Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Zweiter Teil

 
Im ersten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht habe ich seine Kernthese vorgestellt, dass über negative Darstellungen von Männlichkeit typische Widersprüche der Moderne ausgetragen würden.

Im mittleren Teil möchte ich, wie angekündigt, an konkreten Beispielen überprüfen, wie haltbar und wie hilfreich diese These ist.

Im letzten Teil werde ich dann einige Konsequenzen beschreiben, die sich in meinen Augen aus Kucklicks Schrift ergeben.

Die Beispiele, die sich für den mittleren Teil anboten oder aufdrängten, waren allerdings so zahlreich, dass ich zwei Texte daraus gemacht habe. Der eine, der hier gerade beginnt, bezieht Kucklicks Thesen auf Beispiele aus einer gerade erst vergangenen Zeit, die heute gleichwohl skurril und irreal wirken. Es sind Beispiele aus den achtziger und frühen neunziger Jahren, als die Obsession mit der Geschlechtszugehörigkeit feministische Zirkel verließ und zu einem Teil der Popkultur und Ratgeberliteratur wurde.

Der nächste Text wird sich dann mit Beispielen aus der unmittelbaren Gegenwart beschäftigen. Sie werden vermutlich in 20 Jahren ebenso irreal wirken wie manche Beispiele des folgenden Textes – wenn sie es nicht ohnehin jetzt schon tun.

Dass Männer irgendwie Tiere sind, ist seit Jahrhunderten ein gängiges Klischee. Mit Begeisterung wird es wieder und wieder inszeniert – und gern mit großem Gestus, als sei damit gerade eben erst eine revolutionäre, tiefgründige Wahrheit über die grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz neu entdeckt worden. Aus Doris Dörries Erfolgsfilm Männer.
 
 „Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.“ Diesen Satz aus der Süddeutschen Zeitung und andere, ähnliche Sätze beschreibt Christoph Kucklick gleich zu Beginn seines Buchs Das unmoralische Geschlecht: Solche Aussagen würden ein Wissen darstellen,
„das als solches nur gelten kann, solange es nichts über sich selber weiß.“ (34)
Das bedeutet: Es sind scheinbar Äußerungen über die empirische Welt, die auch noch den Eindruck erwecken, durch sie würden tiefere Strukturen freigelegt – Strukturen einer männlichen Herrschaft, die zum Schaden aller wirke.
Tatsächlich aber sind es oberflächliche Klischees, und das sei denjenigen, die sie benutzen, vor allem einem Grund nicht klar: Sie merkten gar nicht, dass sie auf Klischees zurückgreifen, die seit Jahrhunderten im Umlauf sind und die in dieser Zeit immer wieder als Neuentdeckungen verkauft wurden.

Dass sich in diesen Klischees Widersprüche der Moderne spiegeln würden – dass deshalb auch die Männlichkeitsdarstellungen widersprüchlich seien, neben Idealisierungen auch eine lange Tradition der Männlichkeitsverdammnis pflegen würden: Das ist die Kernthese von Kucklicks Buch.

Wie glaubwürdig sie ist, lässt sich an konkreten Beispielen besser überprüfen als an allgemeinen, theoretischen Erwägungen.


Love is the answer. But what was the question? Widersprüche moderner Geschlechterbilder führt Kucklick am Beispiel von Johann Gottlieb Fichtes „Deduktion der Ehe“ vor, die bis heute „als eines der kompromisslosesten patriarchalen Manifeste der Zeit“ (240) erscheine. Das ist nicht verwunderlich angesichts von Fichtes Fantasie, dass die Frau
„ihrem Gatten ganz unterworfen sey, und keinen anderen Willen habe, als den seinigen.“ 
Gleichwohl, so Kucklick, sei das verbreitete Bild einseitig, nach dem Fichte von einer klaren Hierarchie der Geschlechter ausgegangen sei und lediglich männliche Herrschaftsansprüche verteidigt habe.

Unverheirateten Frauen hätte er nahezu dieselben Rechte zugestanden wie unverheirateten Männern (243), er habe hartnäckig betont, dass Frauen den Männern intellektuell und moralisch gleichwertig seien (245), und die Frau müsse sich zwar in der Ehe unterordnen – aber die „Macht zur Eheschließung“ läge ebenso wie die „Option der Scheidung“ nach seinem Verständnis allein bei der Frau. (246)

„Der Mann ist buchstäblich Zaungast bei seiner eigenen Hochzeit, obwohl sie ihn gegenüber der Öffentlichkeit als unumschränkten Herrscher über seine Frau einsetzt.“ (247)
Kucklick kann die Widersprüche in Fichtes Darstellung der Ehe auflösen, weil er sich von der Vorstellung distanziert, Fichte würde ungebrochen einen Anspruch auf männliche Vormacht erheben. Tatsächlich ginge es für Fichte in der Ehe um anderes – nämlich um eine moralische Erziehung des Mannes.
Die fragmentierte moderne Gesellschaft könne nicht mehr glaubhaft den Anspruch erheben, in einer sauberen hierarchischen Gliederung eine gottgewollte Ordnung zu spiegeln. Geordnet werde sie stattdessen, nach Adam Smith, durch eine „unsichtbare Hand“ (156) – ohne dass Einzelne sie bewusst ordnen könnten, entstehe eine Ordnung im Zusammenspiel der Eigeninteressen der Einzelnen, die über den Markt koordiniert würden.
Kurz: Nicht mehr Gott hält die Gesellschaft zusammen, sondern das Verhältnis von Eigennutz zu Eigennutz.
Es sind vor allem Männer, die in dieser Ordnung agieren, in einer gegenseitigen „Steigerung von Abhängigkeit und Isolation“ (177), im Rahmen einer umfassenden Entfremdung (187) gerade von den wichtigsten sozialen Werten.
„Wer (…) in der Welt agieren will, muss die heiligsten Werte der Gesellschaft verleugnen, um die Gesellschaft zu erhalten.“ (178)
Das heißt: Es sind insbesondere die Männer, die sich von diesen heiligsten Werten – also von der Moralität – entfernen und ganz in eine vom Eigennutz gesteuerte Ordnung begeben.
Für Fichte sei die Ehe dann die Antwort auf eine Frage, die sich daraus ergibt: „Wie ist Moralität möglich trotz Männlichkeit?“ (255) Insofern erscheine also bei Fichte die Ehe „nicht als Antwort auf den Herrschaftsanspruch des Mannes, sondern auf dessen Unmoral.“ (256)
Durch die Frau allein habe der in der Logik des Eigennutzes gefangene Mann Zugang zur Liebe habe, und sie durchbräche diese Logik eben gerade dadurch, dass sie in der Ehe allem Eigennutz entsage und sich gleichsam opfere (260).
„Er kann sie nur achten, wenn sie nicht wie er ist, wenn sie das ‚Andere’, wenn sie Nicht-Mann ist, also moralisch, passiv-trieblos und unegoistisch ist.“ (259)
Da aber so nur durch die Frau die liebevolle Verbindung der Ehe möglich sei, könne auch nur sie diese Ehe begründen, und auch nur sie könne sie wieder lösen.
Die Frau als moralisch Überlegene, die gerade durch den Verzicht auf Macht, Egoismus und Selbstschutz zur Erzieherin und Retterin des Mannes werden kann – der Mann hingegen als liebesunfähiges Wesen, der nur durch sie zu einem echten Menschen werden kann: Nach Kucklick ist diese Idee schon lange vor jeder feministischen Männerfeindlichkeit formuliert worden. Sie taucht aber auch Jahrhunderte nach Fichte wieder auf, und so, als sei sie gerade erst zum ersten Mal entwickelt worden.

Neue Männer und böse Mädchen

„Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden vom Tauschcharakter bestimmt. Jeder will möglichst billig zu seiner ‚Ware’ kommen. Aus dieser Beziehungsform fällt das Verhältnis von Mutter und Kind heraus, denn ihm fehlt die egoistische Form des Gebens und Nehmens, also der Egoismus, der auf den eigenen Vorteil aus ist (…).“
Dieser Satz stammt nicht aus einer Schrift der Aufklärungszeit, die Kucklick analysiert, sondern aus einem Buch einer Psychoanalytikerin, das im Jahr 1985 erschien und zu einem enormen Erfolg wurde: Margarete Mitscherlichs Die friedfertige Frau (vgl. Mitscherlich, S. 29f.).
 
Die Mutter-Kind-Beziehung, die schon in den von Kucklick untersuchten Schriften aus denselben Gründen wie bei Mitscherlich als „Fundament aller Zivilisation“ (96) erscheint, unterbricht so auch 200 Jahre später noch die männliche Ordnung des Eigennutzes und des Egoismus – auch bei Mitscherlich wird erst durch die Frau eine friedfertige, zivilisierte Gesellschaft möglich.
 
Deren Buch erscheint wenige Jahre, nachdem durch die Fernsehserie Holocaust die Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den europäischen Juden zu einem Massenthema geworden ist. Selbst der mörderische nationalsozialistische Antisemitismus aber ist für die Psychoanalytikerin, soweit er denn ein Antisemitismus von Frauen ist, im Kern human und liebevoll. 
 
Der Antisemitismus insgesamt erscheint bei ihr nämlich als eine „Männerkrankheit“ (148ff), und Frauen seien lediglich daran beteiligt gewesen, weil sie die Beziehung zu ihren Männern bewahren wollten, in „Identifikationen mit männlichen Vorurteilen“ und „aus Angst vor Liebesverlust“ (Mitscherlich, 156).
So funktionalisiert Mitscherlich jahrhundertealte Geschlechterklischees und stellt sie in den Dienst einer deutschen Schuldabwehr. Die deutschen Frauen sind bei ihr im Kern unschuldig – und deutsche Männer können an dieser Unschuld teilhaben, wenn sie sich kritisch mit ihrer Männlichkeit auseinandersetzen und sich als neue Männer mit den friedfertigen Frauen solidarisieren.
Schon zehn Jahre zuvor, 1975,  hatte eine Autorin Fichtes Geschlechterklischees in einem überraschend erfolgreichen Szene-Kultbuch neu aufgelegt: Verena Stefan in Häutungen. Männliche Sexualität erscheint dort durchgängig als gewaltsam – für Männer nämlich sei der Sexualakt ein mechanisch exerzierter Ersatz für reale menschliche Beziehungen, zu denen sie gar nicht fähig wären. Humane zwischenmenschliche Beziehungen gibt es für Stefan nur zwischen Frauen.
In den achtziger Jahren wachsen diese Klischees zum Allgemeingut heran und werden Bestandteil der Popkultur und einer – immens erfolgreichen – Ratgeberliteratur. Der Psychologe Wilfried Wieck beschreibt Männer in seinem Beststeller Männer lassen lieben als empathieunfähig:
„Das Nicht-einfühlen-Können der Männer resultiert aus dem Schon-ausgefüllt-Sein mit Affekt, dem Gefühl gegen den Mitmenschen.“ (Wieck, S. 66)
Eingebunden in ein Konkurrenzsystem, aus dem sie sich nicht lösen wollen, würden Männer Liebesfähigkeit an ihre Partnerinnen delegieren und dort dann beständig ausnutzen:
„Jede Frau stellt sich auf ihren Mann ein, mit dem sie liiert ist. Sie pflegt und tröstet ihn, ermutigt und verwöhnt ihn. Aber sie besteht kaum darauf, dass er ihre Vorleistungen zurückgibt.“ (Wieck, 57)
Auch Wieck zeichnet Fichtes Geschlechterkonstrukt detailgenau ab, versieht es aber mit einer anderen Färbung. Statt einer Heilung des Mannes und der Gesellschaft durch die Frau beschreibt er eine Krankheit, eine Suchtbeziehung. Auswege bieten nur die Vorstellung, „eine neue männliche Identität“ sei möglich (Wieck, 196) – und der Feminismus, welcher der „Humanismus des 20. Jahrhunderts“ (Wieck, 195 ff.) sei.
Die Rede von den „neuen Männern“ (Wieck, 196) aber bietet Männern nur scheinbar einen Ausweg. Populär wird sie schon 1982 in Ina Deters Lied Neue Männer braucht das Land („Hab die Männer noch nicht ganz satt.“). Variiert wird sie 1985 in einem der erfolgreichsten deutschen Filme des Jahrzehnts, der überraschend spannungslosen und unkomischen Komödie Männer von Doris Dörrie. 
 
