Für eine offene und sachliche Geschlechterdebatte. Gegen Diffamierungen.

Offener Brief an die Zeit-Redaktion
Von Lucas Schoppe, Prof. Dr. Günter Buchholz, Dr. Alexander Ulfig

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

wir reagieren mit diesem Brief auf einen Text, der am vergangenen Donnerstag in der Zeit veröffentlicht wurde und bei dem wir nicht verstehen, wie er in einer Zeitung mit einem Anspruch auf Seriosität erscheinen konnte. Es ist in unseren Augen ein menschenfeindlicher, hetzerischer Text, und er diskreditiert Menschen maßlos, deren politische Position von der Meinung der Autorinnen abweicht.

Es geht um den Text „Vom Zorn abgehängter Männer“ von Christina Schildmann und Anna-Katharina Meßmer. Fragwürdig ist nicht allein der Text selbst, sondern schon seine redaktionelle Einbindung. In den dünnen Angaben, die Ihre Zeitung zu den Autorinnen macht, kann nicht einmal ansatzweise deutlich werden, wie sehr sie mit persönlichen Interessen in ihr Thema verstrickt sind.

Meßmer ist nicht nur Aufschrei-Initiatorin, sondern auch Promovendin bei einer der einflussreichsten Gender-Forscherinnen des Landes, bei Paula-Irene Villa. Christina Schildmann ist bei der Friedrich Ebert Stiftung verantwortliche Redakteurin von Robert Claus‘ Schrift „Maskulismus“, die in diesem Jahr erschien und die kenntnisarm und ohne Belege männerrechtliches Engagement pauschal als rechtsradikal diffamierte. Gegen diese Schrift wurden in vielen Internet-Artikeln Kritikpunkte und Argumente formuliert – die Autoren dieser Artikel gehören zu denjenigen Männern, die Schildmann nun in ihrem Zeit-Artikel pauschal und ungeheuer diffamierend angreift.

Diese persönlichen Hintergründe der Autorinnen können durch Ihre redaktionelle Darstellung unmöglich deutlich werden.

Gleich zu Beginn schreiben die Autorinnen davon, dass Männer sich – wie Schweine – in Ressentiments „suhlen“ und – wie Affen oder Steinzeitmenschen – zu „Horden“ zusammenschließen würden, um gezielt auf Einzelne loszugehen. Dafür liefern die Autorinnen selbstverständlich keinen Beleg, aber sie präsentieren ihre politischen Gegner, wie in einem Grundakkord, pauschal als aggressive, tierähnliche Wesen.

Die eigenen Gegner mit Tieren zu vergleichen, ist ein traditionelles Mittel politischer Propaganda. Auch zu Geschlechterklischees tragen solche inhumanen Vergleiche seit Jahrhunderten bei. Als journalistisches Mittel der Wochenzeitung Die Zeit waren sie bis vor Kurzem eher nicht bekannt.

Das ist kein begrifflicher Ausrutscher. Auch im weiteren Verlauf des Textes gestehen sie Menschen – Männern – nicht zu, dass sie Gründe und Argumente für ihre Positionen haben könnten. Stattdessen unterstellen sie ihnen rundweg, und immer wieder, Wut und Zorn. Da die De-Humanisierung der politischen Gegner und ihre Präsentation als wilde, emotionsgeleitete, irrationale tierische Wesen offen erkennbar ein Grundprinzip des Textes ist, verstehen wir nicht, wie so etwas in Ihrer Zeitung erscheinen konnte.

Zivile Empathie verweigern die Autorinnen den so angegriffenen Männern regelrecht demonstrativ. Selbst Vätern beispielsweise, die schlicht aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit nicht für ihre Kinder sorgen dürfen, gestehen sie nicht zu, sich – ebenso wie ihre Kinder – tatsächlich in einer bedrückenden, leidvollen Situation zu befinden. Stattdessen unterstellen sie ihnen wie anderen Männern blind, alle Unzufriedenheit mit der eigenen Situation resultiere aus einem „Gefühl der Entmännlichung“, dem „Verlust einer sicheren Ordnung“: Ein Mann, der leidet, leidet in der Vorstellung der Autorinnen allein unter einem Herrschaftsverlust.

Die implizite Botschaft ist natürlich, dass er dafür gewiss kein Mitgefühl verdient habe. Auch dass Ihre Zeitung in dieser Form die Verweigerung ziviler Empathie propagiert, ist uns nicht nachvollziehbar.

Die so problematischen Thesen des amerikanischen Soziologen Michael Kimmel, auf die sich die Autorinnen dabei stützen, referieren sie völlig distanz- und kritiklos. Ebenso kritiklos verhalten sie sich zu ihrer eigenen Position. Christoph Kucklick hat ja in seinem Werk Das unmoralische Geschlecht und vielen Essays (unter anderem in Ihrer Zeitung) gezeigt, wie umfassend schon seit dem Beginn der Moderne das Klischee verbreitet ist, „den“ Mann als tierisches, gefährliches Wesen darzustellen. Obwohl sie sich als Verteidigerinnen der Geschlechterforschung präsentieren, ist den Autorinnen offenbar überhaupt nicht bewusst, wie blind und konsequent sie selbst in ihrem Text jahrhundertealte Geschlechterklischees reproduzieren.

Würden sie dabei einfach eine pauschale Verdammnis der Gender Studies kritisieren, dann wäre das eine völlig legitime Position – aber eben das tun sie nicht. Stattdessen verdammen sie pauschal jede Kritik, vermischen polemisch völlig Unterschiedliches und erwecken den Eindruck, wer Kritik an den Gender Studies übt, sei gewiss auch feindselig gegenüber Homosexuellen oder wolle an Begriffen wie dem „Zigeunerschnitzel“ festhalten. Alles eine „rechte“ Soße, irgendwie.

Wiederum ist nicht verständlich, wie so etwas in der Zeit publiziert werden konnte. Es gehört nun einmal grundlegend zu einer Wissenschaft, zum Gegenstand von Kritik werden zu können, ja, zur Kritik sogar einzuladen – sonst wäre es keine Wissenschaft, sondern ein Kult oder ein Religionsersatz. Es gibt keinen Grund, die Gender Studies davon auszunehmen. Fragwürdig ist zum Beispiel die weitgehende, oft auch programmatische Ausblendung männlicher Perspektiven und Problemlagen – oder die Fixierung auf die Idee, Geschlechter rundweg als Konstruktionen zur Reproduktion einer (natürlich irgendwie immer männlichen) Herrschaft zu verstehen. Angesichts der erheblichen öffentlichen Mittel ist es zudem fragwürdig, dass Vertreterinnen der Gender Studies eine Überprüfung ihrer Methoden und Ergebnisse von außen verweigern.

Wenn Anna-Katharina Meßmer, zumal als Nutznießerin dieser öffentlichen Mittel, das anders sieht, ist das verständlich, und es ist ihr gutes Recht. Es wäre allerdings nötig, dass sie für ihre Position auch Argumente anführt, anstatt ihre Kritiker pauschal und argumentfrei als rechtsradikale Wüteriche zu diffamieren.

Dass Schildmann und Meßmer mit persönlichen Interessen erheblich in ihr Thema verstrickt sind, bedeutet nun nicht, dass sie keine Gelegenheit zur Darstellung ihrer Position haben sollten. Es müssten aber eben auch Vertreter anderer Positionen zu Wort kommen können – beispielsweise in einem Streitgespräch.

Eben das aber wird von Ihnen vermieden. Die so radikal einseitige, zweifellos auch von persönlichen Interessen bestimmte Position Schildmanns und Meßmers erscheint bei Ihnen als absolut und alternativlos, weil alle Alternativen maßlos diskreditiert werden. Die einzigen, die in der Darstellung Ihrer Zeitung vernünftige Gründe für ihre Position haben, sind die Autorinnen selbst.

Das zeigt sich auch im Umgang mit ihren Lesern. Die engagierte, umfangreiche, oft auch kenntnisreiche Diskussion in den Kommentaren brechen Sie schon nach wenigen Stunden und mit fragwürdiger Begründung ab – Verlinkungen durch Leser, die Kritik an den Autorinnen belegen können, werden von Ihnen entfernt. Sie nehmen dadurch Männern, die im Text so maßlos und feindselig attackiert werden, die Möglichkeit, auf diese radikale Feindseligkeit zu antworten – und Sie laufen vor ihren eigenen Lesern davon.

Sie nehmen sich damit, unter anderem, die Möglichkeit, die Brüchigkeit Ihrer eigenen Position wahrzunehmen.

Denn längst hat sich ja im Internet und anderswo eine sehr vielfältige Geschlechterdebatte entwickelt, an der auch Männer selbstbewusst teilnehmen und in der Positionen wie die Meßmers und Schildmanns fundiert kritisiert werden. Wesentliche Gemeinsamkeit der dabei vertretenen Positionen ist übrigens kein „Antifeminismus“, sondern die selbstverständliche Überzeugung, dass Menschenrechte geschlechterunabhängig und unteilbar sind. Ein bedeutendes Beispiel dafür aus diesem Jahr ist Arne Hoffmanns Plädoyer für eine linke Männerpolitik, in der er engagiert und mit großem Faktenreichtum für einen „integralen Antisexismus“ eintritt, der sich gegen sexistische Benachteiligungen von Frauen UND Männern wendet. Auch dies ist ein Text, der Ihren Autorinnen offenbar völlig unbekannt ist.

Statt die offene Auseinandersetzung zu suchen, setzen Ihre Autorinnen auf Diffamierung und Einschüchterung: Wer kritisch ihren Positionen gegenüber ist, merkt, dass er leichthin und ganz ohne Argumente öffentlich als rechtsradikaler Berserker präsentiert werden kann. Wiederum ist es uns unverständlich, wie sich Ihre Zeitung für solche Einschüchterungsmanöver hergeben kann.

