Die Herrschaft der Unschuld (Monatsrückblick November 2014)

Sigmar Gabriel war sauer. Richtig sauer.
„’Wenn Männer das als nervig empfinden, zeigt das eher, dass Männer ein Problem haben‘, sagte Gabriel. Es sei auch Schwesigs Aufgabe ‚zu nerven, wenn die Dinge so im Argen liegen‘.“
Da hatte doch CDU-Fraktionschef Kauder Gabriels Familien- und Frauenministerin Manuela Schwesig glatt als „weinerlich“ bezeichnet, weil sie sich über Widerstände gegen die Frauenquote in Aufsichtsräten beschwert hatte.
Nicht jedem wird die feine Ironie aufgefallen sein, mit der ausgerechnet Gabriel so entschlossen als ihr  Befürworter in den Ring stieg. Schließlich taugt der SPD-Chef tatsächlich als fleischgewordenes Argument für die Quote:
ein Mann massiver Misserfolge, der seinen Posten als niedersächsischer Ministerpräsident von Gerhard Glogowski übernommen hatte und mit der SPD bei seiner ersten Landtagswahl eben diesen Posten und dazu fast 15 % der Stimmen seiner Partie krachend verlor, der es aber seinen guten Vernetzungen und seinem aggressiven, dominanten Territorialverhalten verdankt, dass er von dort aus schnell an die Spitze seiner Partie unterkommen konnte.
Einen ganz anderen Habitus, aber eine ähnliche Geschichte hat der für die Quote wesentlich mitverantwortliche Justizminister Heiko Maas, der ebenfalls als Spitzenkandidat mit einem Minus von 14 % und danach sogar mit dem schlechtesten Ergebnis der Parteigeschichte gleich drei Landtagswahlen so beeindruckend verloren hatte, dass ihn das kurze Zeit später irgendwie an die Spitze eines Ministeriums katapultierte. Was wir können, könnt ihr schon lange – wenn Gabriel und Maas das den Frauen Deutschlands zurufen, wird es vermutlich kaum eine bezweifeln.
Nur dass es bei der Quote tatsächlich um „die Frauen Deutschlands“ geht, ist eher zweifelhaft – es geht, natürlich, um eine extrem kleine, ohnehin schon privilegierte Schicht. Zu diesem Punkt wäre vielleicht ein Wort der Erklärungen von Sozialdemokraten nett gewesen.
Demonstranten an der University of Virginia nach den Vorwürfen gegen Mitglieder der Studentenverbindung Phi Kappa Psi, sie hätten auf extrem brutale Weise eine junge Studentin vergewaltigt. Let’s Smash Patriarchy and the rest of Phi Kappa Psi’s wankers (Lasst uns das Patriarchat zerschlagen und den Rest der Phi Kappa Psi-Wichser), steht auf dem Plakat links oben, Burn the frat houses down (Brennt die Verbindungshäuser ab) auf dem Plakat rechts oben.
Die Vergewaltigungsvorwürfe erwiesen sich als falsch.
Es gibt schließlich viele Familien mit erheblichen Problemen – sei es, dass sie Kosten für Wohnraum, Lebenshaltung, Kindergarten, Kinderbetreuung nur noch schwer durch die eigene Erwerbsarbeit begleichen können; sei es, dass Kinder in Familien aufwachsen, die sich auf den Bezug von Sozialleistungen eingestellt haben und den Kindern kaum einen strukturierten Tagesablauf bieten; seien es Migrantenfamilien, die sich in Parallelgesellschaften einrichten und damit ihren Kindern das Leben in Deutschland erheblich erschweren; seien es Hunderttausende von Kindern, die ohne ein Elternteil – in der Regel ohne Vater – aufwachsen und die damit nicht nur beträchtliche erntwicklungspsychologische Risiken tragen, sondern auch von Kinderarmut bedroht sind.
Was aber ist das wesentliche Problem der Familienministerin, ihr Leib- und Magenthema, ihr politisches Ausstellungsstück und Prestigeprojekt, mit dem sie sich profilieren möchte? Eine Frauenquote, von der deutschlandweit bestenfalls wenige hundert sehr privilegierter Frauen profitieren können.
Mit kommt es so vor, als seien Sozialdemokraten früher irgendwann einmal anders gewesen, aber es kann natürlich auch sein, dass ich das geträumt habe.

Weiß, mittelalt, privilegiert – Homogen dank Quote Da die Quote in Aufsichtsräten solch ein Elitethema ist, hat mich ihre Einführung kälter gelassen als andere Themen des Monats. Ein wenig verwunderlich ist diese Einführung gleichwohl.
Schließlich haben die wesentlich verantwortlichen Sozialdemokraten in ihrer Partei seit 1988 eine Quote, und sie hatten 2003 bei dem Parteitag in Bochum ohne ernsthafte Diskussion beschlossen, ihre ursprünglich vereinbarte zeitliche Begrenzung aufzuheben. Wenn nun nach mehr als fünfundzwanzig Jahren eine Quote immer noch nötig ist, könnte das ja durchaus als Zeichen dafür verstanden werden, dass sie offenbar kein geeignetes Mittel ist, um Veränderungen anzustoßen.
Als einen „Türöffner“ hat Ursula von der Leyen die Frauenquote einmal bezeichnet. In der SPD halten Männer nun schon seit fast dreißig Jahren Frauen die Türen auf, ohne dass eine Änderung dieses Zustandes absehbar wäre. Dass ist sicherlich nett und gentleman-like – aber es bleibt trotzdem überraschend, dass es als Modernisierung der Geschlechterrollen verkauft wird.
Warum interessiert es zudem niemanden in der SPD oder anderswo, wer eigentlich für die Quote zahlen wird? Offenbar sind sich alle ohne weitere Überlegung sicher, dass ohnehin nur privilegierte Männer dadurch Nachteile haben, die es ohnehin nicht besser verdient hätten – so dass sich jede weitere Legitimation erübrige.
Dass es in den Niederlanden, wo es schon sehr viel länger Frauenquoten in Unternehmen gibt, nicht privilegierte Männer waren, sondern überdurchschnittlich viele Migranten, die zurückstehen mussten – das ist allerdings doch ein wenig peinlich.
Der Programmdirektor des Telekomkonzernd KPN, Jasper Rynders:
„’Wir mussten in den vergangenen Jahren aus einem begrenzten Reservoir an Frauen schöpfen, da alle große Unternehmen in demselben Teich fischen’, sagte Rynders. Angeworben worden seien vor allem ‚weiße, zwischen 40 und 50 Jahre alte Frauen mit höherer Ausbildung und dem gleichen gesellschaftlichen Hintergrund’. Dass aus dem Ausland stammende männliche Bewerber das Nachsehen gehabt hätten, sei angesichts der Veränderungen der niederländischen Gesellschaft ein ‚unerwünschter Nebeneffekt.’“
Mit dem gleichen Recht könnte man es auch bedauernd als „unerwünschten Nebeneffekt“ bezeichnen, dass ein anderer Mensch hungrig bleibt, wenn man ihm den Teller leer isst. Denn tatsächlich ist es ja leicht absehbar, dass eine Quote für Mitglieder einer Gruppe – seien sie nun tatsächlich oder vermeintlich unterprivilegiert – zu Lasten anderer Gruppen wirken wird, die ganz gewiss unterprivilegiert sind.
Männer, die sozial, in ihren familiären Vernetzungen, ihrer Herkunft, ökonomisch, ethnisch oder in anderer Weise privilegiert sind – solche Männer werden ihre Position natürlich besser gegen die Frauenquote verteidigen können als andere Männer. Frauen hingegen, die in diesen Hinsichten privilegiert sind, werden die Quote besser nutzen können als andere Frauen. Dass die Quote so ganz gegen ihre eigenen Versprechen zu einer sozialen Homogenisierung beiträgt – das ist eigentlich absehbar.
Es interessiert wohl nur niemanden.
Bücher zerstören, Kaugummis verkleben und anderer professoraler Zeitvertreib Die geschlechtergerechte Sprache, die im vergangenen Monat ebenfalls wiederholt ein Thema war, hat in ganz ähnlicher Weise angeblich unerwünschte, aber leicht absehbare Nebenwirkungen. Ein Beispielsatz, eigenhändig entwickelt in Anlehnung an einen Artikel bei Alles Evolution und einen Text bei Offene Flanke:
„Dix Studierx hat in xs Vortrag darauf aufmerksam gemacht, dass viele Studierxs, Assistentxs und Mitarbeitrxs die geringe Anzahl von PoC Professxs als großes Problem wahrnehmen.“
Eine Sprache, entworfen und verbreitet von der Berliner Professorin Lann Hornscheidt, die sich selbst allerdings keinem Geschlecht zuordnen kann und deshalb als Profx angesprochen werden möchte. Andere Formen des „feministischen Sprachhandelns“, die sie sammelt und die ebenfalls bei Alles Evolution vorgestellt wurden, sind kaum weniger verwirrend.
Ob eine angeblich „geschlechtergerechte“ Sprache tatsächlich mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern schafft, bleibt Ansichtssache. Ihre Verwendung basiert auf mindestens drei Vorannahmen: dass es gesellschaftliche Machtstrukturen gäbe, die sich in Geschlechterzuordnungen äußern, natürlich zu Lasten von Frauen und den Gruppen, die sich zweigeschlechtlich nicht bestimmen wollen – dass diese Herrschaft durchdringend sei und sich auch in der Alltagssprache auspräge – dass eine Änderung der Sprache auch zur Änderung der Herrschaftsstrukturen beitrage.
Offenkundig sind diese Annahmen nicht zwingend – so basiert denn die Verwendung dieser Sprache eher auf Glaubensüberzeugungen als auf nachweisbaren Sachverhalten. Sie drückt eine ganz bestimmte, erkennbare Gesinnung aus.
Nun ist es prinzipiell durchaus erlaubt und völlig legitim, eine Gesinnung zu haben und Sprache entsprechend zu verwenden. Wer aber diese Sprache an Universitäten oder Schulen verbindlich macht, fordert eher einen Gesinnungsnachweis ab als die Fähigkeit zu wissenschaftlichem oder anderem Arbeiten. Und das ist nicht mehr legitim.
Zudem ist es vorauszusehen, dass – wie in diesem bei Genderama verlinkten Beispiel – vor allem die Menschen mit den Regelungen der geschlechtergerechten Sprache Schwierigkeiten haben, die sich überhaupt erst einmal an die Regeln der deutschen Universitätssprache gewöhnen müssen. Die Außenseiter an den Unis.
Dass der Unter_strich, anders als der Quer/strich, einen Raum für die Menschen schafft, die sich in der binären Geschlechterordnung nicht wiederfinden – dass dieser Unterstrich durch das Wort w_andern kann, um zu zeigen, dass der Ort nicht durch die binäre Ordnung Mann_Frau festgelegt wird – dass die –a-Form („Lautsprecha“, „Redna“) durch die weibliche Endung männliche Assoziationen der herkömmlichen -er-Endung brechen soll – dass das Binnen-I („StudentInnen“) nur in cis-Kontexte gehört, weil es beispielsweise Transsexuelle ausschließe, und dass „cis“ (diesseits) überhaupt das irgendwie spießige Gegenstück zu „trans“ (überschreitend) ist – dass aber natürlich auch die klassische sprachliche Mann-Frau-Ordnung gebraucht werden müsse, wenn es darum ginge, entsprechende Herrschaftsverhältnisse deutlich zu machen –
Das alles, und noch viel mehr, ist vor allem: ein Code, der es in immer feineren Verästelungen erlaubt, Wissende von Unwissenden, Eingeweihte von Uneingeweihten, Dazugehörende von Außenseitern zu unterscheiden. Kurz: Es ist ein typischer Uni-Code, wie er beständig im Rahmen universitärer Macht- und Positionsspiele entworfen wird, immer wieder neu verändert, um immer wieder neue Möglichkeiten zu haben, den Raum der Eingeweihten nicht zu groß werden zu lassen.
Diese geschlechtergerechte Sprache ist also ein klassisches elitäres Ausschluss-Spielchen, das voraussehbar eben den Menschen die meisten Schwierigkeiten machen wird, die ohnehin schon mehr Schwierigkeiten haben als andere: Menschen, die aus nicht-akademischen Kontexten an die Universitäten kommen, oder Menschen aus dem Ausland – die sich jeweils überhaupt erst einmal auf das gebräuchliche Uni-Deutsch einstellen müssen, bevor sie seine Geheim-Codes entschlüsseln können.
Dass diese akademische Selbst-Abschottung auch noch massiv moralisierend daherkommt – dass also ausgerechnet diejenigen, die mit dieser Form der Geheimsprache Schwierigkeiten haben, auch noch als Re-Produzenten inhumaner Herrschaftsstrukturen bloßgestellt werden: Das setzt bloß die Tradition fort, soziale Herrschaft eben dadurch zu stützen, dass ihre Opfer nicht nur sozial, sondern auch moralisch deklassiert werden.
Gleichwohl hatte ich die Forderung Michael Kleins und Heike Diefenbachs, Lann Hornscheid aus dem Amt zu entfernen, nicht unterschrieben. In meinen Augen personalisierte dieser Brief an Hornscheidts Humboldt-Universität ein Problem, das eben nicht nur das Problem einer einzelnen Person ist.
Dass Exzentriker wie Hornscheidt Plätze auf Lehrstühlen finden, ist schließlich kein neues Phänomen. Problematisch ist nicht etwa, dass sie selbst extreme Positionen äußert, sondern dass es offenbar keinen Rahmen mehr gibt, in dem ihre Positionen kritisch untersucht würden. Kritik wird, bis in überregionale Zeitungen hinein, als Hasskampagne hingestellt.
Eine Abschottung der Abschottung.
Dann aber wiesen Klein und Diefenbach auf eine von Hornscheidt verantwortete Internet-Seite  hin, angesichts derer es tatsächlich unverständlich ist, dass dienstrechtliche Konsequenzen ausbleiben und sich ihr amerikanistischer Fachbereich entschlossen mit ihr solidarisiert. Sie ruft dort zu „Interventionen“ gegen Herrschaftsstrukturen auf: zum Beispiel dazu, Veranstaltungen von Kollegen bewusst zu stören. Oder dazu, „benannte dinge um(zu)benennen“, also mit Aufklebern, Eddings oder „viel farbe“ zu arbeiten und irgendwie störende Wörter oder Bilder zu übermalen.
Oder dazu, Bücher unlesbar zu machen, zu zerstören und andere – störende Kommilitonen zum Beispiel – zu terrorisieren:
„salzstreua gezielt aufdrehen, bierdeckel neu beschriften, kaugummis auf stühle von sexistischen mackertypen kleben, buchcover umdrehen, sätze in romanen unlesbar machen, seiten in büchern rausreissen (…)“
Eine Professorin, die dazu aufruft, irgendwie mackerhaften Mitstudenten Kaugummis auf den Stuhl zu kleben oder in die Bibliothek zu gehen und störende Bücher zu vernichten – wer das offen als „krank“ bezeichnet, wird sich vermutlich vorwerfen lassen müssen, dass er „ableistisch“ sei.
In der Selbstwahrnehmung Hornscheidts sind diese „Interventionen“ Einsprüche gegen eine umfassende heterosexistische Herrschaft – tatsächlich aber sind sie Ausdruck erheblicher Privilegien: nämlich des Bewusstseins, dass gemeinsame Regeln und Gesetze für die anderen gelten, nicht aber für sie. Dass ihr Verhalten für sie offenbar keine Konsequenzen hat, kann ihr bestätigen, dass sie mit dieser Einschätzung richtig liegt.
Unschuld als Privileg und Instrument Die Positionen Hornscheidts haben ihren Ursprung in feministischen Beschreibungen von Sprache, die Verankerungen einer unerbittlichen männlichen Gewalt im scheinbar unverdächtigen Alltag zu belegen vorgaben. Senta Trömel-Plötz beispielsweise hatte 1984 kein Problem damit, allein schon das Sprechen eines Mannes als Akt der Gewalt herauszustellen: „Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen“ war der Untertitel einer von ihr herausgegebenen Essaysammlung im renommierten Fischer-Verlag.
Dass massive Gewalt gegen Frauen alltäglich und die zivile Oberfläche der Gesellschaft trügerisch sei – das ist eine Behauptung massiver Lobbyarbeit auch in Deutschland, das war aber auch ein Hauptmotiv eines der größten journalistischen Skandale des letzten Monats. Sabrina Rubin Erdely beschreib für die amerikanische Zeitung Rolling Stone in einem langen Artikel über College-Vergewaltigungen die ungeheure Gewalt, die eine junge, achtzehnjährige Studentin bei einer Verbindungsparty an der University of Virginia erlebt habe.
Die junge Jackie sei von ihrem Date in ein stockdunkles Zimmer geführt worden – dort hätten mehrere Verbindunsstudenten auf sie gewartet und seien über sie hergefallen – hätten sie auf einen Glastisch geschmissen, der unter ihrem Gewicht zersplittert sei – und hätten sie auf den Scherben einander abwechselnd mehrere Stunden lang vergewaltigt.
Freunde, denen sie hinterher begegnet sei, hätten ihr geraten, nicht in eine Krankenhaus und nicht zur Polizei zu gehen, um ihre weitere Teilnahme an Verbindungsfeiern nicht zu gefährden.
Die Autorin Elderly unterließ es, die Gegenseite zu befragen und Jackies Aussagen zu überprüfen – angeblich auf Bitten Jackies selbst. Obwohl die Geschichte – das zeigt achdomina in seinem Blog – in vielen Aspekten unglaubwürdig war und die Aussage Jackies nicht überprüft wurde, verbot die Präsidentin der Uni mit sofortiger Wirkung sämtliche Veranstlatungen sämtlicher Studentenverbindungen bis zum Jahresende. Das Haus der fraglichen Verbindung wurde angegriffen und beschmiert, Demonstranten forderten offen, Verbindungshäuser abzubrennen (hier, mittleres Bild).
Kritiker, die auf die Unglaubwürdigkeit der Geschichte hingewiesen hatten, waren als rape apologists, als Verteidiger von Vergewaltigungen beschimpft worden – niemand nahm diese Beschimpfungen zurück, als sich herausstellte, dass die Geschichte nicht stimmen konnte. Mittlerweile hat sich auch Rolling Stone selbst von ihr distanziert – und hat die Schuld dabei auf Jackie geschoben, wohl, um nicht über das durchaus mutwillige Versagen der eigenen Journalistin oder der eigenen Redaktion sprechen zu müssen.
Achdomina zitiert in einem der oben verlinkten Texte den Journalisten Richard Bradley, der als erster auf die Unstimmigkeiten der Geschichte aufmerksam gemacht hatte und dabei aus eigener Erfahrung sprach: Er sei selbst einmal auf eine gefälschte Geschichte hereingefallen, deren Widersprüche er übersehen habe, weil sie „seine eigenen Vorannahmen bestätig“ hatte.
Welche Vorannahmen denn eigentlich einen so irrwitzigen Fall wie den von Jackie und Elderly geschilderten als wahrscheinlich erscheinen lassen können, lässt sich an einem literarischen Beispiel zeigen.
Der Welterfolg von Stieg Larssons Millenium-Trilogie präsentiert unsere Gegenwart als eine radikal korrupte, unfassbar grausame Welt, in der hinter einer dünnen Fassade der Zivilisation furchtbare Brutalität wütet und Herrschende auf Kosten Machtloser beliebig Perversitäten ausleben können. Gleich im ersten Roman, Verblendung (schwedisch: Män som hatar kvinnor, wörtlich: „Männer, die Frauen hassen“)  erweist sich eine alte, reiche, wohlangesehene schwedische Industriellenfamilie als Hort inzestuöser, frauenmordender Nazis. Wie könnte es auch anders sein.
Der Journalist Mikael Blomqvist, der die Verbrechen aufdeckt, wird ausdrücklich als Anspielung auf Astrid Lindgrens Kinderdetektiv Kalle Blomquist vorgestellt. Ein gutes, nicht korruptes männliches Wesen kann hier nur ein Mann sein, der niemals erwachsen wurde.
Auch die Heldin an seiner Seite, Lisbeth Salander, trägt kindliche Züge, aber die eines schwer traumatisierten Kindes. Sie ist als psychisch krank diagnostiziert, aber auch hochintelligent, eine extrem begabte Hackerin, und – sie ist radikal wehrhaft.
Imaginiert wird hier eine Gesellschaft, die so korrupt, grausam und inhuman ist, dass alles, was an ihr zivil erscheint, die Herrschaft des Bösen nur noch schlimmer macht – weil es die realen Herrschaftsverhältnisse verschleiert. So wie dann eben auch hinter der schönen Fassade eines Verbindungshauses auf einem altehrwürdigen Campus selbstverständlich in dunklen Räumen schreckliche Verbrechen verübt werden.
Positive Impulse können nur von außerhalb dieser Gesellschaft kommen, als Interventionen – und unschuldig wie ein Kind kann nur sein, wer außerhalb dieser Gesellschaft lebt.
Das bedeutet, dass die radikale Ablehnung, das extreme Ressentiment gegen die soziale Ordnung schließlich eine durchaus komfortable Position freischaufelt. Wer diese Ordnung gewohnheitsmäßig entlarvt, wird dafür mit einer Position unerschütterlicher Unschuld belohnt, die er nicht mehr überprüfen muss. Das gilt auch für banale, selbstverständliche Zweifel: Selbst wer anderen öffentlich ungeheure Verbrechen unterstellt, muss nicht einmal die Tragfähigkeit dieser Unterstellungen überprüfen – und wer andere zu Straftaten aufruft, kann sich sicher sein, dies bloß für einen guten Zweck zu tun.
Es wäre interessant, einmal zu erfahren, warum diese simple Gegenüberstellung immer wieder, so wie gerade von der Schriftstellerin Karen Duve bei ihrer Verteidigung der Frauenquote, ausgerechnet auch als Gegenüberstellung der Geschlechter verstanden wird.
So wie Unterprivilegierten traditionell Schuld und Verdorbenheit zugewiesen wurden, war die Möglichkeit, selbst in dieser Form zuweisen zu können, traditionell ein Privileg. Es ist erstaunlich, mit welcher Verbissenheit und Aufregung das auch heute praktiziert und wie selbstverständlich dabei die Anmaßung der Unschuld als Herrschaftsinstrument verwendet wird.
  1. Hallo Lucas,

