Männer

Von müden Helden und unwichtigen Toten – Eine Zeit-Kritik

Bild zeigt eine Vekehrstafel mit einem Mann, der am Boden sitzt und den Kopf hängen lässt.
geschrieben von: Lucas Schoppe
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„Die Krise des Mannes wird nicht einfach nur übersehen. Die These, dass Männer Hilfe brauchen, wird schlicht bekämpft. Sie passt nicht in unser Bild von Frauen und Männern. Sie macht die Diskussion über Macht und Gerechtigkeit noch komplizierter, als sie schon ist.“

Anstatt einfache Zuschreibungen zu liefern, welches Geschlecht mächtig und welches hilfebedürftig – oder: der Hilfe wert – sei, plädiert der Text, aus dem das Zitat entnommen wurde, um ein differenzierteres Bild: „Not am Mann. Das geschwächte Geschlecht“ von Elisabeth Raether und Tanja Stelzer, in dieser Woche in der Wochenzeitung Die Zeit erschienen und schon bald darauf vielfach kommentiert (der Artikel ist hier mittlerweile online)..

Raether und Stelzer listen geschlechtsspezifische Nachteile von Männern in Reihe auf, etwa die deutlich kürzere Lebenserwartung, die extrem viel höhere Selbstmordrate, den extrem viel höheren Anteil an Obdachlosen, die deutlich höhere Drogenabhängigkeit, die deutlich geringeren Schulerfolge von Jungen, deren vielfach höhere Rate an psychischen Störungen, den extrem viel höheren Anteil an Inhaftierten und den höheren an Gewaltopfern, die Probleme von Vätern, die an der Sorge für ihre Kinder gehindert werden, die höhere Wahrscheinlichkeit, als Kind Opfer von Misshandlungen zu werden, die hilflosere Position bei Ehescheidungen – und die deutlich größere Ignoranz gegenüber ihren Nöten, verbunden mit konstant hohen Leistungs- und Erfolgserwartungen.

Eigentlich müssten Männerrechtler zufrieden sein, dass Die Zeit so ausführlich, und im Rahmen ihres wöchentlichen Dossiers über die oft prekäre Situation von Männern berichtet. Trotzdem ärgerten sich Kommentatoren im Forum Männerrechte von MANNdat über den „wässrigen Artikel“, wollten das „Käseblatt ignorieren, im Netz und am Kiosk“  oder beklagten weiterhin das „Schweigen der Medien“, wenn es um die Verletzungen der Rechte von Männern und Jungen geht.

Der Vaterberater hingegen mutmaßt, dass es Die Zeit mit dem Thema nicht allzu ernst meint:

„Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist verräterisch. Wenn es ein Winterloch gibt, dann befinden wir uns im Moment genau darin.“
Dass die Kritik gute Gründe hat, zeigt sich schon an Sätzen des Artikels, die auf die oben zitierte Passage unmittelbar folgen.
„Sie macht die Diskussion über Macht und Gerechtigkeit noch komplizierter, als sie schon ist. Denn natürlich gibt es sexuelle Gewalt gegen Frauen, natürlich gibt es den Gender Pay Gap, die Geschlechterdifferenz beim Verdienst von Männern und Frauen.“

Dass es sexuelle Gewalt gegen Frauen gibt, macht nun die aufgelisteten Nachteile von Männern natürlich nicht besser, auch nicht die sexuelle Gewalt gegen Männer und Jungen. Die Haltlosigkeit des „Gender Pay Gap“-Geredes wurde wiederum schon häufig herausgestellt, zum Beispiel auch bei Kritische Wissenschaft oder Alles Evolution.

Die Widersprüche der zitierten Stelle prägen den gesamten Text.

Die Ängste fortschrittlicher Eltern und die unwichtigen Jungen von der Leyens

 „Die Frau ist passiv, sie wurde erst unterdrückt, dann befreit und schließlich gefördert; der Mann aber gilt als aktiv. Er ist für sein Glück und sein Unglück selbst verantwortlich.“ (S. 13)
Das „allgemeine Interesse“ an dem, was für Frauen gut oder schlecht sei, sei dagegen unerschöpflich. Raether und Stelzer berichten von einer Untersuchung, bei der Schauspieler und Schauspielerinnen bei verschiedenen Ärzten mit einstudiert identischer Mimik und Wortwahl von denselben Beschwerden berichteten.
„Bei den Schauspielern wurden dreimal seltener depressive Verstimmungen diagnostiziert als bei den Schauspielerinnen.“

Es steht mit dieser unterschiedlichen Wahrnehmung in engem Zusammenhang, dass es bei einem Mann im Durchschnitt siebzig Monate, bei einer Frau neun Monate dauere, bis sie sich bei psychischen Problemen Hilfe holten. (12) Vor allem aber konterkarieren die Autorinnen das Bild des weiblichen Opfers, das hilflos mit männlicher Allmacht konfrontiert sei – im Text wird deutlich, dass dieses Bild traditionelle Geschlechterrollen konserviert.

Sie grenzen sich davon ab, das Verhältnis der Geschlechter als Nullsummenspiel zu verstehen, in dem die eine Seite nur gewinnen könne, wenn die andere verliere – deshalb ist es in meinen Augen übrigens kein Fauxpas (so das Blog männerrechte in einer insgesamt positiven, und lesenswerten, Kritik), wenn sie ihren Text mit dem Hinweis auf die Vorteile beenden, die Frauen von einer Männerbewegung haben könnten. Dabei interpretieren sie das Geschlechterverhältnis als Wechselspiel, nicht grundsätzlich als Machtverhältnis.

Anstatt – wie das etwa Anna Reimann im Spiegel tat (und hier ein Kommentar dazu) – den im Vergleich zu Nicht-Vätern größeren beruflichen Einsatz von Vätern als Beleg dafür zu deuten, dass Männer nun einmal kein Interesse an der Kindessorge hätten, machen sie plausibel beide Eltern für diese Situation verantwortlich.

„Der Mann ist immer noch derjenige, der das Geld verdient, und Männer wie Frauen halten daran fest.“ (12)

Schwäche dürfe der Mann sich dabei nicht erlauben – Bettina Wulff etwa, als moderne Präsidentengattin gepriesen, habe kein Jahr gebraucht, bis sie ihren gestrauchelten Mann verlassen hatte.

Dafür, dass „das Feld der Kindererziehung (…) dem Mann nicht kampflos überlassen“ werde, bringen sie ein verrückt anmutendes Beispiel aus einem Kindergarten. Nach der Bewerbung eines Mannes habe dort die Kita-Leitung erst einmal einen Sonder-Elternabend einberufen, in „hitzigen Debatten“ hätten sich einige der „fortschrittlichen Eltern“ gegen einen männlichen Erzieher ausgesprochen, bis ein Mann sich zu Wort gemeldet und einen Kompromissvorschlag gemacht habe: Der Erzieher könne eingestellt werden, solange des Sprechers eigenes Kind nicht von im gewickelt werde.

Hätte eine Kita-Leitung einen Elternabend einberufen, um sich vor der Einstellung einer türkischen Erzieherin abzusichern, hätten sich Eltern gegen die Frau ausgesprochen, oder sie nur unter der Bedingung akzeptiert, dass sie den eigenen Kindern nicht zu nahe komme – die Dumpfheit und Bosheit ihres Ressentiments wäre den meisten wohl klar gewesen. Wenn sich diese Feindseligkeit jedoch gegen Männer richtet, stehen die Beteiligten nicht als Ausländerfeinde oder Nazis da, sondern fühlen sich als aufgeklärte Bürger, die sich Sorgen um ihre Kinder machen.

Hier allerdings verdecken die Autorinnen, dass die Ressentiments der Eltern keineswegs Überbleibsel aus einer rückschrittlicheren Zeit, sondern systematisch produziert worden sind – die Verknüpfung von Männlichkeit mit Gewalt, von männlicher Kindessorge mit sexuellen Übergriffen war und ist ein wesentlicher Bestandteil einer feministisch orientierten, sich fortschrittlich gebenden Geschlechterpolitik, wieder und wieder formuliert von Autorinnen wie Anita Heiliger oder Constanze Engelfried, dankbar aufgegriffen von Lobby-Organisationen wie dem Verband der Alleinerziehenden.

An vielen Stellen distanzieren sich die Autorinnen stillschweigend von solchen betonfeministischen Klischees, ohne sie jedoch ausdrücklich zu benennen. So zitieren sie zum Beispiel den Politologen und Volkswirt Gilles Duhem, der in Berlin-Neukölln ein Mentorenprogramm für Schüler initiiert hat.

„Das Problem des 21. Jahrhunderts sind die ungebildeten Männer und Jungen – ob Einwanderer oder Deutsche, ist nicht entscheidend.“

Diese Aussage widerspricht direkt einer Kernaussage der GEW-Studie „Bildung von Geschlecht“, die Bildungsnachteile von Jungen wegzureden versucht und dabei unter anderem den Eindruck erweckt, von solchen Nachteilen seien Kinder keineswegs als Jungen, sondern vorwiegend als Migranten betroffen.

Besonders bedrückend sind die von Raether und Stelzer zitierten Berichte des Düsseldorfer Professors Matthias Franz.

„Schon Jungen im Alter von zwölf Jahren haben eine dreimal so hohe Suizidrate wie Mädchen. (…) Ich habe wegen dieser Problematik zwei-, dreimal ans Bundesfamilienministerium geschrieben. Nie habe ich von dort in dieser Sache eine Antwort bekommen. Das Gruppenprogramm ‚Palme‘ für alleinerziehende Mütter, das wir entwickelt haben, wurde im Familienministerium dagegen sofort wahrgenommen – kurios, nicht?“ (13)
Die Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen ist nicht allein Folge ihres persönlichen Versagens, sondern auch Konsequenz eines sinnwidrigen Zuschnitts des Ministeriums: Nicht nur wird noch immer ein „Frauenministerium“ unterhalten, als ob es spezifische Probleme von Frauen, aber keine von Männern gäbe, dieses Ministerium wir auch noch mit dem Familien- und dem Jugendministerium zusammengelegt, so dass Männer und Jungen aus den Familien und Jungen aus der Kindheit und Jugend hinausdefiniert werden – zumindest, was die ministerielle Verantwortungsbereitschaft angeht.
„Ich finde es nicht schlimm, dass Mädchen in Sachen Bildung an den Jungen vorbeiziehen. Wären die Zahlen anders herum, würde kein Hahn danach krähen.“

Soweit Ursula von der Leyen 2006 als Familien-und Jugendministerin in einem typischen, wenn auch besonders zugespitzten Beispiel, in dem die Ministerin die umfangreiche jahrzehntelange Mädchenförderung im Interesse ihrer Pointe kurzentschlossen vergaß. Die Soldaten, für die sie heute auf dem publicityträchtigen Posten der Verteidigungsministerin Verantwortung trägt, waren vor sieben Jahren eben die Kinder und Jugendlichen, denen von der Leyen offen, frohgemut und – soweit es sie selbst betraf – folgenlos ihre ministerielle Verantwortung versagte. Es ist unwahrscheinlich, dass ihr das jemals persönlich schaden wird.

