Familienfreundlicher Militarismus und andere mediale Verzückungen (Monatsrückblick Januar 2014)

Die Bundeswehr: familienfreundlicher! Jetzt mit noch mehr Auslandseinsätzen! Gern auch mit minderjährigen Soldaten!
Ob die neue Verteidigungsministerin sich irgendwann einmal Gedanken darüber gemacht hat, wie ihre verschiedenen Positionen miteinander vereinbar sind, spielte im vergangenen Monat keine Rolle. Wozu auch: Von der Leyen schaffte es zumindest, immer wieder allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Kritik daran wurde deutlich stärker in Blogs geäußert als in etablierten Medien.
Sollte es hinter der medialen Wirklichkeit noch eine andere geben, die manchmal unvermittelt durchscheint? Und verwandelt jemand, der das glaubt, sich möglicherweise auf der Stelle in Maskuscheiße? Fragen des Monats Januar. (Quelle)
„Wer einen Hammer hat, für den ist jedes Problem ein Nagel. Und so war es nur konsequent, dass Feministin und Frauenquoten-Befürworterin Ursula von der Leyen als erste Amtshandlung in ihrer neuen Position als Verteidigungsministerin verkündet, die Bundeswehr nicht nur familienfreundlicher, sondern sogar zum attraktivsten Arbeitsgeber Deutschlands umzugestalten.“
So zum Beispiel beginnt der Beitrag zur Bundesverteidigungsministerin im Wortschrank. Beim Spiegelfechter schreibt Jörg Wellbrog über den „Kriegsspaß für die ganze Familie“, den die Ministerin verspreche.

„Sie drängt den Krieg, die Toten, die Verletzten und seelisch Geschundenen in eine theoretische Ecke und will die Einsätze der Bundeswehr in den Alltag integrieren wie die Mittagspause bei Starbucks.  
Nichts davon wird sich umsetzen lassen. Ursula von der Leyen zeichnet ein Bild, das abstrakt bleiben wird.“
Ganz ähnlich Kai, der als „Frontberichterstatter“ eigentlich für „Neues von der Geschlechterfront“ zuständig ist:
„Das hier Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen in heimische Kasernen zurück kommen, das Menschen ihr Leben verlieren oder ihre körperliche Integrität, versucht von der Leyen durch Kitas und Teilzeit auszublenden und mit ihrem kühlen Lächeln zu überspielen.“
 Und:
„Adelige Frau aus der Oberschicht befehligt Soldaten aus der Unterschicht im Kriegseinsatz. Militär und Krieg war immer schon eine Domäne des Adels, nur dass diesmal eine Frau die Befehle gibt die Menschen über die Klinge springen lässt.“
Der Pelz-Blog bringt den Zusammenhang von demonstrativer Familienfreundlichkeit und einem Ende militärischer Zurückhaltung auf den Punkt:
„Während groß getrommelt wird, dass die Bundeswehr familienfreundlicher werden soll, werden Maßnahmen kriegerischer Natur eher bedeckt kommuniziert.“
Bettina Hammer wirft von der Leyen bei Telepolis ganz in diesem Sinne vor, ein geschöntes Bild der militörischen Wirklichkeit zu zeichnen:
„Wer diese Wirklichkeit ausblendet, aber zeitgleich von mehr ‚humanitären Einsätzen‘ in Ländern, in denen ‚Vergewaltigung und Mord an der Tagesordnung sind‘, redet, muss sich letzten Endes entweder Blindheit oder aber gezielte Desinformation vorhalten lassen.“
Dass die Unterstellung nicht hergeholt ist, die Ministerin verdecke mit routiniertem Familienministerinnen-Vokabular eine militaristische Politik, zeigen Beiträge vom Ende des Monats. Zugleich spielt hier eine zentrale Frage des zurückliegenden Monats eine Rolle: inwieweit nämlich Akteure in etablierten Medien überhaupt noch daran interessiert sind, zu demokratischen Auseinandersetzungen beizutragen, oder ob diese Funktion nicht, zumindest im Internet, mittlerweile viel besser von dezentraleren Medien erfüllt wird.

