Geschlechterdebatte

Politik und Kinderfeindschaft

Bild zeigt schwarz-weiss-Foto mit einem Vater, der seinen Sohn bestraft.
geschrieben von: Lucas Schoppe
Zu Christoph Kucklicks Das unmoralische Geschlecht. Dritter Teil
Die Sittlichkeitsbewegung des endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts habe, so Christoph Kucklick in Das unmoralische Geschlecht, ein besonders negatives Bild des Manns gezeichnet:
„als triebhaft unberechenbarer Verführer und als Beschmutzer nicht nur der Frauen, sondern der Gesellschaft.“ (328)
Als Projektionsfläche moderner Entwicklungen steht „der Mann“ als egoistisch dar, weil er sich nicht in vorgegebene Ordnungen einpasse, sondern auf sich selbst bezogen bleibe – als animalisch, weil er nicht oder nur zum Teil durch seine Eingliederung in dieser sozialen Ordnungen humanisiert wird – und als potenziell gewalttätig, weil er in seinem Egoismus und seiner fehlenden Impulskontrolle dazu neige, sich ohne Rücksicht auf Grenzen zu nehmen, was er wolle.
Die autoritäre Pädagogik ist offenkundig langlebig. Zur Zeit kommt sie, unter anderem, als progressive, antisexistische Jungenpädagogik daher. Eine Szene aus François Truffauts Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
Es gibt einen Bereich, in dem sich all diese moralisch verwerflichen Aspekte bündeln lassen: nämlich die Sexualität. Sie umfasst natürlich das Animalische – sie umfasst den Egoismus, wenn die männliche Sexualität nicht als Form der Zuwendung zu anderen Menschen, sondern als bloßes Ausleben eigener Triebe gedeutet wird – und sie umfasst natürlich das Gewalttätige, wenn der Mann, als Verführer oder Vergewaltiger imaginiert, seine sexuelle Gier ohne Rücksicht auf die Frau auslebt.
Noch im 18. Jahrhundert seien, so Kucklick, „die schwächeren Nerven der Frauen für die höhere weibliche Sinnlichkeit verantwortlich“ gemacht worden. (124) Doch innerhalb weniger Jahrzehnte sei diese Vorstellung in das Gegenteil gekippt:
„Fortan wurde der Mann mit einer triebhaften Sinnlichkeit identifiziert. (…) Er wurde zu dem Geschlechtswesen.“ (124)
Wenn sich also in der Sexualität von Männern die Probleme der Männlichkeit überhaupt bündeln, dann liegt es nahe, eine umfassende Lösung dieser Probleme ebenfalls auf dem Gebiet der Sexualität zu suchen.

Zudem liegt es nahe, sich dabei auf männliche Wesen zu konzentrieren, die noch formbar sind, noch nicht gefangen im – ihnen zugeschriebenen – Selbstbezug; nämlich auf Jungen.

Der Feldzug gegen die onanistische Anmaßung Von „brutalen Maßnahmen, mit denen männliche Sexualität normalisiert und diszipliniert wurde“ (287), berichtet Kucklick in seinem ausführlichen Kapitel über die „Masturbationsängste des 18. und 19. Jahrhunderts“ (287) und den heftigen, langen Feldzug gegen die männliche Onanie.
„Beim Versuch, die Onanie an ihrer Wurzel auszurotten, schnitten, bohrten, brannten und ätzten sich die Ärzte immer tiefer in die männlichen Genitalien und eröffneten einen medizinischen Feldzug gegen das, was man heute als selbstverständlichen Ausdruck männlicher Sexualität betrachten würde.“ (311)
Ob die „Zerstörung des Harnröhrengewebes durch Ätz- oder Brennmittel“ (311) – ob Lederringe „mit Spitzen, Nägeln oder scharfen Zacken“ (310), die Erektionen unerträglich schmerzhaft machten – ob Einführung von Sonden oder Elektroschocks (312):
„In der allgemeinen Angst vor den verheerenden Folgern der Onanie müssen die Heilmethoden als das geringere Übel erschienen sein.“ (313)
Kucklick zitiert den Aufklärungspädagogen Joachim Heinrich Campe, der in seinem Standardwerk der Allgemeinen Revision des gesammten Schul- und Erziehungswesens wohlwollend das Beispiel eines selbstverstümmelnden Jungen anführt: Dieser habe seine Vorhaut auf einer Tischpatte langgezogen, einen Nagel durch sie getrieben, nach dem Erwachen aus der anschließenden Ohmacht den Nagel herausgezogen, einen Draht durch das entstandene Loch gezogen und so alle Versuchung zur „Selbstschändung“ verhindert: „man bewundere den tugendhaften Heldenmuth des Knaben!“ (309)

Ein Grund für die massiven, brutalen Maßnahmen sei die Überzeugung gewesen, die Onanie wäre gleichsam – so schon Foucault – eine „totale Krankheit“ (290), auf die eine Unmenge anderer Krankheiten zurückzuführen sei.

„In diesem Diskurs wurde alles zur Onanie. Und nahezu auf jede ärztliche Frage des 19. Jahrhunderts hieß die Antwort: Onanie. Allerdings: Die Antwort galt nur für Männer.“ (290)
Die weibliche Masturbation sei hingegen als weit weniger gravierend betrachtet worden.
Kucklick interpretiert den Kampf gegen die männliche Onanie als Feldzug gegen die Autonomie von Männern. (301)
„Die Ungeheuerlichkeit der onanistischen Anmaßung besteht darin, sich bei der Lustbefriedigung nicht von der Frau steuern zu lassen.“ (304)
Verständlich wird diese Erklärung durch die Annahme, nur die Verbindung mit einer liebenden Frau könne den Mann, den selbstbezogenen und egoistischen Gefährder der sozialen Ordnung, humanisieren und einbinden.
Damit baut die Anti-Onanie-Kampagne auf der Vorstellung, dass der männliche Mensch so, wie er ist, niemals gut, human und akzeptabel sein könne, dass er erst erzogen werden müsse. „Die Botschaft lautete: Sei nicht, wer du bist.“ (306) Insbesondere Jungen hätten also lernen müssen, dass sie ihren Neigungen und Instinkten nicht folgen dürften, dass sie sich bestimmen lassen müssten durch etwas, was außerhalb von ihnen liegt.
Gewünscht sei der stabile Bezug auf die Frau und, mit ihr, auf die bestehende soziale Ordnung – erreicht werde das Gewünschte durch eine Pädagogik der Unterwerfung und der massiven körperlichen Zurichtung: „Erziehung durch Schmerz.“ (306)

