Monatsrückblicke

Wo Lächerlichkeit tötet (Auch ein Rückblick auf den Dezember 2014)

Bild zeigt eine Statue mit einem lesenden Klosterschüler.
geschrieben von: Lucas Schoppe
Angesichts des Terrors in Paris und anderswo wirken Debatten über Geschlechter sehr klein und unwichtig. Das sind sie auch, manchmal – und einige Jahresrückblicke des letzten Monats lieferten dafür Beispiele reihenweise.
Die von de Mazière, Gabriel oder Maas  gebrauchte „Formel, die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun“, bezeichnet Deniz Yücel in der taz als „unerträglich“ und „Blödsinn“. Die gute Absicht dieser Formeln ist erkennbar – einem pauschalen Verdammen von Muslimen oder des Islam insgesamt zu widersprechen. Hohlformeln jedoch dienen der guten Absicht wohl kaum.
Dass aber demgegenüber Pegida auch nicht gerade eine demokratische Graswurzelbewegung ist, die sich dem Aussprechen unbequemer Wahrheiten verpflichtet hat – das wird zum Beispiel in dem kleinen sozialen Experiment eines Bloggers deutlich, der sich mit einer Israel-Fahne auf eine Pegida-Demonstration begeben hat. Das Versammlungsverbot aufgrund von Gewaltdrohungen ist natürlich trotzdem, wie Telepolis mit diplomatischer Vorsicht formuliert, „nicht ganz verständlich“.
Der aktuelle Spiegel versucht dann tatsächlich, den Terror mit aktuellen Klischees aus Geschlechterdebatten zu erklären. Der Terror der Verlierer, titelt er – was vor allem beruhigend ist, weil wir, die wir den Spiegel lesen, dann stillschweigend als Gewinner dastehen. Im Untertitel: „Wie junge Männer Europa den Krieg erklären“. Im dazugehörigen Artikel fragt das Magazin dann suggestiv:
„Sind es zornige junge Männer, die das Problem sind? Ist die Gesellschaft selbst dass Problem? Oder ein falschverstandener Islam, in dem verirrte Männer eine Heimat finden (…)?“ (S. 77)
Im Gespräch betont der Politikwissenschaftler und Islamexperte Olivier Roy, dass die radikalen Moslems sich in einer patriarchalischen Fantasie befänden und trotzdem „auch Frauen, die das Gleiche tun wollen“, anzögen: „Die Beziehung zwischen diesen jungen Radikalen beruht auf Gleichberechtigung.“ (S. 91) Trotzdem fragt Julia Amalia Heyer, Interviewerin des Spiegel, noch einmal nach: Die größte Gefahr gehe doch wohl nicht mehr von al-Quaida aus,
„sondern von zornigen jungen Männern (…), die keinen Job haben und sich eine Kalaschnikow besorgen“. (91)
Die Antwort Roys unterläuft sowohl die sozialen wie auch die geschlechtsbezogenen Klischees der Frage: „Selbst Mittelstandskinder und Jugendliche, die am gesellschaftlichen Leben durchaus teilhaben, werden mittlerweile zu Terroristen“.
Ein junger Mann, ausnahmsweise mal nicht zornig, sondern beim Lesen eines Buches. Ernst Barlachs Lesender Klosterschüler.
Kimmels Angry White Men in einer islamisierten Version: Das Klischee des zornigen männlichen Modernitätsverlierers, der um sich tritt und blind gewalttätig agiert, lenkt unter anderem davon ab, dass die Terroristen selbst ausdrücklich einen sehr deutlichen Geschlechtsunterschied machten: Sie wollten ausschließlich Männer töten.
Wäre das umgekehrt gewesen, hätte sich ihre Gewalt also gezielt gegen Frauen gerichtet, dann würden wir uns gewiss schon längst in einer erregten Diskussion darüber wiederfinden, dass der Terror im Kern frauenfeindlich sei, nämlich ein Ausdruck gefährdeter patriarchaler Herrschaftsstrukturen.
Ich finde es trotzdem angemessen, dass Männer die offenkundige, spezifische Männerfeindlichkeit der Terroristen nicht in den Mittelpunkt der Diskussion geschoben haben. Diese Feindseligkeit gehört wohl zu einem pervertierten soldatischen Selbstverständnis, das die Terroristen mit ihren scheinbaren Antipoden teilen – auch für Anders Breivik ist das Töten erst dann ein Problem, wenn Frauen getötet werden.

Dass der Versuch des Spiegel halbherzig bleibt, den Terror im Lichte gegenwärtiger Geschlechterklischees zu betrachten, hat möglicherweise auch einen anderen Grund: Die Gewalt ist fernab aller Geschlechterdebatten betont antisemitisch. Das einzige weibliche Opfer der Morde in Paris ist eine Jüdin, im Jahr 2014 sind, so die Süddeutsche Zeitung, doppelt so viele Juden aus Frankreich ausgewandert wie noch im Jahr zuvor, 7000.

