Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht)

„Vor allem die linken Parteien schrecken inzwischen immer mehr Männer ab, die eigentlich für die Anliegen dieses Lagers mehr als aufgeschlossen wären“,
schreibt Arne Hoffmann in seinem gerade erschienenen „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“. (S. 19)
Der Text listet viele Beispiele panischer Abgrenzungen und Feindseligkeiten irgendwie linker Parteien gegenüber Männerrechtlern auf: vom verbissenen Desinteresse an einer „Bekämpfung sozialer Nachteile“ (27) von Männern und Jungen, dem „Fall Monika Ebelings“ (18), die von Grünen, SPD, Linken, aber auch der FDP aus dem Amt als Gleichstellungsbeauftragte getrieben wurde (18), bis zu diffamierenden Schriften der SPD (338f.) oder der Grünen (347f.), die aus Steuermitteln finanziert den Einsatz für Männer- und Jungenrechte als rechtsradikal denunzieren.
Und das sind nur wenige Beispiele dafür, dass das Wort „Männer“ – so Matthias Lohre in der taz„in der politischen Linken geradezu zu einem Schimpfort geworden“ sei. (16)
Warum eigentlich sollten sich Männerrechtler angesichts dieser entschlossenen Ablehnung ausgerechnet als „links“ bezeichnen?
„Bezeichnenderweise war es nicht das linke, sondern das bürgerliche Lager, das die ersten Schritte tat, um die bisherigen Einseitigkeiten zu überwinden“,
schreibt Hoffmann weiter (22). Angesichts dieser Situation für eine linke Männerpolitik einzutreten, wirkt wie der Versuch, mitten in Hamburg eine Werder-Kneipe zu eröffnen, weil es in Bremen ja zu einfach wäre. Oder in einem bayerischen Dorf die große Bedeutung des Preußentums zu erläutern. Was soll das?
Eine etwas abgewrackte rote Bushaltestelle im Nirgendwo, an der niemand wartet – dazu das Schild „Weg endet in 250m“ – manche Szenen sind in aller Unschuld so allegorisch, dass sie unbedingt fotografiert werden müssen. Glaubt mir ja sonst keiner.

Das Eintreten für die Rechte von Männern und Jungen setzt linke Positionen, wie immer sie auch verstanden werden, zudem überhaupt nicht voraus. Dafür genügt es, liberale Positionen zu vertreten oder sich an basalen Grundrechten, Menschenrechten und Fairnessprinzipien zu orientieren. Männerrechtler brauchen Linke nicht.

Andersherum ist das jedoch nicht so – Linke würden erheblich davon profitieren, wenn sie die Diskussionen der Männerbewegung offen und ohne irrationale Abwehr aufnehmen würden. Dafür gibt es vor allem drei Gründe.
Kraftvoll, unversöhnlich, gewaltbesoffen Endlos sind die Belege Hoffmanns für feministisch begründete Verharmlosung und Legitimation von Gewalt – oder für die offene, hämische Freude daran, die sich beispielsweise in Alice Schwarzers triumphierenden Beifall für Lorena Bobbit zeigt, die ihrem schlafenden Mann den Penis abgeschnitten hatte.
„Eine hat es getan. Jetzt können es alle tun.“ (179)
Hoffmann schreibt ein ganzes Kapitel über die systematische Leugnung häuslicher Gewalt, soweit sie sich gegen Männer richtet oder von Frauen verübt wird (157ff.).
Er bringt unzählige Beispiele für Hate Speech, ein Gipfel davon Valerie Solanas’ „faschistischer Gewaltaufruf“ (291)  SCUM, der seit Jahrzehnten wieder aufgelegt wird und der die Tötung aller Männer fordert. Gerade erlebt der entsprechende Hashtag killallmen auf Twitter eine Renaissance.
Im linken Magazin jungle world hatte Andreas Hartmann 2010 die abermalige Neuauflage von Solanas’ Schrift so kommentiert:
„Sätze wie dieser sind kraftvoll und unversöhnlich: ‚Rational denkende Männer wollen zusammengeschlagen, mit Füßen getreten, am Boden gehalten, niedergedrückt und wie Hunde behandelt werden; dreckig wie sie sind, wollen sie ihre Widerwärtigkeit bestätigt wissen.‘“
So gewaltbesoffen ein Satz auch ist, wer heute als Linker auf sich hält, entdeckt gewiss noch positive Werte darin.
 
Im Horizont der Menschenrechte ist Gewalt für alle ernstzunehmenden politischen Richtungen ein erhebliches Problem. Für linke Politik aber ist eine Indifferenz gegenüber Gewalt, sogar Sympathie für Gewalt in ganz besonderer Weise katastrophal.
Schließlich sind von einer Legitimation der Gewalt zuallererst diejenigen Menschen betroffen, die nicht genügend Ressourcen haben, sich selbst dagegen zu schützen. Wer Gewalt als Mittel zu wie auch immer definierten „fortschrittlichen“ Zwecken präsentiert, verwickelt sich daher notwendig in Widersprüche, weil seine Mittel eben denjenigen am meisten schaden, denen seine Zwecke nützen sollen.
In der heutigen Linken ist das Bewusstsein für solche Zusammenhänge jedoch weitgehend verschwunden, und das betrifft keineswegs nur Vertreter extremer Positionen wie die Piratin Anne Helm, die gerade erst offen die Bombardierung Dresdens im zweiten Weltkrieg gefeiert hat.
Die Kampagne gegen Ebeling durch Vertreterinnen und Vertreter allseits etablierter Parteien hatte insbesondere ihre Kritik an einer Anti-Gewalt-Kampagne zum Anlass, in dem – „Gewalt gegen Frauen und Kinder kommt nicht in die Tüte“ – allein Frauen neben Kindern als Opfer häuslicher Gewalt als schützenswert präsentiert und männliche Opfer ausgegrenzt wurden. Diese vernünftig nicht begründbare Einseitigkeit setzt sich in der gerade veröffentlichen EU-Studie zur Gewalt gegen Frauen fort.
Auch was politische Gewalt angeht, haben etablierte Parteien überraschend wenige Berührungsängste. Die Familienministerin beispielsweise posiert ohne Bedenken mit einer Frau, die gerade zwei Tage zuvor die politisch motivierte Verwüstung einer Berliner Apotheke verteidigt hatte – der Apotheker hatte Bedenken gegen den Verkauf der „Pille danach“.
Dass Gewalt nicht nur abzulehnen ist, wenn sie gegen Angehörige bestimmter Gruppen oder von Angehörigen bestimmter anderer Gruppen verübt wird – sondern dass Gewalt schlicht allgemein abzulehnen ist – dafür haben ausgerechnet Vertreter von Gruppen, die sich als „links“ verstehen, den Sinn verloren. Dabei ist eine klare, unzweideutige Ablehnung von Gewalt gerade für eine demokratische linke Politik von enormer Bedeutung.
Wer diese Ablehnung schlüssig formulieren möchte, wird dabei kaum auskommen ohne die Kritik der Männerbewegung an einem einseitigen und zweideutigen Verhältnis zur Gewalt, hinter dem sich offenkundig häufig eine kaum verhohlene Freude an dieser Gewalt verbirgt.
Menschenrechte und der Rotz weißer Männer
„Teilnehmer eines Seminars des Internationalen Roten Kreuzes beantworteten (die) Frage, ob man Männer und Jungen als besonders verwundbare Gruppe hervorheben sollte, mit Sätzen wie ‚Ein Programm für Männer und Jungen würde kein Mensch finanzieren‘.“ (232)
Gerade angesichts der vielen Beispiele, die Hoffmann für die spezifischen, massiven Beispiele der Verletzungen von Jungen- und Männerrechten weltweit anführt, ist diese Position nicht zu rechtfertigen.
Das ist ein wesentlicher Grund die für die Gewaltnähe vieler frauenpolitischer Positionen, die besonders Parteien mit linkem Selbstverständnis infiziert hat: Eine gemeinsame Perspektive im Horizont der Menschenrechte und Grundrechte wird zu Gunsten einer Gruppenmoral aufgegeben. Für die Netzfeministin Nadine Lantzsch sind Rechtsstaatlichkeit und die Tradition der Aufklärung schlicht
„Rotz von weißen europäischen Männern in mächtigen Positionen“.

Das höhlt nicht nur den Begriff des Gemeinwohls aus, sondern schadet auch den Individuen. Deren Rechte nämlich sind stillschweigend nicht mehr allgemein garantiert, sondern hängen von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten, als besonders schützenswert wahrgenommenen Gruppe ab.

Als „Menschenrechtsverletzung, unter der hierzulande am meisten Männer leiden“ (229), führt Hoffmann die Praxis der willkürlichen Vater-Kind-Trennung an und kommentiert:
„Dass sich Väter über lange Jahre hinweg bis vor dieses Gericht hochkämpfen müssen, bevor ihre Anliegen fair gewürdigt werden, ist ebenso skandalös wie, dass Luzius Wildhaber, der Präsident des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, im Jahr 2006 Deutschland erst eigens zur Umsetzung seiner Urteile ermahnen musste.“ (229f.)
Diese Mahnung richtete sich nicht nur an die große Koalition, sondern mehr noch an die rot-grüne Regierung, die zuvor Urteile zu Menschen- und Grundrechtsverletzungen über Jahre hinweg ignoriert hatte.
Auch der Verlust einer gemeinsamen Perspektive und die Aufspaltung der politischen Landschaft in Gruppen mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen ist ein Problem für alle demokratischen Gruppen, für linke aber ganz besonders. Denn wenn die Perspektive eines allgemeinen Wohls entfällt, wenn die universellen Menschenrechte in spezifische Gruppenrechte umgewandelt werden, dann setzen sich auf Dauer die Angehörigen derjenigen Gruppen durch, die sich als besonders schutz- und förderungsbedürftig präsentieren können.
Da eine solche Präsentation im Rahmen einer öffentlichen Opferkonkurrenz erhebliche Ressourcen erfordert, geraten tendenziell ausgerechnet besonders privilegierte Gruppen in den Fokus einer scheinhaft linken Politik, während Angehörige weniger privilegierter Gruppen ganz aus ihrem Bewusstsein verschwinden. Die absurde Dringlichkeit, die Sozialdemokraten der Einführung einer Frauenquote in den Spitzenbereichen der Wirtschaft zuweisen, ist nur ein besonders prominentes Beispiel dafür, wie ihre Politik ganz den Fokus verschoben hat.
Zudem verliert die Politik in der Konzentration auf Gruppeninteressen ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Zustände zu analysieren und nicht lediglich unterschiedliche Ansprüche unterschiedlich gegeneinander aufzurechnen. Sie verliert den Horizont für eine Frage, die traditionell für linke Politik eine ganz besonders große Bedeutung hat: für die Frage nach sozialer Gerechtigkeit.
Gnade statt Würde Hoffmann führt Beispiele dafür an, wie ein Mann, der Abstand von einer traditionellen Versorgerrolle nimmt, gerade von linker Seite aus als Provokation verstanden und als „Weichei“ (84) beschimpft wird. Das ist nachvollziehbar: Eine Politik, die ihre Konzentration ganz auf das Bedienen von Gruppenansprüchen legt, hat wenig Interesse an Einsprüchen derjenigen, die dafür notwendige Ressourcen erarbeiten.
Von der Männerbewegung wird diese Fixierung schon lange angegriffen, etwa in der Kritik an der Medienfantasie eines „Gender Pay Gaps“, die eine angeblich umfassende schlechtere Bezahlung von Frauen behauptet, ohne die für diese Bezahlung erbrachten Leistungen überhaupt zu registrieren.
 
