Geschlechterkampf

OK, Kill Their Boys. Bring Back Our Girls.

Bild zeigt Plakat mit einem Mädchen drauf, dem der Mund zugehalten wird und dem Slogan: "Bring Back Our Girls".
geschrieben von: Lucas Schoppe
Im Juni 2013 töte die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram 42 Jungen bei einem Angriff auf eine Schule: Die Jungen wurden zusammengetrieben, dann warfen die Mörder Sprengstoff auf sie.

Im September 2013 griffen Boko Haram-Terroristen nachts das College of Agriculture in Gujiba, Nigeria, an – sie attackierten gezielt die Schlafsäle der jungen Männer und töteten 44 von ihnen.

Im Februar 2014 wurden 59 Jungen einer nigerianischen Internatsschule von Boko Haram-Terroristen erschossen oder bei lebendigem Leib verbrannt. Die Mädchen der Schule ließen die Terroristen frei.

Ebenfalls im Februar 2014 überfielen Boko Haram-Terroristen das nigerianische Dorf Izghe, massakrierten dort über mehrere Stunden die männliche Bevölkerung, auch Jungen oder Babies. Unter den 106 Toten waren 105 männlich, und eine war eine Frau, die versucht hatte, ihren Enkel vor den Massenmördern zu schützen.

Im Mai und Juni 2014 begingen Boko Haram-Terroristen über viele Tage lang Massaker in verschiedenen Dörfern im Nordosten Nigerias. Die Terroristen traten zunächst als Soldaten auf, die vorgaben, die Bevölkerung vor Attacken Boko Harams schützen zu wollen – sie führten gezielt Männer und Jungen zusammen und eröffneten dann das Feuer auf sie. CNN spricht von etwa 400 bis 500 Toten.

Die Liste der Verbrechen der islamistischen Terrorgruppe könnte leicht fortgesetzt werden. Über all diese Verbrechen wurde zwar vereinzelt auch in den Nachrichten europäischer oder amerikanischer Medien Europas oder Amerikas berichtet, darüber hinaus erregten sie dort allerdings kaum Aufmerksamkeit.

Boko Haram wurde für eine weite Öffentlichkeit erst interessant, als die Terroristen der Gruppe im April 2014 eine Schule in Chibok, ebenfalls im Nordosten Nigerias, überfielen, 276 Mädchen entführten und ankündigten, sie als Sklavinnen zu verkaufen. Der Spiegel:
„Ihre Kämpfer haben Kirchen angegriffen, Schulen überfallen, Selbstmordattentäter in vollbesetzte Pendlerbusse geschickt und ganze Dörfer niedergemetzelt. Mehrere tausend Menschen sind dabei seit 2010 getötet worden. International hat jedoch erst die Entführung der mehr als 200 Mädchen im April für größeres Aufsehen gesorgt.“
Dass es nicht immer nachvollziehbar ist, warum bestimmte Geschehnisse plötzlich Menschen überall auf der Welt interessieren, erregen oder bestürzen, während ganz ähnliche oder schlimmere Geschehnisse bei den meisten Erregten nicht einmal über die Wahrnehmungsschwelle gelangen – das ist nichts Neues. Hier aber ist die massive Spaltung der Aufmerksamkeit auffällig, weil es deutlich ist, dass sie genau zwischen den Geschlechtern verläuft – zwischen den Geschlechtern der Opfer nämlich.
Das Blog Toy Soldiers fragt:
„Falls dich die Entführung von 300 Mädchen aufgebracht hat, wie kannst du dann ruhig bleiben, wenn dieselbe Gruppe 500 Männer und Jungen ermordet?“ (If the kidnapping of 300 girls riled you up, how can you be silent when the same group murders 500 men and boys?)

