John Dewey, Batgirl und die Auflösung von Schützengräben

Schon vor ein paar Monaten schrieb Leszek:

„Hi Schoppe, du bist doch Fan des Philosophen und Pädagogen John Dewey, oder? Hättest du diesbezüglich ein paar Buchtipps für mich? Was genau gefällt dir bei Dewey? Gibt es noch andere Vertreter der Philosophie des Pragmatismus, die dir gefallen?“
Ich hab damals gleich eine Antwort darauf geschrieben, hatte dann aber so viel mit anderem zu tun, dass diese Antwort unveröffentlicht auf meinem Desktop herumlag und ich schließlich nicht mehr recht wusste, was ich noch damit machen soll. Bis mich Leszek vor einer Weile noch einmal darauf ansprach, ich den Text noch einmal hervorkramte und ein wenig aktualisierte.
John Dewey (1859-1952) Lernen ist keine Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst.
Deweys Werk ist sehr umfangreich, die Werkausgabe füllt 39 Bände. Es war gar nicht so einfach, aufzuschreiben, was genau mir daran gefällt. Es hat aber auch Spaß gemacht. Ich stelle die Antwort auf Leszek hier einfach als eigenständigen Text ein.
Wenn sich zu den Themen, die in diesem Blog sonst eine Rolle spielen, Verbindungen ergaben, habe ich kurz darauf aufmerksam gemacht. Ansonsten ist es aber auch schön, hier einmal einen Text zu veröffentlichen, der mit Geschlechterdebatten nur am Rande etwas zu tun hat. Also:

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Wenn die Guten richtig böse werden (Monatsrückblick Februar 2015)

„Gibt es keine Monatsrückblicke mehr?“, fragte hier neulich ein Kommentator. Doch, gibt es, nur mit etwas Verzug, weil ich in den letzten Monaten im Beruf sehr eingespannt bin. Aber der Rückblick auf den Februar lohnte sich für mich trotzdem, weil er zum Teil sehr lustig war, wenn auch manchmal bitter-lustig – und weil mit dem verqueren Verhältnis der Massenmedien zu der Wirklichkeit außerhalb der Medienwelt ein Thema eine große Rolle spielte, das ohnehin aktuell bleibt.
Eine bislang vielen Zeitgenossen noch nicht bewusste „Genderungerechtigkeit“ beklagte im Februar die österreichische Bundesministerin für Bildung und Frauen, Gabriele Heinisch-Hosek, in der von ihr herausgegebenen Broschüre „Tradition und Gewalt an Frauen“. Die traditionellen Hinrichtungsform der Steinigung in Ländern wie Afghanistan, dem Iran oder Saudi-Arabien wiesen
„eindeutig Nachteile für Frauen auf, weil Männer nur bis zur Hüfte, Frauen hingegen bis zu den Schultern eingegraben werden.“
Menschen zu Tode zu foltern ist irgendwie ganz in Ordnung, solange das nur geschlechtersensibel genug erfolgt – konsequent stellt die österreichische Sozialdemokratin fest:
„Internationale Kampagnen wenden sich gegen diese äußerst grausame und schmerzhafte Hinrichtungsmethode und versuchen, Frauen vor der Hinrichtung zu bewahren.“
Und nein, das ist keine Satire, jedenfalls keine absichtliche.
Österreichische Sozialdemokratinnen verstehen es ohnehin schon lange, mit ihrer Auslegung des Begriffs Gleichberechtigung ihre Mitmenschen zu erheitern. Unvergessen Renate Kaufmann, die als Bezirksvorsteherin in Wien bei männlichen Obdachlosen besonders beunruhigende Geschlechterunsensibilitäten konstatierte.
„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken,(…) Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit.“
Dass obdachlose Frauen weit weniger sichtbar seien als obdachlose Männer, lässt sich in ihren Augen nur oberflächlich auf die überbewertete Tatsache zurückführen, dass etwa 90 Prozent aller Obdachlosen männlich sind – sondern darauf, dass diese Männer ihre patriarchale Dividende besonders schamlos öffentlich einstreichen.
Wir auch! Als politische Position reicht das schon völlig aus – und wer das bezweifelt, zeigt allein dadurch schon, dass er eben nicht dazugehört. (Bild von einer Verdi-Demonstration in Berlin).
Zum Glück zeigt die deutsche Bundeswehr, dass nicht nur Österreicherinnen ein sensibles Gespür für die lustige Seite der Geschlechtergerechtigkeit haben.
„Für Heiterkeit in Industriekreisen sorgt beispielsweise der Umstand, dass im Innenraum des Schützenpanzers Puma nach Maßgabe der Arbeitsstättenverordnung so gute Klimabedingungen herrschen müssen, dass selbst für hochschwangere Soldatinnen die Beförderung bei einem Gefechtseinsatz noch möglich ist.“ 
Natürlich kommt kein vernünftiger Mensch auf die Idee, hochschwangere Frauen in Panzer zu stecken und in Kampfeinsätze zu schicken, aber darum geht es hier auch gar nicht. Entscheidend ist: Die Frauen könnten auch hochschwanger in Kampfeinsätze fahren, wenn sie es denn nur wollten, und dieses Recht darf ihnen nicht durch ungünstige Klimabedingungen streitig gemacht werden. Dass keine Frau so blöd ist, es jemals in Anspruch zu nehmen, spielt dabei überhaupt keine Rolle.
Emannzer berichtet über die gendergerechten Panzer und verlinkt auch gleich auf eine Statistik der getöteten deutschen Soldaten in Afghanistan: Es sind fünfzig Männer und null Frauen.

