Von MINT-Girls und gebrauchten Jungen – Der Girls‘ Day und der Boys‘ Day

VW ist für ein sehr gutes Programm beim „Zukunftstag für Mädchen und Jungen“ bekannt, und vor einiger Zeit fanden sich in meiner Klasse einige Schüler, die sehr interessiert daran waren. Unglücklicherweise waren alle Interessierten Jungen, und VW bestand darauf, das Programm ausschließlich Mädchen anzubieten. Da unter den Mädchen aber niemand etwas von VW wissen wollte, verfielen die Angebote, und wir mussten den interessierten männlichen Kindern erklären, dass sie für das Angebot leider eine ungünstige Geschlechtszugehörigkeit mitbrächten.

Das ist dann aber auch schon eine meiner wenigen seltsamen Erfahrungen als Lehrer mit dem Girls‘ Day, der an Schulen in Deutschland seit 2001 einmal im Jahr begangen wird – Mädchen haben hier einen Tag schulfrei, um Berufe im MINT-Bereich, also in der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kennenzulernen.

In Niedersachsen, wo ich unterrichte, gibt es stattdessen seit einigen Jahren den oben erwähnten Zukunftstag für Mädchen und Jungen“:

„Am Zukunftstag werden getrennte Angebote für Mädchen und Jungen vorgehalten, die es ihnen ermöglichen sollen, Einblicke in verschiedene Berufe zu erhalten, die geeignet sind, das immer noch stark geschlechtsspezifisch geprägte Spektrum möglicher Berufe zu erweitern.“
Das ist fast immer unspektakulär – für viele einfach ein Tag, an dem sie schulfrei haben, an dem sie Eltern oder Onkel oder Tanten in deren Berufe begleiten und bei dem sie selbst nicht so genau wissen, warum sie das nicht ebenso gut in den Ferien erledigen können. 
Pädagogisch eine äußerst fragwürdige Situation, weil hier offenkundig kein Gedanke an die Geschlechtergerechtigkeit des Unterrichtsarrangements verwendet wurde. Beim Girls‘ Day und Boys‘ Day gehen Jungen und Mädchen dann endlich in verschiedene Richtungen und arbeiten an ihren jeweiligen Defiziten (Mädchen: Selbstbewusstsein; Jungen: soziale Kompetenzen). Oder so.
Mir erschien der Girls‘ Day lange Zeit als Skurrilität, die sich überlebt hat. Seit 2011 wird sie vom Boys‘ Day begleitet, der wiederum dem Projekt „Neue Wege für Jungs“ entsprang.
Oftmals passen traditionelle Männlichkeitsvorstellungen nicht mehr zu modernen Partnerschafts- und Familienmodellen und zu den Anforderungen des Arbeitsmarkts.“
Das ist die Diagnose, die das Neue-Wege-Projekt in seiner Selbstbeschreibung stellt, und es macht damit auch seine Zielrichtung deutlich: Während es beim Girls‘ Day darum geht, Mädchen zu ermutigen und traditionelles Verhalten zu erweitern, geht es bei Jungen eher darum, „(männliche) Rollenbilder“ in Frage zu stellen.

Hier aber werden die Projekte dann eben doch interessant, weil sie viel darüber aussagen, wie sich die Verantwortlichen Jungen und Mädchen vorstellen – und wie sie sich eine Erziehung vorstellen, bei der die Geschlechtszugehörigkeit im Mittelpunkt steht.

Mädchen entwickeln sich. Jungen werden gebraucht. Das Heft planet-beruf.de.Mein Start in die Ausbildung wird von der Bundesagentur für Arbeit herausgegeben und richtet sich an ältere Schüler vor dem Schulabschluss. Die letzte Jahresausgabe ist wie schon im Vorjahr vom einen Ende aus gelesen eine für Mädchen – MINT for you – und von der anderen Seite aufgeschlagen eine für Jungen – SOZIAL for you. In der Heftmitte treffen sich dann Leserinnen und Leser zu einem Quiz, bei dem sie entweder „Sozial sein und gewinnen“ oder überprüfen können, ob sie ein „MINT-Girl“ sind.

Vorher wird den Mädchen dann die Arbeit in technischen oder naturwissenschaftlichen Berufen nahegelegt – am Beispiel von Melitta Bentz, die den Kaffeefilter erfunden hat (S. 4), oder am Beispiel von Jessica, die eine Ausbildung als Elektronikerin macht und deren Eltern nun froh sind, dass ihre Tochter „den Fön oder das Bügeleisen reparieren kann“ (8), oder am Beispiel der Anlagenmechanikerin in Ausbildung Ramona, der es schon früher Spaß gemacht habe, „bei Reperaturen in Haus und Garten zu helfen“ (10), oder auch ganz einfach am Beispiel eines Glases Orangesaft, bei dem die Leserinnen sich einmal vorstellen sollen, wie der Saft denn eigentlich in die Packung gekommen sei.

 
Ein komisch-skurriles Bemühen, Mädchen die MINT-Fächer im Rückgriff auf Tätigkeiten im Haushalt zu erklären – als ob die Klischees, die überwunden werden sollen, vorher unbedingt noch einmal genossen werden müssten.

Natürlich bleiben auch die obligatorischen Ermutigungen nicht aus:

„Mir gefällt auch, dass ich den typischen Vorurteilen entgegenwirke, dass doch Mädchen nicht in so einem Beruf arbeiten“,
sagt Jessica, und die Feinwerkmechanikern Tina stellt klar:
„Die vielen männlichen Kollegen sind kein Grund, sich abschrecken zu lassen. Ich denke mir dann einfach: ‚Ich zeig’s ihnen!‘“ (13)
Allgemein gilt natürlich:
„Oft unterschätzen Mädchen ihre Kenntnisse in den MINT-Fächern – sie sind besser, als sie denken!“ (5)
Bei Jungen ist diese Ermutigung selbstverständlich nicht nötig, dort wird an „Verantwortung“ appelliert. Mehrmals stellt die Broschüre klar, dass Jungen und Männer in sozialen Berufen dringend benötigt würden: Erzieher würden „extrem gesucht“ (13), in der Pflege würden Fachkräfte „dringend benötigt“ (5), der soziale Bereich biete „Jungs gute Aufstiegschancen“ (12) – ohne allerdings zu erwähnen, dass solche Aufstiege in der Regel bei Gehältern enden, bei denen andere, in einigen MINT-Berufen zum Beispiel, noch nicht einmal über einen Berufseinstieg nachdenken würden. 
„Häufig fehlen in den Familien die männlichen Vorbilder, da sind Jungs auf alle Fälle erwünscht.“ (9)
Das stimmt, aber dabei wird auch deutlich, dass die demonstrative Parallelität Girls‘ Day–Boys‘ Day nur scheinbar ist.

In sozialen Berufen, als Erzieher, Lehrer, Sozialarbeiter zum Beispiel, sind Jungen und Männer tatsächlich enorm wichtig und werden dringend benötigt – schließlich erleben viele Kinder und Jugendliche in Familien und Institutionen weitgehend oder gar ausschließlich weibliche Erwachsene, und ein stabiler vertrauenswürdiger Kontakt zu Männern ist für sie von zentraler Bedeutung.

Ähnliche Gründe dafür, dass in MINT-Berufen Mädchen oder Frauen arbeiten sollten, gibt es allerdings kaum – hier werden Fachkräfte unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit gebraucht. Die Orthopädietechnik-Mechanikerin Nora erzählt davon, dass „sich viele Kundinnen orthopädietechnische Hilfsmittel lieber von einer Frau anpassen“ ließen (2) – aber abgesehen davon wird beim Girls‘ Day nirgendwo klar, warum Computer, Heizungen oder Werkstoffe dringend auf eine Erhöhung des Frauenanteils im MINT-Bereich angewiesen wären.

Das ist schon für sich ein wesentlicher Unterschied: Während Jungen in soziale Berufe gehen sollen, weil sie dort von anderen gebraucht werden, sollen Mädchen in MINT-Berufe gehen, um ihre eigenen Möglichkeiten zu vergrößern.

Wer genau ist hier eigentlich privilegiert? Spätestens hier wird auch der vordergründig so sehr um Ausgewogenheit bemühte Zukunftstag von einem klassischen Problem der „geschlechterbewussten Pädagogik“ erwischt: von dem Problem nämlich, dass diese Form der Pädagogik notorisch und zuverlässig eben die Geschlechterklischees produziert, die zu überwinden sie vorgibt. Jungen sollen sich auf dem Erwerbsmarkt gerade so orientieren, wie Männer – und übrigens auch nicht-bürgerliche Frauen – dort ohnehin schon seit eh und je ihre Entscheidungen treffen: Sie sollen überprüfen, wo sie gebraucht werden, und sie sollen sich dort zur Verfügung stellen.

Für Mädchen hingegen wiederholt die Kampagne das Missverständnis der Erwerbsarbeit, das frauenpolitische Diskussionen spätestens seit de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ prägt – das Missverständnis nämlich, es ginge im Erwerbsleben vor allem darum, eigene Möglichkeiten zu vergrößern und eigene Potenziale zu verwirklichen.

Wer aber diese fixe Idee propagiert, die übrigens nur im Kontext äußerst privilegierter Arbeitsverhältnisse entstehen konnte, der trägt eben dazu bei, dass Mädchen sich NICHT in MINT-Berufe orientieren. Wenn es nämlich nicht so wichtig ist, mit einem guten Verdienst zu kalkulieren, und wenn es wichtiger ist, eigene Potenziale zu entfalten, dann werden weiterhin viele Mädchen und junge Frauen in soziale Berufe strömen – oder in die Medien – oder auch in künstlerische Berufe.

Das eben ist ein wesentliches Manko des Prospekts, der doch einen „Start in die Ausbildung“ verspricht: Er tut so, als ginge es bei der Erwerbsarbeit eigentlich gar nicht um den Erwerb. Damit aber kann er dann insbesondere die Jungen nicht ansprechen.

Denn tatsächlich – das ist gerade wieder in größeren Studien deutlich geworden – erwarten sehr viele junge Frauen ja weiterhin von ihren potenziellen Partnern ein so gutes Verdienst, dass es dazu reicht, ihnen ein Leben ohne Vollzeit-Beruf zu erlauben. Nach meiner persönlichen Erfahrung als Lehrer tun sie das sogar mit deutlich steigender Tendenz – sollte das verallgemeinert werden können, dann liegt das möglicherweise daran, dass die frauenpolitische Idealisierung der Erwerbsarbeit außerhalb ihrer medialen Wiederholungsschleifen mittlerweile einem eher nüchternen, realistischen Bild gewichen ist.

Das bedeutet aber auch, dass viele Mädchen dem eigenen Verdienst einen deutlich geringeren Stellenwert einräumen müssen als viele Jungen: Sie müssen sich in aller Regel deutlich weniger auf die Rolle des Allein- oder Hauptverdieners vorbereiten und stärker darauf, etwas zum Familieneinkommen dazu zu verdienen.

Daher ist es nicht nur herablassend, sondern auch einfach pragmatisch unsinnig, wenn Jungen suggeriert wird, sie hätten im sozialen Bereich ebenso etwas nachzuholen wie die Mädchen im MINT-Bereich – also ob in beiden Bereichen annähernd gleich bezahlt würde.

