Wie man einen Rechtsstaat sturmreif schießt

Terre Des Femmes legt einen Vorschlag zur Reform des Vergewaltigungsparagraphen vor
 
Nachdem Jörg Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden war, räumte Irmingard Schewe-Gerigk, bis 2009 Bundestagsabgeordnete der Grünen und bis 2014 Vorsitzende von Terre Des Femmes, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk großmütig ein, es könne
„natürlich auch sein, dass der Herr Kachelmann die Tat nicht begangen hat. Also man kann es schlichtweg nicht nachweisen. Aber das Urteil, finde ich, hat doch fatale Auswirkungen. (…)  
Es hat eine Signalwirkung an die Frauen, die eine Vergewaltigung erleben mussten, dass sie sagen, oh, das macht keinen Sinn, eine Anzeige zu starten, denn das, was mir da passiert, das endet dann letztendlich so, dass praktisch beim Gericht dann noch mal für mich alles durchlebt wird und quasi eine zweite Vergewaltigung durch dieses Gerichtsverfahren passiert und trotzdem dann der Täter auch freigesprochen werden kann.“
Nun ist es natürlich in einem Rechtsstaat ein wenig schwierig, Unschuldige zu verurteilen, weil ein Freispruch ein ungünstiges politisches Signal sein könnte – das immerhin gesteht auch Schewe-Gerigk auf Nachfrage noch zu.
Deutliche Schwierigkeiten hat sie gleichwohl mit der Unschuldsvermutung.  Irgendwie schuldig muss Kachelmann für die Vorsitzende trotz Freispruch schon sein, sonst hätte die anschließende Rede von einer „zweiten Vergewaltigung“ keinen Sinn, und auch nicht die Rede davon, dass ein Täter – und nicht etwa ein Angeklagter – freigesprochen werde.
Der „Herr Kachelmann hat viel Geld, der hat die besten Anwälte, hat sie zwischendurch noch mal ausgewechselt und kann sich im Prinzip alles mögliche leisten“
– dass er sich als irgendwie eben doch Schuldiger durch sein vieles Geld bloß freigekauft habe, wird von der Politikerin so deutlich suggeriert, dass ihr Bekenntnis zu Rechtsstaat und Unschuldsvermutung wacklig bleibt.
Die „Majestät des Gesetzes“ am Rayburn House Office Building in Washington. Anders als bei der klassischen Justitia fehlt hier die Waage – das Schwert reicht völlig aus. Das sieht Terre Des Femmes möglicherweise ähnlich. (Quelle)
Vermutlich werden viele Männer dieselbe Situation ganz anders sehen – nämlich besorgt angesichts der Perspektiven eines Unschuldigen, dem nicht die finanziellen Möglichkeiten Kachelmanns zur Verfügung stehen. Die Geschichte Horst Arnolds ist ein bitteres Beispiel dafür.
Dass trotzdem auch diese Sorge überzogen sein könnte, zeigt nur, wie fragwürdig es ist, wenn Gesetze und Urteile sich nach dem subjektiven Empfinden Betroffener ausrichten sollen. Terre des Femmes aber ist aktiv geworden, ebenso wie andere Lobbygruppen – um Gesetze durchzusetzen, mit denen Verurteilungen in Vergewaltigungsprozessen in Zukunft leichter sein sollen. Es lohnt sich, einen Blick in einen dieser Vorschläge zu werfen.

Unschuldsvermutung und andere Unwörter Schewe-Gerigks Beschreibung einer zweiten Vergewaltigung der Frau vor Gericht setzt schon als gegeben voraus, was ein Gericht eben nicht einfach voraussetzen kann: nämlich dass die Frau die Wahrheit sagt, wenn sie sagt, dass sie vergewaltigt wurde. Dass dies überhaupt erst beweisen werden muss, dass der Frau nicht einfach geglaubt wird, wenn sie erzählt, dass ihr massive Gewalt zugefügt wurde – das kann für sie sicherlich eine erhebliche Härte bedeuten.
Der Grund für die grundsätzliche Skepsis aber ist bekanntlich ein basales Prinzip des Rechtsstaats – alle Beschuldigten und Angeklagten haben das Recht auf ein faires Verfahren, sie haben ein Recht darauf, gehört zu werden. Zudem gehen rechtsstaatliche Gerichte nun einmal von der Unschuldsvermutung aus – ein Begriff, den Alice Schwarzers „Emma“ im Zusammenhang mit dem Kachelmann-Prozess zum „Unwort des Jahres“ erklären wollte.
Solche Polemik gegen die Unschuldsvermutung legt den Eindruck nahe, ihr wesentlicher Zweck sei der Schutz von Tätern. Natürlich stimmt das nicht. Es geht nicht einmal wesentlich darum, dass Unschuldige vor falschen Verurteilungen geschützt werden.
Geschützt wird durch die Unschuldsvermutung vor allem der liberale Rechtsstaat. Wenn dieser Staat Gewaltmittel gegen seine Bürger anwendet – dann ist es seine Verantwortung, nachzuweisen, dass diese Gewaltmittel legitim und notwendig sind. Es ist dem Staat nicht erlaubt, Gewaltmittel anzuwenden und dann den betroffenen Bürgern die Verantwortung aufzuerlegen, nachzuweisen, dass diese Gewalt ihnen gegenüber illegitim ist.
Einfach ausgedrückt: Wer gegen die Unschuldsvermutung polemisiert, will den autoritären Staat, der nicht lange fackelt und der sich selbst keine unnötigen Fesseln anlegt.
Eben dieser Aspekt geht fast völlig unter, wenn Lobbyistinnen Verschärfungen des Sexualstrafrechts fordern. Sie erwecken den Eindruck, der Gesetzgeber verhalte sich bislang schlicht wie ein kaltherziger Vater, der das Leid seiner Töchter nicht angemessen wahrnehmen möchte.
Tatsächlich geht es aber darum, dass jemand, der wegen Vergewaltigung oder sexueller Nötigung verurteilt wird, bis zu zehn Jahre lang inhaftiert werden kann – was übrigens mit einem gegenüber dem Zivilleben erheblich erhöhten Risiko verbunden ist, selbst Opfer von Vergewaltigungen zu werden.
Wenn der Staat aber so massive Gewaltmittel gegen Einzelne anwendet, dann ist er selbstverständlich verpflichtet, sicher zu gehen, dass diese Gewalt auch legitim ist. Das aber bedeutet wiederum, dem Beschuldigten oder Angeklagten die Tat nachweisen zu müssen – und nicht von vornherein davon auszugehen, dass ein Verbrechen eben so begangen wurde, wie das mögliche Opfer es aussagt.
Dies einfach nur als unzumutbare Härte und Kälte dem Opfer – für Terre Des Femmes bedeutet das immer: der Frau – gegenüber darzustellen, ist also eine Polemik, die sich weniger gegen Täter als gegen rechtsstaatliche Prinzipien richtet.
 
 
Vom stillschweigenden Verschwinden unschuldiger Männer  Dies ist dann die Reform des Vergewaltigungsparagrafen 117 StGb, die Terre Des Femmes dabei fordert. Wegen Vergewaltigung werde bestraft,
„1. Wer ohne Einverständnis einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr an sich vornehmen lässt.
2. (minder schwerer Fall): Wer fahrlässig das fehlende Einverständnis der anderen Person nicht erkannt hat.“
Der Vorschlag entstammt einem Positionspapier, das von fast 30.000 Menschen unterschrieben und am 7. Mai 2014 von Schewe-Gerigk feierlich an das Bundesjustizministerium übergeben wurde. In einem Kommentar im Blog Offene Franke weist Crumar auf diesen Vorschlag hin und schreibt, es wäre „eine echte Katastrophe“, wenn diese Vorschläge umgesetzt würden.  
 
Das ist verständlich, denn tatsächlich geht dieser Vorschlag weit über die vertraute Forderung hinaus, dass in der Sexualität ein Nein als Nein akzeptiert werden müsse. Er folgt stattdessen dem „Yes means yes“-Prinzip, das an kalifornischen Universitäten gerade als Grundlage für die Regelung zwischenmenschlicher Sexualität durchgesetzt wurde.
 
Legitim ist ein Sexualakt demnach erst, wenn alle Beteiligten ihr bestätigendes, bewusstes und freiwilliges Einverständnis” (affirmative, conscious, and voluntary agreement to engage in sexual activity) gegeben haben. Einwände gegen die Politk des „affirmative consent“ gründen in den Augen ihrer Befürworter allein auf dem Wunsch, legal vergewaltigen zu können.
Auf den ersten Blick ist das Prinzip nachvollziehbar – es ist schließlich mit sehr guten Gründen ein weithin geteilter Grundsatz, dass eine legitime zwischenmenschliche Sexualität beidseitiges Einverständnis voraussetzt. Allerdings ergibt sich das „Yes means yes“-Prinzip daraus überhaupt nicht.
Denn tatsächlich ändert dieses Prinzip das Verhältnis von legitimer und illegitmer Sexualität erheblich und weit über das weithin Akzeptierte hinaus. Der „Nein heißt nein“-Grundsatz geht noch davon aus, dass ein Sexualakt grundsätzlich legitim und nicht strafbar ist, es sei denn, einer der Beteiligten hat deutlich gemacht, keinen Sex zu wollen.
 
Das „(Nur ein)Ja heißt ja“-Prinzip hingegen dreht das um – nun ist der Sexualakt grundsätzlich illegitim und strafbar, es sei denn, alle Beteiligten haben sich die ausdrückliche und freie Zustimmung dazu eingeholt und erhalten.
Wer nach dem Terre Des Femmes-Vorschlag Sex mit einem anderen Menschen hat und davon überzeugt ist, dass dieser andere Mensch den Sex auch will – der ist der Vergewaltigung schuldig, falls diese Einschätzung später als falsch erscheint. Er hat nämlich gleichsam eine Bringschuld und muss sich selbst darum bemühen, das ausdrückliche Einverständnis des anderen Menschen zu erhalten. Tut er das nicht, agiert er zumindest fahrlässig, hat zumindest in einem minder schweren Fall vergewaltigt.
Eine übliche Begründung für eine solche Regelung: Manche Opfer sexueller Gewalt könnten gar nicht ausdrücklich „Nein“ sagen, weil sie beispielweise völlig eingeschüchtert seien, weil sie sich erheblich bedroht fühlten, oder weil sie schlicht betrunken seien oder schliefen. Daher sei die Verpflichtung auf die ausdrückliche Zustimmung zwingend notwendig.
Diese Begründung ist nicht plausibel. Sexuelle Akte, die eine Widerstandsunfähigkeit (also etwa den Schlaf) eines anderen Menschen ausnutzen, werden auch heute schon bestraft.
Der Richter Thomas Fischer schreibt in der Zeit:
„Nach unserem Recht ist seit jeher als Verbrechen strafbar: das Zwingen einer anderen Person mit Gewalt, durch Drohung mit Gewalt oder durch irgendein empfindliches Übel oder durch Ausnutzen einer schutzlosen Lage zu einer sexuellen Handlung oder zur Duldung sexuell motivierter Handlungen. Außerdem ist strafbar: der sexuelle Missbrauch von Abhängigkeitsverhältnissen, von Krankheit oder Behinderung, von Widerstandsunfähigkeit. Vergleicht man beide Regelungen, scheint unser geltendes Strafrecht ziemlich komplett.“
Tatsächlich hätte der Vorschlag von Terre Des Femmes also wohl gar nicht den versprochenen Effekt, eine „Schutzlücke“ im Sexualrecht zu schließen. Er hat eine andere Zielrichtung: Er unterhöhlt die Unschuldsvermutung. Das tut er, anders als Schwarzers Emma, nicht direkt und ausdrücklich. Er dehnt stattdessen einfach den Bereich der Handlungen weit aus, die prinzipiell schuldhaft und kriminell sind – und weist den möglichen Tätern die Verantwortung zu, sich selbst von dieser Schuld zu entlasten.
Es ist übrigens ausgeschlossen, dass diese Unterhöhlung rechtsstaatlicher Grundsätze bloß ein Versehen juristischer Laien ist, geschuldet dem großen Engagement für gequälte Frauen: Er wurde erarbeitet mit der Saarbrücker Oberstaatsanwältin Sabine Kräuter-Stockton, die auch Vorsitzende des saarländischen Juristinnenbundes ist.
Terre Des Femmes und Kräuter-Stockton begründen ihre Forderung einleitend mit statistischen Daten, die so erschreckend sind, dass eine nüchterne Überprüfung fast kaltherzig wirken muss.
„Laut Dunkelfeldforschung wird etwa alle drei Minuten eine Frau in Deutschland vergewaltigt – insgesamt etwa 160.000 Vergewaltigungen jährlich. Doch nur etwa fünf Prozent dieser Vorfälle werden überhaupt angezeigt. Einer der Gründe hierfür liegt in der geringen Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung, die in nur ca. 13% der Fälle am Ende eines meist langwierigen Strafverfahrens steht.“
Die Zahl 160.000 und die Angabe, dass alle drei Minuten eine Frau vergewaltigt werde, werden erst in einer Fußnote begründet – mit dem Hinweis auf eine Studie des Bundesfamilienministeriums, nach der  nur 5 Prozent aller Vergewaltigungen angezeigt würden (dort auf S. 180). So ergibt sich also die Zahl 160.000:  Terre Des Femmes multipliziert einfach die Zahl der jährlich angezeigten Vergewaltigungen, etwa 8.000, mit der Zahl zwanzig.
 