Schildmann und Meßmer arbeiten mit simplen binären Mustern – mit einfachen Feindbildern. Zivilisiert contra unzivilisiert, sachlich contra aggressiv, wissenschaftlich contra wutgeleitet, human contra rechtsradikal, Frau contra Mann, und eigentlich: Menschen contra Tiere. Es ist unglaublich, dass ein Text, der so konsequent mit antihumanen, hetzerischen Ressentiments operiert, in einer Zeitung mit Anspruch auf Seriosität erscheinen konnte.

Es wird aber erklärlich, wie das radikal verzerrte Bild möglich ist, das Schildmann und Meßmer von ihren politischen Gegnern zeichnen: Sie nehmen in ihren Gegnern nur die Aspekte wahr, die zu ihrer eigenen Feindseligkeit, zu ihrer eigenen Wut und zu ihrem eigenen Ressentiment passen.

Möglich ist ihre skandalöse, die politischen Gegner entmenschlichende Position allein dadurch, dass diese Gegner nicht selbst zu Wort kommen können. Wir fordern Sie daher dringend auf, das Bild zu korrigieren, das durch die von Ihnen veröffentlichte politische Hetze entstanden ist. Geben Sie den Angegriffenen eine Möglichkeit zur Erwiderung. Räumen Sie doch beispielsweise Arne Hoffmann im Rahmen eines Zeit-Artikels eine faire Möglichkeit zur Gegenrede ein.

Wir sind trotz des Eindrucks, der durch den Text entstanden ist, davon überzeugt, dass sie eigentlich an einer offenen Debatte und nicht bloß an einer Diffamierung Andersdenkender interessiert sind. Wenn dies aber so ist, dann kommen Sie nicht daran vorbei, nun denjenigen das Wort zu geben, die in Schildmanns und Meßmers Text auf so feindselige, ent-menschlichende Weise angegriffen worden sind.

Lucas Schoppe

Prof. Dr. Günter Buchholz

Dr. Alexander Ulfig

Dazu auch: Wie uns die „Zeit“ wieder mal davonlief

  1. Danke!
    Mal schauen, ob da eine Reaktion erfolgt..

    Antwort

  2. Ich habe am Wochenende bereits eine Beschwerde beim Presserat wegen des ZEIT-Artikels eingereicht. Leider ist dieser nur ein zahnloses Alibi-Ventil, aber auf einem geringen Level kann er trotzdem bei den (wenigen) Journalisten, die für das Thema offen sind etwas erreichen. Prima wäre, wenn ihr euren Lesern auch Möglichkeiten aufzeigt, wie sie sich gegenüber z.B. Presse, Politik, Vereinen engagieren können.

    Antwort

  3. Finde ich gut. Vielen Dank für die Arbeit!

    Antwort

  4. Wut und Zorn sind keine Unterstellung. Die sind da. Nichts, wofür man sich schämen müsste.

    „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.“

    Antwort

  5. Auf die Reaktion von der Zeit-Redaktion bin ich gespannt. Es würde mich positiv überraschen, wenn sie antworten und insbesondere, falls sie tatsächlich einem Männerrechtler (bitte keinem aus dem BuFoMä und Dunstkreis) das Wort erteilen würden.
    Toll, dass Ihr so adäquat und integer auf den Zeit-Artikel reagiert habt.

    Antwort

  6. Es macht nicht viel Sinn hier auf Einsicht zu hoffen. Fanatischer Feminismus unterscheidet sich nicht von anderen Fanatismus.
    Das gilt für die ZEIT und die Autorinnen, die nicht ohne Grund diese Plattform erhalten haben.

    Antwort

  7. Danke! Ein Papst ist hier, meines Wissens, noch nicht zitiert worden. Wurde aber Zeit. 🙂

    Ich finde, Du hast auch Recht damit – Wut und Zorn sind nicht an sich etwas Schlechtes. Der Zeit-Artikel unterstellt aber, dass außer Wut und Zorn nichts Anderes da sei bei den „Angry White Men“ – keine Vernunft, keine Argumente, nur Unfähigkeit, mit dem eigenen Herrschaftsverlust klarzukommen. Und diese Unterstellung sehe ich sehr wohl als eine Beschämungstaktik an.

    Antwort

  8. Danke – auch an alle anderen, die hier den Brief unterstützen!

    An das BuFoMä hab ich gar nicht gedacht – es wäre aber eine logische Wahl. Schließlich bezieht sich sein Vorsitzender Rosowski ebenso kritiklos auf Kimmel, wie die Autorinnen es tun. Die Einbindung des Bundesforums wäre eine Fortsetzung des Selbstgesprächs, getarnt als Dialog.

    Insofern, leider, eine stimmige Fortsetzung des Bisherigen…

    Antwort

  9. Danke für das Engagement.

    Habe auf diese neuerliche vulgärfeministischen Geschlechterkriegstreiberei ebenfalls mit einem längeren Brief an SPD-Verbände, FES und das SPD-Hausblatt 'DIE ZEIT' reagiert. Es ist einfach unglaublich.

    Antwort

  10. Es wäre an der Zeit, dass die parteinahen Stiftungen, die fast ausschliesslich durch Staatssubventionen finanziert werden, vom Geldfluss abgeschnitten würden.
    Die parteinahen Stiftungen sind Vereine, die geschaffen wurden, um ein Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts aus den 60-er Jahren auszuhebeln. Das Bundesverfassungsgericht stellte damals sinngemäss fest, dass staatliche Subvention der Parteien nur zulässig ist, falls die Gelder in unmittelbarem Bezug zu anstehenden Wahlen stehen und zur politischen Willensbildung der Wahlberechtigten beitragen.
    Staatlich subventionierte Hetze gegen den politischen Gegner ist nicht im Sinne des Bundesverfassungsgerichts.

    Antwort

  11. Ich denke nicht, dass es zu einer Reaktion kommt. Der Brief wird eher als „Bestätigung“ gesehen, da jegliches Verständnis und Selbstkritik bei den Damen fehlt.
    Außerdem würden Sie damit zugeben, die „WHM“ zumindest teilweise ernst zu nehmen (Ihr wisst schon: Was stört es die dt. Eiche wenn eine Sau -tschulidigung- Eber sich an ihr…). Und sollte doch etwas zurückkommen so eher im Tenor auf rechtsradikale, destruktive Kommentar die durch den Brief geschützt werden sollen (seht her wie ich es Euch gesagt habe, da melden sich jetzt die „rechtsradikalen Horden“ um Ihren Auswurf zu schützen)…. ;o) Aber ich lasse mich mal gerne positiv überraschen.
    Vielleicht sollte der Brief an weiteren geeigneten Stellen veröffentlicht werden, wie sieht es mit Konkurrenzblättern aus?
    chris

    Antwort

  12. @ Peter Finde ich ein sehr wichtiges Argument. Es ist ja eben gerade nicht so, dass Schildmann und co. zur politischen Willensbildung beitragen – hier ist es ja stattdessen das Ziel, die politische Willensbildung zu verhindern, indem Menschen mit anderer Meinung eingeschüchtert und diffamiert werden.

    Die Einschüchterung ist zudem wohl besonders wirksam bei denen, denen es sehr wichtig ist, nicht mit dumpfen, rechtsradikalen Typen gleichgesetzt zu werden. Das heißt, eigentlich richten sich Aktionen wie die von Schildmann und Meßmer vor allem gegen liberale, linke oder zivil-konservative Kritiker. Im Gelben Forum hingegen werden sich viele durch diesen Zeit-Artikel eher bestätigt sehen.

    Antwort

  13. Ja. Gregor der Große… via Georg Schramm. 🙂

    Antwort

  14. Es gab mal eine Zeit, da verstand sich die politische Linke als Interessenvertreter der „Verlierer“ der Gesellschaft, der Arbeitnehmer in prekären finanziellen Verhältnissen, der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger etc. Seit Feministen und Genderisten die Linke infiltriert haben, werden die Verlierer des Systems verhöhnt. Was auch immer Genderisten anfassen, das pervertieren sie und instrumentalisieren es für ihre Zwecke.

    Antwort

  15. Diese dadurch installierte scheinheilige Unterstellungs-, Opfer-, Gleichschaltungs- und Sozialkonstruktskultur dient dazu bestimmten Gruppen Privilegien zu verschaffen.

    Nach Rassenmerkmalen – Gender und Hautfarbe.

    Wer sich als Opfer inszenieren und unterstellen kann ist legitimiert Privilegien zu genießen. Wer nicht, darf legitim diskriminiert werden, da er ja nicht zur Opferklasse gehört und so Unterdrücker ist. So jemand genießt deshalb auch legitim keine vollständigen Bürger- und Menschrechte mehr.

    „Anti-Diskriminierung“ und „positive Diskriminierung“ als Ordnungsprinzip einer neuen totalitär-rassistischen Feudalgesellschaft.

    Die gegenwärtigen Eliten grenzen sich über diesen Mechanismus nach unten ab und festigen so ihre Machtposition. In den USA bezeichnet man das als Kulturmarxismus.

    Meist undemokratisch eingeführt über wohlklingende nebulös-utopistische Konzepte top-down über zentralistische Superstrukturen – völlig entgegen dem subsidar-föderalen Grundgedanken der alten Bundesrepublik, der ja zurecht aus Erfahrung implementiert wurde.

    Scheinheiligkeit, Willkür und Eugenik als neue politisch korrekte Gesinnung. Der Gesinnungsstaat tritt an die Stelle des Rechtsstaates.

