Sex und Sexismus (Monatsrückblick Oktober 2014)

Vorbemerkung: Ich habe jetzt seit genau einem Jahr jeden Monat einen Rückblick geschrieben. Vielleicht ergibt sich daraus eine kleine Chronik. Daher habe ich die Texte mit Stichworten versehen und auf einer Extra-Seite verlinkt. Dass in den beiden letzten Monaten die Rückblicke jeweils erst spät fertig waren, hatte persönliche Gründe (zu viel andere Arbeit, oder ganz im Gegenteil: Ferien). Gerade der letzte Monat war aber so interessant, dass ich einen Rückblick unbedingt noch schreiben wollte – und nicht nur, um die zwölf Monate vollzumachen.

 

„‚Wie geht’s, Hübsche?’, ‚Gott segne dich, Mami’, ‚Nett!’ Nein diese Barbaren! Hab mir das Video angeschaut und muss ganz ehrlich fragen: Ist das ein Scherz? Bis auf den Typen der 5 Minuten neben her läuft und den anderen der mit läuft und ein konsequent auf sie einredet, war da ja wohl nix ach so schlimmes dabei. 
Zum Glück waren Blicke und Pfiffe nicht auch noch im Vid dabei. Wie schlecht würde ich mich fühlen wenn ich sehen müsste wie ein Mann eine Frau anschaut.“
So beschreibt ein Kommentator bei Spiegel-Online seine Reaktion auf das Hollaback-Video, das zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Artikel hier schreibe, schon über 36 Millionen mal bei youtube angeklickt worden ist. Die Organisation „Hollaback!“, die das Bewusstsein für sexuelle Belästigungen in der Öffentlichkeit schärfen möchte, hatte das Video produziert und präsentiert als Beleg für einen alltäglichen Sexismus, dem Frauen überall ausgesetzt seien. Bei Alles Evolution gibt es das Video selbst und viele Informationen dazu.
Dieses Bild eines US-Marines stammt aus einer Initiative gegen sexuelle Belästigung – wer sie beobachte, solle nicht schweigen. Es ist aber auch ein Sinnbild für das Gesprächsverhalten, das Männern in Diskussionen um Sexismus als erwünscht präsentiert wird.
Der kurze Film präsentiert Grüße wie „God bless you“ als Belästigungen – er ist methodisch unsauber –  er wurde, obwohl er doch repräsentativ für die ganze Stadt sein soll, in einem sehr kleinen Umfeld aufgenommen, zum größten Teil in einer einzigen Straße in Harlem –   der Film präsentiert fast ausschließlich Schwarze und Latinos als Belästiger der weißen Frau. Das Experiment ließ sich in anderen Städten  nicht wiederholen  – ein vergleichbares Video erweist sich kurz nach seiner Veröffentlichung als Fake.
Der Hollaback-Film ist seit seinem Erscheinen oft beschrieben und diskutiert worden, zuletzt sehr umfassend von Graublau bei Geschlechterallerlei.  Daher kann ich mich auf einen Aspekt konzentrieren – nämlich, was es mit allgemeinen Diskussionen gemein hat, die über Sex und Sexismus geführt werden – in den letzten Wochen, so ist zumindest mein Eindruck, mit zunehmender Heftigkeit.