Dass das so nicht korrekt ist, zeigt sich  beim Blick in die umfangreiche Studie selbst – dort bezieht sich die 5-Prozent-Angabe nicht allein auf Vergewaltigungen, sondern allgemein auf Erlebnisse sexueller Gewalt, zu denen auch der Zwang zu intimen Körperberührungen, zum Streicheln oder zu unerwünschten sexuellen Praktiken gehört.
 
In der Studie geben etwa 10 Prozent aller Frauen an, solche Erfahrungen seit dem 16 Lebensjahr gemacht zu haben (9% auf globale Nachfrage, 11 % bei der Nachfrage nach konkreten Handlungen). 5,5% geben an, seit ihrem 16. Lebensjahr vergewaltigt worden zu sein.
Die Hochrechnungen von Terre Des Femmes sind angesichts dieser Daten deutlich zu hoch, und das hat zwei Gründe, die bezeichnend sind für das gesamte Positionspapier. Einerseits wird hier ganz selbstverständlich ein Vergewaltigungsbegriff verwendet, der wesentlich weiter ist als der allgemein bekannte. Vor allem aber setzen Terre Des Femmes und Oberstaatsanwältin Kräuter-Stockton ganz selbstverständlich und ohne alle weitere Erklärung voraus, dass sämtliche Vergewaltigungsanzeigen auf akkuraten Angaben beruhen und die Frau in jedem Fall tatsächlich vergewaltigt wurde.
 
Wer beschuldigt wird, ist auch schuldig. Das ist hier leider nicht bloß ein irrtümlicher Umgang mit Daten, sondern hat Methode: Durchgehend verwenden Terre Des Femmes und die Oberstaatsanwältin in ihrem Papier den Begriff „Täter“, kein einziges Mal die Begriffe „Beschuldigter“ oder „Angeklagter“.
Gleichwohl ist die Angabe, das 5,5 Prozent aller Frauen seit ihrem 16. Lebensjahr Opfer einer Vergewaltigung wurden, sehr hoch – auch wenn berücksichtigt wird, dass diese Zahl allein auf Angaben der Frauen selbst beruht und nicht unabhängig überprüft werden konnte.
 
Das wesentliche Problem der Terre Des Femmes-Zahlen ist so nicht einmal der manipulative Umgang mit den Daten, sondern der Schluss, der daraus unmittelbar nahegelegt wird: Schärfere Gesetze und eine breitere Definition der Vergewaltigung seien dringend nötig und die geeigneten Mittel, um die erschreckenden Zahlen senken zu können.
Dass am Ende nur 13% „der Fälle“ – hier ist nicht einmal klar, ob Anzeigen oder Verfahren gemeint sind – zu Verurteilungen führen, erscheint dann selbstverständlich als eine Schwäche des Gesetzgebers. Schließlich hatte er es in jedem Fall mit Tätern zu tun, hat aber fast neun von zehn Tätern wieder laufenlassen.
Auch in dieser Überzeugung zeigt sich die große Distanz der Autorinnen zur Unschuldsvermutung. Dabei würden dieselben Daten, mit denen Terre Des Femmes eine „Schutzlücke“ zu begründen versucht, mindestens ebenso gut Sorgen vor Falschbezichtigungen wecken können – denn offenkundig ist in der weit überwiegenden Anzahl der „Fälle“ jemand der Vergewaltigung beschuldigt worden, ohne dass die Beschuldigung bewiesen werden konnte.
 
Um das zu bemerken, hätten die Autorinnen allerdings zumindest zeitweilig von ihren pauschalen Vorverurteilungen Abstand nehmen müssen.
Wie man Schutzlücken produziert, indem man sie stopft
„Wir wissen ja seit Jahrzehnten, Täter von Sexualdelikten suchen keine sexuelle Befriedigung, sondern sie suchen Machtausübung, Demütigung.“
Wer „wir“ ist, und woher „wir“ das wissen, macht Kräuter-Stockton im Interview mit dem Deutschlandradio nicht deutlich – in einer Sendung übrigens, in dem die Interviewerin Gabi Wuttke einleitend die irreführenden Zahlen von Terre Des Femmes völlig ungeprüft und ohne Angabe der Quelle übernimmt.
Nun wird ein Akt der Gewalt ja nicht erst dadurch schlimm, dass er durch einen Machttrieb und nicht durch einen Sextrieb motiviert wird. Welchen Sinn hat also das Bestehen darauf, dass sich in sexueller Gewalt Machtgier und nicht sexuelle Gier ausdrücken würden?
Möglicherweise ist diese Perspektive notwendig als Gegengewicht zur Erweiterung des Vergewaltigungsbegriffs. Wenn eine Vergewaltigung potenziell jeder Sexualakt ohne ausdrückliche Zustimmung des anderen Menschen ist – dann könnten in Zukunft Männer ebenso gut wie Frauen geltend machen, vergewaltigt worden zu sein.
Wer aber wie Kräuter-Stockton davon ausgeht, dass sich im heutigen Recht nicht etwa die Verpflichtung auf die Unschuldsvermutung, sondern „lange, lange tradierte patriarchale Mythen“ ausdrücken – der kann auch voraussetzen, dass dem Gewaltakt selbst patriarchale Herrschaftsstrukturen zu Grunde liegen. Wenn sexuelle Gewalt ein Ausdruck von Macht, nicht von Sexualität ist, dann bleibt sexuelle Gewalt aus dieser Perspektive zwingend männlich – ganz gleich, wie weit sie ansonsten auch definiert wird.
Entsprechend bemüht sich das Terre Des Femmes-Papier auch gar nicht erst um geschlechtsneutrale Formulierungen.
„Es kann also sein, dass die Frau ‚nein’ sagt, sich versteift und die ganze Zeit über weint, aber weil sie keinen körperlichen Widerstand leistet, den der Täter mit Gewalt oder Drohungen hätte überwinden müssen, liegt keine Vergewaltigung im (derzeitigen) Rechtssinne vor. Ein ‚Nein’ der Betroffenen reicht nicht aus, damit ein Täter wegen Vergewaltigung verurteilt wird.“
Dass eine Tat nur dann eine Vergewaltigung sei, wenn die Frau sich gewehrt habe, ist eine Falschinformation – wenn ein Täter ihr beispielweise eine Pistole an den Kopf gehalten hat, sind Gewalt und Zwang offenkundig, völlig unabhängig vom Verhalten der Frau, und kein vernünftiger Mensch würde von ihr Gegenwehr verlangen.
Wichtig ist aber sehr wohl, dass jemand, der vergewaltigt, dabei Gewalt, Zwang oder (explizite oder implizite) Drohungen verwendet hat. Ansonsten würde der Staat sich möglicherweise verpflichten, jeden Sexualakt zu bestrafen, den einer der Beteiligten eigentlich nicht wollte, auf den er oder sie sich aber schließlich eingelassen hat, aus welchen Gründen auch immer.
 
Es könnte beispielweise durchaus sein, dass in einer Beziehung ein Mann mit einer Frau schläft, obwohl er keine Lust dazu hat – ihr zuliebe, oder um Streit zu vermeiden, oder aus Angst, dass sie sich sonst irgendwann von ihm trennen könnte. Das könnten harmlose, es könnten aber auch problematische Situationen sein – in keinem Fall wäre es aber nachvollziehbar, die Frau dafür für mehrere Jahre hinter Gitter zu bringen.
Dass das Beispiel entgegen der Terre des Femmes-Darstellung von einem unwilligen Mann, nicht von einer unwilligen Frau ausgeht, kann vielleicht auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam machen. Wenn Täterschaft zwangsläufig als männlich bestimmt ist, dann erschwert dies auf Seiten von Frauen die Perspektivübernahme, beispielsweise die Überlegung, was denn wäre, wenn sie selbst einmal sexueller Gewalt beschuldigt würden. Die Frage, ob sie dann nicht froh über einen Staat wären, der sich der Unschuldsvermutung verpflichtet.
 
Allein Mütter von Söhnen, so scheint es, nehmen diese Perspektive wahr und wehren sich als Frauen gegen das Abschleifen von Unschuldsvermutung und fairem Verfahren.
Übrigens reagieren Frauen, nebenbei bemerkt, nach meiner Erfahrung im Allgemeinen keinesfalls souverän und selbstbeherrscht, wenn sie selbst Lust haben, ein Mann aber keinen Sex möchte. Dass Männer ohnehin immer Sex wollten und daher gar nicht unter Druck gesetzt werden können, etwas zu tun, was sie nicht möchten – das ist ganz gewiss ein Mythos.
Eine Spaltung zwischen Frauen und Männern, wie sie Terre des Femmes und Kräuter-Stockton mit ihrem Schuldig-auf-Verdacht-Prinzip betreiben, kann aber auch auf Seiten von Männern eine Perspektivübernahme erschweren – nämlich in der Konzentration auf die Möglichkeit einer Falschbezichtigung und ihre gravierenden Folgen. Dabei ist es ja völlig nachvollziehbar, dass die Aussage, vergewaltigt worden zu sein, für eine Frau mit erheblichen Ängsten und Schwierigkeiten verbunden sein kann. (Für einen Mann auch – aber diese Möglichkeit wird von den meisten Männern wohl ohnehin beiseitegeschoben.)
Interessant ist gleichwohl, wie eine Terre Des Femmes-Verantwortliche mit diesen Ängsten umgeht.
In einem – ansonsten sehr einseitigen – Artikel der taz nimmt Katja Krieger, Leiterin des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, Stellung zur Aussage des ehemaligen Generalstaatsanwalts Hansjürgen bei Anne Will,
„er würde seiner Tochter davon abraten, nach einer Vergewaltigung zur Polizei zu gehen. (…) Das ist ein ‚absolut unzulässiger Rat’, sagt Katja Krieger. Würde jede Frau so an die Sache herangehen, gäbe es weder Prozesse gegen die Täter noch Aufklärung in der Gesellschaft.“
Auf eben diesen tatsächlich sehr problematischen Rat aber bezieht sich Schewe-Gerigk als Terre des Femmes-Vorsitzende im Interview ohne alle Distanzierung – weil sie so nämlich den Eindruck erwecken kann, der Rechtsstaat verhalte sich gegenüber vergewaltigten Frauen kalt, hart und abweisend.
 
Sicherlich ist es verletzend und wohl auch einschüchternd, wenn Anwälte oder Richter ein mögliches Vergewaltigungsopfer lediglich als Tatzeugen und seinen Körper allein als Beweismittel ansehen. Das jedoch lässt sich ändern, wenn auch nicht durch schärfere Gesetze.
Schärfere Gesetze hingegen sind entweder bloße Symbolhandlungen, die eine Schutzlücke zu beseitigen vorgeben, ohne tatsächlich etwas zu ändern. Dann ist mit ihnen dann schon die nächste Debatte um die nächste „Schutzlücke“ angelegt – anstatt das zu verbessern, was sich tatsächlich pragmatisch verbessern lässt.
 
Oder: Schärfere Gesetze ändern tatsächlich etwas, wenn sie rechtsstaatliche Grundprinzipien wie die Unschuldsvermutung schleifen. Es mag sogar sein, dass durch solche Gesetze Vergewaltiger leichter verurteilt werden könnten – das aber läge nicht etwa daran, dass der Staat damit effektiver gegen Vergewaltigungen vorgehen könnte. Es läge schlicht daran, dass ALLE leichter verurteilt werden könnten, unter anderem eben auch Vergewaltiger.
 
Solche Angriffe auf rechtsstaatliche Grundsätze werden politisch oft von Rechtsaußen aus gefahren – als Angriffe auf einen angeblich zu schwachen Staat, der sich durch liberale Humanitätsduselei selbst schwäche und ehrbare Bürger nicht genügend schütze. Dass aber solche Angriffe toleriert, medial und durch Steuergelder sogar gefördert werden, wenn sie nur feministisch daherkommen – das ist beunruhigend.
Das gespannte Verhältnis vieler Feministinnen zur Unschuldsvermutung ist nachvollziehbar – schließlich sind Männer in ihren Augen Profiteure, Handlanger und Organisatoren patriarchaler Herrschaft und damit grundsätzlich schuldig. Als eine politische Position unter anderen ist diese Haltung vielleicht noch erträglich, so falsch und ressentimentgeladen sie auch ist.
Als Grundlage für Gesetzgebungen ist sie völlig ungeeignet.

