Coke contra Pepsi, oder: Wozu ist nochmal diese linke Männerpolitik gut?

„Dass es einen ‚linken Flügel der antisexistischen Männerbewegung‘ gibt, ist mir neu, und ist durchaus amüsant. Wo lässt der sich denn einordnen, innerhalb der Linken? Steht der eher in der Nähe des ‚linken Flügels zur Pflege des Ansehens der militärischen Tradition‘ oder doch eher in der Nähe des ‚Linken Flügels zur Verbesserung der pekuniären Situation des Großunternehmertums?‘“
Soweit amüsiert zeigte sich der Kommentator „führerscheinnichtnutzer“ unter Sarah Schascheks Tagesspiegel-Artikel „Brutale Drohungen im Internet Hetze gegen Genderforscherinnen“. Für Rechte von Männern einzutreten sei also, als würde man für die Rechte von Militaristen oder die von Großunternehmern eintreten – eine klassische Angelegenheit der politischen Rechten. Der Begriff antisexistisch passt ihm hier ohnehin nicht und wird daher souverän ignoriert.
Dass führerdings sein stillschweigendes Argument nicht ausdrücklich formuliert, sondern ironisierend verpackt, hat wohl einen guten Grund. Schon wer nur kurz nachdenkt, wird auf viele Männer oder Jungen kommen, die in deutlich hilfloseren Situationen leben als militärische Traditionalisten oder Großunternehmer: Obdachlose; Väter ohne Möglichkeit zum Kontakt zu ihren Kindern; einfache Soldaten; Arbeiter in gesundheitsgefährdenden Berufen; Jungen mit ihren spezifischen Schwierigkeiten in der Schule…
Kurz: Er wird auf Menschen kommen, deren Interessen einmal ein Kernanliegen linker Politik waren. Dass die Ironie der zitieren Passage überhaupt verfangen kann, setzt daher voraus, dass auf Seiten von Linken und solchen, die es sein wollen, die Vorstellung fraglos betoniert ist, ein Engagement für Fraueninteressen sei „links“ und eines für Interessen von Männern sei irgendwie „rechts“.

Eben eine solche betonierte Gegenüberstellung wird auch von ganz anderer Seite bestätigt.

„Wie lange wollen sich ‚linke Männerrechtler‘ noch von Vertretern ihres eigenen Lagers verprügeln, verleumden und ‚positiv‘ (sic!) diskriminieren lassen, bevor sie erkennen, daß ‚links‘ heute explizit ‚Feminismus‘ und ‚Anti-Maskulismus‘ bedeutet? Sorry, aber aus meiner bescheidenen Sicht ist das naiv und/oder sehr masochistisch“,
stellte der Kommentator „Horst“ vor einigen Wochen nach Christian Schmidts Artikel zu Robert Claus‘ Maskulismus klar.
Nun gibt es allerdings schon seit einiger Zeit Texte, die Feminismuskritik und Engagement für Männerrechte ausdrücklich aus einer politisch linken Position heraus formulieren. Arne Hoffmann hat viele davon in einer langen Linkliste versammelt, und sein eigenes Plädoyer für eine linke Männerpolitik gehört unbedingt dazu.Da Horst sich bei Alles Evolution jedoch durch den Hinweis auf diese Texte nicht überzeugen ließ, und da es anderen vielleicht ähnlich geht, versuche ich es einmal anders – nämlich in einer ganz persönlichen Perspektive zu erzählen, wie jemand eigentlich dazu kommen kann, links zu sein und sich für Rechte von Männern zu engagieren.

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Evangelisches Männerbasteln (und andere Formen der Hate Speech)

„Macker sein klappt nicht auf Anhieb. Es gibt da so Übungen.“
Das steht auf der Titelseite einer Zeitschrift, die ich im Urlaub zufällig gelesen habe. Neben den Sätzen das Bild einer jungen Frau, die einen Mann darzustellen versucht und die sich zu diesem Zweck eine Mütze aufgesetzt hat und böse guckt.

Es ist das Titelbild des Magazins chrismon, das von der evangelischen Kirche finanziert und in einer Auflage von fast 1.600.000 Exemplaren monatlich der Zeit und diversen Tageszeitungen beigelegt wird. Damit ist die Auflage fast doppelt so hoch wie die gegenwärtige Auflage des Spiegel.

 
Mir fiel das Magazin zum ersten Mal auf, als es vor zwei Jahren in mehreren Beiträgen einer Ausgabe  über häusliche Gewalt berichtete und den Eindruck erweckte, diese werde allein von Männern allein an Frauen ausgeübt – was Arne Hoffmann damals, allerdings ohne kirchlich gesponsorte Millionenauflage, richtig stellte.

Wer das Heft aus meinem Urlaub dann aufschlägt, sieht auf Seite drei die junge Frau vom Titelbild noch einmal unverkleidet, als Frau, was in diesem Fall mit „freundlich lächelnd“ übersetzt werden kann.

„Olga fand es super, auf der Straße als Mann durchzugehen. Endlich mal keine Anmache . . .“,
steht diesmal daneben. Damit und mit den entsprechenden Bildern ist dann auch schon klar, wie Männer so sind: grimmig dreinblickende Anmacher, die sich breitbreinig raumgreifend in Sofas fläzen und gleich mehrere Plätze beanspruchen, während Frauen gesittet die Beine übereinander schlagen und mit einem einzigen Platz auskommen, wie sich das gehört.
Ein gemachter Mann. Alles, was für die Herstellung von Männlichkeit benötigt wird, ist ein unordentlicher Haarwuchs und ein grimmiger Blick. Hier fehlte jetzt nur noch eine raumgreifende Armhaltung, und die Illusion wäre perfekt.

Eigentlich ist so auch die Kernaussage der Titelgeschichte schon deutlich geworden, ohne dass es nötig war, eine einzige Zeile von ihr anzuschauen. Ich hab sie trotzdem gelesen, sogar raumgreifend vom Anfang bis zum Ende, und war schließlich doch überrascht. Was hier die Chefredakteurin Christine Holch schreibt, hilft nämlich auch dabei, ein ganz anderes Thema zu verstehen, über das gerade Michael Klein berichtet hat:

Der Hannoveraner Professor Günther Buchholz hatte versucht, eine unabhängige Überprüfung der Gender Studies zu initiieren – scheiterte aber daran, dass die Verantwortlichen sich einer solchen Überprüfung konsequent entzogen.  Von den 74 Fragebögen, die er an Forscherinnen und Universitätspräsidien verschickt hatte, erhielt er keinen einzigen zurück.

Und was hat das nun mit Holchs Artikel zu tun?


Männer sind widerlich, lassen sich aber leicht herstellen (sagt das Kirchenmagazin) „Das Gemachte an der Männlichkeit lässt sich ebenso imitieren“ wie das Gemachte an der Weiblichkeit – so Holch gleich zu Beginn ihres Textes. Sie schreibt über ihre Erfahrungen bei dem Wochenendworkshop „Man for a Day“, den die Amerikanerin Diane Torr in Berlin anbot. Frauen waren dabei eine Weile als Mann verkleidet unterwegs, zogen sich jedoch nicht nur entsprechend an, sondern lernten auch sein Verhalten zu imitieren:

„Das, woran man einen Mann zu erkennen meint, ist sein Habitus: sein Gang, seine Gestik, seine Mimik, sein Blick.“
Daher also schaut Olga dann auch auf dem Titelbild so grimmig in die Kamera.

Diane Torrs Männervorbild war ihr Vater, und der war – wie könnte es anders sein – natürlich „ein alkohol­kranker schottischer Marineoffizier und sehr gewalttätig“. Demgemäß typisch männliches Verhalten lernen auch die Frauen in ihrem Workshop: beispielsweise, den Kopf „wie ein Reptil“ zu halten, was „der gelegentliche schnittige Handkantenschlag in die Luft“ effektvoll unterstreichen könne. Sie lernen, wie der typische Mann reagiert, wenn jemand an ihm zweifelt:

„hinstellen, Fersen heben und die Absätze mit einem satten Klack aufsetzen.“
Natürlich sind dann auch Holchs Erfahrungen als Mann sehr erfolgreich:
„Ich gehe breit. Ich weiche niemals aus.“
Und:
„Ich schaue so übellaunig, dass mir fast das Gesicht abfällt, und stapfe zum Spreeufer.“
Zudem lernt sie, sich  bei Gefühlen der Unsicherheit in die typisch männliche und uns allen gut vertraute „Sicherungsposition“ zu begeben:
„Hände auf den Rücken legen, Absätze heben und runterklacken lassen, mit einem Grunzen imaginären Schleim tief aus dem Rachen hochziehen.“
Genau das mach ich zum Beispiel auch immer, wenn eine Schulklasse mal laut ist – kommt immer sehr gut an und schüchtert alle Schüler zuverlässig ein. Und niemand würde auf die Idee kommen, das lächerlich zu finden, nicht einmal ein gefährlicher Fünftklässler.

Holch lernt denn auch, wie man sich als Mann richtig hinsetzt:

„Laut schleife ich einen Stuhl über den Boden, knalle ihn vor mich hin, bedeutungsvolle Pause, dann kippe ich den Stuhl. So geht das.“
Zwischendurch bemerkt sie mal kurz: „Klar, das sind Klischees“ – setzt dann aber unbeeindruckt ihre beeindruckende Männer-Kopie fort. Eine andere Frau hat z.B. in dem Workshop gelernt, wie ein richtiger Mann formvollendet eine weibliche Kellnerin anspricht:
„Püppie, bring mir mal ’nen Espresso.“
Holch selbst sitzt selbstverständlich „in den Stuhl gefläzt“, eine andere Teilnehmerin stellt mit einfachen Mitteln täuschend echt einen Kunstkurator dar:
„Hände in die Hosentaschen, fettiger Män­nerzopf, ungeduldiges Fußgeklopfe (…). Cooler Typ. Ehrlich gesagt: ein Widerling.“
Damit ist übrigens der Kern getroffen: Wer anständig zum Mann werden will, darf einfach nur keine Scheu davor haben, widerlich zu sein.
„‘Als Frau bin ich immer nett, immer auf andere bezogen, immer ‚Wie geht es dir?‘‘, sagt Miriam. ‚Als Arschloch ist mir das egal.‘“
Das Gegenstück zur Frau, so stellt die Kunstkuratorendarstellerin Miriam es hier klar, ist eben nicht der Mann, sondern das Arschloch. Was aber auch irgendwie dasselbe ist.
„Super, (…) also grauslich. Also super.“
– so sieht eine Frau aus, wenn sie sich erfolgreich, also super, als Mann verkleidet hat. Als Frau wäre sie natürlich niemals grauslich:
„Öffentlich in der Nase bohren das tun Frauen eher nicht.“
Hingegen liest man ja sehr häufig von Männern, die sich bei gelegentlichen Stürzen schwer verletzen, weil sie mit beiden Zeigefingern in den Nasenlöchern durch die Gegend stolzieren und sich dann beim Stolpern nicht auffangen können. Wer von uns kennt das nicht?