„Statistiken des französischen Innenministeriums belegen, dass von sämtlichen als rassistisch eingestuften Taten knapp die Hälfte gegen Juden gerichtet ist – und das bei einem Bevölkerungsanteil von weniger als einem Prozent.“ 
Schon vor der Ermordung von vier jüdischen Männern durch den islamistischen Terroristen Coulibaly  sind Juden in Frankreich wiederholt und gezielt zum Opfer von sehr gewalttätigen Überfällen geworden.
„Alle sind Charlie, keiner ist Jude“, kommentiert ein Blogger die Konzentration auf die ermordeten Journalisten. Tatsächlich ist das eine der schrecklichsten Ziele des Terrors: der Versuch, die Möglichkeit zivilen Lebens zu zerstören. Wenn jüdische Schulen geschlossen werden oder nur unter erheblichem Polizeischutz offen bleiben können, wenn Gottesdienste ausfallen müssen, wenn Menschen schon beim Gang ich den Supermarkt Todesangst haben müssen – dann brechen Selbstverständlichkeiten zivilen Lebens weg, die nicht ersetzbar sind.

Angesichts dessen wirken Geschlechterdebatten sehr klein und unwichtig. Welche Rückschlüsse aus dem Pariser Terror trotzdem auch für andere Zusammenhänge gezogen werden können, zeigt David Brooks in einem Kommentar für die New York Times, I am not Charlie Hebdo:

Ein freier Klosterschüler und die Wertschätzung der Kritik

„Die Journalisten von Charlie Hebdo werden nun zurecht als Märtyrer der freien Meinungsäußerung gefeiert, aber machen wir uns nichts vor: Wenn sie versucht hätten, ihre satirische Zeitung auf dem Campus irgendeiner amerikanischen Universität der letzten zwanzig Jahre zu veröffentlichen, dann wären sie damit nicht einmal dreißig Sekunden lang durchgekommen. Organisationen von Studenten und Dozenten hätten ihnen Hate Speech, Hasspropaganda, vorgeworfen. Die Verwaltung hätte ihre Finanzierung gestoppt und ihre Redaktion geschlossen.“ (1)
Brooks schließt später mit der Forderung, das Massaker bei Charlie Hebdo zum Anlass zu nehmen, solche Begrenzungen der freien Rede zu beenden.
Wenn von der „Freiheit“ die Rede ist, die durch den Terror angegriffen werde, dann ist eben dies gewiss eines ihrer wichtigsten Elemente: die Freiheit, etwas ganz anders sehen zu können, als andere es sehen – sogar das, was anderen heilig ist, als albern wahrnehmen zu können – und das auch offen sagen zu dürfen. Einen Konsens darüber zu finden, dass Dissens nichts Schlechtes ist – und  grundsätzlich, und gleichermaßen, basale Rechte von Menschen anzuerkennen, ohne Rücksicht auf deren Meinungen oder Gruppenzugehörigkeiten.
Der Schriftsteller Alfred Andersch hat das ausgerechnet am Beispiel einer religiösen Figur dargestellt. In dem Roman Sansibar oder der letzte Grund, der 1937 an der deutschen Ostseeküste spielt, entdeckt der abtrünnige Kommunist Gregor die Figur eines lesenden Klosterschülers in einer Kirche und hat zunächst das Gefühl, sich und andere junge, studierende Kommunisten darin wiederzufinden.
„Aber dann bemerkte er auf einmal, dass der junge Mann ganz anders war. Er war gar nicht versunken. Er war nicht einmal an die Lektüre hingegeben. Was tat er eigentlich? Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. Er las sogar in höchster Konzentration. Aber er las kritisch. Er sah aus, als wisse er in jedem Moment, was er da lese. Seine Arme hingen her­ab, aber sie schienen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht. Er ist anders, dachte Gregor, er ist ganz anders.“
Der Klosterschüler ist konzentriert, aber nicht versunken – er ist interessiert, setzt sich mit dem Buch auseinander, ist aber auch jederzeit bereit, sich davon zu distanzieren: Diese Mischung aus Aufmerksamkeit und Kritik kennt Gregor nicht. Als er Student an der Lenin-Akademie war, ausgewählt, „die Texte zu lesen, auf die es an­kommt“ – da bedeutete Konzentration auf diese Texte zugleich ihre bedingungslose Anerkennung.
„Kritik ist auch Wertschätzung“, schreibt Martin Domig in einem Beitrag, der sich auf die moralisierende Abwehr von Kritik an akademischen Theorien, auf die Diffamierung dieser Kritik „als Misogynie oder als Hass“ bezieht.
„Wer für alles was er tut nur Lob und Jubel erlaubt, will wie ein kleines Kind behandelt werden – nicht wie ein ernst genommener Erwachsener.“
Ganz in diesem Sinn beschreibt Brooks Fundamentalisten folgendermaßen:
„Fundamentalisten sind Leute, die alles wörtlich nehmen. Sie sind unfähig zu verschiedenen Perspektiven.“ (Fundamentalists are people who take everything literally. They are incapable of multiple viewpoints.)
Wer die eine Wahrheit gefunden hat, kann andere Perspektiven davon eben nur als Abweichungen von ihr wahrnehmen. Das ist besonders gravierend, wenn diese Wahrheit auch noch eine moralische Bedeutung hat, weil dann eine Abweichung von ihr nicht nur ein Irrtum, sondern ein verwerflicher Akt ist.
Natürlich ist die gern betonte westliche Freiheit, wie ja auch Brooks schon deutlich macht, eben auch in den westlichen Ländern eingeschränkt – und in diesem Punkt lässt sich das Argument auch sinnvoll auf Geschlechterdebatten beziehen. Dort ist es schließlich durchaus nicht selbstverständlich, unterschiedliche Perspektiven gleichermaßen als legitim anzuerkennen, und dort ist der Wert von Menschen eben nicht unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen.
Dass beispielswiese die grüne Böll-Stiftung, wider besseren Wissens, das Leid von Mädchen unter dem Boko Haram-Terror herausstellt, das Leid von Jungen unter demselben Terror aber verbissen verschweigt, ist ein bedrückendes Beispiel dafür.
Mein Kind gehört mir Langsam, sehr langsam aber öffnen sich die Perspektiven. Und langsam äußern sich auch Männer zu einem Thema, dass lange Zeit exklusives Kernthema der neuen Frauenbewegung war – zum Thema Abtreibung.
„Emmanzer“ schreibt auf seinem Blog, als Antwort auf einen Artikel Graublaus bei Geschlechterallerlei und dort dann auch rebloggt,  über die Abtreibung eines gemeinsamen Kindes durch eine ehemalige Partnerin. Seine eigenen Gefühle der Hilflosigkeit dabei, die Abtreibung dieses Kindes – auf das er sich gefreut hatte – geschehen lassen zu müssen:
„Mich übermannten Gefühle einer völligen Verzweifelung, der bizarren Vorstellung es ihr auszureden und der stillen Hoffnung, dass es dennoch nicht soweit kommen wird, wie prophezeit.“
Die Hoffnung trügt:
„Ich biss damals die Zähne aufeinander und fragte dennoch, warum wir diesen Puls nicht am Leben halten können. Es gab niemals eine Antwort darauf.“
Dass Männer das Thema der Abtreibung nur vorsichtig ansprechen, liegt nicht allein daran, dass es stark tabuisiert ist, als beträten wir damit verbotenes Territorium – es liegt auch an sachlichen Schwierigkeiten. Es wäre nicht vertretbar, wenn beispielweise eine Frau im Interesse männlicher Entscheidungsgewalt über seine Fortpflanzung zu einer Abtreibung gezwungen werden könnte.
Dass aber Männer, die in vielfacher Hinsicht von Abtreibungen betroffen sind, überhaupt nicht mitentscheiden können, ist gleichwohl grausam. Im meinen Augen berührt dieses Thema einen Kern heutiger Geschlechterdebatten.
Der primitive „Mein Bauch gehört mir“-Slogan, der in seiner Konsequenz einen entschiedenen Eigentumsanspruch der Mutter auf das Kind formuliert, hatte nicht nur für das Leben ungeborener, sondern auch auf das geborener Kinder erhebliche Folgen – und Väterrechte sind bekanntlich nicht allein vor der Geburt erheblich eingeschränkt.