Warum der neue Mann so alt aussieht (und der alte ziemlich neu) Dass die Autorinnen diffus bleiben, wenn es um die Nennung von Verantwortlichen der von ihnen dargestellten, oft irrwitzigen Konstellationen geht, ist jedoch nicht das einzige Problem des Textes.

„Der moderne Mann befindet sich in der Phase eins der Trauer über die verlorene Macht, in der Phase also, in der der Verlust noch geleugnet wird.“ (12)
Das Problem von Männern ist in dieser Interpretation, dass sie sich nicht von den Ansprüchen auf ihre Herrschaft trennen können, obwohl diese längst vorbei ist. Als ein Beispiel bringen sie eine Pose des Rappers Kanye West mit seiner Verlobten Kim Kardashian aus einem Video.
„Es ist der Traum von einer vergangenen Zeit: der Mann bestimmt, wo es langgeht, die Frau hat nichts an und sieht nichts als ihn.“
Hätten sich die Autorinnen nur ein wenig mit Männerbildern in der Rock-und Popkultur der vergangenen Jahrzehnte beschäftigt, dann wäre ihnen schnell aufgefallen, dass Wests Pose keineswegs so prototypisch ist, wie sie das darstellen. Im Gegenteil.
Von der damals skandalösen Selbst-Inszenierung als männliches Sex-Objekt bei Elvis Presley, dem Versicherungsvertreter-Look Buddy Hollys oder der Mischung aus Virilität und Nervosität bei James Dean, der Boygroup-Struktur der Beatles, die den Typus des Intellektuellen, den des hübschen Romantikers, den des stillen Sensiblen und den des Komikers, aber eben nicht den des beständig starken Mannes besetzten, der bewussten Androgynität David Bowies, Mick Jaggers, Michael Jacksons oder von Prince, der von Boy George ganz zu schweigen, der Gebrochenheit der tragischen Figuren wie Jimi Hendrix oder Kurt Cobain bis zu gegenwärtigen Schauspielern wie Ryan Gosling, der beständig zwischen hartem Kerl und Loser changiert, oder dem auch von den Autorinnen erwähnten James Gandolfini, der Wucht und Verunsicherung in sich vereint (die Liste ist willkürlich und ließe sich beliebig fortsetzen):

Männliche Pop-Idole sind in aller Regel eben keine unerschütterlichen Herrscher, sondern zwiespältige, facettenreiche, starke, aber eben auch verletzbare Figuren. Dies sind sie schon traditionell, seit Jahrzehnten, und nicht erst, seit Feministinnen den „neuen Mann“ als einen Mann nach ihrem Bilde postulierten.

Typisch sind überdrehte Macho-Posen allenfalls für eine Hip-Hop-Ghetto-Kultur, aus der West selbst übrigens nicht stammt, typisch also für mediale Selbstdarstellungen aus einem Umfeld, in dem das Fehlen von Vätern besonders gravierend ist und die eindrucksvoll beispielsweise im Filmklassiker Boyz in the Hood dargestellt wurde. Der reale Vater wird möglicherweise durch Medienfiguren ersetzt, die aufgrund der fehlenden alltäglichen Erfahrung klischeehaft und eindimensional bleiben – auch bei den im Artikel oft erwähnten Bildschirmspielen, für die Raether und Stelzer Grand Theft Auto 5 als herausragendes Beispiel für blutigen „Männerkitsch“ anführen, lässt sich dieser Zusammenhang unschwer herstellen.

Anstatt sich also an die modische Verdammung des angeblich herrschaftsfixierten „alten Mannes“ anzuschließen, wäre es sinnvoll gewesen, die Bedeutung des Vaterverlusts deutlicher zu machen. Dafür aber hätte

„die im Artikel ausgeblendete Tatsache, dass die Familienpolitik nach wie vor deutlich zulasten der männlichen Elternteile geht“ (Tristan Rosenkranz in seiner Zeit-Kritik),

deutlicher herausgestellt werden müssen.

Die Vorstellung, Männer würden an einer verlorenen Herrschaftsposition festhalten und dabei den Anschluss an moderner Gesellschaften verlieren, knüpft an Hanna Rosins Besteller „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ an.

„Sie halten mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht mehr Schritt.“ (11)
Wenn aber Männer lediglich unter ihrem eigenen Festhalten an überholten Machtpositionen litten – warum sollte sich dann irgendjemand für ihre Probleme interessieren, und warum sollten diese Probleme gar politisch Verantwortliche angehen? Warum sollte es eine Männerbewegung geben, wenn die einzig wirklich nötige Bewegung darin bestünde, dass ein paar herrschaftsnostalgische Jammerlappen ihre Hintern hochbekommen?
Wer genau steckt hier eigentlich in der Krise? Immerhin distanzieren sich die Autorinnen, allerdings wieder ohne alle Namensnennung, von den Triumphposen Rosins, die angesichts der durch sie beschriebenen Schwierigkeiten von Männern und Jungen eitel und deplatziert wirken.
„Es ist eine Verlockung für Frauen, angesichts dieses Rollentausches zu triumphieren.“ (13)

Sie stellen aber nicht die naheliegende Frage, ob die Diagnose der Männerkrise, des allgemeinen Endes der Männer und des Aufstiegs der Frauen eigentlich stimmt. Naheliegend ist diese Frage schon allein deshalb, weil Männer nach wie vor in den Industrienationen den Löwenanteil der Erwerbsarbeit verrichten und den weit überwiegenden Anteil der Steuereinnahmen garantieren.

So wichtig es also ist, die Verletzung der Rechte von Männern und Jungen zum Titelthema zu machen, so bleibt doch unklar, welchen Zweck eigentlich der Anschluss an Rosins Männerdämmerungs-Fantasie hat. Wenn doch Frauen, die im Geiste Rosins agieren und agitieren, so selbstbewusst, autark und stark sind – warum haben sie es dann nötig, wieder und wieder eine tödliche Krise der Männer herbeizureden, zugleich aber den Männern, und mehr noch den Jungen, verbissen jede Hilfe zu versagen?

Eine einfache Antwort: Offenkundig sind viele Frauen keineswegs weniger verunsichert als viele Männer, sie haben nur größere Möglichkeiten, die Verantwortung dafür an andere zu delegieren und zugleich institutionelle Hilfe einzuklagen. Denn was sich überlebt hat, ist ja nicht das Bild des in der Erwerbsarbeit tätigen Menschen, der ist heute ebenso wichtig wie früher – überlebt hat sich das Bild der zu versorgenden Frau.

Je dysfunktionaler aber dieses Bild wird, desto verbissener halten politische Akteure – nicht nur Frauen, auch Männer – an ihm fest, auch wenn sie Versorgungsansprüche heute nicht mehr durch vorgeblich „natürliche“ Rollen von Männern und Frauen begründen, sondern durch die Fantasie einer umfassenden Männerherrschaft, die wieder und wieder eine ausgleichende Hilfe für Frauen notwendig mache.

Je panischer und herrischer aber an dieser dysfunktional gewordenen Vorstellung festgehalten wird, desto angestrengter werden auch Männer in Positionen manövriert, die sich längst überlebt haben und in denen sie längst nicht mehr gut leben können. Daran sind Angehörige beider Geschlechter beteiligt – es ist aber das größte Manko des Zeit-Artikels, dass er den Anteil von Frauen, und gerade von feministisch inspirierten Frauen, immer wieder nur knapp erwähnt und dann verwischt.

Eigentlich ist ein Text wie dieser typisch für eine Übergangszeit: Die Autorinnen versuchen, ehrlich und klar bestehende Probleme anzusprechen, sind gleichzeitig noch Interpretationsmustern verhaftet, die an der Entstehung eben dieser Probleme erheblich beteiligt sind, und produzieren daher offensichtliche Widersprüche, die ihnen selbst nicht aufzufallen scheinen. Der Titel ihres Textes bedient sich allerdings bei einem anderen Text, der ebenso mehrdeutig auf die Rede vom „schwachen Geschlecht“ anspielt – 2008, vor mehr als fünf Jahren, erschien im Focus schon einmal ein Artikel unter der Überschrift „Das geschwächte Geschlecht“, der schon damals darauf hinwies,

„dass das sogenannte starke Geschlecht inzwischen in vielen Bereichen benachteiligt wird“.
Der Übergang zu einer Situation, in der die Interessen und die Rechte beider Geschlechter, und die aller Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit, wahrgenommen werden, zieht sich offenkundig unendlich in die Länge. Dass er so lange andauert, zeigt deutlich, wie stark die Widerstände einer institutionell tief verankerten, tief reaktionären Geschlechterpolitik sind, die Männern und Jungen pathologisch empathiebefreit begegnet und die sich weigert, ihnen gegenüber Verantwortungen wahrzunehmen, die eigentlich selbstverständlich sein müssten.
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54 Comments

  • Der ZEIT-Artikel ist ein weiteres Aushängeschild feministischer um nicht zu sagen weiblicher Unaufrichtigkeit und Doppelmoral. Denn ohne breite Unterstützung der weiblichen Bevölkerung wäre eine solche verlogene Diskurshoheit nicht möglich.

    “Alles schaut auf die Chancen von Frauen. Übersehen wird: Immer mehr Männer fallen zurück. Sie halten mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht Schritt.” heißt es im Teaser des Artikels, der noch immer nicht online ist.
    Wie gestaltet sich denn dieser „gesellschaftliche Wandel“ bzgl. Männer?
    'Positive' Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, bildungspolitische Diskriminierung und familienrechtliche Diskriminierung als 'emanzipatorische' Fussfesseln. Ja, da muss Mann natürlich zu Boden gehen. Aber dort gehört er ja auch hin, damit Frau nach Belieben (dr)aufsteigen kann. Widerwärtig!

