Wie ich noch einmal versuchte, die SPD in ein Bürgergespräch zu verwickeln

„So erfreulich die in den letzten Jahren entstandene maskulistische Bloggerszene ist, so bedauerlich ist es zugleich, wie sehr sich die meisten von uns noch darauf beschränken, innerhalb der eigenen Filterbubble zu lamentieren, zu analysieren, zu kommentieren und zu diskutieren. Zahllose Blogposts und endlos lange Kommentarspalten helfen uns aber nur begrenzt. Allmählich wären Beiträge dringend geboten, die Aktionen initiieren, um die Positionen und Argumente der Männerbewegung so vielen Leuten wie möglich bekannt machen.“
Soweit Arne Hoffmann in seinem Interview bei MANNdat, das vor einigen Tagen veröffentlicht wurde.  Er erwähnt dann auch gleich eine Seite, die – auf Gene Sharp zurückgehend – 198 Methoden des gewaltlosen politischen Engagements auflistet.
Ein SPD-Wahlplakat von 1919. Heute müsste jemand, der so etwas fordert, mit Nazi-Vorwürfen aus der Partei rechnen..
Kurz darauf machte auf LoMis Blog Offene Flanke anlässlich des Textes Politischer werden – Wie kann das gelingen? der Kommentator Bombe 20 einen Vorschlag, der geeignet sein kann, zumindest eine kleine Brücke zwischen dem Internet-Engagement und politischen Strukturen außerhalb des Internets zu bauen:
„Jeder formuliert eine nicht zu lange Mail (höchstens so 50 Zeilen, Links höchstens als zusätzliche Quellenangabe) zu seinem Lieblingsthema, nimmt sich die Fraktionslisten von Land- oder Bundestag (oder gezielt die von Ausschüssen) und fängt unten an. Jeden Tag eine Mail, rotierend durch die Fraktionen. Fleißige passen den Text noch für jede Fraktion leicht an.  
Und wenn man anfängt, mehrmals die gleiche Standardantwort zu bekommen, weiß man, daß es Zeit ist, das Thema zu wechseln.  
Das letzte Mal habe ich das in großem Stil Ende 2012 anläßlich der ‚Beschneidungs‘diskussion gemacht. Nicht, daß ich glaube, irgendetwas geändert zu haben, aber man bekommt genug Antworten, um einen weiter zu motivieren.“
Das hätte nicht nur den Vorteil, auf sich aufmerksam zu machen – sondern auch den, herauszufinden, ob es überhaupt irgendwo Ansprechpartner für uns gibt. Im schon zitierten Interview stellt Arne Hoffmann das so dar:
„Wenn ich die furchtbarsten Blindgänger einer politischen Strömung zitieren will, finde ich dabei immer haarsträubenden Unfug. Das gilt auch für den Maskulismus. Statt sich an solchen Menschen abzuarbeiten, wäre es sinnvoller, jene Leute in der Linken zu finden und zu erreichen, die für uns geeignete Ansprechpartner sind.“
Wenn es solche Leute den überhaupt gibt. Da ich ursprünglich – und sogar über eine schon mehrere Generationen lange Familientradition – aus der Sozialdemokratie stamme, liegt es für mich natürlich nahe, es dort zu versuchen. Es gibt ja auch gerade einen sehr aktuellen Anlass. Also:

 
Sehr geehrter Herr…/Sehr geehrte Frau…

ich schreibe an Sie als einen Abgeordneten meines Bundeslandes im Bundestag.

Ich bin Lehrer, ich bin Vater, und ich komme politisch aus einer durch und durch sozialdemokratischen Familie. Kurz nachdem unser Sohn vor einigen Jahren geboren wurde, hat seine Mutter sich von mir getrennt. Nun fahre ich regelmäßig quer durch Deutschland, um alle zwei Wochen unseren Sohn sehen zu können. Das bedeutet mir viel – da ich aber pro Monat etwa 700 Euro allein für die Umgangskosten aufbringen muss, könnte ich es mir nicht leisten, wenn ich nicht als Lehrer gut verdienen würde.

Dass ich aufgrund meiner Geschlechtszugehörigkeit mein Kind kaum noch – und dann nur unter großen Schwierigkeiten – sehen kann, hätte ich vor dieser Erfahrung niemals für möglich gehalten. Die Gesetze, die das möglich gemacht haben, sind ja auch schon längst von den zuständigen Gerichten als menschenrechts- und verfassungswidrig herausgestellt worden.

Da es sinnvoll war, das Problem der Gesetzeslage als politisches Problem zu verstehen und es nicht in permanentem Konflikt mit meiner Ex-Partnerin auszutragen, bin ich seit mehreren Jahren Mitglied im Väteraufbruch für Kinder. Nun habe ich gelesen, dass ich und andere in meiner Situation von der „SPD-nahen“ Friedrich Ebert Stiftung dafür öffentlich als rechtsradikal und als Unterstützer des Massenmörders Breivik hingestellt werden.

In der gerade erschienenen Expertise „Maskulismus“ setzt der Verfasser Robert Claus Menschen, die sich – wie ich – gegen geschlechtsspezifische Benachteiligungen auch von Männern und Jungen wehren, mit Unterstützern eines brutalen Massenmordes an Jugendlichen gleich. (S. 13) Er schreibt zudem, dass es offensichtliche Überschneidungen zwischen Väteraufbruch und rechtsradikalem Spektrum gebe (S. 17). Jeweils völlig ohne Beleg. Das sind keine Ausrutscher, sondern ist Tenor des gesamten Textes – in dem der Autor auch ansonsten seine Unkenntnis des untersuchten Gegenstands belegt.

Das kommt mir, ganz ehrlich, verrückt vor. Eine wichtige Organisation Ihrer Partei stellt mich als Nazi hin, und als Fan eines Massenmords an Jugendlichen – weil ich gern bei meinem Kind sein möchte? Ganz unabhängig davon, ob Sie meine Meinung und die der Gerichte teilen oder nicht: Eine so boshafte und gewalttätige Diffamierung verbietet sich.

Ich habe kein Interesse daran, das feministische Narrativ vom „Patriarchat“ nun durch ein Narrativ zu ersetzen, nach dem Männer allüberall die hilflosen Opfer einer Frauenherrschaft wären. Das sind wir nicht. Es gibt gleichwohl in einigen Bereichen strukturelle Nachteile für Männer und Jungen, von denen mir als Vater und Lehrer zwei jeden Tag präsent sind.

Neben den weiterhin bestehenden rechtlichen und institutionellen Benachteiligungen nichtehelicher Väter hat mich insbesondere die Situation von Jungen in der Schule berührt. Die Daten sind ja bekannt – in den Haupt- und Förderschulen sind Jungen massiv über-, im Gymnasium und beim Abitur sind Jungen massiv unterrepräsentiert. Es ist an vielen Gymnasien normal geworden, dass Jungen nur noch ein Drittel der Klasse bilden. Dass sie geschlechtsspezifische Nachteile im Schulsystem haben, ist bei Lehrern wie bei Eltern selbstverständliches Alltagswissen – nur in die Politik ist dieses Wissen noch kaum vorgedrungen.

Und wer auf die Probleme dieser Kinder hinweist, ist in den Augen der Friedrich Ebert Stiftung – ein Nazi? 

Ich bitte Sie, mir einige Fragen kurz zu beantworten:

1. Was tun Sie, und was tut Ihre Partei dafür, Gleichberechtigung von Männern und Frauen auch im Familienrecht durchzusetzen?

2. Was tun Sie und tut Ihre Partei, um Vätern und Kindern (und ggfs. auch Müttern und Kindern) zu helfen, die voneinander getrennt sind? Dass viele Kinder ihre Väter und Väter ihre Kinder nur sehen können, wenn die Väter überdurchschnittlich viel Geld verdienen, müsste doch eigentlich gerade in den Augen von Sozialdemokraten ein Problem sein.

3. Was tun Sie und tut Ihre Partei für die Verbesserung der Situation von Jungen im Schulsystem?

4. Was tun Sie dafür, dass ein bürgerrechtliches Engagement – bei aller Kritik, die natürlich auch an diesem Engagement möglich sein muss – nicht mehr dadurch erheblich behindert wird, dass sozialdemokratische Organisationen es blind und durchaus hetzerisch als rechtsradikal diffamieren?

Mit freundlichen Grüßen,
Lucas Schoppe
 

PS. Ich habe auf meinem Blog die Arbeit von Robert Claus eingehender rezensiert. http://man-tau.blogspot.de/2014/07/von-versteinerungen-und-der-angst-vorm.html

Ich habe den Brief an Sie als offenen Brief geschrieben und möchte gern auch Ihre Antwort dort auch veröffentlichen.

Claus nimmt übrigens Arne Hoffmanns Buch Plädoyer für eine linke Männerpolitik nicht zur Kenntnis. Es ist sehr detailreich und umfassend und bietet einen wesentlich besseren Einblick in das Thema als der Text der FES.