Familienfreundlicher Militarismus und andere Selbstverständlichkeiten Diese beiden Positionen wurden im vergangenen Monat prototypisch von Stefan Niggemeier und Jan Fleischhauer vertreten. Niggemeier unterstellte etablierten Medien,

„dass sie ein grundsätzliches und nachhaltiges Problem damit haben, dass ihnen das Kritik– und das Aufmerksamkeits-Monopol abhanden gekommen sind.“
 Fleischhauer hielt bei Spiegel-Online dagegen:
„wer über einen Platz in einer Zeitung verfügt, kann sich eher Gehör verschaffen als Leute, die das nicht tun. Das ist für alle, die von einer Gesellschaft der Gleichen träumen, schwer erträglich.“
Dass aber lediglich Neid für die Enttäuschung über etablierte Medien verantwortlich ist, ist eine, ähem, angreifbare These, die sich schon bei Spiegel-Online selbst überprüfen lässt.
Bei der Sicherheitskonferenz in München verkündet von der Leyen eine Neu-Orientierung der Bundeswehr, die nicht nur für die deutsche Außenpolitik, sondern vor allem für die betroffenen Soldaten erhebliche Folgen haben kann.

„‘Gleichgültigkeit ist für ein Land wie Deutschland keine Option, weder aus sicherheitspolitischer noch aus humanitärer Sicht‘, ruft sie in den Saal. Sie spricht von Verpflichtungen, die Deutschland erfüllen müsse, und von Verantwortung. ‚Wenn wir über die Mittel und Fähigkeiten verfügen, dann haben wir auch eine Verantwortung, uns zu engagieren‘, so von der Leyen. Was damit gemeint ist, wissen die Anwesenden. Lange Jahre hat sich Deutschland bei internationalen Missionen zurückgehalten, dafür gab es regelmäßig Kritik.“
Wenn die Verteidigungsministerin hier, ganz offenbar abgestimmt mit Außenminister und Bundespräsident, eine Ende der militärischen Zurückhaltung Deutschlands verkündet, dann ist ihr bei der Sicherheitskonferenz Beifall sicher – auch wenn sie damit vielleicht viele der von ihr vertretenen Bürger überrennt, die gedanklich träge noch immer mit der Frage beschäftigt sind, wie denn größere Familienfreundlichkeit und eine Politik verstärkter Auslandseinsätze gleichzeitig realisierbar sind.
Worauf aber konzentriert sich das deutsche Leitmedium Der Spiegel, wenn er vom hier inszenierten neuen deutschen militärischen Selbstbewusstein berichtet? „Willkommen in der Macho-Welt“, ist der Beitrag überschreiben, und das setzt sich im Text so fort:

„Dieser kurze Moment vor der ersten Rede von der Leyens vor einem prominenten internationalen Publikum hat durchaus Symbolwert. Eine Frau mit Befehlsgewalt – im Macho-Kosmos des Militärs und der Sicherheitspolitik ist das noch immer Neuland.“
Der „Wert“ dieser Rede bestimmt sich für den Spiegel-Chefreporter Matthias Gebauer also nicht dadurch, was die Ministerin dort verkündet – sondern dadurch, dass es eine Frau ist, die…über irgendwas redet. Dabei gäbe es schließlich Anlass genug, die fröhliche Ausrichtung auf „mehr Auslandseinsätze“ in Frage zu stellen.
Was, beispielsweise, soll so eine allgemeine Aussagen? Wenn die Einsätze sich überhaupt legitimieren lassen, dann durch konkrete, fallbezogene Argumente. Wodurch wird, im konkreten Fall, ein militärisches Eingreifen nötig? Kann die Bundeswehr irgend etwas Sinnvolles beitragen? Wie hoch sind die Kosten eines Einsatzes, in jeglicher Hinsicht? Welche Möglichkeiten gibt es, den Einsatz in absehbarer Zeit auch wieder zu beenden? Warum Einsätze in der einen Situation, in anderen nicht?
Stattdessen einfach von „mehr Auslandseinsätzen“ zu reden, ist ungefähr so, als hätte die verantwortliche Ministerin verkündet, dass deutsche Soldaten doch bitteschön in Zukunft ganz einfach häufiger auf andere Menschen schießen und häufiger getötet werden sollten. Wieso eigentlich fällt angesichts solcher Positionen einem Spiegel-Redakteur nichts anderes ein, als die Geschichte einer tapferen Frau im Macho-Land zu erzählen?
Eine Geschichte zudem, die beliebte Geschichten darüber wiederholt, wie schwer Soldaten es allgemein Soldatinnen machen, und wie sie sexuelle Belästigung zur Einschüchterung einsetzen – beliebte Geschichten, die offenbar nicht auf sorgfältiger Recherche, sondern auf deren Vermeidung aufbauen.
Ähnlich klischeehaft war die massenmediale Darstellung anderer Themen dieses Monats – zum Beispiel die der Online-Petition gegen den Landesbildungsplan in Baden-Württemberg, die eine Einführung von gender-theoretischen Vorstellungen über die bloß soziale Konstruiertheit von Geschlechtern kritisierte, aber von einigen Unterstützern auch mit schwulenfeindlichen Statements versetzt wurde.
Die Diskussion in Blogs dazu war differenziert, argumentierend, auch vielfältig – die Darstellung in etablierten Medien hingegen versteifte sich auf Klischees und auf den Vorwurf, dass Kritik an dem Bildungsplan nur homophob und reaktionär sein könne (dazu eine knappe Zusammenstellung in dem entsprechenden Beitrag hier bei man tau).
Noch größer ist der Unterschied zwischen massenmedialer Präsentation und den persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen vieler anlässlich eines Jubiläums – der „Aufschrei“ jährte sich zum ersten Mal. Tatsächlich könnte längst – wie z.B. durch die Analyse im Blog Maskulismus für Anfänger – klar sein, dass der Aufschrei keineswegs eine feministische Graswurzelbewegung, sondern eine mediale Inszenierung war.
Gleichwohl verbreiten Texte etablierter Medien noch immer, wie Lena Jakat in der Süddeutschen Zeitung, das Bild unschuldiger Frauen, „zum Schweigen gebracht von einer digitalen Front aus Aggression“, oder erzählen, wie Hannah Beitzer in derselben Zeitung, im Zusammenhang mit dem Aufschrei auch weiterhin Unerhörtes über einen „Gender Pay Gap“ von 22 Prozent – unbekümmert übrigens um den unwichtigen Sachverhalt, dass der Text, den Beitzer als Beleg verlinkt, ihrer eigenen Aussage widerspricht. (Zu beiden Texten hier bei man tau). Ähnlich unkritisch verläuft weiterhin die massenmediale Diskussion um Frauenquoten.
Die SPD und andere transzendentale Erfahrungen Andere Angehörige der Bundesregierung gaben sich im vergangenen Monat Mühe, konnten es aber mit der Publicity-Tauglichkeit von der Leyens kaum aufnehmen. Souverän ignorierte beispielweise der neue Justizmister Maas Lappalien wir den NSA-Skandal oder die europäische Krise und machte klar, was eigentlich wichtig ist: Die „oberste Priorität“ habe für ihn, so verkündete er unisono mit der „Familienministerin“ Manuela Schwesig, die Einführung der Frauenquote für Aufsichtsräte.
Über diese entschlossene und beflissene Prioritätensetzung waren vermutlich selbst Befürworterinnen der Quote erstaunt, zumal es dafür eigentlich keinen anderen nachvollziehbaren Grund gibt als das Bedürfnis des Ministers, sich bei einer kleinen, privilegierten Gruppe von Menschen lieb Kind zu machen.
Der Versuch, sympathisch rüberzukommen und damit Wählerstimmen zu gewinnen, hat allerdings schon zu anderen Zeiten in Maas‘ Karriere nur eingeschränkt funktioniert. Als saarländischer Spitzenkandidat hatte er es innerhalb von nur zwei Jahren immerhin geschafft, die SPD von Reinhard Klimmts 44,4 % im Jahr 1999 auf 24,5 % im Jahr 2009 zu bringen. Die SPD, so die Wikipedia in grausamer Sachlichkeit,

