Feindbild Mann Geschlechterdebatte

Warum Männerfeindschaft modern ist

Modern times Chaplin
geschrieben von: Lucas Schoppe

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Erster Teil

„Gleich zu Beginn der Finanzkrise sah das Magazin der Süddeutschen Zeitung, wie sich ein unheimlicher Penis der Zerstörung erhob. Neben dem Foto eines erigierten Büroturms und unter der moralstickigen Überschrift Hochmut kommt vor dem Phall schrieb das Blatt: ‚Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.’ Um in Klammern und kokett hinzuzufügen: ‚Im Ernst: Wäre Frauen der ganze Mist passiert?’“

So beginnt Christoph Kucklick seinen Essay Das verteufelte Geschlecht, der 2012 in der Zeit veröffentlicht wurde.

Für massiv herabwürdigende, zugleich aber auch ungehemmt moralisierende Darstellungen von Männern präsentiert er dort eine lange Reihe aktueller Beispiele: Das Raunen des SZ-Autors beispielsweise, der angesichts der Finanzkrise über eine „Herde von Männern“ schrieb, um so den Mann als animalisch zu entlarven – einer ganz ähnlichen Wortwahl wie der, derer sich mit der gleichen Absicht dann etwas später die Zeit selbst bediente.

Die Deutung derselben Krise als „Testosteron-Krise“ durch den „Trendforscher“ Matthias Horx und, ganz ähnlich, durch die Premierministerin Islands.

Die weitgehend männlichen Teilnehmer des Weltwirtschaftsgipfels in Davos, die gegenüber dem Problemverursacher Mann Frauen ausdrücklich als Allround-Lösung globaler Herausforderungen präsentiert hätten. Männer dagegen habe die Zeit schon zehn Jahre zuvor als „Feinde der Menschheit“ dargestellt.

Oder die schwedische Politikerin Ireen von Wachenfeldt, „die in hinreißender Offenheit befand: ‚Männer sind Tiere’“.

Oder die Paranioa der Innsbrucker Politik- und Gender-Professorin Claudia von Werlhof, die eine Verschwörung von Männern phantasiert, welche mittels geeigneter Gerätschaften gezielt Erdbeben auslösen würden.

Das Philosophie-Magazin, das bereits in seiner dritten Ausgabe den Mann als „Das problematische Individuum des 21. jahrhunderts“ präsentiert hat.

Und natürlich der berühmte Satz aus dem sozialdemokratischen Grundsatzprogramm, der einen Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit konstruiert: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

Kucklick kommentiert:

„So wie wir gelernt haben, schneller Reize wegen Bildschirme und Plakatwände mit nackten Frauen zu füllen, so haben wir uns antrainiert, jedem Problem einen männlichen Defekt beizugesellen, der es irgendwie verursacht haben soll. Kausalitätspornografie.“
Oder auch: der Männerhass als Moralporno.
Für Kucklick sind solche negativen Darstellungen von Männern nicht neu, und sie sind schon gar kein Resultat des Feminismus, dem er übrigens auch Verdienste zuschreibt.  Der Feminismus habe den Männerhass nicht erfunden, sondern lediglich genutzt.
Der Autor beschreibt ganz andere und viel ältere Quellen des misandrischen, also männerfeindlichen Ressentiments. Auf diese Quellen allerdings hätte eine feministische oder feministisch inspirierte Forschung tatsächlich den Blick verstellt: Sie sei ganz auf Geschlechterhierarchien fixiert, in denen Männer rundweg als Herrscher erschienen – und hätte das häufig mit Theorien flankiert, „denen zufolge Männer ihre Dominanz durch entsprechend Diskurse abgesichert haben.“ (S. 23)

Radikal negative Darstellungen von Männern, die Kucklick als beständige Begleiter der Moderne – also: der letzten zwei bis drei Jahrhunderte – herausstellt, seien darüber aus der Wahrnehmung verschwunden.

Das ist ein Kernthema seiner Dissertation „Das unmoralische Geschlecht“, deren Grundthesen er in seinem Zeit-Artikel erläutert. Das Buch ist in meinen Augen eine der wichtigsten geschlechtertheoretischen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, und es ist es unbedingt wert, stärker in allgemeine Diskussionen aufgenommen zu werden. Dass er sich auf die hochkomplexe Systemtheorie Luhmanns bezieht, ist dabei sicher ein Hindernis – diesen Hintergrund hat gerade djadamoros in einem Text bei Geschlechterallerlei sehr fundiert erläutert.

modern times

 

So ist er, der Mann: schraubt frohgemut an einer Maschine herum, die längst viel größer ist als er – denkt, er hätte dabei die Sache in der Hand – und wird eigentlich nur ein wenig wunderlich.

