Kinderbetreuung als Befreiung? Warum Kinder eine "moderne Familienpolitik" nicht stören sollen

„Wie viel Betreuung braucht ein Kind?“, fragte Christian Schmidt vor einigen Tagen. Bei mir hat die Antwort ein paar Tage gedauert, unter anderem übrigens deshalb, weil ich zwischendurch unser Kind betreut habe.
Ein Zweck der Frage ist wohl, eine realistische Einschätzung dessen zu bekommen, wie viel eigentlich von einer Mutter in welchem Kindesalter erwartet werden kann – ob und wann von ihr vor allem verlangt werden kann, neben der Kinderbetreuung einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
 
 „Wieviel Service braucht mein Wäschetrockner? Wieviel Auslauf braucht mein Dackel? Wieviel Betreuung braucht mein Kind?“,
ergänzt einer der Kommentatoren ironisch und interpretiert damit Christians Frage betont technisch – als ginge es eigentlich nur darum, mit wie viel Wartungsaufwand bei einem Kind gerechnet werden müsse und wie viel Zeit noch für anderes übrig bleibe.
In diesem Sinne wären die meisten Probleme gelöst, wenn es gelänge, selbstreinigende, pannensichere Kinder zu entwickeln, die zuverlässig mit geringer Kraftstoffzufuhr auskommen. Das klingt womöglich absurd, aber kein Ideal ist so absurd, dass es nicht irgendwo in pädagogischen Vorstellungen schon ernsthaft vertreten worden wäre – Kinder soll man sehen, aber nicht hören. Kinder sollen da sein, aber nicht stören.
Für einen etwas humaneren Umgang reicht es offenbar nicht, allein auf die Frage konzentriert zu sein, wie groß der Zeitwand der kindlichen Wartung ist. Worum aber geht es dann noch?
 
Liebe ist…die eigene Abschaffung zu finanzieren Christian weist auf den Widerspruch hin, dass Väterrechtler einerseits früh eine eigene Erwerbstätigkeit der Mutter erwarteten, zugleich aber die Notwendigkeit der Betreuung – auch durch den Vater – stark betonten. Das lässt sich leicht auflösen.
 
Heute kann eine Mutter, immer noch, weitgehend willkürlich die Sorge des Vaters für die gemeinsamen Kinder verhindern – und dann zugleich erwarten, dass eben dieser Vater ihr den Lebensunterhalt zu finanzieren habe, weil sie ja nun schließlich die Kindesbetreuung allein leisten müsse. Dass Väter sich darüber empören, finde ich selbstverständlich – unverständlich ist allenfalls, dass nicht mehr Männer und auch Frauen an solchen Verhältnissen Anstoß nehmen.
Es ist nicht gut, Väter auszugrenzen – aber wenn eine Mutter dies schon tut, dann soll sie wenigstens nicht auch noch erwarten, dass der Vater ihr das finanziert. Das ist keineswegs ein Widerspruch. Eher schon ist zu erwarten, dass einige Mütter weniger bereitwillig die Väter ihrer Kinder ausgrenzen würden, wenn sie die finanziellen Folgen selbst zu tragen hätten.
Der Widerspruch löst sich also leicht, sobald es nicht allein um den Zeitaufwand der Kindesbetreuung geht, sondern auch um die Frage, wer die Betreuung leistet. Als meine Ex-Partnerin wegzureden versuchte, dass unser Sohn auch wegen meiner intensiven Betreuung in den ersten Monaten – bevor ich dazu keine Möglichkeit mehr hatte – eine enge Bindung zu mir hatte, berief sie sich auf Ergebnisse der Bindungsforschung: Kinder würden ohnehin erst nach einigen Monaten bindungsfähig, und da sei ich nicht mehr regelmäßig dagewesen.
Das hätte dann, wenn es ernst gemeint wäre, zur Konsequenz, dass es in der ersten Lebenszeit eines Kindes völlig egal ist, wer es betreut. Wichtig wäre nur, dass es warm gehalten wird, etwas zu trinken und zu essen hat und ab und zu soziale Kontakte erlebt. Wenn das jeden Tag von einem anderen Menschen erledigt würde, fiele das dem Kind gar nicht auf.
Natürlich stimmt das nicht. Für die Bindungssicherheit eines Kindes ist es wesentlich, dass  bestimmte Personen – in aller Regel Mutter oder Vater – verlässlich für das Kind da sind. Entscheidend ist die Frage, ob das Kind diese Verlässlichkeit erlebt, nicht die Zeitdauer der Betreuung.
Eine Mutter, die sich umfassend und fürsorglich um das Kind kümmert, aber zugleich den Vater fernhält, verunsichert das Kind und wird diese Verunsicherung nicht durch großen eigenen Zeitaufwand auffangen können. Schließlich erlebt das Kind, dass ein Mensch, zu dem es eine existenzielle Beziehung hat, nicht bei ihm ist.
 
Meist suchen die Kinder dann die Schuld dafür bei sich selbst. Unser Sohn hat einmal gemutmaßt, dass ich deswegen immer wieder von ihm weggehe, weil er nicht lieb genug sei. So etwas hätte ich ihm nie vermittelt, auch nicht unterschwellig. Es ist aber eine Erklärung für eine Situation, die ihm ansonsten völlig unerklärlich ist.
Ähnliches gilt natürlich auch, wenn nicht die Mutter den Vater ausgrenzt, sondern der Vater sich von sich aus entzieht. Es ist allerdings interessant, dass sich Alleinerziehungs-Lobbyistinnen zwar lautstark und effektvoll über solche Väter empören, aber völlig desinteressiert an der Frage sind, wie sie stärker in die Betreuung der Kinder eingebunden werden könne.
 
Wie viel Betreuung brauchen Eltern?  Die Verunsicherung von Kindern schafft Abhängigkeiten, und beides vergrößert die Notwendigkeit der Betreuung. Wenn Kinder verunsichert sind, ertragen sie es kaum, dass Vater oder Mutter sie kurz allein lassen, um auf Toilette zu gehen – und das gilt nicht nur für wenige Monate alte Kinder.
 
Als Lehrer erlebe ich immer wieder Kinder und Jugendliche, die – auch noch mit zwölf, dreizehn Jahren oder später – kaum in der Lage sind, auf Klassenfahrt zu gehen und für ein paar Tage von ihrem Zuhause entfernt zu sein. Es haben dann häufig und offensichtlich eher die Eltern als die Kinder Angst davor, dass die elterliche Betreuung für ein paar Tage nicht direkt möglich ist.
Kinder aber, die sich sicher fühlen, können es auch ertragen, wenn Vater oder Mutter nicht jederzeit unmittelbar greifbar sind. Es ist also ein Trugschluss zu glauben, viel Betreuungsaufwand für ein Kind sei an sich gut, wenig Betreuungsaufwand sei schlecht. Ein sehr großer Betreuungsaufwand kann ganz im Gegenteil Anzeichen einer Schädigung des Kindes sein.
Ich möchte daher die Perspektive von Christians Frage so verstehen: Es geht nicht darum, wie viele Abstriche wir von unserem Leben als Erwachsene machen müssen, wenn wir dort ein Kind einbauen wollen. Es geht eher darum, was wir tun müssen, um einem Kind die Sicherheit zu geben, die es für ein würdiges, gutes Aufwachsen braucht.
 
Dabei greift die Frage nach dem bloßen Zeitaufwand eben zu kurz. Natürlich ist er in den ersten Monaten und Jahren größer als später, und zu Beginn ist eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung natürlich absolut notwendig.
 
Es ist auch sinnvoll, zwischen „Präsenz“ und „Betreuung“ zu unterscheiden, wie das einige Kommentatoren bei Alles Evolution tun. Ich habe zum Beispiel unseren schlafenden Sohn, als er noch sehr klein war, oft im Arm gehabt und dabei gelesen – auf diese Art und Weise habe ich problemlos auch einigen sehr dicke Bücher bis zum Ende lesen können. Das war sehr schön, und es käme mir sehr seltsam vor, es als aufopferungsvolle väterliche Betreuungstätigkeit zu verkaufen.
Heute werden Kinder zudem weitaus stärker betreut, als es vor einigen Jahrzehnten üblich war. Ich bin beispielsweise schon als Dreijähriger allein zum Kindergarten gegangen – wenn auch nicht ganz allein, eine vierjährige Nachbarstochter hat mich begleitet und auf mich aufgepasst. Heute ertragen es manche Eltern kaum, dass Zwölfjährige allein zur Schule gehen oder fahren.
Ich hatte als Jugendlicher ziemlich große Freiheiten, und mich damit in Ruhe zu lassen, ist meine Eltern vermutlich manchmal schwerer gefallen als eine umfassende Betreuung. Wenn ich daran denke, welche Risiken ich ab und zu eingegangen bin, hab ich jetzt schon Bauchschmerzen bei dem Gedanken, dass unser Sohn auch in ein paar Jahren in dieses Alter kommen wird.
Sicherheit des Kindes ist also nicht problemlos in Betreuungszeit zu übersetzen und umgekehrt. Was aber ist dann für die Sicherheit notwendig?
 
Kinderarmut als Befreiung Wichtig ist zum Beispiel, dass die Eltern selbst in einer halbwegs sicheren Situation leben können, dass sie keine gravierenden ökonomischen Schwierigkeiten haben. In diesem Sinne leisten auch traditionelle Väter einen wichtigen Beitrag zur Betreuung der Kinder: Sie stellen einen Rahmen bereit, in dem die Familie ökonomisch einigermaßen sicher leben kann, und sie verschaffen dem Kind zugleich die wichtige Erfahrung, dass zur Aufrechterhaltung des Familienlebens eine regelmäßige Arneit außerhalb der Familie notwendig ist.
Als „männliche Tragödie“ bezeichnet Warren Farrell die Tatsache, dass Väter traditionell ihre Liebe zu ihren Kindern eben gerade durch Tätigkeiten zeigen, in denen sie sich notwendig von ihren Kindern distanzieren müssen. Anstatt allein zu überlegen, was die Familienpolitik zur Entlastung der Mütter tun kann, wäre es eigentlich längst an der Zeit, auch von Müttern zu fordern, Männer von diesem Dilemma zu entlasten. Tatsächlich aber steigert eine vorgeblich moderne Familienpolitik diese Tragik weiter ins Absurde, wenn sie Väterlichkeit ganz auf Zahlungsverpflichtungen reduziert.
Die Alleinerziehung ist, europaweit und unabhängig von den Bedingungen des jeweiligen sozialen Netzes, das höchste Armutsriskiko für Kinder (dazu das Dossier Armutsrisiken des Familienministeriums, S. 22). Das ist nicht überraschend – die Arbeit im Beruf, in der Kinderbetreuung und im Haushalt ist natürlich von zwei erwachsenen Menschen wesentlich besser zu erledigen als von einem. Diese selbstverständliche Einsicht drückt sich heute manchmal nur noch in der ungeheuren Empörung über Väter aus, die zu wenig Unterhalt zahlen – als ob es völlig fraglos selbstverständlich wäre, dass sie zuvor aus dem Leben ihrer Kinder entfernt worden sind.
Denn natürlich sind Väter nicht allein für die ökonomische Reproduktion der Familie wichtig. So gern ich mich um unseren Sohn kümmere – ich merke auch, wie gut es tut, ab und zu eine Pause dabei machen zu können. Der Glaube, ganz allein und rund um die Uhr für ein Kind da sein zu können, ist nicht heroisch, sondern Ausdruck einer selbstverliebten Überschätzung der eigenen Möglichkeiten.
Das Kind wird dadurch in erhebliche Abhängigkeiten von einer einzigen Bezugsperson manövriert. Es erlebt nicht, dass Erwachsene sich zu seinem Wohl miteinander verständigen. Es erlebt auch nicht, dass verschiedene Erwachsene verschiedene Grenzen und Verhaltensweisen haben und damit verschiedene Möglichkeiten eröffnen. Es erlebt stattdessen wesentlich immer dieselben Bedingungen immer derselben Beziehung, in der es notwendig jeweils in der schwächeren Position ist.
Es ist daher kein Wunder, dass die Folgen der Alleinerziehung und der Vaterentbehrung, auch statistisch betrachtet, für Kinder gravierend sind. Eine Kommentatorin bei Alles Evolution macht gleichwohl darauf aufmerksam, dass eine „Pathologisierung“ von alleinerzogenen Kindern ihnen auch nicht helfen würde. Das Verschweigen dieser Folgen hilft ihnen allerdings auch nicht.
Natürlich gibt es Situationen, in denen es zur Alleinerziehung keine Alternative gibt – wenn ein Partner gestorben ist, sich standhaft der eigenen Verantwortung entzieht oder schwer erkrankt ist. Dann hilft es nichts, dem Kind und dem alleinerziehenden Elternteil beständig die ungünstigen Konsequenzen vorzuhalten.
Bei der Alleinerziehung, oder genauer, bei der mütterlichen Alleinerziehung geht es aber um etwas ganz anderes als um eine Notlösung in einer sehr ungünstigen Situation. Sie ist ebenso kinder- wie männerfeindlich  als „Befreiung“ von männlicher Herrschaft propagiert worden und wird weiterhin, gerade von Grünen und Sozialdemokraten, als wichtiger Bestandteil einer „modernen Familienpolitik“ verkauft. Sie erscheint so im Vergleich zur Erziehung in einer Familie mit Vater und Mutter als eine ganz selbstverständliche, oft wohl sogar bessere Alternative.
Das ist nicht zu halten. Wer krank ist oder einen Unfall hatte und deshalb einen Arm verloren hat, muss ja auch nicht beständig darauf aufmerksam gemacht werden, dass mit zwei Armen doch ganz gewiss manches leichter wäre. Es wäre aber auch offensichtlich unsinnig, wenn jemand deshalb die Amputation eines Armes als natürliche Alternative zum Leben mit beiden Armen verkaufen würde, die ganz allgemein Vorteile und Nachteile hätte.
Christians Frage greift aus meiner Sicht daher zu kurz. Es geht nicht nur darum, wie viel Betreuungszeit für ein Kind veranschlagt werden muss – so dass die Betreuungszeit nach einer Trennung dann eben weitgehend von einer Person abgeleistet wird, die dafür eine gewisse Entschädigung erhalten sollte.
 
