Vom donnernden Schweigen aufrechter Männer

Was macht denn eigentlich das Bundesforum Männer so?
 
Als vor wenigen Wochen eine EU-Studie veröffentlicht wurde, die allein Gewalt gegen Frauen zum Thema hatte und so den Eindruck erweckte, Frauen würden allüberall Gewalt erleiden, Männer aber würden allüberall Täter sein –

Als das deutsche Familienministerium den einjährigen Geburtstag seines Gewalttelefons feierte, das Hilfe allein weiblichen Gewaltopfern anbietet und dessen Werbung den Eindruck erweckt, Täter seien durchweg männlich –

Da erinnerte ich mich mit Schaudern an die nun schon fern und irgendwie unwirklich absurd erscheinenden Zeiten, als gegen solche millionenscheren regierungsamtlichen Einseitigkeiten allein ein paar private Blogger anschrieben, während sie von den Mainstream-Medien kritiklos weiter verbreitet wurden.

 
Dass sich das geändert hat, dass diese Zeiten heute wie ein ferner Alptraum erscheinen, liegt insbesondere an dem Bundesforum Männer – dem „Interessenverband für Männer, Jungen und Väter“, der vom Familienministerium finanziert wird.

Eine klare, aber donnernde und unüberhörbare Kritik formulierten die Verantwortlichen des Bundesforums am „sexistischen Umgang mit Gewalt“ seitens der deutschen Regierung und der verantwortlichen EU-Agentur, der „Männern den Anspruch auf Schutz vor Gewalt abspricht und sie zugleich als ewige Täter denunziert“ und der dadurch „dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit erheblich schadet“.

Dankbar angesprochen auf die klaren Worte des Bundesforums stellte sein Vorsitzender klar, dass die Verantwortlichen „weiter nichts als ihren Job“ gemacht hätten – und dass die Mitglieder des Bundesforums „sich schließlich hätten in Grund und Boden schämen müssen, wenn sie hier still geblieben wären“.

 
Zugegeben: Das habe ich jetzt herbeifantasiert. Das Bundesforum hat eher versucht, die Situation durch demonstratives, aber donnerndes Schweigen zu gestalten. Das hätte auch beinahe prima geklappt, wenn es nur irgendjemandem aufgefallen wäre. 
 
Das aber hat mich  zu der Frage geführt: Was macht den eigentlich das Bundesforum Männer so, wenn es nicht gerade damit beschäftigt ist, politisch Verantwortlichen sein drängendes und unüberhörbares Stillschweigen tapfer entgegenzuschleudern?

Also hab ich mir einmal seine Homepage angeschaut und dort zum Beispiel einen Text gefunden, der sich mit einem der grundlegenden Texte der aktuellen Politik aus männerpolitischer Perspektive auseinandersetzt: mit der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung. Geschrieben hat diese Analyse Thomas Gesterkamp, der insbesondere dadurch bekannt wurde, dass er für die taz und die SPD Männerrechtler als rechtsradikal hinstellte und forderte, sie mit einem „cordon sanitaire“ auszugrenzen, als seien sie eine ansteckende schwere Krankheit.

 
Um über Männerrechte zu schreiben, ist er also hochqualifiziert (ungefähr in dem Sinne, in dem ja auch ein Abdecker von Berufs wegen qualifiziert ist, sich kompetent über Tierrechte zu äußern). Was also hat das Bundesforum Männer mit Gesterkamp aus männerpolitscher Perspektive beizusteuern?


Auch Herrscher leiden manchmal…  Auffällig ist Gesterkamps Bemühen, Kritik zu üben, ohne das sich jemand kritisiert fühlen muss.
„Skandalös ist das fast vollständige Fehlen des Themas Männergesundheit.“ (S. 7)
Das ist auch schon der deutlichste Satz seines Textes zum Koalitionsvertrag. Typisch für seinen Stil ist eine Passage gleich zu Beginn, in der er auf die Männerpolitik vergangener Jahre zurückblickt.
„Männer galten pauschal nicht als hilfsbedürftig und damit qua Geschlecht auch nicht als förderungswürdig. Sie schienen in keiner Lebenslage Benachteiligungen zu erfahren oder gar ‚Opfer‘ zu sein.“ (4)
Auch jemand, der hier ein kräftiges „Issjaauchrichtigso“ hinterherschickt, muss sich nicht angegriffen fühlen – Gesterkamp spricht hier ein echtes Problem an, lässt aber offen, ob die Situation eigentlich tatsächlich als problematisch verstanden werden muss. 
„Dass männerpolitische Anliegen eine eigenständige Legitimation haben und kein bloßer Appendix von Frauenförderung sind, ist keineswegs Konsens.“ (5)
Sollte es denn Konsens sein? Eine Frage, auf die man auf gar keinen Fall vorschnell und ohne gründliches Überlegen antworten sollte.
„Das Thema Verletzbarkeit und Gewalt gegen Männer bleibt wie schon im Ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung eine Leerstelle.“ (7)
Womit sehr freundlich ausgedrückt ist, dass dieses Thema dort scheißegal ist. In der Literaturwissenschaft übrigens bezeichnet der Begriff „Leerstelle“ ein zentrales Element eines Textes.

Undsoweiter. Die Leerstelle in Gesterkamps Text selbst wird ganz am Ende gefüllt, wenn er zunächst ausnahmsweise einmal fast deutlich formuliert.

„’Wir wollen die Gleichstellung von Frauen und Männern und die Durchsetzung der Rechte von Mädchen und Frauen zu einer Querschnittsaufgabe deutscher Entwicklungszusammenarbeit machen.‘ Ein ehrbares Ziel, entlarvend formuliert: Besteht die Gleichstellung von Frauen und Männern ausschließlich darin, die Rechte von Mädchen und Frauen durchzusetzen?“ (16)
Da hat er Recht, die Formulierung des Koalitionsvertrags, hier nicht kursiv, ist entlarvend. Doch dann setzt er seinen Text mit folgendem Abschluss fort:
„Aus männerpolitischer Perspektive bestehen an einer solchen direkten Verknüpfung berechtigte Zweifel. Unbestritten ist, dass gerade im weltweiten Maßstab der ‚weiße Mann‘ regiert und Frauen und Mädchen unterdrückt. Dennoch kann es in bestimmten Politikfeldern auch darum gehen, Rechte von Männern durchsetzen.“ (16)
Welcher weiße Mann hier genau gemeint ist, weiß ich nicht, ich bin es jedenfalls nicht. Beruhigend aber ist es zu wissen, wie entschlossen mir das Bundesforum versichert, dass in bestimmten Politikfeldern Rechte von Männern ruhig durchgesetzt werden dürfen – im Unterschied natürlich zu anderen Politikfeldern, in denen diese Rechte nicht so wichtig und auch irgendwie nicht ganz legitim sind.

Der Grund dafür ist klar: Wenn Männer Herrscher sind, dann setzen sie ihre Rechte, und viel mehr als das, ohnehin immer schon durch. Warum sie dann trotzdem noch eine Interessenvertretung brauchen, lässt sich eigentlich nur dadurch erklären, dass unter dem männlichen Unterdrückungssystem eben auch Männer selbst leiden.

So wird denn auch verständlich, warum der Autor jede Kritik an feministisch inspirierter Politik sorgfältig vermeidet. Feministinnen, als Kämpferinnen gegen das „Patriarchat“, sind hier eigentlich Verbündete einer wohlverstandenen Männerpolitik, während Feminismuskritiker ganz gewiss nur die Aufrechterhaltung von Herrschaftsstrukturen im Kopf hätten, unter denen schließlich auch Männer litten.

Das allerdings ist eine arglos demokratieferne Position, für die es bei politischem Handeln nicht um den legitimen Ausgleich verschiedener, ihrerseits jeweils mehr oder weniger legitimer Interessen geht. Stattdessen stehen sich hier notorisch Herrschaftsinteressen und Befreiungshoffnungen gegenüber, und eine sinnvolle stattliche Politik hat nichts anderes zu tun, als sich auf die Seite der Guten zu schlagen, auf die der Befreier.

 
Wie man Interessen von Jungen und Vätern so vertritt, dass die gar nichts davon merken Insbesondere für Jungen und Väter hat diese Haltung im Text absurde Konsequenzen.
„Die Jungenarbeit soll nicht zu Lasten der Mädchenarbeit ausgebaut werden. Das fordert auch niemand außer ein paar Männerrechtlern.“ (14)
Schande über sie. Wer wolle, dass es unseren Töchtern einmal besser geht, müsse dafür sorgen, dass es den Söhnen schlechter geht – ich kenne keinen Männerrechtler, der sich diese alte kinderfeindliche Haltung der Emma zu eigen gemacht und lediglich die Geschlechterzuordnungen vertauscht hätte. Es wäre ja auch sinnvoll, erst einmal zu prüfen, wofür denn eigentlich schon Geld ausgegeben wird – die ausgerechnet als „antisexistisch“ bezeichnete Jungenarbeit mit ihrer kaum verhohlenen Feindseligkeit gegenüber Jungen ist ja beispielweise durchaus verzichtbar.

Gleichwohl können unter Bedingungen begrenzter Ressourcen Mittel für bestimmte Interessen nur dann erhöht werden, wenn Mittel für andere Interessen gekürzt werden. Da Jungen offenkundig tatsächlich weithin in Not geraten und schulische Nachteile erleben, wäre eine entschlossenere Hilfeleistung für sie sehr wohl nötig. Wer wie Gesterkamp die Legitimität dieser Hilfe davon abhängig macht, dass die seit Jahrzehnten großzügig zur Verfügung gestellten Gelder für Mädchen nirgendwo angetastet werden dürfen – der stellt Jungen de facto also Kinder zweiter Klasse dar.

Wenn so etwas schon von der „Interessenvertretung für Männer, Jungen und Väter“ kommt, wie denken dann eigentlich andere Gruppen in der deutschen Politik über Jungen?

Ähnlich wie Jungen können auch Väter das Gefühl haben, dass Gesterkamp sie in den falschen Film mitgenommen hat.

„’Erforderlich sind bessere Rahmenbedingungen, damit (…) Männer engagierte Vaterschaft leben können.‘ (…) Welche ‚Rahmenbedingungen‘ die Koalition zugunsten aktiver Väter verbessern will, bleibt unklar.“ (13)
Da hat Gesterkamp völlig recht – ebenso unklar bleibt er allerdings auch selbst. Er unterstellt der Bundesregierung
„eine abwartende Position, die lediglich reagiert und ausführt, was die obersten Richter zwingend vorschreiben“ (14)
und würde damit ihr Desinteresse an einer Gleichberechtigung der deutschen Väter klar herausstellen – wenn er hier nur über Väter schreiben würde. Tatsächlich aber betrifft die zitierte letzte Passage Schwule und Lesben.

Dass die stillschweigende Koalition einer reaktionären Familienpolitik und einer feministisch inspirierten Politik keineswegs „herrschaftskritisch“ ist, dass sie Interessen verfolgt, die Interessen anderer verletzt und sich dabei um Grund- und Menschrechte nicht weiter schert – das wird ja gerade Vätern beständig deutlich.

 
Wer eine Organisation wie den Alleinerziehendenverband VAMV, dessen Politik auf die weitere Ausgrenzung von Vätern ausgerichtet ist, großzügig mit Steuermitteln unterstützt – der wird sich eben nicht gleichzeitig Gedanken darüber machen, welche „Rahmenbedingungen“ erfüllt sein müssen, welche Veränderungen in deutschen Institutionen noch nötig sind, damit Väter mit Müttern gleichberechtigt sein können.

Darüber kein Wort von Gesterkamp – statt dessen füttert er die Illusion, es gäbe eigentlich gar keine Widersprüche zwischen etablierter Frauenpolitik und recht verstandener Männerpolitik. Er macht sich unbeschwert alte feministische Forderungen zu eigen und erklärt frohgemut, dass ihre Verwirklichung auch für Männer ganz prima wäre.

„Betreuungsgeld und Ehegattensplitting legen Müttern die Hausfrauen- oder Zuverdienerinnenrolle nahe und beschränken damit auch die Möglichkeiten von Vätern, neben ihrer Ernährerolle aktive Väterlichkeit zu leben.“ (8)
Nun ist das Ehegattensplitting tatsächlich auch von männerrechtlicher Seite als „Fehlanreiz“ kritisiert worden – als Anreiz nämlich, den Mann auf der Rolle des finanziellen Familienversorgers festzulegen.
 
Wer allerdings das Splitting abschafft, ohne sich über Rahmenbedingungen gleichberechtigter Partner- und Elternschaft ernsthafte Gedanken gemacht zu haben – der sorgt einfach nur dafür, dass Familien weniger zur Verfügung Geld steht.

Falls alle anderen Bedingungen gleich bleiben, werden es mit hoher Wahrscheinlichkeit die Männer sein, die das mit Mehreinsatz in der Erwerbstätigkeit ausgleichen.  Wenn Gesterkamp jetzt Vätern die geforderte Abschaffung des Ehegattensplitting als Möglichkeit verkauft, „aktive Vaterschaft“ stärker leben zu können, dann ist ihm also bei der beflissenen Übersetzung feministischer in männerrechtliche Forderungen der Sinn für Plausibilität leider etwas abhanden gekommen.

Der Spruch liegt nahe: Wer eine solche Interessenvertretung hat, braucht eigentlich keine Gegner mehr. Immerhin tun sich hier Ressourcen für Jungenarbeit auf, ohne dass Ressourcen für die Mädchenarbeit angegriffen werden müssten: Das Bundesforum bietet offenkundig ein ganz erhebliches Einsparpotenzial. Es würden sich nämlich ganz gewiss viele andere Männer oder vielleicht auch Frauen finden, die für deutlich weniger Geld genau so effektiv schweigen können.

Das bisschen Gewalt ist doch halb so wild….