„Mann der Arbeit, aufgewacht / und erkenne deine Macht / alle Räder stehen still / wenn dein starker Arm es will“ Als sozialdemokratische Folklore ist Georg Herweghs Bundeslied durchaus noch in Verwendung. Quelle
 
„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“: Heutige Sozialdemokraten haben den Sinn dafür verloren, was dieser Satz einmal bedeutete – und die meisten Grünen haben ihn womöglich ohnehin nie verstanden. Es geht hier eben nicht darum, dass Ansprüche bedient werden – sondern darum, dass diejenigen, die gesellschaftliche Werte erschaffen, auch das Recht haben, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen. Was Marx als „Entfremdung“ beschrieb, war eben gerade die Perversion dieses Zusammenhangs: dass nämlich den Arbeitern die Folgen ihrer eigenen Arbeit als feindlich und destruktiv gegenübertreten würden.
Parteien, die sich heute als links verstehen, ändern solche Bedingungen nicht etwa, sondern drücken sie in die persönlichen Beziehungen der Menschen hinein. Ich kenne gegenwärtig kaum ein besseres Beispiel für Entfremdung als die Situation eines Vaters, der  willkürlich von seinen Kindern getrennt wird und auch noch verpflichtet ist, zu arbeiten, um diese für ihn wie für seine Kinder schädliche Situation zu finanzieren und auf Dauer zu ermöglichen. Es ist ausgerechnet die SPD, die sich mehr als alle anderen Parteien für eine Zementierung dieser Zustände einsetzt.
In der klassischen Arbeiterbewegung war die Fixierung auf Ansprüche und das Desinteresse an den dafür zu erbringenden Leistungen mit sehr guten Gründen verpönt. Unter Bedingungen knapper Ressourcen ist jemand, der auf Dauer und ohne Not Leistungen entgegennimmt, ohne selbst Entsprechendes dafür zu tun, eine Gefahr für andere – und ganz besonders für diejenigen, die tatsächlich auf den Beistand der Gemeinschaft angewiesen sind, für Kinder, Kranke und Alte.
Die Fixierung einer vorgeblich linken Politik auf das Bedienen von Ansprüchen ist ein Symptom dafür, dass ihren Akteuren ein Leben unter den Bedingungen knapper Ressourcen längst unbekannt und auch uninteressant geworden ist.
Das hat auch Folgen für das Selbstverständnis aller Beteiligten: Während Sozialdemokratie und Arbeiterbildungsvereine tatsächlich einmal viel dafür getan haben, Menschen ein würdevolles, selbstständiges Leben zu ermöglichen und ihnen einen Stolz auf die eigene Existenz zu vermitteln, schafft eine Politik der Bedienung von Ansprüchen systematisch Abhängigkeiten. Es ist keine Politik der Würde derjenigen, die unten stehen – sondern eine Politik der Gnade derjenigen, die von oben herabblicken.
Ein von Arne Hoffmann und Walter Hollstein beschriebenes Paradox lässt sich vor diesem Hintergrund leicht erklären – dass nämlich eine Offenheit für eine progressive und zukunftsfähige Geschlechterpolitik heute eher von konservativen und klassisch liberalen Parteien zu erwarten sei als von den Parteien mit einem linken Selbstverständnis. (28)
Auch wer mit konservativen Geschlechterbildern arbeitet, kann schließlich in vielen Fällen souverän und selbstbewusst auf Anliegen einer linken Männerbewegung eingehen. Für Parteien mit linkem Selbstverständnis aber sind diese Positionen eine schwer erträgliche Provokation. Wer sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzt, kann nämlich nur zu dem Schluss kommen, dass diese Parteien längst den Horizont für eine linke Politik verloren und sich zudem hoffnungslos in den Versuch verstrickt haben, die verlorene Idee des Klassenkampfs durch die Idee eines Geschlechterkampfs zu ersetzen.
Das zentrale Problem linker Männerrechtler ist daher, dass sie keine politischen Bündnispartner haben. Das liegt nicht daran, dass linke Politik und Männerrechte unverträglich wären – sondern daran, dass es in Deutschland keine ernstzunehmenden Träger einer linken Politik gibt. Linke Männerrechtler rufen gleichsam in einen Wald hinein, der längst abgeholzt ist – es ist kein Wunder, das nichts wieder herausschallt.
Wer aber ein Interesse daran hat, hier wieder etwas aufzuforsten, wird nicht umhinkommen, sich diese Rufe anzuhören.

Alle Seitenangaben beziehen sich auf das Buch Arne Hoffmanns, Plädoyer für eine linke Männerpolitik

Biertrinken mit Feministinnen – Kais Blogstöckchen

Das „Blogstöckchen“, das Kai auf seinem Blog veröffentlicht hat, ist mittlerweile von Arne Hoffmann, von Christian Schmidt, von Elmar Diederichs, von Tom, Adrian, LoMi und Graublau beantwortet worden.
Edouard Manet: Im Café-Concert (1878) Quelle
Nachdem Erzählmirnix vor wenigen Monaten blockstöckchenwerfend Blogger nach ihrem Verhältnis zum Maskulismus gefragt hat, fragt Kai nun nach dem Verhältnis zum Feminismus. Ich hatte eine volle Woche und bin gerade sehr, sehr müde, aber antworten will ich natürlich, und die Müdigkeit macht die Antworten ja vielleicht auch besonders interessant….Viel Spaß!

 
1. Welche große Errungenschaft der letzten Welle des Feminismus empfindest Du als wichtig? Welche als überzogen?

Verständlich wurde mir die Attraktivität feministischer Positionen angesichts einiger Erfahrungen an der Uni in den neunziger Jahren. So etwas wie eine männliche Arroganz gab es durchaus, sie war kein feministisches Hirngespinst – irreal ist lediglich die Fantasie, dass diese Arroganz allgegenwärtig gewesen wäre. Ich hab im Germanistik-Studium öfter die Meinung erlebt, dass man Texte von Ingeborg Bachmann oder Marie von Ebner-Eschenbach, oder auch anderen Frauen, eigentlich nicht kennen müsse.

 
Wer sich zudem mit der Literatur von Frauen gut auskannte, stand schnell in dem Ruf, sich auf eine Nische zu konzentrieren und von nichts anderem eine Ahnung zu haben. Das galt auch dann, wenn sie – in der Regel waren es ja Frauen – schon längst umfassend belegt hatte, dass diese Meinung nicht stimmte. Daran hat sich mittlerweile etwas geändert, auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass die „letzte Welle“ (was immer das auch sein mag, und war das jetzt eigentlich die dritte oder die vierte?) etwas damit zu tun hat.

Ich erinnere mich daran, wie eine Professorin einmal einen sehr profilierten Goethe-Forscher öffentlich zur Weißglut trieb, weil sie behauptete, dass Goethes Wilhelm Meister sich aus Frauenperspektive ganz anders lese als aus Männerperspektive, und dass der Roman dann keineswegs der Roman einer erfolgreichen Bildungsgeschichte sei. So fand ich feministische Positionen oft interessant – wenn damit die Möglichkeit entstand, etwas anders zu sehen, als man es zuvor gewohnt war. Was noch nicht heißt, dass diese andere Perspektive die bessere sein muss.

Überzogen ist es, daraus eine festgefügte Weltanschauung zu machen – sich zu stilisieren als oppositionelle Bewegung, die festgefügte Denkmuster durcheinanderbringe, beständig neue Perspektiven eröffne. Die Anti-Establishment-Pose ist besonders albern bei einer Bewegung, die mit großer Verbissenheit vor allem anderen auf das Ziel konzentriert ist, ihre Protagonistinnen möglichst stabil in den öffentlichen Institutionen zu etablieren.

2. Welche feministische Forderung (z. B. einer politischen Partei) der letzten 10 Jahre hättest Du auch noch aus heutiger Sicht voll und ganz unterstützen können?

Natürlich gibt es eine Reihe feministischer Forderungen, die ich unterstützen kann – nicht unterstützenswert ist aber normalerweise ihre Einseitigkeit. Schutz und Hilfe zu bieten vor häuslicher Gewalt ist ein Ziel, gegen das eigentlich kein vernünftiges Argument vorgebracht werden kann – dass Schutz und Hilfe aber allein Frauen zustünden, und zudem vor allem dann, wenn Männer die Täter seien, das ist einfach verrückt.

 
Verrückt ist es auch, dass diese Einseitigkeit flächendeckend zur politischen Agenda wurde.

Ein anderes Beispiel sind staatliche Unterstützungen bei der Kinderbetreuung. Für Paare ist das ungeheuer wichtig. Einseitig aber wird diese Position, wenn dagegen die Betreuung von Kindern durch die eigenen Eltern als altbacken oder reaktionär hingestellt wird.

3. Welche aktuellen feministischen Forderungen findest Du richtig? Gibt es etwas das der Feminismus Deiner Meinung nach noch für Frauen fordern sollte/könnte und was natürlich für Dich gerechtfertigt ist?

Es gibt vieles, was mit guten Gründen für Frauen gefordert werden kann – es gibt aber nichts, was nur und ausschließlich für Frauen zu fordern ist. Schutz vor Gewalt, Unterstützung in Notlagen, Hilfe zur Selbsthilfe, eine vernünftige Gesundheitsvorsorge: All das steht Frauen natürlich zu, aber eben nicht allein Frauen.

