Jahresende, Jahresanfang

1911 veröffentlichte der Dichter Jakob von Hoddis, der eigentlich Hans Davidsohn hieß, ein Gedicht, mit dem er bis heute zu einem berühmten One-Hit-Wonder wurde. Weltende hieß es, und es wurde nachträglich als ein prophetisches Gedicht verstanden, in dem sich die Katastrophe des Ersten Weltkrieges schon ankündigte.
„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei 
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.  
Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“
Thomas Schmid sieht das 2011 in einer Interpretation  undramatischer: Die kleinen, immer wieder schnell zerstrittenen expressionistischen Männerbünde hätten ihre „kleinen Zimmerschlachten (…) zwar mit Leidenschaft geschlagen“, aber eigentlich hätten ihre Werke etwas Spielerisches und Unernstes gehabt.
„Ihr Sturm war, am Ende einer großen und prosperierenden Friedenszeit, auch ein Sturm im Wasserglas.“
Wassily Kandinsky: Skizze für Komposition VII, 1913
Warum auch immer, das kam mir ein wenig vertraut vor. In Geschlechterdebatten wurden in den letzten Monaten die Aufregungs-Zyklen immer kürzer: ein Buch von Anne Wizorek, shirtgate, Hollaback, fappygate, die journalistische „Rape on Campus“-Katastrophe, als Dauerprogramm Gamer Gate – und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.

Ich habe manchmal den Verdacht, dass diese geschlechterpolitischen, meist schnell wieder vergessenen Aufregungen der Ablenkung dienen. Im Vergleich zu bitteren, massenmörderischen, weltweiten Konflikten wirken inszenierte Geschlechterkonflikte greifbar, vertraut und nachvollziehbar.

Außerdem habe sie gerade für viele der feministisch inspirierten Beteiligten den großen Vorteil, dass gut und böse sauber zwischen den Geschlechtern verteilt sind, die Empörung daher jederzeit die Analyse ersetzen kann und so Schlachten zwar mit Leidenschaft geschlagen werden können, aber keinen großen gedanklichen Aufwand erfordern.

Doch ganz unernst und spielerisch sind eben auch diese Konflikte nicht, und zumindest für viele Einzelne haben sie bekanntlich ernsthafte und sogar dramatische Folgen. Bei allem Unernst inszenierter Aufregungen bei der Sache zu bleiben, fair und halbwegs gelassen zu bleiben und klären zu können, wo ernsthafte Themen in diesen exaltierten Zimmerschlachten begraben werden – das, zum Beispiel, wäre für das neue Jahr eine gute Entwicklung.

Im vergangenen Jahr entwickelten sich beispielsweise in mehreren Blogparaden gerade gute Strukturen einer Zusammenarbeit, die auch außerhalb unserer Filterblasen wahrgenommen wurden – als dann die Aufregung über einen Blogger, der sich doch tatsächlich bei einer Feministin (!) entschuldigt (!!) hatte, lange währende Konflikte verursachte. Das finde ich noch heute sehr schade.

Für das neue Jahr, und natürlich anlässlich der vergangenen Nacht, habe ich daher das Gedicht von Hoddis’ ein wenig umgeschrieben, die apokalyptische Vision ein wenig heruntergekocht und die große Aufregung auf die Dimensionen einer Silvesterfeier zurechtgestutzt. So bleibt vielleicht etwas mehr Raum für Wesentlicheres. 🙂

Jahresende

Um zwölf erhebt sich plötzlich ein Geschrei,
Dem Bürger ging es lange nicht so gut,
Er schreit noch spitz und stürzt sich in die Flut
Und wer noch laufen kann, ist ganz dabei.

Das Neue kommt, in Sälen und Spelunken
Beginnt es, Innereien zu zerwühlen.
Die meisten Autofahrer sind betrunken.
Letzte Gäste fallen von den Stühlen.

Und allen, die mittlerweile wieder aufgestanden sind, wünsche ich ein sehr schönes neues Jahr – Gelassenheit bei allen inszenierten Aufregungen – viel Glück bei allem anderen – und natürlich auch eine Menge Spaß!
Alles Gute für das neue Jahr!
Lucas Schoppe
  1. “ Das finde ich noch heute sehr schade.“

    Ich nicht – und du kannst sicher sein, daß das Thema noch sehr lange ein Nachspiel, haben wird.