Julius Armbrust (Heiner Lauterbach), mit Anzug und Krawatte unschwer als traditioneller Karrieremann zu erkennen, hat dort selbstverständlich ein Verhältnis mit seiner Sekretärin, und ebenso selbstverständlich reagiert er geschockt auf die Nachricht, dass seine Frau Paula (Ulrike Kriener) ebenfalls eine Affäre hat. Er lernt Stefan (Uwe Ochsenknecht), den Liebhaber seiner Frau, kennen, der mit Lederjacke und langen Haaren als freier Künstler und ein Mann eines neuen Typus charakterisiert ist.
Beide freunden sich an, sie gleichen sich auch an, und am Ende des Films stehen sie gemeinsam in einem Paternoster und entledigen sich ihrer typisierenden Kleidung bis auf die Unterhose: Nun sind sie nicht mehr alter und neuer Mann, sondern nur noch Männer.
Das versöhnliche Ende bleibt hohl, weil die Feindseligkeit der alter Mann/neuer Mann-Konstruktion niemals deutlich und das Verhalten der Frau nirgendwo in Frage gestellt wird. Während die Affäre des Mannes Ausdruck patriarchalen Macho-Verhaltens ist, ist die Affäre der Frau positiver Ausgangspunkt des Films: Paula verhilft Julius damit ganz einfach zu einem humanisierenden Lernprozess.
Was den neuen Mann denn eigentlich ausmacht, bleibt bis heute diffus. Klar und eindeutig ist allein die Ablehnung des „alten Mannes“ – also des Mannes, der nicht seinerseits an seiner humanisierenden Veränderung gearbeitet hat. Es ist nur konsequent, dass eine Reihe von Schriften sich nicht dem neuen Mann zuwenden, sondern sich generell von Männern abwenden.
 
Schon 1980 veröffentlicht eine Hamburger Autorin einen offenbar autobiographischen Roman, der – wie Häutungen – schnell zum Szene-Kultbuch wird und der heute mit gutem Grund vergessen ist: Svende Merians Tod des Märchenprinzen.
„Linke Frau, 24, möchte gerne unmännliche Männer, gerne jünger, kennenlernen.“
Auf diese Anzeige in einem Hamburger Szene-Magazin lernt Svende Arne kennen, verliebt sich in ihn und stellt schließlich erschüttert fest, dass auch der linke unmännliche Mann ein – Mann ist: Er distanziert sich, und er entzieht sich der wichtigen Aufgabe, in langen Gesprächen an der gemeinsamen Beziehung zu arbeiten.
 
Schließlich rächt sich Svende, indem sie ihn bespuckt, beschimpft und ihm, selber Schuld, das Wohnungsfenster per Sprühdose mit einem Slogan beschmiert, der legitimer Ausdruck ihre ganze Enttäuschung ist: Auch hier wohnt ein Frauenfeind.
Im Rückblick kommentiert Gerhard Henschel diesen Text im Jahr 2007 im linken Magazin konkret so:
„’Das Grauen, das Grauen‘, stöhnte Marlon Brando 1979 im Showdown von ‚Apocalypse Now‘, obwohl der das Buch von Svende Merian damals noch gar nicht gekannt haben konnte.“
Der Grundimpuls dieses Textes aus zeittypischem „Gedankenmüll“ und „Psychoschrott“ (Henschel) wird noch heute vehement aufgegriffen – in Diskussionen über Allys nämlich, männliche Verbündete des Feminismus, die sich zum Schrecken aufgeklärter Frauen oft genug als heimliche Sexisten herausstellen und die ihrerseits erst einmal lernen müssen, wie Frauen auf eine nicht-patriarchale, authentisch-liebevolle Weise angesprochen werden können.
Konflikte entstehen bei Merian nicht durch unterschiedliche politische Positionen, auch nicht durch unterschiedliche soziale Positionen (Arne ist, anders als die bürgerliche Svende, ein ehemaliges Heimkind) – sie entstehen allein durch das Mannsein. Ob links oder rechts, hoch oder tief: Der Mann ist das Problem.
 
Dass die Frau diesem Mann ihre Liebe entziehen muss, ist auch eine zentrale Botschaft eines international unglaublich erfolgreichen Ratgebers, der sechs Jahre später auf deutsch erscheint: Robin Norwoods Wenn Frauen zu sehr lieben. Das Buch sammelt Beispiele von Frauen, die sich – ganz wie die Ehefrau bei Fichte, ganz wie die liebende Frau bei Wieck – in ihrer Liebe zu Männern aufopfern, die ihrerseits zur Liebe eigentlich nicht fähig sind.
„Es ist eine ‚Ironie des Schicksals’, dass wir Frauen so viel Sympathie und Verständnis für das Leid anderer Menschen entwickeln können, während wir offenbar blind für (und durch) unser eigenes Leid sind.“ (Norwood, S. 13)
Die Abwertung der Männer als liebesunfähige Gestalten und die Idealisierung von Frauen als allzeit empathische soziale Wesen sind zwei Seiten derselben Fantasie.
Noch etwas weiter geht dann, Mitte der neunziger Jahre, Ute Erhardt in einem Buch, das zu einem Millionenerfolg wird: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin.
 
„Die Frau“, so Erhardt,
„bremst ihre Machtbedürfnisse, steckt an wichtigen Stellen zurück, entscheidet sich für den gelasseneren Weg, nicht für den steilen. Im Zweifel wählt sie Freundschaft, Kollegialität, soziale Nähe.“ (Erhardt, S. 57)
Da sie zu Wesen sozialisiert worden seien, die bei Licht betrachtet zu gut für diese Welt sind, würden Frauen beständig auf die Bedürfnisse anderer achten und nicht auf ihre eigenen.
„Sie sehen andere an, um deren Erwartungen frühzeitig erkennen zu können, am besten bevor sie geäußert werden.“ (Erhardt, S. 119)
Anstatt aber diese außergewöhnliche Liebesfähigkeit angemessen zu würdigen, würden Männer sie bloß gedankenlos ausnützen.
„Jeden Abend, jeden Sonntag, jeden Urlaub und jeden Feiertag springen Frauen nach der Zeitpfeife des Mannes und Vaters (…). Wer Macht besitzt, kann nicht nur über seine eigene Zeit frei verfügen, sondern auch über die Zeit der anderen. (…) Die Frau hat einen niedrigeren Status als der Mann, sie hat nicht das Recht, ihn warten zu lassen.“ (Erhart, S. 215)
Zum Glück gibt es eine Lösung für diese vertrackte Situation: Frauen müssen aufhören, lieb zu sein.
„Streitbare, unbequeme Frauen kommen weiter. (…) Böse Mädchen nutzen ihre Aggressionen als Energiequelle.“ (Erhart, S. 219)
Die Verherrlichung der „bösen Mädchen“ löst das Klischee der allzeit liebevollen Frau nicht ab, sondern zementiert es – und das liegt nicht allein daran, dass Erhart erwachsene Frauen als „Mädchen“ infantilisiert. Während bei ihr männlicher Egoismus als Ausdruck von Herrschaftsgier erscheint, steht der weibliche Egoismus als produktive, revolutionäre Haltung da.
 
Im Kern ist eben auch das böse Mädchen eine liebende Frau, es wird dem egoistischen Mann nicht gleich. Es hat allerdings gelernt, dass ihm für seine große Liebesfähigkeit keine geeigneten männlichen Liebesobjekte zur Verfügung stehen, und hat dann die richtigen Schlüsse daraus gezogen.
Während Mitscherlich also uralte Geschlechterklischees instrumentalisiert, um die Verantwortung für die nationalsozialistischen Massenmorde beiseite zu schieben, nutzt Erhart dieselben Klischees, um einen unbekümmerten Egoismus zu legitimieren.

Ein wichtiger Aspekt aber hat sich gegenüber den Texten der Aufklärungszeit geändert.

Wie man alte Klischees in revolutionäre Neuheiten verwandelt Die Geschlechterfantasien von Fichte und anderen, die Kucklick analysiert, sind – da sie die ambivalenten Strukturen der Moderne widerspiegeln – selbst ambivalent. Am Ende des 20. Jahrhunderts aber wird das Bild eindeutig: Vom tradierten Männlichkeitsklischee bleiben die negativen Aspekte übrig, seine positiven Aspekte jedoch – das Bild des Versorgers und Beschützers – werden realen Männern entzogen und auf den Staat projiziert.

Schon zu Beginn des Jahrhunderts wurde, so Kucklick, „angesichts der Verworfenheit des Mannes/Vaters dessen Ersetzung durch den Staat“ (329) gefordert. Am Ende des Jahrhunderts kann leicht der Eindruck entstehen, dass diese Forderungen erfüllt sind.

Dass für diesen Staat die Leistungen von Männern natürlich unverzichtbar sind, ist angesichts der Abstraktheit und Unpersönlichkeit seiner Institutionen leicht zu ignorieren. So ist der Weg frei für eine Konzentration auf negative Aspekte des Männlichkeitsklischees, die weder durch positive Aspekte noch durch pragmatische Erwägungen ausbalanciert werden müssen.

Im Rückblick auf die achtziger und frühen neunziger Jahre wirkt es, als hätte sich hier ein misandrisches Ressentiment über Jahre hinweg und unermüdlich ausgekotzt, wieder und wieder das alte Klischee des liebesunfähigen Mannes hervorgewürgt und das Erbrochene dann jeweils mit großem Gestus als revolutionäre Neuigkeit verkauft.

Dass viele der Texte – so wie auch Dörries Erfolgsfilm – enorm schlecht gealtert sind und heute eher absurd als aufklärerisch wirken, bedeutet allerdings nicht, dass ihr Ressentiment verschwunden ist. Eher ist es zu einem stillschweigenden Hintergrundwissen geworden – das allerdings eben nur so lange als Wissen durchgehen kann, solange es „nichts über sich selbst weiß“.

Ohne dieses vermeintliche Wissen über männliche Liebesunfähigkeit, männlichen Egoismus und männliche Sex-Fixiertheit wäre beispielweise der Aufschrei-Hype nicht möglich gewesen, der erhebliche Übergriffigkeiten ebenso wie unbeholfene Versuche der Kontaktaufnahme gleichermaßen als Belege für einen allgegenwärtigen männlichen Alltagssexismus präsentierte.
Das gilt auch international. Auch der offene Rassismus des enorm erfolgreichen Hollaback-Videos wäre nicht übersehen worden, wenn die Rezeption dieses Films nicht durch die anti-männlichen Ressentiments dominiert worden wäre, die er gezielt ansprach. Rassismus wurde hier durch Sexismus verdeckt, und dieser Sexismus stand als unproblematisch da, da er sich gegen Männer richtete.