 
Insofern ist der Feminismus eine Maschine, in die richtige und plausible Forderungen eingespeist werden, aus der sie dann aber als einseitige und unplausible Positionen wieder herauskommen.

4. Mit welcher bekannten Feministin glaubst Du, könntest Du ein Bier trinken gehen und Dich mit ihr zivilisiert über Männerpolitik zu unterhalten?

Mit welcher Feministin könntest Du das garantiert nicht? Ein Beispiel reicht, gerne aber auch mehr.

Och, ich finde, ein Bier zu trinken ist kein großes Opfer – es gibt kaum Menschen, bei denen ich das aus politischen Gründen grundsätzlich ablehnen würde. Auch wenn ich mich vielleicht bei vielen nach einem Bier höflich und formvollendet auch schon wieder verabschieden würde.

Aus persönlichen Gründen aber möchte ich nicht mit Mütterideologinnen zusammensitzen, die eine Politik der Vater-Kind-Trennung betreiben. Müsste ich ein Bier mit Anita Heiliger trinken, oder mit der VAMV-Vorsitzenden Edith Schwab, dann würde das meine Humorbereitschaft ernsthaft überfordern.

 
Ich wüsste allerdings auch nicht, wie es zu solch einer Konstellation kommen sollte – es wäre schon ein recht bösartiger Alptraum.
 
5. Gibt es feministische Gruppe die Du, evtl. auch nur in Teilen, unterstützen könntest?

Es gibt einzelne Feministinnen, die ich auch in vielen Punkten unterstützen könnte – Leszek hat dazu gerade einen sehr passenden Kommentar veröffentlicht. Dazu gehören beispielweise Feministinnen, die sich offen mit dem Widerspruch auseinandersetzen, Gleichberechtigung zu fordern, Frauen in der Erwerbsarbeit stärker etablieren zu wollen, zugleich aber verbissen Privilegien von Müttern zu verteidigen.

Ich kenne allerdings keine feministische Gruppe, die ernsthaft versuchen würde, eine solche Auseinandersetzung in die einschlägigen Institutionen zu tragen. Mein Eindruck ist, dass es im Feminismus, sobald er sich organisiert und institutionalisiert, um kaum etwas anderes als um die Verteidigung und Ausweitung von Besitzständen geht.

6. Was ist Deiner Meinung nach der größte Fehler des Feminismus gewesen?


Derselbe Fehler, der in drei verschiedenen Versionen gemacht wird – die feministische Dreifaltigkeit, sozusagen:

In der Theorie ist der größte Fehler, die komplexen Herrschaftsstrukturen moderner Gesellschaften stur als Männerherrschaft, als Patriarchat, wahlweise auch als durchdringende heterosexuelle Matrix zu deuten.

Ethisch ist der größte Fehler, dass Gewalt gegen Frauen als wesentlich gravierender angesehen wird als Gewalt gegen Männer, dass das Leid von Männern weniger zählt als das von Frauen, dass Verletzungen der Rechte von Männern als Mittel zur Gleichstellung, Verletzungen der Rechte von Frauen als ungeheurer Skandal gewertet werden.

Kommunikativ ist der größte Fehler, dass Feministinnen die Positionen von Männern nicht als ernstzunehmende Positionen wahrnehmen, sondern als Mansplainig, Derailing, insgesamt als Symptom von Herrschaftspositionen verzerren, dass der Ausdruck männlichen Leids ihnen Anlass zur Freude und selbstverständlich nicht zur Empathie ist – Mimimi.

7. Welche Änderungen im Feminismus würdest Du vornehmen, damit er für Dich „akzeptabler“ erscheint?

Ich glaube, dass der Feminismus tot ist, dass er aber durch seine Verklammerung in Institutionen wie Parteien und Universitäten und durch beständige Zufuhr öffentlicher Mittel scheinhaft am Leben gehalten wird und so nur noch als politischer Zombie unterwegs ist.

 
Ich kann natürlich problemlos einzelne Feministinnen akzeptieren, die ihre Position ausweiten und nicht allein auf Fraueninteressen fixiert sind. Als humane, demokratische politische Bewegung aber ist der Feminismus in meinen Augen nicht zu retten – wenn er überhaupt jemals eine solche Bewegung war.

 
Ich hatte mir einmal überlegt, dass das Verhältnis zum Feminismus – und die Frage, was ihm positiv abzugewinnen ist – eigentlich auch ein schönes Blogparaden-Thema wäre. Insofern werfe ich das Stöckchen weiter an die üblichen Blogparadisten und solche, die es werden können, zum Beispiel an Martin Domig oder LoMi, und natürlich auch an Elmar, zumal er ja von Kai direkt zitiert wird.

„Lasst das mal den Papa machen“. Der „Stromberg“-Film ist sexistisch: Fragt sich nur, gegenüber wem

– Gastbeitrag von Johannes Meiners –

 
 
Johannes Meiners‘ Filmkritik über den Stromberg-Film und seine Großmannsucht“ setzt sich auch mit Figuren einer Fernsehserie auseinander, die ich  früher während der ersten Staffeln einmal gern gesehen habe. Ich fand sie witzig, bin dann aber irgendwann ausgestiegen warum, weiß ich nicht einmal mehr. Doch auch angesichts der Sympathie für die Serie überzeugt mich die Kritik, die Johannes Meiners an dem Film übt. Viel Spaß dabei!  Lucas Schoppe
 
 
Bernd Stromberg ist zurück: Noch ein Mal – als Kinofilm. Die Büro-Satire spielt im (vermeintlichen) Alltag europäischer Durchschnittsbürger, in diesem Falle Versicherungsangestellter in Nordrhein-Westfalen. So viel vorweg: Ich teile die Ansicht des Schauspielers – und Hauptdarstellers – Christoph Maria Herbst, wonach „Stromberg“ auserzählt sei).
 
Die Finanzierungsprobleme rund um den Film konnten durch zahlende, am Ende alphabetisch entlang ihrer Vornamen aufgelistete, fast nur männliche Fans offenbar gelöst werden. Die Produktion hält gleichwohl einige Lacher bereit, die durchaus hörenswert sind. Ähnliches gilt für das Bildmaterial mit der ein oder anderen überraschenden Sentenz. Herbst selbst spielt neuerlich stark auf. Ohne ihn wäre die Satire wie der frühere Krimi „Derrick“ ohne Derrick – oder „Wetten, dass…“ ohne Thomas Gottschalk.

Der vorliegende Text ist keine „gewöhnliche“ Rezension eines aktuellen künstlerischen Ergusses. Nein, es geht um eine dezidiert maskulistische Filmkritik: Im Mittelpunkt steht die Darstellung des Geschlechterverhältnisses. Und daran gibt es aus dieser Sicht eine Menge zu deuteln. Die folgenden Zeilen erheben daher in alle Richtungen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Ist Stromberg wirklich „sexistisch“? Laut Teaser der Werbung für den Film: JA.

Er reiße rassistische und sexistische Witze. Dass dies ein für weiße, heterosexuelle Männer geradezu konventionelles Verhalten ist, scheint im Teaser nicht mal einen erläuternden Halbsatz wert zu sein. So selbstverständlich wirkt die Annahme wohl aus Sicht derer, die sie formulierten.

Dem Autor dieser rezensierenden Zeilen zufolge lautet die Antwort ebenfalls: JA.

Im Filmgeschehen ist Stromberg wiederum der Aktivposten, Dreh- und Angelpunkt schlechthin: Alles, was Menschen lächerlich machen kann oder von anderen so empfunden wird, wird ihm zugeschrieben. Er muss jede Menge aushalten, durchstehen, lösen – Clown, Prellbock, Chef und Untergebener, Fußabtreter und Organisator in einer Person. Alle Verantwortung, aber auch eine Menge Einfluss, werden ihm schon während der gesamten Staffelzeit zugeschrieben.

Er „belästigt“ die „Vorständin“ Berkel von Stromberg aufs Platteste: Sie sei ja eigentlich nicht sein (wirklicher) „Chef“, da sie doch eine Frau sei. Zudem machte er Gesten, als wolle er ihr gleich, scherzhaft, an die Brüste fassen (in Analogie zu „Problemlösungen“ – Probleme würden dann mehr Spaß machen, wenn man sie direkt anginge).

Der danebenstehende – männliche – Vorstand greift hingegen sofort ein, natürlich zugunsten seiner Kollegin. Doch das nützt dem Mann mit den nach hinten gekämmten Haaren und der randlosen Brille in den Augen der mächtigen „Sittenpolizei“ der (vermeintlich) politisch Korrekten längerfristig nur wenig…

Noch anorganischer bzw. anachronistischer erscheinen die Äußerungen Strombergs, wonach so aufrichtige Menschen wie er in Vorständen „noch seltener“ zu finden wären als Frauen. Nur kurz auf der Meta-Ebene dieser Rezension zur – hoffentlich klärenden – Erläuterung: Würde „der Bernd“ tatsächlich etwas gegen Frauen als (seine) Chefinnen haben, wäre dieser Satz verdammt ungewöhnlich. Ein essenzielles Charakteristikum von Diskriminierungen ist doch vielmehr, dass sie entweder unbewusst oder – zumindest – unreflektiert verlaufen, zu den sozialen Konventionen zählen, die irgendwann später hinterfragt und ggf. als „ungerecht“ kategorisiert bzw. verändert werden.

„Schirmchen“, eine Kollegin, die Stromberg begehrt, zieht immer wieder über „die Männer“ her, pauschal und kollektiv: Dies gilt für ihren nun Ex-Mann („Andreas ist lateinisch für Arschloch“), der nun erneut heiratete, weshalb sie sich umso mehr ausrangiert fühlte, wie ein „Faxgerät“ im digitalen Zeitalter, und für Stromberg („Alle Männer sind unromantisch“).

 
In einer anderen Einspielung reckt eine Verkäuferin mehrfach den rechten Mittelfinger und verflucht hemmungslos ihren Exmann. Sexuelle Kontakte hätten sich nach femininen Maßstäben zu vollziehen – die sich natürlich ändern können, aber nur, wenn die Frau sich entsprechend entscheidet: Diese Botschaft wird unterschwellig permanent transportiert.

Der Trottel „Ernie“ muss daher ein weißer Hetero-Mann sein. Er wird übrigens auch von allen weiblichen Figuren herablassend behandelt. Niemand würde eine Beziehung mit ihm beginnen.