Ein rassistisches Video wird zu einem Welterfolg Darauf, dass die Belästiger in dem Video vor allem Schwarze und Latinos sind, weist auch schon die berühmte Jornalistin und Schriftstellerin („The End of Men“) Hannah Rosin hin. Gerade im Vergleich zu einem Text Akiba Solomons, der einige Probleme des Videos offen anspricht,  lohnt sich aber, darauf zu achten, was genau Rosin am Film stört:
„Die Männer, die in ihren Büros oder Cafés sitzen und das Video schauen, werden sich gemütlich selbst versichern können, dass sie gar nicht die Zeit haben, mitten am Tag auf irgendwelchen Hydranten zu sitzen.“ (The men who are sitting in their offices or in cafes watching this video will (…) be able to comfortably assure themselves that they don’t have time to sit on hydrants in the middle of the day…)
Problematisch für Rosin ist also nicht der rassistische Charakter des Arrangements, sondern die Tatsache, dass weiße Männer sich möglicherweise gar nicht angesprochen fühlen. Nicht die Agitation mit Feindbildern ist für sie abzulehnen – sondern die Tatsache, dass das Feindbild nicht groß und umfassend genug ist.
Dieses Manko versucht Dee Lockett wenige Tage später in derselben Zeitung zu erklären. Weiße Männer seien deswegen nicht als Belästiger erschienen, weil sie eben sehr viel mächtiger als schwarze Männer seien und es gar nicht nötig hätten, Frauen offen auf der Straße zu belästigen.
Ein kleiner Nachteil dieser Argumentation ist, dass sie die Diskussion endgültig ins Absurde treibt. Denn schließlich soll das Video ja bildlich beweisen, vorführen, wie Männer einen ganzen Tag lang eine Frau belästigen. Die Schwere der Belästigung dann eben gerade dadurch zu begründen, dass sich ein solcher Beweis nicht findet, ist bei Licht besehen ein recht eigenwilliges Argument. Es ist aber vielversprechend und lässt sich gewiss bei geselligen Gelegenheiten für allerlei Gesellschaftsspiele verwenden.
Beispielweise ließe sich so eindeutig belegen, dass Sherlock Holmes ein Schwerverbrecher ist: Es gibt keine Spuren – es gibt auch keine Leiche, alle sind wohlauf, niemand wird vermisst. So perfekt kann natürlich nur einer seine Spuren verwischen, der Meisterdetektiv höchstselbst – womit bewiesen wäre, dass Holmes der Verbrecher ist.
Willkommen im Gaga-Land.
Nicht nur gaga, sondern in hohem Maße problematisch sind andere Aspekte des Videos. Der kurze Zusammenschnitt, der einen angeblich zehn Stunden langen Gang durch die Stadt auf knapp zwei Minuten verkürzt, erweckt ja nicht nur den Eindruck eines permanenten Bombardements von Kommentaren. Es wird damit auch die Erfahrung eines Computerspiels kopiert. Es ist so, als müssten wir unsere Heldin auf ihrem Gang zwischen permanent tätigen Angreifern hindurch begleiten, bis schließlich das Video in einer Geste der Erschöpfung von ihr endet.
IHR Gesicht sehen wir ständig, von vorn – alle anderen treten nur sekundenlang auf und sind dann wieder verschwunden. Die rechtlich begründete Verpixelung ihrer Gesichter verstärkt diesen Effekt noch.
Ihre Perspektiven zählen so wenig wie die anonymer Angreifer in einem Ballerspiel – an keiner Stelle wird beispielweise nachvollziehbar, ob sie es nicht als Provokation erleben, wenn eine weiße Frau mit starrem, aber offenkundigem Überdruss durch ein Schwarzenviertel marschiert und niemanden eines Blickes würdigt.
In diesem Arrangement gibt es nur einen identifizierbaren Menschen, die Schauspielerin Shoshana Roberts in der Hauptrolle, und ansonsten anonym bleibende Gegner.
Der rassistische Charakter ist dabei wesentlich bedeutsamer, als Rosins Klage über die fehlende Beteiligung weißer Belästiger erkennen lässt. Wenn beispielsweise ein Schwarzer die Frau anspricht, sie ihn aber keines Blickes würdigt und er sie dann fragt, ob dies daran liege, dass er hässlich ist – dann mag das von ihr als eine Belästigung empfunden werden oder auch nicht, es greift aber auf jeden Fall ein uraltes Thema des amerikanischen Civil Rights Movement auf.
