John Dewey, Batgirl und die Auflösung von Schützengräben

Schon vor ein paar Monaten schrieb Leszek:

„Hi Schoppe, du bist doch Fan des Philosophen und Pädagogen John Dewey, oder? Hättest du diesbezüglich ein paar Buchtipps für mich? Was genau gefällt dir bei Dewey? Gibt es noch andere Vertreter der Philosophie des Pragmatismus, die dir gefallen?“
Ich hab damals gleich eine Antwort darauf geschrieben, hatte dann aber so viel mit anderem zu tun, dass diese Antwort unveröffentlicht auf meinem Desktop herumlag und ich schließlich nicht mehr recht wusste, was ich noch damit machen soll. Bis mich Leszek vor einer Weile noch einmal darauf ansprach, ich den Text noch einmal hervorkramte und ein wenig aktualisierte.
John Dewey (1859-1952) Lernen ist keine Vorbereitung auf das Leben, sondern das Leben selbst.
Deweys Werk ist sehr umfangreich, die Werkausgabe füllt 39 Bände. Es war gar nicht so einfach, aufzuschreiben, was genau mir daran gefällt. Es hat aber auch Spaß gemacht. Ich stelle die Antwort auf Leszek hier einfach als eigenständigen Text ein.
Wenn sich zu den Themen, die in diesem Blog sonst eine Rolle spielen, Verbindungen ergaben, habe ich kurz darauf aufmerksam gemacht. Ansonsten ist es aber auch schön, hier einmal einen Text zu veröffentlichen, der mit Geschlechterdebatten nur am Rande etwas zu tun hat. Also:

Auflösung der Schützengräben, oder: Wie ein lila Pudel die Philosophie revolutionierte John Dewey gehört zu den wenigen dead white males, die bei Feministinnen Gnade finden – das spricht grundsätzlich weder für noch gegen ihn. Eine  Anekdote verbindet seinen Einsatz für demokratische Rechte, eben auch für Frauenrechte mit seinem Ruf als zerstreuter Professor. Er habe an einer Demonstration für das Frauenwahlrecht teilgenommen, sich zu Beginn blind eines der Plakate gegriffen, auf der Demonstration durch die Stadt getragen und erst nach ihrem Ende nachgeschaut, was eigentlich darauf stand: Men can vote! Why can’t I?
Für verbissene Männerrechtler wäre diese Anekdote ein Nachweis, das Dewey ein lila Pudel war. Tatsächlich wird an ihr vor allem deutlich, wie wichtig es ihm war, etablierte Schützengräben aufzulösen.
Ich bin an Dewey über die Pädagogik gekommen, nicht über die Philosophie. Democracy and Education war das erste größere Werk, das ich von ihm gelesen habe, und es war zumindest für mich ein sehr guter Einstieg.
Was mich an Dewey fasziniert hat, war, wie sorgfältig er die Dichotomien vermeidet, also Spaltungen, die philosophische und pädagogische Theorien bestimmt haben: Körper und Geist, Autonomie und Sozialität, Pädagogik der Instruktion und Reformpädagogik, ewige Wahrheiten und Veränderungen, Mittel und Zwecke, etc.
Dewey löst diese Dichotomien jeweils auf ähnliche Weise auf: Wo sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüberstehen, lohne es sich immer zu überprüfen, welchen gemeinsamen Fehler sie machen und wo sie beide gleichermaßen das ausblenden, was für ein vollständigeres Bild unerlässlich wäre. Das lässt sich leicht auf heutige Debatten übertragen, auch auf Geschlechterdebatten – etwa auf Frontstellungen zwischen radikalen Feministinnen und Maskulisten.
Der Hintergrund dieses beständigen Bemühens, Dichotomien aufzulösen und eine gemeinsame Entwicklung zu ermöglichen, ist sehr bitter und führt in die Anfangszeit des amerikanischen Pragmatismus zurück, die besonders von Charles Sanders Peirce oder William James geprägt war. Louis Menand schreibt darüber in The Metaphysical Club, in meinen Augen ein sehr guter Text – gleichsam eine Biographie des amerikanischen Pragmatismus mit einer Konzentration auf seine Jugendzeit.
Der amerikanische Bürgerkrieg sei, eben weil er als ein Bruderkrieg wahrgenommen wurde, ein Schock gewesen: Wie konnte es sein, dass sich bei allen Gemeinsamkeiten massive Gegensätze entwickelten, die schließlich in einen ungeheuer brutalen Krieg geführt haben?
Bei Dewey ist die Auflösung von Dichotomien vor allem einer intensiven Hegel-Lektüre verpflichtet. Anders als Hegel geht es ihm aber nicht darum, dass der Weltgeist zu sich kommt, sondern er orientiert sich an konkreten sozialen Erfahrungen und Interessen und ist an sozialem Ausgleich orientiert. Dewey hat Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt.
 
