angewiesen bleibt – zumal ein großer Teil der Väter schlicht nicht genug verdient, alle Unterhaltsansprüche zu bedienen.
 
Diese Verhaltensweisen und Situationen werden von Heiliger umstandslos mit körperlichen Angriffen, Misshandlungen, Verwahrlosung, sexuellem Missbrauch in eine Reihe gestellt. Im Ergebnis dieses Vorgehens gibt es praktisch keinen Vater, dessen Verhalten hier nicht mit aufgelistet und mit schweren Straftaten gegen Kinder und Frau gleichgesetzt wird.

Mütter haben hier hingegen auch dann noch reine Motive, wenn sie offene Gesetzesbrüche begehen und den Umgang zwischen Kindern und Vätern verweigern. Heiliger interessiert sich also nicht für Unterscheidungen zwischen verschiedenen Verhaltensweisen gegenüber Kindern, sondern allein für eine offenbar kategoriale Unterscheidung zwischen Frauen und Männern, die auf einem tief reaktionären Geschlechterverständnis beruht: Sicher ist das Kind allein bei seiner Mutter.

 
Gewalt gegen Kinder ist hier völlig uninteressant, soweit sie von Frauen ausgeübt wird – interessant wird sie lediglich, wenn sie sich als Argument gegen den Umgang von Vater und Kind verwenden lässt. Tatsächlich geht es hier nicht einmal um Alleinerziehung, sondern um eine Ideologisierung des Vaterentzugs. Dass es tatsächlich Situationen geben kann, in denen eine Mutter oder ein Vater, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage zur Kindessorge ist und das Kind zu seinem eigenen Wohl allein beim anderen Elternteil lebt, ist dabei gar nicht von Belang – alleinerziehende Väter werden sogar massiv belastet.

 

Wenn Heiliger in anderen Texten und Vorträgen  „Täterstrategien“ der sexuellen Gewalt gegen Kinder beschreibt, bedient sie sich –  hier im Text Täterstrategien bei sexuellem Missbrauch und Ansätze der Prävention –  der gleichen Mischung aus alltäglichen und offensichtlich gewalttätigen, massiv übergriffigen Verhaltensweisen wie in ihrem Text über die Umgangsverweigerung.
 
Täter würden, beispielweise, einen Missbrauch langfristig vorbereiten, etwa eine Frau suchen, um mit ihr ein Kind zu haben – sie hätten oft eine „sozial angesehene Position“ – sie würden bei „Schwächen und Bedürfnissen“ des Kindes ansetzen – Nähe spielerisch herstellen – diese Nähe dann immer stärker sexualisieren – dem Kind Schuldgefühle machen und es gezielt verirren – es bedrohen – dem Kind Geschenke machen – es in Abhängigkeiten bringen – das Kind isolieren – das Kind isolieren – die Mutter-Kind-Beziehung spalten.
 
So wichtig es ist, über sexuelle Gewalt gegen Kinder aufzuklären – dies ist kein Beitrag dazu. Problematisch ist auch hier, dass Heiliger die wesentliche Unterscheidung an der falschen Stelle trifft, nämlich zwischen Männern und Frauen und nicht zwischen problematischen und unproblematischen Verhaltensweisen. Ihr scheint nicht einmal aufzufallen, dass unter den tatsächlich gravierenden Verhaltensweisen einige sind, die auch ihre Ideologie der mütterlichen Alleinerziehung prägen, etwa die Störung der Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil und die Schaffung massiver kindlicher Abhängigkeiten.
 
Zugleich werden viele Verhaltensweisen, solange es denn nur Verhaltensweisen von Männern sind, als „Täterstrategien“ auch dann gebucht, wenn sie völlig unspezifisch und für ein alltägliches, zugewandtes Zusammensein eines Vaters mit Kindern nicht nur normal, sondern sogar wichtig sind (wie das Herstellen von Nähe oder die Sensibilität für kindliche Bedürfnisse).

Dieses Konstrukt ist eben keine Aufklärung über sexuellen Missbrauch, sondern ein Muster, das es Frauen erlaubt, ihr eigenes Verhalten in jedem Fall als rein und unschuldig wahrzunehmen – indem alle problematischen Aspekte in den verdorbenen Mann und Vater phantasiert werden. Das bedeutet nicht, dass männliche sexuelle Gewalt gegen Kinder harmlos wäre oder nur aufgebauscht würde – dass es Männer gibt, die sexuelle massiv gewalttätig gegen Kinder sind, ist ebenso wenig zu bestreiten, wie es die schweren Folgen dieser Taten sind.

