Wie man durch Unfreiheit Freiheit schafft, rückwärts vorwärts fährt und dabei viel Kuchen bekommt

Ein Professor der Erziehungswissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität hatte – darauf macht Crumar in einem Kommentar zum ersten Teil dieses Textes aufmerksam – in einer Vorlesung für Erstsemester einen entscheidenden Fehler gemacht: Er hatte nämlich, wie eine Studentin der Vorlesung berichtet,  unklugerweise „unter den Pflichttexten auch Autoren wie Platon, Kant und Rousseau“ aufgenommen.
Das geht natürlich nicht, und so kam selbstverständlich unter dem hoffnungsvollen akademischen Nachwuchs der Bundeshauptstadt „die Frage auf, wieso wir denn Texte aus der Antike lesen sollten, also aus einer Zeit, in der Frauen unterdrückt und Menschen versklavt wurden“. Da Frauen ja bekanntlich immer unterdrückt wurden, kann man eigentlich auch gleich fragen, warum man überhaupt Texte lesen sollte, und überhaupt, wieso ausgerechnet im Studium, aber in dieser gedanklicher Konsequenz gingen die Beteiligten nicht vor. Nicht ganz.

Die Frage danach, ob die Lektüre eigentlich legitim sei, wurde auch „im Zusammenhang mit Autoren wie z.B. Kant und Rousseau wiederholt gestellt“ – schließlich ist deren Verhältnis zum Rassismus ja, gelinde gesagt, ungeklärt.

„Den Höhepunkt dieses Gefechts bildeten dann die Vorfälle in der letzten Vorlesung. Die kleine Gruppe Studierender, die zuvor Fragen gestellt hatte, rekrutierte, wie es aussah, einige ihrer Kommilitonen der Gender-Studies, die dann ironischerweise lautstark applaudierten und jubelten, sobald der Professor anfing zu reden. Diese letzte Vorlesung war für die meisten Studierenden ungemein wichtig, da auf Verständnisfragen bezüglich der klausurrelevanten Themen eingegangen werden sollte. Dies war nun nicht möglich. Der Professor versuchte in dem Chaos auch eine Annäherung, ging zu den Beteiligten, die in den Bänken saßen und versuchte ein Gespräch. Parolen wurden gerufen, er wurde ignoriert.“

Was soll das? Woher kommt – und zwar nicht auch, sondern ausgerechnet im akademischen Bereich – die Lust an Freund-Feind-Strukturen, mit denen Abwertungen im Rundumschlag verteilt werden und einer als korrupt wahrgenommenen Welt schnurstracks der Glaube an die eigene Lauterkeit entgegengehalten wird, die sich ganz gewiss, und ohne Kompromisse machen zu müssen, schließlich gegen die verderbte Welt behaupten kann?
Der evolutionäre Sinn der Freude an der Rückentwicklung ist noch nicht vollständig geklärt (Quelle)
Der erste Teil dieses Textes endete mit einer ganz ähnlichen Frage: Wer kann ein ernsthaftes Interesse daran haben, auf diese Weise begrenzte, aber reale Möglichkeiten der vernünftigen Gestaltung sozialer Interaktion zu ignorieren und sie durch die Illusion einer umfassenden und willkürlichen Handlungsmacht im Sinne abstrakter Ideale zu ersetzen?

Wie man Handlungszwänge los wird und aus Minderheiten Fetische bastelt Es sei, so LoMi hier in einem Kommentar mit Bezug auf den Soziologen Karl Otto Hondrich,
„ein grenzenloser Optimimus, alles gestalten und umformen zu können. Davon hat Hondrich die Soziologie abgegrenzt, weil diese sich eigentlich mit unvermeidlichen Handlungslogiken beschäftige, die der Mensch nicht gestalten könne.“
Auch wer Geschlechter als soziale Konstruktionen begreift, könnte diese Konstruktionen eigentlich jeweils daraufhin überprüfen, welche Funktion sie erfüllen und welche Grenzen sie haben. Wer hingegen im Anschluss an Judith Butler die „heterosexuelle Matrix“ lediglich als Reproduktion gesellschaftlicher Herrschaft begreift, interessiert sich nicht für solche konkreten Überlegungen, sondern weiß auch ohne näheres Hinsehen und abstrakt immer schon, dass sich etablierte Geschlechterverhältnisse weitgehend auf die Funktion der Herrschaftssicherung reduzieren lassen.
Pragmatische Handlungszwänge, wie etwa der Zwang des Gelderwerbs, können dabei großzügig als irrelevant übersehen und komplikationslos auf das Konto umfassender Herrschaftsstrukturen gebucht werden – als könnten wir ohne diese Strukturen schnurstracks frei von solchen Handlungszwängen sein. Die Idee der umfassenden Reproduktion von Herrschaftsstrukturen im traditionellen Geschlechterverhältnis etabliert so eine bequeme Spaltung der Wirklichkeit, bei der einer verbissenen und notorisch abstrakten Herrschaftskritik auf der anderen Seite die Illusion einer umfassenden Handlungsmacht gegenübersteht.

Besonders verdächtig wird in einer solchen Perspektive der Begriff der „Normalität“. Pragmatisch wie evolutionsbiologisch lässt sich leicht erklären, dass es bestimmte Verhaltensweisen gibt, die zwar nicht in jedem Einzelfall, aber im Großen und Ganzen erfolgreich sind, die weiter gegeben werden, sich weiträumig etablieren und schließlich als „normales Verhalten“ wahrgenommen werden.
Das bedeutet nicht, dass davon abweichendes Verhalten falsch oder krank ist, es könnte sogar als Ressource für Veränderungen oder als Erweiterung des Handlungsspielraums begrüßt werden. (Zu eben diesen Zusammenhängen hat Christian Schmidt schon etwas bei der letzten Blogparade geschrieben.)
Allerdings erfüllt auch die Idee der „Normalität“ selbst eine wichtige Funktion. Wir sehen bestimmte Verhaltensweisen als selbstverständlich an, und wir können damit unsere Erwartungen an andere ebenso wie ihre Erwartungen an uns abschätzen. Ohne diese Selbstverständlichkeiten wären wir beständig damit beschäftigt, die Grundlagen der sozialen Interaktion zu hinterfragen, und würden darüber überhaupt nicht mehr zum Interagieren zu kommen.

Auch hier aber können Abweichungen von den Selbstverständlichkeiten gleichwohl eine wichtige Funktion erfüllen, beispielsweise als Möglichkeit, über sie zu reflektieren – und dies im konkreten Fall, nicht im ungefähren Allgemeinen.

Wer hingegen Verhaltensweisen, die weithin etabliert sind, allein als Reproduktion von Herrschaftsstrukturen begreift, der reflektiert nicht lediglich über die Möglichkeiten, die sich aus abweichendem Verhalten ergeben – sondern er macht aus der Normabweichung einen Fetisch. Die Abweichung von der Norm nämlich lädt er auf mit den Sehnsüchten nach dem abstrakten Ideal des herrschaftsfreien Lebens – als ob beispielsweise Schwule oder Transsexuelle nicht etwa Menschen wären, die in den meisten Belangen ihres Lebens in ganz gewöhnliche pragmatische Alltagsnotwendigkeiten verstrickt sind, sondern stattdessen mehr oder weniger unfreiwillige Avantgardisten einer lichteren Zukunft. (Zu diesem Thema ist ein Brief des Transsexuellen Walter Greiner an Genderama sehr lesenswert.)

Hier kann auch eine Kritik am Stuttgarter Bildungsplan ansetzen, die sich nicht auf eine Gegnerschaft gegen Homosexualität kapriziert. Es ist ganz gewiss gut vertretbar, dass der Bildungsplan das Ziel hat, Ausgrenzungen von Schülern aufgrund bestimmter Eigenschaften entgegenzutreten. Warum aber fixiert sich der Plan so sehr auf sexuell konnotierte Ausgrenzungen, warum etwa ist die so wichtige soziale Ausgrenzung für ihn irrelevant? Und wenn er sich auf sexuelle Zusammenhänge konzentriert, warum geht es ihm dann wieder und wieder um Homosexuelle und Transsexuelle, aber niemals, beispielweiese, um Sadomasochismus? Warum also nur LGBT, kein BDSM?

Anders gefragt: Was haben Homo- und Transsexualität, die ja als sexuelle Orientierung oder als geschlechtliche Identität ganz unterschiedlichen Kategorien angehören, miteinander gemein, das sie auf der einen Seite von BDSM, auf der anderen von den Formen sozialer Diskriminierung unterscheidet?

Mir fällt tatsächlich als Gemeinsamkeit nur ein, dass sich sowohl Homosexuelle als auch Transsexuelle aus unterschiedlichen Gründen in Distanz zu traditionellen heterosexuellen Partnerschaften befinden. So verständlich es aber sein mag, Jugendliche, die außerhalb heterosexueller Selbstverständlichkeiten leben, vor Diskriminierungen zu schützen – der Bildungsplan setzt diese Absicht auf seltsame Weise um, wenn in ihm die Distanzierung von herkömmlichen heterosexuellen Partnerschaften als Bedingung für die „Akzeptanz“ diskriminierter Gruppen erscheint.

Dass die Landesregierung nicht pragmatisch mit der Situation umgeht, sondern sich (ebenso allerdings wie auch Gegner des Bildungsplans) in Freund-Feind-Mustern verfängt, zeigt sich an ihrer Reaktion auf Kritik. Anstatt eine Diskussion ihres Regierungshandelns als demokratische Selbstverständlichkeit anzusehen, stigmatisiert sie Kritiker generell als „homophob“ und verweist ihre Kritik in die „unterste Schublade“.

Anstatt also etwa konkrete Möglichkeiten zu entwerfen, Homosexuellen an Schulen das Leben zu erleichtern, benutzt die Landesregierung sie als Deckung und versteckt sich hinter ihnen, um offene Diskussionen ihrer Politik vermeiden zu können.

Quoten für die Reichen, Pay Gaps für die Armen, Kuchen für mich Damit aber ist immer noch nicht klar, welchen Sinn es eigentlich hat, pragmatische Handlungszwänge – aber eben auch Handlungsmöglichkeiten – zu Gunsten der Illusion umfassender idealer Handlungsmacht zu ignorieren. Ein weiteres Zitat Dewey kann bei der Antwort vielleicht helfen.

Dewey versteht einige klassische Probleme der Philosophie, wie etwa das Leib-Seele-Problem, als Spiegelung sozialer Strukturen. Eine Geringschätzung der Auseinandersetzung mit dem Materiellen und eine Idealisierung abstrakter Formen bringt er beispielweise mit der Struktur der antiken griechischen Gesellschaft in Zusammenhang:

„Formen sind ideal, und das Ideale ist das Rationale, das von der Vernunft begriffen wird. (…) (Die) griechische Reflexion, die von einer müßigen Klasse im Interesse einer Liberalisierung der Muße getragen wurde, war vorwiegend die des Zuschauers, nicht die des Teilnehmers am Prozeß der Produktion. Arbeit, Produktion, schien keine Formen zu schöpfen, sie hatte es mit der Materie oder mit sich wandelnden Dingen zu tun (…).“  (1)
Das gilt so nicht nur für die griechische Antike. Wer sich die Illusion umfassender Handlungsmacht bewahrt, Geschlechter beispielweise abstrakt allein als „soziale Konstruktionen“ versteht, die – etwas guten Willen vorausgesetzt – auch einfach ganz anders konstruiert werden könnten, und wer dabei pragmatische Handlungszwänge ebenso ignoriert wie die biologischen Grundlagen unseres Lebens – der muss sich diese Position überhaupt erst einmal leisten können.

Diese Position kann sich aber nur jemand leisten, der daran gewohnt ist, dass ihm andere Menschen alltägliche Handlungsnotwendigkeiten abnehmen.

In diesem Sinn ist die Spaltung der Welt in das Ideal ihrer umfassenden Formbarkeit auf der einen und die Abwertung der konkreten, also biologischen oder sozialen Gegebenheiten auf der anderen Seite ein schlichter Ausdruck von gesellschaftlichen Privilegien. Das bedeutet nun nicht, dass Frauen allüberall gegenüber Männern privilegiert wären – aber feministisch inspirierte Gender-Konstrukte sind hervorragend geeignet, um die Interessen wohletablierter, privilegierter, bildungsbürgerlich sozialisierter Gruppen gegenüber anderen Gruppen der Gesellschaft zu verteidigen.

Wer die internen Konflikte der bürgerlichen Geschlechterordnung auf die Gesellschaft insgesamt projiziert und sie dort zu deren Hauptwiderspruch hochspielt, der weigert sich, etwas anderes wahrzunehmen als das, was er ohnehin immer schon kennt. Das ist wesentlich effektiver, als offene Debatten um soziale Gerechtigkeit durch einfache Verbote zu verhindern – sie werden stattdessen ersetzt und durch farcehafte Simulationen aus der öffentlichen Wahrnehmung gedrängt, die das vertraute Muster des Klassenkampfes als Geschlechterkampf nachspielen.

Diese Fixierung auf Ersatzdebatten ist natürlich kein Ergebnis einer heimlichen Verschwörung, sondern eher das Resultat einer konsequenten, aber weitgehend uneingestandenen und in ihren Konsequenzen unreflektierten Verbürgerlichung von politischen Gruppierungen mit einem „linken“ Selbstverständnis. Der Wille, die eigenen Privilegien zu verteidigen, trifft sich hier mit dem Bedürfnis, sich zugleich als integre, sozial verantwortliche Streiter für die Belange Unterprivilegierter präsentieren zu können. „Dann sollen sie doch Kuchen essen (aber bitteschön nicht meinen).“

Besonders bedrückend ist natürlich die Entwicklung der ehemaligen Arbeiterpartei SPD, deren Protagonisten sich mit Konvertiteneifer die Klischees des Geschlechterkampfes zu eigen gemacht haben (dazu ist bei Cuncti gerade ein Buch von Klaus Funken erschienen: Zum 150sten keine Festschrift. Anmerkungen zur SPD heute).

Wenn der sozialdemokratische Justizminister Heiko Maas im Gleichklang mit der sozialdemokratischen Frauen- und Familienministerin Manuela Schwesig dem Gesetz zur Frauenquote in Aufsichtsräten „oberste Priorität“ einräumt, dann schieben beide erstaunlich selbstverständlich die Interessen einer kleinen Gruppe ohnehin schon Privilegierter in den Mittelpunkt ihrer Politik.

Weniger privilegierte Frauen hingegen werden durch die Rede vom „Gender Pay Gap“ abgespeist, die verbissen in der öffentlichen Debatte gehalten wird, obwohl ihre sachliche Haltlosigkeit vielfach belegt ist: Frauen, die wenig verdienen, erfahren, dass es ganz gewiss allein die Bevorzugung der Männer sei, unter der sie leiden.

Unterprivilegierte Männer wiederum erfahren, dass sie im Vergleich zu Frauen noch immer viel zu viele ungerechtfertigte Vorteile genießen.

Auch diese Diskussionen bleiben sorgfältig im Abstrakten und Allgemeinen – je mehr bei der Untersuchung des Verdienstes von Männern und Frauen auf den konkreten Kontext geachtet wird, desto mehr verschwindet bekanntlich der Eindruck einer Lohn-Diskriminierung von Frauen.

Problematisch ist vor allem, dass diese Form der Politik sich mit großer Entschlossenheit in öffentlichen Institutionen festbeißt. Ebenso abstrakt wie die Diskussion über das Gender Pay Gap bleiben beispielsweise die Klischees der „geschlechtergerechten Sprache“, deren Verwendung an manchen Universitäten verpflichtend und die für einige Dozenten (generisches Maskulinum) gar Bedingung dafür ist, studentische Arbeiten überhaupt anzunehmen. Soziale Gerechtigkeit wird nach dieser Vorstellung, so abstrakt wie nur möglich, durch die mechanische Manipulation grammatikalischer Regeln produziert.

Dieses Vorgehen wird nur Menschen einleuchten, deren alltägliche Wirklichkeit tatsächlich vorwiegend sprachlich verfasst ist und die gegenüber den meisten pragmatischen Handlungsnotwendigkeiten gleichgültig bleiben können. Auch die Plausibilität „geschlechtergerechter Sprache“ begrenzt sich damit weitgehend auf einige privilegierte Gruppen, die im Allgemeinen einen akademischen Hintergrund haben – und auch dort weitaus eher auf Sozial- und Geisteswissenschaftler als auf Naturwissenschaftler. Diese nämlich werden kaum der Illusion erliegen, Wirklichkeit ließe sich tatsächlich dadurch ändern, dass jedem zweiten Substantiv ein „_in“ angehängt wird.

Wie man linksrum nach rechts und rückwärts vorwärts fährt Nun aber lässt sich die Ablehnung biologischer Argumente in den Gender Studies besser verstehen. Anders als die Chemie oder die Physik tritt die Biologie in eine direkte Konkurrenz zu gendertheoretischen Erwägungen, weil eben auch sie systematisch Aussagen über die Bedingungen menschlichen Verhaltens trifft. Die Ablehnung begründet sich allerdings kaum auf dem Vorwurf der „Naturalisierung“ der Geschlechter – naturalisierende und generalisierende Äußerungen über Männer sind Gender-Theoretikerinnen schließlich in aller Regel kaum der Rede wert.

