Was ist denn nun eigentlich ein „Masku“?

Zugegeben – ich weiß nicht so recht, was „Männerrechte“ eigentlich sind. Der Begriff ist in meinen Augen ebenso fragwürdig wie der Begriff „Frauenrechte“.
Rechte gelten schließlich allgemein, nicht nur für bestimmte Gruppen – sonst sind es keine Rechte, sondern Vorrechte. Als beispielweise Christian Schmidt vor einigen Wochen über „Einschränkungen von Männerrechten“ schrieb, ging es eigentlich nicht um solche Sonderrechte – sondern darum, dass die allgemeinen Rechte bestimmter Menschen eingeschränkt werden, bloß weil diese Menschen biologisch männlich sind.
Den Begriff Maskulist finde ich noch unglücklicher als den des „Männerrechtlers“ – weil auch er allzu deutlich bloß Nachbildung eines weiblichen Vorbilds ist, und weil der Begriff Maskulismus bei Licht betrachtet ebenso unsinnig ist wie der Begriff Feminismus. Wie sollte denn eine Theorie, ein politisches Programm oder eine Weltanschauung einfach auf „Männlichkeit“ bzw. „Weiblichkeit“ aufgebaut werden?
Würde beispielweise ein sorgeberechtigter Vater die Kinder der Mutter entfremden und die Mutter schikanieren – dann wäre das in meinen Augen ebenso verwerflich, wie es umgekehrt ein solches Agieren einer Mutter ist. Sicher, unter den gegebenen Bedingungen haben Mütter wesentlich häufiger die Möglichkeit, so zu handeln – aber trotzdem liegt der Fokus auf allgemeinen Rechten, nicht allein auf Rechten von Vätern. Allein die Rechte der Kinder können hier sinnvoll hervorgehoben werden.
Die Schwierigkeit, eine vernünftige Bezeichnung für das zu finden, was auch ich in diesem Blog seit nun fast zwei Jahren betreibe, hat daher wohl einen ganz einfachen Grund. Ich hatte eigentlich niemals das Gefühl oder das Bestreben, spezifisch für Männerrechte einzutreten – sondern war mir bis vor wenigen Jahren sicher, dass das, wofür ich da eintrete, ein allgemein geteilter Konsens ist, ganz unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit.
 
Mir war lange Zeit nicht einmal klar, dass es besonders nötig wäre, dafür einzutreten.
 
Maskus kommen nicht mit dem Verlust ihrer Privilegien klar – wissen einfach nicht, wohin mit ihrer Wut – gehen dann ausgerechnet auf die fortschrittlichen Kräfte der Gesellschaft los – agieren irrational und haben wichtige Entwicklungsschritte einfach verpasst – und wünschen sich daher in frühere Stadien der gesellschaftlichen Evolution zurück. Ich kenn die Jungs, ich weiß, wovon ich rede. (Jörg Rupp, B90/Grüne)
Mit Klischees arbeiten schließlich immer nur die anderen.
Rechtliche Gleichheit – allgemeine Menschenrechte – ein Anspruch auf eine basale Fairness im Umgang – ein allgemeiner Anspruch auf Schutz vor Gewalt – ein Staat, der allen Staatsbürgern prinzipiell gleichermaßen verpflichtet ist, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, sozialer Schicht oder Geschlecht: Wer bemerkt, dass diese Selbstverständlichkeiten keineswegs selbstverständlich sind, und wer sich dagegen wehrt, dass sie durchaus systematisch attackiert werden – der kann sich damit plötzlich als „Männerechtler“ oder „Maskulist“ wiederfinden.
 
Wie man Menschen für unerwünscht erklärt (ohne dass sich jemand aufregt) Für „Maskus kann es keine Willkommenskultur geben“ – das twittert Jörg Rupp von baden-württembergischen Vorstand der Grünen als Antwort auf einen Spiegel-Artikel von Annett Meiritz. Die hatte nämlich glatt kritisiert, dass der heutige Feminismus viel zu schnell Menschen anderer Meinung zum Feind deklariere.
„Feministinnen, die ständig und überall den ‚Kampf gegen die ‚Maskus‘ ausrufen – dazu möchte ich nicht gehören. Ich glaube nicht, dass der Feminismus eine neue Führungsfigur braucht, wie die ‚Zeit’ kürzlich forderte. Was er braucht, ist eine neue Willkommenskultur.“
In den Augen Rupps, immerhin Bundestagskandidat und im Vorstand der Regierungspartei seines Bundeslandes, müssten allerdings Maskus aus dem so geforderten offenen Dialog draußen bleiben. Er kenne sich da aus – für ihn sind sie ohnehin alle gleich.
„Alle. Punkt. Wer anders ist, nennt sich nicht Masku.“
„Kein Mensch nennt sich selbst Masku“, antwortet ihm ein Gesprächspartner bei Twitter. Das ist ein wichtiger Punkt: Die Beschreibung als „Masku“, oft auch die als „Männerrechtler“, ist weitaus häufiger eine Fremd- als eine Selbstzuschreibung. Übrigens ist bei anderer Gelegenheit auch schon Rupp selbst als „Kämpfer für Männerrechte“ bezeichnet worden – weil er bei den Grünen, nach fast zehn Jahren Arbeit und Vorbereitung, an der Verfassung eines sehr zahmen, bei Licht besehen durchaus servilen Männermanifests beteiligt war.
Als Masku steht schon jemand da, der an Selbstverständlichkeiten wie der Unschuldsvermutung oder dem Recht auf ein faires Verfahren festhält. Tut er das auch angesichts von Vergewaltigungsprozessen, muss er sich gelegentlich als rape apologist – als Verteidiger von Vergewaltigungen – oder als rape denialist hinstellen lassen – als jemanden, der Vergewaltigungen leugnet und damit ungefähr auf der Stufe von Holocaustleugnern steht.
 
Wer als Vater dafür kämpft, den Kontakt zu seinen Kindern zu behalten und Müttern gegenüber nicht rechtlich benachteiligt zu werden, muss hinnehmen, mit Neonazis oder Gewalttätern gleichgesetzt zu werden.
Wer kritisiert, dass häusliche Gewalt allein als Gewalt von Männern gegen Frauen wahrgenommen und Gewalt von Frauen gegen Männer ignoriert wird, und wer auf dieser Basis fordert, Frauenhäuser sollten in Zentren gegen familiäre Gewalt umgewandelt werden, die allen Geschlechtern zugänglich sind – der kann sich in der Folgezeit erst einmal nur mit Bodyguards bewegen, weil er ernsthafte Gewaltdrohungen erhält. Wenn du Arschloch noch mal behauptest, ich sei gewalttätig, dann knall ich dich ab.
Wer dann in öffentlichen Netzwerken wie Twitter allzu offen seine Meinung sagt, muss damit rechnen, dafür als „menschlicher Abschaum“  betitelt oder mit Gewaltphantasien überzogen zu werden.
 
Dass Menschen als „Maskus“ dastehen und als Unpersonen behandelt werden, weil sie an geschlechtsunabhängigen Selbstverständlichkeiten festhalten, zeigt, dass sich in großen Teilen der öffentlichen Debatte Maßstäbe verschoben haben – und dass sich eine Politik schon weit durchgesetzt hat, die auf rechtliche Ungleichheit setzt, auf das Festhalten an Privilegien fixiert ist und diese Haltung unter anderem mit Geschlechterklischees legitimiert.
Dabei bin ich mir sicher, dass der selbstverständliche demokratische und rechtsstaatliche Konsens, von dem ich einst ausging, weithin noch existiert. Als ich, mit Ausnahme des vierzehntägigen Umgangs, den Kontakt zu unserem Sohn weitgehend verloren hatte, weil ich nun einmal sein Vater bin und nicht seine Mutter – da fiel mir in den kommenden Wochen und Monaten etwas Interessantes auf:
 
Von den vielen Menschen, mit denen ich sprach, wusste niemand etwas darüber, wie ungleich und entrechtend die familienrechtlichen Bedingungen für Väter sind. Die einzigen Ausnahmen waren Aktivisten im Väteraufbruch, die sich schon lang mit dem Thema beschäftigten.
Gleichwohl waren meine Gesprächspartner ansonsten oft politisch sehr gut informiert. Dass trotzdem niemand von ihnen wusste, wie schlimm es um das Kindschaftsrecht bestellt war (und noch ist), dass viele mir empört gar nicht glauben wollten, was ich erzählte – das hatte wohl vor allem einen sehr einfachen Grund: Sie konnten es sich einfach nicht vorstellen.
 
Denn wer einfach nur das Grundgesetz kennt und der Meinung ist, dass es weithin gilt, der kommt gar nicht erst auf die Idee, dass Menschen bloß aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit – oder der Geschlechtszugehörigkeit eines Elternteils – basale Grundrechte vorenthalten werden.
Die Verschiebung der Debatte, die Schleifung demokratischer und rechtsstaatlicher Selbstverständlichkeiten, wird also von großen Teilen der Bevölkerung gar nicht bemerkt, erst recht nicht gebilligt oder betrieben. Sie ist Sache von einer relativ kleinen Elite in Politik, staatlichen Institutionen, Verbänden und Medien. Offenbar ventilieren die Beteiligten dabei auch abseitige Außenseiterpositionen untereinander so häufig, und so abgeschottet, dass sie schließlich ernsthaft davon überzeugt sind, damit zum Mainstream zu gehören.
 
Wie man den Väteraufbruch dann doch nicht an die Schulen bringt Ein weiteres persönliches Beispiel. Ich sprach neulich mit einem guten Bekannten über Sexualerziehung an den Schulen. Er stellte die These auf, dass es eigentlich keine sexuellen Normen gäbe, dass diese Normen zumindest künstlich erzeugt und nicht verbindlich seien. Es bedient Klischees, dass er Mandatsträger bei den Grünen ist – es spiegelt aber auch tatsächlich Positionen dieser Partei wider.
Die These meines Bekannten ist offensichtlich falsch. Natürlich haben wir sehr wirkungsvolle und auch wichtige sexuelle Normen. Davon lenkt allerdings die Vorstellung ab, in den modernen Industriestaaten sei die Heterosexualität wesentliche Norm – als „Heteronormativität“. Tatsächlich gibt es eine viel wirkungsvollere und weithin auch sehr viel entschiedener verteidigte sexuelle Norm, und dies zum Glück – nämlich das Gebot der Freiwilligkeit.
Homosexuelle Paare sind Normalität in populären Fernsehserien wie in der realen Welt – mit seinem Satz „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ stand Klaus Wowereit sympathisch und souverän da, keineswegs abnorm und krank. Das wäre, mit guten Gründen, völlig anders, wenn jemand behaupten würde, dass er sich Sex gern mit Gewalt verschaffe. Und dass das auch gut so sei.
Die große Bedeutung des Freiwilligkeits-Gebots zeigt, wie irreführend und unüberlegt die Vorstellung ist, Normen – und zumal sexuelle Normen – lediglich als Resultat und Reproduktion von Herrschaftsverhältnissen zu verstehen. Prinzipiell sind Normen und Normalitätserwartungen wichtig als Schutz vor Willkür – und daher schützen sie auch vor allem diejenigen, die in einer schwachen Position sind. Wer diese Bedeutung von Verhaltensnormen nicht wahrnimmt, kann das also gern als Ausdruck eigener Privilegien verstehen: Er hat Normen vermutlich weniger nötig als andere.
Natürlich können Normen gleichwohl kritisiert werden – aber eben im Rückgriff auf andere Normen, nicht mit der Utopie einer normfreien Gesellschaft. Die Ächtung der Homosexualität kann z.B. mit liberalen Normen abgelehnt werden (Wir haben nicht das Recht, uns in das Leben anderer einzumischen, wenn diese niemandem schaden) oder mit der Norm, unnötiges Leid zu verhindern.
 
Dass aber jegliche Normsetzung prinzipiell als scheinhaft und repressiv entlarvt werden könnte, ist eine gedankliche Illusion – wir können die entsprechenden Wörter aneinander reihen (Es – gibt – eigentlich – keine – Normen), aber mit ihnen keinen erkennbaren Sinn verbinden.
Es gibt einen sehr breiten Konsens, mit dem Feindschaft gegen Homosexuelle abgelehnt wird – auch wenn das natürlich nicht bedeutet, dass es diese Feindschaft nicht gibt. Das merke ich auch als Lehrer, wenn ich Filme oder Texte behandle, in denen das Thema Homosexualität eine wichtige Rolle spielt – ich habe noch niemals Proteste von Eltern erlebt, und ich rechne auch nicht mit ihnen. Ich bin mir aber sicher, dass es eher früher als später Proteste gäbe, wenn ich offen homosexuellenfeindlich agieren würde.
Anstatt aber diesen breiten Konsens zu nutzen und auszubauen, hat der Landtag in Niedersachsen – mit den Vorbildern Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen –  gerade einen Bildungsplan zur „Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten“ beschlossen. Der sieht zum Beispiel vor, dass Schulen Vertreter von Schwulenorganisationen in den Unterricht einladen sollen – was ich ganz vernünftig finde. Er sieht aber auch vor, dass jeder Lehrplan in jeder Jahrgangsstufe für jedes Fach daraufhin überprüft werden muss, ob Homo- und Transsexualität genügend berücksichtigt werde. Schulbücher, die nicht entsprechend verfasst sind, haben keine Chance mehr auf Genehmigung.
Das hat nicht mehr viel zu tun damit, gegen Diskriminierungen einzutreten – es ist eher ein umfassendes Erziehungsprogramm, das weniger vom Vertrauen in einen breiten Konsens geleitet ist als von dem Gefühl, dem Volk, dem großen Lümmel, ohne umfassende Kontrolle und Anleitung nicht trauen zu können.
 
