Geschlechterdebatte

Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit

Bild zeigt Mann, Frau und eine Gestalt mit einer Affenmaske, die am Mogentisch sitzen.
geschrieben von: Lucas Schoppe
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Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Zweiter Teil

Im ersten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht habe ich seine Kernthese vorgestellt, dass über negative Darstellungen von Männlichkeit typische Widersprüche der Moderne ausgetragen würden.

Im mittleren Teil möchte ich, wie angekündigt, an konkreten Beispielen überprüfen, wie haltbar und wie hilfreich diese These ist.

Im letzten Teil werde ich dann einige Konsequenzen beschreiben, die sich in meinen Augen aus Kucklicks Schrift ergeben.

Die Beispiele, die sich für den mittleren Teil anboten oder aufdrängten, waren allerdings so zahlreich, dass ich zwei Texte daraus gemacht habe. Der eine, der hier gerade beginnt, bezieht Kucklicks Thesen auf Beispiele aus einer gerade erst vergangenen Zeit, die heute gleichwohl skurril und irreal wirken. Es sind Beispiele aus den achtziger und frühen neunziger Jahren, als die Obsession mit der Geschlechtszugehörigkeit feministische Zirkel verließ und zu einem Teil der Popkultur und Ratgeberliteratur wurde.

Der nächste Text wird sich dann mit Beispielen aus der unmittelbaren Gegenwart beschäftigen. Sie werden vermutlich in 20 Jahren ebenso irreal wirken wie manche Beispiele des folgenden Textes – wenn sie es nicht ohnehin jetzt schon tun.

Dass Männer irgendwie Tiere sind, ist seit Jahrhunderten ein gängiges Klischee. Mit Begeisterung wird es wieder und wieder inszeniert – und gern mit großem Gestus, als sei damit gerade eben erst eine revolutionäre, tiefgründige Wahrheit über die grundlegenden Bedingungen menschlicher Existenz neu entdeckt worden. Aus Doris Dörries Erfolgsfilm Männer.
 „Die Wirtschaftskrise ist vor allem eine Krise der Männer.“ Diesen Satz aus der Süddeutschen Zeitung und andere, ähnliche Sätze beschreibt Christoph Kucklick gleich zu Beginn seines Buchs Das unmoralische Geschlecht: Solche Aussagen würden ein Wissen darstellen,
„das als solches nur gelten kann, solange es nichts über sich selber weiß.“ (34)
Das bedeutet: Es sind scheinbar Äußerungen über die empirische Welt, die auch noch den Eindruck erwecken, durch sie würden tiefere Strukturen freigelegt – Strukturen einer männlichen Herrschaft, die zum Schaden aller wirke.

Tatsächlich aber sind es oberflächliche Klischees, und das sei denjenigen, die sie benutzen, vor allem einem Grund nicht klar: Sie merkten gar nicht, dass sie auf Klischees zurückgreifen, die seit Jahrhunderten im Umlauf sind und die in dieser Zeit immer wieder als Neuentdeckungen verkauft wurden.

Dass sich in diesen Klischees Widersprüche der Moderne spiegeln würden – dass deshalb auch die Männlichkeitsdarstellungen widersprüchlich seien, neben Idealisierungen auch eine lange Tradition der Männlichkeitsverdammnis pflegen würden: Das ist die Kernthese von Kucklicks Buch.

Wie glaubwürdig sie ist, lässt sich an konkreten Beispielen besser überprüfen als an allgemeinen, theoretischen Erwägungen.

Love is the answer. But what was the question? Widersprüche moderner Geschlechterbilder führt Kucklick am Beispiel von Johann Gottlieb Fichtes „Deduktion der Ehe“ vor, die bis heute „als eines der kompromisslosesten patriarchalen Manifeste der Zeit“ (240) erscheine. Das ist nicht verwunderlich angesichts von Fichtes Fantasie, dass die Frau
„ihrem Gatten ganz unterworfen sey, und keinen anderen Willen habe, als den seinigen.“ 

Gleichwohl, so Kucklick, sei das verbreitete Bild einseitig, nach dem Fichte von einer klaren Hierarchie der Geschlechter ausgegangen sei und lediglich männliche Herrschaftsansprüche verteidigt habe.

Unverheirateten Frauen hätte er nahezu dieselben Rechte zugestanden wie unverheirateten Männern (243), er habe hartnäckig betont, dass Frauen den Männern intellektuell und moralisch gleichwertig seien (245), und die Frau müsse sich zwar in der Ehe unterordnen – aber die „Macht zur Eheschließung“ läge ebenso wie die „Option der Scheidung“ nach seinem Verständnis allein bei der Frau. (246)