Allerdings stimme ich Crumar völlig zu, wenn er hier in den Kommentaren schreibt:
„Es geht nicht nur um den Feind namens ‚Biologie‘, sondern der Genderismus ist m.E. inzwischen ein unverhohlenes Projekt zur GEGENAUFKLÄRUNG.“
Die Gegnerschaft zur Biologie ist nicht das wesentliche Anliegen dieses Projekts, sie ist aber symptomatisch. In dieser Ablehnung zeigt sich eher eine fatale politische Schwerpunktsetzung: eine Fixierung auf die Illusion beliebiger Formbarkeit menschlichen Verhaltens und auf abstrakte Ideale.

Diese Fixierung ist notwendig verbunden mit einer Gegnerschaft zu pragmatischen und evolutionären Überlegungen, die bestehende Strukturen nicht im hoffnungslosen Vergleich mit abstrakten Idealen abwerten, sondern deren Funktion und Grenzen untersuchen – die an konkreten Nachweisen der eigenen Positionen interessiert sind – und die auf dieser Basis auch konkrete Handlungsalternativen entwerfen können.

Es ist eine Fixierung in entschlossener Gegnerschaft zu evolutionären Modellen, seien sie nun biologisch, politisch oder soziologisch formuliert.
Gerade aber, weil es nicht allein um Biologie und auch nicht allein um Naturwissenschaft geht, ziehen Gegner dieser Fixierung die Grenzen an einer falschen Stelle, wenn sie einen Fakultätenstreit inszenieren und im Gegenzug gegen Sozial-und Geisteswissenschaften polemisieren. Ein Beispiel, eines von vielen möglichen, ist ein Text von Hadmut Danisch, in dem er einen Beitrag von Christoph Kucklick empfiehlt, zwischendurch aber kaum an sich halten kann.

Der Begriff „Diskurs“  ist ihm selbstverständlich ein „Begriff aus dem Reich des Geisteswissenschaftlergeschwätzes“, er listet „Erkennungsmerkmale für Sozioschwätzer“ auf und kritisiert Kucklick dafür, dass er „mittendrin aber auch mit diesem saudummen Gender-Geschwätz daher“ käme. Ebenso wie andere Positionen, die Judith Butler gemeinsam mit Theodor Adorno oder der Einfachheit halber gleich mit der ganzen Soziologie als „Sozialkonstruktivismus“ verdammen, zieht Danisch hier die Grenzen, die Gender-Theoretikerinnen kalkulierend setzen, einfach nur von der anderen Seite nach.

Tatsächlich läuft die Grenze nicht zwischen den Fakultäten, und eine überzeugende Position gegen gendertheoretische Positionen und ihre politische Verwendung lässt sich nur formulieren, wenn deutlich wird, dass es dort um etwas ganz anderes geht: um die Sicherung von Privilegien – um die Besetzung öffentlicher Debatten mit narzisstischen Positionen, in denen privilegierte Gruppen ihre internen Probleme zu Grundproblemen der Gesellschaft emporschreiben und hinaufschreien – um die Etablierung fester Freund-Feind-Strukturen  – und um die Verhinderung von Entwicklungen.

Dass die damit verbundene Politik umfassender Formbarkeitsillusionen feministisch daherkommt, ist allerdings nicht notwendig. Diese Orientierung hat ihren Grund wohl darin, dass feministische Positionen in aller Regel an eben die gesellschaftlichen Strukturen anknüpfen, die zu überwinden sie vorgeben – insbesondere an schroffe Gegenüberstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit und an stillschweigend reproduzierte Erwartungen an männliche Versorgungsleistungen.

Würde der Maskulismus eine bessere Möglichkeit bieten, eine reaktionäre Politik der Privilegiensicherung als progressiv verkaufen zu können, dann würden sich die Parteien der bürgerlichen Linken vermutlich innerhalb von kurzer Zeit in maskulistische Parteien verwandeln.

Was allerdings nicht bedeutet, dass das ein vernünftiges politisches Ziel wäre.

(1) John Dewey: Erfahrung und Natur, Frankfurt am Main 1995, S. 100

Dieser Text ist der zweite Teil eines längeren Textes. der erste Teil ist dies: Wie man die Biologie abschafft, die Evolution blockiert und nebenbei die ideale Gesellschaft baut

Wie man die Biologie abschafft, die Evolution blockiert und nebenbei die ideale Gesellschaft baut

„Baden-Württemberg will Biologie-Unterricht abschaffen. Stuttgart in den Händen der Gender-Ideologen.“
So betitelte Mitte des Monats die Wirtschaftswoche  einen Artikel über die grün-rote Bildungsplanreform. „Denn die Biologie ist ihnen ein Greuel“, begründet dessen Autor Ferdinand Knauß ohne Angst vor falschem Pathos die Pläne der Landesregierung.
Vermutlich wäre der Artikel für die Erregung von Empörung weniger geeignet gewesen, wenn Knauß zumindest nebenbei erwähnt hätte, dass die Landesregierung lediglich in den Schuljahren 5 und 6 das Fach „Naturphänomene und Technik“ einführen möchte, das sich „aus den Fächern Physik, Chemie, Biologie und Technik“ zusammensetzt.  Knauß hätte bei der Gelegenheit dann übrigens auch gleich erwähnen können, dass diese Zusammenlegung von naturwissenschaftlichen Fächern an Gesamtschulen schon seit Jahrzehnten üblich ist – es lässt sich darüber streiten, ob das sinnvoll ist, aber es ist gewiss keine Konsequenz der „Gender-Ideologie“.

Einerseits wird also in Baden-Württemberg das Fach Biologie keineswegs abgeschafft, andererseits hätte der Autor ebenso gut von einer Abschaffung des Fachs Chemie, oder Physik, oder Technik sprechen können. Diese Fächer allerdings hätten sich kaum als Alptraum der „Gender-Ideologen“ verkaufen lassen.

So belegt der Artikel vor allem ein erhebliches Misstrauen gegenüber der Landesregierung – und das Wissen darum, dass eine am Gender-Begriff orientierte Geschlechterpolitik, die Frau und Mann als „soziale Konstruktionen“ versteht, mit der Biologie ein ganz besonderes Problem hat.

Könnte also daher nicht die Biologie besonders geeignet sein, um einer Gender-Politik grundlegend und systematisch zu widersprechen? Über diese Frage gab es vor wenigen Wochen bei Alles Evolution eine lange, zu Teil auch harte und bittere Diskussion – angestoßen durch Elmar Diederichs, der in einem Artikel die Frage „Was können Biologisten?“ stellte, und der dann in der darauffolgenden Diskussion in seinem Blog und bei Alles Evolution darauf bestand, dass der Maskulismus keineswegs auf Biologie angewiesen sei. 

Ich kann diese interessante und zum Teil auch überraschend scharfe Diskussion hier natürlich nicht fortführen. Interessant aber ist für mich die Frage, warum die Biologie für Anhänger der Gender-Theorie eigentlich einen so großen Provokationswert hat – und welche politischen Konsequenzen sich daraus ergeben.

Fußball, Halma und die Ablehnung der Biologie Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten der Gender Studies, soziale Zusammenhänge zu betonen und demgegenüber biologische Argumentationen abzuwerten oder gar zu skandalisieren. Warum aber können sich Vertreter dieser Richtung eigentlich nicht mit Biologen arrangieren und akzeptieren, dass beide Disziplinen unterschiedliche und womöglich komplementäre, also sich gegenseitig ergänzende Zugänge zum selben Thema haben?

Das ist kaum ohne den Hinweis zu verstehen, dass die Gender Studies sich nicht allein als wissenschaftliche Disziplin verstehen, sondern in aller Regel auch deutliche politische Anliegen haben. Wenn Unterschiede zwischen den Geschlechtern rundweg sozial konstruiert sind, und wenn einige Gruppen von Menschen – nämlich Frauen, natürlich – durch diese Unterscheidungen benachteiligt werden, dann kann vom Staat auch gefordert werden, Mittel zum Ausgleich dieser Unterschiede einzusetzen.

Wenn aber diese Unterschiede zumindest zu einem guten Teil biologisch begründet sind und daher durch staatliche Interventionen auch nicht kurzfristig nivelliert werden können, oder wenn Geschlechterunterschiede gar nachvollziehbare Funktionen erfüllen, dann lässt sich eine „Gender Mainstreaming“-Politik weit weniger begründen.

So werden biologische Erkenntnisse in den Gender Studies in aller Regel auch nicht als Ergänzung zu den eigenen Positionen anerkannt, sondern ausgeblendet. Eben damit begeben sich Gender-Theoretiker allerdings in eine leicht angreifbare Position,

Vor wenigen Jahren der norwegische Soziologe Harald Eia in einer Reihe von Fernsehfilmen die Gender Studies seines Landes in eben dieser bewussten Ignoranz erheblich bloßgestellt  – mit dem Resultat, dass ein mit Millionen gefördertes Gender Studies Institut in Oslo geschlossen wurde. Daher ist die Hoffnung verständlich, mit biologischen Argumenten auf ähnliche Weise Klischees der – in aller Regel feministisch positionierten – Gender Studies maskulistisch auszuhebeln, sie ist aber auch trügerisch.

Gerade weil sich Vertreter der Gender Studies regelmäßig gegenüber biologischen Argumenten gleichgültig oder ablehnend verhalten und weil diese Ignoranz von den politischen Geldgebern noch akzeptiert wird, gehen biologische Argumente gegen diese Position ins Leere. Wer auf ihnen beharrt, wirkt tatsächlich wie jemand, der seinerseits lediglich seine „kleine Farm verteidigen“  möchte.

Anders formuliert: Wer von Vertretern der Gender Studies verlangt, biologische Argumente als Widerlegung der eigenen Position zu akzeptieren, verhält sich wie jemand, der beim Fußballspiel dem Gegner vorschlägt, statt Fußball sollte man doch einfach mal Halma spielen. Warum sollte der sich darauf einlassen?

Denn wenn der Gesprächspartner hundert schlüssige Hinweise darauf nicht zu Kenntnis nimmt, dass Geschlechtsunterschiede auch biologisch begründet sind, wird er sich vom hundertersten Hinweis aller Voraussicht nach nicht plötzlich überzeugen lassen. Zudem wären überzeugte Vertreter von Gender-Theorien wohl ohnehin taub gegenüber kritischen Argumenten – das aber muss nicht in gleichem Maße für ihre politischen und medialen Unterstützer gelten.

Was also in der politischen Geschlechterdiskussion fehlt, sind Versuche der Vermittlung zwischen biologischen und anderen, also beispielsweise soziologischen oder politischen Zugängen. Eia gelang diese Vermittlung vohl gerade deshalb, weil er Soziologe und eben kein Biologe ist. Es reicht also nicht, wieder und wieder drauf hinzuweisen, dass die Gender Studies gegenüber biologischen Argumentationen weitgehend ignorant sind – wichtiger ist es, die politischen Folgen dieser Ignoranz zu verdeutlichen.

Vom guten und bösen Biologismus – und von unwichtigen Samenzellen Dabei argumentieren Feministinnen übrigens durchaus nicht streng anti-biologistisch. Kai hatte bei man tau vor Kurzem beispielweise eine Passage von Anita Heiliger zitiert.

„Interessant an diesem Thema ist nebenbei die aktuell zum Ausdruck kommende hohe Bewertung des Samens, wie es z.B. die Klägerin [gemeint ist die junge Frau, die ein Bundesverfassungsgerichtsurteil zur Auskunft über Spenderväter erklagt hat] ausdrückt: Sie möchte wissen, wem sie ihre Existenz verdankt. Das Sperma ist ja biologisch gar kein Samen, aus dem der neue Mensch wächst, sondern er gibt bekanntlich den Anstoß zur Zellteilung des weiblichen Eies und fügt Chromosomen hinzu…“
Von der vermeintlichen Bedeutungslosigkeit der männlichen Samenzelle schließt Heiliger hier ohne unnötige weitere Überlegungen auf die Bedeutungslosigkeit des Vaters, den zu kennen für die junge Klägerin doch eigentlich völlig unwichtig sein müsse. Was eigentlich stört Feministinnen an biologischen Argumenten, wenn einige von ihnen dich selbst – und gerade bei der Privilegierung der Mutterschaft gegenüber der Vaterschaft ist das notorisch – bei Gelegenheit gern biologistische Schnellschüsse abgeben?

Der Hinweis reicht nicht, die Biologie würde Geschlechterunterschiede „naturalisieren“, also Unterschiede, die tatsächlich sozial begründet sind, als natürlich darstellen und sie so scheinhaft legitimieren. Tatsächlich werden biologische Zusammenhänge  manchmal in dieser Weise verwendet, aber gerade dann wäre es eigentlich besonders wichtig, sich eingehend mit biologischen Erkenntnissen auseinanderzusetzen und auch ihre Grenzen deutlich machen zu können.

Möglicherweise also hat die genderpolitische Gegnerschaft zu biologischen Argumentationen also einen ganz anderen Grund, der damit im Zusammenhang steht, dass biologische Erklärungen menschlichen Verhaltens in aller Regel auch evolutionäre Erklärungen sind.

Warum das eine Provokation sein kann, lässt sich an Überlegungen des amerikanischen Philosophen und Pädagogen John Dewey zeigen.

Wie man im Interesse des Fortschritts Evolutionen blockiert Dewey geht von dem einfachen Gedanken aus, dass eingeübte, also habitualiserte Verhaltensweisen bestimmte sinnvolle Funktionen erfüllen – sonst wären sie nicht habitualisiert worden. Natürlich kann eine Änderung dieser Verhaltensweisen gleichwohl wichtig werden, beispielsweise, weil sich ihr Kontext verändert und sie nun nicht mehr funktional sind.

Nun ist aber ein Verhalten nicht einfach durch ein anderes zu ersetzen – Änderungen von Verhaltensweisen sind nur auf der Basis eben des Verhaltens möglich, das geändert werden soll. Ein schönes und übliches Beispiel für diesen Zusammenhang ist der Umbau eines Schiffes auf hoher See, bei dem eben nicht kurzerhand das ganze Schiff auseinandergenommen werden kann, sondern seine grundsätzliche Seetauglichkeit beständig bewahrt bleiben muss. So ist es dann beispielsweise wichtig anzuerkennen, dass auch ein ungünstiges Verhalten bestimmte Funktionen erfüllt – und zu überlegen, wie diese Funktionen auf andere Weise erfüllt werden können.

Eben das aber wird von nicht-evolutionären Konzepten der Veränderung nicht anerkannt. Dewey skizziert sie so:

„Wir argumentieren weiter so, als ob die Schwierigkeit in dem bestimmten System stecken würde, das versagt hat, und als ob wir nun endlich zum Punkt gekommen wären, auf ein System zu stoßen, das dort wahr ist, wo alle anderen falsch waren.“ (1)
Anstatt auf dem Bestehenden aufzubauen und es konkret zu beschreiben, orientiert sich dieses Modell der Veränderung an einem abstrakten Ideal und wertet das Bestehende kurzerhand und verallgemeinernd als falsch“ ab.

Das führt zu Spaltung zwischen dem abgewerteten Realen und dem Ideal, das angeblich allein zur verlässlichen Orientierung dienen kann. Angesichts dieser Spaltung wird allerdings eine Entwicklung tatsächlich nicht etwa vorangetrieben, sondern blockiert – anstatt bestehende Strukturen weiter zu entwickeln, werden sie konserviert, aber als etwas Neues ausgegeben.

Mir hat Deweys Unterscheidung zwischen evolutionären Modellen und Modellen, die an einem abstrakten Ideal orientiert sind, immer eingeleuchtet, gerade in pädagogischer Hinsicht. Natürlich bauen Kinder und Jugendliche (und übrigens auch Erwachsene) manchmal Mist – ihnen deshalb aber das Gefühl zu geben, sie seien fundamental falsch und wertlos, ist nicht nur inhuman, es ermöglicht auch keine positiven Veränderungen.

Wie destruktiv das Desinteresse an der Funktionalität des Bestehenden und die Fixierung auf ein abstraktes Ideal sein kann, zeigt beispielsweise die Nice Guys Engine. Die realen Jungen werden als falsche Systeme behandelt, die durch richtige, von den Verantwortlichen der Maschine entworfene Systeme, nämlich die Nice Guys, zu ersetzen seien. Dass diese Pädagogik mit großer Sicherheit (und Gott sei Dank) nicht erfolgreich sein wird, kann dann der Widerborstigkeit der beteiligten Jungen angelastet werden.

In politischen Geschlechterdebatten ist für mich eines der einprägsamsten Beispiele für Deweys Gegenüberstellung  das Ideal der mütterlichen Alleinerziehung, das von Autorinnen wie Anita Heiliger, aber auch von Lobbyorganisationen wie dem VAMV als Befreiung der Mütter von der Herrschaft der Väter verkauft wird.

Bei diesem Bemühen um die Überwindung der bürgerlichen Ehe spielt der Gedanke keine Rolle, welche Funktionen diese Institution eigentlich erfüllt, und wo genau sie nicht oder nicht mehr funktional ist. Stattdessen wird ein Ideal der Alleinerziehung an ihre Stelle gesetzt, das abstrakt bleibt, weil die Frage niemals wichtig wird, wie dieses neue Ideal wichtige Funktionen der traditionellen bürgerlichen Familie eigentlich übernehmen kann.