Ulf wiederum soll einen „ganzen Mann“ darstellen, zumal er jetzt Familienvater ist, und Tanja bei dem „Kerl“ rächen, der es wagte, zu kritisieren, dass „ihr Weiber immer ne Extrawurst bekommt“. Es ging darum, dass sie ihren (Adoptiv)Sohn mit zur Betriebsfeier ins Hotel bringen durfte, er seine Kinder hingegen nicht. Natürlich stellt sich heraus, dass nicht sie, sondern ER im Unrecht ist. Ulf prügelt sich am Morgen nach der Feier am Frühstücksbuffet mit einem anderen Mann, um sich für seine „Schwäche“ vom Vortag zu „revanchieren“: Er hatte sich (noch) nicht überwinden können, für Tanja bei dem Kollegen in IHREM Sinne Klartext zu reden, der sie dafür beneidete, ihren Nachwuchs mitbringen zu dürfen.

Auch die anderen weißen Hetero-Männer bekommen ihr Fett weg, insbesondere das Vorstandsmitglied von vorhin mit den nach hinten gekämmten Haaren und der randlosen Brille – augenscheinlich kein Sympathieträger, wie er dann auch jedem Zuschauer darlegen durfte, indem er sich als Gegner der Frauenquote für Spitzenpositionen outete.

Es folgen Proteste gegen „die da oben“, natürlich nur noch Männer, die ihre jungen Huren aus dem für ein Gelage gemieteten Anwesen scheuchen und von einem Balkon weit oben in Anzügen mit offenen Hemden herabblicken, als die Capitol-Angestellten kommen, um gegen Massenentlassungen zu protestieren: Mann schmeißt mich (für die Nichtteilnahme an der Sex-Orgie) raus“, betont Stromberg, so, als ob ein Chief Executive Officer (CEO) in der Realität tatsächlich die Teilnahme an derartigen Gelagen als ein Einstellungskriterium ansehe – und so, als ob eine Chefin nicht nach Sympathien bzw. eigenen Befindlichkeiten, auch sexuellen, entschiede.

Völlig unangemessen ist zudem die – dick aufgetragene – Suggestion, wonach der geringe Frauenanteil an Konzernspitzen und in anderen Führungspositionen primär an „Männerbünden“ – „Old boys networks“ – läge. Dass es etwas mit geschlechtsspezifisch im Median divergierenden Dispositionen in Bezug auf Fähigkeiten, Interessen und Lebensprioritäten zu tun haben könnte, wird nicht erwogen. Die im Film mitwirkende Vorständin Berkel verhält sich vielfach ungeeignet für ihre Position – was Angriffspunkte, auch im satirisch-komödiantischen Sinne böte. Trotzdem wird sie rasch aus dem Geschehen genommen – vor der mit der Totschlagskeule erfolgenden Managerschelte.

Müßig zu erwähnen, dass die Proteste im Film wieder von einem (bereits entlassenen) MANN initiiert, angeführt und maßgeblich zum – nicht abschließend geklärten – Erfolg gebracht werden: Stromberg.

Ebenso geradezu selbstverständlich, dass beim Film „Stromberg“ selbst mit Arne Feldhusen ein Geschlechtsgenosse die Regie führt und auch das Drehbuch von einem Mann, Ralf Husmann,  stammt. Natürlich werden auch fast alle Stressjobs von essenzieller Relevanz, die – nicht nur – zu diesem Film gehören, von Männern ausgeübt.

Weiße, heterosexuelle Männer schädigen also vorsätzlich weiße, heterosexuelle Männer, indem sie sie, ihre Leistungen, ihre Sexualität, ihr gesamtes Verhalten, wesentliche Charakteristika ihrer für verallgemeinerbar gehaltenen Persönlichkeit systematisch herabwürdigen. Und lassen sich dann – gerne – erklären, wie schlimm weiße, heterosexuelle Männer sind. Von wem? Weißen, heterosexuellen Frauen der oberen Mittelschicht, urbanen Akademikerinnen.

Vielleicht sollten an derartigen Produktionen beteiligte Menschen den Titel bzw. die Titelmusik dieses – trotz allem durchaus sehenswerten – Filmes (noch) ein wenig ernster nehmen und sich diesen Ernst auch für andere gesellschaftspolitische Debatten zum Thema, bspw. zum Sorgerecht, bewahren: „Lasst das mal den Papa machen“. 

Ein Mann zieht in den Frieden

„Wortschrank hat mit seinem Beitrag ‚Sorry, war scheiße‘ eine Lanze dafür gebrochen, dass man versucht möglichst vorurteilsfrei mit anderen Personen zu diskutieren und ihnen nicht von vorneherein Positionen zuzuordnen, die sie gar nicht vertreten“.
Nun gibt es bekanntlich kaum Menschen gibt, die offen stolz auf ihre Vorurteile sind und die damit prahlen, anderen gern Fantasiepositionen zu unterschieben. Also kann eigentlich niemand etwas gegen diesen Versuch haben, den hier Christian auf Alles Evolution beschreibt.

Abraxas (so der Name des Wortschrank-Inhabers bei Twitter) schreibt selbst in seinem Text:

„Jedenfalls bin ich leider vor etwas längerer Zeit Robin Urban aus genau so einem Vorurteil gegenüber Feministinnen mal auf den Schlips getreten (ich weiß noch nicht mal mehr, um was es ging aber ich habe mich beschissen genug benommen, dass sie mich blockte) und ich bereue das heute sehr.“
Dass Abraxas sich darum bemüht, einen Konflikt nicht zur Dauerfeindschaft werden zu lassen und das Verhältnis zu Robin zu befrieden, kann ja auf den ersten Blick niemanden stören, ist aber eigentlich auch eine persönliche Angelegenheit der Beteiligten. Allerdings hat er seine Entschuldigung ja nicht als private Mail an Robin verfasst, sondern als Blogtext veröffentlicht. Und was geschieht?
Eine US-amerikanische Briefmarke aus dem Jahre 1956
Der Text löst eine enorme Resonanz aus, etwas 200 Kommentare hat der Artikel in kurzer Zeit. Christians oben zitierter Artikel über Sachliches Argumentieren mit gemäßigten Maskulisten, der sich darauf bezieht, wird sogar in wenigen Tagen fast dreihundert Mal kommentiert. Die Internet-Feministin Onyx fragt ohne unnötige Scheu vor Pathos, ob wir hier einen neuen Anfang – A New Beginning? – erleben.

Vor allem aber sorgt der Text für heftige Kontroversen. Wolle Pelz, den Robin Urban in Kommentaren zu einem Comic-Artikel einmal öffentlich und kurzerhand mit Goebbels in ein Boot gesetzt hat, findet, dass Robin „die Maskutroll-Szene“ spaltet. Dass er Abraxas widerspricht, ist nicht unverständlich: Robins eigene Entschuldigung ihm gegenüber bestand damals aus einem kecken „Kannst ja (…) heulen gehen“.

In den Kommentaren im Wortschrank-Blog wiederum wird Robin nicht nur begrüßt, sondern auch böse angefeindet:

„Du bist doch nur frustriert, weil du keinen Mann für länger als eine Nacht findest.“
Kaum weniger roh sind Reaktionen auf solche Kommentare.
„Eigentlich muß ich froh sein, daß diese untervögelten Trolle meist in den dunklen Ecken des Internets bleiben.“ 
Innerhalb von sehr kurzer Zeit führt also Abraxas‘ zivile Geste der Entschuldigung zu einer virtuellen Klopperei, zu einem „Entschuldigungs-Gate“. Menschen, die sich unbeleckt von geschlechterpolitischen Auseinandersetzungen zufällig in solche Diskussionen verirren, werden vermutlich irritiert beidrehen und sich vornehmen, in Zukunft besser aufzupassen und besser keine überflüssigen Gedanken auf solche Zusammenhänge mehr zu verschwenden.

Wie kann es aber sein, dass eine zivile Geste zu solchen Kontroversen führt?

Odysseus zwischen Scylla, Charybdis und Hundehaufen In den Kommentaren verbreitet sich schnell die naheliegende Antwort, dass eine friedliche Geste wie die von Abraxas nun einmal eine Provokation für diejenigen sei, die auf betonierten Feindbildern bestünden. Das lässt sich schon früh an einem Kommentator belegen, den Abraxas „ganz besonders gerne“ freischaltet, der ihm seinerseits „Hundekriecherei“ vorwirft und sich sogar die Mühe macht, seine Antwort mit ein paar Comics zu versehen. Eines davon gefällt mir übrigens besonders gut, weil es mich in schmeichelhafte Gesellschaft bringt – nur sehe ich natürlich in Natura deutlich besser aus als auf dem Bild.

Es ist ein traditionelles Problem eines solchen brachialen, demonstrativ hirnfreien Agierens, dass es sachliche Argumente verdeckt. Denn sachlich begründete Kritik an Abraxas gibt es durchaus:

„Wortschrank kann sich so oft wie er nur will entschuldigen – das ist seine Sache. Jedoch sollten wir – vorallem die Trennungsväter können ein Lied davon singen – wissen, dass Zugeständnisse und Entschuldigungen beim anderen Geschlecht nur selten Milde und Vergebung auslösen.“ 
Das kann ich so bestätigen, auch wenn der Grund für diese Situation wohl eher in politischen und rechtlichen Bedingungen als pauschal „beim anderen Geschlecht“ liegt.

Als Kind hatte ich ein Hörspiel über die Irrfahrten von Odysseus und war unter anderem beeindruckt davon, wie Odysseus mit seiner Mannschaft zwischen den Meeresungeheuern Scylla und Charybdis hindurchfahren musste – immer in der Gefahr, zum Opfer des einen zu werden, wenn er zum anderen zu großen Abstand hielt. Meine Situation als Trennungsvater kommt mir sehr ähnlich vor.

Wenn ich offene Konflikte führe, dann liefere ich damit Gründe, mich aus der Beziehung zu unserem Kind auszugrenzen – völlig unabhängig von der Frage, ob es für die Konflikte nicht vielleicht gute Gründe gibt.

Wenn ich aber Friedensgesten sende, darauf baue, dass Kompromissbereitschaft, Nachgeben, Verständnis für die andere Position sich auf Dauer auszahlen werden, dann werde ich aus der Vater-Kind-Beziehung durch meine Ex-Partnerin und Anwältinnen gleichsam ausgeschlichen. Ich kann dann regelrecht dabei zusehen, wie die Möglichkeiten des Umgangs immer weniger werden. Hätte ich das im Interesse des Elternfriedens akzeptiert, wäre ich beispielweise nicht – was mir meine Ex-Partnerin ungeheuer verübelt – mehrmals zum Schutz des Umgangs vor Gericht gegangen, dann hätten unser Sohn und ich uns wohl schon lang nicht mehr gesehen.