Es bedeutet aber, dass Heiligers unspezifisch bleibendes Muster weniger dazu geeignet ist, solche Gewalt aufzudecken, als dazu, sexuelle Gewalt zu verdecken, soweit sie nur von Müttern ausgeübt wird.

Doch auch hier interessiert sich Heiliger eigentlich nicht für die Gewalt gegen Kinder, sondern instrumentalisiert sie, um ein reaktionäres Geschlechterbild zu etablieren, in dem die Kinder in jedem Fall zur Mutter gehören und von der väterlichen Sorge anscheinend in hohem Maße bedroht sind. Sicherlich haben die eingangs erwähnten Bielefelder Eltern nicht allesamt Heiliger gelesen, gleichwohl lässt sich an diesem Beispiel zeigen, dass ihre Haltung nicht einfach fortschrittlichere Entwicklungen verpasst hat, sondern ein Resultat offen verbreiteter, schon lange zur Gewohnheit gewordener Ressentiments ist.

 
Heiliger steht mit ihren Schriften ja nicht allein, sondern ist nur ein Beispiel für viele und hat über Jahre hinweg – vom Deutschen Jugendinstitut, vom Familienministerium, von Frauenhäusern – erhebliche institutionelle Unterstützung gefunden. Anstatt dass die massive Feindseligkeit ihrer Positionen dabei irgendwann einmal ernsthaft als Problem der wissenschaftlichen Arbeit angesprochen worden wäre, konnte sie ungehindert dazu beitragen, Alltagsklischees über Männer und Frauen zu prägen oder zu verstärken.

Problematisch ist hier wohl insbesondere, dass diese Ideologie einerseits an vertraute Geschlechterklischees anknüpft und sie absurd überspitzt, dass sie sich zudem offen aus etablierten Positionen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit bedient, wie sie auch in rassistischen Ideologien üblich sind – dass die Autorin ihre Position zugleich aber als „fortschrittlich“ oder „modern“ verkaufen kann. Die offen diskriminierende, für die Kinder schädliche Praxis der Vaterausgrenzung wird beispielweise zur „Mutter-Kind-Familie“ und zu einem Bestandteil moderner, pluralistischer Familienpolitik verklärt.

Das absurde Resultat ist, dass jemand, der sich von reaktionären Geschlechterbildern dieser Art abgrenzt, damit rechnen muss, selbst als vorgestrig, kinder- und frauenfeindlich und möglicherweise gar als gewaltnah präsentiert zu werden.

Und welche fortschrittlichen Eltern wollen das schon – sei es in Bielefeld oder anderswo?

 

 
Literatur, soweit sie nicht verlinkt wurde:
 
 
Anita Heiliger: Alleinerziehen als Befreiung. Mutter-Kind-Familien als positive Sozialisationsform und als gesellschaftliche Chance, Pfaffenweiler 1991

Anita Heiliger: Probleme im Sorge- und Umgangsrecht. Vortrag in Oberursel am 18.9.2007 im Rahmen der Feier zum 10-jährigen Bestehens des Frauenhauses Oberursel.

Anita Heiliger: Täterstrategien bei sexuellem Missbrauch und Ansätze der Prävention, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis 56/57, 2001, S. 71 – 82

Matthias Ochs/Rainer Orban: Familie geht auch anders. Wie Alleinerziehende, Scehidungsfamilien und Patchworkkinder glücklich werden, Heidelberg 2008

Wie Alice Schwarzer einmal "man tau" zum Geburtstag überraschte

Bevor der Tag zu Ende geht, muss ich einmal einen kleinen Feier-Text einschieben. Heute wird man tau nämlich genau ein Jahr alt. 2450 Kommentare für 127 Posts, im Durchschnitt mehr als 523 Seitenaufrufe am Tag – was sehr schön ist, zumal das Blog am Anfang manchmal pro Tag etwa 5-10 Aufrufe hatte und sich also ein wenig steigern konnte. Die Gewohnheit, ab und zu mal Gedichte zu veröffentlichen, habe ich mit der Zeit vernachlässigt, dafür beschäftigen sich die Texte konzentrierter als zu Beginn mit Geschlechterthemen.
Die Redewendung „man tau“ kommt natürlich, wie ich, aus Norddeutschland, aus der Seglersprache – alle Mann an die Taue, es geht los. Natürlich steckt eine große symbolische Bedeutung darin, an die ich übrigens überhaupt nicht gedacht hatte. Ich fand es schön, dass sich die Redewendung sowohl norddeutsch als auch asiatisch anhörte – „man tau“ hat dort allerdings nichts mit tieferer buddhistischer Weisheit zu tun, sondern bezeichnet, soweit ich das gelesen habe, eine Art gedünsteter Brötchen.
 