    „Gleichwohl hatte ich die Forderung Michael Kleins und Heike Diefenbachs, Lann Hornscheid aus dem Amt zu entfernen, nicht unterschrieben. In meinen Augen personalisierte dieser Brief an Hornscheidts Humboldt-Universität ein Problem, das eben nicht nur das Problem einer einzelnen Person ist.“

    Meines Erachtens der typische fundamentale Fehler, nicht zu kaempfen. Man kann meistens nicht die gegnerischen Kraefte als ganzes angreifen (dies suggerierst Du aber), sondern sollte sie an einer schwachen Stelle angreifen.

    Und wenn Du siehst, wie ein Verbrechen begangen wird, schaust Du dann auch weg und sagst: „man muss die Strukturen angehen“ ??

    „Männer, die sozial, in ihren familiären Vernetzungen, ihrer Herkunft, ökonomisch, ethnisch oder in anderer Weise privilegiert sind“

    Also es geht nur um eine feinere Quote? Dann haben die Feministen im Grunde doch recht, sie sind aber bloss „zu radikal“??

    Was ist mit der schlimmsten aller Privilegien, die der Begabung? Daneben Intelligenz etc. ??

    Wenn es um irgendwelche Stellen geht, Uni oder sonstwo, sollte es ausschliesslich um die Leistung gehen, niemals um irgend etwas anderes. Dies ist das einzig gerechte Kriterium, alle sonstigen „Schoenheitskriterien“ sind reine Willkuer — welche Gruppe ist denn gerade am Druecker, und kann sich als „diskriminiert“ darstellen. Das solche Kriterien verwendet werden, zeigt auch, dass die Herrschenden es als gleichgueltig betrachten, was da eigentlich geschieht, es ist nur ein Zeitvertreib. Ich nenne das den „finanziell-feministischen buerokratisch-kuenstlerischen Komplex“, womit die wesentlichen Kraefte (die finanziell-verwaltete Welt) und ihre Helfershelfer genannt sind.

    Die „Kunst“ hat schon laenger die Seiten gewechselt. Man achte z.B. mal auf die extreme Gewalt in Filmen „ab 12“ — dass da ganze Heerscharen abgeschlachtet werden koennen, liegt immer daran, dass diese Heerschaaren eindeutig als Maenner (Muskeln, gross, etc.) charakterisiert werden, und damit koennen sie beliebig umgebracht werden.

    In einem Danisch-Blog wurde mal die Ironie der Geschichte bemerkt, dass wenn Maenner heutzutage Frauen schlagen, dann wuerden sie dies mit der gleichen Haerte tun, wie sie Maennern begegneten — da sie eben den Bildern der weiblichen Kunstfiguren des Films (die ja nicht den Hauch von Realitaet besitzen) tatsaechlich Glauben schenkten. Damit waere dann ja mal wenigstens in einem kleinen Bereich Gleichstellung erreicht.

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  2. Hups, ich meinte nicht „Ironie der Geschichte“, sondern „List der Vernunft“. Und in der Tat liegt hierfuer ein schoenes Beispiel vor — es funkelt vor Dialektik.

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  3. @ Oliver K. „Also es geht nur um eine feinere Quote?“ Nein, ich argumentiere ja gerade damit, dass eine Quote sich tendenziell immer zu Lasten weniger Privilegierter auswirken wird. Das ließe sich auf andere Arten der Quote übertragen. Was sich allenfalls daraus ergibt: Der Grund für die Quote muss so sicher, so dringlich und so alternativlos sein, dass dieser offenkundige und gravierende Nachteil in Kauf genommen werden kann.

    „Privilegiert“ bezieht sich übrigens auf soziale Positionen, nicht auf persönliche Qualitäten. Unterprivilegiert ist z.B. jemand, der soziale Nachteile durch Intelligenz ausgleichen muss. Übrigens sind nicht alle Privilegien illegitim.

    Ein Schüler z.B., der konstant gut und verlässlich arbeitet, wird im Zweifelsfall bei Lehrern auf mehr Verständnis und Vertrauen stoßen als ein Schüler, der allgemein unzuverlässig und desinteressiert ist. Was immer auch dahinter stehen mag – sein Privileg hat der erste Schüler sich erarbeitet, es ist nachvollziehbar und in gewissem Rahmen sogar sinnvoll. Mir geht es im Text vor allem darum, dass Privilegien nicht als DISKRIMINIERUNGEN verkauft werden sollten, nur um die Privilegien noch weiter vergrößern zu können.

    „Meines Erachtens der typische fundamentale Fehler, nicht zu kaempfen. (…) Und wenn Du siehst, wie ein Verbrechen begangen wird, schaust Du dann auch weg und sagst: „man muss die Strukturen angehen“ ??“ Dass Hornscheidt exzentrische Positionen einnimmt, ist ja noch kein Verbrechen. Dass sie zu Straftaten aufruft – das hat tatsächlich eine andere Qualität. Dass eine Professorin dazu auffordern kann, Bücher zu zerstören, Kollegen und Kommilitonen zu terrorisieren – und dass das ohne Folgen für sie bleibt.