Da aber eine dieser klassischen Funktionen, die der finanziellen Versorgung von Müttern und Kindern durch die Väter, nicht einfach unwichtig wird, wenn man sie nur lange genug ignoriert, wird diese Funktion kurzerhand ausgerechnet an die ausgegrenzten Väter delegiert. Ein Outsourcing von Handlungszwängen.

Das Resultat ist eben keine Veränderung bestehender Strukturen, sondern ihre Zuspitzung ins Absurde: Anstatt dass vorwiegend die Mutter sich um die Kinder kümmert, hat nun ausschließlich sie das Recht zur Kindessorge – und anstatt das der Vater bloß einen großen Teil des Tages fern von der Familie im Beruf zubringt, bleibt nun von ihm gar nichts anderes mehr als die Funktion des finanziellen Versorgers übrig.

Was aber soll das? Wer kann ein ernsthaftes Interesse daran haben, begrenzte, aber reale Möglichkeiten der vernünftigen Gestaltung sozialer Interaktion zu ignorieren und sie durch die Illusion einer umfassenden und willkürlichen Handlungsmacht im Sinne abstrakter Ideale zu ersetzen? Bei der Antwort kann ein Kommentar helfen, den LoMi hier bei man tau vor Kurzem gepostet hat.


Nach diesem doch eigentlich recht elegant platzierten Cliffhanger wird der Text (der mir, ehrlich gesagt, ein bisschen zu lang geraten war – ganz unüblich für mich, eigentlich) übermorgen fortgesetzt. Es geht dann unter anderem um die Fetischisierung von Minderheiten, um den Zusammenhang zwischen einer Ablehnung der Biologie und einer seltsamen Art von Politik – und darum, dass die Umwandlung linker Parteien in maskulistische Organisationen möglicherweise kurz bevorsteht.

Hier ist dieser zweite Teil: Wie man durch Unfreiheit Freiheit schafft, rückwärts vorwärts fährt und dabei viel Kuchen bekommt

Das Dewey-Zitat im Text habe ich selbst übersetzt. Hier das Original:

(1) „We continually reason as if the difficulty were in the particular system that has failed and if we were on the point of now finally hitting upon one that is true as all the others were false.”

John Dewey: Individualism, Old and New, in ders., The Later Works, Vol. 5: 1929-1930, S. 41-123, hier S. 99f.

Außerdem:
John Dewey: Human Nature and Conduct, in ders: The Middle Works, Vol. 14: 1922, S. 1-230

Zen oder die Kunst, über Männlichkeit zu schreiben

Einerseits erinnerte es mich selbstverständlich an den Film Und täglich grüßt das Murmeltier, wieder einmal dem Vorwurf zu begegnen, Männerrechtler würden sich am Feminismus abarbeiten, anstatt sich einfach einmal mit Männlichkeit zu beschäftigen.
„Einen Maskulismus zu erleben, der sich tatsächlich mal nur mit Maskulinität auseinander setzt, wäre ja so wahnsinnig erfrischend“,
schreibt Robin in ihrem Blog und wiederholt damit eine schon mehrmals diskutierte Position – über die auch bei Alles Evolution schon ausführlich debattiert wurde.
„Ich habe ja schon mehrmals kritisiert, dass sich der Maskulismus meiner Meinung nach zu sehr am Feminismus abarbeitet, statt sich mal um existentielle Fragen rund um Männlichkeit zu kümmern.“
Und was existentielle Fragen für sie sind, das können Männer natürlich nicht allein entscheiden.
„Klar: ‚Feminismus, Feminismus, Feminismus‘. Oder wahlweise auch: ‚Frauen, Frauen, Frauen‘. Und ich so: Meh, meh, meh.“
Das ist aber auch zu blöd: Da regen sich manche Männer ewig+3Tage darüber auf, dass sie aufgrund einer nunmal ungünstigen Geschlechtszugehörigkeit ihre Kinder nicht mehr sehen können, anstatt einfach einmal ungezwungen darüber zu debattieren, wie sie ihren „ersten Samenerguss erlebt“ haben.
 
Oder wie wär es mit einer Antwort auf diese Frage:
„Gibt es Dinge, die du dich nicht traust, gegenüber deiner Frau/Freundin/Sexualpartnerin anzusprechen?“
Genau – worüber ich mit meiner Partnerin nicht zu reden wage, das diskutiere ich natürlich gern, offen und ungezwungen im Internet.
Matthias Mala: Messerrasur
Andererseits aber habe ich etwa zur gleichen Zeit einen Text gelesen, den der Autor und Maler Matthias Mala, der auch bei man tau mitliest und kommentiert, auf seinem eigenen Blog veröffentlicht hat: „Zen und die Lust, ein Rasiermesser zu führen“.
 
Es geht darin um die traditionelle Gesichtsrasur, nicht um die der Beine, des Körpers, des Intimbereichs. Das natürlich ist klassisch männlich, eine routinierte Tätigkeit, regelmäßig wiederholt, in den Alltag eingebettet, zudem übersichtlich in verschiedene Schulen zu unterteilen: Jeden-Tag-Rasierer, Alle-paar-Tage-Rasierer, Bartstutzer, Wachsenlasser, quer dazu natürlich Trocken- und Nassrasierer, und unter diesem wiederum die Gruppe der Mutigsten und Spleenigsten, die Rasiermesserrasierer.

Der Text ist – gerade weil eine alltägliche, unspektakuläre, ganz und gar nicht auf Geschlechterpolitik bezogene private Alltagshandlung im Mittelpunkt steht – ein guter Anlass, um zu überlegen, was das Reden oder Schreiben über „Männlichkeit“ eigentlich so schwer macht, oder was es eben: ermöglicht.

Ein blutverschmierter Alptraum (Mann gönnt sich ja sonst nichts)

„Blitzender Schmerz. Die Hand mit dem Messer schnellt zurück. Du blickst in den Spiegel, auf den weißen Schaum, nichts ist zu sehen. Ein, zwei Wimpernschläge später, nur so lang wie der Donner dem Blitz nacheilt, färbt ein hellroter Strich die schaumigen Flocken. Du setzt das Messer wieder an, grollst mit dir ob deiner Unachtsamkeit, führst die Klinge nun schräg zum Schnitt, um die Haut nicht weiter zu öffnen und doch die gewohnte Glätte in dein Gesicht zu schleifen.“
So beginnt der Text Malas. Natürlich – was richtig männlich ist, kommt ohne ernstzunehmende Gefahr und ihre Beherrschung nicht aus.
„Einem Anfänger geschieht so etwas nicht. Er hat zu großen Respekt vor der Klinge, mit der er beim ersten Schärfen eine tiefe Scharte in den ledernen Riemen schnitt. Fingerdick hätte sie das Fleisch geöffnet, die Wange durchtrennt, die Gurgel durchschnitten. Ein blutverschmierter Albtraum.“
Die allseits präsente Gefahr der umfassenden Selbstverstümmelung aber steht gar nicht im Mittelpunkt des Textes. Wichtiger ist der Gestus der Distinktion, der Absonderung von anderen und die Kultivierung des Eigenen. Eine solch „stille Noblesse“ hätte er nicht von ihm erwartet, eine solche „Sinnlichkeit“ – das schreibt der Erzähler über einen Freund: Als „ich (…) hörte, er rasiere sich mit dem Messer, biss mich der Neid“.
 
Am Ende ist er es dann, der das Gefühl hat, andere neidisch zu machen: Gelegentlich
„findest du den Schlenker, um einem Freund, Kollegen oder Kontrahenten recht beiläufig mitzuteilen, dass du dich mit dem Messer rasierst. Den respektvollen Blick, den du darauf erhaschst, quittierst du mit dem milden Lächeln eines Siegers.“
Teure Utensilien, Anspielungen auf Zen und fernöstliche Kultur („Meditation“, „Dojo“, „Koan“) – die hier beschriebene Männlichkeit sucht nicht, wie die Weiblichkeit in Robins Text, die Gemeinsamkeit („Da sitzt frau mit ein paar anderen Frauen zusammen und plötzlich dreht sich das Gespräch um die erste Menstruation. Oder überhaupt um Menstruation. Ein sehr, SEHR ergiebiges Thema.), sondern das Unterscheidende.

Das ist nicht allein ein Bemühen um Statussignale – denn zugleich wird der Gestus der Unterscheidung auch beständig ironisiert. In „die Sphäre männlicher Eigentümlichkeit“ zieht sich der Erzähler zurück, bereit zum „einsamen Kult der letzten Ritter“, er konterkariert den Kult des Edlen mit Werbesprüchen („Mann gönnt sich ja sonst nichts.“) und die Zen-Meditation mit dem Unglück des ungeschickten Selbstverstümmlers –

„du stolperst ins Flugzeug oder zum Termin, als wärest du geradewegs vom Paukboden gefallen.“
Zentral für diese Ironie ist, dass dem Blick des Erzählers in den Spiegel, der sich in diesen Passagen passend mit „du“ anspricht, beständig ein anderer Blick in die Quere gerät – der Blick der Partnerin. Nimmt er den zu Beginn noch, zu Recht oder zu Unrecht,  als „bewundernd“ wahr, so ist er schließlich eher spöttisch:
„nachlässiges Gestoppel wird sofort gerügt, während ein blutiger Schnitzer in deinem Gesicht statt Mitleid nur noch ihre Spottlust kitzelt“.
Am Ende steht neben dem „besorgt bewundernden Blick der Frau“ der „Schelm, der da meint, du pflegtest nur deine Eitelkeit.“

Was aber soll eigentlich der Kult um das Unterscheidende, anstatt nach Gemeinsamkeiten zu suchen? Warum müssen Männer offenkundig, anstatt im solidarischen Gespräch die allseitige Erfahrung der ersten Rasur oder des ersten Samenergusses zu zelebrieren, sofort Unterschiede finden, sich in Nass- und Trockenrasierer und diverse Untergruppen aufspalten?

 
Warum keine Konzentration auf das Gemeinsame der „Männlichkeit“?

Männer sind anders (Frauen nicht?) Der Grund ist wohl, dass es dieses Gemeinsame ganz einfach nicht gibt. Als soziale Kategorie ist Männlichkeit in den meisten Situationen hoffnungslos unbrauchbar – Gemeinsamkeiten des Berufs, der Ausbildung, des sozialen Status oder auch der politischen oder religiösen Überzeugung sind in aller Regel aussagekräftiger.

Bei Frauen ist das, traditionell, anders: Weiblichkeit ist für sie in herkömmlichen bürgerlichen Verhältnissen ein zentrales Element ihrer Aus- und Einkommens. Sie sind finanziell vom Mann versorgt, weil sie ihrerseits – als Mutter – die gemeinsamen Kinder und – als Hausfrau – die Familie in Alltagstätigkeiten versorgen.

 
Was Robin als ungezwungen-schwelgerisches Frauengespräch über die gemeinsame Weiblichkeit darstellt, bezieht sich noch immer weitgehend auf eben diese beiden traditionellen Weiblichkeitsmuster der (potenziellen) Mutter und der (potenziellen) Partnerin: die „erste Periode“, „Mutterschaft“, das „erste Mal“, das Aussehen der Brüste, die Frage „Findet er meinen Geruch/Geschmack eklig?“

Offenbar hat sich an traditionellen Weiblichkeitsmustern weniger geändert, als es das Klischee allseits emanzipierter und selbstständiger Frauen vermittelt. Wenn heute beispielweise auch unverheiratete Mütter, die sich vom Vater ihres Kinder trennen, eben gerade deshalb an ihn einen Anspruch auf Betreuungsunterhalt erwerben – und wenn andererseits ein vergleichbarer Anspruch unverheirateter Väter an Mütter faktisch ausgeschlossen ist – dann ist das nur ein Beispiel dafür, wie sich das Muster des Lebensunterhalts durch Geschlechtszugehörigkeit bewahrt hat.

Das wäre Männern so kaum möglich – Männer bestreiten in traditionellen Mustern ebenso wie in anderen ihren Lebensunterhalt in aller Regel durch spezifische berufliche Tätigkeiten, und sie verdienen potenziell umso besser, je solider sich ihre spezifischen Fähigkeiten von denen anderer Männer unterscheiden.

 
Es ist männlich, dass es niemals einfach ausreicht, Mann zu sein – und so geht es im Gespräch oder beim Schreiben über Männlichkeit in aller Regel notgedrungen um mehr als  um Männlichkeit allein. Das klingt paradox, zen-verdächtig, ist aber eigentlich selbstverständlich. Wesentlich fragwürdiger ist der Glaube, ein Gespräch über „Weiblichkeit“ sei fraglos möglich – weil ein solches Gespräch auf Mustern von Weiblichkeit aufbaut, die eigentlich längst nicht mehr funktional sind.

Im Spiegel boshafter Augen (Meh meh meh) An Malas Text lässt sich aber auch nachvollziehen, warum Männlichkeit, Weiblichkeit und Geschlechterverhältnisse heute überhaupt aus männlicher Perspektive zum Thema werden.

 
Der Blick der Frau dort ist mehrdeutig, mal bewundernd, mal wenig interessiert, mal spöttisch, und er schafft daher eine Fallhöhe für den „Adler in seinem Horst“. Ohne die Ironisierung, für die dieser Blick eine wesentliche Funktion hat, würde der Text in seiner zentralen Situation der Selbstbetrachtung vor dem Spiegel erstarren – eine ungebrochene Darstellung der Rasur als Zen-Ritus, ohne den Kontrast des offen ausgesprochenen Vorwurfs der Eitelkeit, wäre irritationsfrei reizlos.

Eine ebenso positive Funktion wie hier der weibliche Blick könnte übrigens auch der männliche Blick für weibliche, und gerade auch für feministische, Selbstdarstellungen haben, wenn er dort nicht traditionell dämonisiert und als Blick des Unterdrückers diffamiert würde. Wenn hingegen bei Mala die Selbstdarstellung des Erzählers ironisch, aber nicht destruktiv wird, liegt das offenkundig auch daran, dass der Blick der Frau dort grundsätzlich wohlwollend ist.

Vom „Spiegel boshafter Augen“ („mirror of malicious eyes“) spricht der irische Dichter Yeats in einer berühmten Formulierung  – als beschmutzte und verunstaltete Gestalt würde man sich in einem solchen Spiegel sehen, bis man schließlich glauben würde, man sähe tatsächlich so aus. Ein solch boshafter Blick erlaubt keine Balance zwischen Selbstversunkenheit und ihrer Ironisierung wie in Malas Text, sondern wird, wenn er nicht ignoriert werden kann, zu einer ernsthaften Belastung.

Yeats‘ Formulierung bezeichnet exakt den Blick, den die pädagogische Apparatur der Nice Guys Engine auf Jungen richtet, die dort als allseits geile, potenziell gewalttätige Gestalten erscheinen, welche der Empathie weder fähig noch wert sind. Es war für mich etwas bedrückend in der Diskussion, die auf den Text darüber folgte, dass in Stellungnahmen von Frauen – die es hier immerhin ausnahmsweise gab – die Böswilligkeit dieser Wahrnehmung überhaupt nicht registriert wurde.

 
Schüler werden hier ja nicht nur mit einem enorm negativen Blick Erwachsener auf sie konfrontiert, sie sind ja auch aufgefordert, diesen Blick auf sich zu übernehmen – oder andernfalls erst recht als potenzielle, reflexionsunwillige Gewalttäter dazustehen. Wer diesen Blick akzeptiert, steht als gewalttätig da – wer ihn nicht akzeptiert, auch.

Es ist typisch für gegenwärtige Geschlechterdebatten, dass Männer mit einer solchen immunisierten und zugleich institutionell gestützten Feindseligkeit konfrontiert sind. Fast ikonisch ist beispielsweise die Situation von Trennungsvätern, die akzeptieren müssen, dass sie aus familiären Zusammenhängen, die für ihr Leben und für das ihrer Kinder zentral sind, regelrecht gelöscht werden, dass sie diese Löschung zudem finanzieren müssen – und dass sie bei nachdrücklichen Protesten gegen diese Situation erst recht als eine Bedrohung für die Mutter und das gedeihliche Aufwachsen der Kinder dastehen.

Erst angesichts solcher Strukturen wird Männlichkeit als Oberbegriff für viele überhaupt zum Thema – weil sich die erfahrene Feindseligkeit nicht gegen bestimmte Handlungen, sondern gegen Männlichkeit generell richtet und dabei sogar Kinder nicht ausnimmt. Die Macherinnen der Nice Guys Engine etwa sind ganz auf die Imagination eines Herrschaftsgefälles zwischen Männern und Frauen, zwischen Jungen und Mädchen, wohl sogar zwischen Jungen und Frauen fixiert – und sie ignorieren dabei unbekümmert das fraglos bestehende und wesentlich offensichtlichere Herrschaftsgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern.

Wenn erst angesichts der Erfahrung, mit solchen Spiegelbildern boshafter Augen allein aufgrund der eigenen Geschlechtszugehörigkeit konfrontiert zu sein, diese Geschlechtszugehörigkeit zum Thema wird – dann ist es selbstverständlich, dass in ein Gespräch darüber immer auch die erfahrene Aggression gehört.