Als ein wesentliches Mittel zur Verhinderung der männlichen Masturbation habe sich schließlich die Beschneidung durchgesetzt (314ff), die Anti-Masturbations-Kampagne sei in einer „Beschneidungseuphorie“ (324) gemündet. Bis heute habe sich dabei

„eine Art ‚double standard’ etabliert, über Kliterektomie Abscheu zu zeigen, über das millionenfache Abtrennen männlicher Vorhäute aber zu schweigen und sie nicht als Genitalverstümmelung zu behandeln.“ (319)
Mit diesem doppelten Standard reicht die Debatte unmittelbar in die Gegenwart. Dass die Beschneidungspraxis nicht allein ein religiöser Ritus ist, sondern – später kaschiert als Hygienemaßnahme – unmittelbar in der Kampagne gegen die männliche Masturbation wurzelt, ist in heutigen Diskussionen kaum bewusst.
Es ist verständlich, dass insbesondere die deutsche Politik in der Beschneidungsdebatte vor einem Dilemma steht – weil sie zurecht befürchtet, ein Verbot der Beschneidung würde als direkter Angriff auf das Leben von Moslems und Juden in Deutschland gewertet werden. Insbesondere die Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus ist  in Deutschland natürlich gravierend.

So verständlich das Dilemma aber sein mag – unverständlich ist es, wie fast das gesamte politische Establishment in Deutschland es löst: Nämlich durch die Fantasie, dass es eigentlich gar kein Dilemma gäbe.

Mediziner und ihre Vereinigungen kritisieren die Jungenbeschneidung scharf, machen deutlich, dass kleine Kinder dadurch unnötig massive Schmerzen erlitten, erheblichen medizinischen Risiken ausgesetzt würden und die Gefahr bleibender Traumatisierungen und Einschränkungen hoch sei.

Das wird souverän beiseite geschoben, indem die Frage der Beschneidung von einem Problem medizinischer Ethik zu einem Problem der religiösen Selbstbestimmung verengt wird. Das Kindeswohl spielt in der politischen Debatte um die Beschneidung schlicht keine Rolle – solange es eben um das Wohl von Jungen geht.
Doch nicht allein in der Beschneidungsdebatte setzen sich alte Ressentiments fort, die sich insbesondere gegen männliche Kinder richten.
Warum Gewalt gegen Jungen nicht der Rede wert ist Der Spiegel zitierte 2006 einen Mitarbeiter des Vereins Dissens mit den Worten, dem Verein ginge es bei seiner Jungenarbeit um die „Zerstörung von Identitäten“. Ziel sei „nicht der andere Junge, sondern gar kein Junge“.
Der eingetragene Verein Dissens, Gründungsmitglied beim Bundesforum Männer des Familienministeriums,  sah sich durch den Artikel unfair dargestellt – der Spiegel-Autor René Pfister habe „theoretische Debatten und Reflexionen zur pädagogischen Arbeit mit der pädagogischen Praxis in der Jungenarbeit“ verwechselt.
Bei Licht betrachtet ist es natürlich nur begrenzt beruhigend, dass Identitäten von Jungen lediglich theoretisch, aber nicht praktisch zerstört werden sollen – würde ein mit öffentlichen Geldern finanzierter Verein so über Mädchen reden, würde diese Erklärung wohl kaum jemand akzeptieren. Zurecht.
Kritiker der Kritik bemängeln (hier zum Beispiel in den Kommentaren), dass seit Jahren immer wieder derselbe Spiegel-Artikel ausgegraben und die Position von Dissens dabei verzerrt werde. Das allerdings ist verharmlosend. Ähnliche Haltungen sind in einer sich progressiv gebenden, tatsächlich aber traditionell autoritären Pädagogik weit verbreitet.
Für Anita Heiliger müssen Jungen zum Beispiel lernen, „Bedürfnisse und Interessen von Mädchen zu erfragen, um diese in ihrem Verhalten auch berücksichtigen zu können.“ Mädchen müssen das natürlich nicht lernen – sie sind ja immer schon empathisch.
Ganz ähnlich der Pädagogik-Professor Edgar J. Forster 2009 in einem Vortrag für die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung.  Es müsse doch nicht
„Schule und Unterricht verändert werden, dass sie den eingeschränkten Kommunikationsstilen von Jungen gerecht werden (wie von Jungen-Lobbies gefordert), sondern Kommunikationsprobleme müssen angesprochen und Kommunikationsfähigkeiten vermittelt werden.“ (S. 7)
Dass Jungen in der Schule Probleme haben, liege nicht an den Schulen, sondern an den kommunikativ beschränkten Jungen selbst.
Es ist überraschend und deprimierend, dass diese klassische Position autoritärer Schulpädagogikdie Schule ist richtig, nur die Kinder sind falsch – so leicht und weiträumig fortgeführt werden kann, solange sie sich nur gegen Jungen richtet.
Für die GEW, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kommt Thomas Viola Rieske zu dem Schluss:
„Jungen sind insofern benachteiligt, als dass bestimmte gesellschaftliche Männlichkeitskonstruktionen sie in Konflikt mit bestimmten Anforderungen von Bildungsinstitutionen bringen.“