Pädagogik wäre viel einfacher, wenn nur die Kinder nicht wären Dass wiederum in sozialen Berufen die Bezahlung meist schlecht ist, hat wohl durchaus mit einem relativ hohen Frauenanteil zu tun. Frauenpolitikerinnen entwerfen an dieser Stelle oft ein Bild, als würden böse alte Männer heimlich das Marktgeschehen steuern und dafür sorgen, dass in Frauenberufen weniger verdient wird. Wenn aber Frauen tatsächlich weniger Wert auf eine gute Bezahlung der eigenen Arbeit legen müssen als Männer, dann steuern sie eben selbst ausbildungsintensive Berufe auch dann an, wenn diese Berufe relativ schlecht bezahlt sind.

Da so ein relativ stabiles Angebot an Arbeitskräften gesichert ist, entfällt die Notwendigkeit, die Berufe über höhere Löhne attraktiver zu machen. Der Druck für höhere Löhne fehlt – und er fehlt deshalb, weil viele Frauen ohne den Druck eines sehr guten Verdienstes ihre Berufswahl treffen können.

 
Eben dieser Druck aber ist für viele junge Männer deutlich größer.

Die gutgemeinte Zukunftstag-Kampagne ignoriert daher gerade die Kalküle, die Jungen und Mädchen anstellen und anstellen müssen, wenn sie Berufe wählen. Vor allem ignoriert sie die Zusammenhänge zwischen familiärer Position und Berufswahl.

 
Diese Zusammenhänge sind den Jugendlichen wiederum ganz selbstverständlich deutlich – schließlich erleben sie, dass Männer in der Kindessorge fehlen, sie erleben, dass Väter auf die Rolle der finanziellen Versorger reduziert sind, und sie erleben auch, wie ungleich die familiären Positionen von Frauen und Männern sind in einer Gesellschaft, die sich angeblich um Gleichberechtigung bemüht.

Wer über die Änderung sozialer Bedingungen etwas an der unterschiedlichen Position von Männern und Frauen in unterschiedlichen Berufsfeldern ändern möchte, sollte also zuallererst dafür sorgen, dass die familiären – und insbesondere: die rechtlichen – Positionen von Männern und Frauen gleichgewichtig sind. Wer das nicht will, muss sich die Rede von der „Gleichberechtigung“ sparen – in jeder Hinsicht. Bei Geschlechterallerlei hat der Blogger wiemanindenwald diese Zusammenhänge vor einiger Zeit klar herausgestellt.

Es wäre zudem hilfreich, wenn Ministerien in Zukunft davon absehen könnten, in regierungsamtlichen und steuermittelfinanzierten Programmen Männer pauschal als Gewalttäter zu präsentieren – dann wäre es vielleicht auch gar nicht mehr nötig, die Folgen dieser Misandrie durch weitere steuermittelfinanzierte Programme wieder aufzufangen.

 
Und selbst wenn  die sozialen und rechtlichen Bedingungen ausgeglichener wären, würden möglicherweise noch immer Unterschiede übrig bleiben – schließlich können sich auch biologische Unterschiede auf soziales Verhalten auswirken.

So ist denn der Zukunftstag mit seinem gutgemeintem Begleitmaterial vor allem ein Beispiel dafür, wie unangemessen eine Pädagogik ist, die Geschlechter naiv als Rollen begreift, die den Kindern vorgelebt und in die Kinder eingeführt würden – Rollen, die ebenso gut, bei entsprechenden und wohlgewählten anderen Vorbildern, auch geändert werden könnten.

Es ist eine Pädagogik, die ganz übersieht, dass Kinder und Jugendliche reale Erfahrungen machen, in einer realen Welt ihre Entscheidungen kalkulieren und dann auch real handeln müssen.

Lasst endlich die Feministinnen in Ruhe!

Als konservative Feministin, so schrieb die amerikanische Journalistin Christine Sisto vor wenigen Tagen im National Review, fühle sie sich desillusioniert und angegriffen von den Liberalen, welche die gegenwärtige feministische Bewegung dominieren würden.
„Und ich fange an zu glauben, dass Männerrechtsbewegung und feministische Bewegungen heiraten sollten. Wenn Feministinnen tatsächlich Gleichheit der Geschlechter wollen, dann sollten sie kein Problem mit Männern haben, die auf rechtliche und gesellschaftliche Bereiche hinweisen, in denen Männer unfair behandelt werden.“
Eine freundliche Äußerung mit einigen alarmierenden Aspekten – allein schon deshalb, weil viele Männer der Institution der Ehe gegenüber ohnehin misstrauisch geworden sind, mit guten Gründen. Wenn Feminismus und Männerrechtsbewegung heiraten würden, wie sähe dann eine Scheidung aus? Und was würde aus den – und welchen? – Kindern?
Vermutlich wüssten viele auch gern, ob Sisto mit „equality“ nun eigentlich Gleichheit, Gleichstellung oder Gleichberechtigung meint.
 
Nie wieder ganz entsetzt im Hier und Jetzt: Der Männerrechtler der Zukunft ist ruhig, gelassen und völlig desinteressiert am Feminismus

Vor allem aber spricht sich Sisto dafür aus, dass sich Männer stärker um die Belange von Männern kümmern und sich weniger am Feminismus abarbeiten sollten („to focus more on men, and less on criticizing feminists“). Die berühmte Webseite A Voice For Men würde sich zum Beispiel ganz auf den Hass auf Feministinnen konzentrieren – während andere, wie die National Coalition For Men, sich um die wirklichen Belange von Männern kümmern würden („some, like the National Coalition for Men, focus on real issues that men face“).

Mit der Annahme, dass der Feminismus für Männer eigentlich kein wirkliches Problem darstelle, würde Sisto unter Männerrechtlern wohl ziemlich allein dastehen. So vermutet Arne Hoffmann denn auch, dass ihre „Position zu empörtem Kreischen und Haareraufen unter Maskulisten ebenso wie unter Feministinnen führen dürfte“.
 
Was aber spricht denn eigentlich dafür, dass ein Engagement für Männerrechte immer zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Feminismus sein müsse?
Richtige Männer interessieren sich nicht für Feminismus. Oder? Einige Gründe jedenfalls legen es nahe, dass Sisto Recht hat.
Feminismus? Hast Du keine anderen Probleme?  Für spezifische Nachteile von Männern sind offensichtlich nicht allein Feministinnen verantwortlich. Das betrifft nicht bloß den Klassiker der Wehrpflicht. Problematisch für Trennungsväter sind nicht allein mutterfixierte Lobbyistinnen, sondern auch – gern ältere – Richter, die sich fragen, welches seltsame Problem ein Vater denn eigentlich hat, der für die Betreuung seines Kindes sogar die Erwerbsarbeit vernachlässigen möchte. Oder konservative Familienpolitiker, in deren Augen die Ehe weiterhin heilig ist und Väter ohne Sorgerecht selbst Schuld sind an ihrer Situation – sie hätten ja die Mutter ihrer Kinder einfach heiraten können.
Die Unterstützung der Frauenquote in Aufsichtsräten wiederum wird in vielen Fällen vermutlich kein Ausdruck feministischer Überzeugungen, sondern ein simples Mittel der Privilegiensicherung sein. Von dieser Quote profitiert schließlich nur eine Handvoll ohnehin gut etablierter Frauen, der Großteil wird von ihr kaum jemals profitieren können. Dafür nützt sie auch gut etablierten Männern, die sich darum bemühen, ihre Ehefrauen, Töchter oder Parteigenossinnen vorteilhaft unterzubringen.
Feminismus ist eigentlich nicht so wichtig Ohnehin geht eine beständige Feminismuskritik am Stellenwert feministischer Positionen für die meisten Menschen weit vorbei. Schließlich ist der Feminismus noch deutlich unwichtiger als, beispielsweise, die katholische Kirche – und schon jemand, der sich an der beständigen Kritik dieser Kirche festbeißen und sie für allerlei verbreitete Probleme verantwortlich machen würde, wirkte nach kurzer Zeit recht verbissen und albern.
 
Als „zuständig für Frauen und das ganze andere Gedöns hat Gerhard Schröder seine Familien- und Frauenministerin einst bezeichnet. Das ist bezeichnend für die Haltung vieler Männer, die den Feminismus erst gönnerhaft belächelt haben und ihn nun, nur noch heimlich lächelnd, ebenso gönnerhaft durch die politischen Institutionen winken.

Wer dagegen wieder und wieder feministische Positionen kritisiert, verschwendet in den Augen solcher Männer seine Zeit an etwas, das der Auseinandersetzung kaum wert ist – verschafft ihnen aber zugleich eine bequeme Gelegenheit, sich kostenfrei als aufgeklärter Beschützer der angegriffenen Weiblichkeit in Szene zu setzen.

Eine harmlose Ideologie und eine düstere Bibliothek Allerdings gibt es natürlich trotzdem – abgesehen von ihrem miserablen Selbstdarstellungs- und PR-Wert – vernünftige Gründe für Feminismuskritik.
 
Politisch statt sexistisch Klassische Position der zweiten feministischen Welle und ihrer Folgewellen skizzieren eine „Männerherrschaft“ oder beschreiben Vergewaltigung als Verbrechen aller Männer an allen Frauen, kommen mit Slogans wie „Weniger Mann ist mehr Mensch“ daher oder verwursten solche eitlen Sprüche gleich für ein Parteiprogramm:
„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Ein Buch der feministischen Autorinnen Cheryl Benard und Edit Schlaffer hieß „Laßt endlich die Männer in Ruhe“ und trat nicht etwa dafür ein, von misandrischen Klischees abzulassen, sondern lediglich dafür, dass sich Frauen mehr um sich selbst kümmern sollten, anstatt Zeit und Energie für Beziehungen mit Männern aufzubringen.

 
Feminismuskritik ist immer auch ein Versuch, solche Positionen aus männlicher Perspektive zu beantworten, ohne ihren deutlichen Sexismus zu wiederholen – sich also nicht gegen „die Frauen“ zu positionieren, sondern gegen „den Feminismus“. So sehr das auch verallgemeinernd sein mag, so ist es doch immerhin ein Fortschritt in Geschlechterdebatten und ein Versuch, sie politisch und nicht sexistisch zu führen.
 
Was sind denn eigentlich diese Männerinteressen? Zudem ist es fragwürdig, was eigentlich unter „den Männerinteressen“ zu verstehen ist, auf die sich eine Männerrechtsbewegung doch bitteschön konzentrieren sollte. Für Männer aller Schichten ist es traditionell normal, sich nicht allein an ihrer Geschlechtszugehörigkeit, sondern an ihren beruflichen und sozialen Positionen zu identifizieren – im Zweifelsfall nicht mit anderen Männern, sondern in Abgrenzung zu ihnen.
 