Der Darstellung von Männern als widerlichen, raumgreifenden und egoistischen Gestalten entspricht natürlich eine Idealisierung von Frauen, die sich damit wunderbar ergänzt.

„Als Mann sitzen wir nicht vorn auf der Stuhlkante (dem Gegenüber freundlich-eifrig zugewandt), sondern zurückgelehnt auf der ganzen Stuhlfläche; wir machen uns nicht schmal (und nett) – sondern breit (und wichtig), im Sitzen wie im Gehen. Klimpergeld in der Hosentasche unterstützt die Coolness.“
Frauen sind nett, freundlich, zugewandt, Männer sind wichtigtuerisch, angeberisch und klimpern mit Kleingeld in der Hosentasche (und das auch nur deshalb, weil man mit großen Scheinen nicht so gut klimpern kann). Und überhaupt, wer macht sich schon ernsthafte Gedanken über Körpersprache, wenn eigentlich ohnehin immer schon klar ist, was sie ausdrückt?

Frauen nämlich nicken beständig, und sie lächeln häufig,

„damit sich die Leute in unserer Gesellschaft wohlfühlen.“
Und sie haben offenkundig ein fantastisches Beobachtungsvermögen:
„Als wir ‚Begrüßung‘ üben, patschen wir einander ausgiebig auf die Schultern, schütteln heftigst Hände. ‚Klischee‘, ruft Diane aus dem Hintergrund.“
Nein, und nun einmal ganz im Ernst: Das hier ist nicht einmal mehr ein Klischee, sondern eine primitive Travestie – etwa so, als würde ein Mann eine Frau darstellen, indem er sich die Brust mit beiden Händen zum Busen hochdrückt, x-beinig durch ein Zimmer stolziert und dabei halbminütlich „Heititei“ ausruft.

Ich hab mich beim Lesen gefragt, ob das Bild von Männern, dass diese Frauen produzieren, eigentlich dem Männerbild vieler Frauen entspricht – und was solche Frauen eigentlich sehen, wenn sie Männer anschauen. Ob sie zum Beispiel wirklich irgendetwas bemerken, oder ob sie nur nach Bestätigungen der Bilder suchen, die sie ohnehin schon im Kopf haben.

 

Mannsein ist einfach (nur verstehen das die Männer nicht) Deutlich differenzierter als dieser Artikel ist ein Text, der grundsätzlich von dem gleichen Arrangement ausging wie Torrs Workshop. Im Jahre 2006 veröffentlichte die Schriftstellerin Norah Vincent ihr Buch Self-Made Man. My Year Disguised as a Man, das sie auf der Basis eines sozialen Experiments geschrieben hat: Sie hatte achtzehn Monate lang als Mann namens „Ned“ gelebt. Die Idee zu dem Experiment war der lesbischen Vincent gekommen, als sie im New Yorker East Village  als Drag King unterwegs war.
 
Vincent schreibt damit übrigens in einer längeren und durchaus umstrittenen Tradition, deren bekanntestes amerikanisches Beispiel schon 1961 erschien, als der weiße Journalist John Howard Griffin in seinem Buch Black Like Me seine Erfahrungen in einer Verkleidung als schwarzer Amerikaner beschrieb.

Natürlich erwähnt Christine Holch Vincents Text mit keinem Wort, sie kennt ihn wohl nicht einmal. Sie hätte andernfalls auch von ihrem holzschnittartigen Mann-Frau-Bild Abschied nehmen müssen. Vincent schreibt beispielweise darüber, dass viele die feminine Seite ihres Ned nicht positiv aufnahmen:

„Eigentlich nicht einmal die Frauen. Auch sie wollten mich stärker und muskulöser, und manchmal machten auch sie Schwuchtel-Anspielungen, sogar bei Dates. Daher die Formulierung ‚mein schwuler Freund‘.  
Frauen waren in dieser Hinsicht schwer zufriedenzustellen. Sie wollten, dass ich die Situation in der Hand habe, wollten mich bizarr groß und stark, sowohl geistig wie auch körperlich – aber zugleich auch zärtlich und verletzlich, unterwürfig gegenüber ihren Launen und soft wie ein kleines Häslein. Sie wollten jemanden, an den sie sich anlehnen und an dem sie sich festhalten konnten, zu dem sie aufsehen und neben dem sie zusammensinken konnten, aber auch jemanden, der sich gleichwohl über seinen eingegrenzten Platz in einer postfeministischen Welt im Klaren war. Sie hielten mir ihre angemaßte moralische und sexuelle Überlegenheit vor und versuchten gelegentlich, mich damit zu manipulieren.“ (1)
Holch hingegen erwähnt nur kurz, dass junge Frauen den arroganten „Lars“, den sie darstellte, „sympathisch“ fanden – was leicht und klischeegerecht als Signal weiblicher Bereitschaft zur Unterordnung zu verstehen ist.
 
Vincent aber stellt ihre Erfahrungen ganz anders dar. Der erleichternde Kontakt beispielsweise, den sie als Ned mit anderen Männern hat,
„war kein Zeichen dafür, einer Oberschicht beigetreten zu sein, deren Überlegenheit fraglos vorausgesetzt wird und die keinerlei Aufmunterung nötig hat. Es war eher wie der Beitritt zu einer Gewerkschaft.“ (2)
Die Gewerkschafts-Metapher weist auf etwas hin, das in Holchs Text fast vollständig fehlt – nämlich auf die Notwendigkeit zur Erwerbsarbeit. In ihrem Berliner Wochenendworkshop ist Männlichkeit ganz Fassade, eine Selbstdarstellung, die keine andere erkennbare Funktion hat als den Erhalt der männlichen Machtposition.
„Das ist nur Schauspielerei, ich kann das auch“ –
so lautet der letzte Satz des Textes. Dass dieser Eindruck durch das unzulängliche Arrangement des Workshops entstanden ist und das reale Leben real existierender Männer ganz verfehlt – das ist ein Gedanke, auf den Holch natürlich nicht kommt. Für sie bleibt männliches Leben eine simple Show, die mal eben an einem Wochenende in Berlin erlernt werden kann.

Mogelpackungen und der Entzug der anderen Wangen Trotzdem ist ihr Text sehr nützlich, weil er eine Reihe interessanter Schlüsse erlaubt. Einerseits macht er deutlich, dass journalistische Ansprüche auch in Magazinen, die niveauvoll sein sollen, keineswegs selbstverständlich sind. Weder hat Chefredakteurin Holch es nötig, ihre eigenen Klischees in Frage zu stellen, noch muss sie sich vor dem Verfassen einer seitenlangen Titelgeschichte zumindest mit der basalen einschlägigen Literatur zum Thema vertraut machen.

Andererseits, und vor allem, stellt der Text gegen die Absicht der Autorin auch klar, worin eigentlich das Problem besteht, wenn Geschlechter als soziale Konstruktionen, als „Gender“ verstanden werden. Denn dass sie auch sozial konstruiert sind, ist schließlich grundsätzlich ein einsichtiger Gedanke – dass beispielwiese Männer Hosen und keine Röcke und dass Frauen deutlich häufiger lange Haare tragen, ist ja nicht biologisch determiniert, sondern entspricht sozialen Konventionen.

Problematisch aber wird dieser Gedanke schon durch die Unterstellung, dass Geschlechter als soziale Konstruktionen eigentlich ganz zufällig und beliebig seien. Anstatt dass Geschlechterunterschiede sorgfältig und unvoreingenommen beschrieben und im Hinblick auf ihre Funktion überprüft würden, erscheinen sie dann als willkürlich und prinzipiell als uneingeschränkt veränderbar.

 
Diese Wahrnehmung aber schafft nicht etwa Spielräume bei der Beschreibung der Geschlechter, sondern sie produziert lediglich die Möglichkeit, Klischees über sie ohne weitere Überprüfung als tragfähige Beobachtungen zu verkaufen. Alles, was den Klischees widerspricht, wurde ja ohnehin schon im Vorfeld als bloße Konstruktion enttarnt.

Kern dieser Klischees ist bei Holch, beispielhaft, die Imagination männlicher Herrschaft. Eben diese Vorstellung macht die Frage nach der Funktion von Geschlechterunterschieden denn auch unnötig, schließlich sind sie ja immer schon als Instrumente der Herrschaftssicherung entlarvt. 

Da Holch in ihrem Text Männer so als Herrscher imaginiert, und da Männlichkeit für sie nichts als eine erstarrte Fassade zur Sicherung von Herrschaft ist, muss sie Männern auch keine zivile Achtung entgegenbringen. Ihre vereinzelten Hinweise darauf, dass auch Männer mit Einschränkungen leben müssen, relativieren niemals ihre vernichtende Darstellung: Sie sind hier einfach nur primitive, machtfixierte Widerlinge.

Das erlaubt möglicherweise Schlüsse über Holchs Text hinaus, weil er auf einfache, leicht nachvollziehbare Weise Strukturen spiegelt, die auch universitäre Gender Studies weithin prägen. Sie präsentieren sich aus dieser Perspektive zwar als Wissenschaft, die auf dem grundsätzlich nachvollziehbaren Gedanken aufbaut, Geschlechter auch als soziale Konstruktionen zu verstehen. Tatsächlich aber untersuchen sie Geschlechter lediglich als Reproduktion einer männlichen Herrschaft, die niemals nachgewiesen, sondern rituell immer schon vorausgesetzt wird.

