Film

Nichts gelernt? Die Sexualpädagogik und die Verbrechen im Odenwald

Odenwaldschule
geschrieben von: Lucas Schoppe
Was Christoph Freys Fernsehfilm „Die Auserwählten“ mit heutigen Debatten um Sexualität und Schule zu tun hat
„Was die Kinder wollen, fragt keiner. Bei den Massagen für Zehnjährige, Stichwort ‚Gänsehaut’, genügt laut Anweisung jedenfalls dünne Kleidung, damit der unterschiedliche Druck und die verschiedenen Streichrichtungen auch erspürt werden können. Dabei dürfen verschiedene Massagetechniken angewendet werden, auch ‚vorgezeigt durch die Leitung’. Von außen sollte der Raum nicht einsehbar sein, empfehlen die Autoren.“
So beunruhigt berichtet Antje Schmelcher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über eine Methode der Sexualpädagogik der Vielfalt, die von der Kasseler Professorin Elisabeth Tuider und anderen entwickelt wurde (im Volltext kann die Methodensammlung hier gelesen werden). Schmelcher:
„Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm.“
Demonstrativ irritiert gibt sich auch Jan Fleischhauer im Spiegel:
„Ich ging bislang davon aus, dass Kinder im Aufklärungsunterricht vor allem etwas über Verhütungsmittel lernen, um ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass offenbar auch die Einübung in Sexualtechniken, die selbst vielen Erwachsenen fremd sind, zum Unterrichtsstoff gehört.“
Alexander von Beyme wiederum kritisiert wiederum Schmelchers Artikel scharf. Sie habe Textpassagen aus dem Zusammenhang gerissen und entstellt. Zur oben zitierten Textstelle schreibt er beispielsweise:
„Die Autorin will den Eindruck erwecken, dass sich hier Kinder gegenseitig stimulieren. Wer die Übung auf Seite 178 nachschlägt, stellt fest, was Schmelcher hier schon wieder unterschlagen hat: Die Kinder berühren sich nicht mit den Händen, sondern streicheln sich mit unterschiedlichen Materialien wie Wolle, Federn, Tennisbälle. Es geht darum, Köperreize wahrzunehmen und hinterher darüber sprechen zu können, was als angenehm oder eher unangenehm empfunden wird.“
Doch auch von Beyme selbst zitiert selektiv und entstellend und legt Schmelcher Formulierungen in den Mund, die nicht von ihr stammen. Sie versuche beispielweise, den Vorstand der Gesellschaft für Sexualpädagogik Uwe Sielert zu diskreditieren, der mit Elisabeth Tuider zusammengearbeitet hat.
„Er wird in die Nähe des verstorbenen Professors Kentler gerückt (‚väterlicher Freund’ Sielerts) , dem posthum eine Verharmlosung von Pädosexualität vorgeworfen wird.“
Kentler hatte beispielweise Jugendliche bei ihm bekannten Päderasten untergebracht. Die Formulierung, er sei „väterlicher Freund“ Sielerts gewesen, kommt in Schmelchers Text allerdings überhaupt nicht vor, sondern stammt aus einer 2009 veröffentlichten Festschrift für Sielert, die unter anderem ausgerechnet von Elisabeth Tuider herausgegeben wurde. Dort hatte diese Formulierung ganz eindeutig nicht den Sinn, Sielert zu diskreditieren.
Die Diskussion ist auch deswegen festgefahren, weil einige Vertreter beider Seiten mit Vorliebe das wahrnehmen, was in ihr Bild passt. Vor dem Hintergrund aber, den Schmelcher, von Beyme und auch Amendt ansprechen, lässt sich genauer fragen, warum sie eigentlich so aufgeladen ist und so aufgeregt geführt wird.

Denn: Was eigentlich haben eine sich progressiv gebende Sexualpädagogik und die Politik, die sie unterstützt, aus den ungeheuren Skandalen der letzten Jahre und Jahrzehnte gelernt – aus den systematischen und systematisch vertuschten Verbrechen an der Odenwaldschule oder aus den Pädaophilieunterstützung der frühen Grünen? Es lohnt sich ein Blick auf einen Film, den die ARD am 1. Oktober 2014 ausgestrahlt hat und der den sexuellen Missbrauch an der ehemaligen Vorzeige-Reformschule zum Thema hat: Christoph Freys Die Auserwählten.

Der Horror in der Vorzeigeschule Ein Junge, der laut schluchzend unter seiner Bettdecke liegt. Zwei Paar Badeschuhe, die gemeinsam vor einer Dusche stehen, ein großes und ein kleines. Ein Schulleiter, der die neue Lehrerin im Bademantel empfängt und sich unbesorgt um die geöffnete Tür im Nebenzimmer umzieht. Ein Lehrer, der in seiner Wohnung bis auf ein Handtuch um die Hüften nackt ist, aber zugleich die Schülersprecherin zu Gast hat. Ein Klaps auf einen Hintern, den wir hören können, der aber nicht im Bild gezeigt wird. Immer wieder ketterauchende Jugendliche, die vordergründig gelassen und gelöst wirken und in denen offenbar etwas arbeitet, dessen sie nicht Herr werden können.