Rieske schreibt hier über die offenkundigen Nachteile von Jungen in der Schule, die im Gymnasium erheblich unterrepräsentiert, in den Haupt- oder Förderschulen erheblich überrepräsentiert sind und die im Schnitt nachweisbar für dieselben Leistungen schlechtere Noten als Mädchen erhalten.
Der hochkarätig besetzte Aktionsrat Bildung hatte daher schon 2009 eine gezielte Jungenförderung gefordert Der Widerstand dagegen baut wieder und wieder auf dieselbe Argumentation: Nicht Schulen seien das Problem für Jungen, sondern sie selbst – ihre eigenen traditionellen „Männlichkeitskonstruktionen“ nämlich.
Der Bildungsforscher Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung beispielsweise erklärt, dass Jungen nun einmal zur „Arbeitsvermeidung“ neigen würden und daher für ihre Schulprobleme selbst verantwortlich seien:
„Weil sie es sich leisten können. Als Mann kommt man in der Gesellschaft auch nach oben, wenn man nicht viel tut.“
Helbigs akademische Ziehmutter, die Professorin und WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger, deutet in ihrem Vorwort für Helbigs Dissertation die Schulprobleme von Jungen dann gleich in eine Erfolgsgeschichte der Mädchen um. Peer Steinbrück wollte dann übrigens Allmendinger für sein „Kompetenzteam“ gewinnen – für den Bereich Bildung, selbstverständlich.
„Sei nicht, der du bist.“ Auf besonders irrwitzige Weise legt ein Projekt der Fachhochschule Erfurt diese Klischees wieder auf, natürlich großzügig aus öffentlichen Mitteln produziert. Auf der für Schulen entwickelten Internet-Plattform der Nice Guys Engine sollen Jungen lernen, ihre „patriarchale Männlichkeit zu hinterfragen“ und eine „frauenrespektierende Männlichkeit“ zu entwickeln. So wieder Anita Heiliger, Beraterin des Projekts.
Die Plattform warnt, ganz nach alter Manier, dann auch vor dem männlichen „Selbstbefriedigungszwang“, lässt aber Jungen immerhin eine Möglichkeit der legitimen Masturbation übrig: wenn sie damit nämlich „aufmerksamere – und damit bessere – Liebhaber werden“ würden.
Wie verrückt das ist, wird vielleicht erst durch eine Rollenumkehr deutlich. Die Masturbation von Mädchen sei schändlich – es sei denn, sie lernten dadurch, Jungen und Männer besser zu befriedigen: Kein Pädagoge, der noch einigermaßen bei Sinnen ist, würde dieses Argument ernsthaft vorbringen.
Regelrecht harmlos wirkt dagegen das Gerede Jürgen Trittins, der Frauen und Mädchen in einer Plenardebatte schlicht als das „begabtere Geschlecht“  darstellte.
Dass Einzelne ab und zu einmal Blödsinn und seltsame Dinge erzählen, ist erwartbar und kaum der Rede wert. Hätte Trittin allerdings Mädchen und Frauen mit der gleichen Selbstverständlichkeit als das unbegabtere Geschlecht bezeichnet – dann hätte er sich in seiner so auf Geschlechtergerechtigkeit bedachten Partei wohl kaum als Parteichef halten können. Seine Häme gegenüber Jungen und Männern hingegen empfand dort niemand als Problem.
Das eben hat sich geändert seit den achtziger und frühen neunziger Jahren: Ressentiments gegen Männer und Jungen sind keinesfalls allgegenwärtig – aber sie habe sich aus dem Bereich begrenzter Szenen hinaus in Institutionen festgesetzt. Diese Institutionalisierung in Parteien, Ministerien  (ausgerechnet das Familien-Ministerium ist zugleich ausdrücklich das Frauen-Ministerium), Gewerkschaften, Universitäten und Gesetzen führt zu einem doppelten Problem.
Einerseits werden diese Ressentiments dadurch zementiert. Zugleich verflüchtigt sich aber die persönliche und konkrete Verantwortung für sie, diffundiert in allgemeinen und abstrakten Strukturen. Anders ist die Selbstverständlichkeit kaum erklärlich, mit der erwachsene Menschen diese Ressentiments auch auf Kinder projizieren.
Zwei bedrückende, aber ganz unterschiedliche Beispiele noch. Seit Jahren versucht die Organisation Manndat e.V., die Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes dazu zu bewegen, die offenkundigen Nachteile von Jungen im Bildungswesen zu thematisieren – vergeblich.
Die Leiterin der Stelle, Christine Lüders, lehnt einen solchen Einsatz ab. Die Probleme von Jungen führt die ADS auf deren „Rollenbilder“ zurück. Manndat dazu:
„Damit macht man Diskriminierungsopfer zu Tätern. Das ist insofern doppelt verwerflich, weil es sich bei diesen Opfern um Kinder handelt.“
Zudem ist es absurd. Mit der Frauenquote für Aufsichtsräte unterstützt die Bundesregierung eine Handvoll erwachsener, ohnehin schon privilegierter Frauen, weil diese für das Ausbleiben beruflicher Erfolge nicht selbst verantwortlich gemacht werden könnten. Wenn aber Kinder weiträumig und mit erheblichen Konsequenzen im Bildungssystem abrutschen und für gleiche Leistungen nachweislich schlechter bewertet werden – dann sind diese Kinder nach Auskunft der Antidiskriminierungsstelle selbst daran schuld.