  • Ich sehe die Entwicklung nicht so negativ wie ReVolte. Grundsätzlich empfinde ich es schon als Fortschritt, wenn in Mainstreammedien überhaupt die Probleme von Männern angesprochen werden, diese Probleme also nicht ignoriert, verdrängt, kleingemacht oder höhnisch und abwertend kommentiert werden. Vielleicht merken die Feministinnen, dass es eine kleine, aber gewichtiger werdende Gegenbewegung gibt, die sie eben nicht mehr generell ignorieren können: Die Zahl der gehaltvollen männerrechtlichen Blogs ist gestiegen, wenn man sich die Kommentare unter einschlägigen Online-Zeitungs- und Zeitschriftenartikel anschaut, dann fällt auf, dass es häufig viele Kommentare sind und dass – so schätze ich – 90 Prozent davon feminismuskritisch sind. Die Ikone des Feminismus, Frau Schwarzer, ist inzwischen für viele Männer ein rotes Tuch. Und schließlich glaube ich auch, dass die – in den Massenmedien nicht auftauchenden – Alltagserfahrungen vieler Männer mit den Auswirkungen des Feminismus zu einer schleichenden Bewusstseinsveränderung bei manchen Männern führt. Für die wachsende Bedeutung der Männerrechtler und der Feminismuskritik sprechen auch die – z.T. verleumdenden – Publikationen der Heinrich Böll Stiftung oder gewisse Radiosendungen.
    Ich vermute, dass man sich in den einschlägigen Feministinnen-Netzwerken vielleicht auf diese vorsichtige Strategieänderung geeinigt hat.
    Ein weiterer Grund könnte aber auch sein, dass die Feministinnen befürchten, durch die uns drohende flächendeckende Frauenquote in der Privatwirtschaft eine deutlichere Gegenbewegung der betroffenen „positiv“ diskriminierten Männer zu erleben. Es wird nicht mehr nur „eng“ für einige männliche Hochschulmitarbeiter bzw. -bewerber oder für männliche Berufspolitker, sondern für viele, die Führungspositionen anstreben. Vielleicht wollen die Feministinnen durch ihr „Entgegenkommen“ die Männer ins Boot holen: „Wer seinen Gegner umarmt, macht ihn bewegungsunfähig.“ sagt ein tunesischer Spruch.
    Jenseits strategischer/taktischer Überlegungen der Feministinnen: Auch rein psychologisch kann man von Menschen (also auch von Feministinnen 🙂 nicht erwarten, dass sie von heute auf morgen radikal umschwenken. Bewusstseinsveränderungen sind ein langsamer, schleichender Prozess mit vielen Rückfällen, Relativierungen. Die damit einhergehenden Widersprüchlichkeit spiegeln sich dann auch in den Äußerungen – und auch in dem besprochenen Artikel wider.
    [KlausT]

  • Wir waren bereits vor Jahrzehnten an einem Punkt, der den „Dressierten Mann“ zum Gegenstand hatte. Esther Vilar hat die gleichen Punkte wie jetzt auch Raether/Stelzer aufgezählt, ohne dass hierauf diskursiv Bezug mit entsprechenden Strukturmaßnahmen genommen wurde. Im Gegenteil, angefangen mit Margarethe Mitscherlich wurde die Dämonisierung des Mannes voran getrieben, so dass sich jene misandrische Kultur, wie wir sie kennen und wie sie auch im ZEIT-Artikel deutlich zu vernehmen ist, etablieren konnte.
    Insofern gibt es keinerlei Anlass sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben.

  • Nur mal kurz: Trauer über die verlorene Herrschaft kann ja nur jemand empfinden, der einst herrschen durfte. Für wen trifft dies eigentlich zu? Es kommt mir wie Hohn vor, wenn Leute wie Rosin solche Thesen aufstellen. Ich denke mal, dass die wenigsten Männer je wirklich Herrschaft ausüben durften. Ich selber bin damit aufgewachsen, dass dem Manne der Drang nach Unterwerfung der Frau und nach Gewalt unterstellt wurde und dass Männer schließlich für alle Probleme der Welt verantwortlich seien. Ich wuchs also nicht auf als Thronerbe des Patriarchats, sondern als jemand, der sich schuldig fühlt für Dinge, die er – etwa als Kind – noch gar nicht hätte tun können. Ich war kürzlich mal wieder mit so einer Haltung konfrontiert. Eine Frau sagte, die meisten Männer wären eben mies. Ich sei eine Ausnahme. Sprich: für einen Mann wäre ich gar nicht so übel. Angesichts solcher Haltungen ist es auch kein Wunder, dass ich und viele andere auch emotional reagieren auf derartige Pauschalisierungen. Trauer um verlorene Herrschaft ist das nicht. Es ist eher die Wut über die Verweigerung der Würde.

  • Zeitschriften verstehen sich bekanntlich nicht alleine als Lieferant von Informationen, sondern auch Lieferant von Lebensanschauungen und als Erzieher. Für die ZEIT gilt das ganz besonders. Ich denke, man muß den Artikel aus der Perspektive einordnen.

    „Der moderne Mann befindet sich …“

    Ist dieser moderne Mann 20 oder 40 oder 60 Jahre alt?? Wieder mal die beliebte Pauschalisierung, mit der man sich vor der Erkenntnis drücken kann, daß die Geschlechterfrage bzw. die Frage des sozialen Zusammenlebens mehr von der Generation und der sozialen Klasse abhängt als vom Geschlecht. Aber bei mehr Differenzierung droht bekanntlich die DdD-Gefahr!

    „… natürlich gibt es den Gender Pay Gap,“

    Auch hier: kein Loslassen von den alten Verdummungsstrategien und zentralen Lebenslügen, die für die eigene feministische Identität grundlegend sind. Daß der Artikel nicht kommentiert werden kann, ist mMn auch kein Zufall: Die Zeit-Redaktion will sicherlich nicht wieder so ein Debakel unerwünschter Kommentierungen erleben wie beim letzten großen feminismusrelevanten Artikel, nämlich „Schlecht, schlechter, Geschlecht“ von Harald Martenstein, 6.6.2013, Details s. http://maninthmiddle.blogspot.de/p/medien.html#martenstein2013

    „Sie halten mit dem gesellschaftlichen Wandel nicht mehr Schritt.“

    Das scheint mir vor allem auf den heutigen institutionalisierten, an der Macht befindlichen Feminismus zuzutreffen (vor allem dessen Personal im Alter von 40 – 80 Jahren), deutlich mehr als auf den „modernen Mann“. Und auf die ZEIT-Redaktion, die Angst vor Kommentaren und kontroversen Debatten hat.

  • „Ist dieser moderne Mann 20 oder 40 oder 60 Jahre alt??“

    Das kann man noch weiter ausdifferenzieren: Welche Bildung hat er, welches Einkommen? Zu welchem Milieu gehört er? Es gibt nicht DEN Mann. Tatsächlich gibt es sehr unterschiedliche Konzepte des Mannseins. Und es gibt auch unterschiedlich verteilte Risiken für Männer bzw. Jungen.

    Im Übrigen kenne ich das Mantra des verunsicherten modernen Mannes schon lange. Es ist oft davon geschrieben worden. Der Mann würde nicht mehr wissen, was ihn als Mann ausmacht. Das ist immer wieder zu einem psychologischen Problem herabgestuft worden: Männer ohne die klassische Versorgerrolle litten an sich selbst. Tatsächlich drücken sich in diesen „Leiden“ aber gesellschaftliche Erwartungen aus. Angenommen, die Männerrolle wäre tatsächlich diffus geworden: Dann wären es eben Erwartungen, die unklar sind. Das sind aber auch Erwartungen, die Frauen an Männer richten und die – falls diese Rollenunsicherheit existiert – dann offenbar nicht eindeutig zu erfüllen sind. Derartige Probleme müssen also nicht zwingend die Folge althergebrachter Männlichkeitskonzepte bei den Männern selbst sein.

    Ich spitze das mal zu: je weniger Erwartungen von außen kommen würden, desto eher würden viele Männer einfach ihren Job machen und sich am Feierabend mit einem Bier auf die Couch setzen und damit zufrieden sein ohne jeden Zweifel an sich selbst.

  • Nun habe ich festgestellt, ich muss mir die Zeit nicht kaufen und mir auch die Zeit nicht nehmen diese zu lesen…

    Alter Wein in vergammelten Schläuchen…

    Danke für die Analyse…

    Gruss
    Kai

  • Das Dossier schliesst mit den Worten:

    „Wenn es eines Tages eine Männerbewegung gibt, die Frauen können sich freuen.“

    Ich habe die beiden Autorinnen mal per Mail informiert und auf diese Replik verwiesen. Mal sehen, ob die Frauenfreude angesichts der Männerbewegung hier im Kommentarteil Ausdruck findet.

  • Das war kein Artikel in der FAZ, das war in der Zeit. Bis auf „Sie macht die Diskussion über Macht und Gerechtigkeit noch komplizierter, als sie schon ist. Denn natürlich gibt es sexuelle Gewalt gegen Frauen, natürlich gibt es den Gender Pay Gap, die Geschlechterdifferenz beim Verdienst von Männern und Frauen.“ fand ich den ganz ok.
    Die erste Zeit, die ich mir seit 15 jahren gekauft hab 😉 Klasse kommentiert, Danke dafür!

  • @ ReVolte „Insofern gibt es keinerlei Anlass sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben.“ Das stimmt, die Gedanken sind seit Jahrzehnten in der Diskussion, ohne nennesnwerte Wirkung. Im Gespräch mit Schwarzer bezeichnete sich Vilar ausdrücklich als Feministin, wandte sich gegen weibliche Versorgungsansprüche, stellte es als Infantilisierung von Frauen dar, wenn sie allzeit als Schutzbedürftige präsentiert würden, redete über die geringere Lebenserwartung von Männern (die sie damit begründete, dass Arbeit krank mache), und machte klar, dass sie ihre Position als eine „Ehrenrettung“ für Frauen verstünde, weil sie auf Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit setze.

    Von Schwarzer wurde Vilar, Tochter einer jüdischen Emigrantenfamilie, dafür als „Faschistin“ beschimpft (http://www.dailymotion.com/video/xvzrr4_debate-esther-vilar-alice-schwarzer-06-02-1975_news , bei 30:20).

    „Wer steckt dahinter?“, frate Schwarzer, weil sie sich partout nicht vorstellen konnte, dass eine Frau selbstständig auf Gedanken wie die Vilars kommen könnte (so wie es ja generell ungerecht ist, Schwarzer als „Männerhasserin“ zu bezeichnen, weil sie Frauen mindestens ebenso sehr hasst).

    Laut wunderte sie sich darüber, dass Vilar noch nicht körperlich attackiert worden sei. Vilar selbst dazu im Rückblick: „Es gab Morddrohungen, ich musste mit Polizeischutz zu Lesungen gehen, und Feministinnen attackierten mein Haus. Ich bin eher ein zurückhaltender Mensch und möchte lieber anonym leben, aber dieses Buch hatte mich über Nacht bekannt gemacht. Die Leute erkannten mich auf der Straße und griffen mich an.“ http://www.zeit.de/2013/01/Rettung-Esther-Vilar

    Natürlich hatten ihre Bücher viele Passagen, bei denen ich mir gut vorstellen kann, dass Frauen sich darüber aufregten – sie sind oft enorm polemisch. Aber eine Polemik ist eben eine etasblierte Textsorte, häufig sehr wirkungsvoll, bei der man mit heftigem Widerspruch, aber bestimmt nicht mit Morddrohungen und kaum verkappten Gewaltaufrufen rechenen muss.