„Der Mann ist buchstäblich Zaungast bei seiner eigenen Hochzeit, obwohl sie ihn gegenüber der Öffentlichkeit als unumschränkten Herrscher über seine Frau einsetzt.“ (247)
Kucklick kann die Widersprüche in Fichtes Darstellung der Ehe auflösen, weil er sich von der Vorstellung distanziert, Fichte würde ungebrochen einen Anspruch auf männliche Vormacht erheben. Tatsächlich ginge es für Fichte in der Ehe um anderes – nämlich um eine moralische Erziehung des Mannes.
Die fragmentierte moderne Gesellschaft könne nicht mehr glaubhaft den Anspruch erheben, in einer sauberen hierarchischen Gliederung eine gottgewollte Ordnung zu spiegeln. Geordnet werde sie stattdessen, nach Adam Smith, durch eine „unsichtbare Hand“ (156) – ohne dass Einzelne sie bewusst ordnen könnten, entstehe eine Ordnung im Zusammenspiel der Eigeninteressen der Einzelnen, die über den Markt koordiniert würden.
Kurz: Nicht mehr Gott hält die Gesellschaft zusammen, sondern das Verhältnis von Eigennutz zu Eigennutz.
Es sind vor allem Männer, die in dieser Ordnung agieren, in einer gegenseitigen „Steigerung von Abhängigkeit und Isolation“ (177), im Rahmen einer umfassenden Entfremdung (187) gerade von den wichtigsten sozialen Werten.
„Wer (…) in der Welt agieren will, muss die heiligsten Werte der Gesellschaft verleugnen, um die Gesellschaft zu erhalten.“ (178)
Das heißt: Es sind insbesondere die Männer, die sich von diesen heiligsten Werten – also von der Moralität – entfernen und ganz in eine vom Eigennutz gesteuerte Ordnung begeben.
Für Fichte sei die Ehe dann die Antwort auf eine Frage, die sich daraus ergibt: „Wie ist Moralität möglich trotz Männlichkeit?“ (255) Insofern erscheine also bei Fichte die Ehe „nicht als Antwort auf den Herrschaftsanspruch des Mannes, sondern auf dessen Unmoral.“ (256)
Durch die Frau allein habe der in der Logik des Eigennutzes gefangene Mann Zugang zur Liebe habe, und sie durchbräche diese Logik eben gerade dadurch, dass sie in der Ehe allem Eigennutz entsage und sich gleichsam opfere (260).
„Er kann sie nur achten, wenn sie nicht wie er ist, wenn sie das ‚Andere’, wenn sie Nicht-Mann ist, also moralisch, passiv-trieblos und unegoistisch ist.“ (259)
Da aber so nur durch die Frau die liebevolle Verbindung der Ehe möglich sei, könne auch nur sie diese Ehe begründen, und auch nur sie könne sie wieder lösen.

Die Frau als moralisch Überlegene, die gerade durch den Verzicht auf Macht, Egoismus und Selbstschutz zur Erzieherin und Retterin des Mannes werden kann – der Mann hingegen als liebesunfähiges Wesen, der nur durch sie zu einem echten Menschen werden kann: Nach Kucklick ist diese Idee schon lange vor jeder feministischen Männerfeindlichkeit formuliert worden. Sie taucht aber auch Jahrhunderte nach Fichte wieder auf, und so, als sei sie gerade erst zum ersten Mal entwickelt worden.

Neue Männer und böse Mädchen

„Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden vom Tauschcharakter bestimmt. Jeder will möglichst billig zu seiner ‚Ware’ kommen. Aus dieser Beziehungsform fällt das Verhältnis von Mutter und Kind heraus, denn ihm fehlt die egoistische Form des Gebens und Nehmens, also der Egoismus, der auf den eigenen Vorteil aus ist (…).“
Dieser Satz stammt nicht aus einer Schrift der Aufklärungszeit, die Kucklick analysiert, sondern aus einem Buch einer Psychoanalytikerin, das im Jahr 1985 erschien und zu einem enormen Erfolg wurde: Margarete Mitscherlichs Die friedfertige Frau (vgl. Mitscherlich, S. 29f.).
Die Mutter-Kind-Beziehung, die schon in den von Kucklick untersuchten Schriften aus denselben Gründen wie bei Mitscherlich als „Fundament aller Zivilisation“ (96) erscheint, unterbricht so auch 200 Jahre später noch die männliche Ordnung des Eigennutzes und des Egoismus – auch bei Mitscherlich wird erst durch die Frau eine friedfertige, zivilisierte Gesellschaft möglich.
Deren Buch erscheint wenige Jahre, nachdem durch die Fernsehserie Holocaust die Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den europäischen Juden zu einem Massenthema geworden ist. Selbst der mörderische nationalsozialistische Antisemitismus aber ist für die Psychoanalytikerin, soweit er denn ein Antisemitismus von Frauen ist, im Kern human und liebevoll.
Der Antisemitismus insgesamt erscheint bei ihr nämlich als eine „Männerkrankheit“ (148ff), und Frauen seien lediglich daran beteiligt gewesen, weil sie die Beziehung zu ihren Männern bewahren wollten, in „Identifikationen mit männlichen Vorurteilen“ und „aus Angst vor Liebesverlust“ (Mitscherlich, 156).
So funktionalisiert Mitscherlich jahrhundertealte Geschlechterklischees und stellt sie in den Dienst einer deutschen Schuldabwehr. Die deutschen Frauen sind bei ihr im Kern unschuldig – und deutsche Männer können an dieser Unschuld teilhaben, wenn sie sich kritisch mit ihrer Männlichkeit auseinandersetzen und sich als neue Männer mit den friedfertigen Frauen solidarisieren.
Schon zehn Jahre zuvor, 1975,  hatte eine Autorin Fichtes Geschlechterklischees in einem überraschend erfolgreichen Szene-Kultbuch neu aufgelegt: Verena Stefan in Häutungen. Männliche Sexualität erscheint dort durchgängig als gewaltsam – für Männer nämlich sei der Sexualakt ein mechanisch exerzierter Ersatz für reale menschliche Beziehungen, zu denen sie gar nicht fähig wären. Humane zwischenmenschliche Beziehungen gibt es für Stefan nur zwischen Frauen.