Sex und Sexismus (Monatsrückblick Oktober 2014)

Vorbemerkung: Ich habe jetzt seit genau einem Jahr jeden Monat einen Rückblick geschrieben. Vielleicht ergibt sich daraus eine kleine Chronik. Daher habe ich die Texte mit Stichworten versehen und auf einer Extra-Seite verlinkt. Dass in den beiden letzten Monaten die Rückblicke jeweils erst spät fertig waren, hatte persönliche Gründe (zu viel andere Arbeit, oder ganz im Gegenteil: Ferien). Gerade der letzte Monat war aber so interessant, dass ich einen Rückblick unbedingt noch schreiben wollte – und nicht nur, um die zwölf Monate vollzumachen.

„‚Wie geht’s, Hübsche?’, ‚Gott segne dich, Mami’, ‚Nett!’ Nein diese Barbaren! Hab mir das Video angeschaut und muss ganz ehrlich fragen: Ist das ein Scherz? Bis auf den Typen der 5 Minuten neben her läuft und den anderen der mit läuft und ein konsequent auf sie einredet, war da ja wohl nix ach so schlimmes dabei.  
Zum Glück waren Blicke und Pfiffe nicht auch noch im Vid dabei. Wie schlecht würde ich mich fühlen wenn ich sehen müsste wie ein Mann eine Frau anschaut.“
So beschreibt ein Kommentator bei Spiegel-Online seine Reaktion auf das Hollaback-Video, das zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Artikel hier schreibe, schon über 36 Millionen mal bei youtube angeklickt worden ist. Die Organisation „Hollaback!“, die das Bewusstsein für sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit schärfen möchte, hatte das Video produziert und präsentiert als Beleg für einen alltäglichen Sexismus, dem Frauen überall ausgesetzt seien. Bei Alles Evolution gibt es das Video selbst und viele Informationen dazu.
Dieses Bild eines US-Marines stammt aus einer Initiative gegen sexuelle Belästigung – wer sie beobachte, solle nicht schweigen. Es ist aber auch ein Sinnbild für das Gesprächsverhalten, das Männern in Diskussionen um Sexismus als erwünscht präsentiert wird.
Der kurze Film präsentiert Grüße wie „God bless you“ als Belästigungen – er ist methodisch unsauber –  er wurde, obwohl er doch repräsentativ für die ganze Stadt sein soll, in einem sehr kleinen Umfeld aufgenommen, zum größten Teil in einer einzigen Straße in Harlem –   der Film präsentiert fast ausschließlich Schwarze und Latinos als Belästiger der weißen Frau. Das Experiment ließ sich in anderen Städten  nicht wiederholen  – ein vergleichbares Video erweist sich kurz nach seiner Veröffentlichung als Fake.
 
Der Hollaback-Film ist seit seinem Erscheinen oft beschrieben und diskutiert worden, zuletzt sehr umfassend von Graublau bei Geschlechterallerlei.  Daher kann ich mich auf einen Aspekt konzentrieren – nämlich, was es mit allgemeinen Diskussionen gemein hat, die über Sex und Sexismus geführt werden – in den letzten Wochen, so ist zumindest mein Eindruck, mit zunehmender Heftigkeit.
Ein rassistisches Video wird zu einem Welterfolg Darauf, dass die Belästiger in dem Video vor allem Schwarze und Latinos sind, weist auch schon die berühmte Jornalistin und Schriftstellerin („The End of Men“) Hannah Rosin hin. Gerade im Vergleich zu einem Text Akiba Solomons, der einige Probleme des Videos offen anspricht,  lohnt sich aber, darauf zu achten, was genau Rosin am Film stört:
„Die Männer, die in ihren Büros oder Cafés sitzen und das Video schauen, werden sich gemütlich selbst versichern können, dass sie gar nicht die Zeit haben, mitten am Tag auf irgendwelchen Hydranten zu sitzen.“ (The men who are sitting in their offices or in cafes watching this video will (…) be able to comfortably assure themselves that they don’t have time to sit on hydrants in the middle of the day…)
Problematisch für Rosin ist also nicht der rassistische Charakter des Arrangements, sondern die Tatsache, dass weiße Männer sich möglicherweise gar nicht angesprochen fühlen. Nicht die Agitation mit Feindbildern ist für sie abzulehnen – sondern die Tatsache, dass das Feindbild nicht groß und umfassend genug ist.
 
Dieses Manko versucht Dee Lockett wenige Tage später in derselben Zeitung zu erklären. Weiße Männer seien deswegen nicht als Belästiger erschienen, weil sie eben sehr viel mächtiger als schwarze Männer seien und es gar nicht nötig hätten, Frauen offen auf der Straße zu belästigen.
 
Ein kleiner Nachteil dieser Argumentation ist, dass sie die Diskussion endgültig ins Absurde treibt. Denn schließlich soll das Video ja bildlich beweisen, vorführen, wie Männer einen ganzen Tag lang eine Frau belästigen. Die Schwere der Belästigung dann eben gerade dadurch zu begründen, dass sich ein solcher Beweis nicht findet, ist bei Licht besehen ein recht eigenwilliges Argument. Es ist aber vielversprechend und lässt sich gewiss bei geselligen Gelegenheiten für allerlei Gesellschaftsspiele verwenden.
 
Beispielweise ließe sich so eindeutig belegen, dass Sherlock Holmes ein Schwerverbrecher ist: Es gibt keine Spuren – es gibt auch keine Leiche, alle sind wohlauf, niemand wird vermisst. So perfekt kann natürlich nur einer seine Spuren verwischen, der Meisterdetektiv höchstselbst – womit bewiesen wäre, dass Holmes der Verbrecher ist.
 
Willkommen im Gaga-Land.
Nicht nur gaga, sondern in hohem Maße problematisch sind andere Aspekte des Videos. Der kurze Zusammenschnitt, der einen angeblich zehn Stunden langen Gang durch die Stadt auf knapp zwei Minuten verkürzt, erweckt ja nicht nur den Eindruck eines permanenten Bombardements von Kommentaren. Es wird damit auch die Erfahrung eines Computerspiels kopiert. Es ist so, als müssten wir unsere Heldin auf ihrem Gang zwischen permanent tätigen Angreifern hindurch begleiten, bis schließlich das Video in einer Geste der Erschöpfung von ihr endet.
IHR Gesicht sehen wir ständig, von vorn – alle anderen treten nur sekundenlang auf und sind dann wieder verschwunden. Die rechtlich begründete Verpixelung ihrer Gesichter verstärkt diesen Effekt noch.
 
Ihre Perspektiven zählen so wenig wie die anonymer Angreifer in einem Ballerspiel – an keiner Stelle wird beispielweise nachvollziehbar, ob sie es nicht als Provokation erleben, wenn eine weiße Frau mit starrem, aber offenkundigem Überdruss durch ein Schwarzenviertel marschiert und niemanden eines Blickes würdigt.
In diesem Arrangement gibt es nur einen identifizierbaren Menschen, die Schauspielerin Shoshana Roberts in der Hauptrolle, und ansonsten anonym bleibende Gegner.
Der rassistische Charakter ist dabei wesentlich bedeutsamer, als Rosins Klage über die fehlende Beteiligung weißer Belästiger erkennen lässt. Wenn beispielsweise ein Schwarzer die Frau anspricht, sie ihn aber keines Blickes würdigt und er sie dann fragt, ob dies daran liege, dass er hässlich ist – dann mag das von ihr als eine Belästigung empfunden werden oder auch nicht, es greift aber auf jeden Fall ein uraltes Thema des amerikanischen Civil Rights Movement auf.
Denn dass sich Schwarze gegenüber Weißen als hässlich wahrnehmen, dass so die Strukturen einer rassistischen Gesellschaft in der Selbstwahrnehmung verankert werden – das war eine Erfahrung, die sich in Liedern, in Romanen wie Toni Morrisons The Bluest Eye und im Slogan Black is Beautiful niederschlug.
Die – reale, nicht nur metaphorische – Fixierung des Films auf seine Hautfigur blendet diese Perspektiven und Deutungsmöglichkeiten aus. Unterschiedslos erscheint hier eben auch ein „God Bless you!“ oder ein „Have a nice day“ als Belästigung. Ob nun bewusst beabsichtigt oder nicht: Der Film konstruiert eine Ordnung von Menschen erster und zweiter Klasse. Eine Belästigung ist es hier dann schon, wenn Menschen zweiter Klasse es überhaupt wagen, einen Menschen der ersten Klasse auch nur zu grüßen.
Dass ein Film, der mit einer solchen Ordnung operiert, auch rassistische Muster produziert – das ist nicht nur ein unglücklicher Zufall, sondern logische Konsequenz seiner ganzen Anlage und seiner ästhetischen Konstruktion.
 
 
Eine Frauenbeauftragte verteilt Propaganda Auch hier wirkt ein feministischer Anspruch wie eine Allround-Legitimationsmaschine: Selbst rassistische Positionen sind plötzlich ganz in Ordnung, solange nur behauptet wird, sie würden Fraueninteressen vertreten – und sich nicht allein gegen den schwarzen Mann, sondern gegen den Mann generell wenden.
In Deutschland brachte achdomina, der sein Blog (zum Glück und: endlich) wiederbelebt hat, dafür ein Beispiel. Als er und eine Freundin eine Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität betreten, fällt ihnen ein Schild der universitären Frauenbeauftragten auf, das dort an mehreren Stellen prominent platziert ist.
„Das Schild war rot, nahe am Feuerwehrrot, aber noch knalliger. Darauf stand in großen, weißen Lettern ‚Kein Raum für Übergriffe’, darunter kleiner der Hinweis, dass sexuelle Übergriffe in den Räumen der Bibliothek nicht geduldet würden, und dann eine Aufzählungsliste, was alles unter sexuelle Übergriffe falle.“
Anstatt sich nun angemessen beschützt zu fühlen, beschreibt die Freundin achdominas nach dem Studium des Schildes,
„das sie sich plötzlich als Frau wie ein irgendwie besonderes und problematisches Wesen an diesem Ort fühlte. Normalerweise spielt es für sie beim Betreten einer Bibliothek keine Rolle, dass sie eine Frau ist.“
Achdomomina kommentiert:
„Die Schilder im Grimm-Zentrum stiften Feindseligkeit, Misstrauen, Angst und Entzweiung. Sie sagen zu den Frauen: Ihr seid schwach und verwundbar, von Tätern umgeben und ständig in Gefahr. Sie sagen zu den Männern: Ihr steht unter Verdacht und werdet beobachtet. Sie sagen zu Männern und Frauen: Ihr seid ungleich; ihr gehört zum gegnerischen Teams, ihr lebt in völlig verschiedenen Welten; der elementare Unterschied zwischen euch besteht darin, dass die einen vor den anderen beschützt werden müssen. Das ist die Wirkung dieser Schilder. Was bewirken sie demgegenüber Positives? Sie informieren die Männer darüber, dass sexuelle Belästigung hier nicht erlaubt ist? Weil sie ja sonst überall gerne gesehen ist?“
Es handle sich also „nicht um Informationstafeln, sondern um Propagandatafeln.“ Übertrieben wirkt diese Bezeichnung wohl nur für jemanden, der die geschlechtsneutrale Formulierung der Schilder ernst nimmt. Das aber übersieht nicht nur, dass diese Schilder von der Frauenbeauftragten stammen, sondern auch das Klischee, Sexismus träfe allein Frauen.
Grundsätzlich geht es beim Schild nicht um den Schutz aller vor Belästigungen, sondern um den Schutz einer Gruppe – der Frauen – vor den Belästigungen der anderen – der Männer. Ganz entsprechend hat die Freundin achdominas es ja auch verstanden – und mit ihr vermutlich fast alle, die den Text lesen oder das Schild sehen.
Was wäre wohl, wenn in der HU überall Schilder aufgehängt werden, die klarstellen, dass Ausländer hier bitteschön keine Deutschen belästigen sollten? Oder – um ein etwas weniger vorbelastetes Thema zu wählen – dass Bayern in der Bibliothek die Belästigung von Preußen zu unterlassen hätten? Wohl niemand würde ernsthaft leugnen, dass damit „Feindseligkeit, Misstrauen, Angst und Entzweiung“ gestiftet würden.
Könnte aber nicht tatsächlich  die universitäre männliche sexuelle Belästigung eben ein so umfassendes Problem sein, dass die Schilder beim besten Willen nicht zu vermeiden waren? LoMi setzt sich im Anschluss an achdomina mit einigen universitären Regelungen zur sexuellen Belästigung auseinander. Er stellt an mehreren Unis fest, dass die „vom Gesetz gezogenen Grenzen (…) nicht aufgegriffen“ werden, die konkrete Kriterien für eine Belästigung angeben. Stattdessen formuliert beispielwese die LMU München:
„Sexuelle Belästigung ist jedes sexuell belegte Verhalten, das von den Betroffenen nicht erwünscht und von ihnen als beleidigend und abwertend empfunden wird.“
Mit dem Empfinden einer Person als wesentlichem Kriterium können dann eigentlich fast alle Handlungen als sexuelle Belästigung gewertet werden.
„Insofern es stets ein einseitiges Verhalten ist, das von den Betroffenen als entwürdigend erlebt wird, unterscheidet es sich grundlegend von Flirts oder Komplimenten.“
Dieser grundlegende Unterschied aber wird ja gerade durch das Empfinden der angesprochenen Person hergestellt – für einen Mann gibt es kein sicheres Kriterium, unterscheiden zu können, ob er flirtet oder belästigt.
Das haben die universitären Aktionen, über die achdomina und LoMi berichten, mit dem Hollaback-Video gemein: Die Kriterien dafür, was eine Belästigung ist, werden so enorm aufgeweicht, dass eigentlich jeder Mann damit rechnen muss, früher oder später als Belästiger zu erscheinen. LoMi kommentiert:
„Damit wird einerseits ein Klima der Angst geschaffen: Alles ist Belästigung! Es ist eine Illusion geschaffen: Du kannst gegen alle Männer, die Du als lästig empfindest, vorgehen!“
Diese beliebige Ausweitung der Kriterien für Belästigung wird begleitet von einer erheblichen Verengung dessen, was als „Sexismus“ diskutiert wird, also als geschlechtsbedingte Benachteiligung.
 