Ich bin mir ganz sicher, dass Initiativen zur Unterstützung homo- oder auch transsexueller Jugendlicher breite Zustimmung finden würden. Statt sich aber darauf zu konzentrieren, verhalten sich die rot-grünen Landesregierungen wie ein pubertierendes Kind extrem liberaler Eltern, das immer absurdere Positionen bezieht, um endlich einmal irgendwo an Grenzen zu stoßen.
Vor allem aber sind die Beschlüsse willkürlich. Es gibt Diskriminierungen Homosexueller an den Schulen, es gibt auch Diskriminierungen aus sozialen Gründen, vor allem unter Mädchen beispielweise einen enormen Druck, die richtige Kleidung zu tragen. Mädchen oder Jungen werden, wenn sie Pech haben, allgemein abgelehnt, weil sie den falschen Haarschnitt, die falschen Freunde oder die falschen Interessen haben, oder weil sie sich schlicht mit den falschen Leuten angelegt hatten.
Nicht verständlich ist angesichts dessen die umfassende Fixierung auf Diskriminierungen, die in der sexuellen Identität begründet sind. Besonders gravierend zudem: Gerade in dieser Hinsicht ist beispielsweise die Vaterlosigkeit für viele Kinder und Jugendliche ein enorm wichtiges Thema.
 
Aber niemals wohl käme eine rot-grüne Regierung auf die Idee, Schulen per Landesgesetz dazu zu verpflichten, Vertreter von Väterorganisationen in die Schulen einzuladen. Das nämlich würde nicht an Normen anderer rühren, sondern an den eigenen – die gleichgültig hingenommene oder gar erzwungene Vaterlosigkeit wird schließlich gerade im rot-grünen Spektrum mit dem ohnehin irreführenden Begriff der „Alleinerziehung“ kaschiert und mit unbekümmerter Kinderfeindlichkeit als „moderne Familienform“ präsentiert.
Die Fixierung auf „Heteronormativität“ ist so keineswegs von dem Wunsch geleitet, Einzelne zu unterstützen. Die Probleme eines homosexuellen Jungen sind den rot-grünen Landesregierungen herzlich egal, solange er diese Probleme nicht als Homosexueller, sondern als Junge hat. Gleiches gilt für einen homosexuellen Vater.
 
Wer hingegen die schulrechtliche Fixierung auf Probleme der „Heteronormativität“ absurd findet, muss keineswegs homophob sein – er hat möglicherweise einfach ganz andere Probleme.
 
Wie man Maskus richtig verwendet Es ist gefährlich, den bestehenden breiten zivilen und rechtsstaatlichen Konsens zu leugnen, um sich in mühsam inszenierten kulturpolitischen Kämpfen profilieren zu können. Wer Menschen als „homophob“ hinstellt, nur weil sie den Eindruck haben, die schulrechtlich angestrebte Sexualerziehung sei gegenüber ihren Kindern übergriffig –
 
oder wer Menschen als Verteidiger von Vergewaltigungen hinstellt, weil sie an der Unschuldsvermutung festhalten –
 
oder wer „Maskus“ vom Gespräch ausschließen will, weil die doch glatt meinen, Menschenrechte gälten auch für Jungen und für Männer –
 
der übersieht angesichts der inszenierten Feindschaften und herbeigepinselten Feindbilder ganz, dass es auch tatsächlich menschenfeindliche Positionen gibt, gegen die ein rechtsstaatlicher demokratischer Konsens unbedingt nötig ist.
Arne Hoffmann hat neulich einige solcher Positionen vorgestellt und gefragt, wo hier denn die Empörung bliebe. Dazu gehört die Meinung der erfolgreichen konservativen amerikanischen Publizisten Ann Coulter, die unbekümmert und natürlich unbelegt öffentlich verkündet, dass der größte Teil aller Vergewaltigungsvorwürfe auf Lügen oder dem Wunsch nach Aufmerksamkeit basiere.
 
Für die Selbst-Inszenierung als heldenhafter Streiter gegen eine allgemeine Frauen-, Homosexuellen-, oder Transsexuellenfeindschaft reicht es aber natürlich nicht, den selbstverständlichen Konsens gegen solche Außenseiterpositionen zu betonen. Die Inszenierung braucht die Illusion, als Avantgarde gegen eine breite reaktionäre Mehrheit anzukämpfen.
Das Resultat ist ein bemerkenswert autoritäres Staatsverständnis. Hier geht es überhaupt nicht mehr darum, Vertreter staatlicher Macht demokratisch zu kontrollieren – kontrolliert wird von oben nach unten, nicht umgekehrt. In ihren Selbstinszenierungen, die journalistisch in aller Regel bemerkenswert selbstverständlich und kritiklos nachgeäfft werden, sind Vertreter staatlicher Herrschaft gute Erzieher, die einer angeblich rückständigen Bevölkerung den Weg in die humanere Zukunft weisen. Der gute Staat kontrolliert die unreife, immer irgendwie für das Böse anfällige Gesellschaft.
Dass dabei demokratische und rechtsstaatliche Grundsätze geschleift werden, ist kein zufälliges Nebenprodukt, sondern Programm.
„Tatsächlich verbirgt sich hinter einer Quote, die die Hälfte der Bevölkerung diskriminiert und private Institutionen dazu zwingt, ein zweifelhaftes Social-Engineering-Projekt umzusetzen, ein ‚rechtlicher Relativismus’: Prinzipien werden immer so interpretiert, wie es gerade zu den politischen Zielen passt.“
Das schreibt Aaron Rhodes in der Zeit, in einem der seltenen massenmedialen Texte, in denen der Konflikt zwischen einer unbekümmert elitären Politik und dem Konzept der Menschenrechte überhaupt einmal erwähnt wird.
Dass Menschen sich als „Maskus“ wiederfinden, ohne recht zu wissen, was genau damit eigentlich gemeint ist – das ist eines der Nebenprodukte dieser Konstellation. Wer eine elitär abgeschottete Politik mit dem Rückgriff auf Geschlechterklischees legitimiert, wer sich so als staatlicher Verteidiger weiblicher Unschuld gegen männliche Gewalt und Machtgier inszeniert – der nimmt eben Menschen, die trotzdem unbeirrt an Menschen- und Grundrechten festhalten, als Verteidiger von „Männerrechten“ wahr.
„Maskus“ sind also, vor allem anderen, eine Projektion – ein Feindbild, dem Protagonisten einer Politik der Spaltung und der Rechtsverletzung ihr eigenes Bedürfnis nach Feindschaft unterschieben, um sich selbst als Verkünder einer menschlicheren Gesellschaft inszenieren zu können.



Anmerkung: Jörg Rupp war Bundestagskandidat der Grünen, ist aber nicht Mitglied des Bundestages. Einen entsprechenden Irrtum im Text habe ich korrigiert und dort das Wort „Bundestagsabgeordneter“ durch das Wort „Bundestagskandidat“ ersetzt.

Die Herrschaft der Unschuld (Monatsrückblick November 2014)

Sigmar Gabriel war sauer. Richtig sauer.
„’Wenn Männer das als nervig empfinden, zeigt das eher, dass Männer ein Problem haben‘, sagte Gabriel. Es sei auch Schwesigs Aufgabe ‚zu nerven, wenn die Dinge so im Argen liegen‘.“
Da hatte doch CDU-Fraktionschef Kauder Gabriels Familien- und Frauenministerin Manuela Schwesig glatt als „weinerlich“ bezeichnet, weil sie sich über Widerstände gegen die Frauenquote in Aufsichtsräten beschwert hatte.
 
Nicht jedem wird die feine Ironie aufgefallen sein, mit der ausgerechnet Gabriel so entschlossen als ihr  Befürworter in den Ring stieg. Schließlich taugt der SPD-Chef tatsächlich als fleischgewordenes Argument für die Quote:
 
ein Mann massiver Misserfolge, der seinen Posten als niedersächsischer Ministerpräsident von Gerhard Glogowski übernommen hatte und mit der SPD bei seiner ersten Landtagswahl eben diesen Posten und dazu fast 15 % der Stimmen seiner Partie krachend verlor, der es aber seinen guten Vernetzungen und seinem aggressiven, dominanten Territorialverhalten verdankt, dass er von dort aus schnell an die Spitze seiner Partie unterkommen konnte.
Einen ganz anderen Habitus, aber eine ähnliche Geschichte hat der für die Quote wesentlich mitverantwortliche Justizminister Heiko Maas, der ebenfalls als Spitzenkandidat mit einem Minus von 14 % und danach sogar mit dem schlechtesten Ergebnis der Parteigeschichte gleich drei Landtagswahlen so beeindruckend verloren hatte, dass ihn das kurze Zeit später irgendwie an die Spitze eines Ministeriums katapultierte. Was wir können, könnt ihr schon lange – wenn Gabriel und Maas das den Frauen Deutschlands zurufen, wird es vermutlich kaum eine bezweifeln.
Nur dass es bei der Quote tatsächlich um „die Frauen Deutschlands“ geht, ist eher zweifelhaft – es geht, natürlich, um eine extrem kleine, ohnehin schon privilegierte Schicht. Zu diesem Punkt wäre vielleicht ein Wort der Erklärungen von Sozialdemokraten nett gewesen.
Demonstranten an der University of Virginia nach den Vorwürfen gegen Mitglieder der Studentenverbindung Phi Kappa Psi, sie hätten auf extrem brutale Weise eine junge Studentin vergewaltigt. Let’s Smash Patriarchy and the rest of Phi Kappa Psi’s wankers (Lasst uns das Patriarchat zerschlagen und den Rest der Phi Kappa Psi-Wichser), steht auf dem Plakat links oben, Burn the frat houses down (Brennt die Verbindungshäuser ab) auf dem Plakat rechts oben.
Die Vergewaltigungsvorwürfe erwiesen sich als falsch.
Es gibt schließlich viele Familien mit erheblichen Problemen – sei es, dass sie Kosten für Wohnraum, Lebenshaltung, Kindergarten, Kinderbetreuung nur noch schwer durch die eigene Erwerbsarbeit begleichen können; sei es, dass Kinder in Familien aufwachsen, die sich auf den Bezug von Sozialleistungen eingestellt haben und den Kindern kaum einen strukturierten Tagesablauf bieten; seien es Migrantenfamilien, die sich in Parallelgesellschaften einrichten und damit ihren Kindern das Leben in Deutschland erheblich erschweren; seien es Hunderttausende von Kindern, die ohne ein Elternteil – in der Regel ohne Vater – aufwachsen und die damit nicht nur beträchtliche erntwicklungspsychologische Risiken tragen, sondern auch von Kinderarmut bedroht sind.
 
Was aber ist das wesentliche Problem der Familienministerin, ihr Leib- und Magenthema, ihr politisches Ausstellungsstück und Prestigeprojekt, mit dem sie sich profilieren möchte? Eine Frauenquote, von der deutschlandweit bestenfalls wenige hundert sehr privilegierter Frauen profitieren können.
Mit kommt es so vor, als seien Sozialdemokraten früher irgendwann einmal anders gewesen, aber es kann natürlich auch sein, dass ich das geträumt habe.
Weiß, mittelalt, privilegiert – Homogen dank Quote Da die Quote in Aufsichtsräten solch ein Elitethema ist, hat mich ihre Einführung kälter gelassen als andere Themen des Monats. Ein wenig verwunderlich ist diese Einführung gleichwohl.
 
Schließlich haben die wesentlich verantwortlichen Sozialdemokraten in ihrer Partei seit 1988 eine Quote, und sie hatten 2003 bei dem Parteitag in Bochum ohne ernsthafte Diskussion beschlossen, ihre ursprünglich vereinbarte zeitliche Begrenzung aufzuheben. Wenn nun nach mehr als fünfundzwanzig Jahren eine Quote immer noch nötig ist, könnte das ja durchaus als Zeichen dafür verstanden werden, dass sie offenbar kein geeignetes Mittel ist, um Veränderungen anzustoßen.
Als einen „Türöffner“ hat Ursula von der Leyen die Frauenquote einmal bezeichnet. In der SPD halten Männer nun schon seit fast dreißig Jahren Frauen die Türen auf, ohne dass eine Änderung dieses Zustandes absehbar wäre. Dass ist sicherlich nett und gentleman-like – aber es bleibt trotzdem überraschend, dass es als Modernisierung der Geschlechterrollen verkauft wird.
Warum interessiert es zudem niemanden in der SPD oder anderswo, wer eigentlich für die Quote zahlen wird? Offenbar sind sich alle ohne weitere Überlegung sicher, dass ohnehin nur privilegierte Männer dadurch Nachteile haben, die es ohnehin nicht besser verdient hätten – so dass sich jede weitere Legitimation erübrige.
 
Dass es in den Niederlanden, wo es schon sehr viel länger Frauenquoten in Unternehmen gibt, nicht privilegierte Männer waren, sondern überdurchschnittlich viele Migranten, die zurückstehen mussten – das ist allerdings doch ein wenig peinlich.
 
Der Programmdirektor des Telekomkonzernd KPN, Jasper Rynders:
„’Wir mussten in den vergangenen Jahren aus einem begrenzten Reservoir an Frauen schöpfen, da alle große Unternehmen in demselben Teich fischen’, sagte Rynders. Angeworben worden seien vor allem ‚weiße, zwischen 40 und 50 Jahre alte Frauen mit höherer Ausbildung und dem gleichen gesellschaftlichen Hintergrund’. Dass aus dem Ausland stammende männliche Bewerber das Nachsehen gehabt hätten, sei angesichts der Veränderungen der niederländischen Gesellschaft ein ‚unerwünschter Nebeneffekt.’“
Mit dem gleichen Recht könnte man es auch bedauernd als „unerwünschten Nebeneffekt“ bezeichnen, dass ein anderer Mensch hungrig bleibt, wenn man ihm den Teller leer isst. Denn tatsächlich ist es ja leicht absehbar, dass eine Quote für Mitglieder einer Gruppe – seien sie nun tatsächlich oder vermeintlich unterprivilegiert – zu Lasten anderer Gruppen wirken wird, die ganz gewiss unterprivilegiert sind.
Männer, die sozial, in ihren familiären Vernetzungen, ihrer Herkunft, ökonomisch, ethnisch oder in anderer Weise privilegiert sind – solche Männer werden ihre Position natürlich besser gegen die Frauenquote verteidigen können als andere Männer. Frauen hingegen, die in diesen Hinsichten privilegiert sind, werden die Quote besser nutzen können als andere Frauen. Dass die Quote so ganz gegen ihre eigenen Versprechen zu einer sozialen Homogenisierung beiträgt – das ist eigentlich absehbar.
Es interessiert wohl nur niemanden.
 