„Was hat eine Solanas mit uns zu tun? Warum werden wir permanent dazu genötigt uns von ihr zu distanzieren?“
Das fragt genervt die Feministin Onyx auf ihrem Blog – übrigens in den Kommentaren zu einem Artikel, in dem sie deutlich die Gewaltphantasien des mackergohome-Trends kritisiert.  Leszek antwortet:
„Feministinnen werden zu Recht aufgefordert sich von Solanas zu distanzieren, weil Solanas faschistische Hass-Schrift bis heute in radikalfeministischen Kreisen als feministischer Klassiker gilt und bis heute radikale Feministinnen Bezug darauf nehmen.
Maskulisten wurden auch zu Recht aufgefordert, sich vom gelben Forum oder vom Frauenhaus-Blog zu distanzieren – was viele getan haben.“
Ein Beispiel dafür?
„Solanas eiskalte Abhandlung des Ist-Zustandes mündet in den Vorschlag, die Männer auszurotten, um endlich mit dem Aufbau einer menschlichen Gesellschaft beginnen zu können.“
Das schreibt 1997 in der Emma die Regisseurin Mary Harron 1997, die 29 Jahre nach Solanas‘ Schüssen auf Andy Warhol einen Film über sie fertigstellte. Begeistert schildert sie das Buch als „eine Lektüre, die mein Leben veränderte. Kein Buch hatte mich je so angerührt und erschüttert“ und feiert es als „brillante Satire – so als hätte Oscar Wilde beschlossen, Terrorist zu werden.“ 
 
Ein schwedischer Film aus dem Jahre 2010, produziert von einer Theatergruppe, die Solanas‘ SCUM auch für Schulklassen aufführte. „Do your part“ – Leiste auch Du Deinen Beitrag – steht am Ende.
 
Doch auch, wenn sich die Reihe begeisterter Äußerungen über Solanas‘ Massenmordphantasie  noch lange fortsetzen ließe – warum sollten sich alle Menschen, die sich als feministisch bezeichnen, davon distanzieren? Schließlich ist es in zivilen Kontexten eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass wir bei Gesprächspartnern oder -partnerinnen in aller Regel nicht den heimlichen oder offenen Wunsch erwarten müssen, uns umzubringen.

Schisser und Spaßbremsen Und überhaupt, es unterstellt doch niemand ernsthaft, dass wirklich Konzentrationslager für Männer eingerichtet werden sollen – warum also beißen sich manche Leute wieder und wieder so an Solanas fest, oder an der Theologieprofessorin Mary Daly, die ebenso wie die Autorin und Professorin Sally Miller Gearhart die radikale Verringerung des männlichen Anteils an der Weltbevölkerung forderte, oder an der Autorin Pamela O‘Shaughenssy, die mit der gleichen Forderung auftrat,  oder an Twitter Hashtags wie #killallmen, der spaßeshalber zum Töten aller Männer auffordert, oder eben am #mackergohome, wo es lediglich um das Zusammenschlagen von Männern geht?

Wer nimmt denn sowas ernst? Ich hatte in einem Text hier zu solchen Fragen schon Antje Schrupp zitiert, die sich verwundert über
„diese Typen, die Angst haben, von marodierenden Feministinnen verprügelt zu werden“

äußerte, also über Männer, die Mackergohome-Sprüche nicht lustig fanden. Schisser halt.

Dieselbe Schrupp schrieb übrigens auch vor ein paar Jahren zum Tode Mary Dalys einen anerkennenden Artikel und nahm

„Abschied von einer Frau, die den Mut zu einer denkerischen Radikalität hatte, die es heute im Feminismus viel zu selten gibt.“
Warum auch sollten Dalys Euthanasie-Phantasien ihr Gesamtwerk belasten, oder weshalb sollte man der mutigen radikalen Theologin gar die Schrulle nachtragen, Männer nicht zu ihren Veranstaltungen zuzulassen?

Ist doch irgendwie alles nicht so ernst gemeint. Das bisschen Gewalt ist doch halb so wild…(sagt meine Frau)

Nun sind allerdings öffentliche Gewaltphantasien eigentlich nicht nur dann verpönt, wenn ihre sofortige Umsetzung ansteht. Würde ein Prominenter offen räsonnieren, dass alle Türken ins KZ gehören, oder würde ein Professor davon reden, dass der Frauenanteil an der Weltbevölkerung im Interesse der Menschheit auf 10 Prozent reduziert werden sollte, dann würden beide zurecht ernsthafte Schwierigkeiten bekommen – und es würde ihnen wenig helfen, sich darauf zu berufen, dass doch alles nicht so gemeint war.

Was aber – fragt Schrupp sinngemäß – ist eigentlich das Problem solcher Gewaltphantasien und ihres öffentlichen Zelebrierens, wenn sie doch gar nicht in die Realität umgesetzt werden?

 
Eben diese Frage ist in meinen Augen wichtiger als alle Forderungen einer Distanzierung von Solanas und co. Es geht nicht um eine rituelle Absage an Gewalt, die günstigenfalls alle zwei Wochen wiederholt werden sollte, weil ja jemand zwischendurch seine Meinung geändert haben könnte.
 
Es geht darum, dass es im Feminismus und bei seinen Institutionalisierungen, in Parteien wie auf den Universitäten, niemals eine ernsthafte Diskussion darüber gegeben hat, warum dort eigentlich wieder und wieder extreme antimännliche Gewaltphantasien ventiliert werden, ohne dass die Beteiligten allzu viel Anstößiges daran finden. Warum, zum Beispiel, wird ein solches Buch wie SCUM wieder und wieder aufgelegt und immer wieder neu als radikale Provokation entdeckt – und genossen?

 

Menschen zum Wegwerfen Die naheliegende Antwort – wenn denn einmal die Frage gestellt würde – wäre wohl: Weil Frauen so viel Schreckliches von Männern erleben und es subversiv /befreiend /ironisch /entlarvend /den Spiegel vorhaltend (Nichtzutreffendes bitte streichen) ist, die Situation einmal umzudrehen und, bloß verbal natürlich, zurückzuschlagen.

Diese Antwort hätte allerdings den Nachteil, dass sie offenkundig falsch ist. Weder werden Frauen in Konzentrationslagern eingesperrt, noch plant jemand ihre massenhafte Tötung, noch die systematische Reduktion ihres Anteils an der Weltbevölkerung. Hier wird keine Situation bloß umgedreht.

 
Sicherlich gibt es Frauen, die mit dem Gefühl leben, allgemein unterdrückt zu werden – aber es gibt auch Männer, die sich in solcher Weise unterdrückt fühlen, ohne dass sie deshalb wieder und wieder extreme antiweibliche Gewaltphantasien durch die Medien schicken würden. Was im Feminismus einige Professorinnen von sich geben, wird man im Maskulismus nicht einmal von extremen Randfiguren lesen.

Zudem drehen die verbalen antimännlichen Gewaltexzesse ja keineswegs bestehende Zustände um, sondern setzten sie ungebrochen fort. Warren Farrell hat den Begriff des „disposable male“ bekannt gemacht, der mit „verfügbarer Mann“, aber auch mit „Wegwerfmann“ übersetzt werden kann. Sinnbilder dafür sind natürlich Soldaten, deren radikale Verfügbarkeit in den Materialschlachten der Weltkriege als Opfer für Volk und Vaterland, und wahlweise den Führer natürlich, romantisiert wurde.

Im ersten Weltkrieg waren es insbesondere britische Frauen, die Männern, wenn diese nicht hat in den Krieg gezogen waren, zum Zeichen ihrer Schande und Feigheit weiße Federn überreichten.

Männliche Verfügbarkeit wird auch in zivilen Kontexten reproduziert. Farrell beispielweise wendet sich in seinem grundlegenden Werk „The Myth of Male Power“ wieder und wieder gegen den „American Football“ und bezeichnet ihn als „Misshandlung männlicher Kinder“, die nicht weiter unterstützt werden dürfe („to stop subsidizing male child abuse in form of football and calling it education“, Seite 198). Für Farrell ritualisiert und zelebriert Football die Verletzung der körperlichen Integrität von Jungen und verklärt dies als Stärke und Härte.

In Ritus der Beschneidung wird kleinen männlichen Kindern völlig selbstverständlich eine Verletzung zugefügt, die bei erwachsenen Frauen als skandalöse Verstümmelung wahrgenommen würde – der Bundestag hat vor Kurzem die Möglichkeit geschaffen, die Praxis beizubehalten.

 
Obdachlosigkeit trifft zu etwa neunzig Prozent Männer   – die dafür möglicherweise auch noch als faule Versager hingestellt werden, die ihr Schicksal öffentlich und provokant genießen.
 
Werden in Kriegen oder durch Unglücke Menschen getötet, dann heben Berichterstatter es fast rituell hervor, wie viele Frauen und Kinder unter den Opfern seien – als wären Tötungen von Männern weniger gravierend.
 
Regelrecht putzig ist die Position der konservativen Schweizer Nationalrätin Sylvia Flückiger, die sich vehement gegen die freiwillige Prostitution von Frauen ausspricht, aber ebenso vehement für die Wehrpflicht von Männern. Während sie bei Frauen selbst die freiwillige sexuelle Verfügbarkeit als Skandal wahrnimmt, stärkt in ihren Augen die erzwungene Verfügbarkeit des Lebens junger Männer „den Zusammenhalt von uns allen.“ 
 
Der Bundestag hat im vergangenen Jahr, und erst nach deutlichen Urteilen des deutschen Verfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs, das Sorgerecht geändert und die Rechte nichtehelicher Väter leicht hat gestärkt. Dass diese Änderungen über Jahre verschleppt worden waren, dass dabei die Grund- und Menschenrechte Hunderttausender systematisch und durch staatliches Handeln erheblich verletzt wurden – das war keinem einzigen des Verantwortlichen auch nur ein Wort des Bedauerns wert, erst recht keine Entschuldigung.
 
Währenddessen finanziert die Bundesregierung mit vielen Millionen an Steuergeldern ein Hilfetelefon, mit dem Gewaltopfern schnell Hilfe vermittelt werden soll – und das sich ausschließlich an Frauen richtet. 
 
Wie man Männer baut Undsoweiter. Es ist verwunderlich, wieso sich ausgerechnet Menschen, die „Geschlecht“ gern als „soziale Konstruktion“ begreifen, überhaupt nicht dafür interessieren, wie hier und seit jeher schon „Männlichkeit“ konstruiert wird: Männlich sind eben die Menschen, bei denen es nicht so schlimm ist, wenn ihnen Gewalt zugefügt wird.
 
Dieses grundlegende Konstruktionsprinzip von Männlichkeit ist keineswegs prinzipiell feministisch, wenn es auch antihuman und reaktionär ist – wer Männerrechtlern vorhält, sie sollten mit der „Jammerei“ aufhören, dockt an dieses Prinzip ebenso an wie jemand, der von soldatischen Tugenden daherredet und damit Menschen meint, die ihre natürlichen und wichtigen Fluchtimpulse angesichts ihrer bevorstehenden Abschlachtung effektiv unterdrücken.

Während aber das Prinzip des männlichen Opfers in Zeiten von Krieg und Not zumindest eine erkennbare Funktion erfüllte, bleibt von ihm heute nichts als seine Inhumanität zurück. Gerade weil es aber längst dysfunktional geworden ist, sind bewusste Anstrengungen nötig, um es aufrechtzuerhalten. Das rituelle, immer wiederkehrende Zelebrieren öffentlicher und radikaler antimännlicher Gewaltphantasien stabilisiert also zwanghaft ein Konstruktionsmodell von Männlichkeit, das längst obsolet geworden ist.

Solanas‘ Schrift, als ein zentrales und extremes Element dieser rituellen Gewaltfeiern, ist nicht nur eine oberflächliche Spiegelung des Holocaust, sondern bildet die Ideologie des Massenmordes an den europäischen Juden bis ins Detail und begeistert nach.  Dass dieser gezielte Bruch eines ultimativen politischen Tabus auch und gerade „Linken“ als gerechtfertigt erscheint, sobald nur die Position der Juden durch Männer besetzt wird, greift die traditionelle Idee der männlichen Verfügbarkeit auf und erneuert sie auf eine zwanghaft anmutende Weise.

Daher ist der Text also auch dann skandalös und schädlich, wenn niemand ernsthaft glaubt, dass tatsächlich Männer in derselben Position sind wie Juden im Nationalsozialismus. Dass Feministinnen, von wenigen und immer vereinzelt bleibenden Ausnahmen abgesehen, sich niemals mit solcher feministischer Freude an der Gewalt auseinandergesetzt haben, ist ebenso auch dann ein erhebliches Versäumnis, wenn die meisten von ihnen diese Freude nicht teilen.

Ist die Idee, dass Gewalt gegen Männer oder auch Jungen eine lässliche Sünde sei, erst einmal etabliert, dann finden sich auch immer neue Begründungen dafür: Weil Männer gewalttätig seien und Gewalt gegen sie nur Gegengewalt; weil Männer herrschen würden und Gewalt gegen sie ein Akt der Gegenwehr Ohnmächtiger; weil Männer destruktiv agieren würden und eine menschliche Gesellschaft die männliche überwinden müsse; weil Männer groß und mächtig seien und unter Gewalt daher nicht leiden würden; weil Männer seit Jahrtausenden Gewalt ausgeübt hätten und sie nun zum Ausgleich einmal selbst Gewalt erfahren sollten; weil Männer merken sollten, was sie anderen beständig antun, etc.pp.

Zentrale feministische Positionen lassen sich also als Rationalisierungen von Gewalt interpretieren – oder andersherum: Diese Rationalisierungen für Gewalt sind kein Nebenprodukt feministischer Theorie, sondern zentrale Bestandteile  von ihr.