Kucklick untersucht Texte von Schriftstellern der Aufklärungszeit, von bekannten wie Fichte, Kant oder Schleiermacher, aber auch von vielen heute unbekannten Autoren. Seine Grundthese: Die gängige Vorstellung ist zumindest ergänzungsbedürftig, Männer seien durchweg als überlegene Vernunftmenschen und Frauen als unterlegene Defizitwesen dargestellt worden. Zugleich hätten die Texte noch eine ganz andere Tendenz: nämlich Männer als Mängelwesen zu präsentieren, als Monstren, als instinktgeleitete, halb-tierische Wesen – und Frauen als humanes, rettendes Gegengewicht zur männlichen Destruktivität.

Zugleich geht Kucklick davon aus, dass die Positionen dieser Texte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert durch die Jahrhunderte wieder und wieder aufgefrischt worden seien – die Feindseligkeit gegenüber Männern sei bis heute ein Kennzeichen der Moderne.

Natürlich bedeutet das nicht, dass diese Feindschaft sämtliche Bereiche des sozialen Lebens durchdrungen hätte – die Schriften der Aufklärung, die Kucklick untersucht, sind Schriften einer verschwindend kleinen Gruppe bürgerlicher Intellektueller. Gleichwohl ist es eine starke These, dass es – neben Traditionen der Idealisierung von Männern – zugleich auch eine lange Kontinuität der Männerfeindschaft gegeben habe.

Ob sich das so halten lässt, ob sich tatsächlich Kontinuitäten der Feindschaft gegenüber Männern vom 18. Jahrhundert bis heute beschreiben lassen, und was das alles eigentlich mit den Entwicklungen der Moderne zu tun hat – das sind Fragen, die weit weniger theoretisch sind, als sie auf den ersten Blick aussehen. Aus ihren Antworten ergeben sich zudem wichtige Konsequenzen für heutige Geschlechterdebatten.

Ich hatte mir am Ende des vergangenen Jahres die Zeit genommen, Kucklicks Buch einmal im Zusammenhang zu lesen, schon mit der Absicht, darüber etwas zu schreiben. Ich habe dann gemerkt, dass das Buch zu umfassend für einen Text ist – also mache ich drei daraus, von denen der erste, dieser hier, eher theoretisch ist und die Kernthese von Kucklicks Buch skizziert, während die folgenden Texte sich dann mit konkreten Beispielen auseinandersetzen.

Da djadmoros die wichtigen Luhmann-Bezüge schon erläutert hat, kann ich mich stärker auf anderes konzentrieren: Was können wir mit Kucklicks Buch in aktuellen Debatten anfangen? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Ergebnissen seiner Forschung?
Männerhass ist modern – und sooo 1800…

„Die Preisfrage in Bezug auf den Feminismus lautet (…) nicht: wieso transportiert der Feminismus Misandrie? Sondern sie lautet: warum hat der Feminismus, der sich explizit als eine kritische und aufklärerische Bewegung versteht, nicht erkannt, dass seine Misandrie eine zweihundert Jahre alte Ideologie reproduziert?“
So djadmoros in seinem Text. Tatsächlich präsentiert Kucklick in seinem Buch eine kaum überschaubare Menge von Beispielen, die wie frühe Stanzformen heutiger Rede über Männer anmuten.
Er erzählt also nicht noch einmal eine Heldengeschichte des modernen Feminismus, mit dem doch schließlich die patriarchatskritische „’Wahrheit’ über die Geschlechterverhältnisse gegen alle Widerstände obsiegt hätte“. (10f.) Stattdessen legt er eine „historische Tiefendimension des Männlichkeitszweifels in der Moderne“ (11) frei, so dass die feindselige Rede über Männlichkeit als ein zuverlässiger Begleiter moderner Entwicklungen seit dem 18. Jahrhundert erscheint.

Einfach formuliert: Männerhass ist modern, und das ist er auch immer schon gewesen.

Ein wesentliches Motiv ist das des Mannes als Tier, als nicht ganz menschliches Wesen, das nicht in der Lage und nicht gewillt ist, seine Triebe zu kontrollieren.