In den achtziger Jahren wachsen diese Klischees zum Allgemeingut heran und werden Bestandteil der Popkultur und einer – immens erfolgreichen – Ratgeberliteratur. Der Psychologe Wilfried Wieck beschreibt Männer in seinem Beststeller Männer lassen lieben als empathieunfähig:

„Das Nicht-einfühlen-Können der Männer resultiert aus dem Schon-ausgefüllt-Sein mit Affekt, dem Gefühl gegen den Mitmenschen.“ (Wieck, S. 66)
Eingebunden in ein Konkurrenzsystem, aus dem sie sich nicht lösen wollen, würden Männer Liebesfähigkeit an ihre Partnerinnen delegieren und dort dann beständig ausnutzen:
„Jede Frau stellt sich auf ihren Mann ein, mit dem sie liiert ist. Sie pflegt und tröstet ihn, ermutigt und verwöhnt ihn. Aber sie besteht kaum darauf, dass er ihre Vorleistungen zurückgibt.“ (Wieck, 57)
Auch Wieck zeichnet Fichtes Geschlechterkonstrukt detailgenau ab, versieht es aber mit einer anderen Färbung. Statt einer Heilung des Mannes und der Gesellschaft durch die Frau beschreibt er eine Krankheit, eine Suchtbeziehung. Auswege bieten nur die Vorstellung, „eine neue männliche Identität“ sei möglich (Wieck, 196) – und der Feminismus, welcher der „Humanismus des 20. Jahrhunderts“ (Wieck, 195 ff.) sei.
Die Rede von den „neuen Männern“ (Wieck, 196) aber bietet Männern nur scheinbar einen Ausweg. Populär wird sie schon 1982 in Ina Deters Lied Neue Männer braucht das Land („Hab die Männer noch nicht ganz satt.“). Variiert wird sie 1985 in einem der erfolgreichsten deutschen Filme des Jahrzehnts, der überraschend spannungslosen und unkomischen Komödie Männer von Doris Dörrie.
Julius Armbrust (Heiner Lauterbach), mit Anzug und Krawatte unschwer als traditioneller Karrieremann zu erkennen, hat dort selbstverständlich ein Verhältnis mit seiner Sekretärin, und ebenso selbstverständlich reagiert er geschockt auf die Nachricht, dass seine Frau Paula (Ulrike Kriener) ebenfalls eine Affäre hat. Er lernt Stefan (Uwe Ochsenknecht), den Liebhaber seiner Frau, kennen, der mit Lederjacke und langen Haaren als freier Künstler und ein Mann eines neuen Typus charakterisiert ist.
Beide freunden sich an, sie gleichen sich auch an, und am Ende des Films stehen sie gemeinsam in einem Paternoster und entledigen sich ihrer typisierenden Kleidung bis auf die Unterhose: Nun sind sie nicht mehr alter und neuer Mann, sondern nur noch Männer.
Das versöhnliche Ende bleibt hohl, weil die Feindseligkeit der alter Mann/neuer Mann-Konstruktion niemals deutlich und das Verhalten der Frau nirgendwo in Frage gestellt wird. Während die Affäre des Mannes Ausdruck patriarchalen Macho-Verhaltens ist, ist die Affäre der Frau positiver Ausgangspunkt des Films: Paula verhilft Julius damit ganz einfach zu einem humanisierenden Lernprozess.
Was den neuen Mann denn eigentlich ausmacht, bleibt bis heute diffus. Klar und eindeutig ist allein die Ablehnung des „alten Mannes“ – also des Mannes, der nicht seinerseits an seiner humanisierenden Veränderung gearbeitet hat. Es ist nur konsequent, dass eine Reihe von Schriften sich nicht dem neuen Mann zuwenden, sondern sich generell von Männern abwenden.
Schon 1980 veröffentlicht eine Hamburger Autorin einen offenbar autobiographischen Roman, der – wie Häutungen – schnell zum Szene-Kultbuch wird und der heute mit gutem Grund vergessen ist: Svende Merians Tod des Märchenprinzen.
„Linke Frau, 24, möchte gerne unmännliche Männer, gerne jünger, kennenlernen.“
Auf diese Anzeige in einem Hamburger Szene-Magazin lernt Svende Arne kennen, verliebt sich in ihn und stellt schließlich erschüttert fest, dass auch der linke unmännliche Mann ein – Mann ist: Er distanziert sich, und er entzieht sich der wichtigen Aufgabe, in langen Gesprächen an der gemeinsamen Beziehung zu arbeiten.
Schließlich rächt sich Svende, indem sie ihn bespuckt, beschimpft und ihm, selber Schuld, das Wohnungsfenster per Sprühdose mit einem Slogan beschmiert, der legitimer Ausdruck ihre ganze Enttäuschung ist: Auch hier wohnt ein Frauenfeind.