Hätte ich mich also so verhalten, wie Abraxas und andere das als vorbildlich präsentieren und als neuen Anfang preisen, dann hätte das für mich und unser Kind erhebliche und schädliche Folgen gehabt.

Ich finde die Entschuldigung als persönliche Geste gut und richtig – und ansonsten steht mir ein Urteil darüber überhaupt nicht zu, weil sie eine Angelegenheit zwischen ihm und Robin ist. Ich finde es aber falsch, sie allgemein als vorbildhaft zu verstehen und so als politische Geste zu werten – und ich bin überzeugt davon, dass die Verwechslung einer persönlichen Entschuldigung mit einer politischen Geste ein wesentlicher Grund für die Kontroversen ist, die diese Entschuldigung zur Folge hatte.

„Auch mit Onyx ist mir das vor kurzem passiert, nur dass sie mich nicht gleich geblockt hat sondern gemeinsam mit dem lachenden Mann (heisst heute resolute Nuss) eine Gesprächskultur gepflegt hat, von der wir uns alle mal eine Scheibe abschneiden könnten.“
Wenn Abraxas in dieser Weise andere als Vorbild empfiehlt, dann muss er den Angesprochenen („wir alle“) zumindest die Chance geben zu überprüfen, worum es eigentlich geht, und beispielsweise einen Link setzen. Ansonsten bleibt lediglich die diffuse Botschaft, dass wir alle irgendwie irgendwas falsch machen, wenn wir dort Konflikte beschreiben, wo wir doch eigentlich alle nur nett miteinander umzugehen bräuchten.

Einmal ganz abgesehen davon, dass ein Mensch sich tatsächlich zu klein macht, wenn er es schon als Friedensgeste empfindet, von anderen nicht „geblockt“ zu werden.

 
 
Kriegsgewinnler Insgeheim überschätzt diese Position, wenn sie als politische verstanden wird, die Möglichkeiten von Männern in der Geschlechterpolitik erheblich.  Männer bewahren sich damit die Illusion einer Handlungsmacht, die sie in diesem Kontext de facto nicht haben. Denn schließlich legitimieren sich viele öffentlich finanzierte Institutionen mit der Fantasie, Männer – und zwar Männer ganz allgemein – würden einen Krieg gegen Frauen – und zwar Frauen ganz allgemein – führen.

Ohne diese Fantasie eines männlichen Geschlechterkrieges gäbe es keine „Gleichstellungspolitik“, die faktisch allein auf die Förderung einiger Frauen ausgelegt ist – keine Legitimierung der Frauenquoten in Parteien und Unternehmen – es gäbe keine einseitige staatliche Gewaltpolitik, die gegen weiträumige wissenschaftliche Evidenz die Idee des männlichen Täters und des weiblichen Opfers institutionalisiert – es würden auch nicht viele Millionen in universitäre Gender-Studies fließen, die den Nachweis ihrer wissenschaftlichen Seriosität frohgemut schuldig bleiben.

 
Anwälte und Lobbyorganisationen wie der Mütterverband VAMV würden an der Trennung von Vätern und Kindern weniger Geld verdienen, wenn sie die väterliche Präsenz nicht als Belastung für Kinder und Mütter präsentieren könnten – und eine Frau wie Edith Schwab würde dafür, dass sie in doppelter Funktion als VAMV-Vorsitzende und als Anwältin von dem produzierten Leid profitiert, nicht auch noch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Es ist der falsche Kampf, statt einer Auseinandersetzung mit solchen Strukturen Robin Urban oder andere Internet-Feministinnen als Hauptgegner auszumachen und ihnen prinzipiell ziviles Entgegenkommen zu verweigern. Es ist ebenso illusorisch zu übersehen, dass die Fantasie eines männlich betriebenen Geschlechterkrieges eine Millionenindustrie speist und dass viele davon profitieren, die schlicht kein Interesse am Ende dieser Fantasie haben. Dafür müssen sie übrigens nicht einmal feministisch sein.

Das ist für Männer möglicherweise schwer zu akzeptieren: Wir – und hier passt das „wir alle“ mal, soweit es sich auf Männer bezieht – sind einfach nicht in der Position, an diesen Bedingungen durch ziviles Entgegenkommen und Entschuldigungen etwas ändern zu können. Dieses zivile Verhalten müsste schon von Frauen kommen – und auch nicht von Netzfeministinnen, sondern von Frauen, die institutionell abgesichert gut an der Fantasie des Geschlechterkrieges verdienen.

 
Wer darauf aber wartet, kann gewiss lange warten – für diese Einsicht sind keine langen Überlegungen nötig, es reicht schon, einfach einmal kurz der Familienministerin zuzuhören.

So ist es vielleicht ein Symptom der Hilflosigkeit, wenn die friedliche zivile Entschuldigung von Abraxas zur politischen Geste aufgebauscht wird, wenn die Diskussion dabei die Spaltungen der politischen Gemengelage blind wiederholt und allenfalls die Freund-Feind-Grenzen an etwas andere Stellen setzt.

 
Es ist auch ein Symptom dafür, dass Männer zwar schon seit Jahrzehnten viele gute Argumente formuliert haben, mit denen sie eine auf die Interessen weniger Frauen fixierte Geschlechterpolitik kritisieren – dass sie aber relativ ratlos sind, wenn es darum geht zu zeigen, dass diese Argumente auch politisch relevant sind.
 
 
Wie kommt man eigentlich aus dieser verdammten Filterbubble raus? Als ich für etwa fünf Jahren den alltäglichen Kontakt zu unserem Kind durch nie erklärte Entscheidungen der Mutter weitgehend verlor, war eines der überwältigendsten Gefühle dabei der Eindruck, mit der Situation völlig allein dazustehen. Die offiziellen Medien interessierten sich kaum für das Thema, Gerichte entschieden – und entscheiden – oft routiniert gegen Väter, und was ich im Internet fand, war zwar manchmal unterstützend, aber dabei meist zugleich von so betonierten Feindbildern geprägt, dass es für mich keine Perspektiven bot. Ich kann mich noch gut erinnern, wie erleichtert ich war, als ich die Webseite von Monika Ebeling entdeckte, die damals noch Gleichstellungsbeauftragte in Goslar war.

Dass sie von diesem Posten dann bald – „Benachteiligungen von Männern aufzeigen und beseitigen–dies ist nicht unser politischer Wille   – entschlossen entfernt wurde, zeigt, dass die Isolation von Männern in Notsituationen durchaus politisch gewollt ist und politisch produziert wird.

Ich habe – so ähnlich, wie das auch gerade Christian beschrieben hat – den Eindruck, dass sich die Situation im Netz erheblich geändert hat. Mittlerweile gibt es eine relativ breit gefächerte Diskussion männerrechtlicher Themen, die sich nicht in dem Interesse erschöpft, ohnehin feste Feindbilder weiter zu betonieren. Es ist eine kleine demokratische Gegenöffentlichkeit entstanden, die zwar politisch weitgehend wirkungslos ist, die aber auch leicht aufzufinden ist und die vielen die Chance bietet, in den Austausch mit anderen zu treten. Das ist etwas wert.

Es wäre jedoch nur konsequent, in vielen Fällen stünde es auch einfach an, die entwickelten Argumente in politische Aktionen umzusetzen. Die Frage aber, wie das möglich sein sollte, lässt die meisten Beteiligten nach meinem Eindruck ebenso ratlos zurück wie mich selbst – zumal es aussichtlos wäre, wenn Männerrechtler einfach frauenrechtliche Aktionen kopieren wollten.

Wenn also Abraxas‘ Entschuldigung, die schlicht ein ziviles Verhalten in der eigenen Filterbubble ist, als politische Aktion verstanden wird – dann drückt sich in dieser Hilflosigkeit vielleicht auch aus, wie ratlos wir eigentlich sind, wenn wir uns die Frage stellen, wie wir diese Filterbubble verlassen und tatsächlich politisch wirksam werden könnten.

Wenn wir uns also die Frage stellen, was wir eigentlich mit den vielen guten Argumenten politisch anfangen – und was diese Argumente eigentlich ändern.

Wie Anne Wizorek und ihre Freunde einmal einen schlechten, schlechten Menschen aus mir machten

„Ich glaube einfach nicht mehr, dass die ‚Kommunikation wollen‘. Die wollen einfach nur, dass alles so ist und läuft, wie es ihnen gefällt.“
Während wir so im Anschluss an den Text über die Neuköllner Apothekenverwüstung darüber diskutierten, ob der Kommunikationsstil des Lilifee-Feminismus überhaupt etwas mit Kommunikation im herkömmlichen Sinne zu tun habe, und während LoMi darüber – was mir natürlich eine Ehre ist – gar einen eigenen Artikel schrieb, hatte Anne Wizorek längst Fakten geschaffen.

Ihr Gruppen-Blog „kleinerdrei“ veröffentlichte in deutscher Übersetzung einen Text Julie Paganos, der sämtliche Zweifel hinsichtlich etwaiger Kommunikationsabsichten souverän beseitigt und der dabei zugleich ungezwungen und elegant einen Beitrag zur Lebenshilfe leisten kann: „Schlechte Verbündete – Das Quiz“ 

„Disclaimer: Als weißer heterosexueller Mann (WHM) kann ich bestenfalls ein Ally sein“,
hat ein Mann richtig erkannt. Und kleinerdrei erläutert:
„Speziell feministische Verbündete sind Einzelpersonen, die keine Frauen sind und Frauenrechte unterstützen sowie Feminismus und dessen Anliegen fördern.“

Das heißt, ein Verbündeter hat keine eigenen Interessen, unterstützt aber die Interessen anderer, macht dabei aber leider oft viel falsch.

Wie ich auf die Idee gekommen bin, zu diesem Text eine alte Anti-Kriegs-Karikatur von Boardman Robinson zu veröffentlichen, weiß ich selber nicht. Ich habe aber das Gefühl, dass ich mir dafür Minuspunkte geben sollte.
Ob ich als ein guter Verbündeter tauge, oder als schlechter, oder ob ich schlimmstenfalls gar keiner bin, habe ich im Selbstversuch anhand der präzisen Fragen des Ally-Quiz ermitteln können. Ich dokumentiere hier die Highlights meiner Befragung.


