Geschlechterkampf

Der Geschlechterkampf als Selbstgespräch – Bäuerleins und Knüplings „Tussikratie“

Frau und Mann im Streit
geschrieben von: Lucas Schoppe
In Theresa Bäuerleins und Friederike Knüplings Buch Tussikratie schreibt Knüpling einen Brief, den sie mit der Anrede „Liebe Männer“ beginnt. Arne Hoffmann hat diesen Brief kritisiert und zugleich das Buch insgesamt hoch gelobt, auch Ole Wintermann hat das Buch sehr positiv besprochen, Christian Schmidt über ein Interview der Autorinnen einen Essay verfasst – aber niemand ist auf die Idee gekommen, Friederike Knüpling einfach mal zu antworten.
Das, natürlich, ist sehr unhöflich. Da ich hingegen, wie ja allgemein bekannt ist, ein sehr höflicher Mensch bin, habe ich einen Antwortbrief verfasst, der Einfachheit halber als offene Antwort auf einen offenen Brief. Hier ist er:

Sehr geehrte Frau Knüpling,

eigentlich hatte ich es mir ja abgewöhnen wollen, offene Briefe zu schreiben – schon allein, weil ich das Gefühl habe, mich mit einem offenen Brief immer sehr hart an der Peinlichkeitsschwelle zu bewegen. Da Sie aber für Ihr Buch Tussikratie, das Sie gemeinsam mit Theresa Bäuerlein verfasst haben, einen Brief mit der nun einmal ziemlich allgemeinen Anrede „Liebe Männer“ geschrieben haben und da ich mich damit selbstverständlich einfach angesprochen gefühlt habe, dachte ich, es sei zumindest höflich, Ihnen auch zu antworten.

„Die meisten Männer, die ich kenne, sind zwar durchaus bereit – und das übrigens ziemlich unabhängig von ihrem Geburtsjahrgang – , über Geschlechterverhältnisse zu sprechen. Aber die begriffliche Gruppe Männer betrachten sie in diesen Unterhaltungen meistens ausschließlich als Profiteure im Geschlechtergefüge.“ (S. 226)
Das schreiben Sie schon ziemlich zu Beginn Ihres Briefes und erzählen dann bald darauf von Ihrem Verdacht,
„dass der Fleiß, ein guter Feminist zu sein, für viele von Euch vor allem eine Methode sein dürfte, die Sprachlosigkeit über die eigene Situation zu verbergen.“ (226)
Nun ist männliche Sprachlosigkeit in Gesprächen über Geschlechterverhältnisse selbst schon ziemlich lange ein festes Thema solcher Gespräche, auch bei Männern: Ein Buch von Warren Farrell heißt beispielsweise Women Can’t Hear What Men Don’t Say.
Schon Arne Hoffmann allerdings war dann irritiert, wie Sie über diejenigen Männer schreiben, die dann doch den Mund aufmachen: Es befremde ihn,
„wie herablassend Knüpling über die Männerrechtler bzw. Maskulisten schreibt, ‚von denen manchmal im Sommerloch etwas in der Zeitung zu lesen ist‘.“
geschlechterkampf

 

Alles ein Geschlechterkampf – oder wie? Quelle

 

Es lohnt sich hier, einen größeren Absatz aus Ihrem Brief an die „lieben Männer“ zu zitieren, in dem Sie gleichwohl in dritter Person über „die Männerrechtler“ reden, als gehörten sie irgendwie zu einer ganz anderen, ganz seltsamen Spezies und als könnten sie in die Gruppe der angesprochenen Männer gewiss nicht einsortiert werden.
„Sie haben eine Übervorteilung von Frauen in der Bildung, bei der Gesundheit und im Familienrecht identifiziert. Manche von ihnen nennen sich Maskulisten oder Antifeministen. Sie scannen die Rechtsprechung und die Medien mit dem Rechenschieber der Geschlechter, und die Blogs, die sie über Väterrechte und Jungen schreiben, kommen merkwürdig fremd-vertraut her, wie ein Dialekt aus vergangenen Zeiten.“ (228)
Tja, wie man’s macht, macht man’s falsch. Auch wenn es natürlich ein paar lobenswerte Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel Ralf Bönt, dessen „Männerpanoptikum“ (233) sie viel Platz widmen.
„Denn für sich genommen, schreibt er, gilt ein Mann als wertlos; man erwartet von ihm, dass er von sich selbst absieht, für andere arbeitet, sich heroisch aufopfert.“ (232)
Das sind übrigens, wenn hier bei Ihnen auch zugespitzt, zentrale Thesen dieser „Maskulisten“ mit ihren Scannern und Rechenschiebern.

Das aber ist auch der Grund, warum ich diesen Brief schreibe: Ich wollte angesichts Ihres Briefs wissen, warum so viele Männer stumm wirken – und was Sie eigentlich (von ein paar willkürlich wirkenden Ausnahmen abgesehen) so gegen die Männer haben, die nicht stumm sind.

Warum Geschlechterfragen wirklich nicht so wichtig sind Denn insgesamt gefallen mir viele Passagen Ihres Buches sehr gut. Diese zum Beispiel:

„Eigentlich sind wir nicht sicher, ob es in der neueren Geschlechterdebatte wirklich um Geschlechter geht – oder nicht doch vor allem um ein paar Frauen.“ (11)
Sie schreiben zwar, das Geschlechterfragen „zu den spannendsten Fragen, die wir kennen“ (10), gehörten. Aber eben auch:
„Die Perspektive der Frauenbenachteiligung wird an alles und jeden angelegt, selbst wo das eigentlich nicht gerechtfertigt ist oder andere Fragen wichtiger wären.“ (12)

Das bezeichnen sie als „nicht mehr geschlechtersensibel oder geschlechtsbewusst“, sondern als „geschlechtsbesessen“. (12)

Sie schreiben auch darüber, dass in Geschlechterdebatten

„eine Diskussion kaum mehr möglich ist, weil von vornherein feststeht, dass nur ganz bestimmte Beiträge erlaubt sind, und scheinbar auch, wer bestimmt, was erlaubt ist.“ (11)
Später schreiben Sie über „Big Sister“, die „nur sauber abgezählte Meinungen“ (293) zulasse.

Ich könnte natürlich noch lange mit dem Zitieren von Lieblingstextstellen fortfahren, bremse mich aber lieber mal, weil Sie den Text ja ohnehin kennen.

Ich gestehe aber: Für mich gehören Geschlechterfragen eigentlich nicht zu den spannendsten Fragen, die ich kenne – und ich bin mir sicher, dass das vielen Männern ähnlich geht. Dass es bei diesem Interesse oder seinem Fehlen offenkundig Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, lässt sich jedoch in meinen Augen leicht erklären.

Bei basalen und unverzichtbaren pragmatischen Überlegungen zum eigenen Lebensunterhalt hilft Männern aller Schichten und fast aller Altersstufen der Rückgriff auf ihre Geschlechtszugehörigkeit traditionell wenig. Wichtiger ist der Beruf, sind spezifische Fähigkeiten, die sie auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich konkurrieren lassen. Geschlechterfragen haben für Männer in dieser Hinsicht einfach wenig Sinn.