Wesentlich ist, dass Erwachsene sich damit auseinandersetzen, was dem Kind Sicherheit bietet – und dass dazu gehört, sich auf Dauer, in gleicher Verantwortung und mit gleichen Rechten, mit dem anderen Elternteil darüber zu verständigen, was für das Kind gut ist.
Wer dazu nicht bereit ist, wird dem Kind schaden – unabhängig von dem Zeitaufwand, zu dem sie oder er bereit ist.

Die Gewalt der vierten Gewalt (Ein Rückblick auf den September)

Der Monat Oktober begann bekanntlich erschüttend: Vor lauter Amazongate hätte ich fast vergessen, dass wir ja schon im Monat September von einem großen Ereignis zum nächsten gestolpert waren, die hier rechtmäßigerweise in dem traditionellen Monatsrückblick hätten festgehalten werden müssen.
„Es geht an diesem Abend um Inhalte, Lösungen, um eine akute Gefahr im Land: Die Frauenlobby. Stark und autoritär sei sie. Organisierte Frauennetzwerke dominieren demnach Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland. Es ist so schlimm, etwas müsse dagegen getan werden. Bei Ingwertee und Cola kennt die Liste, was alles in der Bundesrepublik so schief laufe, kein Ende (…)“
So der Tagesspiegel über eine Gruppe von Berliner „Nicht-Feministen“. Bloß weil einige Fakten in dem Artikel nicht völlig akkurat waren und der Interviewer Mohamed Amjahid ihnen Sätze in den Mund gelegt hatte, die sie bei Licht besehen gar nicht gesagt hatten, waren die Mitglieder der kleinen Gruppe von „Nicht-Feministen“ über ihre Darstellung in der großen, seriösen Berliner Tageszeitung nicht rundum zufrieden (ausführlich dazu der Autor Gunnar Kunz).
Eigentlich ist es gar nicht nötig, Lärm zu machen, Kommentare zu schreiben, bei Debatten dabei sein zu wollen. Den Verständigen ist ohnehin immer schon klar, was richtig und was falsch ist.
Das war ein wiederkehrendes Thema in diesem vergangenen September, das auch im Oktober wichtig blieb: Wie stellt die Presse Menschen dar, die an Geschlechterdebatten ohne die Selbstverpflichtung auf gewohnte Deutungsmuster – „Patriarchat“, Männerherrschaft, Frauenunterdrückung – teilnehmen möchten? Für Männerrechtler, Feminismuskritiker, Väterrechtler, MHRAs (Men’s Human Rights Activists) gibt es dabei vorerst drei erlaubte Kategorien: Sie sind lächerlich, sie sind bedrohlich, oder sie sind beides.

Abgehängt und zornig beim Ingwertee Die Präsentation als ingwerteetrinkende, versponnene Verschwörungstheoretiker bedient sich dabei großzügig aus dem ersten dieser Vorräte. Der Artikel im Tagesspiegel beginnt damit, dass eine „queer-feministische-orientalische Boygroup“ am Kottbusser Tor getanzt habe und sich auch durch den einsetzenden Regen ihre Fröhlichkeit nicht habe verdrießen lassen.

Ob es diese Gruppe tatsächlich auch außerhalb der Fantasie des Tagesspiegel-Autors gab, ist durchaus umstritten, aber auch unwichtig – sie hat ihre Funktion ohnehin nur im Kontrast zu den verdrießlichen älteren Herren, die sich vor der  Imagination einer allgegenwärtigen Frauenherrschaft hilflos zum Ingwertee flüchten.

Einer dieser Herren erzählt dann, beispielweise, von der häuslichen Gewalt, die er durch seine Partnerin erfahren habe, davon, dass ihm lange niemand geglaubt habe, bis er dann blutüberströmt auf der Polizeiwache erschienen sei, und eigentlich ist das alles gar nicht lächerlich. Es ist  ebenso wenig lächerlich wie die Sorgen, die er sich um seinen Sohn macht, oder das Gefühl, gerade in Parteien mit einem linken politischen Selbstverständnis mit diesen Sorgen kein Gehör zu finden.

Amjahid jedoch fragt:

„Doch welcher Mann lässt sich von Frauen so dermaßen piesacken, dass er sein Leben damit verbringt gegen das Matriarchat zu philosophieren, zu agieren, zu streiten?“
Wer schon: ein Loser natürlich, der aus irgendwelchen Gründen nicht imstande ist, für sich selbst zu sorgen, der aber – anstatt das Naheliegende zu tun und einfach damit aufzuhören, sich piesacken zu lassen – den Grund für seine Probleme auf ein allmächtiges Matriarchat schiebt. Dass der Begriff „Matriarchat“ nach Angaben der Interviewten gar nicht gefallen sei, kann angesichts der sonstigen Schlüssigkeit dieser Beweisführung natürlich nicht berücksichtigt werden.
Ganz ähnlich präsentierte auch die noch wesentlich größere Wochenzeitung Die Zeit Männer, die feministische Positionen kritisieren. „Vom Zorn abgehängter Männer“ schrieben da Anna-Katharina Meßmer und Christina Schildmann. Damit niemand auf falsche oder überhaupt auf Gedanken kommt, machen sie also schon im Titel klar, wie das Folgende zu verstehen ist: Es geht um Männer, die nicht mehr mithalten können, die aber den Grund für allerlei daraus resultierende Misslichkeiten nicht etwa bei sich selber suchen, sondern wütend auf Frauen losgehen.
Der amerikanische Soziologe Michael Kimmel, auf den sich die Autorinnen direkt und ohne unnötige journalistische Distanz beziehen, erklärt das in seinem Buch Angry White Man so: In einer patriarchalen Gesellschaft seien alle Karten zu Gunsten von Männern gezinkt gewesen, das Spielfeld zu ihren Gunsten geneigt – eine faire, gleichberechtigte Gesellschaft mit einem fairen Wettbewerb mache den sieggewohnten Männern daher Angst.
„Maybe actually having to play evenly matched, on a level playing field, is too frightening for a gender that stakes it entire identity on making sure it wins every time“ (Seite 8)
Die etwas überraschende historische Einsicht des berühmten Soziologen, dass alle Geschichte der Männer bislang eine Geschichte von lauter Siegern gewesen sei, erlaubt es ihm, alle Hinweise auf tatsächliche oder empfundene Benachteiligungen von Männern als Ausdruck eines blinden Anspruchsdenkens abzutun. Vätern beispielsweise, die ihre Kinder nicht mehr sehen können, gesteht er zwar realen Kummer, aber keine ernsthaften politischen Interessen zu.

 

Wie man eine Debatte ganz allein führt Die Zeit-Autorinnen folgen ihm in diesem Punkt entschlossen. Bei ihnen erscheinen Männer als tierische oder vor-zivile Wesen (sie „suhlen“ sich, sie kommen „in Horden“ zusammen), die niemals vernünftige Gründe für Kritik haben, sondern mit ihrer Wut kleinhirngesteuert der Menschenwelt zur Last fallen.

Unterstützung fänden diese Verlierer durch die Beiträge „eines saturierten, einflussreichen konservativen Feuilletons“. So lustig es auch sein mag, Männer rundweg als Loser hinzustellen – es darf natürlich nicht der Eindruck entstehen, wir würden nicht mehr in einer Männerherrschaft leben.

Dieser Text bricht unbekümmert gleich mit mehreren Grundsätzen eines seriösen Journalismus. Die redaktionelle Darstellung macht an keinem Punkt deutlich, wie intensiv die beiden Autorinnen selbst Partei sind. Der Text liefert keine Belege für seine extrem starken Behauptungen, ist aber so verfasst, als ob das überhaupt kein Problem wäre. Vor allem aber: Er diffamiert politische Gegner unmäßig und greift dabei Mittel auf, für die einmal politische Rechtsaußen bekannt waren – etwas Franz Josef Strauß mit seiner Beschimpfung linksliberaler Schriftsteller als „Ratten und Schmeißfliegen“.
Zu allem Überfluss ist der Text auch noch unter dem Stichwort „Gender-Debatte“ rubriziert. Wie sich die Zeit diese Debatte vorstellt, macht sie dankenswerterweise auch gleich klar. Die Kommentarfunktion unter dem Artikel wird wenige Stunden anch seinem Erscheinen de-aktiviert, Proteste gegen die hetzerische Veröffentlichung und Kritik an ihr bleiben ebenso unbeantwortet wie ein offener Brief an die Redaktion oder der Vorschlag, doch auch einmal der Gegenseite – etwa Arne Hoffmann – Raum in der Zeitung zu geben.

In der Zeit ist „Debatte“ ein anderes Wort für „Selbstgespräch“.

Ganz ähnlich verhält sich die Zeitung auch, als Emma Watson ihre Rede vor der UN hält und Männer dazu auffordert, bei der HeForShe-Kampagne mitzumachen und sich für Frauen einzusetzen. Die im Internet kursierenden Drohungen, gehackte Nacktbilder von Watson zu veröffentlichten, wertet die Zeit-Journalistin Marie Schmidt umgehend als Versuch,
„ein Machtgefälle wiederherzustellen, für dessen Abschaffung sich Emma Watson gerade bei einer der höchsten Institutionen eingesetzt hat.“
Wenn eine Frau es wage, den Mund aufzumachen, dann würden statusfixierte Männer sofort erbarmungslos zuschlagen – bei dieser Darstellung bleibt die Zeit auch dann noch, als schon längst deutlich geworden ist, dass diese Drohungen keine Reaktion auf die Rede, sondern ein aggressiver Marketinggag eines Unternehmens waren.
Am Beispiel der Rede zeigt sich aber auch, dass die Gender-Debatte längst wesentlich vielfältiger und ambivalenter ist, als sie in der deutschen Qualitätspresse erscheint. Die feministische Bloggerin Nadine Lantzsch beispielsweise kritisiert Watson scharf und mit großzügigem Gebrauch von szenetypischem Jargon. Sie würde
„eine typen-zentrierte und hetero_cis_sexistische Kampagne“ unterstützen und „um die Gnade von Typen betteln“.
Dass Watson überhaut Männer angesprochen hat, wenn auch vorwiegend als Unterstützer von Frauen, ist für Lantzsch schon eine Selbstauslieferung an patriarchale Strukturen.

Christian Schmidt beschriebt Lantzschs Text als Ausdruck eines

„deutlichen Gruppendenkens: Die anderen verlieren ihre Menschlichkeit (…).“
Ganz anders als Lantzsch diskutieren einige Beiträge im anglo-amerikanischen Raum Watsons Rede. Cathy Young stellt beispielweise für das TIME-Magazine klar, dass Watsons Feminismus für Männer keineswegs so günstig ist, wie sie es darstellt. Andrea Peyser stellt für die New York Post heraus, dass Watson eine falsche, nämlich allzu idealisierende Vorstellung vom Feminismus habe.

Wie man sich in Schützengräben häuslich einrichtet Deutlich distanzloser als in solcher Kritik wird die Rede in deutschen Medien präsentiert. Hier sind Journalisten in Geschlechterdebatten offenbar  auch weiterhin vorwiegend mit dem Ausbau von Schützengräben beschäftigt. Warum eigentlich?

Die Zeit hat zwar eine vergleichsweise große weibliche Leserschaft, aber auch sie wird – wie der Spiegel, der Stern oder Focus – in größerem Maße von Männern gelesen. Möglicherweise spekuliert die Redaktion darauf, dass viele Frauen männerfeindliche Texte bei Gelegenheit ganz gern genießen, während Männer sie als „Gedöns“ abtun und nicht weiter ernst nehmen.

Das wäre kein sonderlich günstiges Bild von der eigenen Leserschaft – aber das Problem ist möglicherweise ohnehin umfassender. Auch bei Themen, die mit Geschlechterdebatten gar nichts zu tun haben, erschienen in der deutschen Qualitätspresse während der letzten Monate Texte oder Headlines, die so heute kaum noch in der Bild-Zeitung gedruckt werden.

