Zwischen Hetze und Liebedienerei

Ein Kommentar zur SWR2-Sendung Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf
 
Ein Blogger aus einem obskuren Blog fabuliert über die „gesellschaftspolitischen Gefahren des Frauenwahlrechts“ – ein Experte beichtet über eine politische Bewegung, die von „Feindseligkeit (…) gegenüber Frauen, Weiblichkeit und insbesondere gegenüber dem Feminismus und der Frauenbewegung“ geprägt sei – und Ausschnitte aus einer Veranstaltung des Magazins Compact sind von Sirenen unterlegt. Dazwischen der Titel der Sendung: Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf, geschrieben von Nina Marie Bust-Bartels.
Schon der Beginn dieser Hörfunksendung, die bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird, kreiert den Eindruck eines Bürgerkrieges. Offenkundig gewaltbereite Männer würden gegen Feministinnen, ja gegen alle Frauen entschlossen in die Schlacht ziehen, um die Fortschritte der letzten Jahrzehnte wieder zunichte zu machen.
Dass eine solche ressentimentgeladene, holzschnittartige Freund-Feind-Darstellung von eben dem kriegerischen Ethos bestimmt ist, das sie den politischen Gegnern unterstellt – das kann angesichts der beschworenen Gefahren natürlich keine Rolle spielen.
Dabei ist schon der Titel falsch: Wer eigentlich bezeichnet sich selbst als „Maskulinist“? Oder, anders gefragt: Wer würde schon von „Femininistinnen“ reden?
Mit diesem Bild illustriert der SWR auf seiner Homepage seine Sendung Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf. Es ist kaum vorstellbar, dass eine Sendung über Feministinnen ähnlich bebildert würde.
Ein nackter Oberkörper, rasiert, glänzend, muskulös – ganz das Bild eines starken, selbstverliebten Mannes, der sich allerdings absurderweise selbst als Opfer wahrnimmt. Immerhin passt das Bild zur Sendung: Es zeigt gleichsam einen Torso und lässt alles weg, was hier gerade nicht von Interesse ist.
Vor allem aber stehen keine kriegerischen Auseinandersetzungen an. Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich allerdings etwas ganz anderes verändert: Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

 
Angst vor der Vielfalt und Sehnsucht nach einfachen Fronten Ein Motor dieser Entwicklung war die Erfahrung Tausender von Vätern, die aufgrund geschlechtsspezifischer rechtlicher Benachteiligungen willkürlich von ihren Kindern getrennt wurden.
 
Es äußern sich Männer, die Opfer häuslicher Gewalt wurden und zugleich erleben, dass sie in offiziellen Darstellungen zu diesem Thema, bloß weil sie Männer sind, allein als Täter in Frage kommen.
 
Männer und Frauen weisen darauf hin, dass Jungen an den Schulen offenkundig große geschlechtsbedingte Nachteile erleben.
 
Männer und Frauen diskutieren gesundheitspolitische Nachteile von Männern, sie fragen, warum Männer so viel häufiger als Frauen obdachlos werden oder Selbstmord begehen – und ob es dafür auch soziale Ursachen gibt.
 
Männer und Frauen stellen offen die Frage, was es eigentlich mit „linker“ Politik und mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat, wenn die Familienministerin eine Frauenquote in Aufsichtsräten als oberste Priorität ihrer Politik vorstellt, von der nur eine kleine Handvoll ohnehin schon privilegierter Frauen profitiert.
 
Die Fantasie einfacher Frontverläufe zwischen herrschenden Männern und unterdrückten Frauen ist nicht mehr überzeugend – wenn sie es denn überhaupt jemals war. Das aber kann Bust-Bartels offenbar nicht akzeptieren.
Natürlich leben Männer (ebenso wie Frauen) in ganz unterschiedlichen sozialen Positionen, und sie haben völlig unterschiedliche politische Ziele. Natürlich äußern sich auch Männer, die ihre Kritik brachial formulieren, die sie mit Frauenfeindlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit verbinden. Immerhin haben sich viele andere mit der brachialen Rhetorik und der politischen Haltlosigkeit dieser Positionen längst auseinandergesetzt und sich davon klar distanziert. Das Blog maskulist.de beispielweise, aus dem die Sendung zu Beginn zitiert, ist politisch isoliert und seit 2011 inaktiv. Das verschweigt die Autorin, wie so vieles andere.
Über die Ziele dieser vielfältigen Bewegung hätte Bust-Bartels sich leicht informieren können, wenn sie es nur gewollt hätte. Sie weiß um diese Vielfalt, erwähnt sie aber nicht.
 
Stattdessen konzentriert sie sich auf wenige Aspekte, die sie für die Fantasie eines Bürgerkriegs braucht: Sie zitiert ausführlich aus einem einzigen Forum, wgvdl.com, das tatsächlich längst im eigenen Saft schwimmt und nach außen hin kaum Wirkung hat – sie erweckt den Eindruck, Thilo Sarrazin sei mit einigen primitiven Räsonnements zu steinzeitlichen Männern und Frauen repräsentativ für die „Maskulinisten“ – und sie verlässt sich ohne alle kritische Distanz auf einige Autoren, die sie als „Experten“ präsentiert.
 
 
Warum journalistisches Ethos unwichtig ist, wenn man gute Experten hat
„Wenn ich in einer privilegierten Position bin und einen Teil meiner Privilegien abgeben muss, dann führt das dazu, dass ich mich extrem benachteiligt fühle.“
So erklärt Hinrich Rosenbrock, einer von diesen Experten, die wachsende Beteiligung von Männern an geschlechterpolitischen Diskussionen. Ob Trennungsväter ohne Kinder, Obdachlose, Gewaltopfer oder Selbstmörder – alle leiden aus dieser Sicht bloß unter dem Verlust ihrer Privilegien.
Das setzt den Ton für die gesamte Sendung: Eine „männliche Opferideologie“ hätten Männer entwickelt, und diese Formulierung Rosenbrocks übernimmt die Erzählerin wörtlich und distanzlos. Rolf Pohl, ein anderer der Experten, redet davon, dass Männer sich als Opfer gerierten. Männer würden sich als „Opfer der Emanzipation“ präsentieren oder als „Opfer einer von ‚den Frauen’ dominierten Welt“.
Die Erzählerin fragt treuherzig: „Wie kommen Maskulinisten zu dem Schluss, Männer seien das eigentlich benachteiligte Geschlecht?“ – kommt dann aber selbst überhaupt nicht auf die Idee, einmal zu überprüfen, ob es nicht tatsächlich in einigen Bereichen Nachteile für Männer und Jungen geben könnte.
Einzige Ausnahme: Dass Väter menschen- und grundrechtsverletzend aus der Sorge für ihre Kinder ausgeschlossen wurden und noch immer rechtlich deutlich benachteiligt sind, erwähnt die Autorin kurz in der harmlosen Formulierung, dass „Männer bei Sorgerechtsstreitigkeiten lange den Kürzeren“ gezogen hätten. Das aber relativiert sie sogleich und beflissen mit dem Hinweis, dass Männer doch die meisten gesellschaftspolitischen Machtpositionen besetzen würden. In diesem Zusammenhang darf dann natürlich auch der irreführende Hinweis nicht fehlen, dass Männer 22 Prozent mehr verdienen würden als Frauen.
Es geht es also überhaupt nicht darum zu überprüfen, ob Männer oder Jungen tatsächlich in einigen Bereichen benachteiligt sind oder nicht – es geht allein darum, dass Männer doch, bitteschön, SO nicht über sich selbst reden und nachdenken sollen.
 
Es geht nicht um eine Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten, sondern um die Aufrechterhaltung längst überlebter Geschlechterklischees: Ein Mann jammert nicht.
Dass Männer nach vielen Studien in gleichem Maße Opfer häuslicher Gewalt werden wie Frauen, tut der Wissenschaftler Hinrich Rosenbrock mit einer auffällig unplausiblen Äußerung ab:
„Wenn man sich die Studien genauer anschaut, dann ist das eine Erfassungsmethode aus den USA kommend, die kennt zwei Kodierungen, die kennt Null, es gibt keine Gewalt und die kennt Eins, es gibt Gewalt.“
Die Studien würden „einen bösen Blick genauso wie eine Vergewaltigung“ gewichten.
Nicht einmal die offensichtliche Unwahrscheinlichkeit dieser Äußerung veranlasst Bust-Bartels zu kritischen Nachfragen – ebenso wenig wie die Tatsache, dass Rosenbrock überhaupt nicht verrät, auf welche „Erfassungsmethode“ er sich eigentlich so vernichtend bezieht. Selbst journalistischen Laien müsste auffallen, dass hier irgendetwas nicht stimmt.
Der Wissenschaftler meint übrigens wohl die Conflict Tactics Scale von Murray A. Straus, deren Sinn gerade die sehr differenzierte Erfassung verschiedener Arten häuslicher Gewalt ist. Was Rosenbrock zudem über die genannten Studien sagt, ist die glatte Unwahrheit. Das hätte Bust-Bartels und ihrer Redaktion beispielweise mit einem kurzen Blick in Bastian Schwithals Studie Weibliche Gewalt in Partnerschaften deutlich werden können – oder mit einem Durchblättern des über 700 Seiten starken Handbuchs Familiäre Gewalt im Fokus von John Hamel und Tonia L. Nichols, das als Übersetzung aus dem Englischen die deutsche Diskussion auf den Stand der amerikanischen Ergebnisse zum Thema bringen kann.
Doch eine solche Überprüfung zumindest der unwahrscheinlichsten Aussagen kommt für die SWR-Journalisten ganz selbstverständlich nicht in Frage. Stattdessen übernehmen sie ungeprüft Darstellungen wie die, dass „Maskulinisten die online-Kommentarspalten gezielt entern“. Das unterstellt unbelegt Absprachen, die es nicht gibt, und verschleiert, dass viele Männer – und auch Frauen – sich aus ganz eigenem Antrieb an den Diskussionen beteiligen.
 
Zudem bedient sich die Metaphorik des „Enterns“ abermals der Kriegslogik, die diese Sendung doch eigentlich den „Maskulinisten“ unterstellt. Die Kommentarspalte ist eigentlich UNSERE – aber DIE entern sie gewaltsam.
Hinrich Rosenbrock wird übrigens von einer ehemaligen Freundin öffentlich der häuslichen Gewalt beschuldigt – obwohl das unmittelbar zum Thema gehört, ist es verständlich, dass das im Sinne der Unschuldsvermutung  nicht erwähnt wird. Anderen gegenüber aber ist solch eine Zurückhaltung natürlich nicht für nötig. Es sei auffällig, so Rosenbrock selbst nicht ohne Perfidie über seine politischen Gegner,
„wie viele nach eigener Darstellung Ex-Partnerinnen haben, die in Frauenhäusern leben oder gelebt haben.“
Munter-suggestiv, aber ohne jeden Beleg werden die „Maskulinisten“ als gewalttätig, als Frauenschläger hingestellt.
 
Warum Männer Täter sind – gerade dann, wenn sie Opfer sind Diese Unterstellung der Gewalttätigkeit durchzieht die gesamte Sendung. In unterschwelligen Unterlegenheitsgefühlen gäbe es gar, so Rosenbrock, „ziemlich starke Parallelen (…) zwischen Antifeminismus und Antisemitismus.“
Diese antisemitischen Unterlegenheitsgefühle gab es durchaus: als sozialen Neid und als Bildungsneid gegenüber Juden, die in der Zeit der Judenemanzipation oft beeindruckende soziale und Bildungs-Aufstiege gestalten konnten – auch als sexuellen Neid, der sich im brutalen Klischee des „geilen Juden“ ausdrückt – und all dies grundiert von einem jahrhundertealten religiösen Neid auf das „auserwählte Volk“, auf „Gottes erste Liebe“ (Friedrich Heer).
Diese schließlich massenmörderische Dynamik alter und uralter Ressentiments setzt Rosenbrock nun tatsächlich gleich mit den Beschwerden von Vätern, die aufgrund geschlechtsbedingter Nachteile ihre Kinder nicht mehr sehen können – oder mit Widersprüchen von Männern, die Opfer häuslicher Gewalt sind und die sich dagegen wehren, in offiziellen Kampagnen auch noch als Täter hingestellt zu werden.
Für Antisemitismus interessiert sich der Wissenschaftler also überhaupt nicht, und er kennt sich damit wohl auch kaum aus. Ihn interessiert der Antisemitismus eben gerade so weit, wie er ihn zur Diffamierung politischer Gegner gebrauchen kann. Auch hierin folgt ihm die Autorin mit ihrer Redaktion völlig distanzlos.
Ebenso unkritisch präsentiert die Sendung auch Thomas Gesterkamp, der feminismuskritische Männer mit dem norwegischen Massenmörder Anders Breivik vergleicht – schließlich sei auch Breivik Antifeminist gewesen. Mit dieser Logik wäre dann übrigens jeder, der schon einmal den Kommunismus kritisiert hat, irgendwie wie ein Nazi – immerhin war ja auch Hitler glühender Antikommunist.
Selbstverständlich unerwähnt bleibt, dass Breivik nicht nur vom soldatischen Mann geträumt hat, der sich bedenkenlos opfert – für ihn stellt das Töten von Menschen auch nur dann ein Problem dar, wenn diese Menschen weiblich sind. Es ist eben dieses Männerbild des disposable male, des heroisierten, aber auch rundum verfügbaren Wegwerf-Mannes, das seit Jahrzehnten von männerbewegten Männern – und Frauen – scharf kritisiert wird.
In der Fixierung auf den kriegerischen Mann und der Gleichgültigkeit gegenüber realen männlichen Leiderfahrungen hat die Sendung also sehr viel mehr mit dem Geschlechterbild Breiviks gemein, als es ihren Verantwortlichen recht sein kann.
Sie findet dann jedenfalls eine leichte Erklärung für die „männliche Opferideologie“, und eine Erklärung zudem, die bequemerweise keinen Blick auf soziale Realitäten erfordert. „Maskulinisten“ würden nämlich
„die angebliche Unterdrückung der Männer mitverantwortlich (machen) für deren Gewaltausbrüche“.
Bei diesem Satz steht dann endgültig in Frage, ob sich in den SWR-Redaktionen eigentlich irgendjemand dafür verantwortlich fühlt, noch einmal zu kontrollieren, welche Formulierungen denn so über den Sender gehen. „Deren Gewaltausbrüche“, das sind hier die Gewaltausbrüche der Männer – und wenn Männer über eigene Leiderfahrungen sprechen, dann täten sie das angeblich nur, um ihre Gewalt zu legitimieren und zu verschleiern.
Trotz alldem stellt es Bust-Bartels als verwunderlich dar, dass es Männer gibt, die ihre öffentliche Darstellung als „politische Hetze“ empfinden. Zum Glück ist die Medienlandschaft insgesamt tatsächlich offener geworden, und massenmediale Darstellungen zu geschlechterpolitischen Themen sind heute oft differenzierter und weniger einseitig, als sie es noch vor wenigen Jahren waren. Aber so, wie hier die Verantwortlichen über Männer reden, würde wohl über keine andere Gruppe von Menschen öffentlich geredet werden.
Was etwa würde wohl in einem öffentlich-rechtlichen Sender geschehen, der eine Sendung mit der kranken Kernthese produziert, dass Türken in Deutschland nur über eigene Leiderfahrungen sprechen würden, um die für sie angeblich typischen Gewaltausbrüche zu legitimieren? Wer eine solche Sendung auch nur ernsthaft planen würde, würde (hoffentlich und) zu Recht erhebliche Schwierigkeiten bekommen.
Der SWR aber produziert eine eben solche Sendung und strahlt sie gleich mehrmals bedenkenlos aus.
Dabei sind die politischen Positionen, die so diffamiert werden, nicht kriegerisch, sondern zivil. Es ist weithin Konsens, geschlechtsbedingte Nachteile von Frauen und von Männern, von Jungen und von Mädchen gleichermaßen abzulehnen.
 