    Sich honorig und rational auseinanderzusetzen, während andere so offen aggressiv und gewaltsam agieren, ohne dass das Folgen für sie hätte – das ist natürlich tatsächlich ein Problem.

    Die Alternative folgt dann allerdings einer Logik der Eskalation – ich kann, darf und muss richtig reinhauen, weil das die Gegenseite ja auch tut. Wenn es noch andere Möglichkeiten gibt, finde ich die prinzipiell besser.

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  4. Wird eigentlich in englischsprachigen Räumen auch für eine „geschlechtergerechte“ Sprache gekämpft? Weil wenn die Sprache die Herrschaftsstrukturen zementiert, wie kommt es dann das in GB oder den USA eine doch sehr ähnliche Gesellschaftsstruktur besteht wie in DE.

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  5. @Matze

    Auch da sind sie mit Gender- und politisch korkektem Neusprech unterwegs. Aber nicht so extrem auf die gesamte bzw. eigentliche Sprachstruktur Sprache ausgeweitet wie hier.

    Beispiel: anstelle von Fireman muß es nun Firefighter heißen. Etc.

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  6. Korrektur: … korrektem … 🙂

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  7. Au ja, Feuerwehrfrauen… ein wichtiges Thema. Die dürfen nicht unsichtbar gemacht werden. Schließlich gibt es in DE 550 Berufsfeuerwehrfrauen bei ingesamt 42000 hauptberuflichen Feuerwehrkräften.

    http://www.feuerwehrfrauen.de/über-frauen-in-der-feuerwehr/berufsfeuerwehr/

    Naja, man senkt dort ja nun die Anforderungen, weil es wichtig ist das Frauen da arbeiten können. Warum muss ich jetzt an das hier denken:

    „Ist es für Sie als Mann so schwer auszuhalten, dass es im deutschen Verwaltungswesen EINE Stelle geben soll, zu der Männer keinen Zutritt haben?“

    http://mann-om-man.blogspot.de/2014/12/hallo-bundestag.html

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  8. Im November ist ein mMn künftiger Klassiker erschienen:

    Stefan Hirschauer: Wozu Gender-Studies? Ein Forschungsfeld zwischen Feminismus und Kulturwissenschaft
    F+L, S. 880-882
    http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/Archiv/2014/ful_11-2014.pdf

    Das ist eine Breitseite gegen die Gender Studies, die von einem hochkarätigen Forscher kommt und die wesentlich detaillierter und qualifizierter ist als die bakannten Rants von Martenstein oder einschlägigen Blogs. Pflichtlektüre.
    Es sind noch 6 weitere Beiträge im Heft, die ich mangels Zeit noch nicht gelesen habe.

    Antwort

  9. „Was sich allenfalls daraus ergibt: Der Grund für die Quote muss so sicher, so dringlich und so alternativlos sein, dass dieser offenkundige und gravierende Nachteil in Kauf genommen werden kann.“

    Damit ist schon alles verloren. Was sollten denn solche Gruende sein? Im Gegenteil, das absolute Verbot jedweder Form von „Quote“ sollte Grundgesetzrang bekommen. Es kann niemals einen „guten Grund“ fuer eine Quote geben, denn sie schwaecht die Leistungsfaehigkeit der Organisation, und verletzt das grundlegende Gebot, dass jeder Mensch nur nach seinen Taten, nicht nach seiner Herkunft etc. beurteilt werden muss. Bei Kindergeburtstagen und Spielsituationen i.a. gibt es Formen von „Quoten“ (z.B. intern im Sportverein, eine Verteilung von Spielern auf dass beide Manschaften grob gleichstark sind), aber ich denke, solche Ausnahmen lassen sicht leicht aussondern; es geht hier nicht um ein externes Ziel, sondern um ein internes, in einem spielerischen und kurzzeitigen(!) Umfeld.

    „“Privilegiert“ bezieht sich übrigens auf soziale Positionen, nicht auf persönliche Qualitäten. Unterprivilegiert ist z.B. jemand, der soziale Nachteile durch Intelligenz ausgleichen muss. Übrigens sind nicht alle Privilegien illegitim.“

    Vielleicht ist der Begriff „Privileg“ genauso grundfalsch wie der der „Diskriminierung“. Ein „sozialer Nachteil“ ist ein willkuerliches Konstrukt, dessen Anerkennung bestimmte pressure groups durchgesetzt haben, niemals mehr. Wohl ein grundlegender Fehler des „Sozialismus“, in solchen Kategorien zu denken (und wohl im Unterschied zum wirklichen Kommunismus, der Unterschiede nicht einebnen, sondern explodieren liesse — jeder ein Koenig). Im wirklichen Kommunismus bekaeme jeder das Seine (deshalb muss er auf Reichtum beruhen), in solchem „Sozialismus“ bekommt jeder das Verordnete.

    Betrachten wir einen Schueler: Ziel muss es sein, *ihn* zu foerdern, so gut es geht. Jeden Schueler, ob reich oder arm oder sonstwas.

    Die Perversionen des Feminismus lassen auch grundlegende Fehler im „linken Denken“ deutlich hervorstechen.

    Zum Beispiel mit dem „Privileg“ des guten Schuelers: ich glaube, hier geht es um etwas anderes. „Leistungsmessung“, in einem allgemeinen Sinne, hat etwas rituelles, und kann nicht permanent vollzogen werden. Fuer die meiste Zeit muss „Frieden“ herrschen, und die bisherigen Einschaetzungen werden uebernommen. Diesen Frieden braucht der gute Schueler, der sich auch immer wieder auf seinen Lorbeeren ausruhen muss, wie der schlechte Schueler, der fuer eine gewissen Zeit sich mit der verringerten Erwartungshaltung anfreunden kann. Bis zur naechsten „Pruefung“, und evtl. sinkt der gute Schueler langsam ab, und evtl. steigt der schlechte Schueler langsam auf.

    „Dass Hornscheidt exzentrische Positionen einnimmt, ist ja noch kein Verbrechen.“

    Das Verbrechen ist, dass ein solcher Quacksalber Professor an einer Universitaet ist!

    „Die Alternative folgt dann allerdings einer Logik der Eskalation“

    Ich sehe hier keine Eskalation. Das Verbrechen muss bekaempft werden. Es gibt hier keine „Gegenseite“.

    Antwort

  10. Danke für den Hinweis und die Verlinkung, der Text ist wirklich unheimlich interessant.

    Die anderen Beiträge sind durchwachsen, aber auch lohnend – beispielweise mit einer Auflistung, wo (in welchen Bundesländern und in welchen Fachbereichen) Gender-Professuren eingerichtet wurden. (S. 890f.) Also, vielen Dank – das wird sich lohnen, darauf zurückzukommen!

    Antwort

  11. @Matze

    Im angelsächsischen Sprachraum gibt es vor allem seitens des Feminismus einen geradezu inflationären und schamlosen DIEBSTAHL von Opfer-Positionen.

    Z.B. im vorliegenden Fall Erdely/Rolling Stone wird von einem Opfer einer Vergewaltigung durchgängig als „survivor“ gesprochen.
    Gemeint ist hier die Gleichsetzung von „Holocaust = Vergewaltigung“, denn „survivor“ meinte früher „holocaust-survivor“.

    Für eine jedwede Frau ist in jeder westlichen Gesellschaft quasi jeder Tag ein neuer im KZ – ob Jüdin oder nicht spielt gar keine Rolle.

    Dass ich mit dieser These komplett richtig liege, sieht man an der Antwort auf die Kritik an der feministischen Berichterstattung im vorliegenden Fall: Hier wurde dem Kritiker vorgeworfen „rape denialist“ zu sein.

    Es ist unschwer zu erraten, ursprünglich war damit „holocaust denialist“ = „Holocaust-Leugner“ gemeint.

    Das geht auch immer fröhlich so weiter: Rassentrennung in den USA = „racial segregation“. Was macht der Feminismus daraus? Natürlich: „gender segregation“. Als ob es jemals eine rassistische Gesetzgebung auch nur annähernd gleichen Umfangs für Frauen, insbesondere weiße Frauen gegeben hätte!

    In ihrer Selbst-Inszenierung und der Durchsetzung der Wahnvorstellung, in jedweder Geschichte seien vor allem Frauen die Hauptopfer der Geschichte gewesen, macht dieser Feminismus vor nichts halt.
    Es gibt keine Skrupel.

    Nur in der und durch die Selbst-Wahrnehmung als Hauptopfer der Geschichte jedoch – die ein einziger Betrug und Selbstbetrug ist – lässt sich der Hass auf Männer perpetuieren, zu deren Bekämpfung natürlich jedes Mittel gerechtfertigt ist. Und wenn man die wirklichen Opfer der Geschichte enteignen muss, dann ist das eben so – die zu uneigentlichen Opfern geraten. Denn *eigentlich* sind Hauptopfer der Geschichte Frauen und der Rest sind quasi Kollateralschäden.

    Hier schließt sich dann der Kreis: Die Durchsetzung dieses Betrugs als gesellschaftliche Wahrnehmung erzeugt wiederum die Rechtfertigung für den Hass und einen Kampf, in dem jedwedes Mittel gerechtfertigt ist.

    Das ist eine geschlossen wahnhafte Weltanschauung.

    Schönen Gruß, crumar

    Antwort

  12. Danke @crumar, für diese metaphorische und bildhaft erkennbare Verdeutlichung dessen, was durch Sprache intentioniert wird. In diesem Fall eine tatsächliche stattdindende Überstülpung einer wahnhaften Weltanschauung auf die Seele einer ganzen Gesellschaft.

    Dass das in Amerika u.a. auch passiert, sollte uns hier in Deutschland, wo 50 Prozent aller Google-Treffer zu „Gender Mainstreaming“ auf Seiten unserer Sprache entfallen, mehr als zu denken geben.

    Und mich wundert, warum ein Profx Lann H. (oder was auch immer das sich 'schimpft') jedes mal mit „Sie“ angeredet werden möchte, wo er sich doch gar nicht entscheiden kann, mit welchem, diesen zig flatulierenden Geschlechtern er nun angesprochen werden möchte.

    Aber Hauptsache es hat den Präfix: „sie“, „@“ und „a“.

    Nun könnte Infratest oder Dimap und wie diese Meinungsforschungs-Institute alle heißen daraus einen Trend zur allgemeinen Selbstwerdung eines Elfenbeiturmlas ablesen – aber wen interessiert das.

    Viel interessanter ist doch die Frage: Wer finanziert das – und warum?

    Zum Rückblick von @Lucas: Wie immer faktenreich recherchiert und wunderbar lesbar geschrieben. Danke, dass du es immer wieder schaffst, Themen wieder ins Licht zu setzen, die in diesem Monat wirklich aktuell waren.

    Beste Grüße an euch vom emannzer

    PS: Zum Thema „gendergerechte Sprache“. Ich hatte mich mal vor ein paar Monaten bemüht, dieser gerecht zu werden und folgendes geschrieben:

    M@nn sucht Türöffnx für Drucka

    Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Sich syntaktisch und semantisch so zu verbiegen oder diesen Unfug lesen zu müssen. Daher beende ich mit dem treffenden Kommentar von der geschätzten „evilmichi“:

    „Ach du Scheisse“

    Antwort

  13. Ich finde den Text von Hirschauer auch recht gut. Was mich noch stört, sind die vielfältigen Kulturwissenschaftsvokabeln. Manches empfinde ich als theoretisch überkonstruiert an Differenzen und Wahrnehmungen usw. Aber das ist ein Randthema.

    Hier gibt es übrigens eine Entgegnung aus den Gender STudies:
    http://www.fg-gender.de/forschung/stellungnahmen

    Und da heißt es:

    „Wissenschaft, oder besser: ‚Kulturwissenschaft‘ handele, so scheint es hier, demnach von einer Welt, die ausschließlich nach den Gesetzen der sie beobachtenden Wissenschaft konstruiert ist, die sich ihr also unaufgeregt und widerstandslos ergibt. Diese Wissenschaft ist gewissermaßen gar keine Praxis mehr, sondern ungetrübte Einsicht in das kulturelle und soziale Wesen der Welt selbst. Es überrascht insofern nicht, dass Stefan Hirschauer sich irgendwie unwohl zu fühlen scheint, mit der aktuellen Situiertheit der Gender Studies, gründen sie ihre Praxis doch auf der Kritik gerade dieser sowohl in den Natur- als auch in den Kulturwissenschaften verbreiteten Perspektive:

    „Diese Selbstunsichtbarkeit ist die spezifisch moderne, europäische, maskuline, wissenschaftliche Form der Tugend der Bescheidenheit. Es ist diese Form der Bescheidenheit, die ihre Praktiker in der Münze epistemologischer und sozialer Macht auszahlt. […] Diese Tugend garantiert, daß der anspruchslose Zeuge zum legitimen und autorisierten Bauchredner der Objektwelt wird, der von seiner bloßen Meinung oder seiner körperlichen Befangenheit nichts hinzufügt. Seine Subjektivität ist seine Objektivität. Seine Erzählungen haben eine magische Kraft – sie verlieren alle Spuren ihrer Entstehung als eine Geschichte, als Erzeugnis parteilicher Unternehmungen, als anfechtbare Darstellung oder als konstruierter Beweis. Aus den Erzählungen werden klare Spiegel, durch und durch magische Spiegel, ohne sich je auf Transzendentes oder Magisches berufen zu müssen.“ (Donna Haraway, Modest Witness)

    Stefan Hirschauer hat also völlig recht, wenn er sein (in diesem Artikel artikuliertes) Wissenschaftsverständnis, das auf der dichotomen Trennung von Subjekt und Objekt, Natur und Kultur, Sex und Gender, Politik und Wissenschaft beruht, dem gegenüberstellt, was er eine „feministische Gegenwissenschaft“ nennt. Feminismus – und das ist jetzt eine situierte, nichtneutrale und gerade deshalb wissenschaftliche These – ist im Kern die grundlegende Infragestellung dieser wohlfeilen, das Leben männlicher Wissenschaft sicher erleichternden Dichotomien: von Kollontai und de Beauvoir über Irigaray und Haraway bis Butler und Barad. Sicher, diese Infragestellung, dieses Fragen ist nicht auf die Gender Studies beschränkt, sie ist nicht nur in den Kulturwissenschaften Gegenstand intensiver Debatten, und natürlich gab und gibt es auch eine Geschlechterforschung vor dem und jenseits des Feminismus. Worum es hier geht, ist aber gerade das Begehren, die Sehnsucht, dorthin zurückkehren zu können, sich also Fragen der geschlechtlichen Differenz neutral, nichtgegendert, nichtbetroffen – man könnte mit Haraway sagen: maskulin – zuwenden zu dürfen.“

    Antwort

  14. Zentral hier vielleicht die Perversion des Praxis-Begriffes: waehrend wirkliche Praxis *Arbeit* am Gegenstand ist (z.B. ist wesentlicher Teil der Praxis der Mathematik der Beweis), verkommt dies hier zur „Intervention“.