Gleichwohl ist „der Feminismus“ natürlich nicht Wurzel aller Übel, die Männer erleben können. Tatsächlich ist es eher eine allgemeinere Ideologie menschlicher Verfügbarmachung, die hier als Geschlechtertheorie wiederkehrt und legitimiert wird (hier findet sich mehr über Gemeinsamkeiten radikal feministischen und radikal konservativen Denkens).

 
Es ist wohl vor allem diese Idee radikaler Verfügbarkeit, gegen die sich linke und liberale Männerrechtler wehren. Wer das als „frauenverachtend“ abtut, stellt eher eher ein seltsames Bild von Frauen aus, als dass er zu humaneren Verhältnissen beitragen würde.
 
 
 
Literatur:
 
Warren Farrell: The Myth of Male Power, New York 1993

Zum Thema der Gewalt gegen Männer und ihrer Legitimation schreibt Arne Hoffmann ausführlich in seinen neuen Büchern Not am Mann. Sexismus gegen Männer (besonders Kapitel 6-8) bzw. Plädoyer für eine linke Männerpolitik (besonders Kapitel 7-9), beide 2014

Und plötzlich war ich Männerrechtler…

Ich habe das Thema dieser Blogparade, „Warum ich mich mit Männerrechten beschäftige und was ich damit zu erreichen hoffe”, einfach als Aufforderung interpretiert, eine persönliche Geschichte aufzuschreiben. Wie eigentlich kommt ein Junge aus einer durch und durch sozialdemokratischen Familie, ein Student der Sprach-, Geistes- und Sozialwissenschaften, der freiwillig (!) Seminare zu feministischer Literaturwissenschaft belegt, der schon recht früh und vermutlich sogar ohne bleibende Schäden Schriften von Susan Brownmiller, Alice Schwarzer oder Judith Butler liest, später dazu, sich für Männerrechte einzusetzen? Ein Stück in drei Akten. 
Wie, um Gottes Willen, wurde aus diesem unschuldigen Jungen ein MÄNNERRECHTLER?
Erster Akt: Seltsame Begebenheiten auf der Universität  Dass irgendetwas nicht stimmte, war schon früh klar. Da ich in den Geistes- und Sozialwissenschaften studiert habe, erlebte ich natürlich viele feministisch inspirierte Diskussionen zum Verhältnis der Geschlechter, und ich erlebte auch ihre Widersprüche.

Es ist schon verschleiernd, überhaupt von einem „Verhältnis der Geschlechter“ zu reden – wenn es um das Geschlechterverhältnis ging, dann in aller Regel und mit großer Selbstverständlichkeit um eine weibliche Perspektive darauf. Während im Literaturstudium auch abseitige Texte von Frauen selbstverständlich auf den obligatorischen Leselisten standen (kennt jemand z.B. Eva Meyers „Autobiographie der Schrift“?), wäre es undenkbar gewesen, in einem Seminar beispielweise Thesen von Warren Farrell zu diskutieren.

Ich erinnere mich noch gut an die erregte Klage eines der wenigen männlichen Studenten in einem Seminar, in dem es um feministische Perspektiven in der Literaturwissenschaft ging. Er sagte, als Mann habe man in Diskussionen dieses Seminars ohnehin keine Chance. Er hatte Recht, ich erinnere mich aber auch daran, dass ich seine Klage trotzdem falsch fand. Vielleicht, weil sie allzu erwartbar war und zu viele leichte Angriffsflächen bot, weil es nämlich leicht war, sie als selbstmitleidig hinzustellen. Da geht es einem Mann EIN MAL so, wie es sonst IMMER und IN JEDEM SEMINAR Frauen geht – und sofort fängt er an zu jammern.

Ich erinnere mich ansonsten nur daran, dass das Seminar sehr langweilig war, obwohl es einige skurrile Momente hatte. Beispielweise einen Text von Hélène Cixous zu weiblichem und männlichem Schreiben. Sie betonte, dass sie mit „weiblich“ und „männlich“ keineswegs „soziale Objekte“ meinte – nämlich real existierende Männer und Frauen – und hatte konsequenterweise nur ein einziges Beispiel, an dem sie entfaltete, was sie unter weiblichem Schreiben verstand: James Joyces Ulysses.

Eine Reihe von Momenten gab es im Studium und seinem Beiprogramm, die so klischeehaft waren, dass ich das Gefühl hatte, Erzählungen davon würde mir vermutlich niemand so recht glauben. Beispielsweise die brutale Art und Weise, in der eine dezidiert feministische Professorin ohne ganz nachvollziehbaren Grund eine besonders gut aussehende Studentin bei einem Referat abkanzelte. Oder eine Geschichte auf einer Party.

Ein Freund von mir, ich nenne ihn mal Carsten, hatte ein betont selbstbewusstes, oft auch provozierendes Auftreten. Auf der Party hatte sich eine Gruppe von Studentinnen zusammengefunden, die einen großen Teil des Abends damit zubrachten, sich darüber zu erregen, wie schlecht Carsten doch mit Frauen umging. Ein junger Zivi, den es auf diese Party verschlagen hatte, stimmte ein und erregte sich solidarisch mit.

Sobald der Zivi mal nicht dabei war, redeten die Studentinnen ungeheuer herablassend über ihn, wenn sie sich überhaupt zu ihm äußerten – sie nahmen ihn spürbar überhaupt nicht ernst. Mit Carsten aber hatten sie, von einer Ausnahme abgesehen, alle schon geschlafen.

Ich schwöre! Das war so. Aber ich verstehe durchaus die Zweifel … eine Freundin, der ich diese Geschichte erzählte, kommentierte lediglich, sie sei „politisch nicht korrekt“.

Viele einzelne Situationen gab es, die zum hegemonialen Bild der unterdrückten Frau und des dominanten Mannes nicht passten. Haltlose Überzeichnungen beispielweise wie die der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, deren Gedichte ich gern gelesen hatte – die ich aber verrückt fand, wenn sie die Situation von Frauen in Österreich und Deutschland mit der Situation von Juden im Nationalsozialismus verglich.

 
Ich war schon mit dem Studium fertig, als ich die Examensarbeit einer Freundin gegenlas, die über besondere Risikogruppen bei der Jugendarbeitslosigkeit schrieb. Nach all ihren Daten war offensichtlich, dass es insbesondere eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener gibt, die stärker als alle anderen von Arbeitslosigkeit betroffen sind: junge Männer „mit Migrationshintergrund“. Die Freundin aber interpretierte die Daten – ohne neue, andere Daten hinzuzuziehen – so um, dass sie zu dem Ergebnis kam, ganz besonders junge Frauen bräuchten Unterstützung und Hilfsprojekte.

Ihr Freund, der die Arbeit ebenfalls gegengelesen hatte, und ich bemängelten diesen völlig in der Luft hängenden und den eigenen Daten krass widersprechenden Schluss, weil wir annahmen, er würde ihr bei der Bewertung der Arbeit gewiss vorgehalten werden. Sie aber sagte, sie lasse den Schluss so, weil ihre Professorin das so erwarte, und würde den Teufel tun, etwas daran zu ändern. Sie bekam eine gute Note.

Das sind alles einzelne Erfahrungen, und ich könnte noch viele hinzufügen. Nur: Einzelne Erfahrungen sagen wenig aus über den Wert allgemeiner theoretischer Annahmen. Was das Verhältnis zum Feminismus anging, bin ich daher lange Zeit zweigleisig gefahren:

 
Einerseits konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein Bündel von Theorien völlig grundlos und falsch sein könnte, das mir überall begegnete und von dem viele Menschen überzeugt waren, die ich kannte und zu einem guten Teil auch schätzte. Andererseits merkte ich wohl, dass feministische Annahmen über Männer und Frauen, über patriarchale Unterdrückungsmechanismen, über die Allgegenwart von Vergewaltigungsdrohungen etc. mit meinem eigenen Leben und dem der Menschen, die ich kannte, einfach nicht übereinstimmten.

Der Schweizer Pädagoge Jean Piaget trifft eine grobe, aber nützliche Unterscheidung zwischen zwei Prozessen, die er als „Assimilation“ und „Akkomodation“ bezeichnet. Beides sind Reaktionen auf eine Situation, in der gewohnte Interpretationen der Wirklichkeit in den Widerspruch zu neuen Erfahrungen treten.

 
Bei der Assimilation führt dieser Widerspruch nicht zur Änderung der gewohnten Interpretationen – stattdessen werden die widersprechenden Daten so uminterpretiert, dass sie zum gewohnten Bild passen.

Ein gängiger Kunstgriff der Assimilation ist es beispielweise, die Widersprüche als „Einzelfälle“ abzutun, die nichts am Gesamtbild ändern würden.

Ein anderer, der besonders in geschlechterpolitischen Debatten verwendet wird, ist der Hinweis, dass jemandem Situationen nur deshalb als widersprüchlich erscheinen würden, weil ihm wesentliche Informationen nicht zur Verfügung stünden. Ein Mann beispielweise könne sich überhaupt nicht vorstellen, was eine Frau Tag für Tag durchmachen müsse, und daher die Gültigkeit feministischer Thesen überhaupt nicht beurteilen.

Der wichtigste Widerspruch war für mich aber, dass Feministinnen zwar beständig moralisch, mit der Perspektive auf Gerechtigkeit und Menschenrechte argumentierten, dass ihre Darstellung von Männern aber wieder und wieder von einer enormen Feindseligkeit war – das schlimmste Beispiel, Solanas‘ SCUM, hatte ich schon in meiner Schulzeit kennengelernt.

 
Auch diesen Widerspruch assimilierte ich. Ich räumte ein, dass es dieser Feindseligkeit doch wohl nicht um Feindschaft gegen Männer generell, sondern um die Gegnerschaft gegen bestimmte Verhaltensweisen ginge, die möglicherweise überdurchschnittlich häufig Verhaltensweisen von Männern seien. Ein Mann, der sich so nicht verhalte, habe daher vermutlich von dieser Feindseligkeit auch nichts zu befürchten.

Zweiter Akt: Mutterrecht und Staatsgewalt Anders als die Assimilation führen Widersprüche bei der Akkomodation dazu, dass gewohnte Muster der Interpretation geändert werden. Das ist aufwändiger, oft auch schmerzhafter und anstrengender als bloß zu assimilieren, und daher sind es auch oft extreme oder ihrerseits besonders schmerzhafte Erfahrungen, die einer Akkomodation zu Grunde liegen.

Dass ich – nachdem ich mich in meiner Elternzeit und seinen ersten Lebensmonaten jeden Tag sehr intensiv um unseren Sohn gekümmert hatte – von einem Tag auf den anderen unser kleines Kind fast niemals mehr sehen konnte, weil die Mutter das so wollte, hab ich hier ja schon mehrfach erwähnt.

 
Irrwitzig war, unter anderem, wie wenig in der Folgezeit die Frage eine Rolle spielte, was eigentlich gut für unseren Sohn ist – selbstverständlich stand es niemals zur Debatte, darüber zu reden, ob er nicht möglicherweise bei mir besser aufgehoben wäre als bei der Mutter. Es spielte auch keine Rolle, dass sie mir gegenüber gewalttätig geworden war – wäre es umgekehrt gewesen, hätte ich womöglich auch noch die Möglichkeit des Umgangs mit unserem Kind verloren.

Ich hatte gewusst, dass das Kindschaftsrecht ungerecht ist, ich hatte mir aber nicht vorstellen können, dass es so extrem sein würde. Ich hatte es mir deswegen nicht vorstellen können, weil es ja immerhin ein Grundgesetz gibt, das eine rechtliche Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit verbietet.

 
Ich hatte es mir auch nicht vorstellen können, weil der Gesetzgeber das „Kindeswohl“ permanent im Munde führt – ich konnte nicht verstehen, warum es dann im konkreten Fall überhaupt keine Rolle spielt.

Vor allem aber wurde klar, dass Feindschaft gegen Männer keineswegs davon abhängig ist, wie sich diese Männer verhalten. Besonders schwer zu ertragen war nämlich, dass ich nichts tun konnte, um die Situation zu ändern – mein Verhalten war völlig irrelevant. Zumindest, solange ich nicht durchdrehte, jemanden anschrie oder meiner Wut Luft machte – denn das wäre mit Sicherheit gegen mich verwendet worden.

Diese Widersprüche waren zu groß und zu offensichtlich, als dass sie mit Einzelfallerklärungen hätten entschärft werden können:

 
Ein willkürlicher, gewaltsamer Eingriff in mein Leben wie in das unseres Sohnes, der nirgendwo erklärt oder legitimiert werden musste, dem aber das Arsenal staatlicher Unterstützung und staatlicher Strafandrohungen fraglos zur Seite steht.
 
Eine feministische Politik, die angeblich für Gleichberechtigung und für eine Stärkung der Frauen in der Arbeitswelt eintritt, die aber verbissen und ohne alle Rücksicht auf Verluste mütterliche Privilegien und einen mütterlichen Besitzanspruch auf Kinder verteidigt.
 
Das Gerede von einer Männer-, lächerlicherweise gar einer Väterherrschaft („Patriarchat“), das mit der gezielt produzierten Hilflosigkeit von Vätern nicht in Übereinstimmung zu bringen ist – zumal diese Väter sich dann unter Strafandrohung in der zynischen Überspitzung und Pervertierung ihrer traditionellen Funktion auch noch voll dem Erwerbsleben zu unterwerfen haben, um ihre eigene Ausgrenzung zu finanzieren.

Es war eine doppelte massive Enttäuschung: Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass eine Frau, die ich immerhin liebte, sich so verhalten könnte wie meine Ex-Partnerin – und ich hatte mir nicht vorstellen können, dass das staatliche Gemeinwesen, in dem ich lebe, ein solches Verhalten auch noch mit aller Kraft unterstützen würde.