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Vom Schweigen der Männer und vom Neuland offener Debatten

Ein Interview mit Johannes Meiners, Mitverfasser der ersten Club of Vienna-Studie zur Geschlechtergerechtigkeit
„Die Teilhabe von Frauen und Männern am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen“: Unter diesem Titel veröffentlichte der Club of Vienna vor wenigen Tagen eine Studie über die Vielfalt heutiger Geschlechterdebatten (in Kurzfassung und Langfassung verfügbar).
Die Verfasser Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners präsentieren dort nicht nur unterschiedliche „Feminismen“. Sie zeigen auch, dass sich mehr und mehr Männer eigenständig an diesen Debatten beteiligen und dass heute feministischen Deutungen durch mannigfaltige Kritik und alternative Ansätze fundiert widersprochen wird.
Ich hatte die Gelegenheit, mit Johannes Meiners ein Interview zu dieser Studie zu führen.
Derailing: Wie groß die Möglichkeiten dieses Jungen sind, seine Schienen zu verlassen und andere Wege zu suchen als die vorgesehenen – das hängt auch davon ab, wie offen und frei demokratische Debatten geführt werden können, nicht nur zu Themen der Geschlechtergerechtigkeit.
Christine Bauer-Jelinek und Johannes Meiners haben für den Club of Vienna gerade eine Studie zur Öffnung dieser Debatten vorgelegt.
Schoppe: Der Titel Eurer Studie hört zunächst etwas kompliziert an. Kannst Du kurz erklären, worum es dabei geht?
Johannes Meiners: Es geht um die Möglichkeit und Notwendigkeit eines echten Diskurses, der vielstimmig verläuft und für die Zukunft tragfähige Lösungen von Herausforderungen und Konflikten möglich macht.
Zunächst hieß die Studie „Partizipation von Männern und Frauen in unterschiedlichen Lebensbereichen„. Davon lösten wir uns während der inhaltlichen Entwicklung der Studie, um eben diese Inhalte auch im Titel für den künftigen Leser sachlich zu präzisieren.
 

„Mit dem Maskulismus betraten wir nahezu völliges Neuland“
Schoppe: Das heißt, ein Schwerpunkt liegt auch in der Teilhabe am „Diskurs“, an der allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion zum Thema. Der Untertitel ist „Entstehung und Einfluss von Feminismus und Maskulismus“. Nun kennen sicher fast alle das Wort „Feminismus“, „Maskulismus“ hingegen ist den meisten vermutlich unbekannt.
Johannes Meiners: In der Tat, das Wort „Feminismus“ ist natürlich allseits bekannt. Mit dem Maskulismus betraten wir nahezu völliges Neuland.
Ein Einsatz von Männern für Männer ist häufig negativ konnotiert – Igittigitt. Denn Männer waren ja der Legende nach immer privilegiert, unterdrückten Frauen, bevorzugten ihresgleichen. Wir wollen mit einer Reihe dieser Mythen aufräumen und zeigen, wie es um viele Männer und ihre Lebenslagen wirklich steht – und wofür sich Männerrechtler, die Maskulisten, wirklich einsetzen und warum. Das ist eine Pionierarbeit, denn derart hat es ­noch niemand zusammengestellt.
Dies gilt auch und gerade für die geschichtlichen Aspekte. Vor allem, dass die Beschäftigung mit dem Maskulismus nicht ideologietriefend und von vornherein ablehnen, verdammend, verläuft, ist bislang sehr selten.
Schoppe: Das spricht gleich mehrere interessante Aspekte an. Zunächst: In Eurer Studie ist das Bild des Feminismus vielfältig, dort redet Ihr sogar explizit von „Feminismen“. Gibt es in Deinen Augen Aspekte dieser Feminismen, die positiv für eine allgemeine Geschlechterdiskussion sind – so dass tatsächlich alle von ihnen profitieren könnten?
Johannes Meiners: Ich halte Feminismus grundsätzlich für eine problematische Weltanschauung, weil es sich um einen -ismus handelt. Der teilt die Welt und die Menschen in Gut und Böse ein, in diesem Fall entlang der Geschlechtergrenzen, pauschal, dauerhaft und für alle Fragen des Lebens.
Relativierend möchte ich ergänzen: Ja, es gibt Menschen beiderlei Geschlechts, die sich für Frauen einsetzen, und zugleich nicht Männer hassen. „Equityfeministinnen“ in Nordamerika bringen beispielsweise grundsätzlich Empathie auch für Männer und Jungen sowie ihre Lebenslagen auf.
Sie forschen auch selbst dazu, etwa als Psychologinnen oder Soziologinnen. Hierzu zählen zum Beispiel Wendy McElroy, Helen Smith und Christina Hoff Sommers. Die Liste ließe sich verlängern, auch einige Journalistinnen sind dabei – übrigens oft ältere aus der in der zweiten Welle der Frauenbewegung sozialisierten Generation.
Schoppe: Nach dem, was Du sagst, liegt allerdings der Verdacht nahe, dass die Kritik für einen Maskulismus auch gelten würde, er ist ja auch ein „-ismus“. Skizziere bitte mal eine Utopie – eine Geschlechterdiskussion ohne „-ismen“. Wie soll das gehen?
Johannes Meiners: Eine Gesellschaft, die sich an Geschlechtergerechtigkeit orientiert. Die sensibel ist für die Belange von Männern UND Frauen, wobei die Individuen natürlich auch innergeschlechtlich erheblich voneinander divergierende Interessen, Bedürfnisse und Lebenseinstellungen haben können.
Dazu gehört eben auch: Die Ignoranz gegenüber männlichen Problemen, gar die Dämonisierung eines ganzen Geschlechts, auch die Annahme eines grundsätzlichen Geschlechterantagonismus müssen überwunden werden. Diese Aspekte haben auch unter Frauen breiter Schichten und verschiedener Generationen ohnehin keinerlei Basis.

„Das Schweigen der Männer ist ein beredtes Schweigen, kein zustimmendes“

Schoppe: Der letzte Teil der Antwort konzentriert sich auf Männer, der erste ist allgemeiner und beschreibt eigentlich zwei Punkte: Gerechtigkeit ZWISCHEN den Geschlechtern – und Anerkennen der Tatsache, dass einzelne Menschen sich nicht allein, und nicht mal vordringlich, durch ihre Zugehörigkeit zu einem Geschlecht bestimmen.

Feministische Positionen finde ich selbst dabei natürlich nicht unbedingt richtig, aber weithin völlig legitim, abgesehen von Äußerungen der Verachtung oder des Hasses. Problematisch ist dort vor allem der Umgang mit abweichenden Positionen. Die werden nicht sachlich, sondern moralisierend behandelt, und sehr häufig mit heftiger, regelrecht dämonisierender Abwehr. Woran liegt es deiner Meinung nach, dass sich feministische Positionen gegenüber anderen Positionen so abschotten?