Die Great Community, oder: Dewey, Trotzki und Batgirl Typisch ist dabei eine Auseinandersetzung über Mittel und Zwecke, die er über mehrere Texte hinweg mit Trotzki führte. Für Dewey war es ausgeschlossen, dass gute Zwecke fragwürdige Mittel legitimieren könnten – nicht einfach aus moralischen, sondern aus intellektuellen Erwägungen.
Er ging davon aus, dass alle Zwecke auch selbst wiederum Mittel wären, Mittel nämlich zur intelligenten Strukturierung gegenwärtigen Handelns, so dass eine prinzipielle Zweck-Mittel-Hierarchie keinen Sinn ergäbe. Trotz dieser Auseinandersetzung begleitete der damals schon alte Dewey die Trotzki-Prozesse, kritisierte sie scharf und ergriff dort entschieden für Trotzki Partei.
Auch gegen solch eine schließlich mörderische Ausgrenzung politischer Gegner hatte Dewey schon lange vorher das Ideal einer Great Community formuliert, mit der eben keine abgeschlossene Gemeinschaft gemeint ist, sondern eine umfassende Inklusion. Tatsächlich beschreibt er damit das Ideal eines demokratischen Prozesses – alle Menschen, die von Diskussionen und Entscheidungen betroffen wären, müssten auch die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen und mit zu entscheiden.
Wichtig ist hier: Etwas Gutes wird eben nicht dadurch gestärkt, dass die Vertreter des Guten identifiziert werden und sich gegen die Bösen durchsetzen – sondern dadurch, dass kooperative Beziehungen zwischen den Beteiligten tragfähiger und reichhaltiger werden.
Nicht bestimmte Menschen oder Gruppen sind also Träger des Guten, gut sind die Relationen zwischen ihnen. Im sozialen Sinne „böse“ wäre eben eine Zerstörung solcher Relationen – zum Beispiel dadurch, dass Menschen, die von bestimmten Entscheidungen oder sozialen Regeln betroffen sind, aus der Diskussion darüber ausgegrenzt werden.
Cathy Young argumentiert im Time-Magazine  aus einer feministischen Perspektive eigentlich gerade ganz in diesem Sinn, wenn sie sich gegen die Kritik an einem Batman-Cover wendet, das Batgirl in einer hilflos-verängstigten Position in der Hand des Jokers zeigt. Gestärkt würden Frauen, so Young, nicht durch das Verbot aller Darstellungen, die vermeintlich oder tatsächlich Männerphantasien schwacher oder hilfloser Frauen zeigten – sondern durch einen Reichtum unterschiedlicheer Darstellungen.
„Die Bösen werden geschlachtet/Die Welt wird gut“
– Das alte Erich Fried-Gedicht Die Maßnahme  macht die Absurdität einer Ausgrenzungs-Logik auf so simple Weise deutlich, dass es fast peinlich ist. Trotzdem gewinnt diese Logik immer noch und vielleicht sogar zunehmend Anhänger – die Zensur-Logik an amerikanischen Universitäten ist ein Beispiel dafür.
Demgegenüber ist Deweys Ideal einer Great Community eine regulative Utopie, und es hat erkennbar auch eine instrumentelle Funktion. Es geht nicht darum, das Gute ein für alle Male zu erreichen, sondern darum, Bestehendes immer weiter zu verbessern.
Die Idee einer Great Community skizziert ein Ziel und ist zugleich ein Instrument, um gegenwärtige politische Prozesse zu kontrollieren, zu lenken und zu bewerten: Mittel und Zweck zugleich.
 