Die Identifikation über die eigene Geschlechtszugehörigkeit ist eine spezifische Sonderbarkeit der traditionellen Position bürgerlicher Frauen, die sich als Mutter und Ehefrau bestimmten und bestimmen. Da der Feminismus seit der zweiten Welle fast ausschließlich als akademisch unterfüttertes bürgerliches Selbstgespräch geführt wird, erscheint es daher in dessen Perspektive als ganz fraglos, von „den Fraueninteressen“ sprechen zu können – auch wenn die meisten Frauen davon weitgehend unberührt bleiben.
Für Männer hingegen werden gemeinsame Männerinteressen meist erst durch die Erfahrung relevant, dass sie als Männer angegriffen werden, als Männer ihre Kinder nicht sehen dürfen, als Männer für Unterdrücker erklärt werden oder für sexfixierte Deppen. Es kann daher eigentlich nicht ernsthaft überraschend sein, dass die Vertretung von Männerinteressen eng mit der Kritik an solchen feministischen Klischees verbunden ist.
 
Anstatt diese Kritik abzuwerten, wäre es daher sinnvoll, ab und zu einmal probeweise die Frage zu stellen, weshalb die überaus allgemeine und disparate Kategorie „Geschlecht“ eigentlich eine sinnvolle soziale Kategorie sein sollte. Ob es beispielsweise eigentlich irgendwelche vernünftigen Gründe dafür gibt, überhaupt von „den Männerinteressen“ oder „den Fraueninteressen“ zu reden.
Institutionalisierte Ungleichheit Auch wenn zudem feministische Positionen meist nicht das wesentliche Problem von Männern sind, so tragen sie doch oft entscheidend dazu bei, humane Veränderungen zu blockieren. Einschlägig ist die mittlerweile jahrzehntelangte faktische Kooperation konservativer Familienpolitiker mit frauenpolitisch Engagierten im Familienrecht. Es sind insbesondere feministisch orientierte Frauen, die darauf drängen, dass sich Parteien mit einem progressiven Selbstverständnis wie SPD und Grüne die reaktionäre Das-Kind-gehört-zur-Mutter-Position zu eigen machen und eine Gleichberechtigung von Vätern und Müttern effektiv verhindern.
Ohnehin beruht die Vorstellung, dass Männer doch bitteschön von der Kritik feministischer Positionen ablassen sollten, in aller Regel auf einem verharmlosenden Bild  – als ob jemand, der für Gleichberechtigung ist, damit eigentlich auch schon im Herzen ein Feminist wäre, und als ob es um mehr eigentlich gar nicht ginge.
 
Eben das ist ja ein  zentrales männerrechtliches Argument: Tatsächlich richtet sich feministische Politik, die in den öffentlichen Institutionen viel stärker verwurzelt ist als in den Überzeugungen der meisten Menschen, eher gegen Gleichberechtigung, als sie zu unterstützen. Wer in einer Männerherrschaft lebt, braucht schließlich als Frau ganz besondere Unterstützung und Schutz – die rechtliche und institutionelle Ungleichheit wird als Gegengewicht zu einer angeblich allumfassenden patriarchalen Gesellschaft imaginiert.
Blicke in eine seltsame Bibliothek Ein Blick in feministische Klassiker ist zudem meist sehr ernüchternd – diese Texte leben eher davon, dass niemand sie liest, als davon, dass sie sorgfältig studiert würden. Alice Schwarzers Phantasie einer Okkupation der reinen, heilen Frauenwelt durch männliche Besatzer in „Der kleine Unterschied“ etwa, oder Margarete Mitscherlichs saubere Aufspaltung von Aggression und Friedensliebe zwischen den Geschlechtern. Ein kleinerer, aber in der Politik der Väterausgrenzung sehr einflussreicher Klassiker ist Anita Heiligers Idealisierung der mütterlichen Alleinerziehung als Befreiung von männlicher Herrschaft.

Andrea Dworkin wiederum idealisierte den Mutter-Sohn-Inzest als Sexualität, die nicht von der Destruktivität erwachsener Männer geprägt sei. Als gewalttätigen Akt der Einschüchterung aller Frauen durch alle Männer beschreibt Susan Brownmiller  in Against Our Will, und auch dieses Beispiel lohnt einen näheren Blick. Die Rechtsordnung sei geprägt von dem „alten Potiphars-Frau-Syndrom“ (370), der uralten Furcht der Männer vor der Falschbeschuldigung – weswegen Regeln zur Beweislast aufgestellt worden wären, die eine Verurteilung von Vergewaltigungen erschwerten. Was Brownmiller eigentlich stört, ist der Gedanke, dass auch eine Frau in solchen Fällen eine unwahre Aussage machen könnte.

Resultat solcher Überlegungen, bis heute wirksam, ist nicht nur die Rede von einer Rape Culture, sondern auch die Forderung nach einem Ende der Unschuldsvermutung, die beispielweise von Schwarzer öffentlichkeitswirksam beim Prozess gegen Jörg Kachelmann erhoben wurde. Nun ist allerdings die Unschuldsvermutung kein patriarchaler Trick – der Sinn der Unschuldsvermutung ist nicht Täterschutz, sondern die Verpflichtung des Staates, die Ausübung staatlicher Gewalt zu legitimieren und ihrer Angemessenheit zu beweisen. Es ist nicht Aufgabe desjenigen Menschen, der staatliche Gewalt erfahren hat, die Illegitimität dieser Gewalt zu beweisen.
 
Wer das abschaffen will, will den autoritären Staat, der irgendwie immer schon weiß, was richtig und was falsch ist – und der nicht durch unnötige Fesseln daran gehindert werden soll, das zu exekutieren.

Schon bei einem kurzen Blick in deutsche und internationale feministische Klassiker wird es unverständlich, warum solche Schriften jemals als Plädoyers für Gleichberechtigung und Emanzipation, nicht als Beispiele für einen reaktionären Sexismus gelesen wurden. Dafür muss dieser Blick nicht einmal auf Solanas‘ Massenmordphantasie Scum fallen

 
Adam, Eva und: Warum ein linker Maskulismus wichtig ist Von wenigen, immer isolierten Ausnahmen abgesehen folgen diese und viele andere mögliche Beispiele klassischer feministischer Theorie demselben quasi-religiösen, tief reaktionären Muster:

Als wären nicht Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben worden, sondern als wäre Eva dort geblieben, während Adam in seiner Verirrung und seinem Größenwahn das Paradies verlassen hätte, um sich anderswo etwas Besseres zu schaffen – und als würde er nun wieder und wieder neidisch das Land Evas belagern und gewaltsam besetzen, weil er allein mit sich nicht leben, sich aber seine Verirrung auch nicht zugestehen kann.

So ist es offensichtlich eine falsche Alternative, zwischen männerrechtlichem Engagement und Feminismuskritik entscheiden zu müssen: Wer sich für die Rechte von Männern – und übrigens auch die von Kindern und Frauen – einsetzt, wird um Feminismuskritik nicht herumkommen; wer sich aber in einer solchen Kritik verbeißt und seinen Blick nicht weitet, wird sich für diese Rechte ebenfalls nicht sinnvoll einsetzen können.
Woher stammt denn beispielweise eigentlich das tiefe Bedürfnis, wesentliche Erfolge der Moderne – Rechtsstaatlichkeit, rechtliche Gleichheit, allgemeine Menschenrechte, aber auch basale Grundsätze von Wissenschaftlichkeit – über Bord werfen und durch die Annahme ersetzen zu können, Frauen hätten sich anders als Männer in allen Verirrungen der Moderne ihre naturwüchsige Menschlichkeit bewahren können? Wer die menschliche Gesellschaft wolle, müsse also nur die Frauen unterstützen: Warum sind ausgerechnet Parteien für solche reaktionären Sehnsüchte anfällig, die nach ihrem eigenen Selbstverständnis progressiv sind?
Eben hier hat der linke oder linksliberale Maskulismus eine wesentliche Bedeutung, weil er Denkroutinen – Feminismus sei immer irgendwie links, männerrechtliches Engagement immer irgendwie rechts – unterläuft und auf Fragen wie die eben skizzierten Antworten formuliert.
Daher ist es auch ein echtes Problem, dass linke Maskulisten nicht nur – was normal und richtig wäre – kritisiert, sondern von manchen Männerrechtlern regelrecht bekämpft werden. Wer jemanden als Speichellecker beschimpft, nur weil er ein differenziertes Bild von Feministinnen hat – oder wer den Schulterschluss mit der amerikanischen Rechten und ihrem sinnlosen Kulturmarxismus-Gerede sucht – der zementiert bestehende Fronten, anstatt sie zu analysieren.

Das gönnt feministischen Positionen wesentlich mehr Ruhe, als sie es verdient haben.

Christine Sistos Zitate am Beginn des Textes habe ich aus dem Englischen übersetzt. Hier ist das Original des längsten übersetzten Abschnitts:
 
And I’m beginning to think the men’s-rights and feminist movements should get married. If feminists really want equality between the sexes, then they should have no problem with men pointing out the areas in law and society where they are treated unfairly.

 

Susan Brownmiller habe ich zitiert nach:
Susan Brownmiller: Against Our Will. Men, Women and Rape, London (Penguin) 1977

OK, Kill Their Boys. Bring Back Our Girls.

Im Juni 2013 töte die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram 42 Jungen bei einem Angriff auf eine Schule: Die Jungen wurden zusammengetrieben, dann warfen die Mörder Sprengstoff auf sie.
 
Im September 2013 griffen Boko Haram-Terroristen nachts das College of Agriculture in Gujiba, Nigeria, an – sie attackierten gezielt die Schlafsäle der jungen Männer und töteten 44 von ihnen.

Im Februar 2014 wurden 59 Jungen einer nigerianischen Internatsschule von Boko Haram-Terroristen erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt. Die Mädchen der Schule ließen die Terroristen frei.

Ebenfalls im Februar 2014 überfielen Boko Haram-Terroristen das nigerianische Dorf Izghe, massakrierten dort über mehrere Stunden die männliche Bevölkerung, auch Jungen oder Babies. Unter den 106 Toten waren 105 männlich, und eine war eine Frau, die versucht hatte, ihren Enkel vor den Massenmördern zu schützen.

Im Mai und Juni 2014 begingen Boko Haram-Terroristen über viele Tage lang Massaker in verschiedenen Dörfern im Nordosten Nigerias. Die Terroristen traten zunächst als Soldaten auf, die vorgaben, die Bevölkerung vor Attacken Boko Harams schützen zu wollen – sie führten gezielt Männer und Jungen zusammen und eröffneten dann das Feuer auf sie. CNN spricht von etwa 400 bis 500 Toten.

Die Liste der Verbrechen der islamistischen Terrorgruppe könnte leicht fortgesetzt werden. Über all diese Verbrechen wurde zwar vereinzelt auch in den Nachrichten europäischer oder amerikanischer Medien Europas oder Amerikas berichtet, darüber hinaus erregten sie dort allerdings kaum Aufmerksamkeit.