Ein ganz anderes Beispiel lieferte gerade eben die grüne Heinrich-Böll-Stiftung. Die extrem brutale Terrorgruppe Boko Haram überfiel im Norden Nigerias Dörfer und Kleinstädte, ermordete mehrmals systematisch die Männer und Jungen, überfiel Jungenschulen und schlachtete dort die Kinder regelrecht ab oder verbrannte Jungen bei lebendigem Leib.

Und: Boko Haram entführte eine Gruppe von Mädchen.

Erst mit dieser Entführung erhielt der Terror weltweite Aufmerksamkeit. Die Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete nun einen Gesprächsabend zur extremen Gewalt von Boko Haram – und fixiert sich programmatisch allein auf die weiblichen Opfer.
„Die Entführungen zeigen die genderspezifische Gewaltdimension des blutigen Konflikts im Nordosten Nigerias.“
Absichtlich, und ganz gewiss auch wider besseres Wissen, erweckt die grüne Stiftung den Eindruck, der Terror richte sich geschlechtsspezifisch allein gegen Mädchen. Sie vertuscht damit die massive Gewalt gegen Jungen.
Das aber ist nicht mehr nur Ignoranz, sondern Hass: Menschen auch noch das Recht abzusprechen, dass ihr Leid – wenn es schon niemand verhindert – wenigstens wahrgenommen wird.
Nun sehen sich die Grünen natürlich nicht als eine Partei, die Hass und Aggressionen gegen gefolterte und ermordete Kinder verbreitet. Wie aber ist dann ein Verhalten wie das der grünen Stiftung überhaupt möglich?
Von göttlichen Blicken und mächtigen Kindern Der Begriff des male gaze, des männlichen Blicks auf Frauen, ist nicht nur in der feministischen Analyse von Filmen längst etabliert. Christoph Kucklick zeigt, dass schon seit Jahrhunderten der weibliche Blick auf Männer keine geringere Bedeutung hatte – auch wenn der „female gaze“ (274) in Analysen oft übersehen werde.
„Der weibliche Blick seziert und klassifiziert, er teilt das männliche Innere in Wert und Unwert, in Stärken und Schwächen und entblößt, was womöglich verborgen bleiben sollte oder wollte.“ (275)
Als regelrecht gottgleich sei der weibliche Blick fantasiert worden, als „Erfassung fremder Seelenzustände“ (277), als Stiften von „Einheiten, wo andere (Männer) nur Disparates vermuten“ (278).
„Die Frau ist der innerweltliche Gott, dessen Blick er- und beleuchtet und stets eine Botschaft enthält: Ich sehe was, was du auch sehen könntest, wenn du nur wolltest.“ (279)
Natürlich geht es bei diesen Überlegungen nicht um den Blick real existierender Frauen auf real existierende Männer, sondern um die Fantasie von einem besonderen weiblichen Sehen. Diese Fantasie lässt sich heute nur mit einer Hilfskonstruktion wieder auflegen: Mit der Vorstellung nämlich, dass wir in einer patriarchalen Ordnung lebten, die sich permanent als Herrschaft selbst wieder reproduziere.
Frauen haben demnach nicht oder nur mittelbar Teil an dieser Ordnung der Falschheit – und sie seien als Opfer dieser Ordnung prädestiniert dazu, eine Herrschaft zu entlarven, die von den Herrschenden selbst immer nur kaschiert werde.
Über die Hilfsfantasie eines Patriarchats kann so auch heute noch die Vorstellung eines besonders privilegierten, besonders vertrauenswürdigen weiblichen Blicks aufrechterhalten werden – von der Selbstbeschreibung akademischer Gender Studies, die für dich die Perspektive der Beherrschten in Anspruch nehmen und daraus wissenschaftliche Geltung ableiten, bis hin zum Konzept der Definitionsmacht in radikalfeministischen Zirkeln.
Die idealisierende Fantasie von „der Frau“ und die Vorstellung einer Männerherrschaft sind also zwei Aspekte desselben Gedankens und liefern die Antwort auf eine naheliegende Frage. Wenn doch im Weiblichen das Heilsbringende immer schon da ist – warum ist dann eigentlich das Heil noch nicht da? Nun: Weil es unterdrückt wird, zum Schaden aller – sogar zum Schaden der Unterdrücker selbst.
Beide Aspekte finde sich in einem der infamsten Sätze der neueren deutschen Politik, in einem Satz aus dem SPD-Grundsatzprogramm:
„Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“
Einerseits kann hier das Weibliche für das eigentliche Menschsein stehen, das Männliche für das Unmenschliche oder Nicht-Menschliche. Andererseits kann der Satz auch so verstanden werden, dass das Männliche das Weibliche allzu sehr dominiere und ein größeres Gleichgewicht die Gesellschaft für alle menschlicher mache.
Dass möglicherweise das Männliche gar nicht herrsche, mehr noch: dass eigentlich offenkundig gar nicht so genau zu sagen ist, was das Männliche und das Weibliche eigentlich ist, und dass real existierende Männer und Frauen mit diesen Fantasien oft bemerkenswert wenig zu tun haben – das sind Gedanken, die hier mit staunenswerter Selbstverständlichkeit ausgeschlossen sind.
Es ist aber die fixe Idee von der Männerherrschaft, die es ermöglicht, dass ohnehin irrationale Geschlechteraggressionen auch noch, und ganz ohne Skrupel, gegen Kinder gerichtet werden. Jungen sind in dieser Perspektive eben keine Kinder, für die Erwachsene Verantwortung tragen müssten – es sind Herrscher im Kleinformat, Machos in Ausbildung.
Die Erwachsenen hingegen, von denen diese Jungen pädagogisch bearbeitet werden, imaginieren sich selbst dabei als Vertreter der Unterdrückten.
Die realen Machtverhältnisse werden in dieser vorgeblich progressiven, vorgeblich geschlechtsbewussten neo-autoritären Pädagogik und in der Politik, die sie trägt, restlos umgekehrt. So ist es denn zum Beispiel möglich, dass die grüne Heinrich Böll Stiftung ganz selbstverständlich noch gefolterten, ermordeten Kindern das Recht abspricht, wenigstens nach ihrem Tod als Menschen gesehen zu werden.
1. Warum Männerfeindschaft modern ist (Kucklicks Theorie der „Negativen Andrologie“)
2.2 Politik und Kinderfeindschaft (Die Gegenwart)
Es folgt ein Schlussteil zu den Konsequenzen von Kucklicks Text
Empfehlenswert, insbesondere im Hinblick auf den Hintergrund von Kucklicks Theorie in Luhmanns Systemtheorie: Warum die moderne Gesellschaft niemals ein ‚Patriarchat‘ gewesen ist (von djadmoros)
Alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, stammen aus:Christoph Kucklick: Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, Frankfurt am Main 2008
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19 Comments

  • Danke für den (wie immer!) hervorragenden Text. Ich habe Kucklicks Buch vor ca. einem halben Jahr gelesen und war auch der Ansicht, dass es sich um eine der wichtigsten Arbeiten zur Geschlechterforschung handelt. Sie gibt vor allem einen Vorgeschmack darauf, welch interessante und bereichernde Geschlechterforschung möglich ist, wenn Geschlechterforschung nicht unter einer Glocke von Vorannahmen stattfindet, zu deren alleiniger Bestätigungen sie dann die Quellen untersucht. Bis Kucklick, hat man das Gefühl, entsteht das Bild von Männlichkeit in der Geschlechterforschung nur in der Spiegelung von aus Prinzip unterdrückter Weiblichkeit und bleibt damit vollkommen undifferenziert. Eben nicht menschlich, mit Bedürfnissen, Zielen und einschränkenden Umwelteinflüssen ausgesetzt. Vielmehr erscheinen Männer aus dieser Spiegelung heraus als anonyme Unterdrückungsautomaten einer Massenproduktion und mit einem abgespeicherten Repertoire an Dominanzoperationen. Dieses Männlichkeitsbild das so entsteht, ist dann natürlich vollkommen entrückt von den Männern die uns im Alltag begegnen. Nicht einmal für die Generation meiner Großeltern ergibt sich irgend ein Wiedererkennungswert. Erst mit Kucklicks unvoreingenommenen Blick in die Quellen hat man den Eindruck, dass Männlichkeit tatsächlich erforscht und nicht konstruiert wird und, dass Geschlechterforschung erst so einen Sinn macht und in der Lage ist Wirklichkeiten zu beschreiben und nennenswerte Erkenntnisse abzuleiten. Bislang allerdings erscheint Kucklicks Arbeit im Blick auf die Geschlechterforschung jedoch leider als mutige Einzelleistung.
    Einzig schade finde ich an der Arbeit, dass Kucklick biologische Erklärungsursachen von vornherein ausschließt. Das ist in Bezug auf sein systemtheoretisches Theoriefundament naheliegend und es wäre zu viel verlangt gewesen die Arbeit auf diesen Bereich auszudehnen. Aber ich glaube, dass der Prozess den Kucklick beschreibt in vielen seiner Ausprägungen auch von evolutionsbiologischen Einflüssen auf Kulturen (wie sie zum Beispiel Roy F. Baumeister beschreibt: „Wozu sind eigentlich überhaupt noch gut?“) mit- und oftmals auch vorherbestimmt wird. Gut sichtbar wird dies besonders wenn Kucklick die hohe Funktionalisierung und gesellschaftliche Fremdbestimmtheit von Jungen und Männern beschreibt – sehr deutlich zum Beispiel in Bezug auf die Beschneidungspraxis:

    „Richtig an Hyams Beobachtungen ist aber, dass der Penis im Gesundheits-, Rassen- und Kolonialdiskurs des 19. Jahrhunderts gleichsam entprivatisiert und zur Sache der nationalen Gesundheit, Wehrhaftigkeit und »Standhaftigkeit« erklärt wurde. Die Selbstkontrolle des Mannes über sein Glied wurde weiter unterbunden und der Penis unmittelbar nach der Geburt den imaginären Anforderungen von Sauberkeit und imperialem Nutzen unterworfen, gleichsam für das Kollektiv zurechtgeschnitten. Aus der in dieser Arbeit vertretenen Perspektive erscheint das als frühkindliche Fremdreferenzialisierung des Jungen, dem durch den Beschnitt bedeutet wird, dass sein Körper nicht ihm selbst, sondern dem Kollektiv gehört, genauer noch: dem Staat und seinen Belangen“ (S. 324f)

    Alleine die Analyse dieses Fremdanspruches der frühmodernen Gesellschaft an Jungen und Männern, den Kucklick immer wieder kenntlich macht, bildet einen hohen Erkenntniswert seiner Arbeit. Gleichzeitig sind aus meiner Sicht aber auch die Parallelen und Einflüsse zu evolutionsbiologisch begründeten Kulturtheorien wie etwa von Baumeister deutlich sichtbar.
    Interessante Fragestellungen gäbe es also zuhauf. Fragt sich nur ob und wann die Geschlechterforschung jemals in der Lage sein wird unter der eigenen Glocke hervorzukommen um sich zu Abwechselung einmal echter wissenschaftlicher Arbeit zu widmen.
    VG
    Stephan W

  • Vielen Dank für den Kommentar zum Text!

    Die „hohe Funktionalisierung und gesellschaftliche Fremdbestimmtheit von Jungen und Männern“ ist bei Kucklick tatsächlich ein zentraler Aspekt – und es ist ein Aspekt, der beispielsweise an Farrells Rede vom „disposable male“ angeschlossen werden kann. Bei Kucklick entsteht regelrecht ein Teufelskreis:

    Da der Mann besonders nutzbar ist für die anonymen modernen Strukturen, eignet er sich auch als Repräsentant eines modernen Menschen und als Projektionsfläche für die damit verbundenen Ängste und Unsicherheiten.

    Da er aber in dieser Weise zum Objekt beständig moralisierender Feindseligkeit wird, wird damit auch seine Funktionalisierung und umfassende Benutzung jederzeit legitimiert.

    Die Abgrenzung von der Biologie wird insbesondere in Kucklicks Zeit-Artikel deutlich. Seine Dissertation würde auch noch die Möglichkeit offenlassen, seinen Ansatz als alternativen Ansatz zu biologischen Erklärungen zu verstehen – als etwas, das neben biologischen Erklärungen steht und sie ergänzt, sie aber nicht ersetzt.

    Seine klare Abgrenzung von der Biologie im Zeit-Artikel („Alle Versuche, Verhaltensunterschiede biologisch festzumachen, sind gescheitert“) ist hingegen schlecht begründet und eigentlich auch unnötig für seine Argumentation.

    Viele Grüße zurück!

  • So, ich habe mich jetzt endlich dazu aufgerafft, meine Materialsammlung zu Kucklicks Dissertation zu sortieren und diese in meine maskulistische Leseliste aufzunehmen:
    http://maninthmiddle.blogspot.de/p/faq.html#ll_kucklick2008

    Verlinkt sind dort nicht nur die neuen einschlägigen Blogposts, sondern auch einige ältere ausführliche Rezensionen. Z.T. ähneln sie den aktuellen Zusammenfassungen / Rezensionen, einige stammen aber auch von feministischen Autoren, die offenbar „not amused“ waren. Die mildeste Kritik war noch, daß alles wichtige schon vorher von Frauen gesagt wurde – na super, umso besser.

  • Noch einige Ergänzungen:

    1. Ich hatte mich über verschiedene leicht variierende Titel der Dissertation gewundert.

    Auflösung: Die ursprüngliche an der Humboldt-Universität zu Berlin eingereichte Dissertation hatte den Titel „Das unmoralische Geschlecht. Zur Genese der modernen Männlichkeit aus einer negativen Andrologie“. Sie wird nach diversen Quellen auf 2006 datiert. Sie wurde offensichtlich nie veröffentlicht. Ich konnte noch nicht einmal elementare technische Informationen über die Promotion finden, z.B. das genaue Datum der Promotionsprüfung, die Gutachter, die die Promotion vollziehende Fakultät usw.

    Die 2008 bei Suhrkamp veröffentlichte Version hat einen modifizierten Titel: „Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie“.

    Von der ursprünglichen Version scheinen nur wenige Exemplare im Umlauf zu sein. Z.B. [Ehrenspeck] zitiert aus dieser Version und stellt fest, die 2008 veröffentlichte Monographie sei eine „überarbeitete und gekürzte Fassung der Dissertation … in der einige … Passagen fehlen“.

    [Ehrenspeck] Ehrenspeck, Yvonne: Geschlechterdifferenz, Geschlechterpolarität und „Geistige Mütterlichkeit – systemtheoretisch betrachtet. Glaser, Edith [Hrsg.]; Andresen, Sabine [Hrsg.]: Disziplingeschichte der Erziehungswissenschaft als Geschlechtergeschichte. Opladen u.a. : Budrich 2009, S. 29-47. – (Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft; 5) urn:nbn:de:0111-opus-82196 http://www.pedocs.de/volltexte/2013/8219/pdf/JB_FGE_2009_05_Ehrenspeck_Geschlechterdifferenz.pdf

  • 2. In [Ehrenspeck] und an anderen Stellen bin ich auf einen sehr interessanten Text von Niklas Luhmann aufmerksam geworden:

    Luhmann, Niklas (1988): „Frauen, Männer und George Spencer Brown, in: Zeitschrift für Soziologie 17 (1), 47-71

    Gut lesbare Zusammenfassung hiervon von Lutz Ohlendieck (Kiel, 30.9.2002): http://differenzen.univie.ac.at/bibliografie_literatursuche.php?sp=506

    Offenbar wurde Luhmanns Text hier wiederveröffentlicht:

    Luhmann, Niklas (2003): Frauen, Männer und George Spencer Brown. In: Pasero, Ursula/Weinbach, Christine (Hg.) (2003): Frauen, Männer, Gender Trouble. Systemtheoretische Essays. Suhrkamp

    Leider sind beide Versionen nicht im Netz frei zugänglich.