Immerhin war die Feindseligkeit der Gesetzgebung und, zum Teil, ihrer Exekutoren für mich groß genug, um zu merken, dass das Problem größer ist und nicht allein das Kindschaftsrecht betrifft. Was ich erlebte, und was auch unser Kind erlebte, und was wir weiterhin erleben – das erleben wir, weil ich im falschen Geschlecht geboren wurde. Es wäre nicht möglich, wenn ich eine Frau wäre.

 
Es war also klar, dass es nicht allein um die Verletzung der Rechte von Vätern, sondern um die Verletzung der Rechte von Männern geht.


Dritter Akt: Gute Antworten auf unwichtige Fragen? 
 Der dritte Akt ist noch in Arbeit. Welche Ziele die Männerrechtsbewegung hat, lässt sich in einer Übersicht bei MANNdat, in ausführlicher und detailreicher Begründung in Arne Hoffmanns Plädoyer für eine linke Männerpolitik nachlesen. Wichtig sind für mich hier nur einige Schlussfolgerungen aus den ersten beiden Akten.

Ein wesentliches Problem für Männerrechtler ist keineswegs, dass ihre Gedanken absurd erscheinen. Die Kritik an den Künstlichkeiten und Gezwungenheiten einer „geschlechtergerechten Sprache“ ist beispielweise weithin verständlich –  über die Professorinnen von Leipzig schütteln viele die Köpfe. Die Antworten von Männerrechtlern sind durchaus allgemein plausibel – das Problem ist, dass ihre Fragen nicht als relevant erscheinen.

Ich habe auch bei gut informierten, hoch gebildeten regelmäßigen Zeitungslesern oft die Erfahrung gemacht, dass sie schlicht nicht wussten, wie ungerecht das Sorgerecht war (und übrigens auch nach seiner Reform weiterhin ist). Die Gewissheit, trotz kleinerer Pannen in einem stabilen Rechtsstaat zu leben, ließ für diese Information keinen Platz. Auch das ist eine Form der Assimilation – Probleme gedanklich so zu verkleinern, dass die sich aus ihnen ergebenden Widersprüche als irrelevant erscheinen.

Insofern ist das Ziel von Männerrechtlern ein Prozess, den Piaget als „Akkomodation“ bezeichnen würde – eine Änderung gewohnter Geschlechterbilder, etwa des Bildes vom starken, hegemonial herrschenden Mann und der hilfsbedürftigen, tugendhaften Frau.

Dazu gehören

–          eine echte Gleichberechtigung von Männern und Frauen,

–          eine offene Diskussion und Kritik geschlechterspezifischer Feindschaft – auch der enorm feindseligen Darstellung von Männern, selbst in der Regierungspolitik,

–          und, als Kür, Überlegungen dazu, welche Probleme eigentlich verdeckt werden, indem ein unsinniger Geschlechterkampf in den Mittelpunkt von Fragen der sozialen Gerechtigkeit gerückt wird (ein Beispiel für solche Überlegungen ist eine für mich sehr interessante Diskussion, die gerade Crumar, Leszek, Adrian, Nick, Alexander Roslin und andere bei Alles Evolution geführt haben)

Ein Einsatz für Männerrechte hat also in meinen Augen nur dann einen Sinn, wenn er sich nicht auf Männerrechte allein beschränkt – und wenn wir allgemein plausibel machen können, dass es um Interessen vieler und nicht allein um die Interessen einiger verbitterter Väter und hyperaktiver Jungen geht. Deren Probleme nämlich sind leicht als Randprobleme abzutun – auch und gerade dann, wenn zugleich die Interessen weniger Frauen, die über die Frauenquote in Führungspositionen gelangen wollen, im Mittelpunkt der Regierungspolitik stehen.

Was ich mir also vom Einsatz für Männerrechte erhoffe? Ganz einfach: Dass wieder eine Perspektive allgemeiner Rechte etabliert werden kann, die Menschen unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit umfasst.

Weitere Beiträge:

Christian Schmidt – Warum ich mich mit Männerrechten beschäftige und was ich damit zu erreichen hoffe

Graublau – Warum ich mich mit Geschlechterthemen beschäftige und was ich damit zu erreichen hoffe

Man.in.th.middle – Wer dreimal lügt…

Erzaehlmirnix: Motive

Warum Frauen nur Opfer und Männer nur Täter sein können

#mackergohome wo dich deine frau erwartet. mit einem messer.
Gewaltphantasien, die sich bei Twitter unter dem Stichwort „Mackergohome“ sammeln, wirken pubertär im schlechtesten Sinn des Wortes, werden aber – soweit ich das erkennen kann – von erwachsenen Frauen formuliert. Für politisch interessierte Gender-Forscherinnen wäre das eigentlich einmal eine interessante Frage:
Warum eigentlich werden im Internet regelmäßig Plattformen gebastelt, auf denen Frauen und auch Männer in aller Öffentlichkeit und mit großer Begeisterung antimännliche Gewaltphantasien austauschen? Der berühmteste ist der Hashtag killallmen, der ohne störende Zurückhaltung und mit großer Gefolgschaft zur Tötung aller Männer aufruft.
ich seh schon die tränen fließen, seid nur froh, wenn wir nicht schießen!

Haut die macker platt wie Acker!

maskus, mackern und sexisten, entschlossen in die fresse fisten.

wir kochen vor Wut / wir stampfen euch entzwei / zu Mackerhaschee / und auch zu Mackerbrei

Wir geben den Mackern die Straße zurück – Stein für Stein, Stück für Stück!

Macker sind erbärmlich, Misandrie ist herrlich!

bürger von twitter seid nicht faul, gebt den mackern eins aufs maul.

wir stellen das richtig maskus sind nicht wichtig waren es nie misandrie!

ihr seid eh nicht mehr lange da haaahahahaha. MISANDRIE!

Die letzten drei Beispiele zitiert auch die Internet-Feministin Onyx in ihrer deutlichen Kritik  an der kleinen „Mackergohome“-Welle.
Woher nur haben die gewaltverliebten mackergohome-Fans ihr Männerbild? Motiv aus einer millionenschweren Aktion des Familienministeriums

Diese Welle begann mit einem T-Shirt, das eine Frau mit dem Twitter-Namen „tofutastisch“ sich selbst hergestellt und dann stolz auf Twitter präsentiert hatte. „Macker gibt’s in jeder Stadt Bildet Banden macht sie platt reimt sie dort, und zwischen den Zeilen platziert sie das stilisierte Bild eines mit Schlagstöcken bewaffneten Frauen-Mobs.  Der Duden übrigens erläutert „Plattmachen“ als „jemanden umbringen, körperlich erledigen, vernichten“.

Das Bild des T-Shirts wird ein großer Erfolg, die Idee des „Plattmachens“ von „Mackern“ wirkt auf eine Reihe von Frauen inspirierend.
„Ich will übrigens auch so ein tshirt wie das von @Tofutastisch,“

schreibt beispielweise Antje Schrupp, Redakteurin der Zeitschrift „Evangelisches Frankfurt“ und eine der wichtigsten Internet-Feministinnen.

Wie kommt es eigentlich, dass sich hier erwachsene Menschen in aller Öffentlichkeit in Gewaltphantasien suhlen, ohne dass irgendjemandem von ihnen auch nur der Gedanke kommt, dieses Verhalten könne ein wenig seltsam sein? Eine mögliche Antwort findet sich an einem unerwarteten Ort: bei einer millionenschweren Aktion der Bundesregierung.

Mackern in die Fresse fisten und andere Beiträge zum friedlichen  Miteinander Die Begründungen, die mackergohome-Enthusiastinnen für das öffentliche Zelebrieren ihrer Gewaltphantasien liefern, sind klischeehaft und wurden von Christian Schmidt schon eingehend analysiert. Natürlich ist auch der Klassiker aller Gewaltlegitimationen dabei: Unsere Gewalt ist nur Gegengewalt,

„ein ‚Zurückschlagen‘ mit dem Mittel der Ironie bzw. der Umkehrung“.

Und wer sich über ein bisschen ironisches In-die-Fresse-Fisten aufregt, ist nun wirklich selber schuld.

Natürlich seien die Gewaltaufrufe auch keineswegs sexistisch, die vielfach gefeierte „Misandrie“ wende sich doch keineswegs gegen Männer generell:

„Die Rede war explizit nicht von Männern*, sondern eben von Mackern“,
schreibt die gerade schon zitierte Verteidigerin der mackergohome-Welle und definiert gleich zu Beginn ihres Textes, was für sie ein „Macker“ ist:
„Macker/WHMs (weiße heterosexuelle cis-Männer)“.

Es geht also keineswegs gegen alle Männer, sondern lediglich gegen die kleine Gruppe der heterosexuellen, weißen, nicht-transsexuellen Männer, die es aus irgendwelchen Gründen eh‘ nicht besser verdient haben.

Antje Schrupp schließlich macht sich über Männer lustig, die sich durch die Gewaltaufrufe ernsthaft bedroht fühlen:

„diese Typen, die Angst haben, von marodierenden Feministinnen verprügelt zu werden…“ – „ Klingt so, als hätten sie Angst davor, es verdient zu haben?“,
antwortet ihr dann eine Twitter-Gesprächspartnerin auch wie bestellt.

Ich will doch nur spielen…weil ich ein Mädchen bin… Schrupp und andere reaktivieren reaktionäre Geschlechterbilder, in denen Frauen – ganz gleich, was sie tun – harmlos und unschuldig sind und Männer – ganz gleich, was sie tun – gewalttätig und stark.

Und ein Mann, der vor einem Mädchen Angst hat, ist nun einmal lächerlich.

Vor einiger Zeit hat mir eine Freundin Pro-Ana-Seiten im Internet gezeigt – Seiten, auf denen sich Magersüchtige gegenseitig weiter in die Anorexie treiben und ihre schwere Krankheit zu einer Tugend verklären. Was unter Stichwörtern wie killallmen oder mackergohome bei Twitter geschieht, hat eine ähnliche Dynamik, nur ins Politische gewendet: Hier treiben Vertreterinnen und Vertreter eine kranken Politik einander weiter in ihre Störung, nämlich ihre Gewaltfreude hinein und versichern sich gegenseitig, es seien ganz gewiss immer nur die anderen, die nicht mehr alle Tassen im Schrank haben.

Wie aber ist es möglich, dass so etwas nicht auf irgendwelchen obskuren Webseiten, sondern inmitten eines der wichtigsten sozialen Netzwerke, also mitten im Mainstream geschieht?

Männer müssen leider draußen blieben. Ihre Bundesregierung Am 31.März wurde das „Hilfetelefon für Frauen“ ein Jahr alt. Es wurde eingerichtet aufgrund eines Gesetzes, das 2011 noch die Merkel-Regierung aus Union und FDP vorgeschlagen hatte und das von ihrem „Familienministerium“ erarbeitet worden war. Nun stellte die neue Familienministerin Schwesig stolz das Projekt vor, das bis heute etwa 6 Millionen Euro an Steuergeldern gekostet hat.

Die entsprechende Seite des dem Familienministerium unterstellten Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beantwortet fiktive Fragen dazu, ob sich auch Angehörige von weiblichen Gewaltopfern an das Telefon wenden dürfen, oder ob auch Frauen mit Behinderungen Hilfe geboten wird, oder in wie vielen Sprachen gedolmetscht werden kann, oder ob auch „Fachkräfte“ sich an das Hilfetelefon wenden dürfen.

Nur eine ganz naheliegende Frage wird ganz selbstverständlich ausgespart: Warum eigentlich das Hilfetelefon sein Hilfsangebot auf Frauen beschränkt und sich nicht auch an Männer wendet.

Da mittlerweile hundertfach in Studien belegt wurde, dass auch Männer Opfer häuslicher Gewalt sind, und offenbar in ähnlich hohem Maße wie Frauen, ist die Beschränkung des Angebots auf Frauen nicht nachvollziehbar – die Bundesregierung aber nimmt diese willkürliche Beschränkung nicht einmal als erklärungsbedürftig wahr.

Schlimmer noch wird die Situation angesichts der Werbematerialien, die das Bundesamt allen Interessierten zur Verfügung stellt. Auf jedem seiner Plakate sind Frauen zu sehen, Männer kommen jeweils nur indirekt vor: als Gewalttäter, die das Leben der Frauen belasten. Jeweils wird der gezeigten Frau eine Frage in den Mund gelegt, die sie dem Hilfetelefon stellen kann.

Prototypisch ist ein Plakat, das eine Frau mit abgewandtem Gesicht zeigt, aus dem Fenster schauend, auf ihrer der Kamera zugewandten Gesichtshälfte Kratzspuren, vor ihren nackten Füßen Porzellanscherben von einem offenbar gewalttätigen Streit. Sie hat sich gegen einen Schrank gelehnt, sitzt auf dem Boden und ist wohl am Ende ihrer Kräfte.

Die Plakate zeigen wieder und wieder die verzweifelte Ruhe nach einem Gewaltakt, den Moment, in dem der gewaltsame Mann endlich verschwunden ist und die Chance zum Anruf besteht. Wichtiger noch ist eine unterschwellige zweite Botschaft dieses durchgehenden Arrangements: Es kommt ganz auf die Frau an, der Mann ist als Partner, als Mensch, als Teil einer gemeinsamen Interkation, als Wesen mit eigenen Interessen gar nicht vorhanden. Geblieben sind von ihm nur Spuren, in der Wohnung und auf dem Körper der Partnerin: Er ist nichts als eine Bedrohung, die nur eine gute Seite hat – dass sie auch einmal verschwindet.

Und es betrifft ganz offensichtlich alle Frauen: Eine ältere, die offenbar geweint hat, mit Spuren von Schlägen im Gesicht, die sich selbst hilfesuchend an den Händen hält und fragt, ob sie „deshalb“ dreißig Jahre Ehe aufgeben sollte. Wie die meisten der Fragen beantwortet auch diese sich wie von selbst, sie ist ein Appell an die Betrachter, ihr ein hilfreiches „Natürlich!“ zuzurufen.

