Geschlechterdebatte

Ein Massenmord und seine Verwerter

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geschrieben von: Lucas Schoppe
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https://man-tau.com/2014/12/10/ein-massenmord-und-seine-verwerter/
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Er „wusste in einem Spielzimmer nichts mit Spielsachen anzufangen, im Spiel mit anderen Kindern fehlte ihm Vorstellungskraft und Empathie und er konnte seine Gefühle nicht ausdrücken. (S. 29) Seine Mutter pflegte eine doppelte Kommunikation mit ihrem Sohn, stieß ihn von sich weg und zog ihn hinterher wieder eng an sich heran. Dies ging soweit, dass sie ihrem Sohn sagte, sie wünschte, er wäre tot und einem Mitarbeiter der Sozialbehörde ebenfalls sagte, dass sie ihren kleinen Sohn loswerden wolle, was auch immer sie damit meinte.“
Vor einigen Tagen hat mich ein Leser auf einen Text im Blog Kriegsursachen aufmerksam gemacht, in dem über das Buch berichtet wird, das der Vater des Massenmörders Anders Breivik geschrieben hat. Das gleiche Blog stellt auch das Buch „A Norwegian Tragedy“ von Arge Borchgrevink über die Kindheit des Massenmörders vor. Das Eingangszitat stammt aus eben dieser Rezension.
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Auf der norwegischen Insel Utøya überfiel Anders Breivik  am 22. Juli 2011 ein Sommercamp der norwegischen Jungsozialisten und ermordete 69 Menschen. Die Opfer waren zwischen 14 und 51 Jahre alt, 32 von ihnen unter 18 Jahre. Zuvor hatte Breivik im norwegischen Regierungsviertel eine Bombe gezündet und dabei acht Menschen getötet. Foto: Paal Sørensen 2011
Das Verhältnis Breiviks zur Mutter, so Borchgrevink, sei früh massiv gestört gewesen. Schon während der Schwangerschaft habe sie den Jungen als schwieriges Kind erlebt, „das rastlos war und sie trat“.
Breiviks Kindheit ist, für eine Weile, deswegen außergewöhnlich gut dokumentiert, weil die Mutter mit dem vierjährigen Sohn  erheblich überfordert war, staatliche Stellen um Hilfe bat, das staatliche Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie (SSBU) sich einschaltete und die Familie über einige Wochen hinweg untersuchte.
Borchgrevink beschreibt in seinem Buch, wie die Mutter auf die Untersucher desorientiert gewirkt hätte („When they arrived, Wenche apperared disoriented, demanding and suspicious. She could not find the way up from Gaustad, even though there was really only one road to take.“ Position 848). Die dringende Empfehlung des SSBU, den Jungen nicht weiter bei seiner Mutter zu belassen, wird durch beunruhigende Passagen aus dem Untersuchungsbericht erklärlich, die der Autor zitiert.
„Ein wesentlicher Anteil an den wachsenden Schwierigkeiten der Mutter in den der letzten Jahren hängt mit ihrer extrem ungewöhnlichen Beziehung zu Anders zusammen. Sie projiziert ihre primitiven und sexualisierten aggressiven Fantasien auf ihn, alles, was sie als gefährlich und aggressiv in Männern wahrnimmt. Ihre tägliche Interaktion mit ihm ist durch einen großen Teil widersprüchlicher Kommunikation charakterisiert; auf der einen Seite ist sie symbiotisch, während sie ihn zugleich mit ihrer Körpersprache zurückweist, und sie kann plötzlich wechseln zwischen einer übertrieben süßlichen Weise, mit ihm zu sprechen, und offen ausgedrückten Todeswünschen.“ (Zitat 1, siehe unten)
Neben der extremen Aggressivität und der unlösbaren Widersprüchlichkeit des mütterlichen Verhaltens habe so auch der Verdacht sexuellen Missbrauchs im Raum gestanden („abuse of a sexual nature“).
Der in Paris lebende Vater, alarmiert durch den Bericht, zog vor Gericht, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu erhalten. Er scheiterte an einem konservativen Richter, in dessen Augen ein Kind zu seiner Mutter gehöre. („The judge was an elderly man, a representative of the post-war-generation, and possibly also of 1950 values and principles.”)
Das Buch Borchgrevinks wurde in Norwegen mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet und ist in Deutschland kaum bekannt. Auch Väterorganisationen haben nicht versucht, aus der brutalen Geschichte Kapital zu schlagen – ganz offensichtlich sind, zum Glück, die Skrupel zu groß, aus der Ermordung von fast achtzig Menschen Kapital zu schlagen.
Unter anderem deshalb, weil bekanntlich nicht alle Beteiligten solche Skrupel hatten, lohnt sich ein Blick zurück auf den Fall.