Für diese umfassend antisexistischen Positionen sind Hinrich Rosenbrock, Rolf Pohl oder Thomas Gesterkamp etwa in derselben Weise Experten, in der schon Franz-Josef Strauß ein Experte für sozialistische Theoriebildung war: Sie sind verbissene politische Gegner, die eben gerade nur das wahrnehmen, was sie zur Rationalisierung ihrer Gegnerschaft brauchen.
Die Sendung folgt dem ohne alle journalistische Distanz, weil sie offenkundig gerade dieselbe politische Agenda hat wie die „Experten“ der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung (Gesterkamp) und der grünen Heinrich Böll Stiftung (Rosenbrock).
Zur einen Seite hin also Hetze gegen Bürger, die diese Hetze auch noch selbst finanzieren müssen – zur anderen Seite hin ebenso bedenkenlose politische Liebedienerei: Die Sendung wirkt, als würden sich Bust-Bartels und der ganze SWR um den Karl-Eduard von Schnitzler-Gedächtnispreis bewerben.
Interessant ist aber auch: Hetzerische Sendungen wie diese oder die von Rolf Homann, scheinbar wissenschaftliche Texte wie die von Thomas Gesterkamp, Hinrich Rosenbrock oder Robert Claus, nun bald eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Claus, Gesterkamp,  Andreas Kemper und Michael Seemann, der „Maskus“ öffentlich als „menschlichen Abschaum“ beschimpft und dafür als Experte bei der Abschlussdiskussion „Solidarität, Schutz und Spielregeln“ zum „politischen Handlungsbedarf“ teilnimmt
 
– all dies nimmt rapide zu, seitdem es auf männerrechtlicher Seite viel mehr gibt als wgvdl.com.
 
Die Hetze richtet sich nicht gegen die, die selber hetzen – sondern gegen eine Entwicklung, in der Kritik auf langsam wachsender Basis sachbezogen und klar geäußert wird.
 
Hinter dieser Hetze steht nicht die Angst vor dem Krieg – sondern die Angst vor der friedlichen, offenen Diskussion.

Merseburger Zaubersprüche – Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß als Erzieher

Dass eine Autorin dazu auffordert, ihr eigenes Buch bei Amazon positiv zu besprechen und negative Bewertungen als „nicht hilfreich“ abzuwerten, ist ja eigentlich schon ungewöhnlich. Dass ein deutscher Professor versucht, aus einem solchen Verhalten eine umfassende politische Aktion zu machen, ist noch seltsamer.
 
Heinz-Jürgen Voß,  Professor für „Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung“ an der Universität Merseburg, hat das gerade getan. In einem Brief  an „Liebe Freund_innen, liebe Kolleg_innen“ schreibt er dagegen an, sich im Netz von „Maskulinisten und anderen extremen Rechten“ Diskussionen aufdrängen zu lassen, und ruft zu „emanzipatorischen Kommentaren und Rezensionen“ bei Amazon auf.
„Auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen kauft mensch dort zwar keine Bücher. Dennoch beeinflusst Amazon stark die Sicht auf Bücher. Daher: Lasst uns dort jeweils ein Profil haben und jeweils wöchentlich zwei Bücher positiv oder negativ besprechen. Dazu reicht ein Dreizeiler völlig aus. Das wirkt den häufig schlechten Bewertungen linker und emanzipatorischer Bücher entgegen.“
Diese öffentliche professorale Aufforderung, politisch unliebsame Texte organisiert abzuwerten und politisch opportune entsprechend hochzupunkten, kann als erfrischend oder auch als unseriös empfunden werden. Dreizeiler jedenfalls sind dafür sehr praktisch, weil sie für die Rezension eines Buches keine vorherige Lektüre erfordern, bloß seine politische Ausrichtung sollte halt bekannt sein. Michael Klein bemerkt spitz:
„Natürlich kommt Voß keinen Moment auf die Idee, dass die schlechten Bewertungen ‚linker und emanzipativer Bücher’ etwas damit zu tun haben könnten, dass die entsprechenden ‚linken und emanzipativen Bücher’ schlecht sind.“
Wie auch? – Diese Bewertung wäre nach Voß’ Kriterien ein Widerspruch in sich.
Nur Laien denken, hier wäre leicht zu unterscheiden, wer von diesen beiden Menschen schwanger ist.
Auf Voß‘ Positionen reagieren überhaupt Menschen gleichermaßen ablehnend, die ansonsten eigentlich gar nichts miteinander gemein haben. Akif Pirinçci wurde gerade wegen Beleidigung verurteilt, gegen den Blogger Kirk läuft ein entsprechendes Verfahren.  Aus einer völlig anderen Richtung und in ganz anderer Stillage schreibt Felix Riedl in einem langen und sehr lesenswerten Text  über ein Buch zur Beschneidungsdebatte, das Voß mit zwei anderen Autoren verfasst hat:
„Dankenswerterweise ist das Buch so kurz gehalten, dass man alle falschen Sätze darin rasch abgeschrieben hat – und das sind ungefähr alle.“
Und:
„Die drei Autoren haben es geschafft, auf 90 Seiten Adorno/Horkheimer und Foucault für ihren Aufklärungsverrat als Geiseln zu nehmen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses durchsichtige, zynische Manöver nicht nur Laien auffällt, sondern auch der akademischen Kaste, an die sich der Band richtet (…)“
Was hat der junge Professor eigentlich an sich, dass er aus solch verschiedenen Richtungen solche Ablehnung auf sich zieht? Ihm selbst jedenfalls wird sie womöglich ganz recht sein, weil er sie als Beleg dafür verbuchen kann, dass eine linke und emanzipatorische Politik in diesem Lande mit heftigen Widerständen zu kämpfen hat.

Ich habe mir einmal einen Text näher angeschaut, den Kirk bereits verrissen hat – ein Interview, das Voß Liz Weidinger vom Magazin Fluter  gegeben hat. Dieses Magazin nämlich wird von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und liegt in Schulen frei aus. Es bietet also die Möglichkeit, nach dem pädagogischen Nutzen von Voß’ Positionen zu fragen.

 
Ruhig, gelassen und ohne Aggressionen natürlich, wie das ja eh so meine Art ist.

 
Warum es, trotz allem, Unterschiede zwischen Füchsen und Raben gibt Voß stelle, so Weidinger einleitend,
„die grundlegende Auffassung in Frage, dass es zwei biologische Geschlechter gebe. Außerdem glaubt er nicht, dass es biologische Gründe dafür gibt, mit welchen Menschen man Sex haben will. Voß stellt damit in Frage, was für die meisten als selbstverständlich gilt.“
Nun: Dass sexuelle Vorlieben auch kulturell geformt sind, das bestimmte Schönheitsideale Menschen über die Medien regelrecht anerzogen würden – das ist eine weit verbreitete, weithin selbstverständliche Meinung, die fast nirgendwo in Frage gestellt wird. Von Voß selbst schon gar nicht. Wesentlich interessanter wäre es eigentlich, wenn der Biologe Voß einmal nachweisen würde, wie diese kulturellen Formungen auf biologische Gründe zurückgeführt werden können – oder wie Kultur und Biologie zusammenspielen.

Stattdessen verwirft er auch noch das, was die meisten der menschlichen Biologie zuordnen würden, nämlich die Zweigeschlechtlichkeit – also die Aufteilung von Menschen in Männer und Frauen, die nach biologischen Kriterien unterscheidbar seien,

In einem anderen Interview mit der evangelischen Zeitschrift chrismon hat Voß diesen Punkt schon einmal mit einer beeindruckenden Pointe erläutert.

„Bis in die 1920er Jahre sprach man von ­Geschlechtervielfalt. Mit den Nazis kam die Theorie einer weitgehend klaren biologi­schen Zweiteilung (…).“
Die Einteilung in Frauen und Männer ist also nicht bloß eine soziale Konstruktion – sondern gar eine soziale Konstruktion der Nazis! Sicher, das erklärt vieles – ganz überzeugend ist der Gedanke trotzdem nicht, dass Menschen vorher allüberall von einer Vielfalt der Geschlechter sprachen und heilfroh waren, nicht bloß zwei davon zu haben.
Im Fluter-Interview erläutert Voß im Anschluss an Judith Butler, der Begriff „Sex“ für das biologische Geschlecht werde verwendet für
„gesellschaftlich vereinbarte, körperliche Merkmale anhand derer Menschen in Männer und Frauen eingeteilt werden.“
Der Gedanke dahinter ist, dass wir ja beispielsweise auch gesellschaftlich hätten vereinbaren können, Menschen anhand ihrer Schuhgrößen oder der Länge ihrer Ohrläppchen in verschiedene Geschlechter einzuteilen. Die scheinbar so natürliche, auf unterschiedlicher Biologie basierende Unterteilung in Frau und Mann sei also eine soziale Konstruktion.

Das ist nur dann überzeugend, wenn mensch nicht länger darüber nachdenkt. Natürlich sind Geschlechter auch sozial konstruiert, aber soziale Konstruktionen sind nicht beliebig, sondern erfüllen bestimmte Funktionen. Dass Menschen anhand ihrer Sexualorgane verschiedenen Geschlechtern zugeteilt werden, hat offenbar etwas mit der Zeugungs- und Gebärfähigkeit zu tun: Grundsätzlich ist die eine männlich, die andere weiblich. Ihre offenkundige Funktion erfüllen diese sozialen Konstruktionen also auf einer biologischen Grundlage.

Das aber kann Voß nicht akzeptieren.

„Es hat sich gezeigt, dass Fortpflanzungsfähigkeit beim Menschen nicht so verbreitet ist, wie oft angenommen.“
Warum das ein Einwand sein sollte, ist überhaupt nicht klar. Natürlich können komplexe Systeme, die komplexe Funktionen erfüllen, auch fehlerhaft sein. Zudem gibt es überhaupt keine Notwendigkeit, dass fortpflanzungsfähige Menschen sich auch tatsächlich fortpflanzen müssen – dazu fähig sind sie trotzdem, in einer „Komplementarität von Gebär- und Zeugungsfähigkeit“ (Kirk). Männer und Frauen, die sich nicht fortpflanzen, bleiben Männer und Frauen – das bezweifelt außer Voß eigentlich kaum jemand.

Ein Vergleich: Ein Computer, der seine Funktionen nicht erfüllt, weil er nicht angeschaltet ist, bleibt unbestritten trotzdem ein Computer. Wir würden, wenn wir uns überhaupt Gedanken darüber machen würden, so etwas wie „Der Computer ist aus“ dazu sagen – aber gewiss nicht „Mein Computer hat sich in etwas ganz anderes verwandelt“ oder „Wir müssen einen neuen Namen für dieses Gerät finden, der es nicht der binären Logik von Computer oder Nicht-Computer unterwirft.“

Ein möglicher Grund, warum Voß diesen Selbstverständlichkeiten aus dem Weg zu gehen versucht: Wenn Mann und Frau über die Fortpflanzungsfähigkeit bestimmt werden, könnten Fortpflanzungsunfähige als defizitäre Wesen dastehen. 

Sicherlich werden viele Betroffene dieses Gefühl auch haben und mehr oder weniger gute Wege finden, damit zurechtzukommen. Tatsächlich ist es aber keine notwendige Folge des Mann-Frau-Schemas. Für dieses Schema ist es nur notwendig, dass wir im Allgemeinen Männer und Frauen grundsätzlich anhand unterschiedlicher Funktionen in der Fortpflanzung unterscheiden. Dass es in Einzelfällen Abweichungen davon geben kann, stört den Sinn der allgemeinen Unterscheidung überhaupt nicht, und es macht Fortpflanzungsunfähige auch nicht zu bloß halben Männern oder halben Frauen.