Schon für die Zeit um 1900 stellt Kucklick fest: Das tradierte männerfeindliche Ressentiment, also die

„Negative Andrologie war nach langem Vorlauf gleichsam so verfestigt, so ‚selbstverständlich’, dass man und frau mit ihr wirkungsvoll und politisch durchschlagend operieren konnte. Die Wahrheit über den Mann war etabliert.“ (329)
Heute ist das Ressentiment so selbstverständlich geworden, dass es nicht einmal mehr anstößig wirkt, wenn es sich nicht allein gegen Männer, sondern auch gegen Kinder richtet. Dazu mehr im folgenden Text.
 
 
 
 
 
Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus:

Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008

 
 
Weitere zitierte Texte, soweit sie nicht verlinkt sind:

Ute Erhardt: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Warum Bravsein uns nicht weiterbringt, Frankfurt am Main 1996 (1. Auflage 1994)

Maragrete Mitscherlich: Die friedfertige Frau. Eine psychoanalytische Untersuchung zur Aggression der Geschlechter, Frankfurt am Main 1985

Robin Norwood: Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht, gebraucht zu werden, Reinbek 1987 (1. Auflage 1986, engl. 1985)

Wilfried Wieck: Männer lassen lieben. Die Sucht nach der Frau, Frankfurt am Main 2001 (1. Auflage 1987)

 
 
 
Die große Menge an leicht auffindbaren Beispielen für das, was Kucklick als Negative Andrologie beschreibt, erweckt leicht den Eindruck, Ressentiments gegen Jungen und Männer seien ein umfassendes, unausweichliches Phänomen – zumal, wenn sie zu einem stillschweigenden, vermeintlichen Hintergrundwissen geworden sind. Allerdings kehrt dieser Eindruck lediglich die haltlose feministische Rede von einem „Patriarchat“ um.

Es hat wenig Sinn, Frauen rundweg für solche Ressentiments gegen Jungen und Männer in die Verantwortung zu nehmen. Feindseligkeiten gegen Männer sind eben auch oft Feindseligkeiten von Männern.  Vor allem aber geht es bei Kucklick kaum darum, wie Männer und Frauen sind – sondern darum, wie über Männer und Frauen geredet wird.

Das Problem insbesondere der dritten Welle des Feminismus seit den neunziger Jahren ist daher nicht, dass ein Ressentiment gegenüber Jungen und Männern etwa überall entschlossen vertreten würde, von den meisten Frauen und vielen seltsam submissiven Männern – sondern dass es sich institutionalisiert hat, Teil von Regierungspolitik, Parteiprogrammen oder universitärer Wissenschaft geworden ist.

Einige Beispiele dazu im nächsten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. 
Im letzten Teil geht es danach um die Konsequenzen, die aus Kucklicks Thesen gezogen werden können.

Erster Teil: Warum Männerfeindschaft modern ist

Warum Männerfeindschaft modern ist

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Erster Teil

„Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: ‚Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.’ Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: ‚Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?’“
So beginnt Christoph Kucklick seinen Essay Das verteufelte Geschlecht, der 2012 in der Zeit veröffentlicht wurde.

Für massiv herabwürdigende, zugleich aber auch ungehemmt moralisierende Darstellungen von Männern präsentiert er dort eine lange Reihe aktueller Beispiele: Das Raunen des SZ-Autors beispielsweise, der angesichts der Finanzkrise über eine „Herde von Männern“ schrieb, um so den Mann als animalisch zu entlarven – einer ganz ähnlichen Wortwahl wie der, derer sich mit der gleichen Absicht dann etwas später die Zeit selbst bediente.

Die Deutung derselben Krise als „Testosteron-Krise“ durch den „Trendforscher“ Matthias Horx und, ganz ähnlich, durch die Premierministerin Islands.

Die weitgehend männlichen Teilnehmer des Weltwirtschaftsgipfels in Davos, die gegenüber dem Problemverursacher Mann Frauen ausdrücklich als Allround-Lösung globaler Herausforderungen präsentiert hätten. Männer dagegen habe die Zeit schon zehn Jahre zuvor als „Feinde der Menschheit“ dargestellt.

Oder die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, „die in hinreißender Offenheit befand: ‚Männer sind Tiere’“.

Oder die Paranioa der Innsbrucker Politik- und Gender-Professorin Claudia von Werlhof, die eine Verschwörung von Männern phantasiert, welche mittels geeigneter Gerätschaften gezielt Erdbeben auslösen würden.

Das Philosophie-Magazin, das bereits in seiner dritten Ausgabe den Mann als „Das problematische Individuum des 21. jahrhunderts“ präsentiert hat.

Und natürlich der berühmte Satz aus dem sozialdemokratischen Grundsatzprogramm, der einen Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit konstruiert: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Kucklick kommentiert:

„So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.“
Oder auch: der Männerhass als Moralporno.
 
Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus, dem er übrigens auch Verdienste zuschreibt.  Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.
 
Der Autor beschreibt ganz andere und viel ältere Quellen des misandrischen, also männerfeindlichen Ressentiments. Auf diese Quellen allerdings hätte eine feministische oder feministisch inspirierte Forschung tatsächlich den Blick verstellt: Sie sei ganz auf Geschlechterhierarchien fixiert, in denen Männer rundweg als Herrscher erschienen – und hätte das häufig mit Theorien flankiert, „denen zufolge Männer ihre Dominanz durch entsprechend Diskurse abgesichert haben.“ (S. 23)
 
Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.

Das ist ein Kernthema seiner Dissertation „Das unmoralische Geschlecht“, deren Grundthesen er in seinem Zeit-Artikel erläutert. Das Buch ist in meinen Augen eine der wichtigsten geschlechtertheoretischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, und es ist es unbedingt wert, stärker in allgemeine Diskussionen aufgenommen zu werden. Dass er sich auf die hochkomplexe Systemtheorie Luhmanns bezieht, ist dabei sicher ein Hindernis – diesen Hintergrund hat gerade djadamoros in einem Text bei Geschlechterallerlei sehr fundiert erläutert.

So ist er, der Mann: schraubt frohgemut an einer Maschine herum, die längst viel größer ist als er – denkt, er hätte dabei die Sache in der Hand – und wird eigentlich nur ein wenig wunderlich.
Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.

Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.

Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Feindschaft sämtliche Bereiche des sozialen Lebens durchdrungen hätte – die Schriften der Aufklärung, die Kucklick untersucht, sind Schriften einer verschwindend kleinen Gruppe bürgerlicher Intellektueller. Gleichwohl ist es eine starke These, dass es – neben Traditionen der Idealisierung von Männern – zugleich auch eine lange Kontinuität der Männerfeindschaft gegeben habe.

Ob sich das so halten lässt, ob sich tatsächlich Kontinuitäten der Feindschaft gegenüber Männern vom 18. Jahrhundert bis heute beschreiben lassen, und was das alles eigentlich mit den Entwicklungen der Moderne zu tun hat – das sind Fragen, die weit weniger theoretisch sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Aus ihren Antworten ergeben sich zudem wichtige Konsequenzen für heutige Geschlechterdebatten.

Ich hatte mir am Ende des vergangenen Jahres die Zeit genommen, Kucklicks Buch einmal im Zusammenhang zu lesen, schon mit der Absicht, darüber etwas zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass das Buch zu umfassend für einen Text ist – also mache ich drei daraus, von denen der erste, dieser hier, eher theoretisch ist und die Kernthese von Kucklicks Buch skizziert, während die folgenden Texte sich dann mit konkreten Beispielen auseinandersetzen.

Da djadmoros die wichtigen Luhmann-Bezüge schon erläutert hat, kann ich mich stärker auf anderes konzentrieren: Was können wir mit Kucklicks Buch in aktuellen Debatten anfangen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen seiner Forschung?


Männerhass ist modern – und sooo 1800…

„Die Preisfrage in Bezug auf den Feminismus lautet (…) nicht: wieso transportiert der Feminismus Misandrie? Sondern sie lautet: warum hat der Feminismus, der sich explizit als eine kritische und aufklärerische Bewegung versteht, nicht erkannt, dass seine Misandrie eine zweihundert Jahre alte Ideologie reproduziert?“
So djadmoros in seinem Text. Tatsächlich präsentiert Kucklick in seinem Buch eine kaum überschaubare Menge von Beispielen, die wie frühe Stanzformen heutiger Rede über Männer anmuten.
 
Er erzählt also nicht noch einmal eine Heldengeschichte des modernen Feminismus, mit dem doch schließlich die patriarchatskritische „’Wahrheit’ über die Geschlechterverhältnisse gegen alle Widerstände obsiegt hätte“. (10f.) Stattdessen legt er eine „historische Tiefendimension des Männlichkeitszweifels in der Moderne“ (11) frei, so dass die feindselige Rede über Männlichkeit als ein zuverlässiger Begleiter moderner Entwicklungen seit dem 18. Jahrhundert erscheint.
 
Einfach formuliert: Männerhass ist modern, und das ist er auch immer schon gewesen.

Ein wesentliches Motiv ist das des Mannes als Tier, als nicht ganz menschliches Wesen, das nicht in der Lage und nicht gewillt ist, seine Triebe zu kontrollieren.

„Alle Männer sind Vergewaltiger – diese radikalfeministische These des späten 20. Jahrhunderts wurde bereits 200 Jahre früher formuliert, und zwar von Männern.“ (53)
Der Mann erscheint sogar als „noch bedrohlicher als das Tier, noch animalischer“ (73) und kann nur von der Frau zum Menschen gezähmt werden. Aber:
„Kaum werden Männer aus der Aufsicht der Frauen entlassen, kommt wieder das Tier zum Vorschein, das selbstsüchtige Wesen der Vorzeit.“ (83)
Die Fülle der Beispiele, die Kucklick so zusammenfasst, stammt eben nicht von misandrischen Frauen aus radikalfeministischen Gruppen, sondern von männlichen Schriftstellern der Aufklärungszeit. Welche Funktion aber hat dieser männliche Männerhass?

Erkennbar ist in jedem Fall ein tiefes Unbehagen angesichts der Möglichkeit, dass Männer allein und ohne Frauen leben könnten. Exemplarisch führt Kucklick vor, wie Fichte den Mann als „das moralische Mängelwesen“ (250) beschrieben habe, das allein durch die Leitung einer Frau zur Moralität finden könne. Besonders kritikwürdig seien daher Männer betrachtet worden, wenn sie „die Ehe geringschätzen, zerstören oder meiden“ (119).

Hagestolze, also unverheiratet bleibende Männer, seien beispielsweise als „Feinde der Gemeinschaft“ beschimpft worden (200), als Menschen, die sich selbst aus der Gesellschaft ausschlössen, indem sie den Anschluss in der Ehe verweigerten. Die Vorgänger der MGTOWs, die schon zu dieser Zeit ihren eigenen Weg gegangen sind, stießen damit offenbar auf noch mehr Misstrauen als ihre heutigen Nachfahren.

Gegen die männliche Onanie, die „Hochzeit mit der eigenen Hand“ statt mit einer Frau, wurde eine so gewaltige Kampagne gefahren, dass Kucklick ihr ein eigenes längeres Kapitel widmet. (288-330)

Womöglich noch schockierender sei es gewesen, wenn Männer nicht nur die Ehe gemieden, sondern statt einer Frau andere Männer geliebt hätten.

„So wandelte sich eine in Maßen tolerante Gesellschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an zum Horror für Schwule. Und parallel dazu wurden die Heteros in immer schärferen Disziplinaranstalten eingehegt, in Internaten, Kasernen, Gefängnissen und Krankenhäusern.“
So Kucklick in seinem Zeit-Artikel.

Ebenso verachtenswert sei auch ein Mann gewesen, der Frauen zwar nicht mied, sie aber im eigenen Interesse manipulierte – der „Verführer“. Widerwärtig sei dieser Vorgänger des heutigen PU-Artist nicht nur gewesen, weil er die verführte Frau „korrumpiert“ (202) habe, sondern auch, weil er sie in seinen männlichen Egoismus eingesponnen habe, anstatt sie als Gegenmittel gegen eben diesen Egoismus zu verstehen.