Denn dass sich Schwarze gegenüber Weißen als hässlich wahrnehmen, dass so die Strukturen einer rassistischen Gesellschaft in der Selbstwahrnehmung verankert werden – das war eine Erfahrung, die sich in Liedern, in Romanen wie Toni Morrisons The Bluest Eye und im Slogan Black is Beautiful niederschlug.
Die – reale, nicht nur metaphorische – Fixierung des Films auf seine Hautfigur blendet diese Perspektiven und Deutungsmöglichkeiten aus. Unterschiedslos erscheint hier eben auch ein „God Bless you!“ oder ein „Have a nice day“ als Belästigung. Ob nun bewusst beabsichtigt oder nicht: Der Film konstruiert eine Ordnung von Menschen erster und zweiter Klasse. Eine Belästigung ist es hier dann schon, wenn Menschen zweiter Klasse es überhaupt wagen, einen Menschen der ersten Klasse auch nur zu grüßen.
Dass ein Film, der mit einer solchen Ordnung operiert, auch rassistische Muster produziert – das ist nicht nur ein unglücklicher Zufall, sondern logische Konsequenz seiner ganzen Anlage und seiner ästhetischen Konstruktion.
Eine Frauenbeauftragte verteilt Propaganda Auch hier wirkt ein feministischer Anspruch wie eine Allround-Legitimationsmaschine: Selbst rassistische Positionen sind plötzlich ganz in Ordnung, solange nur behauptet wird, sie würden Fraueninteressen vertreten – und sich nicht allein gegen den schwarzen Mann, sondern gegen den Mann generell wenden.
In Deutschland brachte achdomina, der sein Blog (zum Glück und: endlich) wiederbelebt hat, dafür ein Beispiel. Als er und eine Freundin eine Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität betreten, fällt ihnen ein Schild der universitären Frauenbeauftragten auf, das dort an mehreren Stellen prominent platziert ist.
„Das Schild war rot, nahe am Feuerwehrrot, aber noch knalliger. Darauf stand in großen, weißen Lettern ‚Kein Raum für Übergriffe’, darunter kleiner der Hinweis, dass sexuelle Übergriffe in den Räumen der Bibliothek nicht geduldet würden, und dann eine Aufzählungsliste, was alles unter sexuelle Übergriffe falle.“
Anstatt sich nun angemessen beschützt zu fühlen, beschreibt die Freundin achdominas nach dem Studium des Schildes,
„das sie sich plötzlich als Frau wie ein irgendwie besonderes und problematisches Wesen an diesem Ort fühlte. Normalerweise spielt es für sie beim Betreten einer Bibliothek keine Rolle, dass sie eine Frau ist.“
Achdomomina kommentiert:
„Die Schilder im Grimm-Zentrum stiften Feindseligkeit, Misstrauen, Angst und Entzweiung. Sie sagen zu den Frauen: Ihr seid schwach und verwundbar, von Tätern umgeben und ständig in Gefahr. Sie sagen zu den Männern: Ihr steht unter Verdacht und werdet beobachtet. Sie sagen zu Männern und Frauen: Ihr seid ungleich; ihr gehört zum gegnerischen Teams, ihr lebt in völlig verschiedenen Welten; der elementare Unterschied zwischen euch besteht darin, dass die einen vor den anderen beschützt werden müssen. Das ist die Wirkung dieser Schilder. Was bewirken sie demgegenüber Positives? Sie informieren die Männer darüber, dass sexuelle Belästigung hier nicht erlaubt ist? Weil sie ja sonst überall gerne gesehen ist?“
Es handle sich also „nicht um Informationstafeln, sondern um Propagandatafeln.“ Übertrieben wirkt diese Bezeichnung wohl nur für jemanden, der die geschlechtsneutrale Formulierung der Schilder ernst nimmt. Das aber übersieht nicht nur, dass diese Schilder von der Frauenbeauftragten stammen, sondern auch das Klischee, Sexismus träfe allein Frauen.
Grundsätzlich geht es beim Schild nicht um den Schutz aller vor Belästigungen, sondern um den Schutz einer Gruppe – der Frauen – vor den Belästigungen der anderen – der Männer. Ganz entsprechend hat die Freundin achdominas es ja auch verstanden – und mit ihr vermutlich fast alle, die den Text lesen oder das Schild sehen.
Was wäre wohl, wenn in der HU überall Schilder aufgehängt werden, die klarstellen, dass Ausländer hier bitteschön keine Deutschen belästigen sollten? Oder – um ein etwas weniger vorbelastetes Thema zu wählen – dass Bayern in der Bibliothek die Belästigung von Preußen zu unterlassen hätten? Wohl niemand würde ernsthaft leugnen, dass damit „Feindseligkeit, Misstrauen, Angst und Entzweiung“ gestiftet würden.