Instrumentalismus, oder: Vom richtigen Leben im Falschen und im Richtigen In diesem Sinn, in der Ablehnung von gegebenen Endzwecken, hat Dewey sich auch selbst als „Instrumentalist“ bezeichnet.
Für seine Rezeption in Deutschland war das fatal. Horkheimer, der keine Ahnung vom amerikanischen Pragmatismus hatte und sich auch nicht dafür interessierte, beschrieb Deweys Denken als Philosophie des Kapitalismus. Ihr fehle es an den absoluten Werten fehle, die eine Gegnerschaft gegen den Faschismus brauche.
Der Vorwurf geht völlig daneben. Dewey ist in seiner ganzen Philosophie an der Möglichkeit von Wachstum und Entwicklung interessiert (daher auch die pädagogische Orientierung), auch wenn er diesen Entwicklungen kein Endziel vorgibt. Eine intelligente Entwicklung ist die, die weitere und neue Entwicklungen ermöglicht – und das ist im Faschismus ja ganz offenkundig nicht der Fall.
Gleichwohl hat die Verdammnis Deweys, der sich Adorno übrigens nicht anschloss, sicherlich dazu beigetragen, dass die deutsche Linke über viele Jahrzehnte sein Potenzial ignoriert hat.
In einer Hinsicht gibt es allerdings tatsächlich einen erheblichen Unterschied zwischen einem Pragmatismus wie dem von Dewey und der Frankfurter Schule. Die Vorstellung einer rundum „falschen“ Welt ist pragmatisch unsinnig.
Schon Charles Sanders Peirce hat sich, in der Erkenntnistheorie, mit Descartes’ Gedankenspiel eines umfassenden Zweifels auseinandergesetzt: Wir könnten gar nicht allem misstrauen, auch wenn wir vorgeben, es zu tun. Denn um dieses Misstrauen überhaupt zu formulieren, müssen wir stillschweigend von vielen Annahmen ausgehen, denen wir ganz selbstverständlich nicht misstrauen.
Es mag also sein, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt – aber das Falsche kann nicht umfassend sein.
Da Entwicklungen immer auf der Basis des Bestehenden möglich sind, ist dessen Destruktion eher entwicklungshemmend als –fördernd. Eine politische Philosophie, die ganz auf das Konzept der Revolution, des Umsturzes der Verhältnisse setzt, steht für Dewey daher im Verdacht, einfach das Bestehende in neuem Anstrich zu präsentieren.
Das macht für mich einen großen Teil der Menschenfreundlichkeit von Dewey Pädagogik aus: Er setzt auf Veränderungen, ohne das Bestehende zu verdammen (ein wesentlicher Unterschied z.B. zur Boot-Camp-Philosophie der sogenannten „antisexistischen Jungenpädagogik“). Interessant ist in diesem Zusammenhang die (in Einzelheiten veraltete, aber für Deweys Denken sehr typische) Schrift Human Nature and Conduct.
Allein dieser Titel wird heute vermutlich für viele reichen, um ihn als „essentialistisch“ bei Seite zu legen. Dabei geht es nicht einfach um „menschliche Natur“, sondern um Natur, soweit sie menschlich ist – um eine Kontinuität von biologisch, psychologisch oder soziologisch beschreibbaren Prozessen.
Auch die Spaltung von Natur- und Geistes- bzw. Sozialwissenschaften gehört eben zu den Spaltungen, die sinnvolle Entwicklungen blockieren.
 