Einfach formuliert: Sie sind eine Mogelpackung, die auf ihrem bunten Äußeren eine Analyse von Geschlechterkonstruktionen verspricht, die tatsächlich aber mit Ressentiments gefüllt ist. Es ist nicht verwunderlich, dass die Verantwortlichen sich einer Überprüfung entziehen.

Mit der zwangsläufigen moralisierenden Abwertung des männlichen gegenüber dem weiblichen Geschlecht und der damit verbundenen Verweigerung von ziviler Empathie bewegen sich die Gender Studies dann allerdings eher in der Tradition der antihumanen Rassenkunde“ als in der einer seriösen Wissenschaft. Um sie seriös betreiben zu können, müssten sie unbedingt in vielfacher Weise geöffnet werden: für Überprüfungen von außen; für Problemlagen von Männern, die selbstverständlich nicht klischeehaft als Herrscher imaginiert werden dürfen; für alternative, also beispielsweise biologische Erklärungen von Geschlechterunterschieden.

Was aber die evangelische Kirche betrifft, wäre es für mich – obwohl ich kein Protestant bin – interessant zu erfahren, wie sie es eigentlich rechtfertigt, Hate Speech wie den Text von Holch zu finanzieren und millionenfach zu verbreiten. Die Kommentare unter dem Text der Internetausgabe  erwecken jedenfalls den Eindruck, dass die Anzahl der Männer zunimmt, die nach solchen Angriffen nicht mehr einfach nur die andere Wange hinhalten wollen.

Martin Rosowski allerdings, Vorstand im Bundesforum Männer UND Geschäftsführer der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat noch keine wohlgesetzten Worte dazu gefunden. Ich bin mir jedoch sicher, dass das lediglich an der Urlaubszeit liegt.



Die Zitate aus Norah Vincents Buch stammen aus:
Norah Vincent: Self-Made Man. My Year Disguised as a Man, London 2006

Ich habe sie im Text ins Deutsche übersetzt. Hier sind die Originalzitate:

(1)  Not even the women really. They, too, wanted me to be more manly and buff, and sometimes they made their fag assumptions, too, even while they were dating me. Hence the phrase ‘my gay boyfriend’.

Women were hard to please in this respect. They wanted me to be in control, baroquely big and strong both in spirit and in body, but also tender and vulnerable at the same time, subservient to their whims and bunny soft. They wanted someone to lean on and hold on, to look up to and collapse beside, but someone who knew his reduced place in the postfeminist world nonetheless. They held their presumed moral and sexual superiority over me and at times tried to manipulate me with it. (S. 277)

(2) (Making this removed comforting contact with men and feeling the relief it gave me as my life as a man went on) was not a sign of having joined the overclass, for whom superiority is assumed and bucking up unnecessary. It was more like joining a union. (S. 281)
 

Selbst das Wetter ist frauenfeindlich, oder: Was genau ist eigentlich Sexismus?

Ein Urlaub von zwei Wochen hat, zusätzlich zu den allgemein vertrauten Annehmlichkeiten, einen mir bislang noch unbekannten, aber erheblichen und äußerst angenehmen Vorteil: nämlich den, dass ein Twitter-Sturm, der nach Beginn der Reise begann, vor ihrem Abschluss auch schon wieder beendet ist. Oder erinnert sich noch jemand an das sogenannte „Fappygate“ (falls nicht, möchte ich hiermit darauf hinweisen, dass der Versuch einer Übersetzung des Begriffs ausgesprochen aussichtslos ist)?
„Du Wichser!“ – „Selber Wichser!“ – „Frau Lehrerin!! Er hat mich WICHSER genannt!!“ Die Auseinandersetzung, die exakt das hier nur kurz skizzierte Niveau erreichte, führte immerhin zu einigen Überlegungen zum Thema „Sexismus“, die ich auch nach meiner Reise noch interessant fand. Es lohnt sich, darauf noch einmal einzugehen – weil die Auseinandersetzung darüber in meinen Augen einen zentralen Konflikt in heutigen Geschlechterdebatten klarer macht.

Sexistisches Wetter. Und ein Frosch, der sich nie und nimmer in einen Prinzen verwandelt. Aber sag mal: Fappt der eigentlich die ganze Zeit?

Vorher aber ist es wichtig, noch einmal kurz daran zu erinnern, was damals vor nunmehr ca. einer Woche passiert war – und sei es nur, weil es Spaß macht, seltsame und skurrile Geschehnisse einmal kurz zusammenzufassen.

Redest du noch, oder fappst du schon? Yasmina Banaszczuk, Bloggerin des stern, entdeckte in einem viel gelobten Text Andreas Riekmanns über die Jugendkultur auf Youtube und in anderen sozialen Netzwerken eine verdächtige Passage: Riekmann schrieb darüber, dass sich hier eine eigenständige Jugendkultur entwickelt habe, zu der viele Erwachsene mittlerweile keinen rechten Zugang mehr fänden.

Nun gehört die Aussage, dass die Jugend heutzutage irgendwie auch nicht mehr so sei wie früher, bekanntlich zu den Standardaussagen jeder bislang bekannten Generation von Erwachsenen. Gleichwohl erinnerte sich Banaszczuk daran, dass sie über Youtube schonmal so etwas ähnliches gesagt hatte, und beschuldigte Riekmann öffentlich des Plagiats.
Nun schaltete sich der Blogger Sascha Pallenberg  ein, verglich die beiden fraglichen Passagen und machte sich über den tatsächlich voreiligen Vorwurf lustig. Zwischen ihm und Banaszczuk entspann sich, natürlich twitteröffentlich, ein kurzer Disput, den die wortgewandte Stern-Bloggerin effektvoll abbrach.
„fappst du dir eigentlich die ganze Zeit einen drauf mich vergeblich zu dissen oder bist du einfach so ein nervender Zeitgenosse?“
Menschen, die nicht so treffsicher wie Banaszczuk den Slang der Dreizehnjährigen vergangener Jahre nachahmen können, brauchen hier vielleicht eine Übersetzung. „Fappen“, so die Seite Mundmische, sei ein Wort für „masturbieren“ – eine Wortschöpfung, basierend auf dem „fap-fap-fap“-Geräusch, den die Vorhaut angeblich beim schnellen Vor- und Zurückziehen mache.
Nun machte Sascha etwas ganz Dummes, Skandalöses. Er twitterte einem Dritten:
„ich gebe zu Ich habs getan aber nur damit @Frau Dingens das auch mal erlebt hat“
Ich gebe zu: Im Rückblick nach einem wohlverdienten Urlaub kommt es mir natürlich etwas unwirklich vor, dass hier tatsächlich Erwachsene miteinander kommunizierten. Zumal, da Frau Dingens – Banaszczuks Twitter-Name – sogleich die Gelegenheit nutzte, die Äußerung ausgiebig zu einem Skandal zu machen:
„Meint ich müsste das ‚auch mal erleben‘ dass sich jemand einen auf mich runter holt“.
Und so ging es dann weiter: Sascha Pallenberg erhielt Drohungen wie die, ihm die Beine zu brechen – Yasmina Banaszczuk erhielt Nachrichten wie die, in der ihr ein Zeitgenosse mitteilte, gerade auf ihr Bild masturbiert zu haben – die grimmebepreiste Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek forderte, Sascha Pallenberg von der nächsten Netz-Konferenz re:publica auszuschließen – und Banaszczuk löschte ihren Twitter-Account.
Schimpftiraden und andere Offenbarungen Endgültig skurril wurde alles aber erst, als sich dann auch noch Antje Schrupp mit zwei Texten einschaltete. Auch sie musste Banaszczuks galante Äußerung erst einmal übersetzen. Sie
„heißt so viel wie ‚Holst du dir darauf einen runter?‘ Der Satz ist also eine Meta-Bemerkung in einer Diskussion. Sie behauptet, dass in einer laufenden Debatte sexistische Muster im Spiel sind und verweist den Angesprochen auf seine Rolle als jemand, der grade dabei ist, männliche Privilegien auszuspielen.“
Oder, um dasselbe noch einmal in den unsterblichen Worten einer Astrid Lindgren-Verfilmung zu sagen: „Ich mach mir die Welt, widdewidde, wie sie mir gefällt.“
 
Ganz ehrlich: Ohne Frau Schrupp wäre ich nie auf die Idee gekommen, jemanden als „Wichser“ zu beschimpfen und ihm dann zu erklären, dass diese Äußerung lediglich einen Versuch der Meta-Kommunikation darstelle. Mitten in sein blödes, verdutztes Gesicht hinein – super, merk ich mir.

Das Problem, so Schrupp, sei jedenfalls lediglich die empfindliche Reaktion von Männern, wenn eine Frau „nicht freundlich genug zu ihnen ist.“ Das ist übrigens ungefähr so, als würde man einen Faustschlag ins Gesicht als „nicht ausreichend zärtliche Berührung“ umschreiben.