Die Wucht der Gewalt und die Hilflosigkeit des Erklärens Eine persönliche Geschichte:  Ich habe einmal einen Menschen gekannt, der bei einem der „Amokläufe“ an deutschen Schulen erschossen wurde. Es war nicht einmal eine nahe Freundschaft, eher eine Bekanntschaft aus dem Zusammenhang des Studiums, wo wir wenige Male mit anderen zusammen gesessen hatten.
Als ich von dem Tod dieses Menschen erfuhr, war meine Reaktion trotzdem überraschend massiv. Fast zwanghaft versuchte ich, durch Berichte über die Morde herauszubekommen, was genau passiert war – das, was ich erfuhr, hatte ich dann beständig im Kopf, es spielte sich wieder und wieder ab – es war schwer, davon überhaupt abzuschalten. Das ging so über Wochen.
In meinen Augen war die zwanghafte Beschäftigung mit der Situation ein Versuch, eine Situation nachzuvollziehen, die tatsächlich eine erhebliche Überforderung und rational überhaupt nicht einzuholen ist. Ich hatte mir zuvor nicht vorstellen können, dass die Wucht mörderischer Gewalt so groß ist. „Es übersteigt unser Fassungsvermögen“ – das ist eine Phrase, aber es stimmt eben auch.
Seit ich Vater bin, und seitdem viele meiner Freundinnen und Freunde ebenfalls Eltern geworden sind, nehme ich solche Situationen noch aufmerksamer wahr. Für die Eltern Ermordeter muss die Wucht der Gewalt natürlich noch unvergleichlich viel größer sein als für einen entfernten Bekannten. Es hat auch überhaupt keinen Sinn, sich mit dem zu trösten, was in anderen Situationen Trost sein kann – dass es irgendwann wieder besser werde, zum Beispiel. Es wird ja nie wieder besser.
Dass ein Mensch solches Leid dann auch noch massenweise verursacht, als würde er eine Fließbandarbeit verrichten – das ist etwas, das ich faktisch wahrnehmen kann, bei dem ich aber gleichwohl innerlich nicht mehr mitkomme. Es ist zu viel.
Deshalb sind mir auch Erklärungen suspekt, die auflösen, wie es zu solchen Taten kommen konnte. Ich habe dabei das Gefühl: Wer die Taten erklärt, durch Kindheitserlebnisse, durch politische Zusammenhänge, durch psychologische Mechanismen – der verliert unmerklich die ungeheure und destruktive Wucht der Gewalt aus den Augen, die diese Taten tatsächlich ausmacht. Er erklärt etwas, aber nicht die Gewalt.
Die Taten sind nicht eine Seite einer Gleichung, für die eine stimmige Gegenseite gefunden werden könnte. Es lassen sich vielleicht notwendige Bedingungen beschreiben, ohne die diese Morde nicht möglich gewesen wären – erklärt werden sie dadurch nicht.
Dass der Junge Breivik unbedingt von seiner Mutter hätte fortkommen müssen, ist angesichts der SSBU-Ergebnisse offensichtlich. Er hätte aber eben nicht deshalb besser geschützt werden müssen, weil eine Gefahr absehbar war, dass er irgendwann später zu einem kranken Massenmörder wird – sondern weil ein Kind Schutz verdient. Wie aber aus seinem kindlichen Leid ein ungeheurer Schwerverbrechen wächst – wo gleichsam der Transmissionsriemen ist, der das eine mit dem anderen verbindet – darüber sagen Schilderungen des Kindheitserlebens eigentlich nichts aus.
Zumindest einige Strukturen, die das politische Verbrechen begünstigen, müssen sicherlich auch auf der politischen Ebene verfügbar sein. Dazu gehört in meinen Augen eine politische Gemengelage, die von schroffen Freund-Feind-Bildern geprägt wird. Die Legitimation für Mord erfordert es einerseits, dass der Gegner entmenschlicht, zum Feind wird, dem gegenüber Fairness verfehlt wäre – und andererseits, dass die Situation als hochdramatisch erscheint, so dass ein absolut entschlossenes Handeln für notwendig erklärt werden kann, das über die gewöhnlichen Grenzen von Zivilität und Humanität weit hinausgeht.
Dass der Beschreibung des Feindes als Ursache schrecklichen Übels in simple Schwarz-Weiß-Muster eingebaut ist, erleichtert natürlich zugleich die eigene Reinigung – wer gegen solche Unmenschen kämpft, kann doch schließlich selbst nur ein edler Mensch sein. Was immer an diesem edlen Menschen dann eben doch nicht ganz edel ist, lässt sich dabei bequem in den erschreckenden Feinden wiederfinden.
Das sind natürlich bekannte Zusammenhänge, die aber immerhin im Einzelfall überprüfbar sind. In extremen Schwarz-Weiß-Mustern agiert der Massenmörder Breivik nämlich offenkundig. Sein „Manifest“ macht zwei Hauptgegner aus, durch die die europäische Zivilisation bedroht sei: von außen durch hereinströmende Moslems, von innen durch „Kulturmarxisten“, die nach dem Ausbleiben der Weltrevolution westliche Gesellschaften dann lieber durch eine schleichende Erosion zerstört hätten – insbesondere durch die Zerstörung der Familie.
Sich selbst idealisiert der Massenmörder – als Ritter, als Krieger, als Soldaten der westlichen Zivilisation. Er imaginiert sich als Teil einer größeren Welle der Gegenwehr, übernimmt Ideen, Konzepte und Texte anderer unverändert in sein Manuskript – beispielsweise das Konzept des „cultural marxism“ aus der amerikanischen Rechten. Gleichzeitig ist er offenbar isoliert – seine Uniformen sind eben nicht uniform, Ausweis der Zugehörigkeit zu einer disziplinierten Masse, sondern bleiben skurrile Einzelstücke, die albern wären, hätte ihr Träger nicht so viele Verbrechen begangen.
Und: Er verhärtet sich, bereitet sich auf Verbrechen und ein Leben im Untergrund vor. Für ihn ist eben nichts an der Gesellschaft, in der er lebt, vertrauenswürdig und unkorrumpiert. Seine Feinde wirken in seinen Augen überall.
Frauenhasser und Männerhasser Die Vorstellung, dass Antifeminismus und Frauenhass im Mittelpunkt seines Denkens stünde, lässt sich allerdings nicht halten. Breivik beklagt sehr wohl eine „Feminisierung des europäischen Denkens“ („feminisation of European culture“, Manifest, S. 28) – beispielsweise im Militär, wo die Standards für Frauen gesenkt und männliche Krieger („warriors“) in Scharen fortgehen würden. Oder im Arbeitsleben, wo Anklagen wegen sexueller Belästigung genutzt würden, um Männer unter Kontrolle zu halten („to keep men in line“).
Die Feministinnen früherer Zeiten seien allerdings weniger totalitär gewesen als die heutigen. (29) Vor allem aber sieht er Feministinnen nicht als seine eigentlichen Gegner an.
„Wenn diese Trend der ‚Feminisierung‘ nur von Radikalfeministinnen vorangetrieben würde, die versuchten, eine von ihnen so wahrgenommene männliche-dominierte Hierarchie herabzuziehen – dann gäbe es mehr Hoffnung, dass die Kreisläufe der Geschichte Europa wieder zu einem stabileren Arrangement zwischen Männern und Frauen führen würden. Aber der Antrieb ist tiefer, und er wird sich durch kein Arrangement befriedigen lassen. Die Radikalfeministinnen haben sich der breiteren und tieferen Bewegung des Kulturmarxismus angeschlossen.“ (Zitat 2, siehe unten)
Breivik druckt Texte des Bloggers „Fjordman“ ab, in dessen Augen Feministinnen eine zentrale Verantwortung dafür tragen, dass der muslimischen Immigration keine Grenzen gesetzt würden. (335) Der Feminismus hat also in seinen Augen vor allem eine wesentliche Funktion für die eigentlichen Feinde Breiviks, für die Kulturmarxisten und die muslimischen Immigranten. Dass diese Feinde selbst klischeehaft bleiben, ist dabei selbstverständlich – sie zeichnen sich wesentlich dadurch aus, dass sie die westliche Kultur mit tiefer Irrationalität hassen würden und zerstören wollten.
Durchaus genüsslich malt Fjordman aus, was denn geschehen würde, wenn liberale Feministinnen einer aggressiven Gang von Moslems gegenüberstünden. „Würden sie ihre BHs verbrennen und ihre Taschenbuchausgaben der ‚Vagina Monologe‘ nach ihnen werfen?“ (Zitat 3, siehe unten) Während diese Moslems die eigentlichen Feinde sind, gesteht Fjordman der Frauenbewegung allerdings zu, dass sie zu „wesentlichen Veränderungen“ beigetragen habe und dass keinesfalls „alle ihre Ideen falsch gewesen“ seien. (Zitat 4, siehe unten)
Hier wird deutlich, worin für Breivik eigentlich das Problem an der Feminisierung der Gesellschaft besteht: Sie ist in seinen Augen nicht mehr wehrhaft und ihren Feinden schutzlos ausgeliefert. Der Mann, der er wünscht, ist also wesentlich – der Soldat.
Breiviks Entwurf der Geschlechter ist damit abhängig von der Fantasie, in einem entscheidenden, erbitterten Kampf zwischen der europäischen Zivilisation und ihren Feinden zu stehen – und dafür braucht er harte, kampf- und opferbereite Krieger.
Kaum einmal greift er dabei eines der zentralen Themen der Männerrechtsbewegung auf, nämlich das der Väterrechte. Tut er es doch, dann interessiert er sich keinem Moment lang dafür, dass Väter unter der Trennung von ihren Kindern oder Kinder von der Trennung von ihren Vätern leiden. Ihm geht es um die Vorbereitungen auf den Kampf, um die Sicherung von „Regeln und Autorität“ (mit Fjordman: „rules and authority“, Seite 341) und um die „Wiederbelebung traditioneller patriarchaler Strukturen“ („Re-creating the traditional patriarchal structures“, 1134ff.)
Während feminismuskritische Männer seit mehreren Jahrzehnten und im Anschluss an Farrells Rede vom „Mythos Männermacht“ zu zeigen versuchen, dass die Idee eines Patriarchats eine Illusion zur Durchsetzung politischer Zwecke ist, hat sich Breivik ganz dieser Illusion verschrieben. Das soldatische Männerbild, das er dabei idealisierend entwirft, ist eben das Bild des „disposable male“, des völlig verfügbaren, opferbereiten Wegwerf-Mannes, gegen das sich Farrell und die heutige Männerechtsbewegung so entschieden positioniert haben.
Das wird besonders deutlich, wenn Breivik in einem eigenen Kapitel über das Töten von Frauen räsonniert (S. 924f.). Das Räsonnement ist für ihn nicht etwa deshalb notwendig, weil er gern Frauen ermorden möchte – sondern weil das Töten von Frauen für ihn, anders als das Töten von Männern, ein Problem darstellt. Seine vorgeblich ritterliche Gesinnung („chivalrous“), die im zivilen Leben selbstverständlich sei, wäre  in dem von ihm fantasierten Krieg fatal – daher müsse ein Kämpfer sich sogar auf das Töten von Frauen vorbereiten, auch wenn ihm der Gedanke nicht behagen könne.
„Ich fühle mich nicht wohl mit dem Konzept, Frauen zu Töten, weil sie einfach zu wertvoll sind, um sie in Gefahr zu bringen“ ( I am not comfortable with the concept of killing females as they are simply too valuable to be put in harm’s way. S. 925)
Die prinzipielle Abwertung der Männer und die Höherwertung der Frauen, und ebenso die selbstverständliche Legitimation massiver Gewalt, steht völlig konträr zu den Positionen, die eine demokratische, liberale Männerrechtsbewegung seit Jahrzehnten vertritt. Diese Bewegung wendet sich ja eben gegen Positionen, die („I bathe in male tears“) Gewalt nur dann problematisch finden, wenn sie sich gegen Frauen richtet – anstatt Gewalt insgesamt und unabhängig vom Geschlecht abzulehnen.
In jüngerer Zeit haben Männer beispielweise die radikale Einseitigkeit kritisiert, mit der staatliche Institutionen wie das deutsche Familienministerium häusliche Gewalt nur dann als problematisch darstellt, wenn sie Frauen trifft – mit der die Verbrechen der extrem brutalen Terrorgruppe Boko Haram völlig ignoriert wurden, solange Jungen und Männer bestialisch ermordet wurden, und erst zum Skandal wurden, als Boko Haram Mädchen entführte – oder, gerade eben, die blinde Einseitigkeit, mit der die berühmte Fernsehjournalistin Maria von Welser von einem weltweiten „Femizid“, also Morden zur Auslöschung von Frauen schreibt und dies nur tun kann, weil sie die zahlenmäßig weitaus häufigeren männlichen Gewaltopfer völlig selbstverständlich ignoriert.
Gerade war ich selbst bei einer Veranstaltung, bei der die weltweit berühmte, in politischen und wissenschaftlichen Institutionen rundum etablierte Männerforscherin Raewyn Connell über einen jahrelangen Femizid an Frauen in der mexikanischen Stadt Ciudad Juarez redete. Ich schlug hinterher nach und stellte fest, dass dort von zehn Mordopfern ein bis zwei weiblich waren – Connell hatte einfach die weit überwiegende Mehrheit der männlichen Mordopfer ausgelassen, um von einem Femizid reden zu können.
Ohne dass es ihnen klar wäre, stehen die Geschlechterforscherin, die Familienministerin und die Journalistin dem Geschlechterbild Breiviks deutlich näher, als es die so sehr angefeindete Männerbewegung tut.
Eine Männerbewegung, die auf das Leid entsorgter Väter hinweist und auf die enorme emotionale Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehung – die häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer thematisiert – die Strukturähnlichkeiten von Rassismus und Männerfeindlichkeit herausarbeitet – die Rechte Homosexueller als Männerrechte beschreibt – die für eine bessere Gesundheitsfürsorge von Männern kämpft und Hilfe für Männer einfordert, etwa für die Obdachlosen, die zum weitaus überwiegenden Teil männlich sind –
eine Männerbewegung also, die das Muster des „disposable male“ als inhuman und feindselig, als Grundlage von Ausbeutungsstrukturen analysiert, und die das Reden vom „Patriarchat“ als illusionär entlarvt – eine solche Männerbewegung würde im Kosmos von Breiviks Denken schlichtweg ein Beitrag zur „Feminisierung“ der Gesellschaft sein, ein Trojanisches Pferd der „Kulturmarxisten“. Ein Feind.
Verwertungen eines Massenmords Das hat politische Gegner dieser Männerbewegung bekanntlich nicht daran gehindert, Breiviks Verbechen gegen männerrechtliches Engagement auszuspielen. In seiner Schrift über die „antifeministische Männerrechtsbewegung“ stellt der Autor Hinrich Rosenbrock für die grüne Heinrich-Böll-Stiftung Breiviks Antifeminismus heraus und konstruiert darüber Parallelen zum Engegement für die Menschenrechte von Männern.