Bei Frauen ist das anders, oder zumindest: bei einigen Frauen. Für bürgerliche Frauen waren basale Fragen des Überlebens deutlich stärker als für Ihre Männer direkt mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit verknüpft, mit ihrer Fähigkeit, eine Funktion als Ehefrau und Mutter auszufüllen. Spezifische berufliche Fähigkeiten, die sie von anderen Frauen grundsätzlich unterschieden hätten, spielten dabei traditionell kaum eine Rolle, oder sie störten sogar.

So lässt sich vielleicht erklären, warum die so sehr im traditionellen Geschlechterdenken wurzelnde Geschlechtsbesessenheit feministischer Positionen seit eh und je nicht nur für Männer unverständlich ist, sondern auch für viele Frauen – für die nämlich, die sich nicht in bildungsbürgerlichen Kontexten bewegen.

Aus dieser Perspektive ist für mich  der neuere Feminismus auch gar keine progressive Bewegung. Dass

„durch die Frauenbewegung und andere Ereignisse eine gesellschaftliche Situation entstanden ist, die (…) die Chance auf eine Neudefinition bedeutet“ (230),

habe ich ganz anders erlebt – als ein Trennungsvater, der sieht, wie konsequent wesentliche Blockaden gegen die Gleichberechtigung von Müttern und Vätern eben durch frauenbewegte Frauen und konservative Familienpolitiker errichtet werden.

Für mich ist der neuere Feminismus eher eine Bündelung diffuser reaktionärer Impulse unter einem notwendig unbestimmtem Oberbegriff – eine Maschinerie, deren wesentlicher Zweck darin besteht, die klassische Versorgungsposition bürgerlicher Frauen auch unter solchen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen aufrechtzuerhalten, unter denen sie längst dysfunktional geworden ist.

Zentraler Bestandteil dieser Maschine ist wohl die Rede vom „Patriarchat“, die eben deshalb durch widersprechende Fakten nicht korrigierbar ist, weil sie eine so wichtige Funktion erfüllt. Da Frauen seit Tausenden von Jahren durch Männer unterdrückt worden und auch heute noch unterprivilegiert wären, stünde ihnen ein Ausgleich zu – eine Schuld, die angesichts der allgegenwärtigen Unterdrückung natürlich niemals ganz abgegolten sei.

Sie und Theresa Bäuerlein jedoch schreiben:

„Wir müssten uns darüber klar werden, wann es wirklich sinnvoll ist, über Geschlecht zu sprechen – und ansonsten den Blick frei geben für eine breitere Diskussion über soziale Verhältnisse.“ (17)

Und etwas später:

„Um (…) mehr über Verteilungsfragen zu lernen – also über die Verteilung von Gütern und Freiheiten etwa zwischen Arm und Reich oder zwischen Beschäftigten und Unternehmern – , müssten wir unsere Gedanken von der fixen Idee lösen, es ginge immer und überall um die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern.“ (30)
Das ist eine Interpretation, die unter den  „Männerrechtlern“ schon lange zum Gemeingut geworden ist: Dass die Inszenierung eines Geschlechterkampfes an Stelle des ohnehin nicht mehr ganz glaubwürdigen Klassenkampfes dem Zweck diene, soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu verdecken.
Warum es nichts nützt, zum Geschlechterkrieg einfach nicht hinzugehen Sie beenden  Ihr Buch mit einem gemeinsamen Brief an die „lieben Frauen“ und schreiben:
„Letztlich können die fein säuberliche Trennung zwischen Männern und Frauen und der Grabenkampf der Geschlechter, der sich daraus zumindest gedanklich ergibt, uns weder Gerechtigkeit noch Glück bringen.“ (296)
Und etwas später, fast als Schlusswort des gesamten Textes:
„Der Geschlechterkampf hat lange genug gedauert, allmählich sollte echter Frieden einkehren.“ (298)
Ich hatte bei diesen Sätzen sofort eine Frage, die Ihnen und den angesprochenen lieben Frauen vermutlich ziemlich fern liegt: Wann eigentlich haben sich denn Männer an diesem Geschlechterkampf als Kontrahenten beteiligt?

Ob es nun um Frauenquoten geht, oder um Frauenförderung, oder um Gleichstellungsbeauftragte, die seltsamerweise weiblich sein müssen, oder um Mädchenförderung unter Verzicht auf Jungenförderung, um Gewaltschutz exklusiv für Frauen, um den Schutz mütterlicher Vorrechte auf Kosten von Vätern (und Kindern) – nichts davon wäre möglich, wenn nicht Männer zu einem großen Teil und entscheidend daran beteiligt gewesen wären und wenn nicht ein noch größerer Teil der Männer billigend oder zumindest stillschweigend zugeschaut hätte.

Der Geschlechterkampf, von dem Sie reden, ist traditionell eine seltsam einseitige Angelegenheit, bei der Männern eine schräge Doppelrolle zugewiesen wird: Als Verkörperung der unerbittlichen, grausamen, herrschsüchtigen, vergewaltigenden Feinde – und zugleich als Friedenstruppe und Rote-Kreuz-Helfer, die den (weiblichen) Verwundeten dieses Kampfes zu helfen hätten.

Aber natürlich hätten Männer schon seit Ewigkeiten einen Geschlechterkampf geführt, die Frauen seien nur eben erst in jüngerer Zeit bereit, gegen die patriarchale Herrschaft zurückzuschlagen: So ungefähr sieht die traditionelle Antwort auf die Frage aus, wo denn bitteschön Männer eigentlich einen Geschlechterkampf führten. Diese Antwort bedient sich in meinen Augen eines simplen Zirkels, der in der medial so gepuschten Aufschrei-Debatte besonders sichtbar wurde: Beiträge von Männern über eigene Sexismus-Erfahrungen wurden als „Derailing“ ausgegrenzt, weil sich darin nur das Festhalten an patriarchalen Privilegien zeige – und da die Idee „patriarchaler Strukturen“ so nicht angetastet werden konnte, war auch die Ausgrenzung der Männer jederzeit legitimiert.

Ein trotz des ernsten Themas komisches Beispiel für diese Fixierung auf die Idee einer Männer- bzw. Väterherrschaft lieferte eben gerade die taz: Heide Oestreich berichtet dort überraschend offen und klar über Väter, die nur noch als „Erzeuger und Geldmaschine“ taugen, und zitiert dann einen der Betroffenen:

„Mir ist jetzt erst so richtig aufgefallen, was es heißt, im Patriarchat zu leben.“

Die Inszenierung eines Geschlechterkampfes kann auf die Phantasie eines Patriarchats eben selbst dann nicht verzichten, wenn Frauen noch weit verbissener als Männer an tradierten Strukturen festhalten und wenn Männern Rechte vorenthalten werden, die für Frauen selbstverständlich sind.

So lässt sich vielleicht Ihr Eindruck erklären, dass Männer zu ihrer Situation als Männer bemerkenswert wenig zu sagen hätten. Männer fallen angesichts eines solchen Kampfes in zwei ganz unterschiedlich große Gruppen auseinander:

Viele  stehen dem inszenierten Kampf mit einer Mischung aus Irritation, Wohlwollen und einem sehr großen Anteil Desinteresse gegenüber. Sie haben verständlicherweise den Eindruck, dass es sowohl ernsthaftere als auch interessantere Themen gibt, über die man sich den Kopf zerbrechen könnte. Gerhard Schröder hat diese Haltung mit seinem Gerede vom „Gedöns“ gewohnt bedenkenlos auf den Punkt gebracht.