 
Diese und andere Männertypen ihrer Zeit – „sie alle treffen sich wieder in der Bestimmung der maskulinen Natur: Egoismus, Sinnlichkeit, einseitige Vernunft, Gewalttätigkeit.“ (204)

Demgegenüber sei dann die Frau als das unbedingt notwendige Gegenmittel erschienen, idealisiert als „Hüterin der Zivilisation“ (194), als „Hüterin der Ordnung“ (263), als liebesfähiges Gegenstück zum Mann. Der sei wiederum als „Idiot der Liebe“ (249) gedacht worden, dessen „männliche Liebesdefizienz“ (253) allein die Frau heilen könne.

„Nur in der femininen Zähmung des brutalen Mannes kann sich die bürgerliche Gesellschaft noch ihren Bestand denken.“ (16)
Wozu aber brauchen moderne Autoren diese Darstellung des Mannes als „Monster“ (16, 47), das nur durch die Frau und eine „Feminisierung der Moral“ (159) in die Humanität eingeführt werden könne? Und was ist daran eigentlich modern?
 
Und: Warum findet die „Revolution des Geschlechterverhältnisses“, mit der das „Wesen der Geschlechterbeziehung systematisch als Unterdrückung der Frau durch den Mann gedacht“ (52) wurde, ausgerechnet in dieser Zeit statt – in einer Zeit also, die keineswegs durch „gesteigerte Gewalttätigkeit“ auffiel, sondern ganz „im Gegenteil hin zu einer zunehmenden Pazifizierung der Gesellschaft“ verlief (61)?

Bruchstücke, gefesselt an Bruchstücke Grundthese Kucklicks ist, dass sich in diesen Geschlechterzuschreibungen moderne Entwicklungen spiegeln, die in ihrem Kern keineswegs zwingend mit Geschlechtern zu tun haben. (337) Im Bild des tierischen, brutalen Mannes habe die Moderne sich mit ihrem problematischen Zügen gleichsam selbst gespiegelt, und das täte sie noch heute. „In Männern fixiert die Moderne ihre Ressentiments gegen sich selbst.“ (13)

 
Männer würden dabei „als das Geschlecht aufgefasst, das bis ins Innerste von den Modernisierungs- und Differenzierungsprozessen der Gesellschaft geprägt“ (12) sei – als Sinnbild ihrer positiven Seiten, aber auch in einem tief negativen Denken der Männlichkeit. (12f.)

Djadmoros skizziert in seinem Text, wie „die Frau“ als Gegenstück dazu konzipiert worden sei:

„Die bürgerliche Gesellschaft sucht nun in dieser Situation einen Ausweg aus der Entfremdung, indem sie die Frau als nicht entfremdetes Wesen konstruiert.“
Auch die idealisierenden Phantasien über Frauen seien, so Kucklick, ein Produkt der Moderne (196) – aber Weiblichkeit werde dabei eben gerade, in der Moderne, als „Gegenprojekt zur Moderne“ (197) und ihren überfordenden Entwicklungen imaginiert. 
„Der entscheidende Punkt ist: Geschlecht wird zu Beginn der Moderne in die Differenz von Interaktion und Gesellschaft eingebaut, die im 18. Jahrhundert als gesellschaftliches Strukturmerkmal wahrgenommen und semantisch bewältigt wird.“ (211)
Was aber soll das sein, „Interaktion“ und „Gesellschaft“? Und was hat „Geschlecht“ damit zu tun?

Interaktion grenzt für Kucklick die „Gesamtheit der Kommunikationen (ab), die sich unter Anwesenden abspielen“ – unterschieden „von solchen Kommunikationen, die nicht auf gegenseitige Anwesenheit angewiesen sind“ (217) und die er als „Gesellschaft“ (218) bezeichnet. Die Unterscheidung wirkt undramatisch, sie ist für Kucklick gleichwohl grundlegend, und er setzt sie parallel mit Unterscheidungen wie der von „Lebenswelt“ und „Systemrationalität“ (Habermas) oder der von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ (Tönnies). (232)

Die Bedeutung lässt sich so erklären: Mit der Moderne, mit den modernen Institutionen, der modernen Wissenschaft, dem Leben in immer größeren Städten, mit der Möglichkeit des weltweiten Handels und der weltweiten Kommunikation, ändert sich die Position von Menschen grundlegend. Sie sind jetzt nicht mehr bloß Teil einer überschaubaren Welt, die ihnen vertraut ist, mit einem festen Platz zwischen Mitmenschen, die sie weitgehend persönlich kennen – sie sind zugleich auch Teil einer Welt, die sie nicht überschauen können, in die sie aber, auf ebenfalls immer unüberschaubare Weise, tief verwickelt sind.

Einer konkreten Welt, die auf gegenseitige Bekanntschaft und Vertrauen setzt, steht nun eine abstrakte Welt gegenüber, in der einander Unbekannte auf allgemeine Rechte und formalisierte Verfahren bauen müssen.

Zugleich ändert sich die Struktur der Gesellschaft. Statt einer geschichteten Ständegesellschaft, deren Teile („Teilsysteme“) in einem klaren hierarchischen Verhältnis zueinander gestanden hätten, entwickle sich eine „funktional-differenzierte Gesellschaft“, die prinzipiell nicht hierarchisch organisiert sei. Menschen unterscheiden sich nun weniger durch ihren Stand als durch die Funktion, die sie erfüllen – insbesondere die berufliche.

 
Keines der Teilsysteme könne dabei gesellschaftliche Führung beanspruchen.
„Die Kunst steht nicht über der Politik, diese nicht über der Wirtschaft oder der Wissenschaft, sondern alle sind auf die Funktionserfüllung der jeweils anderen Teilsysteme angewiesen, ohne einander dirigieren zu können.“ (212)
Menschen hätten nun keinen festen Platz mehr in einem Teil der Gesellschaft, der wiederum im Gesamten einen festen Platz gehabt habe. Statt dessen müssten Menschen in ganz unterschiedlichen Bereichen Funktionen erfüllen können – in persönlichen und familiären wie in beruflichen, in juristischen, politischen, ökonomischen.
 
Es gibt keine glaubwürdige Zentralperspektive, die all diese Perspektiven zu einem schlüssigen Ganzen ordnen könnte – den Menschen erscheine ihre Gesellschaft ebenso zerrissen, wie sie sich selbst als zerrissen erschienen. Im sechsten seiner Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen brachte Friedrich Schiller dieses Weltgefühl 1795 auf den Punkt:
„Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“
Um in dieser unübersichtlichen Welt sinnvoll leben zu können, müssen Menschen darauf vorbereitet sein, in ganz verschiedenen Zusammenhängen sinnvoll agieren zu können – im Geschäft wie in der Familie, in fremden Ländern wie im Heimatdorf. Sie müssen sich nicht nur auf das einstellen, was da ist, sondern beständig auch auf das, was sein könnte, was ihnen unverhofft begegnen könnte.

Wer sich auf diese Welt einstellt, kann also nicht nur einen einzigen festen Platz in einer festen Ordnung haben, sondern ist daraus gleichsam freigesetzt. Das einzige verlässliche Verhältnis, das er hat, ist das zu sich selbst – in der beständigen Anforderung, sich auf ganz unterschiedliche, potenzielle Anforderungen vorzubereiten.

Diese freigesetzten Menschen nun werden von ihren Zeitgenossen, die ebenso freigesetzt sind, offenkundig als sehr beunruhigend erlebt – sie hätten in ihrer Freiheit eben auch die „Freiheit zum Bösen“ (133). Da sie grundsätzlich bestehende soziale Ordnungen bedrohen würden, seien sie „Erziehungsbedürftige“ (276), die Anleitung und Führung nötig hätten, um überhaupt im Rahmen dieser sozialen Ordnungen leben zu können.

Männliche Heillosigkeit und weibliche Heilung Das ist die Vorbereitung für die Pointe von Kucklicks Buch.

„Zu allem bisher Gesagten tritt hinzu, dass Geschlecht ein geeignetes Mittel ist, um Gesellschaft in vereinfachter Form darzustellen und zu bearbeiten. Es macht kommunikationsfähig, was sonst nicht zu kommunizieren wäre.“
Damit sei die moderne Erzählung von den Geschlechtern „die Simplifizierung eines hochkomplexen Sachverhalts, die Greifbarmachung des Un(be)greifbaren.“ (234)
 
Mann und Frau würden nämlich einfach, sauber geordnet, in beide Seiten der modernen Erfahrung hineinsortiert: die Frau in den Bereich der Interaktion, der Vertrauten, Sicheren, Konkreten, Tatsächlichen – der Mann in den Bereich der Gesellschaft, der Unvertrauten, Unsicheren, Abstrakten, Potenziellen. „Sklaven der Abstraktion“ seien die Männer – so zitiert Kucklick Friedrich Schleiermacher. (191)

Kucklick erklärt nicht, warum Männer und Frauen in dieser Form zugeordnet würden – aber, so auch schon djadmoros, es liegt nahe, die „geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ in bürgerlichen Familien als Grund anzusehen. Es waren eben Männer weit mehr als Frauen, die in ihren Berufen mit den gesellschaftlichen Fliehkräften der Moderne direkt konfrontiert waren.

So sei der Mann als Sinnbild des modernen Menschen wahrgenommen worden. Freigesetzt aus sozialen Ordnungen der Menschen habe er jederzeit wieder zum Tier werden können – ja, zu noch Bedrohlicherem, weil er im Unterschied zu Tieren ja „unbestimmt“ (73) sei und sich ganz allein selbst bestimmen könne, auch zum Monster.

 
Seine Animalität werde in dieser Vorstellung nicht mehr durch soziale Einbindung gezähmt. Sein Selbstbezug, der den Bezug zu den traditionellen sozialen Ordnungen ersetzt habe, mache ihn egoistisch und unfähig zur Liebe.

Allein durch die Frau, die den Schrecken der modernen Gesellschaft ferner blieb als er, könne er wieder ganz zum Menschen werden.

So spiegele sich die moderne Gesellschaft, die sich selbst unüberschaubar geworden ist, in den Geschlechtern wieder und entdecke im Mann ihre Heillosigkeit, in der Frau die Möglichkeit der Heilung.

Es ist offensichtlich, dass diese Klischees keine realen Menschen beschreiben, sondern Ausdruck massiver Ängste und Verunsicherungen, aber auch Ausdruck erheblicher Sehnsüchte sind. Das wäre vielleicht nicht einmal schlimm und so harmlos wie Erzählungen von Einhörnern, Rumpelwichten und anderen Fantasiegestalten – wenn diese Klischees nicht für reale Menschen erhebliche reale Konsequenzen gehabt hätten und bis heute haben.

Welche Konsequenzen das sind und waren, beschreibe ich in einem zweiten Teil an einigen Beispielen von Kucklick und anderen.

In einem dritten Teil werde ich dann einige Konsequenzen aus Kucklicks Text für heutige geschlechterpolitische – und eben nicht nur geschlechterpolitische – Positionen skizzieren.