 
Wenn Robin nicht versteht, dass daher der institutionalisierte Feminismus für Männer immer wieder zum Thema wird, dann wohl deshalb, weil sie sich ein unschuldiges Bild dieses Feminismus bewahren konnte, in dem Aggressionen entweder grundsätzlich gerechtfertigt sind, als Notwehr, oder lediglich am Rande eine Bedeutung haben.

Wer beispielweise als Trennungsvater seine Kinder aufgrund willkürlicher Entscheidungen nicht mehr sehen kann und damit institutionell verpflichtet wird, in einem wesentlichen Bereich des Lebens in die eigene Löschung einzuwilligen, steht vor existentiellen Schwierigkeiten, denen dieses unschuldige Bild nicht gerecht wird. Auf den Versuch, diese Schwierigkeiten zu artikulieren, mit einem kecken „Meh meh meh“ zu reagieren und sie pauschal als Gejammere zu präsentieren, ist auf infantile Weise grausam.

Männer, das zumindest ist meine Erfahrung, hätten in aller Regel Besseres zu tun, als sich an feministischen Positionen abzuarbeiten, wenn diese nicht weiträumig institutionalisiert und daher in vielen Fällen von erheblicher und willkürlich exerzierter Bedeutung für das Leben Einzelner wären. Die Auseinandersetzung ist wohl auch deswegen oft verbissen, weil sie so ungleich ist.

 
Es gibt einfach keine Lösung für das Problem der institutionalisierten Feindseligkeit – die einzige Lösung bestünde im Verschwinden des Problems. Es hat beispielsweise keinen Sinn, wenn Jungen oder Männer feindselige Zuschreibungen widerstandlos akzeptieren und fortan versuchen, nette Jungs oder gute Männer zu sein – sinnvoll kann es nur sein, die Feindseligkeit selbst zum Thema zu machen und zu hoffen, dass sie mit der Zeit abgebaut wird.

Wo aber diese Feindseligkeit tatsächlich in den Hintergrund tritt, da ist es offenkundig problemlos möglich, über Männlichkeit zu schreiben, sie gerade in individuellen Unterschieden, im Unterscheidungswunsch und nicht im großen Gemeinsamen zu skizzieren, sie zu ironisieren und dabei männliche und weibliche Perspektiven spielerisch einander gegenüberzustellen.

Wie man böse Kerle zu netten Jungs umbaut – Progressive Mädchenpädagogik und die "Nice Guys Engine"

Der folgende Text ist ein Beitrag zur Blogparade des Monats Februar, die Geschlechterrollen zum Thema hat. Alle Ähnlichkeiten zu einer Satire sind unbeabsichtigt und ungewollt, aber unglücklicherweise unvermeidbar.
 
Ein Partnertest. Nicht etwa in der Bravo oder auf einer wenig vertrauenswürdigen Internet-Seite, sondern in einem wissenschaftlichen Angebot für Schulen, erstellt in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Erfurt, Abteilung Sozialwesen, und weithin empfohlen für den Unterricht. Eine Vierzehnjährige überprüft damit gewissenhaft am Computer, ob eigentlich ihr Freund für sie geeignet ist.
 
„Du benimmst dich, wie du wirklich bist, wenn ihr zusammen seid“ klickt sie an, außerdem „Er akzeptiert deine Art zu leben, deine Kultur“ und „Er hört dir zu, wenn du was erzählst“. Was sie allerdings stört, ist, dass er manchmal Bier trinkt („Es sind Alkohol oder Drogen im Spiel“). Sie klickt auf die „Fertig, zum Ergebnis“-Schaltfläche, ein neues Fenster öffnet sich, und sie erfährt:
„Bei diesem Typ…bekommst du bald Schläge.“
Dieser Partnertest gehört zur „Nice Guys Engine“, der Nette-Jungs-Maschine, die seit 2006 als Internetangebot für Schulen verfügbar ist. „Spass oder Gewalt?“ ist die Internet-Plattform überschrieben, und das ist natürlich keine echte Frage – Kinder und Jugendliche sollen damit lernen, dass das, was Jungen als Spaß empfinden, tatsächlich oft Gewalt ist.
 
Papa macht’s doch auch Ein Bild auf der Website Cristina Perinciolis, der Produzentin der Nice Guys Engine. Es entstammt Anita Heiligers Münchner Kampagne gegen Männergewalt und schlägt gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Es zeigt, dass Jungen gewalttätig sind, es zeigt, dass Männer gewalttätig sind, und es zeigt, dass Väter für Jungen nicht gut sind. Dass es bei Jungen noch immer, wie seit eh und je, verpönt ist, Mädchen zu schlagen, konnte angesichts dieser wichtigen Vorteile leider nicht berücksichtigt werden.
 
Wer könnte etwas gegen ein Programm haben, das  Gewalt, und insbesondere sexueller Gewalt gegen Mädchen vorbeugt? Entsprechend wurde diese aufwendig gestaltete Plattform auch großzügig aus öffentlichen Geldern gefördert, von der „Stiftung Deutsche Jugendmarke e.V.“, die über Vorstand und Geschäftsführung an das Bundesfamilienministerium angebunden ist, und durch erhebliche Investitionen der Fachhochschule Erfurt, deren Professorin Cäcilia Rentmeister das Projekt geleitet und über viele Semester hinweg insgesamt über einhundert Studierende des Fachbereichs Sozialwesen am „Praxistransfer“ beschäftigt hat.
 
Natürlich wurde dieses Projekt auch mit einem Preis ausgestattet, schon 2007 mit dem Thüringer Frauenmedienpreis des Landesfrauenrats Thüringen e.V. und der Thüringer Landesmedienanstalt.

Für Jungen hält die Plattform übrigens keinen Partnertest bereit, dafür können sie sich damit beschäftigen, wann ihr Verhalten gegenüber Mädchen als Vergewaltigung zu werten ist. Das aber ist nur einer der vielen kleinen Unterschiede dieses Projekts.

Eine Maschine, die aus bösen Kerlen nette Jungs macht Für Inhalt und Produktion der Nette-Jungs-Maschine ist mit ihrem eingetragenen Verein „Cream e.V.“, dem es um die „Chancengleichheit von Mädchen und Frauen auf dem Gebiet der neuen Technologien“ geht, die Regisseurin und Produzentin Christina Perincioli  zuständig, die zufällig zugleich die Lebensgefährtin der Professorin Rentmeister ist. Beraten wurde das Projekt von Dr. Anita Heiliger vom Deutschen Jugendinstitut in München.

Angekündigt hat Heiliger die Plattform schon 2005, als

„Website für Jungen, die ab Mitte 2006 die Möglichkeit bieten wird, patriarchale Männlichkeit zu hinterfragen und eine gewaltfreie und frauenrespektierende Männlichkeit zu fördern“ (Heiliger: Mädchen stärken in Eigensinn und Widerstand, S. 6).
Die Geschlechterrollen der Mädchen nämlich hätten sich geändert, die der Jungen aber seien starr geblieben.
„Die zur emanzipativen Weiblichkeit (passende) männliche Identität hinsichtlich Respekt vor Frauen, vor Mensch und Natur überhaupt, Distanz zu Gewalt, Aggression und Dominanz, Fürsorglichkeit im Umgang mit seiner Umwelt wie mit sich selbst, steht nach wie vor aus. (…) Ihnen Grenzen zu setzen bei Abwertung von Mädchen und Übergriffen, sie zu unterstützen bei Achtsamkeit. Täterprävention ist daher mein derzeitiger Schwerpunkt in der Konsequenz aus den Erfahrungen von Mädchen- und Frauenarbeit.“ (S. 5-6).
Jungen in ihrer Männlichkeit sind also weiterhin respektlos, gewalttätig, aggressiv, dominant, war ja schon immer so. Das notwendige Gegenstück zur fördernden Mädchenarbeit ist daher bei ihnen die Täterprävention.

Wenn sich nun engagierte Lehrkräfte daran machen, progressive Mädchenarbeit und vorausschauende Täterprävention in der Schule mittels moderner Technologien trefflich zu verbinden, dann sollen sie laut Projektplanung ihrer Klasse („Mädchen und Jungen ab 12, auch mit Migrationshintergrund“) erst einmal einen kurzen Film zeigen. Die Handlung ist direkt aus dem Leben gegriffen und schnell skizziert – noch bevor der Film beginnt, wird der Klasse allerdings mitgeteilt, dass es dabei um die „Vergewaltigung einer 14jährigen Schülerin durch gleichaltrige Mitschüler an der Berliner Weißensee-Gesamtschule“ geht.

Zwei Jungen und ein Mädchen stehen in einer abgelegenen Ecke eines Schulhofs, ein Mädchen kommt, um sein Fahrrad aufzuschließen. Olli, ganz typischer Junge, kommentiert: „Ey, schau mal. Da kommt Evi, das Tittenmonster. Hüpf…hüpf…hüpf… Sag mal, haste überhaupt keine Angst, mit diesen beiden Dingern irgendwo mal hängenzubleiben?“ Auch Marion macht mit: „Vorsicht, schwingt aus.“ Olli: „Ja, echt ey. Ich wüsste zu gern, ob die echt sind. Ey Micha, überprüf das mal. (der angesprochene Micha zögert) Was‘n los, ich dachte, du bist hier der Frauenversteher. Traust dich nicht, du Weichei? Ja, Mann, jetzt an die Titten, Mann, los.“  
Schließlich greift Micha Evi wie von Olli gewünscht an die Brüste, Evi wehrt sich, Olli wird wütend und gibt Micha die Order, zu überprüfen, ob sie einen Schlüpfer anhabe. Evi fleht vergeblich um Marions Hilfe. Ein Lehrer kommt vorbei, versteht die Situation nicht und macht lediglich kurz darauf aufmerksam, dass hier Rauchverbot herrsche.
Nach einer Diskussion in der Klasse geht es dann in geschlechtergetrennten Gruppenarbeiten weiter. Die Mädchen überlegen, wo Marion die Gewalt hätte stoppen können, die Jungen erfahren:
„Wenn heute ein Junge als Belästiger auffällt, wird er zu 60% als 24jähriger vorbestraft sein.“  
Mädchen „befragen Mädchen zu erfahrener Belästigung“, und „Jungen finden heraus, was nette Jungen fies werden lässt“. Dazu kreuzen beide identische Listen an, jeweils unter der Überschrift „Gewalterfahrung von Mädchen“ bzw. „Werden bei uns Mädchen belästigt?“ (Jungen) – „anstarren“, „mit Worten beleidigen“, „hinterherpfeifen und johlen“, „zwischen die Beine fassen“, etc..
 
Sollten Mädchen oder Jungen auf die Idee kommen, sich über die „Böse Jungen – nette Mädchen“-Klischees zu ärgern, ist vorgesorgt: Sie klicken dann ein entsprechendes Feld an und erfahren:
„Wenn ihr euch über diese Fragen aufregt, wenn ihr es ungerecht findet, dass hier die bösen Mädchen kein Thema sind: Dann überlegt bei jeder hier aufgezählten Handlung  – wäre sie umgekehrt von einem Mädchen an einem Jungen denkbar?“
Die Frage wird nirgends beantwortet, als ob sich allein durch ihre Formulierung die Bedenken schon erledigt haben müssten. Dabei sind die meisten Handlungen umgekehrt sehr wohl denkbar, sind zum Teil auch üblich – allein „Rock hochheben“ und „an Brust fassen“ lassen sich schwer übertragen.

Schocktechnik, in die Eier! – Wir tummeln uns selbstständig auf der Spielwiese Noch schlimmer wird das Ungleichgewicht dann auf der „Spielwiese“, die mit einem Spiel tatsächlich – von ganzen kurzen Intermezzi abgesehen – nichts zu tun hat. Hier sollen sich Schüler und Schülerinnen, säuberlich nach geschlechtergetrennten Rubriken aufgeteilt, selbst an den Computern beschäftigen, wenn sie mit den Arbeitsblättern zur „Gruppenarbeit“ fertig sind.

Mädchen erfahren hier:

„Jedes vierte Mädchen wird von ihrem Freund körperlich, sexuell, emotional oder verbal misshandelt. Andere Studien zeigen, dass es sogar jede zweite erlebt.“
Was genau darunter zu verstehen ist, erfahren Mädchen allerdings nicht – was zum Beispiel eigentlich eine „emotionale Misshandlung“ ist, bleibt offen und der Fantasie überlassen – und sie lesen schon gar nicht, dass ein Gewaltbegriff untragbar ist, der keinen Unterschied macht zwischen schweren körperlichen Misshandlungen und verbalen Beleidigungen, die im Unterschied zu Misshandlungen übrigens bei Jungen UND Mädchen an der Tagesordnung sind. Wichtig ist die Botschaft, dass der Junge, den sie für ihren Freund halten, tatsächlich eine Bedrohung ist.

Sie können, dergestalt wohlinformiert, dann mit dem Partnertest beginnen und überprüfen, ob der eigene Freund zu den gewalttätigen Jungen gehört. Es gibt, je nach geklicktem Feld zu seinen Eigenschaften, Plus- und Minuspunkte.

„Bei diesem Typ“ – „erwartet dich ein Alptraum“ (-15 – -60) oder „lebst du wie im Gefängnis“ (-5 – -10) oder „bekommst du bald Schläge“ (0-5) oder (schon deutlich im Plusbereich, bei 10-15 Punkten) „musst du dich oft wehren“. Bei 20 bis 25 Punkten erscheint die Aufforderung, den Test noch einmal zu machen – sicher ist sicher, und erst bei hohen Pluszahlen, die angesichts des Testdesigns unwahrscheinlich sind, „lohnt sich ein Versuch“. 
„Bei diesem Typ findest du das Glück“ ist nur bei völlig unrealistischen Konstellationen möglich, wenn ein Junge sämtliche positive Eigenschaften, aber keinerlei problematische hat. Die Mädchen lernen hier also zwanglos eine wichtige Lektion: Wenn Du glauben willst, das Du glücklich wirst, musst Du Dir was vormachen.

Die Schülerinnen erfahren zudem, selbstständig und mit Einsatz neuer Medien und dergestalt ganz entsprechend der Grundsätze eines modernen Schulunterrichts: Es ist dringend nötig, dass sie die Selbstverteidigung beherrschen. Die wird ihnen dann auf ein paar Videos beigebracht, die eine Judolehrerin mit einer Mädchengruppe zeigen.
Die Lehrerin führt ihre Übungen –  es ist schließlich wichtig, realistisch zu bleiben – vorwiegend mit einer der Schülerinnen vor, die eine androgyne Erscheinung hat und für einen Jungen gehalten werden könnte. Schon beim ersten Film, der die Reaktion auf das „Würgen von vorne“ zeigt, ist es für die Mädchen an ihren Computern gewiss putzig und lustig anzusehen, wie die erwachsene Lehrerin wieder und wieder und mit viel Freude Schläge und Tritte gegen die Schülerin simuliert, die das Unglück hat, wie ein Junge auszusehen. „Schocktechnik, in die Eier!“
Die Jungen hingegen lernen natürlich keine Selbstverteidigung, die prügeln bekanntlich eh schon viel zu viel und sind ohnehin die Angreifer. Sie sollen stattdessen einen Fragebogen zu ihrem Pornokonsum ausfüllen, und sie erfahren, wann Selbstbefriedigung schlecht ist – „wenn sie auf Machtfantasien basiert“, „gegen Einsamkeit“ oder „wenn man Angst hat vor ‚schlechtem Gewissen‘“.

Ein Junge, der ein schlechtes Gewissen ob seiner Sexualität hat, gerät also auf die schiefe Bahn – diese Information ist natürlich besonders achtsam und mitfühlend angesichts der Tatsache, dass Jungen zu diesem Zeitpunkt schon etwa zwei Schulstunden lang ein schlechtes Gewissen ob ihrer Sexualität gemacht worden ist.

Neben Horrorgeschichten über Männer, die durch ihren „Selbstbefriedigungszwang“ ins soziale Abseits gerieten und nimmer wieder eine Chance auf eine reale Freundin haben werden, erfahren Jungen immerhin auch, wann Selbstbefriedigung gut ist: wenn sie damit „aufmerksamere – und damit bessere – Liebhaber werden“. Warum die preisgekrönte Plattform nicht auch zwölfjährigen Mädchen mitteilt, dass ihre Masturbation dann gerechtfertigt ist, wenn sie daraufhin Jungen und Männer besser befriedigen können – das hat sich mir trotz umfangreicher pädagogischer Vorbildung noch nicht vollständig erschlossen.
 
In einem einzigen Teil des Programms können auch Jungen mit Empathie rechnen: bei der Frage „Können Jungen vergewaltigt werden?“ nämlich. Natürlich beeilen sich die Macherinnen, den Jungen mitzuteilen, dass sie vorwiegend von Männern vergewaltigt würden – ansonsten stehen Jungen hier ein einziges Mal nicht als Täter da, sondern haben, auch sie, Anspruch auf „Rat und Hilfe“.
 