Soziale Konstruktionen, oder: Warum die Perspektive Gottes uns auch nicht weiterhilft Hier lässt sich auch ein Unterschied zu poststrukturalistischen Philosophien beschreiben. Dabei hat Dewey zunächst durchaus Ähnlichkeiten damit: die Überzeugung, dass Positionen ihren Sinn in Relation zueinander und nicht einfach schon an sich haben – die Ablehnung eines „God’s eye view“ oder der Vorstellung, dass es ewige Wahrheiten gäbe – die Einsicht, dass wir Wirklichkeit nicht einfach ungefiltert wie sie ist wahrnehmen, sondern auf der Basis vorgängiger Konstruktionen (legendär ist dazu ein ganz früher Aufsatz, der sich vom Denken in Reiz-Reaktions-Mustern abgrenzt, The Reflex Arc Concept in Psychology)  – dazu die Sensibilität für willkürliche Ausschlüsse.
Es gibt aber einen ganz wesentlichen Unterschied, etwa zu Judith Butler (mit der er wiederholt verglichen worden ist, hier zum Beispiel): Dewey nimmt Konstruktionen als funktional wahr – nicht als Ausdruck oder Reproduktion von Herrschaftsstrukturen.
Die Welt, die uns umgibt, ist bei ihm grundsätzlich vertrauenswürdig, und sie bietet uns Möglichkeiten sinnvollen Handelns, die wir selbsttätig erweitern können. Eine Haltung der der rituellen und gewohnheitsmäßigen Entlarvung von umfassenden Herrschaftsstrukturen ist damit nicht vereinbar.
Die Konstruktionen, mit denen wir arbeiten, sind – gerade weil sie funktional sind – in zweierlei Hinsicht nicht willkürlich: Sie müssen sich im Handeln bewähren, und sie müssen kommunizierbar sein. Sie sind also soziale Konstruktionen, nicht nur individuelle Ideen.
Diese doppelte Orientierung am Handeln (daher „Pragmatismus“) und an der Sozialität finde ich auch für die Schule von enormer Bedeutung. Wir lernen das, was für uns im Handeln und im sozialen Kontext einen Sinn ergibt – was diesen Sinn nicht ergibt, hat eben auch keine Bedeutung, lässt sich bestenfalls für ein paar Tage einpauken und wird dann wieder vergessen. Als würden wir ein paar Seiten aus einem Telefonbuch einer unbekannten Stadt auswendig lernen müssen.
In diesem Zusammenhang distanziert sich Dewey ausdrücklich von philosophischen Traditionen, die sich auf Platon zurückführen lassen (The Quest for Certainty). Die Suche nach ewigen Wahrheiten deutet er als Ausdruck eines in seinen Konsequenzen destruktiven Versuchs, Sicherheit in einer als unsicher und unzuverlässig erlebten Welt zu erzwingen.
Allerdings lasse sich dieses Bestreben nur in einer sozialen Schicht realisieren, die relativ privilegiert und von Handlungszwängen weitgehend enthoben ist, die also beispielsweise, wie die Oberschicht der griechischen Antike, Sklaven für sich arbeiten lassen kann. Denn wer handeln muss, muss ja ständig seine Umwelt verändern, und er muss sich auf wechselnde Bedingungen einstellen können.
Dichotomien von Theorie und Praxis, geistiger Arbeit und Handwerk führt Dewey daher auf soziale Spaltungen zurück. Eine Konsequenz davon war seine Gründung einer Laborschule in Chicago – einer Stadt, die zu dieser Zeit durch ein explosives Bevölkerungswachstum mit erheblichen sozialen Spannungen kämpfte. George Herbert Mead  war dort in den gleichen Bedingungen tätig wie Dewey und arbeitete eng mit ihm zusammen.
In Mind, Self and Society entwirft der seine zentrale These, dass wir uns nur deshalb selbst wahrnehmen können, weil wir lernen, den Blick andere auf uns nachzuvollziehen. Das ist eine wesentliche Gemeinsamkeit Meads und Deweys, die sie von klassischen Traditionen des Liberalismus unterscheidet: Individuum und sozialen Raum als unlösbar verknüpft zu betrachten.
Die „Laborschule“ in Chicago war an eine Universität angegliedert, aber zugleich eine reale und eigenständige Schule. Die akademische Arbeit konnte also die praktische Arbeit an der Schule anleiten oder inspirieren, die praktische zugleich die Tragfähigkeit der theoretischen Entwürfe an der Uni beständig überprüfen. Hartmut von Hentigs Laborschule in Bielefeld kopiert diesen Ansatz Deweys – seltsamerweise aber versuchte der Altphilologe von Hentig, Dewey ausgerechnet mit der Philosophie Platons zu verbinden.
 