Ich dachte, es wäre schön zu sehen, was heute am Bloggeburtstag eigentlich sonst noch so passierte.
Bei Genderama sieht es düster aus: Wir haben ein Gender-Schlachtfeld gerade hinter uns gelassen  und befinden uns nun direkt vor der beginnenden Homokalypse. Über den verlinkten Text von Erzählmirnix bin ich auf einen schönen Kommentar von ihr gestoßen, der sich mit den eigens für Frauen gesenkten Aufnahmebedingungen bei der Marineinfanterie beschäftigt.
„Cool, wie auf diese Art vermittelt wird, dass Frauen genausogut wie Männer sind – wenn man das Niveau für sie weit genug senkt. Schließlich würde es das Frauenbild total schädigen, wenn man nur die ausreichend kompetenten Frauen in Jobs sieht. Da könne ja der Eindruck entstehen, Frauen wären tatsächlich leistungsfähig :-O“
Tatsächlich eine seltsame Entscheidung. Wenn die Aufnahmebedingungen im Verhältnis zu den Anforderungen der Arbeit stehen, ist es unsinnig, die Bedingungen für eine Gruppe von Bewerbern zu entschärfen. Wenn sie nicht in einem vernünftigen Verhältnis stehen, sollten sie für alle angepasst werden.
„Ähm, tschuldigung, Frau Bauleiterin, da muss ihnen ein Fehler unterlaufen sein….sie haben das Haus nur halb gebaut.“ – „War unsere Frauen-Baukolonne. Da reicht die Hälfte völlig.“ – „Aber wie sollen wir jetzt darin leben? Allein die Tatsache, dass es vorne reinregnet, macht es doch irgendwie…ungemütlich…“ – „Wissen sie was? Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie satt ich das habe, dass irgendwelche Arschlöcher ihre Frauenfeindlichkeit hinter pseudo-rationalen Argumenten verstecken!“ – „Äh, ja, entschuldigung…“ – „Und wenn sie jetzt nicht bald das Maul halten, dann mach ich Meldung. Dann baut ihnen nie wieder jemand was.“
 
Bei Alles Evolution geht es heute um Jennifer Lawrence, Schauspielerin in der Erfolgsreihe „Die Tribute von Panem“, die
„etwa mit sympathisch-rustikalen Talkshow-Auftritten, in denen sie munter über Stripshow-Besuche und ihre Fähigkeiten im Weitpinkeln berichtete, für YouTube-Hits“
gesorgt habe (einer dieser Hits findet sich hier). Sie sei ein „Tomboy“ gewesen, ein Mädchen, das sich wie ein Junge verhält – Christian wirft daher natürlich erst einmal, typisch Mann, angesichts des Bildes von Lawrence einen Blick auf ihre Finger, um aus dem Verhältnis der Länge von Ring- und Zeigefinger auf die Menge an pränatalem Testosteron zu schließen.
„Nach den sozialen Theorien hätte hier der Rollendruck versagt, der innerhalb der Rollen aufgebaut wird und dort kein abweichen erlaubt. Warum und wie dieser versagen kann, dass scheint mir innerhalb dieser Theorien ungeklärt zu sein.“
Das Verhältnis von sozialen und biologischen Theorien, und ihre Bedeutung für Geschlechterdebatten, wird – angestoßen insbesondere von Elmar Diederichs  – im neuen Jahr offenbar noch öfter ein Thema sein.
Alles Evolution war übrigens einer der Gründe, warum ich dieses Blog überhaupt begonnen hatte. Je öfter ich dort längere Kommentare vor dem Abschicken gekürzt hatte, weil mir die überlangen Texte im Kommentarteil dann doch etwas unangenehm waren, desto mehr bekam ich das Gefühl, dass ich eigentlich ein eigenes Blog aufmachen sollte. Was die Länge der Texte angeht, hab ich mich mittlerweile ganz gut im Griff – allenfalls eine ganz leichte Tendenz zur Überlänge ist noch erkennbar, und das auch nur, wenn man genau hinschaut. Glaube ich.
 
In den Blogs von Tom und yacv  geht es heute um männlichen Handlungs- und Karriereantrieb – und um die Frau dahinter.
„Wenn ein Mann sagt, er repariert das, dann repariert er das. Man muss ihn nicht alle sechs Monate daran erinnern.“
Würden Männer also, ohne Versorgerrolle und Statusehrgeiz, genügsam vor dem Fernseher sitzen, zufrieden mit sich und der Welt?
„Auch Männer, die nicht erwachsen werden wollen, im Peter- Pan- Syndrom verhaftet bleiben, bei Mutti waschen, als Macho, als Playboy oder sich an Ex- Frau oder Feministinnen abarbeiten, anstatt sich selbst genug zu sein, haben ein Defizit abzuarbeiten: unabhängig von Frauen, Herr der eigenen Gefühle zu sein, Emotionale Autonomie.“

So heute die Maennerschmie.de zum selben Thema. Auch die Frage, ob Männer sich um ihr eigenes Wohlergehen kümmern sollten, anstatt sich wieder und wieder mit frauenpolitischen Vorgaben auseinanderzusetzen, wird im nächsten Jahr wohl noch ab und zu wieder auftauchen.