So. Es ist ja möglicherweise keine perfekter Moment, eine solche Aktion ausgerechnet in der Sommerpause zu starten.

„Die Abgeordneten widmen sich in dieser Zeit ihrem Wahlkreis, befassen sich mit Detailfragen (…)“,
heißt es zwar offiziell, aber vermutlich ist das eine bloß in Insiderkreisen bekannte Chiffre für „Urlaubmachen“. In diesem Fall muss ich die Aktion nach der Sommerpause wiederholen. Auf jeden Fall werde ich jetzt an das Berliner Büro und das Wahlkreisbüro schreiben

Ich richte mich an die Abgeordneten meines Bundeslandes Niedersachsen, das sind 26 Personen minus Sebastian Edathy, der im Moment eh‘ anderes zu tun hat. Dafür sind Sigmar Gabriel und Thomas Oppermann dabei. Falls ich Antworten bekomme, werde ich die hier posten

Und falls sich jemand beteiligen würde, wäre das natürlich sehr schön.

Der letzte Versuch, die SPD in ein Bürgergespräch zu verwickeln, hat nicht berauschend gut geklappt, brachte aber immerhin ein paar Ergebnisse. Mal sehen, was jetzt passiert.
 

Von Versteinerungen und der Angst vorm Tanzen – Zu Robert Claus‘ "Maskulismus"

Robert Claus‘ Text Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, den er gerade für die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung veröffentlicht hat, ist ein Kunstwerk. Wie in vielen literarischen Werken ist auch hier der ganze Inhalt eigentlich schon in den ersten Zeilen enthalten – so dass der aufmerksame Leser sich den Rest eigentlich sparen könnte.
 
Ich habe trotzdem alles gelesen.
 
Leider nur zweite Wahl bei der Suche nach einem Umschlagtitel für Robert Claus‘ Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass. Gezeigt wird vermutlich ein Bild des Autors, der geistesgegenwärtig und unerschrocken in eine geschlechterpolitische Debatte mit sog. „Männerrechtlern“ (im Hintergrund) eingreift.
 
„Mit dem ‚Maskulismus‘ trat in den vergangenen Jahren ein ebenso widersprüchlicher wie gefährlicher Akteur in die geschlechterpolitische Diskussion. Teile der sich formierenden Bewegung schrecken nicht davor zurück, Adresslisten anonymer Frauenhäuser zu veröffentlichen oder die Morde des Anders Behring Breivik in Norwegen als widerständige Tat ‚gegen Feminismus und ‚Multikulti’ zu preisen. Zugleich versuchen sie, Werte wie ‚Gleichberechtigung‘ und ‚Geschlechtergerechtigkeit‘ für sich als ‚männliche Opfer‘ zu beanspruchen.“ (S. 13)
So beginnt die Schrift. Nachdem wir schon durch den Titel auf „Frauenhass“ vorbereitet wurden und verstanden haben, dass jeder Anschein von Salonfähigkeit der Maskulisten nur trügerisch sein kann, wissen wir nun auch um die Gefährlichkeit des Untersuchungsgegenstandes. Für die Behauptung, dass die Adressen von Frauenhäusern veröffentlicht wurden, könnte der Autor sogar Belege liefern, wenn er nur nach ihnen gesucht hätte.

Wenn er jedoch durch die Anführungszeichen den Eindruck erweckt, seine Behauptung der Maskulisten-Sympathie für den Massenmörder Breivik durch ein direktes Zitat zu stützen, bleibt einiges offen – wen er hier zitiert, und von wo, und ob er hier überhaupt zitiert, lässt er im Dunkeln.

 
Für eine wissenschaftliche oder journalistische Arbeit wäre das angesichts der schweren Beschuldigung natürlich desaströs, in einem literarischen Werk aber ist diese bewusst gesetzte Leerstelle geschickt eingesetztes Instrument des Spannungsaufbaus.

Wenn der Autor dann davon spricht, dass „sie“ versuchen, Gleichberechtigung (in Anführungszeichen) auch für sich als männliche Opfer (in Anführungszeichen) zu beanspruchen, dann kann sich dieses „sie“ schon grammatikalisch allein auf die „Teile“ der „Bewegung“ beziehen, die auch Breiviks Massenmorde begrüßen. Und damit ist die wesentliche These des Textes denn auch schon formuliert, das wesentliche Motiv etabliert, um das die folgenden Seiten dann kreisen und das wieder und wieder variiert wird:

 
Wer tatsächlich von männlichen Opfern redet und Gleichberechtigung (bitte die Anführungszeichen jeweils unbedingt mitdenken) tatsächlich für alle Menschen fordert, der findet es auch toll, wenn ein rechtsradikaler Killer 77 Menschen ermordet und die meisten der Ermordeten Jugendliche sind.

Bei einem solch schrecklichen Verbrechen verbietet sich natürlich die allzu unbeeindruckte Frage, worin denn nun eigentlich genau der Zusammenhang zwischen Forderungen nach Gleichberechtigung und der Sympathie für einen Massenmord an Jugendlichen besteht. Auch die FES fragt dies natürlich nicht, die parteinahe SPD-Stiftung, die übrigens – anders als der Begriff „Stiftung“ es eben nahelegt – nicht mit privatem Geld, sondern mit Steuergeldern arbeitet.

 
Stattdessen veröffentlicht sie Claus‘ Text als wissenschaftliche Arbeit im „Forum Politik und Gesellschaft“ und verdirbt damit jedes Lesevergnügen – denn wenn der Text nicht als literarisches, souverän die Klischees von Geschlechterdebatten persiflierendes Kunstwerk, sondern als ernstzunehmende Studie gelesen wird, ist er erstaunlich skrupellos, unseriös und unerträglich.
 
Aber ich habe ihn ja, wie schon erwähnt, trotzdem gelesen – und fand ihn am Ende dann doch wieder sehr interessant. Aber wohl auf eine Weise, die sein Autor nicht beabsichtigt hat.
 
 
„Die haben Angst.“ Sehr schnell und umfassend waren die Reaktionen auf diesen Text. Wolle Pelz fragte im Hinblick auf die traditionellen Nazi-Unterstellungen an Männerechtler:

„Was wäre der Feminismus wohl, wenn man ihm diese Waffe nehmen würde?“

LoMi formulierte darauf eine Antwort  und hatte schon zuvor, resigniert angesichts des FES-Textes, geseufzt:

„Wir können also noch so gepflegt, sachlich und argumentativ schreiben, am Ende sind wir für Leute wie den Autor eben doch nur stumpf emanzipationsfeindliche Alt-Machos.“

Tom hatte den akademischen Hintergrund des Verfassers ins Spiel gebracht:

„Es ist bezeichnend, dass es für einen Magister der Gender Studies unvorstellbar ist, dass es Kritikpunkte am Feminismus gibt, die nicht auf Frauenhass basieren.“

Martin Domig hatte, überzeugend, festgestellt:

„Die haben Angst. Vor dem Verlust der Deutungshoheit. Davor, dass sich irgendjemand mit einem moderaten Maskulinisten unterhalten könnte, ohne zuvor korrekt gebrieft worden zu sein.“

Andreas Kraußer hatte ganz ähnlich formuliert:

„Im Grunde spricht hier die Angst aus der FES, das Monopol der rein feministischen Geschlechterpolitik könne ins Wanken geraten.“

Elmar Diederichs war pessimistischer:

„Wir haben keine Ahnung davon, wie man die Öffentlichkeit dazu bringt, sich für uns und Männerrechte, Männlichkeit oder Männerinteressen zu interessieren.“ 

Elitemedium wiederum zog das völlig zutreffende – aber beschämende – Fazit:
„Der Autor stellt entweder Behauptungen völlig ohne Begründung in den Raum oder er zitiert aus anderen früheren Studien über Maskulismus. Es ist für mich nicht erkennbar, wie der Autor eigene Erkenntnisse über den Maskulismus gesammelt und gewonnen haben will.“ 
Und Arne Hoffmann hatte klargestellt, dass er
„nicht die geringste Lust habe, mit einer Zusammenfassung und Analyse von diesem Quatsch meine Zeit zu vergeuden“ ,
dann aber am Beispiel des Massakers von Srebrenica – das ein Genderzid an Männern war – die humanistischen Ziele der Männerrechtsbewegung dargestellt, die Claus für die SPD-Stiftung so frohgemut und massiv diskreditiert. Hoffmann zitiert dabei übrigens aus seinem ausführlichen, wichtigen und umfassend recherchierten Plädoyer für eine linke Männerpolitik – das von Claus an keiner Stelle erwähnt wird. Es ist ja auch erst ein halbes Jahr alt und konnte daher natürlich nicht mehr berücksichtigt werden.