Über die ermordeten Männer und Jungen – so der Videoblogger von Humanity Bites – wolle niemand reden:

„Die Medien schweigen. Die UN schweigt. Sogar die sonst so gesprächige Mrs. Obama schweigt. Es ist, als hätten diese Jungen und Männer nie gelebt“ (The media is silent. The UN is silent. Even the talkative Mrs. Obama is silent. It`s as if these boys and men never lived.)

Um zu erklären, warum das so ist, hilft ein Blick in eine deutsche Stadt – nach Darmstadt.

Ein verträumtes Horror-Ranking und ein schrecklicher Running Gag An der Technischen Universität in Darmstadt lehrt die Philosophie-Professorin Petra Gehring, die in der Emma davon berichtet, dass sie einen Traum hat:

„Ein Weltgastrecht für weibliche Flüchtlinge aus Kriegsgebieten.“
Es ist bei der Gelegenheit natürlich von großer Bedeutung, festzuhalten:
„Für die Frauen ist der Horror am größten.“
Selbstredend ist dabei der naheliegende Gedanke nicht so wichtig, dass ein solches Horror-Ranking möglicherweise sinnlos sein könnte angesichts einer Situation, in der beispielsweise kleine Jungen  bei lebendigem Leib verbrannt werden. Stattdessen stellt die Philosophin fest:
„Krieg ist nach wie vor Männersache, auch das macht ihn gespenstisch. Trotz Frauen im Soldatenberuf: In der Eskalation fallen die Geschlechterrollen wieder brutal auseinander.“
Dass es möglicherweise ein trügerisches Verständnis von Gleichberechtigung sein könnte, nun auch an Kampfeinsätzen teilnehmen zu dürfen, ist allerdings auch schon den Soldatinnen der US-Army klar geworden, von denen klugerweise nicht einmal jede zwölfte von diesen hart erkämpften gleichen Rechen Gebrauch machen möchte.
Männer, die in den Krieg eingezogen wurden, hat dagegen in aller Regel niemand um ihre Meinung gefragt – wir krumm Gehrings Verständnis vom männlichen Geschlecht des Krieges ist, stellt beispielsweise ein Kommentar LoMis bei Alles Evolution heraus.
„Die Annahme, dass Gewalt ein männliches Prinzip sei, ist unglaublich simplifizierend, weil sie ausblendet, wie komplex Gewalteskalation und Konflikte sind.“ 
Mit der Idee, dass Kriege Männersache seien, beginnt schon Margarete Mitscherlich ihre hier gerade erst diskutierte und so problematische Schrift „Die friedfertige Frau“, die selbst dem nationalsozialistischem Antisemitismus humane, ja liebevolle Seiten zuschreibt – solange es eben nur der Antisemitismus von Frauen ist. Eben die Gegenüberstellung des friedfertigen, zivilen weiblichen Opfers und des aggressiven, kriegerischen männlichen Täters rechtfertigt bei Gehring die Forderung eines exklusiv weiblichen „Weltgastrechts“.
Dass diese Gegenüberstellung wesentlich weniger über Kriege und Gewalt in Afrika aussagt als über den westlichen Blick darauf, stellte allerdings am vergangenen Wochenende ausgerechnet die taz klar.
„Unter uns, die wir schon seit vielen Jahren über den Kongo berichten, ist ein Running Gag besonders beliebt: ‚Kommt ein Filmteam in den Dschungel geflogen und sucht eine vergewaltigte Frau. Es geht zum Dorfältesten und fragt ganz diskret nach. Der bestellt alle Dorfbewohner ein und spricht: ’Wer jemals Opfer sexueller Gewalt geworden ist, erhebe sich!‘ Alle stehen auf. Auch die Männer.‘ Das ist nicht nur ein Witz, sondern auch die bittere Wirklichkeit.“
Simone Schlindwein berichtet aus dem Kongo von einer umfassenden Gewalt in „brutalisierten Gesellschaften“, in denen westliche Korrespondenten aber immer wieder dazu neigten, sich das herauszupicken, was „am besten Schlagzeilen macht.“ Frauen beispielsweise, die vergewaltigt wurden, die dann aber manchmal noch von anderem berichten:
„Rebellen, die Raubzüge begehen, die junge Männer entführen, töten. Von ihren eigenen Männern, die eine Miliz gegründet haben, um sich zu wehren und seitdem im Wald leben und ebenfalls plündern und töten – eine Spirale der Rache. Die Vergewaltigungen waren nur die Spitze eines Eisbergs, eine Form der Gewalt, neben vielen anderen. Und es betraf nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer. Über fünfzig Männer wurden ebenfalls Opfer, inklusive dem Dorfvorsteher. Ich schämte mich furchtbar. Das war alles zu kompliziert, um es in der Zeitung zu beschreiben.“
Bei Petra Gehring hingegen ist die Welt noch in Ordnung, sauber aufgeteilt in männliche Täter und weibliche Opfer. In einer Neuauflage der Lysistrata-Komödie ist sie überzeugt, die segensreiche Weiblichkeit müsse den Männern nur entzogen werden müsste, um sie zum Frieden zu bewegen.
„Ich habe einen Traum: Lasst uns in großem Stil weibliche Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufnehmen! Öffnet die Kindergärten für afghanische Mädchen, bietet ihren Müttern Wohnraum und einen Job, schafft Studienplätze für syrische Studentinnen, holt weibliche afrikanische Vertriebene – kurzum: Schafft ein Weltgastrecht für Frauen!“