Regelrecht irre war ein Spiegel-Titel, der – ohne dass Genaueres bekannt war – Bilder von Menschen zeigte, die beim Flugzeugabschuss über der Ukraine getötet worden waren, und der dazwischen groß die Aufforderung „Stoppt Putin jetzt!“ formulierte.

Auch hier ein bedingungsloses Gut-Böse-Schema, auch hier ein Versuch, Empörung aufzupeitschen, anstatt den Verstand zu beschäftigen, auch hier ein völlig unbekümmertes Lagerdenken. Natürlich, Schröders Spruch, das Putin ein „lupenreiner Demokrat“ sei, sagt mehr über das kaputte Demokratieverständnis des Ex-Kanzlers aus als über Putin selbst – doch auch dessen Autoritarismus, Militanz und Nationalismus können einen Titel wie den des Spiegel nicht erklären.
Selbst wenn das Magazin sicher gewusst hätte, dass Putin höchstpersönlich für den Absturz verantwortlich gewesen wäe – wie sollte er denn „jetzt“ gestoppt werden, und von wem? Einmarschieren?

Vermutlich sind die radikalen Einseitigkeiten deutscher Medien in der „Geschlechterdebatte“ also Ausdruck eines größeren Problems. Hanns Joachim Friedrichs wird der Satz zugeschrieben, ein guter Journalist solle sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten – eigentlich habe ich erst in den letzten Monaten verstanden, wie wichtig dieser etwas altbacken wirkende Satz ist.

Ein gemeinsames Problem der genannten Beispiele ist, dass Journalisten in der Überzeugung, für eine gute und richtige Sache einzutreten, Tatsachen verdrehen oder verschweigen, Freund-Feind-Bilder betonieren, niemals an mehreren Perspektiven auf dasselbe Problem interessiert sind und dabei ihre Leser entweder manipulieren oder vor den Kopf stoßen, aber weder informieren noch überzeugen.

Damit aber geben Journalisten eben die Vorteile preis, die sie gegenüber Bloggern oder selbstständigen Online-Journalisten haben.

Wer ein Blog betreibt, verdient daran in der Regel kein Geld, hat also andere Motive für seine Arbeit – zum Beispiel politische Interessen. Wer Blogs liest, weiß das und wird das meist auch mit einberechnen.

Journalisten aber, die mit ihrer Arbeit – sei es durch Abonnements, durch Kiosk-Verkäufe oder durch Werbung – Geld verdienen wollen, müssen in ihren Texten irgend etwas bieten, das sie von der kostenfreien Arbeit der Blogger unterscheidet. Im Sinne von Friedichs Satz könnte das eine größere Distanz zu den Themen der Texte sein.

Qualitätsjournalisten müssten zudem eine Chance nutzen, die nebenberuflich abeitende Blogger in der Regel nicht haben – nämlich sehr umfassend, sorgfältig und eigenständig zu recherchieren.

Das Gegenteil ist der Fall. In Blogs und bei Twitter waren beispielsweise die Informationen über die angeblichen Akte männlicher Rache an Watsons Rede schon längst korrigiert, als sie von der Zeit noch immer verbreitet wurden. Wer mehrere Online-Publikationen liest, bekommt heute vermutlich zu vielen Themen ein besseres und ausgewogeneres Bild als jemand, der sich auf traditionelle Qualitätsmedien stützt.
Noch in einer anderen Hinsicht verspielen große Medien regelrecht gezielt die Chance, die sie gegenüber dem privaten Online-Journalismus haben. Diskussionen in Kommentarspalten von Blogs sind selten umfassend, es sammeln sich dort meist Kommentatoen, die derselben Internet-Blase angehöen. Kommentarspalten der großen Zeitungen sind demgegenüber noch immer viel umfassender – sie kommen so der Idee eines allgemeinen Forum wesentlich näher.
Anstatt das aber zu nutzen, schließen große Zeitungen ihre Kommentarbereiche – wie die Süddeutsche Zeitung – oder moderieren sie so willkürlich und gängelnd, dass ein Perspektivenreichtum behindert wird. Ein Beispiel dafür sind Erzählungen eines häufigen Kommentators bei Zeit-Online.

Das wieder und wieder in den „Qualitätsmedien“ verbreitete Bild des wilden, fast immer männlichen Internet-Mobs, der die seriösen Kommentarspalten zu stürmen versucht, ist Ausdruck eines ganz eigenen Problems der Zeitungen: Sie haben es noch nicht geschafft, sich auf die Konkurrenz aus dem Netz einzustellen, und sie sind sich ihrer eigenen Stärken entweder nicht bewusst, oder sie verspielen sie vorsätzlich.

Gestern war ich auf einer Veranstaltung von Gerhard Amendt im Haus der Wissenschaft in Bremen. Amendt hatte kein großes Publikum, etwa 40 Personen, aber ein sehr durchmischtes: jeweils etwa zur Hälfte Männer und Frauen, viele Altersstufen vom Studenten- bis ins Rentneralter. Angetan war ich vor allem von der Atmosphäre.

Amendt berichtete, dass er bei Vorträgen an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldof zwei Mal massive Schwierigkeiten hatte, dass er das eine Mal wegen erheblicher Gewaltdrohungen nur mit Bodyguard erscheinen konnte und sich das andere Mal unerkannt durch eine Gruppe von Störern hindurchschlängeln musste, die den Eingang blockierten.

In Bremen nichts davon. Das Publikum war durchaus nicht einhellig Amendts Meinung, aber Kritik gab allein in ziviler Form – eben als direkte Kritik, als skeptische Nachfragen, oder auch als deutliches Kopfschütteln während des Vortrags.
Vielleicht, dachte ich, ist die Situation eben genau andersherum, als sie in Massen-Qualitäts-Medien präsentiert wird. Es ist möglicherweise nicht so, dass die zivilen Strukturen der Zeitungen gegen den wilden Mob des Netzes geschützt werden müssen – sondern dass die Diskussionen von Männern und Frauen außerhalb der veröffentlichten Meinung schon längst ziviler, offener und von Feindbildern freier ist, als es die Texte in unsere Qualitätspresse sind.

Das Kimmel-Zitat stammt aus der kindle-Ausgabe von

Michael Kimmel: Angry White Men. American Masculinity at the End of an Era, New York 2013

Hass und Zensur

„Nachdem die Journalistin Anne Wizorek Anfang 2013 unter dem Twitter-Hashtag #aufschrei zur Veröffentlichung sexistischer Alltagserfahrungen aufrief, hatte man den Eindruck, dass unter dem Label auf jeden Erfahrungsbericht eine Hassbotschaft kam. Bis heute schreiben User Tweets wie ‚Ich verspreche euch, liebe Femis, dass das noch Jahre hier so weitergehen wird’.“

Das hätte ich natürlich nicht gedacht: Dass ich hier noch einmal aus dem Weser Kurier zitieren würde, der etwas langweiligen, semi-seriösen Zeitung meiner Heimatstadt. Maximilian Haase schreibt dort über den „Hass-Reflex“, also über automatisierte, hasserfüllte, sexistische Reaktionen, mit denen Frauen nach seiner Darstellung konfrontiert werden, wenn sie sich im Internet selbstbewusst äußern.
 
„hatte man den Eindruck“: Welcher man hier gemeint ist, ob der Eindruck stimmte, wodurch genau dieser Eindruck hervorgerufen wurde, ob die einfache Gegenüberstellung Erfahrungeberichte versus Hassbotschaften so wirklich stimmt – das lässt Haase hier geschickt und spannungsreich im Dunkeln. Dafür liefert er dann auch effektvoll genau einen einzigen Satz als Beleg.

Diese Satz allerdings stammt unglücklicherweise von einem User auf Twitter, der überhaupt keine  Hassbotschaften, Beschimpfungen, Gewaltandrohungen oder ähnliches verbreitet und sich immer wieder klar von solcher Herzrede distanziert. Stattdessen kritisierte er, der hier als Paradebeispiel eines männlichen Haters verkauft wird, zum Beispiel offen die (Ex-)Piratin Julia Schramm, als sie launig die Opfer der Bombardierung Dresdens als „Kartoffelbrei“ verhöhnte. An Anne Wizorek wandte er sich so:

„Wie würde denn LEGITIMER, AKZEPTABLER Widerspruch aussehen? Ernsthafte Frage“

Denn darum geht es hier – um Widerspruch, nicht um Hass. Darum, Positionen zu formulieren, die weder Frauen noch Männer pauschal als Opfer oder Täter darstellen. Der zitierte Satz drückt, anders als der Bremer Qualitätsjournalist das gezielt suggeriert, nicht aus, dass Frauen weiter und weiter mit Hass zu kämpfen haben – sondern dass Positionen nicht ohne Widerspruch bleiben, die Männer generell als Täter und Herrscher denunzieren. Eben diese männerfeindlichen Positionen übrigens werden bei Twitter häufig ausgesprochen hasserfüllt formuliert.
Wichtige Frage welche von heutiger Sitzung bedacht wird: Wie lange mochte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben? (Der Denker-Club, Karikatur von 1819 anlässlich der Karlsbader Beschlüsse)

Der Bericht in der Bremer Provinz wäre nicht weiter wichtig, wenn er nicht einem weit verbreiteten Tenor folgen würde. Dabei ist das Thema trotz der unernsten journalistischen Darstellung ernst. Tatsächlich gibt es im Internet ja Gewaltandrohungen, Beschimpfungen, massive Grenzüberschreitungen – und es gibt Männer im Netz, die solche Äußerungen gezielt gegen Frauen richten.

Es wäre also eigentlich wichtig, dass sich die  zivileren Nutzer, gleich welcher Meinung sie sind, auf eine gemeinsame Ablehnung solchen Verhaltens verständigen, gleich gegen wen es gerichtet ist. Statt dessen tun Haase und viele andere genau das Gegenteil: Sie verwischen gezielt Grenzen und stellen Äußerungen als Gewaltandrohungen und Hassreden hin, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Welchen Zweck hat das eigentlich?

Eine Zensur findet nicht statt muss dringend her Eine Antwort gibt schon Wizorek selbst. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, das seltsamerweise nach kurzer Zeit aus dem Netz genommen wurde und nun beim Missy Magazin zu lesen ist, zeigt sie sich angetan von einer gerade eingeführten Praxis der Süddeutschen Zeitung. Dort wurde die Kommentarfunktion unter Artikeln abgeschafft, nur einige Texte noch können – intensiv moderiert – von Lesern kommentiert werden.
Die Aufschrei-Heldin spricht sich offen für eine solche „starke Moderation“ aus:
„Was ist denn diese Meinungsfreiheit wert, wenn in solchen Kommentaren gegen Menschen gehetzt wird, die sich daraufhin gar nicht mehr trauen, sich zu äußern?“
Dann muss man diese Meinungsfreiheit eben einschränken.

Auf einem Vortrag bei der re:publica 13 hat sie schon ganz ähnlich argumentiert. Dort führt sie (etwa bei 34:00) Tweets und Zitate aus Emails vor, die sie erhalten habe und die tatsächlich sehr gewaltsam und übergriffig sind.
 
Dann aber sagt sie, dass solche Äußerungen „unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit“ (35:20) andere zum Schweigen bringen sollten – und eben das stimmt so nicht. Für keinen auch nur halbwegs zurechnungsfähigen Menschen ist es nämlich von der Meinungsfreiheit gedeckt, einem anderen Menschen beispielsweise per Email damit zu drohen, die Geschlechtsteile mit einem glühenden Eisen zu zerstören.
Nötig ist hier kein Angriff auf die Meinungsfreiheit, sondern eine gemeinsame, möglichst breit getragene Ablehnung von Gewalt, auch von verbaler Gewalt – die angesichts der von Wizorek zitierten Äußerungen auch leicht zu gestalten wären. Doch auch sie verwischt lieber Grenzen, anstatt zu allgemeinen Abgrenzungen aufzurufen.
In ihrer Darstellung ist es die Freiheit der anderen (wer immer das sein mag), die unsere (wer immer das sein mag) Freiheit bedrohe. Die Meinungsfreiheit ist hier kein allgemeines Gut mehr, sondern funktioniert wie ein Nullsummenspiel – je größer die Freiheit der einen, desto geringer die der anderen.
 
Wie Wizorek sich die Einschränkungen der Meinungsfreiheit vorstellt, machte sie vielleicht bei einer anderen Gelegenheit klar – als sie sich nämlich Kritik an der politisch motivierten Verwüstung einer Berliner Apotheke verbat. Schließlich hatte der Apotheker, empörenderweise, die Pille danach nicht verkaufen wollen.
Autorinnen und Autoren einer ganzen Reihe von Texten, die in den letzten Tagen erschienen sind und die viel zitiert wurden, argumentieren ganz ähnlich wie sie.
 