    Dieses wohlfeile zitierte Geschwaetz sagt ja ueberhaupt nichts inhaltliches, ist reine Buerokratie. Im wesesentlichen eine Management-Haltung, die nur Metadiskurse fuehrt, und sich nie in die NIederungen der Materie begibt. Die Methodik der Herrschaftsausuebung durch solche Argumentation scheint mir im Kern sehr aehnlich der Herrschaft im Neoliberalismus durch Management-Hegemonie. Hier wie dort z.B. die faulen Arbeiter, deren dummer Widerstand gegen die Weisheit des Managements verhindert, dass das versprochene Paradies sich endlich realisiert.

    „hegemony“ ist schon sehr wichtig hier, muss aber vollstaendig revidiert werden.

    Antwort

  15. @emannzer Teil 1

    Du hast gefragt: „Viel interessanter ist doch die Frage: Wer finanziert das – und warum?“

    Um mich einmal selber zu zitieren:

    „Um von der Linken wegzukommen: die ersten Subventionierungsmassnahmen des Feminismus/Genderismus starteten Anfang der neunziger seitens des damaligen Familienministeriums.
    Das war bis 1998 in der Hand der CDU!
    Das Professorinnenprogramm stammt von Annette Schavan, CDU.

    Ihr habt nicht begriffen, dass inzwischen eine *ganz große* Koalition den Laden unterstützt.
    Die Kritik, der Genderismus sei ein rein “linkes Projekt” geht an dieser Realität völlig vorbei.“

    Nehmen wir doch einmal dein Beispiel: Die Idee allein, dass sich Kritik an den herrschenden Verhältnissen darin erschöpfen kann, stundenlang die Frage zu diskutieren, ob „Profx“ der Einstieg in eine gerechtere Gesellschaft ist.

    Die Ideen allein, die Meredith Haaf in der „Süddeutschen Zeitung“ verbreiten darf (sprachlich so blöd, wie auch verräterisch):

    „Jedenfalls haben sich gerade junge Frauen zum Beispiel in den Diskussionen um Sexismus und Prostitution als Gesellschaftskritikerinnen hervorgetan und als Trägerinnen von Forderungen für eine fortschrittlichere Gesellschaft als die, die wir haben.

    Im Gegensatz dazu formiert sich eine Garde „alter, weißer Männer“, die sich als die Bewahrer der Geschlechter-Ordnung und Hüter des gesunden Menschenverstandes in der Öffentlichkeit sehen. Sie möchten keine Angestellten des öffentlichen Dienstes mit ProfessX ansprechen müssen. Sie möchten sich öffentlich zu ihrer Homophobie erklären. Sie möchten gerne nicht mit Quoten belästigt werden und einer Frau doch bitte einfach ein Kompliment machen dürfen.“

    http://www.sueddeutsche.de/leben/junge-frauen-wie-der-fall-tue-in-der-feminismusdebatte-instrumentalisiert-wird-1.2258982

    Diese komplett irre Selbststilisierung, wonach die 31-jährige (! mit 25 zählte sich sich noch zu den Alpha-MÄDCHEN) Frau sich selbst zur jugendlichen, progressiven Avantgarde zählt.
    Und Avantgarde ist (per se!) alles, was von: „Feministinnen, Nicht-Heterosexuellen und Nicht-Weißen“ kommt.

    Allein die flächendeckende Ausbreitung solche Ideologie ist für jede herrschende Klasse unbezahlbar.

    Wenn progressiv bedeutet, jung, weiblich, feministisch, nicht-weiß, schwul/lesbisch zu sein, dann hat man mit der Kombination dieser Merkmale die revolutionäre Avantgarde auf ein paar Hanseln eingeschrumpft, die völlig bedeutungslos sind.
    Es ist jedoch völlig bedeutungslos, was diese inhaltlich zu sagen haben, sondern die Personalisierung des Inhalts ist der entscheidende Punkt.
    Damit einhergehend schluckt die Öffentlichkeit nämlich die Überzeugung, ein Gedanke, den eine junge, weibliche Feministin äußert sei dadurch aufgewertet, hingegen eine Kritik entwertet, wenn diese von einem älteren, nicht-feministischen, heterosexuellen Mann stammt.
    Selbst-Aufwertung und Entwertung des Gegenübers gehen Hand in Hand.

    Noch wichtiger ist jedoch, dass diese Ideologie die hiesige, riesige Mehrheit der weißen, heterosexuellen, nicht-feministischen, nicht genderesken, nicht jungen Männer und Frauen in eine dumpfe MASSE verwandelt, die der ELITE bedarf.

    Diese Elite ist nämlich progressiv, dass weiß sie von sich selbst ganz genau. Und die Masse bedarf ihrer Führung in eine gerechtere Welt.
    Was die gerechtere Welt ist, dass wissen natürlich nur „Feministinnen, Nicht-Heterosexuelle und Nicht-Weiße“ – ersatzweise Meredith Haaf.

    D.h. es ist eine ganz ordinäre bürgerliche Elite-Theorie – nur pappt sie sich selbst das Label „progressiv“ an.

    Antwort

  16. @LoMi: danke für den Hinweis auf die Replik der FG Gender auf Hirschauers Text. Wundert mich kein bißchen. Diese Replik kann man offenbar mit einem Begriff zusammenfassen: feministische Standpunkttheorie als Wissenschaftsmethodik (bzw. Methode der Wissenschaftskritik), im Gegensatz zum „maskulinen“, an Objektivität ausgerichtetem Wissenschaftsverständnis.

    Die Standpunkttheorie kommt mir als Amateur (und als mathematisch / naturwissenschaftlich geprägter) dermaßen absurd vor, daß ich fast wieder den Verdacht habe, irgendetwas wichtiges zu übersehen.

    Zum einen ist der Begriff „Standpunkt“ ein Gummibegriff, der nach Belieben ausgelegt werden kann. Indirekt sagt er nach meinem Eindruck aus, daß Forscher relevante Merkmale in ihrer Person (Klassenzugehörigkeit, sexuelle Traumatisierungen, Männerhaß usw.) haben, die sich wesentlich auf die Ergebnisse meiner Forschung auswirken, insb. auf die Auswahl der Untersuchungsgegenstände und die Ergebnisse meiner Analysen, Experimente usw. Daß so etwas überhaupt in einer Disziplin möglich ist, ist ein wissenschaftlicher Offenbarungseid, denn dann gibt es offensichtlich keine Mechanismen der Qualitätssicherung, die ungültige und schlechte Forschung von gültiger unterscheiden können.

    Mit der Standpunkttheorie kann ich zunächst Kritik an der Forschung mißliebiger Personen üben oder unerwünschte Ergebnisse anderer für ungültig erklären (das war sicher die Motivation dafür).

    Umgekehrt kann aber auch jeder andere meine eigene Forschung für standortbedingt und interessengetrieben abwerten. Dies mache ich hiermit für die komplette feministische Forschung.

    Die Setzung, daß Forscher, die einer diskriminierten Klasse angehören, automatisch einen besseren Standort hat, ist ebenfalls absurd. Der Begriff Diskriminierung ist ein Gummibegriff, und um plausibel zu sein, müßte die gefühlte Diskriminierung in einem thematischen Zusammenhang zum Forschungsthema stehen (daß ein Hartz-4-Empfänger automatisch ein besser als ein Millionär über Kernphysik forscht, ist nicht plausibel). Dieser Zusammenhang ist dubios, und wenn Forschungsergebnisse wesentlich von privaten Erlebnissen abhängen, sind sie nur für diese Person gültig und nicht für andere.

    Antwort

  17. @emannzer Teil 2

    Nehmen wir dann das Beispiel des Bildungsplans in Baden-Würtemberg.

    1. Die übliche Strategie war, mit völlig aufgeblasenen und verlogenen Zahlen zu arbeiten. Es seien bis zu 10% aller Jungen und Mädchen schwul oder lesbisch, bisexuell oder trans- oder intersexuell. Realistisch ist maximal (!!!) die Hälfte, addiere ich alle diese Gruppen.

    Der entscheidende Punkt ist nicht, dass sie hier gelogen haben, um eine gesellschaftliche Sensibilisierung für ein soziales Problem herbeizuzaubern. Sondern es ist die Überzeugung, für die „gerechte“ Sache sei jede Lüge gerechtfertigt.
    In dieser Überzeugung verbirgt sich die elitäre Auffassung, die „breite Masse“ müsse manipuliert werden.
    Notfalls mit einer Skandalisierung eines Problems mit Mitteln, die die „progressive Elite“ jedoch komplett ununterscheidbar macht von Strategien, die auch die Springer-Presse einsetzt.

    2. Nun kommt der Punkt, der sie selber am meisten von sich überzeugt: Man müsse die Masse sensibilisieren für die Vielfalt der sexuellen Orientierungen. Also für die Lage der sexuellen Minderheiten. Das wäre ein gutes Projekt, würde der Mehrheit der Bevölkerung in der Größenordnung von 95% nicht zugleich ihre sexuelle Orientierung vorgeworfen werden.

    Denn im Begriff der „Heteronormativität“ ist eingeschrieben, die heterosexuelle Orientierung nur als Produkt eines gesellschaftlichen Zwangs zu sehen.
    Auch hier wieder: die MASSE hat sich den gesellschaftlichen Zwangsvorstellungen bloß unterworfen, hat eine uneigentliche Sexualität.
    Was die, ihre eigentliche, richtige sexuelle Orientierung ist, wissen natürlich nur: „Feministinnen, Nicht-Heterosexuelle und Nicht-Weiße“.

    In dieser Theorie verbirgt sich nicht nur die Auffassung, die sexuelle Orientierung des individuellen Menschen sei eine unbeschriebene Tontafel, nicht nur eine Elite-Theorie, wonach die Masse eben einem umfassenden Verblendungszusammenhang erliegt, sondern auch die Überzeugung, die FALSCHE sexuelle Orientierung sei in einer gerechteren Welt auch reversibel.
    Ironischerweise ist die katholische Kirche auch dieser Meinung: schwul/lesbisch ist eine falsche sexuelle Orientierung, aber die ist heilbar.

    3. In der Heraushebung des bedauerlichen Schicksals des schwulen Jungen und der Selbstpräsentation als sozial, sensibel und progressiv geht der gesunde Menschenverstand – politisch gewollt – flöten.

    Ich kümmere mich rührend um das Schicksal von schwulen Jungen – die Diskriminierung ausgesetzt sein können oder besonders selbstmordgefährdet sind.
    Der schwule Junge hat aber nicht aufgehört zur GRUPPE der JUNGEN zu zählen, auch wenn der Anteil der Teilgruppe der schwulen Jungen an dieser Gruppe nur 5% ist.
    Dass die „restlichen“ 95% aller Jungen immer noch wesentlich selbstmordgefährdeter sind als gleichaltrige Mädchen geht jedoch völlig unter.
    Die schulische Diskriminierung in der Notengebung betrifft den schwulen Jungen ALS Jungen ebenso, nur das bleibt völlig unerwähnt.

    Suggestiv wird dem Publikum eine Teilgruppe präsentiert, um die man sich politisch und gesellschaftlich *besonders* zu kümmern habe.
    Um dann die Problemlagen der „restlichen“ 95% konsequent zu ignorieren.
    D.h. es ist „teile und herrsche“ auf einer völlig neuen Stufe.

    Man nutzt Ressourcen für die Erzeugung einer bestimmten Teilgruppe, die der besonderen politischen Zuwendung und Aufmerksamkeit bedarf und spart gleichzeitig 95% aller Mittel für die Beseitigung von Nachteilen der Gesamtgruppe.

    D.h. hier trifft sich das Interesse an der Schleifung des Sozialstaats mit dem psychischen Interesse einer „progressiven Elite“, die sich zugleich an den Kürzungen politisch beteiligen will, aber sich selber weiterhin für progressiv halten möchte.