In der Schweiz hätten es nun, so die Zeit, Väter geschafft,

„das gemeinsame Sorgerecht im Eiltempo durchs Parlament zu peitschen. Das zweite heiße Eisen in der Rosenkrieg-Juristik, das Kindesunterhaltsrecht, wurde vom Sorgerecht abgekoppelt und auf später verschoben. ’Das war fatal’, sagt SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen: ‚So fehlt uns nun, da wir über das Kindesunterhaltsrecht diskutieren, der Verhandlungsspielraum.’“
Das bedeutet: Die sozialdemokratische Nationalrätin hätte das Recht – das Menschenrecht, übrigens – von Kindern und Vätern auf väterliche Sorge gern noch länger eingeschränkt, weil ihr das Verhandlungsmasse für Bestimmungen zum Unterhaltsrecht verschafft hätte. Unverblümter lässt sich ein Eigentumsanspruch der Mutter am Kind kaum formulieren als in dieser Erwartung, dass Väter den Müttern ihre und der Kinder Rechte gleichsam abkaufen müssten.
Sarah Jäggi, die darüber für die Zeit schreibt, findet diesen Punkt gar nicht problematisch – sie stellt es stattdessen als „tragisch“ dar, dass sich Mütter und Väter in Zukunft über den Wohnort des Kindes verständigen müssen und dass Mütter nicht mehr ohne Weiteres, und ohne Einwilligung der Väter, mit den Kindern fortziehen können. Wie viel sie bei dieser Einschätzung ignoriert, hätte Jäggi ausgerechnet in einem Gottesdienst erfahren können.
2500 Kilometer reise er jeden Monat, um jeweils an zwei Wochenenden seine Kinder sehen zu können – das erzählte ein Vater in einer Christvesper, die aus der St. Nicola-Kirche in Lemgo am 24. Dezember vom ZDF übertragen wurde. Angesichts eines Reliefs der Heiligen Familie, in dem Maria das Kind freudig zum Himmel streckt und Josef so wirkt, als hätte er sich unter dem Bett verkrochen, war die Situation von Trennungsvätern und ihren Kindern ausführlich Thema des Gottesdienstes (ab Minute 22).
Über einen Artikel der Süddeutschen Zeitung, der Josef als „Antipatriarchen“ verklärte, diskutierte auch Christian Schmidt auf seinem Blog Alles Evolution.  Selbst der Nivea-Weihnachtsspot, der im vorangegangen Jahr noch ein Weihnachten ohne Vater feierte, grenzte den Vater nun nicht mehr aus.
Die Situation getrennter Väter und ihrer Kinder ist als Thema im Mainstream angekommen.