Ein wunderbarer Ort (und wer dort weg muss)  Das Nuf, die eines der „Lieblingsblogs“ der Mütterzeitschrift Brigitte Mom betreibt, nimmt wie Wizorek Positionen gegen Gewalt ein, denen zunächst nicht vernünftig zu widersprechen ist – und sie verleiht diesen Positionen dann ebenfalls einen seltsamen Spin.
„Das Internet ist für mich ein wunderbarer Ort und ich möchte nicht, dass sich dort ungehindert Menschen bewegen, die andere Menschen beleidigen, angreifen, bedrohen, einschüchtern und fertig machen.“
Hier wird wohl niemand, der alle Tassen im Schrank hat, mit „Doch, ich möchte das aber, und da hab ich auch ein Recht zu“ antworten.
Ebenso nachvollziehbar ist ihre Beobachtung, dass „die Angreifer und Aggressoren enthemmter“ im Internet agieren als in der Offline-Welt. Vielleicht haben viele Schwierigkeiten, eine Situation richtig einzuschätzen, in der sie einerseits allein an ihrem Schreibtisch sitzen – und sich zugleich in der Öffentlichkeit bewegen und mit anderen Menschen interagieren.
Seltsam wird der Text aber, wenn Das Nuf sich zwar an „Menschen“ wendet, die diese Gewalt beobachten und einschreiten sollten – aber zuvor nur von „Frauen“ schreibt, denen diese Gewalt widerfahre. Dann verknüpft auch sie verbale Gewalt und Meinungsäußerungen:
„Wenn ihr mal nicht der Meinung bestimmter Menschen, die permanent Angriffen ausgesetzt sind, seid: sagt einfach nichts.“
Eben das ist nicht mehr nachvollziehbar. Dass ein Mensch das Recht hat, vor Bedrohungen, Beleidigungen und Angriffen beschützt zu werden, hat nichts mit der Stichhaltigkeit seiner Meinungen zu tun. Es ist ohne Weiteres möglich, die Meinung eines Menschen zu kritisieren, ohne die Verletzung seiner Rechte gutzuheißen. Selbst Nazis erleben ab und zu Gewalt – kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, sie deshalb nicht mehr kritisieren zu dürfen.

Auch Das Nuf verwischt wichtige Grenzen und Unterschiede, und ihre Grenzverwischung hat dieselbe Zielrichtung wie die von Wizorek oder Haase: Es geht am Ende darum, die Möglichkeit von Kritik einzuschränken.
Noch klarer wird das, wenn sie schließlich Michael Seemann zitiert und verlinkt, der als Mittel gegen Hass im Internet empfiehlt: „Hater/Maskus aktiv ausgrenzen“. Wichtiger als eine gemeinsame Koalition gegen Hass im Internet ist es auch hier, den politischen Gegner beliebig als Hassenden zu präsentieren.
 
Michael Seemann übrigens wütet gewohnheitsmäßig gegen „Maskus“, nämlich „ideologische dummbratzen, die menschenverachtenden hass mit brachialer idiotie verbinden“, empfindet „nazi- und masku-mobs“ verglichen mit der NSA-Überwachung als die größere Freiheitsbeschränkung, oder setzt „Maskus“ mit Holocaustleugnern gleich. Dass er ganz nebenbei den Holocaust verharmlost, wenn er Patriarchatsleugnung und Holocaustleugung auf eine Stufe stellt, ist übrigens nicht so wild – es geht ja gegen den richtigen Feind.
 
Das Nuf schreibt:
„Das Internet sind Menschen. Echte Menschen. Keine virtuellen und ich möchte, dass das langsam mal alle verstehen.“
Es ist wohl zunächst an der Zeit, dass sie selbst es versteht. Wenn sie sich mit gravitätischen Worten für mehr Humanität im Internet ausspricht und sich im selben Text auf einen so exzessiven politischen Hetzer wie Seemann als Gewährsmann beruft – dann geht es ihr vor allem darum, dass andere ihre Menschlichkeit anerkennen. Es geht nicht um Gegenseitigkeit.

Die Hater, das sind die anderen Eben das ist ein durchgehendes Problem dieser Texte zum Hass im Internet – die Hater stehen, wie von Zauberhand dorthin platziert, immer nur auf der anderen Seite.
„Ich habe wirklich lange und oft darüber gegrübelt, was Menschen dazu antreibt, in (…) Shitstorms immer weiter zu machen“,
schreibt beispielweise Frau Dingens treuherzig – bei einer Lesung wäre hier ein unschuldiger Augenaufschlag angebracht.

Kein Wort davon, dass Yasmina Banaszczuk aka. Frau Dingens gerade erst selbst versucht hatte, einen Shitstorm gegen den Blogger Sascha Pallenberg zu entfachen. Sie hatte dabei entweder die Stärke ihrer eigenen Position überschätzt oder die von Pallenberg unterschätzt – jedenfalls schlug ihr Versuch auf sie selbst zurück. Wäre Pallenberg aber der gewesen, für den sie ihn gehalten hat – nämlich ein weitgehend unbekannter Blogger, der es wagte, sich öffentlich mit der bekannten Stern-Bloggerin anzulegen – dann hätte er gegen den von ihr herbeigerufenen Shitstorm wohl keine Chance gehabt.
Eben diesen Aspekt spricht auch ein Kommentator im Blog von Caspar Clemens Mierau an. Dieser schreibt in seinem Text „’Stirb, du Hure!’ – Lasst uns endlich über Einschüchterungskultur anstatt abstrakter Netzpolitik reden“:
„Wir müssen Opfern zuhören und ihre Geschichten ernst nehmen. Wir dürfen nicht den Fehler machen, dies als kleines Übel im Netz abzutun. Es ist der Alltag von vielen Menschen – insbesondere Frauen – mit Worten attackiert zu werden.“
Das ist völlig richtig, wenn ihm auch in dem Aspekt, dass „insbesondere Frauen“ betroffen sind, nicht alle zustimmen werden.
 
In seinen Beispielen sind dann allerdings ausschließlich Frauen die Opfer – mit Ausnahme einer Äußerung Linus Torvalds, die damit aber einen besonders prominenten männlicher Urheber hat. Suggestiv ist vor allem die Rede von einer „Einschüchterungskultur“ – sie erweckt den Eindruck, dass es nicht etwa eine breite, weit überwiegende Mehrheit gegen den Hass im Netz gäbe, sondern eine offenbar männlich geprägte Kultur, die diesen Hass trage.
Dagegen wendet sich ein Kommentator:
„Ich finde es etwas schade, dass in diesem Artikel der psychische Schaden durch aggressive Feministinnen, die spaßige Juxe über das Zerhacken von Männern machen, etwas zu kurz kommt.“
Mirau entgegnet: „Es war so absehbar, das dieser Kommentar kommt.“ Das ist ungefähr so, als ob jemand behaupten würde, dass zwei plus zwei fünf ergibt und darauf die Widerrede erhält, dass er sich irre und zwei plus zwei vier sei – und als ob er dann aufstöhnen würde: „Dieser Einwand war so absehbar…“ Eigentlich könnte ja jemand, der einen Einwand schon antizipiert, bei der Gelegenheit auch einmal kurz überlegen, ob er nicht vielleicht stichhaltig ist.

Mierau überlegt das nicht, sondern löscht den Dialog nach kurzer Zeit. Er löscht bei der Gelegenheit dann auch gleich die Nachfrage einer „Petra“ zu seinem knalligen Titel „Stirb, du Hure!“ – einem Zitat, das nirgendwo im Text vorkommt.
„ich tue mich extrem schwer mit der überschrift. was war dein Gedanke die zu wählen?“
Gelöscht werden damit verschiedene Einwände, die offenkundig aus ganz unterschiedlichen Richtungen stammen – übrig bleibt eine cleane Version des Textes mit gesäubertem Kommentarbereich. Was hier entfernt wurde, war weder Hate Speech, noch Drohung, noch Verharmlosung von Gewalt. Es hat Mierau einfach nicht gepasst. Sein Blog, seine Entscheidung – aber sehr unglücklich in einem Text, der sich in eine Diskussion über „starke Moderation“ einordnet.
 
Gedöns und Selbstgespräche Die Diskussion im Netz wäre weniger gravierend, würde sie nicht von großen Institutionen gespiegelt und aufgegriffen werden. Ein „Europäisches Rahmenstatut zur Förderung von Toleranz“ schlägt bereits vor, EU-weit Kritik am Feminismus („Antifeminismus“) mit Rassismus oder totalitären Ideologien gleichzusetzen und zu „eliminieren“.
In Deutschland setzen Veröffentlichungen von Parteistiftungen der Grünen und der SPD Rechtsradikalismus und Kritik am Feminismus gleich. In der Zeit verknüpft die dafür verantwortliche Redakteurin der Friedrich Ebert Stiftung, Christina Schildmann, Drohungen gegen eine Sexualpädagogin pauschal mit feminismuskritischen Positionen. Männer, die Kritik üben, stellt sie dar, als ob sie vorzivilisierte Menschen oder Tiere wären.
 
Kein Wort aber zum Beispiel davon, dass auch der feminismuskritische Wissenschaftler Gerhard Amendt ernstzunehmende Drohungen aus feministischen Gruppen erhalten hat und zeitweilig nur noch mit Personenschutz auftrat. Oder davon, dass feministische Gruppen Veranstaltungen der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten Monika Ebeling gezielt stören und unmöglich machen. Auch verbale Gewalt gegen Frauen ist aus dieser Perspektive also ganz in Ordnung, wenn sie nur die richtigen Frauen trifft. Kurz:
Hass kommt immer nur von der anderen Seite, von Männern gegen Frauen. Hass wird gestützt durch eine „Kultur“, die sich auf Meinungsfreiheit beruft – eine „antifeministische“ Kultur. Wer also Hass eindämmen möchte, muss die Meinungsfreiheit für die politischen Gegner eindämmen.
So etwa lässt sich das Argument zusammenfassen, das in den zitierten Texten variiert wird. Warum aber ist es den Autorinnen und Autoren so viel wichtiger, den Hass politisch zu verwerten, als ihm gemeinsam entgegenzutreten?

Eine Antwort bietet vielleicht die Überschrift einer österreichischen Zeitung. Gender-Debatte: Woher kommt der Furor, wenn es um Frauenthemen geht?  Eben darum aber geht es ja nicht: Ein Gespräch über Geschlechter ist gerade keines über ein exklusives Frauenthema. Es ist nur über Jahrzehnte hinweg so geführt worden.

Anders gesagt: Eine Geschlechterdebatte, als Debatte zwischen den Geschlechtern, gibt es nicht und hat es nie gegeben. Was unter diesem Titel läuft, war und ist das Selbstgespräch einiger Frauen und weniger männlicher Stichwortgeber.

Es sieht allerdings so aus, als ob sich das in absehbarer Zeit ändern könnte. Männer jedoch, die Geschlechterthemen nicht – bequem für alle Seiten – als „Gedöns“ abtun, sondern eigene Positionen vertreten, die auch noch verlangen, gehört zu werden, und dabei nicht einmal zur Rechtfertigung auf feministische Rhetorik zurückgreifen: Solche Männer werden von einigen Frauen offenbar als widerrechtliche Eindringlinge in ihr ureigenes Territorium wahrgenommen. Als kriegerische Frauenfeinde. Als Diskursvergewaltiger.

Was dagegen hilft, ist nicht Zensur. Was helfen würde, wäre: Die Selbstverständlichkeit anzuerkennen, dass eine abweichende Meinung kein Zeichen von Hass ist. Gegen den Hass, den es gibt, gemeinsame Positionen zu formulieren – über politische Grenzen hinweg.

Wer dazu nicht bereit ist, sollte nicht behaupten, etwas gegen den Hass im Internet und anderswo unternehmen zu wollen.

Amazongate! Wie Anne Wizorek einen "Feminismus von heute" inszeniert

Der einst so erschreckende, präsidentenstürzende Watergate-Skandal ist bekanntlich mittlerweile ein wenig heruntergekommen. Erst kürzlich waren wir bei einem „Fappygate“ gelandet und dann bei einem „Dirndlgate“, also bei Aufregungen, die nur noch Eingeweihten verständlich und auch bald darauf vergessen waren. Jetzt aber kommt ein Skandal hinzu, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt, zumindest für ein, zwei Tage: Amazongate!
Die ironische Bezeichnung stammt aus einem Kommentar zu einem Artikel des Blogs Mein Senf, der sich ebenso wie ein anderer Blog-Artikel schon früh mit dem Skandal auseinandersetzte. Allerdings sind sich die Beteiligten bis heute nicht ganz einig darüber, worin nun eigentlich genau der Skandal besteht – aber dass etwas Empörendes geschehen ist, ist allen Seiten klar.
Ein „Dauersturm an Hass“ (Anatol Stefanowitsch, Berliner Linguistik-Professor). Seelenlose „Maskus“ erstürmen Anne Wizoreks Amazon-Seite. Es besteht allerdings die entfernte Möglichkeit, dass der erste Eindruck ein wenig trügt.
Was aber ist nun eigentlich passiert?
 