Behauptest du, niemals Fehler zu machen oder in gewaltsamer Weise zu handeln? Fast ganz zu Beginn schon die erste verwirrende Frage. Nein, ich behaupte nicht, in gewaltsamer Weise zu handeln. Könnte aber falsch sein, nämlich ein Hinweis, dass ich meine eigene Gewalt nicht wahrnehme. Aber dass es auf „Ich behaupte, in gewaltsamer Weise zu handeln“ Pluspunkte gibt, kann ich mir auch wiederum nicht vorstellen. Ich sag einfach mal:
„Ich behaupte, in gewaltsamer Weise zu handeln, habe aber keine rechte Freude dran.“
Ist ganz falsch, weil es natürlich bescheuert ist zu meinen, es ginge dabei um meine Freude oder nicht. Zwei Minuspunkte.
 
Beschwerst du dich über Räume, die ausschließlich Mitglieder einer unterdrückten Gruppe zulassen, weil du selbst dann nicht dabei sein kannst? Hier war ich mir schnell sicher, dass das eine Fangfrage ist. Schließlich haben unterdrückte Gruppen normalerweise keine Räume, aus denen sie ihre Unterdrücker einfach mal aussperren können, so dass die dann draußen und traurig allein vor sich hin unterdrücken müssen.
 
Der Frage liegt evtl. das Missverständnis zu Grunde, dass z.B. die Plätze für Schwarze im hinteren Teil der Südstaaten-Busse Safe Spaces gewesen seien, um sie vor den Übergriffen Weißer zu schützen. Das ist historisch, um ehrlich zu sein, nicht ganz akkurat.

Die Möglichkeit, andere beliebig ausschließen zu können, ist ein sicheres Kennzeichen für Privilegien. Wer das richtig findet, findet es wohl auch toll, wenn Reiche ihre Wohngebiete mit Mauern und Wachpersonal vor dem Anblick des Pöbels schützen. Also antworte ich mit tiefer Überzeugung: Klar beschwer ich mich!

Dafür gibt’s zehn Minuspunkte. Und weil ich nicht kapiere wofür, gleich nochmal zehn Minuspunkte hinterher. Und nochmal zwanzig drauf für’s Mansplaining.

 
Benutzt du bevormundende Formulierungen (z.B. indem du eine erwachsene Person als Kind bezeichnest) wenn du mit oder über Leute aus der Gruppe sprichst, deren Verbündeter du bist? (20 Punkte pro Vorfall). Da fehlt ein Komma vor dem „wenn“. Und „mit Leute“ spricht man auch nicht, weil die Präposition „mit“ den Dativ erfordert, Kindchen. — Ach, verflixt… (40 Minuspunkte)
 
 
Verwendest du Beleidigungen wenn du mit oder über Leute aus der Gruppe sprichst, deren Verbündeter du bist? (1000 Punkte pro Vorfall). Also nochmal: ein Komma vor dem „wenn“, und „mit Leute“ spricht man eigentlich nicht, min lütten Döspaddel. — Ach scheiße, nochmal drauf reingefallen.
 
Arschloch! (2000 Minuspunkte)
 
 
Verlangst du von anderen Leuten, dass sie dir alles beibringen (anstatt dich selbst weiterzubilden)? Also, erst versteh ich, dass ich alles falsch mache, wenn ich es so mache, wie ich es verstehe…und wenn ich dann frage, wie ich es denn machen soll, ist es auch schon wieder falsch. Kann mir da mal jemand helfen, bitte? (1 Minuspunkt)
 
 
Sagst du ihnen, dass sie ein bestimmtes Problem beheben sollen, weil sie einer Gruppe angehören (z.B. indem du forderst, dass sie bei einer Konferenz vortragen oder indem du darauf bestehst, dass sie einen Blogpost über ein spezielles Thema schreiben)? (10 Punkte pro Vorfall) Verdammt, das sag ich tatsächlich oft zu Frauen: „Das hast Du so schön gesagt, da solltest Du unbedingt einen Vortrag bei einer Konferenz draus machen.“ Ich hatte eigentlich IMMER das Gefühl, dass das toll ankommt.

Seit wann allerdings Konferenzvorträge oder Blogposts Probleme beheben, versteh ich nicht, und auch nicht, was das mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu tun hat. Ich geb mir mal vorsichtshalber hundert Minuspunkte, bevor ich hier noch mehr falsch mache.

Vor dem „oder“ fehlt allerdings ein Komma. Ich glaub, ich werd kleinerdrei mal ein paar Kommata schenken, falls das nicht allzu gönnerhaft rüberkommt. (1000 Minuspunkte)

 
 
Sagst du ihnen, wie sie zu reden oder sich zu verhalten haben? Verdammt, ja, neulich hab ich mal einem Menschen* gesagt, dass sie mich bitte nicht als „Masku-Troll“ und „menschlicher Abschaum“ beschimpfen, dings, sachlich bezeichnen soll. Das war anmaßend von mir. Fünf Minuspunkte.
 
 
Bist du ein “Betroffenheitstroll” (“concern troll”)? Also, „concern troll“ heißt eigentlich eher „Bedenkentroll“, ganz ehrlich. Ich bin ja eigentlich ganz für den Feminismus, aber die Sache mit dem Töten aller Männer macht mir doch ein paar Bedenken, vor allem, weil sie immer wieder aufkommt. Könnte ich zum Beispiel sagen. Das gibt hundert Minuspunkte für die Trollerei und nochmal zweihundert für das Mansplaining. Und hundert drauf, weil ich damit auch noch recht hatte.
 
 
Wirfst du Leuten vor, sie würden überreagieren, seien zu empfindlich sind oder würden Dinge unnötig aufblasen? Aber hallo. Diese dämlichen Väter zum Beispiel, die durch die Gegend jammern, dass sie werweißwie unterdrückt wären, nur weil sie ihre Kinder nicht mehr sehen können und dabei durch die Unterhaltszahlungen auch noch ruiniert werden. Aufgeblasene Privilegienpenisse, die sich nicht für fünf Minuten Gedanken darüber machen, was eine Frau* tagtäglich erleben muss.

Hmm. Keine Minuspunkte. Vielleicht kapier ich das Spiel jetzt langsam… Obwohl ich das mit dem „seien zu empfindlich sind“ eigentlich gar nicht verstehe.

 
 
Benutzt du andere Mitglieder der Gruppe, um dein Verhalten zu rechtfertigen (z.B. „Ich habe schwarze Freunde“, „Ich bin mit einer Frau verheiratet“)? Hmm. Kann sein, dass mir schonmal ein „Ja, ich bin schlecht gelaunt, miesepetrig und mutlos, aber ich bin ja auch mit einer Frau verheiratet“ rausgerutscht ist. Aber das war nur ein blöder Spruch, ich bin ja nichtmal verheiratet.
 
Hundert Minuspunkte für den Spruch, hundert mehr dafür, weil man darüber keine Witze macht, und nochmal hundert für die Weigerung zu heiraten. Fürs Heiraten gäb‘s auch hundert Minuspunkte, bevor sich hier jemand noch zu sicher fühlt.
 
 
Haben Mitglieder der Gruppe dich als schlechten Mitstreiter bezeichnet oder gesagt, dass du gar kein Verbündeter bist? (100 Punkte pro Vorfall) Ähh…nie. Niemals. (Kann nicht sein. Tausend Minuspunkte für die Weigerung, zuzuhören). Eigentlich ist, wenn ich ehrlich bin, nie jemand auf die Idee gekommen, dass ich ein Ally sein könnte…fürchte ich. (Nochmal tausend)
 
 
Hast du erwähnt, dass du ein Verbündeter bist, wenn du auf Fehler oder schädliches Verhalten hingewiesen wurdest? (5 Punkte pro Vorfall) „Hör mal, was macht denn da deine Hand auf meinem Hintern?“ – „Ich bin ein Verbündeter.“ Nee, das wär mir doch zu blöd. (Hundert Minuspunkte für den schlechten Witz.)
 
 
Machst du immer wieder die selben Fehler? (10 Punkte) Fällt das so sehr auf, ehrlich? Zehn Minuspunkte.
 
 
Tust du Dinge, die Mitgliedern der Gruppe mit der du verbündet bist, aktiv schaden? (100 Punkte pro Vorfall) Tust du es sogar mit Absicht? (1000 Punkte pro Vorfall) Ich versuche der ganzen Gruppe aktiv und systematisch zu schaden, tu es aber ganz bestimmt nicht mit Absicht.

Hmm…ich hab das Gefühl, das kam jetzt irgendwie unglücklich rüber, oder? (Dreitausend Minuspunkte)

 
 
Ich habe ehrlich geantwortet und mir eine Menge Gedanken gemacht, das mit der Bewertung müsste also ganz gut gehen. 7998 Minuspunkte habe ich, das sieht auf den ersten Blick natürlich nach ziemlich viel aus, aber das wird täuschen. Also:
„Du bist kein Verbündeter. Du bist ein schrecklicher Mensch. Was zur Hölle stimmt nicht mit dir?“
Hmm…selbst wenn ich einberechne, dass ich nur sehr knapp, um gerade mal 2998 Minuspunkte, eine bessere Bewertung verpasst habe, finde ich das jetzt schon ein bisschen deprimierend.
 
Aber, um ehrlich zu sein, die anderen Resultate sind auch nicht besser: Du bist noch nicht mal ansatzweise ein Verbündeter. – Du bist nicht so weit, ein Mitstreiter zu sein, also hör auf damit, dich einen zu nennen. – Du musst auf jeden Fall schon mal viel Zeit einplanen, um dich weiterzubilden. – Du machst viele Fehler – Du machst einige Fehler und hast immer noch Platz für Verbesserungen – Arbeite (…) fleißig weiter an dir. – Schäm dich.

Das „Schäm dich“ bekommt man für das beste Ergebnis, weil das ganz bestimmt nur durch Schummelei zustande kommen kann. Warum aber gibt es eigentlich überhaupt keine Chance, ein richtig gutes Resultat zu bekommen?

 
Jetzt einmal ganz im Ernst: Das liegt offenkundig daran, dass ein Verbündeter eben niemals die eigenen Interessen vertritt und grundsätzlich die von anderen, mit denen er aber nun einmal definitionsgemäß nicht identisch sein kann. Die unrealisierbare Hoffnung, er könnte irgendwann einmal alles richtig machen, ist wie die Karotte, die dem Esel vorgehalten wird, während er den Wagen zieht.
 