Sexismus wird hier, wie in einem schlechten Wortspiel, auf Sex reduziert – dort aber selbst noch auf Handlungen bezogen, die bloß als sexualisiert empfunden worden sind. So stehen dann schließlich auf der einen Seite beispielweise Väter, die schuldlos seit Jahren ihre Kinder nicht mehr sehen können und die sich gleichwohl ihre „Privilegien“ vorhalten lassen müssen – und auf der anderen Seite Frauen, die sich als Opfer eines bedrückenden alltäglichen Sexismus inszenieren, wenn ihnen jemand einen schönen Tag gewünscht hat.
 
Posen statt Analysen Dieses Muster hat ein Vorbild in einer Kampagne, die durch die Veröffentlichung eines Buchs von Anne Wizorek gerade wieder in Erinnerung geraten war – den „Aufschrei“, bei dem Frauen auf Twitter von sexuellen Belästigungen berichteten, die sie im Laufe ihres Lebens erlebt hatten.
 
Für mich selbst war der Aufschrei damals eher ernüchternd. Von wenigen Ausnahmen abgesehen berichteten Frauen über Erfahrungen, die so auch Männer und Jungen machen: Zudringlichkeiten von Lehrerinnen gegenüber Jungen, ungebetene Annäherungen im öffentlichen Raum, stark sexualisierte Reden und Gesten am Arbeitsplatz. Einige Beispiele hatte ich damals selbst aufgeschrieben.
Was viele Frauen aber vermutlich nicht kennen, ist die Erfahrung, als Belästiger dazustehen für Verhaltensweisen, bei denen sie sich überhaupt keiner Schuld bewusst sind. Ein Beispiel: Ich studierte in einer Stadt mit einer sehr starken links-autonomen Szene, die natürlich auch entschlossen feministisch orientiert war. Ich fuhr eines Tages mit dem Rad eine Straße entlang, als eine junge Frau im Outfit der Autonomen direkt vor mir vom Bürgersteig auf die Straße ging. Ich musste bremsen, und anstatt sie anzuschnauzen, schaute ich freundlich – woraufhin sie mir wütend einige Fuck-You-Zeichen entgegenhielt.
Natürlich ist das ein krankes Verhalten, und es ist offensichtlich, dass sie mich belästigt hat, nicht ich sie. Es ist aber ein Verhalten, dass durchaus kulturell gestützt wird – eben durch Videos wie den Hollaback-Film, durch Kampagnen wie die der HU-Frauenbeauftragten oder eben den Aufschrei.
Vermutlich haben viele Männer Erfahrungen mit beliebigen Belästigungs-Unterstellungen gemacht und nehmen dann, mehr oder weniger unwillkürlich, Erfahrungen wie die beim Aufschrei ausgetauschten in diesem Lichte wahr. Andererseits gibt es gewiss auch Situationen, in denen Frauen sich tatsächlich erheblich belästigt fühlen, ohne dass das einem Mann bewusst ist (und auch umgekehrt).
Tatsächlich ist das ja keine tragische, unlösbare Situation – es würde vermutlich schon vieles klären, wenn Frauen und Männer darüber ins Gespräch kämen, dass sie soziale Situationen unterschiedlich erleben. Der Aufschrei hätte also eigentlich als geschlechterübergreifender Dialog geführt werden müssen – statt dessen bestanden die Protagonistinnen auf einem weiblichen Monolog und hielten Männern vor, wenn sie vergleichbare Erfahrungen gemacht hätten, sollten sie doch einfach ihren eigenen Aufschei ins Leben rufen.
 
Eine skurrile Perspektive: Verschiedene Gruppen der Gesellschaft gründen Gesprächskreise, in denen sie jeweils untereinander ihre Erfahrungen der Diskriminierung ventilieren und die Angehörigen anderer Gruppen dafür verantwortlich machen – ohne dass es jemals noch ein gemeinsames Gespräch gibt.
Wenn es aber bei der Beurteilung sozialer Situationen allein um die Empfindungen bestimmter Menschen geht, die ohne weiteres Gespräch und ohne gemeinsame Kriterien von anderen schlicht akzeptiert und als Richtschnur respektiert werden sollen – dann ist die geeignete Form dafür auch gar nicht das Gespräch, schon gar nicht die mühselige Analyse sozialer Strukturen, sondern die möglichst wirkungsvolle Pose. Es gewinnen jeweils die, die eindrucksvoller als andere als Opfer sozialer Diskiminierungen posieren können.
Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek selbst. Nachdem ihr Buch erschienen ist, und nachdem es von Arne Hoffmann bei amazon ausführlich und sehr kritisch rezensiert wurde, verbreitet sie das Gerücht, in männerrechtlichen Foren würde gezielt dazu aufgerufen, ihr Buch schlecht zu besprechen. Ihre Fans bittet sie um Hilfe – also um positive Besprechungen bei amazon.
Die werden dann auch en masse gepostet, oft tatsächlich mit dem offenen Eingeständnis, das so positiv besprochene Buch gar nicht gelesen zu haben – es ist ja für einen guten Zweck. Wesentlich durch Wizoreks Aufrufe zu positiven Besprechungen entwickelt sich ein regelrechter Bewertungskampf – und die Autorin kann sich als aufrechte Feministin präsentieren, die unerschrocken ihren Mund aufmacht und dabei von Horden wütender Männer attackiert wird.
Ihr Buch aber wird dabei kaum verkauft – mehr noch: Diejenigen, die es kritisch besprechen, setzen sich offenkundig intensiver damit auseinander als die meisten derjenigen, die Wizorek zustimmen.
Wizoreks heftig enttäuschende Verkaufszahlen lassen sich leicht erklären: Für das Einnehmen einer Pose sind die 140 Twitter-Zeichen, die der Aufschrei gebraucht hat, ideal – niemanden aber interessiert eine Pose, die auf Buchlänge ausgewalzt wird.
 
Wie sehr heutige feministische Positionierungen bloß Pose sind, demonstrierte im vergangenen Monat dann die britische Frauenzeitung Elle. Sie ließ gemeinsam mit der feministischen  Fawcett Society T-Shirts mit dem Satz „This is what a feminist looks like“ (So sieht ein Feminist aus) produzieren und gewann berühmte britische Männer, sich mit ihnen photographieren zu lassen: den Sherlock Holmes-Darsteller Benedikt Cumberbatch, den Labour-Chef Ed Milliband, den stellvertretenden Premierminister Nick Clegg und einige andere.
 
Nur Premierminister David Cameron weigerte sich trotz mehrfacher Nachfragen, sich öffentlich per T-Shrit als Feminist zu präsentieren – was ihm von der Elle-Chefredakteurin Lorraine Candy einen heftigen Tadel einbrachte: „Das ist auf so vielen Ebenen eine Schande“ (That’s a shame on so many levels…).
 
Peinlich war dabei nicht nur, dass hier die Handlungen von Politikern ganz hinter dem T-Shirt, das sie trugen oder eben nicht trugen, verschwanden. Peinlich war vor allem die Nachricht, dass die 45 Pfund teuren, schlichten T-Shirts auf Mauritius gefertigt wurden – in einem Ausbeuterbetrieb („sweatshop“), der den dort arbeitenden Frauen bloß 62 Pence pro Shirt bezahlt. Westliche Feministinnen, die westliche Politiker nötigen, für teure T-Shirts Werbung zu laufen und die diese T-Shirts in einem Ausbeuterbetrieb in Afrika von hemmungslos unterbezahlten Frauen herstellen lassen: Hätte sich das jemand bloß ausgedacht, dann stünde es als völlig unrealistische Übertreibung da.

Was bei diesen Posen untergeht, ist jedoch nicht allein der Respekt vor Menschen in armen Ländern. Es gibt natürlich auch bei uns reale Gewalt, reale sexuelle Grenzüberschreitungen, reales Leid – und es gibt (da bin ich mir sicher) ein breites Einverständnis zwischen Männern und Frauen darüber, welche Handlungen zu weit gehen, gar kriminell sind, welche Grenzen gesetzt werden müssen.

 
Statt aber darauf zu bauen, dass gemeinsame, von einer großen Mehrheit akzeptierte und verteidigte Grenzen einen Schutz vor Gewalt darstellen, verwischen die Inszenierungen um Sex und Sexismus diese Grenzen gezielt und systematisch. Die Möglichkeit, beliebig alle Männer als übergriffig und potenziell gewalttätig darzustellen, ist hier allemal wichtiger als ein breiter gemeinsamer Konsens gegen Gewalt. Es wäre interessant, einmal zu erfahren, welche Ziele eigentlich mit solchen Inszenierungen verbunden sind.
 
Um den Schutz von Menschen vor Gewalt und Sexismus geht es dabei jedenfalls nicht.

Im Orbit um den eigenen Hintern

Wie man um sich selbst kreist und dabei Widerlinge produziert

Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko, genannt Tschuri, ist 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sein Kern ist gerade einmal 4×3,5×3,5 Kilometer groß.  Am 12. November gelang Wissenschaftlern trotzdem eine „schwierige und bisher noch nie gewagte Landung“: Sie landeten eine kleine Raumsonde auf dem winzigen Kometen – nämlich den Lander Philae, der zuvor von der Raumsonde Rosetta abgesetzt wurde, die in einer genau berechneten Umlaufbahn den Kometen umrundete.

An der Mission sind siebzehn Länder beteiligt, unter anderem Deutschland – sie kostet etwa eine Milliarde Euro –  ihr Ziel ist es, Informationen über die Geschichte des Sonnensystems zu gewinnen. Die beteiligten Wissenschaftler mussten in vielerlei Hinsicht Neuland betreten“, um die Landung möglich zu machen.
Die Namen von Sonde und Lander haben berühmte Vorbilder, und sie weisen darauf hin, welch ein Meilenstein diese Mission ist:
„Die Sonde ist nach der ägyptischen Hafenstadt Rosette benannt, der Lander nach der Insel Philae im Nil. Beide Orte sind für dort gefundene ‚Meilensteine‘ der Entzifferung der altägyptischen Schriften bekannt: den Stein von Rosette und einen Obelisken auf der Nilinsel.“
Kurz vor der Landung, also kurz vor dem Höhepunkt einer epochalen wissenschaftlichen Leistung, machte einer der wesentlich verantwortlichen Wissenschaftler, Matt Taylor, einen ungeheuren Fehler: Er gab ein Interview, bei dem er ein falsches Hemd trug.
Hier freut sich Matt Taylor noch, weil er irrtümlicherweise tatsächlich glaubt, seine enorme wissenschaftliche Leistung sei wichtiger als das Hemd, das er trägt.

Wie ein Hemd den Fortschritt verhindert Tatsächlich: Statt seiner Beteiligung an einer gigantischen Leistung stand nun plötzlich Taylors Verletzung der Kleiderordnung im Mittelpunkt. Er erschien vor den Kameras in einem Hemd, das eine Freundin ihm maßgeschneidert hatte   – und auf dem erotisch gekleidete Frauen zu sehen waren.