Im Rückblick kommentiert Gerhard Henschel diesen Text im Jahr 2007 im linken Magazin konkret so:

„’Das Grauen, das Grauen‘, stöhnte Marlon Brando 1979 im Showdown von ‚Apocalypse Now‘, obwohl der das Buch von Svende Merian damals noch gar nicht gekannt haben konnte.“
Der Grundimpuls dieses Textes aus zeittypischem „Gedankenmüll“ und „Psychoschrott“ (Henschel) wird noch heute vehement aufgegriffen – in Diskussionen über Allys nämlich, männliche Verbündete des Feminismus, die sich zum Schrecken aufgeklärter Frauen oft genug als heimliche Sexisten herausstellen und die ihrerseits erst einmal lernen müssen, wie Frauen auf eine nicht-patriarchale, authentisch-liebevolle Weise angesprochen werden können.
Konflikte entstehen bei Merian nicht durch unterschiedliche politische Positionen, auch nicht durch unterschiedliche soziale Positionen (Arne ist, anders als die bürgerliche Svende, ein ehemaliges Heimkind) – sie entstehen allein durch das Mannsein. Ob links oder rechts, hoch oder tief: Der Mann ist das Problem.
Dass die Frau diesem Mann ihre Liebe entziehen muss, ist auch eine zentrale Botschaft eines international unglaublich erfolgreichen Ratgebers, der sechs Jahre später auf deutsch erscheint: Robin Norwoods Wenn Frauen zu sehr lieben. Das Buch sammelt Beispiele von Frauen, die sich – ganz wie die Ehefrau bei Fichte, ganz wie die liebende Frau bei Wieck – in ihrer Liebe zu Männern aufopfern, die ihrerseits zur Liebe eigentlich nicht fähig sind.
„Es ist eine ‚Ironie des Schicksals’, dass wir Frauen so viel Sympathie und Verständnis für das Leid anderer Menschen entwickeln können, während wir offenbar blind für (und durch) unser eigenes Leid sind.“ (Norwood, S. 13)
Die Abwertung der Männer als liebesunfähige Gestalten und die Idealisierung von Frauen als allzeit empathische soziale Wesen sind zwei Seiten derselben Fantasie.
Noch etwas weiter geht dann, Mitte der neunziger Jahre, Ute Erhardt in einem Buch, das zu einem Millionenerfolg wird: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin.
„Die Frau“, so Erhardt,
„bremst ihre Machtbedürfnisse, steckt an wichtigen Stellen zurück, entscheidet sich für den gelasseneren Weg, nicht für den steilen. Im Zweifel wählt sie Freundschaft, Kollegialität, soziale Nähe.“ (Erhardt, S. 57)
Da sie zu Wesen sozialisiert worden seien, die bei Licht betrachtet zu gut für diese Welt sind, würden Frauen beständig auf die Bedürfnisse anderer achten und nicht auf ihre eigenen.
„Sie sehen andere an, um deren Erwartungen frühzeitig erkennen zu können, am besten bevor sie geäußert werden.“ (Erhardt, S. 119)
Anstatt aber diese außergewöhnliche Liebesfähigkeit angemessen zu würdigen, würden Männer sie bloß gedankenlos ausnützen.
„Jeden Abend, jeden Sonntag, jeden Urlaub und jeden Feiertag springen Frauen nach der Zeitpfeife des Mannes und Vaters (…). Wer Macht besitzt, kann nicht nur über seine eigene Zeit frei verfügen, sondern auch über die Zeit der anderen. (…) Die Frau hat einen niedrigeren Status als der Mann, sie hat nicht das Recht, ihn warten zu lassen.“ (Erhart, S. 215)
Zum Glück gibt es eine Lösung für diese vertrackte Situation: Frauen müssen aufhören, lieb zu sein.
„Streitbare, unbequeme Frauen kommen weiter. (…) Böse Mädchen nutzen ihre Aggressionen als Energiequelle.“ (Erhart, S. 219)
Die Verherrlichung der „bösen Mädchen“ löst das Klischee der allzeit liebevollen Frau nicht ab, sondern zementiert es – und das liegt nicht allein daran, dass Erhart erwachsene Frauen als „Mädchen“ infantilisiert. Während bei ihr männlicher Egoismus als Ausdruck von Herrschaftsgier erscheint, steht der weibliche Egoismus als produktive, revolutionäre Haltung da.
Im Kern ist eben auch das böse Mädchen eine liebende Frau, es wird dem egoistischen Mann nicht gleich. Es hat allerdings gelernt, dass ihm für seine große Liebesfähigkeit keine geeigneten männlichen Liebesobjekte zur Verfügung stehen, und hat dann die richtigen Schlüsse daraus gezogen.

Während Mitscherlich also uralte Geschlechterklischees instrumentalisiert, um die Verantwortung für die nationalsozialistischen Massenmorde beiseite zu schieben, nutzt Erhart dieselben Klischees, um einen unbekümmerten Egoismus zu legitimieren.

Ein wichtiger Aspekt aber hat sich gegenüber den Texten der Aufklärungszeit geändert.

Wie man alte Klischees in revolutionäre Neuheiten verwandelt Die Geschlechterfantasien von Fichte und anderen, die Kucklick analysiert, sind – da sie die ambivalenten Strukturen der Moderne widerspiegeln – selbst ambivalent. Am Ende des 20. Jahrhunderts aber wird das Bild eindeutig: Vom tradierten Männlichkeitsklischee bleiben die negativen Aspekte übrig, seine positiven Aspekte jedoch – das Bild des Versorgers und Beschützers – werden realen Männern entzogen und auf den Staat projiziert.