„Alle Männer sind Vergewaltiger – diese radikalfeministische These des späten 20. Jahrhunderts wurde bereits 200 Jahre früher formuliert, und zwar von Männern.“ (53)
Der Mann erscheint sogar als „noch bedrohlicher als das Tier, noch animalischer“ (73) und kann nur von der Frau zum Menschen gezähmt werden. Aber:
„Kaum werden Männer aus der Aufsicht der Frauen entlassen, kommt wieder das Tier zum Vorschein, das selbstsüchtige Wesen der Vorzeit.“ (83)

Die Fülle der Beispiele, die Kucklick so zusammenfasst, stammt eben nicht von misandrischen Frauen aus radikalfeministischen Gruppen, sondern von männlichen Schriftstellern der Aufklärungszeit. Welche Funktion aber hat dieser männliche Männerhass?

Erkennbar ist in jedem Fall ein tiefes Unbehagen angesichts der Möglichkeit, dass Männer allein und ohne Frauen leben könnten. Exemplarisch führt Kucklick vor, wie Fichte den Mann als „das moralische Mängelwesen“ (250) beschrieben habe, das allein durch die Leitung einer Frau zur Moralität finden könne. Besonders kritikwürdig seien daher Männer betrachtet worden, wenn sie „die Ehe geringschätzen, zerstören oder meiden“ (119).

Hagestolze, also unverheiratet bleibende Männer, seien beispielsweise als „Feinde der Gemeinschaft“ beschimpft worden (200), als Menschen, die sich selbst aus der Gesellschaft ausschlössen, indem sie den Anschluss in der Ehe verweigerten. Die Vorgänger der MGTOWs, die schon zu dieser Zeit ihren eigenen Weg gegangen sind, stießen damit offenbar auf noch mehr Misstrauen als ihre heutigen Nachfahren.

Gegen die männliche Onanie, die „Hochzeit mit der eigenen Hand“ statt mit einer Frau, wurde eine so gewaltige Kampagne gefahren, dass Kucklick ihr ein eigenes längeres Kapitel widmet. (288-330)

Womöglich noch schockierender sei es gewesen, wenn Männer nicht nur die Ehe gemieden, sondern statt einer Frau andere Männer geliebt hätten.

„So wandelte sich eine in Maßen tolerante Gesellschaft von der Mitte des 19. Jahrhunderts an zum Horror für Schwule. Und parallel dazu wurden die Heteros in immer schärferen Disziplinaranstalten eingehegt, in Internaten, Kasernen, Gefängnissen und Krankenhäusern.“

So Kucklick in seinem Zeit-Artikel.

Ebenso verachtenswert sei auch ein Mann gewesen, der Frauen zwar nicht mied, sie aber im eigenen Interesse manipulierte – der „Verführer“. Widerwärtig sei dieser Vorgänger des heutigen PU-Artist nicht nur gewesen, weil er die verführte Frau „korrumpiert“ (202) habe, sondern auch, weil er sie in seinen männlichen Egoismus eingesponnen habe, anstatt sie als Gegenmittel gegen eben diesen Egoismus zu verstehen.

Diese und andere Männertypen ihrer Zeit – „sie alle treffen sich wieder in der Bestimmung der maskulinen Natur: Egoismus, Sinnlichkeit, einseitige Vernunft, Gewalttätigkeit.“ (204)

Demgegenüber sei dann die Frau als das unbedingt notwendige Gegenmittel erschienen, idealisiert als „Hüterin der Zivilisation“ (194), als „Hüterin der Ordnung“ (263), als liebesfähiges Gegenstück zum Mann. Der sei wiederum als „Idiot der Liebe“ (249) gedacht worden, dessen „männliche Liebesdefizienz“ (253) allein die Frau heilen könne.

„Nur in der femininen Zähmung des brutalen Mannes kann sich die bürgerliche Gesellschaft noch ihren Bestand denken.“ (16)
Wozu aber brauchen moderne Autoren diese Darstellung des Mannes als „Monster“ (16, 47), das nur durch die Frau und eine „Feminisierung der Moral“ (159) in die Humanität eingeführt werden könne? Und was ist daran eigentlich modern?

Und: Warum findet die „Revolution des Geschlechterverhältnisses“, mit der das „Wesen der Geschlechterbeziehung systematisch als Unterdrückung der Frau durch den Mann gedacht“ (52) wurde, ausgerechnet in dieser Zeit statt – in einer Zeit also, die keineswegs durch „gesteigerte Gewalttätigkeit“ auffiel, sondern ganz „im Gegenteil hin zu einer zunehmenden Pazifizierung der Gesellschaft“ verlief (61)?