Dass Breivik sich – eindeutig – antifeministisch geäußert hat, begründet allerdings an sich noch keine Verbindung – sonst könnten ja beispielsweise auch Parallelen zwischen der USA oder Großbritannien mit dem nationalsozialistischen Deutschland beschrieben werden, weil sich schließlich auch die Nazis anti-bolschewistisch positioniert hatten.
Was Rosenbrock über die vage Andeutung hinaus, die Männerrechtsbewegung habe sich nicht von Breivik distanziert, fehlt, ist irgendein Signal der Unterstützung für den norwegischen Massenmörder. Gleichwohl schreibt er von starken „Überschneidungen“ (Rosenbrock, S. 17) zwischen Männerrechtsbewegung und extremen Rechten und kaschiert damit die massiven Gegensätze zwischen Männerrechtlern und Breivik.
Der einzige (!) Beleg Rosenbrocks (S. 23) ist ein Text des explizit rechten Maskulisten Michail Savvakis, der Breiviks Taten als Resultat einer Ausgrenzung rechter Positionen aus dem politischen Diskurs versteht. Das ist tatsächlich eine fragwürdige Dampfkesselhypothese – als ob konservative Gedanken so lange und ganz ohne Ventil aus der Öffentlichkeit herausgedrückt würden, bis sie sich in rechtsradikale verwandelten und schließlich explodierten.
Savvakis übersieht, dass radikale Feindbilder und Kriegsfantasien, wie Breivik sie auf über 1500 Seiten ausbreitet, mit sehr guten Gründen in keinem liberalen, demokratischen Gespräch einen Platz haben – und dass sie sich von klassischen konservativen Positionen erheblich unterscheiden.
Gleichwohl verweist Rosenbrock offenkundig in eben der Absicht auf Savvakis, über dessen Text ein Engagement für Männer- und Väterrechte insgesamt diskreditieren zu können. Auch wenn er immerhin erwähnt, dass Arne Hoffmann sich klar von Savvakis distanziert hatte, ist diese Darstellung politischer Gegner von bemerkenswerter Unseriosität und Bedenkenlosigkeit.
Die Konstruktion einer Verbindung des Massenmörders Breivik mit männerrechtlichem Engagement wird trotz ihrer Haltlosigkeit wieder und wieder aufgegriffen. Rolf Homann benutzt sie beispielsweise als effektvollen Aufhänger für ein Radiofeature der ARD, dass er „Maskuline Muskelspiele“ nennt, und Robert Claus treibt sie in der 2014 bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erschienen Schrift „Maskulismus“ auf die Spitze.
Er behauptet dort beispielsweise, Teile der Männerrechtsbewegung würden
„die Morde des Anders Behring Breivik in Norwegen als widerständige Tat ‚gegen Feminismus und Multikulti’ (…) preisen.“
Durch die Anführungszeichen simuliert Claus hier ein Zitat lediglich – tatsächlich belegt er seine gravierende Äußerung nicht. (S. 13) Der konservative Männerrechtler manifold, so Claus, hätte gar
„in Bezug auf die Anschläge Anders Behring Breiviks in Norwegen ‚Sympathie mit einem Terroristen, der lediglich eine andere, islamismusfreie und multikulturresistente Gesellschaft herbeiführen wollte“,
geäußert. (S. 65f). Claus wiederholt damit eine Behauptung, die er schon 2013 in einer Zeitschrift des „Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrum Berlin e.V.“ gemacht hatte (S. 5).
Tatsächlich bezieht sich manifold zustimmend auf Michail Savvakis‘ politisch so fragwürdige Interpretation der Massenmorde – Sympathie drückt er ganz eindeutig nicht aus. Er spricht vom „Entsetzen“ angesichts einer „schrecklichen Tat“ und vom Beileid für die Hinterbliebenen. Er fragt allerdings auch polemisch, wie denn eine linksliberale Öffentlichkeit reagieren würde, wenn nun jemand Sympathie für diesen Terroristen äußern würde – so wie Sartre dem Terroristen Andreas Baader Sympathie entgegengebracht habe.
Manifold versucht so, ausgerechnet die Gelegenheit rechtsradikaler Massenmorde zu nutzen, um die alte „Sympathisanten“-Debatte wieder aufleben zu lassen. In einem anderen, früheren Text stellt er sich gar ungeniert vor, dass Breivik wegen des Klimas politischer Korrektheit „keinen anderen Weg“ als den Massenmord gesehen hätte. Seine dort gebrauchte Formulierung von der „verachtenswerten Verzweiflungstat“ macht deutlich, wie er sich von den Verbrechen distanziert und zugleich versucht, sie seinerseits politisch zu verwerten.
Das ist allerdings politisch haltlos und wurde von Arne Hoffmann auch sehr schnell massiv kritisiert.  Die Sympathie für die Verbrechen, die ihm Claus unterstellt, äußert manifold allerdings explizit nicht. Im Kontext der zitierten Äußerung ist auch auszuschließen, dass Claus ihn einfach nur missverstanden hat.
Anstatt also die Kritik zu üben, die an manifold – auch massiv – nötig wäre, unterschiebt ihm Claus gezielt eine Position, die geeignet ist, das Engagement für Rechte von Männern insgesamt zu diffamieren.
Vor allem ist es nämlich hergeholt, dass Claus manifold mit Bezug auf Rosenbrock als „Schlüsselfigut der ‚maskulistischen’ Bewegung“ präsentiert. Der nämlich ist isoliert und hat zudem 2013 in seinem Blog gerade einmal drei Texte veröffentlicht, im gesamten Jahr 2014 überhaupt keinen.
Ganz gegen die eigene Absicht belegt Claus so, wie haltlos die Konstruktion von Parallellen zwischen Breivik und dem Engagement für Männerrechte sind. Für die SPD-Stiftung kann er diese Konstruktion nur mit Hilfe gleich mehrerer Falschbehauptungen aufrechterhalten.
Trotzdem ist die Bedenkenlosigkeit erstaunlich, mit der hier Stiftungen der SPD und der Grünen die Massenmorde für die eigene politische Agenda zu nutzen versuchen. Die gigantischen Summen, die Parteistiftungen aus öffentlichen Mitteln erhalten (2014 für die Friedrich-Ebert-Stiftung 143,6 Millionen, für die Heinrich Böll Stiftung 49,4 Millionen) rechtfertigen sich nämlich wesentlich dadurch, dass sie „die Bürger zum politischen Engagement anhalten“. Hier ist ohne Zweifel das Gegenteil der Fall: Politisches Engagement von Bürgern soll verhindert werden, indem es so massiv wie möglich diffamiert wird.
Wer sich öffentlich gegen Benachteiligungen von Jungen oder Männern aussprechen will, oder feministische Positionen kritisiert, wird so massiv eingeschüchtert. Gerade die Haltlosigkeit der Diffamierungen erfüllt für diese Einschüchterung eine wesentliche Funktion: Auch wer sich zu Breivik und anderen Rechtsradikalen gar nicht äußert, wer sie klar kritisiert, wer Abscheu vor ihnen äußert, kann trotzdem beliebig als Sympathisant hingestellt werden – sobald er außerhalb roter oder grüner Geschlechterklischees argumentiert.
Dass die Unterstellungen so massiv sind, trägt dabei vermutlich sogar zu ihrer Glaubwürdigkeit bei. Es kann sich wohl kaum jemand vorstellen, dass halbwegs respektable Institutionen so gravierende, absehbar folgenschwere Vorwürfe verbreiten, die völlig unbegründet sind oder gar allein durch Falschbehauptungen konstruiert wurden.
Die aus Steuermitteln finanzierte, institutionell gestützte politische Diffamierung richtet sich zudem nicht gegen Gegner, denen auch nur annähernd vergleichbare finanzielle und institutionelle Mittel zur Verfügung stünden. Sie richtet sich gegen Menschen, die ohnehin schon in Not sind: gegen Väter, die um die Möglichkeit des Kontakts zu ihren Kindern kämpfen – gegen Männer, die Opfer häuslicher Gewalt wurden und die darüber öffentlich sprechen – gegen Menschen, die auf die massiven schulischen Nachteile von Jungen aufmerksam machen – und gegen viele andere.
Was all dies noch schlimmer macht: An dem ungeheuren realen Leid, für das der faschistische Massenmörder Breivik verantwortlich ist, interessiert Rosenbrock, Homann oder Claus, die Heinrich Böll Stiftung und die Friedrich Ebert Stiftung allein seine politische Verwertbarkeit. Die Aspekte der Verbrechen, die nicht in die eigene politische Agenda passen, werden von den Autoren vollständig ignoriert: zum Beispiel die massiven Widersprüche zwischen den Geschlechterbildern Breivks und denen der Männerbewegung in der Tradition Farrells.
Für Konservative werden diese bösartigen Diffamierungen vermutlich lediglich ein Beleg für eine angebliche Gewissenlosigkeit linker Politik sein. Das ist haltlos, zumindest im Lichte meiner persönlichen Erfahrungen: Natürlich kenne ich viele Sozaldemokraten oder Grüne, und fast durchgehend hat es für sie eine besonders große Bedeutung, dass ihre Parteien für eine humane, faire Politik stehen.
Wie ist dann aber die irrwitzig brutale Verleumdung bürgerrechtlichen Engagements zu erklären? Vermutlich zeigt sich darin, welch eine panische Angst diese Parteien vor einer offenen, demokratischen Geschlechterdebatte haben. Das ist wohl nicht allein eine abstrakte Angst: Es traut sich in den Parteien offenbar auch niemand, sich den Scharfmachern entgegenzustellen, die in den Stiftungen für die steuerfinanzierte Hetze gegen Andersdenkende verantwortlich sind.
Die Angst vor dem Konflikt ist offenbar so groß, dass daneben der völlige Verlust des politischen Gewissens als das kleinere Übel erscheint. Damit aber betonieren diese Stiftungen dann ihrerseits, und von ihrer Seite aus Feindbilder – anstatt dem Freund-Feind-Denken und den Kriegsfantasien des Massenmörders Breivik mit den Stärken einer offenen Gesellschaft zu begegnen.
Ein tl; dr
Der Text ist natürlich sehr lang geworden – ich hielt es aber für besser, ihn im Zusammenhang zu veröffentlichen, anstatt mehrere Teile daraus zu machen. Aber ein tl; dr ist hier wohl angebracht:
Erklärungen für die ungeheuren Massenmorde des Faschisten Anders Breivik können bestenfalls notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen beschreiben. Regelrecht antidemokratisch ist die  politische Verwertung dieser Verbrechen in den massiven Anschuldigen, die von der grünen Böll-Stiftung und der sozialdemokratischen Ebert-Stiftung an männerrechtliches Engagement gerichtet wurden. Ein Vergleich der Geschlechterbilder Breiviks und der heutigen Männerbewegung macht gegensätzliche, unvereinbare Positionen deutlich. Parallellen zwischen männerechtlichem Engagement und Breiviks Antifeminismus lassen sich daher nur durch gezielte Falschlektüren und schroffe Fehlinformationen herstellen.
Ein PS. zum sogenannten Kulturmarxismus
Lange nach den Massenmorden Breiviks griffen einige Kommentatoren in männerrechtlichen Blogs ihrerseits die Rede vom „Kulturmarxismus“ aus der amerikanischen Rechten auf. Gäbe es in der Männerbewegung einen Beauftragten für strategisch kluges politisches Verhalten, dann würde er angesichts dessen wohl vor Verzweiflung in die nächsterreichbare Tischkante beißen.
Aber mehr noch: Kritik am Feminismus ist natürlich legitim und nicht mit Breiviks Antifeminismus gleichzusetzen. Das Kulturmarxismus-Gerede vollzieht allerdings Vorstellungen nach, die für Breivik tatsächlich zentral sind: massive Freund-Feind-Strukturen, die sich auf die Annahme stützen, die Feinde würden durch tiefen Hass angetrieben – die Verabschiedung von politischer und philosophischer Rationalität in der Annahme, ausgerechnet die Frankfurter Schule sei für die wesentlichen Probleme westlicher Gesellschaften verantwortlich – und zudem die Fantasie eines Kriegszustands.
Solche Fantasien legen ein soldatisches Männerbild nah, an dem eine liberale, demokratische, menschenfreundliche Männerbewegung kein Interesse haben kann: das Bild des disposable male, des Wegwerfmannes.
Quellen und Zitate
Neben den verlinkten Texten habe ich mich auf die kindle-Ausgabe des folgenden Buches bezogen: Aage Borchgrevink: A Norwegian Tragedy: Anders Behring Breivik and the Massacre of Utya, Cambridge 2013
Das Manifest Breiviks habe ich nicht verlinkt, weil sich dort neben den zitierten Textstellen auch Anleitungen für terroristische Akte finden.
Englische Zitate habe ich selbst ins Deutsche übersetzt. Hier sind die englischen Originale:
1. Aus Aage Borchgrevink: A Norwegian Tragedy
„A large part of the reason that the mother has had increasing difficulties over the past few years is connected to her extremely unusual relationship with Anders. She projects her primitive und sexualised aggressive fantasies onto him, everything that she perceives as dangerous and aggressive in men. Her daily interaction with him is characterized to a great degree by double communication; on the one hand, she is symbiotic, while at the same time rejecting him with her body language and can suddenly shift between speaking with him in an overly sweet manner and openly expressing death wishes.” (kindle-Position 6377)
Aus Breiviks Manifest:
2. If this “feminisation” trend were driven only by radical feminists seeking to pull down a perceived male-dominated hierarchy, there would be more hope that the cycles of history would move Europe toward a stable accommodation between men and women. But the drive is deeper, and it will not be satisfied by any accommodation. The radical feminists have embraced and been embraced by the wider and deeper movement of cultural Marxism. (S. 29)
3. What are liberal feminists going to do when faced with aggressive gang of Muslim youngsters? Burn their bras and throw the pocket edition of the Vagina Monologues at them? (336)
4. Although feminism may have strayed away into extremism, that does not mean that all of its ideas are wrong. The women’s movement will make lasting changes. Women have occupied positions considered unthinkable only a few decades ago. Some things are irreversible. (341)
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31 Comments