Selbst bei Kindern also fordert Gehring exklusive Rechte weiblicher Kinder, was eine Verweigerung der Hilfe für männliche Kinder wie selbstverständlich einschließt. Diese Selektion rechtfertigt sich nicht einmal mehr durch die Vorstellung, den erwachsenen Tätern Hilfe zu verweigern – hier erscheint schon die Männlichkeit an sich als Problem, von dem dann eben auch schon die Jungen affiziert sind.

Wie sich Integrität ganz einfach fabrizieren lässt Die Online-Petition Bring Back Our Girls, die sich an alle führenden Politiker der Welt („all world leaders“ richtet) richtet, war in kurzer Zeit ein enormer Erfolg. Deutlich mehr als eine Million Menschen haben bislang unterschrieben, der Twitter Hashtag #BringBackOurGirls wurde zu einem Symbol auch außerhalb des Netzes. Selma Hayek zeigte sich damit in Cannes,

Michelle Obama im Weißen Haus,

und schließlich stieg selbst der Papst twitternd ein.

Natürlich waren Fotos wie die Hayeks, Obamas und vieler anderer auch ein Mittel der Selbstdarstellung – mit der BringBackOurGirls-Kampagne kann sich jeder eine Demonstration moralischer Integrität fabrizieren, der in der Lage ist, einigermaßen fehlerfrei einen Hashtag abzuschreiben. Irina Shayk, Model und Freundin Cristiano Ronaldos, betrieb die Selbstdarstellung allerdings ein wenig zu unbekümmert.
Warum aber sollte der Papst eigentlich nicht für Mädchen beten können, ohne zugleich die Jungen ins Gebet einzuschließen? Und auch wenn der amtierende amerikanische Präsident Messias-Posen professionell und gekonnt einzunehmen versteht, ist er nicht allmächtig, kann mit seiner Frau nicht allen leidenden Kindern gleichzeitig helfen und muss nun einmal irgendwo anfangen – warum also nicht bei den Mädchen?

Die Kampagne für Mädchen, so könnte argumentiert werden, müsse doch keine Ausgrenzung der Jungen bedeuten. So wie beispielsweise Ulrich Wickerts explizite Aufforderung, Patenschaften für „benachteiligte Mädchen“  zu übernehmen, ja nicht notwendigerweise leugnet, dass auch Jungen das ein oder andere Problem habe – nur stehen die dann eben nicht im Fokus. Oder?