    Antwort

  18. @emannzer Teil 3

    Dabei ist für die herrschende Klasse m.E. nicht ein einzelnes Resultat wichtig, sonder die Etablierung eines Mechanismus.

    a. Es wird „top-down“ und medial über die Masse verfügt, was als progressiv zu gelten hat und nicht demokratisch entschieden.

    b. Die eigene Etikettierung als progressiv rechtfertigt jedes Mittel zur Durchsetzung von dem, was als progressiv gilt. Notfalls muss die Masse eben Lügen wiederkäuen.

    c, Progressive Elite ist, wen wir dazu auserwählen – ungeachtet der politischen Inhalte. Und nicht ganz zufällig sind junge Frauen wesentlich besser medial vermarktbar als alte Männer.

    d. Progressive Ideen sind nicht unabhängig von der Person, sondern werden je nach Sprecher automatisch aufgewertet oder entwertet.

    e. Der Sprecher ist gekennzeichnet durch biologisch invariante Merkmale – ist der Sprecher versehen mit dem falschen Sex, der falschen Hautfarbe, dem falschen Alter, so entwertet dies automatisch seine Position.

    Zusammengenommen also eine modernisierte Form bürgerlicher Herrschaft, die haargenau in diese Zeit passt. Nur eben formuliert von Menschen, die sich selber für fortschrittlich halten (wollen).

    Schönen Gruß, crumar

    Antwort

  19. Hallo crumar,

    ich halte die Rede von „schwulen Jungen“ fuer einen schweren Fehler. Vor der Pubertaet spielt Homosexualitaet an sich wohl keine Rolle (ausser die Rolle des „Schwulen“ wuerde schon zu einem sehr fruehen Zeitpunkt gewaehlt werden). Danach muss man das duenne biologische Substrat, die Homosexualitaet, von der gesellschaftlichen (De-)Formation, dem „Schwulsein“, unterscheiden.

    „Schwulsein“ ist vielleicht das Paradebeispiel schlechthin fuer die „zweite Natur“.

    Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur umso tiefer in den Naturzwang hinein. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation verlaufen. (Dialektik der Aufklaerung)

    Die Grund-Behauptung hier ist, dass sich die moderne „Identitaet“ des Schwulen erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. Dass man es heute einem Schwulen auf Anhieb ansehen muss, dass er einer ist, ist eine ganz spaete Erscheinung.

    Richard Dawkins hat einmal geschrieben, verraeterisch, wie ich meine, dass zwar das coming out eine sehr moderne Erscheinung sei, ohne Vorbild in der Geschichte, aber dies zeige nur, dass die moderne, freie Gesellschaft mehr Natuerlichkeit zulassen wuerde, mehr „Verhalten“. Man beachte hier, dass „Verhalten“ die klingende Muenze des Evolutionsbiologen ist.

    Die heutige Gesellschaft giert nach Sexualitaet, und diese Nachfrage wird u.a. durch „Schwulsein“ befriedigt. Und diese vorgestanzten Verhaltensformen bieten Halt, und sogar einen gewissen Kriegsgewinn — egal, ob man nun tatsaechlich Homosexualitaet in sich traegt oder nicht, in der allgemeinen Behindertenolympiade, zu der die Gesellschaft pervertiert, ist Schwulsein ein ordentliches Betaetigungsfeld.

    Nebenbei gesagt, sollte man den Begriff der „Heterosexualitaet“ als falsche Ideologie ablehnen.

    Antwort

  20. @crumar:
    gut beobachtet.

    „…irre Selbststilisierung, wonach die 31-jährige (! mit 25 zählte sich sich noch zu den Alpha-MÄDCHEN) Frau sich selbst zur jugendlichen, progressiven Avantgarde zählt.“

    Kann man auch unter verlängerter Adoleszenz verbuchen, die ein weitverbreitetes Phänomen und von daher irgendwie normal ist.

    Übrigens könnte man mit gleicher Waffe zurückschießen und den alten Spruch „trau keinem über 30!“ aufwärmen 😉
    Beiträge von mittelalten kinderlosen Frauen, die im Politzirkus aufgewachsen sind und keine relevante Lebenserfahrung vorweisen können, kann man dann ungeprüft zurückweisen.

    zu den Punkten a – e: ich bin mir nicht sicher, ob das überwiegende Ausdruck einer bürgerlichen Herrschaft ist oder nicht eher Ausdruck einer medialen Herrschaft. Ein Großteil der Normalbürger hält die Netzfeministinnen nach meinem Eindruck für meschugge, falls man sie überhaupt kennt, das hat ja schon die Aufschrei-Kampagne unfreiwillig gezeigt. D.h. die Punkte a – e treffen im realen Leben keineswegs immer zu. Die Medien im Verbund mit feministischen Parteien konstruieren nur die Illusion, diese Damen hätten diese Meinungsmacht, und man fällt drauf hinein und beschäftigt sich unnötig damit.

    Antwort

  21. @Oliver

    Ich fange einmal mit deinem letzten Satz an: Egal welches Geschlechtsteil du gerne lutscht – unterstellend progressiv sei, du präferierst beide – eine sexuelle Orientierung ist eine sexuelle Orientierung, ist eine sexuelle Orientierung.

    Meine Haltung ist wie folgt: Es möge jeder und jede nach seiner Facon glücklich werden und ich wünsche mir einen Staat, der dieses Glück ermöglicht. Womit jedoch nicht ausgeschlossen wird das konkrete persönliches Unglück bei der Partner- / Partnerinnenwahl. Ein Staat, der persönliches Glück ermöglichen SOLL ist zwangsläufig ein autoritärer.
    Ein Staat – auch ein revolutionärer Staat – kann Glück ermöglichen, nicht garantieren.

    Womit ich aber ausschließe, eine sexuelle Orientierung sei an sich progressiv oder gar revolutionär – wie die Randgruppentheoretiker, die Marcuse bewusst missverstanden haben es immer noch behaupten.
    Wenn Wowereit und Ole van Beust und Westerwelle gleichermaßen progressiv sind, dann ist NICHTS mehr progressiv.

    Du hast m.E. richtig geschrieben: „Vor der Pubertaet spielt Homosexualitaet an sich wohl keine Rolle“ – weil vor der Pubertät auch Heterosexualität keine besondere Rolle spielt.
    BIS dahin erfolgt die Sozialisation in geschlechterexklusiven Gruppen – ich habe nichts zu tun mit der Wendy- und boygroup-culture und die Mädels nichts mit Skatern und Nerds.

    Watch dis: http://www.youtube.com/watch?v=ijr4rwb2WbE

    Du schreibst: „Man beachte hier, dass „Verhalten“ die klingende Muenze des Evolutionsbiologen ist.“ Und das ist falsch.

    Ich kann nichts dafür, dass ich auf triefende Muschis stehe (kulturell geprägt sicherlich auf rasierte triefende Muschis oder aber weil ich oralen Sex mag und die Nase voll habe von Schamhaaren in meinen Zahnzwischenräumen).

    Ich kann diese Neigung nicht als „falsche Ideologie“ abtun, denn das ist – fürchte ich – meine wahre Natur. Jedenfalls ist deine These: „Schwulsein“ ist vielleicht das Paradebeispiel schlechthin fuer die „zweite Natur“. m.E. falsch. Wenn du schwul bist, dann reduziert sich die Wahl deiner Sexualpartner auf genau ein Geschlecht – das ist deine ERSTE Natur.

    Deine Wahl ist nicht falsch, weil die Gesellschaft dir die Falschheit vermittelt, sondern jede Gesellschaft ist falsch, die dir vermittelt, die Wahl wäre falsch.
    Weil dir die Biologie gar keine Wahl ließ – und die Geschichte lehrt uns, dass es „Schwul sein“ schon immer gegeben hat.

    Nächster Konfliktpunkt: „Die heutige Gesellschaft giert nach Sexualitaet“
    Nein, tut sie nicht.
    Der weibliche Teil der Gesellschaft giert nach Sexualität.
    Nicht ICH oder DU haben Prinzessin Di auf dem Gewissen, sondern eine Boulevard-Presse, die ohne weiblichen Voyeurismus gar nicht funktionieren würde.
    Dieses Interesse als GESELLSCHAFTLICHES zu verbrämen ist gaga.
    Oder liest du „Gala“?
    Bist DU verantwortlich für die Mager-Models in „Brigitte“ oder „Vogue“?
    Kaufst DU diese Scheiße?
    Der Witz ist nicht die „Behindertenolympiade“, sondern WER hat diesen Quark eigentlich erfunden und macht daraus ein Geschäft?!

    Der komplette Schwachsinn ist aus meiner Sicht, dass Frauen diesen Irrsinn goutieren und uns einen Vorwurf daraus machen.
    SIE lesen Frauenzeitschriften, von Frauen, über Frauen und für Frauen und drehen uns dann einen Strick aus den Geschlechterstereotypen, die exklusiv für sie geschrieben worden sind.

    Das ist die NACHFRAGE – es ist eine weibliche Nachfrage.
    Ich – als Mann – habe mit diesem Quark nichts zu tun.

    Oder wie es aus berufenem Munde schallt:

    Schönen Gruß, crumar

    Antwort

  22. @mitm
    Du schreibst:

    „Kann man auch unter verlängerter Adoleszenz verbuchen, die ein weitverbreitetes Phänomen und von daher irgendwie normal ist.“

    Nein, ist es nicht.
    Wenn du die Frau deines Herzens schwängern willst, dann wäre es zweckmäßig, wenn BEIDE damit einverstanden sind.
    Nämlich mit Sex ohne Verhütung und deinen Spermien, die ohne Widerstand an einem, ihrem Ei anklopfen.

    Was sich hier abzeichnet ist jedoch die göttliche, unbefleckte Empfängnis: deine Süße will eigentlich gar kein Kind und dein Sperma ist irgendwie unbeteiligt an ihrem dicken Bauch.

    Das kann sexuell übrigens ziemlich stimulierend sein.
    Dein Schwanz pocht an die Gebärmutter deiner Liebsten, du kommst und es entsteht etwas gemeinsames, Drittes.

    Der Feminismus bestreitet alles: den Kinderwunsch deiner Süßen, deinen eigenen und im Herzen ist feministischer Sex wie Porno – Sex ohne Konsequenzen. Das ist der Witz: Porno ist ein Märchen für Erwachsene; Feminismus auch! Gnihihi…

    „Beiträge von mittelalten kinderlosen Frauen, die im Politzirkus aufgewachsen sind und keine relevante Lebenserfahrung vorweisen können, kann man dann ungeprüft zurückweisen.
    Übrigens könnte man mit gleicher Waffe zurückschießen und den alten Spruch „trau keinem über 30!“ aufwärmen ;-)“

    Deshalb gibt es den eigentlichen Feminismus für Frauen bis 30.
    Der Feminismus kann nie erwachsen werden.
    Er verbleibt in der Pubertät seiner Protagonistinnen, er verbleibt in der sexuellen Projektionsfläche, die du – als Mann – darstellst.

    Richtig – deine Süße wird exklusiv schwanger.
    Es gibt da keine Gerechtigkeit.
    Schwangerschaft ist geschlechterexklusiv und generative Potenz ist die Sache der Frau letztlich.
    Ich glaube immer mehr, Frauen kaufen uns nicht ab, wie sehr wie sie dafür lieben, weil sie sich selber dafür nicht mehr lieben dürfen…

    Das sind meine 2 Cents für heute…

    Schöne alte Zeiten:

    Lieben Gruß, crumar

    Antwort

  23. mitm

    Womöglich gibt es eine gewisse Plausibilität für diese Art Standpunkttheorie. Sie beruht auf der aus der Ideengeschichte herkommenden Einsicht, dass ein Forschungsinteresse nicht vollkommen unabhängig ist von der gesellschaftlichen Verortung des Forschers. Das kann man vermutlich leicht „nachweisen“, indem man die Entwicklung von Forschungsgegenständen durch die Jahrhunderte studiert.

    Gleichzeitig müsste man hier wissenschaftstheoretisch einschreiten. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Begründungszusammenhang und dem Entdeckungszusammenhang. Letzterer wäre in etwa diese gesellschaftliche Verortung. Der Begründungszusammenhang wiederum hebt ab auf die innerwissenschaftlichen Kriterien. Beide Ebenen sind zu trennen. Es mag zwar ein Forschungsgegenstand, eine Forschungsfrage aus dem Zeitgeist her stammen. Aber Aussagen darüber werden an Kriterien gemessen, die von solchen Kontexten abstrahieren. Maßstäbe wie Logik etwa sind blind für gesellschaftliche Verortung, daher kann Logik bei der Beurteilung der unterschiedlichsten Forschungsgegenstände aus unterschiedlichsten Kontexten helfen.

    Die Genderleute kritisieren ja nun, dass Logik z.B. selber bereits Zeitgeist widerspiegelt und eigentlich „männlich“ sei. Die Logik tue nur neutral, sie sei es nicht.

    Aber das halte ich für einen Kurzschluss. Denn man kann Logik für die unterschiedlichsten Zwecke einsetzen. Oder mal praktisch: Computer und Smartphones sind Ergebnisse strikter Logik, also sind sie nach Gendervorstellung die verlängerten Arme des Patriarchats. Nichtsdestotrotz arbeiten Genderisten damit und Netzfeministinnen feiern vermeintliche Erfolge mit Hilfe von Twitterkampagnen. Das allein zeigt schon, dass die Forschungsergebnisse unterschiedlich nutzbar sind und daher nicht durch ihren Entdeckungszusammenhang determiniert sind. Das gilt allemal auch für jede Theorie.

    Für mich als Soziologen ist der zentrale Einwand gegen Trinkaus nun folgender: Soziologie ist eine empirische Wissenschaft. Es geht also um die tatsächlich existierende Gesellschaft. Um diese zu erkennen, muss ich mich ihr ergebnisoffen nähern. Ich muss immer davon ausgehen, dass ich meinen Gegenstand noch nicht wirklich hinreichend kenne, sondern erst kennenlerne. Insofern muss ich auch offen bleiben für überraschende Phänomene, mit denen ich nicht gerechnet habe, weil meine bisherigen Theorien sie nicht vorhergesagt haben.