Damit erübrigt es sich auch, so zu tun, als ob wir eine klare Entscheidung zwischen biologischen oder sozial-konstruktivistischen Erklärungen treffen müssten: Vernünftige soziale Konstruktionen sind eben die, die den biologischen Gegebenheiten auf vernünftige Weise Rechnung tragen.

Voß aber besteht darauf, dass „auch biologisches Geschlecht und biologische Theorien immer in gesellschaftlichen Zusammenhängen entstehen“. Das ist völlig richtig, aber auch völlig banal. Natürlich müssen wir nicht in die menschenleere Wüste ziehen, um über Biologie nachdenken zu können. Sätze biologischer Theorien werden in einer Sprache formuliert, die weitgehend auf sozialen Konventionen beruht. Sie basieren auf anderen Sätzen, die sozial akzeptiert sind.

Daraus ergibt sich allerdings so gut wie nichts. Dass soziale Konstruktionen für die Formulierung von Geschlechtsunterschieden notwendig sind, führt nicht zu dem Schluss, dass Geschlechtsunterscheide bloß sozial konstruiert und biologische Erklärungen unzulässig sind. Soziale Konstruktionen sind keine Zaubersprüche, die dank einer magischen Kraft der Worte dort etwas herbeizaubern könnten, wo vorher nichts war.

 
Wir könnten beispielsweise auch in langen Diskursanalysen untersuchen, wie unterschiedlich Füchse und Raben in Fabeln, in Märchen, in Redewendungen, in etablierten Vergleichen und anderen Äußerungen konstruiert werden, wie sie für feste Klischees verwendet werden, wie bestimmte Projektionen menschlicher Eigenschaften auf diese Tiere sich immer wieder wiederholen. Kein vernünftiger Mensch würde aber deshalb auf die Idee kommen, Füchse und Raben seien bloß sozial konstruiert und wiesen keine realen biologischen Unterschiede auf.
 
 
Wie Professor Voß einmal versuchte, Olympiasiege von Frauen zu verhindern Voß aber ist gar nicht so wichtig, dass und wie Geschlechterunterschiede sozial konstruiert sind – ihm ist wichtig, dass sie auch ganz gewiss nichts anderes sind als das. Dass er dabei auf ein Beispiel aus dem Sport zurückgreift, ist besonders ungeschickt.
„Körperliche Merkmale wie Muskulatur werden durch unsere Sozialisation und Lebensweise geformt.“
Das galt beispielweise, um mal ein besonders bekanntes Beispiel zu nennen, für viele Sportlerinnen aus den Ostblockstaaten, deren Muskulatur und männliches Aussehen sehr gezielt durch Lebensweise und soziale Rahmenbedingungen geformt wurden, nämlich durch die systematische Verabreichung männlicher Hormone. Vermutlich glaubt selbst Voß nicht, dass die deutliche Vermännlichung dieser Sportlerinnen allein auf die sozialistische Lebensart und nicht auf Hormone zurückzuführen sei. Trotzdem schreibt er:
„Die Leistungen im Marathonlauf haben sich stark verändert. Während in den 1960er Jahren der Unterschied der Weltbestzeiten zwischen Männern und Frauen bei circa einer Stunde lag, hat er sich mittlerweile auf zehn Minuten reduziert. Hier wird klar welchen Einfluss Trainingsbedingungen, Teilnahmeerlaubnisse und Prestige für Männer und Frauen im Spitzensport haben und wie wenig letztlich durch das Geschlecht vorgegeben ist.“
Tatsächlich zeigt das Beispiel, dass durch Training viel zu erreichen ist – was bei Licht besehen keine große Überraschung ist. Den männlichen Weltrekord hat Dennis Kipruto Kimetto 2014 in Berlin gelaufen (2:02:57). Den Weltrekord bei den Frauen hält noch immer Paula Radcliffe, mit einem Lauf aus dem Jahr 2003 – und einer Zeit (2:15:25), die keine olympische Goldmedaillengewinnerin seit den achtziger Jahren auch nur annähernd erreicht hat.

Ganz offenbar ist, trotz stetiger Forschung an Trainingsmethoden und großem Einsatz von Mitteln, eine biologische Grenze erreicht. Auf diesem Niveau, bei dieser Austrainiertheit der Sportler liegen Welten zwischen der – ihrerseits fantastischen – Zeit von Radcliffe und der von Kimetto.

Das wird noch deutlicher angesichts der Entwicklung der Leichtathletik-Weltrekorde in 23 Disziplinen. Bei Frauen stammt fast die Hälfte der Rekorde aus den achtziger Jahren  – und in jedem Fall ist der Unterschied zwischen Frauen- und Männer-Rekorden erheblich.

Das ist kein vernünftiger Grund für Männer, sich Frauen überlegen zu fühlen – schließlich könnte nur ein verschwindend geringer Anteil von ihnen die Leistungen dieser Rekordhalterinnen einholen. Es bedeutet aber, dass eben die Zahlen, die Voß zum Beleg für seine Thesen anführt, tatsächlich ein sehr starker Hinweis auf das Gegenteil sind – nämlich darauf, dass es offenbar grundlegende biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, die auch durch intensive Bemühungen nicht verschwinden.

Das interessiert Voß nicht: „eine Unterscheidung nach Geschlecht ist meiner Meinung nach nicht tragbar“, behauptet er für den Sport – ungeachtet der Tatsache, dass nicht nur in der Leichtathletik ohne diese Unterscheidung selbst die grandiosesten Sportlerinnen kaum jemals eine Chance hätten, bei großen Veranstaltungen auch nur unter die ersten zehn zu kommen.

Es interessiert ihn ebenso wenig, dass seine Aussage, „dass es für Menschen erst in der Zeit der europäischen Moderne wichtig wurde, sich über ihr sexuelles Begehren zu definieren“, durch ganze Haufen von Gegenbeispielen leicht widerlegt werden kann.

 
Einer Kritik am wissenschaftlichen Gehalt können schließlich in jedem Fall politische Ressentiments unterstellt werden, womit diese Kritik dann auch schon ohne nähere Beschäftigung mit ihr entlarvt wäre. Das brachiale Geholze Pirinçcis macht es dieser Interpretation ja auch leicht – in ihrer Sehnsucht nach klaren Feindbildern und geordneten Frontverläufen sind Voß und Pirinçci ohnehin Brüder im Geiste.

Wie Professor Voß einmal aus Versehen zum autoritären Pädagogen wurde Zwei weitere Konsequenzen sind, angesichts des pädagogischen Umfelds dieses Interviews, vielleicht noch bedenklicher. Die Zeit berichtete 2007 über Ergebnisse des Entwicklungspsychologen Hanns Martin Traubner:

„Männer und Frauen, die früh in eine sichere Geschlechtsrolle gefunden haben, müssen sich nicht mehr ständig ihrer sexuellen Identität durch präpotentes oder püppchenhaftes Gebaren versichern. Sie können sich auch vom Rollenklischee abweichendes Verhalten erlauben. Die klare Vorstellung von der Geschlechterdifferenz und der eigenen Zugehörigkeit ist offenbar eine gute Basis für einen späteren freien Umgang mit Stereotypen.“ (via Alles Evolution)
Das bedeutet: Großzügigkeit gegenüber Differenzen und Vielfalt, sogar Freude daran setzt eine große Sicherheit in eigenen Geschlechtsrollen voraus. Eine Pädagogik hingegen, die eine solche Sicherheit irritieren möchte, die Kindern oder Jugendlichen den Eindruck vermittelt, ihr Gefühl der sexuellen Identität beruhe auf bloß scheinhaften sozialen Konstruktionen – eine solche Pädagogik wird nicht zu größerer Freiheit, sondern zu Verhärtungen von Ressentiments beitragen.

Die allzu selbstverständliche Annahme, eine De-Konstruktion von Geschlechtsindentitäten würde Homo- und Transsexuellen helfen, sie von der Zuweisung der „Unnormalität“ befreien, ist also trügerisch – wahrscheinlich ist, dass sie stattdessen umso schärfere Ausgrenzungsmanöver initiiert. Besser, als Kindern und Jugendlichen ihr Gefühl von „Normalität“ zu zerstören, ist es, ihnen das Selbstvertrauen zu vermitteln, das sie für eine Erweiterung ihrer Vorstellungen von Normalität brauchen.

Pädagogisch in hohem Maße bedenklich ist auch ein zweiter Aspekt der Voß-Positionen. Seine Fixierung auf die soziale Konstruiertheit von Geschlecht und Identität spielt darüber hinweg, dass diese Konstruktionen immer auf etwas Bestehendem aufbauen, dass sie im Rahmen dieses Bestehenden Funktionen erfüllen und dass sie eben für diese Funktionen errichtet werden. Pädagogisch gewendet vertritt Voß einen Tabula Rasa-Ansatz: Der Mensch ist gleichsam ein unbeschriebenes Blatt, in das dann soziale Konstrukte eingetragen werden.

Das entspricht, ohne dass Voß das bewusst oder wichtig ist, dem Menschen- und Kinderbild einer erz-autoritären Pädagogik. Anstatt anzuerkennen, dass alle pädagogische Arbeit nur auf dem aufbauen kann, was das Kind mitbringt, liegt der Fokus autoritärer Pädagogik ganz in der Prägung des Kindes durch andere, die Repräsentanten immer schon bestehende sozialer Normen sind.

 
Ein extremes neueres Beispiel dieser unsinnigen und menschenfeindlichen Pädagogik sind die Boot Camps, deren Betreiber durch Schikane und den Zwang zur Unterordnung Jugendliche zunächst brechen – als würden sie eine Tafel wischen, um auf der leeren Tafel dann ganz neu schreiben zu können. 
Die einfache Einordnung der Kritiker von Voß als homophob, als reaktionär, als herrschaftsdienlich und inhuman lässt sich also nicht halten – eher im Gegenteil. Wenn Voß sich selbst zu „linken und emanzipatorischen Kräften“ zählt, dann benutzt er diese Begriffe als Worthülsen. Dass das, was er sagt, eher in autoritäre als in offene Strukturen passt, und dass sein Ansatz in pädagogischen Feldern Homosexuellen womöglich eher schadet als nützt – das sind allerdings Überlegungen, die sich angesichts der beeindruckenden Selbst-Etikettierung zwangsläufig verbieten.

Dabei hätte Voß selbst wissen können, dass nicht alles so einfach ist, wie es aus seiner Sicht aussieht. Die Forschung seit den neunziger Jahren, auch seine eigene, beschreibt er mit tiefgründigen Worten, die zusammengenommen mein Lieblingszitat von ihm ergeben:

„Man ist einfach – egal in welchem Bereich – auf Komplexität gestoßen.“
Wie auf Öl, irgendwie. So beschreibt der junge Merseburger Forscher die Geschichte der Sexualwissenschaft auf überraschend einleuchtende Weise: Durch die Zeitalter hindurch und bis in die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinein erfreuten sich die Menschen einer bunten Welt voll federleichter Vielfalt – die Nazis zerstörten dann mit ihrer Erfindung der heterosexuellen Matrix diese bunte Welt – bis die Menschen in den neunziger Jahren endlich wieder verstanden, dass Sexualität kompliziert ist.

Wie schön, dass ein deutscher Professor das einmal so klar herausgearbeitet hat.

Sex, Politik, Verleumdung (Monatsrückblick Januar 2015)

Wenn Sexualität und Politik zusammenstoßen, geht das ja meistens für beide nicht gut aus. Der Grüne Jörg Rupp hat   bekanntlich gerade angesichts eines, irgendwie, hochprovokanten Profilphotos mit Rollkragenpullover erregt festgestellt, dass die Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding – was bei Frauen ja nicht unüblich ist – Brüste hat. Ganz außer sich twitterte er die mittlerweile berühmten Worte „muss man sich mal vorstellen: mit Titten und Beinen anstatt Inhalten“
Rupp selbst jedenfalls stellte es sich offenbar sehr intensiv vor: Angesichts von Sudings Pullover dachte er an Brüste, angesichts von Brüsten nicht mehr an Inhalte, fand aber, dass das irgendwie alles allein Sudings Schuld sei. Diesen offenkundigen Sexismus der FDP-Frau wollte er dann eigentlich nur gutmütig anprangern. Rupps Pech war allerdings, dass sich in unserer schnelllebigen Medienwelt niemand für solche hochkomplexen Erwägungen interessiert, schon gar nicht auf Twitter, wo schon für einfachere Gedanken kaum Platz ist.
So geht’s doch auch: Ein Wahlkampf mit Inhalten, der keinen Menschen zum Objekt macht.
So stellte Rupp schließlich fest, dass er sprachlich zwar daneben lag, inhaltlich aber Recht gehabt hätte, erweckte nebenbei den Eindruck, dass die Grünen in Hamburg im Unterschied zu der anderen Partei der Besserverdienenden mit Inhalten gearbeitet hätten  – und beruhigte sich mit der Vorstellung, alles wäre in Ordnung gewesen, hätte er statt von „Titten“ von „Brüsten“ geredet.
Da Suding Rupps entsprechende Entschuldigung gleich angenommen hat, könnte damit dann auch alles erledigt sein – wenn er nicht ausgerechnet im Landesvorstand einer Partei säße, die selbst so unbefleckt, so betoniert unschuldig ist, dass sie es sich unausweichlich zur Aufgabe machen musste, beständig empört auf die moralischen Verfehlungen anderer zu weisen.
Katja Suding macht jedenfalls den Eindruck, dass sie sich gegen Angriffe wie die von Rupp wehren kann. Anders ist das bei Kindern, bei Jungen, die einst Jürgen Trittin als Spitzenkandidat der Grünen – und nicht in einem dahingerotzten Tweet, sondern in einer Bundestagsrede – zum „unbegabteren Geschlecht“ gerechnet hatte. Dies tat er übrigens im Hinblick darauf, dass Jungen in den Bildungseinrichtungen offenkundig erhebliche Nachteile haben. Damals gab es von der grünen Partei keinen Ärger – von Claudia Roth ist stattdessen überliefert, dass sie Trittin beifällig ein „Genau!“ hinterherschickte.
Es ist völlig in Ordnung, sich vom Bundestagspult aus über Kinder lustig zu machen, die erhebliche Bildungsnachteile erleben – aber einen idiotischen Tweet über eine Frau zu schreiben, ist unverzeihlich. Konfusionen wie diese entstehen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit eben dann, wenn Sexualität und Politik kollidieren.