 
Der Kuckucksvater behauptet heute, dass Jesus kein Kuckuckskind gewesen sei. Die Probleme dahinter, das der Vaterlosigkeit, der Scheinvaterschaft, des Verhältnisses zum biologischen Vater und zum sozialen Vater, bleiben so oder so aktuell. Max Kuckucksvater hatte sich übrigens besonders stark gegen den Nivea-Werbespot engagiert, der – mit großer Sensibilität für die Situation genau zu Weihnachten platziert – kurzerhand Väter als unnötig aus der Familie herausdefiniert hatte.  Noch ein Thema, das sicher bleiben wird.
 
Ganz besonders angetan war ich heute übrigens von einer Geburtstagsüberraschung Alice Schwarzers. Gut, sie hat diese Überraschung nicht extra für man tau vorbereitet, glaub ich jedenfalls, aber ich habe sie heute entdeckt. Frau Schwarzer eifert seit einiger Zeit Doktor Sommer nach und hat die Rubrik „Ask Alice“  entwickelt. Sie berät dort Leserinnen und sogar Leser bei persönlichen wie politischen Problemen, was ja eh irgendwie alles das Gleiche ist, antwortet auf eine Frau, die Probleme mit der Familie ihres deutsch-türkischen Freundes hat, oder auf eine andere, die ihren Freund gern mit langen Haaren und geschminkt sehen würde. „Er ist vermutlich auch jung, wie du, und muss sich erst mal finden. Und dann das Recht haben, so zu sein, wie ER es für sich richtig findet“, antwortet sie ihr.
 
Seltsamerweise fand ich die Antworten von Frau Schwarzer manchmal überraschend pragmatisch und fair – entweder bin ich milder geworden, oder Frau Schwarzer ist es. Da ich selbst eigentlich immer schon milde war, spricht vieles für die zweite Variante – „Vielleicht stellt sich in der Redaktion von Emma und bei Alice Schwarzer ja so etwas wie die Altersweisheit ein“, hatte ja gerade auch Michael Klein gemutmaßt.
Nur bei Pornografie ist Frau Schwarzer nach wie vor unduldsam  – klar, wenn es um Sex geht, dann hört der Spaß natürlich auf.
 
Das also, anlässlich dieses Tages, als kurzen Rück- und Ausblick. Vor allem aber möchte ich mich bedanken bei den Lesern und bei den Kommentatoren, die dieses Blog lebendig gemacht haben. Ich freu mich sehr über die Kommentare hier, auch über die engagierten und sachlichen Diskussionen, die es dabei schon gegeben hat und gibt.
 
Einen sehr herzlichen Dank dafür!

                                         

Von müden Helden und unwichtigen Toten – Eine Zeit-Kritik

„Die Krise des Mannes wird nicht einfach nur übersehen. Die These, dass Männer Hilfe brauchen, wird schlicht bekämpft. Sie passt nicht in unser Bild von Frauen und Männern. Sie macht die Diskussion über Macht und Gerechtigkeit noch komplizierter, als sie schon ist.“

Anstatt einfache Zuschreibungen zu liefern, welches Geschlecht mächtig und welches hilfebedürftig – oder: der Hilfe wert – sei, plädiert der Text, aus dem das Zitat entnommen wurde, um ein differenzierteres Bild: „Not am Mann. Das geschwächte Geschlecht“ von Elisabeth Raether und Tanja Stelzer, in dieser Woche in der Wochenzeitung Die Zeit erschienen und schon bald darauf vielfach kommentiert (der Artikel ist hier mittlerweile online)..

Raether und Stelzer listen geschlechtsspezifische Nachteile von Männern in Reihe auf, etwa die deutlich kürzere Lebenserwartung, die extrem viel höhere Selbstmordrate, den extrem viel höheren Anteil an Obdachlosen, die deutlich höhere Drogenabhängigkeit, die deutlich geringeren Schulerfolge von Jungen, deren vielfach höhere Rate an psychischen Störungen, den extrem viel höheren Anteil an Inhaftierten und den höheren an Gewaltopfern, die Probleme von Vätern, die an der Sorge für ihre Kinder gehindert werden, die höhere Wahrscheinlichkeit, als Kind Opfer von Misshandlungen zu werden, die hilflosere Position bei Ehescheidungen – und die deutlich größere Ignoranz gegenüber ihren Nöten, verbunden mit konstant hohen Leistungs- und Erfolgserwartungen.