 
Boko Haram wurde für eine weite Öffentlichkeit erst interessant, als die Terroristen der Gruppe im April 2014 eine Schule in Chibok, ebenfalls im Nordosten Nigerias, überfielen, 276 Mädchen entführten und ankündigten, sie als Sklavinnen zu verkaufen. Der Spiegel:
Ihre Kämpfer haben Kirchen angegriffen, Schulen überfallen, Selbstmordattentäter in vollbesetzte Pendlerbusse geschickt und ganze Dörfer niedergemetzelt. Mehrere tausend Menschen sind dabei seit 2010 getötet worden. International hat jedoch erst die Entführung der mehr als 200 Mädchen im April für größeres Aufsehen gesorgt.“
Dass es nicht immer nachvollziehbar ist, warum bestimmte Geschehnisse plötzlich Menschen überall auf der Welt interessieren, erregen oder bestürzen, während ganz ähnliche oder schlimmere Geschehnisse bei den meisten Erregten nicht einmal über die Wahrnehmungsschwelle gelangen – das ist nichts Neues. Hier aber ist die massive Spaltung der Aufmerksamkeit auffällig, weil es deutlich ist, dass sie genau zwischen den Geschlechtern verläuft – zwischen den Geschlechtern der Opfer nämlich.
 
 
Das Blog Toy Soldiers fragt:
„Falls dich die Entführung von 300 Mädchen aufgebracht hat, wie kannst du dann ruhig bleiben, wenn dieselbe Gruppe 500 Männer und Jungen ermordet?“ (If the kidnapping of 300 girls riled you up, how can you be silent when the same group murders 500 men and boys?)
Über die ermordeten Männer und Jungen – so der Videoblogger von Humanity Bites – wolle niemand reden:
„Die Medien schweigen. Die UN schweigt. Sogar die sonst so gesprächige Mrs. Obama schweigt. Es ist, als hätten diese Jungen und Männer nie gelebt“ (The media is silent. The UN is silent. Even the talkative Mrs. Obama is silent. It`s as if these boys and men never lived.)
Um zu erklären, warum das so ist, hilft ein Blick in eine deutsche Stadt – nach Darmstadt.

Ein verträumtes Horror-Ranking und ein schrecklicher Running Gag An der Technischen Universität in Darmstadt lehrt die Philosophie-Professorin Petra Gehring, die in der Emma davon berichtet, dass sie einen Traum hat:

„Ein Weltgastrecht für weibliche Flüchtlinge aus Kriegsgebieten.“
Es ist bei der Gelegenheit natürlich von großer Bedeutung, festzuhalten:
„Für die Frauen ist der Horror am größten.“
Selbstredend ist dabei der naheliegende Gedanke nicht so wichtig, dass ein solches Horror-Ranking möglicherweise sinnlos sein könnte angesichts einer Situation, in der beispielsweise kleine Jungen  bei lebendigem Leib verbrannt werden. Stattdessen stellt die Philosophin fest:
„Krieg ist nach wie vor Männersache, auch das macht ihn gespenstisch. Trotz Frauen im Soldatenberuf: In der Eskalation fallen die Geschlechterrollen wieder brutal auseinander.“
Dass es möglicherweise ein trügerisches Verständnis von Gleichberechtigung sein könnte, nun auch an Kampfeinsätzen teilnehmen zu dürfen, ist allerdings auch schon den Soldatinnen der US-Army klar geworden, von denen klugerweise nicht einmal jede zwölfte von diesen hart erkämpften gleichen Rechen Gebrauch machen möchte. 
 
Männer, die in den Krieg eingezogen wurden, hat dagegen in aller Regel niemand um ihre Meinung gefragt – wir krumm Gehrings Verständnis vom männlichen Geschlecht des Krieges ist, stellt beispielsweise ein Kommentar LoMis bei Alles Evolution heraus. 
„Die Annahme, dass Gewalt ein männliches Prinzip sei, ist unglaublich simplifizierend, weil sie ausblendet, wie komplex Gewalteskalation und Konflikte sind.“ 
Mit der Idee, dass Kriege Männersache seien, beginnt schon Margarete Mitscherlich ihre hier gerade erst diskutierte und so problematische Schrift „Die friedfertige Frau“, die selbst dem nationalsozialistischem Antisemitismus humane, ja liebevolle Seiten zuschreibt – solange es eben nur der Antisemitismus von Frauen ist. Eben die Gegenüberstellung des friedfertigen, zivilen weiblichen Opfers und des aggressiven, kriegerischen männlichen Täters rechtfertigt bei Gehring die Forderung eines exklusiv weiblichen „Weltgastrechts“.
 
Dass diese Gegenüberstellung wesentlich weniger über Kriege und Gewalt in Afrika aussagt als über den westlichen Blick darauf, stellte allerdings am vergangenen Wochenende ausgerechnet die taz klar. 
„Unter uns, die wir schon seit vielen Jahren über den Kongo berichten, ist ein Running Gag besonders beliebt: ‚Kommt ein Filmteam in den Dschungel geflogen und sucht eine vergewaltigte Frau. Es geht zum Dorfältesten und fragt ganz diskret nach. Der bestellt alle Dorfbewohner ein und spricht: ’Wer jemals Opfer sexueller Gewalt geworden ist, erhebe sich!‘ Alle stehen auf. Auch die Männer.‘ Das ist nicht nur ein Witz, sondern auch die bittere Wirklichkeit.“
Simone Schlindwein berichtet aus dem Kongo von einer umfassenden Gewalt in „brutalisierten Gesellschaften“, in denen westliche Korrespondenten aber immer wieder dazu neigten, sich das herauszupicken, was „am besten Schlagzeilen macht.“ Frauen beispielsweise, die vergewaltigt wurden, die dann aber manchmal noch von anderem berichten:
„Rebellen, die Raubzüge begehen, die junge Männer entführen, töten. Von ihren eigenen Männern, die eine Miliz gegründet haben, um sich zu wehren und seitdem im Wald leben und ebenfalls plündern und töten – eine Spirale der Rache. Die Vergewaltigungen waren nur die Spitze eines Eisbergs, eine Form der Gewalt, neben vielen anderen. Und es betraf nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Über fünfzig Männer wurden ebenfalls Opfer, inklusive dem Dorfvorsteher. Ich schämte mich furchtbar. Das war alles zu kompliziert, um es in der Zeitung zu beschreiben.“
Bei Petra Gehring hingegen ist die Welt noch in Ordnung, sauber aufgeteilt in männliche Täter und weibliche Opfer. In einer Neuauflage der Lysistrata-Komödie ist sie überzeugt, die segensreiche Weiblichkeit müsse den Männern nur entzogen werden müsste, um sie zum Frieden zu bewegen.
„Ich habe einen Traum: Lasst uns in großem Stil weibliche Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufnehmen! Öffnet die Kindergärten für afghanische Mädchen, bietet ihren Müttern Wohnraum und einen Job, schafft Studienplätze für syrische Studentinnen, holt weibliche afrikanische Vertriebene – kurzum: Schafft ein Weltgastrecht für Frauen!“
Selbst bei Kindern also fordert Gehring exklusive Rechte weiblicher Kinder, was eine Verweigerung der Hilfe für männliche Kinder wie selbstverständlich einschließt. Diese Selektion rechtfertigt sich nicht einmal mehr durch die Vorstellung, den erwachsenen Tätern Hilfe zu verweigern – hier erscheint schon die Männlichkeit an sich als Problem, von dem dann eben auch schon die Jungen affiziert sind.

Wie sich Integrität ganz einfach fabrizieren lässt Die Online-Petition Bring Back Our Girls, die sich an alle führenden Politiker der Welt („all world leaders“ richtet) richtet, war in kurzer Zeit ein enormer Erfolg. Deutlich mehr als eine Million Menschen haben bislang unterschrieben, der Twitter Hashtag #BringBackOurGirls wurde zu einem Symbol auch außerhalb des Netzes. Selma Hayek zeigte sich damit in Cannes,

Michelle Obama im Weißen Haus,

und schließlich stieg selbst der Papst twitternd ein.

Natürlich waren Fotos wie die Hayeks, Obamas und vieler anderer auch ein Mittel der Selbstdarstellung – mit der BringBackOurGirls-Kampagne kann sich jeder eine Demonstration moralischer Integrität fabrizieren, der in der Lage ist, einigermaßen fehlerfrei einen Hashtag abzuschreiben. Irina Shayk, Model und Freundin Cristiano Ronaldos, betrieb die Selbstdarstellung allerdings ein wenig zu unbekümmert.
Warum aber sollte der Papst eigentlich nicht für Mädchen beten können, ohne zugleich die Jungen ins Gebet einzuschließen? Und auch wenn der amtierende amerikanische Präsident Messias-Posen professionell und gekonnt einzunehmen versteht, ist er nicht allmächtig, kann mit seiner Frau nicht allen leidenden Kindern gleichzeitig helfen und muss nun einmal irgendwo anfangen – warum also nicht bei den Mädchen?
 
Die Kampagne für Mädchen, so könnte argumentiert werden, müsse doch keine Ausgrenzung der Jungen bedeuten. So wie beispielsweise Ulrich Wickerts explizite Aufforderung, Patenschaften für „benachteiligte Mädchen“  zu übernehmen, ja nicht notwendigerweise leugnet, dass auch Jungen das ein oder andere Problem habe – nur stehen die dann eben nicht im Fokus. Oder?

Keines dieser Argumente ist überzeugend. Würde ich sehen, wie ein dunkelhaariger und ein blonder Mensch zusammengeschlagen werden, und würde ich rufen: „Ey, lasst den Blonden in Ruhe!“ – dann wäre das ein stillschweigendes Signal der Gleichgültigkeit für das Schicksal des Dunkelhaarigen, ob ich es nun möchte oder nicht.

 
Es mag ja sein, dass die Entführung der Schülerinnen Aspekte enthielt, welche die Aufmerksamkeit westlicher Medien fesselten – beispielweise, dass hier junge Mädchen von Männern entführt und als Sklavinnen verkauft werden sollten.
 
Doch auch, nachdem Boko Haram schon in westlichen Medien bekannt geworden war, und nachdem jeder Interessierte wissen konnte und musste, dass die Terrororganisation oft sogar spezifisch gegen Jungen extreme und massenhafte Verbrechen verübt – auch dann noch war und ist das gewissenhafte menschenrechtliche Engagement ganz auf die entführten Mädchen fixiert.

Im Morgenmagazin der ARD war beispielweise in dieser Woche Ify Elueze zu Gast, die Urheberin der BringBackOurGirls-Petition. Sie erzählte, dass die Entführung der Mädchen ein Thema sei, das die Aufmerksamkeit aller verdiene – machte deutlich, wie erleichtert sie sei, dass die Welt endlich zuhöre – wie wichtig es sei, das Mitgefühl der Welt zu wecken – und dass sich doch auch Männer vorstellen könnten, wie es sei, wenn sie Töchter hätten und denen ähnliches zustieße. 

 
Auch der Moderator Sven Lorig machte wie selbstverständlich nicht darauf aufmerksam, dass die Gewalt in Nigeria keineswegs so geschlechtsspezifisch ist, wie Elueze das suggerierte – und dass durchaus auch Eltern von Jungen gewichtige Gründe haben, sich große Sorgen zu machen.

Wie die Gewalt in Nigeria von westliche Medien wahrgenommen wird, sagt eben nicht nur etwas über diese Gewalt aus, sondern auch, und womöglich mehr noch, über die westliche Wahrnehmung – und darüber, dass sich westliche Öffentlichkeiten weitgehend daran gewöhnt haben, Gewalt nur noch in einer irrationalen geschlechtsspezifischen Codierung wahrzunehmen. Als ob Gewalt nur dann  Gewalt wäre, wenn sie eine Gewalt von Männern an Frauen ist.