Hier, zum Beispiel, wird deutlich, wie nützlich es gewiss gewesen wäre, wenn angesichts aller anerkennenswerten Professionalität bei der Eintreibung von Mitteln und bei der Werbung für eigene Projekte auch irgendjemand beteiligt gewesen wäre, der zumindest ein rudimentäres Verständnis pädagogischer Zusammenhänge hat. Kinder und Jugendliche können sich nämlich zwar sehr wohl mit Opfern identifizieren – es ist aber problematisch, ihnen eine Identifikation abzuverlangen, allein weil jemand ein Opfer ist. Die Identifikation hat für sie schließlich immer auch den Sinn, Modelle für ein gelingendes Leben auszuprobieren und zu überprüfen – und dieses Modell bietet jemand ja gerade nicht an, der durch nichts anderes hervorsticht als dadurch, Opfer anderer zu sein.
 
Eine solche unüberlegte und erwachsenenzentrierte Opfer-Pädagogik produziert notorisch unsinnige Resultate – eine oberflächliche, nämlich von den Lehrern explizit gewünschte Solidarisierung und eine vitale, aber stillschweigende Distanzierung. Die Solidarisierung mit männlichen Gewaltopfern wäre hier also durchaus gut und richtig, wenn nur Jungen nicht in allen anderen Teilen dieser Plattform abgewertet und als dumme, geile, gewalttätige und sozial inkompetente Figuren präsentiert würden.
 
Und einmal ganz unverbindlich nebenbei gefragt: Wie sehr verachten eigentlich die erwachsenen Frauen, die diese Plattform erstellt haben, Jungen, wenn das Junge-Sein an sich als eine solch große Schuld erscheint, dass lediglich die Erfahrung einer Vergewaltigung für eine Weile als Buße dieser Schuld akzeptiert und der Junge als Mensch wahrgenommen wird?
Unhold und verfolgte Unschuld –  und weitere progressive Geschlechtermodelle „Wann ist es eine Vergewaltigung?“ Dieser Frage gehen die Jungen angesichts von zwei Situationen nach, die jeweils aus der Sicht des Mädchens und der des Jungen geschildert werden und die jeweils in einem sexuellen Übergriff des Jungen enden – den dieser aber nicht versteht. Diese kurze Sektion beinhaltet im Kleinen das Muster des gesamten Programms: Nur scheinbar stehen sich hier zwei gleichberechtigte Perspektiven gegenüber, tatsächlich aber ist nur die eine tragfähig, die der Mädchen, während die Perspektive der Jungen grundsätzlich als Legitimation von Gewalt erscheint.
 
Das ist nicht einmal im Sinne der Mädchen. Wer Mädchen vermittelt, Jungen seien nur akzeptabel, soweit sie die Bedürfnisse der Mädchen erfüllen – und wer ihnen angesichts der Probleme, die durch eine solch narzisstischen Haltung entstehen müssen, allzeit verfügbare Schuldige anbietet – der hat natürlich nicht das Ziel, Mädchen zukunftsfähige Geschlechterrollen anzubieten.
 
Schlimmer aber noch ist die absurd jungenfeindliche, autoritäre Boot-Camp-Pädagogik der Plattform. Jungen lernen, dass sie so, wie sie sind, grundsätzlich schlecht sind – dass sie sich aus dieser Schlechtigkeit nur dann befreien können, wenn sie den Blick der Mädchen auf sie (der eigentlich der Blick der Projektleiterinnen ist) als maßgeblich akzeptieren und sich entsprechend ändern. Was Du bist, muss erst verschwinden – erst dann kann Neues entstehen.
 
Und: Lass deinen Schwanz in Ruh!
Die pädagogischen Konsequenzen der widersprüchlichen Geschlechterrollen dieses Projekts sind enorm, und enorm negativ. Tatsächlich sind die Darstellungen der Geschlechter zeitentrückt und reaktionär, reproduzieren wieder und wieder das Bild der Damsel in Distress, die vom männlichen Unhold bedroht wird. Dem Selbstverständnis der Macherinnen entsprechend werden dabei allerdings, zu allem Überfluss und zur allgemeinen Verwirrung, zukunftsweisende, progressive Modelle angeboten – wobei es natürlich nebensächlich ist, das sowohl Mädchen als auch Jungen mit diesen Modellen kaum werden leben können.
Wer Geschlechterrollen tatsächlich offen gestalten möchte, darf sich nicht auf betonierte Gut-Böse-Schemata festlegen – dieser Zusammenhang ist so naheliegend, dass ich noch nicht so recht verstehe, wieso er den doch gewiss hochkompetenten Verantwortlichen dieses Projekts so tief verborgen bleib.

Nun denn. Ich mache mich jetzt jedenfalls daran, eine ebenso progressive Nice Girls Engine zu entwickeln. Mädchen können damit lernen, dass sie eigentlich völlig unerträglich und inakzeptabel sind, es sei denn, sie bedienen die Bedürfnisse von Jungen und Männern. Jungen wiederum lernen, dass Mädchen ihnen eigentlich nur Schlechtes wollen, dass es aber vielleicht seltene Ausnahmen gibt – die ein Junge daran erkennen kann, dass sie sich ganz nach seinen Wünschen richtet.

Ein sicher bald preisgekröntes Programm für alle Schulen, das ich in Zusammenarbeit mit einer Uni und ihren Studenten entwickle und auf das Lehrer sicher gern zurückgreifen werden (schließlich ist es immer gut, die Klasse eine Doppelstunde lang beschäftigt zu haben, ohne selbst allzu viel tun zu müssen; zumal es ja für einen guten Zweck ist).

Just Kidding. Niemand würde für einen solchen Dreck öffentliche Mittel verwenden, natürlich nicht, niemand würde dafür auch noch Preise verteilen, und nirgendwo gäbe es so angepasste und unkritische Studenten, dass sie dabei auch noch über Jahre mitmachen würden. Aber: Alles andere in diesem Text stimmt.

Auch wenn das noch so schwer zu glauben ist.

Nachwort: Beim „Deutschen Präventionstag 2011″ wurde die Nice Guys Engine vorgestellt, angeblich hatte sie zu diesem Zeitpunkt 3600 Teilnehmer.
Die Plattform ist vielfältig verlinkt, zum Beispiel:
– Beim österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst, Kultur
– Bei der überkonfessionellen Plattform für Religionspädagogik und Religionsunterricht
– Beim Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe Niedersachsen
– Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, natürlich beim „Frauengesundheitsportal“ (Wen interessieren schon die Jungen?)

Wie groß die Gesamtkosten für dieses Plattform waren, habe ich nirgends herausgefunden. Ich gehe davon aus, dass sie leicht größer waren als, zum Beispiel, die Kosten für das Blog man tau.

Andere Texte der Blogparade zum Thema Geschlechterrollen

Christian Schmidt (Alles Evolution): Geschlechterrollen: Häufungen wird es immer geben, dies sollte aber keinen Konformitätszwang erzeugen

man.in.th.middle (Maskulismus für Anfänger): Fuck ju Dschända!

Martin Domig (Flussfänger): Das Gras auf der anderen Wiese

Tom (Mein Senf): Rollen

Arne Hoffmann (Genderama): Identity Economics: Wie mit ungedeckten Schecks „Männlichkeit“ verkauft wird

Wortschrank: Finde Deine Nische!

Adrian (Gay West): Mein kleines Pony

Kai V. (Der Frontberichterstatter): Scheiße, warum hatten wir unsere PayBack-Karten vergessen?

"Get away from me" – Gewalt gegen Männer (Gastbeitrag von Kai)

„Starre und leicht erkennbare Freund-Feind-Muster“ und „Gewaltnähe“ – das waren einige der Aspekte von Alice Schwarzers Politik, die in diesem Text beschreiben wurden. Das ist nicht nur ein theoretisches Problem. Wenn eine solche Politik erfolgreich ist und wirksam, dann kann sie natürlich für das Leben vieler Einzelner dramatische Folgen haben. Das lässt sich besonders bedrückend an Themen beschreiben, die in der Praxis oft miteinander verbunden sind: an der Ausgrenzung von Vätern und den doppelten Standards bei häuslicher Gewalt.
 
Natürlich ist diese Politik nicht Schwarzer allein zu verdanken, sie ist allerdings ihre erfolgreichste Repräsentantin in Deutschland. „Gewalt ist nie zu rechtfertigen – egal, von wem sie ausgeübt wird“ so zitiert der nachfolgende Text die Leiterin des „Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff)“, Katja Grieger. Das wäre absolut richtig, wenn Grieger hier nicht – aber das fällt ihr offensichtlich gar nicht auf – ausschließlich die Gewalt von Männern meinen würde. Häusliche Gewalt von Männern zu verurteilen ist natürlich richtig – aber es ist falsch, häusliche Gewalt von Frauen zu ignorieren und herunterzuspielen.
 
Wie selbstverständlich auch in den USA beliebige Menschen Gewalt zwischen den Geschlechtern radikal unterschiedlich danach bewerten, ob ein Mann gegen eine Frau oder eine Frau gegen einen Mann gewalttätig ist, zeigt diese berühmte Sendung der amerikanischen abc-News.
 
 
Kai hat mir angeboten, einen Text zur Gewalt gegen Männer und ihrer Verbindung mit dem Vaterentzug zu veröffentlichen – vielen Dank dafür! Kai ist seit vielen Jahren in der Elternarbeit tätig und hat sich insbesondere mit der Situation ausgegrenzter Väter intensiv beschäftigt. In seinem Text fließen Erfahrungen aus dieser Arbeit und aus öffentlich zugängliche Quellen zusammen – so werden auch hier die persönlichen Konsequenzen einer auf Freund-Feind-Mustern aufbauenden Politik deutlich.
 
Vieles von dem, was Kai beschreibt, kenne ich übrigens auch persönlich. „Im Hintergrund hört man die Kinder schreien und weinen, was die Frau nicht im Geringsten dazu veranlasst, inne zu halten.“ Oder: „Es geht sogar so weit, dass man sie nicht mal an den Armen festhalten darf, um nicht geschlagen zu werden.“ Das habe ich so auch erlebt.
 
Als die Mutter unseres gemeinsamen Kindes mich im Beisein unseres noch ganz jungen Sohnes und ohne für mich nachvollziehbaren Anlass getreten und auf die Brust geschlagen hat, wusste ich zugleich, tatsächlich regelrecht instinktiv, dass ich sie auf gar keinen Fall auch nur zur Verhinderung weiterer Schläge an den Armen festhalten darf, weil mir das danach hätte zur Last gelegt werden können.
 
Gleichwohl ist niemals irgend jemand der später Beteiligten, mit Ausnahme von mir, auf die Idee gekommen, auch nur die Frage zu stellen, ob nicht unser Sohn möglicherweise bei mir besser aufgehoben wäre als bei ihr. Hätte ich mich aber damals gewehrt, dann hätte ich womöglich auf längere Sicht die Chance verloren, unseren Sohn zumindest wiederzusehen.
 
Ich kann also Kais Text nur nachdrücklich empfehlen! Lucas Schoppe
 
 
Kai V: „Get away from me“ – Gewalt gegen Männer
 
„Video löst Debatte aus: Darf ein Mann jemals eine Frau schlagen?“  So titelte Genderama im Dezember 2013. Ein guter Grund, um einmal über häuslicher Gewalt nachzudenken.
Auf der amerikanischen Ursprungsseite zum obigen Genderama-Beitrag sind Standbilder aus einem Video zu sehen. Dieses Video zeigt zwei Frauen, eine davon ist aufbrausend, beleidigend, sie schreit zu Anfang in die Kamera. Die andere ist beherrschter und spielt die Zeugin, die selbst mit ihrem Handy die Szenen filmt. Eine dritte Person filmt die beiden Akteurinnen, wie sie einen Mann, zufällig auch noch schwarz, angehen. Die Aufnahmen dieser Person sind auf dem Video zu sehen.
Man kennt die Vorgeschichte nicht, aber aus den Szenen, die man sieht, wird deutlich, die beiden Frauen sind auf Krawall gebürstet. Der Mann ist in diesem Konflikt meist passiv. Von ihm ist immer nur ein Satz zu hören: „Get away from me!“ – „Geh weg von mir“, „Halt Abstand“ oder „Lass mich in Ruhe“, während die beiden Frauen ihn immer wieder angehen.
Die Hauptagressorin beschimpft ihn, lehnt sich mit ihrem ganzen Körper an ihn, er reagiert mit „Geh weg von mir“, sie schimpft weiter. Erst als die Frau ihn auch körperlich angreift schubst er sie weg und schlägt im weiteren Verlauf auch zurück. Die Frau nimmt mit erhobenen Fäusten die Körperhaltung eines Boxers ein und geht auf ihn los. Seine Reaktion: „Get away from me“. Die andere Frau geht mir ihrer Handy-Cam dabei immer sehr nah mit ran, was für den Mann die ganze Situation noch bedrohlicher machen muss. Nur die zweite Person, die filmt, bleibt auf Abstand, sie filmt aus der Sicht einer unbeteiligten Person, die ihren Standort nicht ändert.
Wäre dort nicht eine Kamera, die diese Situation filmen würde, so würde der Mann wegen Körperverletzung belangt werden. Er, der nur deeskaliert, der sagt „Lass mich in Ruhe“, dessen Wunsch aber nicht erfüllt wird. Männer haben Gewalt, Beleidigungen und Erniedrigungen von Frauen mit stoischer heldenhafter Ruhe zu ertragen, sonst werden sie verurteilt.
Parallelen zu häuslicher Gewalt Bei uns gibt es einen Vater, der mit seinem Handy filmt, wie die Frau ihn attackiert, sogar mit einer Schere in der Hand. Er sagt immer nur, „Ich filme Dich gerade“, sie attackiert weiter und fügt ihm auch Kratzer an den Armen zu, wohlwissend, dass ihr nichts passieren wird. Im Hintergrund hört man die Kinder schreien und weinen, was die Frau nicht im Geringsten dazu veranlasst, inne zu halten.
Als der Mann die Polizei ruft, schließt sich die Frau mit den Kindern in ein Zimmer ein. Die Polizei sagte, sie könne nichts machen. Was sollen sie auch tun, die armen Polizisten? Die Aggressorin aus dem Zimmer holen und von den Kindern trennen? Nein, sie bieten dem Vater an, solange zu bleiben, bis er seine Sachen gepackt hat, um ihn auf die Straße zu begleiten, so schilderte er uns den weiteren Verlauf. Als Begründung für ihr Desinteresse sagen sie, der Mann würde doch auf dem Video nicht den Eindruck machen, als ob er vor den Attacken der Frau wirklich Angst habe. Häusliche Gewalt gegen Männer auf französisch, deutsch, englisch oder amerikanisch…
Viele andere Fälle deuten in die gleiche Richtung. So sieht z. B. Gabriele Wolff im Fall Mollath die Sachlage folgendermaßen: 
Aus dem Gerichtsprotokoll die Aussage von Mollath: „Sie hätten sich heftig gestritten, sie hätte nicht aufhören wollen. Wie schon mal passiert, sei sie auf ihn los gegangen. Tritte und Schläge. Leider hätte er sich gewehrt.“
Dazu dann Gabriele Wolff:
„…geht er [der Gutachter] in der Folge als Tatsachengrundlage seines Gutachtens allein von den belastenden Bekundungen der Ehefrau aus. Da weiß er sich einig mit den befaßten Richtern Huber, Eberl und Brixner: Frauen attackieren Männer nicht, und wenn sie es tun, darf sich der Mann nicht wehren – letzteres eine typisch männliche Einstellung, die auch Gustl Mollath teilt: schließlich tut es ihm leid, sich aktiv zur Wehr gesetzt zu haben. Ein Mann schlägt keine Frau, sondern nimmt deren physische Attacken widerstandslos hin.“
Etwas, das auch wir immer wieder erleben. Männer, die zurück geschlagen haben, in einem Streit, der eskalierte. Viele sehen sich selbst danach als gewalttätig und empfinden Schuld. Eine Frau schlägt Mann eben nicht, niemals, auch wenn sie zuerst attackiert. Es geht sogar so weit, dass man sie nicht mal an den Armen festhalten darf, um nicht geschlagen zu werden. Blaue Flecken, die hierdurch entstehen, werden gegen den Mann verwendet.
So schreibt die Oberstaatsanwältin A.D. Gabriele Wolff in einem anderen Beitrag zum Fall Mollath:
„Tatsächlich bestätigt das Attest die Tatschilderung gerade nicht. Zwanzig Faustschläge auf den Körper verursachen mehr als das eine Hämatom an der Stirn und das andere am Beckenkamm. Die beiden handbreiten Hämatome an den Oberarmen bestätigen vielmehr die Darstellung des Angeklagten, daß er sich gegen einen Angriff gewehrt habe: jeder Rechtsmediziner würde sie als typische Festhaltegriffe werten. …“
Frauenhäuser und Frauenberatungsstellen Auch die Leiterin des „Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff)“ Katja Grieger zeigte in der „Brigitte“ eine ähnliche Sichtweise von Frauenhäusern und -beratungsstellen. So antwortet sie der Brigitte-Journalistin, die sie zu den Aussagen von Prof. Amendt befragte, der Frauenhäuser gerne durch Gewaltschutzhäuser für Familien ersetzen möchte:
„Am meisten hat mich der Satz erschüttert: ‚Frauen kränken und reizen Männer mitunter bis aufs Blut.‘ So rechtfertigt Amendt Gewalt. Und gleichzeitig stellt er damit die grundlegende Basis für Arbeit gegen Gewalt in Frage, nämlich: Jeder Mensch trägt zu 100 Prozent die Verantwortung für sein Handeln. Gewalt ist nie zu rechtfertigen – egal, von wem sie ausgeübt wird.“
Gewalt ist immer ein bewusstes Überschreiten von Grenzen eines anderen Menschen. Leider teilt Frau Grieger uns nicht mit, wie eine Frau es schaffen kann, die Grenzen eines Mannes so massiv zu überschreiten, um ihn bis aufs Blut zu reizen und kränken, ohne ihrerseits Gewalt auszuüben. Es sind natürlich Väter/Männer, die die (Haupt-) Schuld tragen, Frauen können nur Opfer sein.
So ist es auch nicht verwunderlich dass Frauenhäuser auf ihren Seiten mit einer parteiischen Beratung werben, natürlich für die Frau. Man findet z. B. von Sabine Fischediek, Leiterin des Frauenhauses Rheine folgenden Ausspruch:
„Wir sind parteiisch. Die Sichtweise der Männer interessiert uns nicht.“
Die Sichtweise der Männer, wie die Leiterin des Frauenhauses Rheine mitteilte, interessiert nicht! Wie professionell eine solche einseitige Sichtweise ist, lässt sich an Paul Watzlawick drittem Axiom zur „Interpunktion“ ablesen. Hierzu folgendes Beispiel:
Befragt man den Mann zu den Spannungen in der Ehe, so antwortet er, er sei selten zu Hause, da seine Frau immer meckern würde. Befragt man die Frau, so erhält man die Antwort, sie würde immer meckern, weil ihr Mann nie zu Hause ist. Die Frage ist, wann nahm die Geschichte ihren Anfang und wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden?
Nun mag man einwerfen, Gewalt ist keine Kommunikation. Doch, Gewalt ist immer die Fortführung einer Kommunikation mit anderen Mitteln, was schon Militärstrategen wussten. Einseitige parteiische Beratung, die sich voll auf die Seite der Frau stellt, hilft hier genau so viel wie Kühlschränke in der Arktis. Nein, sie ist sogar kontraproduktiv!
Die fehlende Professionalität der Frauenhäuser und -beratungsstellen, die absolut einseitige Fixierung auf die Gewalt durch den Mann, mit fehlender systemischer bzw. ganzheitlichen Betrachtung und Beratung, führt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dazu, dass Frauen, die aus Gewaltbeziehungen in Frauenhäuser flüchten, wieder und wieder in einer (oftmals der alten) Gewaltbeziehung landen. Der so genannte Drehtüreffekt, der 60% der Frauen wieder, und oftmals als „neuen“ Fall, in Frauenhäuser treibt.
Gewalt erzeugt nun einmal Gegengewalt und die Gewaltspirale schraubt sich erbarmungslos in die Höhe. Wenn diese Gewaltspirale nur einseitig, auf ein Geschlecht, bzw. einen Partner bezogen thematisiert und therapiert wird, dann kommt es zu solchen „Phänomenen“.
Somit ist es, wie auch in obigem Video ersichtlich, für Frauen ein Leichtes, den Mann zu provozieren und zu attackieren, bis dieser eine Reaktion der Abwehr zeigt. Im Sprachgebrauch nennt sich das Notwehr, er hat das Recht, durch Maßnahmen Schaden von sich abzuwenden. Er muss nicht weichen, zumindest rein rechtlich. Die Praxis sieht leider anders aus, denn hier sind selbst ernannte Expertinnen, wie sie in Frauenberatungsstellen arbeiten, erschüttert, wenn Männer angegriffen werden, sich bis aufs Blut reizen lassen und dann zurück schlagen. Frauen haben dann hieran keinen Anteil!
Ich bin sogar fest davon überzeugt, dass Anwältinnen dieses Spiel mitspielen und ihre Mandantinnen auffordern zu provozieren. Wir haben Väter, die brauchen nur den Namen der Anwältin der Frau zu nennen und wir wissen bereits, es wird auch um häusliche Gewalt gehen. Dass Anwälte ihren Klienten zu einer Straftat oder einer Falschanzeige raten, ist für mich keine Frage von vielleicht, ich bin fest davon überzeugt. Auch hier, immer wieder das gleiche Vorgehen. Sie provoziert und attackiert, er wehrt die Gewalt ab, sie hat blaue Flecke, er Kratzwunden. Er muss gehen, sie bleibt in der Wohnung.
Aber auch viele andere Anzeigen, die wir bei uns sehen, sind nichts weiter als der Versuch, den Mann aus dem Haus zu kriegen. Hier kommt dann bei psychologischer Gewalt die Beleidigung als „blöde Kuh“ genauso ins Spiel wie nicht existente blaue Flecke, oder welche, die bereits am Abklingen sind, obwohl die Tat nur zwei Stunden vorher passiert sein soll. Alles ist Recht, um den Vater aus dem Haus zu bekommen.
 