Anders ausgedrückt: Der Ally ist Gegner im Geschlechterkrieg, der bleibend als Feind behandelt wird, sich selbst aber als Verbündeter betragen soll.

Warum nur macht jemand so einen Quatsch mit?

 
Ganz offensichtlich ist die Struktur dieses autoritären Spiels für beide, für Frauen wie für Männer, sehr entlastend. Die beteiligten Frauen betonieren sich die Phantasie ihrer Unterdrückung erdbebensicher ein, dichten sie gegen empirische Einwände ab und können so jegliche Forderung als ewig unzureichenden Ausgleich für erlittene Benachteiligungen imaginieren.
 
Männer entledigen sich ebenfalls der Verantwortung für ihr Verhalten, weil sie verstehen, wie unzureichend sie grundsätzlich sind und wie sehr darauf angewiesen, sich in ihrem Leben der beständigen Leitung anderer zu bedienen. Belohnung für die Unterwürfigkeit in engen Strukturen ist die Entlastung von der Verantwortung gegenüber alle anderen, die außerhalb dieser Strukturen leben – der selbsterniedrigende Disclaimer beispielweise, den ich zu Beginn zitiert habe, stammt aus einem einige Monate alten Text, der damals die Hatz auf ochdomino verteidigte.

Arne Hoffmann schreibt über dieses Quiz: 

„Leute, die so denken, bestimmen die deutsche Geschlechterpolitik.“
Das eben ist das Problem: Wir können kleinerdrei tatsächlich dankbar sein dafür, wie entschlossen dieses Blog die kranke Struktur von Geschlechterdebatten wiedergibt, die sich wider alle Vernunft als „emanzipatorisch“ verstehen. Der Ally-Glaube beruht offenbar auf der Illusion, dass jemand, der bereit ist, eigene Opfer zu bringen, moralisch ganz gewiss und per Definition auf der sicheren Seite steht.

Das, natürlich, ist Quatsch. Wären nicht viele Männer der Überzeugung, dass es wie von Zauberhand immer irgendwie integer und richtig sei, auch verrückt-aggressive Forderungen von Frauen zu bedienen – dann wären die Beziehungen zwischen den Geschlechtern um viele Brutalitäten ärmer.

 
Dazu gehört, und das ist das für mich natürlich einprägsamste Beispiel, das Kindschaftsrecht, das nicht nur sozialdemokratischen Frauen, sondern auch noch ihren verständnisinnigen Männern schon viel zu liberal ist.

Die Verzweiflung und das Unglück, die dabei für die Privilegien weniger in Kauf genommen werden, sind enorm – bei Kindern, bei Männern und auch bei Frauen. Für die jahrelange, gerichtlich festgestellte Verletzung von Grund- und Menschenrechten fühlt sich niemand verantwortlich, auch nicht dafür, ernsthaft an diesen Zuständen etwas zu ändern. Die liebevoll gepflegte Ideologie der Alleinerziehung privilegiert ausgerechnet die Form des Aufwachsens von Kindern, die europaweit mit dem größten Risiko der Kinderarmut verbunden ist.

Im vergangenen Monat wurden zwei Selbstmorde von Vätern aus der Väterrechtsbewegung publik, die durch lange Ausgrenzungen mürbe gemacht worden waren. Ich bin überzeugt davon, dass das keine Einzelfälle sind, dass aber der größte Teil des erfahrenen Elends gar nicht wahrgenommen wird.

Das bedeutet nicht, dass nun Frauen als Allüberall-Unterdrückte gegen Männer ausgetauscht werden sollten. Aber es bedeutet sehr wohl, dass die altmodische Idee von der Unteilbarkeit der Menschenwürde deutlich tragfähiger ist als die seltsame Vorstellung, man müsse nur irgendeine Gruppe als „unterdrückt“ definieren, diese Gruppe sodann bedingungslos, vernunftfern und selbsterniedrigend unterstützen, um sich dadurch dann so etwas wie moralische Reinheit einkaufen zu können.

Die Herrin-Knecht-Strukturen des Ally-Spiels sind verrückt. Ihr krankhaftester Aspekt aber ist, dass dieses Spiel ein Spiel auf Kosten Dritter ist.

 

Wie man Grundrechte schützt, indem man eine Apotheke verwüstet

Anne Wizorek, #Aufschrei-Initiatorin, Grimme-Preis-Gewinnerin und gerade noch proppestolzer Gast bei Manuela Schwesig, war neulich einmal über Verletzungen von Grundrechten erbost.
Also schickte sie geistesgegenwärtig bei Twitter eine Nachricht weiter, die sie gerade zwei Minuten vorher erhalten hatte und die mit deutlicher Sympathie einen Farbanschlag auf eine Apotheke in Neukölln dokumentierte. Mit dem Satz
„Die Apotheke in meiner Straße ist gegen die Pille danach“
verlinkt die Nachricht ein Foto, mit dem kurzen Kommentar
„Mein Kiez antwortet“
ein zweites: eine Apotheke, deren Scheiben und Eingangsbereich über und über mit roter Farbe verschmutzt und zudem mit Plakaten zum „Frauenkampftag“ versehen sind.

Eine kleine Pille und sehr viel Drumherum. In Berlin wurde dafür gerade eine Apotheke verwüstet.

Einem Twitterer, der sich ahnungslos über den Beifall für die „Vandalen“ wundert, rückt Wizorek schnell den Kopf zurecht:

„sorry, aber: als jmd, der vermutlich noch nicht wegen sowas diskriminiert wurde, sag mir bitte nicht, was hier scheiße ist.“
Klappe halten, und zwar schnell. Aber: Was aber war eigentlich geschehen?Der Apotheker der Undine-Apotheke in Berlin-Neukölln  ist ein gläubiger Katholik und hat im Eingangsbereich seiner Apotheke eine Nachricht aufgehängt.  Dort schreibt er, dass

„es beim Einsatz von Kontrazeptiven – trotz der meist beabsichtigten Verhinderung des Eisprungs – in einigen Fällen zu einer Befruchtung mit anschließender Verhinderung der Einnistung in die Gebärmutter kommt.“
Es geht offensichtlich um die sogenannte „Pille danach“, und da er die aus den angeführten Gründen nicht verkauft, sah sich der „Kiez“ – wer immer das hier sein mag – zur Gegenwehr gezwungen.Eine kleine lokale Grausamkeit, die außer für die BZ vielleicht nur für die Beteiligten von Interesse wäre, wenn sich dabei nicht gleich mehrere sehr aufgeladene Themen kreuzen würden.
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Von Monstern und Papageien – Die EU-Studie zur Gewalt gegen Frauen

„Es sind erschreckende Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Frauen in Europa.“ So beginnt Benjamin Knaack bei Spiegel-Online seinen Bericht über die EU-Studie Gewalt gegen Frauen: eine europaweite Erhebung“. Da das möglicherweise noch nicht deutlich genug war, schreibt er im Text weiter, dass die Studie „erschreckende Ergebnisse“ liefere und „einen detaillierten und erschreckenden Einblick in die Gewalterfahrungen von Frauen“ biete.
„Das enorme Ausmaß des Problems verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur wenige Frauen betrifft, sondern sich tagtäglich auf die gesamte Gesellschaft auswirkt“,
zitiert er ohne unnötige journalistische Distanz den Verantwortlichen für die Studie, den Direktor der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) Morten Kjærum, der weiterhin klarstellt:
„Frauen sind nicht sicher auf den Straßen, am Arbeitsplatz und schlussendlich auch nicht zu Hause.“

So illustriert die Tagesschau auf ihrer Webseite öffentlich-rechtlich ihren Bericht zur FRA-Studie. Ein Beispiel von vielen möglichen.
Alexander Roslin allerdings kommentiert solche und ähnliche Texte so:
„Keine kritischen Nachfragen, einfaches affirmatives Abnicken und Weiterverbreiten der Demagogie (…).“
Martin Domig schreibt:
„Ich habe diese und ähnliche Meldungen jetzt oft genug gehört um mich ernsthaft zu fragen was daran gelogen ist, und warum diese Lüge so oft wiederholt wird.“ 
Und auch Wolle Pelz wirkt nicht angemessen erschrocken:
„Studien zur Gewalt gegen Frauen gibt es scheinbar jährlich. Gibt es solche Studien auch wegen männlichen Opfern von Gewalt?“
Was haben die bloß?