Anne Wizorek, nach ihren eigenen Angaben tätig im „Digital Media Consulting“, Bloggerin, Aufschrei-Initiatorin, schreibt ein Buch: Warum ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute. Das Buch wird in etablierten Medien beflissen beworben: Der Spiegel blickt auf den Aufschrei zurück und bringt bei der Gelegenheit das Buch ins Spiel, Die Zeit veröffentlicht einen als Rezension getarnten Werbetext („Ein Buch mit der Wucht von Der kleine Unterschied“), die taz ebenso, der Stern veröffentlicht ein Interview mit der Autorin, die Frankfurter Rundschau zieht mit einem eigenen Interview nach, wenn auch ein wenig spät.
Ab und zu ein paar etwas kritische Fragen im Stern, ohne weiteres Nachhaken – ansonsten aber sind die Texte so distanzlos und unkritisch, so weit von jedem Versuch einer Analyse des Buchs entfernt, als ob die Werbeabteilung von Wizoreks Verlag sie verfasst hätte. Allein Marlen Hobrack bemüht sich im Freitag um eine eigenständige Position:
„Warum sprechen wir also nicht über weibliche Diskursmacht? Sie sollte uns Mut machen. Und die Augen dafür öffnen, dass unsere Gesellschaft (deren Teil wir Frauen ja sind) eben nicht blind gegenüber Ungerechtigkeiten ist. Doch wir erleben das Gegenteil: Wir schreien, obwohl eine ruhige Debatte vonnöten wäre. Wir stürmen auf scheinbar verschlossene Vorstandstüren zu, obwohl sie längst geöffnet sind. Wir ziehen uns auf die Position wehrloser Opfer zurück, obwohl wir längst zur Selbstermächtigung fähig wären. Und wir sehen Feinde in jenen, die kein geringeres Interesse an Gleichheit (die auch gleiche Pflichten einschließt!) haben, als wir selbst: Männer.“
Dass aber der Aufschrei eher ein Medien-Hype als eine echte Graswurzel-Bewegung war, dass Analysen die Legende längst widerlegen, hier hätten zehntausend Frauen über Alltagssexismus berichtet – das spielt im Feuilleton der deutschen Qualitätspresse nirgendwo eine Rolle.
Dann aber geschieht etwas Unerhörtes.
 
Einfälle der Maskulisten Das Buch wird auch beim Großversand amazon verkauft, und der bietet Lesern die Möglichkeit, Rezensionen zu veröffentlichen. Arne Hoffmann beschäftigt sich im Unterschied zu den Rezensentinnen der Presse intensiv mit Wizoreks Buch, hält ihm aus männerpolitischer Sicht viele Fakten entgegen, schreibt eine lange, kritische Rezension und veröffentlicht sie auf der amazon-Seite, auf der das Buch angeboten wird.
 
Der zentrale Satz seiner Rezension kritisiert nicht allein einzelne Aspekte von Wizoreks Text, sondern greift seine ganze politischer Ausrichtung an:
„Wer Antisexismus ernst nimmt, würde sich für Opfer beiderlei Geschlechts einsetzen statt nur für die Opfer des eigenen.“
Die Bloggerin, Autorin und Feministin von heute Wizorek hätte nun viele Möglichkeiten gehabt, auf diese intensive Kritik zu antworten, die Sachargumente Hoffmanns elegant und wirkungsvoll zu widerlegen und so die Zukunftstauglichkeit ihres Feminismus vorzuführen.
 
Sei es, weil ihr dafür momentan die Argumente fehlten, sei es, weil sie gerade bloß die Zeit für einen kleinen Tweet bei Twitter hatte – sie entscheidet sich dann doch lieber gegen eine sachliche Auseinandersetzung. Am Morgen des Tages, an dem irgendwann schon die dritte (!) negative Rezension zu ihrem Buch bei amazon erscheinen wird, also dergestalt „von negativen Rezensionen überrollt, schickt sie entnervt und hilfesuchend eine Nachricht bei Twitter in die Welt:
Dass eine Autorin öffentlich zu positiven Rezensionen für ihr Buch bei amazon auffordert, mag ein wenig ungewöhnlich sein, ist aber ja doch verständlich angesichts der Tatsache, dass sie zuvor überhaupt keine Chance hatte, sich auch einmal mit negativen Reaktionen auf ihr Buch beschäftigen zu müssen.
Als ob aber nicht schon alles schlimm genug wäre, geschieht nun jedoch etwas wirklich Entsetzliches: Ein „Thorsten“ hat Wizoreks Tweet entdeckt und veröffentlicht ihn im „Forum Männerrechte“, also mitten im Lager des Feindes, sozusagen. Bösartig kommentiert er dann noch, mit einem Direktlink zu amazon:
„Wer Anne helfen möchte, kann das hier tun, Arne ist bereits vor einer Woche mit gutem und lesenswertem Beispiel vorangegangen.“
Anstatt dass ihre Twitter-Gefolgschaft ihr wie gewünscht beispringen würde, häufen sich nun Rezensionen auf amazon, die bei näherem Hinsehen eigentlich nicht hilfreich sind. Eine positive Rezensentin rümpft die Nase:
„Dass nun hier in den Rezensionen die Maskulisten einfallen, erschreckt — und wundert doch gleichzeitig nicht, wenn man weiß, wie sehr und mit welchen Mitteln sie gegen eine geschlechtergerechte Welt kämpfen. Gleichzeitig zeigt es aber auch, wie wichtig und notwendig das Engagement von Menschen wie Anne Wizorek ist.“
Dass gerade die Aufregung über das Buch belege, wie notwendig es doch sei, wird fortan zu einem Generalthema der Verteidiger Wizoreks. Irgendwo habe ich dazu dann den hübschen Kommentar gelesen, dass mit demselben Argument auch die Notwendigkeit von Hundehaufen auf der Straße bewiesen werden könnte.
 
Anne zwischen Nazi-Herrschaft und Kulturkampf Was aber blieb Wizorek nun übrig, angesichts der Fülle negativer Rezensionen, als eine verzweifelte Gegenwehr per Tweet:
Unglücklicherweise könnte das nun uninformierten Beobachtern durchaus ein wenig anstößig erscheinen: Eine Autorin ruft nicht nur öffentlich zu Gefälligkeitsrezensionen auf, sondern fordert auch dazu auf, positive Rezensionen bei amazon positiv zu bewerten und kritische abzuwerten. Eine naheliegende Folge davon wäre dann übrigens, dass die intensive sachliche Auseinandersetzung Arne Hoffmanns mit ihrem Buch aus dem Blick verschwinden würde.
Da das einigen etwas, wie soll ich sagen, etwas problematisch erscheinen mag, sieht sich Wizorek offenbar zu einer Erklärung veranlasst.
Dass „Maskus“ – also Leute, für die Geschlechtergerechtigkeit sich aus irgendwelchen Gründen nicht auf Frauenrechte beschränkt – zur Hetze gegen ihr Buch aufrufen, belegt Wizorek mit einem englischen Blogeintrag. Der wiederum führt als Beleg genau eine Verlinkung zu amazon an – die bereits zitierte von „Thorsten“, in der er Wizoreks Aufruf zu Gefälligkeitsrezensionen verlinkt (dazu noch einen weiteren Kommentar von ihm im Forum Männerrechte, in dem er darauf hinweist, dass Wizoreks Buch auch bei google-Books gelesen werden könnte).
Das nun ist eigentlich durchaus amüsant und, wenn wohl auch aus Versehen, regelrecht tiefgründig: Der einzige Nachweis, den Wizorek für die Behauptung hat, „Maskus“ würden gezielt zur schlechten Bewertung ihres Buches aufrufen, ist ausgerechnet – ihr eigener Tweet, der zu positiven Bewertungen aufruft und der in einem einzigen Forum ironisch zitiert wurde.
Sonst: nichts. Ich habe auch im berüchtigten wgvdl-Forum nachgesehen, in das ich mich sonst recht selten verlaufe – auch dort gibt es keine Aufrufe zu schlechten Rezensionen. Gleichwohl hat Wizorek erfolgreich eine Legende begründet. Selbst ein Kommentator, der die Autorin deutlich kritisiert, schreibt:
„Gleichwohl finde ich es auch nicht richtig, dass in verschiedenen Foren von – nennen wir sie mal frauenfeindlichen – Kreise dazu aufgerufen wird, negative Rezensionen über das Buch zu schreiben.“
Gerne nehme ich Hinweise entgegen, um welche Foren es sich dabei handelt, und leite sie weiter.
Nun endlich springen viele Wizorek beherzt bei. Dass unangenehm viele Verteidiger Wizoreks offen eingestehen, ihr Buch gar nicht zu kennen, spielt natürlich keine Rolle, wenn es um die gute Sache geht – schließlich kennen es manche Kritiker ja auch nicht. Eine „Hasskampagne“ gegen ihr Buch entlarvt beispielweise der Berliner Lingusitik-Professor Anatol Stefanowitch und stellt mit deutlichem Bezug zum Nazi-Gerede vom „Weltjudentum“ klar, dass die Kritiker wie Nazis gegen ein „Weltfrauentum“ kämpfen würden.
 
Nein, es geht natürlich keine Nummer kleiner – wie auch?
 
In der gewohnt besonnenen und faschismusfernen Sprache des Sprachwissenschaftlers klingt das dann übrigens so: Männer würden
„sich auf allen Kanälen zusammenrotten und einen lauten Dauersturm an Hass, Drohungen und Lügen veranstalten“.
Es ist, wenn ich das persönlich mal anmerken darf, eine große Erleichterung für mich zu wissen, dass es in Deutschland Professoren gibt, die so beherzt für Demokratie und Meinungsfreiheit eintreten.
Dem Blogger Sascha Pallenberg, der Wizorek kritisiert und ihr Buch doch glatt „sprachlich einfach fuerchterlich platt und naiv“ findet, entgegnet der Blogger und Journalist Michael Seeman beherzt:
„du machst dich mal wieder zu horst. nicht nur, dass das, was dort aufläuft keine rezensionen sind (die meisten negativbewertungen haben das buch nicht gelesen), sondern ein kulturkampf, nein, du stellst dich hier auf die falsche seite dieses kulturkampfes.“
Das ist ganz derselbe Seemann, der „Maskus“ auch schon mal als „ideologische dummbratzen, die menschenverachtenden hass mit brachialer idiotie verbinden“, bezeichnet, und der die Situation ebenso eindrucksvoll wie Stefanowitsch historisch einordnen kann:
„ich halte die nazi- und masku-mobs im internet übrigens für die größere freiheitseinschränkung im internet als die nsa-überwachung.“
So klar wird alles, wenn man nur auf der richtigen Seite steht. Kein Wunder übrigens, dass Seemann um Kultur kämpft, wenn er auch unglücklicherweise nicht bemerkt, dass er diesen Kampf schon vor recht langer Zeit verloren hat.
 
Immerhin ist das Amazongate damit zwischen Nazi-Herrschaft, Kulturkampf und NSA-Überwachung überzeugend und bleibend in seiner geschichtlichen Dimension erfasst.
Von dem, was verschwindet Aber jetzt einmal ganz im Ernst. Die krankhafte rhetorische Aufrüstung, die sich bei Semann, Stefanowitsch und anderen – auch auf der Seite der Kritiker Wizoreks – findet, hat eigentlich nur eine Konsequenz: nämlich die, dass sachliche Kritik völlig untergeht.
Auf amazon hat sich zu dem Zeitpunkt, zu dem ich den Text hier schreibe, ein unwürdiger Wettstreit entwickelt, bei dem auf der einen Seite Unterstützer Wizoreks versuchen, das Buch aufzuwerten, während Kritiker versuchen, die Bewertung niedrig zu halten. Die vorangehende Lektüre des Textes ist dabei Akteuren hier wie dort nicht so wichtig. „Kindergarten von allen Seiten“ – kein Wunder, dass bei dem bereits zitierten Blogger severin tatarczyk dieser Eindruck hängenbleibt.
Immerhin gibt es mittlerweile einige ironische, überzogen positive Reaktionen, die diese Dynamik unterlaufen. Ähnliche Ironie findet sich auf der anderen Seite nicht.
Nützlich kann dieser verbissene Freund-Feind-Clash nur für die Autorin sein. Sie bringt ihr Buch ins Gespräch, und sie vermeidet eben die Ebene der Auseinandersetzung, auf der sie allem Anschein nach keine Chance hätte: nämlich die Ebene der sachlichen Diskussion. Es mag sein, dass ihr dieser inszenierte Schaukampf auf amazon daher auch sehr recht ist.
Was dabei verschwindet, ist nicht nur die Möglichkeit, mit sachlicher und ruhiger Kritik Gehör zu finden. Was verschwindet, ist insbesondere der Versuch, eine Geschlechterdebatte zu führen, die nicht von Klischees geprägt ist, die Männer nicht als gewalttätige Herrscher, Frauen nicht als unschuldige Opfer präsentiert.
Eben die Inszenierung einer erhitzen Konfrontation verhindert wieder und wieder eine solche Öffnung der Debatte. Kai Vogelpohl dazu auf Genderama:
„Es ist ein Clash von Feministinnen und Gendergegnern aller Couleur. Die haben schon den Aufschrei mit hochgehyped, ohne es zu wollen, nun passiert es bei Wizoreks Buch noch mal.“
Hetzer wie Seemann oder Stefanowitsch machen dabei unweigerlich den Eindruck, sich nach Feinden zu sehnen, denen sie Nazismus, Hass und Gewalt nachsagen können. Als würden die Beteiligten traditionelle Geschlechterrollen gezielt persiflieren, stehen dann Frauen wie Wizorek als potenzielle Opfer dieser Unholde da, die nur durch den beherzten Einsatz der männlichen Helden gerettet werden können.
 