Eine solche Spaltung der Humanität aber ist nun einmal keine halbe Humanität, sondern eine ganze Inhumanität. Wer Menschenrechte nur selektiv akzeptiert, akzeptiert sie überhaupt nicht – denn es ist ja gerade ihre Pointe, dass sie für alle gelten, unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit und anderen spezifischen Merkmalen.

 
 
Deren Jungen, unsere Mädchen Die narzisstische Inhumanität der Darmstädter Philosophie-Professorin in der Tradition Mitscherlichs und die eitle Inhumanität der BringBackOurGirls-Selbstdarsteller ignoriert nicht nur das Schicksal und das Leid von Jungen – sie ignoriert sogar noch diese Ignoranz. Jungen werden nicht nur völlig vergessen, es gerät auch nicht einmal mehr in den Bereich der Wahrnehmung, dass hier überhaupt jemand vergessen wurde.

Wie aber sähe die Kampagne aus, wenn die Gleichgültigkeit gegenüber Jungen wenigstens offen ausgesprochen würde? Wenn klar würde, dass die Mädchen zwar „unsere“ Mädchen sind und wir uns ihr Schicksal zu eigen machen – dass die Jungen uns aber fremd bleiben?

Selma Hayek würde dann ein etwas verändertes Schild in die Luft recken

und Michelle Obama sorgenvoll eine andere Botschaft in die Kamera halten

und auch der Tweet des Papstes würde sich leicht verändern.

Natürlich: DAS hat ganz gewiss keiner der drei so sagen wollen, und auch niemand anderer der unzähligen Kampagnen-Teilnehmer. Warum dann aber überhaupt die Fixierung auf Mädchen?
 
Das Bild Irina Shayks auch zu verändern, lohnt sich kaum – ihre skurrile BringBackMyBra-Albernheit verballhornt die Kampagne ohnehin schon, wenn auch aus Versehen. Statt dessen zum Abschluss lieber ein anderes Bild, das ein unverändertes Originalfoto ist:

Stop Killing Our Children – Warum eigentlich ist die gesammelte Prominenz, bis hin zum Oberhaupt der katholischen Kirche, davon überzeugt, dass dieser Satz nicht ausreichen würde?

Wie Jungen zu Männern und Erwachsene zu Kindern werden – Richard Linklaters "Boyhood"

Über Richard Linklaters Film Boyhood schreibt Jochen Bordwehr in der taz:
„Das Leben eines Jungen interessiert Linklater, weil er wissen möchte, wie jemand ein Mann wird. Da dies nur in Gesellschaft möglich wird, sehen wir gleichzeitig, wie noch eine ganze Reihe anderer Menschen etwas wird: Die Zeit verändert alle.“
Das legt den Gedanken an einen klischeehaften Film nahe: Wir werden nicht als Mann geboren, wir werden dazu gemacht – wir werden dabei natürlich vom sozialen Umfeld geprägt – und mehr noch, nichts bleibt, wie es war, und die Zeiten ändern sich. Das aber täuscht. Der fast drei Stunden lange Film ist wesentlich differenzierter, ist zugleich unspektakulär und packend, und er führt tatsächlich vor, wie ein Junge zum Mann wird. Aber eigentlich geht es darum, wie Kinder erwachsen werden in einer Welt, in der die Eltern selbst nicht recht wissen, was dieses „Erwachsensein“ eigentlich ist.
 
 
Und: Es ist ein Film, der beiläufig und nachhaltig Zweifel daran wecken kann, ob Klischees gegenwärtiger geschlechter- und familienpolitischer Debatten eigentlich über ihre mediale Verwertung hinaus und für das Leben von Menschen eine ernstzunehmende Bedeutung haben.

Bibeltreue Hinterwäldler und eine postmortale Wiedervereinigung Als „überwältigend“ beschreibt Wenke Husmann den Film in der Zeit, , für Christiane Peitz vom tagesspiegel ist er schlicht „der schönste Film des Jahres“,  für Andreas Kilb von der FAZ „ein Triumph des amerikanischen Kinos aus europäischer Tradition“. Bei Rotten Tomatoes , der amerikanischen Internetplattform für die Sammlung von Filmkritiken, hat der Film derzeit die Traumquote von 100% positiven Bewertungen, und das ist verständlich.

 
Für ihn spricht allein schon die Zeit, die er sich lässt und die er nutzt, ohne langweilig zu werden – auch die Zeit, die Linklater für seine Entstehung genutzt hat. Der Film wurde über einen Zeitraum von zwölf Jahren gedreht, mit nur jeweils wenigen Drehtagen am Stück, und die Veränderungen sind an allen Schauspielern sichtbar – am deutlichsten an der Hauptperson, Mason jr. (Ellar Coltrane), der zu Beginn des Films gerade auf die Schule gekommen ist und der am Ende sein erstes Zimmer im College bezieht.

Der Film beginnt mit einem Umzug, einem von vielen: Olivia, die Mutter (Patricia Arquette), zieht mit ihren beiden Kindern Mason jr. und der älteren Schwester Samantha (Lorelei Linkwater, die Tochter des Regisseurs) nach Austin in Texas, weil sie dort ihr Studium beenden will. Von ihrem Mann Mason (Ethan Hawke) ist sie getrennt, und nachdem er für eineinhalb Jahre in Alaska gelebt hat, sieht er seine Kinder zu Beginn des Films zum ersten Mal nach langer Zeit wieder.

Hier wird der Film dann beiläufig zu einer kurzen Studie über die verquere Kommumunikation von Trennungseltern: Mason verbringt einen gelösten, fröhlichen Tag mit den Kindern, die wollen ihm schließlich ihre Zimmer zeigen, er geht mit ihnen nach Hause – und die Mutter beschwert sich, dass er damit die vereinbarte Übergabe der Kinder umgangen, ihre Tagespläne durcheinander gebracht und zudem mit den Kindern noch nicht einmal Hausaufgaben gemacht habe.

 
Mason und Samantha sehen ihrem Vater schließlich vom Fenster aus zu, wie er wortlos und nach der Zurechtweisung durch die Mutter geht, ohne sich von ihnen verabschieden zu können.

Die Perspektive dieser Szene prägt den Film: Die Kinder sehen den Erwachsenen zu, meist sehr ruhig, gelassen, besorgt, enttäuscht, und sie finden es oft ausgesprochen unverständlich, was ihre Eltern tun.

 
Die Hoffnungen, Vater und Mutter könnten wieder zueinander finden, versanden still, als die Mutter ihren College-Professor näher kennenlernt und schließlich heiratet – Mason jr. wird auch hier früh stiller Zeuge ihrer Freundschaft, als er seine Mutter in eine Vorlesung begleitet. Der Mann erweist sich als Alkoholiker, der erst die Kinder, dann die Mutter schikaniert und den sie verlässt, als er gewalttätig wird.

Olivia aber hat hier ihr Studium beendet und unterrichtet nun selbst Psychologie am College. Sie beginnt in einer Umkehrung der gerade beendeten Situation eine Beziehung mit einem Studenten, und auch hier beobachtet der nun schon jugendliche Mason jr. auf einer Party in ihrem Haus wortlos die Annäherung. Sie heiratet wieder, wieder scheitert die Ehe.

Noch einmal sieht Mason jr, sie bei einer Vorlesung, dieses Mal jedoch bei einer, die sie selbst am College hält: Thema ist ausgerechnet die Bindungstheorie John Bowlbys, und Olivia erzählt ihren Zuhörern überzeugt, mit innere Beteiligung und mit Witz darüber, dass es für Menschen lebenswichtig sei, sich an andere Menschen binden zu können.

Auch beim Vater taucht das Motiv der Bindungssehnsucht auf: Ein besonderes Geschenk, dass er seinem Sohn zum Geburtstag macht, ist das „Black Album“ – eine CD, die er selbst gebrannt hat, zusammengestellt aus Sololiedern der vier Beatles. Für ihn ist diese Zusammenstellung der Beweis, dass keiner der vier Beatles für sich, sondern allein die Kombination und Kooperation der vier das Besondere an dieser Gruppe geprägt habe. Eine postmortale Widervereinigung, in der sich die jugendliche Attitüde des Vaters – seine Begeisterung für Rock- und Popmusik, das sorgfältige Zusammenstellen einer eigenen CD – mit seiner Sehnsucht nach einer Heilung der Trennung verbindet.
 

Anders als die Mutter aber lebt er schließlich auch in einer stabilen Bindung, hat ein Kind mit einer anderen Frau, deren Eltern bibeltreue texanische Hinterwäldler sind. Ihre Mutter schenkt Mason jr. seine erste Bibel, eine „Jesus Bibel“ natürlich, in der alle Zitate von Jesus rot hervorgehoben sind – ihr Vater schenkt ihm sein erstes Gewehr, dass er selbst schon von seinem Vater geschenkt bekommen habe, als er etwa in dem Alter Masons gewesen sei.

Die Szene ist nicht satirisch gestaltet, obwohl hier gerade im Kontrast zum Obama-Fan Mason sr. eine Bloßstellung der Großeltern als engstirnige Frömmler leicht gewesen wäre. Linklater erklärt im Interview die autobiographischen Wurzeln dieser Situation und erzählt von Stief-Großeltern, die er plötzlich gehabt habe und die ihm als Dreizehnjährigen Bibel und Gewehr geschenkt hätten, als selbstverständliches ost-texanisches Initationsritual – „my redneck Bar Mitzvah“.

Zwei Aspekte prägen diese Szene, die für den Film insgesamt bedeutend sind. Der Verzicht darauf, etablierte politische Frontlinien (Republikaner vs. Demokraten, Traditionalisten vs. Progressive, Land vs. Stadt etc.) blind nachzuzeichnen und dabei Partei zu ergreifen – und die Bedeutung des elterlichen Erbes, der Weitergabe von den Eltern an die Kinder.

 
Als Mason sr. seinem Sohn stolz erzählt, dass er seinen alten Wagen sehr vorteilhaft verkauft habe, um sich den neuen, familientauglicheren leisten zu können, ist sein fünfzehnjähriger Sohn schwer enttäuscht – den alten Wagen nämlich hatte der Vater ihm, als er noch ein kleines Kind war, zu seinem sechzehnten Geburtstag versprochen. Der Vater hat das Versprechen längst vergessen, dem Sohn war es ein Jahrzehnt lang präsent, und er kann nicht verstehen, dass es für den Vater nicht die gleiche Bedeutung hatte.

Das Motiv der Enttäuschung der Kinder durch ihre Eltern durchzieht beiläufig den ganzen Film.