Schon zu Beginn des Jahrhunderts wurde, so Kucklick, „angesichts der Verworfenheit des Mannes/Vaters dessen Ersetzung durch den Staat“ (329) gefordert. Am Ende des Jahrhunderts kann leicht der Eindruck entstehen, dass diese Forderungen erfüllt sind.

Dass für diesen Staat die Leistungen von Männern natürlich unverzichtbar sind, ist angesichts der Abstraktheit und Unpersönlichkeit seiner Institutionen leicht zu ignorieren. So ist der Weg frei für eine Konzentration auf negative Aspekte des Männlichkeitsklischees, die weder durch positive Aspekte noch durch pragmatische Erwägungen ausbalanciert werden müssen.

Im Rückblick auf die achtziger und frühen neunziger Jahre wirkt es, als hätte sich hier ein misandrisches Ressentiment über Jahre hinweg und unermüdlich ausgekotzt, wieder und wieder das alte Klischee des liebesunfähigen Mannes hervorgewürgt und das Erbrochene dann jeweils mit großem Gestus als revolutionäre Neuigkeit verkauft.

Dass viele der Texte – so wie auch Dörries Erfolgsfilm – enorm schlecht gealtert sind und heute eher absurd als aufklärerisch wirken, bedeutet allerdings nicht, dass ihr Ressentiment verschwunden ist. Eher ist es zu einem stillschweigenden Hintergrundwissen geworden – das allerdings eben nur so lange als Wissen durchgehen kann, solange es „nichts über sich selbst weiß“.

Ohne dieses vermeintliche Wissen über männliche Liebesunfähigkeit, männlichen Egoismus und männliche Sex-Fixiertheit wäre beispielweise der Aufschrei-Hype nicht möglich gewesen, der erhebliche Übergriffigkeiten ebenso wie unbeholfene Versuche der Kontaktaufnahme gleichermaßen als Belege für einen allgegenwärtigen männlichen Alltagssexismus präsentierte.

Das gilt auch international. Auch der offene Rassismus des enorm erfolgreichen Hollaback-Videos wäre nicht übersehen worden, wenn die Rezeption dieses Films nicht durch die anti-männlichen Ressentiments dominiert worden wäre, die er gezielt ansprach. Rassismus wurde hier durch Sexismus verdeckt, und dieser Sexismus stand als unproblematisch da, da er sich gegen Männer richtete.

Schon für die Zeit um 1900 stellt Kucklick fest: Das tradierte männerfeindliche Ressentiment, also die

„Negative Andrologie war nach langem Vorlauf gleichsam so verfestigt, so ‚selbstverständlich’, dass man und frau mit ihr wirkungsvoll und politisch durchschlagend operieren konnte. Die Wahrheit über den Mann war etabliert.“ (329)
Heute ist das Ressentiment so selbstverständlich geworden, dass es nicht einmal mehr anstößig wirkt, wenn es sich nicht allein gegen Männer, sondern auch gegen Kinder richtet. Dazu mehr im folgenden Text.

Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus:

Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008

Weitere zitierte Texte, soweit sie nicht verlinkt sind:

Ute Erhardt: Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. Warum Bravsein uns nicht weiterbringt, Frankfurt am Main 1996 (1. Auflage 1994)

Maragrete Mitscherlich: Die friedfertige Frau. Eine psychoanalytische Untersuchung zur Aggression der Geschlechter, Frankfurt am Main 1985

Robin Norwood: Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht, gebraucht zu werden, Reinbek 1987 (1. Auflage 1986, engl. 1985)

Wilfried Wieck: Männer lassen lieben. Die Sucht nach der Frau, Frankfurt am Main 2001 (1. Auflage 1987)

Die große Menge an leicht auffindbaren Beispielen für das, was Kucklick als Negative Andrologie beschreibt, erweckt leicht den Eindruck, Ressentiments gegen Jungen und Männer seien ein umfassendes, unausweichliches Phänomen – zumal, wenn sie zu einem stillschweigenden, vermeintlichen Hintergrundwissen geworden sind. Allerdings kehrt dieser Eindruck lediglich die haltlose feministische Rede von einem „Patriarchat“ um.

Es hat wenig Sinn, Frauen rundweg für solche Ressentiments gegen Jungen und Männer in die Verantwortung zu nehmen. Feindseligkeiten gegen Männer sind eben auch oft Feindseligkeiten von Männern.  Vor allem aber geht es bei Kucklick kaum darum, wie Männer und Frauen sind – sondern darum, wie über Männer und Frauen geredet wird.

Das Problem insbesondere der dritten Welle des Feminismus seit den neunziger Jahren ist daher nicht, dass ein Ressentiment gegenüber Jungen und Männern etwa überall entschlossen vertreten würde, von den meisten Frauen und vielen seltsam submissiven Männern – sondern dass es sich institutionalisiert hat, Teil von Regierungspolitik, Parteiprogrammen oder universitärer Wissenschaft geworden ist.

Einige Beispiele dazu im nächsten Teil der kleinen Winterserie über Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. 
Im letzten Teil geht es danach um die Konsequenzen, die aus Kucklicks Thesen gezogen werden können.