Ob sich diese Anschuldigungen beim Familiengericht verfangen oder nicht, das spielt keine Rolle. Der Mann ist durch die Polizei der Wohnung verwiesen worden, das Kind hat sich an die Situation gewöhnt, das Kind bleibt, wo es ist. Zusätzlich erhält die Frau als Kriegsbeute noch sämtliche Unterlagen zur Vermögenslage des Mannes, bzw. der Eheleute. Ob der Vater später noch weiter ausgegrenzt wird, spielt hierbei eine untergeordnete Rolle.
 
Hierzu bemerkte die SPD Abgeordnete Frau von Renesse:
„Wo das endet, machte die SPD-Familienexpertin von Renesse bei einer Anhörung im Bundestag deutlich: Ein Vater, der sich an den gemeinsamen Tisch setze, ohne dass die Mutter dieses wünsche, müsse der Wohnung verwiesen werden können, basta!“
Adel verpflichtet, bis heute, zumindest wenn man dem Novo Magazin Glauben schenken möchte.
 
Dass bundesweit heute bereits bei einem Viertel aller Gewalttaten im Bereich häuslicher Gewalt die Frau als Täterin identifiziert wird, zeigt diese Sendung auf 3Sat, die auf Youtube verfügbar ist. Der Öffentlichkeit wird hingegen weiter das Märchen vom Mann als Täter vorgespielt, damit Frauen weiter ungestört prügeln können.
Diese Broschüre des BIG (der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen) zeigt, wie Polizisten sich in einem Konfliktfall verhalten sollen. In der Broschüre wird immer wieder darauf hingewiesen, dass 84% der Taten von Männern ausgehen, komischerweise entgegen dem Bundestrend, der in Berlin in den letzten Jahren, unter einer Rot/Roten Regierung, immer wieder bestätigt wurde. Die erste Fassung der Broschüre hatte sogar noch im Vorwort des Polizeipräsidenten die Zahl von 98% männlicher Täter ausgewiesen. Seit die Zahlen sinken, wird dieses „Infoblatt“ immer wieder überarbeitet, die Zahlen von um die 25% weiblicher Täter, die es in Berlin auch mal einige Jahre gab, tauchten natürlich nie auf.
Das Infoblatt zeigt aber auch, dass der Mann ruhig auf dem Hausflur, vor allen Nachbarn in einer Art Showprozess verhört werden soll, wo er sich mit Sicherheit anders verhält als in einer für ihn moderaten Situation, z. B. auf dem Polizeirevier.
So bekommt dann die Aussage der kanadischen Professorin Elizabeth Sheehy, ebenfalls auf Genderama verlinkt, einen ganz anderen Sinn. Diese Frau fordert, dass Frauen bei häuslicher Gewalt doch bitte ihre Ehemänner töten dürfen. Die finale Rache, attackiere den Mann, warte eine Reaktion ab, dann schlage ihn tot. So kann man dann gleich noch Haus und Hof erben.
Bereits heute gilt in Tötungsdelikten häuslicher Gewalt besonders die Todesdrohung durch den Mann als Hauptgrund für Strafminderung bzw. das Aussetzen zur Bewährung.

Kais eigenes Blog: Der Frontberichterstatter. Neues von der Geschlechterfront
 

Zerstörte Chancen – Esther Vilar begegnet den Wundern im Alice-Land

Nachdem nun das Ende der Dauerpräsenz Alice Schwarzers in den Medien bevorsteht, lohnt es sich, noch einmal einen Blick zurück zu werfen in die ferne Zeit, in der diese Präsenz begann.
 
1975 wurde der Vietnamkrieg beendet, starb der spanische Faschist Franco, wurden die Konditorei Coppenrath&Wiese und das Unternehmen Microsoft gegründet, David Beckham und Angelina Jolie geboren, Borussia Mönchengladbach wurde Deutscher Meister und gegen Twente Enschede UEFA-Pokalsieger, Spielbergs Der Weiße Hai wurde zum ersten Mal auf die Kinos losgelassen und Coppolas Der Pate II mit dem Oscar ausgezeichnet – und im deutschen Fernsehen lieferte sich Esther Vilar einen aufreibenden Schlagabtausch mit Alice Schwarzer. 
Alice Schwarzer bringt einige Notgroschen vor der politischen Verfolgung in Sicherheit.
Balthasar Esterbauer (1715): Schalldeckel der Kanzel in der Comburg – Die sieben Todsünden – Avaritia (Geiz, Habgier) (Quelle)
Beide waren vier Jahre zuvor schon allgemein bekannt geworden – Vilar mit dem provozierend-polemischen, aber seiner Zeit auch weit vorauseilenden Buch Der dressierte Mann, Schwarzer mit der Aktion Wir haben abgetrieben, bei der sich 374 Frauen in der Illustrierten Stern selbst der Abtreibung bezichtigten, um eine Reform des Paragraphen 218 zu erreichen. Dass die Selbstbezichtigung in vielen Fällen, auch in Schwarzers eigenem, unwahr war, spielte noch keine Rolle – wenn es einem guten Zweck dient, muss die Wahrheit sich eben ab und zu als flexibel erweisen.

Für diejenigen, die gern Körpersprache und soziale Manöver deuten, ist schon der Beginn der Sendung interessant – Schwarzer kommt zu spät, macht dafür seltsamerweise lauthals anderen Vorwürfe, wartet, bis Vilar sich einen Platz ausgesucht hat, verlangt dann diesen Platz für sich selbst und eröffnet schließlich unvermittelt das Gespräch mit einer gezielten Beleidigung:

„Das soll einige Leute geben, die glauben, dass das, was sie geschrieben haben, das sei also keine pure Dummheit oder so, das sei eine Satire.“ (1:09)
An dem, was dann geschieht, lässt sich wie an einem Kammerspiel zeigen, welche Entwicklung die deutschen Geschlechterdebatten in den Jahren darauf nahmen, welche Chancen sie ausgelassen haben – und welche Rolle Alice Schwarzer dabei spielte.

Alice Schwarzer kämpft, etwas verspätet, gegen den Stürmer Auf den ersten Blick treten beide für dasselbe ein – dafür, dass Frauen selbstverantwortlich leben und eigenständig ihr Leben gestalten. Vilar bezeichnet sich in diesem Sinne selbst als „ganz offene Feministin“. (1:37) Beide unterscheiden sich dann aber grundsätzlich in der Einschätzung der Schwierigkeiten, die einer weiblichen Selbstständigkeit im Weg stehen.

Vilar beschreibt eine gegenseitige Abhängigkeit von Frauen und Männern, eine Angst vor der Freiheit bei beiden, in der die Frau „sich als Schutzobjekt gibt“. Sie versuche, „dass der Mann sie wie ein Kind behandelt“ (20:30), lasse ihn aber tatsächlich für sich arbeiten – was für sie erhebliche Vorteile habe, beispielsweise ein im Schnitt erheblich längeres Leben.
„Es gibt in der Bundesrepublik fast keine Frauen, die ein ganzes Leben lang ihre Familien selber ernähren, ihren Mann und ihre Kinder.“ (13:14)
Schwarzer hingegen sieht Frauen einer allgemeinen männlichen Unterdrückung und Ausbeutung ausgeliefert, räumt Nachteile von Männern bestenfalls in massiv abwertenden Formulierungen ein
„wie kaputt die sind, wie grotesk die manchmal sein können“ (22:39) –
und besteht auf einer klaren Opferhierarchie: Männer seien durchaus auch Opfer, profitierten aber eigentlich allesamt von der Männerherrschaft, und Frauen seien ganz gewiss die „Opfer der Opfer“ (36:46).

Vilar stellt diese Position gleich zu Beginn bloß:

„Dass die Welt von Männern beherrscht wird, ist genauso paradox wie zu sagen, dass die Seefahrt von Matrosen beherrscht wird.“ (2:13)
So provozierend diese Position für Schwarzer natürlich ist, so legt sie doch einen grundsätzlichen Widerspruch offen – einen Widerspruch, von dem sich ein Feminismus niemals befreit hat, der auf der Idee einer allgemeinen patriarchalen Unterdrückung der Frau basiert: Schwarzer fordert Selbstständigkeit für Frauen, beschreibt sie aber als fundamental unselbstständige Wesen, die hilflos einer umfassenden Männerherrschaft ausgeliefert seien.

Noch am Ende des Gesprächs kann sie beispielweise nicht akzeptieren, dass Frauen sich ihre Position als Hausfrau selbst wählen und nach Umfragen glücklich damit sind – während Vilar schlicht feststellt, dass sie doch nicht anderen Frauen vorschreiben könne, was sie unter Glück zu verstehen hätten. (42:34)

 
Dass Vilar ihre Bücher selbst geschrieben habe, zweifelt Schwarzer gleich zwei Mal an – sie könne sich zwar nicht vorstellen, dass eine Mann „eine solche Konfusität“ zu Papier bringen könne (9:07), möchte dann aber trotzdem wissen, wer eigentlich dahinter stünde (20:58): Dass eine Frau eigenständig auf Gedanken gekommen ist, die von ihren eigenen Gedanken abweichen, ist ein selbstverständlich inakzeptabler Gedanke.

Auffällig ist auch hier Schwarzers beliebiger Umgang mit der Wahrheit. Mal macht sie Vilar lächerlich und stellt sie als „Ruferin in der Wüste“ hin, die mit ihrer Meinung ganz allein dastehe (9:35), mal beklagt sie lauthals, wie massiv Vilar schon seit Jahren allüberall protegiert werde (19:25). Beliebig auch wirft sie Phantasiezahlen ins Spiel, dass etwa die Lebenserwartung von Frauen in der „Doppelbelastung“ geringer sein als die von Männern (sie wollten sich doch jetzt nicht gegenseitig langweilen, raunzt sie Vilar an, als diese Schwarzers Zahlen beharrlich korrigiert), oder dass Männer überhaupt nur ein Drittel der insgesamt anfallenden Arbeit verrichteten und deshalb völlig zurecht später in Rente gingen.

Dass Vilar am Ende gleichwohl immer stiller wird, liegt nicht nur daran, dass ihr Schwarzer beständig ins Wort fällt und sich selbst beständig in Rage redet – es liegt wohl auch an zwei Schlüsselsituationen des Gesprächs.

Verachtung von Frauen wirft Schwarzer Vilar vor und einen Verrat an ihrem Geschlecht – während diese betont, dass es ihr ganz im Gegenteil um eine „Ehrenrettung für mein Geschlecht“ (26:43) ginge. 

Schwarzer: Ich glaub, dass jemand, der so zynisch ist und so gemein wie Sie, der solche Dinge schreibt – ich wundere mich überhaupt, dass Frauen Sie noch nicht angegriffen haben. 
Vilar: Haben sie schon.
Schwarzer: Richtig. Richtig. (25:06-25:14)
Das konnte leicht als offener Aufruf zur Gewalt gegen Vilar verstanden werden und wurde so wohl auch verstanden. Viel später, im Jahr 2007, erzählt Vilar von ihren Gründen, Deutschland zu verlassen:
„Ja, auf der Toilette der Münchner Staatsbibliothek haben mich vier junge Frauen zusammengeschlagen. Das war nicht zum Lachen. Ich wurde bespuckt, ich bekam unentwegt Morddrohungen, mein Haus in München pinselte man mit Totenköpfen und Ähnlichem voll. Ich habe Deutschland von einem Tag auf den andern verlassen, ich hatte einen kleinen Sohn, ich konnte nicht mehr bleiben. Ich bin in die Schweiz.“ 
Noch irrwitziger, falls das möglich ist, wirkt aus heutiger Sicht eine andere Passage des Gesprächs. Vilars Bücher seien, so Schwarzer, so infam und unerhört, dass Frauen sich erkundigen sollten, ob juristische Schritte dagegen möglich seien.
„Wenn wir in ihren Büchern das Wort ‚Frau‘ ersetzen würden durch das Wort ‚Jude‘ oder ‚Neger‘, dann wären ihre Schriften reif für den ‚Stürmer‘! (…) Sie sind nicht nur Sexistin, sie sind auch Faschistin! Das ist eine sehr ernsthafte Anschuldigung und in Anbetracht ihrer persönlichen Situation, glaub ich, doppelt schwerwiegend.“ (31:19 – 31:40)
Die Vorwürfe begründet Schwarzer an keiner Stelle – der Gestus der aufrechten Empörung ersetzt bekanntlich jederzeit und umstandslos jedes Argument. Es ist auch nicht etwa Vilar selbst, die angesichts der Stürmer– und Faschismus-Vorwürfe die erzwungene Emigration ihrer jüdischen Familie in ihr Geburtsland Argentinien ins Gespräch bringt. Es ist Schwarzer, die implizit auf Vilars Judentum und das Schicksal ihrer Familie hinweist und diesen Hinweis dann sogleich gegen sie verwendet: Wenn sie, Schwarzer, nicht umhin komme, sogar die Jüdin Vilar als Faschistin zu bezeichnen, dann müsse diese Jüdin ja ganz gewiss etwas ganz ungeheuer Schreckliches getan haben.