All dies sind Zitate aus Analysen eines einzigen Tages – die mit dem Blick auf die Diskussion bei Alles Evolution noch wesentlich ergänzt werden könnten. 

Dass die Reaktion so schnell, so umfassend und so klar war, hat wohl zwei Gründe. Einerseits bietet der Text von Claus nichts Neues, spult altvertraute Diffamierungen ab, und sein Untersuchungssample ist im Wesentlichen vier Jahre alt (S. 101) – so dass die Reaktion darauf schnell erfolgen kann.
 
Andererseits hat sich in den Jahren seit der Zeit, die Claus vertraut ist, im Internet eine kleine Öffentlichkeit feminismuskritischer Blogger und Kommentatoren gebildet, die der Autor zwar fast völlig ignoriert oder schlicht nicht kennt, die aber gegen Positionen wie seine schon lange eine Fülle von schlüssigen Argumenten entwickelt hat.

Von herrschenden Männern, reinen Frauen –  und der völlig überschätzten Tätigkeit des Lesens Die Position von Claus wiederum ist schnell skizziert:

 
Wie man zwischen den Zeilen liest, ohne die Zeilen zu kennen Claus verweigert alle inhaltliche Auseinandersetzung mit Themen der Männerrechtsbewegung, spricht ihr alle Berechtigung ab und nimmt sie lediglich strategisch wahr.
 
Er stellt fest, dass Maskulisten vorwiegend in Internet agieren und „in ihrer Außenwirkung sowie ihrer Mobilisierungskraft zu öffentlichen Kundgebungen stark beschränkt“ seien (33), weigert sich aber, überhaupt von einer „Männerrechtsbewegung“ zu schreiben –
„um die von der Bewegung intendierte positive Konnotation des ‚Kämpfens für Rechte‘ nicht zu verstärken.“ (18)
Er bezieht sich weitgehend auf das radikale Forum „wgvdl“ – dazu gibt es eine sehr nützliche Aufstellung von man.in.th.middle in den Kommentaren zu Christians „Selbermach-Samstag“  – und ignoriert fast alle anderen männerrechtlichen Texte. Wenn er sich denn doch einmal auf gedruckte Texte oder gar Bücher (!) bezieht, so wie auf Arne Hoffmanns Männerbeben (70; 83), dann sind seine Bezüge isoliert, radikal verkürzt und tendenziös – es ist offensichtlich, dass er die Texte kaum kennt.
 
Er schreibt dann über den von Hoffmann und anderen vertretenen linken Maskulismus:
„Jenseits der Frage, ob es einen ‚linken Maskulismus’ geben kann, sollten der vermeintlich moderatere Ton und das gemäßigtere Vokabular nicht davon abhalten, auch zwischen den Zeilen zu lesen.“ (83)
Vor allem aber sollten sie nicht davon abhalten, zuerst überhaupt einmal die Zeilen selbst zu lesen.

Wer nicht an männliche Herrschaft glaubt, verschleiert sie nur Unerschütterlich ist für Claus die Überzeugung, im Rahmen „patriarchaler Machtverhältnisse“ (18) zu leben. Er kennt offenkundig auch den Text nicht, der international wichtigster Impulsgeber der heutigen linken und liberalen Männerrechtsbewegung war, Warren Farrells The Myth of Male Power – und er hat sich offenkundig, weder kritisch noch zustimmend, jemals mit Farrells These beschäftigt, dass das Gerede von der „Männermacht“ einen Mythos konstruiere.

 
Statt dessen repetiert er seitenweise (27-29) die so problematischen Thesen Connells, deren Rede von „hegemonialer Männlichkeit“ und „patriarchaler Dividende“ – so kritik- und distanzlos, als wäre er ein Konfirmand und Connells Text die Heilige Schrift.

Wer von männlichen Opfern spricht, reproduziert nur männliche Herrschaft Der Gedanke, auch Männer könnten Opfer von Ungerechtigkeiten oder Gewaltstrukturen werden, ist ihm hingegen so unerträglich, dass er diesen Gedanken nur mit deutlichen Signalen der Distanzierung formulieren kann: in Anführungszeichen (13) oder in der herablassenden, von Lenz und Rosenbrock übernommenen Rede über

„die maskulistische Opferideologie am Beispiel der viel beschworenen männlichen Schulverlierer.“ (20)
Männliche Menschen kommen bei Claus als Opfer nicht vor – nicht einmal Kinder.

Dass das Engagement für Väterrechte ein wesentlicher Bestandteil der Männerrechtsbweegung ist, kann Claus selbstverständlich nicht auf den Umstand zurückführen, dass Väter – und ihre Kinder – tatsächlich massive Ungerechtigkeiten erlebt haben. Statt dessen unterstellt er berechnendes Kalkül:

„Die maskulistische ‚Bewegung’ versucht in ihrer Mobilisierung vorrangig emotional aufgeladene Felder im Bereich der Familien- und Sorgerechtspolitik zu besetzen.“ (60)
Die Feststellung der höchsten zuständigen Gerichte, dass das deutsche Sorgerecht Menschenrechte und Grundrechte von Vätern – und auch Kindern – verletzt habe, ist für den engagierten Autor belanglos. Es ist ebenso belanglos wie die Tatsache, dass die Partei, deren Stiftung ihn für seinen Text bezahlt, für diese jahrelangen Menschenrechts- und Grundrechtsverletzungen eine wesentliche Verantwortung getragen hat.

Männer sind keine Opfer, sie tun nur so, um ihre Machtpositionen zu schützen.

 
Und damit basta.
 
Zum Glück aber sind die Frauen rein und schuldlos – zumindest die feministischen Während also Männer hegemonial herrschen oder mit dieser Herrschaft paktieren und die entsprechende Dividende einstreichen, sind Frauen rein und schuldlos. Dass eine schlechtere Bezahlung auch auf eigenständige Berufsentscheidungen von Frauen zurückzuführen sei, ist für Claus eine so skandalöse Idee, dass allein dieser Gedanke sich gleichsam selbsttätig widerlegt (39f.) – jedenfalls ist für den Autor kein Argument nötig, um zu zeigen, warum diese Annahme falsch sei.
 
Aggressionen, gar Hass von Feministinnen gibt es für Claus nicht – während er Männerrechtlern pauschal und wiederholt den schon titelgebenden „Frauenhass“ (40, 70, 79, 81) oder auch einfach Hass (8, 82) unterstellt, kommt „Männerhass“ bei ihm nur als Zitat vor – von dem er sich sogleich pflichtschuldigt und entschlossen distanziert. (20) Über den Zweiten Männerkongress in Düsseldorf schreibt er dann unschuldig:
„Stets waren die Veranstaltungen von Interventionsversuchen aus (pro-)feministischer Perspektive begleitet.“ (84)
Statt zu erwähnen, dass diese Interventionsversuche unter anderem in ernstzunehmenden Morddrohungen gegen den Vortragenden Prof. Gerhard Amendt bestanden, ereifert der Autor sich darüber, dass die Universität Düsseldorf überhaupt mit feminismuskritischen Organisationen wie agens zusammengearbeitet hat. (85)

Einen Dialog gibt es nur, wenn Männerrechtler die Klappe halten Wenn er die Männerrechtsbewegung in einem „Spannungsfeld zwischen Vereinnahmung und Ablehnung“ des Feminismus (52) verortet, dann lässt er damit tatsächlich keinen Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit feministischen Konzepten. Wer diese Konzepte radikal kritisiert, lehnt sie ganz ab, wer an feministischen Positionen bei aller Kritik legitime Aspekte entdeckt, verreinnahmt sie – für Claus ist beides indiskutabel.

 
Die „Fähigkeit des konstruktiven Dialogs mit feministischen Konzepten“ (83) setzt bei ihm offenkundig einen Sprung in den Glauben voraus.
 
Ganz anders hingegen Maskulisten – die sind in jedem Fall verdächtig, und ganz besonders dann, wenn sie nicht so wüten wie die von Claus bevorzugten Kommentatoren des wgvdl-Forums.
„Keinesfalls darf vorschnell und aufgrund vermeintlich moderaterer Töne eine gesellschaftliche Salonfähigkeit bescheinigt werden.“ (83)
So sind sie, die Männerrechtler: Wer wütet und schimpft, zeigt seinen Frauenhass offen, wer sich moderat und zivil äußert, versteckt seinen Frauenhass nur. Was ja irgendwie noch viel gefährlicher ist.
 
Vom Interesse an Versteinerungen Dass Claus sich so mit einer entschlossenen, aber etwas absurden Geste als Türsteher am Eingang des geschlechterpolitischen Salons inszeniert, lenkt allerdings davon ab, wie simpel, wie starr und wie reaktionär seine Geschlechterbilder sind. Männer sind hier, unbedingt und unbezweifelbar, Herrscher, sie sind mächtig, und allein schon der Gedanke, dass sie zum Opfer – und gar von Frauen! – werden könnten, ist skandalös. Frauen sind hier prinzipiell reinen Herzens, unschuldig, und sie haben jeweils, leider, nur begrenzte Handlungsmacht.