Johannes Meiners: Ich kann da Professor Amendt ins Feld führen und sein Wort vom „Schweigen der Männer“ und vom Feminismus, der intellektuell längst ausgezehrt sei. Die Abschottung hat im Wesentlichen zwei Motive: Erstens haben Feministinnen angesichts der gegenwärtigen Kräfteverhältnissen keine Diskussionen nötig und zweitens würden viele Gedankengerüste mit ihren inneren Widersprüchen keine ernsthaften Auseinandersetzungen überstehen – öffentlich wie privat.
Der Maskulismus will dieses Lagerdenken überwinden, die Gräben zuschütten, keine neuen Fronten errichten. Frauen haben jedes Recht, ihr ganzes Lebens selbst zu gestalten – aber eben mit der Verantwortung für alle(s) und dem Tragen der Konsequenzen eigener Entscheidungen mit Entbehrungen, Scheitern und Frustrationen. Wie das für Männer auch gilt.

Schoppe: Was Du als zweite Motivation der Abschottung beschreibst, ist ein um sich selbst kreisender Prozess: Die Positionen werden nicht verbessert, weil sie sich gegen alle Kritik abschotten – und sie schotten sich gegen Kritik ab, weil sie sich nicht verbessern und so einer Kritik schließlich auch gar nicht mehr standhalten würden.

Nenne aber bitte mal ein Beispiel für die von Dir genannten Widersprüche. Eure Studie hat ja zum Beispiel ein Kapitel über „kuriose Auswirkungen der Gleichstellungspolitik“.

Johannes Meiners: Dies betrifft einen Generalverdacht gegen Männer, der mit einer Gleichberechtigung natürlich nicht vereinbar ist. Männer werden in Fluglinien nicht neben Kinder gesetzt oder vermeiden aus Angst vor Belästigungs-Vorwürfen, mit Kolleginnen im selben Aufzug zu fahren. Das Wort von der „Rape Culture“ geistert durch US-Colleges, „male tears“, Männertränen, werden verspottet und  „HeforShe“-Kampagnen gefahren. Männer sollen für Frauen da sein, nicht umgekehrt.
Oft wird peinlich genau auf eine 50-50-Verteilung von Positionen geachtet, obwohl dies die Qualifikationen, Leistungen, das Charisma und die Eloquenz der betreffenden Personen kaum zulassen. In Wien haben Frauen unabhängig von der Leistung viel bessere Chancen auf einen Studienplatz in Medizin als Männer.
Schoppe: Du hast eben einen „Maskulismus“ als Gegenstück dazu skizziert, der das Lagerdenken überwinden könne. Warum? Ist ein „Maskulismus“ nicht auch ein Beitrag zum Lagerdenken, nur eben von der anderen Seite aus?
Johannes Meiners: Nicht, wenn er anerkennt: Es gibt nicht „die“ Männer und „die“ Frauen, schon gar nicht in einem Sinne, der sie antagonistisch strukturell gegeneinander agieren ließe.
Schoppe: Ich bleibe mal bei der Frage nach dem „Maskulismus“. Es gibt viele feminismuskritische Akteure (Blogger, Kommentatoren, Wissenschaftler, etc), die sich selbst gar nicht als „Maskulisten“ bezeichnen. Das gilt auch für mich. Jetzt baut Ihr in Eurer Studie Maskulismus als eine Art Gegengewicht zum Feminismus auf – und die Darstellung beansprucht fast so viele Seiten wie die des Feminismus selbst. Warum?
Johannes Meiners: Es geht dabei einfach um die Geschichte der Beschäftigung von Menschen mit Männern. Wir nennen die Aktivistinnen und Aktivisten „Männerrechtler“. Man könnte sie auch „Menschenrechtler“ nennen, wie dies beispielsdweise Hannes Hausbichler, Vorsitzender der Männerpartei Österreichs, für sich tut. Männerrechtler sind oft persönlich betroffen und kämpfen für alle Männer um Gerechtigkeit in unterschiedlichen Lebensbereichen.
Maskulismus ist eher eine historische Notwendigkeit, dessen größter Erfolg die Möglichkeit wäre, sich selbst überflüssig zu machen. Es geht um den Mut, eine echte Debatte zu wagen, eine diskursive Auseinandersetzung und ein neues Paradigma mit einer geänderten Geschlechterpolitik, in der Männer mit ihren Belangen eigenständig und nicht allein feministisch interpretiert vorkommen.
Schoppe: Dazu gehört aber auch, dass Männer, wie gerade die Zeit geschrieben hat, den Mund aufmachen – sich selbstbewusst an den Diskussionen beteiligen. Du hast eben mit einem Amendt-Zitat das „Schweigen der Männer“ erwähnt. Nun nehmen Männer ja weithin sehr intensiv an öffentlichen Debatten teil – nur in Geschlechterdebatten halten sie sich tatsächlich seit Langem spürbar zurück. Welche Gründe gibt es dafür?
Johannes Meiners: Sie sind nie wirklich eingestiegen. Ihr Schweigen ist ein beredtes, kein zustimmendes. Dies liegt vor allem an Schuld- und Schamgefühlen, die uns Ergebnis verbreiteter und sehr negativer Männerbilder sind: als egoistische Herrscher, als Gewalttäter, Vergewaltiger, …
Und von ihren vermeintlichen und ungerechtfertigten Privilegien möchten sich Männer frei machen, um diese negativen Gefühle loszuwerden. Zudem brauchen viele das Gefühl, gebraucht zu werden, ritterlich, oder auch patriarchalisch. Über Frauenquoten und sonstige Gleichstellungsmaßnahmen bleiben es letztlich die Männer, die Ressourcen verteilen.
Psychologisch bleibt die Haltung bemerkenswert stabil, dass Männer nicht gegen Frauen kämpfen dürfen. Ein männliches Leben hat, wie es sozial wahrgenommen wird, offenbar einen wesentlich geringeren Wert. Es muss sich erst bewähren – durch den Einsatz für Frauen und Kinder.
In zwei biologischen Generationen werden die dann lebenden Menschen solchen Prämissen, die heute gelten, mit ähnlich unverständigem Kopfschütteln begegnen, wie wir heute dem Umgang mit Homosexuellen, übrigens schlimmer noch Schwulen als Lesben, vor 60 Jahren.