 
Eigentlich müssten Männerrechtler zufrieden sein, dass Die Zeit so ausführlich, und im Rahmen ihres wöchentlichen Dossiers über die oft prekäre Situation von Männern berichtet. Trotzdem ärgerten sich Kommentatoren im Forum Männerrechte von MANNdat über den „wässrigen Artikel“, wollten das „Käseblatt ignorieren, im Netz und am Kiosk“  oder beklagten weiterhin das „Schweigen der Medien“, wenn es um die Verletzungen der Rechte von Männern und Jungen geht.

Der Vaterberater hingegen mutmaßt, dass es Die Zeit mit dem Thema nicht allzu ernst meint:

„Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist verräterisch. Wenn es ein Winterloch gibt, dann befinden wir uns im Moment genau darin.“ 
Dass die Kritik gute Gründe hat, zeigt sich schon an Sätzen des Artikels, die auf die oben zitierte Passage unmittelbar folgen.
„Sie macht die Diskussion über Macht und Gerechtigkeit noch komplizierter, als sie schon ist. Denn natürlich gibt es sexuelle Gewalt gegen Frauen, natürlich gibt es den Gender Pay Gap, die Geschlechterdifferenz beim Verdienst von Männern und Frauen.“
Dass es sexuelle Gewalt gegen Frauen gibt, macht nun die aufgelisteten Nachteile von Männern natürlich nicht besser, auch nicht die sexuelle Gewalt gegen Männer und Jungen. Die Haltlosigkeit des „Gender Pay Gap“-Geredes wurde wiederum schon häufig herausgestellt, zum Beispiel auch bei Kritische Wissenschaft oder Alles Evolution.

Die Widersprüche der zitierten Stelle prägen den gesamten Text.



Die Ängste fortschrittlicher Eltern und die unwichtigen Jungen von der Leyens

 „Die Frau ist passiv, sie wurde erst unterdrückt, dann befreit und schließlich gefördert; der Mann aber gilt als aktiv. Er ist für sein Glück und sein Unglück selbst verantwortlich.“ (S. 13)
Das „allgemeine Interesse“ an dem, was für Frauen gut oder schlecht sei, sei dagegen unerschöpflich. Raether und Stelzer berichten von einer Untersuchung, bei der Schauspieler und Schauspielerinnen bei verschiedenen Ärzten mit einstudiert identischer Mimik und Wortwahl von denselben Beschwerden berichteten.
„Bei den Schauspielern wurden dreimal seltener depressive Verstimmungen diagnostiziert als bei den Schauspielerinnen.“
Es steht mit dieser unterschiedlichen Wahrnehmung in engem Zusammenhang, dass es bei einem Mann im Durchschnitt siebzig Monate, bei einer Frau neun Monate dauere, bis sie sich bei psychischen Problemen Hilfe holten. (12) Vor allem aber konterkarieren die Autorinnen das Bild des weiblichen Opfers, das hilflos mit männlicher Allmacht konfrontiert sei – im Text wird deutlich, dass dieses Bild traditionelle Geschlechterrollen konserviert.

Sie grenzen sich davon ab, das Verhältnis der Geschlechter als Nullsummenspiel zu verstehen, in dem die eine Seite nur gewinnen könne, wenn die andere verliere – deshalb ist es in meinen Augen übrigens kein Fauxpas (so das Blog männerrechte in einer insgesamt positiven, und lesenswerten, Kritik), wenn sie ihren Text mit dem Hinweis auf die Vorteile beenden, die Frauen von einer Männerbewegung haben könnten. Dabei interpretieren sie das Geschlechterverhältnis als Wechselspiel, nicht grundsätzlich als Machtverhältnis.

Anstatt – wie das etwa Anna Reimann im Spiegel tat (und hier ein Kommentar dazu) – den im Vergleich zu Nicht-Vätern größeren beruflichen Einsatz von Vätern als Beleg dafür zu deuten, dass Männer nun einmal kein Interesse an der Kindessorge hätten, machen sie plausibel beide Eltern für diese Situation verantwortlich.

„Der Mann ist immer noch derjenige, der das Geld verdient, und Männer wie Frauen halten daran fest.“ (12)
Schwäche dürfe der Mann sich dabei nicht erlauben – Bettina Wulff etwa, als moderne Präsidentengattin gepriesen, habe kein Jahr gebraucht, bis sie ihren gestrauchelten Mann verlassen hatte.