So lässt sich denn auch erklären, warum Claus so fixiert auf das radikale „Gelbe Forum“ wgvdl ist und warum er die vielen liberalen, linken und zivil-konservativen Männerrechtler völlig ignoriert. Er sucht in der Männerrechtsbewegung lediglich sein eigenes Spiegelbild, findet es auch in ihren abschreckendsten Teilen – und zeigt dann voller Abscheu darauf.

Es wird damit zudem klar, was für Claus an der Männerechtsbewegung  eigentlich so beängstigend ist, dass er wieder und wieder ihre Gefährlichkeit beschwört und dass er in seiner Tätigkeit für die SPD-nahe Stiftung insbesondere linke Männerrechtler aus dem Haus werfen möchte.

 
Es ist offenkundig eine panische Angst davor, dass Männer eigenständig, und ohne feministische Souffleusen, über ihre Situation als Männer reden – und eben auch über Erfahrungen der Hilflosigkeit, in denen sie sich als Opfer wahrnehmen.
 
Es ist eine panische Angst davor, dass Männer selbstbewusst an Geschlechterdebatten teilnehmen und dabei nicht lediglich feministische Skripte aufsagen.
 
Es ist eine panische Angst davor, dass das eigene holzschnittartige und starre Geschlechterbild in Bewegung geraten könnte. Schließlich ist ein Feminismus á la Claus einer der wenigen Bereiche, in denen sich Männer noch uneingeschränkt als stark und mächtig wahrnehmen können.

Natürlich folgt das nicht nur irrationalen, sondern auch ganz sachlichen Kalkülen. Vor einigen Tagen beschäftigte ich mich noch einmal mit einem ganz ähnlichen Text wie dem von Claus, der ebenfalls von einem sehr jungen – und ebenfalls mit dem Thema völlig unerfahrenen – Akademiker im Auftrag einer größeren Organisation verfasst wurde: Thomas Viola Rieskes Bildung von Geschlecht, einer wissenschaftlich unhaltbaren „Studie“, die im Auftrag der GEW geschlechtsspezifische schulische Nachteile von Jungen wegzureden versuchte.

 
Nun ist es an Schulen schon lange kein Geheimnis mehr, dass Jungen dort spezifische Nachteile haben und dringend Förderung bräuchten – diese Meinung teilen und äußern nach meiner Erfahrung Lehrkräfte beiderlei Geschlechts, und dies auch dann, wenn sie noch nie etwas von männerrechtlichen Positionen gehört haben. Eine „Studie“ wie die Rieskes kann das Wissen um die Probleme von Jungen nicht mehr aus den Kollegien verdrängen – sie kann aber dazu beitragen, so lange wie möglich zu verhindern, dass dieses Wissen in institutionelle Unterstützungsangebote für Jungen überführt wird. Solche Angebote nämlich würden durchaus etablierte Positionen gefährden.

Ganz ähnlich auch die Schrift Thomas Gesterkamps, der als erster für die FES die Männerrechtsbewegung als „rechtsradikal“ diskreditierte und der forderte, einen „cordon sanitaire“ um Männerrechtler zu legen – eine inhumane, aber auch verräterische Metapher, die das Engagement für Rechte von Jungen und Männern mit einer ansteckenden schweren Krankheit vergleicht. Vor welcher Ansteckung eigentlich fürchtet sich Gesterkamp?

Von seiner FES-Schrift Geschlechterkampf von rechts berichtete mir jedenfalls eine Gleichstellungsbeauftragte, dass der Text bei einem Treffen von Gleichstellungsbeauftragten  allen auf dem Tisch gelegen hätte – und dass sich angesichts dieser Schrift alle schnell einig gewesen wären, eine Aufmerksamkeit für Benachteiligungen von Männern und Jungen sei nicht statthaft, weil die Forderung danach offenkundig einer rechtsradikalen Geisteshaltung entspringe.

Eben so ist auch der Text von Claus einzuordnen. Es ist ein Gebrauchstext. Sein Zweck ist nicht die Öffnung von Debatten, sondern ihr Abschluss – und der Ausschluss von unwillkommenen Teilnehmern. In keiner Passage geht es ihr um offene, faire, kritische Auseinandersetzungen, sondern beständig darum, solche Auseinandersetzungen zu ersticken.

Ihr Zweck ist nicht, die Geschlechterverhältnisse zum Tanzen zu bringen, sondern dafür zu sorgen, dass niemand aus der Reihe tanzt.

 
Ihr geht es um die Bewahrung versteinerter Geschlechterbilder, in denen sich wieder und wieder mächtige, unverwundbare Männer und reine, unschuldige Frauen gegenüberstehen – und um die Bewahrung der institutionellen Privilegien, die sich mit diesen Versteinerungen legitimieren.

Ganz kurz gesagt: Es ist unverzeihlicher reaktionärer Dreck, den hier die Friedrich Ebert Stiftung mit Steuermitteln in die Landschaft bläst.

Wie bedeutsam ist Alice S.?

– Gastbeitrag von Johannes Meiners –

Meine Replik bezieht sich auf diesen Post von Arne Hoffmann, den er am 04. Juli in seinem Blog „Genderama“ veröffentlichte:
Journalist geschockt über „Gender-Apokalypse“: Alice Schwarzer zählt nicht mehr zu Deutschlands 50 „besten Frauen“
Fast hätte ich mir gestern Abend die ZDF-Sendung über Deutschlands „beste Frauen“ angeschaut, nur um zu sehen, wie weit Alice Schwarzer inzwischen abgestürzt ist. Früher gehörte sie in dieser und anderen Hitparaden aufgrund geschickter PR und massiver medialer Unterstützung zu den Führenden. Erfreulicherweise bleibt einem eine Show mit Johannes B. Kerner aber erspart, weil man sich darauf verlassen kann, dass unsere Presse sowieso ganz aufgebracht über Schwarzers Abstieg berichten wird: Das ZDF hatte Schwarzer zwar in seiner Vorselektion zur Wahl gestellt, das Publikum aber hatte der Radikalfeministin die kalte Schulter gezeigt – auf einer Rangliste, auf die es sogar Claudia Roth geschafft hatte.   
Die Osnabrücker Zeitung versucht nun aus dieser Entscheidung allen Ernstes einen Skandal für das ZDF zu drehen. Dort ist ein junger Mann namens Daniel Benedict angefressen ohne Ende darüber, dass das restliche Publikum Alice Schwarzer nicht einmal annähernd so sehr verehrt wie er selbst, sieht das „ZDF blamiert“ und polemisiert gegen den „Alte-Säcke-Tonfall“ der Sendung:  
„Deutschlands Beste!“ im ZDF: Nach Johannes B. Kerners kuriosem Ranking der bedeutendsten Männer folgte mit der Frauen-Show die Gender-Apokalypse. Alice Schwarzer ist nicht in den Top 50 – der Lilalaune-Moderator merkt es nicht mal.   
Alice Schwarzer polarisiert, sie hat zuletzt auch Autorität verspielt. Dass sie zu den prägendsten Frauen Deutschlands zählt, ist trotzdem völlig unbestreitbar. In den angeblich repräsentativen Umfragen, auf denen die ZDF-Show „Deutschlands Beste! Frauen“ basiert, hat sie es aber nicht einmal in die Top 50 geschafft. Dort tummeln sich stattdessen die Komikerinnen Annette Frier und Martina Hill, einige Dutzend Olympiasiegerinnen und vollzählig die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenfrauen.   
Dem ZDF zufolge finden die Deutschen Helene Fischer (Platz 5) und Andrea Berg also bedeutender als das Gesicht der Frauenbewegung. Das ist so unglaublich, dass Kerner den ganzen Abend lang sein Umfrageverfahren hätte rechtfertigen müssen. Leider hat er die Lücke gar nicht bemerkt. Der Totalausfall passt allerdings gut in eine Show, in der Alice Schwarzer auch inhaltlich nichts verloren gehabt hätte.  
Hier geht es weiter.   
Man muss sich die Seelenqual dieses jungen Mannes einmal vor Augen führen: So ungefähr hätte sich vermutlich ein Journalist des „Neuen Deutschland“ geführt, wenn eine TV-Sendung kurz nach dem Ende der DDR über die beliebtesten Politiker des Landes abgestimmt hätte – und es wäre kein einziger Kopf der SED dabei gewesen. Ja sind die Leute denn noch zu retten?! Da baut man jahrzehntelang eine Ideologie auf, mit Führerkult und allem drum und dran, und bei der erstbesten Gelegenheit drehen sie einem den Rücken zu? Wer hat solche Abstimmungen überhaupt erlaubt? Und warum wird diese Ansicht der Bevölkerung nicht angemessen betrauert? Die Leute sind doch für solche Spitzenrankings vorgesehen, da kann das blöde Volk doch nicht einfach anders entscheiden!   
Alice Schwarzers Jubelperser haben in dieser von erschreckendem Antifeminismus geprägten Zeit noch einige düstere Tage vor sich – wenn sie nicht schnell jemand Neues finden, dem sie huldigen können. Vielleicht fangen sie aber auch einfach noch mal von vorne an, uns allen zu erklären, warum Alice Schwarzer ganz, ganz toll und für uns alle ganz furchtbar wichtig ist.
Zwei Vorbemerkungen meinerseits, lieber Arne, liebe Leser dieser Zeilen:
 
1.) Solche Sendungen wie eine öffentlich-rechtliche, politisch hyperkorrekte Gala für die „50 besten Frauen Deutschlands“ sind in der Regel der letzte Murks und das ZDF wurde ja durch die Art der Darstellung, erst nur Männer, dann n u r Frauen dazu gezwungen, den Frauen „50:50“ der Aufmerksamkeit zukommen zu lassen – oder zwangen sich selbst dazu.
 