Bücher zerstören, Kaugummis verkleben und anderer professoraler Zeitvertreib Die geschlechtergerechte Sprache, die im vergangenen Monat ebenfalls wiederholt ein Thema war, hat in ganz ähnlicher Weise angeblich unerwünschte, aber leicht absehbare Nebenwirkungen. Ein Beispielsatz, eigenhändig entwickelt in Anlehnung an einen Artikel bei Alles Evolution und einen Text bei Offene Flanke:  
„Dix Studierx hat in xs Vortrag darauf aufmerksam gemacht, dass viele Studierxs, Assistentxs und Mitarbeitrxs die geringe Anzahl von PoC Professxs als großes Problem wahrnehmen.“
Eine Sprache, entworfen und verbreitet von der Berliner Professorin Lann Hornscheidt, die sich selbst allerdings keinem Geschlecht zuordnen kann und deshalb als Profx angesprochen werden möchte. Andere Formen des „feministischen Sprachhandelns“, die sie sammelt und die ebenfalls bei Alles Evolution vorgestellt wurden, sind kaum weniger verwirrend.
Ob eine angeblich „geschlechtergerechte“ Sprache tatsächlich mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern schafft, bleibt Ansichtssache. Ihre Verwendung basiert auf mindestens drei Vorannahmen: dass es gesellschaftliche Machtstrukturen gäbe, die sich in Geschlechterzuordnungen äußern, natürlich zu Lasten von Frauen und den Gruppen, die sich zweigeschlechtlich nicht bestimmen wollen – dass diese Herrschaft durchdringend sei und sich auch in der Alltagssprache auspräge – dass eine Änderung der Sprache auch zur Änderung der Herrschaftsstrukturen beitrage.
Offenkundig sind diese Annahmen nicht zwingend – so basiert denn die Verwendung dieser Sprache eher auf Glaubensüberzeugungen als auf nachweisbaren Sachverhalten. Sie drückt eine ganz bestimmte, erkennbare Gesinnung aus.
Nun ist es prinzipiell durchaus erlaubt und völlig legitim, eine Gesinnung zu haben und Sprache entsprechend zu verwenden. Wer aber diese Sprache an Universitäten oder Schulen verbindlich macht, fordert eher einen Gesinnungsnachweis ab als die Fähigkeit zu wissenschaftlichem oder anderem Arbeiten. Und das ist nicht mehr legitim.
Zudem ist es vorauszusehen, dass – wie in diesem bei Genderama verlinkten Beispiel – vor allem die Menschen mit den Regelungen der geschlechtergerechten Sprache Schwierigkeiten haben, die sich überhaupt erst einmal an die Regeln der deutschen Universitätssprache gewöhnen müssen. Die Außenseiter an den Unis.
 
Dass der Unter_strich, anders als der Quer/strich, einen Raum für die Menschen schafft, die sich in der binären Geschlechterordnung nicht wiederfinden – dass dieser Unterstrich durch das Wort w_andern kann, um zu zeigen, dass der Ort nicht durch die binäre Ordnung Mann_Frau festgelegt wird – dass die –a-Form („Lautsprecha“, „Redna“) durch die weibliche Endung männliche Assoziationen der herkömmlichen -er-Endung brechen soll – dass das Binnen-I („StudentInnen“) nur in cis-Kontexte gehört, weil es beispielsweise Transsexuelle ausschließe, und dass „cis“ (diesseits) überhaupt das irgendwie spießige Gegenstück zu „trans“ (überschreitend) ist – dass aber natürlich auch die klassische sprachliche Mann-Frau-Ordnung gebraucht werden müsse, wenn es darum ginge, entsprechende Herrschaftsverhältnisse deutlich zu machen –
 
Das alles, und noch viel mehr, ist vor allem: ein Code, der es in immer feineren Verästelungen erlaubt, Wissende von Unwissenden, Eingeweihte von Uneingeweihten, Dazugehörende von Außenseitern zu unterscheiden. Kurz: Es ist ein typischer Uni-Code, wie er beständig im Rahmen universitärer Macht- und Positionsspiele entworfen wird, immer wieder neu verändert, um immer wieder neue Möglichkeiten zu haben, den Raum der Eingeweihten nicht zu groß werden zu lassen.
Diese geschlechtergerechte Sprache ist also ein klassisches elitäres Ausschluss-Spielchen, das voraussehbar eben den Menschen die meisten Schwierigkeiten machen wird, die ohnehin schon mehr Schwierigkeiten haben als andere: Menschen, die aus nicht-akademischen Kontexten an die Universitäten kommen, oder Menschen aus dem Ausland – die sich jeweils überhaupt erst einmal auf das gebräuchliche Uni-Deutsch einstellen müssen, bevor sie seine Geheim-Codes entschlüsseln können.
Dass diese akademische Selbst-Abschottung auch noch massiv moralisierend daherkommt – dass also ausgerechnet diejenigen, die mit dieser Form der Geheimsprache Schwierigkeiten haben, auch noch als Re-Produzenten inhumaner Herrschaftsstrukturen bloßgestellt werden: Das setzt bloß die Tradition fort, soziale Herrschaft eben dadurch zu stützen, dass ihre Opfer nicht nur sozial, sondern auch moralisch deklassiert werden.
Gleichwohl hatte ich die Forderung Michael Kleins und Heike Diefenbachs, Lann Hornscheid aus dem Amt zu entfernen, nicht unterschrieben. In meinen Augen personalisierte dieser Brief an Hornscheidts Humboldt-Universität ein Problem, das eben nicht nur das Problem einer einzelnen Person ist.
 
Dass Exzentriker wie Hornscheidt Plätze auf Lehrstühlen finden, ist schließlich kein neues Phänomen. Problematisch ist nicht etwa, dass sie selbst extreme Positionen äußert, sondern dass es offenbar keinen Rahmen mehr gibt, in dem ihre Positionen kritisch untersucht würden. Kritik wird, bis in überregionale Zeitungen hinein, als Hasskampagne hingestellt.
 
Eine Abschottung der Abschottung.
Dann aber wiesen Klein und Diefenbach auf eine von Hornscheidt verantwortete Internet-Seite  hin, angesichts derer es tatsächlich unverständlich ist, dass dienstrechtliche Konsequenzen ausbleiben und sich ihr amerikanistischer Fachbereich entschlossen mit ihr solidarisiert. Sie ruft dort zu „Interventionen“ gegen Herrschaftsstrukturen auf: zum Beispiel dazu, Veranstaltungen von Kollegen bewusst zu stören. Oder dazu, „benannte dinge um(zu)benennen“, also mit Aufklebern, Eddings oder „viel farbe“ zu arbeiten und irgendwie störende Wörter oder Bilder zu übermalen.
 
Oder dazu, Bücher unlesbar zu machen, zu zerstören und andere – störende Kommilitonen zum Beispiel – zu terrorisieren:
„salzstreua gezielt aufdrehen, bierdeckel neu beschriften, kaugummis auf stühle von sexistischen mackertypen kleben, buchcover umdrehen, sätze in romanen unlesbar machen, seiten in büchern rausreissen (…)“
Eine Professorin, die dazu aufruft, irgendwie mackerhaften Mitstudenten Kaugummis auf den Stuhl zu kleben oder in die Bibliothek zu gehen und störende Bücher zu vernichten – wer das offen als „krank“ bezeichnet, wird sich vermutlich vorwerfen lassen müssen, dass er „ableistisch“ sei.
 
In der Selbstwahrnehmung Hornscheidts sind diese „Interventionen“ Einsprüche gegen eine umfassende heterosexistische Herrschaft – tatsächlich aber sind sie Ausdruck erheblicher Privilegien: nämlich des Bewusstseins, dass gemeinsame Regeln und Gesetze für die anderen gelten, nicht aber für sie. Dass ihr Verhalten für sie offenbar keine Konsequenzen hat, kann ihr bestätigen, dass sie mit dieser Einschätzung richtig liegt.
 
Unschuld als Privileg und Instrument Die Positionen Hornscheidts haben ihren Ursprung in feministischen Beschreibungen von Sprache, die Verankerungen einer unerbittlichen männlichen Gewalt im scheinbar unverdächtigen Alltag zu belegen vorgaben. Senta Trömel-Plötz beispielsweise hatte 1984 kein Problem damit, allein schon das Sprechen eines Mannes als Akt der Gewalt herauszustellen: „Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen“ war der Untertitel einer von ihr herausgegebenen Essaysammlung im renommierten Fischer-Verlag.
 
Dass massive Gewalt gegen Frauen alltäglich und die zivile Oberfläche der Gesellschaft trügerisch sei – das ist eine Behauptung massiver Lobbyarbeit auch in Deutschland, das war aber auch ein Hauptmotiv eines der größten journalistischen Skandale des letzten Monats. Sabrina Rubin Erdely beschreib für die amerikanische Zeitung Rolling Stone in einem langen Artikel über College-Vergewaltigungen die ungeheure Gewalt, die eine junge, achtzehnjährige Studentin bei einer Verbindungsparty an der University of Virginia erlebt habe.
 
Die junge Jackie sei von ihrem Date in ein stockdunkles Zimmer geführt worden – dort hätten mehrere Verbindunsstudenten auf sie gewartet und seien über sie hergefallen – hätten sie auf einen Glastisch geschmissen, der unter ihrem Gewicht zersplittert sei – und hätten sie auf den Scherben einander abwechselnd mehrere Stunden lang vergewaltigt.
Freunde, denen sie hinterher begegnet sei, hätten ihr geraten, nicht in eine Krankenhaus und nicht zur Polizei zu gehen, um ihre weitere Teilnahme an Verbindungsfeiern nicht zu gefährden.
Die Autorin Elderly unterließ es, die Gegenseite zu befragen und Jackies Aussagen zu überprüfen – angeblich auf Bitten Jackies selbst. Obwohl die Geschichte – das zeigt achdomina in seinem Blog – in vielen Aspekten unglaubwürdig war und die Aussage Jackies nicht überprüft wurde, verbot die Präsidentin der Uni mit sofortiger Wirkung sämtliche Veranstlatungen sämtlicher Studentenverbindungen bis zum Jahresende. Das Haus der fraglichen Verbindung wurde angegriffen und beschmiert, Demonstranten forderten offen, Verbindungshäuser abzubrennen (hier, mittleres Bild).
Kritiker, die auf die Unglaubwürdigkeit der Geschichte hingewiesen hatten, waren als rape apologists, als Verteidiger von Vergewaltigungen beschimpft worden – niemand nahm diese Beschimpfungen zurück, als sich herausstellte, dass die Geschichte nicht stimmen konnte. Mittlerweile hat sich auch Rolling Stone selbst von ihr distanziert – und hat die Schuld dabei auf Jackie geschoben, wohl, um nicht über das durchaus mutwillige Versagen der eigenen Journalistin oder der eigenen Redaktion sprechen zu müssen.
Achdomina zitiert in einem der oben verlinkten Texte den Journalisten Richard Bradley, der als erster auf die Unstimmigkeiten der Geschichte aufmerksam gemacht hatte und dabei aus eigener Erfahrung sprach: Er sei selbst einmal auf eine gefälschte Geschichte hereingefallen, deren Widersprüche er übersehen habe, weil sie „seine eigenen Vorannahmen bestätig“ hatte.
 
Welche Vorannahmen denn eigentlich einen so irrwitzigen Fall wie den von Jackie und Elderly geschilderten als wahrscheinlich erscheinen lassen können, lässt sich an einem literarischen Beispiel zeigen.
Der Welterfolg von Stieg Larssons Millenium-Trilogie präsentiert unsere Gegenwart als eine radikal korrupte, unfassbar grausame Welt, in der hinter einer dünnen Fassade der Zivilisation furchtbare Brutalität wütet und Herrschende auf Kosten Machtloser beliebig Perversitäten ausleben können. Gleich im ersten Roman, Verblendung (schwedisch: Män som hatar kvinnor, wörtlich: „Männer, die Frauen hassen“)  erweist sich eine alte, reiche, wohlangesehene schwedische Industriellenfamilie als Hort inzestuöser, frauenmordender Nazis. Wie könnte es auch anders sein.
Der Journalist Mikael Blomqvist, der die Verbrechen aufdeckt, wird ausdrücklich als Anspielung auf Astrid Lindgrens Kinderdetektiv Kalle Blomquist vorgestellt. Ein gutes, nicht korruptes männliches Wesen kann hier nur ein Mann sein, der niemals erwachsen wurde.
Auch die Heldin an seiner Seite, Lisbeth Salander, trägt kindliche Züge, aber die eines schwer traumatisierten Kindes. Sie ist als psychisch krank diagnostiziert, aber auch hochintelligent, eine extrem begabte Hackerin, und – sie ist radikal wehrhaft.
Imaginiert wird hier eine Gesellschaft, die so korrupt, grausam und inhuman ist, dass alles, was an ihr zivil erscheint, die Herrschaft des Bösen nur noch schlimmer macht – weil es die realen Herrschaftsverhältnisse verschleiert. So wie dann eben auch hinter der schönen Fassade eines Verbindungshauses auf einem altehrwürdigen Campus selbstverständlich in dunklen Räumen schreckliche Verbrechen verübt werden.
Positive Impulse können nur von außerhalb dieser Gesellschaft kommen, als Interventionen – und unschuldig wie ein Kind kann nur sein, wer außerhalb dieser Gesellschaft lebt.
Das bedeutet, dass die radikale Ablehnung, das extreme Ressentiment gegen die soziale Ordnung schließlich eine durchaus komfortable Position freischaufelt. Wer diese Ordnung gewohnheitsmäßig entlarvt, wird dafür mit einer Position unerschütterlicher Unschuld belohnt, die er nicht mehr überprüfen muss. Das gilt auch für banale, selbstverständliche Zweifel: Selbst wer anderen öffentlich ungeheure Verbrechen unterstellt, muss nicht einmal die Tragfähigkeit dieser Unterstellungen überprüfen – und wer andere zu Straftaten aufruft, kann sich sicher sein, dies bloß für einen guten Zweck zu tun.
 