Bruchstücke, gefesselt an Bruchstücke Grundthese Kucklicks ist, dass sich in diesen Geschlechterzuschreibungen moderne Entwicklungen spiegeln, die in ihrem Kern keineswegs zwingend mit Geschlechtern zu tun haben. (337) Im Bild des tierischen, brutalen Mannes habe die Moderne sich mit ihrem problematischen Zügen gleichsam selbst gespiegelt, und das täte sie noch heute. „In Männern fixiert die Moderne ihre Ressentiments gegen sich selbst.“ (13)

Männer würden dabei „als das Geschlecht aufgefasst, das bis ins Innerste von den Modernisierungs- und Differenzierungsprozessen der Gesellschaft geprägt“ (12) sei – als Sinnbild ihrer positiven Seiten, aber auch in einem tief negativen Denken der Männlichkeit. (12f.)

Djadmoros skizziert in seinem Text, wie „die Frau“ als Gegenstück dazu konzipiert worden sei:

„Die bürgerliche Gesellschaft sucht nun in dieser Situation einen Ausweg aus der Entfremdung, indem sie die Frau als nicht entfremdetes Wesen konstruiert.“
Auch die idealisierenden Phantasien über Frauen seien, so Kucklick, ein Produkt der Moderne (196) – aber Weiblichkeit werde dabei eben gerade, in der Moderne, als „Gegenprojekt zur Moderne“ (197) und ihren überfordenden Entwicklungen imaginiert.
„Der entscheidende Punkt ist: Geschlecht wird zu Beginn der Moderne in die Differenz von Interaktion und Gesellschaft eingebaut, die im 18. Jahrhundert als gesellschaftliches Strukturmerkmal wahrgenommen und semantisch bewältigt wird.“ (211)

Was aber soll das sein, „Interaktion“ und „Gesellschaft“? Und was hat „Geschlecht“ damit zu tun?

Interaktion grenzt für Kucklick die „Gesamtheit der Kommunikationen (ab), die sich unter Anwesenden abspielen“ – unterschieden „von solchen Kommunikationen, die nicht auf gegenseitige Anwesenheit angewiesen sind“ (217) und die er als „Gesellschaft“ (218) bezeichnet. Die Unterscheidung wirkt undramatisch, sie ist für Kucklick gleichwohl grundlegend, und er setzt sie parallel mit Unterscheidungen wie der von „Lebenswelt“ und „Systemrationalität“ (Habermas) oder der von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ (Tönnies). (232)

Die Bedeutung lässt sich so erklären: Mit der Moderne, mit den modernen Institutionen, der modernen Wissenschaft, dem Leben in immer größeren Städten, mit der Möglichkeit des weltweiten Handels und der weltweiten Kommunikation, ändert sich die Position von Menschen grundlegend. Sie sind jetzt nicht mehr bloß Teil einer überschaubaren Welt, die ihnen vertraut ist, mit einem festen Platz zwischen Mitmenschen, die sie weitgehend persönlich kennen – sie sind zugleich auch Teil einer Welt, die sie nicht überschauen können, in die sie aber, auf ebenfalls immer unüberschaubare Weise, tief verwickelt sind.

Einer konkreten Welt, die auf gegenseitige Bekanntschaft und Vertrauen setzt, steht nun eine abstrakte Welt gegenüber, in der einander Unbekannte auf allgemeine Rechte und formalisierte Verfahren bauen müssen.

Zugleich ändert sich die Struktur der Gesellschaft. Statt einer geschichteten Ständegesellschaft, deren Teile („Teilsysteme“) in einem klaren hierarchischen Verhältnis zueinander gestanden hätten, entwickle sich eine „funktional-differenzierte Gesellschaft“, die prinzipiell nicht hierarchisch organisiert sei. Menschen unterscheiden sich nun weniger durch ihren Stand als durch die Funktion, die sie erfüllen – insbesondere die berufliche.

Keines der Teilsysteme könne dabei gesellschaftliche Führung beanspruchen.
„Die Kunst steht nicht über der Politik, diese nicht über der Wirtschaft oder der Wissenschaft, sondern alle sind auf die Funktionserfüllung der jeweils anderen Teilsysteme angewiesen, ohne einander dirigieren zu können.“ (212)
Menschen hätten nun keinen festen Platz mehr in einem Teil der Gesellschaft, der wiederum im Gesamten einen festen Platz gehabt habe. Statt dessen müssten Menschen in ganz unterschiedlichen Bereichen Funktionen erfüllen können – in persönlichen und familiären wie in beruflichen, in juristischen, politischen, ökonomischen.
Es gibt keine glaubwürdige Zentralperspektive, die all diese Perspektiven zu einem schlüssigen Ganzen ordnen könnte – den Menschen erscheine ihre Gesellschaft ebenso zerrissen, wie sie sich selbst als zerrissen erschienen. Im sechsten seiner Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen brachte Friedrich Schiller dieses Weltgefühl 1795 auf den Punkt:
„Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“

Um in dieser unübersichtlichen Welt sinnvoll leben zu können, müssen Menschen darauf vorbereitet sein, in ganz verschiedenen Zusammenhängen sinnvoll agieren zu können – im Geschäft wie in der Familie, in fremden Ländern wie im Heimatdorf. Sie müssen sich nicht nur auf das einstellen, was da ist, sondern beständig auch auf das, was sein könnte, was ihnen unverhofft begegnen könnte.