Lächerlichkeit tötet Mit der Meinung hingegen, dass Gott Maria vergewaltigt habe und die Christen daher einem Vergewaltigungsmythos anhängen würden, steht die Feministin Valerie Tarico vermutlich weitgehend allein da. Dasselbe gilt für die Position des deutschen feministischen Blogs „Mädchenmannschaft“, dass es

„nicht okay ist, ist durch vermehrte mediale Inszenierung das Feiern von Weihnachten und das Besitzen schöner Adventskalender zu normalisieren.“
Das bedeutet übersetzt soviel wie: Wer sich offen über Weihnachten freut, stelle Menschen implizit als unnormal dar, die sich nicht über Weihnachten freuen – und das sei diskriminierend.
Der heutige Feminismus wird vermutlich nicht etwa an der Kritik von Männerrechtlern zu Grunde gehen, sondern am fehlenden Gespür seiner Protagonistinnen für die Grenze zum Lächerlichen und Abstrusen.
Gleich eine Reihe von Frauen distanzierten sich im Dezember offen vom Feminismus: Annett Meiritz im Spiegel (kommentiert bei Alles Evolution), die amerikanische ehemalige Feministin Rachael Lefler  (ebenfalls bei Alles Evolution diskutiert), oder die amerikanische Bloggerin Liz, über die Tom auf seinem Blog berichtete.
Nathan Wold sammelte  „zehn der verrücktesten Ideen, die im Namen des Feminismus vorangetrieben wurden”, von Luce Irigarays Gegnerschaft gegen die Lichtgeschwindigkeit, die schließlich irgendwie gegenüber anderen Geschwindigkeiten privilegiert werde, bis hin zu Valerie Solanas faschistischen Vernichtungsfantasien.
Achdomina veröffentlichte im Januar dann einen „Jahresrückblick des Grauens“, der Beispiele aus dem vergangenen Jahr sammelte – etwa die Kampagne der Städte Toronto und New York, Männern das breitbeinige Sitzen in den U-Bahnen abzugewöhnen, oder die Forderung, das Thema Vergewaltigung im universitären Jurastudium nicht mehr zu lehren – weil dieses Thema Traumatisierte „triggern“ könnte.
Emmanzer schließlich berichtet über ein Projekt, das männliche Lehrer an Schulen vermietet – damit dort Kinder auch einmal männliche Erwachsene erleben können.
Das Abgleiten ins Lächerliche und Abstruse und die Fixierung auf die eine, eigene Perspektive haben unmittelbar miteinander zu tun. Wer sich selbst und die eigene Weltsicht nicht wenigstens ab und zu einmal aus der Sicht anderer betrachtet, wer sich also niemals gleichsam im Spiegel der anderen sieht, verliert eben das Gefühl für den Moment, in dem er Grenzen zum Gaga-Land überschreitet.

Die Fixierung auf eine einzige Perspektive hat vor mehr als fünfzig Jahren Arthur Miller in einem Theaterstück beschreiben, das die zeitgenössische McCarthy-Politik scharf kritisierte, dies aber an einem historischen Beispiel tat: am Beispiel der Hexenjagd von Salem. Der stellvertretende Gouverneur Danforth, der den Prozess leitet, sagt dort:

„Bei einer gewöhnlichen Straftat, wie verteidigt man dort den Angeklagten? Man ruft Zeugen auf, um seine Unschuld zu beweisen. Aber die Hexerei ist ipso facto, in ihrer Erscheinung und ihrem Wesen, ein unsichtbares Verbrechen, oder nicht? Also, wer hat die Möglichkeit, Zeuge dieses Verbrechens zu sein? Die Hexe und ihr Opfer. Niemand sonst. Nun können wir selbstverständlich nicht hoffen, dass die Hexe sich selbst beschuldigen wird. Also müssen wir uns ganz auf ihre Opfer verlassen…“ (2)
Auch hier kommen zwei Aspekte zusammen, die eine öffentliche Debatte so sehr bedrohen: die Fixierung auf eine einzige gültige Perspektive – und die massive moralische Unterfütterung dieser Fixierung in der Überzeugung, gegen das Böse und für seine Opfer einzustehen.
Was Miller 1953 über christliche Fanatiker des 17. Jahrhunderts schrieb, als Kommentar zu antikommunistischen Fanatikern des 20. Jahrhunderts – das ist noch bemerkenswert aktuell.
Ein Gegenstück dazu entwirft die amerikanische Feministin Cathy Young in einem Artikel, der am Ende des Jahres auch von Genderama aufgegriffen wurde, veröffentlicht im TIME-Magazine. Sie beschreibt dort die Idee einer offenen Debatte, an der viele teilnehmen können, Frauen und Männer gleichermaßen – einer
„Debatte, die Menschen unter dem großen gemeinsamen Dach einer wirklichen Bewegung für Gleichberechtigung der Geschlechter haben sollten. Könnte solch eine Bewegung im Jahr 2015 starten? In den dahinschwindenden Tagen des Jahres 2014 sieht sie aus wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (3)
Ich habe einige längere englischsprachige Zitate im Text selbst übersetzt, hier sind die Originale:
(1) The journalists at Charlie Hebdo are now rightly being celebrated as martyrs on behalf of freedom of expression, but let’s face it: If they had tried to publish their satirical newspaper on any American university campus over the last two decades it wouldn’t have lasted 30 seconds. Student and faculty groups would have accused them of hate speech. The administration would have cut financing and shut them down.
(2) In an ordinary crime, how does one defend the accused? One calls up witnesses to prove his innocence. But witchcraft is ipso facto, on its face and by its nature, an invisible crime, is it not? Therefore, who may possibly be witness to it? The witch and the victim. None other. Now we cannot hope the witch will accuse herself; granted? Therefore, we must rely upon her victims (…).
(Arthur Miller: The Crucible, München 2012. S. 103)
(3) (But this is the kind of) debate people should be having in the big tent of a true equality movement. Could such a movement get its start in 2015? In the waning days of 2014, it looks like an idea whose time has come.
RSS
Follow by Email
Google+
https://man-tau.com/2015/01/19/wo-lacherlichkeit-totet-auch-ein-ruckblick-auf-den-dezember-2014/
PINTEREST
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