Könnte aber nicht tatsächlich  die universitäre männliche sexuelle Belästigung eben ein so umfassendes Problem sein, dass die Schilder beim besten Willen nicht zu vermeiden waren? LoMi setzt sich im Anschluss an achdomina mit einigen universitären Regelungen zur sexuellen Belästigung auseinander. Er stellt an mehreren Unis fest, dass die „vom Gesetz gezogenen Grenzen (…) nicht aufgegriffen“ werden, die konkrete Kriterien für eine Belästigung angeben. Stattdessen formuliert beispielwese die LMU München:
„Sexuelle Belästigung ist jedes sexuell belegte Verhalten, das von den Betroffenen nicht erwünscht und von ihnen als beleidigend und abwertend empfunden wird.“
Mit dem Empfinden einer Person als wesentlichem Kriterium können dann eigentlich fast alle Handlungen als sexuelle Belästigung gewertet werden.
„Insofern es stets ein einseitiges Verhalten ist, das von den Betroffenen als entwürdigend erlebt wird, unterscheidet es sich grundlegend von Flirts oder Komplimenten.“
Dieser grundlegende Unterschied aber wird ja gerade durch das Empfinden der angesprochenen Person hergestellt – für einen Mann gibt es kein sicheres Kriterium, unterscheiden zu können, ob er flirtet oder belästigt.
Das haben die universitären Aktionen, über die achdomina und LoMi berichten, mit dem Hollaback-Video gemein: Die Kriterien dafür, was eine Belästigung ist, werden so enorm aufgeweicht, dass eigentlich jeder Mann damit rechnen muss, früher oder später als Belästiger zu erscheinen. LoMi kommentiert:
„Damit wird einerseits ein Klima der Angst geschaffen: Alles ist Belästigung! Es ist eine Illusion geschaffen: Du kannst gegen alle Männer, die Du als lästig empfindest, vorgehen!“
Diese beliebige Ausweitung der Kriterien für Belästigung wird begleitet von einer erheblichen Verengung dessen, was als „Sexismus“ diskutiert wird, also als geschlechtsbedingte Benachteiligung.
Sexismus wird hier, wie in einem schlechten Wortspiel, auf Sex reduziert – dort aber selbst noch auf Handlungen bezogen, die bloß als sexualisiert empfunden worden sind. So stehen dann schließlich auf der einen Seite beispielweise Väter, die schuldlos seit Jahren ihre Kinder nicht mehr sehen können und die sich gleichwohl ihre „Privilegien“ vorhalten lassen müssen – und auf der anderen Seite Frauen, die sich als Opfer eines bedrückenden alltäglichen Sexismus inszenieren, wenn ihnen jemand einen schönen Tag gewünscht hat.
Posen statt Analysen Dieses Muster hat ein Vorbild in einer Kampagne, die durch die Veröffentlichung eines Buchs von Anne Wizorek gerade wieder in Erinnerung geraten war – den „Aufschrei“, bei dem Frauen auf Twitter von sexuellen Belästigungen berichteten, die sie im Laufe ihres Lebens erlebt hatten.
Für mich selbst war der Aufschrei damals eher ernüchternd. Von wenigen Ausnahmen abgesehen berichteten Frauen über Erfahrungen, die so auch Männer und Jungen machen: Zudringlichkeiten von Lehrerinnen gegenüber Jungen, ungebetene Annäherungen im öffentlichen Raum, stark sexualisierte Reden und Gesten am Arbeitsplatz. Einige Beispiele hatte ich damals selbst aufgeschrieben.
Was viele Frauen aber vermutlich nicht kennen, ist die Erfahrung, als Belästiger dazustehen für Verhaltensweisen, bei denen sie sich überhaupt keiner Schuld bewusst sind. Ein Beispiel: Ich studierte in einer Stadt mit einer sehr starken links-autonomen Szene, die natürlich auch entschlossen feministisch orientiert war. Ich fuhr eines Tages mit dem Rad eine Straße entlang, als eine junge Frau im Outfit der Autonomen direkt vor mir vom Bürgersteig auf die Straße ging. Ich musste bremsen, und anstatt sie anzuschnauzen, schaute ich freundlich – woraufhin sie mir wütend einige Fuck-You-Zeichen entgegenhielt.