Christoph Freys Fernsehfilm arbeitet mit Mitteln eines klassischen Gruselfilms: Schon früh deutet sich an, dass etwas nicht stimmt, und die Andeutungen werden immer präziser, auch wenn das, worum es geht, aus verständlichen Gründen nie direkt im Bild gezeigt wird: die systematische sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche an der Odenwald-Schule.

Auch das ist aus manchen Gruselfilmen vertraut: Der Ort des Schreckens wirkt zu Beginn wie ein Idyll. Ein Blick auf die Großstadt Frankfurt wird abgelöst durch einen Blick auf die sommerlich-blühende Landschaft, in der die Häuser der Schule platziert sind, als sei es ein Bild aus einem Märklin-Katalog.

Heikel ist die Entscheidung von Regisseur und Drehbuchautor Frey, die Geschichte auf der Basis authentischer Aussagen, aber aus der Perspektive einer fiktiven Figur zu erzählen, aus der Perspektive der jungen Lehrerin Petra Grust (Julia Jentzsch) nämlich. Die Funktion dieser fiktiven Figur ist klar: Sie geleitet uns als heutige Zuschauer in die Hölle dieser Schule, und ihre anfängliche Naivität und Begeisterung, ihre Zweifel, ihr Aufbegehren und auch ihre Resignation am Ende greifen vermutlich Gefühle auf, die vielen aus der Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Schule vertraut sind.

Die Sorge einiger ehemaliger Schüler, dass angesichts dieses Spiels mit Wirklichkeit und Fiktion der Realitätsgehalt des Films in Frage gestellt werden könnte (hier 2:40), ist begründet. Tatsächlich verzerrt die eingeschleuste fiktive Lehrerin die zeitgeschichtliche Realität der Schule in manchen Szenen. Wenn sie beispielsweise dem Schüler Frank bei einem Selbstmordversuch das Leben rettet, ist das zwar ein dramatischer Höhepunkt des Geschehens – die Anwesenheit der heroischen Lehrerin verdeckt aber die Einsamkeit der realen Schüler der Odenwaldschule, denen in ihrem Kollegium keine solche Heldin zur Verfügung stand.

Dass die Lehrerin gegen den charismatischen Schulleiter Simon Pistorius (Ulrich Tukur) aufbegehrt und ihn zu stürzen versucht, simuliert eine offene Auseinandersetzung, die es in der realen Welt des realen Schulleiters Gerold Becker so nicht gegeben hat. Bis zu seinem Tod hatte der sich mit seiner Schuld kaum einmal auseinandersetzen müssen, und sein Lebensgefährte Hartmut von Hentig schickte ihm noch einen trotzigen Nachruf hinterher, der die Schuld für sexuelle Übergriffe bei den Schülern selbst platzierte, falls sie denn überhaupt stattgefunden hätten.

Zudem trägt die fiktive Zentralfigut dazu bei, Schuld und Unschuld sauber zwischen den Geschlechtern aufzuteilen. Es sind im Film durchweg Männer, die sexuell übergriffig werden – und Frauen decken sie bloß deswegen, weil sie klammheimlich alle in Pistorius verliebt sind. Dass diese Klischees in dieser Form nicht der Wirklichkeit entsprachen, dass an der Odenwaldschule auch Lehrerinnen gegen die Schüler erheblich sexuell übergriffig waren – das wurde erst in Diskussionen deutlich, die den Film begleiteten, nicht im Film selbst.

Der Lehrer als Gott (und Gott als Teufel)  Es gibt einen weiteren Aspekt der fiktiven Zentralfigur, der noch problematischer ist als diese Geschlechterklischees – zumal ja tatsächlich ein überwiegender Teil der Taten an der Odenwald-Schule von Männern begangen wurde. Sie sei „die Handlung Gesandte heutigen Missbrauchswissens“, schreibt Nikolaus von Festenberg im Tagesspiegel über Grust. Eben diese Funktion ist heikel.

Dadurch, dass die Figur der Petra Grust tatsächlich einen heutigen Blick repräsentiert, den Schock, die Empörung, das Mitleid mit den Opfern – dadurch steht unsere heutige Situation unwillkürlich als positives Gegenstück da, und mögliche Parallelen lassen sich übersehen.

Immer nur kurz wird neben der charismatischen Figur des Pistorius eine weitere politische und pädagogische Dimension sichtbar – besonders in einer Szene, in der Franks Vater als Vorstand des Förderverein Pistorius dann doch endlich mit den Vorwürfen gegen ihn konfrontiert (im Film ab 1:11:10) Der Schulleiter stellt ihn als verklemmten Spießer hin und sich selbst als einen Pädagogen, der das Wohl der Schüler fördere. Hätte der Vater seinen Sohn jemals akzeptiert, dann hätte er auch dessen Sexualität als etwas Schönes empfinden können.