Auch das finde ich toll: Ich beschimpfe jemanden heftig, und wenn er sich beschwert, mach ich ihm klar, dass er hier nur sein „ x (passende Bezeichnung bitte selbst einfügen) privilege“ ausspiele und offenbar seinen Herrschaftsanspruch auf beständig freundliche Behandlung geltend mache. Wenn eine Frau einen Mann öffentlich und aus heiterem Himmel als „Wichser“ bezeichnet, ist das nämlich und natürlich keine Beleidigung, sondern ein subversiver Akt, nur um das mal festzuhalten.
„Dieser Tweet ist ein Sexismus-Vorwurf und kein Sexismus, nur um das mal festzuhalten.“
Damit kommt Schrupp nun tatsächlich zu einer interessanten These. Für sie spiegelt Banaszczuk mit ihrem Fapp-Vorwurf lediglich Pallenbergs Verhalten, und das nehme ich vollkommen anders wahr. Tatsächlich sexualisiert die Stern-Bloggerin die Diskussion nicht nur unvermittelt, sie agiert auch massiv unterstellend – und dies in einer Weise, die umgekehrt einem Mann einer Frau gegenüber so wohl kaum möglich wäre. Einem Mann stünden dabei nämlich nicht die Geschlechterklischees zur Verfügung, an die Fr. Dingens problemlos anknüpfen kann.
Was Pallenberg, so Dingens,  als Mann sage, habe überhaupt keinen sachlichen Wert – es sei eigentlich überhaupt keine Kommunikation, sondern im Kern lediglich eine peinliche öffentliche Masturbation – und alles, was davon bei ihr ankomme, sei ein primitives „Fab-fab-fab“-Geräusch. Oder, noch einfacher und egozentrischer: „Gib’s zu, insgeheim bist Du doch eigentlich nur geil auf mich.“
Diese selbstverständliche Entwertung dessen, was ein Mann sagt, ist natürlich sexistisch. Warum Schrupp das anders sieht, lässt sich mit einer Gegenüberstellung aus einem Beitrag im Gedankenreiter-Blog  erklären: Es sei unstrittig, dass es
„sich bei Sexismus um Diskriminierung handelt, die sich auf das Geschlecht der Person bezieht.“
Zugleich werde der Begriff aber noch in einer anderen Definition verwendet, nämlich als Ausdruck eines Machtgefälles:
„Da die Macht auf Seiten der Männer ist, können Frauen daher Männer vielleicht beleidigen, aber nicht sexistisch diskriminieren.“
Das eben ist die Definition, der sich auch Schrupp anschließt:
„Sexismus strukturiert die symbolische Ordnung, die uns umgibt, er lässt sich durch Argumentationen nicht wegkriegen. Sexismus ist eine Tatsache, keine Meinung.“
Das heißt: Einzelne sexistische Akte sind jeweils eben deshalb sexistisch, weil sie Ausdruck einer tiefen,  grundsätzlichen gesellschaftlichen Struktur sind, vor der wir nirgends Schutz finden können. Es sei daher gar kein Wunder, dass viele diese basalen Herrschaftsstrukturen gar nicht wahrnehmen könnten:
„Wir können nämlich nicht eine sexistische Ordnung zu Hilfe rufen, um diese Ordnung zu bekämpfen. Denn diese Ordnung findet sich selbst ja gar nicht falsch, sondern richtig und normal.“
Tatsächlich kopiert diese Sexismus-Definition, auch wenn das ihren Verwendern gar nicht bewusst ist, traditionelle religiöse Denkmuster. Schrupp skizziert eine grundsätzliche sexistische Verworfenheit einer Welt, die auf die feministische „Arbeit an dieser symbolischen Ordnung“ ebenso angewiesen ist, wie Luthers an den Satan hingegebene Welt die göttliche Offenbarung braucht.

In diesem Sinne müssen dann eben auch die Resultate dieser Arbeit aufgenommen werden: als nicht zu diskutierende Wahrheiten, deren einziger Zweck darin besteht, Licht in die Düsternis der leidenden Existenzen zu bringen.

Von Regenwolken und Männertränen Männer, die etwas sagen, holen sich also bloß einen runter – Frauen, die etwas sagen, arbeiten hingegen an der symbolischen Ordnung. Schrupps Definition des Sexismus hat gleich zwei gravierende Nachteile. Der erste ist, dass sie offenkundig selbst sexistisch ist.

Dass Männer aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden könnten, wird hier nicht etwa empirisch widerlegt, sondern per Definition ausgeschlossen. Dass es keine Diskriminierungen von Männern gäbe, ist also eine pseudo-empirische Aussage, die sich nur scheinbar mit den sozialen Ordnungen der Welt auseinandersetzt, tatsächlich aber lediglich um ihre eigenen Definitionen kreist.

Das hat auch Auswirkungen auf die Interaktion von Frauen und Männern.
Denn Pallenberg hat auf Banaszczuk ja im Sinne eines Musters reagiert, das in der Spieltheorie als „Tit for tat“ bezeichnet und als sehr sinnvoll für eine allgemeine Kooperation verstanden wird: Er hat versucht, ihr den Ball, den sie ihm zugeworfen hat, einfach zurückzuwerfen.

Dieses Verhalten lässt sich, so primitiv der Schlagabtausch auch ist, durchaus mit zivilen Regeln vereinbaren. Es basiert auf der Erwartung, dass zivile menschliche Beziehungen im Wesentlichen reziprok sind: Was Du von mir erwartest, kann ich auch von dir erwarten – Rechte, die du mir zugestehen musst, muss ich auch dir zugestehen.

Im Rahmen solcher Erwartungen der Reziprozität hat sich Pallenberg eben gerade nicht sexistisch verhalten – er hat auf Banaszczuk ebenso so reagiert, wie er wohl auch auf einen Mann reagiert hätte, der ihm gegenüber verbal übergriffig wird: Er hat gekontert.
Eben das aber wird ihm von Banaszczuk, Schrupp und anderen zum Vorwurf gemacht – dass er die Geschlechtszugehörigkeit seiner Gesprächspartnerin nicht berücksichtigt habe. Das nämlich hätte er tun müssen, um die Herrschaftsstrukturen zu erkennen, die der sozialen Interaktion angeblich zu Grunde liegen. Pallenbergs Fehler war also wohl, dass er nicht einkalkuliert hat, wie seine Reaktion in einem feministischen Kontext re-interpretiert werden würde.
Banaszczuk hingegen hat wohl die Reichweite feministischer Interpretationshoheit überschätzt – ebenso wie Wizorek sie hoffentlich überschätzt hat, wenn sie Pallenbergs re:publica-Ausschluss fordert. Denn im Rahmen feministischer Interpretationen hätte Pallenberg auf Fr.Dingens‘ Wichser-Vorwurf überhaupt keine Reaktion mehr zur Verfügung stehen dürfen, da ihre Äußerung schließlich per definitionem nicht sexistisch konnte – jeder Konter eines Mannes aber, der die willkürliche Sexualisierung ihrer Äußerung aufgreift, notwendig sexistisch sein musste. Ich schlag dich, aber du darfst dich nicht wehren.
Natürlich ist die Schlussfolgerung einigermaßen überraschend, dass es sexistisch wäre, auf verbale Übergriffigkeiten von Frauen ebenso zu reagieren wie auf die von Männern. Dies hängt mit dem zweiten großen Nachteil von Schrupps Sexismus-Definition zusammen. Diese Definition führt  konkrete, pragmatisch bewertbare Aussagen über Benachteiligungen von Menschen auf diffuse, unüberschaubare Strukturen zurück.
Anders formuliert: Sie überführt überprüfbare, rational diskutable Äußerungen in unüberprüfbare Glaubenssätze, die sich gegen Kritik immunisieren. Was konkret und fassbar ist, löst sich in eine große graue Wolke auf, die diffus über allen schwebt.  LoMi skizziert das in seinem einschließlich der Diskussion unbedingt lesenswerten Beitrag zum „Flappygate“ so:
„Dank der Beliebigkeit des ‚Sexismus‘-Vorwurfes wird tendenziell sehr vieles, was einem nicht gefällt, damit gelabelt.“
Das Resultat: Statt reziproker ziviler Strukturen, in denen alle Beteiligten gleichermaßen die Verantwortung für die soziale Interaktion tragen und auch entsprechend gleiche Rechte haben müssen, etabliert Schrupps Definition die Fantasie einer umfassenden, allgegenwärtigen, destruktiven Struktur, für die zwar global Männer die Verantwortung zu tragen haben, in der Verantwortung tatsächlich aber überhaupt nicht mehr sinnvoll zugewiesen werden kann.
„Sexismus ist wie Regen. Er ist einfach da, manchmal schwächer, manchmal stärker.“
Die Regenmetapher ist wohl aussagekräftiger, als Schrupp es selbst beabsichtigt hat. Angesichts ihrer Sexismus-Definition kann nämlich einfach alles, was einer Frau nicht gefällt, gleichermaßen als Sexismus erfahren werden, als Ausdruck tieferliegender, feindseliger Strukturen.
 
Selbst das Wetter ist frauenfeindlich.
Welche Inhumanitäten aus einem solchen Sexismus-Verständnis folgen, zeigt sich zum Beispiel an einem zufälligen zeitlichen Zusammentreffen zweier ganz unterschiedlicher Nachrichten. In amerikanischen und britischen Artikeln zum Selbstmord von Robin Williams wurde ja wiederholt darauf hingewiesen, dass er nicht allein unter Depressionen und einer beginnenden Parkinson-Erkrankung, sondern auch unter erheblichen finanziellen Sorgen gelitten habe – wesentlich verursacht durch die extremen Kosten, die ihm aus zwei Scheidungen entstanden sind.
Nach der Absetzung seiner Fernsehserie The Crazy Ones hatte er wohl nur noch die Möglichkeit, wieder als Stand Up-Comedian auf Tour zu gehen, wie einst John Cleese auf seiner Alimony-Tour. Dies, obwohl Williams auf seiner letzten Tour schwer herzkrank geworden war.  Zumindest sah er sich gezwungen, Arbeiten zu übernehmen, die er nicht mehr übernehmen wollte oder konnte.
There was also frustration that Robin expressed at having to take television and movie roles he didn’t want to take, but had to for the pay cheque.”
Ob diese Sorgen Ursache für den Selbstmord waren, ist nicht bekannt – dass sie zu Williams‘ Gefühl der Aussichtslosigkeit beigetragen haben, ist anzunehmen. Viele Männer, die weniger berühmt sind als er, werden durch vergleichbare Sorgen jedenfalls in die Verzweiflung getrieben.
Vor diesem Hintergrund wirkt dann ein witzig gemeintes Urlaubsfoto einer berühmten Kolumnistin des Guardian, einer der wichtigsten britischen Zeitungen, besonders irre.