Dafür, dass „das Feld der Kindererziehung (…) dem Mann nicht kampflos überlassen“ werde, bringen sie ein verrückt anmutendes Beispiel aus einem Kindergarten. Nach der Bewerbung eines Mannes habe dort die Kita-Leitung erst einmal einen Sonder-Elternabend einberufen, in „hitzigen Debatten“ hätten sich einige der „fortschrittlichen Eltern“ gegen einen männlichen Erzieher ausgesprochen, bis ein Mann sich zu Wort gemeldet und einen Kompromissvorschlag gemacht habe: Der Erzieher könne eingestellt werden, solange des Sprechers eigenes Kind nicht von im gewickelt werde.

Hätte eine Kita-Leitung einen Elternabend einberufen, um sich vor der Einstellung einer türkischen Erzieherin abzusichern, hätten sich Eltern gegen die Frau ausgesprochen, oder sie nur unter der Bedingung akzeptiert, dass sie den eigenen Kindern nicht zu nahe komme – die Dumpfheit und Bosheit ihres Ressentiments wäre den meisten wohl klar gewesen. Wenn sich diese Feindseligkeit jedoch gegen Männer richtet, stehen die Beteiligten nicht als Ausländerfeinde oder Nazis da, sondern fühlen sich als aufgeklärte Bürger, die sich Sorgen um ihre Kinder machen.

Hier allerdings verdecken die Autorinnen, dass die Ressentiments der Eltern keineswegs Überbleibsel aus einer rückschrittlicheren Zeit, sondern systematisch produziert worden sind – die Verknüpfung von Männlichkeit mit Gewalt, von männlicher Kindessorge mit sexuellen Übergriffen war und ist ein wesentlicher Bestandteil einer feministisch orientierten, sich fortschrittlich gebenden Geschlechterpolitik, wieder und wieder formuliert von Autorinnen wie Anita Heiliger oder Constanze Engelfried, dankbar aufgegriffen von Lobby-Organisationen wie dem Verband der Alleinerziehenden.

An vielen Stellen distanzieren sich die Autorinnen stillschweigend von solchen betonfeministischen Klischees, ohne sie jedoch ausdrücklich zu benennen. So zitieren sie zum Beispiel den Politologen und Volkswirt Gilles Duhem, der in Berlin-Neukölln ein Mentorenprogramm für Schüler initiiert hat.

„Das Problem des 21. Jahrhunderts sind die ungebildeten Männer und Jungen – ob Einwanderer oder Deutsche, ist nicht entscheidend.“
Diese Aussage widerspricht direkt einer Kernaussage der GEW-Studie „Bildung von Geschlecht“, die Bildungsnachteile von Jungen wegzureden versucht und dabei unter anderem den Eindruck erweckt, von solchen Nachteilen seien Kinder keineswegs als Jungen, sondern vorwiegend als Migranten betroffen.

Besonders bedrückend sind die von Raether und Stelzer zitierten Berichte des Düsseldorfer Professors Matthias Franz.

„Schon Jungen im Alter von zwölf Jahren haben eine dreimal so hohe Suizidrate wie Mädchen. (…) Ich habe wegen dieser Problematik zwei-, dreimal ans Bundesfamilienministerium geschrieben. Nie habe ich von dort in dieser Sache eine Antwort bekommen. Das Gruppenprogramm ‚Palme‘ für alleinerziehende Mütter, das wir entwickelt haben, wurde im Familienministerium dagegen sofort wahrgenommen – kurios, nicht?“ (13) 
Die Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen ist nicht allein Folge ihres persönlichen Versagens, sondern auch Konsequenz eines sinnwidrigen Zuschnitts des Ministeriums: Nicht nur wird noch immer ein „Frauenministerium“ unterhalten, als ob es spezifische Probleme von Frauen, aber keine von Männern gäbe, dieses Ministerium wir auch noch mit dem Familien- und dem Jugendministerium zusammengelegt, so dass Männer und Jungen aus den Familien und Jungen aus der Kindheit und Jugend hinausdefiniert werden – zumindest, was die ministerielle Verantwortungsbereitschaft angeht.
„Ich finde es nicht schlimm, dass Mädchen in Sachen Bildung an den Jungen vorbeiziehen. Wären die Zahlen anders herum, würde kein Hahn danach krähen.“
Soweit Ursula von der Leyen 2006 als Familien-und Jugendministerin in einem typischen, wenn auch besonders zugespitzten Beispiel, in dem die Ministerin die umfangreiche jahrzehntelange Mädchenförderung im Interesse ihrer Pointe kurzentschlossen vergaß. Die Soldaten, für die sie heute auf dem publicityträchtigen Posten der Verteidigungsministerin Verantwortung trägt, waren vor sieben Jahren eben die Kinder und Jugendlichen, denen von der Leyen offen, frohgemut und – soweit es sie selbst betraf – folgenlos ihre ministerielle Verantwortung versagte. Es ist unwahrscheinlich, dass ihr das jemals persönlich schaden wird.