 
Pädokriminelle Machenschaften“, schwule Sexpläne“ –  Zeit für rhetorische Abrüstung
 „Rund 600 linksgerichtete Gegendemonstranten haben am Samstag in Hamburg eine Demonstration von Eltern gegen den Sexualkundeunterricht an Grundschulen behindert und gestört. (…) Die Gegendemonstranten hätten zudem mit Schneebällen, Böllern, Flaschen und anderen Gegenständen geworfen. Eine 15-jährige Teilnehmerin der Eltern-Demo habe dabei eine Kopfplatzwunde erlitten.“
Dass ausgerechnet eine fünfzehnjährige Schülerin verletzt wurde, für deren Recht auf Sexualkunde die Gegendemonstranten doch auf die Straße gegangen waren und engagiert mit Gegenständen geworfen hatten – das macht diese Meldung der Lübecker Nachrichten aus dem Januar natürlich etwas peinlich.
Adrian kommentierte den Lübecker Zwischenfall auf dem Blog gay west:
„Wenn das so weitergeht, werden wir demnächst (vermutlich bei der BILD und auf maskulistischen Foren) lesen können, dass Schwule Kinder attackieren, um ihre Sexpläne mit Gewalt durchzusetzen…“
Für ihn bestätigte dann, wenige Tage später, ein Beitrag des Bloggers emmanzer diese Prophezeihung:
„Eine Minorität von etwa zwei Prozent der Bevölkerung tyrannisiert mit -staatlicher Unterstützung- ein ganzes Land und geht konzentriert auf diejenigen los, welche sich am wenigsten wehren können: Kinder!“
Immerhin entwickelte sich nach diesem Artikel eine lange Diskussion, an der auch Adrian teilnahm und die weitgehend ohne das Werfen von Gegenständen auskam.
Mein Eindruck ist, dass die Diskussion um eine Sexualpädagogik der Vielfalt mit den Schulen selbst eigentlich sehr wenig zu tun hat – sondern dass hier politische Schaukämpfe ausgetragen werden, in denen sich die Beteiligten gegenseitig als Verderber der Jugend hinstellen.
 
Kritiker der Bildungspläne reden von einer „Frühsexualisierung“ – nach Unterrichtserfahrungen mit Sechstklässlern, die bei Sätzen wie „Der Wind bläst um das Haus“ oder „Hol doch mal bitte das Buch runter“ ganz von sich aus in unermüdliches Kichern ausbrechen, kommt mir das etwas weltfremd vor.
Verteidiger der Bildungspläne werfen den Kritikern gar – wie in den Kommentaren zu einem Spiegel-Online-Artikel, beispielsweise in diesem, der über „Pädokriminelle Machenschaften“ fantasiert – reihenweise vor, sie würden nur deshalb keine Sexualaufklärung wollen, um Kinder umso besser sexuell missbrauchen zu können.
Es ist offenkundig höchste Zeit für eine rhetorische Abrüstung. Immerhin: Die taz hat, so berichtet Arne Hoffman gerade auf Genderama, damit schonmal angefangen.
Jetzt könnten auch staatliche Institutionen nachziehen. Der Jüngling berichtete auf seinem Blog  über Materialien der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg. In der kleinen Schrift Same same but different werden dort „Methoden und Materialien zum Thema Geschlechterrollen und Chancengleichheit“ vorgestellt, anzuwenden ab der achten Klasse in der Schule.
„Der gesamte Lehrplan zielt (…) darauf ab, den Jugendlichen klar zu machen, dass Mädchen benachteiligt seien“,
kommentiert der Jüngling. Tatsächlich bringt die Landeszentrale für politische Bildung den Kindern beispielsweise bei, dass Frauen in Deutschland 22% weniger Lohn erhalten würden als Männer. (S. 19)
 
Natürlich stimmt das nicht – die haltlose Rede vom „Gender Pay Gap“ unterstützt allerdings, ganz gegen die offizielle Intention der Materialsammlung, überkommene Geschlechterbilder. Mädchen wird frühzeitig deutlich gemacht, dass sie sich gar nicht auf den Beruf konzentrieren müssten, weil ein Partner dort ohnehin mehr verdienen würde als sie – und Jungen werden frühzeitig die Flausen ausgetrieben, möglicherweise selbst einmal zu Hause zu bleiben und die Kinder zu versorgen: Schließlich werden sie, die doch angeblich um ein Viertel mehr verdienen würden als ihre Partnerinnen, als finanzielle Versorger gebraucht.
 
Was hast Du für ein Problem? Sexuelle Gewalt durch Frauen Ohnehin gab es viele Meldungen im Januar, die gewohnte Frontstellungen durcheinander bringen konnten. Sensationell, aber sehr häufig auch mit einem Unterton sexueller Faszination geschrieben, waren Berichte von vielen Fällen sexuellen Missbrauchs durch Lehrerinnen. „Sexy Lehrerin wegen Missbrauchs angeklagt“, titelte der Berliner Kurier. Focus spekulierte darüber, warum  Lehrerinnen ihre Schüler verführen“, und zitierte einen Experten mit der Aussage, dass immerhin 20 bis 25 % aller Missbrauchstaten von Frauen verübt würden.
Dass weibliche Täterschaft weiterhin ein Tabuthema ist, trägt offenkundig zu ihrer Verharmlosung bei. Eine englische Lehrerin, die ein sexuelles Verhältnis mit einem sechzehnjährigen Schüler hatte, muss nach focusAngaben zunächst nicht ins Gefängnis, damit sie sich „um ihre Familie kümmern kann“. Gegen eine Schweizer Lehrerin, die ein  Verhältnis mit einem siebzehnjährigen Schüler hatte, erstattet die zuständige Schulpflege-Präsidentin keine Anzeige.
„Denn die Lehrerin hat keinen Druck ausgeübt, sondern das Ganze beruhte auf Gegenseitigkeit.“ 
Selbst den Missbrauch eines Dreizehnjährigen durch eine 29jährige sieht der zuständige Staatsanwalt in Wien nicht als so gravierend an, dass er ihn gleich als „Verbrechen“ einstufen wollte.
Die Washington Post berichtete über den Fall eines sechzehnjährigen Jungen, der von seiner 25jährigen Lehrerin missbraucht wurde und der, als der Fall öffentlich wurde, zum Opfer heftiger Attacken und Angriffe wurde: Er habe das Leben dieses armen Mädchens ruiniert. In diesem Fall spielen, wieder einmal, sexistische und rassistische Strukturen zusammen – der Junge ist schwarz, seine Lehrerin ist weiß.
Nach Angaben von Rechtsanwälten gibt es, so die Washington Post, vor Gericht eine deutliche Hierarchie – Missbrauchsfälle mit Täterinnen oder männlichen Opfern würden deutlich milder beurteilt als andere. Das gilt so auch für Deutschland.
Diese Gleichgültigkeit spiegelt sich auch in der Popkultur: Arne Hoffmann verwies auf einen Artikel im Blog Toy Soldier, der den als Erotic Thriller geführten Film The Boy Next Door mit Jennifer Lopez scharf kritisierte: Dort habe eine High-School-Lehrerin ein sexuelles Verhältnis mit einem Schüler, werde aber als dessen Opfer präsentiert, als er sie nach der Beendigung dieses Verhältnisses zu stalken beginnt.
Ähnlich gewinne übrigens auch, so Hoffmann mit einem Verweis auf einen Text von Lisa Ludwig, der aktuelle Riesenhit Fifty Shades of Grey der sexuellen Ausbeutung eines Jungen durch eine Frau einen erotischen Kitzel ab.
Auch in der Pop-Musik findet sich Ähnliches. In dem Hit My Boy singt die walisische Sängerin Duffy beispielsweise über eine Beziehung zu einem sehr viel jüngeren Jungen und verbittet sich die Einmischung anderer („I’m his lover not his mother/Why you starin‘ at each other?/What’s your problem?/I’m not his keeper, I’m his teacher…“ – „Age is a number, don’t steal my thunder“) – in meinen Augen eine Missbrauchshymne, an der sich bislang aber noch niemand gestört hat.
Als „akzeptable Verluste des Feminismus“ hat die amerikanische Seite A Voice for Men einmal bitter die Gleichgültigkeit gegenüber männlichen Opfern sexueller Gewalt und gegenüber weiblicher Täterschaft bezeichnet. Allerdings geht die Verharmlosung solcher Taten keineswegs allein auf das Konto feministischer Interpretinnen.
 
Als vor wenigen Monaten einmal bei Alles Evolution über eine sexuelle Beziehung zweier Lehrerinnen mit einem Schüler diskutiert wurde, interpretierten einige Männer das als eine durchaus willkommene sexuelle Initiation – während unter anderem eine feministische Kommentatorin, „marenleinchen“, darauf bestand, dass das Verhalten der Lehrerinnen sehr problematisch sei. Auch hier geraten gewohnte Frontverläufe also in Unordnung.
Der Kommentarstrang enthielt allerdings auch einen Hinweis auf ein beeindruckendes Video, in dem ein Mann – dabei immer verzweifelter werdend – erklärt, warum die Vergewaltigung eines Mannes saukomisch („hilarious“) sei.
Dass sexuelle Gewalt nicht grundsätzlich männlich und die Erfahrung sexueller Gewalt nicht grundsätzlich weiblich ist, stellten im vergangenen Monat noch mehrere andere Artikel heraus: historisch über die sexuelle Ausbeutung schwarzer Sklaven durch weiße Sklavenhalterinnen, politisch  über die sexuelle Ausbeutung von männlichen Gefangenen durch weibliche Wärterinnen in Gunatanamo.
 
Genderama verlinkte auf einen Film, der bei YouTube die Folter und sexuelle Ausbeutung in Abu Ghraib unter der befehlshabenden Offizierin Carolyn Wood thematisiert – und auf die höhnischen Kommentare, die der Film dafür erhalten hat.
Wie Lucas Schoppe einmal zum Propagandisten wurde Gegenüber diesen Abgründen wirkt die tägliche Gewalt des deutschen Familienrechts unspektakulär – wir haben uns an sie gewöhnt. Katrin Hummel erzählte in der FAZ eine
„wahre Geschichte, die zeigt, was passieren kann, wenn ein Elternteil bei Mitarbeitern des Jugendamts in Ungnade fällt.“
Natürlich ist dieses Elternteil der Vater, der ohne eigenes Verschulden und aufgrund des Agierens eines Jugendamtes – das unter keiner Amtsaufsicht steht – sowie aufgrund fragwürdiger Gutachten seine Tochter nicht mehr sehen darf.
Das Blog Männer- und Väterrechte lieferte reihenweise Beispiele zum selben Thema: Über Mütter beispielweise, die sich öffentlich darüber verständigen, wie sie gegen vorliegende Gerichtbeschlüsse Väter aus der Beziehung zu den gemeinsamen Kindern herausdrängen – oder über Mütter, die den Vater ihrer Kinder verächtlich als „Erzeuger“ präsentieren
Wie verroht diese durchaus übliche Wortwahl ist, kann wohl eine Umkehrung der Geschlechterrollen deutlich machen: Es würde zurecht als „Hate Speech“ dastehen, wenn Kinder in den deutschen Gerichtsroutinen nach Trennungen grundsätzlich bei den Vätern bleiben und Väter sich dann im Internet verachtungsvoll über die „Austrägerinnen“ lustig machen würden.
Gerade gestern entdeckte ich dann etwas, das genau zum Thema passt und mich auch ganz persönlich betrifft. Der Autor und Journalist Malte Welding reiht sich ein in die Gruppe begeisterter Neu-Väter, die es einfach nicht schaffen, ihre Kinder zu versorgen, ohne sogleich auch ein Buch darüber zu schreiben. Welding räsonniert über „das grundlegenste aller Menschenrechte“, nämlich – so die Chinesin Chen Dan – „ein Kind zu bekommen“.

Und: An einer Stelle schreibt er sogar kurz über den „Lehrer Lucas Schoppe“.

Der nämlich habe behauptet, dass es verantwortungslos sei, in Deutschland Vater zu werden, und wird dann von Welding gemeinsam mit Max Erdinger vorgestellt – einem explizit „rechten“ Männerrechtler, den ich in diesem Blog gerade zum ersten Mal erwähne und der sich höhnisch von linken Männerrechtlern abgrenzt: „Schafsböcke, die gegen den Stock anblöken, mit dem sie ins Schlachthaus getrieben werden“.

Weldings Fazit:
„Männer wie Schoppe und Erdinger sind Propagandisten im Geschlechterkrieg. Sie generalisieren ihre privaten Erfahrungen und behaupten, das deutsche Familienecht sei Beute des Feminismus.“
Im Interesse eines geradlinigen Arguments lässt sich Welding nicht groß dadurch stören, dass ich so etwas niemals behauptet habe und mit Antifeminismus wenig anfangen kann. Gerade erst habe ich das Gegenteil geschrieben – dass es nämlich falsch sei, die Zustände im deutschen Familienrecht auf das Konto von Feministinnen zu schreiben und die Verantwortung nicht-feministischer Männer zu übersehen.
 