Dieses Selbstverständnis ist typisch für das Verhalten der Lehrkräfte im Film. Sie verwischen den hierarchischen Unterschied zwischen Schülern und Lehrern, präsentieren sich als Freunde, Partner – und ziehen sich doch wieder urplötzlich auf ihre Hierarchieebene zurück, wenn sie ihre Interessen bedroht sehen. Ein Schüler, der seiner Mutter von den sexuellen Übergriffen berichtet hat, wird beispielweise von der Schule verwiesen – angeblich wegen Drogenkonsums.

Diese widersprüchliche Haltung hat nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen politischen und pädagogischen Hintergrund. Die Abgrenzung von der autoritären Pädagogik war eben auch eine von dem klassischen Status des Lehrers als Respektsperson, als Mitglied und Repräsentant sozialer Hierarchien. Dass das gute sachliche Gründe hatte, wird leicht verständlich angesichts von Erfahrungen mit autoritärer Lehrerherrschaft, die vielen gut vertraut waren und die heute in Texten wie Friedrich Torbergs Der Schüler Gerber aufbewahrt sind.

In Torbergs Roman erscheint der selbstherrliche und destruktive autoritäre Lehrer als „Gott“, als allmächtige Figur, gegen den der Schüler keine Chance hat.

In der pädagogischen Abgrenzung von diesem autoritären Lehrertypus drückt sich allerdings zugleich auch ein Bedürfnis nach Unschuld aus: sich selbst nicht als Teil und Repräsentanten eines hierarchischen Systems sehen zu müssen, sondern als Lehrer, der ganz als Mensch anwesend ist und auch die Schüler ganz als Menschen wahrnimmt.

Zeitgeschichtlich ist diese Position natürlich Resultat einer Abgrenzung von der nahen nationalsozialistischen Vergangenheit, deren Strukturen plausibel mit den Strukturen einer autoritären Pädagogik in Verbindung gebracht werden konnten. „Die sexuelle Befreiung galt als antifaschistisches Projekt“, schreibt Adam Soboczynski mit direktem Bezug zu einem Text Helmut Kentlers in der Zeit.

Die Hölle in der Odenwald-Idylle baut damit auf der paradoxen Illusion der Lehrkräfte im Film, über Machtmöglichkeiten der Hierarchie zu verfügen, sie aber lediglich subversiv zu benutzen – die Möglichkeiten der Macht zu haben, aber auf der Seite der Machtlosen zu stehen. Sie imaginieren sich selbst gleichsam als unschuldige Kinder, und sie verlieren so den Sinn für den fundamentalen Unterschied zwischen den Positionen Erwachsener und denen realer Kinder.

In der demonstrativen Abgrenzung vom gottgleichen autoritären Lehrer, aber eben auch in der Fixierung auf diesen Lehrertypus machen Pistorius im Film und Becker in der Realität den Lehrer wiederum zum Gott, der selbstherrlich, willkürlich und unbeschränkt über seine Schüler herrschen kann.

Warum die sexuelle Befreiung von Kindern durch Erwachsene immer noch eine schlechte Idee ist  Pistorius inszeniert sich dabei als Befreier, der gegen die Enge verklemmter bürgerlicher Moralvorstellungen kämpft. Natürlich schweißt eben das das Kollegium zusammen – wer hier offen aufbegehrt, spielt dem Feind in die Hände, der in der kalten, technokratischen und autoritären Welt draußen nur darauf wartet, gegen die fortschrittliche Pädagogik drinnen in der Odenwald-Schule etwas in der Hand zu haben.

Eben hier verschenkt Freys Film die Chance, über heutige politische Gemengelagen zu reflektieren, Unterschiede, aber auch Parallelen zumindest anzudeuten. Der wesentliche Unterschied: Eine Pädophilenlobby findet heute weder in Parteien noch in Universitäten die offene Unterstützung, die sie in früheren Jahrzehnten hatte. Uwe Sielert beispielweise distanziert sich heute ausdrücklich von dieser Unterstützung, wenn es auch verharmlosend ist, sie lediglich als „naiv“ zu bezeichnen.

Ungebrochen hat sich aber bei einigen Pädagogen und Politikern die Vorstellung bewahrt, Erwachsene seien in irgendeiner Weise für die sexuelle Befreiung von Kindern und Jugendlichen zuständig. Diese Haltung liegt unverkennbar ebenso dem Bildungsplan in Baden-Württemberg wie auch Tuiders Sexualpädagogik der Vielfalt zu Grunde, und sie macht die Breite des Protests dagegen verständlicher als das Selbstbild der Protagonisten, lediglich gegen Diskriminierungen und Marginalisierungen von Minderheiten einzutreten.

Denn wäre das tatsächlich die wesentliche Absicht des Bildungsplans, dann wäre nicht erklärlich, warum er allein auf sexuell begründete Diskriminierungen fixiert ist und andere Formen völlig ignoriert, zum Beispiel die flächendeckenden Diskriminierungen aus sozialen Gründen.