Natürlich ist das ein krankes Verhalten, und es ist offensichtlich, dass sie mich belästigt hat, nicht ich sie. Es ist aber ein Verhalten, dass durchaus kulturell gestützt wird – eben durch Videos wie den Hollaback-Film, durch Kampagnen wie die der HU-Frauenbeauftragten oder eben den Aufschrei.
Vermutlich haben viele Männer Erfahrungen mit beliebigen Belästigungs-Unterstellungen gemacht und nehmen dann, mehr oder weniger unwillkürlich, Erfahrungen wie die beim Aufschrei ausgetauschten in diesem Lichte wahr. Andererseits gibt es gewiss auch Situationen, in denen Frauen sich tatsächlich erheblich belästigt fühlen, ohne dass das einem Mann bewusst ist (und auch umgekehrt).
Tatsächlich ist das ja keine tragische, unlösbare Situation – es würde vermutlich schon vieles klären, wenn Frauen und Männer darüber ins Gespräch kämen, dass sie soziale Situationen unterschiedlich erleben. Der Aufschrei hätte also eigentlich als geschlechterübergreifender Dialog geführt werden müssen – statt dessen bestanden die Protagonistinnen auf einem weiblichen Monolog und hielten Männern vor, wenn sie vergleichbare Erfahrungen gemacht hätten, sollten sie doch einfach ihren eigenen Aufschei ins Leben rufen.
Eine skurrile Perspektive: Verschiedene Gruppen der Gesellschaft gründen Gesprächskreise, in denen sie jeweils untereinander ihre Erfahrungen der Diskriminierung ventilieren und die Angehörigen anderer Gruppen dafür verantwortlich machen – ohne dass es jemals noch ein gemeinsames Gespräch gibt.
Wenn es aber bei der Beurteilung sozialer Situationen allein um die Empfindungen bestimmter Menschen geht, die ohne weiteres Gespräch und ohne gemeinsame Kriterien von anderen schlicht akzeptiert und als Richtschnur respektiert werden sollen – dann ist die geeignete Form dafür auch gar nicht das Gespräch, schon gar nicht die mühselige Analyse sozialer Strukturen, sondern die möglichst wirkungsvolle Pose. Es gewinnen jeweils die, die eindrucksvoller als andere als Opfer sozialer Diskiminierungen posieren können.
Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek selbst. Nachdem ihr Buch erschienen ist, und nachdem es von Arne Hoffmann bei amazon ausführlich und sehr kritisch rezensiert wurde, verbreitet sie das Gerücht, in männerrechtlichen Foren würde gezielt dazu aufgerufen, ihr Buch schlecht zu besprechen. Ihre Fans bittet sie um Hilfe – also um positive Besprechungen bei amazon.
Die werden dann auch en masse gepostet, oft tatsächlich mit dem offenen Eingeständnis, das so positiv besprochene Buch gar nicht gelesen zu haben – es ist ja für einen guten Zweck. Wesentlich durch Wizoreks Aufrufe zu positiven Besprechungen entwickelt sich ein regelrechter Bewertungskampf – und die Autorin kann sich als aufrechte Feministin präsentieren, die unerschrocken ihren Mund aufmacht und dabei von Horden wütender Männer attackiert wird.
Ihr Buch aber wird dabei kaum verkauft – mehr noch: Diejenigen, die es kritisch besprechen, setzen sich offenkundig intensiver damit auseinander als die meisten derjenigen, die Wizorek zustimmen.
Wizoreks heftig enttäuschende Verkaufszahlen lassen sich leicht erklären: Für das Einnehmen einer Pose sind die 140 Twitter-Zeichen, die der Aufschrei gebraucht hat, ideal – niemanden aber interessiert eine Pose, die auf Buchlänge ausgewalzt wird.
Wie sehr heutige feministische Positionierungen bloß Pose sind, demonstrierte im vergangenen Monat dann die britische Frauenzeitung Elle. Sie ließ gemeinsam mit der feministischen  Fawcett Society T-Shirts mit dem Satz „This is what a feminist looks like“ (So sieht ein Feminist aus) produzieren und gewann berühmte britische Männer, sich mit ihnen photographieren zu lassen: den Sherlock Holmes-Darsteller Benedikt Cumberbatch, den Labour-Chef Ed Milliband, den stellvertretenden Premierminister Nick Clegg und einige andere.
Nur Premierminister David Cameron weigerte sich trotz mehrfacher Nachfragen, sich öffentlich per T-Shrit als Feminist zu präsentieren – was ihm von der Elle-Chefredakteurin Lorraine Candy einen heftigen Tadel einbrachte: „Das ist auf so vielen Ebenen eine Schande“ (That’s a shame on so many levels…).