Und gegen solche Feinde ist natürlich alles erlaubt.
Dabei wäre eigentlich etwas ganz anderes wichtig, nämlich eine Perspektive, die Abstand nimmt von solchen Inszenierungen der Feindschaft. Es geht nicht darum, das Narrativ der Frauenunterdrückung durch eines der Männerunterdrückung zu ersetzen – aber darum, deutlich zu machen, dass es spezifische Benachteiligungen von Männern und Jungen gibt.
 
Männer, die in vielfach höherer Zahl als Frauen drogensüchtig sind oder sich selbst töten, zum Beispiel. Jungen, die in der Schule flächendeckend zurückfallen. Väter, die ihre Kinder nicht mehr sehen, weil sie die falsche Geschlechtszugehörigkeit haben. Männer, die häusliche Gewalt erleben, aber anders als Frauen keine Lobby und keine Hilfsangebote haben.
Ein Feminismus wie der Wizoreks hat zu solchen und anderen Problemen offenkundig nichts zu sagen – er wiederholt ganz einfach Klischees, die diese Probleme verdecken, statt sie zu lösen. Es ist ein Feminismus, der sich nicht weiter entwickelt hat, der seine Perspektive nicht ändern kann und der als ernstzunehmende emanzipatorische Bewegung seit vielen Jahren tot ist.
Er wandert gleichwohl weiter durch die Lande, aufrecht erhalten durch seine Verankerung in Institutionen und durch mediale Inszenierungen, die zwanghaft immer wieder dieselben Freund-Feind-Muster repetieren. Ein politischer Zombie.
Eine narzisstische Inszenierung wie die Wizoreks wäre noch durchaus erträglich, wenn sie – wie die Seite Meedia mutmaßt – einfach nur „gute Publicity“ für ihr Buch generieren würde. Dabei aber bleibt es nicht. Sie verdeckt eben auch enorm viel Leid – Leid, das durchaus gelindert werden könnte.
Es könnte aber eben nur gelindert werden, wenn mehr Menschen darauf aufmerksam würden – und wenn sie ihre Aufmerksamkeit von Inszenierungen abzögen, wie sie Wizorek, Stefanowitsch und andere wieder und wieder öffentlich aufführen.

Fantasien der Entseuchung (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? – Kleine Materialsammlung)

 
„Ich fühle, was ich fühle: Männerhass, diese unbeständige Mischung aus Mitleid, Verachtung. Ekel, Neid, Entfremdung, Furcht und Wut auf Männer … für die Männer, mit denen Frauen ihr Leben teilen – Ehemänner, Liebhaber, Freunde, Väter, Brüder, Söhne, Arbeitskollegen.“ (Judith Levine, Autorin und politische Aktivistin) (1)
Mit dem Hass, den Levine hier beschreibt, steht sie nicht allein. Bei einer Sammlung von entsprechenden Zitaten ist es schwer, die Menge der Zitate zu begrenzen – Zitate zu finden ist hingegen leicht.
 
Dieser Text ist eine Premiere. Bei der Vorbereitung des Textes über Männerhass bin ich auf so viele Belege gestoßen, dass ich das Vorhaben aufgab, sie im Text selbst einzubauen. Stattdessen liste ich sie hier auf, als kommentierte Materialsammlung, die sich auf den deutschen und englischen Sprachraum beschränkt. Auch mit dieser Einschränkung wären deutlich mehr Zitate möglich gewesen.
Es lässt sich heute nicht mehr völlig nachvollziehen, wie eigentlich der Eindruck entstanden sind, öffentliche Darstellungen von Männern seien manchmal erheblich verzerrt.

Zum ersten Mal veröffentliche ich damit zwei Texte gleichzeitig, zwei aufeinander bezogene Texte. Besonders interessant war für mich bei dieser kleinen Materialauswahl, dass die Zitate nicht von Internet-Trollen stammen, sondern fast ausschließlich von Frauen, die in staatlichen, akademischen oder politischen Institutionen sehr gut etabliert waren oder sind.

Männer als Tiere. Oder weniger. Ein beliebtes Motiv, das aus ganz unterschiedlichen Richtungen wieder und wieder variiert wird, ist das der Männer als tierischen, zurückgebliebenen, jedenfalls nicht menschlichen Wesen.

„Einen Mann ein Tier zu nennen bedeutet, ihm zu schmeicheln; er ist eine Maschine, ein wandelnder Dildo.“ (Valerie Solanas, Autorin von SCUM) (2)
Solanas ist ein Extrembeispiel, und es ist möglich, es bei einem Zitat – von gewiss hundert möglichen – zu belassen. Es gibt schließlich  noch genügend andere, die sich zitierenswert geäußert haben.
„Ich glaube, dass Frauen eine Fähigkeit zum Verständnis und Mitleid haben, die die ein Mann strukturell nicht hat – nicht hat, weil er sie nicht haben kann. Er ist dazu einfach unfähig.“ (Barbara Jordan, für den Staat Texas im Repräsentantenhaus) (3)
Diese Einschätzung gilt über Ländergrenzen hinweg:
„Während die Frau sich ständig weiterentwickelt, heute alle Wesenszüge und Rollen in sich vereint, männliche und weibliche, und sich in allen Bereichen selbst verwirklichen kann, blieb der Mann auf seiner Entwicklungsstufe stehen. Als halbes Wesen. (…) Er ist weiterhin nur männlich und verschließt sich den weiblichen Eigenschaften wie Toleranz, Sensibilität, Emotionalität. Das heißt, er ist – streng genommen – unfertig und wurde von der Evolution und dem weiblichen Geschlecht überholt.“ (Cornelia Piper, ehemalige Generalsekretärin der FDP, im Interview mit der Bunte im Jahr 2007 als stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei)
Das Bild der Männer als Tiere lässt sich jedenfalls politisch gut verwenden, schließlich können Tiere ja gefährlich werden:
„Auffällig viele wütende Männer habe diese digitale Öffentlichkeit für sich entdeckt: Sie schließen sich in Horden zusammen, um gezielt auf einzelne Personen loszugehen (…).“ (Anna-Katharina Meßmer, Aufschrei-Initiatorin, Christina Schildmann, verantwortliche Redakteurin der Friedrich Ebert Stiftung, Die Zeit 12.9.2014)
Dass sich Männer nicht einfach nur wie Affen in Horden zur Jagd zusammenschließen, sondern vielleicht manchmal ganz vernünftige Argumente haben  dieser Gedanke erscheint dort regelrecht absurd. Wieso auch immer.
 
 
Männer als Vergewaltiger Natürlich bedeutet das auch, dass Männer gewalttätig sind – und dass sie vergewaltigen: 
„Unter den Bedingungen des Patriarchats ist der Sohn einer jeden Frau ihr möglicher Verräter und zugleich unausweichlich der Vergewaltiger oder Ausbeuter anderer Frauen.“ (Andrea Dworkin, Autorin) (4)
Ich habe schon mehrfach gehört oder gelesen, es sei eine Legende, dass im Feminismus alle Männer als – potenzielle – Vergewaltiger betrachtet würden. Nun…
„Vergewaltigung ist nicht mehr und nicht weniger als ein bewusster Prozess der Einschüchterung, mit dem alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Furcht halten.“ (Susan Brownmiller, Journalistin und Autorin von Against Our Will) (5)
Gut, das war aus einem Klassiker zum Thema Vergewaltigung. Aber gewöhnliche Autorinnen würden so nicht reden, oder?
„Und wenn man den Berufsvergewaltiger vom durchschnittlichen dominanten heterosexuellen Mann unterscheiden soll, wird man hauptsächlich einen quantitativen Unterschied feststellen.“ (Susan Griffin, Autorin und Emmy-Gewinnerin) (6)
Zumindest keine richtig berühmten Autorinnen, oder….?
„Solange einige Männer physische Gewalt gebrauchen, um Frauen zu unterwerfen, müssen es nicht alle Männer tun… Er kann die Frau schlagen oder töten, die er zu lieben behauptet; er kann Frauen vergewaltigen…Die große Mehrheit der Männer in der Welt begeht eine oder mehrere der obigen Handlungen.“ (Marilyn French, Autorin, Dozentin, Beraterin Al Gores) (7) 
Sehr schön und elegant abschließend bringt das folgende Zitat die bisherigen Motive auf den Punkt: Männer als Gewalttäter, als herrschaftsfixiert – und als irgendwie widerlich.
„Heterosexualität ist die eingefleischte Gewohnheit, durch die Institutionen der männlichen Vorherrschaft ihren eigenen Bestand und ihre Kontrolle über uns sicherstellen. Frauen werden gehalten, unterhalten und eingegrenzt durch Terror, Gewalt und das Verspritzen von Samen.“ (Cheryl Clarke, Autorin, bis 2013 Dozentin und Studiendekanin an der Rutgers University, New Jersey) (8)
Kein Wunder, dass gegenüber diesen halb-tierischen Wesen auf der Definitionsmacht bestanden werden muss – würden Männer ihr Verhalten selbst beurteilen wollen, könnte ja wer weiß was dabei herauskommen:
„In politischer Hinsicht bezeichne ich es als Vergewaltigung, wann immer eine Frau Sex hat und sich verletzt fühlt.“ (Catharine MacKinnon, Philosophin, Professorin an der University of Michigan) (9)
Das könnte jetzt noch länger so weiter gehen, aber ich glaube, die Idee ist deutlich geworden.
 
 
Männer sind zu viele Natürlich muss da etwas getan werden – irgendwie scheint es schließlich im Interesse aller zu sein, den Anteil der Männer an der Weltbevölkerung zu reduzieren. Eine erstaunlich langlebige Idee übrigens, die immer wieder aufgewärmt wird. Zwei Beispiele:
„Wenn das Leben auf diesem Planeten überleben soll, muss es eine Entseuchung der Erde geben. Ich denke, das wird von einem evolutionären Prozess begleitet sein, der in einer drastischen Reduktion des männlichen Bevölkerungsanteils mündet.“ (Mary Daly, Philosophin, Theologin, Professorin am Boston College) (10)
Zu einem Auftritt von Mary Daly im Frankfurter Bürgerhaus Bornheim, Ende der Neunziger Jahre, schreibt Antje Schrupp übrigens:
„Wie ein Popstar kam sie damals auf die Bühne, umjubelt von Hunderten von begeisterten Frauen, die ohne jede kritische Nachfrage jedes Wort von ihr in sich aufsogen.“
Daly bezieht sich mit ihrem Ausspruch zur Verbesserung der weltweiten Bevölkerungsstruktur auf ein Zitat von Sally Miller Gearhart, das ein zweites Beispiel in diesem Teil ist. Mehrere andere könnten folgen:
„Der Anteil der Männer muss reduziert und bei einem Anteil von 10 % der Menschheit gehalten werden.“ (Sally Miller Gearhart, Autorin, Professorin an der San Francisco State University) (11)
 
Männliches Leid ist halbes Leid. Oder weniger. Diese Reduktion des Männeranteils kann dem unbefangenen Beobachter nur auf den ersten Blick schlimm erscheinen. Tatsächlich ist es ein weiteres durchgängiges Motiv vieler Zitate, dass männliches Leid – aus was für Gründen auch immer, jedenfalls natürlich ganz gewiss aus guten – nicht unbedingt ernst genommen werden muss. Es tritt sich fest.
„Wer fälschlich [der Vergewaltigung] beschuldigt wird, erlebt eine Menge Schmerz, aber es ist kein Schmerz, den ich ihm unbedingt erspart hätte. Ich denke, dass er idealerweise einen Prozess der Selbsterkundung initiiert: ‚Wie sehe ich Frauen’ ‚Wenn ich ihr keine Gewalt angetan habe, hätte ich es tun können?‘ Das sind gute Fragen.” (Catherine Comins, stellvertretende Studiendekanin am Vassar College) (12)
Aber auch dieses Motiv hat sich längst länderübergreifend etabliert:
„Benachteiligungen von Männern aufzeigen und beseitigen – dies ist nicht unser politischer Wille.“ (Die Grünen im Stadtrat Goslar nach dem Hinauswurf Monika Ebelings als Gleichstellungsbeauftragte. Ebeling wurde entlassen, weil sie sich auch um die Belange von Männern gekümmert hatte.)
Gerade erst einige Wochen alt und schon jetzt ein Klassiker:
„Ich bade in Männertränen.“ (Jessica Valenti, als Autorin für The Washington Post, The Nation, The Guardian und andere eine der erfolgreichsten Journalistinnen weltweit, im Sommer 2014 in einem Urlaubsgruß an ihre Fans)
Ein anderer Klassiker ist folgendes Zitat, bei dem ich nie genau weiß, ob es eigentlich tatsächlich die Missachtung ausdrücken soll, die es ausdrückt – oder ob Clinton sich nicht einfach sehr unglücklich ausgedrückt hat. Zumindest habe ich jedes Mal, wenn ich es lese, ein unbestimmtes „Kann man wirklich so blöd sein?“-Gefühl.
„Frauen waren immer schon die vorrangigen Opfer des Krieges. Frauen verlieren ihre Ehemänner, ihre Väter, ihre Söhne im Kampf. Frauen müssen oft aus dem einzigen Heim fliehen, das sie jemals kannten.“ (Hillary Clinton, ehemals US-amerikanische Senatorin und Außenministerin) (13)
 