    (Feminismus ging es schon immer um Privilegien. Im 19., 20. und jetzt im 21. Jahrhundert. Es ging auch schon immer um die Interessen bessergestellter Frauen. Und zumindest in den USA war er im 19. Jhd. auch stark rassistisch geprägt.)

    Antwort

  16. Dazu die folgende Interpretation von Karl Popper aus „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Mohr Siebeck, Tübingen.“:

    „Weniger bekannt ist das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.

    Damit wünsche ich nicht zu sagen, dass wir z. B. intolerante Philosophien auf jeden Fall gewaltsam unterdrücken sollten; solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig. Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, dass ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammenzutreffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten.

    Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“

    Antwort

  17. @ Peter „Was auch immer Genderisten anfassen, das pervertieren sie und instrumentalisieren es für ihre Zwecke.“ Ich kann mir noch immer nicht vorstellen, dass feministische Politik tatsächlich eine so grundlegende, umfassende Macht hat. Ich glaube, sie ist eher EINE Wirkung der von Dir skizzierten Entwicklung als die Ursache.

    Die Verachtung für Verlierer ist in meinen Augen eher Resultat einer massiven Verbürgerlichung einst linker Parteien. Feministische Positionen haben diese Verbürgerlichung nicht bewirkt, aber sie verdecken die Widersprüche, die daraus entstehen – wer sich feministisch gibt, kann noch immer im Gefühl leben, für die Unterdrückten und Misshandelten einzutreten. Auch wenn er längst eine Politik betreibt, die sich nur noch für ein paar Privilegierte interessiert.

    @ petpanther Poppers Position ist für mich ein Beispiel dafür, wie unverzichtbar ein gemeinsamer, vertrauenswürdiger Rahmen von Demokratie und Rechtsstaat ist. Wenn er davon spricht, Intoleranz mit Gewalt zu unterdrücken, dann hat er natürlich die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts und ihre Unterstützer in Kopf. Hitler war nicht gewaltlos zu entfernen.

    Der Grundsatz wird aber katastrophal, wenn man keinen gemeinsamen demokratischen Mindestkonsens hat – wenn jeder jeden bekämpfen kann, weil er den jeweils anderen für „intolerant“ erklärt.

    Eben das ist auch ein Grund, weshalb ich den Zeit-Artikel so schändlich finde. Die Zeit hat schließlich das Image einer besonnenen, demokratischen bürgerlichen Zeitung – nicht das eines inhumanen Hetzblattes. Wenn in so einer Zeitung ein solcher Hass-Artikel erscheint, dann ist das besonders gravierend.

    Oder nochmal aus Deinem Popper-Zitat: „Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt“.

    Antwort

  18. Ihren offenen Brief kann ich uneingeschränkt unterschreiben.

    Parallel dazu habe ich eine in bestimmten Teilen sehr ähnliche Replik auf den strittigen ZEIT-Artikel verfasst, über dessen Diskussion ich auch auf Ihren Blog gestoßen bin:

    Die Feminismusdebattenversteherinnen
    http://www.heise.de/tp/artikel/42/42767/1.html

    Antwort

  19. @ Stephan Schleim Vielen Dank dafür!

    Vielen Dank auch für den Link auf Ihren Artikel. „Was bleibt, ist reine Rhetorik, die sich über ausgelöste Gefühle und damit korrelierende Klick- und Likezahlen ökonomisch rechtfertigt; was bleibt, ist ein geistloser Kampf um die herrschende Meinung, die den Rest aus der Diskussion ausgrenzt.“ Das bringt in meinen Augen viele Probleme des Zeit-Artikels auf den Punkt.

    Antwort

  20. @ Petpanther

    „In den USA bezeichnet man das als Kulturmarxismus.“

    Du weißt aber schon, dass Schoppe sich auf diesem Blog mehrfach gegen die Anti-Kulturmarxismus-Verschwörungstheorie ausgesprochen hat, oder?
    Die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie ist zudem ein Beispiel für eine jener Ideologien, für die wir gemäß Popper keine Toleranz aufbringen dürfen.

    Ich will nicht in einer von Antisemitismus geprägten Gesellschaft leben, in einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen in starren traditionellen Geschlechterrollen eingesperrt sind, in einer Gesellschaft, in der Homosexuelle pathologisiert werden, in einer Gesellschaft in der ohne Argumente gegen Linke gehetzt wird – was alles typisch für die rechte Anti-Kulturmarxismus-Ideologie ist.

    Dass du es selbst unter diesem Blogbeitrag nicht lassen kannst, zu versuchen die Männerrechtsbewegung in Verruf zu bringen, ist zudem erstaunlich.

    Antwort

  21. Hallo Herr Schleim,

    Ihren Artikel finde ich auch gelungen. Einige Fragen bleiben aber offen. Mir ist unklar, warum sie Männern ausgerechnet Michael Kimmel anempfehlen. In einem Kommentar im Telepolisforum plädieren Sie dafür, die Existenz von sozial konstruierten Geschlechterrollen wahrzunehmen. Das kann ich unterstützen. Es gibt einen kulturellen Umgang mit Geschlecht.

    Ich kann allerdings in dem ziemlich parteiischen Kimmel keine gute Basis sehen, sich über Rollen Gedanken zu machen. Was ebenfalls etwas absurd wirkt, sind die Thesen von Butler, dass das Geschlecht ganz und gar konstruiert sei. In der ZEIT hat sich jüngst ein Didaktiker zur Biologie geäußert: Diese sei zu dem Zweck konstruiert worden, die Zweigeschlechtlichkeit als Wirklichkeit zu installieren.

    Derart weitreichende und auch apodiktische Aussagen sind letztlich die Ursache für das Auftreten von Schildmann und Meßmer. Butler und Co. sind das Fundament des Glaubens, absolut im Recht zu sein und genau deshalb kanzeln diese beiden Damen alle Gegenmeinungen als Verirrungen und irrational ab. Das ist aber keine Ausnahme, sondern begegnet dem Kritiker in breiter Front. Feministinnen und Gender-Studies-Vertreter sehen sich häufig als Inhaber einer unumstößlichen Wahrheit und werten Kritik darum schnell als irrelevant oder pathologisch ab.

    Das kann als breitere Erscheinung doch nur auf Fehlern in der Theorie beruhen. Es ist nicht Attitüde, sondern ein Produkt der genderistischen Weltsicht, die Welt so derart rabiat in gut und böse einzuteilen, ohne dabei Selbstzweifel zu haben. Daher muss sich die Kritik eigentlich an diesen Grundannahmen abarbeiten, die diesen Mangel an Zweifel systematisch hervorbringt.

    Das heißt ganz und gar nicht, dass man zu einem stupiden Biologismus zurückkehren muss. Auch bedeutet das nicht, dass man traditionelle Geschlechterrollen befürwortet.

    Eigentlich bedeutet das nur, die Begründungspflicht auch für Gender Studies wieder stärker einzufordern. Wie jede Wissenschaft werden auch Gender Studies nicht alles begründen und sich darum dann und wann bescheiden müssen. Aber das würde dann auch zu einem zivilisierteren Umgang in der Debatte führen. Sie erinnern sich sicher an den Foristen „Demon Driver“, der behauptete, manche Dinge müsse man nicht begründen. Das ist offenbar eine Denkfigur, die in den Gender Studies auch wirkt. Wie sonst kann man sich eine derartige Argument-Verweigerung vieler Gender-Vertreterinnen erklären? Sie haben gegenüber Demon Driver für die Begründungspflicht optiert. Das wäre nun auch Basis einer Genderdebatte, die nicht zwingend in konservative Stereotypen abrutschen muss.

    Antwort

  22. Ach Leszek,

    mit Unterstellungen und Unterstellungsassoziationen erweist du uns allen einen Bärendienst.

    Was ich beschrieben habe stimmt. Leider. Und ich weiß, dass kratzt an deinem liebgewonnenen ideologischem Bild.

    Ich lehne ideologisches Denken ab. Es führt in die Situation, die Popper beschreibt. Und du machst genau den Fehler, den ich ankreide.

    Dogmatische Links-Rechts-Schemata wie auch Ideologie ermüden und tun uns allen nicht gut.

    Sie sind das Problem.

    Antwort

  23. @petpanther: Ich halte gerade den Wiener Kreis, den Positivismus in seinen Stroemungen, Popper, und all dieses ganze Geschwaetz fuer eine zentrale (geistige) Quelle von PC, Relativismus etc. Zentral fuer all diese Bewegungen ist die Feindschaft zum Wahrheitsbegriff, und der radikale Relativismus („Sprachspiel“).

    Das von Dir gegebene Zitat ist auch eine schoene Grundlage fuer die „humanitaren“ militaerischen Einsaetze weltweit. Dieser millionenfache Massenmord ist praezise jene „Unduldsamkeit“ gegenueber den Feinden unserer „natuerlichen“ Ordnung.

    @Schoppe: „wie unverzichtbar ein gemeinsamer, vertrauenswürdiger Rahmen von Demokratie und Rechtsstaat ist.“ — unverzichtbar fuer den „Weltpolizisten“ und seine Vasallen; auf der einen Seite „Demokratie und Rechtsstaat“, auf der anderen Seite die Unmenschen, mit denen beliebig verfahren werden kann.

    Eines der charakterischen Zeichen unserer Zeit ist, dass es keine Kriege mehr gibt — nur noch „Antiterror“ etc. Im Krieg (nicht-Ausloeschungs-Krieg) hat man Feinde, denen man im Prinzip eine Existenzberichtigung zuspricht, heutzutage gibt es aber keine Alternativen mehr, und das Ungeziefer muss ausgeloscht werden.