 
 
Die Freiheit der Erwachsenen und die Verantwortung der Kinder Möglicherweise ist es gerade die Freiheit von selbstverständlich gültigen familiären Ordnungen, von vorgestanzten Lebenswegen, die ihre Eltern überfordert. Der Vater wirkt zu Beginn im Spiel mit seinen Kindern oft eher wie ein großer Bruder als wie ein Vater – er singt ihnen ein Lied vor, in dem er seine Schwierigkeiten als Trennungsvater besingt und das für Erwachsene gewiss rührend ist, die Kinder aber überfordert – er fordert hartnäckig, dass seine Kinder doch bitteschön mit ihm reden sollten – und sein Versuch, bei der Gelegenheit gleich ein wenig Sexualaufklärung zu betreiben, endet in einem peinlichen, für alle Seiten aber auch witzigen Fiasko: „Macht nicht meine Fehler nach, nehmt Kondome“ rät er den fassungslosen Kindern, die eben diesen Fehlern ihr Leben verdanken.

Im Laufe des Films aber wächst der Vater aus dieser Haltung heraus, und was zu Beginn skurril wirkt – wie das hartnäckige Bestehen darauf, dass seine Kinder doch bitte mit ihm reden mögen –, trägt dazu bei, dass die Beziehung zu den Kindern intakt bleibt. Am Schluss führt er ein Gespräch mit seinem Sohn, in dem er ihm zuerst wie ein guter Kumpel rät, man müsse nur – wie er selbst, der in einer Band gespielt habe, oder wie der Sohn mit seiner Begeisterung für Fotografie – etwas Besonderes haben und sich von der Masse abheben, dann würden die Frauen Schlange stehen.

 
Dann aber verwandelt sich das Gespräch in ein ernsthaftes Vater-Sohn-Gespräch: Mason jr. fragt, worum es eigentlich geht im Leben – und der Vater antwortet lachend, davon auch keine Ahnung zu haben: „Wir improvisieren alle nur.“

Die Zeit der bescheidwissenden Erwachsenen ist in diesem Film lange vorbei, aber der Vater präsentiert wenigstens ein erfolgreiches Modell des Improvisierens im Blindflug – und der Rat an den Sohn, darauf zu achten, dass er etwas Besonderes haben solle, bekommt in diesem Kontext eine andere, weitere Bedeutung als vorher. Ein ironisiertes Vater-Sohn-Gespräch, dass gerade in seiner Ironie schließlich ernsthaft werden kann.

Masons Leidenschaft für das Fotografieren, die für seinen Weg eine zentrale Bedeutung gewinnt, erläutert Linklater im Interview ganz in diesem Sinn als ein Erbe seines Vaters – er sollte zunächst „ein Musiker werden würde, wie sein Vater im Film“, als aber der Schauspieler Ellar Coltrane über die Jahre hinweg eine „visuelle Ader“ entwickelt habe, habe er ihn zum Fotografen gemacht.

Die Entwicklung der Mutter ist deutlicher, ihre Pointe aber auch bitterer. Olivia ist schließlich längst etabliert, hat sehr viel mehr aus sich gemacht als Mason sr., unterrichtet am College – aber am Ende ist sie noch immer die Tochter, die den Sohn in die Elternrolle drängt. Als Mason jr. seine Sachen packt, um sein Zimmer im College zu beziehen, sitzt sie am Tisch und fängt plötzlich an zu schluchzen. Viele Meilensteine, so sagt sie, lägen nun hinter ihr, nur einer noch vor ihr: ihre Beerdigung. Gerade als der Sohn geht, hält sie ihn in einer ultimativen Verantwortung für die verzweifelte Mutter fest.

Sie hat zielstrebiger als Mason sr. ihren Weg durch die Institutionen gemacht und sich erfolgreicher etabliert, aber ihre Entwicklung wirkt am Ende äußerlicher als die des Vaters.

„Dass sie am Ende trotz aller Irrwege in Liebesdingen dann doch immer genau das Richtige tut, hat sie ihrer tiefen Menschlichkeit zu danken.“
So Wenke Husmann in der Zeit, und das hat mehr mit gängigen Mutteridealisierungen zu tun als mit der Filmfigur der Olivia. „You are responsible for your Actions“ (Du bist verantwortlich für Deine Handlungen) steht auf einem Plakat in der Schule an dem Mason vorbei geht, als er sich nach einem erneuten Umzug wieder einmal in einer neuen Schule und neuen Schulklasse vorstellen muss. Der pädagogische Spruch fordert Kindern selbstverständlich etwas ab, was die Erwachsenen des Films immer wieder verweigern.
 

Zielstrebige Frauen, verwirrte Männer und eine Welt voller Roboter Der Vater hingegen, in Husmanns Augen am Ende schlicht „als biederer Versicherungsangestellter verbürgerlicht“, hat eine Balance gefunden zwischen zwei Extremen, von denen das eine Olivia besetzt und das andere ein Freund, der am Ende des Films, mit verbrauchtem Gesicht und unveränderlichem Selbstbewusstsein, noch immer ein stilvoll-erfolgloses Leben als Gitarrist einer Bluesband führt: zwischen den Extremen der Anpassung an vorgeformte Lebenswege und der weitgehenden Verweigerung.
Die Elternkonstellation wiederholt sich bei Mason jr. und seiner ersten Freundin, Sheena, die ihn kurz vor dem Ende der Highschool für einen College-Studenten verlässt. Sie wirkt neben Mason zielstrebig, sauber und geschmackvoll gekleidet, bereit für die Zukunft – er wirkt neben ihr wie ein Loser, der es nicht für nötig hält, ab und zu auf sein Äußeres zu achten und der Phantasien spinnt, ob denn nicht möglicherweise alle Menschen Roboter sein könnten, und ob es eigentlich vermeidbar sei, selbst zum Roboter zu werden.

Es wäre leicht, solche Konstellationen von zielstrebiger Frau und verwirrtem Mann mit Rosins Rede vom „Ende der Männer“ zu interpretieren, aber solchen Interpretationen entgingen gerade die wichtigsten Elemente der Situation.

 
Tatsächlich blitzen ab und zu Männlichkeitsklischees in dem Film auf, aber sie werden abgehandelt wie eine ungeliebte Hausaufgabe und bleiben unverbunden: der College-Professor, der sich als gewalttätiger Alkoholiker erweist – die Freunde, die sich ganz wie in der Holzhammer-Teenie-Komödie American Pie gegenseitig mit phantastischen Erzählungen über ihre sexuellen Erfolge unter Druck setzen, die dabei mit Kennermiene abfällig über die „Pussies“ reden, aber eigentlich noch allesamt sexuell unerfahren sind.

Von solchen gängigen Klischees ist der Film sonst weit entfernt. Seine Perspektive thematisiert er unterschwellig selbst in einer Szene, in der Mason jr, ein Footballspiel an seiner Schule fotografieren soll, seine Kamera aber nicht auf das Spiel richtet, sondern viel faszinierter ist von den Strukturen eines Netzes an der Seite und dem Blick auf die Zuschauer durch dieses Netz.

 
Auch der Film selbst lässt einschlägige Momente aus – Masons und Sheenas ersten Kuss zum Beispiel, oder den Moment ihrer Trennung – und zeigt stattdessen alltäglichere Augenblicke, wie etwa ein Gespräch Masons und Sheenas, das sie spät in der Nacht in einem Imbiss Austins führen, in Gedanken schon beim bald beginnenden College.

Gerade weil der Film auch formal viele Klischees vermeidet, wirken hier gewohnte Interpretationsroutinen plötzlich hohl. Eine große Ähnlichkeit hat er darin mit einem anderen Werk, das ebenfalls über Jahre hinweg und umfangreich von familiären Beziehungen in den USA des beginnenden 21. Jahrhunderts erzählt: mit Jonathan Franzens Freedom. Franzens Roman ist wie Linklaters Film geprägt von einer deutlichen, vielleicht auch ratlosen Skepsis gegenüber den Versprechen einer Freiheit, die sich als beständige Möglichkeit der Auflösung von Bindungen definiert – und von einer Aufwertung menschlicher Bindungen, die im Roman wie im Film vor allem familiäre Bindungen sind.

Das als einen konservativen Backlash hinzustellen, würde lediglich die gewohnten, aber auch bequemen Frontlinien in geschlechter- und familienpolitischen Debatten nachziehen – die bürgerliche Familie erscheint im Roman wie im Film nicht als heilsbringende Institution, aber ihre Auflösung eben auch nicht als Schritt in die Freiheit. Resultat dieser Auflösung sind hier nicht freie Erwachsene, sondern Erwachsene, die sich angesichts ihrer Überforderung in kindlichen Positionen zurückziehen und die ihren Kindern früh Elternverantwortung auferlegen.

Der Film erzählt, wie auch Franzens Roman das tut, über eine große Zeitspanne, er dokumentiert die Veränderungen seiner Protagonisten wie die der Nebenfiguren, er lenkt dabei meist die Perspektive weg von spektakulären und gewohnten Schlüsselmomenten und hin zu unscheinbareren Alltagssituationen. Sein Interesse ist offenkundig nicht die Frage, wie Protagonisten sich in aus vielen Filmen gewohnten Positionen – als zielstrebiger Erfolgsmensch, als wehrhaftes Opfer, als jämmerlicher Loser – präsentieren.

Sondern die Frage, was denn eigentlich ein Leben trägt.

 
Dass diese Frage aber nicht mit dem twitter- und aufschrei-tauglichen Instrumentarium gängiger aufgeregter geschlechter- und familienpolitischer Debatten beantwortet werden kann, ist bei Licht besehen keine große Überraschung.

Wozu männliche Monstren und friedliche Frauen gut sind – Margarete Mitscherlichs "Die friedfertige Frau"

Angenommen, eine psychisch kranke Frau würde in den USA vier Frauen und zwei Männer erschießen –
 
angenommen, sie würde Videobotschaften sowie ein langes Manuskript hinterlassen, in denen sie die mangelnde Aufmerksamkeit von Männern und die Unwürdigkeit anderer, bei Männern erfolgreicher  Frauen für ihre Taten verantwortlich macht –
 
und weiter angenommen, diese Verbrechen würden sogleich in wichtigen Massenmedien, aber auch in Blogs und sozialen Netzwerken von Männern weltweit erregt als Beispiel für ein typisches, allüberall verbreitetes unersättliches weibliches Anspruchsdenken („female entitlement“) gewertet –
 
und Widerspruch von Frauen gegen solche maßlosen Verallgemeinerungen würde sogleich als weiterer Beleg dieses bedingungslosen Anspruchsdenkens interpretiert werden  –
 
läge dann nicht die Frage nahe, wie um Himmels Willen Männer eigentlich auf die verrückte Idee kommen, für die Verbrechen einer Frau schlankweg alle anderen mitverantwortlich zu machen?
Friedfertigkeit und Weiblichkeit, ein wenig versteinert
Angenommen, ein Bundesministerium würde sechs Millionen Euro investieren, um eine Telefonhotline einzurichten, an die sich Menschen wenden können, wenn sie in persönlichen Beziehungen Gewalt erfahren –
 
weiter angenommen, diese Hotline würde sich ausschließlich an Männer richten, während Frauen allein als Täterinnen präsentiert würden –
 
würde dann nicht der verantwortliche Minister erhebliche Schwierigkeiten bekommen, anstatt sich und dieses Projekt auch noch feiern zu können?
 