Peinlich war dabei nicht nur, dass hier die Handlungen von Politikern ganz hinter dem T-Shirt, das sie trugen oder eben nicht trugen, verschwanden. Peinlich war vor allem die Nachricht, dass die 45 Pfund teuren, schlichten T-Shirts auf Mauritius gefertigt wurden – in einem Ausbeuterbetrieb („sweatshop“), der den dort arbeitenden Frauen bloß 62 Pence pro Shirt bezahlt. Westliche Feministinnen, die westliche Politiker nötigen, für teure T-Shirts Werbung zu laufen und die diese T-Shirts in einem Ausbeuterbetrieb in Afrika von hemmungslos unterbezahlten Frauen herstellen lassen: Hätte sich das jemand bloß ausgedacht, dann stünde es als völlig unrealistische Übertreibung da.

Was bei diesen Posen untergeht, ist jedoch nicht allein der Respekt vor Menschen in armen Ländern. Es gibt natürlich auch bei uns reale Gewalt, reale sexuelle Grenzüberschreitungen, reales Leid – und es gibt (da bin ich mir sicher) ein breites Einverständnis zwischen Männern und Frauen darüber, welche Handlungen zu weit gehen, gar kriminell sind, welche Grenzen gesetzt werden müssen.

Statt aber darauf zu bauen, dass gemeinsame, von einer großen Mehrheit akzeptierte und verteidigte Grenzen einen Schutz vor Gewalt darstellen, verwischen die Inszenierungen um Sex und Sexismus diese Grenzen gezielt und systematisch. Die Möglichkeit, beliebig alle Männer als übergriffig und potenziell gewalttätig darzustellen, ist hier allemal wichtiger als ein breiter gemeinsamer Konsens gegen Gewalt. Es wäre interessant, einmal zu erfahren, welche Ziele eigentlich mit solchen Inszenierungen verbunden sind.
Um den Schutz von Menschen vor Gewalt und Sexismus geht es dabei jedenfalls nicht.
  1. „IHR Gesicht sehen wir ständig, von vorn – alle anderen treten nur sekundenlang auf und sind dann wieder verschwunden. Die rechtlich begründete Verpixelung ihrer Gesichter verstärkt diesen Effekt noch.“