Eine jüngere Frau mit zerrissener Strumpfhose, weinend auf einer Treppe sitzend, die offenbar auch noch Angst davor hat, dass ihr Peiniger unter einer Anzeige leiden könnte.
Eine Frau mit Down-Syndrom, die sich hinter einer Gardine versteckt und die naiv Darf er das?“ fragt.
Eine junge Frau mit tiefschwarzem langen Haar, die sich das wohl schmerzende Handgelenk hält und sich weinend fragt, ob sie tun muss, „was er sagt“. Offenbar eine türkische oder arabische Migrantin, die praktischerweise der einheimischen deutschen Bevölkerung versichert, wie fortgeschritten sie doch im Vergleich zu patriarchalen Kulturen ist, in denen nur der Mann das sagen habe.
Bewusst also achten die Verantwortlichen darauf, ganz verschiedene Menschen als hilfebedürftig und der Hilfe Wert darzustellen – soweit es eben weibliche Menschen sind. Das vielleicht schlimmste Bild aber ist das oben schon abgebildete einer Mutter, die – obwohl sie selbst schutzlos ist – schützend ihr Kind auf dem Schoß hat und festhält. „Wie kann ich uns schützen?“, fragt sie sich.

Das „uns“ suggeriert wie das Bild eine Einheit von Mutter und Kind, natürlich gegen den Vater. Dass seit Jahrzehnten alle relevanten Forschungen zu Kindesmisshandlungen stabil zu dem Schluss kommen, dass Gewalt gegen Kinder in gleichem Maße von Müttern wie von Vätern oder in höherem Maße von Müttern verübt wird – das spielt hier keine Rolle. Es spielt auch keine Rolle, dass es die Gewalt von Müttern gegen Kinder verharmlost, wenn Hilfe offenkundig ausschließlich bei der Gewalt von Vätern angeboten wird. Das Kind ist hier ohnehin nicht von Interesse – es hat seine Funktion lediglich als Instrument, um die Bedrohlichkeit des Mannes, also wohl des Vaters besonders zu betonen.

Abgerundet werden die Darstellungen durch einen Spot, in dem in einem gut situierten Umfeld ein betont normal wirkender Mann aus nichtigem Anlass – eine Frau verschüttet etwas Kaffee – beim Frühstückstisch massiv gewalttätig wird. Als er gegangen ist, kann sie endlich zum Telefonhörer bleiben. Auch hier ist ein guter Mann nur der Mann, der nicht da ist.

Die passende Übersetzung für „Macker go home“ ist, nebenbei bemerkt, nicht „Macker, geh nach Hause“, sondern „Macker, hau ab!“

Im zum Hilfetelefon gehörigen Radiospot kommen dementsprechend auch gleich ausschließlich Frauen zu Wort.

Vielleicht müssen sich die Verantwortlichen diese Werbewelt einmal mit leicht veränderten Rollen vorstellen, etwa mit Weißen anstatt Frauen und Schwarzen anstatt Männern, um zu verstehen, welch eine Demagogie sie hier produziert haben. Allein schon der sachliche Gehalt ihres Agierens ist unvertretbar.

Entweder erwecken sie den Eindruck, häusliche Gewalt ginge allein von Männern aus und treffe nur Frauen (und, aber nur zur Steigerung der Werbewirkung, ab und zu auch Kinder) – dann verfälschen sie bewusst und erheblich die reale Situation. Oder sie stellen klar, dass allein Frauen, nicht aber Männer Anspruch auf Schutz vor Gewalt hätten – dann agieren sie verfassungswidrig.

Schlimmer noch als der unvertretbare sachliche Gehalt dieser millionenschweren Aktion ist die irre Demagogie ihrer Bildlichkeit. Ein einziges Mal kommt in der Werbung dafür ein Mann ins Bild, als Normalo, der sich blitzschnell in einen rasenden Gewalttäter verwandelt. Im Spot ist dann sein Abgang eine Erleichterung. Ansonsten sind allein Frauen im Bild, als hilflos-bedrohte Opfer der abstrakt, aber bedrohlich und gewalttätig bleibenden Männer.

Männer sind hier als Mitmenschen gar nicht vorhanden. Ebenso wird alles Wissen darum sorgfältig gelöscht, dass gewalttätige Handlungen in Familien in einem Großteil der Fälle aus einer Dynamik entstehen, an der mehrere – Frauen wie Männer – beteiligt sind und in der sie alle auch Opfer werden können.

Dass eine Bundesregierung in einer solchen Form Stimmungsmache gegen einen großen Teil der eigenen Bevölkerung betreibt, ohne erkennbaren Sinn, einen großen Teil der Forschungsergebnisse zum Thema bewusst ausblendend – das hätte ich mir nicht vorstellen können, wenn ich es nicht gesehen hätte.

Ihr seid nicht allein. Solang ihr keine Männer seid. Was aber sagt die heute wesentlich Verantwortliche dazu? Die Ministerin Schwesig lobt selbstredend das Projekt ihres Ministeriums als großen Erfolg und betont, dass es ihr darauf ankäme, Gewalt gegen Frauen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken,

„damit die Opfer wissen: Ihr seid nicht allein“ (bei 1.42 auf dem verlinkten Video)

Warum Männer zugleich wissen sollen, dass sie allein mit Gewalterfahrungen dastehen, erklärt sie nicht – stattdessen greift sie global auf Zahlen zurück, nach denen fast jede vierte Frau in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt werde. Woher sie diese Angaben hat, gibt der entsprechende Spot des Familienministeriums selbstverständlich nicht an: Wie unseriös solche Zahlen gewonnen werden, hat gerade eben erst die EU-Studie zur Gewalt gegen Frauen gezeigt.

Wenn Menschen, die Gewalt erfahren, Hilfe finden können, ist das wichtig und segensreich.  Wenn willkürlich nur der Hälfte der Menschen diese Hilfe angeboten und ebenso willkürlich die andere Hälfte pauschal als Gruppe der Täter präsentiert wird, verwandelt sich das Hilfsangebot in einen Akt unterlassener Hilfeleistung und in Demagogie. Dass Schwesig das Projekt nicht entwickelt, sondern von der letzten Merkel-Regierung geerbt hat, entlastet sie nicht, sondern zeigt nur, dass die in ihrer Verantwortung betriebene Hetze parteiübergreifend gestützt wird.

Zwischen den wildgewordenen sexistischen Gewaltphantasien, die auf Twitter und anderswo immer mal wieder eine Blüte erleben, und einer Kampagne wie der, die das „Hilfetelefon“ begleitet, besteht natürlich kein notwendiger Zusammenhang. Offenkundig aber sind die Parallellen.

In beiden Fällen sind die Akteure ganz auf eine abstrakte Gleichsetzung von Männlichkeit und Gewalt fixiert, und sie sind desinteressiert an der Frage, ob sich diese Gleichsetzung eigentlich empirisch bestätigen lässt.

In beiden Fällen erlaubt es die Fixierung auf die Idee der männlichen Gewalt und der gewalttätigen Männlichkeit, von der eigenen Verantwortung und der eigenen Gewalt abzusehen – im einen Fall von der irren Dezivilisiertheit öffentlich zelebrierter, gruppenbezogener Gewaltphantasien, im anderen Fall von der gewaltsamen Demagogie, für die Millionen von Steuergeldern ausgegeben werden.

Während sich die mackergohome-Akteuerinnen  als „Marginalisierte“ imaginieren, die sich gegen eine erdrückende Übermacht zur Wehr setzen, reisen sie mit ihren Gewaltphantasien tatsächlich ganz im Windschatten offizieller, millionenschwerer Regierungspolitik.

Die Bundesregierung wiederum ist offenkundig überhaupt nicht an der naheliegenden Frage interessiert, ob nicht ein radikal einseitiger, die Geschlechter separierender Ansatz der „Gewaltprävention“ im Leben betroffener Menschen mehr schadet als nützt – zumal er  noch dazu Frauen und Männer säuberlich in Gut und Böse aufteilt und mit klassischen Mitteln der Demagogie verkauft wird.

Die abstrakte Gleichsetzung von Männlichkeit mit Gewalt, oder von Gewalt mit Männlichkeit enthemmt jedenfalls offenkundig beide, sowohl die Gewalt-Propagandistinnen im Internet wie auch die eigentlich auch gegenüber Männern verantwortlichen regierungsamtlichen Akteure: Diese Gleichsetzung erlaubt es den einen, ihre Freude an Gewalt in infantil anmutender Unschuld auszuleben, und den anderen, in infantil-simplen Gut-Böse-Mustern zu agieren.

Hier enden dann aber auch die Parallellen: Denn was bei Twitter nichts weiter als eine ärgerliche Beklopptheit ist, ist im Handeln einer Regierung ein erheblicher Akt der Gewalt.

Von männerfreien Friedhöfen und Telefonen nur für Frauen (Monatsrückblick März 2014)

Da ich mich gefreut habe, die Kommentare von Leszek über linke Männerpolitik als Text veröffentlichen zu können, habe ich den Rückblick auf den Monat März ein paar Tage verschoben. Der Monat lohnt aber, wie ich finde, solch einen Rückblick auch noch etwas später…

Der Monat März endete in einer Reihe von Aprilscherzen, der erste kam einen Tag zu früh. Von einer seltsamen Nachricht auf dem Anrufbeantworter der Familienministerin Schwesig berichtete am 31. März das Blog Wortschrank.

„Mir ist zwar bewusst, dass (mit Ausnahme von Sexualstraftaten) Männer sämtliche Gewaltopfer-Statistiken anführen und das auch in der Statistik des Bundeskriminalamtes ganz klar belegt ist. Das hat mich aber nicht daran gehindert, trotzdem statt für alle Bürgerinnen und Bürger nur für Frauen eine Gewaltopfer-Telefon-Hotline einzurichten und ich verkünde heute mit Stolz den 12.000sten Anruf, den wir in mühevoller Kleinarbeit und 16 verschieden Sprachen an zuständige Frauenhäuser, psychologische Beraterinnen, Seelsorgerinnen und Online-Chats vermittelt haben.“
Tatsächlich hat das exklusive Anti-Gewalt-Telefon 6 Millionen Euro an Steuergeldern gekostet – wofür eigentlich, das habe ich auch bei längere Suche im Internet nicht herausfinden können. Noch seltsamer ist die Beschränkung auf Hilfe für Frauen. Wie würde es wohl einem Minister ergehen, der mehrere Millionen Euro für ein Anti-Gewalt-Telefon nur für Weiße ausgeben würde?

Eine Werbung des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Dazu gehört auch noch ein eindrucksvoller Spot:

 

Der sexistische Blick auf Gewalterfahrungen prägt auch eine Studie, die ausgerechnet von der EU-Kommission für Menschenrechte erstellt wurde: Eine europaweite Studie zur Gewalt gegen Frauen. Als ob es Hunderte von Studien nie gegeben hätte, nach deren Ergebnissen Männer ebenso häufig von häuslicher Gewalt betroffen sind wie Frauen, fixiert sich die Studie programmatisch allein auf weibliche Opfer.

Während sie so die Gruppe derjenigen, deren Gewalterfahrungen untersuchenswert erscheinen, erheblich begrenzt, weitet sie zugleich den Gewaltbegriff willkürlich aus: Geschubstwerden oder das Gefühl, vom Partner nicht angemessen wahrgenommen zu werden, stehen hier beliebig neben Angriffen mit Schusswaffen oder Vergewaltigungen.
Das erwartbare Ergebnis dieses Untersuchungsdesigns: Europas Frauen werden rundweg als Opfer massiver Alltagsgewalt präsentiert, Männer implizit rundweg als Gewalttäter. Das dieses Ergebnis mehr das sexistische Design der Studie als über die Erfahrungen von Frauen und Männern aussagt, spielt für berichtende Medien kaum eine Rolle: Fast durchweg spiegeln sie kritiklos die Ergebnisse der „Studie“ und schlagen Alarm im Namen von Europas allüberall gequälten Frauen.

Männliche Leichen sind hier unerwünscht Die sexistischen Strukturen, die in Europas und Deutschlands Politik mit Millionenbeträgen gefördert werden, tauchen auf anderen Ebenen als Farce wieder auf.

Alles Evolution berichtet am ersten April über den Blogger farthen, der sich als „genderfluid“ wahrnimmt – also als Menschen ohne festgelegte, beständig wechselnde Geschlechtszugehörigkeit. Damit wäre er eine ikonische Figur feministischer Zirkel, wäre er nur eine genderfluide Frau – doch dummerweise wird er nach herkömmlicher, genderpolitisch uninformierter Lesart als Mann eingeordnet.

Das nun führt zu seinem großen Kummer dazu, dass feministische Gesprächspartnerinnen ihn/sie nicht recht ernst nehmen, sondern ihm seine männlichen Privilegien vorhalten und ihn partout nicht recht zu Wort kommen lassen wollen.
‚Dude‘ sagten sie. Nicht einmal, mehrmals. Immer wieder. ‚Als Dude hast du da nichts zu zu sagen‘.“
Das ist eine putzige Logik, die sich empört gegen Diskriminierungen wendet, sich dabei aber zugleich auf die Richtigkeit der Diskriminierungen beruft. Dass jemand nicht ausreden kann, weil er ein Mann ist, ist für farthen völlig in Ordnung – empörend ist für ihn allein die Tatsache, dass er selbst als Mann wahrgenommen wird.
Martin Luther King hätte vermutlich kaum zur Humanisierung seines Landes beigetrage, wenn er nicht gegen Diskriminierungen von schwarzen Amerikanern protestiert hätte, sondern einfach nur empört darüber gewesen wäre, dass er nicht als ethnofluid wahrgenommen wird.
Das aber ist generell eine Tendenz, die sich in der modernen Geschlechterpolitik von öffentlichen Millionenprojekten bis hin zu ihrer farcehaften Spiegelung in den Tiefen des Internets zeigt: Unverkennbar bildet eine feministisch inspirierte Geschlechterpolitik rassistische Strukturen nach.