Deutlich weniger Männer aber geraten in die Position zu merken, dass der „Geschlechterkampf“ nicht nur eine Metapher ist, sondern reale Opfer fordert. Männer zum Beispiel, die voll arbeiten, zugleich finanziell ruiniert sind, weil sie ihre Ex-Frauen unterstützen müssen, und die seit Jahren ihre Kinder nicht mehr sehen konnten – ohne dass ihnen irgendetwas vorzuwerfen gewesen wäre. Dass männlichen Menschen ganz oder weitgehend der Kontakt zu ihren Kindern genommen werden kann, und Kindern der zu ihren Vätern, einfach weil das die Mütter willkürlich und ohne Notwendigkeit einer Erklärung so entschieden haben – das hätte ich niemals für möglich gehalten, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte.

Ähnlich ergeht es Männern, die Opfer von Gewalt werden und die erleben, dass ihnen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit regierungsamtlich nicht nur der Anspruch auf Schutz versagt bleibt, sondern dass sie auch noch pauschal als Täter diffamiert werden. Oder auch Jungen, die in der Schule in erhebliche Schwierigkeiten geraten und denen selbstgefällig attestiert wird, das läge halt an ihrer Fixierung auf obsolete Männlichkeitskonzepte.

Wenn allerdings solche Menschen oder die, die sich für sie einsetzen, den Mund aufmachen, haben Sie dafür ein Geste übrig, die zu einem Reflex in Geschlechterdebatten geworden ist und die zum Rest Ihres Textes kaum passt: Sie sprechen von „Opfergetue“ (229). Auch in diesem Reflex zeigt sich in meinen Augen eine reaktionäre Haltung, die an der Vorstellung festhält, dass sich für einen richtigen Mann das „Gejammere“ nicht ziemen würde.

So haben dann aber eben beide Gruppen von Männern, die desinteressierten Zuschauer und die Leidtragenden des Geschlechterkampfes, gute Gründe, den Mund zu halten.

Wie man über Selbstgespräche Selbstgespräche führt  „Ein erfreulicher frischer Wind“ – so hat Christian Schmidt in seinem Blog Alles Evolution ihre Positionen bezeichnet. Das ging mir in vielen Passagen Ihres Buches ähnlich, insbesondere dort, wo Sie – ganz anders als sonst in  Geschlechterdebatten üblich – die Perspektiven von Männern umstandslos einbeziehen.

„Meiner Ansicht nach sollte es keine Themen geben, die in Anwesenheit von nur einem Geschlecht besprochen werden können.“ (98)

Eben diese zivile Selbstverständlichkeit, zur Wahrnehmung der anderen Perspektiven bereit zu sein, fehlt im „Kampf“ – und dass sie fehlt, befeuert wiederum die Fortführung des Kampfes.

Tatsächlich greifen Sie und Theresa Bäuerlein ja eine Menge Überlegungen aus der Männerbewegung auf, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob Sie das überhaupt wissen oder ob es sie überhaupt interessiert.

„Oben gibt es die gläserne Decke – aber keineswegs nur für Frauen, und auch nicht für alle von ihnen. Unten wiederum hat man dünnes Eis, während die Mieten munter steigen …“

Mit dieser Passage aus Ihrem Brigitte-Interview wiederholen Sie beispielweise fast wörtlich ein sprachliches Bild, mit dem Warren Farrell schon vor zwanzig Jahren die Rede von der gläsernen Decke relativiert hatte – mit dem Hinweis auf den „gläsernen Keller“, in dem Männer meist allein sitzen würden. (Mythos Männermacht, S. 127ff.)

Wenn Sie über die „Diskurspolizei“ der „Big Sister“ sprechen (293), über die Fragwürdigkeit der Gender Pay Gap-Konstruktion und der Rede einer „Diskriminierung“ (90) von Frauen beim Lohn, über den „Unterton diebischer Freude“ (15), mit dem Rosin über das Ende der Männer schreibe, über den falschen Ansatz, „Geschlechterverhältnisse (…) als Nullsummenspiel“ (17) zu verstehen, über die Fragwürdigkeit der „Co-Feministen“ (227), über die Fragwürdigkeit der Vorstellung, dass Frauen eine „moralische Überlegenheit“ (297) besäßen, wenn Sie das „Bild des amoralischen, triebgesteuerten Mannes“ (174) kritisieren oder das „Bild einer Welt voller rücksichtsloser Männer“ (143), die „schwanzgesteuert und egoistisch“ (146) seien – in jedem Fall beziehen Sie Positionen, die zu einem guten Teil schon vor Jahren von Männerrechtlern bezogen wurden, oder von Autoren, die feste Bezugspunkte von Männerrechtlern sind, etwa von Farrell (den der von Ihnen angeführte Ralf Bönt ebenso wie Sie fast wörtlich zitiert), von Arne Hoffmann, von Christoph Kucklick und anderen.

Dass Sie diese Quellen fast niemals angeben, finde ich kaum problematisch. Politische Ideen unterliegen schließlich mit gutem Grund keinem Urheberrecht – es ist ja gerade ihr Sinn, dass andere sie übernehmen und sich zu eigen machen.

Da solche Quellen von Ihnen jedoch zugleich als wütender Protest, der nicht viel bewirkt“ präsentiert werden und als bloßes Thema für das Sommerloch (228), da Sie den Eindruck erwecken, es ginge Männern lediglich darum, sich zur Abwechslung einmal selbst als Opfer einer allgemeinen Frauenherrschaft zu präsentieren –  da dies so ist, bekommt diese Auslassung einen anderen Charakter. Sie bedienen damit dann nämlich das Klischee, dass sinnvolle Beiträge zur Geschlechterpolitik eigentlich nur von Frauen geleistet worden seien, während Männer  traditionell irgendwie zwischen wütendem Knurren und verbissenem Schweigen hin- und hergehüpft wären.
Selbst noch die Kritik an der weiblichen Hegemonie in Geschlechterdebatten ist damit – Frauensache.
Dass Frauen die beständige Inszenierung als Opfer allgegenwärtiger männlicher Herrschaft nicht nur nützt, sondern auch schadet – das interessiert Sie denn auch deutlich mehr als die Tatsache, dass es bei der Inszenierung eines Geschlechterkampfes auch reale Leidtragende gibt.

Über „Väterrechte“ (228) schreiben Sie beispielweise, wenn ich richtig sehe, in Ihrem Buch nur ein einziges Mal – um sich über Männerrechtler, die für diese Rechte eintreten, lustig zu machen. Dabei gibt es ja kaum ein anderes Thema, an dem die Ambivalenz der von Ihnen als „Tussikratie“ präsentierten Geschlechterpolitik, deren Widersprüchlichkeit zwischen progressivem Selbstbild und reaktionärem Agieren so deutlich wird wie bei der systematischen Verletzung dieser Rechte.

Daher hatte ich schließlich auch nicht den Eindruck, dass Sie  mit Ihrem Buch zu einem Ende des endlosen öffentlichen Selbstgesprächs einiger privilegierter Frauen und ihrer privilegierten männlichen Claqueure beitragen, das sich als „Geschlechterdebatte“ tarnt, sondern dass Sie dieses Selbstgespräch lediglich mit einem halbwegs neuen Dreh weiter führen.