Wer sich auf diese Welt einstellt, kann also nicht nur einen einzigen festen Platz in einer festen Ordnung haben, sondern ist daraus gleichsam freigesetzt. Das einzige verlässliche Verhältnis, das er hat, ist das zu sich selbst – in der beständigen Anforderung, sich auf ganz unterschiedliche, potenzielle Anforderungen vorzubereiten.

Diese freigesetzten Menschen nun werden von ihren Zeitgenossen, die ebenso freigesetzt sind, offenkundig als sehr beunruhigend erlebt – sie hätten in ihrer Freiheit eben auch die „Freiheit zum Bösen“ (133). Da sie grundsätzlich bestehende soziale Ordnungen bedrohen würden, seien sie „Erziehungsbedürftige“ (276), die Anleitung und Führung nötig hätten, um überhaupt im Rahmen dieser sozialen Ordnungen leben zu können.

Männliche Heillosigkeit und weibliche Heilung Das ist die Vorbereitung für die Pointe von Kucklicks Buch.

„Zu allem bisher Gesagten tritt hinzu, dass Geschlecht ein geeignetes Mittel ist, um Gesellschaft in vereinfachter Form darzustellen und zu bearbeiten. Es macht kommunikationsfähig, was sonst nicht zu kommunizieren wäre.“
Damit sei die moderne Erzählung von den Geschlechtern „die Simplifizierung eines hochkomplexen Sachverhalts, die Greifbarmachung des Un(be)greifbaren.“ (234)

Mann und Frau würden nämlich einfach, sauber geordnet, in beide Seiten der modernen Erfahrung hineinsortiert: die Frau in den Bereich der Interaktion, der Vertrauten, Sicheren, Konkreten, Tatsächlichen – der Mann in den Bereich der Gesellschaft, der Unvertrauten, Unsicheren, Abstrakten, Potenziellen. „Sklaven der Abstraktion“ seien die Männer – so zitiert Kucklick Friedrich Schleiermacher. (191)

Kucklick erklärt nicht, warum Männer und Frauen in dieser Form zugeordnet würden – aber, so auch schon djadmoros, es liegt nahe, die „geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ in bürgerlichen Familien als Grund anzusehen. Es waren eben Männer weit mehr als Frauen, die in ihren Berufen mit den gesellschaftlichen Fliehkräften der Moderne direkt konfrontiert waren.

So sei der Mann als Sinnbild des modernen Menschen wahrgenommen worden. Freigesetzt aus sozialen Ordnungen der Menschen habe er jederzeit wieder zum Tier werden können – ja, zu noch Bedrohlicherem, weil er im Unterschied zu Tieren ja „unbestimmt“ (73) sei und sich ganz allein selbst bestimmen könne, auch zum Monster.

Seine Animalität werde in dieser Vorstellung nicht mehr durch soziale Einbindung gezähmt. Sein Selbstbezug, der den Bezug zu den traditionellen sozialen Ordnungen ersetzt habe, mache ihn egoistisch und unfähig zur Liebe.

Allein durch die Frau, die den Schrecken der modernen Gesellschaft ferner blieb als er, könne er wieder ganz zum Menschen werden.

So spiegele sich die moderne Gesellschaft, die sich selbst unüberschaubar geworden ist, in den Geschlechtern wieder und entdecke im Mann ihre Heillosigkeit, in der Frau die Möglichkeit der Heilung.

Es ist offensichtlich, dass diese Klischees keine realen Menschen beschreiben, sondern Ausdruck massiver Ängste und Verunsicherungen, aber auch Ausdruck erheblicher Sehnsüchte sind. Das wäre vielleicht nicht einmal schlimm und so harmlos wie Erzählungen von Einhörnern, Rumpelwichten und anderen Fantasiegestalten – wenn diese Klischees nicht für reale Menschen erhebliche reale Konsequenzen gehabt hätten und bis heute haben.

Welche Konsequenzen das sind und waren, beschreibe ich in einem zweiten Teil an einigen Beispielen von Kucklick und anderen.