Männer als Herrscher Es gibt ein Meta-Motiv, das gleichsam alle anderen Motive legitimiert – die Rede von männlicher Herrschaft. Wer Herrscher ist, braucht keine Rechte, er holt sich ja ohnehin, was er braucht. Er hat kein Mitleid verdient, im Unterschied zu den Menschen, die er unterdrückt. Egal, was ihm geschieht – es geschieht ihm Recht.
„Das feministische Bewusstsein ist das Bewusstsein davon, zum Opfer gemacht zu werden…sich einer fremden und feindseligen Gewalt außerhalb des eigenen Selbst bewusst zu sein… Für manche Feministinnen ist diese feindselige Gewalt die ‘Gesellschaft’, oder das ‘System’; für andere ganz einfach Männer.“ (Sandra Bartky, Professorin für Philosophie und Gender Studies an der University of Illinois) (14)
Irgendwie gibt es ja schließlich ein Recht auf Hass, oder? Die Vorstellung übrigens, dass dieses Recht auf Hass nur von wenigen schrägen, kranken Außenseiterinnen wie Solanas eingeklagt wird, lässt sich offenkundig nicht halten. Ein Großteil der Zitate hier stammt schließlich, wie eingangs schon erwähnt, von sehr gut etablierten, akademisch gebildeten und institutionell abgesicherten Frauen. 
„Ich glaube dass Männerhass ein ehrenhafter und brauchbarer politischer Akt ist, dass die Unterdrückten das Recht zum Klassenhass gegen die Klasse haben, von der sie unterdrückt werden.“ (Robin Morgan, Autorin, Herausgeberin des Ms-Magazins) (15)

 

Ich habe die englischen Zitate selbst übersetzt. Hier sind die Originale:

(1) “I feel what they feel: man-hating, that volatile admixture of pity, contempt, disgust, envy, alienation, fear, and rage at men … for the men women share their lives with – husbands, lovers, friends, fathers, brothers, sons, co-workers.”

(2) “To call a man an animal is to flatter him; he’s a machine, a walking dildo.”

(3) “I believe that women have a capacity for understanding and compassion which man structurally does not have, does not have it because he cannot have it. He’s just incapable of it.”

(4) “Under patriarchy, every woman’s son is her potential betrayer and also the inevi­table rapist or exploiter of another woman.”

(5) “[Rape] is nothing more or less than a conscious process of intimidation by which all men keep all women in a state of fear.”

(6) “And if the professional rapist is to be separated from the average dominant heterosexual [male], it may be mainly a quantitative difference.”

(7) “As long as some men use physical force to subjugate females, all men need not … He can beat or kill the woman he claims to love; he can rape women … the vast majority of men in the world do one or more of the above.”

(8) “Heterosexuality is a die-hard custom through which male-supremacist institutions insure their own perpetuity and control over us. Women are kept, maintained and contained through terror, violence, and spray of semen.”

(9) “Politically, I call it rape whenever a woman has sex and feels violated.”

(10) “If life is to survive on this planet, there must be a decontamination of the Earth. I think this will be accompanied by an evolutionary process that will result in a drastic reduction of the population of males.”

(11) “The proportion of men must be reduced to and maintained at approximately 10% of the human race.”

(12) “[The falsely accused] have a lot of pain, but it is not a pain that I would necessarily have spared them. I think it ideally initiates a process of self-exploration. ‘How do I see women?’ ‘If I did not violate her, could I have?’ … Those are good questions.”

(13) “Women have always been the primary victims of war. Women lose their husbands, their fathers, their sons in combat. Women often have to flee from the only homes they have ever known.”

(14) “Feminist consciousness is consciousness of victimization … to be aware of an alien and hostile force outside of oneself … For some feminists, this hostile power is ‘society’, or ‘the system’; for others, it is simply men.”

(15) “I feel that ‘man-hating’ is an honorable and viable political act, that the oppressed have a right to class-hatred against the class that is oppressing them.”

Übernommen habe ich einen großen Teil dieser Zitate, wenn nicht anders nachgewiesen, aus zwei Seiten von Frankly, No.

Jedes Zitat ist dort mit Quelle angegeben und verlinkt. Auch eine dritte Seite von Frankly, No ist interessant, auf der bekannte misandrische Hass-Zitate in ihren Kontext gestellt und dabei tatsächlich manchmal entschärft werden. Es gibt so viele Zitate, die Männerfeindlichkeit – nicht nur unter Feministinnen – belegen, dass es nicht nötig ist, auf unbelegte oder entstellte Äußerungen zurückzugreifen.

Vom praktischen Wert der Männertränen (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? Teil 2)

Möglicherweise klingt es übertrieben, über Männerhass zu schreiben – anstatt über Wut, über Ressentiments, über Vorurteile, also über irgend etwas weniger Dramatisches und Plakatives.
 
Es ist nicht  übertrieben. Und natürlich wollte ich diesen Text auch mit vielen Belegen dafür versehen. Ich habe dann aber so viele gefunden, dass sie den Umfang gesprengt hätten und ich eine Auswahl in eine kleine Materialsammlung ausgelagert habe, die ich gleichzeitig veröffentliche.
 
Natürlich geht es dabei nicht um die Behauptung, dass alle Frauen Männer hassen würden – die wäre ebenso ressentimentgeladen wie die Unterstellung, alle Männer würden Frauen hassen. Und natürlich gibt es auch einen Männerhass von Männern selbst, beispielsweise den Hass auf Homosexuelle. Dass er hier nicht das Thema ist, leugnet ihn nicht.
 
Ich unterstelle auch nicht, dass alle Feministinnen Männer hassen würden. Allerdings geht es mir darum, dass der Hass offenkundig ein integraler Bestandteil des Feminismus war und ist. Wenn Emma Watson sich in der im ersten Teil zitierten Rede gegen diese Feststellung verwahrt und sich dabei auf eine realitätsferne Lexikondefinition zurückzieht, ist das zu wenig.
Wer dann auch noch flennt, soll sich nicht darüber wundern, dass er für die Badewasserproduktion verwendet wird.

Nach Watson ist es höchste Zeit, dass Menschen aufhören, Feminismus mit Männerhass zu assoziieren. Das Gegenteil ist der Fall. Es ist höchste Zeit, dass seine Vertreterinnen und Vertreter sich ehrlich damit auseinandersetzen, wie bedeutend der Hass in all seiner Destruktivtät und Niedrigkeit für den Feminismus war und ist.

 
Sollte ein humaner Feminismus möglich sein, dann nur auf diesem Weg. Billiger ist er nicht zu haben.

„Hass ist nur da mies, wo er grundlos oder fehlgeleitet ist. (…) Wer den Hass abschaffen will, muss die Gründe zum Hass abschaffen! Wer etwas gegen Männerhass hat, muss gegen die Frauenunterdrückung kämpfen!“
Wer wie Alice Schwarzer hier den miesen und grundlosen Hass vom guten Hass mit guten Gründen unterscheidet, steht dabei vor einem ernstzunehmenden Problem: Wer hasst, hat ohnehin immer das Gefühl, dass der eigene Hass begründet sei. Schließlich gehört es zum Hass, sich dessen Objekt in einer Weise vorzustellen, die ihn legitimiert – als gewalttätig, als schmutzig, verdorben, unmoralisch, als herrschsüchtig, als gefährlich, und natürlich selbst als hasserfüllt.

Gerade die Unterstellung, dass die Objekte des Hasses Herrscher – Weltherrscher, Weltverschwörer, Hegemone – wären, erfüllt dabei eine zentrale Funktion. Wer herrscht, braucht schließlich kein Mitgefühl und keine Rechte, weil er sich ja ohnehin beschaffen kann, was er will. Die Vorstellung des Feindes als Herrscher schließt die eigenen Reihen zum angeblich so dringenden Widerstand zusammen – sie eliminiert Selbstkritik, die ja doch dem Feind in die Hände spielen würde – und sie enthebt die Mitglieder der eigenen Gruppe moralischer Skrupel.

Es gehört daher zum politischen und sozialen Hass traditionell dazu, sich den Feind als Herrscher vorzustellen. Antisemiten fantasieren eine „jüdische Weltverschwörung“, weiße Rassisten eine Zerstörung der „weißen Rasse“ durch die Schwarzen, Fremdenfeinde sind fixiert auf die Idee der Überfremdung des eigenen Landes, Nationalisten und Kriegstreiber sind davon überzeugt, dass die feindliche Nation die eigene zumindest unterjochen, wahrscheinlich aber zerstören will.

Hass lässt sich also eben nicht durch die Idee legitimieren, dass die Objekte dieses Hasses Herrscher und Unterdrücker wären: Diese Vorstellung ist nämlich selbst traditionell ein wesentliches Element des politischen Hasses.

Ist Obdachlosigkeit eine Form der Herrschaft? Das gewöhnliche feministische Argument gegen solche Überlegungen ist, dass Rassisten oder Antisemiten mit Phantasien und Projektionen arbeiten würden, dass aber die Rede vom „Patriarchat“, von der „Männerherrschaft“ doch unbezweifelbar durch Tatsachen gestützt sei. Schließlich ist es offenkundig, dass ein weit überwiegender Großteil der Machtpositionen in Politik und Wirtschaft von Männern besetzt ist.

Dieses Argument ist bestenfalls auf den ersten Blick haltbar. Die meisten Männer sind von Machtpositionen  ebenso weit entfernt wie die meisten Frauen. Die gefährlichsten Berufe sind durchweg Männerberufe, Obdachlose sind zum weitaus größten Teil Männer, Männer sind im Schnitt dreimal häufiger als Frauen drogensüchtig, sie begehen auch dreimal so oft Selbstmord, im Sorge- und Umgangsrecht haben Männer deutlich schlechtere Chance als Frauen. Männer sterben im Schnitt sechs Jahre früher als Frauen, Jungen haben in der Schule einen deutlich schlechteren Stand als Mädchen. Allein über die öffentlichen Kassen fließen nach Berechnungen von MANNdat pro Jahr fast 92 Milliarden Euro von Männern zu Frauen. Neben einer unüberschaubaren Menge an Institutionen zur Frauen- und Mädchenförderung finden sich kaum Institutionen, die Männern oder Jungen bei spezifischen Problemen helfen würden.

 Angesichts solcher Daten, die noch durch viele andere ergänzt werden könnten, ist die Rede vom „Patriarchat“ bestenfalls uninformiert, eigentlich aber zynisch und propagandistisch.

Wenn die Daten überhaupt einen gemeinsamen Schluss erlauben, dann den, dass Männer im Schnitt deutlich riskantere Leben führen als Frauen, aus welchen Gründen auch immer. Wer vom „Patriarchat“ redet, ist dann ganz auf die wenigen Männer fixiert, für die sich das Risiko auszahlt, nimmt aber wohl selbst in diesen Fällen allein den Gewinn und nicht den dafür nötigen Einsatz wahr.

 
Er übersieht zugleich den Großteil der Männer, für die sich das Risiko nicht auszahlt oder die ernsthaften Schaden erleiden: eine sehr traditionelle Sichtweise auf Männer, die nur sehr wenige Gewinner wahrnimmt und alle anderen ignoriert.

Wer vom „Patriarchat“ oder einer „Männerherrschaft“ redet, fantasiert also das eigene, traditionelle Männerbild in die Strukturen der Gesellschaft hinein. Eben hier ist auch die Nähe zum Rassismus, zum Antisemitismus, zur Fremdenfeindlichkeit deutlich – die Verhärtungen und Widersprüche der eigenen Position werden nicht reflektiert, nicht als Teile der eigenen Perspektive wahrgenommen, sondern als Eigenschaft der „Feinde“ bekämpft.

Als Faustregel lässt sich das wohl so ausdrücken: Politischer und sozialer Hass hat mit dem, der hasst, immer sehr viel mehr zu tun als mit dem, der gehasst wird. Der hat dann allerdings in aller Regel die Folgen dieses Hasses zu tragen.

 
 
Wie Hass sich die Realität schafft, die zu ihm passt So lässt sich auch die Vorstellung nicht halten, dass Männerhass im Unterschied zum Fremdenhass, zum Judenhass, zum Rassenhass, auch zum Frauenhass auf einer realen sachlichen Grundlage basiere: Männer seien nun einmal, LEIDER, Vergewaltiger, Unterhaltspreller, Rabenväter, häusliche Gewalttäter etc. Das übersieht schon, dass Rassisten und Antisemiten natürlich in gleicher Weise ganz davon überzeugt sind, tatsächlich etwas über die Realität auszusagen und nicht nur Klischees zu reproduzieren.