Es wäre interessant, einmal zu erfahren, warum diese simple Gegenüberstellung immer wieder, so wie gerade von der Schriftstellerin Karen Duve bei ihrer Verteidigung der Frauenquote, ausgerechnet auch als Gegenüberstellung der Geschlechter verstanden wird.
So wie Unterprivilegierten traditionell Schuld und Verdorbenheit zugewiesen wurden, war die Möglichkeit, selbst in dieser Form zuweisen zu können, traditionell ein Privileg. Es ist erstaunlich, mit welcher Verbissenheit und Aufregung das auch heute praktiziert und wie selbstverständlich dabei die Anmaßung der Unschuld als Herrschaftsinstrument verwendet wird.
 

„Nicht mehr mundtot“ – Ein Interview mit dem Autor Gunnar Kunz

Vor wenigen Tagen hat Gunnar Kunz das Buch „Verwundbar sind wir und ungestüm. Erzählungen aus der unsichtbaren Welt der Männer“ veröffentlicht. Eine der Erzählungen darin, Unberührbar, oder: Nur ein kleiner Schnitt, war hier auch schon einmal  Thema – eine Erzählung über die Beschneidung eines Jungen.

Arne Hoffmann schrieb zu dem nun erschienenen Band:

„Einer der Gründe, warum einen die von Kunz erzählten Geschichten beim Lesen so stark bewegen, ist das Wissen darum, dass das darin berichtete Leiden, weil es Männer trifft, in unserer Gesellschaft kaum gesehen wird und kaum etwas gilt.”
Daher also eine „unsichtbare Welt“. Ich hatte die Gelegenheit, mich mit Gunnar Kunz über sein Buch zu unterhalten.
 
Schoppe: „Dieses Werk reiht sich ein unter den Klassikern der Männerbewegung wie Mythos Männermacht oder Sind Frauen bessere Menschen? Plädoyer für einen selbstbewussten Mann und sollte in keiner Sammlung zum Thema Männer und Frauen fehlen.“ Das hat ein Rezensent bei Amazon  über dein Buch geschrieben.

Das können wir auch einfach mal so stehenlassen. Ich würde nur gern wissen: Was hat dein Buch mit den genannten Texten gemein – und was ist anders?

Gunnar Kunz: Vergleichbar ist mein Buch insofern, als ich mich kritisch mit dem herrschenden Feminismus auseinandersetze und dabei z. B. auf die in den genannten Werken zu findenden Fakten beziehe. Anders als dort ist mein Buch jedoch kein Sachbuch, sondern ich behandele die Themen in Form von Geschichten, um die Gefühle und Beweggründe der Protagonisten nachvollziehbar zu machen.

Schoppe: Was ist denn in deinen Augen der Vorteil, wenn es nicht um – politisch zu diskutierende – Fakten geht, sondern um Gefühle und Beweggründe?

Gunnar Kunz: Das Problem bei Sachinformationen ist, dass jeder sie leicht verdrängen kann. Wenn man in den Nachrichten hört, dass irgendwo tausend Menschen gestorben sind, ist das nur eine Zahl. Wenn man jedoch das Schicksal eines Einzelnen miterlebt, seine Gefühle, Gedanken und Reaktionen nachvollziehen und sich daher mit ihm identifizieren kann, bekommt man ein tieferes Verständnis für ihn.

Beispielsweise denken viele Menschen ja verächtlich über Männer, die unter häuslicher Gewalt leiden. Wenn man jedoch emotional nachvollziehbar macht, warum ein Mann in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Weise reagiert, dann greifen die Klischees und Vorurteile nicht mehr, und man versteht, dass so etwas jedem Mann zustoßen könnte.

 
Schoppe: Ich würde darauf gern gleich zurückkommen. Aber vielleicht ist es gut, zunächst einmal die Grundstruktur des Buchs vorzustellen.

Im Mittelpunkt der insgesamt 24 Texte stehen nach meinem Eindruck die fünf Erzählungen: über einen Vater, der den Kontakt zu seinen Kindern verliert – über einen Jungen, der beschnitten wird – über Männer, die fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt werden – über einen Mann, der häusliche Gewalt erlebt – und über einen Jungen, der von der Mutter sexuell missbraucht wird. Was ist für dich der Rote Faden dabei?


 

Gunnar Kunz: Die Sicht des Betroffenen. Die Sicht des Mannes als Opfer, wenn du so willst. Eine Sichtweise, die so gut wie immer ausgeblendet wird. Diese fünf Texte stellen für mich das Rückgrat des Buches dar.

Dazu kommen Texte, die den herrschenden Diskurs karikieren und parodieren, weil ich nicht im Opferlamento stehenbleiben wollte.

Und als dritte Ebene gibt es Geschichten, die ein positives Bild von Männlichkeit zeichnen, etwas, was in den letzten 40 Jahren in der Medienwelt ebenfalls kaum noch vorgekommen ist.

Schoppe: Wer aber ist der Adressat? Es geht in jeder Erzählung um Männer – oder Jungen – als Opfer, und es geht ebenfalls in jedem Fall darum, dass die Gewalt, die diese Protagonisten erleben, eigentlich niemanden interessiert. Beim Lesen habe ich mir überlegt: Ist das nicht widersprüchlich? Wenn es denn niemanden interessiert an wen richten sich dann diese Texte?

Gunnar Kunz: Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Geschichten auch von Menschen gelesen werden, die ein negatives Bild von Männern haben, und dieses daraufhin korrigieren. Aber seien wir realistisch: Das ist eher unwahrscheinlich. Mein Buch richtet sich vor allem an drei Gruppen:

Erstens hoffe ich, dass es Männern – Betroffene oder einfach nur solche, die unter dem ständigen Männerbashing leiden – Mut macht. Dass sie sich angenommen und verstanden fühlen und spüren: Da ist jemand, der mich sieht.

Zweitens wäre es schön, wenn auch empathische Frauen das Buch läsen und hier vielleicht Einsichten gewinnen, die sie bislang vergeblich gesucht haben, etwa: Warum Männer so oft sprachlos sind, warum Konflikte ihnen Unbehagen bereiten, etc.

Drittens, und vielleicht besonders wichtig: Ich wünsche mir, all diejenigen zu erreichen, die indifferent sind, die mit dem Feminismus nichts am Hut haben, aber sich vielleicht bisher keine großen Gedanken über diese Themen gemacht haben. Und vielleicht erkennen diese Menschen dann, dass der herrschende Feminismus nicht einfach nur ein Ärgernis ist, sondern Menschen und Beziehungen zerstört und zudem eine reale Gefahr für die Demokratie darstellt.

Schoppe: Der letzte Satz klingt vermutlich für viele, die sich nicht schon lange mit dem Thema beschäftigt haben, übermäßig dramatisierend. Beschreib bitte einmal, worin diese Gefahr für die Demokratie in deinen Augen besteht.

Gunnar Kunz: Das fängt an mit der Unterdrückung von Andersdenkenden – etwa durch Störungen von Tagungen mithilfe von Trillerpfeifen, Drohungen oder die Versuche im Netz, Menschen, die sich für Männer einsetzen, automatisch als rechts oder frauenfeindlich einzustufen. Ich habe selbst erlebt, wie ein Journalist aus einem harmlosen Interview ein völlig verdrehtes Bild von mir und anderen gezeichnet hat, um uns dadurch als Spinner hinzustellen und sich nicht mit unserer Kritik auseinandersetzen zu müssen.

Es geht weiter mit der Manipulation von Fakten – den diversen Bundesregierungen ist seit langem bekannt, dass häusliche Gewalt keineswegs in erster Linie von Männern ausgeht, und doch wiederholen sie diesen Unsinn immer wieder und versuchen, unliebsame Erkenntnisse unter den Teppich zu kehren. Oder etwa die Gewaltstudie neulich, die von der EU kam, wenn ich mich recht erinnere: Um die Betroffenenzahlen künstlich in die Höhe zu schrauben („Jede 3. Frau …“), wurden schreckliche Dinge mit harmlosen vermischt (Eine Frau, die seit ihrem 15. Lebensjahr irgendwann einmal geschubst wurde, gilt darin als Gewaltopfer).

Und schließlich ist es mittlerweile so, dass z.B. beim Vorwurf der Vergewaltigung häufig die Unschuldsvermutung außer Kraft gesetzt und kritiklos der anklagenden Frau geglaubt wird.  Inzwischen gibt es sogar absurde Forderungen wie die, „Antifeminismus“ – also die Kritik an bestehenden Zuständen – unter Strafe zu stellen.

Schoppe: Wenn die Entwicklungen so gravierend sind, wie du sie beschreibst, wäre eigentlich zu erwarten, dass es massiveren Protest dagegen gibt. Tatsächlich gibt es Protest – aber der verbleibt weitgehend in „der unsichtbaren Welt der Männer“. Wie lässt sich das in deinen Augen erklären?

Gunnar Kunz: Zum einen mit Angst. Wer es wagt, gegen die herrschende Doktrin aufzubegehren, muss mit Nachteilen rechnen, das war immer schon so. Heutzutage ist die herrschende Doktrin eben, dass Männer Teufel sind und Frauen Engel.

Zweitens feiert im Gewand des Feminismus ein uraltes Geschlechterbild wieder fröhlich Urständ, und das ist offenbar für viele Menschen immer noch attraktiv. Für Frauen, die Privilegien erhalten und sich immer im Recht und unschuldig fühlen dürfen, egal was sie tun, sowieso.

Warum Männer so etwas unterstützen, habe ich lange nicht verstanden, bis mir klar wurde, dass sie sich auf diese Weise – ungeachtet der Realitäten – als die edlen Ritter fühlen können, die das schwache Weibchen beschützen. Und die hoffen, auf diese Weise ihre männliche Konkurrenz auszustechen, nach dem Motto: Männer sind scheiße, aber ich habe es gemerkt, also bin ich der bessere Mann.

Schoppe: Eine feministische Dividende sozusagen… Vielleicht lässt es sich so kurz zusammenfassen: Als schützenswert gelten nun einmal Frauen, nicht Männer. Das Desinteresse an den Jungen z.B., die durch die Terrorgruppe Boko Haram abgeschlachtet wurden, und das enorme Interesse an den durch Boko Haram entführten Mädchen zeigten, dass das so sogar für Kinder gilt.

Du hast dich in deinem Buch auf das Desinteresse an männlichem Leid schon eingestellt und eben gesagt, dass du nicht in ein „Opferlamento“ verfallen wolltest. Beschreib bitte mal genauer, wodurch du das in deinem Buch ausbalanciert hast.

Gunnar Kunz: Zum einen, wie gesagt, durch parodistische Elemente. Es gibt z.B. eine Geschichte mit dem Titel „Verschwörungstheorien, die wir gern lesen würden“, dort habe ich dasselbe getan, was die Feministinnen tun, nur mit umgekehrtem Vorzeichen, nämlich durchaus zutreffende Einzelbeobachtungen zu verallgemeinern und daraus eine Verschwörungstheorie zu stricken. Eine andere Geschichte, „Besonders Prinzessinnen“, beschreibt den Prototyp der feministischen Kriegsgewinnlerin aus ihrer Sicht, mit entsprechend selbstentlarvenden Gedanken.

Zum anderen gibt es Geschichten, in denen ich versuche, die Vielfalt, den Reichtum und die Magie von Männern zu fassen, ihr Seelenleben. Beispiel ist meine Geschichte „Herzenskrieger“ mit vielen Kürzestgeschichten von Männern, die das Beste aus ihrem Leben zu machen versuchen und die Welt bereichern. Oder andere Geschichten, in denen ich mit mythischen Bildern die Kraft und das Positive am Mannsein aufzeige.

Schoppe: Du arbeitest also mit verschiedenen Textsorten, Parodie, Essay, Gedicht und anderen – und verschiedenen Klangfarben: Von schockierenden Erzählungen wie „Komm her, sagt Mama“, über die sexuelle Gewalt einer Mutter gegen einen kleinen Jungen, zu stilleren Texten UND erheblichen Provokationen – wie etwa einer „Männer sind Schweine“-Parodie, mit der du als ausgemachter Frauenfeind dastehen wirst, wenn sie nicht als Parodie erkannt wird. 🙂

Trotzdem bleibt der Eindruck: Das Schwergewicht liegt auf den Texten, die männliche Opfererfahrungen UND deren Unsichtbarkeit darstellen. Dabei kam mir der Gedanke: Kann es sein, dass das literarische Schreiben über männliche Stärke, über männliche Glückserfahrungen noch schwerer ist als das über männliche Opfererfahrungen?

Gunnar Kunz: Glaube ich eigentlich nicht. Es stimmt, das Schwergewicht liegt auf den Opfererfahrungen, weil dies, meiner Meinung nach, die Erfahrungen sind, die am stärksten tabuisiert sind. Menschen, die so etwas erleiden mussten, werden mundtot gemacht, und ich finde, wenn man eine Stimme hat wie ich – eine leise nur, denn ich bin kein Bestsellerautor, aber immerhin eine Stimme –, dann sollte man sie nutzen, um für die zu sprechen, die das nicht können. Es fällt mir nicht immer leicht, solche Geschichten zu schreiben, weil mich die Recherche dazu jedes Mal stark mitnimmt. Aber ich finde es wichtig.

Auf der anderen Seite schreibe ich, wie ich finde, sehr wohl und eindringlich über männliche Stärke. Es nimmt in diesem Buch weniger Raum ein als andere Geschichten, aber mich würde ein Text wie „Die Trommel ruft“ oder „Der Feuervogel kehrt zurück“ als Leser berühren.

Schoppe: Oder auch der Text „Herzenskrieger“, den du schon erwähnt hast. Es gibt zugleich auch Erzählungen von Männern, die sehr stark sind, die aber ihre Stärke regelrecht herunterspielen:

Arno, der Vater in „Barfuß über Scherben“, der sich auch angesichts massiver Provokationen seiner Ex-Partnerin zur Ruhe zwingt und doch hilflos erlebt, wie sie ihm seine Kinder immer mehr entfremdet und er sie schließlich gar nicht mehr sehen kann.