 
 

Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus:

Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008

 

Wo Lächerlichkeit tötet (Auch ein Rückblick auf den Dezember 2014)

Angesichts des Terrors in Paris und anderswo wirken Debatten über Geschlechter sehr klein und unwichtig. Das sind sie auch, manchmal – und einige Jahresrückblicke des letzten Monats lieferten dafür Beispiele reihenweise.
Die von de Mazière, Gabriel oder Maas  gebrauchte „Formel, die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun“, bezeichnet Deniz Yücel in der taz als „unerträglich“ und „Blödsinn“. Die gute Absicht dieser Formeln ist erkennbar – einem pauschalen Verdammen von Muslimen oder des Islam insgesamt zu widersprechen. Hohlformeln jedoch dienen der guten Absicht wohl kaum.
Dass aber demgegenüber Pegida auch nicht gerade eine demokratische Graswurzelbewegung ist, die sich dem Aussprechen unbequemer Wahrheiten verpflichtet hat – das wird zum Beispiel in dem kleinen sozialen Experiment eines Bloggers deutlich, der sich mit einer Israel-Fahne auf eine Pegida-Demonstration begeben hat. Das Versammlungsverbot aufgrund von Gewaltdrohungen ist natürlich trotzdem, wie Telepolis mit diplomatischer Vorsicht formuliert, „nicht ganz verständlich“.
Der aktuelle Spiegel versucht dann tatsächlich, den Terror mit aktuellen Klischees aus Geschlechterdebatten zu erklären. Der Terror der Verlierer, titelt er – was vor allem beruhigend ist, weil wir, die wir den Spiegel lesen, dann stillschweigend als Gewinner dastehen. Im Untertitel: „Wie junge Männer Europa den Krieg erklären“. Im dazugehörigen Artikel fragt das Magazin dann suggestiv:
„Sind es zornige junge Männer, die das Problem sind? Ist die Gesellschaft selbst dass Problem? Oder ein falschverstandener Islam, in dem verirrte Männer eine Heimat finden (…)?“ (S. 77)
Im Gespräch betont der Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy, dass die radikalen Moslems sich in einer patriarchalischen Fantasie befänden und trotzdem „auch Frauen, die das Gleiche tun wollen“, anzögen: „Die Beziehung zwischen diesen jungen Radikalen beruht auf Gleichberechtigung.“ (S. 91) Trotzdem fragt Julia Amalia Heyer, Interviewerin des Spiegel, noch einmal nach: Die größte Gefahr gehe doch wohl nicht mehr von al-Quaida aus,
„sondern von zornigen jungen Männern (…), die keinen Job haben und sich eine Kalaschnikow besorgen“. (91)
Die Antwort Roys unterläuft sowohl die sozialen wie auch die geschlechtsbezogenen Klischees der Frage: „Selbst Mittelstandskinder und Jugendliche, die am gesellschaftlichen Leben durchaus teilhaben, werden mittlerweile zu Terroristen“.
Ein junger Mann, ausnahmsweise mal nicht zornig, sondern beim Lesen eines Buches. Ernst Barlachs Lesender Klosterschüler.
Kimmels Angry White Men in einer islamisierten Version: Das Klischee des zornigen männlichen Modernitätsverlierers, der um sich tritt und blind gewalttätig agiert, lenkt unter anderem davon ab, dass die Terroristen selbst ausdrücklich einen sehr deutlichen Geschlechtsunterschied machten: Sie wollten ausschließlich Männer töten.
Wäre das umgekehrt gewesen, hätte sich ihre Gewalt also gezielt gegen Frauen gerichtet, dann würden wir uns gewiss schon längst in einer erregten Diskussion darüber wiederfinden, dass der Terror im Kern frauenfeindlich sei, nämlich ein Ausdruck gefährdeter patriarchaler Herrschaftsstrukturen.
 
Ich finde es trotzdem angemessen, dass Männer die offenkundige, spezifische Männerfeindlichkeit der Terroristen nicht in den Mittelpunkt der Diskussion geschoben haben. Diese Feindseligkeit gehört wohl zu einem pervertierten soldatischen Selbstverständnis, das die Terroristen mit ihren scheinbaren Antipoden teilen – auch für Anders Breivik ist das Töten erst dann ein Problem, wenn Frauen getötet werden.
Dass der Versuch des Spiegel halbherzig bleibt, den Terror im Lichte gegenwärtiger Geschlechterklischees zu betrachten, hat möglicherweise auch einen anderen Grund: Die Gewalt ist fernab aller Geschlechterdebatten betont antisemitisch. Das einzige weibliche Opfer der Morde in Paris ist eine Jüdin, im Jahr 2014 sind, so die Süddeutsche Zeitung, doppelt so viele Juden aus Frankreich ausgewandert wie noch im Jahr zuvor, 7000.
„Statistiken des französischen Innenministeriums belegen, dass von sämtlichen als rassistisch eingestuften Taten knapp die Hälfte gegen Juden gerichtet ist – und das bei einem Bevölkerungsanteil von weniger als einem Prozent.“ 
Schon vor der Ermordung von vier jüdischen Männern durch den islamistischen Terroristen Coulibaly  sind Juden in Frankreich wiederholt und gezielt zum Opfer von sehr gewalttätigen Überfällen geworden.
„Alle sind Charlie, keiner ist Jude“, kommentiert ein Blogger die Konzentration auf die ermordeten Journalisten. Tatsächlich ist das eine der schrecklichsten Ziele des Terrors: der Versuch, die Möglichkeit zivilen Lebens zu zerstören. Wenn jüdische Schulen geschlossen werden oder nur unter erheblichem Polizeischutz offen bleiben können, wenn Gottesdienste ausfallen müssen, wenn Menschen schon beim Gang ich den Supermarkt Todesangst haben müssen – dann brechen Selbstverständlichkeiten zivilen Lebens weg, die nicht ersetzbar sind.
Angesichts dessen wirken Geschlechterdebatten sehr klein und unwichtig. Welche Rückschlüsse aus dem Pariser Terror trotzdem auch für andere Zusammenhänge gezogen werden können, zeigt David Brooks in einem Kommentar für die New York Times, I am not Charlie Hebdo:

Ein freier Klosterschüler und die Wertschätzung der Kritik

„Die Journalisten von Charlie Hebdo werden nun zurecht als Märtyrer der freien Meinungsäußerung gefeiert, aber machen wir uns nichts vor: Wenn sie versucht hätten, ihre satirische Zeitung auf dem Campus irgendeiner amerikanischen Universität der letzten zwanzig Jahre zu veröffentlichen, dann wären sie damit nicht einmal dreißig Sekunden lang durchgekommen. Organisationen von Studenten und Dozenten hätten ihnen Hate Speech, Hasspropaganda, vorgeworfen. Die Verwaltung hätte ihre Finanzierung gestoppt und ihre Redaktion geschlossen.“ (1)
Brooks schließt später mit der Forderung, das Massaker bei Charlie Hebdo zum Anlass zu nehmen, solche Begrenzungen der freien Rede zu beenden.
Wenn von der „Freiheit“ die Rede ist, die durch den Terror angegriffen werde, dann ist eben dies gewiss eines ihrer wichtigsten Elemente: die Freiheit, etwas ganz anders sehen zu können, als andere es sehen – sogar das, was anderen heilig ist, als albern wahrnehmen zu können – und das auch offen sagen zu dürfen. Einen Konsens darüber zu finden, dass Dissens nichts Schlechtes ist – und  grundsätzlich, und gleichermaßen, basale Rechte von Menschen anzuerkennen, ohne Rücksicht auf deren Meinungen oder Gruppenzugehörigkeiten.
Der Schriftsteller Alfred Andersch hat das ausgerechnet am Beispiel einer religiösen Figur dargestellt. In dem Roman Sansibar oder der letzte Grund, der 1937 an der deutschen Ostseeküste spielt, entdeckt der abtrünnige Kommunist Gregor die Figur eines lesenden Klosterschülers in einer Kirche und hat zunächst das Gefühl, sich und andere junge, studierende Kommunisten darin wiederzufinden.
„Aber dann bemerkte er auf einmal, dass der junge Mann ganz anders war. Er war gar nicht versunken. Er war nicht einmal an die Lektüre hingegeben. Was tat er eigentlich? Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. Er las sogar in höchster Konzentration. Aber er las kritisch. Er sah aus, als wisse er in jedem Moment, was er da lese. Seine Arme hingen her­ab, aber sie schienen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht. Er ist anders, dachte Gregor, er ist ganz anders.“
Der Klosterschüler ist konzentriert, aber nicht versunken – er ist interessiert, setzt sich mit dem Buch auseinander, ist aber auch jederzeit bereit, sich davon zu distanzieren: Diese Mischung aus Aufmerksamkeit und Kritik kennt Gregor nicht. Als er Student an der Lenin-Akademie war, ausgewählt, „die Texte zu lesen, auf die es an­kommt“ – da bedeutete Konzentration auf diese Texte zugleich ihre bedingungslose Anerkennung.
„Kritik ist auch Wertschätzung“, schreibt Martin Domig in einem Beitrag, der sich auf die moralisierende Abwehr von Kritik an akademischen Theorien, auf die Diffamierung dieser Kritik „als Misogynie oder als Hass“ bezieht.
„Wer für alles was er tut nur Lob und Jubel erlaubt, will wie ein kleines Kind behandelt werden – nicht wie ein ernst genommener Erwachsener.“
Ganz in diesem Sinn beschreibt Brooks Fundamentalisten folgendermaßen:
„Fundamentalisten sind Leute, die alles wörtlich nehmen. Sie sind unfähig zu verschiedenen Perspektiven.“ (Fundamentalists are people who take everything literally. They are incapable of multiple viewpoints.)
Wer die eine Wahrheit gefunden hat, kann andere Perspektiven davon eben nur als Abweichungen von ihr wahrnehmen. Das ist besonders gravierend, wenn diese Wahrheit auch noch eine moralische Bedeutung hat, weil dann eine Abweichung von ihr nicht nur ein Irrtum, sondern ein verwerflicher Akt ist.
Natürlich ist die gern betonte westliche Freiheit, wie ja auch Brooks schon deutlich macht, eben auch in den westlichen Ländern eingeschränkt – und in diesem Punkt lässt sich das Argument auch sinnvoll auf Geschlechterdebatten beziehen. Dort ist es schließlich durchaus nicht selbstverständlich, unterschiedliche Perspektiven gleichermaßen als legitim anzuerkennen, und dort ist der Wert von Menschen eben nicht unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen.
 
Dass beispielswiese die grüne Böll-Stiftung, wider besseren Wissens, das Leid von Mädchen unter dem Boko Haram-Terror herausstellt, das Leid von Jungen unter demselben Terror aber verbissen verschweigt, ist ein bedrückendes Beispiel dafür.
 
Mein Kind gehört mir Langsam, sehr langsam aber öffnen sich die Perspektiven. Und langsam äußern sich auch Männer zu einem Thema, dass lange Zeit exklusives Kernthema der neuen Frauenbewegung war – zum Thema Abtreibung.
 
„Emmanzer“ schreibt auf seinem Blog, als Antwort auf einen Artikel Graublaus bei Geschlechterallerlei und dort dann auch rebloggt,  über die Abtreibung eines gemeinsamen Kindes durch eine ehemalige Partnerin. Seine eigenen Gefühle der Hilflosigkeit dabei, die Abtreibung dieses Kindes – auf das er sich gefreut hatte – geschehen lassen zu müssen:
„Mich übermannten Gefühle einer völligen Verzweifelung, der bizarren Vorstellung es ihr auszureden und der stillen Hoffnung, dass es dennoch nicht soweit kommen wird, wie prophezeit.“
Die Hoffnung trügt:
„Ich biss damals die Zähne aufeinander und fragte dennoch, warum wir diesen Puls nicht am Leben halten können. Es gab niemals eine Antwort darauf.“
Dass Männer das Thema der Abtreibung nur vorsichtig ansprechen, liegt nicht allein daran, dass es stark tabuisiert ist, als beträten wir damit verbotenes Territorium – es liegt auch an sachlichen Schwierigkeiten. Es wäre nicht vertretbar, wenn beispielweise eine Frau im Interesse männlicher Entscheidungsgewalt über seine Fortpflanzung zu einer Abtreibung gezwungen werden könnte.
 