Als reflektierender Beobachter merkt man dann noch mal, wie wenig Frauen ernsthaft etwas fürs Land leisteten, wovon viele etwas haben, dauerhaft und altruistisch – abgesehen von den Geburten. Aber Hebammen wurden keine geehrt, Putzfrauen übrigens auch nicht – ebenso wenig Angela Merkel, die mit Abstand mächtigste Frau, die es in unserer Gesellschaft – und weltweit – wohl überhaupt je gab.
Wer war denn gleich noch A. Schwarzer? Zumindest beim Düsseldorfer Karneval war in diesem Jahr noch klar, dass sie bedeutend ist. Quelle Citanova Düsseldorf
2.) Ich finde es super, dass du, Arne, die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ), meine Heimatzeitung mit fast einer halben Millionen täglichen Lesern, auch im Blick hast!
Wo ich aber a n d e r e r Meinung bin, ist:
Alice S. i s t tatsächlich sehr bedeutend!
Wir Maskulisten/Antifeministen/Antisexisten schreiben ja dauernd, wie stark ihre Gesinnungsgenossinnen Staat und Gesellschaft, auch das Bewusstsein der Massen unterwanderten, wie einflussreich sie sind mit ihren Netzwerken und steuerfinanzierten Stellen, Projekten sowie ganzen Institutionen:
Meinungsführerschaft, Deutungshoheit, Interpretationsmonopol u. v. m.
Deshalb würde ich eher sagen:
Alice S. hatte einen wesentlichen, aber eben nicht positiven, sondern negativen Einfluss auf den Fortgang der Gesellschaftsentwicklung.
Wegen ihres reaktionär-antagonistischen Welt- und Menschenbildes, ihres Hasses, Täter-Opferinnenschemas, ideeller Anleihen aus dem 1968er-Geschichtsbild („Unterdrückung“) wie auch der Neuen Rechten („Elitismus“), dazu findet sich ja schon jede Menge bspw. auf Genderama und cuncti, ebenso wegen der Unredlichkeiten im Umgang mit Zahlen/Daten/Fakten, auch den zwischenmenschlichen Gemeinheiten.
Erst recht lässt sich plausibel einwenden, dass sich das Geschlechterverhältnis bereits in den 1960ern zu verschieben begann, als Alice noch keine Rolle spielte. Man kann auf die Existenz der Suffragetten weit mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor verweisen. Vor allem aber auf die Komplexität geschichtlicher Entwicklungen und der Multikausalität von Veränderungen.
Und bei „unserem“ Thema liegen die in der sich Mitte des 20. Jahrhunderts rasant verändernden Lebenswirklichkeit der Mittelschicht. Gründe hierfür sind die Entkörperlichung der Arbeitswelt durch technologische Innovationen, der Wandel zur ebenfalls körperlosen Dienstleistungsgesellschaft, die Pille und weitere medizinische Fortschritte zugunsten der Entscheidungsspielräume von Frauen, die enorme Wohlstandsmehrung, die neue materielle Ansprüche schuf und dann rasch einen geänderten, postmodern-immateriellen Blick auf die Welt, neue Lebensprioritäten.
Ohne die implizite Zustimmung der meisten, erst recht der einflussreichen Männer, sei es per aktiver Mitwirkung, konkludentem Schweigen oder beschämter (und beschämender) Passivität, wären die wesentlich größeren Möglichkeiten von Frauen zur Selbstentfaltung, wie sie sich in den 1970ern rasch entwickelten, in jeder Hinsicht undenkbar gewesen. Zudem die Ausweitung des Öffentlichen Dienstes mit zahlreichen neuen Stellen, die zumeist von Frauen besetzt wurden, insgesamt eine „Vereinsleistung“ von Feministen und Unternehmern, die ein brach liegendes Arbeitskräftepotenzial angesichts des Wachstumsbooms und sinkender Geburtenraten zu heben suchten.
Dadurch gewannen viele Frauen der Mittelschicht an Selbstbewusstsein und wurden finanziell zumindest teilweise unabhängig. Die „richtigen“, anstrengenden, gefährlichen, aufreibenden und/oder innovativen, verantwortungsvollen Arbeiten verrichteten weiterhin Männer und die Führung in der Familie behielten die Frauen, erst recht als Hauptbezugsperson der Kinder.
Vom Scheidungs-, Sorge- und Unterhaltsrecht oder dem öffentlich hegemonialen Blick auf die Bedürfnisse von Männern und Frauen in Beziehungen bzw. im Trennungsfall – alles ist frauenzentriert und frauenfokussiert – ganz abgesehen.
Die Digitalisierung hat mit wachsender Schnelligkeit seit den 1980ern diese Tendenzen befördert und verstärkt – insbesondere die völlige ideelle Entwertung häuslicher Tätigkeiten bei paradoxer gleichzeitiger Entwicklung einer Freizeitgesellschaft.
Die Dinge könnten noch lange fortbeschrieben werden, gerade hinsichtlich der voneinander divergierenden Erwartungen von Frauen und Männern ans jeweils andere Geschlecht, Wandel und Kontinuitäten dieser Erwartungen, Rückwirkungen auf Interaktionen und Verhaltensweisen etc.
Aber Alice S., selber politisch klar rechts, empathiefrei gegenüber ihren Gegnern und „Opfern“, lesbisch, d. h. frei von sexueller Zuneigung für Männer, weshalb sie bereits in den 1970ern in Konflikt mit den „Hetera“ ihrer Bewegung geriet, stets familienlos, von Kindheit an, über die besten Jahre, bis ins Alter (sie ist Jg. 1942), voller Selbstgefälligkeit und Selbsthass, den sie zeitlebens auf das (andersgeschlechtliche oder auch nur andersdenkende) Außen projizierte, hat das Verhältnis der Geschlechter „erfolgreich“ vergiftet – tiefgreifend, nachhaltig und daher dauerhaft. Generationen- und schichtenübergreifend, mit saturierten, urbanen, (pseudo)progressiven Akademikern in privilegierten „Filterbubbles“ als ideellem Epizentrum und Hauptnutznießern. Der von ihnen präferierte Lebensstil wurde – ungefragt – zum Maßstab eines gelingenden Daseins für alle.
Das ist durchaus „bedeutsam“ und insofern kann ich den NOZ-Redakteur durchaus verstehen.
 
Erst recht, wenn man Maybrit Illner, Anne Will, Sandra Maischberger und Co. sieht –  Egozentrikerinnen, denen alles nachgeworfen wurde, die sich trotzdem stets benachteiligt fühlen – und „bedeutsam“ sein sollen?
 
Dazu sei abschließend Arne Hoffmann noch einmal das Wort gegönnt:
„Du [Johannes] weißt ja, dass der NOZ-Redakteur es so nicht gemeint hat: Er findet, dass Alice Schwarzer in diese Sendung mit dem Titel „Die 50 besten Deutschen“ gehört hätte. Und zu den besten Deutschen gehört sie sicherlich nicht.“ [Hervorhebungen von Joh. Meiners]
 
 
PS. Noch ein weiterer Zwischenruf zu einem Artikel in der FAZ, weil er gerade gut zum Thema passt:
Echt enttäuschend, dass so ein Text in die FAZ kommt. Ein kurzer Bericht über Zoe Saldana, Schauspielerin aus Avatar, die in 
„Sozialdramen als Frau (und überdies nichtweiße, also nicht an Angelina Jolie oder Nicole Kidman erinnernde Person) immer nur beschädigte, jedenfalls kaum je aus der Fülle des selbstbewussten Subjektstatus nach vorn preschende Rollen kriegt. 
Die liegen von Hollywood aus gesehen für ihresgleichen nur im Weltraum bereit, wo Zoe Saldana daher als Gamora, als Lieutenant Uhura in den beiden „Star Trek“-Filmen von J.J. Abrams und als Neytiri in James Camerons „Avatar“-Reihe das grüne, mokkabraune oder blaue Gesicht ins Licht ferner Sterne halten konnte: Schwestern, zu neuen Sonnen, zur Freiheit! Die Erde ist eben in manchen Branchen (Informatiklehrstühle, Herzchirurgie, Blockbuster) immer noch eine ziemlich rückständige Provinz (…).“
Aufgezählt werden also  – allen Ernstes – drei Berufssparten in denen die Erde noch eine „rückständige Provinz“ sei: Informatiklehrstühle, Herzchirurgie, Blockbuster.