  • Meine Verneigung vor diesem gut recherchiertem und fundiert belegtem Beitrag, Lucas.

    Komprimiert man deine lange Ausführung und bricht sie herunter, so ergibt sich das folgende Bild für mich (das nun folgende ist stark abstriert)

    – Breivik wurde zum Täter gemacht (wenn auch ungewollt)
    – Seine Mutter war dabei seine größte 'Unterstützerin' und 'Förderin'
    – Dies, weil sie nicht in der Lage war, Rahmenbedingungen zu schaffen
    – Dem Vater gab man per se keine Chance, den Jungen herauszuholen
    – So schuf sich also der Junge Breivik sein Zuhause und manifestierte es
    – Letztendlich kreierte er sein Universum so, wie es ein A.H. auch plante
    – Und er knallte viele Kinder ab, so wie A.H. ein ganzes Volk freigab & opferte
    – Manifold nutzte es, um dies zu hinterfragen und wurde bewusst missverstanden
    – Denn Subventionierte, wie die HBS (Rosenbrock z.B.) wollen Deutungshoheit
    – Und sie suchen 'Zeugen' die sie zur Bewahrung dieser blamieren können
    – Es geht um viel Geld, Ideologie und die behaltene Deutungshoheit
    – Denn sonst fließen keine Fördermittel und Spenden mehr

    Das ist jetzt und zugegenermaßen sehr stark abstrahiert, könnte aber imho durchaus dem Kern recht nahe kommen. Und es liegen wohl Mechanismen dahinter, die eine enge Verzahnung zwischen Stiftungen, Legeslative und Exekutive erst auf den zweiten Blick deutlich zu machen scheinen.