Warum der neue Mann so alt aussieht (und der alte ziemlich neu) Dass die Autorinnen diffus bleiben, wenn es um die Nennung von Verantwortlichen der von ihnen dargestellten, oft irrwitzigen Konstellationen geht, ist jedoch nicht das einzige Problem des Textes.

„Der moderne Mann befindet sich in der Phase eins der Trauer über die verlorene Macht, in der Phase also, in der der Verlust noch geleugnet wird.“ (12)
Das Problem von Männern ist in dieser Interpretation, dass sie sich nicht von den Ansprüchen auf ihre Herrschaft trennen können, obwohl diese längst vorbei ist. Als ein Beispiel bringen sie eine Pose des Rappers Kanye West mit seiner Verlobten Kim Kardashian aus einem Video.
„Es ist der Traum von einer vergangenen Zeit: der Mann bestimmt, wo es langgeht, die Frau hat nichts an und sieht nichts als ihn.“
Hätten sich die Autorinnen nur ein wenig mit Männerbildern in der Rock-und Popkultur der vergangenen Jahrzehnte beschäftigt, dann wäre ihnen schnell aufgefallen, dass Wests Pose keineswegs so prototypisch ist, wie sie das darstellen. Im Gegenteil.
 
Von der damals skandalösen Selbst-Inszenierung als männliches Sex-Objekt bei Elvis Presley, dem Versicherungsvertreter-Look Buddy Hollys oder der Mischung aus Virilität und Nervosität bei James Dean, der Boygroup-Struktur der Beatles, die den Typus des Intellektuellen, den des hübschen Romantikers, den des stillen Sensiblen und den des Komikers, aber eben nicht den des beständig starken Mannes besetzten, der bewussten Androgynität David Bowies, Mick Jaggers, Michael Jacksons oder von Prince, der von Boy George ganz zu schweigen, der Gebrochenheit der tragischen Figuren wie Jimi Hendrix oder Kurt Cobain bis zu gegenwärtigen Schauspielern wie Ryan Gosling, der beständig zwischen hartem Kerl und Loser changiert, oder dem auch von den Autorinnen erwähnten James Gandolfini, der Wucht und Verunsicherung in sich vereint (die Liste ist willkürlich und ließe sich beliebig fortsetzen):
 
Männliche Pop-Idole sind in aller Regel eben keine unerschütterlichen Herrscher, sondern zwiespältige, facettenreiche, starke, aber eben auch verletzbare Figuren. Dies sind sie schon traditionell, seit Jahrzehnten, und nicht erst, seit Feministinnen den „neuen Mann“ als einen Mann nach ihrem Bilde postulierten.

Typisch sind überdrehte Macho-Posen allenfalls für eine Hip-Hop-Ghetto-Kultur, aus der West selbst übrigens nicht stammt, typisch also für mediale Selbstdarstellungen aus einem Umfeld, in dem das Fehlen von Vätern besonders gravierend ist und die eindrucksvoll beispielsweise im Filmklassiker Boyz in the Hood dargestellt wurde. Der reale Vater wird möglicherweise durch Medienfiguren ersetzt, die aufgrund der fehlenden alltäglichen Erfahrung klischeehaft und eindimensional bleiben – auch bei den im Artikel oft erwähnten Bildschirmspielen, für die Raether und Stelzer Grand Theft Auto 5 als herausragendes Beispiel für blutigen „Männerkitsch“ anführen, lässt sich dieser Zusammenhang unschwer herstellen.

Anstatt sich also an die modische Verdammung des angeblich herrschaftsfixierten „alten Mannes“ anzuschließen, wäre es sinnvoll gewesen, die Bedeutung des Vaterverlusts deutlicher zu machen. Dafür aber hätte

„die im Artikel ausgeblendete Tatsache, dass die Familienpolitik nach wie vor deutlich zulasten der männlichen Elternteile geht“ (Tristan Rosenkranz in seiner Zeit-Kritik),
deutlicher herausgestellt werden müssen.

Die Vorstellung, Männer würden an einer verlorenen Herrschaftsposition festhalten und dabei den Anschluss an moderner Gesellschaften verlieren, knüpft an Hanna Rosins Besteller „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ an.