In jedem Fall ist diese „Realität“ Resultat einer extrem selektiven Wahrnehmung – die soziale Wirklichkeit wird beständig gescannt nach Bestätigungen des eigenen Ressentiments, während die Masse der Informationen, die dem Bild widerspricht, ausgeblendet bleibt. Der Hass schafft sich die Wirklichkeit, die zu ihm passt.

Schon in den weitgehend alltäglichen Beispielen aus dem ersten Teil dieses Artikels wird das deutlich. Schrupp beispielweise formuliert zwar extrem harte Urteile über die Väterbewegung, ist aber an dieser Bewegung tatsächlich überhaupt nicht interessiert. Sie unterstellt ihr ohne Beleg unlautere Motive und verwendet diese Unterstellungen dann als Belege für ihre ohnehin immer schon feststehende Meinung.

In Maischbergers Talkshow sitzt Bräunig als Einziger nicht von Anfang an dabei, gehört nicht zur echten Gesprächsrunde dazu, sondern wird erst spät dazugebeten. Seine Meinung zu den anderen ist nicht gefragt, seine eigenen Fragen werden nicht beantwortet. An dem, was er selbst sagt, interessiert die Moderatorin nur das, was zu dem schon vorher festgelegten Motiv passt: Rabenväter, die den Staat jährlich viele Millionen kosten. Bräunig ist als Fallbeispiel dabei, nicht als Gesprächspartner – und so wird er als Repräsentant vieler Väter aufgebaut.

Im Unterschied zu den vielen Beispielen offenen Hasses, die ich in der Vorbereitung auf diesen Text gefunden und in der kleinen Auswahl zusammengefasst habe, wirkt Maischbergers Verhalten sogar noch relativ alltäglich. Möglicherweise ist aber der Hass auf Männer so sehr zu einer medialen Normalität geworden, dass er als Hass gar nicht mehr auffällt.

 
Beunruhigend ist es ja insbesondere, dass die in der Auswahl gesammelten Beispiele nicht etwa von anonymen Internet-Trolls stammen, aus der wilden Welt des Netzes, gegen die sich etablierte Medien gern rituell abgrenzen – sondern fast durchweg von Frauen, die sich erfolgreich in politischen und sozialen Institutionen etabliert haben.

Was wäre aber wohl geschehen, wenn einer der weltweit erfolgreichsten männlichen Journalisten per Twitter an Hunderttausende seiner Anhänger ein Bild verschickt hätte mit dem strahlend dargeboteten Spruch „Ich bade in Frauentränen“? Es ist kaum vorstellbar, dass das für ihn folgenlos geblieben wäre. Wenn ein solcher Spruch aber von Jessica Valenti gegen Männer gerichtet wird, nehmen viele die offen vorgeführte Freude am Leid anderer gar nicht als Problem wahr und ratonalisieren sie notfalls als „Ironie“. 

Wie ist es aber möglich, dass eine so öffentlich vorgeführte, bittere soziale Feindschaft zur Normalität werden kann?

Natürlich spielen auch hier gewohnte Geschlechterklischees eine Rolle. Wer Frauen als grundsätzlich soziale, liebe Wesen wahrnimmt, traut ihnen keinen Hass zu – wer sie als grundsätzlich harmlose Wesen wahrnimmt, findet ihren Hass eher niedlich als beunruhigend. Wer Sprüche wie die Valentis als „Ironie“ beschreibt, blendet das reale Leid von Männern aus und baut darauf, dass richtige Männer eigentlich nicht weinen.

Wer Männerhass unproblematisch findet, bewegt sich damit ganz im Rahmen traditioneller, verhärteter Geschlechterbilder.

Das erklärt aber noch nicht, warum denn eigentlich eine solche erbitterte soziale Feindschaft so erfolgreich sein kann. Schließlich haben wir aus der Auseinandersetzung mit Ideologien der Feindschaft viel gelernt – aus der Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus, Faschismus, Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, auch mit dem totalitären Kommunismus.

Wir wissen, dass es fatal ist, Individuen nur noch als Teile von Gruppen wahrzunehmen und ihnen nur dann Rechte zuzusprechen – oder sie eben zu verweigern.

Wir wissen, dass es fatal ist, diese Gruppen dann auch noch moralisierend nach einfachen Schwarz-Weiß-Mustern zu ordnen: die Guten und die Bösen, die Sozialen und die Asozialen, die Friedfertigen und die Gewalttätigen, die Unterdrückten und die Herrschsüchtigen, die Zivilisierten und die Barbaren, die Vernünftigen und die Instinktgesteuerten, die Aufbauenden und die Destruktiven, die Moralischen und die Monstren, wir und die.

Wir wissen, dass es fatal ist, angesichts einer solchen Fantasie des erbitterten Krieges unterschiedlicher Gruppen allgemeine, universelle Menschenrechte oder basale gemeinsame Interessen zurückzustellen.

Und schon Schulkinder lernen, dass diese Freund-Feind-Strukturen Sündenböcke produzieren, die benutzt werden, um von der Verantwortung für reale politische Konflikte und Probleme abzulenken.

All das wissen wir, und all das spielt plötzlich keine Rolle mehr, wenn es nicht um Rassismus oder Fremdenhass, sondern um Männerhass und Feminismus geht. Dann erscheinen die primitiven Gut-Böse-Strukturen, deren Destruktivität uns doch eigentlich vollkommen bewusst ist, plötzlich als Ausweis einer progressiven, menschenfreundlichen Gesinnung. Was soll das?

Vom Bedürfnis nach Antihumanität Humanität und Achtung der universellen Menschenrechte sind für uns Selbstverständlichkeiten. Das ist auch sinnvoll – dass Menschen als Menschen basale Rechte haben, muss so nicht wieder und wieder argumentativ begründet werden, sondern wird schlicht vorausgesetzt. Wäre es anders, dann müssten gerade die Schwächsten beständig darum fürchten, dass ihnen selbst grundlegende Rechte streitig gemacht werden.

In anderer Hinsicht aber sind Humanität und die Verpflichtung gegenüber Menschenrechten überhaupt nicht selbstverständlich – sie sind Resultat beständiger Anstrengungen.

Es gehört ja nicht nur dazu, abstrakte Regeln anzuerkennen. Eine humane Position baut auf der Bereitschaft, zur eigenen Position und zu den eigenen Interessen zumindest gedanklich Abstand nehmen zu können. Anzuerkennen, dass die Position und die Interessen anderer rational und legitim sein können.

Es gehört überhaupt die Bereitschaft dazu, sich eine Situation auch aus der Perspektive anderer vorzustellen.

 
Es gehört dazu, eigene Impulse zu kontrollieren, anstatt sie auszuleben und dann nachträglich zu rationalisieren.

Es gehört die Bereitschaft dazu, auf die unmittelbare Durchsetzung eigener Interessen und Überzeugungen zu verzichten und stattdessen in Gesprächen zu gemeinsamen Positionen zu kommen – eine Bereitschaft, die beispielsweise in politischen Debatten um das Sorgerecht von Lobbygruppen wie dem VAMV systematisch untergraben wird.

Tatsächlich ist eine humane Haltung, die an einer Universalität der Menschenrechte orientiert ist, mit einer erheblichen Kränkung verbunden: Ein Mensch sieht sich damit nicht als rundweg Besonderes, als Mittelpunkt der Welt, der er für sich selbst ja grundsätzlich ist – sondern als einen Menschen unter vielen, die allesamt dieselben Rechte haben wie er.

Mehr noch: Die Auseinandersetzungen um ökonomische und politische Ressourcen, die öffentliche Debatten prägen, sind mit einer antihumanen Gruppenethik wesentlich besser vereinbar als mit einer humanen Menschrechtsethik. Dabei ist natürlich nicht jedes Gruppeninteresse inhuman – inhuman aber wird es, wenn Individuen nur noch als Teile von Gruppen wahrgenommen werden und die Idee gemeinsamer Rechte keine Rolle mehr spielt.

Es ist angesichts all dessen nicht rational, davon auszugehen, dass alle oder auch nur die meisten Akteure unerschütterlich human orientiert und den Menschenrechten verpflichtet sind. Rationaler ist es, vorauszusetzen, dass es ein verbreitetes Bedürfnis nach Antihumanität gibt – danach, von den Zumutungen humaner Positionen zumindest zeitweilig befreit zu werden und so agieren zu können, als ob Rechte und Würde anderer nicht beachtet werden müssten.

Männerhass wäscht weißer Dieses Bedürfnis aber ist natürlich gerade in solchen Milieus erheblich tabuisiert, deren Angehörige sich auf ihre eigene Bildung, ihre Aufgeklärtheit und ihre Zivilisiertheit viel zugutehalten. Wer gleichwohl antihumane Bedürfnisse befriedigen möchte, braucht etwas, das ihn von diesen Tabus erlöst. Eben hier erfüllen Männerhass und Feminismus offenbar eine wichtige Funktion.

Der Feminismus ist dabei nicht rundweg inhuman oder antihuman – auch wenn immer nur einzelne seiner Vertreterinnen, wie Wendy McElroy, Elisabeth Badinter oder Christina Hoff Sommers, in einer ausdrücklich humanen Perspektive argumentieren. Der Feminismus ist auch nicht die Ursache für Männerhass – Christoph Kucklick hat ja gezeigt, dass eine radikale Männerfeindlichkeit schon lange vor den ersten Feministinnen kulturell gepflegt wurde.

Männerhass und Feminismus erfüllen aber eine wichtige Funktion, weil sie das Bedürfnis nach Antihumanität salonfähig machen. Die bloße Behauptung, für den Schutz unterdrückter Frauen einzutreten, wirkt wie ein Persilschein – was immer auch sonst dann noch behauptet und getan wird, es dient immer irgendwie guten Zwecken und kann gar nicht ganz schlecht sein.

Zugleich können alle anderen Konfliktfelder verdeckt oder relativiert werden. Wer behauptet, dass Geschlechterkategorien „omnirelevant“ seien, der spielt eben mit der Vorstellung, in Konflikten zwischen Männern und Frauen einen gesellschaftlichen Hauptwiderspruch zu beschreiben, von dem alle anderen Widersprüche abhängig seien. Damit werden Menschen darauf reduziert, Geschlechtsinhaber zu sein.

 
 
Es ist bei alledem offensichtlich, dass eine maskulistische Gruppenethik im Prinzip mit eben denselben Gefahren verbunden ist wie eine feministische. Eine sinnvolle, humane Geschlechterpolitik muss offensichtlich zwei Grundsätze beachten – ganz gleich, ob sie von Männern oder Frauen, mit maskulistischer oder feministischer Betonung betrieben wird.

Einerseits ist die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen nur einer von vielen möglichen Gründen für Rechtsverletzungen oder massive Ungerechtigkeiten. Wer Menschen und ihre soziale Position vorwiegend nach ihrem Geschlecht bestimmt, schränkt ihr Menschsein maßlos ein.

Andererseits können von sexistischen Rechtsverletzungen und Benachteiligungen natürlich Männer und Frauen betroffen sein. Wer Sexismus als Benachteiligung von Frauen durch Männer definiert und männliche Benachteiligungen per definitionem ausschließt, agiert offenkundig selbst sexistisch. Andersherum, und das gilt auch für diesen Artikel: Dass es einen immensen Männerhass gibt, bedeutet natürlich nicht, dass es keinen Frauenhass gibt.

Eben in diesem Punkt übrigens sind die zitierte Rede Emma Watsons und die UN-Kampagne „HeForShe“ entschlossen inhuman. Sie spiegeln gerade damit aber eine politische Situation wieder, in der Menscherechte oberflächlich von allen Beteiligten gepriesen, tatsächlich aber zu Gunsten von Gruppeninteressen weitgehend ignoriert werden.

HeForShe, nicht etwas HeForShe-SheForHe, oder OneForAllForOne: Es ist ohnehin verrückt, wie hier eine UN-Kampagne klarstellt, dass die eine Hälfte der Menschheit für die andere da zu sein habe, nicht aber umgekehrt. Noch verrückter ist es, dass ausgerechnet eine solche Kampagne als Einsatz für Gleichberechtigung verkauft wird.

Beunruhigend ist dabei nicht, dass im politischen Feld Reden und Handeln auseinanderklaffen – damit rechnen wohl ohnehin die meisten, die sich mit Politik beschäftigen. Beunruhigend ist aber, wie offen sichtbar die Widersprüche der Kampagne sind, ohne dass das die Verantwortlichen beunruhigen müsste. Es ist, als wären wir schon ganz an ein Orwell’sches Doublespeak gewöhnt, bei dem wir das eine und gleichzeitig das andere glauben, ohne noch über unbequeme Widersprüche nachzudenken.

Auch hier immunisiert die Behauptung, etwas für den Schutz unterdrückter Frauen zu tun, die Kampagne offenbar gegen alle möglichen und naheliegenden Einwände. Dabei ist keineswegs der Wunsch problematisch, sich für Unterdrückte zu engagieren –

 
schrecklich aber ist die enorme hasserfüllte Feindseligkeit, die in unübersehbar vielen Fällen durch solche Behauptungen gegen notwendige Widersprüche immunisiert wird.