15 Comments

  • „Der Terror der Verlierer“ – titelt der Spiegel. Ich finde die Bezeichnung „Verlierer“ sehr sozialdarwinistisch und insofern reaktionär. Die Unterscheidung von Verlierer und Gewinner ist eine vom Geist des Neoliberalismus geprägte Unterscheidung. Wer sich im Sinne des Kapitalismus nicht durchsetzt, keine gute Karriere macht, ist ein Verlierer. Kein echter Linker – und der Spiegel hat sich doch früher als links bezeichnet – würde von „Verlierern“ sprechen. Er würde von Unterdrückten oder von Menschen aus der Unterschicht sprechen.

  • Bei der derzeitigen Diskussion über Meinungs-Presse- und Demonstrationsfreiheit nach bestimmten Artikel im Grundgesetz wird meistens übersehen, dass diese Grundrechte auch Grenzen haben und verwirkt werden können. Schon der schlesische Dichter Friedrich von Logau (1604-1655) hat es in einem Merksatz ausgedrückt: „Wo dieses Freiheit ist: frei tun nach aller Lust, so sind ein freies Volk die Säu in ihrem Wust“.

  • Dass sie verwirkt werden können, wüsste ich jetzt nicht – aber Grenzen der Meinungsfreiheit gibt es offensichtlich. Die „Auschwitz-Lüge“ z.B. ist nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Stumpfe Beleidigungen sind auch nicht einfach eine Meinung, Bedrohungen auch nicht.

    Ich vermute aber, der Kommentar bezieht sich auf die antireligiösen Witzeleien von Charlie Hebdo. Dazu: Ich finde antireligiöse Witze oft nicht sehr witzig, weil sie mir zu leicht vorkommen. Die Religionen bauen mit ihren Ansprüchen auf Heiligkeit und Sakralität Fallhöhen auf, die – so mein Empfinden – viel zu bequem zu nutzen ist.

    Obwohl ich schon lange kein Katholik mehr bin, gehen mir besonders antikatholische Witze oft auf die Nerven – weil man damit offene Türen einrennt, aber zugleich als wackerer, mutiger Kirchenkritiker posieren kann.

    Trotzdem kann ich absolut damit leben, dass so etwas dazugehört. Dann gar Menschen zu ERMORDEN, weil sie über Religionen witzeln, ist völlig irre. Ich glaube aber, dass eben hier sich Moslems, besonders in muslimischen Ländern, und Menschen westlicher Länder missverstehen.

    Verhöhnungen von religiösen Inhalten waren traditionell Bestandteil von Religionskriegen. Ebenso werden die Karikaturen von Charlie Hebdo in muslimischen Ländern offenbar auch wahrgenommen – als Ausdruck eines Krieges gegen ihre Religion, nicht als Ausdruck von Meinungsfreiheit. Dass das Christentum bei uns (mindestens) ebenso ironisiert wird, ist dabei völlig egal.

    Das kann ich nachvollziehen – trotzdem habe ich eben nicht dieselben Grenzen und muss sie auch nicht haben. Ich habe beispielweise Salman Rushdies „Satanische Verse“ gelesen, ich finde es über viele Passagen ein sehr gutes Buch – und es ist nach meiner Wahrnehmung fast überhaupt nicht anstößig.

    Dass dieses Buch zum Anlass für massive Morddrohungen genommen wurde, weil Rushdie es überhaupt gewagt hat, über Mohammed zu schreiben (den er als einen durchaus cleveren Geschäfstmann präsentiert, aber eben nicht als Heiligen) – das ist einfach verückt.

    Und da gibt es eben auch für uns Grenzen der Meinungsfreiheit – die Meinung, dass ein Mensch getötet gehört, weil er etwas Unliebsames geschrieben hat, ist nicht legitim. Das müssen selbstverständlich Moslems ebenso wie Nicht-Moslems akzeptieren. Egal, wie verletzt oder provoziert sie sich fühlen.

  • Es wäre eine Illusion, anzunehmen, dass bei der mittlerweile geschehenen Apartheid der Geschlechter, dieses Thema überhaupt noch gemeinsam und seriös behandelt werden könnte. Abtreibungsgegner gelten als anachronistisch, fanatisch und rechts. Abtreibungsbefürworter gelten hingegen als progressiv, modern und aufgeklärt. Abtreiberinnen werden vornehmlich als bemitleidenswerte Opfer einer Zwangslage wahrgenommen. Auch wenn sie zum dritten Mal in diese Zwangslage gekommen sind. Werdende Väter sind rechtlos.