Ich bade in Tränen von Männern, steht auf dem T-Shirt, das Jessica Valenti mit triumphierender Geste am Strand trägt – auf einem Bild, das sie Ende Juli selbst per Twitter ihren 72000 „Followern“ präsentiert. Natürlich ist das Bild, zwei Wochen vorher entstanden, nicht als Kommentar zum Selbstmord von Williams gedacht – faktisch aber ist es aber genau das, unter anderem.
Dass eine solche Verrohtheit wie die Valentis nicht nur problemlos möglich ist, sondern gar begeisterte Reaktionen erhält, ist auch das Resultat einer Aushöhlung ziviler Strukturen. Ausgehöhlt werden solche Strukturen auch durch eine Politik, die sich antisexistisch gibt, die aber in ihrem starren Beharren auf eine Ungleichbehandlung der Geschlechter tatsächlich radikal sexistisch ist und die tradierte Geschlechtermuster nicht etwa kritisiert, sondern betoniert.
Nach meiner Überzeugung wären die meisten Männer auch dann mit einem Geschlechterkonsens völlig einverstanden, wenn er ihnen, zu einem gewissen Maße, weniger Schutz und Fürsorge gewährt als Frauen – solange nur Männer dafür nicht auch noch als Sexisten, Unterdrücker oder strukturelle Vergewaltiger beschimpft würden und sich für ihre „Privilegien“ rechtfertigen müssten.
 
Insofern hat Schrupp damit auch völlig Recht, dass „Maskulinisten“ (eigentlich natürlich: Maskulisten) „nicht das männliche Äquivalent zu Feministinnen“ seien: Männer, die über die Unterdrückung durch ein prinzipiell diffus bleibendes „Matriarchat“ klagten, würden sich insbesondere bei Männern selbst lächerlich machen.
Es sind aber möglicherweise eben solche irrationalen Maßlosigkeiten wie die von Valenti, Schrupp und Banaszczuk, die einen Geschlechterkonsens schließlich sturmreif schießen, von dem Frauen in vieler Hinsicht stärker profitieren als Männer. Und es ist daher auch nicht verwunderlich, dass sich in letzter Zeit immer mehr Frauen von einer solchen Politik offen distanzieren.

Gesprächsattrappen, Nazihappen, Jammerlappen – Monatsrückblick Juli 2014

Der Index der verbotenen Bücher baute – wie allgemein bekannt ist – auf einem schwerwiegenden Widerspruch auf. Wichtig war es natürlich, zu wissen, welche Bücher bei der Lektüre das Seelenheil beschädigen – doch um eben dies herauszufinden, mussten die Bücher gleichwohl überhaupt erst einmal gelesen werden.

Zu lesen, um zu wissen, was nicht gelesen werden darf – diese Aufgabe setzte eine erhebliche Opferbereitschaft und eine ungewöhnlich große persönliche Stabilität voraus – eine heldenmütige Entschlossenheit, sich zum Schutze anderer in schwerste Gefahr zu begeben – und eine Reinheit des Herzens, die es dem Leser erlaubte, gleichsam unbeschädigt mitten durch die Hölle zu wandern.

Natürlich ist von einem jungen Wissenschaftler der heutigen Zeit diese Mischung aus Heldenmut und Herzensunschuld kaum zu erwarten, vor allem aber ist unseren aufgeklärten Zeiten deutlich, dass unlösbare Widersprüche eben nicht durch einen Sprung in den Glauben zu lösen, sondern tunlichst ganz einfach zu umgehen sind.

Als der Sportethnologe Robert Claus für die sozialdemokratische Friedrich Ebert Stiftung über die „Männerrechtsbewegung“ schrieb und sie ebenso auftragsgemäß wie unbelegt mit Rechtsradikalismus und Massenmord in Verbindung brachte, konnte natürlich niemand von ihm erwarten, die wichtigen Schriften dieser Bewegung auch zu kennen.
 

Nun ist allerdings für einige Zeitgenossen, die ihr Verständnis von Wissenschaftlichkeit aus „der ideologischen Mottenkiste“ (Claus, S. 21) gezogen haben, die Forderung  selbstverständlich, Texte, über die man wissenschaftlich arbeitet, auch irgendwann einmal zu lesen.

Die Absurdität dieser Forderung ist vielen dieser Menschen leider keineswegs einsichtig. Wieso eigentlich sollte der junge Wissenschaftler sich erst eigens mit Texten und Positionen auseinandersetzen, nur um wissenschaftlich nachzuweisen, dass sie der Auseinandersetzung nicht Wert sind? 

Dieses unreflektierte Verständnis von Wissenschaftlichkeit, das von Forscher_innen ultimativ und meist begründungslos ein gewisses Maß an Bekanntschaft mit dem Gegenstand ihrer Forschungen einfordert, ist jedoch unglücklicherweise weit verbreitet und womöglich sogar politisch wirksam. So ist es auch heute leider unumgänglich, dass irgend jemand die Rolle des Lesers übernimmt, der sich opferbereit aus einem einzigen Grund mit unliebsamen Texten beschäftigt: um anderen diese Beschäftigung zu ersparen.
 
Gewusst wie! Ein junger Mann beteiligt sich an einer Diskussion emanzipatorischer Geschlechterpolitik in einem offenen Dialog auf Augenhöhe (Picture by M0tty / CC by-sa 3.0)
Wenn also bei der grünen Heinrich Böll Stiftung turnusgemäß in einem Jahr wieder einmal ein junger Wissenschaftler nachweist, dass Menschenrechte irgendwie faschistisch sind, wenn sie auch die Rechte von Jungen und Männern beinhalten – dann soll dieser junge Mann sich nicht neben seiner sonstigen anstrengenden Tätigkeit auch noch für die Lektüre der von ihm gewissenhaft analysierten und sorgfältig diffamierten Positionen opfern müssen.
 
Das nämlich kann ich übernehmen.
 
Denn wo können diese Positionen besser zur weiteren Verwendung in der emanzipatorischen Arbeit aufbereitet werden als hier, beim Monatsrückblick. Diesen Rückblick möchte ich hiermit also ausdrücklich als Serviceleistung für Robert Claus und seine noch unbekannten, aber so wichtigen Nachfolger verstanden wissen.

Wie Robert Claus einmal aus Versehen eine Blogparade organisierte Die Reaktion auf Robert Claus wirkte wie abgesprochen. Innerhalb von zwei Tagen waren mehr als zehn Texte veröffentlicht, die sich mit seiner Schrift auseinandersetzten. Diese schnelle Blogparade ist natürlich auch auf eine bedauerliche Waffenungleichheit zurückzuführen: Während Claus aus den erwähnten Gründen die von ihm so überzeugend analysierten Positionen und Texte nicht kennen konnte und gleichsam aus der Reinheit seines Herzens heraus arbeiten musste, war sein Text den kritikwütigen Bloggern natürlich bekannt, und sie konnten umfassend aus ihm zitieren, ohne Angst um ihr Seelenheil resp. die Lauterkeit ihrer Gesinnung haben zu müssen.

Natürlich schreckten sie dabei auch vor ernstzunehmenden Verzerrungen nicht zurück. Tom z. B. schrieb:

„Es ist bezeichnend, dass es für einen Magister der Gender Studies unvorstellbar ist, dass es Kritikpunkte am Feminismus gibt, die nicht auf Frauenhass basieren.“
Natürlich ist dies eine ganz unbegründete Unterstellung – alle ernsthaften Vertreter_innen der Gender Studies werden einräumen, dass Kritik am Feminismus nicht allein auf Frauenhass, sondern auch auf die Angst vor dem Verlust männlicher Hegemonie (Stichwort: patriarchale Dividende) zurückzuführen ist. Dieser so wichtige Aspekt wird in der „männerrechtlichen“ Reaktionen selbstverständlich unterschlagen.

Ansonsten wird dem Text von Claus, wieder und wieder, schlankweg die Wissenschaftlichkeit bestritten – und seine Kritiker legen dabei eben die Maßstäbe an, von denen Claus schon im Text schreibt, dass sie „nicht auf der Höhe der Zeit“ seien: „eine ideologische Mottenkiste (…), die behauptet, nach Wahrheiten zu suchen, anstatt Ambivalenzen zu sehen.“ (s.o.)

Und so eine Mottenkiste kann natürlich viel behaupten. Der Text enthalte z.B.

„nichts, was man als Methode bezeichnet, nichts, was Wissenschaftler unter Methode verstehen“ (Kritische Wissenschaft). 
Oder:
„Der Autor stellt entweder Behauptungen völlig ohne Begründung in den Raum oder er zitiert aus anderen früheren Studien über Maskulismus.“ (Elitemedium).
Ähnliches findet sich beim Flussfänger oder hier bei man tau. Der Vorwurf, nicht wissenschaftlich zu arbeiten, wird Claus so regelmäßig gemacht, dass dies allein durch Absprachen erklärt werden kann – oder dadurch, dass einer vom anderen abgeschrieben hat. Denn es ist natürlich sehr unwahrscheinlich, dass so viele Menschen unabhängig voneinander auf dieselbe Idee gekommen sind.
 
Die Vorwürfe wurzeln offenbar in dem subjektiven Eindruck, von Claus und der Ebert-Stiftung nicht recht ernst genommen worden zu sein. LoMi zum Beispiel beklagt sich:
„Wir können also noch so gepflegt, sachlich und argumentativ schreiben, am Ende sind wir für Leute wie den Autor eben doch nur stumpf emanzipationsfeindliche Alt-Machos.“
Elmar Diederichs hat gar das Gefühl, an der Nase herumgeführt zu werden, Wolle Pelz unterstellt den Nazi-Vergleichen von Claus eine politische Absicht, Hadmut Danisch wird aggressiv und bescheinigt gleich der ganzen SPD einen „Dachschaden“, Arne Hoffmann hat 
„nicht die geringste Lust habe, mit einer Zusammenfassung und Analyse von diesem Quatsch meine Zeit zu vergeuden“ ,

Andreas Kraußer und Martin Domig psychologisieren gar und unterstellen dem Autor und seinen Auftraggebern Angst vor dem Verlust eines Deutungsmonopols. Als ob feministische Kräfte sich ihre Position nicht durch jahrzehntelang erarbeitete emanzipatorische Erkenntnisse verschafft hätten, sondern durch irgendetwas anderes, was weiß ich, etwa durch die Besetzung wichtiger Posten in den Institutionen oder ähnliches.