In einem dritten Teil werde ich dann einige Konsequenzen aus Kucklicks Text für heutige geschlechterpolitische – und eben nicht nur geschlechterpolitische – Positionen skizzieren.

Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus:

Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008

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13 Comments

  • Im groben und ganzen ist der ausufernde Gynozentrismus, und damit die Verantwortung des Mannes für alles gerade stehen zu müssen, schon weit vor der Moderne aufgetaucht. Die Vermögensverhältnisse sind der Ausschlag gebende Grund für Misandrie. Frei nach dem Motto;“habe ich den kleinen Finger, gehört mir auch bald sein gesamter Körper“.

  • Auf Vermögensverhältnisse, überhaupt auf ökonomische Bedingungen, geht Kucklick kaum ein. Das ist eine der Begrenzungen seines Textes.

    Eine andere Begrenzung: Er erwähnt zwar Männer-Idealisierungen, die eben seit der Aufklärung auch zu öffentlichen Debatten gehören – aber er geht kaum weiter auf sie ein und konzentriert sich ganz auf feindselige Darstellungen, die „negative Andrologie“.

    Diese Begrenzung ist offenbar Absicht: Kucklick versteht seine Arbeit offenbar auch als Gegengewicht zu einer feministischen Forschung, die völlig auf die Idee einer Männerherrschaft fixiert ist und die alles ausblendet, was zu diesem Bild nicht passt.

    Solche Einseitigkeiten stehen im Widerspruch zu Kucklicks Kernthese, in der modernen Rede von Geschlechtern würden sich allgemeine Strukturen spiegeln, die mit „Geschlecht“ eigentlich nur indirekt etwas zu tun haben. Einer der häufigsten Begriffe bei der Beschreibung von Entwicklungen der Moderne ist nämlich nach meiner Erfahrung der Begriff „Ambivalenz“. Zurecht.

    Das heißt aber auch: Es gibt fast niemals tragfähige UND eindeutige Zuschreibungen. Die Rede von der „Männerherrschaft“ ist einseitig, die vom „Gynozentrismus“ ist es aber auch.

    Ein Grund für solche Einseitigkeiten beschreibt Kucklick – und lange vorher Schiller – schon selbst. Wir erleben eben bloß Bruchstücke, und diese Bruchstücke verallgemeinern wir dann zu einem Bild von den „gesellschaftlichen Strukturen“. Andere Menschen, die andere Bruchstücke erleben, kommen damit zwangsläufig zu einem ganz anderen Bild.

    Was allerdings ganz sicher stimmt: Die radikal einseitige Rede von einer „Männerherrschaft“ oder einem „Patriarchat“ ist – gegen die Vielzahl widersprechender Daten – viel erfolgreicher und folgenschwerer, als es die einseitige Rede von einem „Gynozentrismus“ oder einem „Feminat“ etc. ist. Das hat vermutlich einen Grund darin, dass Männer sich viel eher in die Position der Beschützer von Frauen begeben, als dass Frauen sich in die Rolle der Beschützerinnen von Männern begeben würden.

  • @Anonym:

    Einen »ausufernden Gynozentrismus« sehe ich erst seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum einen möchte ich der These widersprechen, dass das bis in vormoderne Zeiten zurückreicht. Es gab *immer* eine asymmetrische geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, aber die war ebensowenig »gynozentrisch« wie sie *per se* »patriarchal« war.

    Und zweitens war für eine längere Strecke der modernen Gesellschaft auch die als »männlich« etikettierte Sphäre noch nicht so abgewertet wie der Mann in den von Kucklick zitierten Schriften. Meiner Meinung nach ist die Balance erst mit der Krise des modernen Fortschrittsoptimismus gekippt: erst jetzt wurde es möglich (und bald darauf auch *modisch*), diese den Männern zugeschriebene Sphäre *als Ganze* zu diskreditieren.

    Erst zu diesem Zeitpunkt – am Ursprung der kritischen Bewegungen der 60er Jahre, zu denen auch die zweite Welle des Feminismus gehört – konnten sich »gynozentrische« Denkfiguren zu jenem *suprematistischen* Stadium weiterentwickeln, mit dem wir es heute zu tun haben. Ich denke, das ist ganz entscheidend an den Kontext der in den 60er Jahren prominent gewordenen Selbstkritik des Westens gebunden, und deshalb ist auch jene Wahrnehmung nicht falsch, die feministische mit »linken« Diskursen in einen Topf wirft.