    Die Verfügbarkeit der Frau über das werdende Leben war einst eine moralische Verpflichtung für dieses Leben. Zu dem kommenden Kind zu stehen, war ebenso eine moralische und soziale Verpflichtung für den werdenden Vater. Heute wird hingegen für die Frau ein moralisches Recht abgeleitet, das werdende Kind töten zu können; während für den werdenden Vater die herkömmliche moralische Verpflichtung unvermindert weiter besteht, solange die Frau die Schwangerschaft nicht abbrechen lässt. Es besteht also hinsichtlich des werdenden Lebens kein moralischer Konsens mehr zwischen den Geschlechtern. – Sie kann machen was sie will. Er muss dem folgen, was sie will.

    Das Leben des werdenden Kindes zählt bei der Auseinandersetzung nichts. Wenn überhaupt wird es nur als ein Argument herangezogen, das beste für es zu wollen, indem man es vernichtet, anstatt es in prekäre Umstände hinein zu gebären. – Das ist übrigens symptomatisch für die absolute Kommerzialisierung des Menschenbildes: funktioniere oder sterbe.

    Noch eine Randbemerkung zu den kruden Ansichten einer Vergewaltigung Marias. Maya, die Mutter des späteren Buddhas, empfing ihren Sohn ebenfalls durch den himmlischen Geist in der Traumgestalt eines weißen Elefanten. Maya gebar Siddhartha aus ihrer Seite und starb sieben Tage nach seiner Geburt. Ist der christliche Mythos misandrien, so ist sein buddhistisches Pendant misogyn; denn hier wird die Frau als derart unrein angesehen, dass der Gottgleiche seine Hypostase keinesfalls durch eine natürliche Geburt beginnen konnte.

  • @Schoppe

    „Verhöhnungen von religiösen Inhalten waren traditionell Bestandteil von Religionskriegen. Ebenso werden die Karikaturen von Charlie Hebdo in muslimischen Ländern offenbar auch wahrgenommen – als Ausdruck eines Krieges gegen ihre Religion, nicht als Ausdruck von Meinungsfreiheit. Dass das Christentum bei uns (mindestens) ebenso ironisiert wird, ist dabei völlig egal.“

    Das hat auch etwas damit zu tun, dass der Islam sich nicht als säkularisiert betrachtet. M.E. ein völlig unterschätztes „kulturelles Element“, dass eine fundamentale Unvereinbarkeit enthält. Eine „normale“ Integration wäre mit dieser Anforderung völlig überfordert.

    Dies ist auch nicht so ausgeprägt bei anderen Religionen.

    Und das Christentum hat Jahrhunderte für diesen durch den Humanismus und die Aufklärung ausgelösten Prozess, der die früheren engeren Bindungen an die Religion löst und den Lebenswandel zunehmend auf Basis menschlicher Vernunft gründet, gebraucht.

    Und Humanismus sowie Aufklärung sind muslimischen Kulturen wesensfremd. Daher vielleicht das „Missverständnis“.

  • „Die Verfügbarkeit der Frau über das werdende Leben war einst eine moralische Verpflichtung für dieses Leben. Zu dem kommenden Kind zu stehen, war ebenso eine moralische und soziale Verpflichtung für den werdenden Vater. Heute wird hingegen für die Frau ein moralisches Recht abgeleitet, das werdende Kind töten zu können; …
    Es besteht also hinsichtlich des werdenden Lebens kein moralischer Konsens mehr zwischen den Geschlechtern. – Sie kann machen was sie will.“

    Für mich macht sich hier ein ganz entscheidender und fundamentaler „Punkt“ deutlich. Es zeigt mir deutlich die entmenschlichende hedonistische Komponente. Und das ist gewiss nicht „progressiv“ im Sinne von kulturell fortschrittlich, eher infantil und inhuman egozentrisch.

    Niemand darf sich über (menschliches) Leben hinwegsetzen. Auch dann nicht, wenn das eigene daran geknüpft ist.

    Das ist ziemlich universell menschlich instinktiv wahrnehmbar und auf diesem Level auch unabhängig von Religionen. Wir wissen das eigentlich.

    Offenbar haben Frauen hier keine innerliche Sperre bzw. innerliches Gefühl?

    Damit würde u.a. dann auch zusammen passen, dass die Kindesgefährdung, speziell auch die Bedrohung durch Tötung, durch Mütter recht erheblich ist. Auch die häusliche Gewalt ausgehend von Müttern gegen die Kinder und die Väter. Dies wird aber sehr stark tabuisiert. Das find ich vor allem menschlich nicht ok und m.E. sicherlich auch nicht auf der sog. Seite des „Guten“. Und es passt zum hedonistischen (nur Kommerzialisierung?) Ansinnen der „Frauenbewegungen“ und im noch extremeren Sinne zum Feminismus.

  • @ petpanther Ich weiß nicht, ob man von „wesensfremd“ sprechen kann, dafür kenne ich mich im Islam einfach zu wenig aus. Aber das würde immerhin bedeuten, dass eine Aufklärung im Islam prinzipiell nicht möglich wäre – und das kann ich mir zumindest nicht vorstellen.

    Die Aufklärung war auch in christlichen Gesellschaften, in einigen Aspekten, ein Bruch und ist nicht organisch aus ihnen hervorgegangen. Kant ist ja beispielweise als „Alleszermalmer“ (bzw. als der „alles zermalmende Kant“) bezeichnet worden – und ausgerechnet von einer anderen zentralen Figur der deutschen Aufklärung, nämlich von Moses Mendelssohn, der Jude war.