    Nicht „Zivilitaet“ ist das was wir brauchen, sondern „Krieg“, „Feindschaft“; „ehrenwerte Feinde“. Die Anerkennung, dass es Antagonismen gibt, die niemals durch irgendeine „Zivilitaet“ ueberwunden werden koennen, sondern nur durch Kampf. Kampf, Krieg, Feinde muss wieder gedacht werden, im guten alten maennlichen Sinne. Man kann vielleicht heutzutage das Auswuchern der „weiblichen Logik“ sehen, die keine Ziele, Feinde, Siege und Verluste, kein Scheitern kennt, sondern nur eine unausgesprochene, unaussprechbare Totalitaet („Zivilitaet“ ersccheint hier nur als eine der vielen ideologischen Schichten), die behuetete westliche Wertegemeinschaft unter'm Schirm des Massenmoerders USA.

    Dieses (absolute) Unvermoegen, Feindschaft zu denken, sehe ich auch in Leszeks Beitrag, insbesondere in der Unterstellung des letzten Absaztes — es gibt offensichtlicht nicht „die Maennerrechtsbewegung“, und Leszeks Beitrag kann genausogut als „Versuch die Bewegung in Verruf zu bringen“ betrachtet werden. Es gibt Feindschaften, und diese sollten auch benannt werden — und ausgetragen, offen.

    Ueberhaupt scheint mir das Hauptproblem des „linken Maskulismus“ genau darin zu bestehen, dass die „weibliche Logik“, die Welt ohne Antagonismen, die Basisideologie darstellt. Geradezu konstitutiv sind die „rechten Maennerrechte“ fuer die „linken Maennerrechtler“. Und die „rechten Maennerrechtler“ sind vielleicht genauso „links“ wie die linken, in ihrer Vorstellung vom Virus (z.B. der „Kulturmarxismus“), der den gesunden Volkskoerper befallen hat, und den man medizinisch bekaempfen muss. Auch da gibt es keine wirklichen Feinde, sondern nur Idioten etc.

    Schlussbemerkung: Interessant die heutige Umkehrung von „Krankheit“. Schwulentum, Lesbentum ist eine gesellschaftliche Krankheit (als zweite Natur — exzessive Einuebungen in Rituale, die nun als natuerlich erscheinen). Krasser noch Erbkrankheiten, die von entsprechenden pressure groups auch als „bloss anders“ glorifiziert werden (ganz im Sinne des Marktgeschehens — solche Gruppen muessen Krankheiten erzeugen, um ihr Bestehen zu sichern). Auf der anderen Seite permanente Pathologisierung, jeder der hervorsteht, wird zurechtgestutzt. Meines Erachtens sind dies offensichtlich zwei Seiten der gleichen Medaille. Was ist das Muenzwerk? Ein Apparat darin ist die Vertierung des Menschen — mehr „Rechte“ fuer Tiere, was nichts anderes bedeutet als das der Mensch nur noch als Tier betrachtet wird — und deshalb ist u.a. Folter (gegen die „Feinde unserer Ordnung“) hoffaehig geworden.

    Antwort

  24. @ Oliver K

    „Ich halte gerade den Wiener Kreis, den Positivismus in seinen Stroemungen, Popper, und all dieses ganze Geschwaetz fuer eine zentrale (geistige) Quelle von PC, Relativismus etc. Zentral fuer all diese Bewegungen ist die Feindschaft zum Wahrheitsbegriff, und der radikale Relativismus („Sprachspiel“).“

    Sollte das so sein, bin ich sicherlich kein Anhänger davon.

    Es ist ja gerade das, was auch du hier beschreibst bzw. andeutest, was auch mich mehr als stört.

    Insbesondere eben auch „Zentral fuer all diese Bewegungen ist die Feindschaft zum Wahrheitsbegriff, und der radikale Relativismus („Sprachspiel“).“

    Das sehe ich auch so und ist auch m.E. so ganz richtig erfasst bzw. beschrieben.

    Antwort

  25. @Oliver K.

    Interessanter Kommentar

    „Eines der charakterischen Zeichen unserer Zeit ist, dass es keine Kriege mehr gibt — nur noch „Antiterror“ etc. Im Krieg (nicht-Ausloeschungs-Krieg) hat man Feinde, denen man im Prinzip eine Existenzberichtigung zuspricht, heutzutage gibt es aber keine Alternativen mehr, und das Ungeziefer muss ausgeloscht werden.

    Nicht „Zivilitaet“ ist das was wir brauchen, sondern „Krieg“, „Feindschaft“; „ehrenwerte Feinde“. Die Anerkennung, dass es Antagonismen gibt, die niemals durch irgendeine „Zivilitaet“ ueberwunden werden koennen, sondern nur durch Kampf. „

    Dem stimme ich weitestgehend zu. Tatsächlich muss man mehr in Interessengegensätzen denken, die zu einem Konflikt führen, und man muss diesen Konflikt auch genauso zum Thema machen. Das ist schon lange mein Reden. Ich meine, dass man z.B. dem Feminismus gegenüber als Interessengruppe unter anderen auftreten muss und gleichzeitig auch den Feminismus erkennbar macht als Interessengruppe. Der Rest ist dann politischer Machtkampf bzw. Aushandlung.

    Ich würde das alles nicht gar so martialisch formulieren wie Du, aber ich glaube, es ist metaphorisch gemeint. Deine Kritik daran, dass allzusehr Schädlings- und Krankheitsbekämpfung betrieben wird, trifft wohl zu. Dabei berufen sich alle Gruppen auf universalistische Rechtfertigungen. Wenn Linke Nazis bekämpfen, bekämpfen sie keine Interessengruppe, sondern das absolut Böse. Umgekehrt bekämpfen Rechte in den „Kulturmarxisten“ das Böse bzw. die gesellschaftliche Krankheit. In beiden Richtungen fehlt die Anerkennung, dass die politischen Gegner Interessen verfolgen und beide Gegner bemühen sich darum, dass ihr Weltbild das allein Richtige ist, während die Denkweise der Gegner eine pathologische Abweichung darstellt. Genau darin liegt ein wesentlicher Fehler, der letztlich auch jede Debatte erschwert. Nicht, dass ich glaube, dass Debatten erfolgreich wären, aber diese können ja ein Teil politischer Kämpfe und Mehrheitsbildungen sein.

    Antwort

  26. @ petpanther, Leszek Als ich das Blog „Alles Evolution“ kennenlernte, gab es verschiedene Aspekte, die mir sehr gut gefielen. Einer davon war, dass dort aus ganz unterschiedlichen politischen Richtungen diskutiert werden konnte und trotzdem oft so etwas wie ein gemeinsames Gespräch zu Stande kam. Nach keinem Eindruck ist das in den letzten Monaten schwieriger geworden, und die Debatten um den „Kulturmarxismus“ haben dazu sicher sehr beigetragen.

    Dabei kann ich einige Aspekte davon nachvollziehen. Dass sich „linke“ Politik heute wesentlich mehr auf Top-Down- als auf Bottom-Up-Strategien konzentriert, also Vorstellungen von institutionellen Machtpositionen aus durchsetzt, anstatt möglichst viele davon zu überzeugen – dafür gibt es eine Reihe Beispiele. Die Agenda-Politik von Schröder gehört allerdings auch dazu, und die war ja nun gewiss keine linke Politik.

    Mehr noch: Dass Linke in den Parteien kaum noch ökonomische Analysen leisten, sondern sich wesentlich stärker auf Themen von Kultur und Lebensart beziehen, sehe ich auch so. An Debatten über den Familienbegriff lässt sich das zeigen, aber auch daran, dass Diskussionen um Gendersternchen und Unisextoiletten wesentlich mehr Leute beschäftigen als, z.B., ein Begriff wie der der Entfremdung.

    Aber das ist auch schon der Punkt, an dem ich der Rede vom „Kulturmarxismus“ nicht mehr folgen kann. Ich kann nicht erkennen, wo das, was damit beschrieben wird, irgend etwas Spezifisches mit Marxismus zu tun hat. Auch nicht mit der Marxismus-Interpretation der Frankfurter Schule.

    Und was, @petpanther, soll Leszek denn machen? Ich hab schon mindestens zehn Äußerungen von ihm gelesen, in denen er versichert hat, dass in linken Kontexten niemand so argumentiert, wie die Rede vom Kulturmarxismus das unterstellt. Stell Dir das mal umgekehrt vor, wenn es z.B. um die kath. Kirche ginge (ein beliebiges Beispiel, könnte auch eine andere eher konservative Institution sein).

    A: Ich hab gehört, die Kirche will Lager für ihre Gegner bauen.
    B (Katholik): Das ist doch absoluter Quatsch. Ich kenn mich nun wirklich in der Kirche aus, da hat niemand sowas vor.
    A: Da sieht man mal, was für eine gefährliche Verschwörung das ist: NICHTS gelangt davon nach außen.

    Wie soll B darauf noch reagieren, außer eben dadurch, dass er A immer wieder klarstellt, wie sehr er mit seiner Einschätzung danebenliegt?

    Nach meinem Eindruck ist der Begriff „Kulturmarxismus“ lediglich geeignet, Fronten zu verhärten und von sachlichen Fragen abzulenken. Und ich finde diesen Begriff hochideologisch.

    Ein Punkt geht mir dabei allerdings immer wieder durch den Kopf. „Mann“ finde ich, ebenso wie „Frau“, keine besonders hilfreiche soziale Kategorie, weil es einfach zu viel unterschiedliche Situationen einschließt. Wenn es überhaupt einen Sinn ergeben soll, männerrechtliches – oder besser noch: allgemein antisexistisches – Engagement zu stärken, dann ist das m.E. nur möglich, wenn man dabei Akteure ansonsten ganz unterschiedlicher politischer Überzeugungen einbindet.