    Ganz platt formuliert: Die Frau ist und bleibt das Opfer und 'gut' ist's! Etwas reflektierter: Niemand hat das Recht, an diesem Selbstbild zu kratzen – und wenn doch, manipulieren wir Tacheles. Kurzum: Kinder werden instrumentalisiert, um das Bild des ewigen Täters zu etablieren und weiter zu zementieren.

    Ein aktuelles Beispiel: Tuğçe Albayrak und die Ausschlachtung durch unsere Medien und auf der Ebene einer ausschlachtenden Landespolitik.

    Und das Totschweigen solcher Namen wie „Daniel S.“ oder aktuell „Joey“ (er starb drei Tage nach Tuğçes Ableben).

    Sowas interessiert einen Hinrich Rosenbrock natürlich nicht, denn es war ja nur sein eigenes Geschlecht – und eben kein verwertbarer (im Sinne der HBS, Heinrich-Böll-Stiftung), verwertbarer. Denn er schreibt lieber konform, als dass er sich mit seinen (unterstellten)
    Unzulänglichkeiten auseinander setzt. Liest man dazu etwas?

    Es hat nichts mit Kulturmarxismus zu tun, ein Kampfbegriff aus den 70ern, welchen ich genau so wenig mag wie die Schubladen „links“ oder „rechts“. Es hat etwas mit Indoktination und dem Zusammenwürfeln von kognitiven Dissonanzen, eigener Ideologie und der medialen Durchsetzung dieser 'Melange' zu tun.

    Und vor allem mit einem Thema: Instrumentalisierung!

    Weder bin ich ein Freund von Manifold (o.ä.), noch ein Anhänger von hochfinanzierten Stiftungen, die aus Toten versuchen Argumente zu zimmern (immer feste druff), sondern es widert mich nur noch an, wie alle Seiten versuchen ihr Kapital daraus zu schlagen.

    Das ist genauso menschenverachtend wie die Väterrechte in unserem 'Schland.
    Und man geht dafür skrupellos über Leichen; egal wie alt.

    Hauptsache, es gefällt sich selbst

  • Danke, lieber Schoppe, für Ihr Essay zu diesem sehr komplexen und schwierigen Thema. Die Tat Breiviks vorurteilsfrei zu betrachten, fällt den meisten Menschen nicht leicht. Sie scheint derart monströs, dass man fast zwanghaft Klischees aufgreift, um das Unfassbare einerseits abzuweisen und sich zugleich erklärbar zu machen. Denn ohne Selbsterklärung scheinen die Tat und ihre Folgen unerträglich zu bleiben. Dass SPD wie Grüne Stiftungen die Tat instrumentalisieren, zählt durchaus mit zu diesen Abweisungs- und Verarbeitungsstrategien. Gleichzeitig sind sie auch ein Beleg für die Schamlosigkeit dieser „Vordenker“, die sich jeder Stereotypen bedienen, um ihre eigene menschenverachtende Geschlechterapartheid zu bemänteln wie zu begründen, um politisches Kapital daraus zu schlagen und die eigene Wagenburg zu festigen. – Es sind bewusste Diffamierungen, keine Lapsus oder intellektuelles Unvermögen.

    Sehr einfühlsam beschreiben Sie die hilflosen Bemühungen, eine Ursache für Breiviks Taten zu finden. Sie kommen aber schließlich zu dem Ergebnis, dass der Missbrauch durch die Mutter den Massenmord weder begründet noch erklärt. Würden alle Menschen, die eine prekäre Kindheit durchlebten zu wütenden Mördern, wäre es wahrscheinlich bald sehr still auf der Erde. Sadisten und Mörder haben zudem nur zum Teil eine elende Kindheit und Jugend verbracht. Jeder Mensch entscheidet sich jeden Tag erneut, ob er böse oder gut handelt. Auch Psychopathen treffen diese Entscheidung.

    Dennoch, die Entwicklung der monströsen Persönlichkeit unter den Fittichen einer wütenden und übergriffigen Mutter bei Abwesenheit des Vaters, sollte als Gliederstrang einer fatalen Emergenz, einer pathologischen Wesensentwicklung nicht ausgeblendet werden. Breivik wurde von seiner Mutter brutal geschlagen und auch sexuell missbraucht. Dass er dann die Weiblichkeit glorifiziert, scheint mir eine Kompensation von uneingestandener Wehrlosigkeit und Schuldgefühlen zu sein. Er verhielt sich der Mutter und sich selbst gegenüber nicht mannhaft. Dies aber kann er sich nicht eingestehen. Denn dann wäre er in seinen Augen ein Verlierer und kein Krieger. Hier liegt eine mögliche pathologische Potenzierung seiner Unwertgefühle, die er schließlich externalisiert und sich so den Feind fern der Feindin, der Mutter, erschafft.

    Seine Mutter wurde so zu seinem malignen Introjekt, dem er sich unterworfen hatte, und dass er folgerichtig nur noch im Außen verfolgen, bekämpfen und töten kann; nun wird der Massenmord zu einem Akt der Befreiung. Wir können dieses Phänomen – unabhängig von der Art des malignen Introjekts – an den meisten Gewalttaten und Kriegen ablesen.

    In ähnlicher Weise agieren auch die beiden Männer, Rosenbrock und Claus, die ihr Introjekt in männerfeindlicher Externalisierung zu überwinden versuchten.

  • Auch von mir, lieber Schoppe, ein Danke für diesen hervorragenden Text!
    Ich habe schon lange vermutet, dass der „Fall Breivik“ – ganz anders als in den feministisch geprägten Medien ausgeschlachtet – keineswegs ein Beleg für die gefährliche Radikalität der Männerrechtler oder der Männer im allgemeinen sein kann, sondern viel sehr viel eher für die im Einzelfall extremen Folgen der Vaterentziehung. Breivik ist (auch) das Ergebnis einer Alleinerziehung durch eine psychisch instabile oder sogar kranke Mutter. Vielleicht ist der starke Held, nachdem er sich sehnt und den er durch seine unvorstellbar grausame Tat darzustellen versucht, der Vater, der ihm fehlte. Es ist leider zu befürchten, dass die zunehmende Vaterlosigkeit, verbunden mit der von Radikalfeministen betriebenen Abwertung, Ausgrenzung und Beleidigung von Männern und Jungen noch weitere „Bestien“ wie Breivig hervorbringen wird. Anders ausgedrückt in Abwandlung des bekannten Goya Zitats: Der Traum des Feminismus gebiert Ungeheuer.

    Noch zwei Anmerkungen:

    1. Im Text heißt es „Die Legitimation für Mord erfordert es einerseits, dass der Gegner entmenschlicht, zum Feind wird, dem gegenüber Fairness nicht verfehlt wäre…“ Sollte es nicht heißen „dem gegenüber Fairness nur verfehlt wäre“?
    2. Eine englische Version dieses Beitrags wäre sehr sinnvoll. Er verdient es, international verbreitet zu werden, z.B auf „A Voice for Men“

  • Es kann nicht oft genug gesagt werden, denn der Dogmatismus in Politik und Medien ist ja kaum noch auszuhalten: hier, durch einen Lehrer wird die intellektuelle Arbeit geleistet – zumal unentgeltlich – die eigentlich jene hochbudgetierten Institutionen, Stiftungen etc. erbringen müsste.