Auf die inhaltlichen Aspekte dieser Kritik einzugehen, würde lediglich den Eindruck erwecken, sie seien der Auseinandersetzung wert. Viel sinnvoller ist ein Umgang, den gerade Lia in der Emma empfohlen hat:

„Hier wurde vorgeschlagen, Antifeministen zu beschämen, indem man sie zu Jammerlappen erklärt (Ooooh, Du Armer). Das ist eine sehr gute Taktik, denn Männer können es nicht mit ihrem Selbstbild vereinbaren, schwach zu sein. Männer sind lieber ‚Hart wie Kruppstahl und zäh wie Leder‘, sie gehen durch’s Feuer und jammern nicht! 

Diese Taktik wurde in Streitgesprächen auch schon von Bascha Mika angewandt (‚Muss ich Ihnen sagen, Sie sind ein Jammerlappen‘) oder Thea Dorn (‚Ich weine gleich‘).“

Natürlich wäre es ein Missverständnis, diese Männer-weinen-nicht-Position, die explizit auch nationalsozialistische Slogans nutzt, als reaktionär zu bezeichnen – sie greift lediglich subversiv die reaktionären Dispositionen auf, die bei „Männerrechtlern“ allgemein vermutet werden dürfen, und wendet sie gegen sie.

Was sind das schließlich auch für Probleme, über die sich diese Männer so lauthals beklagen: dass Vätern willkürlich der Kontakt zu ihren Kindern genommen wird – dass es verschiedene rechtliche Benachteiligungen für Männer gibt – dass die Gesundheitsfürsorge für Männer schlechter und ihre Lebenserwartung deutlich niedriger ist – dass Jungen in der Schule offenkundig Nachteile erleben – etc.etc..

Wie klein wirkt dies alles im Vergleich zu wirklichen Problemen, die Bascha Mika mutig, doch ohne zu jammern anspricht – dass nämlich Männer Frauen im fortgeschrittenen Alter nicht mehr hinterherschauen und diese Frauen damit regelrecht „unsichtbar“ machen würden. Männer hingegen können froh sein, diese Probleme nicht zu haben, weil viele von ihnen eh‘ ihr Leben lang unsichtbar sind und daher Zeit genug hatten, sich daran zu gewöhnen.

Warum Pirinçcis nützlich und Nazi-Bezüge bloß Metaphern sind Der Vergleich mit Rechtsradikalen und dem Mörder Breivik, den Claus so elegant zieht, macht vielen „Männerrechtlern“ jedenfalls ganz offenbar ernsthaft zu schaffen.

Glücklicherweise gibt es immer ein paar Antifeministen oder „Männerrechtler“, die den emanzipatorischen Kräften in der Geschlechterpolitik die Möglichkeit verschaffen, auf die Schnittmengen von Rechtsradikalismus und, z.B., Väterrechten immer wieder hinzuweisen. Akif Pirinçci beispielsweise, der nicht nur mit recht verwirrten Äußerungen („Die EU will uns töten!“)  auf sich aufmerksam macht, sondern der auf seiner Facebook-Seite auch ein paar Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen die für ihre Sexualpädagogik berühmte Professorin Elisabeth Tuider  veröffentlichen lässt. 

Ein Kommentator bei Stefan Niggemeier bringt auf den Punkt, warum Pirinçci so nützlich ist:

„Wenn ich versuche, mit jemandem zu diskutieren und dabei steht neben mir jemand, der nach jedem meiner Argumente einmal brüllt: ‚Genau! Und außerdem seid ihr alle Arschgeigen!‘ delegitimiert das auch meine Position.“

Pech also für die „Männerrechtler“, die sich als gemäßigt oder gar als „links“ verstehen wollen – Pirinçci steht auf Eurer Seite!

Völlig verfehlt ist es übrigens, die Morddrohungen gegen Professorin  Tuider mit den Morddrohungen gegen den feminismuskritischen Professor Gerhard Amendt zu vergleichen.  Schließlich muss unbedingt berücksichtigt werden, welche Herrschaftsverhältnisse diesen Drohungen zu Grunde liegen.

Während eine Drohung gegen eine emanzipatorische Wissenschaftlerin als Widerstand gegen den bevorstehenden Verlust von hegemonialen Positionen verstanden werden muss, ist eine Morddrohung gegen einen feminismuskritischen Wissenschaftler natürlich lediglich ein etwas überschwänglich geratener Ausdruck von Befreiungshoffnungen, die sich nicht mehr länger unterdrücken lassen.

Oder, einfacher gesagt: Morddrohungen sind immer nur dann schlimm, wenn sie von den anderen kommen und nicht von progressiven Kräften. Oder irgendwie so.

„Woher kommt all der Hass?“, fragt Magda ganz in diesem Sinne beim Freitag. Ganz einfach: Hass ist es immer nur, wenn es von den anderen kommt – wenn es von uns kommt, ist es gerechtfertigte Wut.

Immerhin skizziert ein Kommentator von Magda ein Bild der „Männerrechtler“, das die Analyse von Robert Claus elegant zusammenfasst – und das erkennbar mit Hass ganz und gar nichts zu tun hat:

„Mit diesen Jammergeiferern, die furchtbar leiden, weil ihnen kein Papa Hitler mehr eine folgsame Zuchtgefährdin zuführt, kann ich eigentlich gar nix anfangen.“

Eine hübsche Links-Rechts-Kombination von Nazivorwurf und Jammerlappen-Beschämung.

Keine Angst müssen emanzipatorische Kräfte übrigens davor haben, dass ihnen das Verfahren, „Männerrechtler“ nach dem „guilty-by-association“-Prinzip zu diskreditieren (Väter hängen an ihren Kindern – Es gibt Nazis, die an ihren Kindern hängen – also sind Väter logischerweise irgendwie Nazis), irgendwann auf die eigenen Füße fällt. Wäre das nämlich möglich, dann wäre es schon längst geschehen.

Gerade stellte beispielsweise ein Artikel in der tageszeitung, dem Bayernkurier einer emanzipatorischen grün-roten Wähler_innen_schaft, frohgemut fest:

„Es muss in einem freien Land möglich sein, straflos das Existenzrecht Isreals infrage zu stellen.“

Eindrücklich ist der Text illustriert mit einem Bild von einer Demonstration, das Netanjahu als kindstötenden Vampir zeigt. Dass die „Infragestellung“ des Existenzrechts Israels nicht einfach eine abstrakte politische Position ist, sondern in der realen historischen Situation Massenmorde nach sich zöge, wenn sie sich durchsetzte, ist natürlich ein wenig peinlich – und dass es in diesem Land wieder möglich sein müsse, Massenmorde an Juden zu fordern, war eigentlich lange eine Position, die nicht einmal extrem rechte Parteien zu beziehen wagten.

Dass aber die taz ab und zu zwischendurch mal links und rechtsaußen verknüpft, war noch nie ein Problem. Würden die emanzipatorischen Kräfte in Deutschland tatsächlich nicht mit Leuten sprechen, wenn es in deren Positionen „Schnittmengen“ mit mörderischen rechten Positionen gibt, dann würden sie schon lange nicht mehr mit sich selber reden.

Aber darum geht es ja auch gar nicht.

Tatsächlich ist es  – und das ist ein wesentliches Ergebnis der so wichtigen wissenschaftlichen Arbeit von Robert Claus – völlig egal, dass die meisten „Männerrechtler“ mit Rechtsaußen-Positionen überhaupt nichts zu tun haben. Sie stehen für die Verteidigung patriarchaler Machtpositionen, und mit solchen Leuten redet man nicht, basta. Die Nazibezüge sind eher als unverzichtbare Metaphern zu verstehen, um den Gesprächsboykott auch Menschen begreiflich zu machen, die in Patriarchatstheorie noch nicht allzu firm sind.

Women Against Feminism:   Kritikentschärfer, Katzenbilder, Kuckucksväter Dies ist umso wichtiger, als ja in diesem Monat eine seltsame politische Bewegung immer stärker wurde: „Women Against Feminism“, mit eigener Facebook-Seite  und tumblr-Account.

Anstatt sich einfach mal die Frage zu stellen, ob es nicht verrückt ist, als Frau gegen Fraueninteressen zu wettern, und anstatt sich – wie das ja z.B. auch Oppositionelle in Stalins Sowjetunion getan haben – auf die Suche nach den psychischen Problemen zu machen, die eine Frau zur Opposition gegen die politischen Vertretung von Frauen bewegen…

…anstatt also das Naheliegende zu tun, äußern Hunderte von Frauen öffentlich Kritik. Feminismus sei feindselig gegenüber Männern – würde Frauen in Opferpositionen festzurren – und Feministinnen würden andere Frauen bevormunden  – etc.etc.pp., und immer so weiter:  Frauen, die sich vom Binnen-I belästigt fühlen  oder die finden, dass der Feminismus auch Frauen schade.

Auch hier lohnt sich natürlich eine inhaltliche Auseinandersetzung nicht.

Wesentlich sinnvoller ist es, wenn feministische Frauen in bewährten Beschämungs-Strategien nicht-feministische Frauen schwesterlich lächerlich machen  oder sie ohne unnötige Angst vor Klischees einfach mit Katzenbildern auskontern.

Wenn dann noch Wikipedia-Einträge sachdienlich umgeschrieben und ein paar emanzipatorische Drohungen gegen die Urheberin der Netz-Bewegung platziert werden, ist alles Wesentliche schon erledigt.

Ganz falsch und anitemanzipatorisch hingegen ist es gewiss, die Frauen-gegen-Fraueninteressen als erwachsene Menschen zu behandeln, ihnen ernsthafte Motive zuzuschreiben und von diesen Motiven auch noch lernen zu wollen – wie das Cathy Young im TIME-Magazine  tut.