    Sicher, das ist naheliegend, müsste man dafür auch ab und zu überlegen, wo man eigentlich gemeinsame Überzeugungen hat. Was aber besonders fehlt, sind m.E. konkrete, begrenzte Ziele, für die man dann eben ab und zu auch sonstige politische Unterschiede hintenanstellen kann.

    Ein Kollege von mir, der für die (damalige) PDS im Kreistag saß, brachte oft den Spruch „Es gibt keine sozialistischen Straßenlaternen.“ Also: Wenn man konkrete Probleme lösen muss, dann werden ansonsten liebgewonnene Unterschiede und Feindschaften zweitrangig, zumindest zeitweilig.

    An solchen konkreten Zielen fehlt es Internet-Männerrechtlern in Deutschland noch – und die Endlosschleifen der Kulturmarxismus-Diskussion sind m.E. eine Folge davon.

    Antwort

  27. „Nach keinem Eindruck ist das in den letzten Monaten schwieriger geworden“ –> „Nach meinem Eindruck…“. Ähem. (Mein Kommentar um 23:49)

    Antwort

  28. @ Oliver, LoMi Ich würde den Begriff „Zivilität“ nicht nur gegen „Krieg“ abgrenzen, sondern auch gegen Ansätze, die stark auf moralische und moralisierende Begründungen von Politik setzen. Zivilität heißt, dass man verschiedene Interessen haben kann, auch gegenläufige, dass diese Interessen geäußert und verfolgt werden können – ohne dass es aber mörderisch wird.

    Mir ist klar, dass es sich sehr nach Sonntagsrede anhört, von der Bedeutung eines gemeinsamen demokratischen Rahmens zu reden. Den finde ich aber eben gerade wichtig, WEIL er verschiedene Interessen erlaubt. Das ist beim Krieg anders, ebenso beim Moralisieren – dort sind die Interessen der anderen prinzipiell eine Bedrohung, und sie sind prinzipiell illegitim.

    Feministische Positionen finde ich in diesem Sinne übrigens meist intensiv moralisierend, aber sehr wenig zivil.

    (Das nur kurz – ich hatte heut einen langen Tag, und mir fallen die Augen zu…)

    Antwort

  29. Die Textpassagen mit den – inzwischen ermüdenden – Streitereien, ob nun „Kulturmarxismus“ vorliegt oder nicht, überspringe ich inzwischen. Ich halte das für wenig ergiebig und auf Dauer langweilig, Ich kann allerdings Leszek verstehen, dass er immer dagegenhalten muss. Fakt ist, dass gerade Parteien und Institutionen, die sich für fortschrittlich und links halten, den (Radikal-) Feminismus besonders massiv und zum Teil rücksichtslos und inhuman vertreten. Allerdings sind Grüne, SPD, evangelische Kirche, Zeitungen und öffentlich-rechtliche Sender – um mal die wichtigsten und einflussreichsten zu nennen – gerade nicht marxistisch. [KlausT]

    Antwort

  30. Ich möchte nur erwähnen, dass der Skandal des Artikels in der „Zeit“ durch die für Laien weitgehende unverständliche Diskussion untergeht. Ich habe als „alter“ Sozialdemokrat an Kurt Beck als den Präsidenten der Friedrich Ebert Stiftung geschrieben und mich sowohl über die Veröffentlichung der Schrift von Robert Claus durch die fes, als auch ergänzend über den Artikel in der „Zeit“ von der Fes-Referentin Christina Schildmann beschwert. Meiner Meinung wird die fes in ein schlechtes Licht gerückt. Es kann nicht sein,dass die fes Nazi-Methoden übernimmt. Die Nazi-Medien haben jüdische Mitbürger mit Ungeziefer und Ratten verglichen. Christina Schildmann empfindet nichts dabei, Männer-und Väterrechtler mit Schweinen und Affen zu vergleichen. Ein Skandal, nicht nur für die „Zeit“, sondern auch für eine sozialdemokratische Einrichtung. Ich bin gespannt, wie sich beide Institutionen verhalten werden.

    Antwort

  31. Ich kann mir noch immer nicht vorstellen, dass feministische Politik tatsächlich eine so grundlegende, umfassende Macht hat. Ich glaube, sie ist eher EINE Wirkung der von Dir skizzierten Entwicklung als die Ursache.

    @ L. Schoppe
    Wer ist den verantwortlich für den grundlegenden Wandel der politischen Linken? Was zeichnet denn diesen Wandel aus? Du sagst es doch selbst:

    Dass Linke in den Parteien kaum noch ökonomische Analysen leisten, sondern sich wesentlich stärker auf Themen von Kultur und Lebensart beziehen, sehe ich auch so.

    Der zentrale Begriff der sozialen Klasse wurde weitgehend verdrängt und durch Geschlecht, Gender und sexuelle Orientierung ersetzt. Es ist doch ideengeschichtlich klar, woher dieser Wandel kommt. Feminismus ist und war immer vorwiegend das Projekt bürgerlicher Frauen. Das traditionelle bürgerliche Geschlechterverhältnis wird in die Postmoderne transformiert und diese Transformation wird von den Männern auch der Linken unterstützt, weil es offensichtlich ihrem männlichen Selbstverständnis entspricht. Könnte schlicht daran liegen, dass die Männer der Linken in ihrer Mehrheit auch bürgerlich sozialisiert wurden und sich dem Wohl der Frauen verpflichtet fühlen und den ândauernden Apellen der feministischen Frauen Folge leisten. Dieses Muster ist in der zeitgenössischen Politik fast aller Parteien doch allgegenwärtig.

    Feminismus ist die Ursache der Verbürgerlichung der linken Parteien.

    Antwort

  32. Dem stimme ich rundum zu.
    Michel

    Antwort

  33. „die für Laien weitgehende unverständliche Diskussion“

    Gibt es tatsächlich noch Laien auf diesem Gebiet, nachdem das Thema seit Jahrzehnten prominent in der öffentlichen Diskussion plaziert ist? Interessante Frage.

    „… empfindet nichts dabei, Männer-und Väterrechtler mit Schweinen und Affen zu vergleichen.“

    Vorsicht! Das hat Schildmann nicht wörtlich gesagt, lediglich der Begriff „suhlen“ suggeriert so einen Kontext. Man kann das nicht auf eine Stufe mit der expliziten und massenhaften Hetze von Nazis stellen.

    Ansonsten leistet sich der Artikel genügend andere verbale Entgleisungen („Horden“, „suhlen“, „intellektuelle Berserker“, „er stürzt sich, laut brüllend, ins Getümmel“), die z.B. in einer Bundestagsdebatte einen Ordnungsruf nach sich ziehen sollten. Dieser Begriff ist sich auch Kurt Beck bekannt.

    Antwort

  34. @mitm

    Das mit dem „Suggestiven“ oder unterschwellig „Suggerieren“ scheint auch Programm zu sein.

    Eine clevere verdeckte Manipulationstaktik, die nun immer wieder und auch deutlicher auffällt. Vielleicht ein weiterer Punkt in deinem Dictionary.

    Das übrigens sehr gut geschrieben ist und etwas zur Aufklärung beitragen könnte.

    Es erscheint mir u.a. auch deswegen, obwohl schon seit langem in der öffentlichen Diskussion, dass es noch viel Unverständnis gibt.

    Antwort

  35. Saubere Arbeit und engagiert artikuliert sowie argumentiert. Ich habe den offenen Brief verlinkt: http://emannzer.wordpress.com/2014/09/17/vom-frust-ausgebrannter-frauen/ in meinem Beitrag, der die Geschlechter kurzerhand mal umgedreht hat in diesem unsäglichen Zeit-Artikel.

    Danke für euren Einsatz – und man darf gespannt sein, ob die Zeit antwortet. Falls gewünscht kann ich den Artikel noch mal rebloggen.

    Antwort

  36. @pp: „Manipulationstaktik .. Vielleicht ein weiterer Punkt in deinem Dictionary“

    Steht schon ansatzweise hier. Die Gefahr besteht bei solchen Themen, ein komplettes Buch über Rhetorik, Propagandamethoden usw. zu schreiben, das einen erschlägt. Dafür bin ich auch, um ehrlich zu sein, nicht professionell genug.
    Oft ist Training on the job besser, indem man aktuelle Einzelfälle bespricht, wie z.B. Schoppe das oft macht.

    „übrigens sehr gut geschrieben“ Danke für die Blumen 🙂

    Antwort

  37. „Ich möchte nur erwähnen, dass der Skandal des Artikels in der „Zeit“ durch die für Laien weitgehende unverständliche Diskussion untergeht.“ Ich halte das in diesem Zusammenhang für einen sehr wichtigen Punkt – und glaube auch, dass es (@ mitm) durchaus noch ein paar „Laien“ gibt.

    Sicher, von „Feminismus“ hat schon jeder was gehört, aber sehr viele werden darunter schlicht eine Bewegung für die Gleichberechtigung der Geschlechter verstehen. Oder, mehr noch, ihn einfach überhaupt nicht ernst nehmen. Scharfe Kritiker am Feminismus sind ihnen dann, so oder so, unverständlich.

    Vor allem werden vielen viele Aspekte, die für uns in unserer Filterbubble alltäglich sind, unbekannt sein. Z.B., dass es eine Männerbewegung gibt, die mit dem von Meßmer/Schildmann verbreiteten Bild überhaupt nichts zu tun hat.

    Wer aber nur dieses Bild, oder ähnliche Zerrbilder (von Claus, Gesterkamp und co.) kennt, wird für den extrem aggressiven, feindseligen Duktus der beiden Sozialdemokratinnen vermutlich Verständnis aufbringen. Ihm stellt es sich ja so dar, dass sie sich tagtäglich mit einem extrem rohen, gewaltbereiten männlichen Pöbel herumschlagen müssen. In dieser Hinsicht spielen die beiden emanzipierten Frauen das Damsel-in-Distress-Motiv gut aus.