    Luhmann argumentiert hier, in modernen Gesellschaften sei die Geschlechterdifferenz gesellschaftsstrukturell funktionslos, weil Individuen nicht mehr aufgrund von Stand, Alter oder Geschlecht, sodern nur noch aufgrund der ausgeübten Funktionen zu gesellschaftlichen Teilsystemen gehören, i.a. sogar zu mehreren gleichzeitig. Damit negiert er das zentrale feministische Dogma, über Macht und Zuständigkeiten werde zuvorderst entlang einer „Geschlechterhierarchie“ entschieden, in der natürlich „die Männer“ „die Frauen“ dominieren.

    Luhmann schießt weiter mit sarkastischem Unterton, daß „…die Unterscheidung Mann/Frau in einer modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft als ordnende Unterscheidung nicht mehr geeignet und allenfalls zur Stimulierung einer sozialen Bewegung, der Frauenbewegung, geeignet sei“. Dieser Seitenhieb kam bei dieser Frauenbewegung natürlich nicht gut an, erst recht, zumal Luhmann hieraus weiter einen gravierenden inneren Widerspruch der Frauenbewegung ableitet: die Frauenbewegung muß auf dem Ziel „Gleichheit“ bestehen, zugleich aber dogmatisch eine grundsätzliche Verschiedenheit von Männern und Frauen postulieren.

    Die Widerlegung der Patriarchatshypothese in Kucklicks Dissertation, die djadmoros in seiner Rezension betont hat und die ich hier als zweiten Beitrag von Kucklicks Dissertation aufliste, geht vermutlich größtenteils schon auf den Text von Luhmann zurück, der höchstwahrscheinlich in der Kucklicks Dissertation zitiert worden ist. (Kann das jemand, der das Buch hat, prüfen?)

    Eine intensivere Beschäftigung mit Luhmanns Text dürfte sich jedenfalls lohnen. Vielleicht hat ja djadmoros oder LoMi Zeit und Lust. [Weiß jemand, was aus LoMi geworden ist? Er scheint uns verlorengegangen zu sein, was ich sehr bedauern würde.]

  • Auch der dritte Teil ist hervoragend geschrieben und zu lesen.

    Mein erster Gedanke, speziell zur Brutalität, mit der gegen Onanie vorgegangen wurde, war folgender:

    Bestand oder besteht nicht einfach die Befürchtung, dass sich Männer von der Sexualität einer Frau per Hand anlegen autark machen können – und somit kein Macht- oder Druckmittel mehr vorhanden wäre.

    Dieses weiter geführt, könnte z.B. auch ein Ansatz sein, zu fragen, warum die aktuell einzig halbwegs sichere Form der Verhütung für Männer nur durch das Benutzen von Kondomem besteht (oder Kastration durch Vasektomie).

    Was wäre wohl in diesem Land los, gäbe es neben Liebespuppen, Masturbation und Pornographie auch noch eine Möglichkeit der sicheren Verhütung, bei der Frauen zur Abwechslung mal den Männern vertrauen müssten.

    Vermutlich wäre damit eine Parität hergestellt, die schlicht nicht gewollt ist. Augenhöhe ja – so lange er nach oben gucken muss.

    An dieser Stelle noch mal meinen Dank an Alle, die sich mit Kucklicks Buch beschäftigt haben. Mir wäre diese Lektüre sonst sicherlich entgangen.

  • Das mag auch der Grund sein, weswegen die Verhütung durch den Mann plötzlich kein Thema mehr für Feministinnen ist. Frau stelle sich vor, es käme zu einer „sexuellen Befreiung“ für Männer ähnlich wie für die Frauen durch die Einführung der Pille. Das wäre ein harter Schlag gegen all die Anstrengungen die Alice im Kontext von Sex so in letzter Zeit unternommen hat… Dabei wäre, wenn Frau wollte, man(n) schon recht weit…
    http://www.praxisvita.de/jetzt-kommt-die-natuerliche-anti-baby-pille-fuer-den-mann/gn/12977
    oder einer Vasektomie nicht ganz unähnlich aber reversibel:
    http://www.parsemusfoundation.org/vasalgel-home/
    Ich bin mir sicher, dass die Formulierung „jetzt kommt die Antibabypille für den Mann“ eher so auf ca. 10 Jahre ausgelegt ist… Und durch fehlende Kuckuckskinder würde die Geburtenrate zusammenbrechen und die Scheidungsrate steigen… Wer hat also Interesse daran? Keiner, die Wirtschaft nicht, das Wohlfühlministerium nicht und ganz sicher nicht die Femis… Und daher wird es keine Zulsassung bekommen und auch nicht mehr Medial verbreitet… Das Tuch des Schweigens …
    chris

  • Mehr als eine Verhütungsmethode für den Mann würde es die Gesellschaft umstülpen, wenn es eine funktionierende, leicht reversible Methode gäbe, nicht mehr ständig spitz wie Lumpi zu sein.

    Also nicht in Form von Abhilfe, was mit Prostitution und Porno je so mehr oder weniger funktioniert. Sondern mit einem Mittel, das den Trieb unterdrückt. Die Briten sollen angeblich im 2. Weltkrieg ihren Soldaten so ein Mittel gegeben haben. Veteranen warten bis heute, dass es anfängt zu wirken.

    Man stelle sich eine Gesellschaft vor, in der es Männer schlichtweg egal wäre, ob sie mit einer Frau schlafen oder nicht. Sex fällt als Motivationsfaktor einfach weg, bzw wird auf das gleiche individuelle Niveau gesenkt wie Klavier spielen oder Schwimmen. Sprich: Einige haben da immer noch Interesse dran, aber im Großen und Ganzen ist es nicht mehr als ein Hobby.

    Ich frage mich, ob das eine Utopie oder eine Dystopie wäre.