Sollte es einmal einen Wettbewerb um die verlogenste Äußerung in der Geschichte des bundesdeutschen Fernsehens geben, dann müssten diese Sätze unbedingt zu den Top-Favoriten auf den Gesamtsieg zählen.

 
Gute Hetze, böse Unschuld und weitere Wunder im Alice-Land Vermutlich hatte es dreißig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust für viele Deutsche eine erhebliche schuldentlastende Funktion, dass eine Jüdin im deutschen Fernsehen, zudem ohne nachvollziehbare Begründung und für die Angreiferin völlig folgenlos, als Faschistin und Stürmer-Agitatorin beschimpft werden konnte. Das legt die Frage nahe, ob sich nicht überhaupt der Erfolg Schwarzers ganz anderen Elementen ihrer öffentlichen Stellungnahmen verdankt als dem Klischee, sie habe für die Gleichberechtigung von Frau und Mann gekämpft.

Denn das hat sie ganz offensichtlich nicht, schon 1975 nicht. Der klassische Feminismus hatte sich weitgehend um gleiche Rechte, aber nicht um gleiche Pflichten bemüht – um das Frauenwahlrecht zum Beispiel, aber nicht um die Frauenwehrpflicht, oder um die Entscheidungsmacht des Familienoberhaupts, aber nicht um seine Versorgungspflichten. (Ausführlicher dazu ist z.B. das gerade erschienene und ohnehin sehr lesenswerte Plädoyer für einen liberalen Maskulismus).

 
Mit dieser Schieflage war ein stabiler, gleichberechtigter Geschlechtervertrag kaum zu etablieren, und es ist eines der wesentlichen Verdienste von Vilar, dass sie darauf reagiert. An keiner Stelle greift sie die Gleichberechtigung von Mann und Frau an, fordert aber, dass die gleichen Rechte mit gleichen Verantwortungen einhergehen müssten – und behauptet provokant, dass Frauen sich aus vielen Verantwortungen heraushielten.

Schwarzer hingegen konstruiert das Schreckensbild einer allgemeinen, erdrückenden und inhumanen Männerherrschaft, unter der Frauen nicht nur auf gleiche Rechte, sondern auf ganz besonderen Schutz Anspruch hätten. Anstatt damit aber angesichts der Widersprüche und der Unzeitgemäßheit einer klassischen bürgerlichen Geschlechterordnung nach Lösungen zu suchen, betoniert sie diese Ordnung, radikalisiert sie noch in der Phantasie der umfassend schutz- und hilflosen Frau – und behauptet zugleich schlankweg, sie würde damit zur Überwindung der Verhältnisse beitragen.

Eine tief reaktionäre Anlage von Schwarzers Denken war also eigentlich schon 1975 zu erkennen, wurde aber im Lauf der Jahrzehnte deutlicher. Wenn sie sich heute gegen einen „Rufmord“ verwahrt, weil ihre Steuerhinterziehungen trotz Rückzahlung eines Teils des hinterzogenen Geldes öffentlich wurden, dann wirkt das komisch angesichts der Härte, mit der sie andere öffentlich attackiert. Antje Sirleschtov im Tagesspiegel:

„Die Frau, die Jörg Kachelmann öffentlich noch einen Vergewaltiger nannte, als das Gericht den Wettermann schon nicht mehr rechtlich belangte, die ihre Nachfolgerin an der Spitze der Zeitschrift ‚Emma‘ öffentlich der Unfähigkeit bezichtigte und auch sonst das scharfe rhetorische Schwert gegen niemanden scheut, gibt sich zart besaitet, wenn es um ihr eigenes Leben geht und die Frage, was Geld und Moral miteinander zu tun haben.“
Eine wesentliche Wurzel für die Frauenbewegung der zweiten Jahrhunderthälfte war in Deutschland die „68er-Bewegung“. Es müsste für Alt-68er eigentlich seltsam sein zu sehen, wo ihre Bewegung mit Schwarzer angekommen ist – nämlich in der dauerhaften Ko-Operation mit Springers Bild-Zeitung zur systematischen öffentlichen Hetze gegen Einzelne.

Schwarzers Emma polemisierte derweil gegen die Unschuldsvermutung und schlug den Begriff, gemeinsam mit dem Begriff „einvernehmlicher Sex“, zum Unwort des Jahres vor.  Nun ist der Zweck der Unschuldsvermutung ja nicht, wie von Schwarzers Zeitschrift suggeriert, der Täterschutz, nicht einmal vorwiegend der Schutz Unschuldiger – sondern der Schutz einer liberalen Rechtsordnung vor dem Abgleiten in autoritäre Repression. Wenn der Staat Sanktionen gegen Einzelne verhängt, dann ist es auch die Verantwortung des Staats, nachzuweisen, dass diese Sanktionen legitim und notwendig sind – es ist nicht die Aufgabe der betroffenen Bürger, die Illegitimität der Sanktionen  nachzuweisen.

 
Wer die Unschuldsvermutung bekämpft, will den autoritären Staat. Das ist hier plausibel nur angesichts der Vorstellung, dass der Staat die Aufgabe habe, Frauen vor der allgegenwärtigen männlichen Bedrohung zu schützen.
 
Zugleich wirkt Gewalt gegen Männer damit legitim – legendär ist ja Schwarzers Kommentar zur Verstümmelung John Bobbitts durch seine Frau:
„Eine hat es getan. Jetzt könnte es jede tun. (…) Und da muß ja Frauenfreude aufkommen, wenn eine zurückschlägt. Endlich.“
Was wäre wohl umgekehrt geschehen? Wenn ein Mann seiner schlafenden Frau die Vagina mit einem Messer verstümmelt und ein berühmter deutscher Journalist dazu triumphierend kommentiert hätte, dass einer es nun getan habe („Nun kann es jeder tun.“) und dass nun ja „Männerfreude“ aufkommen müsse – dann hätte dieser Journalist gewiss nicht das Bundesverdienstkreuz bekommen, sondern Job und Reputation verloren. Und zurecht. 
 
Wie man eine Persilschein-Maschine baut Ein autoritärer Staat, der nicht lange fackelt – starre und leicht erkennbare Freund-Feind-Muster – ein herrischer und beliebiger Umgang mit der Wahrheit – Gewaltnähe – Verweigerung von demokratischen Debatten – das Festhalten an Strukturen, die sich längt überlebt haben – ein starres Gefühl eigener moralischer Überlegenheit und die beständige Weigerung, sich und andere an denselben Maßstäben zu messen: Der Feminismus, für den Schwarzer steht, hat durchgängig alle Merkmale einer autoritären, reaktionären Politik.

Nun gibt es möglicherweise in vielen Ländern, auch in Deutschland, eine heimliche Sehnsucht nach einer solchen Politik, nur dass diese Sehnsucht eben gerade in Deutschland aus guten Gründen besonders verpönt ist. Die Ursache für den Erfolg von Schwarzers Feminismus ist also möglicherweise nicht, dass sie sich für Gleichberechtigung eingesetzt hat – denn das hat sie nicht.  

 
Die Ursache ist wohl, dass sie seit Jahrzehnten autoritäre und reaktionäre Sehnsüchte in einer schuldbefreiten Version bedient. Feminismus – als Behauptung, in einer „Männerherrschaft“ für den Schutz von Frauen tätig werden zu müssen – ist hier gleichsam eine Maschine, die beständig Persilscheine produziert.
„Der Feminismus in Deutschland bekäme die Chance, als so vielfältig wahrgenommen zu werden, wie er ist“,
wenn Schwarzers Dauerpräsenz ein Ende habe – so Stefan Kuzmany bei Spiegel-Online. Das ist wohl zu einfach. Ob Aufschrei, Mädchenmannschaft oder Femen in Deutschland – auch der Feminismus jüngerer Generationen arbeitet mit denselben betonierten Freund-Feind-Schemata, die schon Schwarzer seit jeher verwendet. Wäre beispielweise die liberale französische Feministin Elisabeth Badinter eine Deutsche, dann würde sie hier als Antifeministin gelten und auf entsprechenden Hater-Listen landen.
„Etwa gleich viel Männer und Frauen riefen spontan beim Sender an“,
schrieb 1975 Der Spiegel zur Reaktion auf das Gespräch von Schwarzer und Vilar. Indem Positionen wie die Vilars, im Wortsinne, aus dem Diskurs geprügelt wurden, hat sich eine Idee etabliert, die von jüngeren Feministinnen unbeirrt weitergetragen wird: die offen idiotische Idee nämlich, eine sinnvolle Geschlechterdebatte könne am besten unter Ausschluss der Männer geführt werden.

Pech nur, dass bei Schwarzers Steuerhinterziehungen die hausgemachten Persilscheine ihre Gültigkeit verlieren.

„Ja, ich habe einen Fehler gemacht, ich war nachlässig“,
gibt sie zu. Verstehe ich natürlich – das ist mir auch schon ein paar Mal passiert, dass ich aus lauter Nachlässigkeit plötzlich ein paar Schweizer Konten hatte.
„Ich habe in Deutschland versteuerte Einnahmen darauf eingezahlt in einer Zeit, in der die Hatz gegen mich solche Ausmaße annahm, dass ich ernsthaft dachte: Vielleicht muss ich ins Ausland gehen.“
Schon Arne Hoffmann hat darauf aufmerksam gemacht, wie deplatziert diese Begründung ist angesichts der Tatsache, dass Esther Vilar aufgrund der Gewalt gegen sie tatsächlich das Land verlassen musste – während Schwarzer sich immer weiter etablierte. Mehr noch: Schwarzer geht offenbar davon aus, dass bei einer erzwungenen Emigration auch ihr Vermögen beschlagnahmt worden wäre – als wäre die Bundesrepublik Deutschland ihr gegenüber womöglich so vorgegangen wie das nationalsozialistische Deutschland gegen Juden. Das ist allzu offensichtlich gaga.

Als „Hetze“ bezeichnet die Missy-Herausgeberin Stefanie Lohaus in der Zeit die scharfen öffentlichen Reaktionen auf Schwarzers Steuerhinterziehung, sie grenzt sich aber zugleich von Schwarzer und ihrer „Doppelmoral“ ab. Offensichtlich versucht sie, Schwarzer als Person zu kritisieren, aber den Feminismus in Deutschland vor dieser Kritik zu schützen.

 
Es gibt eine bessere Möglichkeit. 
Wenn Schwarzers auf Autopilot gestellte Dauerpräsenz in den Massenmedien tatsächlich zu Ende gehen sollte, ergibt sich daraus vielleicht die Gelegenheit, einmal in Ruhe die Frage zu stellen, welche Chancen in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich verpasst, sogar zerstört wurden – durch eine reaktionäre, feministisch betonierte Geschlechterdebatte, die nicht auf rationalen Austausch, sondern moralisierend auf beständig verfügbare Gut-Böse-Holzschnitte setzte, nicht auf Kooperation, sondern auf Konfrontation, nicht auf den Austausch verschiedener Perspektiven, sondern auf den Ausschluss der einen Hälfte der Bevölkerung aus dem Gespräch.

Zu Esther Vilars „Der dressierte Mann“ gab es im vergangenen Jahr, off topic, eine interessante und längere Diskussion bei Alles Evolution, die mit diesem Kommentar begann.

Zu Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ habe ich diese Artikel auf man tau veröffentlicht.

Ein weiteres, sehr interessantes Interview mit Alice Schwarzer findet sich hier (danke an Genderama für den Hinweis).

Familienfreundlicher Militarismus und andere mediale Verzückungen (Monatsrückblick Januar 2014)

Die Bundeswehr: familienfreundlicher! Jetzt mit noch mehr Auslandseinsätzen! Gern auch mit minderjährigen Soldaten!
Ob die neue Verteidigungsministerin sich irgendwann einmal Gedanken darüber gemacht hat, wie ihre verschiedenen Positionen miteinander vereinbar sind, spielte im vergangenen Monat keine Rolle. Wozu auch: Von der Leyen schaffte es zumindest, immer wieder allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Kritik daran wurde deutlich stärker in Blogs geäußert als in etablierten Medien. 
Sollte es hinter der medialen Wirklichkeit noch eine andere geben, die manchmal unvermittelt durchscheint? Und verwandelt jemand, der das glaubt, sich möglicherweise auf der Stelle in Maskuscheiße? Fragen des Monats Januar. (Quelle)
 
„Wer einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel. Und so war es nur konsequent, dass Feministin und Frauenquoten-Befürworterin Ursula von der Leyen als erste Amtshandlung in ihrer neuen Position als Verteidigungsministerin verkündet, die Bundeswehr nicht nur familienfreundlicher, sondern sogar zum attraktivsten Arbeitsgeber Deutschlands umzugestalten.“
So zum Beispiel beginnt der Beitrag zur Bundesverteidigungsministerin im Wortschrank. Beim Spiegelfechter schreibt Jörg Wellbrog über den „Kriegsspaß für die ganze Familie“, den die Ministerin verspreche.
„Sie drängt den Krieg, die Toten, die Verletzten und seelisch Geschundenen in eine theoretische Ecke und will die Einsätze der Bundeswehr in den Alltag integrieren wie die Mittagspause bei Starbucks.  
Nichts davon wird sich umsetzen lassen. Ursula von der Leyen zeichnet ein Bild, das abstrakt bleiben wird.“
Ganz ähnlich Kai, der als „Frontberichterstatter“ eigentlich für „Neues von der Geschlechterfront“ zuständig ist:
„Das hier Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen in heimische Kasernen zurück kommen, das Menschen ihr Leben verlieren oder ihre körperliche Integrität, versucht von der Leyen durch Kitas und Teilzeit auszublenden und mit ihrem kühlen Lächeln zu überspielen.“
 Und:
„Adelige Frau aus der Oberschicht befehligt Soldaten aus der Unterschicht im Kriegseinsatz. Militär und Krieg war immer schon eine Domäne des Adels, nur dass diesmal eine Frau die Befehle gibt die Menschen über die Klinge springen lässt.“
Der Pelz-Blog bringt den Zusammenhang von demonstrativer Familienfreundlichkeit und einem Ende militärischer Zurückhaltung auf den Punkt:
„Während groß getrommelt wird, dass die Bundeswehr familienfreundlicher werden soll, werden Maßnahmen kriegerischer Natur eher bedeckt kommuniziert.“
Bettina Hammer wirft von der Leyen bei Telepolis ganz in diesem Sinne vor, ein geschöntes Bild der militörischen Wirklichkeit zu zeichnen:
„Wer diese Wirklichkeit ausblendet, aber zeitgleich von mehr ‚humanitären Einsätzen‘ in Ländern, in denen ‚Vergewaltigung und Mord an der Tagesordnung sind‘, redet, muss sich letzten Endes entweder Blindheit oder aber gezielte Desinformation vorhalten lassen.“
Dass die Unterstellung nicht hergeholt ist, die Ministerin verdecke mit routiniertem Familienministerinnen-Vokabular eine militaristische Politik, zeigen Beiträge vom Ende des Monats. Zugleich spielt hier eine zentrale Frage des zurückliegenden Monats eine Rolle: inwieweit nämlich Akteure in etablierten Medien überhaupt noch daran interessiert sind, zu demokratischen Auseinandersetzungen beizutragen, oder ob diese Funktion nicht, zumindest im Internet, mittlerweile viel besser von dezentraleren Medien erfüllt wird.
Familienfreundlicher Militarismus und andere Selbstverständlichkeiten Diese beiden Positionen wurden im vergangenen Monat prototypisch von Stefan Niggemeier und Jan Fleischhauer vertreten. Niggemeier unterstellte etablierten Medien, 
„dass sie ein grundsätzliches und nachhaltiges Problem damit haben, dass ihnen das Kritik– und das Aufmerksamkeits-Monopol abhanden gekommen sind.“
 Fleischhauer hielt bei Spiegel-Online dagegen:
„wer über einen Platz in einer Zeitung verfügt, kann sich eher Gehör verschaffen als Leute, die das nicht tun. Das ist für alle, die von einer Gesellschaft der Gleichen träumen, schwer erträglich.“
Dass aber lediglich Neid für die Enttäuschung über etablierte Medien verantwortlich ist, ist eine, ähem, angreifbare These, die sich schon bei Spiegel-Online selbst überprüfen lässt.
Bei der Sicherheitskonferenz in München verkündet von der Leyen eine Neu-Orientierung der Bundeswehr, die nicht nur für die deutsche Außenpolitik, sondern vor allem für die betroffenen Soldaten erhebliche Folgen haben kann.
„‘Gleichgültigkeit ist für ein Land wie Deutschland keine Option, weder aus sicherheitspolitischer noch aus humanitärer Sicht‘, ruft sie in den Saal. Sie spricht von Verpflichtungen, die Deutschland erfüllen müsse, und von Verantwortung. ‚Wenn wir über die Mittel und Fähigkeiten verfügen, dann haben wir auch eine Verantwortung, uns zu engagieren‘, so von der Leyen. Was damit gemeint ist, wissen die Anwesenden. Lange Jahre hat sich Deutschland bei internationalen Missionen zurückgehalten, dafür gab es regelmäßig Kritik.“
Wenn die Verteidigungsministerin hier, ganz offenbar abgestimmt mit Außenminister und Bundespräsident, eine Ende der militärischen Zurückhaltung Deutschlands verkündet, dann ist ihr bei der Sicherheitskonferenz Beifall sicher – auch wenn sie damit vielleicht viele der von ihr vertretenen Bürger überrennt, die gedanklich träge noch immer mit der Frage beschäftigt sind, wie denn größere Familienfreundlichkeit und eine Politik verstärkter Auslandseinsätze gleichzeitig realisierbar sind.
Worauf aber konzentriert sich das deutsche Leitmedium Der Spiegel, wenn er vom hier inszenierten neuen deutschen militärischen Selbstbewusstein berichtet? „Willkommen in der Macho-Welt“, ist der Beitrag überschreiben, und das setzt sich im Text so fort:
„Dieser kurze Moment vor der ersten Rede von der Leyens vor einem prominenten internationalen Publikum hat durchaus Symbolwert. Eine Frau mit Befehlsgewalt – im Macho-Kosmos des Militärs und der Sicherheitspolitik ist das noch immer Neuland.“
Der „Wert“ dieser Rede bestimmt sich für den Spiegel-Chefreporter Matthias Gebauer also nicht dadurch, was die Ministerin dort verkündet – sondern dadurch, dass es eine Frau ist, die…über irgendwas redet. Dabei gäbe es schließlich Anlass genug, die fröhliche Ausrichtung auf „mehr Auslandseinsätze“ in Frage zu stellen.
Was, beispielsweise, soll so eine allgemeine Aussagen? Wenn die Einsätze sich überhaupt legitimieren lassen, dann durch konkrete, fallbezogene Argumente. Wodurch wird, im konkreten Fall, ein militärisches Eingreifen nötig? Kann die Bundeswehr irgend etwas Sinnvolles beitragen? Wie hoch sind die Kosten eines Einsatzes, in jeglicher Hinsicht? Welche Möglichkeiten gibt es, den Einsatz in absehbarer Zeit auch wieder zu beenden? Warum Einsätze in der einen Situation, in anderen nicht?
Stattdessen einfach von „mehr Auslandseinsätzen“ zu reden, ist ungefähr so, als hätte die verantwortliche Ministerin verkündet, dass deutsche Soldaten doch bitteschön in Zukunft ganz einfach häufiger auf andere Menschen schießen und häufiger getötet werden sollten. Wieso eigentlich fällt angesichts solcher Positionen einem Spiegel-Redakteur nichts anderes ein, als die Geschichte einer tapferen Frau im Macho-Land zu erzählen?
 