Allein die Tatsache aber, dass eine solche neue Windung offenbar nötig wird, lässt manche Ihrer Kritikerinnen schon vor Wut kochen – und allein das macht mir Ihr Buch schon sympathisch. Dass das festgezurrte weibliche Selbstgespräch sich überhaupt verändern muss, um fortgeführt werden zu können, dass die Beteiligung von Männern dabei zumindest simuliert werden muss – das, immerhin, ist ein Grund zur Hoffnung darauf, dass es nicht mehr allzu lange dauert, bis sich wirklich etwas ändert.
Mit freundlichen Grüßen
Lucas Schoppe
Literatur, soweit nicht verlinkt:
Theresa Bäuerlein/Friederike Knüppling: Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch machen und Männer nichts richtig machen können, München 2014 (Ich zitiere nach der elektronischen Ausgabe)

Warren Farrell: Mythos Männermacht, Frankfurt am Main 1995

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32 Comments

  • Hallo, nur ein paar Nebenbemerkungen (erwarte nichts von dem Buch, werd's also nicht lesen).

    @Schoppe: „Ich gestehe aber: Für mich gehören Geschlechterfragen eigentlich nicht zu den spannendsten Fragen, die ich kenne – und ich bin mir sicher, dass das vielen Männern ähnlich geht.

    Mir scheint es wichtig, hier die Relativierung rauszulassen, jene unterschwellige Entschuldigung, dass als „Mann“ man dazu eben keine grosse Naehe verspuert. Und diese Haltung ist eine *Entscheidung*, kann nicht irgendwie objektiv abgeleitet werden.

    „Meiner Ansicht nach sollte es keine Themen geben, die in Anwesenheit von nur einem Geschlecht besprochen werden können.“ (98)

    Fuer absolut jedes Thema ist Anwesenheit oder Abwesenheit von „Geschlecht“ irrelevant (was die Behandlung des Themas betrifft, die Metaebene). Dies muss Teil der Neubestimmung von Maennlichkeit sein (die wir unbedingt brauchen — kein opportunistischer Bloedsinn wie „jeder ist anders“, sondern die Entfaltung des Wesens von Maennlichkeit, der Oeffnung zur Welt).

    Man koennte ja vielleicht das Buch als Versuch interpretieren, die Hausfrauenwelt mit gewissen offensichtlichen Widerspruechen vertraeglich zu halten.

  • Danke, Schoppe. Schließe mich vollumfänglich an. Insbesondere die „neue Windung“ zwecks Fortführung des Selbstgesprächs ist auch mein Eindruck.
    Es werden einfach die bürgerrechtlichen Forderungen des tussikratischen Untergrunds (Manndat, Hoffmann usw.) als die eigenen verkauft und so getan, als stoße Frau hier eine Debatte an, die nicht schon seit über einem Jahrzehnt im Gange wäre. Am Ende sieht es so aus, als hätte sich der Feminismus aus sich selbst heraus reformiert, denn ja, erst 'Tussikratie' bewirkte etwas.

    Knüppling & Co – der Egon Krenz des Feminismus.

    Immerhin, Honecker ist als Problem markiert.

  • Ist eigentlich von Seite 228 falsch zitiert oder steht das tatsächlich so da?
    „„Sie haben eine Übervorteilung von Frauen in der Bildung, bei der Gesundheit und im Familienrecht identifiziert. ..::“

    Das müsste wohl „Überbevorteilung“ heißen. Übervorteilung heißt Benachteiligung, das würde so eher den Standpunkt der Feministen beschreiben.

  • Hallo Martin, der Punkt ist mir auch aufgefallen – aber dort steht tatsächlich „Übervorteilung“. Dass es viele Männerrechtler gibt, die meinen, Männer würden Frauen übervorteilen, war mir auch neu…

    Vielen Dank für den Hinweis, ich hatte vergessen, auf den Punkt aufmerksam zu machen.

  • Hallo,

    ich würde diese Antwort gerne bei Amazon als Rezension reinstellen. Ich schreibe dort als „Andi“ und habe unter anderem „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ rezensiert.

    Falls Ihnen mein Profil zusagt und für Sie sonst nichts dagegen spricht, wäre ich erfreut wenn Sie sich entsprechend äußern.

    Herzlicher Gruß
    Andi

  • Hallo Lucas,

    nachdem ich Dich zitiert habe, ist es auch nur recht und billig, hier mal einen positiven Kommentar zu Deinem Text loszuwerden. Ich fand die Frage nach der männlichen Beteiligung am Geschlechterkampf wirklich aufschlussreich. Seltsam, wo es doch eigentlich kaum überraschend ist, dass der vermeintliche Gender Trouble so einseitig ist. Aber in der Tat habe ich diese von Dir gestellte Frage selber so bewusst noch nie formuliert. Der „Geschlechterkampf“ kennt eigentlich nur eine kämpfende Seite, die andere hält brav beide Wangen hin.

    Ich sehe es auch so, dass es irgendwie eine Schieflage ist, wenn Kritik am Feminismus nur dann öffentlichkeitswirksam wird, wenn sie von Frauen kommt. Hier wurde doch kürzlich erst ein Kommentar von Crumar verlinkt, der ähnliches schrieb: Eigentlich habe Farell längst wesentliches gesagt, aber erst, als eine Frau es wiederholte, bekamen die Kritiken Aufmerksamkeit. Bitter ist, dass die Lieferanten der Kritik, die Männerrechtler, weiterhin unzitiert bleiben. Aber das sagt einiges über die diskursive Hegemonie in den Medien aus.

  • Hallo Andi,

    gern. Ich hoffe allerdings, dass der Text für eine amazon-Rezension nicht zu lang ist…

    Danke für die Nachfrage, und einen herzlichen Gruß zurück!

  • Gutes Timing!
    Soeben eröffnet eine neue Platform für Selbstgespräche unter Frauen über die Geschlechterfrage:

    http://www.zeit.de/karriere/2014-04/werbung-frauenmagazin-hashtag-ansage
    100 Frauen twittern unter dem Hashtag #Ansage, warum sie mehr vom Leben wollen. Dahinter verbirgt sich keine politische Bewegung, sondern Werbung für ein neues Magazin. von Tina Groll

    https://editionf.com
    EDITION F ist das digitale Zuhause für Frauen, die mehr wollen – im Job und im Leben.

  • @Oliver

    Wenn du zu diesem hier mehr schreiben würdest, dann begrüße ich das:

    „Dies muss Teil der Neubestimmung von Maennlichkeit sein (die wir unbedingt brauchen — kein opportunistischer Bloedsinn wie „jeder ist anders“, sondern die Entfaltung des Wesens von Maennlichkeit, der Oeffnung zur Welt).“

    Denn unsere, meine Sichtweise auf diesen speziellen politischen Konflikt m.E. krankt sehr daran, dass bestimmte Formen, Werte, Haltungen von Männlichkeit sich tatsächlich überholt haben.
    Und implizit gibt es da einen Konsens, nehme ich an.
    Es gibt jedoch keine Utopie einer anderen Männlichkeit – und vielleicht lässt sich diese auch gar nicht neu „bestimmen“.
    Ich weiß es wirklich nicht.
    So sehr ich die Verdienste von Hollstein zu würdigen weiß – will wirklich irgendwer von uns wirklich zurück zu einer „archaischen Männlichkeit“?
    Was genau ist das Wesen von Männlichkeit?
    Ich weiß es wirklich nicht.

    Und so empfinde ich die Abarbeitung am Feminismus in allen Schattierungen zwar richtig. Mir fällt jedoch auf, dass auf die Kritik der feministisch geprägten Erwartungshaltung von Frauen an Männer eins kommt: nicht viel.