Auch in Tuiders Sexualpädagogik geht es nicht einfach um die Förderung von Vielfalt und gegenseitigem Respekt – denn dafür ist es nicht sinnvoll, „bewusst Verwirrung und Veruneindeutigung“ anzustreben (Tuider et.al, S. 40). Wesentlich zweckdienlicher wäre das Gegenteil, nämlich Kindern und Jugendlichen die Sicherheit zu vermitteln, aus deren Perspektive sie diejenigen, die in irgend einer Weise anders sind als sie selbst, nicht als Bedrohung wahrnehmen.

Erwachsene sollten sich natürlich der sexuellen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht unnötig in den Weg stellen, beispielsweise mit Masturbationsverboten oder mit einer gezielten Abwertung ihrer Sexualität. Gerade im Hinblick auf den letzten Aspekt haben Schwulenfeinde ebenso einen erheblichen Lernbedarf wie feministisch inspirierte Pädagogen. Wie aber kommen erwachsene Menschen auf die Idee, sich darüber hinaus selbst den Auftrag zur Befreiung der kindlichen und jugendlichen Sexualität zu erteilen?

„Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen.“
So hebt Jean-Jacques Rousseaus epochale Schrift Emile oder Über die Erziehung aus dem Jahr 1762 an. Das ist ein Bild, das die Pädagogik seitdem inspiriert hat: Das Kind ist hier Sinnbild einer widerständigen Kraft gegen eine korrupte und korrumpierende gesellschaftliche Ordnung. Der Erzieher hat in diesem Sinn vor allem die Aufgabe, das Kind gegen diese falsche Gesellschaft zu stärken.
Was Pistorius im Film vertritt, ist eine pervertierte Konsequenz dieser Vorstellung. Schuld wird von ihm ganz auf der Seite einer spießigen, kaputten und kaputt machenden gesellschaftlichen Ordnung platziert – der Erzieher aber, der sich gegen diese Ordnung wende, sei ebenso unschuldig wie das Kind, dass er dabei befreie.

Wer sich selbst so sehr auf der Seite der Kinder imaginiert, obwohl er doch erwachsen ist und eine gesellschaftliche Ordnung schulisch repräsentiert – wer seine eigene Macht so leugnet, obwohl er sie doch beständig einsetzt – der kann dann eben auch den Sinn verlieren für sinnvolle Grenzen und Tabus im Verhältnis Erwachsener und Kinder.

Mit Gegenüberstellungen einer gesellschaftlichen Zwangsordnung und einer befreiten, vielfältigen Sexualität arbeiten einige Pädagogen und Politiker bemerkenswert ungebrochen weiter. Die Fixiertheit des baden-württembergischen Bildungsplans auf Sexualität trägt ebenso zu solchen Polarisierungen bei wie die gezielten Grenzüberschreitungen in Tuiders Sexualpädagogik der Vielfalt, die Stephan Fleischhauer bei Geschlechterallerlei analysiert.

Radikal polarisierend sind aber auch die Angriffe gegen Tuider, die besonders scharf, irre und grenzüberschreitend („Noch vor dreißig Jahren hätte man so eine Alte in den Knast gesteckt und sie solange dort behalten, bis sie verrottet wäre.“) von Akif Pirinçci geführt werden.

Diese Polarisierung kündigt, mit unterschiedlichen Mitteln und von beiden Seiten, einen breiten Konsens auf. Denn an den Schulen ist beispielsweise die Position, dass homosexuelle Jungen und Mädchen nicht diskriminiert werden sollten, schon lange zur Selbstverständlichkeit geworden – unbeeindruckt von dezidiert schwulenfeindlichen Positionen, die beispielweise beim zeitweilig populären Hip-Hop des Berliner Aggro-Labels vertreten werden.

Es ist aber ebenso ein stillschweigender Konsens, dass es nicht die Aufgabe von Lehrkräften – oder Sozialpädagogen, oder Sexualpädagogen – ist, die Sexualität der Kinder und Jugendlichen von allgemeinen gesellschaftlichen Grenzen zu befreien, die dann heute eben nicht mehr als Grenzen einer „spießigen Moral“, aber als „neue Normierungen, Diskriminierungen und Marginalisierungen“ (Tuider, S. 5) dastehen.

Dass dieser Konsens gebrochen wird, hat auch einfache egoistische Gründe. Tuider steht unter dem typischen Profilierungsdruck eines akademischen Umfelds, eine grün-rote Landesregierung kann sich ebenso wie ihre Gegner von einer scharfen Konfrontation Selbstdarstellungsmöglichkeiten versprechen – und Pirinçci will möglichst viele Bücher verkaufen.

Das Klima, das dabei – verantwortungslos von beiden Seiten – geschaffen wird, ist ein Klima der betonierten Konfrontation, das so ähnlich auch schon die Verbrechen im Odenwald ermöglicht hat. Es ist ein Klima, in dem die Beteiligten jeweils nur noch die Tatsachen wahrnehmen, die ihren Zwecken dienlich sind – in dem Selbstkritik als Verrat erscheint, als Trojanisches Pferd des Feindes – und in dem eine gemeinsame Verständigung über die Verantwortung Erwachsener gegenüber Kindern und Jugendlichen unmöglich wird.