    Als Vilar, im Wortsinne, aus dem Land geprügelt wurde, wurde damit auch über Jahre hinweg eine geschlechterpolitische Position mundtot gemacht, die eine zivile Alternative zum Geschlechterkrieg à la Schwarzer hätte sein können.

    Heute aber sieht das anders aus. Die absurden Konsequenzen des Betonfeminismus sind heute viel deutlicher, allerdings ist er institutionell auch sehr viel stärker verankert. Trotzdem: Ich habe den Eindruck, dass die Gelegenheit für ziviles Geschlechterdebatten heute besser ist als vor vierzig Jahren.

  • @ LoMi „Das ist immer wieder zu einem psychologischen Problem herabgestuft worden: Männer ohne die klassische Versorgerrolle litten an sich selbst.“ Auch der Zeit-Artikel macht diesen Aspekt stark – wie weich oder hart ein Mann sein dürfe bzw. müsse, sei heute für Männer ein zentrales Problem. Als ob eigentlich alles in Ordnung wäre, aber Männer eine beständige Nabelschau betrieben und dadurch verunsichert würden.

    Ich glaube auch, dass es eher andersherum ist. Wenn Männer verunsichert sind, dann meist eher dadurch, dass sie versuchen, konsistente Positionen in einer völlig widersprüchlichen Situation zu entwickeln.

  • „Sprich: für einen Mann wäre ich gar nicht so übel.“ Das ist nicht nur deshalb ein vergiftetes Lob, weil es andere Männer schlechtmacht, sondern auch deshalb, weil sie dadurch sagt: Was du eigentlich und grundsätzlich bist, ist Mist, aber Du strengst dich an und wirst dadurch zu etwas Besserem, zu etwas Erträglichem.

    Unangemessen ist es, wenn man auf so etwas NICHT wütend reagiert…

  • @ReVolte: Nein, der Artikel ist nicht online, deshalb habe ich mir gestern ausnahmsweise mal wieder die Druckversion der ZEIT besorgt. Man muss den Artikel schon als Ganzen lesen, und Lucas Schoppe wird ihm meines Erachtens gerecht.

    Die Autorinnen tasten sich – aus ihrer Perspektive – in Neuland vor und zeigen entsprechende Unsicherheiten. Deswegen muss man die im Text enthaltenen Widersprüche benennen – ich finde es aber nicht zutreffend, ihm Doppelmoral vorzuwerfen, nur weil er tastend einen Fuß vorwärts setzt, anstatt mit beiden Beinen aus dem alten Diskurs herauszuspringen.

    Im Übrigen erwarte ich (realistischerweise) auch nicht, die publizistische Gerechtigkeit auf dem Tablett serviert zu bekommen. Die müssen sich Männer aus *ihrer* Perspektive erkämpfen, wie das vor vierzig, fünfzig Jahren die Frauen getan haben.

  • „Und auf die ZEIT-Redaktion, die Angst vor Kommentaren und kontroversen Debatten hat.“ Finde ich auch schade, dass der Artikel noch nicht online ist und kommentiert werden kann. Gerade so ein Text lädt doch zu Debatten ein. Aber eigentlich setzt das die Widersprüchlichkeit des Textes selbst fort: Durchaus mutig Diskussionen anzuregen, vor denen man dann aber selbstverständlich ängstlich zurückschreckt.

  • @ Klaus T „Bewusstseinsveränderungen sind ein langsamer, schleichender Prozess mit vielen Rückfällen, Relativierungen. Die damit einhergehenden Widersprüchlichkeit spiegeln sich dann auch in den Äußerungen – und auch in dem besprochenen Artikel wider.“ Das sehe ich ganz genau so. Nur ist es eben auch auffällig, wie ungeheuer schwerfällig sich Geschlechterdebatten verändern – als würde man versuchen, durch Kaugummi zu schwimmen. Das ist für mich nicht nur ein Symptom verständlicher Schwierigkeiten mit Veränderungen, sondern auch ein Zeichen erheblicher, institutionalisierter Widerstände dagegen.

  • „Ich habe den Eindruck, dass die Gelegenheit für ziviles Geschlechterdebatten heute besser ist als vor vierzig Jahren.“

    Und ich hoffe inständig, dass ähnlich wie nach 40 Jahren DDR, die kaderpolitische Einheitsfront in Politik und Medien endlich auseinanderbröselt.
    Dennoch, die Beharrungskräfte sind gewaltig – eben weil institutionell stark verankert. Nach meinem Eindruck nimmt das immer noch Fahrt auf, wenn ein Justizminister und Sozialfemokrat Heiko Maas Frauenquoten in der Wirtschaft will, während unsere Bundes-Ursula nunmehr jene „mittelalten Männer“ kommandiert, für die sie sich als Familienministerin erklärtermaßen nicht zuständig sah, ohne für derlei reaktionäre Haltung aus dem Amt zu fliegen. Zumal von ihr auch jetzt keine Gleichstellungsvorhaben bzgl. Wehrdiensttauglichkeit sprich Frauen-Musterung zu militärischen Zwecken laut werden. Kein Thema das, auch nicht bei ZEIT und SPIEGEL.

  • Schwarzers Stärke und Vilars Schwäche bestanden darin, dass die 70er Jahre vollmundig mit holzschnittartigen Gesellschaftstheorien operiert haben, von denen Schwarzer eine bieten konnte und Vilar nicht. Dass Vilar sich als genau beobachtende Literatin präsentiert hat, war damals wie heute ihre Stärke, konnte ihr aber zu der Zeit nicht helfen. Der feministische Diskurs stand damals im Kontext des antikolonialen und des linksradikalen Diskurses, und da wurde die Herrschaft »des Kapitals«, »des Patriarchats«, »des Imperialismus«, »des Westens« mit großer begrifflicher Münze zerpflückt. Mit einem Kern von Berechtigung, aber eben auch in narzisstischer Verblendung, trunken vom imaginierten Gefühl der eigenen historischen Bedeutung.

    Dass Schwarzer Vilar vorgeworfen hat, ihre Texte könnten im »Stürmer« stehen, zeugt zwar schon damals von ihrer demagogischen Infamie und ihrer Bereitschaft zur terroristischen Gewaltausübung, ändert aber nichts an der Notwendigkeit, nicht nur empirisch, sondern auch gesellschaftstheoretisch zu zeigen, *warum* Schwarzer (als pars pro toto für den gesamten Diskurs) entgegen der damaligen Anscheinsplausibilität falsch lag. Und da hat die Männerbewegung, wie mir scheint, noch *sehr* viel Arbeit zu leisten. Auch wichtige Texte wie die von Hollstein und Amendt sind da immer noch zu sehr der Psychologie verhaftet, und Hoffmanns Plädoyer für einen »linken Maskulismus« ist, bei allem Respekt vor seiner Arbeit, nur ein zahmes »miau« – der Mann ist in erster Linie Literat, nicht Gesellschaftstheoretiker.

    In Kuckliks »Unmoralischem Geschlecht« sehe ich da seit Jahrzehnten den ersten systematischen Ansatz, und das kann nur der Anfang sein. Jedenfalls sollten wir nicht erwarten, das dieses Desiderat in der ZEIT erfüllt wird.

  • „Deswegen muss man die im Text enthaltenen Widersprüche benennen“

    Das hat wie gesagt bereits Esther Vilar vor Jahrzehnten getan. Die Probleme sind spätestens seit Doris Lessings Charakterisierung (2001) von einer denkfaulen und heimtückischen Kultur, die sich des Feminismus bemächtigt habe, bekannt. Von Neuland zu sprechen, ist insofern doch eher bizarr.

    Feminismus ist für Gerechtigkeit angetreten. Da kann Mann schon erwarten, dass dem auch Folge geleistet wird.

  • „Feminismus ist für Gerechtigkeit angetreten. Da kann Mann schon erwarten, dass dem auch Folge geleistet wird.“

    *Jede* der großen modernen Emanzipationsbewegungen, die bürgerliche, die der Arbeiter und die der Frauen, weist diese Dialektik einer Entwicklung von einer Freiheitsbewegung über eine Phase des Terrors zum ideologisch erstarrten Bonzentum auf. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, es müsse sich beim Feminismus anders verhalten. Es gibt nur sehr viele Gründe, dem Feministinnen den Glauben auszutreiben, sie *wären* eine Ausnahme. Die müssen aber von den Männern genannt werden.

  • „ändert aber nichts an der Notwendigkeit, nicht nur empirisch, sondern auch gesellschaftstheoretisch zu zeigen, *warum* Schwarzer (als pars pro toto für den gesamten Diskurs) entgegen der damaligen Anscheinsplausibilität falsch lag.“

    Im Moment sehe ich da vor allem die Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit den feministischen Vorstellungen von Macht und Herrschaft. Der Begriff des „Patriarchats“ ist verbunden mit der These der alles durchdringenden Männerherrschaft, die bis in den kleinsten Winkel der Gesellschaft reicht. Das ist aus sozialwissenschaftlicher Sicht schon eine absurd steile These.

    Man könnte vermutlich erstens zeigen, dass Machtverhältnisse höchstselten einseitig sind. Schon begrifflich würde es sich zeigen, dass Macht kein Besitz ist, sondern eher Eigenschaft von Beziehungen. Macht tritt als Machtbalance auf.

    Zweitens könnte man die Bedingungen aufzählen, die erfüllt sein müssten, um eine umfassende Herrschaft des Patriarchats zu ermöglichen. Es würde schnell deutlich, dass ein solches totalitäres System kaum existieren kann.

    Drittens könnte man über den Status sozialwissenschaftlicher Theorien debattieren und würde schnell sehen, dass der überzogene Geltungsanspruch feministischer Doktrinen nicht haltbar ist.

  • Phase des Terrors trifft es gut.

    Die Frauenbewegung stellt vielmehr einen Ausbau diverser Safe und Comfort Spaces dar, denn eine Freiheitsbewegung. Deshalb die Umdeutung von Erwerbsarbeit in ein Privileg, denn der weiblichen Wahlfreiheit sollen per Quotensänfte die genehmen Plätze innerhalb einer profitorientierten Gesellschaft sichern helfen. Wer starb denn millionenfach auf den Schlachtfeldern und in den Minen? Und stirbt dort immer noch? Frauen?
    Ja warum haben sich denn wohl Männer zusammen gefunden und eine SPD gegründet? Um weiter Frauen ausbeuten zu können? Oder doch vielmehr um ihrer Unterprivilegierung und Dienstbarmachung bis hin zur Aufopferung zu entkommen, die noch heute nicht wenige in den Suizid treibt?