„Es interessiert mich nicht, ob Du eine Sonde auf einem Kometen gelandet hast – Dein Hemd ist sexistisch und ausgrenzend“
betitelten Chris Plante und Arielle Duheim-Ross daraufhin ihren bitterernst gemeinten Artikel in The Verge.
„Ein kleiner Schritt für einen Mann, drei große Schritte rückwärts für die Menschheit“
– so kommentierten sie, tatsächlich, in Anspielung auf Neil Armstrong die Kleiderwahl Taylors. (I don’t care if you landed a spacecraft on a comet, your shirt is sexist and ostracizing. That’s one small step for man, three steps back for humankind) Das Hemd sei nämlich typisch für das frauenfeindliche Klima in den Naturwissenschaften – so dass Frauen dadurch auch weiterhin von wissenschaftlichen Karrieren abgehalten würden.
Gleich zwei Hashtags zum Shirt-Skandal wurden bei Twitter lanciert, #shirtstorm und #shirtgate, und Taylor befand sich urplötzlich mitten in einem Shitstorm, in dem er als frauenfeindlicher Sexist dastand – als Paradebeispiel für die Sorte von Männern, die Frauen aus den Naturwissenschaften ausgrenzen würden.
Als er nach der Landung zur Mission befragt wurde, begann er daher seine Antwort einleitend mit einer Entschuldigung für seine Kleiderwahl – und mit Tränen.
„Das Hemd, das ich diese Woche getragen habe…ich machte einen großen Fehler und habe viele Menschen beleidigt…und das tut mir sehr leid. (weint)“
 Arne Hoffmann kommentiert bei Genderama:
„An demselben Tag, an dem die #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek in einem ARD-Interview heuchelte, wie sehr der Feminismus für Toleranz stehe, brachte ein feministischer Shitstorm im Internet den britischen Physiker Matt Taylor dazu, unter Tränen für die Kleidung um Verzeihung zu bitten, die er an diesem Tag getragen hatte. Er habe einen großen Fehler begangen, und das tue ihm sehr Leid. Ebenfalls am selben Tag masturbierten Feministinnen oben ohne auf dem Petersplatz mit Kruzifixen.“
Die Doppelmoral dieser Aufregung ist tatsächlich offenkundig. Wer beispielsweise Jessica Valentis triumphierend getragenes „Ich bade in Männertränen“-T-shirt mit dem Hemd Taylors vergleicht, wird dieses Hemd vermutlich recht geschmacklos finden, aber anders als Valentis Kleiderwahl nicht bösartig. 
Schlimmer noch als diese eigentlich schon gewohnte Doppelmoral ist hier jedoch die Erwartung, dass alle Anerkennung für die wissenschaftliche Leistung hinter der Empörung über den Fauxpas bei der Hemdenauswahl zurückzustehen habe.

Keine Sekunde verschwenden die rechtschaffen Empörten an den Gedanken, dass möglicherweise eben gerade diese Fixierung auf Nebensächlichkeiten, die aggressiv zur Hauptsache erklärt werden, Klischees über Frauen bestätigen. Oder dass die demonstrative Verachtung gegenüber der wissenschaftlichen Leistung Taylors Frauen weiter von den Naturwissenschaften distanziert, als es ein geschmackloses T-Shirt je tun könnte.

Dass es im Internet Bullies und Trolle gibt, die aus Neid oder Beschränktheit andere gerade dann angreifen, wenn die etwas Besonderes geleistet haben – das ist nicht überraschend. Wie aber ist es möglich, dass solch ein Verhalten so weit akzeptiert, geteilt und verbreitet wird, dass ein Wissenschaftler sich beim Höhepunkt einer dekadenumspannenden wissenschaftlichen Leistung vor allem anderen zu einem verpflichtet fühlt: sich nämlich für eine als unpassend empfundene Hemdenwahl öffentlich und tränenreich zu entschuldigen?
Die feministische Wende Natürlich hat diese Situation viel damit zu tun, dass die Vorwürfe massiv moralisierend sind. Denn einer der größten Vorteile des Moralisierens ist es ja, dass es beliebig komplexe Situationen beliebig vereinfachen kann. Ganz gleich, wie vielschichtig, kompliziert, folgenreich, ambivalent, bedeutsam, voraussetzungsreich etwas auch ist – wer moralisiert, kann es auf einen einfachen binären Code eindampfen: Ist es gut, oder ist es böse?
Besonders praktisch ist dabei, dass das moralische Register mit dem Anspruch gezogen werden kann, dass es dabei um ein ganz besonders herausgehobenes Ordnungsmuster ginge. Es kommt ja beispielsweise nicht darauf an, etwas sowohl moralisch als auch naturwissenschaftlich, ökonomisch, ästhetisch oder politisch zu bewerten und dann beide Bewertungen gegeneinander abzuwägen. Das moralische Register übertönt alle anderen: Was moralisch verachtenswert, böse ist, kann wissenschaftlich noch so herausragend sein – es ist trotzdem abzulehnen.
Diese herausragende Bedeutung der moralischen Bewertung hat gute Gründe. Es ist natürlich richtig, dass nicht jede Handlung erlaubt ist, wenn damit nur eine besondere wissenschaftliche oder künstlerische Leistung möglich wird. Es ist aber offenkundig auch verführerisch, das Moralisieren als gigantische Vereinfachungsmaschine zu benutzen: Wir müssen die Welt gar nicht verstehen – wir müssen sie nur moralisch bewerten können.
Beispiele dafür gibt es massenhaft auch jenseits geschlechterpolitischer Diskussionen, besonders im religiösen Bereich. Unvergessen ist die Fatwa, die Ajatollah Chomeini gegen den muslimischen Autor Salman Rushdie ausgesprochen hatte – ein Tötungsaufruf, der den Autor über Jahre hinweg zu einem Versteckspiel zwang.
Rushdies Feinden war es völlig gleichgültig, wie komplex und vielfältig er in seinem Roman The Satanic Verses die Position von Muslimen zwischen Indien und Großbritannien, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Tradition und Modernisierung durchspielte.

Wichtig war ihnen lediglich, dass er den Propheten Mohammed auf eine ungehörige Weise – übrigens als pragmatischen Geschäftsmann, der seine Version der Religion den Bedürfnissen des Publikums anpasste – darstellte. Dafür war es selbstverständlich nicht nötig, das Buch auch zu lesen, für das sie den Autor gern ermordet hätten – es wäre sogar schädlich gewesen und hätte vom vermeintlich Wesentlichen abgelenkt.

Dieselbe anmaßende Komplexitätsverachtung findet sich auch in der anti-religiösen Aktion der Femen, auf die Arne Hoffmann in der oben zitierten Passage aufmerksam macht. Im Protest gegen eine Rede des Papstes vor dem europäischen Parlament präsentieren sie sich halbnackt auf dem Petersplatz und benutzen öffentlich Kruzefixe als Hilfsmittel bei der simulierten Masturbation.

Das komplexe Wechselverhältnis zwischen politischen und kirchlichen Strukturen, die Bedeutung des Platzes, die Bedeutung religiöser Symbole – all das verschwindet gleichsam in den Hintern der Femen-Frauen, an denen sie publikumswirksam die kleinen Kreuze reiben.

Eben das ist ein Hinweis auf einen besonderen Beitrag feministischer Ansätze zur moralisierenden Komplexitätsvernichtung. Hier geht es nicht einmal mehr darum, dass Menschen gemeinsame moralische Maßstäbe aushandeln müssen, die dann auch für wissenschaftliche, ökonomische, politische oder künstlerische Leistungen verbindlich wären.

Gewalt sei nämlich so grundsätzlich in das Geschlechterverhältnis eingelassen, dass es eine offene, freie, gemeinsame Aushandlung zwischen Frauen und den herrschenden Männern gar nicht geben könnte. Eine haltbare Perspektive, die nicht lediglich Herrschaftsansprüche reproduziere, könne allein die Perspektive der Opfer sein.

Dieser Ansatz führt die moralisierende Komplexitätsvernichtung in ein Extrem. Nun geht es nicht mehr nur darum, wissenschaftliche und andere Register einem moralischen Register unterzuordnen – noch dazu hat sich dieses moralische Register ganz an dem subjektiven Empfinden der Einzelnen auszurichten. Übrig bleibt am Ende eine einzige gültige Beurteilung der Welt: Fühle ich mich wohl, oder fühle ich mich nicht wohl?
So kann dann eine gigantische wissenschaftliche Leistung problemlos hinter der Aufregung über ein Hemd verschwinden, von dem sich einige Frauen angegriffen fühlen. Die kopernikanische Wende? Ob sich die Erde um die Sonne dreht, oder die Sonne um die Erde – ganz egal. ICH drehe mich um meinen Hintern – und nur das zählt.
Wer sich in dieser Weise tagaus tagein um sich selbst dreht, kann dann eben auch von der Welt erwarten, dass sie gefälligst in dieselbe Umlaufbahn einmünden sollte – weil sich diese Welt ansonsten schließlich marginalisierend verhalten würde, oder ausgrenzend (ostracizing), oder diskriminierend.
Die tränenreiche Selbstbezichtigung Taylors ist eben das notwendige Gegenstück zu diesem konsequenten Selbstbezug. Es gibt hier keine gleichberechtigte Verständigung verschiedener Positionen, in der beide Seiten sich zunächst einmal gegenseitig anerkennen müssten. Es gibt lediglich auf der einen Seite eine Position, die sich als absolut setzt – und auf der anderen eine, die diese Setzung anerkennen muss und sich dabei selbst vernichtet.
Wie es möglich ist, solche antizivilen Verhältnisse überhaupt zu etablieren, lässt sich an einem Artikel aus einer Jugendzeitschrift zeigen.
Wie man Jungen beibringt, dass sie Widerlinge sind Im Jugendmagazin jetzt der Süddeutschen Zeitung schreibt der Autor Jan Stremmel über ein virales Video, das eine angetrunkene Frau und die Reaktionen von Männern auf sie zeigt. Angeblich hätten sämtliche Männer, die sie anspricht, versucht, ihre Situation auszunutzen und ihr körperlich nahezutreten.
Stremmel kommt gar nicht erst auf die Idee, dass das Video ein Fake ist und sowohl das Handeln der Frau als auch die Reaktionen der Männer einstudiert sind.
Er wird aber wütend und denkt zurück an das Hollaback-Video, das kurz zuvor den Gang durch die Stadt New York als Spießrutenlauf einer Frau durch sexistische Männerkommentare hindurch präsentiert hatte.
„Ich kam mir als Mann ungerecht behandelt vor. Alle Videos, die da in letzter Zeit kursieren, wurden auf einen Zweck hin produziert und geschnitten (…:) zu zeigen, dass alle Männer potentiell Raubtiere sind. Dass man sich das Leben als Frau wie einen Spießrutenlauf zwischen sexhungrigen Hyänen vorzustellen hat.“
Er möchte zunächst mit einem „Fickt euch“ auf das Video reagieren, redet aber zuvor noch mit ein paar Frauen. Und er erfährt: Der alltägliche Sexismus falle Männern nicht auf, weil Frauen sich daran gewöhnt hätten und gar nicht mehr darüber reden würden. Tatsächlich aber seien sie zu einer beständigen Kapitulation „vor einer subtilen männlichen Dominanz“ gezwungen.
„Die sich zum Beispiel auch in einem Kompliment äußert: Wenn ein Mann ‚Tolle Haare!‘ ruft, ist das eine Bewertung, die eine Reaktion verlangt. Und wer reagiert, macht das Spiel mit.“
Schließlich kommt Stremmel zu dem Schluss, dass sein Ärger wohl gerechtfertigt ist – dass er sich aber nicht über die Videos, sondern über den beständigen sexistischen Druck der Männer auf Frauen ärgern sollte. Und so beendet er den Artikel, den er mit dem Wunsch zur Gegenwehr begonnen hatte, mit einer Selbstbezichtigung:
„Ach so, und dass ich am Anfang das Sommerkleid der angeblich Betrunkenen erwähnt habe, ist übrigens auch kacke. Im Englischen nennt man das ‚victim blaming‘.“
Wir Widerlinge ist dieser Artikel überschrieben – und das wäre, zumal da es ein Text aus einer Jugendzeitschrift ist, nur dann legitim, wenn diese Überschrift im Text relativiert, ironisiert oder gebrochen würde. Tatsächlich aber mündet der Artikel in ihrer Bestätigung: Es gäbe eine allgegenwärtige männliche, sexistische Dominanz gegenüber Frauen – und auch die Männer, die wie Tremmel glauben, sie hätten daran keinen Anteil, müssten schließlich ihre Schuld anerkennen.
Es ist verrückt, dass ein Text in einer Jugendzeitschrift erscheint, der es Jungen nahelegt, sich als Angehörige des Geschlechts der Widerlinge zu identifizieren. Nach der Logik der Selbstbezichtigung gibt es hier schließlich nur einen einzigen Ausweg aus der Schuld, der Schuld, der großen Schuld, männlich zu sein: Nämlich diese Schuld offen anzuerkennen und sich nicht von ihr auszunehmen.
Warum eigentlich wird  solch ein Text nicht als jugendgefährdend eingestuft? Was Stremmel schreibt, ist schließlich tatsächlich widerlich, und es ist auch sexistisch. Es trifft aber nicht Frauen und Mädchen, sondern Jungen.

Es ist aber auch in der unverhohlenen Bereitschaft zur moralischen Selbstvernichtung das notwendige Gegenstück, das eine Kultur der moralisierenden Selbstverherrlichung braucht – eine Kultur, die sich gerade an einem Mann austobt, der an einer der erstaunlichsten wissenschaftlichen Leistungen der Gegenwart beteiligt ist.



Nachtrag: Weil es so schön zum Thema passt, noch ein Zitat von Stephen Fry.

Man hört mittlerweile oft Leute sagen: „Dadurch bin ich jetzt aber ziemlich verletzt.“ Als ob ihnen das bestimmte Rechte verschaffen würde. Tatsächlich ist es aber nicht mehr … als ein Jammern. „Ich finde das verletzend!“ Das hat keine Bedeutung; es hat keinen Zweck; es gibt keinen Grund, das als einen sinnvollen Satz zu respektieren. „Ich fühle mich dadurch verletzt.“ Ach du Scheiße – na und?