  • Tja, only_me. Hierzu ein Kommentar von Helen Smith, die das Buch „Men on strike“ schrieb:

    „Männer haben wenig reproduktive Freiheit“

    Helen Smith: Nein, Sie übertreiben überhaupt nicht. Frauen verfügen über mehr und mehr reproduktive Freiheit. Sie können eine Abtreibung durchführen lassen, haben die Pille und andere zuverlässige Mittel um Schwangerschaften zu verhindern. Sie können ein Kind zur Adoption freigeben, ohne dass der Vater überhaupt davon erfährt, und können Unterhalt von einem Mann verlangen, der nicht einmal der Vater ihrer Kinder ist.“

    Ein weites Feld, welches sie da anreißt, und welches ich hier u.a. anriss: https://emannzer.wordpress.com/2015/02/10/sich-hassende-versager/

    Stellen wir die Situationen doch mal gegenüber. Frauen haben die Optionen:

    – Anonyme Geburt
    – Babyklappe
    – Alleinerziehend
    – Partnerschaft
    – Abtreibung

    Bei Männern sieht es da eher mau aus:

    – Akzeptanz (u.ggf. zahlen)
    – Abtreibung ohne Mitsprache

    Insofern wäre die Zukunft einer Lust-Verlust-Pille für Frauen durchaus eine Dystopie, also ein Desaster im Geschäftsmodell Mutter. Insofern ist (nicht nur) deshalb, dein fiktiver Gedankengang ein interessanter.

    Aber ich möchte hier nicht von Lucas' Analyse des Buches in ein Nebenthema abgleiten. Generell ist es aber nachdenkenswert, die 'Geilheit' und den Wunsch nach Vaterschaft abzuschalten.

    Kucklick sprach aber wohl eher die Kompensation durch Masturbation an, welche wohl nur bei Jungs härtest bestraft wurde.

    Mir würde eine Verhütungspille schon reichen – hätte mich aber nicht von der aktuellen Situation retten können – denn es war ein (von meiner Seite) Wunschkind.

  • Wo hab ich das gestern gelesen: Das ist kein Derailing, das ist eine Extension of the Network.
    😉

    Der Zusammenhang zum Thema ist schon recht lose. Außer vielleicht: Angenommen, es gäbe technisch die Möglichkeit. Wie ließe es sich auf den Markt bringen?

    Mit dem Argument, dass es Männern mehr Freiheit und Wohlstand verschafft?
    Unsinn, klappt nie.

    Einzige Chance: Rape Hysteria. Die einzige Rettung für verängstigte Frauen, die fest überzeugt sind, dass es sie in den nächsten 3 Monaten erwischen wird: Single-Männer müssen das Mittel schlucken.

    Es passiert nichts in der Gesellschaft, weil es für Männer gut ist. Oder fällt nur mir kein Beispiel ein?

  • Ich hatte schon mehrmals zu einem Kommentar angesetzt und habe dann doch wieder innegehalten. Es sind zu viele Momente in diesem Text, die gewürdigt werden sollten. Doch dann stieß ich zufällig auf die Dissertation Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager von Silke Schäfer. Dort beschreibt sie auf Seite 75 ff im Abschnitt die Aufseherinnen wie die KZ-Wärterinnen wahrgenommen wurden. Dieses Frauenbild dissoziiert derart mit dem gewohnten Frauenbild, dass man den Täterinnen das Frausein absprach. Die böse Frau wird demnach eher als ein Abbild des Mannes wahrgenommen, als dass man es seinem Ursprung – den Frauen – zuordnet. Frei nach dem Motto: Frauen tun so etwas nicht! – Interessant fand ich auch, dass es die Häftlingsfrauen waren, die den KZ-Aufseherinnen das Frausein absprachen, da sie wohl sonst noch schwerer überleben hätten können.

    Die KZ-Aufseherinnen wurden von vielen weiblichen
    Häftlingen als neuer Frauentyp empfunden, der sie
    überraschte und demütigte. Lina Haag beschrieb diesen
    Eindruck bei ihrer Einlieferung ins Frauen-KZ Lichtenburg
    wie folgt:

    „Wachtmeisterinnen der SS umkreisen uns wie graue Wölfe.
    Ich sehe diesen neuen Idealtyp der deutschen Frau zum
    erstenmal. Manche haben leere, manche brutale Visagen, der
    gemeine Zug um den Mund ist allen gleich. Sie gehen mit
    großen Schritten und wehenden grauen Capes hin und her,
    ihre Kommandostimmen gellen über den Hof, die großen
    Wolfshunde, die sie mit sich führen, zerren bedrohlich an
    den Leinen. Sie sind phantastisch und furchterregend, an
    graue Sagen gemahnend, mitleidlos und wahrscheinlich noch
    viel gefährlicher als die brutalen SS-Henkersknechte, denn
    es sind Frauen. Sind es Frauen? Ich zweifle daran. Es
    können nur Wesen sein, Wesen mit grauen Hemden und mit
    allen Instinkten, Tücken und aller Wildheit ihrer Hunde.
    Unwesen.“

    Die großen Wolfshunde waren deutsche Doggen, die auf das
    Zerfleischen von Menschen abgerichtet worden waren.
    Lina Haag spricht den Aufseherinnen das „Frau-Sein“ ab,
    bezeichnet sie als „Wesen“ bzw. „Unwesen“. Es bleibt die
    Frage offen, kann oder will sie sich so keine Frauen
    vorstellen? Mit dieser Einstellung bzw. mit diesem
    Frauenbild stand Lina Haag nicht allein da, auch Herta
    Oberheuser setzte in ihrem Kreuzverhör auf den allgemeinen
    Konsens, dass Frauen zu solchen extremen Grausamkeiten
    nicht fähig seien. Ingrid Müller-Münch kam bei ihrer Arbeit
    über die Täterinnen in Majdanek zu dem Schluss, dass die
    Aufseherinnen genauso waren, „wie ich immer geglaubt hatte,
    daß Frauen nie sein könnten“.

  • Dazu auch ein kürzlicher lesenwerter wie verstörender Beitrag von der Bloggerin Christine.

    Mit einem etwas anderen Fokus, aber auch um die „verbogene Sichtweise“ auf gewalttätige Frauen.

    „Kindermörderinnen im DDR-Stasi-Gefängnis

    Eine Dokumentation von Spiegel TV mit dem Titel “Eingesperrt, um frei zu sein” hat mich ziemlich irri­tiert. Ich kann einfach nicht verstehen, wieso man politisch gefangene Frauen und Kindermörderinnen in einem Film porträtiert. Die einen haben um ihre Freiheit gekämpft und die anderen haben ihren Kin­dern die Freiheit mittels brutaler Gewalt genommen – verstehe das, wer will.