In dem zitierten Artikel, den ich ganz zu Beginn meiner Blogger-Zeit geschrieben hatte, ging es auch nicht darum, dass ich mich – wie Welding behauptet – „als Opfer darstellen“ wollte. Es ging mir um meine Verantwortung: Ich habe eine Verantwortung gegenüber unserem Kind, unbedingt, die ich auch nicht ablegen kann – ich lebe aber unter Bedingungen, unter denen ich als Vater keine hinreichende Kontrolle darüber habe, ob ich diese Verantwortung überhaupt wahrnehmen kann.
Eine kleine wahre Geschichte: Unser mittlerweile sechsjähriger Sohn fragt mich fast jedes Mal, wenn ich ihn zur Mutter zurückbringe, warum er nicht bei mir bleiben kann. Dass ich ihn zurückbringe, empfindet er – was völlig nachvollziehbar ist – als Zeichen, dass ich ihn nicht gern habe. Ich habe ihm erklärt, dass es nicht meine eigene Entscheidung ist, dass ich die Entscheidung, ihn bei mir zu behalten, auch gar nicht treffen dürfte. Er fragte mich, sehr ernst: „Hast Du auch wirklich alles dafür getan, dass Du es entscheiden kannst?“
In meinem Text ging es um deutsche Verhältnisse, und ihm ist schlimmstenfalls vorzuwerfen, dass er Verhältnisse in anderen Ländern – etwa in Frankreich – idealisiert. Um Feminismus ging es nicht  – das wäre auch sinnlos, schließlich gibt es auch in Frankreich feministische Politik, ohne dass ich die Familienrechts-Verhältnisse dort ähnlich schlimm fände wie die in Deutschland.
Die deutsche Familienrechts-Politik hat jahrelang Menschenrechte verletzt – und sie war nicht bereit und nicht in der Lage, dies selbstständig zu ändern. Eine kleine Änderung wurde erst möglich, als sie durch einen doppelten, massiven Eingriff von außen unvermeidbar wurde: Durch den Eingriff der juristischen Sphäre in die politische und durch den Eingriff der europäischen Ebene in die deutsche, also durch eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs.
So ging es in meinen Text auch nicht um Feminismus oder um Opferolympiaden, sondern um Verantwortung und deren Zerstörung durch „autoritäre Traditionen“. Der mir wichtigste Satz war damals:
„So leben wir noch immer unter Bedingungen, unter denen Gesetzgebung und Rechtssprechung bei Männern wie bei Frauen ausgerechnet das Verhalten züchten, fördern und unterstützen, das den Kindern schadet – und dies ausgerechnet mit dem Interesse am Kindeswohl begründen.“
Welding bewegt sich ganz auf der Linie, der auch Michael Kimmel in seinem Buch Angry White Men folgt: Er gesteht Trennungsvätern ihr ohnehin unübersehbares Leid zu, erklärt es aber empört zum Skandal, wenn diese Väter für ihr Leid auch politische Ursachen beschreiben und es nicht allein als persönliches Problem wahrnehmen.
 
Dabei ist gerade das wichtig: Es ist nicht nur in meinem Interesse, sondern auch in dem unseres Kindes, dass ich politische Konflikte auch tatsächlich als politische Konflikte wahrnehme, anstatt sie beständig und aussichtslos auf der persönlichen Ebene der Elternbeziehung auszutragen.
Es wird aber klar: Wer sich als „linker Männerrechtler“ positioniert, sich von betonierten Geschlechterbildern abgrenzt, wer differenziert, anstatt unterschiedslos auf „Feminismus“ oder „Gender-Wahn“ draufzuschlagen – der hat dafür sicher gute, eigene Gründe.
 
Er kann sich davon allerdings keine bessere oder nicht einmal eine faire Darstellung versprechen – politische Verleumder wie Malte Welding, oder wie Robert Claus in der Friedrich Ebert Stiftung, oder wie Hinrich Rosenbrock für die Heinrich-Böll-Stiftung, oder wie Ralf Homann für die ARD stellen zur Not eben selbst die Verbindungen her, die sie gerade brauchen. Und Max Erdinger kann sich in seinem höhnischen Zynismus durch sie bestätigt fühlen.
 
Wie etablierte Medien ihre Vertrauenswürdigkeit verspielen, erklärte übrigens – dazu passend – der Autor Walter von Rossum in einem Interview bei den nachdenkseiten. Die Kommentare können offenbar, so Gerhard bei geschlechterallerlei,  ohne große Schwierigkeiten differenzierter sein als die Artikel.
Immerhin, von Seiten der FDP gibt es Signale, die institutionelle Blockade gegenüber den spezifischen Anliegen von Männern und Jungen zu lockern –  was für Arne Hoffmann „ihr klügster politischer Schachzug seit langem“ ist.
 
Auch daran zeigt sich, wie gewohnte Fronten in Unordnung geraten und wie hoffnungslos die Perspektive ist, bei „linken“ Parteien Gehör für noch so legitime Anliegen von Jungen und Männern zu finden. Wenn linke Männerrechtler parteipolitisch ausgerechnet mit der FDP Hoffnungen verbinden, ist das möglicherweise weniger eine tragfähige Perspektive als ein Zeichen für Verzweiflung.
 
Es ist jedenfalls ein Witz – aber vielleicht ja ein guter.

Zeit für neue Lieder

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Vierter Teil

 
Nach der Auseinandersetzung mit Kucklicks Position im ersten Teil und den Bezügen von Kucklicks Analysen zu Beispielen aus den achtziger und neunziger Jahren (zweiter Teil) und der Gegenwert (dritter Teil) ist dieser Text nun ein Abschluss. Es geht darum, welche Konsequenzen sich aus Kucklicks Text für gegenwärtige Debatten ergeben können.
 
 
In den Kommentaren  zum vorangegangenen Artikel zitiert Stefan W. einen Satz aus dem Buch, der Kucklick unmittelbar anschließt an ein Konzept von Warren Farrell: das des disposable male, des rundum verfügbaren Mannes, oder auch – des Wegwerf-Manns. Über die Beschneidung schreibt Kucklick, schon ein Junge habe lernen müssen,
„dass sein Körper nicht ihm selbst, sondern dem Kollektiv gehört“. (324)

Kennzeichnend für die moderne Gesellschaft sei der Druck, für ganz unterschiedliche Funktionen – in unterschiedlichen Berufen, gegenüber den Institutionen – nutzbar zu sein und die eine Verfügbarkeit auch organisieren zu können. Diese „segmentierte Verfügbarkeit“ sei „zum Wesensmerkmal von Männern erklärt“ worden. (172)

Damit geht Kucklick noch über Farrells berühmte Begrifflichkeit hinaus. Eben gerade darum, weil Männer für die ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften in hohem Maße verfügbar sein müssen, eignen sie sich auch als Repräsentanten moderner Strukturen, eben als „das moderne Geschlecht“ (12). Als Repräsentanten dieser Strukturen aber werden sie wiederum zur Projektionsfläche von Ängsten, in ihnen können sich Widerstände gegen moderne Entwicklungen sinnbildlich bündeln.

Dass sie dann aber, wie Kucklick wieder und wieder nachweist, als Tiere, als Monstren, als Gewalttäter dastehen, legitimiert wiederum ihre unbegrenzte Verfügbarmachung.

Diese sich selbst legitimierende, umfassende Nutzbarmachung korrespondiert mit einem haltlos idealisierenden Bild „der Frau“. Die Frau nämlich bleibe, so die moderne Phantasie, dieser umfassenden Vernutzung fern. „Besonders wichtig ist ihre Ferne zum Wirtschaftssystem, ihre Nicht-Käuflichkeit.“ (226)

 
Für den Mann ist die Frau damit gleichsam eine nahe, konkrete Utopie. Unter dem Druck der entfremdenden Verfügbarmachung ist sie hier gleichsam die Garantie, dass es noch so etwas wie eine unberührtes Menschsein gäbe, für das sich die eigene Entfremdung lohnt – und das selbst niemals ganz bezahlt werden könne.
 
Hier wird auch klar, dass es eigentlich überhaupt nicht um real existierende Männer und Frauen geht, sondern um Fantasien. „Mann“ und „Frau“ werden hier als Chiffren verwendet, mit denen die unüberschaubaren ökonomischen und sozialen Strukturen moderner Gesellschaften im Selbstverständnis der Beteiligten verankert werden.
„I’m a man!“ – „Well, nobody’s perfect.“ Dass sich durch die Verwandlung aller Menschen in Frauen auch alle Probleme moderner Gesellschaft  lösen würden, kann ruhigen Gewissens als seltsame Fantasie abgetan werden. Tony Curtis, Jack Lemmon, Marilyn Monroe und andere in Billy Wilders Some Like It Hot.
Klar wird aber auch, dass die Konzepte, über die Kucklick schreibt, tief bürgerliche Konzepte sind: Weder im Adel noch im Proletariat – bei Fabrik- oder Landarbeitern etwa, bei denen Männer und Frauen gleichermaßen selbstverständlich arbeiten mussten – hätte diese Geschlechterkonzeption einen Sinn ergeben.

Dass heutige Debatten Muster nachvollziehen, die Kucklick schon in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts beschreibt, war  Thema der beiden vorangegangenen Texte. Diese Strukturähnlichkeiten zeigen zumindest eines: Die Heldinnenerzählung ist nicht zu halten, dass nach einer jahrhundertelangen Dominanz patriarchaler Zuschreibungen die Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts endlich diese erstarrten Herrschaftsformen durchbrochen hätte. Diese Legende ist offenkundig selbst Teil eben der Strukturen, die zu analysieren sie vorgibt.

Dabei basiert die Annahme einer Männerherrschaft (ob sie nun als „Patriarchat“, als „heterosexuelle Matrix“ oder als „hegemoniale Männlichkeit“ daherkommt) auf einer gleich dreifachen willkürlichen Fixierung: der Fixierung sozialer, ökonomischer und politischer Fragen auf Geschlechterfragen – der Fixierung von Geschlechterfragen auf Herrschaftsfragen – und der Fixierung von Herrschaftsfragen auf die Fantasie einer umfassenden Männerherrschaft.

Anstatt pauschal, und damit ganz im Sinne der Ressentiments ihrer Verfechter und Verächter, gegen die Gender Studies zu schießen, übt Kucklick gegen solche Positionen eine konkrete und grundsätzliche Kritik. Bei ihm löst sich die Konstruktion eines Geschlechterkonflikts in drei andere Probleme auf, die voneinander abhängen:

 
Erstens die Überforderung durch moderne Wirtschafts- und Sozialstrukturen, kenntlich am Verhältnis von „Interaktion“ und „Gesellschaft“
 
zweitens in das Problem, dass diese Überforderung ausgerechnet im Geschlechterverhältnis gespiegelt werde, was weder einer Analyse moderner Gesellschaftsstrukturen noch einer Analyse von Geschlechterbeziehungen nutzen könne –
 
und drittens die Tatsache, dass die damit entwickelten, klischeehaften Konzepte von Mann und Frau mit realen Männern und Frauen sehr wenig zu tun hätten, aber zugleich sehr ernsthafte Konsequenzen für sie haben würden.
 
Wie man aus Angst und Überfluss Feindschaften bastelt (1) Die Interaktion markiert bei Kucklick, wie im ersten Teil beschrieben, einen Bereich des Konkreten, Vertrauten, Übersichtlichen, sinnlich direkt Wahrnehmbaren, in dem ein Mensch sich eines festen Platzes gewiss sein kann. Gesellschaft hingegen steht für abstrakte Strukturen, niemals ganz vertraut, unübersichtlich, unendlich, in denen ein Mensch sich verlieren kann – von deren Möglichkeiten er aber auch maßlos profitiert.

Das Ineinander von einem Überfluss, also einem Reichtum an Möglichkeiten, und massiven Überforderungsgefühlen angesichts dieses Überflusses prägt unverkennbar gegenwärtige Debattenlagen.

 
Ohne diese Überforderungsgefühle wäre es beispielweise nicht nötig, die Schuld an der weltweiten Wirtschaftskrise im Mann zu personalisieren (dazu mehr im zweiten Teil) oder Zukunftsängste auf Männer zu projizieren und dadurch einzuhegen („Das Ende der Männer“).  Ohne den Überfluss aber gäbe es überhaupt nicht die Möglichkeit, solche Ressentiments in Ministerien, Forschungseinrichtungen und Parteien zu institutionalisieren.

Vor allem: In einer Welt ohne Überfluss wird der Wert von Kooperation wesentlich deutlicher als unter Bedingungen des Reichtums, unter denen die Erträge der Kooperation wie selbstverständlich mitgenommen werden können. Das Geschlechterverhältnis als Nullsummenspiel hinzustellen, in dem die eine Seite nur gewinnen kann, wenn die andere verliert – das ist nur dann möglich, wenn ein großer zu verteilender Fundus immer schon vorhanden ist und scheinbar nicht erst, kooperativ, erarbeitet werden muss.

Es ist daher auch nur unter Bedingungen des unüberschaubaren Überflusses plausibel, die Idee einer grundsätzlichen Kooperation der Geschlechter als naiv und altbacken dastehen zu lassen, während die Idee einer Geschlechterfeindschaft als angemessene, politisch aufgeklärte Darstellung verkauft werden kann. Es braucht aber zugleich auch Ängste, um aus dieser Fantasie eines Konflikts Ressentiments zu gewinnen, die über die Jahrhunderte hinweg konserviert und erneuert werden.

Eine wesentliche Schlussfolgerung aus Kucklicks Analyse ist daher, dass die Fixierung auf Geschlechterdebatten grundsätzlich und durchaus absichtsvoll in Sackgassen führt. Öffnen lassen sich die abgeschotteten Strukturen dieser Debatten nur durch die Überlegung, welche allgemeinen Konflikte sich in der Fiktion eines Geschlechterkonflikts ausdrücken – welche Fragen nicht gestellt werden, indem sie als Geschlechterfragen gestellt werden – und auch, welche Herrschaftsinteressen es bedient, an der fixen Idee einer Männerherrschaft festzuhalten.