    Damit meine ich nicht einzelne Punkte aus Sicht von Männern, die in der Abarbeitung am Feminismus selbst sichtbar werden (Väterlichkeit z.B.).
    Sondern ich meine die „Erwartung“ selbst.

    Aus einer sich selbst bewussten, individuellen, männlichen Sicht Erwartungen bspw. an sein weibliches Gegenüber zu formulieren.
    So gruselig traditionalistisch, unreflektiert und doppelmoralisch der Artikel von Nina Pauer über die „Schmerzensmänner“ ist – wer von uns hätte sich getraut, spiegelbildlich einen solchen über heutige junge Frauen zu schreiben?
    In dem er satt und sauber argumentiert, welches Denken, welches Handeln er von diesen jungen Frauen *ihm* gegenüber mit Fug und Recht *erwarten* kann?!

    In manchen unserer letzten Auseinandersetzungen über die Frage, ob wir nun Maskulisten, Menschenrechtler, Humanisten sein wollen steckt aus meiner Sicht die implizite Angst, dass „Mann“ alleine nicht genügt.
    Ohne den Bezug – sehr überspitzt – auf die universellen Menschenrechte haben wir als Männer nichts zu erwarten.

    Und eventuell liegt existiert da ein Zusammenhang zwischen der nicht existenten Utopie einer (von uns gewollten und lebbaren) Männlichkeit und dieser Grenze aus nicht existenten Erwartungen.

    Nur meine 2 Cent…

    Schönen Gruß, crumar

  • Prima!
    1. Und weil ich „Tussikratie“ auch gelesen habe möchte ich dir (und/oder Leszek) dringend empfehlen „integraler Antisexismus“ als Marke anzumelden. 😉
    Sonst wird der Begriff später „entdeckt“. Warren Farrell sollte das auch für „gender transition movement“ in Erwägung ziehen.

    2. Es gibt eine „20 plus eins“ Neuauflage von „Myth of Male Power“. Könntest du zu diesem Anlass evtl. eine Würdigung schreiben?

    Schönen Gruß, crumar

  • @ Arne Vielen Dank!

    @ crumar Ich find's auch gut!
    Was sich natürlich sowohl auf die Weiterleitung des Briefes als auch auf die Neuauflage bezieht. Sie enthält, wie ich gesehen habe, auch ein aktuelles Vorwort Farrells vom Januar 2014. Werd ich sehr bald lesen – mich hatte das Buch bei der ersten Lektüre schwer beeindruckt.

    Und ich will mich natürlich ansonsten nicht einmischen – aber wenn Du mal eine Würdigung schreiben wolltest, wäre das natürlich auch sehr interessant… 🙂

  • @ crumar „steckt aus meiner Sicht die implizite Angst, dass „Mann“ alleine nicht genügt“ Eben das kann aber ja auch eine große Qualität sein – es reicht nicht aus, was man (oder eben: Mann) ist, sondern man muss sich eben auch mit etwas auseindersetzen, was nicht man selbst ist. Dazulernen. Sich ändern. Mitbekommen, dass es noch anderes Interessantes oder Schönes gibt als das, was man mitbringt (und damit meine ich nicht Frauen, jedenfalls nicht nur). Eigentlich finde ich das eine sehr gute Perspektive, die vielleicht mit Olivers „Öffnung zur Welt“ zusammenhängt.

    Die Ängstlichkeit, die Männer in Geschlechterdebatten haben, liegt m.E. darin begründet, dass das, was sie tun, in den Augen von feministisch bewanderten Frauen prinzipiell nie genügt. You can never escape your privileges! Wer sich distanziert, ist ein Arsch. Wer sich feministisch gibt, ist – wenn er Pech hat – erst recht ein Arsch, nämlich ein verlogenes noch dazu. Wer arbeitet, um Frau und Kinder zu ernähren, gefällt sich in der Patriarchenrolle. Wer es nicht tut, ist ein Pascha, der auf ihre Kosten lebt. Und selbst einem Mann, dem das Zauberkunstsück gelänge, alles richtig zu machen, könnten bei entsprechender Hautfarbe seine weißen Privilegien vorgeworfen werden.

    Das ist für mich ein wesentliches Problem heutiger Geschlechterdebatten – sie sind gar nicht darauf angelegt, irgendwann einmal zu einer befriedigenden Lösung führen zu können. In einer solchen Situaitioon sucht man dann beständig nach Lösungen, die es gar nicht geben kann.

    Und in dieser Hisicht wäre dann wirklich viel gewonnen, wenn Männer auf die Idee kämen, dass sie an Frauen ebenso selbstverständlich Erwartungen haben und formulieren können, wie Frauen das umgekehrt auch tun.

    Wobei es mich mal interessieren würde, ob solche Zusammenhänge nicht vorwiegend das exklusive Problem einer ganz bestimmten, bildunsgbürgerlich sozialisierten Schicht sind…

    Schönen Gruß zurück!

  • @ ReVolte Danke für den Kommentar! Den Vergleich mit Krenz fand ich sehr passend.

    Allerdings hat es Krenz ja eben gerade nicht geschafft, die Illusion einer selbstständigen Reform der DDR zu kreieren. Ich glaube, dass ein Buch wie „Tussikkratie“ ebenso ein Übergangsphänomen ist. Fraglich ist nur, wie lang dieser Übergang dauert…

  • @ LoMi Ich hab Deinen Text gelesen, danke für die schnelle und umfangreiche Reaktion! Er gefällt auch mir sehr gut, wie vielen Deiner Leser, die das auch geschrieben haben.

    Toll finde ich auch die Kommentare von muttersheera dort, die manchmal sehr wild wirken. Als wäre die Position, dass Männer eigentlich beim Geschlechterkampf eigentlich gar nicht mitgemacht haben, etwas ungeheuer Provokantes.

    Für eine feministische Position ist sie aber eben tatsächlich ein Problem. Wenn Feminismus keine endlich (nach Jahrtausenden!) erfolgende Gegenwehr gegen einen unendlichen männlichen Geschlechterkampf ist – dann müsste sich eine überzeugte Feministin ja glatt fragen, was es denn dann eigentlich ist, was sie da so macht… Unangenehm – sowas kann man ja nun wirklich nicht erwarten. 🙂

  • @ man.in.th.middle Danke für die Links! Man merkt aber eben auch, dass Frau Groll ein bisschen verstimmt ist über die Seite. Ist ja auch eine Frechheit, mit Slogans wie „Wandel statt Quote“ oder „Gleichberechtigung statt Gleichmacherei“ daherzukommen. Das klingt tatsächlich ein wenig nach der Tussikratie-Position.

    Groll dazu: „Da wo #Aufschrei eine echte politische Debatte war, die ohne ein Produkt im Hintergrund aus politischer Empörung losgetreten wurde, kommt #Ansage über ein Werbeinstrument leider nicht hinaus.“

    Um Gottes Willen, da wird für was geworben! – während es beim Aufschrei, wie wir alle wissen, selbstverständlich um reinen Idealismus und aufrechte Empörung ging. Klar aber ist: WAS eigentlich gesagt wird, ist völlig egal – Hauptsache, es gibt Kriterien, um Gut und Böse unzweideutig unterscheiden zu können.