„Männerrechtler sind oft leidenschaftliche Idealisten“

 

Schoppe: Wir hatten viele Darstellungen ÜBER Männer, die nicht mehr schweigen – durch Thomas Gesterkamp und Robert Claus für die Friedrich Ebert Stiftung, durch Hinrich Rosenbrock für die Heinrich Böll Stiftung. Gemeinsam ist diesen Darstellungen, dass sie sich kaum mit den dargestellten Positionen auseinandersetzen – und dass sie diese Positionen massiv diskreditieren, sie mit willkürlichen Begründungen gar in die Nähe von Verbrechern rücken.
Euer Bild von Männerrechtlern ist deutlich vielfältiger, es reicht von konservativen bis ausdrücklich linken. Ist Eure Studie ein bewusstes Gegenprogramm zu den genannten Schriften?
Johannes Meiners: Nein, denn damit würden wir sie völlig ungerechtfertigt und unnötig aufwerten. Ihre Aggression gegen Menschen, die nicht feministisch denken, ihre Unwissenschaftlichkeit in Herangehensweise und Methodik, aber auch ihre schlichte Unkenntnis über die Lage innerhalb der Männerrechtsbewegung, Personen, Vereine, Blogs, Stimmungen, Haltungen und Ziele treten derart frappierend hervor, dass man sich als Forscher mit dem Anspruch der Redlichkeit und der Seriosität bestenfalls über die genannten Texte austauschen, aber nicht mit ihnen arbeiten kann.
Überdies hatten wir einen klaren Auftrag vom Club of Vienna, ein Konzept, eine Struktur, Methodik, Themen und tolle Mitwirkende, was auch für den Teil II der Studie gilt, den der Ökonom Dr. Sascha Sardadvar anfertigte und in dem er sich mit Herkunft und Wirkungen von Entgeltungleichheiten beschäftigt.
Selbstverständlich erwähnen wir Gesterkamp, Rosenbrock und Claus, auch Andreas Kemper und Anatol Stefanowitsch, aber unsere Haltung zu ihnen wird rasch – und vor allem begründet – deutlich.
Schoppe: Die Heinrich Böll Stiftung und die Friedrich Ebert Stiftung sind große Parteistiftungen, die mit enormen Summen aus Steuergeldern finanziert werden. Die kennen die meisten, zumindest vom Hörensagen. Erklär aber bitte mal kurz, was der Club of Vienna ist.
Johannes Meiners: Der Club of Vienna ist eine internationale Vereinigung, parteipolitisch ungebunden und bildet mit seinen bislang 24 Mitgliedern einen Zusammenschluss anerkannter Wissenschafter und Experten.
Er beschäftigt sich, ich zitiere einmal, mit „Fragen, welche für die Erhaltung der Lebensgrundlagen, des stabilen Zusammenlebens der Menschen, die Erhaltung des Friedens und einer langfristig lebensfähigen Wirtschaft relevant sind.“ Ziel ist, dem Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft zur Geltung zu verhelfen.
Schoppe: Das heißt: Es geht dabei keineswegs vorrangig um Geschlechterdebatten. In Eurer Studie ist es wohltuend (für mich zumindest), dass Ihr Geschlechterdebatten in allgemeinere Problemlagen einbindet und das Thema nicht verabsolutiert. Ein Zitat als Beispiel: 
„Die Schere zwischen Arm und Reich erzeugt eine wesentlich größere Spaltung und Gefährdung des sozialen Friedens als die Geschlechterfrage, trotz aller Provokation. Die Geschlechterfrage eignet sich jedoch aufgrund genau dieser Ungefährlichkeit für das System und die breite Konsensfähigkeit sehr gut dazu, die soziale Frage aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein zu verdrängen.“
Dies Zitat ist eines von vielen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Wie erklärst Du Dir vor diesem Hintergrund, dass Fixierungen auf eine feministisch inspirierte Geschlechterpolitik – etwa in der Dringlichkeit, mit der Sozialdemokraten die Frauenquote in Aufsichtsräten behandelten – ausgerechnet in Parteien mit einem diffus linken Selbstverständnis weit verbreitet sind? Kurz: Warum sollten ausgerechnet Linke ein Interesse daran haben, soziale Fragen aus dem Bewusstsein zu verdrängen?
Johannes Meiners: Dafür gibt es keine sachlich plausible Erklärung, sondern nur eine sozialstrukturelle: Die Hauptprofiteurinnen feministischer Politik sind urbane Akademikerinnen der oberen Mittelschicht. Und die treffen in egalitaristisch orientierten Parteien angesichts von deren eigener Milieulastigkeit (akademisch, urban) auf weit geöffnete Türen, und sie konnten sich seit Jahrzehnten organisieren und institutionalisieren.
Gerade Christine Bauer-Jelinek spricht jedoch sehr fundiert immer wieder von den Nachteilen des jetzigen Wirtschaftssystems, des „finanzgetriebenen Neoliberalismus“ und dessen Wirkungen auf die Lebensqualität von Männern und Frauen, ihre Entfaltungsmöglichkeiten sowie den innewohnenden Ungerechtigkeiten. Es bräuchte Arbeitszeitverkürzungen und -flexibilisierungen, ein neues Denken in Lebensphasen und eine Beteiligung der arbeitenden Bevölkerung an der – positiven – Produktivitäts- und Gewinnentwicklung der Unternehmen.
Schoppe: Eine kurze Prognose zum Schluss. Das Bild, das Du für die Gegenwart zeichnest, ist durchaus deprimierend: Eine stark institutionalisierte Interessenvertretung, die soziale Privilegien mit massiv moralisierenden Abwertungen politischer Gegner verteidigt – und dem gegenüber viele Menschen, die gerade erst lernen, den Mund aufzumachen, und die institutionell kaum vertreten sind. Was glaubst Du: Wie wird die Situation in zehn Jahren aussehen?
Johannes Meiners: Natürlich setze ich auf mehr Empathie für Männer und Respekt vor Männern. Dazu findet sich eine Übersicht im Serviceteil der Studie. Es hat sich inzwischen ein Netzwerk aus Männerrechtlern, Antisexisten, progressiven Humanisten, gerechtigkeitsorientierten Menschen verschiedenen Alters, Weltanschauung und geographischer Herkunft gebildet. Vor allem online, auch Frauen.
Ich glaube, dass sich die Themen – Benachteiligung von Jungen in der Schule, Männern im Job, Vätern beim Sorgerecht, Männern bei der Gesundheitsversorgung, bei der Lebenserwartung, die restriktivere Anwendung des Strafrechts, die Ignoranz männlicher Einzelschicksale – nicht auf Dauer werden unterdrücken lassen.
Wir müssen dabei – leider – in Jahrzehnten und Generationen denken. Ich bin 28 und hoffe, gegen Ende meines Lebens ein anderes Paradigma mitzubekommen. Wer sich maskulistisch engagiert, hat davon möglicherweise Nachteile. Männerrechtler sind oft leidenschaftliche Idealisten, die allein deshalb schon Respekt und Wertschätzung verdienen würden.