Erster Teil: Warum Männerfeindschaft modern ist

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14 Comments

  • Erneut eine schöne Zusammenfassung! Habe beim Lesen Flashbacks gekriegt (in feministischem Szenesprech müsste ich jetzt von »Retraumatisierungen« reden 😀 ) – Robin Norwoods »Wenn Frauen zu sehr lieben« hatte schon meine Mutter im Regal, »Männer lassen lieben« und »Der Tod des Märchenprinzen« galten im Milieu meiner Studienzeit schon fast als Referenztexte, nur Verena Stefans »Häutungen« war ein bißchen vor meiner Zeit, dafür stand es aber im Regal einer älteren Freundin. Man kann noch Volker Elis Pilgrim (»Der Untergang des Mannes«, »Elternaustreibung«, »Dressur zum Bösen«) und Klaus Theweleits »Männerphanatsien« ergänzen, wobei letztere die Assoziation von »Männerbund« mit »Faschismus« zum Allgemeingut gemacht haben (falls Du darauf nicht in Teil 2.2 noch eingehst). Von dem Filmen fange ich erst gar nicht an.

  • Die Erfindung der romantischen LIebe ist, zumindest in unserem Kulturkreis, eine männliche. Ihre Konzepte und Ausdruckformen, die auch heute noch prägend sind, entwickelten sich vor 800 bis 1000 Jahren. Ich nenne hier nur die Stichwörter MInnesänger/Troubadors, Andreas Capellanus Werk „De Amore“, oder als eine der möglichen Inspirationsquellen aus dem arabischen Kulturkreis (über das damals arabische Andalusien und die Provence wirksam) „Das Halsband der Taube“ von Ibn Hazm, geschrieben im frühen 11. Jahrhundert.

    • @John

      „Die Erfindung der romantischen LIebe ist, zumindest in unserem Kulturkreis, eine männliche. “

      Das ist eine hochinteressante These! Ich habe mich bei Kucklick auch immer gefragt, wie die Figur des Minnesängers in Kucklicks Konzept paßt. Denn eigentlich würde man von Kucklicks Standpunkt aus erwarten, daß erst die normative Dominanz der Frau in der Kultur die Idee der Liebesdienste verständlich macht.

      Hast du irgendeine Vorstellung wie man deine These begründen könnte?

  • Ich kann ein weiteres Buch zur obigen Liste beisteuern:

    Männer: Eine Spezies wird besichtigt, von Dietrich Schwanitz, 2001 http://www.amazon.de/Männer-Eine-Spezies-wird-besichtigt/dp/3821808586

    Ich hatte mir das Buch ca. 2005 besorgt, da es einige Male in Zeitschriften besprochen wurde und da Schwanitz eigentlich einen guten Ruf hatte. Allerdings hätte mich schon das Cover, das einen völlig lächerlichen Typ zeigt, warnen sollen. Das Buch selber hätte besser den Titel „Der Mann – das Tier / der Vollidiot“ gehabt, Untertitel: „Frauen sind überirdische Wesen, Männer, nehmt Euch ein Beispiel, sofern euer IQ dazu ausreicht.“ Diese ausführliche Rezension beschreibt meinen Eindruck ganz gut. Nach ca. der Hälfte des Buchs hatte ich genug und habe mit den Rest gespart. Damals kannte ich die Begriffe Misandrie und Sexismus nicht, aber nach meiner dunklen Erinnerung ist mir die systematische intellektuelle und moralische Herabsetzung und wahrheitswidrige Darstellung von Männern sehr sauer aufgestoßen und als solche bewußt geworden.

    Ich habe gerätselt, welche seltsamen Komplexe Schwanitz da wohl verarbeitet hat und wie man einen solchen Selbsthaß haben kann.

  • Ich muss unbedingt meinem Vater sagen wie unglaublich egoistisch es von ihm war meinem Bruder und mir jeweils über 20 Jahre lange das Dach über dem Kopf, die Nahrungsmittel, die Klamotten und Spielsachen sowie die Gesundheitsversorgung und den einen und anderen Urlaub zu finanzieren. Und das schlimmste ist: Mit meiner Mutter verfährt er genauso. Mir ist jetzt klar, dass so nur eine von Grund auf egoistische Person handeln kann! In meinem Freundeskreis haben die Väter sich oft genauso verhalten. Damit ist klar: Männer sind Egoisten.

    Aber du schriebst ja schon:

    „Vom tradierten Männlichkeitsklischee bleiben die negativen Aspekte übrig, seine positiven Aspekte jedoch – das Bild des Versorgers und Beschützers – werden realen Männern entzogen und auf den Staat projiziert.“

    Was woll passiert, wenn der Trend auf dem Arbeitsmarkt sich weiter fortsetzt und in der EU sowie USA und Kanada 3/4 aller neuen Arbeitsplätze an Frauen gehen und dem Staat der große Pool an männlichen Steuerzahler und damit Transferleister für Frauen wegbricht?