    Anstatt aber die »68er« als einen prinzipiellen Sündenfall zu betrachten, wie das eine Anzahl von Forenten unter der Vokabel vom »Kulturmarxismus« tut, kann man in der seither stattgefundenen Entwicklung statt dessen eine »Dialektik der Emanzipationsbewegungen« sehen und eine dogmatische Erstarrung der treibenden Ideen diagnostizieren.

  • Was für ein wunderbarer Artikel!

    Mein erster Eindruck war auch „ausufernder Gynozentrismus“. Diese von Farrell auch in den Mittelpunkt gerückte, das Beschriebene verdichtende, Begrifflichkeit ist noch weitgehend unentdeckt von dem sog. Mainstream. Obwohl es wohl *der* Treiber für letztlich fast alles zu sein scheint. Vor allem auch für Phänomene sozialer Macht(Interessen) und Gewalt.

  • @djadmoros:
    „Meiner Meinung nach ist die Balance erst mit der Krise des modernen Fortschrittsoptimismus gekippt: erst jetzt wurde es möglich (und bald darauf auch *modisch*), diese den Männern zugeschriebene Sphäre *als Ganze* zu diskreditieren.“

    Ja, irgendetwas sehr fundamentales scheint sich da verändert zu haben.

    Ich habe es mir bisher so erklärt: Früher(tm) galt das Männliche zwar ebenfalls als dämonisch, allerdings gestand man diesem Dämon eben eine sehr große Macht zu, die (insbesondere durch weiblichen Einfluß) auch zum Positiven gewendet werden könne und so der Menschheit zu immer Größerem verhelfen könne. Auch das Desaster der beiden Weltkriege hat dem nichts anhaben können – warum auch, irgendwer musste ja die Größe besessen haben, Hitler zu besiegen. Selbst die „mutal assured destruction“ hat dem enormen männlichen Potenzial zum „Guten“ bis in die 1970er hinein nicht schaden können – sie wurde dann aber plötzlich zum Inbegriff männlicher Destruktivität.

    „Erst zu diesem Zeitpunkt – am Ursprung der kritischen Bewegungen der 60er Jahre, zu denen auch die zweite Welle des Feminismus gehört – konnten sich »gynozentrische« Denkfiguren zu jenem *suprematistischen* Stadium weiterentwickeln,[..]“

    Ich würde den Zeitpunkt dort verorten, wo eben diese Bewegungen gescheitert sind – Mitte der 1970er. Diese Bewegungen waren nmE gerade von einem starkem Fortschrittsglauben beseelt. Just als die großen Utopien ein jähes Ende z.B. durch die Ölkrise erfuhren, kam der „cultural feminism“ auf.

    „cultural feminism“ repräsentiert doch genau das suprematistiche Stadium. „cultural feminism“ ist genau das, was von den Mainstreammedien regelrecht hochgepusht wurde, insbesondere in Verbindung mit dem Thema sexuelle Gewalt. Hier scheint sich mir die „white slavery“-Panik des ausgehenden 19. Jahrhunderts fast buchstäblich zu wiederholen. Nur, dass eben diesmal Männlichkeit für vollkommen obsolet erklärt wurde und dass sich aus den Kreisen dieser feministischen Subkultur das Ganze bis heute institutionalisierte „Frauengedöns“ rekrutierte. Die damaligen Aktivistinnen sitzen bis heute auf diesen Pöstchen – mit entsprechender Vernetzung.

    „Ich denke, das ist ganz entscheidend an den Kontext der in den 60er Jahren prominent gewordenen Selbstkritik des Westens gebunden, und deshalb ist auch jene Wahrnehmung nicht falsch, die feministische mit »linken« Diskursen in einen Topf wirft.“

    Hmm. Selbstkritik des Westens gibt es doch schon sehr lange. Allerdings war das immer auch mit einem Fortschrittsglauben verknüpft: Die westliche Gesellschaft werde sich doch z.B. hin zum Humaneren weiterentwickeln.

    Ich denke, man hat eben den Fortschrittsglauben komplett verloren und ist nun zu der Ansicht gelangt, dass man sowieso nichts tun könne. Dass das Schiff sowieso unkontrollierbar vor sich hintreibt, egal was man tut.

    Und wenn man sowieso nichts tun kann, dann braucht man eben auch keine Männer, außer für die individuelle Bereicherung.

    Gruß,
    Nick

  • ..wenn das Männliche das Tun symbolisiert (das Weibliche kann ja nur durch nicht-tun bzw. Hypoagency die Unschuld bzw. Unbefangenheit symbolisieren) dann müsste man dem Patienten „Gesellschaft“ wohl eine schwere Depression bzw. einen Verlust der Selbstwirksamkeit diagnostizieren.