Christoph Freys ARD-Film Die Auserwählten ist hier vollständig zu sehen. Er ist auch als DVD erhältlich.
Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit. Diese Methodensammlung von Elisabeth Tuider und anderen ist hier vollständig in einer pdf-Datei zu lesen (danke an Stephan Fleischhauer für diesen Hinweis).
Die Kritik an dieser Sexualpädagogik ist auf die harten und indiskutablen Attacken Pirinçcis nicht zu reduzieren, und sie nimmt in den letzten Wochen nach meinem Eindruck zu. Ein Beispiel dafür ist der Text von Gerhard Amendt, „Ein geschlechtergerechter Puff für unsere Kleinen“.
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9 Comments

  • @Schoppe
    1. Die Vorgänge an der Odenwaldschule sind den meisten Menschen über Medien und deren etablierte mediale Filter berichtet worden.
    Mediale Filter: es wurde durchgängig berichtet, es handelte sich um KINDESmissbrauch.
    Womit suggeriert worden ist, um Kinder BEIDEN Geschlechts.

    Das ist m.E. auch genau die Strategie des von dir erzählten Films.

    Perfide ist: wann immer Medien von KINDESmissbrauch berichten, können diese damit rechnen, die Lesart des Publikums ist MÄDCHENmissbrauch.
    Denn nach jahrelang einseitiger Berichterstattung ist die Meinung des Publikums generell, dass nur Mädchen Opfer sexuellen Missbrauchs sein und werden können, Jungen hingegen NICHT.

    Wenn Frau Keller also 2011 im „Tagesspiegel“ von sich gab: „Missbrauch war über viele Jahrzehnte ein Frauenthema, wenn es überhaupt jemanden interessierte. Dass auch Männer zu den Opfern gehören, wurde erst 2010 wirklich wahrgenommen.“

    Dann ist das blanker Zynismus, denn es war mediale Strategie, das tatsächliche Geschlecht der missbrauchten Kinder an der Odenwaldschule zu verschleiern.
    Oder anders herum: Genau durch diese mediale Strategie wurde die „Lesart“ des Publikums erst (WILLENTLICH) produziert.

    Womit produziert wurde und wird, Jungen könnten nicht Opfer sexuellen Missbrauchs sein oder werden.

    Zur empirischen Realität an der Odenwaldschule aus dem Abschlussbericht:

    Von 130 Opfern sexuellen Missbrauchs waren 115 JUNGEN und 15 Mädchen.
    Der MÄNNLICHE Anteil an den Opfern sexuellen Missbrauchs war und ist also ACHTUNDACHTZIG PROZENT.
    Der Missbrauch erfolgte weit überwiegend durch schwule, pädophile Lehrer.
    Weil die Opfer durch die mediale Strategie „entgendert“ wurden, konnte auch die sexuelle Orientierung der Täter verschleiert werden.

    Wäre das Verhältnis umgekehrt gewesen, hätten die Medien von einem gravierenden Beweis des Missbrauchs von 115 Mädchen gesprochen und die 15 Jungen wie einen Kollateralschaden behandelt.
    Da das – angesichts der empirischen Realität – schlechterdings unmöglich war, wurde medial „genderneutral“ von „Missbrauch“ oder „Kindesmissbrauch“ geschrieben.

    (Wer das alles nicht weiß, wird bspw. den Text von G. Amendt tatsächlich als „homophob“ empfinden (mit dem ich ebenfalls massive Schwierigkeiten habe)).

    Wer über diese Informationen nicht verfügt und nicht verfügen will, der möchte aus guten Gründen auch nicht, dass auf der Basis dieser Realität diskutiert wird.
    Über die problematischen Seiten schwuler Sexualität soll gefälligst nicht geredet werden, denn Schwule gehören qua „linker“ Heiligsprechung zur politischen Avantgarde und sind eine per se schützenswerte Minderheit.
    http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article11697748/Erschuetternder-Abschlussbericht-ueber-Odenwaldschule.html
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/gefaehrliche-abhaengigkeit-was-die-missbrauchsfaelle-verbindet-seite-2/5772734-2.html

    Weiteres folgt, wenn ich heute Abend noch Zeit finde…

    Schönen Gruß, crumar

  • Hallo crumar,

    hätten wir nicht Beispiele wie das von Boko Haram, wo allein Mädchen als Opfer interessant sind und die abgeschlachteten Jungen kaum jemanden in den westlichen Medien interessieren – oder Beispiele von der Verharmlosung des Missbrauchs von Jungen, insbesondere dann, wenn er von Täterinnen begangen wurde – dann könnte es ja durchaus sinnvoll sein, die Geschlechtszugehörigkeit der Kinder nicht zu erwähnen und sich auf den Machunterschied zwischen Erwachsenen und Kindern zu konzentrieren.