Darauf wäre ich auf Anhieb auch gekommen;-)

Denn das können Frauen ja so gut und wollen es so gern machen.

Und was ist mit Handwerkern, Matrosen, (gefallenen) Soldaten?

Montage, Überstunden, Feiertagsdiensten, Bereitschaft, (tödlichen) Arbeitsunfällen, keine Zeit, kaum Konsum, Patenten, Steuerzahlungen, Arbeitsplätze schaffen, Entbehrungen, Mut, Risiko-/Aufopferungsbereitschaft, Verhandlungsgeschick, TALENT?

Der Autor braucht mal einen Grundkurs zu den Fakten, erst recht den Zusammenhängen, im Geschlechterverhältnis, zu dessen Komplexität, biologisch wie soziologisch – und in Redlichkeit.

Vielmehr sollte gelten:

Ergebnisgleichheit ist wesensimmanent die Feindin der Chancengleichheit. Gleiche Rechte müssen gleiche Pflichten nach sich ziehen. Gleichstellung ist im Vergleich zur Gleichberechtigung ein Paradigmenwandel – und Leistungsgerechtigkeit verträgt sich kaum mit Verteilungsegalität. Denn Menschen sind nicht gleich, können nicht Gleiches und wollen noch weniger Ähnliches. Übrigens auch innerhalb der Geschlechtergrenzen.

Weiterführend: Das Infopaket zur Gleichstellungspolitik bei cuncti .

 

Warren Farrells Top Ten und die Champions League des Sexismus (Monatsrückblick Juni 2014)

Natürlich musste die Formulierung mit einem Fragezeichen versehen werden:
„Eine internationale Konferenz über die Rechte von Männern?“ (An international conference on men’s rights?)
Unter diesem Titel berichtete der amerikanische Sender msnbc über die Konferenz, die am Ende des Monats in Detroit stattfand – die erste International Men’s Issues Conference.
 
Aber Rechte? Welche spezifischen Rechte brauchen denn Männer?

Die msnbc-Sendung ist ein Beispiel dafür, mit welchem Befremden das Thema Männerrechte noch immer in Mainstream-Medien wahrgenommen wird. „Mansplaining“ stand als Untertitel fast die gesamte Zeit unter dem Bericht und dem folgenden Gespräch, als ob das ein neutraler, unverfänglicher Begriff wäre.

 
Zwei Frauen, Alex Wagner als Moderatorin und die feministische Komödiantin Lizz Winstead als Gast, debattierten aufgeregt über die Konferenz, räumten vorsichtig und beiläufig ein, dass manche Themen ja ganz interessant hätten sein können, dass insgesamt aber die Beteiligten natürlich weit über das Ziel hinausgeschossen hätten.

„Nicht ganz ohne Komik“, kommentiert Arne Hoffmann  die Szene, die deutlich macht, wie extrem unterschiedlich die Sensibilitäten im Hinblick auf spezifische Frauen- und spezifische Männerthemen sind: Noch jedem gedankenlosen, klischeebesoffen Redakteur wäre klar, dass es recht lächerlich aussähe, wenn zwei Männer sich aufgeregt und von oben herab über eine Konferenz zu Frauenthemen ausließen und wieder und wieder engstirnige Bewertungen der beteiligten Referentinnen abgäben.

 
Wagner und Winstead aber haben ganz offenkundig überhaupt keinen Sinn dafür, wie nahe an der Lächerlichkeit ihr Arrangement gebaut ist, in dem sie sich über Männerrechte (?) erregen. Auch für sie sind Geschlechterthemen selbstverständlich Frauenthemen – und, ganz wichtig: Man spricht über Männerrechtler, aber nicht mit ihnen.
Männerrechtler reden über die große Bedeutung beider Eltern für Kinder – über Kommunikation zwischen Männern und Frauen – über die notwendige psychologische Betreuung für Soldaten – über die sehr hohe Zahl der Jungenselbstmorde.
Wir hingegen reden übers Ficken.“
Geschlechterbewusste junge Menschen demonstrieren in Dallas gewohnt herrschaftskritisch gegen die Konferenz zu Problemen von Männern und Jungen.
Das aber war nur eine von vielen Reaktionen. Der konservative Sender FOX berichtete durchaus angetan von der Konferenz und machte deutlich, wie unangemessen die Vorwürfe, die harten Proteste und Drohungen dagegen waren.  Die große amerikanische Tageszeitung USA Today schrieb sogar:
„Doch obwohl die spezifischen Themen interessant waren, war doch der Aspekt der Veranstaltung, der mich am meisten berührte, der greifbare Mangel an aller Anspannung zwischen den Geschlechtern. Männer und Frauen auf dieser Konferenz zogen offenkundig an einem Strang, gehörten zum selben Team – und das auf eine Weise, die in diesen Zeiten der Geschlechtertrennung beinahe überraschend ist.“ (1)
Das war eben gerade der Akkord, mit dem der wohl profilierteste Redner der ganzen Veranstaltung seine Rede beendete: Warren Farrell sagte vor dem herzlichen, begeisterten Schlussapplaus zu seinem Beitrag:
„Wir brauchen keine Frauenbewegung, die Männer beschuldigt – wir brauchen keine Männerbewegung, die entweder furchtsam agiert oder Frauen beschuldigt (…) Dies ist nicht die Zeit für eine Männerrechtsbewegung oder eine Frauenrechtsbewegung, sondern für eine Bewegung zur Liberalisierung der Geschlechterrollen (gender liberation movement), weg von den rigiden Rollen der Vergangenheit hin zu flexibleren in der Zukunft.“ (2)
Auch das Erstaunen solcher Kommentatorinnen wie Wagner und Winnfield angesichts der Rede von Männerrechten (?) nahm Farrell schon vorweg: Wenn Männer ohnehin als Herrscher gelten würden, dann sei jemand, der für Männerrechte eintritt, wie jemand, der für die Bürgerrechte von Königen kämpft. „It‘s like asking for kings‘ rights.“ (1:44)

Zehn wesentliche Themen, seine „Top Ten“ skizziert Farrell in seiner Rede – und diese Skizze eignet sich sehr gut dafür, die Themen des vergangenen Monats noch einmal zu betrachten.

Eines von zehn – Die Jungenkrise Das wichtigste Thema  sei die Jungenkrise (53:45), denn hier könne auch die Bedeutung von Männerrechten allgemein nachvollziehbar werden. Die Rede über die Belange, auch den Schmerz erwachsener Männer nämlich würden andere Männer tendenziell als Schwäche wahrnehmen, Frauen als Jammerei. Ginge es aber um Jungen, dann würden Schutzimpulse angesprochen, und eine empathische Reaktion würde möglich.

„Plötzlich spürt sie seinen Schmerz.“ („Suddenly she feels his pain.“ 58:24)
Ob Farrell hier tatsächlich recht hat, lässt sich allerdings bezweifeln: Als die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram Schulmädchen entführte, reagierte die westliche Öffentlichkeit mit einer großen internationalen Kampagne, ausführlich von allen Massenmedien begleitet: Bringbackourgirls. Dass Boko Haram zuvor in vielen Fällen gezielt Jagd auf Jungen gemacht hatte, dass Jungen getötet, abgeschlachtet, bei lebendigem Leibe verbrannt worden waren – das hatte dieselbe Weltöffentlichkeit nie interessiert.

Die gleiche Kälte gegen Kinder demonstrierte in Deutschland auch die Darmstädter Philosophieprofessorin Petra Gehring, die ein Weltgastrecht für Frauen und dabei ausdrücklich auch ein spezifisches Recht der Aufnahme von Mädchen – nicht: Jungen – forderte. Ihr entschlossen antihumanes Statement wurde in der Emma abgedruckt und dort als Beitrag zum Weltfrieden präsentiert.

 
Als Skandal wurde dieser Text außerhalb einer Reihe von Blogs nicht wahrgenommen – mit der Einschätzung, dass die Empathie mit Jungen im allgemeinen Bewusstsein größer sei als die mit Männern, liegt Farrell wohl falsch.