„erzielte damit das schlechteste Ergebnis seit Bestehen des Saarlandes, bei ebenfalls starken Verlusten der CDU“. 
Natürlich hat ihn dieser Erfolg für eine sozialdemokratische Ministerkarriere qualifiziert, auch wenn er natürlich akzeptieren muss, dass er mit Sigmar Gabriel auch hier kaum mithalten kann – dem war es gelungen, nachdem er das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten von Schröder und Glogowski geerbt hatte, bei nur einer einzigen Wahl 2003 14,5 % zu verlieren. Er wurde dann lieber SPD-Vorsitzender und ging nach Berlin.
Offensichtlich entwickelt sich die SPD überhaupt schon seit langer Zeit zu einer Partei, die Begrenzungen der üblichen Parteiendemokratie hinter sich lässt und transzendiert und die sich um Wählerstimmen, Akzeptanz der eigenen Politik bei den Wählern und solcherlei Schnickschnack nicht mehr weiter kümmert. Die SPD sei eine „Regierungspartei“, verkündete Thomas Oppermann in der Frankfurter Allgemeinen, und das ist immerhin insofern richtig, als sie nirgendwo eine überzeugende Oppositionspolitk macht.
Ansonsten ist sie eher eine Mit-Regierungspartei, so wie es die FDP oder die Grünen schon immer waren – was den großen Vorteil hat, dass nur eine begrenzte Klientel bedient werden muss und man die lästige Aufgabe, sich mit dem Gemeinwohl, dem Ausgleich verschiedener Interessen oder sozialer Gerechtigkeit und solcherlei Firlefanz zu beschäftigen, anderen überlassen kann. Immerhin ist es verständlich, dass eine solche Partei eine heftige Vorliebe für Quoten entdeckt.
Auch angesichts der kategorisch verkündeten ungeheuren Dringlichkeit von Quoten wurden die naheliegenden Fragen nach der Vernunft ministerieller Entscheidungen eher in Blogs gestellt als in etablierten Medien. Tom veröffentlichte bei Mein Senf einen Artikel mit interessanten Statistiken zur Quote und schrieb in den Kommentaren:

„Wenn man denn unbedingt Frauen in den Vorständen haben will, dann geht das nicht top down sondern bottom up. Dann muss man den kleinen mädchen beibringen, dass geld das einzig wahre ist, gewinnen unendlich wichtig. Irgendwann will frau das dann vielleicht und ist bereit, karriere zu machen und den preis dafür zu zahlen. Ob das wirklich so toll ist? Das mag jede und jeder für sich entscheiden.“
Damit klingt unterschwellig eine Skepsis gegenüber Karrierewegen an, die weit überwiegend von Männern gegangen werden. Der Flussfänger drückt diese Skepsis noch expliziter aus:
„Man ist immer noch nicht im Vorstand des DAX-Konzernes? Wenn man zufällig eine Frau ist liegt das Versäumnis woanders, also hilft die Quote nach. Mit Kindern kann man nicht das gleiche Leben führen wie ohne? Wer konnte das ahnen, uns werden ja dauernd Vorbilder vor die Nase gesetzt die das erfolgreich schaffen! Aber wozu gibt es schließlich Ganztagsschulen. Oh, die Kinder sind noch gar nicht schulpflichtig? Na dann eben der Ganztagskindergarten. Auch dafür noch zu jung? Dann halt die Kindertagesstätte, am liebsten gleich schon nach der Geburt, ist eh besser für die Entwicklung sagt man. Und davor gilt dann ja das ‚Selbstbestimmungsrecht‘ der Frau, neuerdings auch gerne bitte bis unmittelbar vor der Geburt.“
Fragen zur Abtreibung und andere Maskuscheiße Das war ein überraschend wichtiges Thema in diesem Monat, und mein persönlicher Eindruck ist, dass es in Zukunft noch wichtiger wird: Das Thema Abtreibung kam wieder auf die Tagesordnung, verbunden mit Fragen nach dem Selbstbestimmungsrecht der Frau – und danach, inwieweit es hier überhaupt um eine Selbstbestimmung geht, schließlich sind auch die Interessen anderer erheblich betroffen.
Die Piratin Julia Schramm machte nicht nur durch die Ankündigung auf sich aufmerksam, nie wieder „Wahlkampf für eine Penisliste“ zu machen, sondern auch durch die Forderung, Abtreibung sollte bis zum neunten Monat im Ermessen der Frau liegen. Völlig überrascht stellte sie fest, dass sie daraufhin als „Mörderin“, gar „Terroristin“ bezeichnet worden sei – immerhin beruhigte sie auf Twitter ein freundlicher Zeitgenosse, dass das gewiss nicht an ihr, sondern nur „an denen und ihrem Hass“ liege.
Wer von der Vorstellung ausgeht, die Frau müsse völlig autonom entschieden können, was mit ihrem Körper geschieht, der kann sich eben auch nicht mit der Vorstellung anfreunden, dass sie nach drei Monaten Schwangerschaft ein Kind schließlich, wenn keine weiteren Indikationen vorliegen, austragen muss – auch wenn sie es sich anders überlegt hat. Wäre ja auch noch schöner, wenn Autonomie bedeuten würde, die Konsequenzen eigener Entscheidungen zu akzeptieren.
Noch komplizierter wird es natürlich, wenn Männer auch mitreden wollen. Niemand, der ernstzunehmen wäre, tritt dafür ein, dass Frauen zu einer Abtreibung gezwungen werden können, wenn der Mann nicht das Kind will. Dass aber Männer, deren Leben sich durch ein Kind ebenfalls massiv wandelt, prinzipiell überhaupt nicht mitreden können, ist gleichwohl problematisch.
Ein Blogtext springt Julia Schramm bei, ohne allerdings eigens die Kleinigkeit zu erwähnen, dass sie keineswegs mit einigen Jahrzehnten Verspätung bloß die Legalisierung der Abtreibung, sondern ihre Legalisierung bis zum neunten Monat gefordert hatte.