Nicht einmal Tote sind davor sicher: Gerade erst wurde in Berlin ein Friedhof für lesbische Frauen eröffnet, auf dem Männer nicht begraben werden dürfen – so dass keiner lesbischen Frau das Leben durch die entsetzliche Aussicht vermiest wird, dass ihre Leiche dereinst womöglich in der Nähe einer männlichen Leiche liegen könnte. Die BZ, die darüber berichtete, musste eigens betonen, dass es sich bei der Nachricht nicht um einen Aprilscherz handelt. 

Angesichts solch beflissener Kopien rassistischer Strukturen ist es verwunderlich, dass die bislang letzte feministische Welle nicht nur geschlechterpolitisch, sondern auch vordergründig anti-rassistisch argumentiert. Christian Schmidt beschreibt sie in einer von mehreren Auseinandersetzungen mit feministischen Wellen und dem Paradigma des Radikalfeminismus“ (Leszek) als „intersektionalistisch“ – also als Bewegung, die nicht auf eine bestimmte Form der Diskriminierung, sondern auf unterschiedliche Diskriminierungsformen und ihr Zusammenspiel konzentriert ist.
Legendär ist der Bruch des Bloggerinnenkollektivs der „Mädchenmannschaft“, den die feministische Bloggerin Robin Urban damals, im Januar 2013, als „Selbstdemontage des Feminismus“ beschrieb. Einige Frauen hatten sich im anti-islamistischen Protest mit Schuhcreme Burkas ins Gesicht gemalt hatten, und einige Bloggerinnen der Mädchenmannschaft interpretierten das als eine Reproduktion einer rassistischen Praxis, des „Blackfacing“. Über diesen zugespitzten Rassismus-Vorwurf zerbrach das Bloggerinnen-Kollektiv.
Das Feministinnen  den Rassismus entdeckt haben, ohne jemals an Strukturähnlichkeiten einiger feministischer und rassistischer Positionen einen Gedanken zu verschwenden, hat möglicherweise den einfachen Grund, dass sich auch mit viel gutem Willen und großem Engagement kaum haltbare Belege für die These einer allgemeinen Frauendiskriminierung finden lassen.

Wer gleichwohl die Vorstellung aufrecht erhalten will, dass „WHM“, weiße heterosexuelle Männer, den Rest der Menschheit unterdrückten, muss sich wohl oder übel nach anderen Begründungen umsehen.

Hier instrumentalisieren also weiße Frauen die Erfahrungen schwarzer Frauen und Männer, um ihre gewohnte, liebgewordene und längst mainstream-fähige Anklage gegen weiße Männer nicht überdenken zu müssen – ein Amalgam aus rassistischen und sexistischen Elementen, dessen Herstellerinnen sich seltsamerweise als antisexistisch und antirassistisch verstehen.
Kennzeichen der Distinktion, des – in diesem Fall: moralisch – höheren Rangs werden hier ganz nach alter akademischer Gewohnheit vor allem sprachlich gesetzt: Besonders wichtig ist es natürlich, einen Begriff für Schwarze zu verwenden, der ganz gewiss nicht in absehbarer Zukunft in den allgemeinen Sprachgebrauch einwandern wird. Denn dass sehr bald allüberall von „poc“ (people of color) gesprochen wird, kann zur Erleichterung aller Beteiligten ausgeschlossen werden.
Blogstöckchen und ein Sturm in der Filterbubble Solchen Distinktionen und ihren Signalen, und solchen Abgrenzungen, die selbst den Tod überdauern, standen im vergangenen Monat auf männlicher Seite gleich mehrere Diskussionen gegenüber, in deren Mittelpunkt die offene Kommunikation mit Feministinnen stand.

Ein Beitrag im Wortschrank-Blog, der in einer Entschuldigung bei Robin Urban mündete, hatte eine lange und oft sehr hitzige Diskussion zur Folge. Auch die anschließende Diskussion bei Alles Evolution war engagiert und lang.

Klar wurde dabei immerhin, dass sich die Landschaft männlicher Blogger in den vergangenen Monaten erheblich entwickelt hat und an einer offenen Diskussion mit Feministinnen interessiert ist. In dieser Hinsicht stehen sich Männerrechtler und Feministinnen also durchaus nicht spiegelbildlich gegenüber:
 
Während auf feministischer Seite Rituale der Abgrenzung schärfer werden und immer kleiner Gruppen in immer mehr Richtungen Gräben ausheben, versuchen geschlechterpolitisch interessierte Männer, möglichst umfassende Perspektiven zu finden, in denen viele aufgehoben sind. Leszeks Begriff des „integralen Antisexismus“ ist ein zentrales Beispiel dafür.
Allerdings hatte die Auseinandersetzung um die Wortschrank-Entschuldigung mit ihren wechselnden Koalitionen zeitweilig auch unverkennbar einen Soap-Opera-Charakter – ein Sturm in der Filterbubble. Arne Hoffmann verlegte die Diskussion satirisch in eine Talkshow bei Maybrit Illner.

Offenbar birgt die Ausgrenzung männerrechtlicher Beiträge aus allgemeinen politischen Debatten für männerrechtliche Diskussionen erhebliche Risiken – was eigentlich in die politische Debatte gehörte, wird auf persönlicher Ebene ausgetragen, und Netzfeministinnen werden an Stelle politischer Verantwortlicher adressiert.

Gerade angesichts der inklusiven Überzeugungen vieler Männerrechtler ist ihre Exklusion aus allgemeinen politischen Debatten besonders unverständlich. Klar wurden diese Überzeugungen abermals bei einem Blogstöckchen, das im März herumgereicht wurde und das nach dem Verhältnis zum Feminismus fragte. Geworfen hatte es Kai,  es antworteten Tom, Christian Schmidt, Arne Hoffmann, Adrian, Graublau, LoMi, Hans G, Elmar Diederichs  und der L for Liberty-Blog. Hier bei man tau gab es auch eine Antwort, und schließlich schrieb auch Kai selbst etwas zu seinen Fragen. 
Fast alle Kommentatoren konnten bestimmte feministische Forderungen nachvollziehen und signalisierten Gesprächsbereitschaft – nunja, zumindest die Bereitschaft, einmal mit Feministinnen gemeinsam ein Bier zu trinken. Insgesamt wirkt das Verhältnis gegenüber Feministinnen deutlich entspannter als auf der anderen Seite deren Verhältnis zu Männern und Männerrechtlern – die alte feministische Forderung nach einer Tötung aller Männer erlebte im März auf Twitter, wieder einmal, eine Renaissance.
Bier, Böll und Bollerwagen Das wäre nicht einmal weiter tragisch, wenn solche Feindbilder nicht auch die allgemeine politische Diskussion prägten. Sichtbar wird das besonders an der Reaktion auf Beiträge, die eine solche Feindschaft abbauen könnten. Die Zeit veröffentlichte zum Frauentag einen Artikel Miriam Laus, der den gegenwärtigen Feminismus klar kritisierte:
„Die europäische Frauenbewegung ist dabei, zu einer Art Staatsfeminismus zu werden, einer Nelke in Aspik.“
Erbost antwortete darauf beispielweise Regina Frey, die für die Heinrich-Böll-Stiftung Staatsgelder für ihre Verteidigung der Gender-Forschung gegen ihre Kritiker ausgegeben hat. Sie führt in ihrer Lau-Kritik diese Schrift als Beleg ihrer Position an, vergisst aber im Eifer des Gefechts zu erwähnen, dass sie diese Schrift selbst herausgegeben hat.
 
Auch der Zeit-Kolumnist Harald Martenstein kommt bei ihr selbstverständlich schlecht weg, und selbstverständlich kann sie unterschiedliche Artikel der Zeit nicht als einzelne Texte wahrnehmen, sondern entdeckt in ihnen entschlossen eine böse Tendenz:
„Das sind keine Einzelfälle, sondern es spiegelt inzwischen eine redaktionelle Grundlinie wieder. Das Fass ist nun übergelaufen.“
Das klingt, als ob die Böll-Stiftung gemeinsam mit Freys Genderbüro der Zeit ob ihrer unbotmäßigen Texte bald eine Standpauke halten würde.
„Interessant, wie Mainstream-Medien im Moment immer antifeministischer werden,“

bemerkt ganz in diesem Sinne Heide Oestreich für einen Text des Gunda Werner Instituts in der Heinrich-Böll-Stiftung.  Dass sich eine parteipolitische „Stiftung“, die Steuergelder für parteipolitsche Öffentlichkeitsarbeit verwendet, als kritischer Wachhund und Kontrolleur der Presse präsentiert, dreht das herkömmliche Verhältnis zwischen Kontrolleuren und Kontrollierten in der Politik mit entwaffnender Selbstverständlichkeit um.

Gerade die Absurdität der Situation kann Hoffnung darauf wecken, dass sie nicht mehr ewig andauern wird. Auf der einen Seite gräbt sich eine Politik ein, die auf eine politische und rechtliche Segregation der Geschlechter setzt, die dabei in aller Unschuld rassistische Strukturen nachäfft, die konsequent bis hin zum Alltagsterror auch Gewalt als Mittel zum Zweck versteht und der dabei wieder und wieder öffentliche Foren und öffentliche Gelder angeboten werden.
 
Auf der anderen Seite bilden sich Positionen, die auf eine Integration verschiedener Perspektiven bauen, die von einem fast rührenden Glauben an die Kraft der offenen Debatte beseelt sind und die dafür aus öffentlichen Debatten ausgegrenzt und mit öffentlichen Geldern bekämpft werden.
Elisabeth Raether antwortet auf Miriam Lau in der Zeit mit einer Gegenfrage:
„Was will denn der Mann? Will er reden oder machen? Will er Geld oder Glück? Will er Treue oder Abenteuer? Will er Liebe oder Macht? Am 29. Mai ist der sogenannte Herrentag. Ein schöner Anlass, statt Bier zu trinken und den Bollerwagen durch die Gegend zu ziehen, ein paar Antworten zu geben.“
So sind’s halt, die Männer – saufen und ziehen durch die Gegend, anstatt mal ein paar klare Worte zu Geld und Glück, Treue und Liebe und Macht zu kommunizieren.
Davon, dass Männer zu eben diesen Themen nun schon seit Ewigkeiten schreiben und reden, und seit Jahrzehnten auch mit männerrechtlicher Perspektive, merken aber offenbar Menschen nichts, die ganz in intensive Selbstgespräche versunken sind.  

Über den Sinn linker Männerpolitik


– Eine Erwiderung von Leszek –

 
Auf meinen Text Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht) zu  Arne Hoffmanns Buch Plädoyer für eine linke Männerpolitik hat Leszek einen ausführlichen, detaillierten, mehrteiligen Kommentar geschrieben, der in vielerlei Hinsicht eine Erwiderung auf meinen Text ist. Eine Auseinandersetzung damit hat im Kommentarstrang schon begonnen. Es dient ihr aber sicher, wenn Leszeks sehr engagierter Text, der ein eigenes Plädoyer für eine linke Männerpolitik ist, auch einen eigenen Platz bekommt.
 
Die eingefügten Zwischenüberschriften stammen von mir, ich habe mich dabei nah an den Text Leszeks gehalten. Lucas Schoppe
 
 
Hallo Schoppe, ich habe den Eindruck, in diesem Artikel ist einiges an Ärger und Enttäuschung über die zeitgenössische politische Linke und ihre Ignoranz gegenüber männlichen Benachteiligungen und sozialen Problemlagen eingeflossen.

Die Idee, den Spieß einfach mal gedanklich umzudrehen und darüber zu reflektieren, wie eine Öffnung der zeitgenössischen Linken gegenüber der Männerrechtsbewegung für die Linke selbst potentiell hilfreich sein könnte, um sich zu erneuern, zu tatsächlich klassisch linken Werten und Idealen zurückzufinden und wieder eine ernsthafte linke Politik von Relevanz zu entwickeln ist sicherlich interessant und kreativ, bei einigen Schlussfolgerungen deines Artikels bin ich jedoch – wie bei diesem Thema nicht anders zu erwarten – anderer Meinung.
 

„Arne geht an mehreren Stellen ausdrücklich auf die Situation ein, dass Offenheit für geschlechterpolitische Positionen von Männern, für die Auseinandersetzung mit spezifischen Benachteiligungen von Männern deutlich eher bei Konservativen als bei „Linken“ zu finden ist. Das hat in seinem Buch nie den Charakter einer Wahlempfehlung für Union oder FDP, sondern eher den einer etwas ungläubigen Frage an die „Linken“: Das wäre eigentlich euer Job – warum interessiert er euch nicht?“
Arnes sehr gutes Buch „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ ist in Bezug auf die angesprochene Thematik m.E. in seinen Reflektionen hierzu deutlich ausgewogener.
 

Versäumnisse der Linken und der Bürgerlichen
 
Einerseits wird an vielen Stellen ausführlich darauf eingegangen, dass und warum männerrechtliche Anliegen mit linken Werten, Prinzipien und Themen gut vereinbar sind, und es wird herausgestellt, warum es eigentlich eine selbstverständliche Aufgabe linker Politik sein sollte, männerrechtliche Anliegen aufzugreifen.
 
Andererseits werden die Versäumnisse der Linken in dieser Hinsicht analysiert und kritisiert und in diesem Kontext wird auch darauf hingewiesen, dass in den seltenen Fällen, wo es in der Politik überhaupt zu Anstößen zu einer Berücksichtigung von männlichen Problemlagen kam, diese vom bürgerlichen Lager ausgingen, obwohl es doch eigentlich gerade Aufgabe der Linken sein müsste, sich dieser Problemfelder anzunehmen.