Biedermeier und Größenwahn – Ein Brief an einen deutschen Journalisten

Vor einer Woche forderte der Spiegel-Autor Cordt Schnibben seine Leser auf, ihm zu schreiben, was Journalisten besser machen sollen. Ich bin dieser Einladung einfach einmal gefolgt.

Sehr geehrter Herr Schnibben,

„seit einiger Zeit verschärft sich der Ton der Zuschriften. Es ist etwas passiert zwischen mir und Ihnen, zwischen uns Journalisten und Ihnen, den Leserinnen und Lesern.“
Das schreiben Sie im Spiegel der vergangenen Woche (10/2015) und verbinden das mit einer Aufforderung:
„Schreiben Sie mir, was wir besser machen sollen, loben Sie, wenn es nicht anders geht.“
Falls ich Sie richtig verstehe, nehmen Sie an, dass sich der Ton bloß von einer Seite aus verschärft hat. Das ist wohl ein Irrtum. Gerade eben erst hat mich beispielweise ein Spiegel-Kollege von Ihnen, ohne mich zu kennen und gleichsam prophylaktisch, in einem Text als „opportunistisches Arschloch“ beschimpft.
 
Ich bin nämlich Vater eines kleinen Jungen, fahre alle zwei Wochen mehr als tausend Kilometer, um ihn wenigstens am Wochenende sehen zu können. Obwohl ich ihn selbst gern versorgt hätte und dazu auch vollkommen in der Lage bin, wurde die Frage, ob er es bei seiner Mutter oder bei mir besser hat, in den Jahren seit der Trennung niemals irgendwo gestellt – schließlich gehört ein Kind in den Augen des deutschen Gesetzgebers grundsätzlich zur Mutter.
 
Ich hätte vor dieser Erfahrung niemals für möglich gehalten, dass in Deutschland allein aufgrund der falschen Geschlechtszugehörigkeit – oder, aus der Perspektive unseres Kindes: der falschen Geschlechtszugehörigkeit eines Elternteils – jemand so rechtlos sein kann. Ich bin schon seit Jahren im Väteraufbruch und habe auch ein kleines Blog, das sich mit solchen und ähnlichen Problemen beschäftigt.

Für Ihren Kollegen Georg Diez bin ich deshalb ein „Reaktionär“. In seinen Augen sind Reaktionäre Leute, die nicht an den Klimawandel glauben oder an die Evolutionstheorie, oder Leute, die meinen, dass in mancher Hinsicht auch Männer gegenüber Frauen benachteiligt sein können. Was ja erkennbar alles irgendwie dasselbe ist.

 
„Was für opportunistische Arschlöcher“ – das ist der letzte Satz seines Textes.
„Was wir uns nicht mehr leisten können, (…) ist der Eindruck beim Zuschauer: was die machen, kriege ich alles auch irgendwo im Netz.“
So zitieren Sie den Fernsehmoderator Claus Kleber. Der Text von Diez ist bei Spiegel-Online erschienen, nicht in der gedruckten Ausgabe – aber er prägt natürlich die Erwartungen, die ich als Leser auch an den gedruckten Spiegel habe.

Warum aber sollte jemand so etwas kaufen? Was bietet der Spiegel, das nicht überall im Netz kostenfrei zu finden ist?

Sicherlich, auch in den Kommentarspalten nach Diez‘ Text wird ab und zu deutlich: Viele Menschen haben ein dringendes Bedürfnis nach der Bestätigung, dass viele andere Menschen Arschlöcher seien, sie selbst aber nicht. Doch selbst diese Menschen werden deswegen bestenfalls ein paar Magazine und Zeitungen kaufen – und für jeden Einzelnen von ihnen werden sich vermutlich zwanzig andere stillschweigend verabschieden.

Das waren noch Zeiten: Zeitungen wurden einstmals in idyllischer Umgebung als Morgenritual gelesen, und niemandem wäre eingefallen, sich wie ein „Arschloch“ zu verhalten und ein gelegentliches Missfallen über Journalisten offen zu äußern. Die Zeitungen hatten auch keine Kommentarspalten, in denen der Mob sich austobte, sondern höchstens einmal als Zeichen guten Willens eine kleine Rubrik mit ausgesuchten Passagen aus Leserbriefen. Schön war’s. Carl Spitzweg: Zeitungsleser im Hausgärtchen, 1845-58

In ihrer unbekümmerten Dumpfheit ist die Kolumne von Diez zwar extrem, aber gerade damit macht sie Tendenzen deutlich, die nach meinem Eindruck den heutigen Journalismus weithin prägen. Er verhält sich geradezu verachtungsvoll gegenüber zwei entscheidenden Vorteilen, die Journalisten in den überregionalen Zeitungen gegenüber Bloggern und Betreiber von Internetforen haben.

Während Blogger und andere im Netz dort in aller Regel nebenberuflich schreiben, haben die meisten von ihnen natürlich auch deutlich weniger Zeit als professionelle Journalisten, ihre Texte vorzubereiten oder für sie zu recherchieren. Es fehlen den meisten sowohl die Verbindungen zu etablierten Institutionen, etwa zu Parteien oder Ministerien, als auch Mitarbeiter, die ihnen zuarbeiten und die ihre Texte noch einmal überprüfen können.

 
Sie haben als professionelle Journalisten also die Chance, wesentlich gehaltvollere, verlässlichere und einfach bessere Texte zu schreiben als die meisten Blogger.