Oder Bjarne in „Schlagartig“, der fast ein Zweimetermann ist und von seiner viel kleineren Partnerin massive Gewalt erlebt. „Jedes Wort zu überdenken, bevor er es aussprach, sich so vorsichtig zu bewegen, als könne ein falscher Schritt ein Erdbeben auslösen“ – das erkennt er als Fehler, aber er macht es trotzdem.

Das Herunterspielen ihrer Stärken durch Männer ist nach meinem Eindruck also ein wichtiges Thema in deinen Texten. Wie erklärst du dir dieses männliche Verhalten?

Gunnar Kunz: Bevor ich darauf antworte – du sprichst da etwas sehr Wichtiges an: Auch unter den Opfern gibt es starke Menschen. Mir ist in meinen Geschichten immer wichtig, Klischees und Schwarz/Weiß-Denken zu vermeiden, deshalb finden sich auf beiden Seiten manchmal durchaus ambivalente Figuren.

Ich finde z.B., dass Arno ausgesprochen produktiv mit seiner schweren Situation umgeht, natürlich leidet er unter ihr, macht auch Fehler, aber letzten Endes lässt er sich nicht zum Opfer machen, auch wenn er de facto eins ist. Das finde ich unglaublich stark.

Zum Thema „Stärke herunterspielen“: Ich sehe das nicht so. Diese Männer reagieren einfach nach bestem Wissen und Gewissen auf das, was ihnen widerfährt. Arno bleibt nichts anderes übrig, als sich zur Ruhe zu zwingen, wenn er nicht seine Kinder für immer verlieren will.

Und was Bjarne angeht – glücklicherweise habe ich selbst keine häusliche Gewalt erfahren, aber den Auslöser, den ich da beschreibe, und den Umgang Bjarnes damit, den kenne ich gut. Es ist der Versuch, einfach immer sein Bestes zu geben, und wenn es nicht funktioniert, etwas anderes zu probieren. So lange noch Hoffnung ist.

Schoppe: Für mich ist es schwer zu akzeptieren, dass das „sein Bestes“ sein kann. Ein Beispiel: Du zitierst am Ende der Erzählung „Schlagartig“ aus einem Lesebrief eines Mannes an eine Zeitung von ver.di. Der Mann reagiert auf einen Artikel, der allein über Erfahrungen häuslicher Gewalt von Frauen durch Männer berichtet – und er wünscht sich, dass Männer endlich den Mut finden, „Gewalt gegen sich anzuprangern“.

Die Antwort: „Wir schallern ihnen gleich eine…Die weiblichen Mitglieder der Red.“

Das heißt: Das öffentliche Aussprechen männlicher Gewalterfahrungen wird schon antizipiert und, gewissermaßen vorsorglich, lächerlich gemacht. Wie in dem irren „I bathe in male tears“-Spruch. Welche Möglichkeiten haben Männer angesichts dieser Situation eigentlich, auf Gewalt angemessen zu reagieren – das heißt so, dass sie Gewalt nicht mehr erleben müssen?

Gunnar Kunz: Wie meinst du das jetzt? „Stärke herunterspielen“ verweist doch auf den persönlichen Umgang, auf Charakter und Empfinden. Das ver.di-Zitat und deine Frage nach den Möglichkeiten hingegen auf die gesellschaftliche Situation. Das sind erst mal zwei verschiedene Dinge.

Wenn ich sage „sein Bestes geben“, meine ich: Als Mensch. Dass die Umwelt (Polizei, Gesetzgeber, Justiz, Medien) Männern gegenüber feindlich eingestellt ist und einem Mann in Bjarnes Situation kaum eine Möglichkeit lässt, sich zur Wehr zu setzen oder sich einer solchen Gewalterfahrung zu entziehen, hat weder etwas damit zu tun, ob er sein Bestes gibt oder nicht, noch dass er damit eine Stärke herunterspielen würde.

Welche Stärke also? Meinst du damit Macht? In gesellschaftlichem Kontext hat er keine.

Schoppe: Ich meine damit, dass das eine mit dem anderen zu tun hat. Wenn ein Mann, der massive Gewalt erlebt, im gesellschaftlichen Kontext keine Macht (nämlich zur Beendigung der Gewalt) hat, dann stimmt offenkundig etwas nicht – schließlich garantieren ihm sowohl Menschenrechte als auch Grundrechte seinen Anspruch auf Unversehrtheit. Das heißt, es sollte prinzipiell möglich sein, etwas an der Situation zu ändern.

Männer sind aber allgemein sehr vorsichtig und still, wenn es darum geht, öffentlich etwas für Männer zu fordern und zu tun. Wenn der Väteraufbruch zu einer deutschlandweiten Demo in Berlin aufruft, dann kommen wenige hundert Gestalten. Eine Männerdemonstration für Frauenrechte würde im Zweifelsfall mehr Leute auf die Straße bringen.

Es hilft aber ja nichts, einfach nur die eigene Machtlosigkeit zu beklagen – anstatt etwas dafür zu tun, mehr Macht zu haben. Darauf zielte meine Frage ab: Was können Männer selbst tun – anstatt sich schlicht als Opfer eines feindseligen Systems wahrzunehmen? Für Ideen wäre ich sehr dankbar.

Gunnar Kunz: Ah, verstehe. Da stimme ich dir natürlich zu. Tatsächlich bin ich früher selbst mehrmals aus Solidarität mit den Leuten vom Väteraufbruch auf die Demo gegangen und war fassungslos, dass es so wenige Menschen waren.

Auf deine Frage habe ich natürlich auch kein Patentrezept als Antwort. Wie schafft man eine andere Politik und andere Medien? Es kann ziemlich frustrieren, etwas zu ändern zu versuchen und dann nichts oder wenig zu erreichen.

Ich bin in solchen Dingen immer Pragmatiker und bleibe bei mir, an der Basis: den Mund aufmachen, auch wenn’s wehtut. Protestieren. Nicht unbedingt bei jeder Kleinigkeit, das macht einen wieder freudlos und erschöpft die eigenen Kräfte, ich muss also nicht bei jedem männerfeindlichen Cartoon auf die Barrikaden gehen.

Aber da, wo es wichtig ist. Freunden widersprechen, wenn sie Plattitüden der Feministinnen nachplappern. Leserbriefe schreiben, damit die Leute merken, sie können nicht mehr unwidersprochen alles behaupten. Klar kann man jetzt sagen: Das nützt sowieso nichts. Aber es geht auch darum, solchen Volksverhetzern Grenzen zu setzen. Manchmal sind männerfeindliche Bemerkungen ja auch ein Versuchsballon, um zu sehen, wie weit sie gehen können.

In meinem Fall: Bücher schreiben. Öffentlichkeit herstellen. Durch mein Buch habe ich mittlerweile auch Kontakt zu Betroffenen und bewundere ihren Mut, wenn sie mit ihrer eigenen Geschichte an die Öffentlichkeit gehen. Ich glaube, das ist letztlich der Weg, so dornenreich er auch sein wird: sich nicht länger mundtot machen zu lassen. Der Öffentlichkeit zu sagen: Lacht, lästert, aber dies ist meine Geschichte, und sie ist wahr, daran kann kein Spott und kein Hass etwas ändern.

Ich setze meine Hoffnung auf die „schweigende Mehrheit“, die noch zu Empathie fähig ist. Wenn es nicht mehr bloß exotische Einzelgänger sind, die ihre Erlebnisse schildern, kommt man irgendwann an der Wahrheit nicht mehr vorbei. Wie lange es bis dahin dauert – das ist freilich eine andere Frage.

Die Links habe ich nach dem Interview eingefügt, sie sollen es erleichtern, die Hintergründe der angesprochenen Themen zu klären. L.S.

Ein Massenmord und seine Verwerter

Er „wusste in einem Spielzimmer nichts mit Spielsachen anzufangen, im Spiel mit anderen Kindern fehlte ihm Vorstellungskraft und Empathie und er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken. (S. 29) Seine Mutter pflegte eine doppelte Kommunikation mit ihrem Sohn, stieß ihn von sich weg und zog ihn hinterher wieder eng an sich heran. Dies ging soweit, dass sie ihrem Sohn sagte, sie wünschte, er wäre tot und einem Mitarbeiter der Sozialbehörde ebenfalls sagte, dass sie ihren kleinen Sohn loswerden wolle, was auch immer sie damit meinte.“
Vor einigen Tagen hat mich ein Leser auf einen Text im Blog Kriegsursachen aufmerksam gemacht, in dem über das Buch berichtet wird, das der Vater des Massenmörders Anders Breivik geschrieben hat. Das gleiche Blog stellt auch das Buch „A Norwegian Tragedy“ von Arge Borchgrevink über die Kindheit des Massenmörders vor. Das Eingangszitat stammt aus eben dieser Rezension.
Auf der norwegischen Insel Utøya überfiel Anders Breivik  am 22. Juli 2011 ein Sommercamp der norwegischen Jungsozialisten und ermordete 69 Menschen. Die Opfer waren zwischen 14 und 51 Jahre alt, 32 von ihnen unter 18 Jahre. Zuvor hatte Breivik im norwegischen Regierungsviertel eine Bombe gezündet und dabei acht Menschen getötet. Foto: Paal Sørensen 2011
Das Verhältnis Breiviks zur Mutter, so Borchgrevink, sei früh massiv gestört gewesen. Schon während der Schwangerschaft habe sie den Jungen als schwieriges Kind erlebt, „das rastlos war und sie trat“. 
 
Breiviks Kindheit ist, für eine Weile, deswegen außergewöhnlich gut dokumentiert, weil die Mutter mit dem vierjährigen Sohn  erheblich überfordert war, staatliche Stellen um Hilfe bat, das staatliche Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie (SSBU) sich einschaltete und die Familie über einige Wochen hinweg untersuchte.
Borchgrevink beschreibt in seinem Buch, wie die Mutter auf die Untersucher desorientiert gewirkt hätte („When they arrived, Wenche apperared disoriented, demanding and suspicious. She could not find the way up from Gaustad, even though there was really only one road to take.“ Position 848). Die dringende Empfehlung des SSBU, den Jungen nicht weiter bei seiner Mutter zu belassen, wird durch beunruhigende Passagen aus dem Untersuchungsbericht erklärlich, die der Autor zitiert.
„Ein wesentlicher Anteil an den wachsenden Schwierigkeiten der Mutter in den der letzten Jahren hängt mit ihrer extrem ungewöhnlichen Beziehung zu Anders zusammen. Sie projiziert ihre primitiven und sexualisierten aggressiven Fantasien auf ihn, alles, was sie als gefährlich und aggressiv in Männern wahrnimmt. Ihre tägliche Interaktion mit ihm ist durch einen großen Teil widersprüchlicher Kommunikation charakterisiert; auf der einen Seite ist sie symbiotisch, während sie ihn zugleich mit ihrer Körpersprache zurückweist, und sie kann plötzlich wechseln zwischen einer übertrieben süßlichen Weise, mit ihm zu sprechen, und offen ausgedrückten Todeswünschen.“ (Zitat 1, siehe unten)
Neben der extremen Aggressivität und der unlösbaren Widersprüchlichkeit des mütterlichen Verhaltens habe so auch der Verdacht sexuellen Missbrauchs im Raum gestanden („abuse of a sexual nature“).
Der in Paris lebende Vater, alarmiert durch den Bericht, zog vor Gericht, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu erhalten. Er scheiterte an einem konservativen Richter, in dessen Augen ein Kind zu seiner Mutter gehöre. („The judge was an elderly man, a representative of the post-war-generation, and possibly also of 1950 values and principles.”)
Das Buch Borchgrevinks wurde in Norwegen mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet und ist in Deutschland kaum bekannt. Auch Väterorganisationen haben nicht versucht, aus der brutalen Geschichte Kapital zu schlagen – ganz offensichtlich sind, zum Glück, die Skrupel zu groß, aus der Ermordung von fast achtzig Menschen Kapital zu schlagen.
Unter anderem deshalb, weil bekanntlich nicht alle Beteiligten solche Skrupel hatten, lohnt sich ein Blick zurück auf den Fall.

Die Wucht der Gewalt und die Hilflosigkeit des Erklärens Eine persönliche Geschichte:  Ich habe einmal einen Menschen gekannt, der bei einem der „Amokläufe“ an deutschen Schulen erschossen wurde. Es war nicht einmal eine nahe Freundschaft, eher eine Bekanntschaft aus dem Zusammenhang des Studiums, wo wir wenige Male mit anderen zusammen gesessen hatten.
 
Als ich von dem Tod dieses Menschen erfuhr, war meine Reaktion trotzdem überraschend massiv. Fast zwanghaft versuchte ich, durch Berichte über die Morde herauszubekommen, was genau passiert war – das, was ich erfuhr, hatte ich dann beständig im Kopf, es spielte sich wieder und wieder ab – es war schwer, davon überhaupt abzuschalten. Das ging so über Wochen.
In meinen Augen war die zwanghafte Beschäftigung mit der Situation ein Versuch, eine Situation nachzuvollziehen, die tatsächlich eine erhebliche Überforderung und rational überhaupt nicht einzuholen ist. Ich hatte mir zuvor nicht vorstellen können, dass die Wucht mörderischer Gewalt so groß ist. „Es übersteigt unser Fassungsvermögen“ – das ist eine Phrase, aber es stimmt eben auch.
Seit ich Vater bin, und seitdem viele meiner Freundinnen und Freunde ebenfalls Eltern geworden sind, nehme ich solche Situationen noch aufmerksamer wahr. Für die Eltern Ermordeter muss die Wucht der Gewalt natürlich noch unvergleichlich viel größer sein als für einen entfernten Bekannten. Es hat auch überhaupt keinen Sinn, sich mit dem zu trösten, was in anderen Situationen Trost sein kann – dass es irgendwann wieder besser werde, zum Beispiel. Es wird ja nie wieder besser.
Dass ein Mensch solches Leid dann auch noch massenweise verursacht, als würde er eine Fließbandarbeit verrichten – das ist etwas, das ich faktisch wahrnehmen kann, bei dem ich aber gleichwohl innerlich nicht mehr mitkomme. Es ist zu viel.
Deshalb sind mir auch Erklärungen suspekt, die auflösen, wie es zu solchen Taten kommen konnte. Ich habe dabei das Gefühl: Wer die Taten erklärt, durch Kindheitserlebnisse, durch politische Zusammenhänge, durch psychologische Mechanismen – der verliert unmerklich die ungeheure und destruktive Wucht der Gewalt aus den Augen, die diese Taten tatsächlich ausmacht. Er erklärt etwas, aber nicht die Gewalt. 
 