Das heißt nun aber nicht, dass in „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ nicht auch Versäumnisse des bürgerlichen Lagers hinsichtlich der Berücksichtigung männlicher Diskriminierungen und sozialer Problemlagen herausgestellt und kritisiert werden. Hierzu ein paar Beispiele.

– Auf S. 108 f. beim Thema „Zwangsdienste“ heißt es z.B.:

„So wirbt die frauenpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Dorothee Bär, für die Einführung einer „neuen Dienstpflicht für junge Männer“ im zivilen Bereich, wofür sie von der Jungen Union Unterstützung erhält: „Die junge Union tritt dafür ein, die Wehrpflicht zu bewahren, und sie zu einer allgemeinen, sicherheitspolitisch begründeten Dienstpflicht für junge Männer weiterzuentwickeln.“  
Währenddessen plädiert der bayrische Innenminister Joachim Herrmann dafür, junge Männer und Reservisten bis zu zwei Wochen pro Jahr zu Übungen im Bereich des Katastrophenschutzes heranzuziehen. Frauen bleiben bei solchen Gedankengängen wie selbstverständlich außen vor.“
– Auf S. 19 heißt es beim Thema „Diskriminierung von Männern mit Behinderungen“:
„Im Jahre 2009 erklärten alle Bundestagsfraktionen Einigkeit darüber, dass behinderte Frauen und Mädchen besser vor Gewalt geschützt werden müssen. Die Unionsfraktion forderte die Bundesregierung dazu auf, eine Studie über das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen sowie einen Zwischenbericht dazu vorzulegen, außerdem ausführliches Informationsmaterial für die Prävention. Frauen und Mädchen mit Behinderung müssten zudem barrierefreie Zugänge zu Anlaufstellen für psychosoziale Beratung erhalten. Keiner Bundestagsfraktion schien der Gedanke zu kommen, dass auch behinderte Jungen und Männer ein Recht auf Schutz vor Gewalt haben könnten. Hier zeigt sich anhand von Männern mit Behinderungen mithin wieder die Intersektionalität von Diskriminierung.“
– Auf S. 184 heißt es beim Thema „Sexuelle Gewalt in Gefängnissen“:
„Was die Situation in Deutschland angeht, zeigte eine 2012 veröffentlichte Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, dass die Wahrscheinlichkeit, im Jugendvollzug innerhalb eines Monats vergewaltigt zu werden bei sieben Prozent liegt. „Das ist eine Horrorquote. Wir haben ja nicht nach einem Jahr gefragt“, erklärte dazu Christian Pfeiffer, Leiter des Forschungsinstituts. Niedersachsens Justizminister Bernd Busemann (CDU) allerdings erklärte, er könne derlei Zahlen „gut akzeptieren“. Ein Knast sei nun einmal „keine Mädchenpension“.“
– Im Kapitel 3 „Geschlechterrollen – Männer emanzipieren sich“ wird u.a. aufgezeigt wie traditionelle konservative Rollenbilder zu männlichen Benachteiligungen und sozialen Problemlagen und deren Weiterbestehen beitragen. Hier nur zwei Zitate von S. 76, aber das Thema wird in dem Kapitel sehr ausführlich behandelt:
„Tatsächlich stellt das althergebrachte Männerbild eine gigantische Belastung dabei dar, sich für Männerrechte und gegen Männerdiskriminierung einsetzen, denn eben dieser Anachronismus verlangt es von Männern, stark zu sein wie eine Eiche, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Jungen weinen nicht und Indianer kennen keinen Schmerz. Es wird im Verlauf dieses Buches noch zu zeigen sein, wie geschickt gerade auch viele Feministinnen diese überholten Rollenerwartungen immer wieder zu instrumentalisieren versuchen, um Männer, die über Opfererfahrungen sprechen, als „Jammerlappen“ und „Plärrer“ abzuwerten.“ (…)  
„Einer der entscheidenden Pferdefüße der althergebrachten Männerrolle liegt darin, wie sehr sie dazu führte, dass nicht nur das Leiden, sondern auch das Leben von Männern gering geschätzt wird.“
– Erst Recht dürfte bezüglich der Formen männlicher Diskriminierung, die in Kapitel 10 und 11 behandelt werden, in denen es um Benachteiligungen und soziale Problemlagen von schwulen Männern sowie männlichen Zuwanderern geht, fraglich sein, inwieweit eine konservative politische Gesinnung hier hilfreich für Lösungsansätze ist.

„Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ beschränkt sich, wie die genannten Beispiele zeigen, also keineswegs darauf, die Versäumnisse hinsichtlich einer aufgeklärten Männerpolitik nur im linken Lager zu kritisieren, auch auf die Versäumnisse des konservativen Lagers wird mehrfach eingegangen.

 
 
Kritik der traditionellen Geschlechterrolle und Kritik des Radikalfeminismus
„Warum eigentlich sollten sich Männerrechtler angesichts dieser entschlossenen Ablehnung ausgerechnet als „links“ bezeichnen?“
Dafür kann es einige gute Gründe geben. Z.B. könnte es sein, dass sich manche Männerrechtler nun einmal politisch links verorten und ihr männerrechtliches Engagement vor dem Hintergrund klassisch linker Werte, Prinzipien und Theorien verstehen, oder es könnte sein, dass manche linke Männerrechtler sich von konservativen Männerrechtlern und insbesondere von den von dir sogenannten Brachial-Maskulisten, die ja oft dem konservativen Lager entstammen, abgrenzen wollen, um nicht mit diesen in einen Topf geschmissen zu werden.
„Das Eintreten für die Rechte von Männern und Jungen setzt linke Positionen, wie immer sie auch verstanden werden, zudem überhaupt nicht voraus. Dafür genügt es, liberale Positionen zu vertreten oder sich an basalen Grundrechten, Menschenrechten und Fairnessprinzipien zu orientieren. Männerrechtler brauchen Linke nicht.“
Man kann das Eintreten für Männerrechte sicherlich auch von einem humanistisch-liberalen und einem humanistisch-konservativen Standpunkt aus theoretisch fundieren, aber m.E. ist dies von einem linken politischen Standpunkt sehr viel umfassender, kohärenter und überzeugender möglich.

Bereits Warren Farrells Buch „Mythos Männermacht“, auf das die Männerrechtsbewegung ideengeschichtlich wesentlich zurückgeht, ist ja von den linken und liberalen politischen Grundsätzen US-amerikanischer Bürgerrechtsbewegungen geprägt.

Ich denke, dass Farrells „Mythos Männermacht“ in vielerlei Hinsicht in der Tradition der 68er-Bewegung und ihrer Nachfolger steht und einen Versuch darstellt, deren ursprüngliche emanzipatorische Ideale vor der Korruption durch den radikalen Feminismus (bzw. durch das, was ich als das „Paradigma des Radikalfeminismus“ bezeichne) zu bewahren und auf die Problemlagen von Jungen und Männer anzuwenden.

Das zeigt sich bei Farrell ja u.a. auch darin, dass bereits bei ihm die Kritik an den Nachteilen starrer traditioneller Geschlechterrollen für Männer (aber auch für Frauen) ein wichtiges Thema darstellt. Gleichzeitig praktiziert er eine Kritik an autoritären und sexistischen Strömungen und Positionen im Feminismus, vor dem Hintergrund der ursprünglichen Werte von Freiheit und Gleichberechtigung, die sich im Rahmen der US-amerikanischen Bürgerbewegungen der 60er und 70er Jahre entwickelt hatten.

Arne Hoffmanns Bücher stehen m.E. ebenfalls von Anfang in dieser Traditionslinie und „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ verdeutlicht dies noch mal explizit.

Wie ich manchmal ironisch mit Bezug auf die bescheuerten Verschwörungstheorien der politischen Rechten zu sagen pflege: Der linke Maskulismus ist „kulturmarxistisch“ und geschlechtersozialistisch. Und das von Anfang an.

Diese theoretische Verortung in einem Wertesystem und einer Weltsicht, die von linken Ideen geprägt sind, bietet m.E. ein gutes Fundament sowohl für die Kritik der Nachteile der traditionellen Geschlechterrolle für Männer als auch für eine Kritik am „Paradigma des Radikalfeminismus“ und dessen Einfluss auf die akademischen und medialen Diskurse und die Politik als auch für die Kritik an andere Aspekte, die zu männlichen Benachteiligungen beitragen wie z.B. die kapitalistische Klassengesellschaft und deren neoliberaler Umbau.

Im Rahmen einer links-maskulistischen Orientierung können auch Diskriminierungen und soziale Problemlagen von schwulen Männern und Männern mit Migrationshintergrund leichter einbezogen werden, es können Intersektionalitäten und Gemeinsamkeiten zu anderen sozialen Bewegungen herausgearbeitet werden, z.B. hinsichtlich der Kritik an Zwangsdiensten und einseitiger Wehrpflicht zu antimilitaristischen Bewegungen oder hinsichtlich der Benachteiligung von Männern mit Behinderung zu Interessengruppen von Menschen mit Behinderung.

Für eine multikausale und intersektionale Analyse und Kritik der Ursachen und Bedingungskontexte männlicher Diskriminierungen und sozialer Problemlagen ist eine linke politische Orientierung m.E. diejenige, die die umfassendsten Möglichkeiten und besten Vorraussetzungen bietet. Ich glaube nicht, dass sich das Thema „Männerrechte“ von einem rein liberalen oder gar einem konservativen Standpunkt aus, potentiell so umfassend wissenschaftlich und theoretisch bearbeiten und fundieren lässt.

 
 
Für einen integralen Antisexismus
 
Ein weiterer Aspekt, bei dem dein Artikel m.E. zu kurz greift, ist die etwas zu starke Fixierung auf politische Parteien.

Damit es wahrscheinlicher wird, dass politische Parteien männerrechtliche Anliegen aufgreifen, ist es m.E. wichtig und notwendig, dass diese in den zeitgenössischen akademischen und medialen Diskursen zunehmend bekannt werden und zur Anerkennung gelangen. Erst dann ist m.E. realistischerweise zu erwarten, dass politische Parteien berechtigte männerrechtliche Anliegen zunehmend aufgreifen.

Insofern sehe ich persönlich es auch als Aufgabe seriöser und humanistischer Männerrechtler der verschiedenen politischen Lager, ihre jeweilige Perspektive auf männliche Benachteiligungen und soziale Problemlagen an den Mainstream in den Medien und den Sozialwissenschaften anschlussfähig zu machen.

 
Und dass bedeutet für linke Männerrechtler, dass es zu ihren Aufgaben gehört, die linke Sichtweise auf männliche Benachteiligungen und soziale Problemlagen für Journalisten und Sozialwissenschaftler mit linker politischer Orientierung nachvollziehbar zu machen. (Seriöse und humanistische liberale und konservative Männerrechtler sollten dies für ihren jeweiligen liberalen und konservativen Mainstream natürlich ebenfalls tun.)

In dem Zusammenhang scheint es mir wichtig festzustellen, dass m.E. erst seitdem der linke Maskulismus sich explizit als eigenständiger Flügel der Männerrechtsbewegung konstituiert hat, die ideologische Hegemonie der Konservativen innerhalb der Männerbewegung mit all ihren Fragwürdigkeiten spürbar durchbrochen wurde. Seitdem hat sich ein deutlich erkennbarer gemäßigter Flügel der Männerrechtsbewegung herausgebildet (zu dem freilich nicht nur Linke gehören.)

Zuvor hatte der radikale Teil des konservativen Lagers quasi in einer Art eigenwilligen Kooperation mit den radikalfeministischen Gegnern der Männerrechtsbewegung so ziemlich alles gegen die Wand gefahren, was sich gegen die Wand fahren ließ, und die Mixtur aus Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Rassismus und antilinken, antisemitischen und homophoben Verschwörungstheorien am rechten Rand der Männerbewegung drohte das Vorhaben, berechtigte männerrechtliche Anliegen in den Mainstream zu bringen, erheblich zu erschweren.

Erst seitdem der linke Flügel der Männerrechtsbewegung klar erkennbar als Gegengewicht zu radikalmaskulistischen und antihumanistischen Tendenzen in Erscheinung getreten ist und eigene Ideen und Theorien zum Ausdruck gebracht hat, kam es in Folge zu einer deutlichen Stärkung der gemäßigten Kräfte, konnten die „Brachial- Maskulisten“ weitgehend isoliert werden und hat sich eine gut vernetzte, gemäßigte linke und liberale maskulistische Blogger-Szene herausgebildet.

Und in etwa zeitgleich zu dieser Entwicklung ist m.E. wahrnehmbar, dass männerrechtliche und feminismuskritische Themen zunehmend häufiger in den Medien in Erscheinung treten, zwar meist noch ohne direkte positive Bezugnahme auf die Männerrechtsbewegung, aber es zeigt sich doch, dass Interessierte diese Themen die letzten Monate häufiger aufgegriffen haben.

Eine gemäßigte und humanistische Männerrechtsbewegung erleichtert es potentiell interessierten Journalisten und Sozialwissenschaftlern natürlich männerrechtliche und feminismuskritische Themen aufzugreifen. Mit durchgeknallten rechten Radikal-Maskulisten möchte hingegen niemand in Verbindung gebracht werden – verständlicherweise.

Eine Stärkung des konservativen Flügels der Männerbewegung und eine Schwächung des linken Flügels brächte meines Erachtens die reale Gefahr mit sich, die aktuelle positive Entwicklung wieder umzukehren.

Selbstverständlich behaupte ich nicht, dass es eine Garantie dafür gebe, dass es mit Hilfe linker Männerrechtler gelingt, männerrechtliche Anliegen erfolgreich in den Mainstream zu bringen, aber, ich denke, es gibt eine Garantie dafür, dass dies mit rechten Radikalmaskulisten nicht gelingen wird.