    Daraus ergibt sich der etwas ernüchternde Schluss, dass das ehemalige Bildungsbürger-Blatt „Zeit“ hier ausgesprochen bedenkenlos auf die Uninformiertheit der eigenen Leserschaft setzt.

    Und wenn dann die Leser doch besser informiert sind, als man dachte, kann man ja immer noch den Kommentarbereich sperren…

    Antwort

  38. @Peter Teil 1
    Das würde ich entschieden verneinen.
    Die Übernahme des Feminismus – in seinen sich teilweise widersprechenden Versatzstücken – ist nicht die Ursache, sondern eine Begleiterscheinung der Verbürgerlichung linker Parteien.

    Dieser Feminismus bot sich einfach an, als „Surrogatextrakt“ für die beerdigte Theorie der Klassenherrschaft im Kapitalismus nützlich zu sein, nachdem der real existierende Sozialismus gescheitert war.
    Er war einfach schon da und institutionell in diesem Parteien verankert.

    Wäre der radikale Feminismus in den linken 70ern aber nicht gezwungen worden, wenigstens partiell einen Pseudo-Marxismus für die eigene Theorie zu plagiieren (Frau=Proletariat, Mann= Bourgeoisie, basierend auf linkem common sense), dann hätte sich gar kein (linker) Nimbus der Fortschrittlichkeit des Feminismus einstellen können.

    Und auch dieser Pseudo-Marxismus ist nicht einmal wirklich die „Schuld“ dieser Spielart des Feminismus, sondern der „Marxismus-Leninismus“ – als orthodoxe Doktrin mit dem Ziel real-sozialistischer Herrschaftsabsicherung (die „führende Rolle der Partei“) – war nur noch ein vulgäres Abziehbild seiner selbst.

    Es handelte sich also schon damals – vom Ansatz her – um die schlechte Kopie einer schlechten Kopie. Ein Resultat dieser schlechten Kopie ist zum Beispiel gewesen, dass den Linken erst durch die „Grünen“ klar gemacht werden musste, die durch den Kapitalismus Unterdrückten produzieren den Kapitalismus gleichwohl – nolens volens – mit. Und Sozialdemokraten, die gerne den Produktivitätsfortschritt mit dem Kapital teilen wollten reagierten zwangsläufig allergisch auf „Die Grenzen des Wachstums“.

    Spätestens mit Butler – die pünktlich zum Untergang dieses „real existierenden Sozialismus“ ihr Werk ablieferte – „brauchte“ jedoch kein Mensch mehr diesen Pseudo-marxistischen Jargon. An dieser Stelle der Geschichte schon ist der Begriff „kulturmarxistisch“ einfach nur eine konservative Farce. Judith Butler beschäftigt sich mit keinem einzigen marxschen Werk, sondern ist schon da knietief im Poststrukturalismus. Sie brachte aber m.E. die entscheidende, quasi sozialpädagogisch-praxologische Wende: wenn Geschlechter nur sozial konstruiert sind, dann können *wir* etwas ändern.
    Und zwar „im Hier und Jetzt“! (harhar)
    Also wenigstens die Geschlechter(rollen) und -normen „dekonstruieren“.
    Unterschätze nie die Praxis und auch nicht den theoretischen Legitimationsbedarf, den *gesellschaftlich subventionierte* Praxis hat.

    Ende Teil 1

    Antwort

  39. Start Teil 2

    Mit dem Kollateralschaden, dass durch die Betonung, dieses oder jenes sei gesellschaftlich „männlich oder weiblich konnotiert“ genau dadurch jene „Konnotierung“ wieder wirkmächtig wurde, von der man in den achtzigern Jahren hoffte, man hätte sie hinter sich gelassen.
    Das ist genau das, was in dem Buch „Tussokratie“ beklagt worden ist, ohne Namen, also Verursacherinnen zu nennen.
    Es gab einen kurzen Augenblick der Freiheit, in dem alles möglich schien und dann wieder den Käfig von Geschlechterrollen – der selbstverständlich nur bemüht worden musste, um die dann dort befindlichen aus diesen zu befreien. You got to get in to get out… Und jetzt gib mir Geld für eine Gender-Professur. 😉

    Das dahinter stehende, materielle, Eigeninteresse der zweieinhalbten und dritten Welle des Feminismus sollte benannt werden: im Zuge des Einsetzens des politischen Neoliberalismus ab dem Ende der siebziger und in D ab dem Beginn der achtziger Jahre hinterließ bei akademisch gebildeten Frauen einen Schock.
    Denn der traditionelle Ort für das Erwerbsleben von Frauen nach ihrem Studium war der vorwiegend öffentliche Dienst, der jedoch nach neoliberaler Doktrin zurückgefahren, wenn nicht ausgeblutet werden sollte.

    Und nun kann man sich an zwei Fingern einer Hand abzählen, warum eine unglaubliche feministische Propaganda einsetzte, dass Frauen per se das „sozialere Geschlecht“ darstellen.
    An dieser Stelle also: Scheiß auf „Konstruktion von Geschlecht“ – hier regiert das ursprüngliche, weibliche Chromosom!
    Weil Frauen panisch bewusst wurde, dass sie mit Männern um knapper werdende Stellen im sozialen, reproduktiven Sektor – das ist das, was Althusser „Ideologische Staatsapparate“ nannte – konkurrieren.
    Ich würde schätzen, 50% der feministischen Theoriebildung dieser Zeit dienten dem bewussten oder unbewussten Ziel, die männliche Konkurrenz auszuschalten.
    Pädophile, chronisch männliche Missbrauchstäter, die notorisch Frauen und Kinder verprügeln braucht kein Mensch als Besetzung im Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitswesen und es trifft sich trefflich, dass genau dort der Frauenanteil noch steigerungsfähig war.
    Weil genau das „zufällig“ dominant Frauen studierten und studieren.

    Genau diese soziale Stellung von Frauen, die diese dadurch in diesen Ideologischen Staatsapparaten und in den meinungsbildenden Institutionen inzwischen erreicht hatten, machten sie wiederum interessant und anfällig für *Arrangements* mit neoliberalen Ideologien.
    Dies ist die materialistische Erklärung, warum sich der Feminismus neoliberal gewendet hat, der auf Verschwörungstheorien verzichtet.

    Oder anders herum: Wer „Määääänner sind Schweine!“ laut genug mitsingt erhält ein ökonomisches Einsparpotential von 50%.
    Und kann es beliebig steigern – wer 90% männlicher Obdachlosigkeit so umwidmen kann, dass Frauen besonders davon betroffen sind erhält einen Preis für die beste PR.
    Und kann jederzeit rechtfertigen, warum 90 plus x Förderprogramme für Mädchen in MINT gerechtfertigt sind aber keine Leseförderung für Jungen.

    Und auch um diesen Vorgang geht es dem Kapital – als Herrschaftsverhältnis – nicht direkt. Sondern darum, dass wir freiwillig unsere KINDER in einen aberwitzigen *Wettbewerb* schicken, in dem ein KIND wegen seiner Geschlechtszugehörigkeit, welches es sich nicht ausgesucht hat, verliert und das andere KIND gewinnt.
    Es ist völlig egal wer gewinnt.
    Nur weil wir bereit sind dieses Spiel mitzuspielen sorgt dafür, dass wir ALLE verlieren.
    Es gibt kein magisches „Außen“ im Kapitalismus und auch keine moralisch bessere Position.

    Das für heute – ein ziemlich langer Tag…

    Ganz liebe Grüße, crumar

    Antwort

  40. Hallo Crumar! Ich hatte auch einen langen Tag und komm jetzt erst zur Antwort…

    Wie wär's eigentlich, aus so einem Kommentar mal einen Artikel zu machen? Mal so nebenbei gefragt…Jedenfalls, bevor ich antworte: Könntest Du mir mal eine Mailadresse schicken? Das wäre sehr nett. Meine Mail findet sich ja im Profil.

    „Mit dem Kollateralschaden, dass durch die Betonung, dieses oder jenes sei gesellschaftlich „männlich oder weiblich konnotiert“ genau dadurch jene „Konnotierung“ wieder wirkmächtig wurde, von der man in den achtzigern Jahren hoffte, man hätte sie hinter sich gelassen.“ Man braucht wohl solche widersprüchlichen Strukturen, in denen immer das eine und zugleich das Gegenteil wahr ist, um die Phantasie einer umfassenden gleichförmigen Herrschaft aufrechterhalten zu können.

    Frauen sind unterdrückt, wenn sie nicht als Gleiche behandelt werden, und sie sind unterdrückt, wenn weibliche Besonderheiten nicht genügend beachtet werden – unterdrückt sind sie so oder so, immer und überall.

    Es sind natürlich nicht „die Frauen“, die so reden, dafür sind aber viele Männer dabei, die das genauso sehen. Ich finde Deine Analyse völlig überzeugend, nur dieser Punkt bleibt noch offen: Wenn es so stimmt, wie Du schreibst – warum ist der Feminismus dann für viele Männer so attraktiv? Ich versuche einmal probeweise eine Antwort.

    Ich hab neulich in dem Text eines recht bekannten Kieler Pädagogen die Formulierung gelesen, Gender-Fragen seien „omnirelevant“. Überall relevant – naja, dachte ich, wenn es um Menschen geht, dann ist Geschlechtszugehörigkeit immer mit dabei. Biologie allerdings auch, oder Chemie, und Modefragen, oder Haarschnitte – trotzdem käme niemand auf die Idee, das als „omirelevant“ zu bezeichnen. Gesetze der Physik sind überall wirksam – trotzdem lassen sich die allermeisten Fragen klären, ohne in ein Physikbuch schauen zu müssen. Was soll also diese gendertypische „Omnirelevanz“?