Kunst als Erfahrung: Dewey, Hip-Hop und das Grundsatzprogramm der SPD Die Idee einer umfassenden Verknüpfung findet sich auch in Deweys Ästhetik, die in der Dewey-Renaissance der neunziger Jahre und des beginnenden neuen Jahrtausends eine große Rolle spiele (Art as Experience ist dabei zentral). Hier lässt sich Dewey besonders gut gegen Theodor Adorno abgrenzen.
Bei dem hat Kunst immer einen heimlich messianischen Charakter – als etwas, das sich der Verdinglichung entzieht. Selbst wenn das Kunstwerk unvermittelt zur Ware wird, bleibe eben doch die Erinnerung an diesen Entzug als leises, wenn auch hoffnungsloses Versprechen erhalten. Kunst hat so bei Adorno einen Wert als prekäres Gegengewicht zur sonst erlebten Alltagswelt.
Damit aber mündet Adorno in ein überraschend bildungsbürgerlichen Verständnis von Kunst, das besonders fragwürdig in seiner Ablehnung der populären Kunst wird: Den Verbot des Jazz durch die Nazis hat Adorno ja beispielweise regelrecht hämisch kommentiert.
Deweys Ästhetik ist dazu ein Gegenstück. Für ihn wurzelt das Kunstwerk in der Alltagserfahrung, und er richtet sich auch schließlich auf die Alltagserfahrung zurück, durchaus mit dem Potenzial, dort zu Veränderungen beizutragen. Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang Richard Shustermans Pragmatic Aesthetics. Living Beauty, Rethinking Art. Shusterman war als Adorno-Anhänger gestartet, hat sich aber über die Dewey-Rezeption von ihm distanziert und analysiert damit dann, unter anderem, Hip-Hop-Texte.
Auch das sind für mich wichtige Aspekte von Deweys Philosophie. Das Relative ist dabei immer reicher und bedeutungsvoller als das Absolute – es ist reichhaltiger verknüpft, nicht abgeschottet in sich ruhend, sondern in Bewegung und immer in viefältigen Relationen zu anderem.
Es ist damit eine Philosophie, die sich von allem Ursprungsdenken distanziert. Auch das Spätere, Abgeleitete, Veränderte ist eben grundsätzlich reicher und bedeutungsvoller als das Ursprüngliche, weil es sich in einer vielfältigeren Auseinandersetzunmg mit der Welt geformt hat. Ich weiß, das klingt sehr theoretisch und abstrakt – ich glaube aber, dass es ganz konkrete Konsequenzen hat, sogar für Geschlechterdebatten.
Es ist nämlich ein beliebtes Motiv in männerfeindlichen Klischees, Männlichkeit gleichsam als Abirrung vom Guten und Ursprünglichen zu verstehen – als Entfernung von der Natur, als Hinwendung zur technischen Abstraktion und Abwendung vom ursprünglich Sozialen. In vielen Matriarchatsmythen wird das besonders deutlich, aber es durchzieht politische Geschlechterklischees bis in das Grundsatzprogramm der SPD hinein.
Mit dem Horizont von Dewey Philosophie wird umso deutlicher, dass solche Klischees nicht allein männerfeindlich, sondern auch reaktionär sind und kein Potenzial haben, zukünftige Entwicklungen intelligent und human zu steuern.
Politisch bezeichnet Dewey sich selbst als „demokratischen Sozialisten“, und bei ihm finde ich diese Bezeichnung tatsächlich bedenkenswert. Einige Konservative werden diesen Begriff als inneren Widerspruch wahrnehmen, bei Dewey ist er eher eine Selbstverständlichkeit. Zur demokratischen Partizipation gehört eben auch eine basale soziale Gerechtigkeit, und soziale Gerechtigkeit wiederum lässt sich nur demokratisch herstellen, nicht von oben zementieren – schließlich ist die Möglichkeit eigenständigen Handelns essentiell für die soziale Position von Menschen.
Eigentlich könnte Dewey der Philosoph der Sozialdemokratie sein, wenn Sozialdemokraten irgendwann einmal an ernsthaften intellektuellen Auseinandersetzungen und an humaner Politik interessiert wären.
 