Zwei von zehn – Kinder brauchen beide Eltern Farrells zweites Thema, die Bedeutung beider Eltern für Kinder (59:20), wurde in diesem Monat fast wörtlich schon im Blog Geschlechterallerlei vorweggenommen:

„Mal ganz abgesehen davon, dass Kinder ein Recht auf ihren Vater haben und umgekehrt, bin ich der festen Überzeugung, dass ein Kind beide Elternteile braucht“,
schrieb dort die Bloggerin evilmichi. Ganz ähnlich stellte auch Farrell klar, dass es nicht allein um Rechte (rights) von Kindern ginge, sondern auch um basale, zentrale Bedürfnisse (needs), und er verwies auf Forschungsergebnisse, nach denen für Kinder auch nach einer Trennung ein guter, gleichmäßig verteilter Kontakt zu beiden Eltern dringend nötig sei.

Ein mutterfixiertes Kindschaftsrecht, insbesondere das in Deutschland, steht diesen needs natürlich entgegen. Das zeigt sich selbst in evilmichis Text: Sie schreibt,

„dass ich mich manchmal regelmäßig dafür verfluche, keines von diesen Weibsbildern keine von jenen Frauen zu sein, die den Vater einfach ‚entsorgen‘(…).“
Auch eine Frau also, die fest von der Bedeutung des Vaters für die Kinder überzeugt ist, spielt ganz selbstverständlich mit der Option, ihn weitgehend aus dem Leben der Kinder entfernen zu können – wenn sie diese Option auch bewusst ausschlägt.
 
Allein die faktische und rechtliche Möglichkeit des Vaterentzugs prägt offenkundig Beziehungen, und auch solche, in der die Mutter von dieser destruktiven Möglichkeit nicht Gebrauch macht. Das gilt natürlich auch für Männer: Der Druck, auch in als unerträglich empfundenen Beziehungen zu verharren, ist für Männer sehr groß, wenn sie den Kontakt zu ihren Kindern nicht ganz oder weitgehend verlieren möchten.
 
Das Problem des staatlich exerzierten Vaterentzugs ist nicht allein ein Problem der entsorgten Väter und ihrer Kinder, bei weitem nicht.
 
Schon im Mai trat in Deutschland übrigens das Gesetz zur vertraulichen Geburt in Kraft, das den Vater und seine Bedeutung für das Kind radikal ausblendet – betroffenen Vätern wird es damit völlig unmöglich gemacht, für ihr Kind sorgen zu können oder auch nur Informationen über ihr Kind zu erhalten.
 
 
Drei von zehn – Der Gender Pay Gap und die männliche Tragödie  Das automatisierte Verständnis des „Gender Pay Gaps“ als berufliche Diskriminierung der Frau lässt sich, so auch Farrell,  nicht halten. Erklären ließen sich Unterschiede nur, wenn männliche und weibliche Positionen im Arbeits- und Familienleben gemeinsam betrachtet würden. Der Königsweg zur hochbezahlten Arbeit nämlich sei es, viel Zeit außerhalb und fern von der Familie zu investieren. (1:05)
 
Männer würden in der Situation sein, sich die familiäre Nähe durch ihre Rolle als Versorger gleichsam zu erkaufen – eben diese Rolle würden sie aber nur in der Distanz zur Familie ausfüllen können. Als „männliche Tragödie“ hatte Farrell diesen Widerspruch schon in seinem bahnbrechenden Buch The Myth of Male Power bezeichnet.

Die Weigerung, Strukturen des Familien- und des Arbeitslebens im Zusammenhang zu betrachten, mündet regelmäßig in verkürzten Analysen der Situation. Ökonomisch in der Behauptung einer weiblichen „Lohndiskriminierung“, aber auch, beispielweise, pädagogisch: In den Schulen folgen der Girls‘ Day und der Boys‘ Day dem Glauben, Berufswahlentscheidungen von Jungen und Mädchen könnten beliebig modelliert werden, wenn beiden nur die richtigen Rollenvorbilder zur Verfügung stünden.

 
 
Vier von zehn – Kommunikation  Wer Kritik erfahre, so Farrell, würde grundsätzlich auf eine evolutionär eingeübte Weise reagieren: nämlich die Kritik als Angriff wahrnehmen, auf den ein Gegenangriff folgen müsse. So aber stünde unser genetisches Erbe im Widerspruch zu unserer Zukunft: Was einmal funktional für das Überleben gewesen sei, sei dysfunktional für das Leben in Beziehungen. (1:13)

Eben dieses Thema war im vergangenen Monat wiederholt Gegenstand engagierter Diskussionen. Elmar Diederichs setzte sich beispielweise mit einem Bericht Carla Otts über den internetbedingten „Niedergang der Kennenlernkultur“ auseinander, der sich von seinen eigenen Erfahrungen erheblich unterscheide. 

 
In dem Kommentaren diskutierten Christian Schmidt und crumar dann kontrovers über die Bedeutung von Pick Up und damit auch über dass Verhältnis von Erbe und Zukunftsgestaltung:  Pick Up, so crumars Vorwurf kurz gefasst, wiederhole unreflektiert den klassischen Versuch, die Erwartungen von Frauen zu bedienen, und setze damit „unsere männliche Rolle in alle Ewigkeit“ fort, statt sie zu verändern und zu erweitern.

Ob es sinnvoll ist, die Geschlechterdebatte insgesamt als Beziehungsstreit zu interpretieren, war denn auch einer der meistdiskutierten Artikel bei Alles Evolution

 
LoMi untersuchte auf seinem Blog Offene Flanke, wie sehr Geschlechterdebatten gerade durch gezielte Regelbrüche geprägt werden. Die „hohe Konfliktbereitschaft des Störers“ könne andere zum Rückzug bewegen, da sie sich davon erhoffen würden, den gestörten Frieden wieder herzustellen. Eben so hätten Männer auf feministische Forderungen reagiert – ohne dass sie damit die Situation jemals hätten befrieden können

Fünf von zehn – Seriöse Men’s Studies  150.000 Frauen würden jährlich Women’s Studies-Kurse belegen – wer in den Medien mit Geschlechterfragen beschäftigt sei, habe zu einem großen Teil einen Hintergrund in den Women’s Studies. Eine Folge davon sei, dass Geschlechterdebatten auf Fraueninteressen fixiert seien und Männerrechtler gegen eine gigantische Mauer (huge wall) anrennen müssten. (1:20)

Farrell berichtet aber auch von einem Gespräch mit dem Präsidenten einer Universität, der die Einrichtung von seriösen Men’s Studies durchaus begrüßte, die nicht allein feministische Klischees über Männer reproduzierten. Dieser Präsident wollte sich selbst jedoch niemals dafür stark machen: „Möchtest Du, dass ich gefeuert werde?“ (Have me fired?, 1:21:34)

Auch in Deutschland geraten Universitäten immer wieder mit seltsamen geschlechterpolitischen Einseitigkeiten in die Nachrichten, und dies noch weit über die Gender Studies – die de facto Women’s Studies sind – hinaus. Im Juni brachte sich wieder einmal die Berliner Humboldt-Universität ins Gerede.

 
Dort hatte sich der Top-Mathematiker Matthias Aschenbrenner auf eine Professur beworben, wurde auch auf dem ersten Platz der Bewerberliste platziert – und dann zog die Universität die Ausschreibung zurück. Die Stelle hatte, gefördert vom Professorinnenprogramm, allein mit einer Frau besetzt werden sollen. Die geschlechtsneutrale Ausschreibung war offenbar lediglich pro forma erfolgt, um sie nicht rechtswidrig werden zu lassen – mit der Folge, dass sich männliche Mathematiker reihenweise für die Besetzung der Stelle vorstellten, ohne zu wissen, dass sie nicht einmal eine basale Chance auf Erfolg hatten. 
 
Von einer Veranstaltung an der Bochumer Universität berichtete zudem der Stadtfuchs. Die Professorin Ilse Lenz, als Betreuerin der Arbeit wesentlich mitverantwortlich für Hinrich Rosenbrocks berüchtigte Schrift bei der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, führte dort in eine Diskussion zum Thema Maskulinismus und Antifeminismus ein.
 
Eine Diskussion, bei der kontroverse Meinungen oder gar Kritik an der Position von Lenz natürlich nicht gefragt waren:

„Wir führen hier keine Dialoge!“,

hielt die Diskussionsleiterin dem Stadtfuchs offen vor, bemerkenswert unbekümmert um die üblichen Gepflogenheiten demokratischer und akademischer Debattenkultur, die sie vermutlich ohnehin als Herrschaftsinstrumente weißer alter Männer interpretiert.

Sechs, sieben und neun von zehn – Der disposable male (männliche Schwangerschaftsverhütung, Gesundheitsbewusstsein und Fürsorge für Soldaten)  Mit seinem sechsten, siebten und neunten Aspekt führt Farrel noch einmal einen zentralen Aspekt seiner Arbeit an: den des disposable male – was mit „verfügbarerer Mann“ ebenso wie mit „Wegwerf-Mann“ zu übersetzen ist.