Keines dieser Argumente ist überzeugend. Würde ich sehen, wie ein dunkelhaariger und ein blonder Mensch zusammengeschlagen werden, und würde ich rufen: „Ey, lasst den Blonden in Ruhe!“ – dann wäre das ein stillschweigendes Signal der Gleichgültigkeit für das Schicksal des Dunkelhaarigen, ob ich es nun möchte oder nicht.

Es mag ja sein, dass die Entführung der Schülerinnen Aspekte enthielt, welche die Aufmerksamkeit westlicher Medien fesselten – beispielweise, dass hier junge Mädchen von Männern entführt und als Sklavinnen verkauft werden sollten.

Doch auch, nachdem Boko Haram schon in westlichen Medien bekannt geworden war, und nachdem jeder Interessierte wissen konnte und musste, dass die Terrororganisation oft sogar spezifisch gegen Jungen extreme und massenhafte Verbrechen verübt – auch dann noch war und ist das gewissenhafte menschenrechtliche Engagement ganz auf die entführten Mädchen fixiert.

Im Morgenmagazin der ARD war beispielweise in dieser Woche Ify Elueze zu Gast, die Urheberin der BringBackOurGirls-Petition. Sie erzählte, dass die Entführung der Mädchen ein Thema sei, das die Aufmerksamkeit aller verdiene – machte deutlich, wie erleichtert sie sei, dass die Welt endlich zuhöre – wie wichtig es sei, das Mitgefühl der Welt zu wecken – und dass sich doch auch Männer vorstellen könnten, wie es sei, wenn sie Töchter hätten und denen ähnliches zustieße.

Auch der Moderator Sven Lorig machte wie selbstverständlich nicht darauf aufmerksam, dass die Gewalt in Nigeria keineswegs so geschlechtsspezifisch ist, wie Elueze das suggerierte – und dass durchaus auch Eltern von Jungen gewichtige Gründe haben, sich große Sorgen zu machen.

Wie die Gewalt in Nigeria von westliche Medien wahrgenommen wird, sagt eben nicht nur etwas über diese Gewalt aus, sondern auch, und womöglich mehr noch, über die westliche Wahrnehmung – und darüber, dass sich westliche Öffentlichkeiten weitgehend daran gewöhnt haben, Gewalt nur noch in einer irrationalen geschlechtsspezifischen Codierung wahrzunehmen. Als ob Gewalt nur dann  Gewalt wäre, wenn sie eine Gewalt von Männern an Frauen ist.

Eine solche Spaltung der Humanität aber ist nun einmal keine halbe Humanität, sondern eine ganze Inhumanität. Wer Menschenrechte nur selektiv akzeptiert, akzeptiert sie überhaupt nicht – denn es ist ja gerade ihre Pointe, dass sie für alle gelten, unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit und anderen spezifischen Merkmalen.

Deren Jungen, unsere Mädchen Die narzisstische Inhumanität der Darmstädter Philosophie-Professorin in der Tradition Mitscherlichs und die eitle Inhumanität der BringBackOurGirls-Selbstdarsteller ignoriert nicht nur das Schicksal und das Leid von Jungen – sie ignoriert sogar noch diese Ignoranz. Jungen werden nicht nur völlig vergessen, es gerät auch nicht einmal mehr in den Bereich der Wahrnehmung, dass hier überhaupt jemand vergessen wurde.

Wie aber sähe die Kampagne aus, wenn die Gleichgültigkeit gegenüber Jungen wenigstens offen ausgesprochen würde? Wenn klar würde, dass die Mädchen zwar „unsere“ Mädchen sind und wir uns ihr Schicksal zu eigen machen – dass die Jungen uns aber fremd bleiben?

Selma Hayek würde dann ein etwas verändertes Schild in die Luft recken

und Michelle Obama sorgenvoll eine andere Botschaft in die Kamera halten

und auch der Tweet des Papstes würde sich leicht verändern.