Angenommen, die Grundrechtsagentur der EU würde eine europaweite Studie zu Gewalterfahrungen von Menschen beauftragen, in der seltsamerweise ausschließlich Männer zu ihren Gewalterfahrungen in Partnerschaften befragt werden –
 
eine Studie, die einen so weiten Gewaltbegriff verwendete, dass demnach fast jeder schon einmal Gewalt erfahren hat, und die zugleich unzählige Studien ignorierte, nach denen Gewalt in Partnerschaften annähernd gleichmäßig zwischen den Geschlechtern verteilt ist –
 
und würde dann verkündet werden, dass mindestens jeder dritte Mann in Europa Opfer von Frauengewalt ist –
 
würde sich dann die Agentur nicht augenblicklich für ihre sexistisch einseitige Interpretation der Grundrechte rechtfertigen müssen?
 
Wenn es so ist: Wie ist es dann möglich, dass andersherum klischeehafte Verknüpfungen von Männlichkeit und Gewalt und ein verbissenes Festhalten an der Idee weiblicher Gewaltlosigkeit völlig selbstverständlich verbreitet werden können?
 
Zur Beantwortung dieser Frage lohnt es sich, ein wenig Gegenwartsarchäologie zu betreiben und ein Buch neu zu lesen, das 1985 ein enormer Erfolg war, das noch im selben Jahr in der vierten Auflage erschien und angesichts dessen Kritiker noch heute von einem „epochalen Werk“ sprechen:Die friedfertige Frau von Margarete Mitscherlich, die – so Jan Feddersen im Spiegel anlässlich ihres Todes 2012 – „eine Ikone der 68er und der Frauenbewegung“ war.

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Ein Mörder und viele Leichenfledderer (Monatsrückblick Mai 2014)

Ein junger Mann, zweiundzwanzig Jahre alt, tötet in Santa Barbara vier Männer und zwei Frauen und verletzt mehrere weitere Menschen mit Schüssen, bevor er schließlich nach einem Schusswechsel mit der Polizei tot aufgefunden wird – offenbar hat er sich schließlich selbst erschossen.
Das Motiv des Mannes, Elliot Rodger, der offenbar unter Asperger litt: Er wütet, weil er noch nie mit einer Frau geschlafen hat, weil eine Frau ihn offenbar noch nie attraktiv fand, weil Frauen ihm andere Männer, die er als unwürdig empfindet, vorziehen – und das, obwohl er aus einer reichen, erfolgreichen Familie stammt, teure Autos fährt und ein eine eure Sonnenbrille besitzt.
 
Mit diesem Bild macht die große britische Tageszeitung The Guardian einen Artikel über eine Mordserie an vier Männern und zwei Frauen auf. Quelle
Mediale Reaktionen  auf die Morde sind zu einem großen Teil ernüchternde, aber auch erschreckende Beispiele der öffentlichen Darstellung von Männern – Beispiele, zu denen es schließlich im Monat Mai auch, glücklicherweise, Gegenbeispiele gab.
Wie man Leichen schnell verwertet (bevor es andere tun) Elliot Rodger hat Phantasien des Massenmordes an Männern wie an Frauen öffentlich verbreitet: Frauen ekeln ihn an, weil sie ihn nicht erhören, andere Männer ekeln ihn an, weil Frauen sie und nicht ihn erwählen. Seine ersten Morde sind die an drei jungen Männern, die mit ihm zusammenwohnen. Gleichwohl beginnt die Grimme-Preis-nominierte feministischen Webseite kleinerdrei ihren Artikel zum Thema mit einer unbekümmert einseitigen Warnung:
[TW Gewalt an Frauen, Frauenhass].
Die Autorin Juliane Leopold, die sonst auch bei Zeit-Online schreibt, sieht offenbar keinen Grund zu der Befürchtung, dass für das Publikum von kleinerdrei auch Männerhass und Gewalt an Männern einen Schrecken besitzen könnten.
Ganz ähnlich empört sich die Bild-Zeitung schon in ihrer Überschrift über zwei getötete Frauen und erwähnt die vier getöteten Männer im Text immerhin nebenbei. „Frauenhass tötet“, behauptet Jessica Valenti im Guardian, einer der wichtigsten britischen Tageszeitungen, und schreibt, Rodger habe bei seiner Mordserie offenbar Vergeltung an den Frauen üben wollen, die ihn abgewiesen hatten („allegedly seeking ‚retribution‘ against women whom he said sexually rejected him“).
Das Geschlecht seiner Opfer lässt Valenti sorgfältig unbestimmt – angesichts der Konsequenz, mit der sie „Frauenhass“ als Motiv angibt, muss aber natürlich der Eindruck entstehen, die Ermordeten seien durchweg Frauen gewesen.
 
Statt das klarzustellen, spekuliert sie dann doch lieber darüber, dass Rodger mit der Männerbewegung im Internet zu tun gehabt habe („was reportedly involved with the online men’s rights movement“). Tatsächlich hat er offenbar in einem Forum Kommentare gepostet, in dem sich Männer sammelten, die vom Pick Up – kurz: einer mehr oder weniger kohärenten Sammlung von Hinweisen, wie Männer Frauen verführen können – enttäuscht waren.
Valenti wendet sich, wie übrigens auch die deutsche Bloggerin tofutastisch, entschieden dagegen, Rodgers Taten mit seiner psychischen Erkrankung in Zusammenhang zu bringen – das würde nur ihre Entstehung in der rape culture, der frauenhassenden, die Vergewaltigung legitimierenden Kultur verdecken, mit der allein die Taten erklärt werden könnten. Tofutastisch korrigiert ihre ursprüngliche Aussage, Rodger hätte sechs Frauen ermordet, immerhin so weit, die Berichte seien sich
„uneinig darüber, wie viele der Ermordeten männlich* und wie viele weiblich* waren“.
Dass der Täter doppelt so viele Männer wie Frauen ermordet hat, interessiert schließlich in Zeiten der Verflüssigung von Geschlechterrollen ohnehin nur am Rande. Zumindest, solange nicht nur Frauen die Opfer sind.
Einig immerhin sind sich Bloggerinnen und Journalistinnen darin, dass Rodger getragen worden sei von, so Leopold, einer
„Gruppe von Menschen und eine Mentalität, die den Wert von Frauen davon abhängig macht, wie nett sie zu Männern sind.“
Antje Schrupp greift bis weit ins Mittelalter zurück, um „die weibliche Pflicht zu lieben“ als eine Konstante unserer Kultur zu präsentieren. Valenti stellt fest, dass Rodger, wie den meisten jungen amerikanischen Männern, beigebracht worden sei, dass er einen Anspruch auf Sex und weibliches Begehren habe („Rodger, like most young American men, was taught that he was entitled to sex and female attention.“). Von wem aber wurde ihm das beigebracht?
 
Das macht Laurie Penny im New Statesman in einem Text klar, der sich in einem Wettbewerb um die unverhohlenste journalistische Hetze mühelos auch gegen die hier ja  keineswegs schüchtern-verdruckste Konkurrenz durchsetzen könnte.
Auch Penny läss das Geschlecht der Ermordeten offen, suggeriert aber wie Valenti, dass es Frauen seien – Rodger habe Rache üben wollen an
„all den ‘Schlampen‘, die ihn sexuell abgewiesen hatten“ („take revenge on all the “sluts” who had sexually rejected him”).
Ganz allgemein und nicht direkt auf den Fall bezogen sinniert sie später über Frauen und unglückliche männliche Zuschauer („women and unlucky male bystanders“), die durch Männergewalt ihr Leben verlieren würden.
Penny skizziert eine Welt, in der Männer sich um ein „Geburtsrecht auf einfach zu erlangende Macht“ betrogen fühlten („the conviction that men have been denied a birthright of easy power“) und in der Frauen Männern prinzipiell Sex und Anerkennung schuldeten – in der Vorstellungswelt von Männern wie Rodger nämlich.
 
Sie habe, so Penny als „Aktivistin im Bereich geistiger Gesundheit“, keine Zeit, die Sprache für emotionale Not als Enschuldigung für Greueltaten zu verwenden („But as a mental health activist, I have no time for the language of emotional distress being used to excuse an atrocity…“) – was, wenn auch verschwurbelter formuliert, einfach die Argumentationen aufgreift, die sich so auch bei Valenti oder tofutastsich finden. Tatsächlich seien Rodgers Taten natürlich nicht die eines Kranken gewesen, sondern Ausdruck einer extremistischen Kultur des Frauenhasses.
Wenn einer ihrer Leser, an die sie sich dann unvermittelt direkt wendet, die geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen nicht angemessen wahrnehme, weil er Männer nicht pauschal als Gruppe für Verbrechen verantwortlich machen wolle, dann
„bis du Teil des Problems. Du hast vielleicht den Abzug nicht gezogen. Du hast vielleicht nie die Hand gegen eine Frau in deiner Umgebung gehoben. Aber du bist Teil des Problems.” (1)
Wer das nicht einsieht, sei also mitschuldig an den Verbrechen. Die Geschichte Rodgers präsentiert Penny als
Geschichte eines jungen Mannes, der kaum die Kindheit verlassen habe und schon verführt worden sei von einem verstörenden Kult des Frauenhasses. Elliot Rodger war ein Opfer – aber nicht aus den Gründen, die er selbst annahm.” (2)
Wer aber sind diese gewissenlosen Verführer? Der Massenmord in Santa Barbara sei der erste bestätigte Fall, in dem ein blutiges und abstoßendes Verbrechen direkt verbunden sei mit der Kultur der Männerrechtsbewegung und der Pick-Up Artists, einer Ideologie, die es auf verlorene, wütende junge Männer abgesehen habe und die nicht länger ignoriert werden dürfe. (3)
Angehörige dieser Gruppen präseniert Penny wie Schwerverbecher. Andere Männer müssen sich fragen:
Wer sind diese Leute? Wo leben sie? Und die unausgesprochene Angst: Kenne ich sie? Bin ich vielleicht schon einmal einigen von ihnen begegnet, habe ich mit ihnen etwas getrunken?“ (4)
Welche Belege aber bringt Penny eigentlich für die Anschuldigungen, dass Männerbewegung und PU-Artists Teil eines gemeinsamen Kultes seien, der den Zweck habe, Frauenhass zu verbreiten und der an den Verbrechen weitaus schuldiger sei als Rodger selbst?
Keine. Anschuldigungen wie diese sind offenbar selbstlegitimierend – selbst ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat wäre für solche entmenschlichten Gegner offenbar noch zu schade.
Warum männliche Täter begehrt sind und männliche Opfer verschwinden Dabei gibt es ja durchaus Zitate von Männern, die sich in Elliot begeistert spiegeln – die in seiner Not ihre eigene entdecken und die ihn zu einem Helden der Unerhörten aufbauen. Allerdings haben solche Positionen eben wenig mit Männerrechten zu tun und wenig mit Pick Up (das legt Christian Schmidt auch bei Alles Evolution dar).
 