 
Er setzt sich für die Entwicklung einer Pille für den Mann ein (1:25), die gegen eine männliche Verfügbarkeit als Samenspender oder Zahlvater helfen kann – er plädiert dafür, das Gesundheitsbewusstsein von Männern (men’s health intelligence, 1:27) zu fördern – und er redet von Soldaten, die in den Einsatz geschickt und nach ihrer Rückkehr vergessen würden. Der Tod durch Selbstmord sei bei zurückgekehrten Soldaten fünfundzwanzig Mal so häufig wie zuvor der Tod im Kampfeinsatz.

Männer würden, so Farrell, als human doings geschätzt, nicht als human beings – für die Gesellschaft sei die männliche Disponibilität wichtig gewesen, für die Männer selbst aber destruktiv. Das gesellschaftliche Überleben sei lange darauf angewiesen gewesen, den Söhnen eine möglichst unbeschränkte Verfügbarkeit anzutrainieren (based on its ability to train its sons on being disposable, 1:27). Eine Folge davon sei, dass die Selbstmordrate von Jungen auf dem Weg zum Mann im Vergleich zu gleichaltrigen Mädchen massiv erhöht sei.

Schon in den massiven Protesten gegen die Konferenz zeigt sich die große Bedeutung des disposable male. Der Blogger virtual-cd führt die Proteste eben auf diese männliche Disponibilität zurück – denn werden Männer nicht mehr als verfügbar, nicht mehr als Wegwerf-Männer behandelt,

„dann wird eine randbewusste Grundlage unserer Zivilisation in Frage gestellt.“
Auffällig auch, dass die auf eine Ausweitung von Militäreinsätzen bezogene Forderung des Bundespräsidenten „für ein stärkeres Engagement Deutschlands im Ausland“ zwar vieldiskutierte Vorwürfe nach sich zog – dass es aber in diesen doch eigentlich so geschlechterbewussten Zeiten niemand für nötig hielt, darauf hinzuweisen, dass es fast ausschließlich junge Männer sind, die der pastorale Präsident gern öfter in Kriegseinsätzen sehen würde. Aus sicherer Entfernung, versteht sich.
 
 
Acht von zehn – White House Council on Boys and Men Farrells achter Punkt zieht eine politische Konsequenz: Er fordert ein White House Council on Boys and Men (1:34).
 
Wie wichtig es wäre, antisexistische Positionen auch in Deutschland zu institutionalisieren und dabei nicht allein auf frauenfeindlichen Sexismus fixiert zu sein, hat in diesem Monat wieder einmal die grüne Partie demonstriert. Sie gewann mit ihrem Frauenstatut souverän und unangefochten die Champions League des Sexismus und konnte mit dem eleganten Satz
„Benachteiligungen von Männern aufzeigen und beseitigen – dies ist nicht unser politischer Wille“

auch gleich noch den dritten Platz behaupten.

Konkurrenz bekam der grüne Sexismus allerdings vom Bundesforum Männer, das sich doch eigentlich für die Belange von Jungen und Männern stark machen sollte.  Stattdessen lud es den feministischen „Männerforscher“ Michael Kimmel nach Berlin, der über Männer ungefähr so forscht wie ein Virologe über Viren – als Bekämpfer einer Krankheit. Der Bundesforum-Vorsitzende Rosowski garnierte den Vortrag, so der Bericht dazu von Hadmut Danisch, mit höhnischen Vorwürfen gegen erfolglose Männer, die  „Verlierer“ unserer Gesellschaft seien.

 
Bei Alles Evolution kommentierte DJM überzeugend, dass sich in dieser Verachtung für Männer und Männerrechtler tatsächlich ein reaktionäres Geschlechterbild verberge:
„Immer wieder fällt mir bei diesen nämlich auf, dass sie keineswegs ‚lila Pudel‘ oder männliche Feministen sind, sondern im Grunde gerade ein (uneingestanden) starres, altes Männerbild haben, das sie von Männerrechtlern bedroht fühlen.“ 
 
Zehn  von zehn – Männerklischees Das katastrophale Männerbild Rosowskis, der doch eigentlich für die Vertretung der Interessen von Männern und Jungen bezahlt wird, hängt eng mit Farrells letztem Punkt seiner Top Ten zusammen.
 
Boys are stupid, throw rocks at them – er habe, so Farrell, kein Problem damit, dass es überhaupt jemanden gäbe, der so feindselige Sprüche mache. Er habe aber ein Problem damit, dass eine Industrie daraus entstanden sei. (1:42)
 
Das Problem sei eine allgemeine Atmosphäre, in der auch massive Feindseligkeiten gegen Jungen und Männer als normal oder gar gerechtfertigt akzeptiert würden.

„Wenn ich groß bin, werde ich meine Frau schlagen“ stand 2008 groß neben dem Bild eines Jungen auf Plakaten einer Kampagne in öffentlichen Verkehrsmitteln in Dallas
 
„Eines Tages wird mein Ehemann mich töten“ stand neben dem eines Mädchens.

Wäre der Junge schwarz gewesen, so Farrell, dann hätte jeder Betrachter sofort verstanden, dass hier rassistische Klischees bedient werden. Die sexistischen Klischees einer solchen Kampagne würden jedoch viele nicht wahrnehmen.

 
Das aber könne geändert werden.
 
 
Dass solche Änderungen nicht plötzlich, sondern nur schrittweise erfolgen, zeigte sich auch an der öffentlichen Darstellung der Konferenz – bei der übrigens nicht allein Farrells Rede wichtig war.
 
Sehr lohnend ist beispielweise die furiose Auseinandersetzung Karen Straughans mit dem Feminismus der ersten Welle – auch damals schon sei es nicht um Gleichberechtigung gegangen, sondern um die Etablierung und Verteidigung von Vorrechten.

Das von Feministinnen beschriebene Patriarchat, so eine naheliegende Schlussfolgerung aus Straughans Vortrag, hat es nie gegeben. Warum auch hätten die Männer es so ungünstig, wie es für sie ist, einrichten sollen, wenn sie wirklich die umfassende Herrschaft gehabt hätten? Die Frage stellte sich jedenfalls in einer der für mich  interessantesten Diskussionen des Monats bei Alles Evolution.

Jessica Roy berichtete für das große TIME-Magazin von der Konferenz und kam zu einem zwiespältigen, aber auch typischen Schluss, der Offenheit für die angesprochenen Probleme mit der Reproduktion von Klischees kombinierte.

„Es gibt Männer da draußen (…), für die ein Erfolg dieser Bewegung sehr wichtig wäre. Die Paranoia und Giftigkeit der Anführer der Bewegung kann ihnen dabei unmöglich helfen.“ (3)
Dass dieses Statement bei aller Klischeehaftigkeit ein reales Problem anspricht, räumt auch Arne Hoffmann in einem Kommentar ein:
„Auch in der deutschen Männerbewegung beißen sich Appelle an mehr Menschlichkeit immer wieder mit Ausfällen, die genau dieses Ziel konterkarieren.“ 
Möglicherweise gibt es bald eine Möglichkeit, das auch im deutschen Sprachraum breit, und persönlich, zu diskutieren: Bei Geschlechterallerlei schlägt wiemanindenwald ein ideologisch offenes Bar-Camp in Wien oder München vor.

 
 
Die Zeitangaben zu Farrells Beitrag beziehen sich auf die verlinkte Video-Version seines Vortrags.´
 
Die Vorträge von der ersten International Men’s Issues Conference in Dallas sind allesamt als Videos verfügbar. Die des ersten Tags (von der kanadischen Senatorin Anne Cools, von der Begründerin der Frauenhausbewegung Erin Pizzey, von der Psychotherapeutin Tara Palmentier, vom britischen Politker Mike Buchanan und vielen anderen) und die des zweiten Tags (unter anderem von Warren Farrell und Karen Straughan).
 
Ich habe im Text alle englischen Zitate ins Deutsche übersetzt und sie in der Regel als englischsprachiges Originalzitat in Klammern hinzugefügt. Hier sind drei längere Zitate im Original, die ich aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht in den Text eingefügt hatte:

(1) But although the specifics were interesting, the thing that struck me most about the gathering was the palpable lack of gender tension. Men and women at this conference seemed to be on the same page, and the same team, in a way that seems almost surprising in these gender-divided times.

(2) We don’t need a women’s movement blaiming men, we don’t need a mens movement either fearful or blaming women  (…) That’s not the time for a men’s rights movement or a women’s rights movement, it’s the time for a gender liberation movement from the rigid roles in the past to more flexible roles in the future.

(3) There are men out there, like DeLuca and Brendan Rex, who have a real stake in the movement’s success. The paranoia and vitriol of its leaders can’t possibly do anything for them.