    Gender kann aber nicht ergebnisoffen sein, wenn Gender immer schon einen außerwissenschaftlichen Standpunkt einnimmt. Denn dieser Standpunkt tut ja so, als wüsste er im wesentlichen schon das Meiste. Und er blendet viele Dinge aus, die vom Standpunkt her als „irrelevant“ oder gar falsch angesehen werden. Da ist Überraschung nicht mehr wirklich möglich. Auch steht stets der Verdacht im Raum, dass alle dem Standpunkt widersprechenden Fakten lieber ignoriert werden, um eben die eigene politische Position zu bewahren.

    Antwort

  24. „Gender kann aber nicht ergebnisoffen sein, wenn Gender immer schon einen außerwissenschaftlichen Standpunkt einnimmt.“ Das kommt natürlich auch darauf an, was man unter „Gender Studies“ versteht. Prinzipiell könnten diese Studien durchaus wissenschaftlich durchgeführt werden – ohne die Vorannahme, dass sich Geschlechterkonstruktionen in irgendeiner Form immer Herrschaftsverhältnisse reproduzieren würden – ohne immer schon vorher zu wissen, wie diese „Herrschaft“ aussieht (nämlich heterosexuell und männlich, natürlich) – ohne die Diffamierung von Kritikern – ohne (völlig uneingestandene) willkürliche Beschränkungen des Forschungsinteresses.

    „Einen solch hohen Grad homosozialer Verdichtung und Schließung gibt es in keinem anderen Forschungsgebiet.“ Das schreibt Hirschauer über die Gender Studies, die sich angeblich der „Diversität“ doch so verpflichtet fühlen.

    Die Standpunkttheorie konstruiert eine unhaltbare und unnötige Alternative: Entweder, wir tun so, als ob wir von einem „God's eye view“, oder einem „view from nowhere“, einem irgendwie göttlichen Blick auf die Welt schauen – oder wir müssen akzeptieren, dass Wissenschaft immer nur von einem ganz bestimmten Standpunkt aus betrieben wird. Das eine wie das andere ist aber Quatsch.

    Wissenschaft bedeutet unter anderem, Fragen zu stellen, Theorien zu Formulieren oder Ergebnisse zu erzielen, die von ganz unterschiedlichen Standpunkten aus nachvollzogen, also bestätigt oder widerlegt werden können. Man kann sich niemals zu einem „God's eye view“ emporschwingen, das ist aber auch gar nicht nötig – man kann aber unterschiedliche Standpunkte miteinander koordinieren.

    Wer das nicht tut, betreibt keine Wissenschaft – wer Ergebnisse erzielt, die nur von einem einzigen Standpunkt aus nachvollziehbar, anderswo aber nicht wiederholbar sind, ist entweder ein mytischer Seher oder ein Quacksalber, aber kein Wissenschaftler.

    Insgeheim steht hinter der Standpunkttheorie m.E. eine Position, wie sie Adorno im Postivismusstreit gegen Popper formuliert hat. In den „falschen“ Verhältnissen der kapitalistischen Warengesellschaft wäre es naiv, sich einfach auf empirische soziale Daten zu verlassen – weil diese Daten ja selbst schon durch die gesellschaftliche Falschheit verzerrt würden. Nur durch eine Perspektive der Utopie, einer von dieser Falschheit freien Gesellschaft, wäre es möglich, tragfähige soziale Daten zu generieren..

    Ohne einen solchen klaren, an der Utopie ausgerichteten Standpunkt sei man der Falschheit der Verhältnisse also sozusagen völlig ausgeliefert und würde sie, mehr noch, als angeblich neutrale „Wirklichkeit“ reproduzieren.

    Das bedeutet: Es geht in der Standpunkttheorie gar nicht um die (bescheidene, selbstkritische) Annahme, dass jede Theorie, auch die eigene, von einem bestimmten Standpunkt aus formuliert wird. Es geht um die hochtrabende Selbsteinschätzung, einen außerordentlich privilegierten Standpunkt zu haben, von dem aus die soziale Wirklichkeit überhaupt erst richtig eingeschätzt werden kann.

    Diese Anmaßung braucht rituell den Hinweis, man stünde damit auf der Seiten der Opfer sozialer Verhältnisse – denn dadurch wird ja überhaupt erst die Einschätzung beglaubigt, dass man einen Platz außerhalb der „falschen“ sozialen Ordnung gefunden hat.

    Das Ironische daran ist: Hier beanspruchen die Vertreter der Standpunkttheorie tatsächlich eben den göttlichen Standpunkt, den sie den eigenen Gegnern so grundlos unterstellen.

    Antwort

  25. Schoppe

    „Es geht um die hochtrabende Selbsteinschätzung, einen außerordentlich privilegierten Standpunkt zu haben, von dem aus die soziale Wirklichkeit überhaupt erst richtig eingeschätzt werden kann.“

    So wirkt es und so agieren die Vertreter solcher Haltungen in der Tat dann auch. Dabei müssten sie sich ja eigentlich permanent selbst hinterfragen, weil sie grundsätzlich sich als interessegeleitet begreifen. Dem „Normalwissenschaftler“ könnten sie Naivität vorwerfen, sie selber aber dürften sich nicht um die Selbstreflektion herumdrücken, weil sie ja meinen, die Standpunktabhängigkeit jeder Erkenntnis eingesehen zu haben.

    Diese Selbstreflektion wäre nur dann obsolet, wenn der eigene Standpunkt weiter nicht bezweifelbar wäre. Das hieße aber, ihn zu begründen. Gleichzeitig müsste die Anerkenntnis, dass man vortheoretish von einem Standpunkt ausgeht, auch die Einsicht folgen lassen, dass man einen Standpunkt unter vielen vertritt. Insofern müsste man doch zu einer Verhandlungsperspektive kommen, weil man weiß, dass man keinen herausgehobenen Standpunkt hat und die Welt von anderen Standpunkt aus anders aussieht. Hier hilft nur Aushandeln. Das Aushandeln bräuchte wiederum rationale Kriterien und würde also ein ähnliches System der Verständigung schaffen wie die Wissenschaft.

    Schließlich finde ich es auch zirkulär, wenn man glaubt, vortheoretisch den Standpunkt der Unterdrückten einzunehmen. Die Feststellung, jemand ist unterdrückt, ist selbst wiederum eine sozialwissenschaftliche Aussage, also das Ergebnis der Wissenschaft. Diese will man dann wiederum mit ihrem Ergebnis begründen. Das kann nicht funktionieren. Entweder hat man schon vorwissenschaftlich eine Einsicht darin, wer unterdrückt ist. Oder man muss eben auf die Begründung der Wissenschaft durch Engagement für die Unterdrückten verzichten, weil die Wissenschaft erst die Herrschaftsverhältnisse klären muss.

    Antwort

  26. 1. Hallo crumar,

    danke für Deinen langen Kommentar – wir könnten einen eigenen Artikel daraus machen. 🙂

    „Suggestiv wird dem Publikum eine Teilgruppe präsentiert, um die man sich politisch und gesellschaftlich *besonders* zu kümmern habe.
    Um dann die Problemlagen der „restlichen“ 95% konsequent zu ignorieren.
    D.h. es ist „teile und herrsche“ auf einer völlig neuen Stufe.“

    Den Punkt finde ich besonders wichtig. Er erklärt auch, warum kleine und immer kleinere Gruppen (nach Homosexuellen dann Transsexuelle, Transidente – also Menschen, die nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung ausmachen) in den Mittelpunkt der Diskussion geschoben werden – und zwar gerade zum Stichwort „Diskriminierungen“. Wer gegen Diskriminierungen dieser Gruppen kämpft, gefährdet keine Interessen, die meisten Menschen sind davon völlig unberührt.

    Probleme homosexueller Jungen lassen sich dann einfach durch Schwulenfeindlichkeit erklären, die man dann bekämpfen kann – bei anderen. Die Frage nach den offenkundigen Schwierigkeiten von Jungen ALLGEMEIN in der Schule wird lieber vermieden – da müssten sich nämlich alle, ob Bildungspolitiker oder Familienpolitiker, ob Lehrer oder Leute in der Bildungsbürokratie, fragen, inwieweit sie nicht SELBST Ursache der Probleme sind.

    Dasselbe gilt für die seltsame Präferenz, die Sozialdemokraten für die Adoption durch Homosexuelle gezeigt haben – während sie zugleich die Rechte leiblicher Väter bekämpfen. Dass Lesben und Schwule Kinder adoptieren können, war ihnen (insbesondere Zypries, von der damals der Vorstoß pünktlich zu einer Wahl kam) wichtiger, als dass Kinder bei ihren leiblichen Vätern sein können. Das wirkt auch dann absurd, wenn man – wie ich z.B. – nicht gegen die Homosexuellen-Adoption ist.

    (wird fortgesetzt)

    Antwort

  27. (Fortsetzung)
    Wer für Homosexuellenrechte eintritt, läuft eigentlich offene Türen ein und kann sich zugleich als wackerer Kämpfer gegen Diskriminierungen verkaufen. Ich sehe allerdings bei SPD oder Grünen niemanden, der z.B. für Väterrechte eintreten würde (etwas, wovon dann übrigens auch viele homosexuelle Männer betroffen sind, aber eben nicht als Homos, sondern als Väter). Eben weil das Problem insgesamt (nicht für jeden Einzelnen)drängender und die Gruppe der Betroffenen viel größer ist, wären hier eben auch sehr viel mehr Besitzstände berührt, und man müsste sich wirklich einmal mit Herrschaftsinteressen anlegen.

    Für mich ist es kein Grund zur Aufregung, dass die niedersächsiche Landesregierung ins Gesetz schreibt, Schulen sollten Vertreter von Schwulenorganisationen in den Unterricht einladen. Ich finde auch die Rede von der „Frühsexualisierung“ überzogen und versimpelnd. Aber wie wäre es denn, wenn es auch mal ins Schulgesetz geschrieben würde, dass Vertreter von Väterorganisationen in die Schulen kommen sollen – Vaterlosigkeit ist eben für einen sehr, sehr großen Tel der Kinder (und natürlich auch für homosexuelle) ein sehr drängendes Thema.

    Was besonders praktisch ist: Jeden, der die Fixierung auf bestimmte Formen der Diskriminierung und die Ignoranz gegenüber anderen Formen der Diskriminierung kritisiert, kann man leicht und bequem als „homophob“ hinstellen. Womit sich seine Kritik dann ja irgendwie von selbst erledigt hat.

    Dabei wird diese Politik nach meiner Überzeugung Homosexuellen überhaupt nichts nützen. Wer den Einsatz gegen Diskriminierungen von Homosexuellen oder Transsexuellen vorschiebt, um eigene Interessen abzusichern, versteckt sich ja regelrecht hinter ihnen. Und er kündigt einen Konsens gegen Homosexuellenfeindlichkeit auf, der de facto längst besteht – um sich selbst in inszenierten Kulturkämpfen profilieren zu können.

    „Zusammengenommen also eine modernisierte Form bürgerlicher Herrschaft, die haargenau in diese Zeit passt.“ Bei dem Punkt bin ich mir nicht sicher. Eigentlich marschiert diese Politik in die Vormoderne – weil die Unübersichtlichkeit und Abstraktheit moderner Herrschaftsformen permanent auf simple, naturalisierte und personalisierte Dichotomien eingedampft wird – Frauen gegen Männer, Mütter gegen Väter, Homos gegen Heteros, Trans gegen Cis etc. Es ist eher eine Flucht vor modernen Anforderungen als eine Modernisierung.

    Lieben Gruß!

    Antwort

  28. @LoMi: „Die Genderleute kritisieren ja nun, dass Logik z.B. selber bereits Zeitgeist widerspiegelt und eigentlich „männlich“ sei. Die Logik tue nur neutral, sie sei es nicht“

    Hast Du dazu ein paar Quellen / Beispiele?

    Antwort

  29. @mitm erst einmal

    Fuck! Der gesamte erste Teil meiner Antwort an dich ist verschwunden – mir ist das eben erst aufgefallen…
    Ich wohl habe aus Versehen die ersten zwei Absätze nicht markiert und hineinkopiert.
    So ein Ärger! Sorry!

    Schönen Gruß, crumar

    Antwort

  30. @Lucas

    „Probleme homosexueller Jungen lassen sich dann einfach durch Schwulenfeindlichkeit erklären, die man dann bekämpfen kann – bei anderen.“ Exakt – bei *anderen*. Es reicht ja auch gar nicht aus, dass die Jungs schwul sind, sondern sie müssen auf Symbolebene dafür herhalten, dass die Gesellschaft buuuuuuuuuunt wird und viiiiiiiielfältig.

    Und wenn sie nicht „queer“ genug sind , tja dann:

    “Queer ist ein Querschläger auch in der schönen, heilen Schwulen Welt mit ihren Normen und Ausgestoßenen: Homonormativität. Das ist alles, was die erfolgreiche Adaption der Homo-Variante von Heteronormativität gefährdet.”
    http://www.queer.de/detail.php?article_id=18227&pk_campaign=LSVD

    Merke auf, schwuler Junge: Wer nicht „die Heterowelt von innen sprengen“ will, der ist aber ruckizucki Homonormativ!
    Das ist der Sound der selbsternannten gesellschaftsverändernden Avantgarde – ein echter Querschläger (irgendwer sollte dem Autor erklären, was damit gemeint ist).

    In dem Augenblick jedoch, wo ein schwuler Junge einfach nur ein Junge ist, da er ohnehin zur Gruppe der Jungen gehört, will – da sind wir einer Meinung – keiner mehr etwas mit ihm zu tun haben oder etwas für ihn tun.