Zudem haben Sie in Magazinen und Zeitungen wie dem Spiegel, der Zeit, der Süddeutschen oder der FAZ tatsächlich die Chance, ein Forum aufzubauen, in dem sich Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen treffen und austauschen können. Blogs oder Internetforen hingegen ziehen meist Menschen an, die ohnehin schon jeweils an ganz bestimmten gemeinsamen Themen interessiert sind. Konflikte zwischen ihnen sind meist interne Konflikte, die für Außenstehende kaum nachvollziehbar sind.

Während wir Blogger also lediglich unsere Filterbubbles ein wenig tapezieren und hübsch gestalten können, hätten Sie die Chance, tatsächlich ein allgemeines Forum aufzubauen.

Warum tun Sie das eigentlich nicht?

Ordnungshüter statt Abenteurer Sie schreiben, Journalisten hätten einen Informationsvorsprung,

„eben weil wir – oft in großen Teams, mit großem Aufwand – vor Ort gehen und mit Augenzeugen reden. Wir bekommen Zugang zu Verantwortlichen, haben Zeit für Recherchen, können Beteiligte sprechen, Opfer hören, Täter zur Rede stellen, um der Wirklichkeit am Ende so nah wie möglich zu kommen.“
Zudem würden beim Spiegel 60 Experten die Dokumente auf Richtigkeit überprüfen, bevor sie in Druck gehen.

Natürlich glaube ich Ihnen das. Nur kann ich mir dann die Qualität vieler journalistischer Texte noch weniger erklären als zuvor. Sobald ich von einem Thema zumindest ein wenig verstehe, macht das meiste, das ich in den Qualitätsmedien lese, höre oder sehe, auf mich immer denselben Eindruck: Wenn ein Journalist zu einem Thema schreibt, bestehe seine Recherche vorwiegend daraus, zwei oder drei andere Texte zu lesen, die andere Journalisten zum selben Thema verfasst haben.

Nach vielen Gesprächen mit anderen glaube ich: Leser merken schnell, wenn Journalisten nicht nur große Wissenslücken haben oder erhebliche Fehler machen – sondern wenn eben diese Lücken oder Fehler von anderen oft ungeprüft und selbstverständlich übernommen werden.

Ich habe mir so etwas immer damit erklärt, dass unter den massiven Sparzwängen der Zeitungen und Magazine Journalisten oft einfach nicht mehr die Zeit für eine saubere Recherche oder für eine Überprüfung ihrer Ergebnisse haben. Nach dem, was Sie schreiben, muss ich mir nun allerdings eine andere Erklärung einfallen lassen.

Ich kann mich nur an ungeheuer wenige jounalistische Texte der letzten Jahre erinnern, nach deren Lektüre ich das Gefühl hatte, ich würde etwas anders sehen als vorher – ich hätte eine neue Perspektive kennen gelernt – oder hätte mich mit Fragen beschäftigt, auf die ich nicht von allein gekommen wäre. Eine der wenigen Ausnahmen in letzter Zeit war David Brooks’ Text „I Am Not Charlie Hebdo“ in der New York Times. Kein investigativer Text, sondern ein Kommentar – und dabei umsichtig, selbstkritisch und eigenständig.

Eben das fehlt mir in den Texten der meisten Journalisten: der Wunsch, Neuland zu betreten – etwas Neues zu erfahren und weiter geben zu können – vertraute Themen auf eine Weise zu sehen und zu beschreiben, die neue Perspektiven auf sie ermöglicht – Themen in den Fokus zu rücken, die wichtig sind, die aber aus Desinteresse oder mit Vorsatz weithin übersehen werden.

Die große Mehrheit der heutigen Journalisten sieht ihre Aufgabe offenbar eben nicht darin, mit ihren Lesern neue Gegenden zu erkunden – sondern ganz im Gegenteil darin, den Lesern Grenzen zu ziehen, ihnen deutlich zu machen, wie sie die Welt sehen sollten und wie nicht. Wer sie falsch sieht, ist dann eben ein Reaktionär, oder der Einfachheit halber gleich ein Arschloch.

 
Das erklärt dann auch die seltsame Angewohnheit, lieber von anderen abzuschreiben, als ein Thema selbstständig zu bearbeiten: Wer selbstständig arbeitet, ist immer in Gefahr, Grenzen zu überscheiten – wer hingegen Konventionen zementieren möchte, muss sich dieser Konventionen rituell wieder und wieder vergewissern.

Wären Sie Polizisten, dann würden Sie sich vermutlich als Ordnungshüter verstehen, nicht als Detektive.

 
Von Aufklärern und Arschlöchern Es ist eine biedermeierliche Welt, die dabei in den Sendern, Zeitungen und Magazinen entsteht – aber die Welt eines größenwahnsinnigen Biedermeiers. So wie es Journalisten – das ist zumindest mein Eindruck – an einem idealistischen Zutrauen zur eigenen Arbeit fehlt, so fehlt es ihnen zugleich an Vertrauen zu ihren Lesern.
 
In Blogs lässt ich dann manchmal nachlesen, welche Leserkommentare gelöscht wurden: Es sind keineswegs durchweg wüste Beschimpfungen, Drohungen oder Falschbehauptungen, sondern sehr häufig ganz einfach andere Meinungen, Ergänzungen, richtigstellende Informationen oder Hinweise auf weiterführende Quellen, die der Autor übersehen hatte. Manchmal werden dann sogar gleich ganze Accounts gelöscht.

Zu Diez’ Text konnte beispielweise ein Kommentar nicht erscheinen, dessen Verfasser – in wesentlich sachlicherem Ton als der Autor selbst – darauf hingewiesen hatte, dass es ganz gegen dessen Meinung ausgesprochen reaktionär sei, Männern die Möglichkeit zu verweigern, eigene Leiderfahrungen oder Benachteiligungen zu artikulieren.

Die Süddeutsche Zeitung hat die Möglichkeit der Kommentare nach ihren Artikeln, von wenigern handverlesenen Ausnahmen abgesehen, gleich ganz gestrichen – die Moderationspraxis in den anderen großen Zeitungen ist undurchschaubar und wirkt willkürlich.

 
Ich glaube ja, dass viele Kommentare eintreffen, die unsachlich, beleidigend, desinformierend oder möglicherweise sogar strafrechtlich relevant sind. Nach allem, was ich lese, bleiben aber immer noch genügend übrig, für die sich ein Kommentarbereich lohnt.  
 