    Soweit ich es sehe, fehlt im Islam bislang der Prozess, den wir für Europa als „Aufklärung“ beschreiben. Ich merke bei muslimischen Schülern oder Schülerinnen, dass die tatsächlich oft in Konflikten stehen, deren Schärfe nach außen gar nicht richtig nachvollziehbar ist. Viele andere allerdings leben hier auch, so wirkt es, sehr problemlos und selbstverständlich.

    Meine persönliche Erfahrung, mit vielen muslimischen Kindern und Jugendlichen, würde den totalen Pessimismus also nicht unterstützen. Es gibt nach diesem persönlichen Eindruck immer wieder auch ernsthafte kulturelle und religiöse Konflikte, aber keine „Wesensfremdheit“ gegenüber Aufklärung und Humanismus.

  • @Schoppe

    Einen totalen Pessimismus wollte ich damit nicht ausdrücken. Ich bezog mich eher auf die heutige Situation.

    Aber eben diese mögliche Veränderung berührt eben auch die kulturell-religiöse Identität recht stark, so das das ggf. als übergriffig wahrgenommen wird. Integration fordert sie eigentlich zum Teil ein. Ich hab den Eindruck, dass das übersehen wird. Ansonsten bin ich eben auch nur Laie.

  • Hi Lucas. Ich möchte dir an dieser Stelle einfach mal DANKE sagen, für deine vielen und fundierten Monatsrückblicke, welche auch rückblickend einen Fundus dessen bilden, was man in diesem Land gezwungen wird, mitzuerleben.

    Ich denke, dass dein Blog ein sehr wertvoller ist und nach wie vor den Finger dezi- und dediziert in die Wunde drückt, welche seit Jahrzehnten schwärt.

    In diesem Sinne: Ein erfolgreiches Jahr dir, viel Kontakt zu deinen Kindern und vertraue drauf, dass sie, ab einem gewissen Alter, dich immer lieben werden. Durchhalten lohnt sich, es kommt irgendwann und sicherlich zurück (spreche da aus Erfahrung).

    Auf ein gutes 2015 für dich, diesen lesenswerten Blog und vor allem die Kinder.

    Hinsichtlich dieses Abschnittes von dir: „.. 2500 Kilometer reise er jeden Monat, um jeweils an zwei Wochenenden seine Kinder sehen zu können ..“

    Das ist eine starke Haltung, welche man erst mal kontinuierlich durchhalten muss. Ein ehemaliger Mitarbeiter von mir, fuhr jedes Wochenende ca 1.200 km – jedes Wochenende. Und Montags war er immer platt.

    Insofern bin ich mir sicher, er und du, ihr werdet es zurückbekommen. Sowas vergessen die Kleinen nicht. Ein Freund von mir, getrennt lebend von seinem Kind seit dem zweiten Lebensjahr, freute sich wie ein 'Schneekönig', als dieses ihm mit 14 sagte: „Danke, dass du immer zu mir gestanden hast“.

    Zu deinem Artikel: Alle Daumen hoch und gut wie immer (leider kann man das hier nur anonym tun – aber einer kommt von mir).

    Alles Gute dir

    Emannzer

  • @ Matthias Mala „Es besteht also hinsichtlich des werdenden Lebens kein moralischer Konsens mehr zwischen den Geschlechtern.“ Der Punkt ist in meinen Augen sehr wichtig. Da kein Konsens besteht, da also die Gestaltung der Elternschaft nicht gleichermaßen frei und freiwillig von beiden getragen wird, ist Zwang nötig, um die Situation zu stabilisieren. Das heißt, es wird unumgänglich, dass eine überlegene Gewalt, der Staat, weit in die Elternschaft eingreift.

    Die paradoxe Situation NACH einer Geburt wäre sonst überhaupt nicht möglich – warum sollten Männer freiwillig akzeptieren, allein Pflichten (von denen sie in die Armut getrieben werden können) und keinerlei Rechte zu haben? Ohne staatlichen Zwang wäre diese Ungleichheit wohl kaum jemals Ergebnis eines freien Konsenses.

    Die Legitimation für dieses entrechtende Eingreifen des Staates in Elternschaft und Partnerschaft ist die Fiktion, dass tatsächlich niemals ein Konsens bestanden habe – dass unter den Bedingungen patriarchaler Herrschaft eine Frau allzeit gezwungen war, sich auch an entwürdigende Bedingungen anzupassen, weil sie einfach keine andere Wahl hatte. Erst das parteiliche Eingreifen des Staates habe diesen Zwang lockern können.

    Das Ergebnis ist eine Pseudo-Freiheit von Frauen. Sie sind weiterhin massiv von Männern abhängig – sonst wäre ja auch die Empörung über Unterhaltsverweigerer nicht so groß, und jederzeit griffbereit. Nur müssen Frauen diese Abhängigkeit jetzt eben nicht mehr merken – die Leistung des Mannes wird ja durch staatliche Institutionen erzwungen und muss von den Müttern nicht in einem Wechselspiel des Gebens und Nehmens, in spürbaren gegenseitigen Anhängigkeiten, mit den Vätern ausgehandelt werden.