„Eine wahrhafte Bewegung für Gleichberechtigung würde sich für die Bedürfnisse und Interessen von beiden Geschlechtern verantwortlich fühlen. Sie würde beispielsweise für alle Opfer von häuslicher und sexueller Gewalt eintreten, unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit – und zugleich für Fairness gegenüber denen, die solcher Vergehen beschuldigt werden. Sie würde sowohl Frauen als auch Männer unterstützen – und dies sowohl am Arbeitsplatz wie in der Elternschaft.“

Eine gefährliche Position, die gezielt den Eindruck erweckt, Gleichberechtigung hätte irgend etwas mit gleichen Rechten zu tun, und die so bloß auf der Ebene des Wortspiels agiert und die Analyse der gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen verweigert.

Eines immerhin stimmt an der Women-Against-Feminism-Kampagne optimistisch. Sie erhält wesentlich mehr Aufmerksamkeit als „männerrechtliche“ Positionen, auch wenn viele ihrer Argumente dort schon seit Jahren formuliert werden. Geschlechterpolitik ist weiterhin Frauensache, so oder so.

Das ist umso wichtiger, als sich Männer zunehmend Gedanken um ihre politische Wirksamkeit machen, so wie  das auch  Arne Hoffmann im MANNdat-Interview tut – oder da sie sich international orientieren und beispielsweise die Erfolge der französischen Väterbewegung als Inspiration empfehlen  – oder sich auf eine Weise als Opfer gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen präsentieren, die recht eindrucksvoll für solche Menschen sein kann, die patriarchatstheoretisch nicht ausreichend geschult sind.

Gerade im letzten Monat gab es gar ein Urteil des Bundesgerichtshofs, nach dem „Kuckucksväter“ einen Auskunftsanspruch gegenüber den Müttern haben. So weit ist das Patriarchat also tatsächlich zu gehen bereit: Nun müssen Frauen damit rechnen, gesetzlich (!!) dazu verpflichtet zu werden, ihren Partnern zu erzählen, ob sie in zeugungsrelevanter Weise mit jemand anderem geschlafen haben. Angeblich ist es für Männer ja wichtig ist zu wissen, ob ihre Kinder eigentlich ihre eigenen Kinder sind – als ob sich Frauen umgekehrt über so etwas jemals Gedanken machen würden.

Nur ein Beispiel von vielen, das zeigt: Es bleibt wichtig, in der Geschlechterpolitik ÜBER Männer zu reden, aber nicht MIT ihnen. Ein eindrucksvolles Modell dafür haben uns im vergangenen Monat Robert Claus und die Friedrich Ebert Stiftung geschenkt.

Ein Hoffnungszeichen: Auf die hier bei man tau präsentierten  öffentlichen Briefe an Abgeordnete der SPD, die die Studie und ihre Nazi-Bezüge kritisierten, antworteten gerade einmal vier Angeschriebene – mit Hinweisen, später einmal zu antworten. So weit kann der Bürgerdialog schließlich nicht gehen, dass man am Ende noch mit Menschen redet, die anderer Meinung sind.

So bleibt es dabei: Wir reden nicht mit Männern, weil sie ohnehin nur ihre hegemoniale Position verteidigen wollen – und weil wir nicht mit ihnen reden, haben sie auch keine Chance, dieses Bild zu korrigieren.

Ein wunderbar in sich geschlossenes und gefestigtes  Muster, das einer emanzipatorischen Geschlechterpolitik noch lange behilflich sein wird.

Das Zitat von Cathy Young habe ich selbst ins Deutsche übersetzt. Hier ist das Original:
 

A true equality movement would be concerned with the needs and interests of both sexes. It would, for instance, advocate for all victims of domestic and sexual violence regardless of gender — and for fairness to those accused of these offenses. It would support both women and men as workers and as parents.

Brauchen Schulen Dildos? (und andere Kernfragen einer "Sexualpädagogik der Vielfalt")

„Das erste Mal ein Kondom überziehen, das erste Mal einen Tampon einführen, das erste Mal Analverkehr.“
Darüber sollten, so wunderte sich Christian Weber im April in der Süddeutschen Zeitung, schon Dreizehnjährige in der Schule „als Gedicht, als Bild, als Skulptur, als Theaterstück, als Sketch“ etwas vorstellen. Jedenfalls, wenn es nach dem Standardwerk zu einer Sozialpädagogik der Vielfalt (dort auf S. 151 ff) ginge, das gemeinsam mit anderen die Soziologin Elisabeth Tuider verfasst hat, die an der Universität Kassel das Fachgebiet „Soziologie der Diversität“ leitet.

Die gerade veröffentlichte und global formulierte Solidaritätsadresse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „zu aktuellen Kampagnen der Diskreditierung und Diffamierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern“ bezog sich wohl auch auf die heftige Kritik an Tuiders Position.

Weber überlegt:

„Pflichtgemäß hat man mit dem Kopf genickt, als die Leitartikler die Proteste [gegen den Baden-Württembergischen Bildungsplan, LS] gegeißelt haben. Wenn man aber nachliest, was unter einer ‚Sozialpädagogik der Vielfalt‘ möglicherweise konkret zu verstehen ist, wird einem doch komisch zumute.“
Darunter ist beispielweise ein Fragebogen zu verstehen, der auf einem ironischen „Heterosexual Questionnaire“ aus dem Jahr 1972 basiert und den die Ländle-GEW in ihre Broschüre Lesbische und schwule Lebensweisen. Ein Thema für die Schule  aufgenommen hat (dort auf S. 21).
„Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen des gleichen Geschlechtes kommt?“
Oder:
„Laut Statistik kommen Geschlechtskrankheiten bei Lesben am wenigsten vor. Ist es daher für Frauen wirklich sinnvoll, eine heterosexuelle Lebensweise zu führen und so das Risiko von Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaft einzugehen?“
Vielfalt ist natürlich eine schöne Sache, solange nur alle in die gleiche Richtung marschieren.
Über diesen Fragebogen hatte auch schon im April Matthias Mattussek geschäumt und Homosexualität bei dieser Gelegenheit gleich insgesamt als „Fehler der Natur“ hingestellt.  Stefan Niggemeier wiederum hatte Matussek lächerlich gemacht: Er zeigte, dass Matussek die Ironie der Fragen, deren Umkehrung gängiger Klischees über Homosexuelle gar nicht verstanden habe und also mit einem Fragebogen für Siebtklässler überfordert gewesen sei. 
Die heftige Kontroverse, die von den Kommentatoren unter den Texten beider noch heftiger fortgesetzt wurde, ist ein gutes Beispiel für die Gefechtslage, die sich angesichts einer „Sexualpädagogik der Vielfalt“ entwickelt hat. Regelmäßig stehen sich zwei Positionen gegenüber, die eigentlich beide nicht vertretbar sind und von denen aus gerade diejenigen nicht wahrgenommen werden, um die es angeblich geht: die Kinder und Jugendlichen.

Kinder verwirren, Erwachsene bestätigen Matussek liegt tatsächlich falsch in seinem Verständnis der Fragen, die er als Skandal wahrnimmt. Niggemeier aber übersieht, dass Matusseks Interpretation für den Schulunterricht völlig stimmig ist – denn es ist ja durchaus zu erwarten, dass die meisten Schüler sich nicht unbedingt intensiv mit den Diskursstrategien Erwachsener beim Umgang mit der Homosexualität auseinandergesetzt haben. Die Ironie der Fragen ist für die erkennbar, die sich ohnehin schon auskennen – alle anderen werden sie in eben dem Sinn verstehen, wie Matussek sie verstanden hat.

„Warum verurteilt Weber den sexualpädagogischen Unfug, in dem Aufklärung in Intim-Terror umschlägt, nicht noch schärfer?“

fragt das Deutschlandradio anlässlich von Webers Auseinandersetzung mit Tuiders Sexualpädagogik der Vielfalt.  Das Buch ist sehr gut geeignet, um die unergiebige, aber erregte Diskussion zu verstehen, die sich nicht nur zwischen Matussek und Niggemeier zu Fragen des Umgangs mit Sexualität in der Schule entwickelt hat –  daher lohnt sich ein Blick hinein.

Mein erster Eindruck: Wer sich, wie Christian Weber, angesichts dieses Buches allein auf Analverkehr konzentriert – oder auf die schräge Aufgabe, dass Schüler einen virtuellen Puff einrichten sollen (75) – oder auf die Aufgabe, in der sie sie Gegenstände wie Dildos oder Lack- und Lederkleidung für verschiedene Parteien eines Mietshauses ersteigern müssen (51) – der hat auch gezielt nach Skandalösem gesucht.

 
Der größte Teil der Aufgaben ist nicht so extrem, und wenn „Vielfalt“ thematisiert wird, ist das Buch deutlich weniger  auf Sexualität konzentriert als etwa der so kontroverse Baden-Württembergische Bildungsplan. Es bezieht viele Aspekte ein: soziale Positionen, Herkunft, persönliche Eigenschaften wie Schüchternheit, Berufswünsche und anderes: „Der intersektionelle Junge“ heißt beispielweise eine Aufgabe, die eben solche verschiedenen Aspekte auflistet. (108)
Das Gesamtbild ist keineswegs so irre, wie Weber es zeichnet – und dass in einer Methodensammlung einige sinnvolle Methoden neben vielen fragwürdigen und einigen indiskutablen stehen, ist nach meiner Erfahrung durchaus üblich. Eher verdeckt die Suche nach möglichst sensationellen Fehlschlägen des Buches seine tatsächlichen Probleme:

„Für die Lesenden ist nicht nachvollziehbar, inwieweit die Ausführungen des Autorenteams faktenbasiert sind oder sich auf Annahmen beziehen. So heisst es beispielsweise auf S. 40 unkommentiert, dass die Auseinandersetzung mit Vielfalt in der Sexualpädagogik mit Sicherheit die eigene Weltsicht bereichert, obwohl gerade dieser Punkt regelmässig zu Diskussionen in der Gestaltung sexualpädagogischer Angebote führt.“

So der Pädagogikprofessor Daniel Kunz in einer Rezension. Das ist durchaus beachtlich: Während Tuider und ihre Mitschreiber durchgängig das Ziel formulieren, hergebrachte Vorstellungen zu reflektieren, zu ihrer „VerUneindeutigung“ und „Verwirrung“ (40) beizutragen, reflektieren und belegen sie ihre eigenen Grundannahmen nirgendwo.
 