Gibt es eigentlich jemanden, der die Informationen dort nicht nur moderiert, sondern ab und zu auch auswertet? Wenn ja, warum wird das nicht wiederum den Lesern zugänglich gemacht, zum Beispiel in einem kurzen Artikel, der wesentliche Positionen aus den Kommentaren zusammenfasst?  Schließlich werden Kommentarstränge gerade zu bedeutenden Themen sehr schnell sehr lang, so dass kaum noch jemand die Zeit hat, sie ganz zu lesen. So gehen dann auch Kommentare unter, die ein größeres Publikum verdient hätten.

Statt aber dieses Angebot der Leser zu nutzen, blicken Journalisten – so scheint es – von sehr weit oben darauf hinab, oft mit demonstrativ angewiderter Miene. Die Süddeutsche Zeitung hat die Kommentarfelder schon 2011 als „Trollhaus“ bezeichnet, und die Zeit arbeitet mit Tiermetaphern: „Im Internet wie im Feuilleton suhlen sich rechte Meinungskrieger in ihren Ressentiments“ und „schließen sich in Horden zusammen“.

Für wen schreiben eigentlich Menschen, die ihre Leser als Tiere ansehen?

Das ist ein seit Jahrhunderten eingeübter Blick von oben auf den Pöbel –  nur dass aufgeklärte Menschen in aufgeklärten Zeiten natürlich nicht mehr vom Pöbel sprechen, sondern von Reaktionären, oder von Hatern, oder von Arschlöchern oder (wie der Journalist Michael Seemann) von menschlichem Abschaum„.

 
Diese Blick von ganz oben nach ganz unten gibt sich selbst zivil, und in ihm erscheinen immer die anderen als unzivil. Das ist nicht nur dann absurd, wenn ein Journalist so ausrastet wie Ihr Kollege Diez.

Zwischen Lügenpresse und Pegida-Nazis Der „Prozess der Zivilisation“ ist bei Norbert Elias ja unter anderem damit verbunden, dass die Spanne zwischen den institutionalisierten und den informellen Bereichen der Gesellschaft kleiner werde. Die Institutionen würden sich verflüssigen, offener und zugänglicher werden – die informellen Bereiche würden klarere Strukturen ausbilden, anschlussfähig werden für die Institutionen.

 
Zivilisation bedeutet eben nicht, dass sich eine zivilisierte Kaste vom Pöbel abgrenzt – sondern Zivilisation bedeutet ganz das Gegenteil: eine tragfähige Vermittlung zwischen den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft. Zivilisierung ist Demokratisierung.

Eben hier ist mein Eindruck, dass fast niemand unter den deutschen Journalisten sich dafür interessiert, welches unter heutigen Bedingungen seine Aufgabe bei einer solchen Vermittlung sein könnte. Stimmt das, dann fehlt Ihnen vor allem so etwas wie ein demokratischer Idealismus. Ohne diesen Idealismus nämlich entsteht auch der Wunsch gar nicht erst, Neuland zu betreten – und auch nicht das Zutrauen zu anderen, zu den Lesern, zu denen, die ganz anderer Meinung sind.

Augenscheinlich haben viele von Ihnen das Gefühl, ihr Soll an Idealismus schon erfüllt zu haben, wenn sie nur diffus eine rot-grüne Politik unterstützen. Natürlich ist das falsch – eine Unterstützung für SPD, Grüne oder auch Linke hat mit demokratischen Idealen grundsätzlich ebenso wenig oder viel zu tun wie eine Unterstützung der Union oder der FDP: Jemand definiert dabei seine eigene Position, indem er sich an bereits bestehenden Institutionen ausrichtet – das ist alles.

Anstatt zu vermitteln, inszenieren dabei viele Texte selbst hingebungsvoll Freund-Feind-Logiken und laden ihrerseits zu solchen Logiken ein. Hier steht dann die „Lügenpresse“, dort stehen die „Pegida-Nazis“: Eine zivile Demokratie braucht aber eben den Raum dazwischen, doch der wird zusehends kleiner. Dazu tragen Journalisten erheblich bei.

Das wird eher schlimmer als besser, wenn sie sich selbst eine aufgeklärte, gar irgendwie linke Haltung attestieren. Wer sich selbst diffus als links einschätzt, beschreibt dann seine Feinde eben als „reaktionär“, wer sich für gesittet hält, beschreibt sie als „Horde“. Diez’ Text ist dabei nur ein extremes, aber ansonsten typisches Beispiel: Er bestätigt diejenigen, die schon überzeugt sind, und beschämt öffentlich die, die anderer Meinung sind.

Kein Überzeugter findet Anlass zum Selbstzweifel – und kein Ungläubiger findet Argumente, die ihn überzeugen könnten.

Anstatt sich aber zu fragen, warum ihnen eigentlich irgendjemand so etwas abkaufen sollte, leben viele Journalisten offenbar in dem Gefühl, es sei vor allem das Internet, das zum Niedergang der Zeitungswelt führe. Anstatt hier Vermittlungen und Anschlüsse zu suchen, anstatt an dem Idealismus teilzuhaben, den es im Netz – zugegeben, neben vielen kleinen und großen Beklopptheiten – gibt, schotten sie sich eher ab. Bestenfalls scannen Journalisten das Netz auf mögliche Geschäftsmodelle. Nur ganz wenige bewegen sich dort so engagiert wie der von Ihnen interviewte Richard Gutjahr – und kaum jemand sieht das Netz als demokratische Chance.

Dieser in Konventionen vertüdelte und dabei zugleich herrisch austeilende Journalismus ist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gleichsam ganz zu sich selbst gekommen. Er muss niemanden als Kunden behandeln und von der Qualität seiner journalistischen Arbeit überzeugen. Stattdessen sind einfach alle Menschen per Gesetz verpflichtet, ihm diese Arbeit abzukaufen, ob sie es nun wollen oder nicht, und unabhängig von aller journalistischen Qualität.
 

Ich wünsche mir sehr, dass viele Journalisten zu einem demokratischen Idealismus zurückfinden. Für deutlich wahrscheinlicher halte ich es allerdings, dass sie sich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Vorbild nehmen und irgendwann nach staatlichem Beistand rufen. Nach steuerlichen Vergünstigungen – nach finanzieller Unterstützung für notleidende Zeitungen, die doch für den Fortbestand der Demokratie so wichtig seien – oder auch nach Beschränkungen für die lästigen Konkurrenten im Netz. Es gibt ja heute schon Zeitungen, die kaum verhohlen eine Zensur fordern.