„Es ist nicht Männlichkeit, die zerstört, und es ist nicht Weiblichkeit, die rettet, sondern es sind Strukturlogiken, die ihren Lauf nehmen ganz unabhängig davon, welches Geschlecht jeweils einem der Vorgänge eingepasst wird.“ (336)
Warum Geschlechterdebatten männliche Verlierer brauchen  (2) So macht Kucklick unübersehbar deutlich, wie problematisch es ist, typische Konflikte moderner Sozialstrukturen im Geschlechterverhältnis zu spiegeln. Wodurch ergibt sich aber das nächste Problem, das der „negativen Andrologie“ – oder, einfacher gefragt: Warum kommen immer wieder Männer, und nicht Frauen, bei dieser Spiegelung so schlecht weg?

Es gebe, so Kucklick, „in der Gesellschaft keinen Platz mehr“ für die Kategorie „Geschlecht“ (214) – die Sortierung von Menschen anhand ihrer Funktionalität sei grundsätzlich geschlechtsblind. Diese „prinzipielle Befreiung von Geschlecht“ ist auf der vertrauten Ebene der Interaktion jedoch nicht vollzogen. Das aber ist eben gerade die Ebene, die als Ebene der „Weiblichkeit“ wahrgenommen werde – diese verbleibe auch in modernen Gesellschaften „in interaktionsnahen Funktionssystemen“ (225).

Das bedeutet: Wenn moderne Strukturen im Geschlechterverhältnis gespiegelt werden – dann werden diese Strukturen auf einer Ebene gespiegelt, die grundsätzlich weitaus eher als weiblich denn als männlich wahrgenommen wird. Einfach formuliert: Geschlechterpolitik ist grundsätzlich Frauenpolitik – Geschlechterforschung ist grundsätzlich Frauenforschung.

Belege für „den negativ andrologischen Bias unserer Geschlechterideologie“ (336) finden sich zwanglos und massenhaft – ein putziges Beispiel ist etwas die Empörung von Gleichstellungsbeauftragten über die Idee, dass Gleichstellung auch Männer- und nicht nur Frauenförderung bedeuten könne.  Werden die Belange von Männern oder Jungen explizit zum Thema gemacht, dann nicht in ihrer eigenen Perspektive, sondern in einer argwöhnischen Perspektive auf sie, beispielweise als „angry white men“ bei Michael Kimmel oder als „toxische Männlichkeit“ bei Raewynn Connell.

Die Frau steht hier, als Repräsentantin der Interaktion, eben für das immer schon Vertraute und das immerzu Vertrauenswürdige. Mami. Der Mann hingegen steht für etwas Fremdes, das in dieses Vertraute einbricht, für etwas unüberschaubar Bedrohliches.

 
Ironischerweise haben damit Vertreter des Postrukturalismus ganz recht, wenn sie ihre zentrale Idee auf das Geschlechterverhältnis übertragen, Strukturen würden sich immer über die Ausgrenzung des Anderen definieren. Es ist nur eben nicht die Frau, sondern der Mann, der in Geschlechterdebatten notorisch das Andere und Fremde bleibt – weil sich diese Debatten durch seine Ausgrenzung überhaupt erst strukturieren.

So ist es ganz verständlich, dass Männer diesen Debatten meist fernbleiben: Sie sind gleichsam Spiele, in denen die Karten immer schon zu Ungunsten von Männern gezinkt sind.

Weibliches Gedöns und männliche Männerfeindschaft (3) Es gibt aber möglicherweise noch einen wichtigeren Grund für das Desinteresse vieler Männer am Gedöns“ der Geschlechterdebatten. Es gibt nun einmal unter modernen Bedingungen keine „Einheitlichkeit der Männlichkeit“, sondern es gibt Männlichkeiten „nur im Plural“ (149). Männer identifizieren sich weitaus eher mit verschiedenen Funktionen – ihrer beruflichen Position und Tätigkeit, in ihrer Funktion als Versorger der Kinder und der Familie – als allgemein mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit.

Da es aber gerade zum Mannsein gehört, sich gar nicht vorwiegend als Mann, sondern eher als Lehrer, Biologe, VW-Mitarbeiter, Vater, Versorger etc. wahrzunehmen – daher nehmen die meisten Männer selbst massive antimännliche Ressentiments auch gar nicht als etwas wahr, was sie direkt betrifft. Die Feindseligkeit dieser Ressentiments wird für viele erst dann zum Thema, wenn sie Bereiche bestimmt, mit denen sie sich tatsächlich identifizieren – wenn sie beispielsweise nicht mehr Vater sein können, weil sie als Mann nur ein massiv begrenztes Sorgerecht haben.

Gleichwohl ist die klischeehafte Rede von Mann und Frau für Frauen nicht allen deshalb schon von Vorteil, weil sie für Männer von Nachteil ist. Die durch Kucklick beschriebene Idealisierung von Frauen ist eben nur dann aufrecht zu erhalten, wenn Frauen weitgehend aus funktional bestimmten Institutionen herausgehalten werden.

 
Es hat also kaum einen Sinn, die feministische Idee einer Männerherrschaft schlicht durch eine Idee der Frauenherrschaft zu ersetzen. Was schlecht ist für Männer, ist deswegen noch nicht gut für Frauen – und wenn Männer sich hilflos fühlen, bedeutet das nicht, dass Frauen herrschen.

Eine Ent-Idealisierung von „Weiblichkeit“ durch die stärkere Einbindung von Frauen in die Hierarchien ist für Männer wie für Frauen mit Vorteilen verbunden, aber auch mit Enttäuschungen:

„Je mehr Frauen in Führungspositionen aufsteigen und gegen alle Widerstände die Spitzenpositionen von Hierarchien besetzen, je mehr sie in das Geschehen auch jener Funktionssysteme inkludiert werden, die ihnen in der Moderne zunächst verschlossen waren, je mehr die Barrieren also endlich wegbrachen, umso deutlicher wird erkennbar, was sich am Gefüge der Moderne verändert: nichts.“ (336)
Der heutige Feminismus lässt sich dabei auch als Versuch verstehen, dieser humanen Entzauberung mit einer erneuten Sakralisierung von Weiblichkeit zu begegnen: als Zukunft der Menschheit (von Mitscherlichs Die Zukunft ist weiblich bis zu Rosins Das Ende der Männer) – als eigentlich humane Substanz der Gesellschaft, auf deren beständiger Opferung die gesamte männliche Herrschaft aufbaue – als Garantie eines freien Blicks, des female gaze, der nicht durch männliche Herrschaftsinteressen korrumpiert sei (dazu im dritten Teil mehr).

Den Feminismus oder feministische Männerfeindlichkeit aber als das wesentliche Problem für Männer und Jungen zu beschreiben, verwechselt Symptom und Krankheit. Da Männer weiterhin stärker als Frauen in die entfremdenden Strukturen moderner Arbeitswelt eingebunden sind, haben sie prinzipiell sogar ein noch größeres Motiv als Frauen, sich das Gegenbild eines unverfälschten, eigentlich humanen Menschseins zu bewahren – in die Frau das hinein zu fantasieren, was ihnen in ihrem Leben fehlt.

Wenn daher männerfeindliche Männer als „lila Pudel“ oder als „Manginas“ bezeichnet werden, dann ist das nicht nur – wie schon Christian Schmidt deutlich macht – eine ressentimentgeladene Abwertung, sondern auch eine Verharmlosung. Die Formulierungen führen nämlich männliche Männer- und Jungenfeindlichkeit allein darauf zurück, dass Männer sich Feministinnen gegenüber unterwürfig und kriecherisch verhalten – und leugnen unterschwellig die Möglichkeit, dass sie ganz eigene Gründe für diese Feindseligkeit haben könnten.

Ein atemberaubendes Beispiel einer männlichen Männer- und Jungenfeindlichkeit, die mit feministischen Ideen kaum etwas zu tun hat, ist für mich ein Fall, der einer der schlimmsten Justizskandale der Bundesrepublik Deutschland ist – der aber außer ein paar kritische Juristen und Väter- und Männerrechtler fast niemanden nachhaltig interessierte: Der Fall Kazim Görgülü.

Der türkische Staatsbürger Kazim Görgülü lebte von 1997 bis 1999 in einer nichtehelichen Beziehung mit einer Frau in Deutschland. Die Frau wird von ihm schwanger, trennt sich aber von ihm. Er erfährt erst spät von der Schwangerschaft und erst nachträglich von der Geburt des gemeinsamen Sohnes. Zu diesem Zeitpunkt hat die Kindesmutter den Sohn schon, ohne Wissen des Vaters, zur Adoption freigegeben, das Jugendamt bringt ihn bei Pflegeeltern unter.

Kazim Görgülü bemüht sich nun um das Sorgerecht für seinen Sohn, die Pflegeeltern hingegen beantragen die Adoption des Kindes. Besonders brutal urteilt schließlich das Oberlandesgericht Naumburg: Es zweifelt zwar nicht an Görgülüs Fähigkeit zur elterlichen Sorge, erkennt ihm aber gleichwohl das Sorgerecht ab und setzt sogar sein Umgangsrecht aus.

 
Eine befristete Aussetzung des Umgangs ist oft das Ende des Kontakts von Vater und Kind für lange Zeit.

Görgülü geht vor das Verfassungsgericht, das seine Beschwerde nicht annimmt. Drei Jahre später aber, 2004, entscheidet der Europäische Gerichtshof, dass durch die Entscheidung des OLG Naumburg die Europäische Menschenrechtskonvention verletzt worden sei. Nun wird endlich auch das Verfassungsgericht tätig und hebt den OLG-Beschluss auf, das Amtsgericht Wittenberg überträgt Görgülü zumindest ein Umgangsrecht.

Der aber muss noch einmal bis vor den Bundesgerichtshof gehen, bis er 2008 endlich vom Amtsgericht Wittenberg das Recht erhält, für seinen Sohn sorgen zu dürfen – nach fast zehn Jahren der verbissenen Blockade durch deutsche Ämter und Gerichte, die ohne den Beschluss des Europäischen Gerichtshofs niemals aufgehoben worden wäre.

Tätig wird aber auch die Staatsanwaltschaft Halle und erhebt 2006 Anklage wegen Rechtsbeugung gegen die drei Richter des OLG Naumburg. Schließlich entscheidet das Oberlandesgericht Naumburg selbst zu Gunsten der Kollegen vom Oberlandesgericht Naumburg und lehnt eine gerichtliche Anklageerhebung endgültig ab.

 
Interessant ist die Begründung: Zwar hätten die Richter des OLG in Ausübung ihres Amtes wissentlich basale Rechte Görgülüs verletzt, ihr Beschluss sei aber von einem Kollegialgericht, also von drei Richtern getroffen worden. Da alle drei die Aussage verweigerten, könne nicht festgestellt werden, ob nicht einer von ihnen gegen den Beschluss gestimmt habe und also der Rechtsbeugung nicht schuldig sei.

So können die drei Skandalrichter Deppe-Hilgenberg,  Materlik und Kawa nun, wie ein juristischer Kommentator schreibt, „fröhlich weiterjudizieren“. 

Hier sind es Männer, nämlich männliche Richter, die wissentlich und vorsätzlich basale Rechte eines anderen Mannes und eines Jungen massiv verletzt haben – und es sind Männer, die sie dabei geschützt haben.

 
Es hätte überhaupt keinen Sinn, solche Strukturen dem Feminismus anzulasten.

Deutlich wird durch das weiträumige Desinteresse an dem Skandal aber auch: Selbst massive Diskriminierungen von Migranten sind für die wackere rotgrüne deutsche „Linke“ völlig in Ordnung, solange sie nur zugleich ihre eigene Geschlechter-Ressentiments bedienen. Die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, SPD, wies beispielweise desinteressiert und begründungslos den naheliegenden Vorwurf zurück, bei der Entscheidung des OLG Naumburg hätten auch „rassistische Gedankengänge“ eine Rolle gespielt.

 
Dabei ist der Fall gerade in dieser Hinsicht durchaus bezeichnend: Vätern „mit Migrationshintergrund“ fällt es allgemein noch schwerer als anderen Vätern in Deutschland, ihre und ihrer Kinder Rechte in Ämtern und vor Gerichten zu vertreten, weil sie – offenbar zurecht – befürchten, dass die Diskriminierungen als Migranten und als Väter sich miteinander potenzieren könnten.

Ein neues Lied, ein besseres Lied – auf stumm geschaltet Für Kucklick steht seine Dissertationsschrift „im Umfeld neuere Werke der Gender-Studies“. (32) Seine Pointe ist jedoch nicht allein, dass sich in negativen Männlichkeitsbildern jahrhundertealte Klischees ausdrücken – sondern auch, dass diese Klischees besonders nachdrücklich und unreflektiert eben gerade dort transportiert werden, wo die Beteiligten eigentlich den Anspruch erheben, Geschlechterverhältnisse zu reflektieren und zu analysieren.

Die Gender Studies waren offenkundig nicht bereit oder nicht in der Lage, auf diese Provokation zu reagieren – es gibt kaum eine Auseinandersetzung mit Kucklick, in eine akadamische Karriere mündete er mit seiner Dissertation nicht ein.

Dass akademische Institutionen so weiträumig und offenbar vorsätzlich versagen, hat Konsequenzen auch für Debatten im Netz und anderswo. Einer Geschlechterdebatte, die Perspektiven von Männern und Frauen, Mädchen und Jungen gleichwertig berücksichtigt, fehlt gleichsam das Hinterland. Diejenigen, die das Privileg und die Aufgabe haben, mit Zeit, Distanz und Überblick zu Geschlechter-Themen zu arbeiten, verweigern sich dieser Aufgabe durchaus konsequent.