 

Natürlich: DAS hat ganz gewiss keiner der drei so sagen wollen, und auch niemand anderer der unzähligen Kampagnen-Teilnehmer. Warum dann aber überhaupt die Fixierung auf Mädchen?
Das Bild Irina Shayks auch zu verändern, lohnt sich kaum – ihre skurrile BringBackMyBra-Albernheit verballhornt die Kampagne ohnehin schon, wenn auch aus Versehen. Statt dessen zum Abschluss lieber ein anderes Bild, das ein unverändertes Originalfoto ist:

 

 

Stop Killing Our Children – Warum eigentlich ist die gesammelte Prominenz, bis hin zum Oberhaupt der katholischen Kirche, davon überzeugt, dass dieser Satz nicht ausreichen würde?
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22 Comments

  • Fehlendes Motiv. Unwahrscheinlich.

    Außerdem, die hier aufgezeigten menschrechtsselektierenden Reaktionen sind von den Boko Haram Ursachen vollständig separat und unabhängig.

    Sie sind für sich erschreckend wie erhellend, werfen sie doch ein Licht auf die benutzenden Selfi-Pseudoaltruisten.

    Und diese „Philosophin“ Gehring ist menschlich widerlich. Jemand, der so etwas ernsthaft propagiert entlarvt seine eigentliche Gesinnung. Genauso Emma.

    Wird Zeit, dass man solchen Professuren den Stöpsel zieht und Emma jegliche Unterstützung nimmt, wenn nicht sogar wegen Mißbrauchs des Pressefreiheit zu menschenverachtender Volksverhetzung anklagt.

  • Ergänzend möchte ich mitteilen, dass in der „Aktuellen Stunde“ im Deutschen Bundestag, SPD-, Grünen-Und Linken-Abgeordnete die Entführung der 200 Mädchen bedauerten, aber nur die CSU-Abgeordnete Wörl auf die Ermordung der 42 Jungen hinwies. Eine interessante Erfahrung mi den angeblichen „Menschenrechtsparteien“ im Bundestag.

  • Sehr guter Artikel, zu dem mir gerade wirklich nur eine zynische Reaktion einfällt: wozu ein »Weltgastrecht« für Männer? Die Männer sind ja schon tot!

  • Wieder mal ein klasse Artikel.
    Jedoch finde ich das der Appell „BringBackOurGirls“ durchaus seine Berechtigung hat, da die Mädchen ja noch nicht ganz verlohren scheinen bzw noch am Leben sind.
    Der Tod der anderen ist mindestens genau so tragisch, weshalb ich ihren Artikel auch unterschreiben kann. Aber diesen kann man leider nichtmehr helfen.
    Trotzdem würde ich mir wünschen, das die Verbrechen, welche vorrangig Jungen und Männer betreffen, etwas mehr Beachtung finden bzw auch eine solche Empöhrung hervorrufen.

  • „Aber diesen kann man leider nichtmehr helfen.“

    Das ist vermutlich genau der Satz, der dazu führt, dass mit Nachdruck denen geholfen wird, die erst in einem Monat umgebracht werden sollen.

    Wenn man kein Problem wahrnimmt, wird man es auch in Zukunft nicht verhindern.

  • Seit die FDP drausen ist gibt es doch keine Partei mehr die sich für Menschen und Bürgerrechte einsetzt.

    SPD: „Um die Menschliche Gesellschaft zu erreichen muß die männliche überwunden werden“
    Grün: Fraueebevorzugung bei Listenplätzen, Rederechten usw.

  • Mir ist alles recht, was die Gewalt da unten beendet. Egal, ob Boko Haram wegen der entführten Mädchen oder wegen der getöteten Männer ausgelöscht wird – am wichtigsten ist, dass diese Gewalt beendet wird.

    Nur leider ist die Welt nicht so einfach. Boko Haram wird nur mit Gewalt beizukommen sein – doch Gewalt erzeugt Gegengewalt. Eine unendliche Eskalationsspirale.