    Das ist schön analysiert. Natürlich sorgt man mit der Kamera für eine Vorauswahl. Die Kamera bildet hier nicht einfach nur ab, sondern sie schafft einen besonderen Ausschnitt und stellt eben eine Person in den Mittelpunkt des Geschehens.

    Diese Überlegung in Deinem Artikel zeigt schön, dass man die Denkweise der Geistes- und Kulturwissenschaften sehr gut nutzen kann, um sich kritisch mit dem feministischen Diskurs auseinanderzusetzen.

    Schon deshalb verstehe ich das einseitige Bashing mancher Leute nicht. Selbst Konzepte wie die von Derrida und Foucault könnte man ergebnisträchtig auf den Feminismus anwenden.

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  2. Ich weiß nicht, ob das im Zusammenhang mit dem Video schon mal diskutiert wurde, aber mir fiel da doch sehr die ruhige Kameraführung auf, während diese bei den Gegen- und Parodievideos meist viel wackeliger war. Ich frage mich schon, wie man das mit einer in einem Rucksack eines Vordermannes versteckten Kamera hinkriegt. Bzw. wie man eine versteckte Kamera vor sich her führt, ohne dass es deutlich wackeliger sein müsste. Möglicherweise ist die Kameratechnik heute in Sachen Stabilisierung so gut, dass dies bei einem vorauslaufenden Menschen mit Rucksack möglich wäre, da müsste man mal einen Profi fragen. Allerdings deutet es dann auch auf einen professionellen Dreh hin.

    Die erste Szene des Films ist auch recht merkwürdig. Roberts versteckt hier die Kamera unter einem Tuch. Die Aussage, die damit explizit rüber kommen soll, ist natürlich: „Wir haben das versteckt gedreht!“ Aber viele Videos, die versteckt gefilmt wurden, enthalten keine solche Szene. Wozu auch, es reicht ja völlig aus, dass es in einem Kommentar textuell erklärt wurde. Manchmal ist nicht mal das nötig, denn das ergibt sich von alleine aus dem Setting. In dem Hollaback-Video gibt es aber diese Szene. Warum? Ich vermute, der Zuschauer soll dadurch unbewusst geframed werden und gar nicht auf die Idee kommen, es könnte anders sein. Und genau das macht es für mich verdächtig.

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  3. „Weiße Männer seien deswegen nicht als Belästiger erschienen, weil sie eben sehr viel mächtiger als schwarze Männer seien und es gar nicht nötig hätten, Frauen offen auf der Straße zu belästigen.“

    Wer ist im Patriarchat eingentlich z.Z. für die Logistikabteilung zuständig? Ich hab immer noch nicht meine neue „Ich bin eine mächtiger weißer Mann“-Scherpe erhalten. Glaubt ja nicht das ich ohne die zur Patriarchats-Weihnachtsfeier komme. ^^

    „Hätte sich das jemand bloß ausgedacht, dann stünde es als völlig unrealistische Übertreibung da.“

    Das ist ja öfter der Fall und deshalb hätte der Feminismus ja auch einen sehr hohen Unterhaltungswert, wenn er bloß nicht mit seinen Forderungen tatsächlich auf Gehör stoßen würde.