    Gewissenlose Verwerter gab es, gibt es, wird es immer geben – genau wie den steten Tropfen der Wahrheit. Deshalb, bleib dran, lieber Lucas. DANKE!!

  • Für mich ist der wesentliche Punkt deines Beitrags die Gewichtung des Kulturmarxismus. Möglicherweise gibt es gesellschaftliche Phänomene, die geeignet sind, um sie als Ergebnis einer ominösen dunklen Kraft (Kulturmarxismus) zu deuten. Wenn in der Männerrechtsbewegung mit dem Begriff des Kulturmarxismus argumentiert wird, dann sollten aber mindestens Gesetze vorgestellt werden, die die Wirkung und Entstehungsbedingungen dieser Kraft beschreiben. Das wird aber nicht geleistet. Also ist der Kulturmarxismus ein untaugliches, irrationales Konzept – genauso wie der Begriff des Patriarchats, der auch irrational ist.

    Breivik hat sich als nicht geisteskrank beschrieben und wurde vom Gericht als zurechnungsfähig eingestuft. Sein Kampf war ein Kampf gegen das System, er ist ein Terrorist.

    Die Auseinandersetzung mit dem Feminismus (Genderismus) ist, soweit ich die Geschichte der Männerrechtsbewegung überblicke, gewaltfrei. Gewaltaktionen und Vernichtungsfantasien befinden sich auf feministischer Seite.

    @John
    du schreibst:“Der Traum des Feminismus gebiert Ungeheuer“. Das ist zwar eine originelle Umformulierung des ursprünglichen Zitats, gräbt aber auch an den Rändern der Irrationalität (Traum als Ort des Schreckens). Der Feminismus ist politisch so erfolgreich, weil er seine Traum-Phase hinter sich gelassen hat. Er ist heute rational angelegt und ist insofern ernst zu nehmen und rational zu bekämpfen – und hier darf ruhig mit harten Bandagen gekämpft werden (z.B. Michael Klein versus Lann Hornscheidt).

  • @John

    „Eine englische Version dieses Beitrags wäre sehr sinnvoll. Er verdient es, international verbreitet zu werden, z.B auf „A Voice for Men““

    Ja. In der tat. Das sollte vielen zugänglich gemacht werden. Auch weitere seiner texte.

    Sie sind allerdings nicht einfach zu übersetzen, eben weil sie auch sprachlich gut und nuonciert sind. Bin selber zwar fast native Speaker, habe aber deshalb gehörigen Respekt davor, das in Englisch genau so zu erfassen.

  • @ John Stimmt, ein „nicht“ war zu viel, ich hab es verbessert. Danke dafür!

    Die Morde aus der Mutter-Sohn-Konstellation heraus zu erklären, reicht in meinen Augen ja nicht aus – das heißt aber natürlich nicht, dass dieser Aspekt unwichtig wäre. Und wenn Rosenbrock und Claus die Morde schon unter Geschlechteraspekten diskutieren wollen, dann gehört dieser Hintergrund natürlich unbedingt dazu – das müsste eigentlich jedem auffallen.

    Aber auch hier sind sie wohl an einer politischen Agenda deutlich stärker interessiert als an einer sachlichen, umsichtigen Auseinandersetzung. Die Idealisierung der mütterlichen Alleinerziehung als Befreiung von männlicher Herrschaft (à la Heiliger) ist offenbar ein so starkes politisches Tabu, dass die Autoren sogar solche Erwägungen völlig vermeiden, die sachlich eigentlich unvermeidbar sind.

    @ John, petpanther Danke für die Kommentare zum Text, das hat mich gefreut! Sachlich gehört einiges sicherlich auch einfach in den politischen Raum Deutschlands (die Grünen, die Veränderung der SPD in den vergangenen Jahrzehnten) und ließe sich gar nicht so einfach in einen andere Raum übertragen.

    Es wär sicher reizvoll, es mal zu versuchen, aber sicher eben auch sehr zeitaufwändig – es ginge ja nicht nur um eine Übersetzung der Sprache, sondern auch um englischsprachige Entsprechungen der Beleg-Links, etc. Das flößt mir auch Respekt ein. 🙂

  • @ Emmanzer Danke für den Kommentar! (Und auch für die Links!)

    Zwei kleine Aspekte sehe ich etwas anders als Du. Ich finde nicht, dass Breivik von anderen „zum Täter gemacht“ wurde. So etwas lässt sich vielleicht über manche Kindersoldaten schreiben, aber Breivik hat sich durchaus selbst – und zwar geplant, gezielt, umsichtig und systematisch – zum Täter gemacht. Seine Morde hatten einen langen Vorlauf, und er hat ganz offensichtlich bewusst daran gearbeitet, die begehen zu können. Er ist also ganz eigenständig zum Täter geworden.

    Ich finde auch nicht, dass Manifold bloß „hinterfragen“ wollte. Er hatte sehr wohl seine eigene politische Agenda und hat die dann auf das Verbrechen projiziert – und auch für ihn spielte es offenbar keine Rolle, dass er seine Position gar nicht belegen konnte. Wie auch? Die einen sehen im „Antifeminismus“ die Wurzel aller Übel (also auch die Ursache dieser Verbrechen), Manifold in der „politischen Korrektheit“ (also auch in diesem Fall).

    Der Unterschied ist natürlich, dass Rosenbrock und Claus institutionell massiv gestützt werden, während Manifold ein privates Blog betrieben hat. Und dass Claus ihn bewusst und absichtlich missverstanden hat – dass lässt sich tatsächlich m.E. nicht sinnvoll bestreiten.

  • Lieber Matthias Mala, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die psychologischen Zusammenhänge eben so sind, wie Sie die beschreiben. Es erscheint mir sehr stimmig. Mit bleibt es trotzdem völlig schleierhaft, wie Breivik von daher zu tatsächlichen Massenmorden gekommen ist.

    Dass jemand die ganze Welt um sich herum hasst, weil er sich nicht traut, dort zu hassen, wo er sich tatsächlich hätte wehren müssen – das kann ich mir vorstellen. Dass jemand aus diesem Welt-Hass ein ungeheures Verbrechen macht, an dem er jahrelang arbeitet, auf das er sich vorbereitet, für das er ein 1500 Seiten dickes „Manifest“ schreibt – das kann ich mir nicht mehr vorstellen.

    Dafür braucht es m.E. auch soziale Strukturen, die ihn stützen oder von denen er sich zumindest gestützt fühlt. Es braucht auch Bedingungen des Verbrechens in der Gegenwart, nicht allein in der Vergangenheit.

    Zudem ist es ja sehr interessant, dass es viele gibt, die in ähnlichen Kindheiten aufwachsen, die aber sehr weit davon entfernt sind, so destruktiv wie Breivik zu agieren. Oder gar Menschen, die furchtbare Kindheitsbedingungen erlebt haben und die scheinbar völlig unbeschadet dort herauskommen.

    Das ist vermutlich nur dann möglich, wenn sie irgendwelche positiven Ressourcen hatten – vertrauenswürdige Großeltern, Freunde, vielleicht auch institutionelle Helfer. Bei Breivik hat es solche Ressourcen offenbar nicht gegeben, oder er hat nichts mit ihnen anfangen können. Dafür hatte er aber eben Ressourcen zur Verfügung, die ihm geholfen haben, seinen Hass mörderisch weiter zu entwickeln.

    Das ist für mich der Aspekt, bei dem es überhaupt möglich sein könnte, angesichts solch irrer Verbrechen einen rationalen Ansatz zu finden: Nicht den Anspruch zu haben, die Verbrechen insgesamt erklären zu können – aber zu versuchen, Bedingungen zu identifizieren, die sie ermöglichen bzw. verhindern.

  • @ quellwerk „Also ist der Kulturmarxismus ein untaugliches, irrationales Konzept – genauso wie der Begriff des Patriarchats, der auch irrational ist.“ Das sehe ich genauso. Es gibt Aspekte des Konzepts, die zumindest auf den ersten Blick einleuchtend sind – zum Beispiel, dass sich Politik mit einem irgendwie „linken“ Anspruch von der ökonomischen Analyse weg und zu kulturpolitischen Positionen hin entwickelt hat.

    Das hat m.E. aber eben nichts mit der Frankfurter Schule zu tun, sondern mit der (bewussten, bequemen) Blindheit vieler heutiger „Linker“ für die ökonomische und soziale Privilegiertheit der eigenen Position.

    Dass es zudem eine Gleichförmigkeit der öffentlichen, medial verbreiteten Meinung gibt – das sehe ich auch so. Selbst unser Außernminister sieht das so und hat dazu neulich eine Rede gehalten: „Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.“

    Die Rede vom „Kulturmarxismus“ macht daraus allerdings eine Verschwörungstheorie, die unerschrocken ins Irrationale abgleitet.
    Das betrifft auch die Darstellung der Frankfurter Schule. Ich frag mich bis heute, ob das eigentlich ernst gemeint ist.