    Eigentlich ist Omnirelevanz ein göttliches Kennzeichen – was immer auch wichtig sein mag, DAS ist IMMER zugleich auch wichtig. Das ist, wenn es um politische Fragen geht, ziemlicher Quatsch – aber es erweckt den Eindruck, hier würde etwas über die tiefsten Strukturen der Gesellschaft ausgesagt. DER Hauptwiderspruch wird offengelegt, neben dem alle anderen Widersprüche eben – Nebenwidersprüche sind.

    Eigentlich ist das ein Denken wie aus einem James Bond- oder Star Wars-Film: Man muss nur die Zentrale des Feindes identifizieren und (metaphorisch, hoffentlich) in die Luft jagen – dann braucht man an den Rest keine Gedanken mehr zu verlieren.

    Ich kann sehr gut verstehen, dass die ersten Feministinnen der zweiten Welle keine Lust hatten, das alte 68er-Spiel vom Haupt- und Nebenwiderspruch weiter zu spielen. Weniger gut verstehe ich, dass sie es dann einfach umgedreht haben – plötzlich bestand der Hauptwiderspruch eben nicht mehr aus Kapital und Arbeit, sondern aus Mann und Frau.

    Und wir hatten den Salat, dass der Hauptwiderspruch der Gesellschaft – wie z.B. Schwarzer ganz explizit forderte – im tagtäglichen Beziehungskleinklein ausgetragen werden musste. (Fortsetzung folgt)

    Antwort

  41. (Fortsetzung) Das aber kann ja eben auch für Männer praktisch sein. Wenn z.B. Olaf Scholz vor ein paar Jahren männliches Wirtschaften für die Wirtschaftskrise verantwortlich machte, dann konnte er sich damit ganz kritisch und gar revolutionär geben und ersparte sich zugleich unangenehme konkrete Nachfragen zur Wirtschaftspolitik der SPD.

    Die beständige gleichförmige, aber mit großer Geste vorgenommene ENTLARVUNG von Herrschaftsstrukturen erspart eben die unangenehme Analyse komplexer Herrschaftsstrukturen, die sämtlichen Beteiligten völlig unübersichtlich erscheinen. Und sie erspart es, Privilegien in Frage zu stellen.

    Einfach formuliert: Was als Geschlechterkampf oder als Engagement gegen männliche Hegemonie inszeniert wird, ist eigentlich kein Konflikt zwischen Männern und Frauen, sondern einer zwischen (relativ) Privilegierten und (manchmal absolut) Unterprivilegierten. Es gibt z.B. Männer, die mit der mütterfixierten Familienpolitik der letzten Jahrzehnte prima leben können, und es gibt Frauen, die darunter erheblich leiden.

    Und ich bin mir (auch @ Peter) sicher: Wenn wir den Feminismus als Hauptquelle allen Übels identifizieren, dann versuchen wir nur, das alte Spiel mit Haupt- und Nebenwidersprüchen in eine neue Runde zu retten. Oder, anders gesagt: Wenn die leidigen Geschlechterdebatten mal ein zufriedenstellendes Ende nehmen könnten, dann wäre damit noch nichts gelöst. Wir hätten allerdings möglicherweise den Blick freier für Probleme, die Frauen und Männer (nicht alle) gemeinsam haben und mit denen die Auseinandersetzung deutlich lohnender sein könnte.

    Ganz liebe Grüße auch zurück!

    Antwort

  42. @Oliver K und Lomi
    >Nicht „Zivilitaet“ ist das was wir brauchen, sondern „Krieg“, „Feindschaft“; „ehrenwerte Feinde“

    Das halte ich für eine falsche Alternative. Wenn Konflikte nicht im Eskalationsstil nach dem Vorbild der Blutrache ausgetragen werden sollen, sondern zu einem Ergebnis gelangen sollen, dann brauchen wir auch für den Umgang mit Konflikten einen Konsensbereich, der festlegt, was dabei legitimes Handeln ist und was abzulehnen ist.

    Und genau diesen notwendigen Konsensbereich, der die Grundlage auch der Konfliktaustragung ist, bezeichnet m.E. Schoppes Rede von Zivilität. Zivilität ist dann nicht Synonym für Konfliktscheue, sondern spiegelt das realistische Wissen darum, dass Konfliktaustragungen auch ausgesprochen destruktiv verlaufen können – mit massenhaft Kollateralschäden.

    Diesen Konsensbereich einzuklagen, bsw. indem man halbwegs logisch zusammenhängende Sätze von Feminismusbefürwortern fodert, zeigt sowohl Konfliktfähigkeit als auch die Orientierung an sachlicher Zivilität. Zu der gehört neben vielen anderem auch die Begründungspflicht bei bsw. diffamierenden Äußerungen. Uns fehlt eher das Ritual der Ächtung für den Fall, dass gegen derartige Regeln verstoßen wird.

    Antwort

  43. @Lucas

    Bevor ich versuche, auf deinen wirklich anregenden Beitrag einzugehen, ein allerletztes Wort zum Thema „Kulturmarxismus“, weil es mich nervt und weil dies wiederum die Voraussetzung ist, um tiefer in das Thema einzusteigen. Meine jetzigen Anmerkungen dazu in Klammern:

    Auf „Alles Evolution“ schrieb ich auf einen Beitrag von Roslin antwortend:

    „Dieser Satz von dir (Roslin) hat wirklich “meinen Tag gemacht”:

    “Sind für mich deshalb ja auch “Kulturmarxisten”, eine Radikalisierung des klassischen Marxismus: Marxisitsche Denkstrukturen, losgelöst von ihrer materialistischen Gundlage, angewandt auf eine Kritik des Überbaues.”

    Ich entgegnete:

    „Dazu drei Punkte:

    1. Warum heißt es wohl “materialistische Dialektik” und “historischer Materialismus”? (das sind anerkanntermaßen Bestandteile marxistischer Philosophie – ersteres nimmt für sich in Anspruch, idealistisch formulierte Bewegungsgesetze Hegels materialistisch gewendet und letzteres, diese auf die Geschichte der Menschheit angewendet zu haben. Was bedeutet, eine philosophisch materialistische Haltung ist das sine qua non des Marxismus).

    Demzufolge führte ich weiter aus:

    „Ein Marxismus, der sich in der “Grundfrage der Philosophie”, von seiner materialistischen Fundierung entschieden und radikal loslöst, hat aufgehört marxistisch zu sein.
    (Falls er es jemals gewesen ist)

    Engels: “Die große Grundfrage aller, speziell neueren Philosophie ist die nach dem Verhältnis von Denken und Sein …, des Geistes zur Natur … Die Frage: Was ist das Ursprüngliche, der Geist oder die Natur? … Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalteten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geiste gegenüber der Natur behaupteten, also in letzter Instanz eine Weltschöpfung irgendeiner Art annahmen … bildeten das Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das Ursprüngliche ansehen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus.” Friedrich Engels, “Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie”

    An dieser Frage scheiden sich die Geister und der Marxismus hat klare Position bezogen – eindeutiger (s.o.) geht es nicht mehr.“

    Was bedeutet, jede Haltung, die suggeriert, „gender“ würde dem Individuum nominalistisch qua Geburt bloß aufgezwungen und wäre demnach *nicht* in irgendeiner Form auch Resultat des biologischen Geschlechts ist für *diesen*, oben skizzierten, Marxismus eine Lachnummer.
    Die materielle Grundlage des Denkens ist unser Gehirn, die historische Entwicklung des Gehirns ist die Grundlage unseres Denkens, welches wiederum geschult worden ist durch individuelle und kollektive Handlungen und Handlungszwänge beider Geschlechter in der Geschichte. In der tätigen Auseinandersetzung mit der uns umgebenden Natur. Die mich/uns wiederum zwang, in einer bestimmten Form planend tätig zu werden.
    Und das wiederum wurde organisiert und umgesetzt in einer geschlechtsspezifischen Form, die der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung folgte.

    Es ergibt sich Punkt 2 demnach zwingend:

    Antwort

  44. „2. Es gibt demzufolge auch keinen “idealistischen Marxismus” – das ist ein Widerspruch in sich. Wer sich vom “klassischen” Marxismus mit seiner materialistischen Fundierung lossagt, kann sich meinetwegen so “radikal” gerieren wie er oder sie will – er oder sie hat damit jedoch aufgehört marxistisch zu denken.

    Ergo kann es sich bei den “Denkstrukturen”, die sich von ihrer “materialistischen Grundlage losgelöst” haben nur um beliebige Denkstrukturen handeln, jedoch um keine marxistischen.

    Das ist simple Logik.“

    (Und an dieser Stelle möchte ich betonen, ich habe nichts gegen einen politischen Streit oder gegen Kritik.
    Ich bin aber der Meinung, ich habe ein einer solchen, kritischen Diskussion das RECHT, dass meine Position unverfälscht in dem von mir gemeinten Sinn wiedergegeben wird.
    Und nicht als verzerrte Lachnummer, in der ich das von mir gesagte und gemeinte nicht mehr entdecken kann.)

    Ich fuhr fort:

    „Was die Bande mieser PLAGIATOREN marxistischen Denkens hingegen aufführt, ist schlicht Theater für die Politarena.
    Mummenschanz.
    Ein paar “linke” Plagiatoren (und die haben wirklich mies plagiiert) haben sich ein progressives Mäntelchen umgehängt und verwenden marxistische Termini (siehe “hegemoniale Männlichkeit” oder “patriarchale Dividende”) komplett außerhalb oder entgegen des Kontextes, in dem sie Sinn machen.