Die Taten sind nicht eine Seite einer Gleichung, für die eine stimmige Gegenseite gefunden werden könnte. Es lassen sich vielleicht notwendige Bedingungen beschreiben, ohne die diese Morde nicht möglich gewesen wären – erklärt werden sie dadurch nicht.
Dass der Junge Breivik unbedingt von seiner Mutter hätte fortkommen müssen, ist angesichts der SSBU-Ergebnisse offensichtlich. Er hätte aber eben nicht deshalb besser geschützt werden müssen, weil eine Gefahr absehbar war, dass er irgendwann später zu einem kranken Massenmörder wird – sondern weil ein Kind Schutz verdient. Wie aber aus seinem kindlichen Leid ein ungeheurer Schwerverbrechen wächst – wo gleichsam der Transmissionsriemen ist, der das eine mit dem anderen verbindet – darüber sagen Schilderungen des Kindheitserlebens eigentlich nichts aus.
Zumindest einige Strukturen, die das politische Verbrechen begünstigen, müssen sicherlich auch auf der politischen Ebene verfügbar sein. Dazu gehört in meinen Augen eine politische Gemengelage, die von schroffen Freund-Feind-Bildern geprägt wird. Die Legitimation für Mord erfordert es einerseits, dass der Gegner entmenschlicht, zum Feind wird, dem gegenüber Fairness verfehlt wäre – und andererseits, dass die Situation als hochdramatisch erscheint, so dass ein absolut entschlossenes Handeln für notwendig erklärt werden kann, das über die gewöhnlichen Grenzen von Zivilität und Humanität weit hinausgeht.
Dass der Beschreibung des Feindes als Ursache schrecklichen Übels in simple Schwarz-Weiß-Muster eingebaut ist, erleichtert natürlich zugleich die eigene Reinigung – wer gegen solche Unmenschen kämpft, kann doch schließlich selbst nur ein edler Mensch sein. Was immer an diesem edlen Menschen dann eben doch nicht ganz edel ist, lässt sich dabei bequem in den erschreckenden Feinden wiederfinden.
Das sind natürlich bekannte Zusammenhänge, die aber immerhin im Einzelfall überprüfbar sind. In extremen Schwarz-Weiß-Mustern agiert der Massenmörder Breivik nämlich offenkundig. Sein „Manifest“ macht zwei Hauptgegner aus, durch die die europäische Zivilisation bedroht sei: von außen durch hereinströmende Moslems, von innen durch „Kulturmarxisten“, die nach dem Ausbleiben der Weltrevolution westliche Gesellschaften dann lieber durch eine schleichende Erosion zerstört hätten – insbesondere durch die Zerstörung der Familie.
Sich selbst idealisiert der Massenmörder – als Ritter, als Krieger, als Soldaten der westlichen Zivilisation. Er imaginiert sich als Teil einer größeren Welle der Gegenwehr, übernimmt Ideen, Konzepte und Texte anderer unverändert in sein Manuskript – beispielsweise das Konzept des „cultural marxism“ aus der amerikanischen Rechten. Gleichzeitig ist er offenbar isoliert – seine Uniformen sind eben nicht uniform, Ausweis der Zugehörigkeit zu einer disziplinierten Masse, sondern bleiben skurrile Einzelstücke, die albern wären, hätte ihr Träger nicht so viele Verbrechen begangen.
Und: Er verhärtet sich, bereitet sich auf Verbrechen und ein Leben im Untergrund vor. Für ihn ist eben nichts an der Gesellschaft, in der er lebt, vertrauenswürdig und unkorrumpiert. Seine Feinde wirken in seinen Augen überall.
 
Frauenhasser und Männerhasser Die Vorstellung, dass Antifeminismus und Frauenhass im Mittelpunkt seines Denkens stünde, lässt sich allerdings nicht halten. Breivik beklagt sehr wohl eine „Feminisierung des europäischen Denkens“ („feminisation of European culture“, Manifest, S. 28) – beispielsweise im Militär, wo die Standards für Frauen gesenkt und männliche Krieger („warriors“) in Scharen fortgehen würden. Oder im Arbeitsleben, wo Anklagen wegen sexueller Belästigung genutzt würden, um Männer unter Kontrolle zu halten („to keep men in line“).
 
Die Feministinnen früherer Zeiten seien allerdings weniger totalitär gewesen als die heutigen. (29) Vor allem aber sieht er Feministinnen nicht als seine eigentlichen Gegner an.
„Wenn diese Trend der ‚Feminisierung‘ nur von Radikalfeministinnen vorangetrieben würde, die versuchten, eine von ihnen so wahrgenommene männliche-dominierte Hierarchie herabzuziehen – dann gäbe es mehr Hoffnung, dass die Kreisläufe der Geschichte Europa wieder zu einem stabileren Arrangement zwischen Männern und Frauen führen würden. Aber der Antrieb ist tiefer, und er wird sich durch kein Arrangement befriedigen lassen. Die Radikalfeministinnen haben sich der breiteren und tieferen Bewegung des Kulturmarxismus angeschlossen.“ (Zitat 2, siehe unten)
Breivik druckt Texte des Bloggers „Fjordman“ ab, in dessen Augen Feministinnen eine zentrale Verantwortung dafür tragen, dass der muslimischen Immigration keine Grenzen gesetzt würden. (335) Der Feminismus hat also in seinen Augen vor allem eine wesentliche Funktion für die eigentlichen Feinde Breiviks, für die Kulturmarxisten und die muslimischen Immigranten. Dass diese Feinde selbst klischeehaft bleiben, ist dabei selbstverständlich – sie zeichnen sich wesentlich dadurch aus, dass sie die westliche Kultur mit tiefer Irrationalität hassen würden und zerstören wollten.
Durchaus genüsslich malt Fjordman aus, was denn geschehen würde, wenn liberale Feministinnen einer aggressiven Gang von Moslems gegenüberstünden. „Würden sie ihre BHs verbrennen und ihre Taschenbuchausgaben der ‚Vagina Monologe‘ nach ihnen werfen?“ (Zitat 3, siehe unten) Während diese Moslems die eigentlichen Feinde sind, gesteht Fjordman der Frauenbewegung allerdings zu, dass sie zu „wesentlichen Veränderungen“ beigetragen habe und dass keinesfalls „alle ihre Ideen falsch gewesen“ seien. (Zitat 4, siehe unten)
Hier wird deutlich, worin für Breivik eigentlich das Problem an der Feminisierung der Gesellschaft besteht: Sie ist in seinen Augen nicht mehr wehrhaft und ihren Feinden schutzlos ausgeliefert. Der Mann, der er wünscht, ist also wesentlich – der Soldat.
 
Breiviks Entwurf der Geschlechter ist damit abhängig von der Fantasie, in einem entscheidenden, erbitterten Kampf zwischen der europäischen Zivilisation und ihren Feinden zu stehen – und dafür braucht er harte, kampf- und opferbereite Krieger.
Kaum einmal greift er dabei eines der zentralen Themen der Männerrechtsbewegung auf, nämlich das der Väterrechte. Tut er es doch, dann interessiert er sich keinem Moment lang dafür, dass Väter unter der Trennung von ihren Kindern oder Kinder von der Trennung von ihren Vätern leiden. Ihm geht es um die Vorbereitungen auf den Kampf, um die Sicherung von „Regeln und Autorität“ (mit Fjordman: „rules and authority“, Seite 341) und um die „Wiederbelebung traditioneller patriarchaler Strukturen“ („Re-creating the traditional patriarchal structures“, 1134ff.)
Während feminismuskritische Männer seit mehreren Jahrzehnten und im Anschluss an Farrells Rede vom „Mythos Männermacht“ zu zeigen versuchen, dass die Idee eines Patriarchats eine Illusion zur Durchsetzung politischer Zwecke ist, hat sich Breivik ganz dieser Illusion verschrieben. Das soldatische Männerbild, das er dabei idealisierend entwirft, ist eben das Bild des „disposable male“, des völlig verfügbaren, opferbereiten Wegwerf-Mannes, gegen das sich Farrell und die heutige Männerechtsbewegung so entschieden positioniert haben.
Das wird besonders deutlich, wenn Breivik in einem eigenen Kapitel über das Töten von Frauen räsonniert (S. 924f.). Das Räsonnement ist für ihn nicht etwa deshalb notwendig, weil er gern Frauen ermorden möchte – sondern weil das Töten von Frauen für ihn, anders als das Töten von Männern, ein Problem darstellt. Seine vorgeblich ritterliche Gesinnung („chivalrous“), die im zivilen Leben selbstverständlich sei, wäre  in dem von ihm fantasierten Krieg fatal – daher müsse ein Kämpfer sich sogar auf das Töten von Frauen vorbereiten, auch wenn ihm der Gedanke nicht behagen könne.
„Ich fühle mich nicht wohl mit dem Konzept, Frauen zu Töten, weil sie einfach zu wertvoll sind, um sie in Gefahr zu bringen“ ( I am not comfortable with the concept of killing females as they are simply too valuable to be put in harm’s way. S. 925)
Die prinzipielle Abwertung der Männer und die Höherwertung der Frauen, und ebenso die selbstverständliche Legitimation massiver Gewalt, steht völlig konträr zu den Positionen, die eine demokratische, liberale Männerrechtsbewegung seit Jahrzehnten vertritt. Diese Bewegung wendet sich ja eben gegen Positionen, die („I bathe in male tears“) Gewalt nur dann problematisch finden, wenn sie sich gegen Frauen richtet – anstatt Gewalt insgesamt und unabhängig vom Geschlecht abzulehnen.
In jüngerer Zeit haben Männer beispielweise die radikale Einseitigkeit kritisiert, mit der staatliche Institutionen wie das deutsche Familienministerium häusliche Gewalt nur dann als problematisch darstellt, wenn sie Frauen trifft – mit der die Verbrechen der extrem brutalen Terrorgruppe Boko Haram völlig ignoriert wurden, solange Jungen und Männer bestialisch ermordet wurden, und erst zum Skandal wurden, als Boko Haram Mädchen entführte – oder, gerade eben, die blinde Einseitigkeit, mit der die berühmte Fernsehjournalistin Maria von Welser von einem weltweiten „Femizid“, also Morden zur Auslöschung von Frauen schreibt und dies nur tun kann, weil sie die zahlenmäßig weitaus häufigeren männlichen Gewaltopfer völlig selbstverständlich ignoriert.
Gerade war ich selbst bei einer Veranstaltung, bei der die weltweit berühmte, in politischen und wissenschaftlichen Institutionen rundum etablierte Männerforscherin Raewyn Connell über einen jahrelangen Femizid an Frauen in der mexikanischen Stadt Ciudad Juarez redete. Ich schlug hinterher nach und stellte fest, dass dort von zehn Mordopfern ein bis zwei weiblich waren – Connell hatte einfach die weit überwiegende Mehrheit der männlichen Mordopfer ausgelassen, um von einem Femizid reden zu können.
Ohne dass es ihnen klar wäre, stehen die Geschlechterforscherin, die Familienministerin und die Journalistin dem Geschlechterbild Breiviks deutlich näher, als es die so sehr angefeindete Männerbewegung tut.
Eine Männerbewegung, die auf das Leid entsorgter Väter hinweist und auf die enorme emotionale Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung – die häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer thematisiert – die Strukturähnlichkeiten von Rassismus und Männerfeindlichkeit herausarbeitet – die Rechte Homosexueller als Männerrechte beschreibt – die für eine bessere Gesundheitsfürsorge von Männern kämpft und Hilfe für Männer einfordert, etwa für die Obdachlosen, die zum weitaus überwiegenden Teil männlich sind –
eine Männerbewegung also, die das Muster des „disposable male“ als inhuman und feindselig, als Grundlage von Ausbeutungsstrukturen analysiert, und die das Reden vom „Patriarchat“ als illusionär entlarvt – eine solche Männerbewegung würde im Kosmos von Breiviks Denken schlichtweg ein Beitrag zur „Feminisierung“ der Gesellschaft sein, ein Trojanisches Pferd der „Kulturmarxisten“. Ein Feind.
Verwertungen eines Massenmords Das hat politische Gegner dieser Männerbewegung bekanntlich nicht daran gehindert, Breiviks Verbechen gegen männerrechtliches Engagement auszuspielen. In seiner Schrift über die „antifeministische Männerrechtsbewegung“ stellt der Autor Hinrich Rosenbrock für die grüne Heinrich-Böll-Stiftung Breiviks Antifeminismus heraus und konstruiert darüber Parallelen zum Engegement für die Menschenrechte von Männern.
Dass Breivik sich – eindeutig – antifeministisch geäußert hat, begründet allerdings an sich noch keine Verbindung – sonst könnten ja beispielsweise auch Parallelen zwischen der USA oder Großbritannien mit dem nationalsozialistischen Deutschland beschrieben werden, weil sich schließlich auch die Nazis anti-bolschewistisch positioniert hatten.
Was Rosenbrock über die vage Andeutung hinaus, die Männerrechtsbewegung habe sich nicht von Breivik distanziert, fehlt, ist irgendein Signal der Unterstützung für den norwegischen Massenmörder. Gleichwohl schreibt er von starken „Überschneidungen“ (Rosenbrock, S. 17) zwischen Männerrechtsbewegung und extremen Rechten und kaschiert damit die massiven Gegensätze zwischen Männerrechtlern und Breivik.
Der einzige (!) Beleg Rosenbrocks (S. 23) ist ein Text des explizit rechten Maskulisten Michail Savvakis, der Breiviks Taten als Resultat einer Ausgrenzung rechter Positionen aus dem politischen Diskurs versteht. Das ist tatsächlich eine fragwürdige Dampfkesselhypothese – als ob konservative Gedanken so lange und ganz ohne Ventil aus der Öffentlichkeit herausgedrückt würden, bis sie sich in rechtsradikale verwandelten und schließlich explodierten.
Savvakis übersieht, dass radikale Feindbilder und Kriegsfantasien, wie Breivik sie auf über 1500 Seiten ausbreitet, mit sehr guten Gründen in keinem liberalen, demokratischen Gespräch einen Platz haben – und dass sie sich von klassischen konservativen Positionen erheblich unterscheiden.
Gleichwohl verweist Rosenbrock offenkundig in eben der Absicht auf Savvakis, über dessen Text ein Engagement für Männer- und Väterrechte insgesamt diskreditieren zu können. Auch wenn er immerhin erwähnt, dass Arne Hoffmann sich klar von Savvakis distanziert hatte, ist diese Darstellung politischer Gegner von bemerkenswerter Unseriosität und Bedenkenlosigkeit.
Die Konstruktion einer Verbindung des Massenmörders Breivik mit männerrechtlichem Engagement wird trotz ihrer Haltlosigkeit wieder und wieder aufgegriffen. Rolf Homann benutzt sie beispielsweise als effektvollen Aufhänger für ein Radiofeature der ARD, dass er „Maskuline Muskelspiele“ nennt, und Robert Claus treibt sie in der 2014 bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erschienen Schrift „Maskulismus“ auf die Spitze.
Er behauptet dort beispielsweise, Teile der Männerrechtsbewegung würden
„die Morde des Anders Behring Breivik in Norwegen als widerständige Tat ‚gegen Feminismus und Multikulti’ (…) preisen.“
Durch die Anführungszeichen simuliert Claus hier ein Zitat lediglich – tatsächlich belegt er seine gravierende Äußerung nicht. (S. 13) Der konservative Männerrechtler manifold, so Claus, hätte gar
„in Bezug auf die Anschläge Anders Behring Breiviks in Norwegen ‚Sympathie mit einem Terroristen, der lediglich eine andere, islamismusfreie und multikulturresistente Gesellschaft herbeiführen wollte“,
geäußert. (S. 65f). Claus wiederholt damit eine Behauptung, die er schon 2013 in einer Zeitschrift des „Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrum Berlin e.V.“ gemacht hatte (S. 5).
Tatsächlich bezieht sich manifold zustimmend auf Michail Savvakis‘ politisch so fragwürdige Interpretation der Massenmorde – Sympathie drückt er ganz eindeutig nicht aus. Er spricht vom „Entsetzen“ angesichts einer „schrecklichen Tat“ und vom Beileid für die Hinterbliebenen. Er fragt allerdings auch polemisch, wie denn eine linksliberale Öffentlichkeit reagieren würde, wenn nun jemand Sympathie für diesen Terroristen äußern würde – so wie Sartre dem Terroristen Andreas Baader Sympathie entgegengebracht habe.
Manifold versucht so, ausgerechnet die Gelegenheit rechtsradikaler Massenmorde zu nutzen, um die alte „Sympathisanten“-Debatte wieder aufleben zu lassen. In einem anderen, früheren Text stellt er sich gar ungeniert vor, dass Breivik wegen des Klimas politischer Korrektheit „keinen anderen Weg“ als den Massenmord gesehen hätte. Seine dort gebrauchte Formulierung von der „verachtenswerten Verzweiflungstat“ macht deutlich, wie er sich von den Verbrechen distanziert und zugleich versucht, sie seinerseits politisch zu verwerten.
Das ist allerdings politisch haltlos und wurde von Arne Hoffmann auch sehr schnell massiv kritisiert.  Die Sympathie für die Verbrechen, die ihm Claus unterstellt, äußert manifold allerdings explizit nicht. Im Kontext der zitierten Äußerung ist auch auszuschließen, dass Claus ihn einfach nur missverstanden hat.
 