  • Die Begründung für meinen Ausnahme-Charakter war, dass die betreffende Dame viele schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hat. Und das ist der Knackpunkt: Man kann diese Erfahrungen kaum bestreiten. Denn natürlich gibt es Männer, die sich Frauen gegenüber übel benehmen. Ich fand mich also in der Defensive wieder. Denn wie sollte ich erklären, dass das ein Vorurteil ist, dass alle bzw. die meisten Männer mies seien? Dafür habe ich ja auch keine empirische Grundlage.

    An sich liegt das Vorurteil offen zutage. Nur reicht das nicht, um überzeugen zu können.

    Der Soziologe Norbert Elias hat ein englisches Dorf untersucht und festgestellt, dass es dort zwei Gruppen gab: Alteingesessene, die auch die wichtigen Machtpositionen besetzten, und Zugezogene. Sie waren auch räumlich getrennt. Schließlich hatte sich auch jeweils ein Gruppenimage herausgebildet. Die Zugezogenen galten als verkommen in vielen Hinsichten. Diese hatten diese Zuschreibung auch verinnerlicht und angenommen. Auch wenn sie die kritisierten Verhaltensweisen (Alkohol, Gewalt usw.) nicht zeigten, sahen sie sich als Teil der schlechteren Menschen an. Sie schämten sich.

    Dahinter stand ein Pars-Pro-Toto-Prinzip: Die Gruppe der Alteingesessenen definierte sich über ihre herausragendsten Mitglieder. Deren positive Eigenschaften schrieben sie sich als Gruppencharakter zu. Die Gruppe der Zugezogenen wurde definiert über ihre schlechtesten Mitglieder. Deren schlechte Eigenschaften wurden von den Alteingesessenen zum Gruppencharakter der Zugezogenen erklärt. Und diese haben im Laufe der Jahre genau diese Definition für sich selbst übernommen. Das wiederum war begründet in den realen Machtverhältnissen in der Kommune, also auf politischer Ebene, aber auch auf der Ebene der Leitung von Vereinen etc.

    Das kann man vermutlich für das Geschlechterverhältnis so übernehmen. Männer werden gemessen an den schlechtesten ihrer Vertreter. Und offenbar haben Männer derzeit kaum die Medienmacht, diese Zuschreibung zu bestreiten. Zumindest ist der öffentliche Diskurs einer, in dem Frauen bestimmen, was Männer sind und wann Männer sich schlecht benehmen.

  • @Lucas Schope: meine Hochachtung für diese unglaublich gute Kritik des Zeit artikels! =)
    Nahezu alles was sie geschrieben haben hat auch meine Meinung zu diesem Artikel wiedergespiedelt. Ich habe leider das Gefühl es ist eine art neue Strategie des Feminismus, Männer nun in die eher zu bemitleidende Jammerecke zu drängen.
    Letztendlich wurde auch nicht stark genug darauf eingegangen wie die föderale deutsche Politik den Feminismus langfristig aus den Händen der Frauen genommen hat und sich praktisch einverleibt hat.
    Das meiner Meinung nach größte Verbrechen der Geschlechterpolitik der letzten Jahrzehnte, nämlich die unglaublich einseitige Geschlechterförderung im deutschen Bildugsystem, (vom Kindergarten bis an die Hochschulen) kam ebenfalls nicht gebührend zur Geltung. Das ist das Grundgerüst allen heutigen und vor allem zukünftigen Übels. Mario

  • Die SPD wurde zu einer Zeit gegründet, als es plausibel schien, die Befreiung der Frau als einen Bestandteil der Befreiung der Arbeiterklasse zu betrachten – darum waren viele Frauenrechtlerinnen dieser Zeit zugleich Sozialistinnen. Das, womit wir es heute zu tun haben, ist die so genannte »Neue Frauenbewegung«, die als eine von mehreren Reaktionen auf die restaurativen Tendenzen der 50er Jahre entstanden ist. In dieser Entstehungszeit spielte eine Quotensänfte noch keine Rolle. Das kam erst mit der Etablierung staatlicher und staatsnaher feministischer Institutionen auf, die damit die ursprünglichen emanzipatorischen Absichten gegen das Primat einer Selbstlegitimierung als institutionelle Akteure ausgetauscht haben – ein klassischer Fall von Bürokratisierung im Sinne Max Webers.

    Der gleichzeitige Umschlag ins Illiberale resultiert (meiner Meinung nach) daraus, dass sich die größte Beharrlichkeit, sich in einer solchen Institutionalisierung einzurichten, aus einer konsequent radikalfeministischen Ideologie ergab, weshalb vorzugsweise *deren* Vertreter in gesellschaftlich einflussreiche Positionen gelangten – durchaus auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen, von der Frauenhausbewegung über alternative Buchläden, akademische und journalistische Karrieren bis in Staatsämter, die aber untereinander vernetzt waren und auf diese Weise sukzessive den öffentlichen Diskurs zum Thema kontrollierten.

    Aus ehemaliger DDR-Perspektive mag es so aussehen, als sei dieser institutionalisierte Feminismus immer schon da gewesen – zur Zeit der Konfrontation von Schwarzer und Vilar nahm der aber erst Fahrt auf.

  • @LoMi: ich denke auch, dass die feministische Ideologie in wissenschaftlicher Hinsicht auf tönernen Füßen steht und nicht mal durch die historische Frauenforschung selbst gedeckt wird. Einen Schlüssel zur Debatte sehe ich darin, dass im Feminismus »Gesellschaft« tendenziell auf eine Relation zwischen Männern und Frauen reduziert wird und das Verhältnis dieser Gesellschaft zu ihrer natürlichen Umwelt nur dann in den Blick kommt, wenn Männern der Vorwurf gemacht wird, »die Natur zu zerstören«. Tatsächlich aber kann man die Geschichte der menschlichen Zivilisation insgesamt auch als Emanzipation von den Zwängen dieser Natur verstehen, eine Emanzipation, von der Frauen im Zuge der Entstehung der modernen Medizin schließlich am meisten profitiert haben.

    Diese natürliche Umwelt zählt zu den »vorgefundenen Verhältnissen«, unter denen Menschen Marx zufolge ihr Leben leben, und auch die aus der Naturgeschichte ererbte geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist ein solches »vorgefundenes Verhältnis«. Tatsächlich gebärdet sich die feministische Ideologie aber so, als gäbe es »vorgefundene Verhältnisse« nur für Frauen, während Männer jederzeit »Herren« über diese Verhältnisse wären. Und das ist nicht nur aus der Perspektive eines historischen Materialismus unsinnig, sondern schlechterdings geschichtsblind und unwissenschaftlich.

  • „weshalb vorzugsweise *deren* Vertreter in gesellschaftlich einflussreiche Positionen gelangten – durchaus auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen, von der Frauenhausbewegung über alternative Buchläden, akademische und journalistische Karrieren bis in Staatsämter, die aber untereinander vernetzt waren und auf diese Weise sukzessive den öffentlichen Diskurs zum Thema kontrollierten.“

    Ich hänge ungern Verschwörungstheorien an. Dennoch gibt es diese Kontrolle des Diskurses. Man stelle sich ein Universitätsgremium vor und Beiträge, die gut und gerne auch in Blogs wie diesen hier stehen könnten. Vermutlich gäbe es für den Redner jede Menge Ärger. Man würde Druck auf ihn ausüben.

    Es ist jedenfalls beobachtbar, dass die Privatmeinung von Männern in solchen Räumen stark abweicht von dem, was sie dort öffentlich äußern. Und es ist jedem klar, dass es gewisse Meinungen gibt, die man besser nicht äußert. Diskussionen zum Thema Geschlechter haben in der Öffentlichkeit daher eher einen Ritualcharakter mit erwartbarer öffentlicher Bestätigung feministischer Glaubenssätze.

  • Nachtrag:
    „Aus ehemaliger DDR-Perspektive“ sieht dieses Ritual aus wie eine weitere Variante, öffentlich Linientreue zu bekunden.

  • @LoMi „Man stelle sich ein Universitätsgremium vor und Beiträge, die gut und gerne auch in Blogs wie diesen hier stehen könnten. Vermutlich gäbe es für den Redner jede Menge Ärger. Man würde Druck auf ihn ausüben.“

    Ich bin studierter Soziologe, habe das aber nie zum Beruf gemacht. Ich bin überzeugt davon, dass ich in meiner kritischen Sicht des Feminismus deutlich eingeschränkt wäre, wäre ich nach dem Studium in einer akademischen Karriere sozialisiert worden. Es ist nicht unmöglich, sich dort kritisch zu äußern, aber es bleibt ungewiss, welchen Preis man dafür zahlen wird – und das reicht aus, um überwiegend Konformität zu erzeugen.

  • Hallo Kollege ^^

    Es ist schwierig, sich dort zu äußern, allein schon, weil man keine Unterstützung bekommen wird. Dass der Kaiser eigentlich nackt ist, sagt eben keiner. Würden alle freimütig ihre Meinung äußern, wäre die Nacktheit des Monarchen offenkundig.

    Natürlich gibt es – anders als in der DDR – keine Gesinnungspolizei. Man kann prinzipiell alles sagen, was man will. Es gibt aber sozialen Druck. Diejenigen, die diesen Druck ausüben, sind durch ihre Stellen (Gleichstellungsbeauftragte, Gleichstellungskommission und ähnliches mehr) sozial abgesichert und gesetzlich legitimiert. Ihre Macht erwächst aber natürlich auch aus der Konformität der Männer. Ihr Schweigen gibt den Damen recht.

  • Das gilt genauso für die soziale Umwelt. Menschen werden in Gesellschaften hineingeboren und sie wachsen in Beziehungen auf. Beziehungen haben auch immer Machtcharakter. Wenigstens ergibt sich das Problem, dass ein anderer Mensch eben „nein“ sagen kann, wenn ich was will. Gerade, wenn ich etwas von jemanden will bzw. gar brauche, gewinnt der Andere Handlungsoptionen, also auch Macht. Daraus entstehen ganz grundlegende Beziehungsdynamiken, über die niemand wirklich Herr ist, selbst wenn er ein Stückchen politische Macht besitzt.

    Diese ganz grundlegenden Dinge hat der Feminismus heroisch aus seiner Theorie geworfen. Stattdessen glauben sie an die Heilung von allen möglichen Zwängen durch die Gestaltung von Gesellschaften. Sie glauben, dass alle denkbaren Widrigkeiten überwunden werden könnten durch menschliche Formung. Das ist naiv.

  • @Schoppe: „konsistente Positionen in einer völlig widersprüchlichen Situation“ – das verweist genau auf den feministischen Doppelstandard: Männer *machen* gesellschaftliche Situationen (insbesondere zuungunsten von Frauen), aber unterliegen ihnen selbst niemals. Das zieht sich hinunter bis in die so genannte »Matriachatsforschung«, wo sich die alten Indoeuropäer am wenigsten gegen solche Zuschreibungen wehren können. Dass geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ein *System* ist, aus dem man nicht einfach durch einen Willensakt aussteigt, kommt diesen gendergespülten Hasenhirnen nicht in den Sinn.