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  4. Als ich in den 1980er Jahren ein junger Dachs war, fuhr ich mit einem Bus der Berliner BVG zur Uni. Ich saß im Oberdeck, welches fast leer war. Kommt eine etwas ältere, junge Frau nach oben, setzt sich direkt auf die Bank hinter mich. Ich saß ganz entspannt da und hatte den linken Arm über die Lehne gestreckt. Die Frau packt ein Buch aus und knallt es mit – wie ich im sofortigen Umdrehen sehe – Verve auf meinen Arm. Welches Buch sie da gelesen hat, kann ich nicht sagen, und sie hätte auch überall woanders sitzen können. Aber wahrscheinlich hatte sie schon damals von den besitzergreifenden Männertechniken gehört, die alles okkupieren müssen, überall Duftmarken setzen, Frauen keinen Raum im Osten (im Westen, in Bussen) lassen. Ich sagte ihr dann, dass ich ihr Problem nicht lösen könne, aber eins in die Fresse gäbe es gratis. Woraufhin sie noch etwas zornig bewegter guckte, aber das bedrohte Maul nicht aufbekam. Meine Reaktion halte ich bis heute für angemessen.

    In der gleichen Zeit ging ich mak mit einem Studienfreund in/durch einen Park. Uns kam eine Frau entgegen, die mich einfach auf den Oberarm schlug. Im Vorbeigehen und mit den Worten: „Du bist doch auch so einer“. Wir waren beide verdutzt.

    Als mein Sohn fünf war, gingen wir über eine grüne Fußgängerampel als eine Frau mit dem Auto um die Ecke bog und beinahe meinen Sohn überfahren hätte, scharfe Bremsung. Zur Rede gestellt, spuckte sie mich an und ich blieb dennoch der Situation angemessen sachlich, habe nicht geschrien, wohl aber eine Passantin, ca. 30 Meter entfernt, die brüllte: „Lassen Sie die Frau in Ruhe, lassen Sie gefälligst die Frau in Ruhe; ich rufe die Polizei“.

    Das alles klingt erst Mal komisch, anekdotisch, ist aber nur ein Ausschnitt meiner Erfahrungen der letzten 30 Jahre, wie Frauen sich als Opfer hysterisieren und jede Unfreundlichkeit und Grenzüberschreitung ihrerseits als Widerstand gegen patriarchalische Unterdrückung fantasieren. Bei Kindern nennt man solch eine Phase die magische. Bei Frauen wird daraus eine Befreiungsbewegung gegen das Denken, welche einen an die Betschwestern erinnert, die schon immer den Gott-sei-bei-uns überall wähnten. Die Begrifflichkeiten und Zuweisungen mögen sich ändern, aber das Hysterische, Alogische, anti-empirische hat sich als anthropologische Konstante nicht geändert – oder wer nicht-biologische Herleitungen lieber in die Weltanschauung einbaut – da tradiert sich aus dem Religiösen eine Analogie bis in die Jetztzeit. Und, ohne Abstriche, das ist eine tribalistisch anmutende Weltsicht, die man in anderen Zusammenhängen keinem Lieschen Müller durchgehen lassen würde, aber Dr. Lieschen Müller darf von Staates Gnaden Universitäten und Parteien als Heimstatt begreifen.

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  5. „Die Schilder im Grimm-Zentrum stiften Feindseligkeit, Misstrauen, Angst und Entzweiung.“

    „Verschiedene Gruppen der Gesellschaft gründen Gesprächskreise, in denen sie jeweils untereinander ihre Erfahrungen der Diskriminierung ventilieren und die Angehörigen anderer Gruppen dafür verantwortlich machen – ohne dass es jemals noch ein gemeinsames Gespräch gibt.“

    Herzlichen Glückwunsch!
    Du bist auf den Zweck und das Ziel dieser ganzen „Sexismus!“-Kampagne gestoßen:

    Zerspaltung und Entsolidarisierung der Gesellschaft und der Geschlechter.
    Damit gewisse politische Agenden sich leichter weiter spinnen und durchdrücken lassen.

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  6. […] schon dadurch Gewalt aus, dass sie eine Straße entlanggehen. Ganz ähnlich funktionierte auch ein Video, dass im Jahr 2014 viral geworden war. Es hatte eine weiße, junge Frau beim Gang durch die […]

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