Nach Tuider

„kann es nun auch in sexualpädagogischen Methoden nicht mehr darum gehen, die Polarisierungen von Norm/Abnorm, von positiv/negativ zu zementieren, sondern stattdessen wird gerade diese Einteilung und Grenzziehung thematisiert.“ (16)

Zwei Seiten später schreibt sie dann, wie selbstverständlich: Die

„Zuordnung zu einem der beiden Pole einer Kategorie (zum Beispiel bei der Kategorie Geschlecht die Rolle ‚Frau‘ oder ‚Mann‘) geht immer auch mit einer hierarchischen Anordnung der beiden Pole (Stichwort: Patriarchat) und damit mit einer Privilegierung des dominant gesetzten Teils einher.“ (18)

Das stimmt so allgemein natürlich nicht – Pole sind etwas anderes als Kategorien, und  Polarisierungen sind nicht notwendig hierarchisch geordnet.

Vor allem aber: Die feministische Normalvorstellung, wir würden in einem Patriarchat leben, wird von Tuider blind wiederholt, zum Bestandteil von Aufgaben gemacht (z.B. in der „Blume der Macht“, S. 54) und genretypisch durchdekliniert. Sie geht von der „Norm“ (natürlich in Anführungszeichen) „heterosexuell, deutsch, weiß, christlich“ (39) aus und betont, fast im gleichen Atemzug, dass

„gesellschaftliche Positionen wie Frau, Schwuler, Migrantin oft als Grundlage für Abwertung und Diskriminierung“ (38)

dienten – als ob Frauen der skizzierten Norm nicht ebenso selbstverständlich angehören würden wie Männer.

Kinder brauchen Märchen Dildos Woher aber diese Blindheit für die eigenen Normen rührt, lässt sich mit einem Zitat aus einem Aufsatz erklären, den auch Weber zitiert: Der Kieler Pädagogik-Professor Uwe Sielert schreibt schon 2001 in seinem Text Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt

„Sich auf einige kulturell festgelegte Markierungen (wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Kernfamilie, biologische Elternschaft) sicherheitsheischend zu verlassen bedeutet, der Selbst-Entfaltung, dem aufregenden und zugleich befriedigenden Selbst-Entwurf aus dem Weg zu gehen.“ (S. 22)

Damit aber niemand auf die Idee kommt, jetzt dürfe also jeder so sein, wie er wolle, fügt Sieler gleich hinzu:

„Das Dominanzmuster des klassisch Männlichen gibt inzwischen am Wenigsten her.“

Das wäre ja auch noch schöner, wenn jemand sich selbst-entfaltend und selbst-entwerfend ausgerechnet zu einem klassischen Mann entwickeln würde.

In der Konsequenz ist für Sieler wie für Tuider nicht allein die – angebliche – Abwertung von Frauen ein Problem, sondern die Tatsache, dass sich Menschen überhaupt in Normalvorstellungen wie „Mann“ und „Frau“ einpassen. Weder Sieler noch Tuider kommt jedoch jemals auf die Idee, zu fragen, ob Normen nicht einen positiven Sinn haben und eine Funktion erfüllen könnten – Normen werden von ihnen jeweils blind als Reproduktionen von Herrschaftsverhältnissen hingestellt.

Eben das aber ist gerade für Kinder und Jugendliche natürlich ganz anders. Wer sich einigermaßen verlässlich im Rahmen einer Gruppe orientieren und dort handeln will, muss ein Bild davon bekommen, was er gemeinhin von anderen erwarten kann – welche Erwartungen andere an ihn haben, welche Erwartungen er also seinerseits erwarten kann – was geschieht, wenn diese Erwartungen enttäuscht werden, welche Spielräume es für Regelübertretungen gibt.

 
Das hat einerseits schlichte ökonomische und praktische Gründe – ohne solche Normalerwartungen wäre keine soziale Situation berechenbar.

Es ist aber außerdem wichtig, um einzelne zu schützen: Wenn es Normen gibt, an die sich alle halten müssen, dann werden damit auch diejenigen eingebunden, die in der stärksten Position sind – und auch diejenigen, die in der schwächsten Position agieren, gewinnen ein Mindestmaß an Übersicht und Handlungsfähigkeit. Es ist blind, Normen gewohnheitsmäßig als Ausdruck von Herrschaft zu interpretieren, ohne die Selbstverständlichkeit zur Kenntnis zu nehmen, dass Normen Schwächere vor dem Recht des jeweils Stärkeren schützen.

Diese Blindheit kann sich nur jemand leisten, der sich an die eigenen Privilegien so gewöhnt hat, dass sie ihm schon lange nicht mehr auffallen.

Normalerwartungen sind zudem wichtig für die Frage eines Einzelnen nach der eigenen Identität – für die Frage zum Beispiel, wie er sich selbst zu den Erwartungen verhält, denen er begegnet. Wenn er diese Erwartungen – was wiederum normal ist – nicht vollständig bedienen kann oder will, nimmt er sie ja erst recht zum Anlass, über die eigene Position und über soziale Normen zu reflektieren.

Statt aber diese Funktionen anzuerkennen und, durchaus im Sinn einer klassischen Liberalität, human mit Normverstößen umzugehen, werden Sieler und Tuider nicht nur einzelne Normen zum Problem – sondern die Tatsache, dass es überhaupt Normen gibt.

 
So erklärt sich denn eben auch die Konzentration auf Ungewöhnliches in dieser Sexualpädagogik: Ziel ist nicht einfach nur, beispielsweise, ein offener, ziviler Umgang Heterosexueller mit Schwulen und Lesben, sondern der Angriff auf das Konzept der Normalität generell. Es reicht dann eben nicht, lesbischen und schwulen Liebespaaren in vorgeschlagenen Rollenspielen eine ebenso große Rolle wie heterosexuellen zu geben – Vierzehnjährige oder Zwölfjährige müssen sich auch mit Analsex, Dildos, Intimpiercing, Gang Bangs, Swinger Clubs, Gleitmittel und Lederpeitschen sind auseinandersetzen  (Sex Mosaik, 81ff, Sex Quiz, 102ff).
 
 
Wo Betonköpfe Betonköpfe Betonköpfe“ nennen Ein solcher prinzipiell geführter Angriff auf Normen aber ist gerade in der Schule natürlich ein ernsthaftes Problem, zumal wenn Erwachsene ihre eigenen Erfahrungen und Positionen ungeprüft auf Kinder projizieren. Wer sich seiner eigenen Position und Identität einigermaßen sicher ist, kann „Verwirrung“ und „VerUneindeutigung“ sicher als befreiend erleben – wer aber ohnehin schon unsicher und verwirrt ist, wird dadurch eher eingeschränkt.

Härte und Unduldsamkeit gegenüber Schwulen sind gerade bei Kindern und Jugendlichen eben regelmäßig nicht allein Ausdruck herrschender Normen, sondern eigener Verunsicherungen. Wer sich hingegen einigermaßen sicher  in der eigenen Identität fühlt, kann deutlich souveräner mit Menschen umgehen, die anders sind als er selbst.

 
Wer Menschen verwirrt, die sich ihrer selbst sicher sind, stellt möglicherweise sinnvoll Routinen in Frage – wer hingegen Menschen verwirrt, die ohnehin verunsichert sind, wird ihr Bedürfnis nach fraglosen Eindeutigkeiten eher noch wachsen lassen.

Der scheinbar radikalisierende Schritt von einer Erziehung zur Toleranz und Zivilität hin zu einer Erziehung, die den Begriff der Normalität an sich in Frage stellt, ist also tatsächlich eher ein Rückschritt, der Reflexionen verhindert, statt sie zu fördern, und der Verhärtungen aufbaut, statt sie zu lösen.

So ergänzen sich die Gegner und Befürworter einer solchen Erziehung komplementär: Die einen beharren unreflektiert auf einer verhärteten Normalität, die keine Spielräume lässt und Abweichungen schlankweg als Krankheiten und Perversionen hinstellt – die anderen stellen unreflektiert den Begriff der Normalität prinzipiell in Frage und haben eben deshalb überhaupt keinen Sinn für die eigenen, niemals angezweifelten und verhärteten normierten Ideen („Patriarchat“, „Männerherrschaft“).

So stehen sich dann zwei Parteien gegenüber, die beide falsch liegen und einander ähnlicher sind, als sie es wahrhaben wollen.

 
Falsch ist beispielweise der beliebte Vorwurf, eine „Sexualpädagogik der Vielfalt“ würde Kinder „frühsexualisieren“. In einer sechsten Klasse kann es passieren, dass die eine Hälfte der Klasse bei einem Satz wie „Der Wind bläst um das Haus“ wild zu lachen beginnt, während die andere Hälfte still vergnügt vor sich hin grinst. Kinder und Jugendliche in der Pubertät müssen nicht erst noch eigens „sexualisiert“ werden, sie sind es schon – allerdings: auf eine eigene, gewiss nicht erwachsene Art und Weise.

Eben hier ist Tuider und ihren Mitschreibern offenbar nicht klar oder nicht wichtig, dass ihre großzügige Thematisierung von Lederpeitschen, Dildos und Analsex im Schulunterricht bei Zwölf- bis Vierzehnjährigen eben nicht Vielfalt signalisiert – sondern die Besetzung der Sexualität von Kindern und Jugendlichen durch die sexuellen Erfahrungen und Phantasien Erwachsener.

Tuider, Elisabeth et.al: Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit, Weinheim Basel 2012

Sielert, Uwe: Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt, in: FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung 4.2001. Gender Mainstreaming, S. 18-24

Christoph Webers Artikel Was sie noch nie über Sex wissen wollten vom 24. April 2014 wurde von der Süddeutschen Zeitung nicht online gestellt. Er ist hier aber als Scan einsehbar.