    Der einzige Grund, warum es ruhiger geworden ist, ist die Tatsache, daß ich Wichtigeres zu tun habe. Vergessen werde ich aber niemanden.

    Antwort

  2. „als dann die Aufregung über einen Blogger, der sich doch tatsächlich bei einer Feministin (!) entschuldigt (!!) hatte, lange währende Konflikte verursachte. Das finde ich noch heute sehr schade.“

    Schade finde ich wenn nix verstanden wurde. Wie mir aber scheint auch nicht verstanden werden will – um immer wieder mal eine Falschdarstellung zu bringen-

    Was das allerdings soll ist mir nicht ganz klar … 😦

    derdiebuchstabenzäehlt

    Antwort

  3. Ich glaube, ich muss mir hier auch eine Erwiderung schenken. Ich stelle nur fest: So langsam wird es tatsächlich sehr anstrengend. 😉

    Antwort

  4. Schade ist vor allem, wenn eine gewisse Ecke seit jeher nichts als Lügen und Diffamierungen verbreitet und sie anderen als Wahrheit verkaufen will. Das kannte ich bis zum WS-Thema so eigentlich nur von Feministinnen. Aber vielleicht gibt es zwischen manchen „Männerrechtlern“ und Feministinnen ja einen regen Austausch, z.B. im SM-Keller oder so…

    Antwort

  5. @ jungsunsmaedchen, ddbz, männerstreik, anonym Es geht einfach darum, zu entscheiden, welche Konflikte es wert sind, ausgetragen zu werden – und welche man sich sparen kann. „Männer“ ist keine sonderlich sinnvolle soziale Kategorie, weil einfach viel zu viele Menschen aus viel zu unterschiedlichen Situationen damit bezeichnet werden. Da kann es niemals eine allen gemeinsame Richtung geben – man muss einfach damit leben, dass andere auf eine Weise agieren, oder Ziele verfolgen, die man selbst falsch findet.

    Dasselbe gilt übrigens für die Kategorie „Frauen“ – eine „Frauenbewegung“ konnte m.E. nur deshalb als gemeinsame Bewegung auftreten, weil sie von ein paar wenigen Frauen aus einem ähnlichen (akademischen, bildungsbürgerlichen) Milieu betrieben wurde und der größte Teil der Frauen einfach unbeteiligt blieb. Abgesehen von einigen Ausgrenzungskämpfen, insbesondere gegen die bei vielen Feministinnen verhassten Hausfrauen.

    Männer sind quer durch alle politische Gruppierungen hinweg aktiver als Frauen – da ist es kein Wunder, dass sich mittlerweile auch bei Männer- oder Geschlechterthemen Männer aus ganz unterschiedlichen Milieus und mit ganz unterschiedlichen Zielen zu Wort melden. Es ist hoffnungslos, da eine bindende Gemeinsamkeit zu finden. Wichtig allerdings ist es, sich so zu verhalten, dass offene Debatten gefördert und nicht behindert werden.

    Und dabei gehört es nunmal dazu, sich nicht in allen möglichen Klein-Klein-Gefechten und Abgrenzungsscharmützeln zu verstricken. „Pick your battles!“ – halte ich für einen sehr wichtigen Hinweis. Und es gibt eigentlich keinen vernünftigen Grund, sich darüber aufzuregen.

    Antwort

  6. Es geht um verlogene bewusste Falschdarstellung – es ist also ein direkte Kritik an DEIN Verhalten.

    Da kannst Du Dich hinter pseudo-intellektuellem Geschwafel verstecken wollen, wie Du willst.

    Antwort

  7. @ Anonym Ich danke Dir herzlich für die umgehende Bestätigung dessen, was ich geschrieben habe. Wäre aber gar nicht nötig gewesen.

    Und Dir dann auch noch ein schönes neues Jahr!

    Antwort

  8. Ganz schwache Rhetorik.

    Erwartest Du jetzt ein: „Aber Duhuuuu!“ von mir?

    Nein, die Vorwürfe der Falschdarstellung stehen in mehreren Kommentaren. Da kommst Du mit diesem rhetorischen Müll nicht raus.