    • „Was woll passiert, wenn der Trend auf dem Arbeitsmarkt sich weiter fortsetzt und in der EU sowie USA und Kanada 3/4 aller neuen Arbeitsplätze an Frauen gehen und dem Staat der große Pool an männlichen Steuerzahler und damit Transferleister für Frauen wegbricht?“

      Vermutlich wird dann eine Art neoliberale Kompensationsverpflichtung für Männer eingeführt werden, an der Gesellschaft teilzuhaben. Getreu dem Motto „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.“ könne es – so die weitrführende Argumentation – ja schließlich nicht sein, daß Männer Teil der Gesellschaft sind, ohne dieser Gesellschaft dafür etwas zurückzugeben. Diese Kompensation kann dann durch Arbeit oder auch monetär erbracht werden, so daß Männer wie Leibeigene leben – freilich der Gemeinschaft verteilenden Gesellschaft gegenüber, der sie als Miglieder verpflichtet sind, nicht etwa einer einzelnen Person gegenüber. Die Begründung dafür wird dann vermutlich so aussehen, daß man einem Mißbrauch der Menschenrechte vorbeugen wolle. Schließlich könne eine Gesellschaft, die fortbestehen wolle, solche Rechte nicht an solche Menschen vergeben, die sie nur auszehren.

      Das ist natürlich nicht mein Standpunkt, sondern eine Spekulation über eine Begründung meines feministischen Gegners. Denn diese Begründung wandelt offenbar Menschrechte begrifflich in Verdienste um.

  • Starker Artikel, Lucas, der ein sperriges Thema beschreibt.

    Im Nachhinein fragt man sich, wie man solchen Unsinn überhaupt mit unterstützen konnte. Ich war ja auch so einer, damals, wenn auch schon seinerzeit kritisch dem ganzen gegenüber eingestellt.

    Und nun haben wir den Salat von egozentrischen Narzisstinnen nebst 'Alys' angerichtet und via Medien wie „Cosmopolitan“, „Petra“ usw., damals wie heute, servil serviert.

    Ich frage mich bis heute, welche Faktoren dafür ausschlaggebend waren, so in den 70-ern. Zu schreiben, dass es mit den K-Gruppen angefangen hat, von frustrierten Frauen fortgeführt wurde, dürfte zu banal sein, als das man es als Ursache heutiger Zustände begreifen könnte.

    Du hattest ja zurecht diese Stalkerin Svende Merian erwähnt. In diesem Kontext und im Rahmen ihres damaligen Bucherfolges kam ja so einiges im Schlepptau daher:

    – „Der Mann, ein Fehlgriff der Natur“
    – Die das aufgreifende A.S. „Emma“
    – Fast alle Frauenzeitungen und Medien
    – Quoten bei der SPD für Frauen
    – Die Scheidungsrechtsreform
    – etc.pp.

    Ich denke nicht, dass die sich alle auf theoretische Konstrukte berufen haben, sondern diese allenfalls als Referenz und 'Beweis' für ihre bewusste Abwertung heranzogen. Frei nach dem Motto: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass alle Männer roh, bösartig, debil, unterdrückend und was weiß der Himmel noch sind.

    Darauf berief man sich und nutzte es im Sinne der oben genannten Strichpunktaufzählung in einer üblen Polarisierungs-Melange, die alles zementierte und als Wahrheit definierte, was denn Mann nur im allzu übelsten Licht darstellen konnte. Jemand nannte es mal zynisch: Das zottelige Nutztier.

    Und was haben wir heute: Gender Studies!

    Eine sich jeder Offenlegung widersetzenden Pseudo-Religion, welche auf Opfer-Thesen dargestellte 'Wissenschaft' abzielt – und dabei nur selbstreferenziell in sich und seinem Milieu daher kommt. Eine Art Perpetum Mobile der Feminismuskultur; nur eben in des Kaisers neuen Kleidern.

    Und nun regt sich Widerstand und es bedarf solcher feministischen Kinderbücher, wie „Weil ein #Aufschrei nicht reicht“ bzw. vorauseilenden Justiz- und Familienministern, die eilfertigst am Konstrukt des Feminismus 4.0 mitarbeiten.

    Persönlich denke ich nicht, dass das noch große Akzeptanz in der Bevölkerung finden wird – stelle aber fest, dass die Mechanismen ähnlich den oben aufgezählten gleichen. Und ist ein Gesetz z.B. erst mal gegossen, medial in den Mainstream-Medien bejubelt, dann steht es da wie festgenagelt für Jahrzehnte.Man braucht sich nur dieses eindimensionale Gewaltschutz-Thema oder den Straftatbestand der Vergewaltigung bzw. den des Exhibitionismus anzusehen.

    Wenn auch des Schamblattes halber geschlechterneutral formuliert, so dennoch auf ein Täter-Opfer-Schema fixiert. bei dem die Geschlechterrollen ganz klar unterschwellig vorgegeben, antrainiert und umgesetzt werden.

    Keine gute Entwicklung in diesem Land.
    MGTOW und Men on Strike belegen das.

    Danke an dich und auch an djadmoros, dass ihr euch dieses komplexe Werk Kucklicks angetan habt. Das ist wirklich eine verneigenswerte Leistung.

    Mit vielen und besten Grüßen
    Emannzer

  • An Theweleits „Männerphantasien“ habe ich auch gedacht. Dann hatte ich aber den Eindruck, dass die Stoff für einen eigenen Text sind, und dieser Text hier war ohnehin schon sehr umfassend.