  • Ich halte es für zu kurz gesprungen, den Kulturmarxismus als Verschwörungstheorie abzutun, nur weil die Beschreibung eines Zustandes viele Variablen außen vor lassen muss. In der historischen Betrachtung, wenn eine Ausprägung der Gesellschaft fließend in die nächste übergeht, wird die Beschreibung aus der Rücksicht auch kranken, weil die Beschreibung komprimiert, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Die Filetstücken, die eine These stützen, werden überbetont, während der Rest gerne mal aus dem Fokus gerät. Setzt sich eine historische Betrachtung durch, wird diese so wirkmächtig, dass kein Widerspruch bis zur Schweigespirale eine Wesensmächtigkeit erzeugen. Jede dritte Frau wird zum Beispiel körperlich misshandelt. Spinat ist gesund und Stalins Schauprozesse haben die Welt von den Abweichlern befreit.

  • Die „männlichen Überlegenheitsträume“, die Robert Claus der Männerrechtsbewegung zuordnet, finden sich vielmehr bei all denen, auch bei Claus, die an eine patriarchale Dividende, also Privilegien für alle Männer, glauben und dies zum Anlaß nehmen, Benachteiligungen von Männern zu ignorieren. Leute wie Rosenbrock und Claus befassen sich in ihren Publikationen auch nicht mit den Inhalten der oft detaillierten Forderungen (zB Forderungsprogramm Manndat), womit sie der Diskursverweigerung der Feministinnen folgen, deren Grundhaltung zu sein scheint, über in ihren Augen so Absurdes wie angebliche männliche Benachteiligungen erst gar nicht diskutieren zu wollen (Was sie aber nicht daran hindert, der Gegenseite Diskursverweigerung vorzuwerfen, um von ihrer eigenen abzulenken). Der Opferstatus, also die Unterlegenheitsträume, und die aus Schuldvorwürfen ans „Patriarchat“ resultierende Opferdividende sollen ausschließlich Frauen (eventuell auch Homosexuellen und Immigranten) zustehen.

  • Die Behauptung des „Kulturmarxismus“ IST eine Verschwörungstheorie, weil hier nicht rational und faktenangemessen argumentiert wird. Wie Schoppe schon sagt, gäbe es durchaus Berechtigung dafür, ein Abwandern linker Politik ins Kulturelle zu analysieren. In diesem Falle wäre „Kulturmarxismus“ eine Art Hypothese, die man dann aber an den Tatsachen überprüfen müsste.

    Stattdessen liest man eigentlich nur Behauptungen, die kaum durch etwas gedeckt werden. Die „Frankfurter Schule“ wird in ihrer Bedeutung überhöht, aber das geschieht dann ohne Beleg. Und ohne die Texte der „Frankfurter Schule“ zu kennen. Dann wird ein Marcuse zur Zentralfigur des „Kulturmarxismus“ aufgebaut, ohne dass man dessen vermeintliche Wirkmächtigkeit vernünftig prüft bzw. gar belegt. Das ist der Punkt, an dem die Diskussion um „Kulturmarxismus“ schlicht verschwörungstheoretisch wird. Gleichzeitig kann man beobachten, wie durch den Begriff „Kulturmarxismus“ versucht wird, alles über einen Leisten zu schlagen: alles, was problematisch ist, ist letztlich irgendwie linken Ursprungs und beruht auf einem zentralen Konflikt. Es gibt wohl Zusammenhänge zwischen der Linken und dem Feminismus. Aber das ist nicht deckungsgleich. Auch kann man die Verschiebungen ins Kulturelle durchaus aus anderen Wurzeln herleiten – Marquard führt es auf das Theodizee-Problem zurück (Marquard ist selbst ein Konservativer).

    Auch wird „Kulturmarxismus“ nur dadurch scheinbar plausibel, weil man eigentlich keinen definierten Begriff von „links“ hat. Dann erscheinen einem die Grünen auch als typische Linke. Das ist aber ein Missverständnis, denn die Grünen sind weitgehend eine bürgerliche Partei. Es ist kein Zufall, dass Schwarz-Grün dort zunehmend als attraktive Option wahrgenommen wird.

    Was also fehlt im Zusammenhang mit dem „Kulturmarxismus“, ist eine echte differenzierende Betrachtung, die die Möglichkeiten der Ideengeschichte ernst nimmt. Dagegen wird alles Mögliche pauschal in diesen einen Sack gesteckt. z.B. jemand wie Michel Foucault. Der wird von Feministinnen gerne zitiert. Und schon ist er ein Problem. Wer aber Foucault kennt, besitzt aber eine scharfe Waffe, mit der er feministische Machtprozesse via Diskurshoheit sehr gut analysieren kann. Das muss man aber auch sehen können, wenn man solche Denker beurteilen möchte.

  • Dazu passen die folgenden Worte von Gunnar Kunz:

    „Warum Männer so etwas unterstützen, habe ich lange nicht verstanden, bis mir klar wurde, dass sie sich auf diese Weise – ungeachtet der Realitäten – als die edlen Ritter fühlen können, die das schwache Weibchen beschützen. Und die hoffen, auf diese Weise ihre männliche Konkurrenz auszustechen, nach dem Motto: Männer sind scheiße, aber ich habe es gemerkt, also bin ich der bessere Mann.“

    (Aus dem Interview http://man-tau.blogspot.de/2014/12/nicht-mehr-mundtot-ein-interview-mit.html)

  • Ich wollte an der Stelle des Textes (bei der es darum geht, warum Breivik nicht nur aus Gründen politischer Korrektheit keinen Platz in öffentlichen Diskussionen gefunden hat) nicht noch mit Grundsatzüberlegungen zur Kommunikation anfangen, der Text ist ja eh schon sehr lang. Ich nutz die Gelegenheit aber gern dazu, das nachzuholen. (Danke dafür.)

    „Demokratisch“ verstehe ich im Sinne Deweys als allgemeine Möglichkeit der Partizipation – wer von einem öffentlichen Gespräch oder einem Entscheidungsprozess betroffen ist, der muss prinzipiell auch die Möglichkeit haben, daran teilnehmen zu können. („Betroffen“ in einem sachlichen Sinn, nicht im Sinne von „Das macht mich echt betroffen.“)

    „Liberal“ verstehe in dem Sinne, dass das Gespräch prinzipiell ergebnisoffen ist und seine Grenzen nicht in willkürlichen Verboten, sondern in den Freiheitsrechten anderer hat. Das schließt Drohungen, scharfe Beschimpfungen, eben auch das Planen von Gewaltakten aus – aber auch beständiges autoritäres, begründungsloses Gerede, das anderen die Möglichkeit der Überprüfung nimmt.

    Es gibt dabei in einem wichtigen Sinn – abgesehen von den offenkundigen Unterschieden – eine starke Ähnlichkeit zwischen heutigen feministischen Positionen und Anhängern einer Kulturmarxismus-Ideologie. Beide sehen sich einer umfassenden, durchdringenden HERRSCHAFT ausgeliefert – sei es der des „Patriarchats“, sei es der einer „Politischen Korrektheit“.

    Sie lehnen daher ein demokratisches Gespräch ab – andere sollen nicht teilnehmen, weil die öffentliche Debatte angeblich ohnehin zu ihren Gunsten verzerrt ist und sie dabei angeblich ohnehin nur ihre Herrschaft festigen würden.

    Sie lehnen auch ein liberales Gespräch ab, weil bestimmte Äußerungen für sie gewissermaßen einen toxischen Charakter haben, politische Korrektheit exerzieren bzw. patriarchale Herrschaft reproduzieren würden. Beispielsweise können so Äußerungen ausgeschlossen werden, die häusliche Gewalt gegen Männer thematisieren, weil damit angeblich nur heterosexistische oder patriarchale Herrschaftsstrukturen kaschiert würden.

    Ganz besonders gravierend: Wer sich so einer umfassenden „Herrschaft“ gegenübersieht, wird es auf eine fatale Weise umdeuten, falls er (bzw. sie) merkt, dass er nicht ansatzweise mehrheitsfähig ist.