    Denn es ist ja gerade ein Problem in feministisch trainierten Diskussionen um den sexuellen Missbrauch von Kindern, dass die massive reale Machtdifferenz zwischen Kindern und Erwachsenen weitgehend ersetzt wurde durch die weitaus fragwürdigere Machtdifferenz zwischen Männern und Frauen. Sexuelle Gewalt gegen Kinder erscheint dann als eine (von vielen) Ausformungen der Gewalt von Männern gegen Frauen.

    Das Resultat ist eine weitgehende Ausblendung männlicher Opfer (die, weil männlich, z.T. zu Missbrauchsberatungsstellen keinen Zutritt bekamen und dort explizit unerwünscht waren) und eine noch striktere Ausblendung von Täterinnen.

    Insofern könnte das Auslassen der Geschlechtszugehörigkeit der Opfer (dachte ich) dazu beitragen, dass die Konzentration wieder auf das gelenkt wird, was hier wesentlich ist, nämlich das reale Ausgeliefertsein von Kindern und Jugendlichen an Erwachsene.

    Aber Du hast Recht, hier kaschiert das gleich zwei Aspekte. Erstens: Da weibliche Opfer in aller Regel explizit als WEIBLICHE Opfer identifiziert werden, signalisiert das Auslassen der Geschlechtszugehörigkeit männlicher Opfer, dass Jungen und Männern schlicht nicht zugestanden wird, Opfer zu sein. Opfer zu sein bleibt Frauen vorbehalten.

    Extrem war das in vielen Berichten über Elliot Rodger. Da die Texte seine Taten in aller Regel ausdrücklich auf Frauenfeindlichkeit zurückführten, musste durch das auffällig häufige Auslassen der Geschlechtszugehörigkeit der (mehrheitlich männlichen) Opfer der Eindruck entstehen, Rodger hätte gezielt Frauen getötet.

    Noch aus einem zweiten Grund ist hier das Auslassen der Geschlechtszugehörigkeit problematisch – eben weil im Odenwald vorwiegend Jungen vorwiegend durch Männer missbraucht wurden. Dass heißt, durch das Ausblenden der Geschlechtszugehörigkeit wird die Gewalt nicht als homosexuelle Gewalt wahrgenommen.

    Übrigens greift der Film das mindestens in zwei Passagen (wenn ich mich richtig erinnere) selbst auf. Jeweils wird jemandem, der den Missbrauch an der Odenwald-Schule anspricht, vorgeworfen, wohl etwas gegen Schwule zu haben.

    Es ist (wie übrigens auch in den Debatten um Bildungsplan und Sexualität der Vielfalt) deutlich, dass hier der Homophobie-Vorwurf instrumentalisiert wird – das gilt selbst in den Fällen, in denen er sachlich durchaus zutreffend ist. Denn es geht ja nicht darum, alle Homosexuellen als Päderasten hinzustellen – sondern darum, das Gespräch über Verbrechen nicht zu tabuisieren.

    Schönen Gruß zurück!

  • Hallo zusammen.

    Ich gebe euch beiden recht. Allerdings kommt mir bei der ganzen Sache auch noch der Gedanke, dass gewisse Leute scheinbar und ideologisch jetzt in einem Dilema stecken. Ich versuche das mal kurz zu fassen:

    Schwule Lehrer missbrauchen über 100 Jungen. Da sie aber homosexuell sind, und somit auf politisch korrekter Linie liegen, kann man das nicht thematisieren, was ja auch nichts macht (das meine ich polemisch): Denn es waren ja 'nur' Jungs, also keine wirklichen Opfer.

    Wahrscheinlich wäre das Ganze noch stärker tabuisiert worden, hätten sich Lehrerinnen an den Kleinen vergriffen, so wie es bei den 'christlichen Schwestern' in den Kinderheimen der 50er Jahre geschah.

    Wie auch immer, ich denke: Die haben jetzt ein echtes Problem mit kognitiven Dissonanzen mit ihrer Täter-Opfer-Attitüde und versuche sich in der Quadratur des Kreises – einem Spagat, welcher nicht funktionieren kann.

    Auch von mir schöne Grüße an euch.

  • @Lucas und @emannzer

    Ich habe heute wieder den, deinen Text gelesen und er ist wesentlich dichter und voraussetzungsreicher, als ich bei der ersten Lektüre dachte.

    Zu meiner generellen Vorgehensweise; es gibt eine Art der „linken“ Theorie und die geht wie folgt: ich verzichte großzügig auf jede empirische Beweisführung und *behaupte* schlechterdings eine Realität, die selbsterklärend ist, weil sie sich aus meiner Theorie ergibt.

    Dabei kann die Faktenlage astrein sein – ich blende aber einfach alle Fakten aus, die nicht zu meiner Theorie passen und „der Rest“ wird passend gemacht.