  • @Lucas

    1. Du schreibst: „Eben das kann aber ja auch eine große Qualität sein – es reicht nicht aus, was man (oder eben: Mann) ist, sondern man muss sich eben auch mit etwas auseindersetzen, was nicht man selbst ist. Dazulernen.“

    Also im Handeln Gewissheit über sich selbst erlangen und seine Handlungen und Gewissheiten kritisch reflektieren – völlig einverstanden.
    Nur baut das nicht auf der alten Geschlechterdialektik auf, die wir schon kennen?
    Eine Frau hat allen Respekt verdient durch ihr bloßes Dasein, ein Mann muss sich diesen Respekt durch Taten erwerben.
    „Sei ein Mann!“ basiert auf einem Ensemble von gesellschaftlichen Vorstellungen über Männer und ist eine Handlungsaufforderung. „Sei eine Frau!“ ist kein sinnvoller Satz.

    Ist diese Tendenz, die Binnenschau zu vermeiden nicht genau auf dieser Linie? Wie gesagt, ich habe keine fertigen Antworten…

    2. Dein nächster Satz: „Die Ängstlichkeit, die Männer in Geschlechterdebatten haben, liegt m.E. darin begründet, dass das, was sie tun, in den Augen von feministisch bewanderten Frauen prinzipiell nie genügt.“

    Das „nicht genügen“ bezieht sich insbesondere auf a. das Bild des Mannes, insofern er den Erwartungen von Frauen zu genügen hätte (Frauenbediener – siehe Pauer vs. Stiehler), b. Erwartungen, die als weibliches DEFAULT in eine Perspektive auf das Ziel einer Beziehung eingehen (siehe vorliegendes Buch S. 278-279 meine Lesart: die private Spaghetti ist politisch;)) c. natürlich Haushalt und Kindererziehung.

    Wer hier den „weiblichen Blick“ als default setzt, der als Maßstab gilt, hat natürlich im gesellschaftlichen Binnenbereich der „Keimzelle“ der Gesellschaft Macht, insofern *sie* das Stöckchen beliebig hoch hängen kann, über dass *er* springen muss. Ergo ihren Erwartungen genügen.

    Die Auseinandersetzungen kennt doch jeder Mann: (möglichst öffentlich) als Haushaltstrottel hingestellt zu werden, der von Kindererziehung keine Ahnung hat und auch noch völlig unromantisch den fünften Jahrestag des ersten Treffens vergessen hat.
    Wo auch immer das „geheime weibliche Wissen“ zur Bewältigung von Haushalt, Beziehung und Kindererziehung herrühren mag (ich hoffe sehr, nicht aus den Genen).

    Das ist aber nicht „feministisch“, sondern es setzt an der *Rückzugslinie* und dem *Recht* der Mütter und deren Mütter und deren Mütter an.
    In dem ein Terrain zum „weiblichen“ deklariert wird und der Blick aus diesem uns Männer als „Andere“ konstruiert und ZUGLEICH wahrnimmt.
    Und möglichst aus diesem Terrain entsorgt, *indem* nämlich die Maßstäbe….

    Das finde ich unheimlich.
    Und das bizarre ist, die Autorinnen reflektieren die Residuen dieser Wahrnehmung in ihrem Buch nicht wirklich. Vorsichtig ausgedrückt.

    Wenn meine Sicht eine gewisse Berechtigung hat, dann kann ich deine Frage: „Wobei es mich mal interessieren würde, ob solche Zusammenhänge nicht vorwiegend das exklusive Problem einer ganz bestimmten, bildunsgbürgerlich sozialisierten Schicht sind…“ getrost verneinen.

    In diesem Fall ist nicht „class“ das Problem, sondern (Menschheits-) Geschichte.

    Noch mal schöne Grüße! 😉

  • 40 Jahre mediale Dauerberieseleung mit feministischem Gedankerngut haben dazu geführt, dass sich ein grosser Teil der Frauen als einer benachteiligten Klasse zugehörig fühlt und sich mit der als sozial benachteiligt behaupteten sozialen Klasse „Frau“ identifiziert, obwohl dieses ideologische Konstrukt der sozialen Klasse „Frau“ in der Wirklichkeit nicht trägt.
    Bleibt die Frage, warum der Feminismus eine derartige Dynamik entwickeln konnte.

    Die politische Linke brauchte immer eine Utopie, ein Ideal einer grundsätzlich besseren Welt. Mit dem Zerfall des Ostblocks, der sogenannt sozialistischen Staaten wurde jedem klar, dass die sozialistischen Staaten ihre Versprechen nicht mal ansatzweise eingehalten hatten. Der Feminismus bot die neue Utopie einer von Frauen beherrschten Welt, die so ganz anders und besser wäre als die Welt der vergangenen Jahrtausende, in der Männer vordergründig gesellschaftlich prägender wirkten als Frauen. Das glaube ich ist der Grund, warum gerade in der Linken der Feminismus so erfolgreich war.

    Aus dem kommunistischen Universalnarrativ; Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen …
    … wurde
    … Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte des Geschlechterkampfs.

    Derartige Universalnarrative sind i.m.h.o sehr wirkungsvoll. Männerrechtlern fehlt ein solches, was dazu führt, dass Männer immer in Detailfragen pragmatisch argumentieren. Aber eine grosse Idee steckt (bisher) nicht dahinter.

  • @ Peter „Mit dem Zerfall des Ostblocks, der sogenannt sozialistischen Staaten wurde jedem klar, dass die sozialistischen Staaten ihre Versprechen nicht mal ansatzweise eingehalten hatten.“ Dabei war 1989 ja sogar ein ausgesprochen spätes Datum für eine solche Einsicht. Wer erst hier gemerkt hatte, dass an den sozialistischen Staaten irgendwas nicht stimmte, hatte vorher eine ganze Menge nicht mitbekommen: Die Säuberungen, die Schauprozesse, Prager Frühling und die harten Reaktionen auf andere Oppositionsbewegungen, die Inhaftierungen aus politischen Gründen, die Toten an den Grenzen,…

    Aber auch bedeutende Texte über die Gewalt des real existierenden Sozialismus wie Manes Sperbers „Wie eine Träne im Ozean“ oder Wolfgang Leonhards „Die Revolution entläßt ihre Kinder“, oder schon Andre Gides Bericht über die Sowjetunion in den dreißiger Jahren, für den er massiv angefeindet wurde. Alles Texte von Autoren, die Kommunisten gewesen waren oder (Gide) dem Kommunismus zumindest nahe gestanden hatten.

    In meinen Augen ist die Blndheit, erst 1989 das Scheitern der sozialistsichen Staaten wahrzunehmen, ein Beispiel für die Stärken der von Dir erwähnten Universalnarrative. Die Geschichten werden weitergesponnen, auch wenn längst klar ist, dass sie an der Wirklichkeit vorbei erzählt werden.

    Das liegt möglicherweise daran, dass es Geschichten von Gut und Böse sind, die mit einem Heilsversprechen aufwarten und mit dem Anspruch auftreten, in die Unübersichtlichkeit geschichtlicher Abläufe eine klare Ordnung zu bringen. So kann jeder die Hoffnung haben, dass sich alle Verwirrung schließlich lösen wird, wenn man nur am Narrativ festhält.