Eine Kultur der Verharmlosung – Warum Lena Dunham um jeden Preis ein guter Mensch sein muss

„Grace saß aufrecht, brabbelnd und lächelnd, und ich lehnte mich zwischen ihren Beinen herunter und untersuchte ihre Vagina. Sie wehrte sich nicht, und als ich sah, was darinnen war, schrie ich. Meine Mutter kam angelaufen. ‘Mama, Mama! Grace hat etwas da drin!’ Meine Mutter kümmerte sich gar nicht darum zu fragen, warum ich Graces Vagina geöffnet hatte. Das war ganz innerhalb des Spektrums der Dinge, die ich so tat.“ (1)
Was hier Lena Dunham, die mit ihrer Fernsehserie Girls zu Ikone wurde, in ihrer Autobiografie beschreibt, könnte eigentlich im Rahmen normalen kindlichen Verhaltens eingeordnet werden – wenn nicht Grace zum Zeitpunkt des Geschehens gerade einmal ein Jahr alt, Lena schon sieben Jahre alt gewesen wäre.
Über spätere Zeiten – Grace ist jetzt etwa fünf Jahre alt, Lena etwa elf – schreibt Dunham:
„Während sie heranwuchs, ging ich dazu über, ihre Zeit und Zuneigung durch Bestechung zu gewinnen: einen Dollar in Quarters, wenn ich sie als Motorradbraut schminken und ausstaffieren könnte. Drei Süßigkeiten, wenn ich sie für fünf Sekunden auf den Mund küssen konnte. Sie konnte im Fernsehen sehen, was sie wollte, wenn sie sich bloß ‚auf mir ausruhte’. Eigentlich versuchte alles, was ein Sexualtäter (sexual predator – sexuelles Raubtier) zu Werbung um ein kleines Vorstadtmädchen tun würde.“ (2)
Vor einem Jahr, also sechzehn Jahre später, veröffentlichte die mittlerweile sechsundzwanzigjährige Lena Daunham bei Instagram ein Foto ihrer geschminkten kleinen Schwester.
„Zu der Zeit zog ich meine fünfjährige Schwester als ein Hell’s Angels Sexeigentum  an.“ (that time I dressed my 5 year old sister as a Hell’s Angel’s sex property)
Die Fünfjährige ist auf dem Foto – mit Makeup und falschen Brüsten –  deutlich sexualisiert. Das Bild hat über 28.000 Likes auf Instagram.
Wer diesem Menschen Böses unterstellt, kann nur eine dreckige Fantasie haben
Als Lena Dunham siebzehn ist, kommt ihre elfjährige Schwester jede Nacht zu ihr ins Bett.
„Ihr klebriger, muskulöser Körper schlug jede Nacht neben mir ein, während ich Anne Sexton las, Wiederholungen von Saturday Night Life sah, manchmal sogar, während ich die Hand in meiner Unterwäsche hatte, um Sachen herauszufinden.“ (3)
In einer Zeit, in der sexuelle Übergriffigkeit extrem weit definiert wird, in der Männer schon als Belästiger dastehen, wenn sie einer Frau nachschauen – in der amerikanische Universitäten von ihren erwachsenen Studenten erwarten, sich vor dem einvernehmlichen Sex die Bereitschaft zum Sex ausdrücklich zu bestätigen, und in der dieselben Universitäten bei Anschuldigungen sexueller Übergriffe die Regeln fairer juristischer Verfahren abschaffen  – und in der Vierjährige,  Fünfjährige oder Sechsjährige wegen sexuellen Fehlverhaltens belangt werden –
–  in einer solchen Zeit wäre zu erwarten, dass Dunhams offene Äußerungen zu einem großen Skandal werden, von dem sich ihre Karriere nur schwer erholen kann. Doch seltsamerweise geschieht etwas ganz anderes.

Von ganz normalen sexuellen Grenzverletzungen und ganz normalen Millionenklagen Zunächst scheint überhaupt niemand Dunhams Verhalten problematisch zu finden. Dabei ist es das eindeutig: Die junge Lena Dunham ist deutlich älter als die kleine Schwester, sie manipuliert sie dabei gezielt, und ihr Verhalten ist sexuell deutlich grenzverletzend. Auch im Hinblick auf sie selbst war es ein starkes Alarmsignal.
 
Die erwachsene Lena Dunham wiederum schreibt völlig distanz- und kritiklos darüber, und sie veröffentlicht ihrer begeisterten Anhängerschaft sogar ein Foto der fünfjährigen Schwester als „sexual property“. Das ist eine Verharmlosung und, auf anderer Ebene, auch eine Fortsetzung sexuell grenzverletzenden Verhaltens gegenüber einem Kind. Auch wenn sich in Zeiten von Facebook und Instagram die Maßstäbe für die Veröffentlichung von Kinderbildern verschoben haben: Verwunderlich ist nicht, dass dieses Verhalten kritisiert wird – sondern dass die offene Kritik ausbleibt.
Schließlich wird Dan Shapiro von einer konservativen amerikanischen Website aktiv, die ansonsten so seltsame Publikationen vertreibt wie ein Buch des Autors, in dem er irgendwie nachweist, dass linke Politik gegen alle zehn Gebote verstoße. Er weist in einer Rezension von Dunhams Autobiographie auf die erste oben zitierte Passage hin, bezeichnet das Verhalten als sexuellen Missbrauch – und wird postwendend von Dunhams Anwälten unter Androhung einer Millionenklage aufgefordert, den Artikel zurückzuziehen.
Das tut er nicht, er legt stattdessen mit den anderen Zitaten nach, und Kevin D. Williamson formuliert ganz ähnliche Vorwürfe gegen Dunham in der National Review.
Nun wird sie in anderen Publikationen wütend verteidigt. Das Blog Toy Soldier, das sich auch mit sexueller Gewalt gegen Kinder intensiv auseinandersetzt, reagiert stellvertretend auf eine dieser Verteidigungsschriften, auf Melinda Wenner Moyers Slate-Artikel: Lena Dunham’s Totally Normal Childhood.
Der Toy Soldier-Autor zeigt, wie Wenner wissenschaftliche Schriften selektiv zitiert und eben gerade die wesentlichen Aspekte der Geschichte auslässt, wenn sie Dunhams Verhalten als ganz normales kindliches Verhalten präsentiert.
 
Sie beruft sich beispielweise auf die American Academy of Pediatrics, die Organisation amerikanischer Kinderärzte, die Verhalten wie das von Dunham als „normales, gewöhnliches“ (normal, common) Verhalten von zwei- bis sechsjährigen Kindern bewerte. Sie lässt aber die ausdrückliche Einschränkung der AAP aus, dass dieses Verhalten „kaum normal“ (rarely normal) sei, wenn zwischen den Kindern ein Altersunterschied von mehr als vier Jahren bestünde und wenn dabei Druck ausgeübt werde.
Statt aber ihre eigene Position sorgfältig zu belegen, attackiert sie Williamson und werfe ihm vor, er würde Millionen anderer, die ganz ähnliche Dinge getan haben, angreifen und demütigen. Übrigens eine für feministische Positionen ansonsten ganz unübliche Sorge darum, dass Menschen nicht mit ungerechten Schuldzuweisungen konfrontiert werden sollten.
 
 
Wichtig ist nicht, WAS getan wird – sondern WER es tut Auch deutsche Medien schreiten in heftigen Reaktionen zur Verteidigung Dunhams. Im Stern werfen Sophie Albers und Ben Chamo den Kritikern Dunhams schlicht vor, „eine dreckige Fantasie“ zu haben. Dunham müsse sich gegen „abstruse Vorwürfe von Radikalkonservativen“ verteidigen, die von „rechtsradikalen Verwirrten“ erhoben worden seien. Dunham sei
„eine schillernde, hüpfende, selbstironische, grenzenreißende Gallionsfigur des Post-‚Sex and the City‘-Feminismus“
und werde unter andrem deshalb zur Zielscheibe, weil sie „liberal denkt und spricht“.
Ganz ähnlich ist sich auch Julia Rothhaus in der Süddeutschen Zeitung ohne weitere Begründung sicher, dass der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs an Dunham „absurd“ sei und dass es den Kritikern vor allem um „die Bekämpfung linker Meinungsmacher“ ginge.
Anne Waak formuliert in der Welt noch drastischer.
„Für jeden und jede der jetzt heranzitierten Sexualpädagogen und Entwicklungspsychologinnen gehört der in aller Unschuld beschriebene Vorfall zum Spektrum gesunder kindlicher Neugier. Gestört sind ganz offenbar diejenigen, die einer Siebenjährigen Missbrauch unterstellen.“
Das stimmt zwar nicht, aber es geht schließlich um eine gute Sache, nämlich um die Verteidigung einer Pop-Ikone gegen „konservative US-amerikanische Spinner“. Anders ausgedrückt: „Die Antifeministen schlagen zurück.“ Natürlich ist es gar nicht erst nötig, sich über deren Vorwürfe Gedanken zu machen:
„Dunham selbst hat die Anschuldigungen zu Recht vollkommen lächerlich genannt. Widerlich und verletzend sind sie allerdings auch.“
Dass jemand die Vorwürfe gegen Dunham unbegründet findet, ist durchaus noch verständlich. An diesem Fall könnte also eigentlich diskutiert werden, ob die enorme Ausweitung der Kriterien für sexuelle Übergriffe, die gerade von feministischen Aktivistinnen propagiert wird, eigentlich sinnvoll ist – und ob dabei nicht Handlungen, die durchaus unschädlich sind, zu schwerwiegenden Übergriffen erklärt werden.
Aber eben um eine solche Diskussion geht es den Verteidigerinnen von Dunham nicht. Als hätte es nie feministische Angriffe auf naive Konzeptionen von Normalität gegeben, erklären sie Dunhams Verhalten mit großer Selbstverständlichkeit für normal, lassen dabei unbekümmert wesentliche Fakten aus und verzerren Stellungnahmen von Fachleuten. Achdomina kommentiert in einem Blogbeitrag völlig zutreffend:
„Aber die Liberalität und Empathie, mit der jetzt Lena Dunhams Umgang mit ihrer kleinen Schwester diskutiert wird, fehlen völlig, wenn es um Fälle geht, an denen ein Mann und eine Frau beteiligt sind, und diese Fälle machen nun einmal den Großteil menschlicher Sexualität aus.“
Hätte eine Frau berichtet, dass ein sechs Jahre älterer Bruder das mit ihr gemacht hat, was Dunham mit ihrer Schwester machte – hätte dieser Bruder gar, als erwachsener Mann, seiner begeisterten und vieltausendfachen Anhängerschaft ein aufbewahrtes Foto seiner kleinen Schwester als „sex property“ wie eine Trophäe bei Instagram gepostet – dann hätte mit Sicherheit niemand in der feministischen Blogosphäre und in feministisch orientierten Medien daran gezweifelt, dass diese Frau zum Opfer sexuell missbräuchlichen Verhaltens geworden ist.
Das eben ist ein enormes Problem solcher Stellungnahmen wie der von Rothhaus, von Waak, von Albers und Chamo: Ihnen geht es gar nicht darum, anhand des Falles Dunham allgemein die Tragfähigkeit der Missbrauchskriterien zu diskutieren. Für sie geht es lediglich darum, WER sich gegenüber Kindern grenzverletzend verhält.
 