„Die Zeugung ist ein beidseitiger Akt, mit Schwangerschaft und Geburt hat der Mann nicht unmittelbar etwa zu tun. Und wenn er etwas mit der Schwangerschaft zu tun hat, dann nicht aus körperlichen Gründen, sondern aus sozialen.“
Zu den „sozialen Gründen“, die ein Mitspracherecht natürlich nicht nötig machen, gehört nicht etwa nur, dass der Mann ebenso zum Vater wird wie die Frau zur Mutter – sondern auch, dass er bei Androhung einer Gefängnisstrafe zum Unterhalt für die Schwangere verpflichtet ist. Diesen Unterhalt verdient er selbstverständlich ganz ohne Einsatz seines Körpers.
Erstaunlich zudem ist es schon, wie schnell Menschen, die sonst verbissen auf der sozialen Konstruktion von Geschlechterrollen bestehen, urplötzlich nur noch biologische Zusammenhänge gelten lassen, sobald sie mütterliche Privilegien gefährdet sehen.
Der Hinweis auf die zitierte Unterhaltspflicht stammt übrigens aus einer der längsten Diskussionen bei Alles Evolution im vergangenen Monat. Zum Thema „Alkohol während der Schwangerschaft“ kreisten Hunderte von Beiträgen um die Frage danach, wo die Frau in ihrer Entscheidung die Interessen und das Leben des Kindes berücksichtigen müsse – und auch die des Mannes.
Tatsächlich verbirgt sich hinter der strikten Betonung weiblicher Autonomie ein erheblicher Besitzanspruch gegenüber dem Kind. Anita Heiliger begründet ihn, wie auch sonst, streng biologistisch mit dem Hinweis darauf, dass das Spermium biologisch betrachtet eigentlich gar kein Samen sei, sondern lediglich „den Anstoß zur Zellteilung des weiblichen Eies“ gebe.
Schon Anfang Februar, am 3.2., wird eine Gerichtsverhandlung darüber entscheiden müssen, ob eine im und für den VAMV tätige Anwältin – und andere Vertreterinnen des Verbands – diesen Anspruch in einer Weise durchgesetzt haben, sie systematisch deutsches Recht gebrochen hat. Wegen entsprechender Vorwürfe hat sie den Chefredakteur der Zeitung Papa-Ya, der darüber geschrieben hatte, verklagt. Es wird interessant zu sehen, ob und wie etablierte Medien über diese Verhandlung berichten.
Ansonsten zeigt schon das Beispiel Julia Schramm natürlich, dass das Internet keineswegs eine gute Gegenwelt gegen eine vermeintlich korrupte Welt der Mainstreammedien ist. Durch Vertreterinnen wie sie schafft es die Piratenpartei, dass neben ihr die etablierten Parteien plötzlich seriös und vertrauenswürdig aussehen.
Gerade bei Twitter sind zudem einige One-Women-Kommandos unterwegs, die aufopferungsvoll mit dem alten Klischee aufräumen, Feminismus hätte irgendetwas mit Zivilität oder Humanität zu tun. Die Bloggerin „Erzählmirnix“ z.B. wurde dort wiederholt und offen als „Maskuscheiße“ beschimpft, weil sie ab und zu Positionen bezog, die klassischen feministischen Positionen gegenüber kritisch waren.
Etablierte Medien, andererseits, können sehr viel erreichen, wenn sie sich Themen öffnen, die sie sonst verschweigen. Ein Beitrag der Zeit, in dem zwei Autorinnen unvoreingenommen die Frage stellten, ob es „Zeit für eine Männerbewegung“ sei, hatte ein enormes und ganz überwiegend positives Echo – und der Beitrag darüber bei man tau wurde in kurzer Zeit zu einem der hier am häufigsten gelesenen Texte überhaupt.
Fleischhauer hat offenkundig unrecht – Skepsis gegenüber den Massenmedien speist sich nicht aus dem Neid auf die Etablierten, sondern aus der Enttäuschung darüber, dass diese ihre privilegierten Position so selten sinnvoll nutzen.
Umso seltsamer der Umgang der Zeit selbst mit ihrem Erfolgstext. Er war nur einen Tag lang auf der ersten Seite der Online-Ausgabe verlinkt, und obwohl er mit großem Abstand der meistkommentierte aktuelle Text des Magazins war, tauchte er in der entsprechenden Rubrik nicht auf. Offenbar hatte die Zeit Angst vor ihrer eigenen Courage – es scheint so, dass tatsächlich Mut erforderlich ist, um in etablierten Medien auch über Nachteile von Jungen und Männern zu berichten.
  1. Michael Baleanu 2. Februar 2014 um 5:49 am

    Bin neugierig, ob Frau vdLaien mitbekommen hat, dass Juristen auf die Idee gekommen sind, dass der Auslandsverwendungszuschlag (z. B. wenn man in Afghanistan eingesetzt wird: http://blog.beck.de/2012/06/28/der-afghanistan-kaempfer-und-der-unterhalt) voll auf die Unterhaltspflicht angerechnet werden soll.

    Diese familienfreundliche Republik hat es dann dem Mitglied aus dieser familienfreundlichen Organisation, der nun vdLaien vorsteht gnädigerweise zur Hälfte erlassen.

    Wenn mann bedenkt, dass der Vater nach Beendigung des Afghanistan-Einsatzes erneut ein Abänderungsverfahren anstrengen muss, um den Unterhalt auf den vorherigen Stand zu bringen, muss man sich fragen, ob den Blindgänger da oben bewusst ist, was im Familienrecht so alles grundsätzlich schiefläuft?

    Wer eine familienfreundliche Gesellschaft haben möchte, soll die Juristen aus der Kinderstube fernhalten, dann hätten wir schon die halbe Miete gewonnen. Kindergarten in der Kaserne oder im Schützengraben ist doch nur eine Alibiveranstaltung der vdL.