    Und interne Kritiker können diffamiert werden, wiel sie den Feinden in die Hände spielten – die ja doch viel schlimmer seien als alles, womit sich die Guten (weil die Welt ja NOCH nicht perfekt ist) möglicherwiese auch ein wenig schuldig machen – machen müssen, notgedrungen. Das hat z.B. Brechts „Maßnahme“ brutal auf den Punkt gebracht.

    Interessant finde ich, dass Lyotards Rede vom „Ende der großen Erzählungen“ ja eigentlich einer der Lieblings-Slogans postmoderner Autoren war, mit denen sie sich von der Moderne abgrenzten – und dass dies wiederum eine der wesentlichen Grundlagen heutiger akademisch-feministsicher Positionen ist.

    Interessant ist es auch deshalb , weil der Gedanke an ein umfassendes Narrativ, eine „große Erzählung“ dabei notorisch als männlicher Herrschaftsgestus interpretiert wurde. Dabei ist, soweit ich sehe, der Feminismus (neben dem fundamentalistischen Islamismus vielleicht) heute die einzige relevante politische Richtiung, die überhaupt noch eine große Erzählung im Angebot hat. Das trägt gewiss zu seinem Erfolg bei – und dazu, dass er sich so erfolgreich gegen Kritik immunisieren kann.

    Männerrechtler werden mit der großen Erzählung von der Herrschaft und dem Ende des Patriarchats vermutlich nie konkurrieren können, aber ein paar bündelnde Ideen wären m.E. schon wichtig….

  • @Peter: „ein grosser Teil der Frauen als einer benachteiligten Klasse zugehörig fühlt und sich mit der als sozial benachteiligt behaupteten sozialen Klasse „Frau“ identifiziert,“

    solche Aussagen sind einerseits wahr, andererseits nichtssagend. Ist „grosser Teil“ = 10%, 50%, 90%? Politisch relevante Menge von Aktivisten? Wie verteilt sich das auf die Altersklassen? usw. Und es gibt ja auch andere, die ein Gegengewicht bilden. Bei solchen vagen Einschätzungen ist mir nie klar, was daraus politisch folgen soll.

  • @Schoppe „Männerrechtler werden mit der großen Erzählung von der Herrschaft und dem Ende des Patriarchats vermutlich nie konkurrieren können, aber ein paar bündelnde Ideen wären m.E. schon wichtig….“

    sehe ich auch so. Ohne ein umfassendes (was auch immer umfassend bedeutet) Narrativ geht es nicht.

    Haben wir nicht tatsächlich eines, auch wenn es noch keinen Namen hat? Ich habe ja schon ein paar Mal die Frage aufgeworfen, ob der Maskulismus ein Glücksversprechen abgeben sollte. Solange der Maskulismus eine reine Protestbewegung ist, die nur auf die Beseitigung von Diskriminierungen von Männern zielt („demokratischer Maskulismus“), steht kein Glücksversprechen auf der Agenda, denn „kein Unrecht“ ist noch keine konstruktive Gestaltung der Verhältnisse.

    Die Glücksversprechen (ich benutze Glücksversprechen als Synonym für Narrativ, wie ich gerade selber bemerke), die mir unterschwellig aufgefallen sind, würde ich als „Friedensschluß mit unserer Biologie / Natur“ bezeichnen bzw. als die Abschaffung von politischer Korrektheit und am grünen Tisch erschaffenen Leitbildern von Menschen, die mit der Realität einfach nicht zusammenpassen.

    So ähnlich wie die Begriffe soziale Marktwirtschaft oder rheinischer Kapitalismus, wo Ungleichheiten Teil des Systems sind und vor allem ein gerechter Interessenausgleich im Fokus steht.

  • @Lucas, crumar

    Die Diskussion dreht sich grob gesagt um das Innenverhältnis von Beziehungen zwischen Männern und Frauen und den dabei auftretenden psychologischen Befindlichkeiten.

    Ich frage mich gerade, ob sich der Maskulismus als politische Bewegung mit diesem Themenkomplex befassen und sich in die unangenehme Lage bringen sollte, eine Lösung zu versprechen.

    Meine zugegebenermaßen etwas weltfremde, schon etwas zurückliegende Antwort darauf ist zunächst mal Nein. Ich habe das damals aus einer Laune heraus damals so geschrieben, komme aber auch nach einigen Nachdenken zu keinem bessere Ergebnis.

    Der platteste Grund: schaffen wir sowieso nicht, daran verhebt man sich. Da ich Biologist bin, also davon ausgehe, daß es statistisch relevante Unterschiede im Verhalten und den Präferenzen von Männern und Frauen gibt, müßte man diese Unterschiede zumindest qualitativ spezifizieren (z.B. Frauen haben mehr Spaß am Leben in sozialen Berufen als Männer, Mädchen werden durch ihre geringeren Körperkräfte schon sehr früh dahingehend gepägt, Kämpfe zu vermeiden, usw.). Man müßte dazu auch Begriffe wie Glück und Zufriedenheit konkreter fassen und fundamentale Fragen wieden Sinn des Lebens klären. Hier ist schon absehbar, daß man sich in den Grundsatzstreit der großen politischen Ideologien bzw. Weltanschauungen einlassen muß und sich dort verheddert.

    Ein weiterer Grund ist, daß wir dem Feminismus den Vorwurf machen, er mache das private politisch und wälze private Verantwortung auf die Allgemeinheit ab – den Vorwurf müßte man sich zu einem gewissen Grade selber machen.

    Noch ein Grund: angenommen, wir haben eine schlaue Idee, wie sich alle verhalten müßten, damit die Welt besser würde – wir bekäme man die unters Volk?

    Zu klären wäre also, ob diese Diskussionen eher eine Art Feuilleton sind und der geistigen Erbauung dienen oder kontrete politische Ziele verfolgen. Wenn letzteres, dann braucht man nicht über große politische Ziele zu debattieren, die sowieso unerreichbar sind, sondern sollte lieber ein paar halbwegs realisierbare Ziele konkret angehen.

    Was die vorstehenden Diskussionen z.B. hinsichtlich einer „sich selbst bewussten, individuellen, männlichen Sicht und Erwartungen an sein weibliches Gegenüber“ betrifft: Das scheinen mir eher Themen für einen Lebensratgeber zu sein, wie man Selbstbewußtsein und ein positives Selbstverständnis aufbaut. Der vermutlich nicht für alle Männer gleich lauten würde, sondern je nach den Lebensumständen (Alter, soziale Klasse, …) andere Probleme ansprechen müßte. Der vielleicht sogar teilweise nur ein Knigge wäre.

    Jedenfalls großenteils Theman, die ich nicht einer politischen Ebene oder Rahmensetzung zuordnen würde, weil ich einen kleinteiligen dirigistischen Eingriff in diese privaten Themen als totalitär empfinde (s. Gutmenschentum der Grünen).

  • @man in the middle
    Du schreibst:

    „Die Diskussion dreht sich grob gesagt um das Innenverhältnis von Beziehungen zwischen Männern und Frauen und den dabei auftretenden psychologischen Befindlichkeiten.

    Ich frage mich gerade, ob sich der Maskulismus als politische Bewegung mit diesem Themenkomplex befassen und sich in die unangenehme Lage bringen sollte, eine Lösung zu versprechen.“

    Nein, das sollte er natürlich nicht.

    Er sollte nur die psychologischen Befindlichkeiten der Geschlechter auf der Basis der je unterschiedlichen, geschlechterspezifischen Wahrnehmungen und Erfahrungen berücksichtigen und idealerweise: erklären können.