Dass aber Männer, die in vielfacher Hinsicht von Abtreibungen betroffen sind, überhaupt nicht mitentscheiden können, ist gleichwohl grausam. Im meinen Augen berührt dieses Thema einen Kern heutiger Geschlechterdebatten.
Der primitive „Mein Bauch gehört mir“-Slogan, der in seiner Konsequenz einen entschiedenen Eigentumsanspruch der Mutter auf das Kind formuliert, hatte nicht nur für das Leben ungeborener, sondern auch auf das geborener Kinder erhebliche Folgen – und Väterrechte sind bekanntlich nicht allein vor der Geburt erheblich eingeschränkt.
 
In der Schweiz hätten es nun, so die Zeit, Väter geschafft,
„das gemeinsame Sorgerecht im Eiltempo durchs Parlament zu peitschen. Das zweite heiße Eisen in der Rosenkrieg-Juristik, das Kindesunterhaltsrecht, wurde vom Sorgerecht abgekoppelt und auf später verschoben. ’Das war fatal’, sagt SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen: ‚So fehlt uns nun, da wir über das Kindesunterhaltsrecht diskutieren, der Verhandlungsspielraum.’“
Das bedeutet: Die sozialdemokratische Nationalrätin hätte das Recht – das Menschenrecht, übrigens – von Kindern und Vätern auf väterliche Sorge gern noch länger eingeschränkt, weil ihr das Verhandlungsmasse für Bestimmungen zum Unterhaltsrecht verschafft hätte. Unverblümter lässt sich ein Eigentumsanspruch der Mutter am Kind kaum formulieren als in dieser Erwartung, dass Väter den Müttern ihre und der Kinder Rechte gleichsam abkaufen müssten.
Sarah Jäggi, die darüber für die Zeit schreibt, findet diesen Punkt gar nicht problematisch – sie stellt es stattdessen als „tragisch“ dar, dass sich Mütter und Väter in Zukunft über den Wohnort des Kindes verständigen müssen und dass Mütter nicht mehr ohne Weiteres, und ohne Einwilligung der Väter, mit den Kindern fortziehen können. Wie viel sie bei dieser Einschätzung ignoriert, hätte Jäggi ausgerechnet in einem Gottesdienst erfahren können.
2500 Kilometer reise er jeden Monat, um jeweils an zwei Wochenenden seine Kinder sehen zu können – das erzählte ein Vater in einer Christvesper, die aus der St. Nicola-Kirche in Lemgo am 24. Dezember vom ZDF übertragen wurde. Angesichts eines Reliefs der Heiligen Familie, in dem Maria das Kind freudig zum Himmel streckt und Josef so wirkt, als hätte er sich unter dem Bett verkrochen, war die Situation von Trennungsvätern und ihren Kindern ausführlich Thema des Gottesdienstes (ab Minute 22).
Über einen Artikel der Süddeutschen Zeitung, der Josef als „Antipatriarchen“ verklärte, diskutierte auch Christian Schmidt auf seinem Blog Alles Evolution.  Selbst der Nivea-Weihnachtsspot, der im vorangegangen Jahr noch ein Weihnachten ohne Vater feierte, grenzte den Vater nun nicht mehr aus.
Die Situation getrennter Väter und ihrer Kinder ist als Thema im Mainstream angekommen.
Lächerlichkeit tötet Mit der Meinung hingegen, dass Gott Maria vergewaltigt habe und die Christen daher einem Vergewaltigungsmythos anhängen würden, steht die Feministin Valerie Tarico vermutlich weitgehend allein da. Dasselbe gilt für die Position des deutschen feministischen Blogs „Mädchenmannschaft“, dass es
„nicht okay ist, ist durch vermehrte mediale Inszenierung das Feiern von Weihnachten und das Besitzen schöner Adventskalender zu normalisieren.“
Das bedeutet übersetzt soviel wie: Wer sich offen über Weihnachten freut, stelle Menschen implizit als unnormal dar, die sich nicht über Weihnachten freuen – und das sei diskriminierend.
 
Der heutige Feminismus wird vermutlich nicht etwa an der Kritik von Männerrechtlern zu Grunde gehen, sondern am fehlenden Gespür seiner Protagonistinnen für die Grenze zum Lächerlichen und Abstrusen.
 
Gleich eine Reihe von Frauen distanzierten sich im Dezember offen vom Feminismus: Annett Meiritz im Spiegel (kommentiert bei Alles Evolution), die amerikanische ehemalige Feministin Rachael Lefler  (ebenfalls bei Alles Evolution diskutiert), oder die amerikanische Bloggerin Liz, über die Tom auf seinem Blog berichtete.
Nathan Wold sammelte  „zehn der verrücktesten Ideen, die im Namen des Feminismus vorangetrieben wurden”, von Luce Irigarays Gegnerschaft gegen die Lichtgeschwindigkeit, die schließlich irgendwie gegenüber anderen Geschwindigkeiten privilegiert werde, bis hin zu Valerie Solanas faschistischen Vernichtungsfantasien
 
Achdomina veröffentlichte im Januar dann einen „Jahresrückblick des Grauens“, der Beispiele aus dem vergangenen Jahr sammelte – etwa die Kampagne der Städte Toronto und New York, Männern das breitbeinige Sitzen in den U-Bahnen abzugewöhnen, oder die Forderung, das Thema Vergewaltigung im universitären Jurastudium nicht mehr zu lehren – weil dieses Thema Traumatisierte „triggern“ könnte.
 
Emmanzer schließlich berichtet über ein Projekt, das männliche Lehrer an Schulen vermietet – damit dort Kinder auch einmal männliche Erwachsene erleben können.
 
 
Das Abgleiten ins Lächerliche und Abstruse und die Fixierung auf die eine, eigene Perspektive haben unmittelbar miteinander zu tun. Wer sich selbst und die eigene Weltsicht nicht wenigstens ab und zu einmal aus der Sicht anderer betrachtet, wer sich also niemals gleichsam im Spiegel der anderen sieht, verliert eben das Gefühl für den Moment, in dem er Grenzen zum Gaga-Land überschreitet.
 
Die Fixierung auf eine einzige Perspektive hat vor mehr als fünfzig Jahren Arthur Miller in einem Theaterstück beschreiben, das die zeitgenössische McCarthy-Politik scharf kritisierte, dies aber an einem historischen Beispiel tat: am Beispiel der Hexenjagd von Salem. Der stellvertretende Gouverneur Danforth, der den Prozess leitet, sagt dort:
„Bei einer gewöhnlichen Straftat, wie verteidigt man dort den Angeklagten? Man ruft Zeugen auf, um seine Unschuld zu beweisen. Aber die Hexerei ist ipso facto, in ihrer Erscheinung und ihrem Wesen, ein unsichtbares Verbrechen, oder nicht? Also, wer hat die Möglichkeit, Zeuge dieses Verbrechens zu sein? Die Hexe und ihr Opfer. Niemand sonst. Nun können wir selbstverständlich nicht hoffen, dass die Hexe sich selbst beschuldigen wird. Also müssen wir uns ganz auf ihre Opfer verlassen…“ (2)
Auch hier kommen zwei Aspekte zusammen, die eine öffentliche Debatte so sehr bedrohen: die Fixierung auf eine einzige gültige Perspektive – und die massive moralische Unterfütterung dieser Fixierung in der Überzeugung, gegen das Böse und für seine Opfer einzustehen.
Was Miller 1953 über christliche Fanatiker des 17. Jahrhunderts schrieb, als Kommentar zu antikommunistischen Fanatikern des 20. Jahrhunderts – das ist noch bemerkenswert aktuell.
 
Ein Gegenstück dazu entwirft die amerikanische Feministin Cathy Young in einem Artikel, der am Ende des Jahres auch von Genderama aufgegriffen wurde, veröffentlicht im TIME-Magazine. Sie beschreibt dort die Idee einer offenen Debatte, an der viele teilnehmen können, Frauen und Männer gleichermaßen – einer
„Debatte, die Menschen unter dem großen gemeinsamen Dach einer wirklichen Bewegung für Gleichberechtigung der Geschlechter haben sollten. Könnte solch eine Bewegung im Jahr 2015 starten? In den dahinschwindenden Tagen des Jahres 2014 sieht sie aus wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (3)
 
 
Ich habe einige längere englischsprachige Zitate im Text selbst übersetzt, hier sind die Originale:
(1) The journalists at Charlie Hebdo are now rightly being celebrated as martyrs on behalf of freedom of expression, but let’s face it: If they had tried to publish their satirical newspaper on any American university campus over the last two decades it wouldn’t have lasted 30 seconds. Student and faculty groups would have accused them of hate speech. The administration would have cut financing and shut them down.
 
(2) In an ordinary crime, how does one defend the accused? One calls up witnesses to prove his innocence. But witchcraft is ipso facto, on its face and by its nature, an invisible crime, is it not? Therefore, who may possibly be witness to it? The witch and the victim. None other. Now we cannot hope the witch will accuse herself; granted? Therefore, we must rely upon her victims (…).
(Arthur Miller: The Crucible, München 2012. S. 103)
 
(3) (But this is the kind of) debate people should be having in the big tent of a true equality movement. Could such a movement get its start in 2015? In the waning days of 2014, it looks like an idea whose time has come.

Warum eigentlich werden Geschlechterdebatten so schnell bekloppt?

Eigentlich hatte ich keine bösen Absichten: Gestern habe ich ein paar Grüße zum neuen Jahr veröffentlicht, hatte uns allen Gelassenheit und viel Spaß gewünscht – hatte aber auch darüber geschrieben, dass nach meinem Eindruck gerade geschlechterpolitische Konflikte oft ungeheuer aufgebauscht werden und Aufregungen verursachen, die dem Anlass nicht angemessen sind.

Eines von mehreren Beispiele, die ich nannte, kam aus dem Kontext männerrechtlicher Blogs – ich finde es bis heute absurd, dass sich im letzten Jahr aus einer Kleinigkeit, einer Entschuldigung des Bloggers „wortschrank“ bei der Bloggerin Robin Urban, ein massiver Konflikt entwickeln konnte, der bis heute anhält.

Nach meinem Eindruck hatte das damals die durchaus optimistische Grundstimmung nach der Zusammenarbeit in zwei erfolgreichen Blogparaden geknickt, und von zumindest zwei Bloggern, die ich sehr geschätzt hatte, weiß ich, dass sie sich unter dem Eindruck dieser absurd hochgeputschten Konflikte zurückgezogen haben.

Ob das so beabsichtigt war, ob einzelnen eine Schuld zuzuweisen ist – darüber könnte man immer noch diskutieren, man könnte es auch sein lassen. Ich schreib gestern in einem Nebensatz lediglich, dass ich diese Entwicklung im Rückblick schade finde – und dachte, dass das eigentlich allgemein nachvollziehbar sein müsste.

Obwohl es in dem kurzen Text gestern eigentlich um ganz anderes ging, fühlten sich einige Akteure durch diesen Nebensatz sofort und unmittelbar angesprochen – und fingen an, mich in den Kommentaren aufgeregt zu beschimpfen, mich der Lüge zu bezichtigen und eine Fortsetzung des Konflikts anzukündigen.

Auch das ist schade. Ich hab dieses Blog in vier Tagen genau zwei Jahre lang, es hat hier weit über 4000 Kommentare gegeben, nur insgesamt drei davon fand ich so bekloppt, dass ich sie gelöscht habe, und durchgehend habe ich hier sowohl anonyme Kommentare als auch unmoderierte Kommentare ermöglicht. Es war in meinen Augen ein ungeheuer gutes Zeichen, dass das so lange und so umfassend möglich war.