Eine Geschichte zudem, die beliebte Geschichten darüber wiederholt, wie schwer Soldaten es allgemein Soldatinnen machen, und wie sie sexuelle Belästigung zur Einschüchterung einsetzen – beliebte Geschichten, die offenbar nicht auf sorgfältiger Recherche, sondern auf deren Vermeidung aufbauen.
 
Ähnlich klischeehaft war die massenmediale Darstellung anderer Themen dieses Monats – zum Beispiel die der Online-Petition gegen den Landesbildungsplan in Baden-Württemberg, die eine Einführung von gender-theoretischen Vorstellungen über die bloß soziale Konstruiertheit von Geschlechtern kritisierte, aber von einigen Unterstützern auch mit schwulenfeindlichen Statements versetzt wurde.
 
Die Diskussion in Blogs dazu war differenziert, argumentierend, auch vielfältig – die Darstellung in etablierten Medien hingegen versteifte sich auf Klischees und auf den Vorwurf, dass Kritik an dem Bildungsplan nur homophob und reaktionär sein könne (dazu eine knappe Zusammenstellung in dem entsprechenden Beitrag hier bei man tau).
Noch größer ist der Unterschied zwischen massenmedialer Präsentation und den persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen vieler anlässlich eines Jubiläums – der „Aufschrei“ jährte sich zum ersten Mal. Tatsächlich könnte längst – wie z.B. durch die Analyse im Blog Maskulismus für Anfänger – klar sein, dass der Aufschrei keineswegs eine feministische Graswurzelbewegung, sondern eine mediale Inszenierung war.
 
Gleichwohl verbreiten Texte etablierter Medien noch immer, wie Lena Jakat in der Süddeutschen Zeitung, das Bild unschuldiger Frauen, „zum Schweigen gebracht von einer digitalen Front aus Aggression“, oder erzählen, wie Hannah Beitzer in derselben Zeitung, im Zusammenhang mit dem Aufschrei auch weiterhin Unerhörtes über einen „Gender Pay Gap“ von 22 Prozent – unbekümmert übrigens um den unwichtigen Sachverhalt, dass der Text, den Beitzer als Beleg verlinkt, ihrer eigenen Aussage widerspricht. (Zu beiden Texten hier bei man tau). Ähnlich unkritisch verläuft weiterhin die massenmediale Diskussion um Frauenquoten.
Die SPD und andere transzendentale Erfahrungen Andere Angehörige der Bundesregierung gaben sich im vergangenen Monat Mühe, konnten es aber mit der Publicity-Tauglichkeit von der Leyens kaum aufnehmen. Souverän ignorierte beispielweise der neue Justizmister Maas Lappalien wir den NSA-Skandal oder die europäische Krise und machte klar, was eigentlich wichtig ist: Die „oberste Priorität“ habe für ihn, so verkündete er unisono mit der „Familienministerin“ Manuela Schwesig, die Einführung der Frauenquote für Aufsichtsräte. 
Über diese entschlossene und beflissene Prioritätensetzung waren vermutlich selbst Befürworterinnen der Quote erstaunt, zumal es dafür eigentlich keinen anderen nachvollziehbaren Grund gibt als das Bedürfnis des Ministers, sich bei einer kleinen, privilegierten Gruppe von Menschen lieb Kind zu machen.
Der Versuch, sympathisch rüberzukommen und damit Wählerstimmen zu gewinnen, hat allerdings schon zu anderen Zeiten in Maas‘ Karriere nur eingeschränkt funktioniert. Als saarländischer Spitzenkandidat hatte er es innerhalb von nur zwei Jahren immerhin geschafft, die SPD von Reinhard Klimmts 44,4 % im Jahr 1999 auf 24,5 % im Jahr 2009 zu bringen. Die SPD, so die Wikipedia in grausamer Sachlichkeit,
„erzielte damit das schlechteste Ergebnis seit Bestehen des Saarlandes, bei ebenfalls starken Verlusten der CDU“. 
Natürlich hat ihn dieser Erfolg für eine sozialdemokratische Ministerkarriere qualifiziert, auch wenn er natürlich akzeptieren muss, dass er mit Sigmar Gabriel auch hier kaum mithalten kann – dem war es gelungen, nachdem er das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten von Schröder und Glogowski geerbt hatte, bei nur einer einzigen Wahl 2003 14,5 % zu verlieren. Er wurde dann lieber SPD-Vorsitzender und ging nach Berlin.
Offensichtlich entwickelt sich die SPD überhaupt schon seit langer Zeit zu einer Partei, die Begrenzungen der üblichen Parteiendemokratie hinter sich lässt und transzendiert und die sich um Wählerstimmen, Akzeptanz der eigenen Politik bei den Wählern und solcherlei Schnickschnack nicht mehr weiter kümmert. Die SPD sei eine „Regierungspartei“, verkündete Thomas Oppermann in der Frankfurter Allgemeinen, und das ist immerhin insofern richtig, als sie nirgendwo eine überzeugende Oppositionspolitk macht. 
Ansonsten ist sie eher eine Mit-Regierungspartei, so wie es die FDP oder die Grünen schon immer waren – was den großen Vorteil hat, dass nur eine begrenzte Klientel bedient werden muss und man die lästige Aufgabe, sich mit dem Gemeinwohl, dem Ausgleich verschiedener Interessen oder sozialer Gerechtigkeit und solcherlei Firlefanz zu beschäftigen, anderen überlassen kann. Immerhin ist es verständlich, dass eine solche Partei eine heftige Vorliebe für Quoten entdeckt.
Auch angesichts der kategorisch verkündeten ungeheuren Dringlichkeit von Quoten wurden die naheliegenden Fragen nach der Vernunft ministerieller Entscheidungen eher in Blogs gestellt als in etablierten Medien. Tom veröffentlichte bei Mein Senf einen Artikel mit interessanten Statistiken zur Quote und schrieb in den Kommentaren:
„Wenn man denn unbedingt Frauen in den Vorständen haben will, dann geht das nicht top down sondern bottom up. Dann muss man den kleinen mädchen beibringen, dass geld das einzig wahre ist, gewinnen unendlich wichtig. Irgendwann will frau das dann vielleicht und ist bereit, karriere zu machen und den preis dafür zu zahlen. Ob das wirklich so toll ist? Das mag jede und jeder für sich entscheiden.“
Damit klingt unterschwellig eine Skepsis gegenüber Karrierewegen an, die weit überwiegend von Männern gegangen werden. Der Flussfänger drückt diese Skepsis noch expliziter aus:
„Man ist immer noch nicht im Vorstand des DAX-Konzernes? Wenn man zufällig eine Frau ist liegt das Versäumnis woanders, also hilft die Quote nach. Mit Kindern kann man nicht das gleiche Leben führen wie ohne? Wer konnte das ahnen, uns werden ja dauernd Vorbilder vor die Nase gesetzt die das erfolgreich schaffen! Aber wozu gibt es schließlich Ganztagsschulen. Oh, die Kinder sind noch gar nicht schulpflichtig? Na dann eben der Ganztagskindergarten. Auch dafür noch zu jung? Dann halt die Kindertagesstätte, am liebsten gleich schon nach der Geburt, ist eh besser für die Entwicklung sagt man. Und davor gilt dann ja das ‚Selbstbestimmungsrecht‘ der Frau, neuerdings auch gerne bitte bis unmittelbar vor der Geburt.“
 
Fragen zur Abtreibung und andere Maskuscheiße Das war ein überraschend wichtiges Thema in diesem Monat, und mein persönlicher Eindruck ist, dass es in Zukunft noch wichtiger wird: Das Thema Abtreibung kam wieder auf die Tagesordnung, verbunden mit Fragen nach dem Selbstbestimmungsrecht der Frau – und danach, inwieweit es hier überhaupt um eine Selbstbestimmung geht, schließlich sind auch die Interessen anderer erheblich betroffen.
 
Die Piratin Julia Schramm machte nicht nur durch die Ankündigung auf sich aufmerksam, nie wieder „Wahlkampf für eine Penisliste“ zu machen, sondern auch durch die Forderung, Abtreibung sollte bis zum neunten Monat im Ermessen der Frau liegen. Völlig überrascht stellte sie fest, dass sie daraufhin als „Mörderin“, gar „Terroristin“ bezeichnet worden sei – immerhin beruhigte sie auf Twitter ein freundlicher Zeitgenosse, dass das gewiss nicht an ihr, sondern nur „an denen und ihrem Hass“ liege.
Wer von der Vorstellung ausgeht, die Frau müsse völlig autonom entschieden können, was mit ihrem Körper geschieht, der kann sich eben auch nicht mit der Vorstellung anfreunden, dass sie nach drei Monaten Schwangerschaft ein Kind schließlich, wenn keine weiteren Indikationen vorliegen, austragen muss – auch wenn sie es sich anders überlegt hat. Wäre ja auch noch schöner, wenn Autonomie bedeuten würde, die Konsequenzen eigener Entscheidungen zu akzeptieren.
Noch komplizierter wird es natürlich, wenn Männer auch mitreden wollen. Niemand, der ernstzunehmen wäre, tritt dafür ein, dass Frauen zu einer Abtreibung gezwungen werden können, wenn der Mann nicht das Kind will. Dass aber Männer, deren Leben sich durch ein Kind ebenfalls massiv wandelt, prinzipiell überhaupt nicht mitreden können, ist gleichwohl problematisch.
Ein Blogtext springt Julia Schramm bei, ohne allerdings eigens die Kleinigkeit zu erwähnen, dass sie keineswegs mit einigen Jahrzehnten Verspätung bloß die Legalisierung der Abtreibung, sondern ihre Legalisierung bis zum neunten Monat gefordert hatte.
„Die Zeugung ist ein beidseitiger Akt, mit Schwangerschaft und Geburt hat der Mann nicht unmittelbar etwa zu tun. Und wenn er etwas mit der Schwangerschaft zu tun hat, dann nicht aus körperlichen Gründen, sondern aus sozialen.“
Zu den „sozialen Gründen“, die ein Mitspracherecht natürlich nicht nötig machen, gehört nicht etwa nur, dass der Mann ebenso zum Vater wird wie die Frau zur Mutter – sondern auch, dass er bei Androhung einer Gefängnisstrafe zum Unterhalt für die Schwangere verpflichtet ist. Diesen Unterhalt verdient er selbstverständlich ganz ohne Einsatz seines Körpers.
Erstaunlich zudem ist es schon, wie schnell Menschen, die sonst verbissen auf der sozialen Konstruktion von Geschlechterrollen bestehen, urplötzlich nur noch biologische Zusammenhänge gelten lassen, sobald sie mütterliche Privilegien gefährdet sehen.
Der Hinweis auf die zitierte Unterhaltspflicht stammt übrigens aus einer der längsten Diskussionen bei Alles Evolution im vergangenen Monat. Zum Thema „Alkohol während der Schwangerschaft“ kreisten Hunderte von Beiträgen um die Frage danach, wo die Frau in ihrer Entscheidung die Interessen und das Leben des Kindes berücksichtigen müsse – und auch die des Mannes.
Tatsächlich verbirgt sich hinter der strikten Betonung weiblicher Autonomie ein erheblicher Besitzanspruch gegenüber dem Kind. Anita Heiliger begründet ihn, wie auch sonst, streng biologistisch mit dem Hinweis darauf, dass das Spermium biologisch betrachtet eigentlich gar kein Samen sei, sondern lediglich „den Anstoß zur Zellteilung des weiblichen Eies“ gebe.
Schon Anfang Februar, am 3.2., wird eine Gerichtsverhandlung darüber entscheiden müssen, ob eine im und für den VAMV tätige Anwältin – und andere Vertreterinnen des Verbands – diesen Anspruch in einer Weise durchgesetzt haben, sie systematisch deutsches Recht gebrochen hat. Wegen entsprechender Vorwürfe hat sie den Chefredakteur der Zeitung Papa-Ya, der darüber geschrieben hatte, verklagt. Es wird interessant zu sehen, ob und wie etablierte Medien über diese Verhandlung berichten.
 
Ansonsten zeigt schon das Beispiel Julia Schramm natürlich, dass das Internet keineswegs eine gute Gegenwelt gegen eine vermeintlich korrupte Welt der Mainstreammedien ist. Durch Vertreterinnen wie sie schafft es die Piratenpartei, dass neben ihr die etablierten Parteien plötzlich seriös und vertrauenswürdig aussehen.
Gerade bei Twitter sind zudem einige One-Women-Kommandos unterwegs, die aufopferungsvoll mit dem alten Klischee aufräumen, Feminismus hätte irgendetwas mit Zivilität oder Humanität zu tun. Die Bloggerin „Erzählmirnix“ z.B. wurde dort wiederholt und offen als „Maskuscheiße“ beschimpft, weil sie ab und zu Positionen bezog, die klassischen feministischen Positionen gegenüber kritisch waren.
Etablierte Medien, andererseits, können sehr viel erreichen, wenn sie sich Themen öffnen, die sie sonst verschweigen. Ein Beitrag der Zeit, in dem zwei Autorinnen unvoreingenommen die Frage stellten, ob es „Zeit für eine Männerbewegung“ sei, hatte ein enormes und ganz überwiegend positives Echo – und der Beitrag darüber bei man tau wurde in kurzer Zeit zu einem der hier am häufigsten gelesenen Texte überhaupt. 
 
Fleischhauer hat offenkundig unrecht – Skepsis gegenüber den Massenmedien speist sich nicht aus dem Neid auf die Etablierten, sondern aus der Enttäuschung darüber, dass diese ihre privilegierten Position so selten sinnvoll nutzen.
 
Umso seltsamer der Umgang der Zeit selbst mit ihrem Erfolgstext. Er war nur einen Tag lang auf der ersten Seite der Online-Ausgabe verlinkt, und obwohl er mit großem Abstand der meistkommentierte aktuelle Text des Magazins war, tauchte er in der entsprechenden Rubrik nicht auf. Offenbar hatte die Zeit Angst vor ihrer eigenen Courage – es scheint so, dass tatsächlich Mut erforderlich ist, um in etablierten Medien auch über Nachteile von Jungen und Männern zu berichten.