    …“

    http://femokratie.com/kindermoerderinnen-im-ddr-stasi-gefaengnis/02-2015/

  • @ mitm Danke für die Leseliste, und für die Aufnahme dieser Texte!

    Auf den Text von Luhmann, „Frauen, Männer und George Spencer Brown“ geht Kucklick in seinem zentralen theoretischen Teil ein („C. Frauen, Männer, funktionale Differenzierung“). Er schreibt dort über Luhmann und seinen Text: „Er hat zwar die theoretischen Grundlagen der Gender Studies einer scharfen, polemischen Kritik unterzogen, deren empirische Ergebnisse aber weitgehend übernommen. So sieht auch er im Geschlecht eine hierarchische Unterscheidung (…)“ (S. 211f.)

    Zwar würden sich nach Luhmann Männer und Frauen aneinander (also in einem symmetrischen Verhältnis) „unterscheiden“ bzw. definieren, nach außen hin – das heißt, in der öffentlichen Repräsentation – sei das Verhältnis jedoch nicht symmetrisch, da würde der Mann die Frau und überhaupt „das Ganze“ repräsentieren. (S. 212)

    Von dieser Position distanziert sich Kucklick deutlich, auch wenn er ansonsten stark auf Luhmann aufbaut. Für ihn ist das Geschlechterverhältnis nicht hierarchisch strukturiert, weder in die eine noch in die andere Richtung – es sei ambivalent, habe in verschiedenen Bereichen Vor- und Nachteile für beide Geschlechter.

    Dass übrigens Kucklick seine Dissertation unter einem anderen Titel eingereicht hat, als sie veröffentlicht wurde, ist nichts Ungewöhnliches und nichts Anrüchiges. Da jemand seinen Doktortitel erst dann tragen kann, wenn sein Text auch veröffentlicht ist, gibt es Verlage, die sich eigens auf die Veröffentlichung von Dissertation konzentriert haben. Gerade wenn aber eine Dissertation nicht bei einem dieser Verlage veröffentlicht wird, sondern bei einem größeren Verlag, wird manchmal der Titel leicht geändert (wenn die Schrift zum Beispiel so leichter verkauft werden kann). Kucklick hat bei Suhrkamp veröffentlicht – das ist wirklich etwas Besonderes für eine Dissertation, und die Veränderung des Titels dient offenkundig der leichteren Zugänglichkeit.

    Ich selbst hab auch mal promoviert und den Text unter etwas anderem Titel veröffentlicht, als ich ihn zuvor eingereicht hatte. Das hatte keine größere Bedeutung, es ging nur um die Lesbarkeit und Zugänglichkeit des Titels.

  • @ Matthias Mala Danke für den Hinweis, ich kannte die Dissertation nicht und finde das Thema sehr interessant!

    Das Thema ist mir zum ersten Mal schon vor Jahren begegnet, in einer Autobiographie, die ich ansonsten sehr gut und beeindruckend finde, nämlich Ruth Klügers „weiter leben“. Klüger wurde in den zwanziger Jahren Wien geboren, als Tochter einer jüdischen Familie. Sie erzählt vom sukzessiven Verschwinden des Zivillebens für Juden im „angeschlossenen“ Österreich, von ihrer Kindheit in Auschwitz und der Zeit hinterher, in der sie lernen musste, mit ihren Erfahrungen zu leben.

    Dass sie sich ausdrücklich als Feministin versteht, fand ich nachvollziehbar angesichts der Erfahrungen, die sie als Frau und dann als Professorin im Uni-Betrieb machte. Unverständlich fand ich ihre wiederkehrenden Erwägungen dazu, dass die Wärterinnen in den Konzentrationslagern im Schnitt weniger schlimm gewesen seien als die Wärter. Eigentlich sind sich bei Klüger Männer und Frauen fremder als Deutsche und Juden (sie hat ihr Buch in Göttingen begonnen und nennt es „Ein deutsches Buch“).

    Es ist, als ob unbedingt auch noch in der extremen Inhumanität ein Bereich der halbwegs intakten Humanität – in der Weiblichkeit – gefunden werden müsste, der dann eben dadurch geschaffen wird, dass alle Inhumanität auf das Männliche projiziert wird.

    Dazu passt dann auch, @petpanther, die Unterschiedslosigkeit zwischen politischen Gefangenen und Kindsmörderinnen in Deinem Beispiel – beide werden eben gleichermaßen als Opfer betrachtet, und die extreme Täterschaft der einen Gruppe verschwindet dahinter.

  • Wichtig ist allerdings: So gut wie alle Beispiele, die Kucklick analysiert, stammen von Männern. Der Feminismus, soweit er männerfeindlich ist (und das ist er in meinen Augen heute weithin), setzt demnach etwas, fort, was es schon vorher gab und was es auch ohne den Feminismus geben würde.

    Männer sind womöglich manchmal sogar männer- bzw. jungenfeindlicher als Frauen – die krassen Beispiele der Anti-Onanie-Kampagne stammen z.B. durchweg von Männern.

  • In den Sammlungen »Soziologische Aufklärung« und »Gesellschaftsstruktur und Semantik« ist der Aufsatz nicht drin. Ich habe ihn aber online im Volltext hier gefunden.

    Ich habe mir aber von der bei Kucklick zitierten Christine Weinbach den Band »Systemtheorie und Gender« bestellt, in dem sie unter anderem auf die Schwierigkeiten des Feminismus eingeht, mit systemtheoretischem Denken zurechtzukommen.

    Mir scheint, dass die Systemtheorie tatsächlich eine systematische Achillesferse des Feminismus seit den 60er Jahren darstellt, insofern dort das feministische Axiom, Gesellschaft im historischen Längsschnitt auf patriarchale Herrschaftsstrukturen und damit auf Interaktionsbeziehungen zu reduzieren, in grundsätzlicher Weise unterlaufen wird.

    Das ist im Kern übrigens auch das Argument von Roy Baumeister (»Is There Anything Good About Men?«), insbesondere in den Kapiteln 6 und 7, »How Culture Works« und »The Roots of Inequality«: »Culture is a system. It coordinates multiple parts and helps them work together.« (S. 113 – das ist der Einstieg ins Argument, micht das Argument selbst).

    Jedenfalls bin ich mittlerweile zuversichtlich, dass wir hiermit einen Schlüssel in der Hand haben, um eine fundamentale Fehlkonstruktion in der heute dominierenden Spielart feministischer Theorie freizulegen – ich werde an diesem Gedanken definitiv weiter arbeiten.

    [Nein, keine Ahnung, was mit LoMi ist. Hatte er nicht auch mal eine Auszeit angekündigt?]

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