    Diese Form der „Theorie“ ist faktisch ein religiöser, geteilter Glaube.
    Er ist die säkularisierte Form eines Heilsversprechens – es handelt sich um eine außerreligiöse Form einer Heilsbewegung, die nur des Zuspruchs bedarf. Es gründet sich dadurch eine religiöse „In-Group“, die sich von der Außenwelt dadurch unterscheidet, mit einem festen Satz an Überzeugungen, Grundannahmen und aus diesen deduzierten Überzeugungen zu operieren, die quasi selbsterklärend sind.

    Er strukturiert die Wirklichkeit insofern, als dem *oder* der Gläubigen lediglich abverlangt wird, an den entscheidenden Stellen, affektiven buzzwords, zu nicken.
    „Bist du für oder gegen die subversive Sexualität oder den Sozialismus?“
    Na bitte. Klappt doch.

    Und niemals die darunter liegenden Annahmen auch nur annähernd in Frage zu stellen…

    Und das ist m.E. die zentrale Funktion dieser Religion.
    Ok, morgen werde ich den Tag nutzen, um eine Gegenrede zu schreiben.
    Zum Glück liegt morgen nix an – sage ich mit der festen Überzeugung von heute…

    Schönen Gruß an euch beide und alle anderen!
    crumar

  • Er ist die säkularisierte Form eines Heilsversprechens – es handelt sich um eine außerreligiöse Form einer Heilsbewegung …

    Die klassenlose Gesellschaft könnte man durchaus als quasireligiöse Heilserwartung interpretieren. Das von Dir beschriebene Phänomen – eine ideologisch-dogmatische Deutung aller politischen Ereignisse – ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der politischen Linken, sondern links wie rechts zu finden. Man denke nur mal an die wirtschaftspolitisch Libertären und ihr absoluter Glaube an die segensreiche Wirkung der Marktkräfte.

  • @Peter und Lucas Teil 1

    Sicherlich ist eine klassenlose Gesellschaft so interpretierbar; faktisch meint „klassenlose Gesellschaft“ jedoch nur die Aufhebung des antagonistischen Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit als gesellschaftliches Verhältnis.
    Es bedeutet nicht, dass es keine sozialen Interessen bestimmter Gruppen oder Schichten mehr gibt, keine gesellschaftlichen Widersprüche und auch keine Konflikte bei der Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen (/des gesellschaftlichen produzierten Mehrwerts).
    Jede Hoffnung auf eine Ende aller Widersprüche, eine von sich aus harmonische seiende post-kapitalistische Gesellschaft ist illusionär, wenn man dialektisches Denken als Grundlage verwendet. Diese Konflikte werden auch gerade jetzt ausgetragen; nur eben unter einem kapitalistischen Vorzeichen. Auch innerhalb der Linken selbst.
    Du hast natürlich Recht damit, dass die „ideologisch-dogmatische Deutung aller politischen Ereignisse“ nicht allein den Linken zuzurechnen ist. Ein Alleinstellungsmerkmal der oben angeführten Linken – gerade auf Seiten der rot-grünen – ist jedoch der Glaube daran, die eigene Handlung sei per se gesellschaftlich segensreich, weil man ja dem Guten diene und daher gehöre man selber zu den Guten und ist selber gut.
    Es ist diese selbstgerechte, sich selbst überhöhende, sich selbst daher nicht reflektierende, eine Selbstkritik ausschließende Haltung, die mich wütend macht. Und die mediale Macht nutzt, um sich selber in einer sicheren filter-bubble (eine filter-bubble ist letztlich auch nur ein safe space) vor berechtigter Kritik abzuschotten.
    Meine Kritik zielt in erster Linie auf die Weiterentwicklung der Linken ab. Dass endlich einige offensichtlich falsche Theorien und Praktiken kritisch gewürdigt und dann beerdigt werden, die vor 40-50 Jahren entwickelt worden sind. Dazu zählt der radikale Feminismus, der letztlich nur damals bestehende marxistische Begrifflichkeiten und ein marxistisches Verständnis von Gesellschaft in einen Konflikt zwischen Mann und Frau umgeschrieben hat.
    Klassengesellschaft-Männergesellschaft, Klassenjustiz-Männerjustiz – man kann diese Liste endlos fortsetzen. Es ist ein schlechtes Plagiat, mehr nicht.
    Da die überwältigende Mehrheit von „Mann“ aber machtlos ist im Kapitalismus und sich dadurch auszeichnet, NICHT im Besitz der Produktionsmittel zu sein, kam dieser Feminismus auf die großartige Idee, den Penis als Herrschaftsinstrument zu erfinden.
    Denn immerhin hat jeder Mann einen.
    Und da – wie Kucklich schon aufzeigte – „Mann“ als Sündenbock für alle Probleme der modernen, kapitalistischen Gesellschaft herhalten musste, transformierte sich der Mann als Problemstelle der Gesellschaft zu > „das Problem hat einen Penis“.
    Lucas hat oben geschrieben über die Transformation der Macht durch die soziale Position in einer Gesellschaft auf eine bloße Geschlechterdichotomie mit eindeutig festgelegten Rollen.
    Mann = Macht und Dominanz, Frau = Ohnmacht und Unterordnung
    Die eigentliche Leerstelle, was also auf jeden Fall nicht diskutiert werden soll – und das sieht man auch in der Diskussion um den Missbrauch von Jungen an der Odenwaldschule – ist die männliche Machtlosigkeit.
    Das ergibt sich jedoch aus der Theorie selbst. Wer die Positionierung von Mann und Frau in der Gesellschaft gemäß dieser Theorie betrachtet, wird die männliche MACHTLOSIGKEIT und eine Opferrolle schlicht leugnen müssen und Männern eine Omnipotenz zusprechen, die sie weder besitzen, noch je besessen haben. An dieser Theorie *muss* festgehalten werden, selbst wenn die Empirie dagegen spricht und wenn die Wirklichkeit und die wirkliche Geschichte nicht so gewesen ist, dann muss eben die Geschichte umgeschrieben werden.