    Tatsächlich ist der moderne Geschlechterkonflikt in einer Hinsicht ein Nullsummenspiel: Frauen haben sich die gesellschaftliche *Wahl* zwischen Karriere und Familie *auch dadurch* erkämpft, dass sie diese Wahl *für Männer* blockiert haben – entgegen aller Lippenbekenntnisse. Die Verhältnisse für Männer haben sich nicht wirklich geändert, aber dass sich Männer nicht verändern, wird ihnen als privates Versagen angelastet.

  • Kann das nicht einfach eine reguläre Zeitverzögerung sein? Auch beim »Cicero« werden manche gedruckte Artikel oft erst nach Wochen online verfügbar.

  • Kann sein, dass mein befristeter Vertrag nicht verlängert wird dank des Drucks der Feminismus-Lobby. Aber ich muss bislang in der BRD nicht ins Gefängnis, wenn ich die falsche Meinung öffentlich sage. So habe ich das gemeint.

  • Tatsächlich ist der moderne Geschlechterkonflikt in einer Hinsicht ein Nullsummenspiel: Frauen haben sich die gesellschaftliche *Wahl* zwischen Karriere und Familie *auch dadurch* erkämpft, dass sie diese Wahl *für Männer* blockiert haben – entgegen aller Lippenbekenntnisse. Die Verhältnisse für Männer haben sich nicht wirklich geändert, aber dass sich Männer nicht verändern, wird ihnen als privates Versagen angelastet.

    Das nenne ich die feministische (weibliche) Ambivalenz. Einerseits wird andauernd der familienorientierte „neue Mann“ gefordert. Begehrt aber wird der beruflich erfolgreiche Karrierist. Der Hausmann wird als positives Beispiel progressiver Männlichkeit medial dargestellt, ist aber gemäss Umfragen bei Frauen völlig unattraktiv. Feministen beklagen das unzureichende Engagement der Väter im Bereich der Erziehung, stemmen sich aber mit aller Macht gegen angemessene Rechte für Scheidungsväter und gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass dem Vater die Verantwortung für die materielle Versorgung obliegt.

  • Die hier in den Kommentaren geäußerten Ansichten kann ich nur als Beispiel einer Zustandsbeschreibung betrachten und sicher ist es nicht leicht in wenigen Worten die Gesamtsituation zu erfassen oder nachgerade in Summe realistisch darzustellen.

    Insofern würde ich die Ansichten, Einsichten, Erfahrungen, Kritiken mehrheitlich als hoffärtig bezeichnen, wenn man bedenkt, dass sich seit Jahren immer wieder Artikel in der ZEIT, im SPIEGEL, im FOCUS oder der FAZ finden, welche die diskursive Verweigerung oder Filterbubble des Feminismus beschreiben, auf Anliegen männlicher Menschen eingehen oder bspw. den Bildungsmißerfolg von Jungs thematisieren.

    Bloß: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Diese Artikel werden auch in den nächsten 50 Jahren mit schöner Regelmäßigkeit als Soma für die Männerbewegten auftauchen, ohne dass die realgesellschaftlichen Zustände eine Besserung erfahren. Bei aller Euphorie ist in Politik und Medienlandschaft in den Periodika jede Kritik an den sozialen Mißständen aufgespreizt und diversifiziert genug, als das nicht auch ein Artikel pro Mann und seinen Nöten hin und wieder drin wäre, wohingegen topdown EU und deutschen Parteien Gender und Feminismus implentiert sind, dass die Gegenwehr über die etablierten Parteien und das demokratische Procedere gar nicht möglich ist – zumal Gender in den Inhalten der Bevölkerung mehrheitlich gar nicht bekannt ist, wie ich immer wieder erleben kann. An den Universitäten vergrößert sich bisher mit jedem neuen Semester die Zahl der Themen, die unter feministisch-genderistischer Weltsicht eingemeindet werden. Reziprok, interpoliert wachsen dort die jungen Menschen heran, die schon bald in allen Ressorts der Medien diese Weltsicht weiter aufblähen werden.

    Trotz der vielen Begrifflichkeiten, ausgehend von der Rassismus-Theorie, werden Spezieismus, Veganismus, Lookism, Healthism und ähnliche Buzz-Words inflationär aus dem akademischen Betrieb in Politik und Periodika getragen; gefestigt durch Sonderregelungen, die in der Frauenquote nur den ersten Ausdruck finden.

    (Liberalität und freiheitliche Lebensführung werden einem allumfassenden Lebenskonzept weichen, welches man noch in der Privatheit in Teilen aushebeln kann, dass aber in der Folge durch die Digitalisierung des Menschen mehr und Freiräume verlieren wird – wenn meinswegen Krankenkassen die Einkaufsgewohnheiten ihrer Kunden auslesen und demnach einen „fairen“ Beitrag erheben.)

    Wer meint, es würde besser werden, weil hin und wieder ein Artikel oder ein Sonderheft erscheint, sollte sich besser vergegenwärtigen, dass die 68er unter anderem noch von Überbau sprachen. Dieser sieht ganz anders aus als Medien und Politik zugeben würden und man sollte das Glasperlenspiel aktuell in der ZEIT nicht damit verwechseln.

    (Henning Veitgen, PvdD)

  • „Kann das nicht einfach eine reguläre Zeitverzögerung sein?“ Bestimmt – schon allein, um den Verkauf der gedruckten Ausgabe zu gewährleisten.
    Trotzdem wäre es gut, wenn es eine Möglichkeit des Kommentars gäbe, der Artikel ist ja eigentlich auf kontroverse Diskussionen angelegt.

    Und der Kommentar von mitm bezog sich ja auch auf die seltsamen Erfahrungen mit der Zeit anlässlich von deren Martensein-Artikel, der die Gender-Forschung scharf kritisierte und der so umfangreich und zustimmend kommentiert wurde, dass der Kommentarbeeich nach ein paar Tagen plötzlich geschlossen wurde.

    Den verlinkten Artikel auf „Maskulismus für Anfänger“ dazu finde ich sehr lesenswert. „Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, daß die Zeit-Redaktion einen heroischen Kampf gegen die Meinung der Mehrheit der Leser führt (…).“

  • Ich finde die Diskussion äußerst interessant und gehe auch davon aus, dass es wichtig ist, „nicht nur empirisch, sondern auch gesellschaftstheoretisch zu zeigen, *warum* Schwarzer (als pars pro toto für den gesamten Diskurs) entgegen der damaligen Anscheinsplausibilität falsch lag.“ Dabei sind es in meinen Augen mindestens zwei Aspekte, die wichtig sind.

    Einerseits zu zeigen, was an dem feministsichen Model à la Schwarzer falsch war. Dabei sind die Stichworte „Macht“ bzw. „machtbalance“ und das verhältnis zur „Umwelt“ besonders wichtig. In beiderlei Hinsicht imaginierten Feministinenn wie Scharzer Männer naiv – oder aber mit Vorsatz – als unangefochtene Herrscher, so dass sie Männern Handlungszwänge, Hilflosigkeiten und Ohnmachtserfahrungen höchstens dann einmal zugestanden, wenn diese durch andere Männer verursacht wurden – und die Imagination der männlichen Allmacht unangetastet bleiben konnte. Eine eigentlich schon im Ansatz völlig unsinnige Phantasie.

    Andererseits müsste aber auch erklärt werden, warum ein solches Modell denn eigentlich „Anscheinsplausibilität“ gewinnen konnte – denn es ist doch eigentlich staunenswert unplausibel. Welche Funktion hat es erfüllt, und erfüllt es? Wozu wurde und wird es so sehr gebraucht, dass seine offenkundigen Inkonsistenzen schlankweg übersehen wurden?

  • „Tatsächlich gebärdet sich die feministische Ideologie aber so, als gäbe es »vorgefundene Verhältnisse« nur für Frauen, während Männer jederzeit »Herren« über diese Verhältnisse wären.“

    Interessanter Aspekt. Da steckt wohl letztlich der Wunsch dahinter, dass Männer die von Frauen vorzufindenden Verhältnisse so gestalten, wie es Frauen behagt. Ein Rekurs auf das tradierte Geschlechterverhältnis, also. Der Mann bezwingt die Natur und legt sie der Frau zu Füßen..

    Lucas hat, in diesem Artikel, nmE etwas sehr entscheidendes angemerkt:

    „Offenkundig sind viele Frauen keineswegs weniger verunsichert als viele Männer, sie haben nur größere Möglichkeiten, die Verantwortung dafür an andere zu delegieren und zugleich institutionelle Hilfe einzuklagen. Denn was sich überlebt hat, ist ja nicht das Bild des in der Erwerbsarbeit tätigen Menschen, der ist heute ebenso wichtig wie früher – überlebt hat sich das Bild der zu versorgenden Frau.

    Je dysfunktionaler aber dieses Bild wird, desto verbissener halten politische Akteure – nicht nur Frauen, auch Männer – an ihm fest, auch wenn sie Versorgungsansprüche heute nicht mehr durch vorgeblich „natürliche“ Rollen von Männern und Frauen begründen, sondern durch die Fantasie einer umfassenden Männerherrschaft, die wieder und wieder eine ausgleichende Hilfe für Frauen notwendig mache.“

    Man kann es auch symbolhaft an der sexuellen Revolution festmachen:

    „Among radical feminists, the view became widely held that, thus far, the sexual freedoms gained in the sexual revolution of the 1960s—in particular, the decreasing emphasis on monogamy—had been largely gained by men at women's expense.“

    http://en.wikipedia.org/wiki/Radical_feminism#Ideology_emerges_and_diverges

    ..und bekommt vielleicht eine Idee, warum der radikale Feminismus sich so obszessiv auf das Thema „sexuelle Gewalt“ fixierte – diese sei das zentrale Unterdrückungsinstrument des „Patriarchates“, und komme _immer_ und _überall_ zum Ausdruck. (Ein Appell an männliche Beschützung?)

    Wenn die Ratio, auf breiter gesellschaftlicher Front, derart wie beim Thema Feminismus offenbar systematisch ausgeschaltet wird, dann scheint es mir naheliegend zu sein dass wir es mit tiefsitzenden Ängsten und Unsicherheiten zu tun haben.

    Kann man sowas mit rationalen Argumenten überhaupt adressieren?

    Grüße

    Nick

  • „Andererseits müsste aber auch erklärt werden, warum ein solches Modell denn eigentlich „Anscheinsplausibilität“ gewinnen konnte „

    Dazu gibt es viel zu sagen.