  • „Aber diesen kann man leider nichtmehr helfen.“
    Und deswegen kann man ihren Tod auch verdrängen und muss keine Lehren daraus ziehen…
    Da können wir ja alle Mahnmale für die Naziverbrechen auch abreißen deren Opfer kann man ja auch nicht mehr helfen.
    Woher wissen wir überhaup, dass die Mädchen nicht bereits tot sind und irgendwo im Dschungel ihre Leichen verschart wurden?

    Wobei mir das Signal das die Staatengemeinschaft mit dieser Aktion an die Terroristen schickt ist schon selstsam, und ich frag mich ob das in Zukunft nicht sogar ein Schuß ins eigene Knie seien wird.

    Da Terrorist ja so lernen, dass es die Staatengemeinschaft nicht interessiert wenn sie schwarze Männer und Jungen massakrieren , aber sie sofort internationale Aufmerksamkeit erregen wenn sie gegen Frauen und Mädchen vorgehen.

    Mich würde es da nicht wundern wenn Terror Organisation in Zukunft gezielter und brutaler gegen Frauen vorgehen, um so mehr Aufmerksamkeit zu erregen.

  • Der Blick auf militärische Gewalt aus feministischer Sicht ist, wie so oft bei ideologischer Geschichtsbetrachtung, geschichtsblind. Militärische Gewalt war und ist niemals „patriarchale“ oder „männliche“ Gewalt gewesen. Sie war stets politische und elitäre Gewalt. In Kriegen werden die Interessen von Eliten ausgefochten. Einst waren das die Interessen des Adels (Männer und Frauen), heute sind es wirtschaftliche und hegemoniale Interessen. Religiöse Kriege sind nur Vorwand für derlei elitäre Interessen.

    Familien, Clans, Konzerne und Interessengruppen bilden heutzutage die Eliten. Es sind gleichermaßen Männer und Frauen. Für sie ist der Krieg die Ultima Ratio. Sie schicken ihnen untertänige Männer in ihre Kriege. Kaum ein Soldat der kämpfenden Truppe zählt zur Elite. Selbst in Zeiten der Wehrpflicht, riskierten nur wenige Angehörige der Elite ihr Leben im Krieg.

    Krieg ist heute vor allem für die Zivilbevölkerung verheerend. Es gab und gibt kaum Opfer unter den Eliten.

    Ein Großteil ausgeübter Gewalt, die nicht unmittelbare Kampfhandlungen sind, dienen der Demütigung und Unterwerfung des Gegners. Ein vom Feind vergewaltigter Soldat ist ein gebrochener Soldat. Die Schmach ist so groß, dass kaum ein Soldat laut darüber sprechen wird. Sichtbar wird nur die Gewalt gegen Frauen. Ihre Sichtbarmachung ist wiederum ein kriegerisches Mittel, um die Kampfmoral der eigenen Truppe zu erhöhen.

    Im aktuellen Fall der Boko Haram dient die Sichtbarmachung der Gewalt gegen die Schülerinnen neben der moralischen Selbsterhöhung auch einem gerechtfertigten Kriegsgrund. Rund tausend massakrierte Jungs wiegen dagegen nicht so viel. Diese selektive Blindheit gegenüber dem Leid der Kriegsopfer ist nur deshalb möglich, weil der Feminismus schon immer auch eine elitäre, großbürgerliche Ideologie war. – Sehr treffend Ihr Satz: “Eine solche Spaltung der Humanität aber ist nun einmal keine halbe Humanität, sondern eine ganze Inhumanität.

  • „Der Krieg ist eine Sache, bei der sich Millionen Menschen, die sich nicht kennen, umbringen auf Befehl einiger, die sich sehr gut kennen, aber nicht umbringen.“

    Eisenhower

  • „Unter uns, die wir schon seit vielen Jahren über den Kongo berichten… Alle stehen auf. Auch die Männer.‘ Das ist nicht nur ein Witz, sondern auch die bittere Wirklichkeit.“

    Der Witz greift nicht. Und zwar deshalb, weil Männer in aller Regel sich selbst nicht einmal dann als Opfer wahrnehmen, wenn sie es ohne jeden zweifel sind und es auch sofort wahrnähmen, wenn dasselbe Verbrechen einer Frau geschähe.