    – Nick

  • Sehr schöner Text, bin schon gespannt auf die weiteren Folgen.
    Für die Texte von Kucklick mache ich auch schon seit Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit Werbung. Ihre Bedeutung wird leider nach wie vor unterschätzt.

    Zur Banken- und Wirtschaftskrise und dem immer wieder so oder ähnlich gehörten Zitat bzw. zur Frage
    „Wäre Frauen der ganze Mist passiert?“
    sollte so langsam jeder die Antwort auswendig wissen: „Ja, mit Sicherheit, der Mist, a.k.a. finanzielles Ultragift, stammt nämlich von einer Frau, sie heißt Blythe Masters.“
    Weitere Details hier

  • @Nick:

    »Ich würde den Zeitpunkt dort verorten, wo eben diese Bewegungen gescheitert sind – Mitte der 1970er.«

    Ja, ich denke, das trifft zu – insofern die linksradikalen Bewegungen sozusagen den letzten Atemzug des Fortschrittsoptimismus verkörpert haben.

    »Hmm. Selbstkritik des Westens gibt es doch schon sehr lange.«

    Kommt darauf an, was genau Du damit meinst: zur Zeit der Französischen Revolution handelt es sich m.E. noch nicht um *Selbst*kritik, denn da wird ein *vorangegangenes* Zeitalter beseitigt und beendet, und die romantischen und kulturpessimistischen Strömungen des 19. Jahrhunderts hatten noch nicht das Zentrum der öffentlichen Diskurse besetzt. Insofern würde ich den Bruch in bzw. nach der Weltkriegsepoche ansetzen – plakativ und verkürzt: »Verdun« – »Auschwitz« – »Hiroshima«. Mit der Ökologiebewegung wird es dann zum Massenphänomen.

  • Es ist eigentümlich, dass über die wunderbaren Ergänzungsmöglichkeiten von Frau und Mann bei dem ideologisch geprägten Gleichmachungsbestreben von Gender-Mainstreaming, das in Richtung Abwertung des Männlichen und so zur Familienzerstörung tendiert, kaum oder nicht gesprochen wird, denn das Gehirn ist das größte „Geschlechtsorgan“. Dort finden sich die wichtigsten, prägendsten und auch bereicherndsten Unterschiede zwischen Frau und Mann in den Bereichen „physiologische Abläufe“, „zentralnervöse Informationsverarbeitung“ und „genuinen, also angeborenen Denk- und Bewertungsprinzipien“. In Denk- und Bewertungsprinzipien, welche sich eben nicht einfach beispielsweise mit unterschiedlichen sozialen Erfahrungen in der Kindheit oder sonstigen sozio-kulturellen Einflüssen erklären lassen.
    Frauen haben z. B. mehr graue Gehirnzellen und weniger verknüpfende Nervenfasern im Gehirn: „Frauen können die einen Dinge besser, Männern die anderen; wir müssen lernen, einander zu helfen“.
    Damit und mit weiteren Unterschieden in den männlichen und weiblichen Gehirnen ist eine optimale Ergänzungsmöglichkeit der beiden Geschlechter trotz Konfliktstoff gegeben; Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erw. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4)

  • Dem hier skizzierten modernen Männerbild ist zugleich, wenn auch verschwiegen, der Heros als Gegenbild implementiert. Von daher werden auch humane Eigenschaften externalisiert und als weiblich denunziert. Schließlich darf der moderne Heros als Weltenretter und Weltzerstörer nicht auch noch empfindsam und zärtlich sein. Daher auch die Verdammung der Homosexualität. Sie war nur geduldet in soldatischen Männerbünden, die ein heroisches Männerbild pflegten, zum Beispiel in der SA unter Röhm oder in der Soldateska im Umfeld diverser preußischer Könige und Kaiser.

  • Es ist eigentümlich, dass mir diese fundamentalchristliche Proganda, die ich mehrere Dutzend Mal auf irgendwelchen Blogs gelesen habe, fürchterlich auf die Nerven geht? Hier auf diesem Blog alleine mindestens 5 Mal, i.d.R. ohne sinnvollen Bezug zum Thema:
    30. August 2013 um 17:35
    26. Januar 2014 um 11:58
    22. August 2014 um 18:40
    2. Oktober 2014 um 12:01
    8. Oktober 2014 um 11:45

    Daß das beworbene Buch haarsträubenden Unsinn enthält, hatten wir auch schon geklärt:
    3. Oktober 2014 um 12:43

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