  • Teil 2

    Das beste Beispiel für diese umgelogene und umgebogene Geschichte ist das Denkmal für die verfolgten, ins KZ gesperrten und dort ermordeten Schwulen und Lesben. Es gab aber nicht eine einzige Lesbe, die dort umgekommen ist, noch nicht einmal systematisch verfolgt wurden sie. Da die Theorie durchdekliniert, dass Frauen vom Faschismus besonders betroffen waren (was eine Lüge ist) und Lesben demnach doppelt betroffen (als Frauen und Lesben), dann müssen sie eben in einem Denkmal gewürdigt werden.
    Als doppelt betroffen von nichts.
    Dieser gloriose Betrug und Selbstbetrug ist durch das Denkmal quasi materielle Gewalt geworden. Das theoretische Nichts hat sich selbst ein praktisches Denkmal gesetzt. Es muss das narzisstische Ich sich von außen ständig und beständig bestätigen lassen, dass der Eindruck von sich selbst als (historisches) Opfer richtig ist – ist die Wirklichkeit anders, dann hat die Wirklichkeit ein Problem.
    Andrea Roedig schrieb einen (erbärmlichen) Artikel im „Freitag“ mit dem Resümee: „Auch Männer können Opfer sein“. Das war das Resultat der Beschneidungsdebatte von 2012 und der Opferanteil von Jungen erreichte stolze 100%. Wie ich oben schrieb, war der männliche Anteil an den Missbrauchsopfern in der Odenwaldschule 88,5% und der gleiche prozentuale Anteil wird bei der Untersuchung der Missbrauchsopfer in der katholischen Kirche zu finden sein.
    Der erste Artikel zum Missbrauch an der Odenwaldschule erschien 1999 in der „Frankfurter Rundschau“, der Abschlussbericht erschien 2010, die Berichte über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ebenfalls in diesem Zeitraum. Es dauerte weitere 2 Jahre, bevor auch der blödesten Trulla in deutschen Medien einsichtig wurde, was über ein Jahrzehnt lang schon auf dem Tisch lag und auch das nur unter dem offensichtliches Zwang, das weiteres leugnen aussichtslos war.
    Bis zu diesem Zeitpunkt wurde (und wird es immer noch) jedoch medial alles, aber auch wirklich alles getan, um den Sachverhalt zu vertuschen. Das Geschlecht der Opfer wurde getilgt, die sexuelle Orientierung der Täter ebenfalls – und das alles nur, damit die heile Welt der Theorie erhalten bleibt, wonach die Welt sich mit Geschlechtsteilen und sexuellen Orientierungen erklären lässt.
    Lucas stellt einen konstruierten Zusammenhang von Mitschuld und Mittäterschaft im angeführten Film so dar: „Es sind im Film durchweg Männer, die sexuell übergriffig werden – und Frauen decken sie bloß deswegen, weil sie klammheimlich alle in Pistorius verliebt sind.“
    Stopp mal. Pistorius war schwul – in Kenntnis dieser Tatsache, wie haben sich Frauen durch verlieben in ihn von ihm verblenden lassen können?! Der Film konstruiert an dieser Stelle durch die künstlich eingeführte Protagonistin einen „weiblichen Blick“, der den weiblichen Teil des Lehrerkollegiums entschulden will. Die emotional durch die weibliche Liebe unglaublich hingerissene Frau ist selbstverständlich entschuldet – wäre dem nicht so, so handelte es sich bei den Frauen um Mitwisserinen und Mittäterinnen, so sie nicht selbst zur Täterin geworden sind.
    Man kann es diesen narzisstisch gestörten Pseudo-Linken in den Medien sehr wahrscheinlich nicht vermitteln, aber für mich sind sie durch ihr Schweigen und ihr verschweigen mitschuldig geworden, MITTÄTER und MITTÄTERINNEN zu sein an diesen Zuständen.

    Schönen Gruß an euch, crumar

    PS: Entschuldigt bitte mein langes schweigen, mir ist mal wieder etwas dazwischen gekommen!

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