    Du schreibst: „Bildungspolitiker oder Familienpolitiker, ob Lehrer oder Leute in der Bildungsbürokratie, (müssten sich) fragen, inwieweit sie nicht SELBST Ursache der Probleme sind.“

    Das müssten sie sich seit 20 Jahren fragen und sie tun es nicht.
    Die Hartnäckigkeit, mit der die Nachteile der Jungen in der Schule ignoriert werden, deute ich für mich inzwischen als vorsätzlich.

    Es wird auf der einen Seite ignoriert, dass es Dutzende von Fördermöglichkeiten für Mädchen gegeben hat, als diese schulische Nachteile hatten – getan wird heute jedoch so, als hätte es die nie gegeben und als wären die (bisher) besseren Noten der Mädchen vom Himmel gefallen oder Produkt ihrer besseren Gene.
    In dem Moment, wo Jungen Probleme haben, gibt es keinerlei Förderung, sondern sie sind selber Schuld an ihrer Misere – oder ihre schlechteren Gene.

    Mir scheint hier die in die Schule eingezogene Misandrie Ursache und Motiv zu sein. Die Jungs sind auf der einen Seite quasi die Prügelknaben (an Stelle von uns Männern) und auf der anderen Seite sorgt man auch „bottom-up“ dafür, dass eine „Bestenauslese“ zwangsläufig nur junge Frauen kennen wird.

    In der „Vodafon-Studie“ geht man davon aus, dass Jungen im Schnitt einen Punkt oder 0,3 Noten schlechter bewertet werden.
    Und zwar in ALLEN Fächern – auch in den Leistungskursen (Englisch!).
    Das macht eine Menge aus beim NC, ob 1,7 oder 2,0 im Abi steht.

    Nach meinen Berechnungen auf der Grundlage einer anderen Studie (PISA Kompetenzen vs. reale Noten) differenziert sich dies aber noch einmal: Es werden Noten für Fächer gegendert.

    Die geringsten Anforderungen – Tusch! – für eine 1 gibt es in Mathe.
    Während dieses Niveau für Deutsch und Physik gleich hoch ist.
    Wer also zugibt, in Mathe würden Mädchen günstiger bewertet, hingegen in Deutsch Jungen der unterschlägt, dass das Gesamtniveau von Mathe tiefer gelegt worden ist. Wir raten mal, welches Geschlecht damit begünstigt wird…

    In Biologie ist es sogar so, dass ein lausiger Kompetenzpunkt Differenz (es sind Pi mal Daumen 25 bei einer ganzen Note) es anscheinend rechtfertigt, dem Mädchen eine 2, dem Jungen aber eine 3 zu geben.

    Das müsste irgendwem doch aufgefallen sein, oder?
    Oder aber man drückt ganz fest beide Augen zu…

    Lieben Gruß, crumar (wird ebenfalls fortgesetzt) 😉

    Antwort

  31. @ LoMi / Lucas / crumar / alle:

    Ich habe mich aufgrund unserer Diskussion jetzt endlich aufgerafft und einen Grundsatzartikel über Gender Studies und deren Defizite zu angefangen, hier steht die erste Version:
    http://maninthmiddle.blogspot.com/p/gender-studies.html

    Die Gefahr ist groß, sich dabei aufs Glatteis zu begeben und voll auf die Nase zu fallen. Andererseits halte ich eine Auseinandersetzung mit den Gender Studies für strategisch unverzichtbar, weil bei vielen feministischen Thesen und Dogmen behauptet wird, sie seien durch die Gender Studies wissenschaftlich belegt. Die meiste Kritik an den Gender Studies erscheint mir zu emotional, oberflächlich oder aus anderen Gründen angreifbar.

    Der bisherige Text ist breiter angelegt als unsere Diskussion hier und bleibt noch ziemlich an der Oberfläche, versucht aber trotzdem, eine nicht angreifbare Grundlage zu schaffen.

    Was noch völlig unterbelichtet ist, ist eine Vision, wie seriöse Gender Studies aussehen müßten, die auch aus männerrechtlicher Perspektive glaubwürdige Ergebnisse liefert.

    Kommentare und Verbesserungsvorschläge sind natürlich willkommen!

    Antwort

  32. @Lucas zweiter Teil – die Weihnachtsgeschenke sind fertig gepackt, die Weihnachtskarten geschrieben. Bin ich eigentlich alleine mit meiner Meinung, das Weihnachtsfest samt Vorbereitung ein einziger Stress ist? Weihnachten beginnt für mich, wenn der Schwager den leckeren Whisky auspackt und die Kinder im Bett sind. Leckerer Whisky ist für mich: Talisker, Ardbeg, Lagavulin (aber nur der sechzehnjährige) (u.a.).

    Aber zurück zum Thema:
    „Frühsexualisierung“ ist ein leidiges Thema. Mir tun die kids leid, die nun wahrlich genügend Probleme mit ihrer eigenen Pubertät haben und dem, was ihren Körpern unvermittelt und rein biologisch induziert zustößt. Die sind – beide Geschlechter – wirklich verunsichert genug und in diesen Zustand schmeißt eine Horde Erwachsener die Bombe der Verunsicherung von sexueller Identität in eine Runde fröhlich Pubertierender?!

    Was soll das bringen?
    WEM soll das etwas bringen?
    Gehen wir weiter davon aus, dass Jungs dieses Thema alleine bewältigen müssen – kein Männerarzt, kein Androloge, an den sie sich vertrauensvoll wenden können. Jungs „passiert“ Pubertät und mit ihren Ängsten werden sie alleine gelassen. Was passiert eigentlich, wenn sich im Training mein Hoden verdreht hat? Wohin gehe ich, was muss ich tun?
    An dieser Stelle sollten wir Männer uns an die eigene Nase packen: Warum können WIR eigentlich keine Antwort geben?

    95% aller kids werden sehr wahrscheinlich eine heterosexuelle Orientierung entwickeln – was genau hilft diesen Hilflosen zu wissen, sie könnten auch transsexuell, schwul, lesbisch, bi- oder intersexuell sein?

    Natürlich ist es richtig, diese Minderheiten vor den Zugriffen einer dominant mehrheitlich heterosexuellen Sexualität zu schützen.
    Aber was ist eigentlich der Preis, den die „restlichen“ 95% der kids zu zahlen haben?
    Die rettet kein Verweis auf ihre potentielle Homosexualität, wenn sie es denn partout nicht sind.
    Das ist die Suggestion des „gaaaaanz großen Schritts nach vorne“.
    Mao live – da sind die KBW-IdiotInnen immer noch unter uns.

    Ist das *verantwortliches Handeln* gegenüber Heranwachsenden?
    Das ist also alles, was Erwachsene Jugendlichen in der Pubertät zu bieten haben?
    Wieso schämen sich die Erwachsenen eigentlich so sehr für das eigene Beispiel, dass sie den eigenen Kindern utopistisches Quark anbieten müssen, statt sich selber als Vorbild für ein gelungenes, gutes Leben zu setzen?
    Reicht es dafür nicht?

    Lucas, du schreibst: „Dasselbe gilt für die seltsame Präferenz, die Sozialdemokraten für die Adoption durch Homosexuelle gezeigt haben – während sie zugleich die Rechte leiblicher Väter bekämpfen.“

    Ist es nicht merkwürdig, dass mein obiger Text wie Porno erscheint?

    Antwort

  33. Teil 3 und Schluß

    Man kann sich über jede Position und Sexualpraktik in dieser Pseudo-sexualiserten Gesellschaft austauschen – doggie, anal, oral und meinetwegen auch ass to mouth.
    Aber doch bitte nicht über die bewusst eingesetzte Sexualität, die zu der Realisierung eines Kinderwunsches beigetragen hat!
    Natürlich haben auch Männer einen Kinderwunsch – gesellschaftlich verhandelt wird ausschließlich der weibliche.
    Ist das nicht absurd?
    Als wäre die alleinerziehende Frau Maßstab der Gesellschaft und nicht Dutzende von Millionen PAAREN.
    Wo ist Politik eigentlich gelandet?
    Bei welcher absurden Wahrnehmung von gesellschaftlicher Realität?

    Als wären wir schon in dem Zustand, wo nur das Konto auf der Samenbank noch für Kinder sorgt. Als ob der leibliche Vater gar keinen Beitrag gelistet hätte. Als ob der Vater dieses Kindes es nicht *bewusst* gezeugt und in die Welt gesetzt hätte. Alle diese Gedanken, die einen *Vater* in den Konjunktiv setzen sind eines vor allem: KRANK.

    Für mich ist entscheidend, WER das Kind liebt und WEN das Kind liebt – und nicht das beknackte Geschlecht.

    Du schreibst: „Eigentlich marschiert diese Politik in die Vormoderne – weil die Unübersichtlichkeit und Abstraktheit moderner Herrschaftsformen permanent auf simple, naturalisierte und personalisierte Dichotomien eingedampft wird – Frauen gegen Männer, Mütter gegen Väter, Homos gegen Heteros, Trans gegen Cis etc. Es ist eher eine Flucht vor modernen Anforderungen als eine Modernisierung.“

    Das ist das, was ich mit dem „Projekt Gegenaufklärung“ meine – das sind unsere Gegner und Gegnerinnen.
    Es argumtiert der Gegner mit Simplifizierung, Naturalisierung, Personalisierung.
    Es ist der engagierte Kampf gegen Rationalität, Vernunft, Humanität.
    Die *Reaktion* pappt sich das Label „progressiv“ auf.

    Ob wir – als linke Maskulisten – wollen oder nicht, wir *sind* die rote Linie – wir sind die Verteidiger universeller Menschenrechte, wir sind die Verteidiger des Grundgesetzes, der (notwendig halbierten) Aufklärung.

    Es gibt all diese Gründe und noch viel mehr, warum dein Sohn stolz auf seinen Vater sein kann.

    Lieben Gruß, crumar

    Antwort

  34. Was noch völlig unterbelichtet ist, ist eine Vision, wie seriöse Gender Studies aussehen müßten, die auch aus männerrechtlicher Perspektive glaubwürdige Ergebnisse liefert.

    Sie könnten sich an ihre ureigenste Standpunkttheorie halten und daraus den Schluss ziehen, dass Männer ihre Standpunkte mit einbringen könnten. Aber Männer und insbesondere Väter sind bekanntlich Täter (das reimt sich nämlich). Mit solchen Leuten redet man nicht. Und Männer sind gemäss connelllscher Theorie allesamt privilegiert, streichen die patriarchale Dividende ein, womit ihr Standpunkt irrelevant wird. So einfach kann man es sich machen.

    Doe poststrukturalistische Standpunkttheorie scheint mir übrigens eine Pervertierung des marxistischen Klassenbewusstseins zu sein, was wiederum die Rechten in den USA dazu verleitet, von Kulturmarxismus zu reden. Das ist nur solange nachvollziehbar, wie man Inhalte völlig ausblendet und lediglich in sehr allgemeiner, nicht spezifischer Weise Strukturen der politischen Agitation betrachtet.

    Antwort

  35. „…den Schluss ziehen, dass Männer ihre Standpunkte mit einbringen könnten.“

    Das ist gerade keine Wissenschaft, sondern Politik. Ich zitiere mich der Einfachheit halber selber (von hier): Gegen die Gültigkeit der Annahme, persönlich betroffene würden bessere Forschungsergebnisse liefern, sprechen zwei Argumente:

    a. Voreingenommenheit: Die persönliche Betroffenheit wird i.d.R. zu vorweggenommenen Wertungen führen, die bestimmte Untersuchungsergebnisse erwünscht bzw. unerwünscht machen, d.h. es entsteht ein Interessenskonflikt.
    b. empirische Irrelevanz: Sofern es sich um empirische Fragestellungen handelt – das trifft für die meisten soziologischen Themen zu -, können diese nur statistisch anhand einer größeren Zahl von Fällen untersucht werden. Ein konkreter Einzelfall spielt keine Rolle, eine Überbetonung eines Einzelfalls verschlechtert die Forschungsergebnisse.

    „.. Aber Männer und insbesondere Väter sind bekanntlich Täter …“

    Das spielt keine Rolle. Wenn seriöse maskulistische Gender Studies kritisiert werden, weil sie von Männern stammen, dann ändert das nichts an deren Gültigkeit. Mit so einer sexistische Kritik stellen sich die Kritiker höchstens selber ins Abseits.

    Antwort

  36. Zum Thema fundierte (!) Kritik an den Gender Studies bin ich auf einen sehr lesenswerten Text gestoßen:

    http://www.haaretz.com/print-edition/features/why-is-gender-studies-dominated-by-one-gender-1.289830
    Yiftach Shiloni: Why is gender studies dominated by one gender? Haaretz, May 12, 2010

    Der Autor ist der erste männliche Absolvent am wichtigsten Standort für Gender Studies in Israel. Der Text ist frei von den üblichen verbalen Entgleisungen und zitierfähig. Inhaltlich ist er ein sehr scharfe Kritik an der inhaltlichen Einseitigkeit und ideologischen Verpestung des Studiengangs (valide Argumente aus Insider-Sicht) und an der geringen Männerquote unter den Studenten (das ist kein generell valides Argument gegen den Studiengang, allerdings ein starkes Indiz, daß irgendwas nicht stimmt).

    Ich gehe mal davon aus, daß die Inhalte der Gender Studies-Studiengänge international sehr ähnlich sind und auf den gleichen Quellen aufbauen und der hier kritisierte Studiengang eher zu den besseren gehört. Insofern kann man die Kritik in etwa auf andere Studiengänge übertragen.