Anstatt also die Kritik zu üben, die an manifold – auch massiv – nötig wäre, unterschiebt ihm Claus gezielt eine Position, die geeignet ist, das Engagement für Rechte von Männern insgesamt zu diffamieren.
Vor allem ist es nämlich hergeholt, dass Claus manifold mit Bezug auf Rosenbrock als „Schlüsselfigut der ‚maskulistischen’ Bewegung“ präsentiert. Der nämlich ist isoliert und hat zudem 2013 in seinem Blog gerade einmal drei Texte veröffentlicht, im gesamten Jahr 2014 überhaupt keinen.
 
Ganz gegen die eigene Absicht belegt Claus so, wie haltlos die Konstruktion von Parallellen zwischen Breivik und dem Engagement für Männerrechte sind. Für die SPD-Stiftung kann er diese Konstruktion nur mit Hilfe gleich mehrerer Falschbehauptungen aufrechterhalten.
Trotzdem ist die Bedenkenlosigkeit erstaunlich, mit der hier Stiftungen der SPD und der Grünen die Massenmorde für die eigene politische Agenda zu nutzen versuchen. Die gigantischen Summen, die Parteistiftungen aus öffentlichen Mitteln erhalten (2014 für die Friedrich-Ebert-Stiftung 143,6 Millionen, für die Heinrich Böll Stiftung 49,4 Millionen) rechtfertigen sich nämlich wesentlich dadurch, dass sie „die Bürger zum politischen Engagement anhalten“. Hier ist ohne Zweifel das Gegenteil der Fall: Politisches Engagement von Bürgern soll verhindert werden, indem es so massiv wie möglich diffamiert wird.
 
Wer sich öffentlich gegen Benachteiligungen von Jungen oder Männern aussprechen will, oder feministische Positionen kritisiert, wird so massiv eingeschüchtert. Gerade die Haltlosigkeit der Diffamierungen erfüllt für diese Einschüchterung eine wesentliche Funktion: Auch wer sich zu Breivik und anderen Rechtsradikalen gar nicht äußert, wer sie klar kritisiert, wer Abscheu vor ihnen äußert, kann trotzdem beliebig als Sympathisant hingestellt werden – sobald er außerhalb roter oder grüner Geschlechterklischees argumentiert.
 
Dass die Unterstellungen so massiv sind, trägt dabei vermutlich sogar zu ihrer Glaubwürdigkeit bei. Es kann sich wohl kaum jemand vorstellen, dass halbwegs respektable Institutionen so gravierende, absehbar folgenschwere Vorwürfe verbreiten, die völlig unbegründet sind oder gar allein durch Falschbehauptungen konstruiert wurden.
Die aus Steuermitteln finanzierte, institutionell gestützte politische Diffamierung richtet sich zudem nicht gegen Gegner, denen auch nur annähernd vergleichbare finanzielle und institutionelle Mittel zur Verfügung stünden. Sie richtet sich gegen Menschen, die ohnehin schon in Not sind: gegen Väter, die um die Möglichkeit des Kontakts zu ihren Kindern kämpfen – gegen Männer, die Opfer häuslicher Gewalt wurden und die darüber öffentlich sprechen – gegen Menschen, die auf die massiven schulischen Nachteile von Jungen aufmerksam machen – und gegen viele andere.
Was all dies noch schlimmer macht: An dem ungeheuren realen Leid, für das der faschistische Massenmörder Breivik verantwortlich ist, interessiert Rosenbrock, Homann oder Claus, die Heinrich Böll Stiftung und die Friedrich Ebert Stiftung allein seine politische Verwertbarkeit. Die Aspekte der Verbrechen, die nicht in die eigene politische Agenda passen, werden von den Autoren vollständig ignoriert: zum Beispiel die massiven Widersprüche zwischen den Geschlechterbildern Breivks und denen der Männerbewegung in der Tradition Farrells.
 
Für Konservative werden diese bösartigen Diffamierungen vermutlich lediglich ein Beleg für eine angebliche Gewissenlosigkeit linker Politik sein. Das ist haltlos, zumindest im Lichte meiner persönlichen Erfahrungen: Natürlich kenne ich viele Sozaldemokraten oder Grüne, und fast durchgehend hat es für sie eine besonders große Bedeutung, dass ihre Parteien für eine humane, faire Politik stehen.
Wie ist dann aber die irrwitzig brutale Verleumdung bürgerrechtlichen Engagements zu erklären? Vermutlich zeigt sich darin, welch eine panische Angst diese Parteien vor einer offenen, demokratischen Geschlechterdebatte haben. Das ist wohl nicht allein eine abstrakte Angst: Es traut sich in den Parteien offenbar auch niemand, sich den Scharfmachern entgegenzustellen, die in den Stiftungen für die steuerfinanzierte Hetze gegen Andersdenkende verantwortlich sind.
 
Die Angst vor dem Konflikt ist offenbar so groß, dass daneben der völlige Verlust des politischen Gewissens als das kleinere Übel erscheint. Damit aber betonieren diese Stiftungen dann ihrerseits, und von ihrer Seite aus Feindbilder – anstatt dem Freund-Feind-Denken und den Kriegsfantasien des Massenmörders Breivik mit den Stärken einer offenen Gesellschaft zu begegnen.
 
 
 
Ein tl; dr
Der Text ist natürlich sehr lang geworden – ich hielt es aber für besser, ihn im Zusammenhang zu veröffentlichen, anstatt mehrere Teile daraus zu machen. Aber ein tl; dr ist hier wohl angebracht:
Erklärungen für die ungeheuren Massenmorde des Faschisten Anders Breivik können bestenfalls notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen beschreiben. Regelrecht antidemokratisch ist die  politische Verwertung dieser Verbrechen in den massiven Anschuldigen, die von der grünen Böll-Stiftung und der sozialdemokratischen Ebert-Stiftung an männerrechtliches Engagement gerichtet wurden. Ein Vergleich der Geschlechterbilder Breiviks und der heutigen Männerbewegung macht gegensätzliche, unvereinbare Positionen deutlich. Parallellen zwischen männerechtlichem Engagement und Breiviks Antifeminismus lassen sich daher nur durch gezielte Falschlektüren und schroffe Fehlinformationen herstellen.
Ein PS. zum sogenannten Kulturmarxismus
Lange nach den Massenmorden Breiviks griffen einige Kommentatoren in männerrechtlichen Blogs ihrerseits die Rede vom „Kulturmarxismus“ aus der amerikanischen Rechten auf. Gäbe es in der Männerbewegung einen Beauftragten für strategisch kluges politisches Verhalten, dann würde er angesichts dessen wohl vor Verzweiflung in die nächsterreichbare Tischkante beißen.
 
Aber mehr noch: Kritik am Feminismus ist natürlich legitim und nicht mit Breiviks Antifeminismus gleichzusetzen. Das Kulturmarxismus-Gerede vollzieht allerdings Vorstellungen nach, die für Breivik tatsächlich zentral sind: massive Freund-Feind-Strukturen, die sich auf die Annahme stützen, die Feinde würden durch tiefen Hass angetrieben – die Verabschiedung von politischer und philosophischer Rationalität in der Annahme, ausgerechnet die Frankfurter Schule sei für die wesentlichen Probleme westlicher Gesellschaften verantwortlich – und zudem die Fantasie eines Kriegszustands.
 
Solche Fantasien legen ein soldatisches Männerbild nah, an dem eine liberale, demokratische, menschenfreundliche Männerbewegung kein Interesse haben kann: das Bild des disposable male, des Wegwerfmannes.
 
Quellen und Zitate
Neben den verlinkten Texten habe ich mich auf die kindle-Ausgabe des folgenden Buches bezogen: Aage Borchgrevink: A Norwegian Tragedy: Anders Behring Breivik and the Massacre of Utya, Cambridge 2013
 
Das Manifest Breiviks habe ich nicht verlinkt, weil sich dort neben den zitierten Textstellen auch Anleitungen für terroristische Akte finden.
 
Englische Zitate habe ich selbst ins Deutsche übersetzt. Hier sind die englischen Originale:
 
1. Aus Aage Borchgrevink: A Norwegian Tragedy
„A large part of the reason that the mother has had increasing difficulties over the past few years is connected to her extremely unusual relationship with Anders. She projects her primitive und sexualised aggressive fantasies onto him, everything that she perceives as dangerous and aggressive in men. Her daily interaction with him is characterized to a great degree by double communication; on the one hand, she is symbiotic, while at the same time rejecting him with her body language and can suddenly shift between speaking with him in an overly sweet manner and openly expressing death wishes.” (kindle-Position 6377)
Aus Breiviks Manifest:
2. If this “feminisation” trend were driven only by radical feminists seeking to pull down a perceived male-dominated hierarchy, there would be more hope that the cycles of history would move Europe toward a stable accommodation between men and women. But the drive is deeper, and it will not be satisfied by any accommodation. The radical feminists have embraced and been embraced by the wider and deeper movement of cultural Marxism. (S. 29)
 
3. What are liberal feminists going to do when faced with aggressive gang of Muslim youngsters? Burn their bras and throw the pocket edition of the Vagina Monologues at them? (336)
4. Although feminism may have strayed away into extremism, that does not mean that all of its ideas are wrong. The women’s movement will make lasting changes. Women have occupied positions considered unthinkable only a few decades ago. Some things are irreversible. (341)

Wie die BZ einmal die Mütterlobby fertigmachte

„Anke Armbrust, die Frauenbeauftragte des Bezirks Treptow-Köpenick, hatte Frauen eingeladen, die im Sorgerechtsstreit um ihre Kinder in Not geraten sind.“
Die BZ ist die auflagenstärkste Lokalzeitung Berlins und zugleich unter den Boulevardblättern erste Wahl für die, denen die Bild-Zeitung irgendwie zu seriös ist. Eine Marotte, die sich die BZ leistet, sind die Texte von Gunnar Schupelius: fantasievolle Fehlersuchspiele, bei denen der Autor mit viel Witz und Unbekümmertheit möglichst viele Falschinformationen in einem Text, oft auch schon in einem einzigen Satz unterzubringen versucht.
 
In Berlin geht die Mär, dass derjenige Leser, der alle lustigen Lügen oder frechen Verdrehungen in einem beliebigen Schupelius-Text entdeckt, einen großzügigen Preis gewinnen wird. Leider ist dies bis heute noch niemandem gelungen.