Es ist in meinen Augen aber ein gutes Zeichen, dass Sie in der letzten Woche Ihre Leser einmal um Ihre Meinung gebeten haben. Ich hatte schon den Eindruck gewonnen, viele Journalisten würden sich nur dann für ihre Leser interessieren, wenn ihnen aus Sorge um den eigenen Arbeitsplatz klar wird, dass irgendjemand ab und zu ihre Zeitung kaufen muss.

 
Ich wünsche Ihnen, dass Sie viele gute Briefe bekommen  – und auch, häufiger als in meinem Text, ab und zu ein Lob.

Mit freundlichen Grüßen,
Lucas Schoppe

Plädoyer für eine zivile Debatte – Ein offener Brief an den SWR

An den Rundfunkrat des SWR
sowie an Herrn Peter Boudgoust (Intendant des SWR)
und Herrn Gerold Hug (Hörfunkdirektor des SWR)

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir schreiben Ihnen anlässlich der Sendung Maskulinisten Krieger im Geschlechterkampf“, die in diesen Tagen bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird. Mit einem überraschend konsequenten Freund-Feind-Denken und vielen offenbar bewusst gesetzten Falschinformationen macht diese Sendung Stimmung gegen eine politische Entwicklung, die wir ausdrücklich begrüßen und die zur demokratischen Öffnung von erstarrten Debatten führen kann.

 
Der SWR illustriert seine Sendung mit dem torsohaften Bild eines nackten, muskulösen männlichen Oberkörpers. Es wird Zeit für ein zivileres, vollständigeres und weniger gewaltsames Bild.
Die Entwicklung, gegen die Ihre Sendung so massiv ausschlägt, lässt sich knapp so darstellen:
 
Männer äußern sich weitaus häufiger und selbstbewusster zu geschlechterpolitischen Themen als noch vor einem Jahrzehnt, und sowohl Männer als auch Frauen greifen die Vorstellung an, Geschlechterdebatten könnten legitim nur aus einer feministischen Perspektive geführt werden.

Ein Motor dieser Entwicklung war die Erfahrung Tausender von Vätern, die aufgrund geschlechtsspezifischer rechtlicher Benachteiligungen willkürlich von ihren Kindern getrennt wurden.

 
Es äußern sich Männer, die selbst Opfer häuslicher Gewalt wurden und zugleich erleben, dass sie in offiziellen Darstellungen zu diesem Thema, bloß weil sie Männer sind, allein als Täter in Frage kommen.
 
Männer und Frauen weisen darauf hin, dass Jungen an den Schulen offenkundig große geschlechtsbedingte Nachteile erleben.
 
Männer und Frauen diskutieren gesundheitspolitische Nachteile von Männern, sie fragen, warum Männer so viel häufiger als Frauen obdachlos werden oder Selbstmord begehen – und ob es dafür auch soziale Ursachen gibt.
 
Männer und Frauen stellen offen die Frage, was es eigentlich mit „linker“ Politik und mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat, wenn die Familienministerin eine Frauenquote in Aufsichtsräten als oberste Priorität ihrer Politik vorstellt, von der nur eine kleine Handvoll ohnehin schon privilegierter Frauen profitiert.

Eben diese Kritik wird von Ihnen massiv diffamiert – bis hin zu Vergleichen mit völkermörderischen Antisemiten und dem Massenmörder Anders Breivik. Die Logik der Sendung kulminiert in der tief inhumanen, von gruppenspezifischer Feindseligkeit geprägten Unterstellung, dass Männer nur deshalb über eigene Leiderfahrungen sprechen würden, weil sie damit ihre männertypischen Gewaltausbrüche legitimieren und vertuschen wollten.

Dabei ist diese Sendung gegenüber vermeintlichen Experten der sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung und der grünen Heinrich Böll Stiftung so ungehemmt distanzlos, dass dies mit einem journalistischen Ethos nicht zu vereinbaren ist.

Zur einen Seite hin also Hetze gegen Bürger, die diese Hetze auch noch selbst finanzieren müssen – zur anderen Seite hin ebenso bedenkenlose politische Liebedienerei: Ihre Sendung wirkt, als würden sich die Autorin Bust-Bartels und der ganze SWR um den Karl Eduard von Schnitzler-Gedächtnispreis bewerben.

Die politische Unabhängigkeit aber ist ja eine der Bedingungen dafür, dass der Bestand öffentlich-rechtlicher Sender überhaupt legitimiert werden kann. Um zu dieser Unabhängigkeit zurückzukehren, braucht es keine Lobhudeleien für eine offenere, nach allen Seiten hin antisexistische Politik. Aber es ist wichtig, dass Sie denjenigen, die Sie so erheblich diffamiert haben, eine reale Möglichkeit geben, sich auch selbst zu äußern.

Wichtig dabei ist auch, dass diejenigen auf allen Seiten, die bei allen politischen Differenzen an einer zivilen Auseinandersetzung interessiert sind, sich gemeinsam gegen diejenigen (ebenfalls auf allen Seiten) stellen, die mit Verleumdungen, Drohungen, Beleidigungen und primitiven Freund-Feind-Logiken operieren.

 
Dazu fordern wir Sie ausdrücklich auf.

Oder auch, ganz einfach formuliert: Kehren Sie zurück zur ernsthaften journalistischen Arbeit – und hören Sie auf, sich weiter zwischen politischer Hetze und politischer Liebedienerei zu verirren.

Mit freundlichen Grüßen

 
 
Prof. Dr. Günter Buchholz (Frankfurter Erklärung)
 
Arne Hoffmann (Genderama, Autor u.a. vom Plädoyer für eine linke Männerpolitik)
 
Johannes Meiners (Mitverfasser der Club of Vienna-Studie Die Teilhabe von Männern und Frauen am Geschlechterdiskurs und an der Neugestaltung der Geschlechterrollen)
 
Christian Schmidt (Alles Evolution)
 
Lucas Schoppe (man tau)
 
Dr. Alexander Ulfig (cuncti)