    Das konnte nur in dem US-poststrukturalistischen Sumpf Blüten schlagen, in dem die Arbeit an der Kategorie sich quasi von selbst verbot.
    Der große Kult der Unbestimmtheit (und des Gottsuchertums, soviel Polemik muss sein).

    Deshalb haben die so sozialisierten Plagiatoren den (philosophischen) Unterschied zwischen “an sich” und “für sich” schon nicht verstanden und die Wissenschaft DES Gesamtzusammenhangs ist für sie das Selbe wie die VOM.
    Es ist im Marxismus jedoch das komplette Gegenteil, aber das wird bspw. Donna Haraway nie begreifen.“

    (Und das ist der Punkt, um den es „Gender-Wissenschaft“ geht – indem nämlich „omnirelevant“ das „Geschlecht = sex/gender“ die Metaphysik der Wissenschaften beerbt, der der Marxismus eine klare Absage erteilt hat. Das ist nämlich die Differenz zwischen VOM und DES)

    Ich schloss:

    „Ich kann dennoch nicht verhindern, dass dieser Mimikri-Marxismus für den echten gehalten wird – oder eben (konservative Propaganda) gehalten werden soll.“

    Und das ist der Knackpunkt: es haben zu viel Organisationen und Individuen eine Nähe oder Verwandtschaft zu marxistischer Philosophie oder Theorie bloß behauptet und ich oder wir bade(n) diesen Scheiß jetzt aus. Es ist nervig aber notwendig, sich immer wieder abgrenzen zu müssen.

    Schönen Gruß, crumar

    Antwort

  45. Insofern stellt sich die Frage, WARUM die Linke sich dermaßen vereinnahmen und korrumpieren lässt. Keine Richtigstellung, kein Kurswechsel bzgl. Knackpunkt Kultur (des behaupteten) Marxismus – nirgends. Ellenlange Abgrenzungen a la Leszek sind wenig überzeugend, wenn besagte Organisationen jenen Scheiß unausgesetzt und ohne spürbaren Widerstand aus den eigenen Reihen verzapfen dürfen.

    Antwort

  46. @Revolte

    Du stellst da eine komplexe Frage…

    Ich kann hier nur darlegen, was m.E. Essentials marxistischer Theorie sind (philosophischer Materialismus) und aufzeigen, dass diese Essentials keine Verhandlungsmasse sein können.
    Natürlich gibt aber es nicht „den“ politischen Marxismus und ich bin nicht sein Vertreter, sondern es gibt „Marxismen“. 😉
    Nur in philosophischen Grundfragen sollte nach meiner Meinung Konsens bestehen und wer partout der Meinung ist, es existiere gar keine vom Menschen unabhängige materielle Realität, möge sich bitte M*ist nennen oder X*_ist, aber nicht Marxist.

    Es besteht zwar in linken Organisationen ein Bedürfnis, sich politisch mit Bezug auf Marx zu legitimieren. Nach meiner Erfahrung wird dann aber nicht Marx gelesen, sondern es wird eine politische „Lesart“ dargeboten. Und nach meiner Erfahrung hat diese „Lesart“ dann mit dem Text nicht mehr viel, mit den politischen Ambitionen der „Lesartenden und -innen“ aber jede Menge zu tun.

    Gruß, crumar

    Antwort

  47. Die Linke und der Feminismus:

    Es gibt zumindest Anschlussfähigkeit und daher auch gewisse Plausibilitäten, warum der Feminismus eher in die Linke eingewandert ist.

    1. Die Linke ist eine Emanzipationsbewegung, der es um die Befreiung von Herrschaft und Fremdbestimmung ging. Schoppe hatte es schon mal auf den Punkt gebracht: Linkssein hieß auch, sich das Recht auf Anderssein zu nehmen und zu erkämpfen. Es ging gerade nicht um Gleichmacherei, sondern um die Befreiung aus uniformen Verhältnissen, die Befreiung der Individualität. Feminismus ist ebenfalls eine Befreiungsbewegung und somit an der Oberfläche in gleicher Richtung tätig. Daher schien das wohl kompatibel zu sein. Beide Bewegungen einte der Wunsch der Befreiung des Individuums von gesellschaftlichen Zwängen.

    2. Der Feminismus ist – oberflächlich gesehen – zunächst eine antikonservative Bewegung, denn eine zentrale Kritik richtete sich gegen hergebrachte Familienstrukturen, die man als Herrschaft interpretierte (was sicherlich auch nicht ganz abwegig war). Plausibel war diese Kritik vor allem deshalb, weil Konservative dieses Lebensmodell von oben verordnen wollten und nur unfreiwillig dem Einzelnen hier Wahlfreiheit zubilligten. Konservative treten ja nicht einfach so mal in ihrer Freizeit für die Familie ein, sondern wenigstens in der Vergangenheit haben sie dieses Modell auch durchzusetzen versucht mit Hilfe von Herrschaft. Dabei spielte gewiss die Kirche eine wichtige Rolle, die andere Lebensmodelle dann als Sünde brandmarken konnte. Insofern war zunächst in konservativen Gruppierungen gar kein Platz für Feminismus. Die Einordnung nach links war deshalb sehr viel naheliegender.

    3. Es gibt eine gewisse methodische Parallele: Als Erbe des Marxismus betrieb die Linke gerne Ideologiekritik (natürlich sehr einseitig). Marxistisch gesehen galt das meiste, was „Bürgerliche“ äußerten, als (unbewusstes) ideologisches Denken, dass die tatsächlichen Macht- und Besitzverhältnisse verschleiern würde. So wurde alles kritisiert und als Ideologie dekonstruiert: Bürgerliche Philosophie und Soziologie, bürgerliche Literatur, bürgerliche Wissenschaft. All das galt als ideologisch und makelbehaftet, weil der Verblendung dienend. Da der Feminismus irgendwann ebenfalls Dekonstruktion und Ideologiekritik betrieb, schien es hier eine große Gemeinsamkeit zu geben. Möglich, dass Linke glaubten, im Grunde das gleiche Projekt wie Feministinnen zu verfolgen.

    Das ist nur ein Abriss möglicher Gründe.

    Antwort

  48. @Lomi

    Mein Problem mit der Beantwortung der Frage war auch eher, warum die Linke sich *aktuell*, also noch immer, von einem – komplett gewandelten – Feminismus politische Ziele (und Methoden) als zentral diktieren lässt.

    Dass deine 3 Punkte für die 70er-90er gegolten haben, würde ich jederzeit unterschreiben.

    Dass der Feminismus aber wenigstens marxistisch „inspiriert“ war, ist jedoch m.E. ebenso 20 Jahre her, wie auch von seiner Seite – z.B. im Sinne einer kritischen Theorie – Ideologiekritik an der bürgerlichen Gesellschaft geübt worden ist.
    Gender-Studies und aktuelle feministische Theorie sind eng verbunden mit poststrukturalistischer Theorie und die präferiert nun nicht gerade eine kritische oder marxistische Theorie der Gesellschaft.
    Und politisch gesehen ist die Gleichsetzung von CDU oder konservativ=antifeministisch so auch nicht mehr haltbar – siehe Merkel und von der Leyen.
    Der Einfluss der Kirche(n) auf Gläubige und Staat ist zurückgegangen, etc. pp.

    D.h. die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse haben sich ebenso geändert wie der Feminismus – der vom Nimbus einer Befreiungsbewegung bloß noch zehrt – selbst und die Stellung dieses Feminismus in den politischen Parteien der Linken ist dennoch unverändert.

    Das ist immerhin erstaunlich.

    Schönen Gruß, crumar

    P.S.: Die Einteilung in „Haupt- und Nebenwiderspruch“ ist nicht von Marx, sondern von Mao. Der damit den kompletten Blödsinn verzapft hat, eine Pseudo-Hierarchie von gesellschaftlichen Widersprüchen aufzubauen.

    Antwort

  49. Crumar,

    Du hast natürlich recht. Der Poststrukturalismus hat sich vom Marxismus entfernt und die CDU ist längst nicht mehr rein konservativ noch antifeministisch. Meine angeführten Gründe gehören eher in die Vergangenheit. Warum die aktuelle Linke sich immer noch dem Feminismus andient, kann ich so auch nicht beantworten. Womöglich liegt das daran, dass der Feminismus seit einigen Jahrzehnten in linken Parteien institutionalisiert ist und daher nicht zu umgehen ist. Insofern ist der Feminismus zu einem Gutteil eine Konzession an eine starke innerparteiliche Störmung, die über Quotenregelungen auch auf organisatorischer Ebene stark bleiben können.

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  50. Ich glaube, es war der Brief, der dazu führte, dass ein Kommentar auf der Zeit mit zwei links, einer davon auf einen meiner Beiträge eine Redaktionsempfehlung erhielt:
    http://www.zeit.de/kultur/2014-09/emma-watson-gleichberechtigung-kommentar?red_suggested=true#comments

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  51. Danke für den Hinweis! Es wäre schön, wenn sich der Brief, z.B. in dieser Form, ein wenig lohnen würde.

    Allerdings hab ich Deine Antwort auf Emma Watson gleich am Morgen gelesen, fand sie sehr gut und kann mir gut vorstellen, dass ein Hinweis darauf auch ganz unabhängig von unserem Brief eine Empfehlung bekommen hat. 🙂

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  52. […] zu werden, ist Wut – weil Wut sich nämlich nutzen lässt, um ihn als potenziell gefährlichen„angry (white) man“ zu präsentieren, der keine rationalen Argumente hat, sondern sich lediglich maßlos über den […]

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