Im Netz und in Massenmedien hingegen bannen immer neue, schnell hochgepushte und schnell wieder verschwundene Aufregungen die Aufmerksamkeit auf den Moment.

Maskus belagern Anne Wizoreks Buch! Eine Frau geht durch New York und wird permanent belästigt! Der Uni-Campus ist ein Hort der Rape Culture! Ein Forscher trägt ein sexistisches Hemd!

Das lässt sich bis ins Unendliche so weiter führen. Auch und gerade dann, wenn Männer dagegen halten, fixieren diese momentanen Aufregungen den Blick und sorgen dafür, dass er sich nicht weiten kann.

Eben das ist bei Kucklick anders: Geschlechterdebatten weiten sich bei ihm über die Jahrhunderte hinweg, aber vor allem verknüpfen sie sich mit anderen Themen und werden so relativiert. Wer dagegen „Gender“ – wie es beispielweise der Sozialpädagogik-Professor Uwe Sielert tut – für „omnirelevant“ erklärt, stattet die Kategorie Geschlecht mit göttlichen Attributen aus und entzieht sie damit der Analyse.

Die Arbeit, die für die es eigentlich die Universitäten gibt, ist in meinen Augen eben deshalb sehr wichtig, weil sie den Blick löst von der Fixierung auf eine immerwährend-gegenwärtige Aufregung. Deshalb habe ich gehofft, eine Beschäftigung mit Kucklicks Buch über mehrere Texte hinweg könnte lohnend sein, weil sie ein kleines Gegengewicht bildet gegen das Verschwinden in immer neuen Aufgeregtheiten.

Im Blog Maskulismus für Anfänger gibt es ja schon eine Plattform, auf der in ruhigem Ton verfasste Überblicksartikel stehen. Bei Alles Evolution erscheinen jeden Tag neue Texte, aber immer wieder auch zusammenfassende Analysen und Überblicke.

 
Vielleicht können Texte auch einmal gemeinsam, etwa in einer Neu-Auflage der Blogparaden, besprochen und analysiert werden. Arne Hoffmanns Plädoyer für eine linke Männerpolitik ist in meinen Augen sehr gut geeignet dafür – die Teilnehmer könnten sich einfach auf Schwerpunktkapitel verständigen. Ähnliches gilt für Warren Farrells The Myth of Male Power, das vor Kurzem  mit neuem Vorwort neu als E-Book aufgelegt wurde.

Wichtig ist in meinen Augen auch, sich stärker – und stärker fordernd – an Diskussionen in Institutionen zu beteiligen, beispielsweise das Bundesforum Männer oder Gender Studies-Veranstaltungen nicht ruhig im eigenen Saft schwimmen zu lassen. Der Stadtfuchs hat in diesem Sinn einmal über eine Diskussionsrunde mit Ilse Lenz berichtet.

„Es erfordert große Selektivität und einen erheblichen Willen zum Immergleichen, auch im Geschlechterdiskurs um 1900 nur das alte Lied von weiblicher Unterdrückung und männlicher Herrschaft zu hören (…).“ (329)
So Kucklick über die Klischees heutiger Geschlechterstudien. Zu einem neuen Lied und besseren Lied hat er selbst schon eine ganze Reihe von Tönen beigesteuert. Es ist auch schon lange Zeit dafür.

 

Die kleine Winterreihe über Kucklicks Text ist nun vollständig.
1. Warum Männerfeindschaft modern ist (Kucklicks Theorie der „Negativen Andrologie“)

2.1 Der liebesunfähige Mann: Vom alten Klischee zur revolutionären Neuheit (Die achtziger und neunziger Jahre)

2.2 Politik und Kinderfeindschaft (Die Gegenwart)

3. Zeit für neue Lieder (Konsequenzen für heutige Debatten)

Empfehlenswert, insbesondere im Hinblick auf den Hintergrund von Kucklicks Theorie in Luhmanns Systemtheorie: Warum die moderne Gesellschaft niemals ein ‚Patriarchat‘ gewesen ist (von djadmoros

 
Das Blog Maskulismus für Anfänger bietet eine kurze Einführung und eine kommentierte Leseliste zu Kucklicks Text an.

Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus
Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008
 

Politik und Kinderfeindschaft

Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Dritter Teil
 
Die Sittlichkeitsbewegung des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe, so Christoph Kucklick in Das unmoralische Geschlecht, ein besonders negatives Bild des Manns gezeichnet:
„als triebhaft unberechenbarer Verführer und als Beschmutzer nicht nur der Frauen, sondern der Gesellschaft.“ (328)
Als Projektionsfläche moderner Entwicklungen steht „der Mann“ als egoistisch dar, weil er sich nicht in vorgegebene Ordnungen einpasse, sondern auf sich selbst bezogen bleibe – als animalisch, weil er nicht oder nur zum Teil durch seine Eingliederung in dieser sozialen Ordnungen humanisiert wird – und als potenziell gewalttätig, weil er in seinem Egoismus und seiner fehlenden Impulskontrolle dazu neige, sich ohne Rücksicht auf Grenzen zu nehmen, was er wolle.
Die autoritäre Pädagogik ist offenkundig langlebig. Zur Zeit kommt sie, unter anderem, als progressive, antisexistische Jungenpädagogik daher. Eine Szene aus François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
Es gibt einen Bereich, in dem sich all diese moralisch verwerflichen Aspekte bündeln lassen: nämlich die Sexualität. Sie umfasst natürlich das Animalische – sie umfasst den Egoismus, wenn die männliche Sexualität nicht als Form der Zuwendung zu anderen Menschen, sondern als bloßes Ausleben eigener Triebe gedeutet wird – und sie umfasst natürlich das Gewalttätige, wenn der Mann, als Verführer oder Vergewaltiger imaginiert, seine sexuelle Gier ohne Rücksicht auf die Frau auslebt.
Noch im 18. Jahrhundert seien, so Kucklick, „die schwächeren Nerven der Frauen für die höhere weibliche Sinnlichkeit verantwortlich“ gemacht worden. (124) Doch innerhalb weniger Jahrzehnte sei diese Vorstellung in das Gegenteil gekippt:
„Fortan wurde der Mann mit einer triebhaften Sinnlichkeit identifiziert. (…) Er wurde zu dem Geschlechtswesen.“ (124)
Wenn sich also in der Sexualität von Männern die Probleme der Männlichkeit überhaupt bündeln, dann liegt es nahe, eine umfassende Lösung dieser Probleme ebenfalls auf dem Gebiet der Sexualität zu suchen.
 
Zudem liegt es nahe, sich dabei auf männliche Wesen zu konzentrieren, die noch formbar sind, noch nicht gefangen im – ihnen zugeschriebenen – Selbstbezug; nämlich auf Jungen.

Der Feldzug gegen die onanistische Anmaßung Von „brutalen Maßnahmen, mit denen männliche Sexualität normalisiert und diszipliniert wurde“ (287), berichtet Kucklick in seinem ausführlichen Kapitel über die „Masturbationsängste des 18. und 19. Jahrhunderts“ (287) und den heftigen, langen Feldzug gegen die männliche Onanie.
„Beim Versuch, die Onanie an ihrer Wurzel auszurotten, schnitten, bohrten, brannten und ätzten sich die Ärzte immer tiefer in die männlichen Genitalien und eröffneten einen medizinischen Feldzug gegen das, was man heute als selbstverständlichen Ausdruck männlicher Sexualität betrachten würde.“ (311)
Ob die „Zerstörung des Harnröhrengewebes durch Ätz- oder Brennmittel“ (311) – ob Lederringe „mit Spitzen, Nägeln oder scharfen Zacken“ (310), die Erektionen unerträglich schmerzhaft machten – ob Einführung von Sonden oder Elektroschocks (312):
„In der allgemeinen Angst vor den verheerenden Folgern der Onanie müssen die Heilmethoden als das geringere Übel erschienen sein.“ (313)
Kucklick zitiert den Aufklärungspädagogen Joachim Heinrich Campe, der in seinem Standardwerk der Allgemeinen Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens wohlwollend das Beispiel eines selbstverstümmelnden Jungen anführt: Dieser habe seine Vorhaut auf einer Tischpatte langgezogen, einen Nagel durch sie getrieben, nach dem Erwachen aus der anschließenden Ohmacht den Nagel herausgezogen, einen Draht durch das entstandene Loch gezogen und so alle Versuchung zur „Selbstschändung“ verhindert: „man bewundere den tugendhaften Heldenmuth des Knaben!“ (309)
Ein Grund für die massiven, brutalen Maßnahmen sei die Überzeugung gewesen, die Onanie wäre gleichsam – so schon Foucault – eine „totale Krankheit“ (290), auf die eine Unmenge anderer Krankheiten zurückzuführen sei.
„In diesem Diskurs wurde alles zur Onanie. Und nahezu auf jede ärztliche Frage des 19. Jahrhunderts hieß die Antwort: Onanie. Allerdings: Die Antwort galt nur für Männer.“ (290)
Die weibliche Masturbation sei hingegen als weit weniger gravierend betrachtet worden.
Kucklick interpretiert den Kampf gegen die männliche Onanie als Feldzug gegen die Autonomie von Männern. (301)
„Die Ungeheuerlichkeit der onanistischen Anmaßung besteht darin, sich bei der Lustbefriedigung nicht von der Frau steuern zu lassen.“ (304)
Verständlich wird diese Erklärung durch die Annahme, nur die Verbindung mit einer liebenden Frau könne den Mann, den selbstbezogenen und egoistischen Gefährder der sozialen Ordnung, humanisieren und einbinden.
Damit baut die Anti-Onanie-Kampagne auf der Vorstellung, dass der männliche Mensch so, wie er ist, niemals gut, human und akzeptabel sein könne, dass er erst erzogen werden müsse. „Die Botschaft lautete: Sei nicht, wer du bist.“ (306) Insbesondere Jungen hätten also lernen müssen, dass sie ihren Neigungen und Instinkten nicht folgen dürften, dass sie sich bestimmen lassen müssten durch etwas, was außerhalb von ihnen liegt.
 
Gewünscht sei der stabile Bezug auf die Frau und, mit ihr, auf die bestehende soziale Ordnung – erreicht werde das Gewünschte durch eine Pädagogik der Unterwerfung und der massiven körperlichen Zurichtung: „Erziehung durch Schmerz.“ (306)
Als ein wesentliches Mittel zur Verhinderung der männlichen Masturbation habe sich schließlich die Beschneidung durchgesetzt (314ff), die Anti-Masturbations-Kampagne sei in einer „Beschneidungseuphorie“ (324) gemündet. Bis heute habe sich dabei
„eine Art ‚double standard’ etabliert, über Kliterektomie Abscheu zu zeigen, über das millionenfache Abtrennen männlicher Vorhäute aber zu schweigen und sie nicht als Genitalverstümmelung zu behandeln.“ (319)
Mit diesem doppelten Standard reicht die Debatte unmittelbar in die Gegenwart. Dass die Beschneidungspraxis nicht allein ein religiöser Ritus ist, sondern – später kaschiert als Hygienemaßnahme – unmittelbar in der Kampagne gegen die männliche Masturbation wurzelt, ist in heutigen Diskussionen kaum bewusst.
Es ist verständlich, dass insbesondere die deutsche Politik in der Beschneidungsdebatte vor einem Dilemma steht – weil sie zurecht befürchtet, ein Verbot der Beschneidung würde als direkter Angriff auf das Leben von Moslems und Juden in Deutschland gewertet werden. Insbesondere die Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus ist  in Deutschland natürlich gravierend.
So verständlich das Dilemma aber sein mag – unverständlich ist es, wie fast das gesamte politische Establishment in Deutschland es löst: Nämlich durch die Fantasie, dass es eigentlich gar kein Dilemma gäbe.

Mediziner und ihre Vereinigungen kritisieren die Jungenbeschneidung scharf, machen deutlich, dass kleine Kinder dadurch unnötig massive Schmerzen erlitten, erheblichen medizinischen Risiken ausgesetzt würden und die Gefahr bleibender Traumatisierungen und Einschränkungen hoch sei.

 
Das wird souverän beiseite geschoben, indem die Frage der Beschneidung von einem Problem medizinischer Ethik zu einem Problem der religiösen Selbstbestimmung verengt wird. Das Kindeswohl spielt in der politischen Debatte um die Beschneidung schlicht keine Rolle – solange es eben um das Wohl von Jungen geht.
Doch nicht allein in der Beschneidungsdebatte setzen sich alte Ressentiments fort, die sich insbesondere gegen männliche Kinder richten.
Warum Gewalt gegen Jungen nicht der Rede wert ist Der Spiegel zitierte 2006 einen Mitarbeiter des Vereins Dissens mit den Worten, dem Verein ginge es bei seiner Jungenarbeit um die „Zerstörung von Identitäten“. Ziel sei „nicht der andere Junge, sondern gar kein Junge“. 
 
Der eingetragene Verein Dissens, Gründungsmitglied beim Bundesforum Männer des Familienministeriums,  sah sich durch den Artikel unfair dargestellt – der Spiegel-Autor René Pfister habe „theoretische Debatten und Reflexionen zur pädagogischen Arbeit mit der pädagogischen Praxis in der Jungenarbeit“ verwechselt.
 