    Abgesehen von Flashbacks auf Texte, die einmal Kulttexte – und in manchen Milieus auch Pflichttexte – waren, kam es mir jetzt vor allem darauf an, einmal zu überlegen, wie sich eine Situation wie unsere heutige eigentlich entwickeln konnte. Dafür finde ich Kucklick eine sehr gute Grundlage. Die Texte, oder auch Lieder und Filme aus den Achtzigern sind heute fremd, seltsam, und vor allem: sehr langweilig. Das Ressentiment, das sich in ihnen ausdrückt, hat sich aber eher intensiviert – darin sind sie nicht veraltet.

    Ich glaube, dass es wichtig ist, angesichts der ungeheuer schnell wechselnden Aufregungen – Wizoreks Buch wird von Maskus belagtert! Shirtgate! Hollaback! Aufschrei! Rape on Campus! etc etc. – zu versuchen, auch einmal etwas längere Geschichten zu erzählen, die das gegenwärtige Geschehen in größere Strukturen einbinden können.

  • In der Moderne, auf die sich Kucklick konzentriert, kommen in meinen Augen zwei wichtige Änderungen hinzu.

    Die „Minne“, die ja gerade von der Distanz zur Angehimmelten lebte, mündet in eine bürgerliche Paarbeziehung. Die Distanz, die für eine Idealisierung der Geliebten wichtig ist, wird nun gewissermaßen imaginativ aufgebaut – in der Aufladung „der Frau“ mit Sehnsüchten, Erlösungshoffnungen, aber natürlich auch mit weniger idealisierenden Unterstellungen (das „reine Herz“ lässt sich auch schnell als etwas simpel und beschränkt darstellen).

    Damit bekommt die Liebe eine Funktion, für die sie bemerkenswert ungeeignet ist – die eines Religionsersatzes. Nachdem der Glaube an eine festgefügte göttliche Ordnung nicht mehr überzeugend zu halten ist, übernimmt nun die Liebe eine Erlösungsfunktion.

    Anstatt pragmatische, ökonomische Motive zu bedienen, soll die Partnerwahl jetzt also auch noch ins irdische Paradies führen. Insgeheim hat sich das, so mein Eindruck, weiträumig bis heute gehalten – obwohl eigentlich klar ist, dass eine so konstruierte Partnerschaft nicht gut gehen kann.

  • Von Farrell ist ja gerade das als „männliche Tragödie“ bezeichnet worden: Die Art, wie der Mann als Versorger der Familie seine Liebe ausrücke, distanziere ihn zugleich von denen, die er liebe. Das merkt er dann spätestens, wenn es nach Trennungen ums Sorgerecht geht und er verstehen muss, dass er sich eigentlich nie um seine Kinder gekümmert habe.

    Wenn tatsächlich Frauen einen größeren Teil der Erwerbsarbeit übernehmen, ist das eigentlich eine gute Möglichkeit, an solchen – nicht nur für Farrell: tragischen – Verhältnissen etwas zu ändern. Aber dazu wäre wichtig: was für Arbeitsplätze sind es? Reicht der Verdienst dazu, zur Versorgung der Familie substanziell beizutragen? Was ändert sich bei der Arbeit der Männer? Was ändert sich im Kindschaftsrecht, und in der entsprechenden Rechtsprechung? Irgendwie habe ich Zweifel, dass die positiven Potenziale, die sich für Männer aus der Situation ergeben könnten, auch tatsächlich entfaltet werden…

  • Danke für den Tipp!

    Das ist überhaupt einer der wichtigsten Punkte bei Kucklick: Die Feindschaft gegen Männer ist in seinen Texten vor allem auch – eine Feindschaft VON Männern. Anstatt dass man Männerfeindschaft als etwas typisch Feministisches wahrnehmen könnte, erscheint es bei ihm eher so, dass feministische Misandrie sich aus einer großen Grabbelkiste voller Klischees bedient, die schon seit Jahrhundert sehr engagiert vor allem von Männern angefüllt wird.

  • Danke für den Kommentar zu den Texten!

    Ich halte es auch für zu einfach, schlicht von einer Ideologie „frustrierter Frauen“ auszugehen – allein schon, weil das den wesentlichen Anteil von Männern an der Männerfeindschaft kaschiert. Der SPD-Slogan von der menschlichen Gesellschaft, die weniger männlich wäre, stammt z.B. von Erhard Eppler – der darauf ganz besonders stolz war.

    In meinen Augen gehört die Entwicklung der achtziger und neunziger Jahre eher in den Rahmen einer starken Verbürgerlichung ehemals rebellischer, oder sich rebellisch gebender Impulse. Eigentlich hatten schon die berühmten 68er Impulse aufgegriffen, die in den 50er Jahren – in der Musik, in Filmen, in der „Halbstarken“-Kultur – noch in eine eher proletarische oder kleinbürgerliche Jugend gehörten.

    Der populäre Feminismus überführt das dann endgültig in einen Kult einer sehr bürgerlich geprägten Nabelschau – die unglaubliche Geschwätzigkeit des Merian-Textes oder der Erfolg feministisch inspirierter Ratgeber sind ein gutes Beispiel dafür.

    Dass Arne im „Tod des Märchenprinzen“ Heimkind war, ist daher vielleicht gerade deshalb wichtig, weil es dort zwar erwähnt wird, aber dann keine Rolle mehr spielt. Es ist ein Signal, dass soziale Unterschiede im Vergleich zu Geschlechterunterschieden eigentlich unwichtig seien.

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