PS. Demokratisierung oder Volksgemeinschaft? Dewey im deutschsprachigen Raum Wenn es um Tipps geht, womit ein schneller Einstieg in Dewey möglich ist, bin ich etwas überfragt. Dewey ist sehr alt geworden, und er hat offenbar die meiste Zeit seines Lebens mit dem Schreiben von Texten verbracht (hier ist eine Auswahl davon online). Ein Haupt- oder Schlüsselwerk, über das sich alles andere verstehen lässt, gibt es dabei kaum.
Das späte Experience and Nature  könnte eines sein, aber ich glaube, es lässt sich besser verstehen, wenn man schon einiges von Dewey kennt. In pädagogischer Hinsicht finde ich Democracy and Education sehr gut, als Einblick in politisches Denken ist der ganz kurze Text Democracy is Radical vielleicht ganz interessant.
Es gibt zwei Bände The Essential Dewey,  die von Larry A. Hickman und Thomas M. Alexander nach meinem Eindruck tatsächlich sehr kompetent zusammengestellt sind, die aber ihrerseits (angesichts des logorrhoetischen Gesamtwerks verständlich) ziemlich dick sind. Als Sekundärliteratur finde ich Robert B. Westbrooks John Dewey and American Democracy enorm gut – wieder ein sehr umfangreiches Buch, dass Deweys Werk jeweils in den zeitgeschichtlichen Kontext stellt. Es kann auch ausschnittsweise gut gelesen werden kann.
Die deutsche Rezeption Deweys ist bis heute verkürzend. Das liegt auch daran, dass lange Zeit kaum brauchbare Übersetzungen gab (daher gebe ich hier auch durchgehend die Originaltexte an). Regelrecht verrückt war beispielweise der Jenaplan-Pädagoge Peter Petersen, der in den dreißiger Jahren Deweys „democratization“ mit „Volksgemeinschaft“ übersetzte.
Dass Dewey in Deutschland eher selektiv als Steinbruch genutzt als sorgfältig rezipiert wurde, liegt sicher zum Teil an der ungeheuren Breite seines Werks. Es liegt aber auch daran, dass er in deutsche Traditionen kaum einzubauen ist: Die Verpflichtung gegenüber Traditionen des deutschen Idealismus auf der konservativen Seite, die zeitweilige Dominanz der Frankfurter Schule in der akademischen Linken oder dort die lange betriebenen Flirts mit verschiedenen kommunistischen Spielarten haben eine vernünftige Rezeption regelrecht blockiert.
Es gibt einige ganz unterschiedliche, berühmte Texte, bei denen ich mir sicher bin, dass sie sich bei Dewey bedient haben. Einige Beispiele:
Thomas Manns berühmte Rede nach dem zweiten Weltkrieg, Deutschland und die Deutschen, hat in meinen Augen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Dewey German Philosophy and Politics aus dem Jahr 1915.
Karl Raimund Poppers Die offene Gesellschaft und ihre Feinde formuliert insbesondere im ersten Teil Der Zauber Platons ganz ähnliche Gedanken wie Dewey in The Quest for Certainty. Allerdings kommt Hegel bei Dewey deutlich besser weg als im zweiten Teil von Poppers Schrift.
Jürgen Habermas hat sich sehr spät als langjähriger Leser von Dewey geoutet und ihn dann gleich als Patron der Berliner Republik empfohlen.
  1. Hallo Lucas Schoppe,
    herzlichen Dank für den interessanten Artikel.

    Ich habe häufiger gelesen, dass John Dewey mit der bekannten anarchistischen Frauenrechtlerin Emma Goldman befreundet war (die auch in Arnes „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ als frühe Kritikerin von Männerfeindlichkeit in der bürgerlichen Frauenbewegung zitiert wird).

    https://books.google.de/books?id=8z8mdUYp-6gC&pg=PA493&lpg=PA493&dq=emma+goldman+john+dewey&source=bl&ots=cXylcZZ0wM&sig=gSHUCnyZwNtjBcxMtTVEAllcJsA&hl=de&sa=X&ei=-_IWVevCM4jsO8bygZAL&ved=0CCQQ6AEwAA#v=onepage&q=emma%20goldman%20john%20dewey&f=false

    Jedenfalls war Dewey in der US-amerikanischen anarchistischen Bewegung seiner Zeit sehr beliebt und hatte dort wohl auch einige Kontakte. Insbesondere libertär-sozialistische Reformpädagogen bezogen sich häufiger auf John Dewey. Vor diesem Hintergrund ist Horkheimers Mißinterpretation besonders erstaunlich.