    Antwort

  2. Danke für die Zusammenfassung, das grenzt inzwischen an einen Vollzeitjob, alles Einschlägige zu lesen.

    Zum Thema Aufschrei:

    1. Leider bin ich erst vor kurzem auf eine sehr interessante Sinus-Studie zum Thema Sexismus aufmerksam geworden, die i.w. die Astroturfing-These unterstützt. Ich habe das auf http://maninthmiddle.blogspot.com/p/aufschrei.html unten als Nachtrag dazugenommen.

    2. Ein weiterer Nachtrag geht auf die Begriffsverschiebung ein, die in der deutschen Wikipedia beim Begriff Sexismus bzw. sexuelle Gewalt zu beobachten war.

    3. Die mMn mit Abstand beste Nachlese stammt von Don Alphonso:
    http://blogs.faz.net/deus/2014/01/29/kein-anschluss-unter-diesem-aufschrei-1928/

    Die Selbstbeweihräucherung der Initiatoren in den diversen anderen Rückblicken (alleine 4 Artikel in der Zeit und 3 in der SD) ist so auffällig, daß die meisten Kommentare sie nicht mehr ernst nehmen. Von grob geschätzt 1.000 – 2.000 Kommentaren zu den Artikeln habe ich nur einen Bruchteil gelesen, und konnte die meisten substantiellen voll unterschreiben

    Die meisten Diskussionsbeiträge schienen mir nur Wiederholungen von Argumenten zu sein, die schon vor einem Jahr x Male geäußert wurden, d.h. der Diskussionsstand hat sich kaum weiterentwickelt. Kann er auch nicht, denn die völlige Überdehnung des Begriffs sexuelle Gewalt ist Unfug. Je besser die Leute die Prinzipien hinter dem Opfer-Abo und dem Definitionsmacht-Konzept verstehen, desto mehr begreifen die Leute deren Demokratiefeindlichkeit und desto weniger konsensfähig werden die feministischen Ziele.

    Also weiter mit Aufklärung und Glasnost!

    Antwort

  3. OT: Schoppe jetzt auf der Feministen-Hass-Liste, auf Platz 88
    http://pastebin.com/zVxp273u

    Die spinnen total, doch nicht Schoppe !?!

    Antwort

  4. Ich finde es sehr schön zu sehen, welche Mühe sich sanczny gemacht hat. Viele Namen, sorgfältig alphabetisch sortiert, damit sich niemand zurückgesetzt fühlen muss und am Ende womöglich das Gefühl hat, kein ganz ernstzunehmender Antifeminist zu sein. Finde ich sehr feinfühlig und wertschätzend.

    Was mir noch fehlt, wäre ein kleines Kategorisierungssystem, z.B. „Biologist“, „Rechtsaußen“, „Pseudolinker“ (wer Feminismus kritisiert, kann per definitionem nicht links sein, klar) – damit man die Namen auch mit etwas verbinden kann. Aber irgendwie sind ja auch einfach alles nur „Hater“, was soll man da groß differenzieren. Natürlich.

    Antwort

  5. Ich finde Twitter eigentlich doof, aber überlege jetzt doch ernsthaft, mich anzumelden.
    Ich will auch auf die Liste!!!

    Antwort

  6. „Wir werden in Zukunft nicht nur euer traditionelles Geschlechterbild samt Institutionen wie die Ehe und die Familie systematisch kaputthauen, wir werden euch auch vollkommen überflüssig machen. Das muss die Agenda einer jeden Frau sein. Jawohl!“

    http://www.zeit.de/2014/02/maenner-krise-maennerbewegung?commentstart=129#cid-3289473

    Auch auf mehrfaches Intervenieren noch immer so im Kommentarthread von „Not am Mann“ zu lesen. Nicht dass ich mir viel von der Löschung jener Zeilen verspreche – es ging mir vielmehr darum zu sehen, wie stark der radikalfeministische Einfluss bei DIE ZEIT ist. Er scheint maßgeblich.
    Dies nur noch mal im Hinblick auf 'Angst vor der eigenen Courage' und mediale Agenda.

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