    Und mit erklären meine ich, in ihrer wechselseitigen historischen Gewordenheit erklären und verstehen zu können.
    Nur so werden Konflikte thematisier- und lösbar.

    Der Clou beim radikalen Feminismus ist, er bestritt und bestreitet diese Wechselseitigkeit, denn das passt nicht in das Täter-Opfer Schema.
    Ist die Welt haben erst einmal sauber und dichotom in die bessere und die schlechtere Hälfte geteilt (und zwar für alle Zeiten, also ahistorisch), dann ist die Frau an sich an nichts Schuld und für nichts verantwortlich – das ist jedoch genau die Rolle des Kindes, aus der jener Feminismus die Frauen vorgeblich befreien wollte.

    Das zusätzliche Problem wir sind bereits in eine komplett von diesem Feminismus strukturierten Erklärungsansatz geboren worden, der wiederum strukturierend auf die Wahrnehmung einwirkt.
    Das ist „Big Sister“ und logischerweise kann diese nicht personalisiert werden, denn sie ist Bestandteil genau dieser Wahrnehmng geworden.
    Aber auch „Big Sister“ ist nicht 1970 vom Himmel gefallen, sondern setzte an historischen Entwicklungen an, die ihr lange vorausgegangen sind. Die Dämonisierung des Mannes begann schon annähernd 200 Jahre vorher, das wissen wir dank Kucklick.

    Zurück also zur Männlichkeit.
    Diesen „Knigge“ gibt es m.E. schon und das ist „Der Männerversteher“ von Matthias Stiehler, den ich allen hier mitlesenden Männern wärmstens empfehle.

    S.33 aus seiner Sicht auf die aktuelle Situation:

    „Die vielen Forderungen an die neuen Männer sind bei Licht betrachtet eine Fortschreibung der alten Verhältnisse, mit ein wenig neuer Tünche: Männer tut, was wir von euch verlangen, und achtet auch weiterhin auch bloß nicht darauf, was ihr wollt und was für euer Leben gut ist.“

    D.h. der „neue Mann“ ist schlicht das perfektionierte Modell des traditionellen und die gesellschaftlichen Erwartungen haben sich nicht geändert.
    Ganz im Gegenteil.
    Die neuen Erwartungen an den „neuen Mann“ beinhalten die alten Erwartungen und die neuen werden oben drauf gepackt.
    Das kann man an den aktuellen empirischen Daten aus den USA nachvollziehen. Durchschnittlich arbeiten Männer mehr als Frauen, addiert man Erwerbs-, Haus- und Erziehungsarbeit.

    Das private ist für den Mann politisch geworden.
    Ob er will oder nicht.

    Gruß, crumar

  • Männerrechtler werden mit der großen Erzählung von der Herrschaft und dem Ende des Patriarchats vermutlich nie konkurrieren können, aber ein paar bündelnde Ideen wären m.E. schon wichtig….

    The disposable male
    DAS ist i.m.h.o das Universalnarrativ, mit dem die Geschichte aus männerrechtlicher Perspektive erzählt werden kann.

    @ man in the middle

    solche Aussagen sind einerseits wahr, andererseits nichtssagend. Ist „grosser Teil“ = 10%, 50%, 90%? Politisch relevante Menge von Aktivisten?

    Was erwartest Du? Eine Ausage in der Art; 55.3 % der Frauen stimmen der Aussage zu: Frauen werden nach wie vor systematisch benachteiligt? Ich wollte die Dynamik der Ideologie Feminismus erklären oder zumindest einen Erklärungsansatz anbieten.
    Meine Aussage kurz und bündig zusammengefasst lautet: Der Feminismus verfügt über ein konkurrenzloses Universalnarrativ (man könnte es auch eine Heilserwartung nennen), was seinen Erfolg zum Teil erklärt und eine Identifikation der Frauen mit dem Feminismus erleichtert.

  • Umsturz durch Kampf ohne Gegenwehr nennt man Okkupation. Allerdings hat dann auch der Okkupant das Sagen. In diesem Geschlechterkampf aber scheint der Okkupant, die von ihm Okkupierten nicht wirklich okkupieren zu können. Also ist der Okkupant das Opfer seiner Okkupation.

  • @crumar: Sehr interessant, was Du schreibst.

    Ich habe mir gerade die sehr ausführliche Rezension zu Stiehlers Buch von Arne Hoffmann durchgelesen, sieht wirklich sehr interessant aus.

    „… mit erklären meine ich, in ihrer wechselseitigen historischen Gewordenheit erklären und verstehen zu können. Nur so werden Konflikte thematisier- und lösbar.“

    Mit wird gerade bewußt, daß ich eine Abneigung gegen eine ausführliche Aufarbeitung der historischen Hintergründe habe, und zwar weil dabei immer wieder die alten Wunden aufgerissen werden und Kriegbeile wieder ausgegraben werden. Ich will ja auch nicht dauernd von den Frauen hören, daß sie erst seit 1970 irgendein Recht haben. Allerdings hast Du mich davon überzeugt, daß meine Ablehnung übertrieben und nicht ganz sachgerecht ist. Jeder ist durch seine Historie geprägt. Ohne ein Verständnis, worin die privat bzw. bei vielen Männern aufgetretenen Probleme verursacht wurden, kommt man zu einer falschen Selbstwahrnehmung und falschen Konsequenzen. Das führt zur Frage, wieviel Aufarbeitung der historischen Hintergründe denn notwendig sind. Spontan kommt es mir so vor, daß man dafür mehrere Altersklassen unterscheiden muß:

    1. Pubertierende / Heranwachsende: denen wird ja schon massiv die Doktrin vom funktionierenden Mann eingetrichtert, und wenn er Kontakt zu gleichaltrigen Mädchen sucht, wird ihm über die Marktgesetze sehr schnell klar machen, welche Forderungen er stellen kann. Wie man überhaupt an Jungen in dieser Altersklasse positiv beeinflussen könnte, ist mir schleierhaft. Immerhin kann man gegen nice guy engines protestieren.

    2. Ca. 25 Jahre alte Männer mit ersten Beziehungserfahrungen, die irgendwann vor der Entscheidung stehen, sich langfristig zu binden. Bei denen könnten Bücher wie das von Stiehler etwas bewirken, wenn sie denn gelesen würden. Werbung dafür zu machen wäre vielleicht eine der wichtigsten Aufgaben einer langfristig angelegten Männerbewegung. Wobi man nicht so genau weiß, wie Generation Y (oder „Generation Maybe“) wirklich tickt.

    3. Bei noch älteren Männern hängt es sehr davon ab, wie positiv oder negativ die Beziehungen bisher verlaufen sind und wie sie sich persönlich entwickelt haben.

    Jedenfalls ist mir ein Rätsel, wie man eine Selbstfindung a la Stiehler in eine breitere Öffentlichkeit tragen könnte.

    Vielleicht sollte Herr Stiehler sich als Frau verkleiden und sein Buch unter dem Titel „Machokratie“ verkaufen, dann würde es in allen Zeitungen rezensiert und kostenlos beworben 🙂

  • Hallo Lucas,

    dein offener Brief ist sehr lesens- und nachdenkenswert. Falls es ok für dich ist, würde ich ihn gerne duplizieren und mit Quellenangabe veröffentlichen. Denn ich denke du hast, wie Arne auch, den Finger in die richtige Wunde gelegt.

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