    Ganz schwach. Du enttäuscht hier auf ganzer Linie.

    Antwort

  9. „Es geht einfach darum, zu entscheiden, welche Konflikte es wert sind, ausgetragen zu werden – und welche man sich sparen kann.“

    Und das soll noch gleich wer bestimmen? Arne, Christian oder Du – oder wer? Lächerlich. Wer mit Feuer spielt, sollte auch einen Plan für den Fall haben, dass er das Haus in Flammen setzt, nicht die Nachbarn.

    Der Trick der Feministinnen besteht ja gerade darin vorzugeben, dass sie für alle Frauen sprechen würden. Ich kenne selbst genügend Frauen, die mehr oder eniger gleichlautend sagen, dass sie „mit solchen hysterischen und untervögelten Lesben“ nichts zu tun haben wollen oder z.B. lieber Männer als Freunde haben, weil es da nicht so viel Gezicke, Hinterhältigkeit und Drama usw. gibt.

    Natürlich kann man sich krampfhaft in die linke Ecke stellen wollen, wie das Arne seit seinem Geschreibsel gegen PI & Co. gerne tut, obwohl ihn wohl jeder eher bürgerlich-liberal verorten würde und er das früher auch so oder os ähnlich tat. Das „links“ hat er sich seit der Sache mit PI angeheftet, wohl auch, weil er meint damit gegen die Anfeindungen von irgendwelchen Propaganda-Mietmäulern von Böll und FES immunisiert zu werden. Ich finde es lediglich lächerlich, es zeugt von zu wenig Rückgrat und einem Mangel an Eiern. Ich wäre eher beleidigt, wenn ich *nicht* in einer der zukünftigen Hetzschriften von Böll oder FES als ganz doll schlimmer Finger á la Breivik verhetzt würde. Und weißt Du warum? Wenn solche verlogenen Idioten sich so viel Mühe geben, ist das erstens ein Kompliment für die Kritisierten und zweitens wird man so als Gegner anerkannt und knn in den Kampf gehen.

    Antwort

  10. @ männerstreik und den mutigen „Anonym“ „als dann die Aufregung über einen Blogger, der sich doch tatsächlich bei einer Feministin (!) entschuldigt (!!) hatte, lange währende Konflikte verursachte. Das finde ich noch heute sehr schade.“ Das regt Euch auf? Ernsthaft? Meine Güte – Eure Kommentare hier zeigen vor allem, dass es allzu leicht ist, im Internet ohne nachzudenken was rauszuhauen.

    „Und allen, die mittlerweile wieder aufgestanden sind, wünsche ich ein sehr schönes neues Jahr – Gelassenheit bei allen inszenierten Aufregungen – viel Glück bei allem anderen – und natürlich auch eine Menge Spaß!“ Das waren meine Wünsche hier – und Ihr inszeniert als Antwort völlig bekloppte Konflikte, die in keiner Relation zum Anlass stehen.

    Lasst es bitte. Regt Euch auf eigenen Blogs auf, soviel Ihr wollt, aber nutzt nicht dieses Forum hier, um Eure verrückten Feindschaften zu zelebrieren. Ich möchte hier keine Kommentare mehr von Männerstreik oder von „anonym“, wer immer sich dahinter so tapfer verbirgt. Und auch nicht von anderen, die ebenso agieren. Respektiert das bitte.

    Antwort

  11. Das tut ja richtig weh hier zu lesen.

    Da ist ja heute gar nichts an Substanz bei Dir.

    Antwort

  12. Erst mal alles Gute für das Neue Jahr!

    „… kein Wunder, dass sich mittlerweile auch bei Männer- oder Geschlechterthemen Männer aus ganz unterschiedlichen Milieus und mit ganz unterschiedlichen Zielen zu Wort melden“

    Der Maskulismus macht in dieser Hinsicht eine ähnliche Entwicklung durch wie der Feminismus: je mehr Leute sich aktiv beteiligen, desto mehr Realitätswahrnehmungen und Denkschulen kommen ins Spiel und das führt zu Konflikten. Ich sehe das durchaus positiv, erst einmal ist „mehr aktive Leute“ immer gut, und Konkurrenz belebt das Geschäft und sorgt (hoffentlich) führ mehr Qualität.