Umarmen, schubsen, erschießen Tatsächlich hat die Studie natürlich Schwächen, die so offenkundig sind, dass sie nur mit Mutwillen übersehen werden können.
„Was wieder mal geflissentlich verschwiegen wird ist die Tatsache, dass häusliche Gewalt keineswegs nur von Männern gegen Frauen stattfindet. Dass nur Frauen, aber keine Männer nach Gewalterfahrungen gefragt wurden. Dass eine ungewollte Umarmung gleich schlimm sein soll wie eine brutale Vergewaltigung, und dass durch diesen Kunstgriff die Opferzahl nach oben korrigiert wurde.“
So Martin Domig in seinem Beitrag auf dem Flussfänger-Blog.
Den hier verwendeten erweiterten Gewaltbegriff, der massiv gewalttätige Handlungsweisen und weit weniger problematisches Verhalten beliebig nebeneinanderstellt, hat beispielweise die französische Feministin Elisabeth Badinter  schon vor zehn Jahren als manipulativ und tendenziös kritisiert.
„Darf man eine Vergewaltigung und eine unfreundliche oder verletzende Bemerkung mit derselben Vokabel erfassen?“,
fragt sie in ihrem 2003 erschienenen Buch Die Wiederentdeckung der Gleichheit.
Für die Studie ist das kein Problem. Jede Frau, die an ihr teilnimmt, wird gefragt, ob sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr „geschubst oder gestoßen“ wurde, „gepackt oder an den Haaren gezogen“ oder ob „Sie mit einem Messer verletzt oder auf Sie eingestochen, oder auf Sie geschossen“ wurde. (S. 18) Wenn sie hier  irgendwo mit „Ja“ antwortet, gilt sie als Gewaltopfer. Tom kommentiert:
„Wäre die Studie wirklich ehrlich ausgefüllt worden, bin ich mir sicher, dass 100% der Frauen in Europa Opfer von körperlicher und oder sexueller Gewalt sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand seit dem 15. Lebensjahr ungeschubst durch das Leben kommt. Was soll das?“ 
Allein bei Angaben zur sexuellen Gewalt – insbesondere bei der Feststellung, dass fünf Prozent aller europäischen Frauen nach ihrem 15. Lebensjahr Opfer einer Vergewaltigung werden (21) – verzichtet die Studie auf die Vermischung gravierender und weniger gravierender Erfahrungen.
Anders ist das wieder bei Fragen zu psychischer Gewalt, die offenbar in Deutschland ein besonderes Problem sei: Hat Ihr (Ex-)Partner „Sie der Untreue verdächtigt?“„Sie unter vier Augen herabgesetzt oder gedemütigt (…)?“ – oder aber die Frau eingesperrt, ihr gedroht, Verwandte oder Freunde zu töten, ihr den Kontakt zur Familie genommen? (25)
Oder hat ein Mann die Frau gestalkt, nämlich: „Beleidigende Kommentare zu Ihrer Person im Internet veröffentlicht?“ (demnach wären, nebenbei bemerkt, annähernd sämtliche Jugendlichen beiderlei Geschlechts Stalkingopfer) – „auf Sie gewartet, ohne berechtigten Grund?“„Ihr Eigentum absichtlich sabotiert und zerstört?“ (28)
Wurde die Frau „unerwünscht berührt“ – hat sie „unangemessene Einladungen zu einem Rendezvous“ erhalten – sich durch Kommentare zu ihrem Aussehen oder durch Witze „angegriffen/beleidigt“ gefühlt – oder hat sich jemand vor ihr „unsittlich (…) entblößt“? (30) Dann ist sie Opfer sexueller Belästigung.
Dieser beliebige Gewaltbegriff hat offenkundig vor allem das Ziel, besonders hohe Zahlen zu produzieren, indem – für Männer wie für Frauen – alltägliche Unannehmlichkeiten wie die Verdächtigung der Untreue oder dämliche Kommentare von Kollegen (generisches Maskulinum) mit ernsthaften Gewaltakten und Übergriffen weitgehend gleichrangig gewertet werden.
What about teh menz? – Allein die Frage ist schon Gewalt… Gestolpert bin ich vor allem über die Frage, ob der Partner der Frau als Akt „psychischer Gewalt“ gedroht habe, ihr „die Kinder wegzunehmen“? Von wegen „gedroht“, dachte ich – sie hat es einfach getan. Das ist der zweite massive und offenkundige Fehler der „Studie“ – nach den Erfahrungen von Männern wird überhaupt nicht gefragt. Arne Hoffmann kommentiert:
„Dieser Nonsens schafft es ganz automatisch auf die Titelseiten etlicher Tageszeitungen. Über Jahrzehnte hinweg von anerkannten Fachleuten durchgeführte seriöse Forschungen über beispielsweise häusliche Gewalt gegen Männer schaffen das nicht.“
Eine Liste von über 500 dieser Forschungsstudien ist bei Genderama verlinkt. 
Auch Wolle Pelz schreibt auf seinem Blog darüber, wie viele dieser Erfahrungen er als Mann schon gemacht hat, mit einer ehemaligen Partnerin. Ich selbst hätte auch in jedem der Kapitel eine oder mehrere Fragen mit „Ja“ ankreuzen können – wie Tom wundere ich mich weniger über den hohen Anteil der Gewaltopfer als darüber, dass dieser Anteil angesichts der Breite des Gewaltbegriffs überhaupt bei unter hundert Prozent liegt.
Welchen Sinn aber hat es, nur Frauen und nicht Männer nach Gewalterfahrungen zu befragen? Die Auskunft, dass nun einmal Frauen- und nicht Männererfahrungen das Thema gewesen seien, beantwortet die Frage nicht, sondern verschiebt sie nur – denn warum wurde das Thema so eingegrenzt?
Zwei mögliche Erklärungen gibt es dafür. Entweder wurden die Gewalterfahrungen von Männern für weniger wichtig gehalten als die von Frauen – oder die Verantwortlichen gingen von vornherein und gegen die Belege aus Hunderten anderer Studien davon aus, dass Gewalt weitgehend nur Frauen treffe und dass daher nur Gewalt gegen Frauen untersucht werden müsse.
Mit der ersten Erklärung wäre die Studie der Grundrechtsagentur unethisch, mit der zweiten wissenschaftlich unhaltbar.
Auf jeden Fall kann die Studie natürlich gar nicht das aussagen, was sie auszusagen vorgibt – dass es nämlich europaweit eine spezifisch frauenfeindliche Gewalt gäbe. Diese Aussage hätte überhaupt nur dann getroffen werden können, wenn die Gewalterfahrungen von Frauen und die Gewalterfahrungen von Männern auf seriöse Weise untersucht und dann auf seriöse Weise verglichen worden wären.
 
Papageien im Gleichschritt Weder die offensichtlich unhaltbare Anlage der Studie noch völlig unplausible Teilergebnisse sind in den Medien, die darüber berichten, Anlass für Kritik. Spiegel-Online:
„Die höchsten Gewaltraten gibt es in Dänemark (52 Prozent), Finnland (47 Prozent) und Schweden (46 Prozent).“
Dass ausgerechnet in den skandinavischen Musterländern feministischer Politik die Gewalt von Männern gegen Frauen besonders grassiert, ist keinem der Kommentatoren auch nur eine Nachfrage wert. Könnte es vielleicht sein, dass die beständige Wiederholung des Klischees vom männlichen Gewalttäter und weiblichen Opfer die Wahrnehmung vieler Menschen schließlich prägt? Dass also die der FRA-Studie zugrunde liegenden Klischees selbst erheblich zu den Ergebnissen beitragen, welche die Studie misst?
Diese naheliegende Frage stellen die Verantwortlichen der Studie natürlich nicht, wenn sie die gemessenen Unterschiede zwischen den Ländern zu erklären versuchen. (16) Gravierender womöglich ist, dass auch die berichtenden Medien solche Fragen nicht stellen.
Im Englischen gibt es den Begriff „parroting“ – etwas nachplappern wie ein Papagei. Tatsächlich nicken die Medien hier die Vorgaben aus der politischen Ebene lediglich ab und reichen sie weiter, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, dass ein Mindestmaß an kritischer Distanz eine journalistische Tugend sein könnte.
Das liegt sicher auch daran, dass die Studie gezielt wissenschaftliche Sachauskunft und moralisierenden Appell vermischt. Wenn es doch darum geht, Frauen vor der europaweiten Allgegenwart der Gewalt zu schützen, vor Schlägen, Terror und Vergewaltigung – wer kann es dann wagen, vernünftelnd an den Grundlagen dieser dringlichen Forderung herumzukritteln? Deutlich wird hier besonders ein Kommentar in der Frankfurter Rundschau:
„Die Verharmloser machen sich zu Helfern der Gewalttäter – indem sie die Opfer einschüchtern, entmutigen, zum Schweigen bringen. Härtere Strafen für Gewalttäter… sind das eine. Aber der Täter habhaft werden kann man erst, wenn die Opfer nicht mehr schweigen – und stattdessen die Verharmloser.“
Wie, bitteschön, sollen denn die Kritiker zum Schweigen gebracht werden? Und seit wann genau ist es eine journalistische Tugend, Kritik am Agieren politischen Institutionen zu verhindern?
 
Wie beunruhigend der Gleichschritt ist, mit dem die deutschen Massen- und, nunja, Qualitätsmedien die Ergebnisse der Studie weiter verbreiten, lässt sich sehr gut an den Bildern illustrieren, mit denen die Artikel und Webseiten zur Studie versehen sind. Diese Bilder nämlich sind von bemerkenswerter Ähnlichkeit.
Wieder und wieder wird eine Frau gezeigt, die klein im Bild zu sehen ist, sich in eine Ecke oder auf einen Sessel kauert und sich zu schützen versucht – und vor ihr riesenhaft im Bild die Hand eines Mannes, bedrohlich zur Faust geballt, vielleicht auch erhoben. Dasselbe Arrangement im Spiegel, im Stern, bei der Tagessschau und bei den Heute-Nachrichten  (beim Video Tabuthema: Gewalt gegen Frauen) bis hin zur Neuen Osnabrücker oder zur Mittelbayerischen Zeitung. Auf der Webseite des Senders ffh  ist, immerhin, ausnahmsweise auch einmal der Kopf des bedrohlichen Mannes zu sehen, wenn auch nur von hinten.
In der Wirkung der vereinheitlichten Bilderwelt ist nicht nur der Mann riesig und gewalttätig und die Frau schutzbedürftig – die Bilder zeigen auch allein die Frau als menschliches Wesen, während der Mann auf das reduziert ist, was ihr Gewalt antut: eine bildfüllende Faust, die wohl irgendwo auch an irgendeinem Körper hängt.
Noch etwas anderes ist bemerkenswert an der uniformen medialen Bilderwelt. Wer das Bild sieht, nimmt unwillkürlich die Perspektive des Mannes ein – bei der Wiener Presse ist sogar nur die Frau zu sehen, die sich verzweifelt gegen einen Angreifer zu wehren versucht, dessen Perspektive der Betrachter des Bildes ganz übernimmt.
 
Indem der Betrachter so in die Perspektive des Gewalttäters hineingezwungen wird, haben die Bilder einen enormen Appell-Charakter: Ein Mann müsse unbedingt bereit sein, die Frau vor der männlichen – und das heißt: vor seiner eigenen – Gewalt zu schützen. Auf diese Weise wird die Verantwortung für die Situation ganz auf den großen, aktiven, monströsen Mann geschoben, während die hilflose, passive Frau schlicht einen unbedingten Anspruch auf Beistand hat.
 
Eine Bildlichkeit von erheblicher Demagogie.
 
 
Angesichts der Anlage der Studie, die sich einseitig auf die Gewalterfahrungen der Angehörigen nur einer Gruppe fixiert und die dabei einen willkürlich erweiterten Gewaltbegriff verwendet, könnte beliebig jede gesellschaftliche Gruppe als Opfer der Gewalt einer anderen Gruppe präsentiert werden: auch Weiße als Opfer von Schwarzen, Deutsche als Opfer von Ausländern, Christen als Opfer von Moslems. Der Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit einer solchen Studie allerdings würde vermutlich irgendjemandem in den etablierten Medien irgendwann einmal auffallen – und diese Medien würden sich wohl hüten, entsprechend rassistische Bilder zur Illustration ihrer Berichte zu verwenden.
Der offensichtliche Sexismus der Studie aber bleibt den Verantwortlichen in den Medien ebenso verborgen wie ihr eigener.