    Auf die Spitze treibt Antje Schrupp diese Pseudo-Freiheit, wenn sie fordert, schlankweg allen Vätern alle Rechte abzuerkennen, aber auch alle Pflichten zu erlassen und die Unterhaltsleistungen durch den Staat tragen zu lassen. Auch dann sind es ja, durch ihren weit größeren Anteil am Steueraufkommen und an der Erwerbsarbeit, weiterhin vorwiegend Männer, die diese Freiheit zu finanzieren haben. Da es aber eine anonym bleibende Masse bleibt, die dann den Unterhalt leistet – und da überhaupt kein konkreter Vater mehr angesprochen werden muss – wird die Illusion der Freiheit kaum noch gestört. (Dass Schrupp ihr Blog tatsächlich „Aus Liebe zur Freiheit“ nennt, ist angesichts dessen ein skurriler Witz.)

    Danke, @ Emmanzer, für die Grüße und den Kommentar zum Blog. Hat mich sehr gefreut!

  • „Niemand darf sich über (menschliches) Leben hinwegsetzen. Auch dann nicht, wenn das eigene daran geknüpft ist.“ Auf dieser Basis kann man auch eine Organspendepflicht einführen.

  • Der aktuelle Spiegel versucht dann tatsächlich, den Terror mit aktuellen Klischees aus Geschlechterdebatten zu erklären. Der Terror der Verlierer, titelt er – was vor allem beruhigend ist, weil wir, die wir den Spiegel lesen, dann stillschweigend als Gewinner dastehen. Im Untertitel: „Wie junge Männer Europa den Krieg erklären“. Im dazugehörigen Artikel fragt das Magazin dann suggestiv:

    „Sind es zornige junge Männer, die das Problem sind? Ist die Gesellschaft selbst dass Problem? Oder ein falschverstandener Islam, in dem verirrte Männer eine Heimat finden (…)?“ (S. 77)

    Dieser Erklärungsansatz ist mir leider auch häufiger untergekommen. Beispielsweise in Nuhrs Satiregipfel, hier bei 35:50

    http://www.ardmediathek.de/tv/NUHR-im-Ersten-Der-Satiregipfel/Satire-im-Zeichen-von-Terror-und-Pegida-/Das-Erste/Video?documentId=25877288&bcastId=1858312

    Ich zitiere: „Mir ist auch aufgefallen, wirklich, dass ganz viele Extremisten, ob Nazi, Isis, eine Männergesellschaft sind.“

    Eine bemitleidenswert geringe Denkleistung dieser türkischstämmigen Comedian. Der Kontext dieser Aussage sind die Dresdner Demonstranten. Sie bezeichnet die PEGIDA-Demonstranten also als extremistische Nazis, auf einer Stufe mit ISIS.
    Ein Viertel der PEGIDAs sind weiblich, das entspricht in etwa dem Anteil, den Frauen auch in anderen politischen Gruppierungen einnehmen. Nicht weil das Patriachat sie an der Teilnahme hindert, sondern weil Frauen unpolitischer sind bzw. aus ihrer Sozialisation heraus andere Schwerpunkte ausbilden. Vgl. hier: http://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/140358/frauenanteil

    und hier:
    http://sciencefiles.org/2014/09/16/frauen-sind-nicht-weniger-politisch-interessiert-nur-anders/

    Da werden die komplexesten Sachverhalte auf das bis zur Unkenntlichkeit ausgeleierte binäre Freund-Feind-Schema eingedampft. „Männer sind das Problem.“ Na dann ist ja alles klar. Warum sich noch lang mit einer denkstrapaziösen Analyse der zahlreichen politischen, historischen, soziokulturellen, ökonomischen usw Faktoren abmühen, wenn man es auch so einfach haben kann? „Männer sind das Problem. Sie sind der Fehler im System“, wie ja noch dieser verwirrte Opa kurz vor seinem Ableben der Welt erklärte. Und was machen die Leute? Sowohl bei der Aussage dieser Comedian, als auch bei Udo?

    Klatschen. Grinsen und klatschen.

    Auch der Gastgeber der Sendung gibt Zweifelhaftes von sich. Zwar nimmt Dieter Nuhr als einer von sehr wenigen gelegentlich auch Männer- und Jungenthemen auf, bswp. hat er sich kritisch über ausschließliche Mädchenförderung geäußert, bei schulisch immer weiter ins Hintertreffen geratenden Jungen, er führt aber regelmäßig aus, dass Kriege und Expansionspolitik einzig auf Testosteron und „Wer-hat-den-längeren“ zurückzuführen seien.

    Konflikte als Ausdruck des notwendigen und evolutionären Wettbewerbs zwischen zivilisatorischen Systemen? Konflikte im Kampf um begrenzte Ressourcen? Scheint Herrn Nuhr zu überfordern. Stattdessen bezeichnet er den Mann als primitiven Ur-Affen und liefert dabei angesichts so simpler Denkmuster allenfalls eine peinliche Selbstbeschreibung.

    Und auch sonst gehört das Schema zu den üblichen Verdächtigen, wir kennen es schon aus anderen Bereichen. Auch soziale Fragen rund um Klassenunterschiede und soziale Gerechtigkeit wurden und werden zur Geschlechterfrage uminterpretiert. Armut? Nein: Gender Pay Gap!

    Mein Beitrag kommt natürlich etwas spät, naja, ich habs' noch loswerden wollen. ^^

    Beste Grüße

    kafü

Leave a Comment