„Sie halten mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht mehr Schritt.“ (11)
Wenn aber Männer lediglich unter ihrem eigenen Festhalten an überholten Machtpositionen litten – warum sollte sich dann irgendjemand für ihre Probleme interessieren, und warum sollten diese Probleme gar politisch Verantwortliche angehen? Warum sollte es eine Männerbewegung geben, wenn die einzig wirklich nötige Bewegung darin bestünde, dass ein paar herrschaftsnostalgische Jammerlappen ihre Hintern hochbekommen?
 
Wer genau steckt hier eigentlich in der Krise? Immerhin distanzieren sich die Autorinnen, allerdings wieder ohne alle Namensnennung, von den Triumphposen Rosins, die angesichts der durch sie beschriebenen Schwierigkeiten von Männern und Jungen eitel und deplatziert wirken.
„Es ist eine Verlockung für Frauen, angesichts dieses Rollentausches zu triumphieren.“ (13)
Sie stellen aber nicht die naheliegende Frage, ob die Diagnose der Männerkrise, des allgemeinen Endes der Männer und des Aufstiegs der Frauen eigentlich stimmt. Naheliegend ist diese Frage schon allein deshalb, weil Männer nach wie vor in den Industrienationen den Löwenanteil der Erwerbsarbeit verrichten und den weit überwiegenden Anteil der Steuereinnahmen garantieren.

So wichtig es also ist, die Verletzung der Rechte von Männern und Jungen zum Titelthema zu machen, so bleibt doch unklar, welchen Zweck eigentlich der Anschluss an Rosins Männerdämmerungs-Fantasie hat. Wenn doch Frauen, die im Geiste Rosins agieren und agitieren, so selbstbewusst, autark und stark sind – warum haben sie es dann nötig, wieder und wieder eine tödliche Krise der Männer herbeizureden, zugleich aber den Männern, und mehr noch den Jungen, verbissen jede Hilfe zu versagen?

Eine einfache Antwort: Offenkundig sind viele Frauen keineswegs weniger verunsichert als viele Männer, sie haben nur größere Möglichkeiten, die Verantwortung dafür an andere zu delegieren und zugleich institutionelle Hilfe einzuklagen. Denn was sich überlebt hat, ist ja nicht das Bild des in der Erwerbsarbeit tätigen Menschen, der ist heute ebenso wichtig wie früher – überlebt hat sich das Bild der zu versorgenden Frau.

 
Je dysfunktionaler aber dieses Bild wird, desto verbissener halten politische Akteure – nicht nur Frauen, auch Männer – an ihm fest, auch wenn sie Versorgungsansprüche heute nicht mehr durch vorgeblich „natürliche“ Rollen von Männern und Frauen begründen, sondern durch die Fantasie einer umfassenden Männerherrschaft, die wieder und wieder eine ausgleichende Hilfe für Frauen notwendig mache.

Je panischer und herrischer aber an dieser dysfunktional gewordenen Vorstellung festgehalten wird, desto angestrengter werden auch Männer in Positionen manövriert, die sich längst überlebt haben und in denen sie längst nicht mehr gut leben können. Daran sind Angehörige beider Geschlechter beteiligt – es ist aber das größte Manko des Zeit-Artikels, dass er den Anteil von Frauen, und gerade von feministisch inspirierten Frauen, immer wieder nur knapp erwähnt und dann verwischt.

Eigentlich ist ein Text wie dieser typisch für eine Übergangszeit: Die Autorinnen versuchen, ehrlich und klar bestehende Probleme anzusprechen, sind gleichzeitig noch Interpretationsmustern verhaftet, die an der Entstehung eben dieser Probleme erheblich beteiligt sind, und produzieren daher offensichtliche Widersprüche, die ihnen selbst nicht aufzufallen scheinen. Der Titel ihres Textes bedient sich allerdings bei einem anderen Text, der ebenso mehrdeutig auf die Rede vom „schwachen Geschlecht“ anspielt – 2008, vor mehr als fünf Jahren, erschien im Focus schon einmal ein Artikel unter der Überschrift „Das geschwächte Geschlecht“, der schon damals darauf hinwies,

„dass das sogenannte starke Geschlecht inzwischen in vielen Bereichen benachteiligt wird“.
Der Übergang zu einer Situation, in der die Interessen und die Rechte beider Geschlechter, und die aller Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit, wahrgenommen werden, zieht sich offenkundig unendlich in die Länge. Dass er so lange andauert, zeigt deutlich, wie stark die Widerstände einer institutionell tief verankerten, tief reaktionären Geschlechterpolitik sind, die Männern und Jungen pathologisch empathiebefreit begegnet und die sich weigert, ihnen gegenüber Verantwortungen wahrzunehmen, die eigentlich selbstverständlich sein müssten.