    Noch etwas anders betrachtet ist der Problembereich zu groß, um von einzelnen komplett bearbeitet werden zu können. Ich hatte schon früher den Einfluß der Alterskohorten thematisiert: die wichtigen Kohorten haben ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen und Motivationen und müssen dementsprechend angesprochen werden, sozusagen „Age Mainstreaming“ innerhalb des Maskulismus.

    „Es ist hoffnungslos, da eine bindende Gemeinsamkeit zu finden.“

    „Bindende Gemeinsamkeiten“ in dem Sinne, daß alle in Reih und Glied mit ganz viel Parteiraison hinter einem Generalsekretär des Maskulismus hinterhermarschieren, wird es in der Tat nicht geben.
    Inhaltliche Gemeinsamkeiten gibt es dagegen längt in dem Sinne, daß man versteht, wieso wir eine dermaßen feministisch dominierte Gesellschaft geworden sind, welches gesellschaftlichen Kollatedalschäden das verursacht und mit welchen Diskurstechniken gearbeitet wird (und wie man sie erkennt und kontert).

    Antwort

  13. Hallo Lucas, Dir ein gutes neues Jahr, und bei dieser Gelegenheit mal vielen Dank für Deinen Einsatz von einem ansonsten eher stillen Mitleser. Ich finde es wirklich nicht weniger als großartig, dass Leute wie Du Ihre Zeit für dieses leider notwendige Anrennen gegen die Dummheit der Welt aufwenden. Daher Dir fürs neue Jahr die besten Wünsche, vor allem viel Zeit für Dein Kind und zunehmend weniger Stress mit der Ex, auf dass es für Dich persönlich ein weniger aufwendiges Anrennen werde.

    Liebe Grüße
    Uli

    Antwort

  14. Vielen Dank für die Grüße, und für den Kommentar! Freut mich sehr.

    Antwort

  15. @ mitm Danke für die guten Wünsche!

    „je mehr Leute sich aktiv beteiligen, desto mehr Realitätswahrnehmungen und Denkschulen kommen ins Spiel und das führt zu Konflikten.“ Das finde ich, so wie Du, grundsätzlich absolut positiv. Nur ist es dann eben auch wichtig, mit Konflikten auf solche Weise umzugehen, dass man tatsächlich von ihnen profitieren kann. Dazu finde ich Gelassenheit sehr wichtig, auch Augenmaß.

    Vor allem kommt es m.E. darauf an, anderen bis auf Weiteres zu unterstellen, dass sie grundsätzlich guten Willens sind und dass das, was sie sagen, zumindest aus ihrer Sicht rational und vernünftig ist. Kämpfe darum, welches der „richtige“ Einsatz für Männerrechte oder Gleichberechtigung ist, sind in meinen Augen sinnlos.

    Allenfalls geht es darum, Grenzen zu ziehen, die aber eigentlich ohnehin selbstverständlich sind – bei massiven Pöbeleien, oder bei Drohungen.

    Antwort

  16. Worum zum Henker geht's denn hier eigentlich? Habe ich die Kriegserklärung überlesen, oder warum wird sich hier munter drauf los beleidigt? Ich verstehe nur Bahnhof.

    Antwort

  17. Alles Gute für dich im neuen Jahr, Lucas. An dieser Stelle auch noch mal ein herzliches Dankeschön für deine bewundernswert ruhigen und gewissenhaften Ausleuchtungen jener abgrundtiefen Irrationalität / Doppelmoral, wie sie uns – staatlich gestützt – tagtäglich begegnet.

    LG
    ReVolte

    Antwort

  18. Genau das gleiche (semi)intellektuelle Duellieren wie beispielsweise bei EvoChris. Es wäre zu interessant zu wissen, wieviele von diesen Debattierern da draußen in der Realität effektiv etwas gegen Unrecht bewegen. Vermutlich weniger denn 10%, Schwafeln ist halt bequemer. Und die Chips sind griffbereit. Gruslig.

    Antwort

  19. Auch ich danke für die erfreulich sachlichen und informativen Beiträge, lieber Herr Schoppe. Und bitte lassen Sie sich nicht entmutigen durch über-emotionale, vielleicht auch pöbelnde Beiträge! [KlausT]

    Antwort

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