Unterschwellig, aber deutlich vermitteln die Journalistinnen der Süddeutschen Zeitung, der Welt und des Stern wie ihre amerikanischen Kolleginnen damit eine fatale Botschaft: Sexuelle Verletzungen der Grenzen von Kindern wären nicht weiter schlimm, wenn die Grenzen nur von den richtigen, guten Menschen verletzt würden, zum Beispiel eben durch eine „schillernde, hüpfende, selbstironische, grenzenreißende Gallionsfigur“.
Eine Kultur der Verdächtigung und eine Kultur der Verharmlosung Achdomina schreibt über die erheblichen Ausweitungen des Gewaltbegriffs, gerade in sexueller Hinsicht:
„Diese expandierenden Definitionen verwischen nicht nur die Grenze zwischen traumatischen und bloß unangenehmen Erfahrungen und zwischen Verbrechen und Ungeschicklichkeiten. Die Aufweichung der Rechtsstaatlichkeit, die mit ihnen einhergeht, könnte sich für die Verantwortlichen schneller und direkter rächen als gedacht – sie haben nämlich auch den Nebeneffekt, dass ihnen zufolge auch immer mehr Frauen als Vergewaltigerinnen einzustufen sind.“
Offensichtlich aber rächt es sich nicht. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich Dunham in einer aufgeheizten, gegenüber sexuellen Übergriffen hypersensiblen öffentlichen Debatte offenbar davon ausging, dass ihre Sexualisierung der viel jüngeren Schwester kommentarlos hingenommen, vielleicht gar als prickelnde Sensation ihre Autobiographe attraktiv machen würde.
Erstaunlich ist auch, wie sehr sie damit recht behielt. Was Wenner, Waak und andere publizieren, ist von einer radikalen Kritiklosigkeit, die sich an sich selbst immunisiert. Von Publizisten mit einem irgendwie „linken“ Selbstverständnis kommt kein Wort des Einspruchs, die naheliegende Kritik wird zunächst völlig selbstverständlich Konservativen überlassen. Das aber eine „linke“ Kritik fehlt, wird von ihnen dann nicht etwa als Problem wahrgenommen, ganz im Gegenteil: Da die Kritik ja offensichtlich „rechts“ sei, sei es gar nicht nötig, sich ernsthaft mit ihr zu befassen.
Dass die
„Grenze zwischen traumatischen und bloß unangenehmen Erfahrungen und zwischen Verbrechen und Ungeschicklichkeiten“
verwischt wird, hat offenbar eine doppelte Wirkung, von der auch in der männerrechtlichen Diskussion bisher vor allem eine Seite betont wird. Einerseits nämlich führt diese Verwischung dazu, dass auch bloß unangenehmes, ungeschicktes Verhalten als schwerer Übergriff präsentiert werden kann. Andererseits – und dieser Aspekt verdient wohl größere Aufmerksamkeit – führt es auch dazu, dass tatsächlich übergriffiges Verhalten als harmlos dargestellt werden kann.
Auf der einen Seite entsteht so eine Kultur der Verdächtigung und der beliebigen Unterstellung – getrieben von der Annahme, wir würden in einer rape culture leben, in der die Vergewaltigung von Frauen durch Männer bestenfalls als Kavaliersdelikt erscheine.
Andererseits wird aber tatsächlich eine Kultur der Verharmlosung etabliert, die Gewalt, darunter auch erhebliche sexuelle Grenzverletzungen gegenüber Kindern, als harmlos erscheinen lässt – solange diese Grenzen nur nicht von den angeblich Herrschenden verletzt werden.
 
Die Idee eines Patriarchats, einer umfassenden Männerherrschaft wirkt sich hier also doppelt destruktiv aus.
Zu der beschriebenen Kultur der Verharmlosung gehört natürlich nicht jeder, der Dunhams Äußerungen nicht so skandalös findet wie die Kritiker. In meinen Augen ist beispielweise das dritte Zitat nicht notwendig gravierend – Dunham beschreibt hier schließlich nicht, dass sie beständig neben ihrer kleinen Schwester masturbierte, sondern dass ihre Schwester auch dann zu ihr in Bett steig, wenn sie gerade ihre Hand in ihrer Unterwäsche hatte. Das reicht für Missbrauchsvorwürfe nicht aus.
Zu einer Kultur der Verharmlosung gehört aber gewiss die „gleichgeschaltet“ (Arne Hoffmann) wirkende, gedankenlose Selbstverständlichkeit, mit der viele Journalistinnen in Massenmedien Dunham völlig kritiklos verteidigen und die eigentlich unverkennbare Problematik ihres Verhaltens herunterspielen.
 
Vorläufig lassen sich zwei Aspekte dieser gewaltverharmlosenden Kultur beschrieben:
 
1. Die Bewertung gewalttätigen oder sexuell grenzverletzenden Verhaltens ist in feste, betonierte Freund-Feind-Strukturen eingebettet. Selbstkritik oder Kritik an den eigenen Ikonen erscheint hier als Verrat, der dem „Feind“ in die Hände spielt. Dessen Kritik wiederum könne grundsätzlich nicht gut begründet sein, weil sie schließlich lediglich vorgeschoben sei, um anderen, illegitimen Interessen zu dienen.
 
2. Wesentlicher Bezugspunkt ist nicht das, WAS Menschen und insbesondere Kindern getan wird, sondern WER es tut. Das Verhalten einer feministischen Pop-Ikone müsse offenkundig anders bewertet werden als das eines beliebigen heterosexuellen Mannes. Keineswegs bedeute das übrigens, dass hier double standards angelegt würden. Schließlich sei das Verhalten von Menschen, die zu den Machtlosen in der heterosexuellen, patriarchalen Ordnung zählen, ganz anders zu bewerten als das Verhalten derjenigen, die sich unentwegt ihre patriarchale Dividende auszahlen lassen könnten.
Dass gleichgeschaltet wirkende, wütende Verteidigungen sexuell missbräuchlichen Verhaltens völlig problemlos in deutschen Massenmedien erscheinen konnten, ist ein starkes Indiz dafür, dass die Rede von einer Kultur der Verharmlosung begründet ist. Es gibt viele weitere Beispiele für eine solche Kultur –  es ist also wichtig, auf das Thema zurück zu kommen.
 
 
 
 
Die längeren Passagen aus Dunhams Autobiografie habe ich aus dem Artikel übernommen, den Christian bei Alles Evolution zu dem Fall veröffentlicht hat. Ich habe sie selbst übersetzt, hier sind die Originalversionen:
 
(1) Grace was sitting up, babbling and smiling, and I leaned down between her legs and carefully spread open her vagina. She didn’t resist, and when I saw what was inside I shrieked. My mother came running. “Mama, Mama! Grace has something in there!” My mother didn’t bother asking why I had opened Grace’s vagina. This was within the spectrum of things that I did.

 (2) As she grew, I took to bribing her for her time and affection: one dollar in quarters if I could do her makeup like a “motorcycle chick.” Three pieces of candy if I could kiss her on the lips for five seconds. Whatever she wanted to watch on TV if she would just “relax on me.” Basically, anything a sexual predator might do to woo a small suburban girl I was trying.

(3) Her sticky, muscly little body thrashed beside me every night as I read Anne Sexton, watched reruns of SNL, sometimes even as I slipped my hand into my underwear to figure some stuff out.

Nichts gelernt? Die Sexualpädagogik und die Verbrechen im Odenwald

Was Christoph Freys Fernsehfilm „Die Auserwählten“ mit heutigen Debatten um Sexualität und Schule zu tun hat
 
„Was die Kinder wollen, fragt keiner. Bei den Massagen für Zehnjährige, Stichwort ‚Gänsehaut’, genügt laut Anweisung jedenfalls dünne Kleidung, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können. Dabei dürfen verschiedene Massagetechniken angewendet werden, auch ‚vorgezeigt durch die Leitung’. Von außen sollte der Raum nicht einsehbar sein, empfehlen die Autoren.“
So beunruhigt berichtet Antje Schmelcher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine Methode der Sexualpädagogik der Vielfalt, die von der Kasseler Professorin Elisabeth Tuider und anderen entwickelt wurde (im Volltext kann die Methodensammlung hier gelesen werden). Schmelcher: 
„Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm.“
Demonstrativ irritiert gibt sich auch Jan Fleischhauer im Spiegel
„Ich ging bislang davon aus, dass Kinder im Aufklärungsunterricht vor allem etwas über Verhütungsmittel lernen, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass offenbar auch die Einübung in Sexualtechniken, die selbst vielen Erwachsenen fremd sind, zum Unterrichtsstoff gehört.“
Alexander von Beyme wiederum kritisiert wiederum Schmelchers Artikel scharf. Sie habe Textpassagen aus dem Zusammenhang gerissen und entstellt. Zur oben zitierten Textstelle schreibt er beispielsweise:
„Die Autorin will den Eindruck erwecken, dass sich hier Kinder gegenseitig stimulieren. Wer die Übung auf Seite 178 nachschlägt, stellt fest, was Schmelcher hier schon wieder unterschlagen hat: Die Kinder berühren sich nicht mit den Händen, sondern streicheln sich mit unterschiedlichen Materialien wie Wolle, Federn, Tennisbälle. Es geht darum, Köperreize wahrzunehmen und hinterher darüber sprechen zu können, was als angenehm oder eher unangenehm empfunden wird.“
Doch auch von Beyme selbst zitiert selektiv und entstellend und legt Schmelcher Formulierungen in den Mund, die nicht von ihr stammen. Sie versuche beispielweise, den Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik Uwe Sielert zu diskreditieren, der mit Elisabeth Tuider zusammengearbeitet hat.
„Er wird in die Nähe des verstorbenen Professors Kentler gerückt (‚väterlicher Freund’ Sielerts) , dem posthum eine Verharmlosung von Pädosexualität vorgeworfen wird.“
Kentler hatte beispielweise Jugendliche bei ihm bekannten Päderasten untergebracht. Die Formulierung, er sei „väterlicher Freund“ Sielerts gewesen, kommt in Schmelchers Text allerdings überhaupt nicht vor, sondern stammt aus einer 2009 veröffentlichten Festschrift für Sielert, die unter anderem ausgerechnet von Elisabeth Tuider herausgegeben wurde. Dort hatte diese Formulierung ganz eindeutig nicht den Sinn, Sielert zu diskreditieren.
 
 
Die Diskussion ist auch deswegen festgefahren, weil einige Vertreter beider Seiten mit Vorliebe das wahrnehmen, was in ihr Bild passt. Vor dem Hintergrund aber, den Schmelcher, von Beyme und auch Amendt ansprechen, lässt sich genauer fragen, warum sie eigentlich so aufgeladen ist und so aufgeregt geführt wird. 
 
Denn: Was eigentlich haben eine sich progressiv gebende Sexualpädagogik und die Politik, die sie unterstützt, aus den ungeheuren Skandalen der letzten Jahre und Jahrzehnte gelernt – aus den systematischen und systematisch vertuschten Verbrechen an der Odenwaldschule oder aus den Pädaophilieunterstützung der frühen Grünen? Es lohnt sich ein Blick auf einen Film, den die ARD am 1. Oktober 2014 ausgestrahlt hat und der den sexuellen Missbrauch an der ehemaligen Vorzeige-Reformschule zum Thema hat: Christoph Freys Die Auserwählten.

Der Horror in der Vorzeigeschule Ein Junge, der laut schluchzend unter seiner Bettdecke liegt. Zwei Paar Badeschuhe, die gemeinsam vor einer Dusche stehen, ein großes und ein kleines. Ein Schulleiter, der die neue Lehrerin im Bademantel empfängt und sich unbesorgt um die geöffnete Tür im Nebenzimmer umzieht. Ein Lehrer, der in seiner Wohnung bis auf ein Handtuch um die Hüften nackt ist, aber zugleich die Schülersprecherin zu Gast hat. Ein Klaps auf einen Hintern, den wir hören können, der aber nicht im Bild gezeigt wird. Immer wieder ketterauchende Jugendliche, die vordergründig gelassen und gelöst wirken und in denen offenbar etwas arbeitet, dessen sie nicht Herr werden können.

Christoph Freys Fernsehfilm arbeitet mit Mitteln eines klassischen Gruselfilms: Schon früh deutet sich an, dass etwas nicht stimmt, und die Andeutungen werden immer präziser, auch wenn das, worum es geht, aus verständlichen Gründen nie direkt im Bild gezeigt wird: die systematische sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche an der Odenwald-Schule.

Auch das ist aus manchen Gruselfilmen vertraut: Der Ort des Schreckens wirkt zu Beginn wie ein Idyll. Ein Blick auf die Großstadt Frankfurt wird abgelöst durch einen Blick auf die sommerlich-blühende Landschaft, in der die Häuser der Schule platziert sind, als sei es ein Bild aus einem Märklin-Katalog.

Heikel ist die Entscheidung von Regisseur und Drehbuchautor Frey, die Geschichte auf der Basis authentischer Aussagen, aber aus der Perspektive einer fiktiven Figur zu erzählen, aus der Perspektive der jungen Lehrerin Petra Grust (Julia Jentzsch) nämlich. Die Funktion dieser fiktiven Figur ist klar: Sie geleitet uns als heutige Zuschauer in die Hölle dieser Schule, und ihre anfängliche Naivität und Begeisterung, ihre Zweifel, ihr Aufbegehren und auch ihre Resignation am Ende greifen vermutlich Gefühle auf, die vielen aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Schule vertraut sind.

Die Sorge einiger ehemaliger Schüler, dass angesichts dieses Spiels mit Wirklichkeit und Fiktion der Realitätsgehalt des Films in Frage gestellt werden könnte (hier 2:40), ist begründet. Tatsächlich verzerrt die eingeschleuste fiktive Lehrerin die zeitgeschichtliche Realität der Schule in manchen Szenen. Wenn sie beispielsweise dem Schüler Frank bei einem Selbstmordversuch das Leben rettet, ist das zwar ein dramatischer Höhepunkt des Geschehens – die Anwesenheit der heroischen Lehrerin verdeckt aber die Einsamkeit der realen Schüler der Odenwaldschule, denen in ihrem Kollegium keine solche Heldin zur Verfügung stand.

Dass die Lehrerin gegen den charismatischen Schulleiter Simon Pistorius (Ulrich Tukur) aufbegehrt und ihn zu stürzen versucht, simuliert eine offene Auseinandersetzung, die es in der realen Welt des realen Schulleiters Gerold Becker so nicht gegeben hat. Bis zu seinem Tod hatte der sich mit seiner Schuld kaum einmal auseinandersetzen müssen, und sein Lebensgefährte Hartmut von Hentig schickte ihm noch einen trotzigen Nachruf hinterher, der die Schuld für sexuelle Übergriffe bei den Schülern selbst platzierte, falls sie denn überhaupt stattgefunden hätten.