    Anstatt das dann zum Anlass zu nehmen, die Qualität der eigenen Position zu überprüfen, wird das dann absurderweise regelrecht zum Gütezeichen dieser Position umdefiniert. „Ich dringe mit meiner Position nur deshalb nicht durch, weil ich mich gegen Herrschaftsstrukturen stelle, in denen die anderen alle verstrickt sind.“

    Wie gesagt: In meinen Augen gibt es hier – bei allen Unterschieden – deutliche Strukturähnlichkeiten zwischen den Beschwörern eines „patriarchalen Herrschaft“ und denen einer „kulturmarxistischen Herrschaft“. Es gibt solche randständigen Positionen in offenen Gesprächen („Diskursen“) vermutlich immer, und solange sie nicht die Diskussion tiefgreifend prägen, ist der Schaden, den sie anrichten, auch begrenzt,

    Breivik aber hat sie in ein Extrem getrieben, das offensichtlich keinen Platz mehr hat, weil es massiv destruktiv ist: Einerseits in einer unendlich zelebrierten Ideologie der Feindschaft (das drückt sich schon in dem bombastischen Umfang seines „Manifests“ aus), andererseits in der konkreten Planung massiver Gewalt.

    So etwas hat in liberalen und demokratischen Zusammenhängen eben keinen Platz – das liegt nicht allein an „politischer Korrektheit“.

  • @LoMi Das kann ich an vielen Stellen direkt unterschreiben, auf den letzten Punkt will ich noch einmal kurz eingehen.

    Es gibt viele Ressourcen, von denen männerpolitische Diskussionen profitieren könnten, von denen viele Teilnehmer sich aber durch klischeehafte Abneigungen regelrecht abschneiden. Bei manchen ist ja nicht nur Foucault, sondern die gesamte „Soziologie“ regelrecht ein Feindbild.

    Das gilt, ganz anders, auch für klassische linke, z.B. hier für marxistische Traditionen – ohne überhaupt auf die Idee zu kommen, dass man z.B. durch die Überprüfung der ökonomischen Basis von politischen Strukturen zu nützlichen Einsichten kommen könnte, ist das alles irgendwie der gleich Mist.

    Das gilt sogar für die „Gender Studies“. Was ich kennen gelernt habe, z.B. gerade auch bei einem Vortrag von Connell, war in der Regel überaus unseriös. Aber: Auch jemand wie Kucklick versteht seine Arbeit zum „unmoralischen Geschlecht“ ausdrücklich als Beitrag zu den Gender Studies. Zudem stützt er sich wesentlich auf einen der soziologischen Meisterdenker, auf Luhmann.

    Das wären für einige vermutlich gleich zwei Gründe, nix damit zu tun haben zu wollen. Damit aber nähmen sie sich viel – Kucklicks Text ist einer der besten aktuellen Debattenbeiträge, die ich kenne.

  • Ich halte es für zu kurz gesprungen, den Kulturmarxismus als Verschwörungstheorie abzutun, nur weil die Beschreibung eines Zustandes viele Variablen außen vor lassen muss. In der historischen Betrachtung, wenn eine Ausprägung der Gesellschaft fließend in die nächste übergeht, wird die Beschreibung aus der Rücksicht auch kranken, weil die Beschreibung komprimiert, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

    Wer die Bezeichnung „Kulturmarxismus“ benutzt, der sollte doch nachweisen können, was an den so bezeichneten Phänomenen marxistisch ist. Wenn ich diese Frage stelle, dann sind die Antworten meist sehr vage und wenig konkret. Im Prinzip wird eine Transformation des Marxismus weg von der Ökonomie zu einer Identitätspolitik behauptet. Wenn wir diese These gelten lassen, dann bleibt aber trotzdem die Feststellung richtig, dass ein Marxismus, der die Analyse ökonomischer Verhältnisse zu Gunsten einer Identitäspolitik weitgehend vernachlässigt, sich in seinem Wesenskern gewandelt hat. Die Bezeichnung als Marxismus deshalb i.m.h.o nicht gerechtfertigt, sondern irreführend.

  • Ist es nicht gerade das was mit dem Wort gemeint ist?

    Die behauptete Transformation des klassischen Marxismus zum Kulturmarxismus? Wahrscheinlich ist das gemeint. Ich bestreite ja nicht, dass die Verfechter der Kulturmarxismusthese eine ungefähre Vorstellung davon haben, welche Phänomene unter diesem Begriff zu subsummieren sind und die auch ich erahnen kann. Warum Identitätspolitik eine Variante des Marxismus sein soll ist aber für mich nicht nachvollziehbar.

  • @ Petpanther

    „Ist es nicht gerade das was mit dem Wort gemeint ist?“

    Nein, denn Marxisten betreiben in der Regel keine Identitätspolitik.
    Political Correctness, Multikulturalismus und Identity Politics sind aus einer einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption und Interpretation des französischen Poststrukturalismus hervorgegangen und haben mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nichts zu tun.

    Der konservative/rechte Kampfbegriff „Kulturmarxismus“ hat innerhalb eines Teils der US-amerikanischen Rechten die diskursstrategische Funktion, die US-amerikanische postmoderne/poststrukturalistische Linke kontrafaktisch als eine marxistische Verschwörung zur Zerstörung der westlichen Kultur darzustellen.
    Hintergrund dieser Strategie ist, dass es in den USA Tradition hat, dass konservative/rechte Ideologen und Propagandisten ihre oft antikommunistisch sozialisierte Basis durch Vorspiegelung kommunistischer Verschwörungen zu manipulieren und zu mobilisieren versuchen. Das war zur Zeit des kalten Krieges gang und gäbe und wird heute eben durch die widerwärtige Anti-Kulturmarxismus-Verschwörungstheorie versucht.

    Aus wissenschaftlicher Perspektive und auf inhaltlicher Ebene sind die zentralen Aussagen in den Texten der konservativen/rechten Ideologen, die diese irrationale Verschwörungstheorie verbreiten, alle falsch – und ihre Texte enthalten oft noch nicht mal Belegquellen, sind also oft sogar leicht als pseudowissenschaftliche Propagandaschriften erkennbar.

  • @Leszek

    Es geht ja darum was man darunter subsumiert bzw. versteht.

    In dieser Weise sehe ich da keine „Verschwörungstheorie“ noch ist es streng wissenschaftlich (´wohl der falsche Maßstab), sondern eher eine verdichtete Situationsbeschreibung, die manche eben verleugnen und andere zu erkennen meinen. Ganz umsonst wird es diese Begriffsbildung wohl nicht geben. Mag sogar sein, dass sie einstmals ein sog. „Kampfbegriff“ anderer Bedeutung war.

  • @ Petpanther

    „Es geht ja darum was man darunter subsumiert bzw. versteht.“

    Und wenn man darunter etwas versteht, das faktisch nichts mit Marxismus zu tun hat, ist der Begriff eben eine Propagandalüge.

    „In dieser Weise sehe ich da keine „Verschwörungstheorie““

    Doch, die Texte der entsprechenden konservativen/rechten Ideologen zeigen sehr deutlich, dass es sich um eine antilinke, antisemitische und homophobe Verschwörungstheorie handelt – eine irrationale, falsche und pseudowissenschaftliche Verschwörungstheorie natürlich.

    „noch ist es streng wissenschaftlich“

    Es ist gar nicht wissenschaftlich, da diese Ideologie nicht der Wahrheit dient, sondern im Kontext einer manipulativen konservativen/rechten Diskursstrategie steht.

    „(´wohl der falsche Maßstab),“

    Wissenschaftlichkeit ist der richtige Maßstab um die Lügen innerhalb dieser konservativen/rechten Ideologie auseinanderzunehmen.

    „sondern eher eine verdichtete Situationsbeschreibung, die manche eben verleugnen und andere zu erkennen meinen.“

    Auch mit Ablenkungen, Uminterpretationen und vagen Phrasen wirst du keine Rechtfertigung erreichen.
    Denk besser daran, dass ich mit den Texten der entsprechenden Ideologen vertraut bin.

    „Ganz umsonst wird es diese Begriffsbildung wohl nicht geben.“

    Ich habe weiter oben erklärt, warum es sie gibt.

    „Mag sogar sein, dass sie einstmals ein sog. „Kampfbegriff“ anderer Bedeutung war.“

    Sie ist heute ein irrationaler konservativer/rechter Kampfbegriff.

  • […] Eine zusätzliche Meta-Benachteiligung noch ganz kurz zum Schluss: Die Verbissenheit, mit der Versuche diffamiert werden, diese Themen einmal offen anzusprechen. Bis hin zu den aus Steuermitteln finanzierten politischen Verleumdungen aus der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der Heinrich-Böll-Stiftung, die Kritik an feministischen Positionen oder die Thematisierung von Rechtsverletzungen, die spezifisch Jungen oder Männer betreffen, als faschistoid hinstellen, als rechtsradikal, als Unterstützung des terroristischen Massenmörders Breivik. […]

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