Gestern habe ich dann unter dem Eindruck der Aggressivität, die mehrere Kommentare prägte, die Kommentarfunktion geändert und lasse nun Kommentare nur noch moderiert durch. Ich bin zur Zeit, wie in der ganzen Weihnachtszeit, noch immer viel offline unterwegs – und ich möchte einfach nicht, dass ein Text, in dem es eigentlich um Gelassenheit und Augenmaß ging, in den Kommentaren vollkommen bestimmt wird durch zwanghafte Re-Inszenierungen von Konflikten, die ich schon beim ersten Durchgang bescheuert fand.

Auch wohlmeinende, vernünftige Zeitgenossen können sich in Geschlechterdiskussionen recht schnell verhaken.
Es ist mir hier nicht einmal so wichtig, worum es dabei geht – wichtiger ist mir etwas anderes. Als ich über die Weihnachtsfeiertage ein wenig Abstand vom Bloggen hatte, empfand ich das manchmal als sehr erleichternd – und viele Konflikte, mit denen wir uns hier herumschlagen, kamen mir recht verrückt und überzogen vor. Die Männerbewegung, wenn es sie denn gibt, hat offenkundig manchmal den seltsamen Ehrgeiz, so viele lunatic fringes, verrückte Ränder wie nur möglich hervorzubringen.

Fairerweise sollte allerdings hinzugefügt werden, dass das anderswo nicht unbedingt besser aussieht: Beim heutigen Feminismus fänd ich es manchmal ganz schön, wenn er sich irgendwann dazu entschließen könnte, zur Abwechslung irgendwo auch einmal einen non-lunatic fringe einzurichten.

Warum aber gleiten, wenn mein Eindruck richtig ist, Geschlechterdiskussionen eigentlich so oft und so schnell ins Irrationale ab? Christian Schmidt hat sich im Hinblick auf den Feminismus schon in mehreren Artikeln mit dieser Frage beschäftigt, und die bloggende Psychologin „Erzählmirnix“ hat dort die These aufgestellt, Feminismus und Maskulismus würden gerade traumatisierte Frauen und Männer überproportional stark anziehen.

Diese Erklärung ließe sich mit einer ganzen Reihe von Beispielen illustrieren, ich möchte aber trotzdem ein Gegenstück dazu formulieren – keine Gegenthese, eher eine Ergänzung. Geschlechterdiskussionen ziehen möglicherweise traumatisierte oder depressive Menschen überproportional stark an – es gibt aber einige Aspekte dieser Diskussionen, die dazu führen, dass dort auch Menschen ganz jenseits psychischer Störungen unter ihrem sonstigen Niveau bleiben und irrationaler agieren, als sie es in anderen Zusammenhängen tun. 

Mir fallen dafür vier Erklärungen ein.

 
I. Das Private ist politisch ist privat Geschlechterpolitische Diskussionen sind öffentliche Diskussionen öffentlicher Angelegenheiten – sie haben aber für alle Beteiligten auch eine enorm persönliche Komponente, von der sich niemand völlig distanzieren kann. Sexualität, Beziehungserfahrungen, verpasste Beziehungserfahrungen, Elternschaft, grundsätzliche Fragen der eigenen Identität – all dies wird durch soziale Regeln und Gesetze erheblich geprägt, ist aber für niemanden ganz eine Angelegenheit öffentlicher Foren, sondern geht zugleich unmittelbar an die persönliche Substanz.

Das betrifft nicht nur Traumatisierte, aber bei ihnen wirkt es sich natürlich noch stärker aus. Wer beispielweise erhebliche Gewalt erfahren hat, als sexuelle Gewalt, als häusliche Gewalt, auch als willkürlichen Kindesentzug – der kann Widerspruch gegen seine Positionen schnell als Gleichgültigkeit gegenüber diesen Erfahrungen wahrnehmen und ihn dann entsprechend moralisierend und nicht sachlich deuten.

Ich merke das auch bei mir selbst – in mir kocht durchaus manchmal die Wut hoch, wenn ich lese oder höre, wie leichthin oft noch immer massive Einschränkungen von Väter- und Kinderrechten legitimiert werden. Die Wut hat gute Gründe, es nützt aber trotzdem nichts, sich beständig durch sie lenken zu lassen.

Verschärft wird die Doppelgesichtigkeit von sozialer Vermittlung und höchstpersönlicher Bedeutung noch durch die manchmal ausdrücklich formulierte Erwartung, die persönliche Bedeutung für wenige Einzelne müsse zum Maßstab für die ganze Debatte werden (während andere Beteiligte ganz zu schweigen hätten).

Das Konzept der „Definitionsmacht“ fordert, dass Konflikte und gewalthaltige Situationen durch das Empfinden der Opfer definiert werden müssten, weil alles andere die Gewalt der „Täter“ reproduzieren würde. Natürlich dreht sich dieses Konzept gleichsam um sich selbst – denn nach seiner Logik können nur die „Opfer“ bestimmen, wer überhaupt als „Opfer“ gelten kann. Seine Konsequenz ist damit sehr simpel – Meine Empfindungen müssen gemeinsamer Maßstab sein, Deine Empfindungen sind gleichgültig.

 
 
II. „Papa war ein Arschloch“, die Krise ist männlich und weitere Versimpelungen Geschlechterdiskussionen haben jedoch nicht nur eine persönliche Komponente, sie sind in ihrer Grundstruktur auch unschlagbar simpel. Mann-Frau – dieses einfache binäre Schema, von dem übrigens auch und gerade Kritiker heterosexueller Normierungen regelrecht besessen sind, lässt sich leicht mit allen möglichen einfachen Gegenüberstellungen aufladen. Frau passiv-Mann aktiv, Frau sozial-Mann egoistisch, Frau unterdrückt-Mann unterdrückend, Frau liebevoll-Mann dominant, Frau Opfer-Mann Täter, Frau häuslich-Mann welterkundend, etc. pp.

Gerade in ihrer Simplizität lädt diese Grundstruktur dazu ein, alle möglichen komplexen und unüberschaubaren Themen auf einfache Mann-Frau-Strukturen zu projizieren, die leicht fassbar und scheinbar so konkret und nachvollziehbar sind.

Internationale Finanzen und Wirtschaftsstrukturen sind beispielweise längst unüberschaubar und unkontrollierbar geworden? Das grüne Männermanifest hat gleichwohl eine einfache Erklärung:

„Die Krise ist männlich. Klimakrise, Finanz- und Wirtschaftskrise, Hunger- und Gerechtigkeitskrise, all dies sind direkte Folgen einer vor allem ‚männlichen’ Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsweise, die unseren Planeten an den Rand des Ruins getrieben hat.“
Christoph Kucklick hat in Das unmoralische Geschlecht detailliert beschreiben, wie moderne Gesellschaften die typischen Überforderungen und Unübersichtlichkeiten moderner Herrschafts- und Sozialstrukturen seit mehr als zweihundert Jahren als Geschlechterprobleme verhandeln und damit auf ein scheinbar handhabbares Maß herunterkochen.

Dass Geschlechterdebatten also zu Projektionen aller möglichen Probleme einladen, wird noch dadurch verschärft, dass uns allen diese Strukturen von Kindheit an vertraut sind. Mama und Papa – ob wir diese Struktur täglich erlebt oder uns sie nur herbeiphantasiert haben, sie bildet wohl für fast alle ein basales Grundmuster der Weltwahrnehmung.

Entsprechend sind Beiträge in Geschlechterdebatten nach meinem Eindruck oft regressiv, geprägt durch ein Zurückrutschen erwachsener Menschen in kindliche oder pubertäre Strukturen. Mir fiel das zum ersten Mal bei dem Spruch „Papa war ein Arschloch“ auf, von dem die Soziologin Anita Heiliger sympathisierend berichtet – er wurde verwendet von Teilnehmerinnen eine Demonstration gegen die Rechte von Vätern (hier, letzte Seite). 

 
Hier ist nicht einmal davon die Rede, dass „Väter Arschlöcher“ sind – das eigene kindliche Erleben („Papa“) wird zum Maßstab für die Rechte anderer, für die von Vätern und von Kindern. Vergleichbare Beispiele sind bewusst infantile Formulierungen wie das rituelle Reden von „sexistischer Kackscheiße“, die Selbst-Bezeichnungen erwachsener Frauen als „Mädchen“ („Alpha-Mädchen“, „Mädchenmannschaft“) oder auch der demonstrativ pubertäre Stil, in dem die über dreißig Jahre alte Anne Wizorek ihr Buch „Weil ein #Aufschrei nicht reicht“ verfasst hat.

III. Vom wilden und demokratischen Internet Das Medium, in dem viele Geschlechterdiskussionen geführt werden, trägt zur Verschärfung von Konflikten erheblich bei – das Internet. Dabei ist die gelegentlich in Massenmedien konstruierte Gegenüberstellung nicht schlüssig, die eine zivile Zeitungswelt und mit den wilden, böse wuchernden Internet-Kommentaren kontrastiert. Tatsächlich schotten sich Institutionen, die eigentlich für die öffentliche Debatte da sind – Parteien, Medien, Universitäten – , gegen offene Diskussionen ab („keine Willkommenskultur für Maskus“) und schieben die Möglichkeit offener demokratischer Debatten weitgehend in das Netz.

Diese Situation ist möglicherweise überfordernd. Die Doppelgesichtigkeit von großer Privatheit und Öffentlichkeit findet sich auch in der Struktur des Mediums wieder, und das ist offenkundig manchmal fatal.

 
Die Kommunikation über das Netz ist überhaupt erst seit relativ wenigen Jahren möglich, und wir sind oft noch schlecht darauf eingestellt. Im privaten Zuhause zu sitzen, am eigenen Computer, im eigenen Zimmer – sich aber, virtuell, zugleich ganz in der Öffentlichkeit zu bewegen: Das ist nun einmal kein ganz einfacher gedanklicher Spagat.
 
Ich habe in vielen Diskussionen schon Äußerungen gelesen, die schlicht im öffentlichen Raum deplatziert waren und die allenfalls in der privaten Diskussion mit guten Bekannten angemessen gewesen wären. Selbst ein Professor lanciert bei Twitter Pöbeleien, als ob er sich dort nicht in der allen zugänglichen Öffentlichkeit bewegen, sondern nach ein paar Bieren zuviel im privaten Clinch mit ein paar ebenfalls angetrunkenen Bekannten liegen würde.

Zudem fehlt die zivilisierende Wirkung des direkten Gegenübers. Allein am Computer sind beleidigende Grenzüberschreitungen wahrscheinlicher als im direkten Gespräch.

Noch ein weiterer Aspekt macht das Medium problematisch. In der Popkultur gehört es schon lange zum Kleinen Einmaleins der Herstellung von Aufmerksamkeit, möglichst erbitterte Konflikte zu inszenieren. Angesichts der unübersehbaren Menge an Äußerungen ist die Konkurrenz um Aufmerksamkeit im Netz besonders scharf – so dass es hier besonders sinnvoll erscheinen kann, scharfe Konflikte zu inszenieren. Wer sich brachial, feindselig, aggressiv, beleidigend äußert, kann sich davon grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit versprechen als jemand, der ruhig, sachbezogen, fair und zurückhaltend argumentiert.

Allerdings reguliert sich in dieser Hinsicht das Medium zum Teil schon selbst. Ich kenne einen Effekt, der meines Wissens auch anderen vertraut ist: Schon wenn ich nur wenige brachiale, grenzverletzende, mal kräftig auf den Tisch hauende Äußerungen gelesen habe, verliere ich völlig das Interesse – und ich werde erst dann wieder aufmerksam, wenn jemand ruhig und sachlich argumentiert.