Dass sexuelles Angezogensein nicht eingeklagt werden könne, ist sogar ein verbreiteter PU-Grundsatz: Attraction is not a choice. Wenn ein Mensch nicht frei wählen kann, wann oder von wem oder wodurch er sexuell angezogen wird, dann hat es selbstverständlich auch keinen Sinn, ihm eine eine entsprechende moralische Pflicht aufzuerlegen.
Ohnehin ist im Fall Rodger die Rede vom male entitlement – vom männlichen Anspruchsdenken – krumm. Tatsächlich führt der Mörder ein extremes Anspruchsdenken vor – aber er begründet es eben nicht einfach darauf, ein Mann zu sein, sondern darauf, dass er besser sei als andere Männer, mehr habe, bessere Autos fahre und bessere Sonnenbrillen trage, der „erhabene Gentleman“ sei.
 
Es ist das Anspruchsdenken eines jungen Menschen aus den besten Kreisen, der in den eigenen Augen mehr ist als das Fußvolk, das ihn umgibt. Als Schutzpatron der ABs, der Erwachsenen ohne Sexual- und Beziehungserfahrung, eignet er sich ebenso wenig wie als Inbegriff des typischen Mannes.
Erkennbar ist bei Rodger allerdings eine ungeheure, bodenlose Bedürftigkeit nach weiblicher Bestätigung. Wer die Empfindung eines eigenen Werts so extrem von der Aufmerksamkeit und dem Begehren anderer abhängig macht, der wird es vermutlich tatsächlich als fair empfinden, zumindest genau wissen zu können, was er selbst dafür tun muss. Ob andere ihn begehren, ist ihnen in seinem gedanklichen Kosmos dann tatsächlich nicht mehr freigestellt – wenn er getan hat, was er solle, muss die Gegenleistung kommen.
Der völlig naheliegende Gedanke, dass bei Rodger Frauenhass UND Männerhass verknüpft sind mit einer enormen Unfähigkeit, frustrierende Erfahrungen zu verarbeiten, eignet sich allerdings kaum für politische Propaganda. Texte wie die von Penny, Valenti,  Leopold von kleinerdrei und anderen betreiben eine politische Leichenfledderei, die sich angesichts der propagandistisch günstigen Situation um Konsequenzen nicht weiter kümmert. Als ob die Leichen der Ermordeten nicht einmal kalt werden dürften, bevor sie für den guten Zweck verwertet werden.
Tatsächlich aber sind die Signale, die von der medialen Verarbeitung dieses Falles an Männer gesandt werden, katastrophal. Wenn ein Mann andere ermordet – dann wird er zum Zentrum allgemeiner Imaginationen, und Hunderte setzen sich intensiv damit auseinander, wie er zu seinen Taten motiviert wurde, phantasieren ihn gar – wie eine Facebook-Fanseite – als unverstandenen Helden.
Als Opfer aber sind Männer hier nichts wert. Wenn sie nicht gleich in Frauen verwandelt werden, weil weibliche Opfer in den Augen der Autorinnen ohnehin wichtiger sind, dann werden sie in Fußnoten oder in geschlechtsneutralen Formulierungen versteckt. Feministinnen, die doch angeblich auch für Männer gut sind, weil sie doch angeblich Männer wie Frauen vom patriarchalen Joch befreien – Feministinnen bestätigen diese kranken und reaktionären Muster eher noch entschlossener als andere.
Hier agieren sie wie Feuerwehrleute, die mit großer Geste, lauten Alarmsirenen und beständig auf ihre Wirkung bedacht zum Brandherd gefahren kommen – und dann laut schreiend und schimpfend beginnen, mit Benzin zu löschen.
Wer ist hier eigentlich der Backlash?
„Der Backlash ist real. Es steht eine Ideologie hinter ihm. Er bereitet Menschen Schmerzen. Manchmal tötet er. (“The backlash is real. There is ideology behind it. It hurts. Sometimes, it kills.”)
So klar macht Laurie Penny die politische Motivation hinter ihrem Artikel deutlich. Die Morde Elliots wurden in der medialen Verwertung der Leichen tatsächlich sogleich kampagnenfähig gemacht: Auch eine Kampagne gegen eine internationale, hochrangig besetzte Konferenz in Detroit zu spezifischen Problemen von Männern verwies auf Rodgers Taten und lancierte bei der günstigen Gelegenheit  Morddrohungen gegen Beteiligte an der Konferenz.
 
Was Penny als „Backlash“ bezeichnet, sind beispielweise Väter, die sich dagegen wehren, willkürlich von ihren Kindern getrennt zu werden. Oder Menschen, die auf die Gewalterfahrungen von Männern aufmerksam machen. Oder Menschen, die sich mit den spezifischen Problemen von Jungen in den Bildungsinstitutionen offen auseinandersetzen. Was das eigentlich mit den Morden in Santa Barabara zu tun hat, kann Penny auch nicht so genau erklären, es ist aber auch nicht so wichtig.
Auch Juliane Leopold von kleinerdrei beunruhigt es sehr, dass Männer immer offener über ihre Situation oder über die von Männern und Jungen reden. Sie vergleicht den Twitter-Hashtag yesallwoman, der anlässlich der Morde entstand und der Elliots Taten selbstverständlich als frauenfeindliche – und nicht etwa menschenfeindliche – Verbrechen wertet, erfreut mit dem deutschen Aufschrei. Wiederholt zitiert Leopold den Rat, dass Männer hier eigentlich nur zuhören und lernen könnten. „HÖRT einfach ZU und RESPEKTIERT.” Und haltet Eure Klappen.
 
Es ist in meinen Augen sehr schade, dass ein Blogger die Anschuldigungen an Männerrechtler, die auf die Morde folgten, zum Anlass genommen hat, sein Schreiben einzustellen.
 
Außerhalb der Internet-Aufgeregtheiten allerdings ist der Backlash manchmal ungestört in vollem Gange, zum Nutzen für alle Beteiligten. Die Zeit berichtete beispielsweise über eine Entwicklung an vielen Familiengerichten, Eltern stärker zur Verständigung zu drängen und die Eskalation von Konflikten nicht auch noch mit der Ausgrenzung des Vaters aus der gemeinsamen Sorge zu belohnen. Dabei gingen Richter
„pragmatisch vor und lassen sich immer weniger von traditionellen Familienbildern leiten. Die Zeit, da der Mutterbonus den Kampf ums Kind entschied, geht zu Ende“.
Das ist sicherlich idealisierend und regions- oder gar richterabhängig. Gleichwohl gibt es offenbar Ansätze einer echten Zivilisierung des Elternrechts, angesichts derer Artikel wie der von Gunnar Schupelius in der BZ irgendwann nur noch als das gesehen werden, was sie eh schon sind: als reaktionäre Hetzartikel, die längst aus der Zeit gefallen sind.
Zum Thema passt auch ein Artikel aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 30. Mai, Wer hat Angst vor diesem Mann? Ein Bericht über die Schwierigkeiten von männlichen Kindergärtnern und den pauschalen Missbrauch-Verdächtigungen, denen sie ausgesetzt seien.
 
Natürlich: Dass ein solches pauschales Misstrauen nicht einfach so entstanden ist, dass es mindestens ebenso sehr auf Berichte über Missbrauchsfälle wie auf männerfeindliche Klischees zurückgeht, die in solchen Artikeln wie den oben zitierten zelebriert werden – das erwähnt der Autor Max Fellmann nicht. Er bestätigt aber auch nebenbei und in großer Selbstverständlichkeit, dass
„ganze Regale voll pädagogischer Fachliteratur (belegen), wie wichtig es ist, dass die frühkindliche Erziehung sowohl von Frauen als auch von Männern übernommen wird.“
Wenn er zudem feststellt, es ginge „letztlich um eine ganze Gesellschaft, die ein Problem hat“ – dann meint er in diesem Fall damit nicht Missbrauchsfälle, sondern den Pauschalverdacht gegenüber Männern.
Ganz milde gestimmt bedankte sich dann auch Nivea bei den Vätern.  Nachdem der Weihnachtswerbespot von Nivea die alleinerziehende Mutterschaft idealisiert hatte, in der Nachfolge zu einem Muttertagsspot, ist jetzt plötzlich irgendwoher ein Vater aufgetaucht. Es sei, so Nivea heute, von Beginn an geplant gewesen, „die Bindung des Kindes zu diversen Familienmitgliedern“  in verschiedenen Spots zu feiern, und nun seien eben die Väter an der Reihe. Warum Mutter und Oma zuvor nur in Abwesenheit des Vaters zu feiern waren, verrät Nivea nicht.
Der linkische Onkel, der statt des Vaters im Weihnachtsspot aufgetreten war, war übrigens für die polnische Version zum echten Vater geworden. Nivea dazu:
„Angesichts der ‚Groß-Familienstrukturen‘ in Polen erfolgte dann die Umdeutung des Onkels in den Vater.“
Wer könnte daran zweifeln: Schließlich hat der Onkel in Großfamilienstrukturen traditionell keinen Platz, während er bekanntlich in deutschen Kleinfamilien fast überall eine tragende Rolle spielt. Dass das Ideal der alleinerziehenden Mutterschaft in Polen schon aufgrund der deutlich geringeren Sozialleistungen wesentlich weniger Überzeugungskraft besitzt als in Deutschland, war dabei sicherlich unwichtig. Das gilt auch für die Einschätzung, dass die meisten Polen wahrscheinlich amüsiert-irritiert eine Werbung für recht verrückt gehalten hätten, die ihnen die Abwesenheit des Vaters als familiäres Ideal verkauft und ihnen nebenbei noch Hautcremes andrehen möchte.
Der „Danke Papa“-Spot  ist denn auch deutlich ironisierender als die Spots zuvor, der Vater erscheint in der Augen des Kindes als Meisterkoch, weil er Milch in Cornflakes schütten kann, und ist ansonsten die meiste Zeit damit beschäftigt zu schlafen – Kindessorge ist eben eine erhebliche Anforderung, wenn man ein Mann ist. Vermutlich gibt es keinen Vater, der einen solchen Spot braucht.
 
Gleichwohl ist auch dieser Spot in meinen Augen ein sehr gutes Zeichen: Er zeigt schließlich nicht nur, dass Proteste sich lohnen – sondern auch, dass öffentlich zelebrierte Männerfeindlichkeit in den Augen von Investoren mittlerweile mehr Nachteile als Vorteile hat.
Ich bin mir aber auch ganz sicher: Es lohnt sich nicht, darauf zu warten, dass diese Einsicht auch irgendwann einmal Betonschädel wie Juliane Leopold, Jenniver Valenti oder Laurie Penny erreicht.
Einige längere Zitate aus Pennys Artikel habe ich im Text direkt ins Deutsche übersetzt, hier sind die englischen Originale:
 
(1) (…) then you are part of the problem. You may not have pulled the trigger. You may not have raised your hand to a woman in your life. But you are part of the problem.
(2) (…) by a young man barely out of childhood himself who had been seduced into a disturbing cult of woman-hatred. Elliot Rodger was a victim – but not for the reasons he believed.
 
(3) (…) is the first confirmed incident of an incident of gross and bloody violence directly linked to the culture of ‘Men’s Rights’ activism and Pickup Artist (PUA) ideology, an ideology that preys on lost, angry men, then it cannot be ignored or dismissed any more.
(4) Who are these people? Where do they live? And the unspoken fear: do I know them? Might I have met some of them, drunk with them?