    Michel D.

  • #BringBackOurBoys heißt die Twitterkampagne, mit der man seine Solidarität mit drei von Palästinensern entführte Burschen bekunden kann.

    In Hamburg gab es eine kleine Demonstration für die drei Entführten. Ein 86jähriger Mann wurde dabei aus einer pro-palästinensischen Gegendemostation heraus angegriffen und liegt im Krankenhaus (taz).

    Fazit: Sich für lebensbedrohte Jungen einzusetzen, kann gefährlich werden; insbesondere wenn es sich dabei gar noch um Israelis handelt.

  • War das nicht schon immer so? Frauen sind Beutestücke aber keine Gegner. Passive Opfer, völlig unfähig und auch unwillig zur eigenen Verteidigung bis zum Tod.

    Frauen werden geschont, weil sie lebend einen höheren Nutzen haben und für die Männer keine Gefahr darstellen (oder gar kooperativ sind – die Geschichtsbücher sind voll davon wie Frauen sich dem Sieger hingeben).

    Männer dagegen werden getötet, weil sie als Gegner ansonsten den Angreifer töten könnten (jetzt oder potentiell in der Zukunft)?

    Und wird nicht von jedem Mann erwartet, dass er sich selbst verteidigt und wenn er unterliegt…Pech gehabt?

    Derartige archaische Denkmuster sind auch in unserem Kulturkreis tief verwurzelt und waren wohl lediglich in einer kurzen Zeitspanne zivilisatorischer Hochkultur etwas übertüncht.

    Jetzt aber blättert die Farbe ab und das alte Denkschema bricht hervor. Homo homini lupus.

  • Ach, immer der völlige Blödsinn mit dem „Gewalt erzeugt Gegengewalt“. Das ist nicht mehr als eine billiger Vorwand sich um moralisch unbequeme Entscheidungen zu drücken.
    Wäre dem so, wo ist denn die „unendliche Eskalationsspirale“ geblieben, in Japan oder Europa?

    Tatsache ist, das oft das effizienteste und mitunter auch einzige Mittel Gewalt durch eine definierte Gruppe zu beenden, oft ein derart massives Maß an Gewalt ist, das die Gruppe aufhört zu existieren. Oder ihr der Preis für die Gewaltausübung zu hoch wird und sie das Ganze einstellt.

  • Ja, habe ich auch gelesen. Der Täter scheint ab und an in der Innenstadt mit debilem Schild zugange zu sein, habe ihn -glaube ich- vor langer auch Mönckebergstrasse mal gesehen.
    Werde das nächste mal mal schauen ob er sich durch Argumentation provozieren läßt und versucht tätlich zu werden.

  • Gewalt als Mittel gegen Gewalt ist dort legitimierbar, wo es keine Alternativen gibt – also beispielweise keinen gemeinsamen, halbwegs verbindlichen Rechtsrahmen. Das ist bei Boko Haram tatsächlich der Fall – dir Gruppe schert sich nicht um irgendeine Rechtsordnung, außer der eigenen, und demonstriert offensiv und selbst massiv und extrem gewalttätig, dass der Staat ihr gegenüber handlungsunfähig ist.

    Trotzdem bleibt selbst hier die Frage, ob Gewalt auch effektiv wäre. In Fällen, in denen Gewalt nicht in eine Eskalationsspirale geführt hat, gab es in aller Regel zumindest basale Erfahrungen mit einer Demokratie oder zumindest einem halbwegs stabilen Staatswesen, auf die man zurückgreifen konnte. Im Irak, beispielsweise, klappt das ja offensichtlich nicht, auch nicht in Afghanistan.

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