    1.) Viele Sozialwissenschaftler meinen, es sei in Ordnung, von einem politischen Standpunkt aus zu theoretisieren. Damit entfällt jede Reflektion des eigenen Standpunktes. Dazu passend förderd das akademische System konventionelles Arbeiten im Geiste des Mainstreams und bestraft risikoreiche Forschung im Sinne von Neuentdeckung. Derartiges fördert unhinterfragtes Übernehmen von vorhandenen Theoriekonstrukten.

    2.) Das Frauenleben ist nicht immer so genussvoll, wie manch Feminismuskritiker das sieht. Der Feminismus wird plausibel, weil er auf ein Lebensgefühl trifft. Beispiel: Die Vereinbarkeit von Beruf und Erwerbsleben. Das ist wirklich ein sehr praktisches Problem der Bewältigung des Alltages. Ein anderes Beispiel sind etwa Schönheitsideale. Diese gibt es und sie werden massenmedial propagiert und das erzeugt Erwartungen, unter denen ganz sicher Frauen leiden. In meiner Schule, als ich so 15-16 war, war es üblich, Mädels zu verspotten mit Sprüchen, wie „BMW – Brett mit Warzen“ oder „Sieht aus wie Schneewittchen, kein Arsch und kein Tittchen“. Solche von Jungs (nicht allen, aber doch erheblich vielen) gezeigten Verhaltensweisen schaffen schon Probleme.

    Beide Punkte führen dann zu einer Plausibilität. Die eigenen Probleme scheinen durch die feministische Theorie heilbar. Man reflektiert die zum eigenen Lebensgefühl passenden Theoriekonstrukte nicht weiter.

    Das ist der Männerbewegung auch nicht fremd. Sie bemerkt es oft nur nicht, dass sie selber anfällig ist für solche einseitigen Sichtweisen. Nicht wenige Feminismuskritiker operieren aus einer ideologischen Nische heraus (Stichwort: Homosexualität. Stichwort: Familie, Kinder). Und manch Feminismuskritiker zeigt dann auch althergebrachte Rollenverständnisse, die in Aussagen, wie „Frauen sind per se nicht leistungswillig bzw. -fähig“, deutlich werden. Gerade solche Haltungen plausibilisieren Teile des Feminismus eben auch. Sie bestätigen die Existenz einer radikalen Vorstellung von Geschlechterrollen.

    Nicht zuletzt erzeugen die ideologischen Prämissen vieler Feminismuskritiker Blindheit gegenüber den praktischen Problemen von Frauen. Deshalb begreifen sie auch nicht, warum für viele Frauen Feminismus eben mehr ist als nur ein irrationaler Wahn.

    Witzigerweise ignorieren solche Feminismuskritiker gerne auch die Probleme von Männern. Leute, die die Elternschaft für ein bloßes Freizeitvergnügen halten, übersehen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf genauso für Männer ein Problem ist und sie übersehen, was djadmoros gestern schrieb, dass gesellschaftliche Arbeitsteilung ein System ist, aus dem man nicht so einfach aussteigen könne.
    .

  • Der Zeit Artikel zeigt nichts anderes als die völlige Ignoranz der Autorinnen in Bezug auf das was Sie schreiben. Seit etwa 1870 haben Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer, die Suizidzahlen sind seit Anfang der Suizidausweisung bekannt.
    Nichts, aber auch gar nichts ist faktisch neu – und nebenbei offenbaren die Autorinnen ihre erschreckende Unkenntnis männlicher Lebenswelten, wenn diese vom Büro als Erwebsraum des Mannes sprechen, denn „das Büro“ ist Refugium der Frauen. Lediglich ca 4 Mio Männer arbeiten im Büro oder büronahen Tätigkeitem, jedoch 6 Mio. Frauen. Das kriegt man ganz gut aus der amtlichen Statistik raus.
    Hat die Zeit kein Faktenchecking mehr? Oder darf man inzwischen völlig faktenbefreit in zeitungen schreiben solange es um Männer geht?

  • @LoMi:

    Zumindest ich bin der Auffassung, dass Feminismus teilweise seine Berechtigung hat und insbesondere historisch hatte.

    Allerdings scheint Feminismus etwa Mitte der 1970er eine starke Wendung erfahren zu haben. Fast alle Quellen, die mir bisher untergekommen sind, sprechen dafür. Tendenziell eher marxistische Feministinnen beispielsweise – man mag von ihnen halten, was man will, in dem Fall scheinen sie mir recht zu haben – konstatieren eine solche Wendung:

    *Some feminists, most notably Alice Echols and Ellen Willis, held that after about 1975[2] most of what continued to be called „radical feminism“ represents a narrow subset of what was originally a more ideologically diverse movement. Willis saw this as an example of a „conservative retrenchment“[21] that occurred when the „expansive prosperity and utopian optimism of the '60s succumbed to an era of economic limits and political backlash.“[21] They label this dominant tendency „cultural feminism“[2] and view it as a „neo-Victorian“[41] ideology coming out of radical feminism but ultimately antithetical to it.[42] Willis drew the contrast that early radical feminism saw itself as part of a broad left politics, whereas much of what succeeded it in the 1970s and early 1980s (both cultural feminism and liberal feminism) took the attitude that „left politics were 'male' and could be safely ignored.“[43] She further wrote that whereas the original radical feminism „challenge[d] the polarization of the sexes“,[41] cultural feminism simply embraces the „traditional feminine virtues“.[41] Critics of cultural feminism hold that cultural feminist ideas on sexuality, exemplified by the feminist anti-pornography movement, severely polarized feminism, leading to the „Feminist Sex Wars“ of the 1980s.*

    http://en.wikipedia.org/wiki/Radical_feminism#Criticisms

    ..und der Kampf ging weiter, die „cultural feminists“ haben den Laden dann vollständig übernommen, sie stellten das, was sich als Feminismus institutionalisiert hat. Was Christina Hoff-Sommers zu der Frage und zum Buchtitel „Who Stole Feminism?“ veranlasste..

    Das ist doch die Sorte Feminismus, die uns Probleme macht, und mit den darauf folgenden Poststrukturalisten wurde es nicht besser.

    Es ist nmE weniger die Frage, warum Feminismus an sich eine Anscheinsplausibilität hat, sondern eher, warum diese Anscheinsplausibilität offenbar an keinerlei Grenzen stößt.

    Sicher – „[die] Dialektik einer Entwicklung von einer Freiheitsbewegung über eine Phase des Terrors zum ideologisch erstarrten Bonzentum“ (djadmoros) – aber warum meint man denn, dass es sich beim Feminismus anders verhalte?

    Die Frage ist für mich weniger, warum Feminismus sich so entwickelt hat, sondern eher, warum ausgerechnet dieser Feminismus offenbar einen Resonanzraum findet.

    Ich bin bisher zu keinem plausibleren Schluß gekommen als den, dass dieser Feminismus von einer klammheimlichen Sehnsucht nach den Gewißheiten der guten alten Geschlechterrollen angetrieben ist. Die starke Rückbesinnung auf viktorianische Weiblichkeit, die insbesondere in der geradezu obsessiven Beschäftigung mit dem männlichen Sexdämon zum Ausdruck kommt, spricht in meinen Augen dafür.

    Grüße

    Nick

  • „..und der Kampf ging weiter, die „cultural feminists“ haben den Laden dann vollständig übernommen, sie stellten das, was sich als Feminismus institutionalisiert hat.“

    Das mag teilweise so sein, zumindest wäre diese Gruppe anschlussfähig für konservativere Kreise, also für Personen wie Ursula von der Leyen etwa.

    Aber im akademischen Bereich würde ich behaupten, dass eher die gender-orientierten Feministinnen das Sagen haben. Das wiederum sind eben jene, die weiterhin sich gegen Geschlechterrollen stellen und die eigentlich die „tradional feminine virtues“ als essentialistisch ablehnen müssten.

  • @LoMi

    „Das mag teilweise so sein,“

    Die Feminismushistorikerin Alice Echols spricht ausdrücklich von einer „dominant tendency“: „most of what continued to be called 'radical feminism'“. „radical feminism“ wiederum schreibt sich seit eh und je auf die Fahnen, „gender-orientiert“ zu sein.

    Das ist ja gerade Echol's Kritik: Das allermeiste, was sich ab mitte der 1970er als radikaler Feminismus labelte war nach ihrer Auffassung „ultimately antithetical“ dazu. Soweit ich mich erinnere führt sie das darauf zurück, dass:
    – Feminismus sich aus der „großen Politik“ verabschiedete und eine „Frauensubkultur“ (daher die Bezeichnung) begründete (Frauenzentren, Frauenbuchläden etc) Eine Frauensubkultur sei schwer vorstellbar ohne weibliche Essenz
    – Feminismus meinte, man müsse der in der Gesellschaft verbreiteten Abwertung des Weiblichen etwas entgegensetzen, indem man „als weiblich konnotiertes“ aufwerte und „als männlich konnotiertes“ abwerte (->Mary Daly)
    – Der Sexualkonservativismus (->anti porn etc), der mit vermeintlich allgegenwärtiger sexueller Gewalt an Frauen begründet wurde

    „..zumindest wäre diese Gruppe anschlussfähig für konservativere Kreise..“

    Das war sie ja auch, insbesondere aufgrund der vehementen Kritik an der „sexualisierung der Gesellschaft“ Es gibt nicht wenige, die darin den Grund dafür sehen dass dieser Feminismus sich stark im Mainstream etablieren konnte.

    „Das wiederum sind eben jene, die weiterhin sich gegen Geschlechterrollen stellen und die eigentlich die „tradional feminine virtues“ als essentialistisch ablehnen müssten. „

    Man müsste sich eben Personalien anschauen. Natürlich trugen alle „Gleichheitsfeminismus“ und „Antiessentialismus“ vor sich her, ich halte das jedoch für ein grobes Paradox. Man kann wohl kaum ernsthaft z.B. Alice Schwarzer als Antiessenzialistin begreifen. Diese wiederum hat sich ihr Weltbild auch nicht selbst ausgedacht, sie hat es von US-Feministinnen wie Dworkin, MacKinnon, Brownmiller, Daly etc. Personen, die auch einen großen Einfluß auf die damals neuen „womens studies“ hatten.

    Wenn man die Geschlechter als antagonistische Klassen begreift, dann muss man wohl zwangsläufig beim Essenzialismus landen. Ob man den nun biologistisch oder kulturalistisch begründet ist wohl, wie man aus der Rassismusforschung weiß, eher zweitrangig. Im Gegensatz zum Marx'schen Klassenantagonismus scheiden sich die „Klassen“ hier streng an biologischen Merkmalen.