 
 
IV. Wie Feindschaft um sich selber kreist Trotzdem kann das Internet, zur Herstellung von Aufmerksamkeit, die Pflege von Feindschaften nahelegen – und auch in diesem Punkt verbinden sich Strukturen des Mediums auf ungünstige Weise mit gegenwärtigen Geschlechterdiskussionen. Wenn über Männer und Frauen diskutiert wird, geht es selten um sachliche zu beschreibende Funktionen dieser Geschlechterordnung, sondern um die Unterstellung von Herrschaftsstrukturen. Mittlerweile auch von beiden Seiten.

Damit ist aber eine andere Meinung nicht einfach nur – eine andere Meinung, sondern etwas Feindseliges, Ausdruck und Reproduktion inhumaner Machtstrukturen. Die Fixierung der Diskussionen auf „Herrschaft“ und die zwanghaft anmutende Entwicklung von Freund-Feind-Mustern hängen also eng zusammen.

Deutlich wird das beispielsweise in dem bereits zitierten Kommentar des grünen Politikers Rupp, dass es für „Maskus“ keine „Willkommenskultur“ geben dürfe. Es geht ihm damit nicht einmal darum, dass „Maskus“ schlechte Argumente hätten – sondern darum, dass die Argumente prinzipiell überhaupt nicht zugänglich sein sollten.

Gegenstück dazu ist die Sorgfalt, mit der er Kritik am Feminismus vermeidet. Da feministische Positionen politische Positionen sind, ist es in einer Demokratie natürlich nicht nur erlaubt, sondern regelrecht geboten, sie kritisch zu überprüfen. Da Rupp aber solch eine Kritik nicht sachlich verstehen kann, sondern sie zum Ausdruck von Herrschaft und damit zu etwas Feindseligem umdeutet, kann er sie nicht ertragen.

Ganz Ähnliches gilt auch für einige Kommentatoren, die hier gestern die Kommentarspalte belegt hatten. Wenn ich es richtig verstehe, halten sie ihre Wut seit Monaten mit der Unterstellung am Kochen, „gemäßigte“ Männerechtler hätten sich heimlich gegen sie verschworen, um sie auszugrenzen und mit einer stromlinenförmigeren Männerrechtsbewegung besser in den Mainstream vordringen zu können. Es ist kaum möglich, sich zu diesem Thema zu äußern, ohne sogleich als Freund oder als Feind eingeordnet zu werden.

Mehr noch als Feindbilder schaffen sich Unterstellungen der Feindseligkeit eine Welt nach ihrem Bilde. Wer der Verschwörungsunterstellung nicht zustimmt, ist entweder zu naiv, um die Verschwörung zu erkennen – oder er ist selbst ein Teil von ihr. Widerspruch gegen die Unterstellungen wird also so oder so in Bestätigungen umgedeutet.

Ein Beispiel. Zu Beginn meiner Studienzeit kam bei Treffen im Freundeskreis oft eine Kommilitonin dazu, die jeweils mit mürrischem, genervten Blick in die Runde sah und oft recht aggressiv auf andere reagierte. Allmählich wurde dann der Grund für ihre permanent schlechte Laune klar – sie hatte das Gefühl, dass sie niemand dabei haben wollte. Angesichts ihres Verhaltens war dieser Eindruck natürlich richtig.

In eben solcher Form drehen sich Unterstellungen der Feindseligkeit um sich selbst. Dabei ist es eigentlich recht einfach: Wer andere beständig aggressiv anpampt, ihnen blind bösartige Motive unterstellt und sich selbst dabei als Opfer inszeniert, macht sich nun einmal irgendwann als Gesprächspartner unmöglich – und kann das dann als Bestätigung seiner Unterstellungen verstehen.

Durch Freund-Feind-Strukturen werden aber natürlich nicht nur Diskussionen im Internet geprägt. Dass etwa die Berliner Professorin Lann Honrnscheidt mit eben dieser Bezeichnung nicht einverstanden ist, weil sie sich weder als Mann noch als Frau fühlt – dass sie lieber als „Profx“ angesprochen werden möchte – das ließe sich ja noch irgendwie als Versuch verstehen,  Möglichkeiten zu finden, die eigene Selbstwahrnehmung sprachlich angemessen ausdrücken zu können.

Dass aber diese Professorin offen zum Stören der Veranstaltungen von Kollegen, zum Zerstören von Büchern oder zum Terrorisieren von Kommilitonen aufruft, und dass das an ihrer Universität für sie offenbar keine Folgen hat – das ist verrückt. Es wird aber offenkundig durch die Annahme möglich, dass sich Hornscheidts Aufruf gegen die richtigen Feinde richtet, beispielsweise gegen „sexistische Mackertypen“.

 
Hier verbinden sich wohl Freund-Feind-Strukturen der Geschlechterdebatten mit den traditionellen Uni-Hierarchien – viele trauen sich eben nicht, Menschen auf Lehrstühlen darauf aufmerksam zu machen, wenn ihre Positionen nicht mehr mutig oder innovativ, sondern wunderlich, abseitig oder feindselig sind.

Schluss: Die natürliche Tendenz zum Bekloppten Die Konsequenzen daraus, dass Geschlechterdebatten gleichsam eine natürliche Tendenz zum Abgleiten ins Bekloppte haben, sind eigentlich recht einfach. Es würde meist vermutlich schon helfen, andere Meinungen nicht als Ausdruck destruktiver Machtstrukturen wahrzunehmen, sondern einfach – als andere Meinungen.

Für Männer ist noch etwas anderes wichtig. Frauenpolitische und feministische Interessen sind allgemein als durchaus legitim anerkannt. Angesichts dessen werden bekloppte oder gewaltverliebte Äußerungen von Feministinnen meist als Ausnahmeerscheinungen wahrgenommen, die von einigen „Maskus“ kalkuliert hochgespielt werden.

Spezifische Interessen von Männern oder Jungen sind nicht in vergleichbarer Weise allgemein akzeptiert. Diese Anerkennung wird unter anderem durch erhebliche Klischees behindert, beispielsweise durch die Vorstellung, das einzige reale Problem von Männern sei der Verlust ihrer – angeblich – traditionellen Herrschaftsposition.

Bekloppte, aggressive und gewaltverliebte Äußerungen werden vor diesem Hintergrund weitaus weniger als bei Frauen als Ausnahmen wahrgenommen, sondern eher als Repräsentationen aller. So sind sie, die Maskus.

Es hat keinen Sinn, sich beständig darüber zu beklagen, dass selbst offen gewaltverliebte und verrückte Äußerungen von Feministinnen achselzuckend zur Kenntnis genommen werden, während Männer sich nicht ansatzweise dieselben Verrücktheiten leisten könnten, ohne damit einen sozialen Selbstmord zu begehen. Kann sich jemand einen berühmten männlichen politischen Journalisten vorstellen, der freudestrahlend mit einem „Ich bade in Frauentränen“-T-Shirt posiert und das Bild für Tausende Anhänger bei Twitter verbreitet – ohne dass das Folgen für ihn hätte? 

Beklopptes Verhalten, beispielweise das krankhaft anmutende Inszenieren, Re-Inszenieren und Re-Re-Inszenieren immer derselben Konflikte, bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten – das richtet unter Männer angesichts der derzeitigen Debattenlagen nun einmal mehr Schaden an, als es unter Frauen anrichten würde. Das mag ja manchen ungerecht erscheinen – Warum dürfen die das und nicht wir?

Es ist aber eine Realität, auf die man sich einstellen kann, ohne große Opfer bringen zu müssen.

Jahresende, Jahresanfang

1911 veröffentlichte der Dichter Jakob von Hoddis, der eigentlich Hans Davidsohn hieß, ein Gedicht, mit dem er bis heute zu einem berühmten One-Hit-Wonder wurde. Weltende hieß es, und es wurde nachträglich als ein prophetisches Gedicht verstanden, in dem sich die Katastrophe des Ersten Weltkrieges schon ankündigte.
 
„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei 
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.  
 
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“
 
Thomas Schmid sieht das 2011 in einer Interpretation  undramatischer: Die kleinen, immer wieder schnell zerstrittenen expressionistischen Männerbünde hätten ihre „kleinen Zimmerschlachten (…) zwar mit Leidenschaft geschlagen“, aber eigentlich hätten ihre Werke etwas Spielerisches und Unernstes gehabt.
„Ihr Sturm war, am Ende einer großen und prosperierenden Friedenszeit, auch ein Sturm im Wasserglas.“
Wassily Kandinsky: Skizze für Komposition VII, 1913
Warum auch immer, das kam mir ein wenig vertraut vor. In Geschlechterdebatten wurden in den letzten Monaten die Aufregungs-Zyklen immer kürzer: ein Buch von Anne Wizorek, shirtgate, Hollaback, fappygate, die journalistische „Rape on Campus“-Katastrophe, als Dauerprogramm Gamer Gate – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.
 
Ich habe manchmal den Verdacht, dass diese geschlechterpolitischen, meist schnell wieder vergessenen Aufregungen der Ablenkung dienen. Im Vergleich zu bitteren, massenmörderischen, weltweiten Konflikten wirken inszenierte Geschlechterkonflikte greifbar, vertraut und nachvollziehbar.
 
Außerdem habe sie gerade für viele der feministisch inspirierten Beteiligten den großen Vorteil, dass gut und böse sauber zwischen den Geschlechtern verteilt sind, die Empörung daher jederzeit die Analyse ersetzen kann und so Schlachten zwar mit Leidenschaft geschlagen werden können, aber keinen großen gedanklichen Aufwand erfordern.

Doch ganz unernst und spielerisch sind eben auch diese Konflikte nicht, und zumindest für viele Einzelne haben sie bekanntlich ernsthafte und sogar dramatische Folgen. Bei allem Unernst inszenierter Aufregungen bei der Sache zu bleiben, fair und halbwegs gelassen zu bleiben und klären zu können, wo ernsthafte Themen in diesen exaltierten Zimmerschlachten begraben werden – das, zum Beispiel, wäre für das neue Jahr eine gute Entwicklung.

Im vergangenen Jahr entwickelten sich beispielsweise in mehreren Blogparaden gerade gute Strukturen einer Zusammenarbeit, die auch außerhalb unserer Filterblasen wahrgenommen wurden – als dann die Aufregung über einen Blogger, der sich doch tatsächlich bei einer Feministin (!) entschuldigt (!!) hatte, lange währende Konflikte verursachte. Das finde ich noch heute sehr schade.

Für das neue Jahr, und natürlich anlässlich der vergangenen Nacht, habe ich daher das Gedicht von Hoddis’ ein wenig umgeschrieben, die apokalyptische Vision ein wenig heruntergekocht und die große Aufregung auf die Dimensionen einer Silvesterfeier zurechtgestutzt. So bleibt vielleicht etwas mehr Raum für Wesentlicheres. 🙂

 
 
Jahresende
Um zwölf erhebt sich plötzlich ein Geschrei,
Dem Bürger ging es lange nicht so gut,
Er schreit noch spitz und stürzt sich in die Flut
Und wer noch laufen kann, ist ganz dabei.

Das Neue kommt, in Sälen und Spelunken
Beginnt es, Innereien zu zerwühlen.
Die meisten Autofahrer sind betrunken.
Letzte Gäste fallen von den Stühlen.

 
Und allen, die mittlerweile wieder aufgestanden sind, wünsche ich ein sehr schönes neues Jahr – Gelassenheit bei allen inszenierten Aufregungen – viel Glück bei allem anderen – und natürlich auch eine Menge Spaß!
 
Alles Gute für das neue Jahr!
Lucas Schoppe