Zudem trägt die fiktive Zentralfigut dazu bei, Schuld und Unschuld sauber zwischen den Geschlechtern aufzuteilen. Es sind im Film durchweg Männer, die sexuell übergriffig werden – und Frauen decken sie bloß deswegen, weil sie klammheimlich alle in Pistorius verliebt sind. Dass diese Klischees in dieser Form nicht der Wirklichkeit entsprachen, dass an der Odenwaldschule auch Lehrerinnen gegen die Schüler erheblich sexuell übergriffig waren – das wurde erst in Diskussionen deutlich, die den Film begleiteten, nicht im Film selbst.

 
 
Der Lehrer als Gott (und Gott als Teufel)  Es gibt einen weiteren Aspekt der fiktiven Zentralfigur, der noch problematischer ist als diese Geschlechterklischees – zumal ja tatsächlich ein überwiegender Teil der Taten an der Odenwald-Schule von Männern begangen wurde. Sie sei „die Handlung Gesandte heutigen Missbrauchswissens“, schreibt Nikolaus von Festenberg im Tagesspiegel über Grust. Eben diese Funktion ist heikel. 

Dadurch, dass die Figur der Petra Grust tatsächlich einen heutigen Blick repräsentiert, den Schock, die Empörung, das Mitleid mit den Opfern – dadurch steht unsere heutige Situation unwillkürlich als positives Gegenstück da, und mögliche Parallelen lassen sich übersehen.

Immer nur kurz wird neben der charismatischen Figur des Pistorius eine weitere politische und pädagogische Dimension sichtbar – besonders in einer Szene, in der Franks Vater als Vorstand des Förderverein Pistorius dann doch endlich mit den Vorwürfen gegen ihn konfrontiert (im Film ab 1:11:10) Der Schulleiter stellt ihn als verklemmten Spießer hin und sich selbst als einen Pädagogen, der das Wohl der Schüler fördere. Hätte der Vater seinen Sohn jemals akzeptiert, dann hätte er auch dessen Sexualität als etwas Schönes empfinden können.

Dieses Selbstverständnis ist typisch für das Verhalten der Lehrkräfte im Film. Sie verwischen den hierarchischen Unterschied zwischen Schülern und Lehrern, präsentieren sich als Freunde, Partner – und ziehen sich doch wieder urplötzlich auf ihre Hierarchieebene zurück, wenn sie ihre Interessen bedroht sehen. Ein Schüler, der seiner Mutter von den sexuellen Übergriffen berichtet hat, wird beispielweise von der Schule verwiesen – angeblich wegen Drogenkonsums.

Diese widersprüchliche Haltung hat nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen politischen und pädagogischen Hintergrund. Die Abgrenzung von der autoritären Pädagogik war eben auch eine von dem klassischen Status des Lehrers als Respektsperson, als Mitglied und Repräsentant sozialer Hierarchien. Dass das gute sachliche Gründe hatte, wird leicht verständlich angesichts von Erfahrungen mit autoritärer Lehrerherrschaft, die vielen gut vertraut waren und die heute in Texten wie Friedrich Torbergs Der Schüler Gerber aufbewahrt sind.

 
In Torbergs Roman erscheint der selbstherrliche und destruktive autoritäre Lehrer als „Gott“, als allmächtige Figur, gegen den der Schüler keine Chance hat.

In der pädagogischen Abgrenzung von diesem autoritären Lehrertypus drückt sich allerdings zugleich auch ein Bedürfnis nach Unschuld aus: sich selbst nicht als Teil und Repräsentanten eines hierarchischen Systems sehen zu müssen, sondern als Lehrer, der ganz als Mensch anwesend ist und auch die Schüler ganz als Menschen wahrnimmt.

Zeitgeschichtlich ist diese Position natürlich Resultat einer Abgrenzung von der nahen nationalsozialistischen Vergangenheit, deren Strukturen plausibel mit den Strukturen einer autoritären Pädagogik in Verbindung gebracht werden konnten. „Die sexuelle Befreiung galt als antifaschistisches Projekt“, schreibt Adam Soboczynski mit direktem Bezug zu einem Text Helmut Kentlers in der Zeit.

Die Hölle in der Odenwald-Idylle baut damit auf der paradoxen Illusion der Lehrkräfte im Film, über Machtmöglichkeiten der Hierarchie zu verfügen, sie aber lediglich subversiv zu benutzen – die Möglichkeiten der Macht zu haben, aber auf der Seite der Machtlosen zu stehen. Sie imaginieren sich selbst gleichsam als unschuldige Kinder, und sie verlieren so den Sinn für den fundamentalen Unterschied zwischen den Positionen Erwachsener und denen realer Kinder.

In der demonstrativen Abgrenzung vom gottgleichen autoritären Lehrer, aber eben auch in der Fixierung auf diesen Lehrertypus machen Pistorius im Film und Becker in der Realität den Lehrer wiederum zum Gott, der selbstherrlich, willkürlich und unbeschränkt über seine Schüler herrschen kann.

 
 
Warum die sexuelle Befreiung von Kindern durch Erwachsene immer noch eine schlechte Idee ist  Pistorius inszeniert sich dabei als Befreier, der gegen die Enge verklemmter bürgerlicher Moralvorstellungen kämpft. Natürlich schweißt eben das das Kollegium zusammen – wer hier offen aufbegehrt, spielt dem Feind in die Hände, der in der kalten, technokratischen und autoritären Welt draußen nur darauf wartet, gegen die fortschrittliche Pädagogik drinnen in der Odenwald-Schule etwas in der Hand zu haben.
 
Eben hier verschenkt Freys Film die Chance, über heutige politische Gemengelagen zu reflektieren, Unterschiede, aber auch Parallelen zumindest anzudeuten. Der wesentliche Unterschied: Eine Pädophilenlobby findet heute weder in Parteien noch in Universitäten die offene Unterstützung, die sie in früheren Jahrzehnten hatte. Uwe Sielert beispielweise distanziert sich heute ausdrücklich von dieser Unterstützung, wenn es auch verharmlosend ist, sie lediglich als „naiv“ zu bezeichnen.

Ungebrochen hat sich aber bei einigen Pädagogen und Politikern die Vorstellung bewahrt, Erwachsene seien in irgendeiner Weise für die sexuelle Befreiung von Kindern und Jugendlichen zuständig. Diese Haltung liegt unverkennbar ebenso dem Bildungsplan in Baden-Württemberg wie auch Tuiders Sexualpädagogik der Vielfalt zu Grunde, und sie macht die Breite des Protests dagegen verständlicher als das Selbstbild der Protagonisten, lediglich gegen Diskriminierungen und Marginalisierungen von Minderheiten einzutreten.

Denn wäre das tatsächlich die wesentliche Absicht des Bildungsplans, dann wäre nicht erklärlich, warum er allein auf sexuell begründete Diskriminierungen fixiert ist und andere Formen völlig ignoriert, zum Beispiel die flächendeckenden Diskriminierungen aus sozialen Gründen.

Auch in Tuiders Sexualpädagogik geht es nicht einfach um die Förderung von Vielfalt und gegenseitigem Respekt – denn dafür ist es nicht sinnvoll, „bewusst Verwirrung und Veruneindeutigung“ anzustreben (Tuider et.al, S. 40). Wesentlich zweckdienlicher wäre das Gegenteil, nämlich Kindern und Jugendlichen die Sicherheit zu vermitteln, aus deren Perspektive sie diejenigen, die in irgend einer Weise anders sind als sie selbst, nicht als Bedrohung wahrnehmen.

Erwachsene sollten sich natürlich der sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht unnötig in den Weg stellen, beispielsweise mit Masturbationsverboten oder mit einer gezielten Abwertung ihrer Sexualität. Gerade im Hinblick auf den letzten Aspekt haben Schwulenfeinde ebenso einen erheblichen Lernbedarf wie feministisch inspirierte Pädagogen. Wie aber kommen erwachsene Menschen auf die Idee, sich darüber hinaus selbst den Auftrag zur Befreiung der kindlichen und jugendlichen Sexualität zu erteilen?

„Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen.“
So hebt Jean-Jacques Rousseaus epochale Schrift Emile oder Über die Erziehung aus dem Jahr 1762 an. Das ist ein Bild, das die Pädagogik seitdem inspiriert hat: Das Kind ist hier Sinnbild einer widerständigen Kraft gegen eine korrupte und korrumpierende gesellschaftliche Ordnung. Der Erzieher hat in diesem Sinn vor allem die Aufgabe, das Kind gegen diese falsche Gesellschaft zu stärken.
 
Was Pistorius im Film vertritt, ist eine pervertierte Konsequenz dieser Vorstellung. Schuld wird von ihm ganz auf der Seite einer spießigen, kaputten und kaputt machenden gesellschaftlichen Ordnung platziert – der Erzieher aber, der sich gegen diese Ordnung wende, sei ebenso unschuldig wie das Kind, dass er dabei befreie.
 
Wer sich selbst so sehr auf der Seite der Kinder imaginiert, obwohl er doch erwachsen ist und eine gesellschaftliche Ordnung schulisch repräsentiert – wer seine eigene Macht so leugnet, obwohl er sie doch beständig einsetzt – der kann dann eben auch den Sinn verlieren für sinnvolle Grenzen und Tabus im Verhältnis Erwachsener und Kinder.

Mit Gegenüberstellungen einer gesellschaftlichen Zwangsordnung und einer befreiten, vielfältigen Sexualität arbeiten einige Pädagogen und Politiker bemerkenswert ungebrochen weiter. Die Fixiertheit des baden-württembergischen Bildungsplans auf Sexualität trägt ebenso zu solchen Polarisierungen bei wie die gezielten Grenzüberschreitungen in Tuiders Sexualpädagogik der Vielfalt, die Stephan Fleischhauer bei Geschlechterallerlei analysiert.

Radikal polarisierend sind aber auch die Angriffe gegen Tuider, die besonders scharf, irre und grenzüberschreitend („Noch vor dreißig Jahren hätte man so eine Alte in den Knast gesteckt und sie solange dort behalten, bis sie verrottet wäre.“) von Akif Pirinçci geführt werden.

 
Diese Polarisierung kündigt, mit unterschiedlichen Mitteln und von beiden Seiten, einen breiten Konsens auf. Denn an den Schulen ist beispielsweise die Position, dass homosexuelle Jungen und Mädchen nicht diskriminiert werden sollten, schon lange zur Selbstverständlichkeit geworden – unbeeindruckt von dezidiert schwulenfeindlichen Positionen, die beispielweise beim zeitweilig populären Hip-Hop des Berliner Aggro-Labels vertreten werden.

Es ist aber ebenso ein stillschweigender Konsens, dass es nicht die Aufgabe von Lehrkräften – oder Sozialpädagogen, oder Sexualpädagogen – ist, die Sexualität der Kinder und Jugendlichen von allgemeinen gesellschaftlichen Grenzen zu befreien, die dann heute eben nicht mehr als Grenzen einer „spießigen Moral“, aber als „neue Normierungen, Diskriminierungen und Marginalisierungen“ (Tuider, S. 5) dastehen.

Dass dieser Konsens gebrochen wird, hat auch einfache egoistische Gründe. Tuider steht unter dem typischen Profilierungsdruck eines akademischen Umfelds, eine grün-rote Landesregierung kann sich ebenso wie ihre Gegner von einer scharfen Konfrontation Selbstdarstellungsmöglichkeiten versprechen – und Pirinçci will möglichst viele Bücher verkaufen.

Das Klima, das dabei – verantwortungslos von beiden Seiten – geschaffen wird, ist ein Klima der betonierten Konfrontation, das so ähnlich auch schon die Verbrechen im Odenwald ermöglicht hat. Es ist ein Klima, in dem die Beteiligten jeweils nur noch die Tatsachen wahrnehmen, die ihren Zwecken dienlich sind – in dem Selbstkritik als Verrat erscheint, als Trojanisches Pferd des Feindes – und in dem eine gemeinsame Verständigung über die Verantwortung Erwachsener gegenüber Kindern und Jugendlichen unmöglich wird.

 
 
 
 
Christoph Freys ARD-Film Die Auserwählten ist hier vollständig zu sehen. Er ist auch als DVD erhältlich.
Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit. Diese Methodensammlung von Elisabeth Tuider und anderen ist hier vollständig in einer pdf-Datei zu lesen (danke an Stephan Fleischhauer für diesen Hinweis).
 
Die Kritik an dieser Sexualpädagogik ist auf die harten und indiskutablen Attacken Pirinçcis nicht zu reduzieren, und sie nimmt in den letzten Wochen nach meinem Eindruck zu. Ein Beispiel dafür ist der Text von Gerhard Amendt, „Ein geschlechtergerechter Puff für unsere Kleinen“.