Bei Licht betrachtet ist es natürlich nur begrenzt beruhigend, dass Identitäten von Jungen lediglich theoretisch, aber nicht praktisch zerstört werden sollen – würde ein mit öffentlichen Geldern finanzierter Verein so über Mädchen reden, würde diese Erklärung wohl kaum jemand akzeptieren. Zurecht.
Kritiker der Kritik bemängeln (hier zum Beispiel in den Kommentaren), dass seit Jahren immer wieder derselbe Spiegel-Artikel ausgegraben und die Position von Dissens dabei verzerrt werde. Das allerdings ist verharmlosend. Ähnliche Haltungen sind in einer sich progressiv gebenden, tatsächlich aber traditionell autoritären Pädagogik weit verbreitet.
Für Anita Heiliger müssen Jungen zum Beispiel lernen, „Bedürfnisse und Interessen von Mädchen zu erfragen, um diese in ihrem Verhalten auch berücksichtigen zu können.“ Mädchen müssen das natürlich nicht lernen – sie sind ja immer schon empathisch.
Ganz ähnlich der Pädagogik-Professor Edgar J. Forster 2009 in einem Vortrag für die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung.  Es müsse doch nicht
„Schule und Unterricht verändert werden, dass sie den eingeschränkten Kommunikationsstilen von Jungen gerecht werden (wie von Jungen-Lobbies gefordert), sondern Kommunikationsprobleme müssen angesprochen und Kommunikationsfähigkeiten vermittelt werden.“ (S. 7)
Dass Jungen in der Schule Probleme haben, liege nicht an den Schulen, sondern an den kommunikativ beschränkten Jungen selbst.
Es ist überraschend und deprimierend, dass diese klassische Position autoritärer Schulpädagogikdie Schule ist richtig, nur die Kinder sind falsch – so leicht und weiträumig fortgeführt werden kann, solange sie sich nur gegen Jungen richtet.
Für die GEW, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kommt Thomas Viola Rieske zu dem Schluss:
„Jungen sind insofern benachteiligt, als dass bestimmte gesellschaftliche Männlichkeitskonstruktionen sie in Konflikt mit bestimmten Anforderungen von Bildungsinstitutionen bringen.“
Rieske schreibt hier über die offenkundigen Nachteile von Jungen in der Schule, die im Gymnasium erheblich unterrepräsentiert, in den Haupt- oder Förderschulen erheblich überrepräsentiert sind und die im Schnitt nachweisbar für dieselben Leistungen schlechtere Noten als Mädchen erhalten.
 
Der hochkarätig besetzte Aktionsrat Bildung hatte daher schon 2009 eine gezielte Jungenförderung gefordert Der Widerstand dagegen baut wieder und wieder auf dieselbe Argumentation: Nicht Schulen seien das Problem für Jungen, sondern sie selbst – ihre eigenen traditionellen „Männlichkeitskonstruktionen“ nämlich.
Der Bildungsforscher Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung beispielsweise erklärt, dass Jungen nun einmal zur „Arbeitsvermeidung“ neigen würden und daher für ihre Schulprobleme selbst verantwortlich seien:
„Weil sie es sich leisten können. Als Mann kommt man in der Gesellschaft auch nach oben, wenn man nicht viel tut.“
Helbigs akademische Ziehmutter, die Professorin und WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger, deutet in ihrem Vorwort für Helbigs Dissertation die Schulprobleme von Jungen dann gleich in eine Erfolgsgeschichte der Mädchen um. Peer Steinbrück wollte dann übrigens Allmendinger für sein „Kompetenzteam“ gewinnen – für den Bereich Bildung, selbstverständlich.
„Sei nicht, der du bist.“ Auf besonders irrwitzige Weise legt ein Projekt der Fachhochschule Erfurt diese Klischees wieder auf, natürlich großzügig aus öffentlichen Mitteln produziert. Auf der für Schulen entwickelten Internet-Plattform der Nice Guys Engine sollen Jungen lernen, ihre „patriarchale Männlichkeit zu hinterfragen“ und eine „frauenrespektierende Männlichkeit“ zu entwickeln. So wieder Anita Heiliger, Beraterin des Projekts.
Die Plattform warnt, ganz nach alter Manier, dann auch vor dem männlichen „Selbstbefriedigungszwang“, lässt aber Jungen immerhin eine Möglichkeit der legitimen Masturbation übrig: wenn sie damit nämlich „aufmerksamere – und damit bessere – Liebhaber werden“ würden.
 
Wie verrückt das ist, wird vielleicht erst durch eine Rollenumkehr deutlich. Die Masturbation von Mädchen sei schändlich – es sei denn, sie lernten dadurch, Jungen und Männer besser zu befriedigen: Kein Pädagoge, der noch einigermaßen bei Sinnen ist, würde dieses Argument ernsthaft vorbringen.
Regelrecht harmlos wirkt dagegen das Gerede Jürgen Trittins, der Frauen und Mädchen in einer Plenardebatte schlicht als das „begabtere Geschlecht“  darstellte.
Dass Einzelne ab und zu einmal Blödsinn und seltsame Dinge erzählen, ist erwartbar und kaum der Rede wert. Hätte Trittin allerdings Mädchen und Frauen mit der gleichen Selbstverständlichkeit als das unbegabtere Geschlecht bezeichnet – dann hätte er sich in seiner so auf Geschlechtergerechtigkeit bedachten Partei wohl kaum als Parteichef halten können. Seine Häme gegenüber Jungen und Männern hingegen empfand dort niemand als Problem.
Das eben hat sich geändert seit den achtziger und frühen neunziger Jahren: Ressentiments gegen Männer und Jungen sind keinesfalls allgegenwärtig – aber sie habe sich aus dem Bereich begrenzter Szenen hinaus in Institutionen festgesetzt. Diese Institutionalisierung in Parteien, Ministerien  (ausgerechnet das Familien-Ministerium ist zugleich ausdrücklich das Frauen-Ministerium), Gewerkschaften, Universitäten und Gesetzen führt zu einem doppelten Problem.
Einerseits werden diese Ressentiments dadurch zementiert. Zugleich verflüchtigt sich aber die persönliche und konkrete Verantwortung für sie, diffundiert in allgemeinen und abstrakten Strukturen. Anders ist die Selbstverständlichkeit kaum erklärlich, mit der erwachsene Menschen diese Ressentiments auch auf Kinder projizieren.
Zwei bedrückende, aber ganz unterschiedliche Beispiele noch. Seit Jahren versucht die Organisation Manndat e.V., die Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes dazu zu bewegen, die offenkundigen Nachteile von Jungen im Bildungswesen zu thematisieren – vergeblich.
 
Die Leiterin der Stelle, Christine Lüders, lehnt einen solchen Einsatz ab. Die Probleme von Jungen führt die ADS auf deren „Rollenbilder“ zurück. Manndat dazu:
„Damit macht man Diskriminierungsopfer zu Tätern. Das ist insofern doppelt verwerflich, weil es sich bei diesen Opfern um Kinder handelt.“
Zudem ist es absurd. Mit der Frauenquote für Aufsichtsräte unterstützt die Bundesregierung eine Handvoll erwachsener, ohnehin schon privilegierter Frauen, weil diese für das Ausbleiben beruflicher Erfolge nicht selbst verantwortlich gemacht werden könnten. Wenn aber Kinder weiträumig und mit erheblichen Konsequenzen im Bildungssystem abrutschen und für gleiche Leistungen nachweislich schlechter bewertet werden – dann sind diese Kinder nach Auskunft der Antidiskriminierungsstelle selbst daran schuld.
Ein ganz anderes Beispiel lieferte gerade eben die grüne Heinrich-Böll-Stiftung. Die extrem brutale Terrorgruppe Boko Haram überfiel im Norden Nigerias Dörfer und Kleinstädte, ermordete mehrmals systematisch die Männer und Jungen, überfiel Jungenschulen und schlachtete dort die Kinder regelrecht ab oder verbrannte Jungen bei lebendigem Leib.

Und: Boko Haram entführte eine Gruppe von Mädchen.

 
Erst mit dieser Entführung erhielt der Terror weltweite Aufmerksamkeit. Die Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete nun einen Gesprächsabend zur extremen Gewalt von Boko Haram – und fixiert sich programmatisch allein auf die weiblichen Opfer.
„Die Entführungen zeigen die genderspezifische Gewaltdimension des blutigen Konflikts im Nordosten Nigerias.“
Absichtlich, und ganz gewiss auch wider besseres Wissen, erweckt die grüne Stiftung den Eindruck, der Terror richte sich geschlechtsspezifisch allein gegen Mädchen. Sie vertuscht damit die massive Gewalt gegen Jungen.
Das aber ist nicht mehr nur Ignoranz, sondern Hass: Menschen auch noch das Recht abzusprechen, dass ihr Leid – wenn es schon niemand verhindert – wenigstens wahrgenommen wird.
Nun sehen sich die Grünen natürlich nicht als eine Partei, die Hass und Aggressionen gegen gefolterte und ermordete Kinder verbreitet. Wie aber ist dann ein Verhalten wie das der grünen Stiftung überhaupt möglich?
Von göttlichen Blicken und mächtigen Kindern Der Begriff des male gaze, des männlichen Blicks auf Frauen, ist nicht nur in der feministischen Analyse von Filmen längst etabliert. Christoph Kucklick zeigt, dass schon seit Jahrhunderten der weibliche Blick auf Männer keine geringere Bedeutung hatte – auch wenn der „female gaze“ (274) in Analysen oft übersehen werde.
„Der weibliche Blick seziert und klassifiziert, er teilt das männliche Innere in Wert und Unwert, in Stärken und Schwächen und entblößt, was womöglich verborgen bleiben sollte oder wollte.“ (275)
Als regelrecht gottgleich sei der weibliche Blick fantasiert worden, als „Erfassung fremder Seelenzustände“ (277), als Stiften von „Einheiten, wo andere (Männer) nur Disparates vermuten“ (278).
„Die Frau ist der innerweltliche Gott, dessen Blick er- und beleuchtet und stets eine Botschaft enthält: Ich sehe was, was du auch sehen könntest, wenn du nur wolltest.“ (279)
Natürlich geht es bei diesen Überlegungen nicht um den Blick real existierender Frauen auf real existierende Männer, sondern um die Fantasie von einem besonderen weiblichen Sehen. Diese Fantasie lässt sich heute nur mit einer Hilfskonstruktion wieder auflegen: Mit der Vorstellung nämlich, dass wir in einer patriarchalen Ordnung lebten, die sich permanent als Herrschaft selbst wieder reproduziere.
Frauen haben demnach nicht oder nur mittelbar Teil an dieser Ordnung der Falschheit – und sie seien als Opfer dieser Ordnung prädestiniert dazu, eine Herrschaft zu entlarven, die von den Herrschenden selbst immer nur kaschiert werde.
 
Über die Hilfsfantasie eines Patriarchats kann so auch heute noch die Vorstellung eines besonders privilegierten, besonders vertrauenswürdigen weiblichen Blicks aufrechterhalten werden – von der Selbstbeschreibung akademischer Gender Studies, die für dich die Perspektive der Beherrschten in Anspruch nehmen und daraus wissenschaftliche Geltung ableiten, bis hin zum Konzept der Definitionsmacht in radikalfeministischen Zirkeln.
Die idealisierende Fantasie von „der Frau“ und die Vorstellung einer Männerherrschaft sind also zwei Aspekte desselben Gedankens und liefern die Antwort auf eine naheliegende Frage. Wenn doch im Weiblichen das Heilsbringende immer schon da ist – warum ist dann eigentlich das Heil noch nicht da? Nun: Weil es unterdrückt wird, zum Schaden aller – sogar zum Schaden der Unterdrücker selbst.
Beide Aspekte finde sich in einem der infamsten Sätze der neueren deutschen Politik, in einem Satz aus dem SPD-Grundsatzprogramm:
„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“
Einerseits kann hier das Weibliche für das eigentliche Menschsein stehen, das Männliche für das Unmenschliche oder Nicht-Menschliche. Andererseits kann der Satz auch so verstanden werden, dass das Männliche das Weibliche allzu sehr dominiere und ein größeres Gleichgewicht die Gesellschaft für alle menschlicher mache.
Dass möglicherweise das Männliche gar nicht herrsche, mehr noch: dass eigentlich offenkundig gar nicht so genau zu sagen ist, was das Männliche und das Weibliche eigentlich ist, und dass real existierende Männer und Frauen mit diesen Fantasien oft bemerkenswert wenig zu tun haben – das sind Gedanken, die hier mit staunenswerter Selbstverständlichkeit ausgeschlossen sind.
Es ist aber die fixe Idee von der Männerherrschaft, die es ermöglicht, dass ohnehin irrationale Geschlechteraggressionen auch noch, und ganz ohne Skrupel, gegen Kinder gerichtet werden. Jungen sind in dieser Perspektive eben keine Kinder, für die Erwachsene Verantwortung tragen müssten – es sind Herrscher im Kleinformat, Machos in Ausbildung.
 
Die Erwachsenen hingegen, von denen diese Jungen pädagogisch bearbeitet werden, imaginieren sich selbst dabei als Vertreter der Unterdrückten.
Die realen Machtverhältnisse werden in dieser vorgeblich progressiven, vorgeblich geschlechtsbewussten neo-autoritären Pädagogik und in der Politik, die sie trägt, restlos umgekehrt. So ist es denn zum Beispiel möglich, dass die grüne Heinrich Böll Stiftung ganz selbstverständlich noch gefolterten, ermordeten Kindern das Recht abspricht, wenigstens nach ihrem Tod als Menschen gesehen zu werden.

 

1. Warum Männerfeindschaft modern ist (Kucklicks Theorie der „Negativen Andrologie“)
 
 
2.2 Politik und Kinderfeindschaft (Die Gegenwart)
 
Es folgt ein Schlussteil zu den Konsequenzen von Kucklicks Text
 
Empfehlenswert, insbesondere im Hinblick auf den Hintergrund von Kucklicks Theorie in Luhmanns Systemtheorie: Warum die moderne Gesellschaft niemals ein ‚Patriarchat‘ gewesen ist (von djadmoros)
 
 
Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus:Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008