    Haaretz ist nicht irgendein Blatt, http://de.wikipedia.org/wiki/Haaretz schreibt: „Haaretz versteht sich als liberal und gilt unbestritten als die qualitativ höchststehende Zeitung Israels und als kritische öffentliche Instanz der israelischen Gesellschaft.“

    Gefunden habe ich den Hinweis übrigens in den Kommentaren zu http://www.tagesspiegel.de/wissen/attacken-auf-die-geschlechterforschung-die-diskreditierung-der-gender-studies-zeugt-von-statusaengsten/11128828-3.html und zwar von mindphuk, der früher den Blog http://mindph.blogspot.de/p/mindph.html betrieb und leider nicht mehr aktiv ist.

    Antwort

  37. Das ist gerade keine Wissenschaft, sondern Politik.

    Das ist richtig. Gender Studies wollen nichts beweisen, sondern etwas erreichen. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung ist i.m.h.o der falsche Ansatz, gerade weil es sich um reine Ideologie handelt. Würdest Du Scientology primär unter wissenschaftlicher Perspektive abhandeln oder doch eher als zu bekämpfende Ideologie?

    Antwort

  38. „Gender Studies wollen nichts beweisen, sondern etwas erreichen.“

    Gemeint ist hjier wahrscheinlich „etwas politisch erreichen.“ Das wäre der politische oder progagandistische Anteil der Gender Studies im weiteren Sinn.

    Das ist tw. eine Etikettierungsfrage und tw. eine wissenschaftstheorietische Frage.

    Hirschauer kämpft darum, das Etikett Gender Studies für wissenschaftliche, zweckfreie Arbeit zu reservieren.Dies unterstellt, daß man zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und darauf basierender Politik klar trennen kann.

    Die FG Gender widerspricht dem im Kern in ihrer oben zitierten Stellungnahme. Sie muß das auch, denn anderfalls müßte sie ihre Theorien einem Realitätstest unterziehen und könnte sie nicht ganz einfach dank eigener moralischer Überlegenheit als besser (weil auf dem besseren Standpunkt basierend) ausgeben.

    Antwort

  39. Hi man in the middle,
    aus deinem Text:

    „Die Frage, ob die Gender Studies eine seriöse Wissenschaft sind, stellt sich in vielen politischen Debatten überhaupt nicht: die Gender Studies spielen großenteils die gleiche Rolle wie der Wissenschaftliche Sozialismus. In beiden Fällen handelt es sich um eine „Zweckwissenschaft“, deren Sinn darin bestand bzw. besteht, die Überlegenheit und Alternativlosigkeit einer vorgegebenen Ideologie (des Sozialismus bzw. Feminismus) zu beweisen, ferner Methoden zur Um- und Durchsetzung dieser Ideologie, also der vorweg beschlossenen, von oben gesteuerten Transformation und Umerziehung der Gesellschaft, zu entwickeln. Hierzu gehört, die unfairen Hindernisse zu identifizieren und zu beseitigen, die die Ideologie bisher behindert haben bzw. nach wie vor hindern, ihre segensreichen Wirkungen voll zu entfalten (z.B. „das Kapital“ oder „das Patriarchat“).“

    Da darf ich als Anhänger des „wissenschaftlichen Sozialismus“ sicherlich widersprechen.
    Der Begriff „wissenschaftlicher Sozialismus“ ist von dem Frühsozialisten Pierre Joseph Proudhon geprägt worden.
    Proudhon ist eine zwiespältige Figur, allerdings nicht wegen seiner Wissenschaftsauffassung.
    Proudhon war m.E. ein bedeutender Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph (als Einführung empfehle ich das lesenswerte Buch des französischen Soziologen Pierre Ansart „Die Soziologie Proudhons“), auf den viele wichtige freiheitlich-sozialistische Ideen und Konzepte zurückgehen, die auch heute noch relevant sind, aber Proudhon hatte leider auch eine große Schattenseite: er war antisemitisch, frauenfeindlich und homophob.

    Proudhon war also in manchen Aspekten ein großer humanistischer und fortschrittlicher Denker, in anderen Aspekten leider ein reaktionärer menschenfeindlicher Schwachkopf.
    Und in diesem Sinne, unter kritischer Berücksichtigung dieser Zwiespältigkeit wird er heutzutage auch überwiegend rezipiert.

    Keine nennenswerte Kritik habe ich hingegen an Proudhons Wissenschaftsverständnis, gemessen am Kontext seiner Zeit.
    Proudhon war undogmatisch, ja anti-dogmatisch, sein Verständnis von „wissenschaftlichem Sozialismus“ ist mit pseudowissenschaftlichem Dogmatismus nicht vereinbar.

    Zitat Proudhon:

    ”Lassen Sie uns gemeinsam, wenn Sie es wünschen, die Gesetze der Gesellschaft ergründen, die Art und Weise, wie diese Gesetze sich durchsetzen, die Methode, mit der wir sie entdecken können; aber nachdem wir alle Dogmen zertrümmert haben, lassen Sie uns um Gottes Willen nicht dazu verleiten, die Menschen unsererseits zu indoktrinieren; lassen Sie uns nicht den gleichen Fehler begehen, wie Ihr Landsmann Martin Luther, der, nachdem er die katholische Theologie stürzte, an deren Stelle eine protestantische Theologie mit Exkommunikation und Bannfluch setzte. Die letzten drei Jahrhunderte war Deutschland hauptsächlich damit beschäftigt, Luthers Pfuscherei rückgängig zu machen; lassen Sie uns nicht die Menschheit mit einer ähnlichen Sauerei zurücklassen. Ich appelliere an Sie aus vollem Herzen, alle Ihre Ansichten auszusprechen; lassen Sie uns kollegial streiten und der Welt ein Beispiel unserer erlernten und weitsichtigen Toleranz geben. Lassen Sie uns nicht, weil wir an der Spitze einer Bewegung sind, zu den Führern eitler neuer Intoleranz machen und nicht als Apostel einer neuen Religion auftreten, selbst wenn diese Religion die Religion der Logik, die Religion der Vernunft wäre. Lassen Sie uns alle Einwände annehmen und ermutigen, und jede Ausschließlichkeit, jedes religiöse Dogma entmutigen. Lassen Sie uns niemals eine Frage als veraltet betrachten, und wenn uns die Argumente ausgehen, lassen Sie uns nötigenfalls von vorne beginnen – mit Eloquenz und Ironie. Unter dieser Bedingung werde ich gerne ihrem Verein beitreten. Ansonsten – nein!”

    Antwort

  40. Karl Marx hat den Ausdruck „wissenschaftlicher Sozialismus“ dann für seine Philosophie übernommen.
    Marx hatte in persönlichkeitspsychologischer Hinsicht zwanghafte Strukturanteile, neigte zur Rechthaberei. Mit Proudhon, den er anfangs schätzte, zerstritt er sich, polemisierte später gegen ihn und schrieb ein (schlechtes) Buch über ihn – aber trotz Marx Neigung zur Rechthaberei auf der persönlichen Ebene: Auch Marx hatte kein dogmatisches Wissenschaftsverständnis.

    Zitat Karl Marx:

    “Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrtümlich sie immer sein mag), sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkomodieren sucht, nenne ich gemein.”

    aus: Karl Marx. MEW 26.2, S. 112

    Der Vorwurf an Proudhon und Marx, sie hätten mit „wissenschaftlichem Sozialismus“ etwas Ähnliches gemeint wie die Gender Studies ist nicht berechtigt.

    Antwort

  41. Was haben Proudhon und Marx mit diesem Ausdruck denn nun gemeint? Der Begriff „wissenschaftlicher Sozialismus“ war eine kritische Reaktion auf die Vorgehensweisen einiger Frühsozialisten, die sich z.T. durchaus interessante Modelle sozialistischer Gesellschaften ausdachten, aber sich nicht ernsthaft um eine wissenschaftlich fundierte Analyse der bestehenden Gesellschaft, ihrer Strukturen, Funktionen und Entwicklungstendenzen bemühten. Proudhon und Marx waren hingegen der Ansicht, dass ein Sozialismus, der sich einfach im Erfinden von Gesellschaftsutopien erschöpft (und seien diese noch so kreativ und interessant) und nichts zur wissenschaftichen Erforschung der bestehenden Gesellschaft und ihrer Entwicklungstendenzen beiträgt, nicht viel taugt und für sozialistische Bestrebungen wenig hilfreich ist. „Wissenschaftlicher Sozialismus“ meinte in ihrem Sinne also einen wissenschaftlich fundierten bzw. wissenschaftlich informierten Sozialismus anstelle bloßer utopischer Phantasien. Entsprechend befassten sich Proudhon und Marx viel mit Wirtschaftswissenschaften und Soziologie und leisteten zu diesen Gebieten wichtige und z.T. bis heute lesenswerte Beiträge.

    Proudhon vertrat explizit einen Sozialismus von unten durch Gründung sozialistischer Gegeninstitutionen (insbesondere Banken, die zinslose Kredite vergeben) und selbstverwaltete Betriebe. Das staatliche politische System wollte er außerdem durch eine von unten nach oben aufgebaute direktdemokratische Föderation ersetzen.
    Von „Umerziehung“ und „von oben gesteuerter Transformation“ kann hier keine Rede sein.

    Antwort

  42. Marx stellte sich die sozialistische Gesellschaft unmittelbar nach der Revolution offenbar als eine Mischform aus direkter und repräsentativer Demokratie vor. Nach einer gewissen Phase sollte es zu einem „Absterben des Staates“ kommen.
    Allerdings schwankte Marx in seiner Einstellung zum Staat hin und her, manchmal äußerte er sich staatskritisch (der libertäre Marx), manchmal betrachtete er den Staat jedoch als wichtiges Instrument zur Machtübernahme durch das Proletariat und zumindest einmal sprach er von einer Verstaatlichung der Produktionsmittel, nämlich im kommunistischen Manifest:

    „Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, das heißt des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren.“

    Diejenigen Äußerungen von Marx, in denen er sich positiv auf den Staat als Organisationsform bezog, waren einer der Gründe für den ideologischen Konflikt mit den Anarchisten innerhalb der 1. Internationale.
    Die Anarchisten wollten den Staat unmittelbar nach der Revolution abschaffen und durch eine basisdemokratische politische Föderation (im Sinne Proudhons) ersetzen und sie strebten eine basisdemokratische Vergesellschaftung der Produktionsmittel durch Kollektivierung, Kommunalisierung oder Syndikalisierung (aber NICHT durch Verstaatlichung) an – eine Position, die von mir geteilt wird.

    Marx verwendete als Begriff für eine von ihm angenommene Übergangsphase zwischen der Zeit nach erfolgreicher Revolution und der klassenlosen Gesellschaft, die sich auch Marx staatsfrei vorstellte, den Begriff „Diktatur des Proletariats“.
    „Diktatur des Proletariats“ ist sicherlich ein sehr schlecht gewählter Begriff. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass Karl Marx darunter KEINE Parteidiktatur verstanden hat, sondern eine Arbeiterdemokratie, die er sich wahrscheinlich als eine Mischform zwischen repräsentativer und direkter Demokratie vorstellte. Für Karl Marx war die so verstandene „Diktatur des Proletariats“ wie gesagt eine Übergangsphase. Er ging davon aus, dass nach einer von großen Teilen der Bevölkerung getragenen, erfolgreichen sozialen Revolution die erkämpfte neue Gesellschaftsordnung wahrscheinlich noch eine zeitlang gegen Angriffe konterrevolutionärer Kräfte verteidigt werden müsse, bis sie sich weitgehend konsolidiert hat, was ja keine unrealistische Annahme ist.

    Nur in diesem Sinne kann bei Marx von einer „von oben gesteuerten Transformation“ gesprochen werden. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass im Sinne von Marx staatliche Maßnahmen in dieser Phase Ausdruck des Willens der Bevölkerungsmehrheit sein sollten, denn die „Diktatur des Proletariats“ war für Marx wie gesagt eine Arbeiterdemokratie. (Erst durch Lenin wurde der Begriff „Diktatur des Proletariats“ identisch mit einer Parteidiktatur, was jedoch in klarem Widerspruch zu der Bedeutung des Begriffs bei Marx steht.)

    Genderisten können sich daher nicht auf den „wissenschaftlichen Sozialismus“ von Proudhon oder Marx, noch auf deren Einstellungen zum Staat berufen.

    Antwort

  43. Hi Schoppe,
    du bist doch Fan des Philosophen und Pädagogen John Dewey, oder?
    Hättest du diesbezüglich ein paar Buchtipps für mich?
    Was genau gefällt dir bei Dewey?
    Gibt es noch andere Vertreter der Philosophie des Pragmatismus, die dir gefallen?

    Antwort

  44. Hallo Leszek,
    danke für den ausführlichen Kommentar. Ich bin z.Z. voll im analogen Leben eingespannt und komme voraussichtlich erst Anfang Januar dazu, mich damit zu befassen.
    Schon mal vorab Guten Rutsch an Dich, Lucas & alle anderen.

    Antwort

  45. Hallo Schoppe,
    bist du böse auf mich oder warum kommt keine Antwort auf meine obige Frage? 😦

    Antwort

  46. Hallo Leszek, nein, natürlich bin ich nicht böse… Ich hatte damals sogar gleich eine Antwort geschrieben, ein paar Tage später, im Zug sitzend. Natürlich war sie etwas zu lang für einen Kommentar geraten, was natürlich am Thema, nicht an mir lag. Ich selber neige ja eher dazu, mich allzu kurz zu fassen. 🙂

    Die Antwort ist mir dann aber zu Beginn des Jahres untergegangen, weil ich eine kleine Weile im Blog pausiert hatte. Tja…seitdem hatte ich den Text als Datei hier auf meinem Desktop rumliegen und wusste nicht mehr so recht, wie ich darauf noch zurückkommen sollte.

    Ich war also nicht böse, nur ein bisschen vertüdelt. Kommt vor. Ich mach, so bald ich dazu komme, einen Text daraus.

    Antwort

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