    Nick

  • @Nick: »aber warum meint man denn, dass es sich beim Feminismus anders verhalte?«

    Ich denke erstens darum, weil der Kulturfeminismus tatsächlich die Anschauung vertritt, dass Frauen die »besseren Menschen« wären, und zweitens darum, weil bislang noch niemand eine historisch saubere Schadensbilanz des Feminismus, also sozusagen ein »Schwarzbuch Feminismus« analog zum »Schwarzbuch Kommunismus« aufgestellt hat (es gibt ein »Schwarzbuch Feminismus« von Ursula »Schwarzbuch-Uschi« Caberta, aber darin meint sie bloß, dass es der Feminismus noch nicht doll genug treibt).

    Ansonsten trifft die Beschreibung des Übergangs zum Kultur- und Differenzfeminismus m. E. ziemlich genau den historisch entscheidenden Punkt.

    @ LoMi: »Das mag teilweise so sein, zumindest wäre diese Gruppe anschlussfähig für konservativere Kreise, also für Personen wie Ursula von der Leyen etwa.«

    Das liegt in meinen Augen einmal an dem Austausch von grundsätzlicher »Systemkritik« gegen psychologisierendes und moralisierendes Denken (was man auch schön an der Affinität von Feminismus und protestantischer Kirche beabachten kann – man lese nur Antje Schrupp 🙂 ), und zum anderen an dem, was man als »Kooptierung des Feminismus in die kapitalistische Dienstklasse« bezeichnen kann: die Ökonomie hat nur Vorteile vom Eintritt möglichst vieler Frauen in den Arbeitsmarkt, solange Folgekosten wie Kinderbetreuung auf den Staat abgewälzt werden können. Hanna Rosin ist heute das markanteste Beispiel für einen Standpunkt, der Frauen notfalls ohne Männer im Zentrum des kapitalistischen Erwerbslebens verankern will, während Männer sukzessive an den unteren Rand wandern sollen (natürlich wird ihnen vorgeworfen, sie seien selber schuld).

    Misandrie und Politische Korrektheit des Feminismus liefern einem kulturell repressiven Kapitalismus zudem eine gegen Verlierer gerichtete Beschämungskultur sowie Herrschaftstechniken der sozialen Hinrichtung (siehe Kachelmann) frei Haus. Damit ist der institutionalisierte Feminismus problemlos an Konservsatismus und Marktradikalismus zugleich anschlussfähig.

  • @ man.in.th.middle Danke schön! Ich freue mich immer, wenn ich zur Verwirrung meiner Mitmenschen beitragen kann, auch wenn ich dabei gerade selbst nicht völlig verwirrungsfrei bin. Tatsächlich war der Zeit-Artikel ja schon eine Weile online, aber wohl erst seit heute ist er auch über die ersten Seite der Internetausgabe zu finden. Das macht sich durchaus bemerkbar…

  • Ich habe gestern abend einige hundert Kommentare zu dem Artikel durchgesehen (z.Z. insg. 296 Kommentare vorhanden), um mir ein Bild von der allgemeinen Stimmung zu machen.

    Sehr negativ aufgefallen sind mir diverse Kommentare, die mit absurden Vergleichen zwischen Menschen und irgendwelchen Kriechtieren und unhaltbaren biologischen Argumenten kommen. Nach meinem Eindruck sind das meist keine „geschlechterpolitischen Aktivisten“, sondern Otto oder Ottilie Normalverbraucher, die in der Materie inkompetent sind und sich trotzdem zu Worte melden. Der Unsinn, den diese Leute verzapfen (Elmar bekäme einen Herzinfarkt), wird aber der Männerrechtsbewegung in die Schuhe geschoben.
    Wie man mit diesem Problem umgehen soll, ist mir nicht ganz klar.

  • Irgendwann muss man mal ermitteln, wieso diese Art Vulgärbiologie solch eine Konjunktur hat. Im Grunde ist das ja eine fatalistische Haltung: Wir sind, wie wir sind und daran ist nichts mehr zu ändern. Ist das Ausdruck einer Resigation in einer Gesellschaft ohne Utopie?

    Ich jedenfalls finde es nicht sinnvoll, mich ausschließlich als Knecht meiner Gene zu betrachten. Dann wäre mir ja selbst diese Einsicht schon aufgezwungen und nur ein Trick, mein Erbgut zu verbreiten.

  • Das ZEIT-Dossier wurde gestern für einen Tag auf der Startseite präsentiert. Eigentlich müsste er in der Liste „Meist kommentiert“ auftauchen, denn mit 300 Kommentaren liegt er über den dort aufgeführten Artikeln. Nichts dergleichen. Daran erkennt man einmal mehr, wie viel Energie bei der ZEIT für das gewünschte Interpretationsmuster in Sachen Geschlechterpolitik aufgewendet wird.
    Die eine Redaktionsempfehlung für PhilipH ist deshalb in der Tat bemerkenswert.

    Allerdings besteht für das Wochenblatt angesichts seiner verkauften Auflage nicht der geringste Anlass sich in der Art der tendenziösen Berichterstattung zu reformieren. Allein schon die Menüpunkte der Startseite zu 'Karriere' (Managerinnen der Zukunft, Frauen und Karriere, Neue Arbeitsrechtsurteile) machen deutlich, dass auch zukünftig in den Redaktionsstuben allein Frauen der medialen Unterstützung und Aufmerksamkeit wert befunden werden.

    Die feministische Hegemonie ist unumstösslich, weil institutionell fest verankert.

  • @ man.in.th.middle „Wie man mit diesem Problem umgehen soll, ist mir nicht ganz klar.“ Nach meinem Eindruck waren die Kommentare sehr bunt gemischt. Es gab Kommentare, die auch in ihren Bezügen aufs Tierreich tatsächich so verrückt waren, dass sie schnell wieder gelöscht wurden (z.B. der hier: https://twitter.com/Abraxas1971/status/422396632156475392/photo/1 ).

    Vielen war aber auch anzumerken, wie froh die Schreiber waren, dass einmal ein solcher Artikel in der Zeit erschien – wodurch (@ Revolte) der Umgang der Zeit mit ihrem Artikel, der ja ein riesiger Erfolg ist, umso rätselhafter wird.

    Vielleicht drückt sich in den ziemllich beliebigen Biologie-Rückgriffen gar keine „fatalistische Haltung“ aus (@ LoMi). Bei Schülern und Schülerinnen merkt man es deutlich, dass die Ausenandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidetität ein zentral wichtiger Bestandteil des Aufwachsens ist. Das bleibt offensichtlich auch bei Erwachsenen so. Damit erklär ich mir auch den Rückgriff auf offensichtlich unpassende biologische Sachverhalte – z.B. auf das Verhalten von Insekten:

    Einerseits ist das Interesse groß, sich ein Bild davon machen zu können, wie man „als Mann“ oder „als Frau“ ist – andererseits sind diese Kategorien ja auch sehr vage, und man könnte alles Mögliche damit verbinden (und das nicht erst, seitdem es Gender-Studies gibt). Da ist die Versuchung einfach sehr groß, ein paar klare, knackige Metaphern zu finden, zum Beispiel bei den Tieren. Wie ist es denn etwa bei den Gottesanbeterinnen? Oder bei den Löwen?

  • @ Schoppe „Es gab Kommentare, die … so verrückt waren …“

    Diese Miss Torso war ein krasser Fall, aber so offensichtlich, daß man es wiederum nicht mehr ernst nimmt. Nach meiner Erinnerung waren aber auch ziemlich schräge Vergleiche von Personen dabei, die nicht offensichtlich randalierende Trolle waren.

    Ich habe im Moment kaum Zeit und deshalb die Kommentare nur überflogen. Es sind viele dabei, die sich negativ über Männerrechtler äußern, zum Teil gleichzeitig auch über den Feminismus, wo mir unklar ist, welche Realitätswahrnehmung diesen Meinungen zugrundeliegt und wie man mit solchen Leuten diskutieren müßte.

  • „Vielleicht drückt sich in den ziemllich beliebigen Biologie-Rückgriffen gar keine „fatalistische Haltung“ aus (@ LoMi)“

    Als fatalistisch empfinde ich alle die Biologie-Bezüge, die sämtliche Lebensäußerungen lediglich als Kampf ums Überleben und als Durchsetzung der Stärkeren interpretieren. Es gibt eine ganze Menge Leute, die das Geschlechterverhältnis nur noch so deuten, dass es ausschließlich um Selektion, um Konkurrenz und um maximierten Nutzen bei der Verbreitung des eigenen Erbgutes geht. Das lese ich als „Schicksal“ (Fatum), dass man laut diesen Leuten schlicht hinnehmen müsste. Solche Meinungen halten Kultur für eine reine Illusion oder lediglich für ein Vehikel des survival of the fittest.

    Da frage ich mich schon, warum so viele Menschen nicht mehr daran glauben, dass man Gesellschaften kultivieren kann. Möglicherweise passt dieser Gedanke ewiger Konkurrenz zu den ökonomischen Entwicklungen der Gegenwart. Schließlich zieht der Wettbewerb in jede Nische der Gesellschaft ein, weil man die Gesellschaft auch politisch nach Marktprinzipien umgestalten möchte.

    Zum Thema Geschlechtsidentität: Ja, die spielt schon eine große Rolle. Hier begeht der Feminismus einen großen Fehler. Regeln und Normen gelten ihm als Unterdrückungswerkzeuge, die es zu zerstören gilt. Der Feminismus verkennt den Doppelcharakter von Regeln. Natürlich disziplinieren sie, aber sie erzeugen auch erst Handlungsmöglichkeiten (habe ich von Anthony Giddens), sie ermöglichen auch erst Identität. Man kann nicht alle Regeln zerstören, ohne nicht auch Identität zu zerstören. Ich kann mir schon vorstellen, dass der Rückgriff auf Biologie dazu dient, die dauernde Infragestellung von Gewissheiten abzuwehren.

    Das ist nicht zwangsläufig „reaktionär“. Es ist auch Abwehr eines neuen Normen-Regimes. Schließlich erzeugt der Feminismus eben viele neue Regeln und deutet damit auch Geschlechtsidentität um.

  • […] Die Einleitung ließ mich aufhorchen: „Geschlechterpolitik kann nicht länger von der Idee homogener Geschlechtergruppen ausgehen. Im Sinne des Diversity Management muss sie die Vielfalt unter Frauen und Männern annehmen und benachteiligungsfrei gestalten.“ Eine Absage an die Sinnhaftigkeit, jeweils alle Frauen und Männer über einen Kamm zu scheren? Na, das ist doch mal interessant! Später wird das noch ergänzt durch die Feststellung, dass es nicht „das eine“ Männlichkeitsbild gibt, sondern schon immer verschiedene gegeneinander konkurrierten – also das Gegenteil der stets behaupteten „toxischen Männlichkeit“, die „alle“ Jungen von klein auf lernen, hingegen gut zu verbinden mit der von Lucas Schoppe dargestellten Vielfalt der Männlichkeitsbilder unter den Pop-Idolen. […]

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