Der oben zitierte Satz ist beispielweise der Anfangssatz eines Schupelius-Textes, der am 30. November in der BZ erschien. Der Name Anke Armbrust ist tatsächlich real, falsch aber ist die Berufsbezeichnung – sie ist Gleichstellungsbeauftragte, nicht Frauenbeauftragte. Eine Fehlinformation mit durchaus hintergründigem Witz.

 
Wer, außer deutschen Gerichten, käme eigentlich auf die Idee, einer Mutter ein Kind wegzunehmen und es SO einer Gestalt anzuvertrauen?
Die Gleichstellungsbeauftragte hatte auch nicht einfach Frauen eingeladen, die im Sorgerechtsstreit in Not geraten waren – geladen war die Initiatorin der „Mütterlobby“, die klarstellte, dass das System des neuen Familienrechts das Kindeswohl gefährde: nämlich durch die „Destabilisierung von Müttern“.

Die Mütterlobby wiederum propagiert ein Aufwachsen von Kindern ohne Väter und betreibt eine Website, in deren Forum „Kommentare hart an der Grenze zum Aufruf von strafbaren Handlungen ohne Administration durchgehen“ – so schreibt Kai im Frontberichterstatter-Blog. Er berichtet auch von der Referentin Barbara Thieme, Initiatorin der Mütterlobby, die sich in ihrem Forum beklagt, dass „das Grundgesetz, also die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, mit Füssen getreten wird“.

In eben diesem Forum stacheln sich Frauen gegenseitig zur Ausgrenzung von Vätern oder zum Kindesentzug bis hin zum Umzug ins Ausland an – aber das ist in Thiemes Augen natürlich völlig grundrechtskonform. Sie beklagt stattdessen „Nötigungen durch Richter“ – worunter sie offenbar alle richterlichen Entscheidungen versteht, die nicht dem Willen der Mutter folgen.

Ansonsten schreibt die Mütterlobby auf ihrer Homepage:

„Es gibt verschiedene Formen von Gewalt: psychische, physische, finanzielle Gewalt. Die schwerste Gewalt gegen Mütter (und Kinder) ist vermutlich der Kindesentzug.“
Für Väter hingegen ist der Kindesentzug bloß Jux und Dollerei und ohnehin eine Erleichterung, wie wir alle wissen – während der Väterentzug für Kinder bekanntlich in jedem Fall unbedingt im Sinne des Kindeswohls ist.
Die Mütterlobby in der Ironiefalle Der Name „Mütterlobby“ ist tatsächlich Programm: Die wesentliche Idee diese Lobby ist es, dass sich alle anderen Probleme wie von selbst lösen werden, wenn nur dafür gesorgt ist, dass es der Mutter gut geht. Begleitet wird dieser Glaubenssatz von dem selbstbewussten Prinzip, dass es der Mutter eben dann am Besten geht, wenn der Vater nichts zu sagen hat.

Diese Lobby wurde übrigens 2013 von Juristinnen, Ärztinnen, Journalistinnen und anderen marginalisierten Frauen als eingetragener Verein gegründet, nachdem das deutsche Kindschaftsrecht reformiert worden war. Die Reform war notwendig geworden, weil die Praxis der rechtlichen Ausgrenzung nichtehelicher Väter vom Europäischen Gerichtshof für menschenrechtswidrig und vom Verfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt worden war.

 
Die Reformer des Gesetzes waren gleichwohl eifrig darum bemüht, an diesem Zustand nur eben so viel zu ändern, wie unbedingt nötig war. Die Mütterlobby wiederum setzt sich  aus Frauen zusammen, denen auch das schon viel zu viel ist. In anderen Zusammenhängen wird so etwas als „Backlash“ bezeichnet.

Wer übrigens denkt, mit den Fehlern im ersten Satz auch die ersten Fehler des Textes gefunden zu haben, ist schon auf Schupelius hereingefallen.

„Vor Gericht werden Mütter nicht respektiert“,
lautet nämlich die Überschrift. Wer schon einmal ein familiengerichtliches Verfahren erlebt hat, wer beispielweise die Emsigkeit kennt, mit der viele Jugendamtsmitarbeiterinnen und Beraterinnen alles vermeiden, was die Mutter irgendwie in ein schlechtes Licht setzen oder auch nur verärgern könnte – der wird vermutlich leise lächeln. Oder weinen. Oder wütend werden. „Schlimm: Vor Gericht werden manchmal auch andere Menschen als die Mütter respektiert!“ – das ist hier eigentlich gemeint, klingt aber, zugegeben, nicht ganz so skandalös und schmissig wie Schupelius‘ Satz.

Aber selbst das ist noch nicht der Anfang – der Text hat schließlich noch eine andere Überschrift: „Frauen ohne Lobby“. Wie absurd das in einem Text ist, in dem es explizit um die Mütterlobby geht, oder auch einfach: wie absurd es überhaupt ist angesichts der Tatsache, dass Frauen ein ganzes Ministerium mit eigenen Lobbyaufgaben haben – das müsste eigentlich jedem auffallen.

 
Ganz am Anfang schon signalisiert Schupelius also deutlich, dass sein Text keineswegs ernst zu nehmen ist, dass er genau das Gegenteil dessen schreibt, was er meint – „Ironiemarker“ werden solche Elemente in der Textanalyse genannt. Gleichwohl ist die Furchtlosigkeit bewunderungswürdig, mit der er in Kauf nimmt, dass manche Menschen die Doppelbödigkeit seines Textes trotzdem nicht verstehen, ihn für bare Münze und den Autor dann zwangsläufig als einen verwirrten Schwätzer wahrnehmen.
 
Wütende Erzeuger und unerhörte Mütter Dabei tut Schupelius eigentlich alles, um klar zu stellen, dass er gar nicht ernst meinen kann, was er schreibt.
„Anke Armbrust musste die Veranstaltung gegen erhebliche Widerstände im Bezirksamt durchsetzen. Immer wieder musste sie strenge Nachfragen von höchster Stelle über sich ergehen lassen, ob denn eine solche Runde wirklich einberufen werden sollte. Und obwohl sie alle Politiker des Bezirks zur Teilnahme aufgefordert hatte, war niemand gekommen. Auch die übrige Öffentlichkeit fehlte, neben mir war nur noch eine Journalistin anwesend.“
Spätestens hier wird der Text so zynisch, dass Schupelius die Wut anzumerken ist, mit der er ihn schreibt. Wut natürlich darauf, dass ausgerechnet eine Gleichstellungsbeauftragte öffentliche Mittel verwendet, um einer Organisation eine Bühne zu geben, die gegen die vorsichtigen rechtlichen Verbesserungen von Männern so massiv wie eben möglich agitiert – die klarstellt, dass Kinder zu Müttern und keinesfalls zu Vätern gehören – und die den deutschen Mutterkult ungebrochen in das 21. Jahrhundert zu retten versucht.

Würde ein Anti-Rassismus-Beauftragter Vertreter des Ku-Klux-Klans aus öffentlichen Mitteln finanzieren, präsentieren und propagieren – seine Vorgesetzten würden es gewiss nicht bei „Nachfragen“ belassen und ihn ab und zu einmal mit strenger Geste anschauen. Mit der Idee, die Politiker hätten zudem an einer solchen Veranstaltung beifallsspendend teilnehmen sollen, treibt Schupelius die Situation dann so absurd auf die Spitze, dass eigentlich jedem ihr Irrwitz deutlich werden muss.

Was die Wut des Autors jedoch verrät, ist die offenkundige Befriedigung, mit der er spitz anmerkt, dass „die übrige Öffentlichkeit fehlte“ – dass sich außer der Gleichstellungsbeauftragten selbst und der von ihr gepuschten Lobby also überhaupt niemand für diesen feindseligen Quatsch interessiert hat.

Souverän integriert Schupelius dann verbreitete Geschlechterklischees in seinen Text und entstellt sie damit bis zur Kenntlichkeit.

„Während sich die wütenden Väter schnell als starke Meinungslobby etablierten, blieben die Mütter ohne Sprachrohr.“
Dauerwütende Männer sind ja auch schon aus Publikationen des amerikanischen Soziologen Kimmel, aus Darstellungen der Friedrich-Ebert-Stiftung oder aus Artikeln der Zeit bekannt. Der Kontext des Boulevards, in den Schupelius diese Klischees geschickt platziert, deckt ihre Primitivität erstaunlich präzise auf.

Wer würde schließlich nicht die dumpfe Demagogie im Zerrbild des Vaters erkennen, der seiner weinenden, aber stummen Frau wütend das schreiende Kind entreißt, dann mit diesem Kind aber selbstredend überhaupt nichts anfangen kann und es lieblos irgendwo zwischenlagert, um sich mit seinen Kumpeln ungestört vollaufen zu lassen.

Aber Schupelius macht noch nicht einmal hier Halt, sondern spitzt seinen Text noch weiter zu, ins offen Inhumane. Selbst wer zuvor die aufklärerische Absicht des Autors nicht bemerkt hat, wird spätestens jetzt darauf gestoßen, wie brilliant hier inhumane, amoralische Positionen durch ihre konsequente Zuspitzung entlarvt und enttarnt werden. Der Autor schreibt nämlich:

„Noch vor 20 Jahren wurde im Streitfall das Kind automatisch zur Mutter gegeben. Heute wird ihr das Kind sofort entzogen und wechselweise dem Erzeuger zugeführt.“
Das ist nun so offen gaga, dass eigentlich jedem die bittere Ironie auffallen muss. Dass im Streitfall der Mutter das Kind sofort weggenommen würde, glaubt ganz gewiss nicht einmal die Mütterlobby selbst, auch wenn sie es möglicherweise gern behauptet – in der Hoffnung auf Gutgläubige, die sich auch aufblasbare Bügeleisen oder Abonnements der BZ anschnacken lassen würden. Wichtiger aber ist ohnehin die Wortwahl.

„Erzeuger“ – Die schroffe Reduzierung des Vaters auf jemanden, der einfach irgendwann mal sein Geschlechtsteil in die Mutter reingehalten hat und daraus jetzt allen Ernstes Rechte herleitet – diese Reduzierung ist so entschlossen antihuman, dass Schupelius die Brutalität der Mütterlobby-Propaganda damit bloßstellend herausarbeitet.

Bei dieser Lobby wird er sich nicht wieder blicken lassen dürfen, und bei Frau Armbrust auch nicht.

Ein Hasardeur der Aufklärung galoppiert durch die Geschlechterdiskurse Nach diesem virtuosen Ritt durch die Inhumanität der Geschlechterdiskurse kann der Autor dann am Ende ganz ruhig ein paar Schlussakkorde setzen.

„Wer kein Geld hat, sich mit guten Anwälten zu wehren, der hat gute Aussicht, psychisch zusammenzubrechen.“
Jeder Vater, der schon einmal um den Kontakt zu seinem Kind kämpfen musste, wird sofort verstehen, was der Autor hier meint. Und:
„Benachteiligte Frauen sind doch immer ein Thema.“
Dass er ganz am Ende die Einseitigkeit medialer Geschlechterdebatten herausstellt: Das ist ein gewitzes selbstreflexives Moment seines Textes, ein regelrecht poetologischer Selbstkommentar, den er sich nach seinem halsbrecherischen Parforceritt durchaus gönnen kann.

Bewundernswert ist es, wie entschlossen Schupelius das Risiko in Kauf nimmt, dass ihn jemand ernst nehmen könnte. Würde jemand nämlich denken, dass der Autor tatsächlich glaubt, was er da schreibt – er müsste ihn für einen hasserfüllten Wirrkopf halten, für einen Schwätzer, der besinnungslos nachplappert, was ihm irgendwelche böswilligen Menschen soufflieren.

Überzeugend aber ist, was Schuppelius gewinnt, indem er dieses Risiko eingeht. Er nimmt nämlich seine Leser ernst. „Glotzt nicht so romantisch“ – diesen Spruch hatte Bertolt Brecht einst bei der Uraufführung von Trommeln in der Nacht aufhängen lassen. „Glaubt uns doch nicht alles“, das steht unsichtbar, aber für jeden mitdenkenden Menschen klar erkennbar über den Texten des BZ-Autors. Er erwartet von denen, die sie lesen, offensiv die Bereitschaft, nachzurecherchieren und sich selbst zu fragen, was Wahrheit und was Lüge ist.

Kurz: Schupelius ist ein Hasardeur der Aufklärung, der kein Problem damit hat, bei einigen Unverständigen als bedenkenloser Schwätzer dazustehen – wenn er nur diejenigen erreichen kann, die seine Ironie, seine Bitterkeit, seine Wut, aber eben auch seine Hoffnung auf verständige Leser erkennen können.

Was er bloßstellt, sind die brutalen Härten einer Geschlechterdebatte, deren Protagonisten offiziell Gleichberechtigung propagieren, aber wütend auf ungleichen Rechten bestehen, sobald auch nur kleine Privilegien bedroht sind.

Was er bloßstellt, ist die Korruptheit öffentlicher Institutionen, die sich offiziell der Gleichberechtigung verpflichten und die dann über „Gleichstellungsbeauftragte“ Steuergelder für die Verbereitung von Geschlechterhass und Väterausgrenzung verschwenden.

Wer außer Schupelius wagt sich zudem an eines der größten Tabus im Familienrecht: Die inzestuös anmutende Ausbeutung von Kindern durch Erwachsene, die durch Vereine wie die Mütterlobby propagiert wird – die völlig selbstverständliche, aber totale Unterordnung des Kindeswohls unter den Mutterwillen nämlich. Was immer ich auch von ihm will – dem Kind kann gar nichts Besseres passieren.

Eine Gratulation also an diesen Aufklärer, der sich unter der Maske eines leichtgläubigen und leicht erregbaren Hetzers versteckt und der ausgerechnet in einem provinziellen Boulevardblatt Texte mit einer scharfen Ironie veröffentlicht, die so sonst fast nirgendwo mehr zu finden sind und die mindestens in der Tradition Ulenspiegels, Brechts, Orwells und Tucholskys stehen.

Oder so.