Bekanntlich sehe ich es auch als Aufgabe linker Männerrechtler an, die durchgeknallten antilinken, homophoben und antisemitischen Verschwörungstheorien, die in Teilen des konservativen/rechten Lagers der Männerbewegung kursieren, kritisch zu analysieren und ihren Einfluss soweit wie möglich zurückzudrängen. Meiner Vermutung nach WOLLEN so manche aus dem konservativen Lager eigentlich keinen Erfolg haben, es stecken ganz andere psychodynamische Motive bei ihnen dahinter.

Die Propagierung der lächerlichen und dummen Anti-„Kulturmarxismus“-Verschwörungstheorie scheint mir z.B. unbewusst vor allem drei Funktionen zu haben:

1. dadurch wird es Gegnern der Männerrechtsbewegung erleichtert, diese mit antisemitischen Verschwörungstheorien und den Anschlägen von Breivik in Verbindung zu bringen. Männerrechtliche Anliegen in den Mainstream zu bringen wird dadurch erschwert.

2. es wird suggeriert, dass aufgrund einer linken Verschwörung (und nicht etwa aufgrund mangelnder Kenntnisse über männliche Probleme) ein größerer Teil des Mainstreams der Medien und Sozialwissenschaften einseitig feministisch orientiert sei. Durch diese Behauptung soll offenbar errreicht werden, dass Männerrechtler entmotiviert werden auch nur zu versuchen ihre Anliegen in den Mainstream zu bringen.

3. werden durch die ganzen absurden Behauptungen, die mit solchen Verschwörungstheorien einhergehen, falsche Analysen über Möglichkeiten und Hindernisse hinsichtlich des Ziels männerrechtliche Anliegen zur Anerkennung zu verhelfen, vermittelt – und damit auch (diskurs-)strategische Fehler begünstigt.

Alle drei Aspekte laufen auf das Gleiche hinaus: Konservative/rechte Verschwörungstheorien erschweren es, dass berechtigte männerrechtliche Anliegen Eingang in den Mainstream finden. Und ich denke, das ist auch die unbewusste Funktion, die hinter dem Propagieren solcher Ideologien steht.

In der Regel besitzen, wenn überhaupt, nur Leute mit linker Weltsicht genügend Wissen bezüglich linker Strömungen und Theorien, um solche Verschwörungstheorien kritisch zu analysieren, sie zu widerlegen und diskursiv zurückzuschlagen.

Des Weiteren sollte mitbedacht werden, dass es vermutlich in jeder, der zahlreichen zeitgenössischen miteinander konkurrierenden linken Strömungen Individuen gibt, die potentiell für männerrechtliche Anliegen offen sind, wenn man sie auf eine Art und Weise vermittelt, die für Linke nachvollziehbar ist.

Auch hier kann es natürlich keine Garantien geben, aber falls sich in jeder linken Strömung mit der Zeit auch nur ein oder zwei Personen finden würden, die sich darum bemühen, die Legitimität männerrechtlicher Anliegen in ihren jeweiligen linken Kontexten aufzuzeigen und zu begründen, dann bestünde die Möglichkeit, die gegenwärtige Ignoranz gegenüber männlichen Benachteiligungen und sozialen Problemlagen innerhalb der Linken Schritt für Schritt zunehmend abzubauen, so dass sich die Linke idealerweise auf das zubewegen würde, was ich als „integraler Antisexismus“ bezeichne – eine geschlechtsübergreifende Perspektive auf geschlechtsbezogene Probleme, die alle Geschlechter (Frauen, Männer, Intersexuelle Transsexuelle, Transgender) und ihre Probleme und berechtigten Anliegen theoretisch, wissenschaftlich und politisch berücksichtigt.

Es gibt also m.E. einige gute Gründe dafür, einen starken linken Flügel der Männerrechtsbewegung zu befürworten.

Ich halte den Titel deines Artikels „Warum Linke die Männerrechtler brauchen (aber Männerrechtler die Linken nicht)“ aus diesen Gründen auch nicht für so besonders gelungen. Insbesondere besteht bei einem solchen Titel leider auch das Risiko unbeabsichtigt die antilinken Affekte konservativer/rechter Dummschwätzer anzusprechen, die einen solchen Titel und den Artikel dann als Bestätigung für ihre Auffassungen interpretieren, dass es keine linken Männerrechtler geben sollte.

Soweit erstmal.

Beste Grüße

Leszek
 
 
Reaktionen: Auf den ausführlichen und detailliert argumentierenden Text Leszeks gab es sofort eine Reihe von Reaktionen. Ich dokumentiere hier einige längere, habe mich dabei aber auf Kommentare beschränkt, die nicht anonym abgegeben wurden.
 
Erst einmal besten Dank für diese fundierte Argumentation.

Mir ist nicht klar, ob die Verwendung des Etiketts „links“ nicht mehr Verwirrung stiftet als zu nützen. Im alltäglichen Sprachgebrauch ist der Begriff nach meiner Beobachtung her inhaltsarm, weil alle Parteien mehr oder minder sozial eingestellt sind. Im politischen Wertedreieck sehe ich mich viel näher bei der liberalen Ecke als bei der sozialistischen. Unklar bleibt, welche speziell linken Prinzipien für welches männerrechtliche Thema relevant sind.

Über die Etikettierungsthematik hinaus stellt sich die Frage, ob man die Geschlechterthematik überhaupt von den politischen Ideologien trennen kann und ob man wegen der unterschiedlichen Wertepräferenzen uneinig wird.

Das Konfliktpotential kann man sehr leicht an einer sehr aktuellen Frage festmachen: Frauenquoten und gesetzliche Angleichung der Gehälter in frauen- bzw. männerdominierten Berufen.

Wenn man (ich z.B.) geschlechtsspezische statistische Unterschiede bei den Talenten und Interessen von Frauen und Männern annimmt, sind männlich oder weiblich dominierte Berufe (Lehrer vs. Ingenieure) normal, daher auch damit zusammenhängende Stereotype, ggf. Einkommensunterschiede (vor Einkommensteuer und der Progression) usw.

 
Solange allen alle Optionen offenstehen und keinem ernsthafte Hindernisse in den Weg gelegt werden und keiner verhungert, ist die Welt für mich in Ordnung. Ich glaube, daß die Leute so glücklicher werden, weil sie das tun dürfen, was sie wollen (auch wenn sie dann weniger verdienen). Ein egalitärer Linker sieht das vermutlich anders, für den ist Gleichstellung wichtiger als das absolute Niveau des Lebensstandards. Damit hätte man ggf. schon einen Dissens in einer zentralen politischen Frage (Quoten).

Vielleicht bin ich zu pessimistisch. Die Aufgabe, eine maskulistische soziale Theorie zu entwickeln, die für alle wichtigen politischen Ideologien (ohne Radikale und Fanatiker darin natürlich) akzeptabel ist und aus der man auch gemeinsame politische Ziele und Forderungen ableiten kann scheint mir noch ungelöst und eine ziemliche Herausforderung. Es wäre aber schon ein Erfolg, wenn man ein i.w. gleiches Theoriegebäude hätte, auch wenn unterschiedliche Konsequenzen daraus gezogen werden.

 
LoMi

So, nun habe ich Deinen Beitrag endlich ganz gelesen und ich finde ihn sehr gut! Ich teile nicht alles, aber die Bandbreite der Betrachtung gefällt mir.

Was die Kulturmarxismus-Menschen angeht: Ich verstehe diese Simplifizierung einfach nicht. Vermutlich hast Du Recht, dass es eher eine psychodynamische Angelegenheit ist. Zumindest ist diese Art Verschwörungstheorie weit entfernt von einer sachlichen Kritik und sie operiert fortwährend mit Freund-Feind-Bildern und das vor allem durch Rhetorik und nicht Reflektion. Es kommen ja meist metaphorische und stark wertgeladene Begriffe zum Einsatz und weniger echte logische Konstruktionen. Zudem wird dogmatisch, aber kenntnisfrei gegen alle Sozialwissenschaft gewettert. Das ist besonders nervig. Erst wird ein Popanz aufgebaut: Alle Sozialwissenschaft ist generell ideologisch und links (welch ein Irrtum, man denke an Parsons und Luhmann). Dann wird dieser Popanz bekämpft. Don Quichote wäre begeistert…

 
crumar

@LoMi @Leszek

1. Es handelt sich m.E. um den US-Import des Vokabulars der US-amerikanischen Rechten, die inzwischen zum offenen Irrationalismus übergegangen ist. 

 „Cultural marxism“ demnach der baldige Ruin der „westlichen Zivilisation“, (gemeint ist natürlich die USA) und es herrsche dort bereits „socialism“.

Übersetzt ins Deutsche erkennt man das in inflationären und abenteuerlichen Vorwürfen, dieses oder jenes sei bereits „sozialistisch“ – die Frauen-Quote z.B. als Instrument.

Das hat mit der Bedeutung von „sozialistisch“ selbstverständlich nichts zu tun, wird jedoch propagandistisch ausgeschlachtet, als sei jede Beschränkung unternehmerischer „Freiheit“ bereits die Vorstufe zur Abschaffung des Kapitalismus.

In diesem Kontext macht die Propaganda m.E. derzeit Sinn (bspw. im Rahmen der politischen Re-Regulierung der Finanzmärkte).

2. Noch einmal zu Breivik / Antisemitismus: die besondere Ironie seines Manifestes ist nicht, dass er bei Broder abgeschrieben hat, sondern dass sich Broder auf einer neurechten Argumentationslinie liegt, die global durchgesetzt worden ist.

Breivik hat sich eines Gedankengutes zur Rechtfertigung seiner Taten bloß bedient.

Von den Rechten wurde und wird die Gefahr des Islam und also der Muslime besonders beschworen und diese Instrumentalisierung von Phobien ist für zwei Gruppen nützlich a. denen es um die Sicherung von Rohstoffen geht und b. denjenigen, die Kritik an der Politik der israelischen Gesellschaft unterbinden wollen.

Es ist nicht weiter erstaunlich, wenn man nun die beiden Sündenböcke miteinander verbindet, also

1. Islam/Muslime
2. Kultur-Marxismus

eigentlich nur den Ersatz für das gute alte (/sarcasm off)

1. jüdisch-
2. bolschewistisch

im neuen Gewand vorzufinden. 

Diese Bestrebungen setzen also an Verschwörungstheorien an, die schon einmal da waren und gerade Linke sollten wissen, wohin sie geführt haben.

Gruß, crumar

Kai

Linke Parteien lehnen keine Männerpolitik ab, sondern haben sie nur noch nicht entdeckt 😉

Die linke Politik ist zum einen immer noch traumatisiert von Schröders Agenda. Linke Politik war aber immer eine Politik der „Massen“. Für den kleinen Mann, immer auch für Feminismus. Kleiner Mann ist immer weniger geworden und wird immer weniger, und „kleine Männer“ wählen heute oftmals die Linke. So ist als feste Hausmacht noch Feminismus geblieben. Der Ruck in die Mitte, der von Schröder angestrebt wurde, hat nicht funktioniert. Nun will man keine Experimente. Doch wenn der Druck aus der Wählerbasis erst groß genug ist, wird sich etwas ändern. Gleiches grillt auch für konservative Parteien.

Aber auch bei den Konservativen ist nicht viel Spielraum, wenn ich deren Ablehnung zum gemeinsamen Sorgerecht sehe, wo sie lieber Männern ein Recht verweigern, weil die Frau ja vergewaltigt worden sein kann. Aber vergewaltigte Männer zu reinen Unterhaltszahlern abstempeln, die keine Rechte über das Kind erhalten, nicht einmal ein Auskunftsrecht in der Schule, sehe ich da auch schwarz, und nicht nur politisch.

Die Teilung war hingegen nötig, weil ich z. B. nicht mit Menschen zusammenarbeite, die noch an einen Familienvorstand glauben, die von Frühverschwulung reden und die in meinen Augen gar keine Politik, sondern nur Polemik machen, um ihre Wunden zu lecken. Und nicht nur ich, auch viele andere gemäßigte sehen das so. Wir wollen vorankommen und nicht immer Grabenkämpfe austragen.

Ob wir nun links, gemäßigt, liberal oder sonst was sind, ist erst einmal egal. Ich kann mit einem Männerrechtler, der in der CDU ist, traditionelle Werte hat, aber nicht dogmatisch ist, besser zusammenarbeiten wie mit Gabriel, Steinmeier, Nahlens oder den absoluten Rechtsauslegern, die sich Männerrechtler nennen, aber keine sind.

Das, was wir heute als rechts und links verorten, ist bezogen auf Männer zwar vorhanden, aber gerade um die Probleme anzusprechen, eher unerheblich. Ich gebe Lucas sogar Recht, wenn er bemerkt, dass gerade Konservative eher für unsere Probleme offen sind. So gibt es in vielen Bundesländern mit CDU/FDP Regierung ein Programm zur Jungenförderung in der Schule, aber in SPD/Grün geführten Ländern immer nur den Hinweis, das dieses Problem ja nur Migrantenjungen betrifft, die dann komischerweise nicht gefördert werden müssen. Aber, wie bei Sorgerecht zu sehen, oder in der Beschneidung, auch das rechte Lager lehnt hier vieles dogmatisch ab.

Es geht nicht um Teilung, es geht hier einfach um eine Richtung, in die wir uns bewegen wollen. Da hat die traditionelle Familie mit erwerbstätigem Vater und Mutter als Hausfrau nicht mehr viel zu suchen, auch wenn ich das Modell nicht ablehne, aber nicht als allumfassend ansehe, sondern als eines von vielen. Andere Möglichkeiten als Linker aber eben auch entwickelt sehen möchte, wie mehr Kindergärten, Teilzeit etc. etc. etc.

Gruss
Kai