    „In einer Hinsicht gibt es allerdings tatsächlich einen erheblichen Unterschied zwischen einem Pragmatismus wie dem von Dewey und der Frankfurter Schule. Die Vorstellung einer rundum „falschen“ Welt ist pragmatisch unsinnig.“
    (…)
    „Es mag also sein, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt – aber das Falsche kann nicht umfassend sein.“

    Ich habe hier ein Horkheimer-Zitat, in dem er eine Interpretation der Kritischen Theorie gibt, die sich diesen Umstandes durchaus bewusst ist:

    „HORKHEIMER: Gewiß. Es ist wahr, daß gemäß der Kritischen Theorie das Gute schlechthin, das absolute Positive nicht darzustellen ist. Andererseits haben wir — ich meine Adorno und mich — stets erklärt, daß auf verschiedensten Gebieten das zu Verändernde, zu Verbessernde jeweils bezeichnet werden kann. Im übrigen habe ich oft betont, daß richtige Aktivität nicht bloß in der Veränderung, sondern auch in der Erhaltung gewisser kultureller Momente besteht, (…)“

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45226214.html

    „Eigentlich könnte Dewey der Philosoph der Sozialdemokratie sein, wenn Sozialdemokraten irgendwann einmal an ernsthaften intellektuellen Auseinandersetzungen und an humaner Politik interessiert wären.“

    John Dewey als potentiell wichtiger Ansatzpunkt für eine Erneuerung der Sozialdemokratie. Ein interessanter Gedanke.

    „Jürgen Habermas hat sich sehr spät als langjähriger Leser von Dewey geoutet und ihn dann gleich als Patron der Berliner Republik empfohlen.“

    Dann hat ja zum Glück wenigstens ein anderes Mitglied der Frankfurter Schule Horkheimers falsches Urteil bez. Dewey widerrufen.

    Ich werde mir deinen Text gleich nochmal durchlesen.

    Antwort

  2. @ Leszek Danke für den Kommentar!

    Horkheimer hat sich offenbar ganz auf den Begriff „Instrumentalismus“ bezogen, ohne groß darauf zu achten, was damit eigentlich gemeint ist. Bei Dewey geht es darum, dass auch Theorien, philosophische Weltanschauungen oder wissenschaftliche Hypothesen einen instrumentellen Charakter haben – es sind gleichsam Werkzeuge, um sinnvoll in der Welt agieren zu können.

    Das ist sicher eine der zentralen Ideen im amerikanischen Pragmatismus: dass Sätze sinnlos sind, wenn sie keinen Unterschied für das Handeln in der Welt machen können.

    Horkheimer hatte eine ganz andere Perspektive – die seiner Gegenüberstellung von instrumenteller und emanzipatorischer Vernunft. Die instrumentelle Vernunft ist für ihn, wenn ich das richtig im Kopf habe, immer nur Knecht von Interessen, nicht selbstständig, nicht befreiend.

    Darin ordnet er Dewey und den amerikanischen Pragmatismus umstandslos ein – was wiederum nur möglich ist, wenn er sich damit nie ernsthaft beschäftigt hat.

    Adorno hat sich positiver zu Dewey geäußert. Der Unterschied in der Vorstellung eines umfassenden „Falschen“ ist gar nicht unbedingt der, dass mit der Kritischen Theorie Verbesserungsbedürftiges nicht identifizierbar wäre – sondern dass keine verlässlichen Ressourcen aufzufinden sind, mit denen eine solche Verbesserung möglich wäre.

    Eben diese Vorstellung ergibt vor einem pragmatischen Horizont keinen Sinn – wenn eine Welt so aussichtslos wäre, dann gäbe es auch keine Möglichkeit, sinnvoll über diese Welt zu sprechen. Oder auch nur halbwegs unbeschadet durch einen Alltag zu kommen.

    Diese Möglichkeit gibt es aber. Zugespitzt formuliert: Die Vorstellung eines umfassenden Falschen ergibt keinen Sinn, weil sie, wenn sie richtig wäre, gar nicht formuliert werden könnte.

    Damit hängt ein Unterschied zusammen, der in meinen Augen sehr wichtig ist. Anstatt fruchtlos die Vorstellung zu bekämpfen, dass unsere Vorstellungen von der Welt „soziale Konstruktionen“ seien, wäre es viel sinnvoller zu fragen, WAS FÜR Konstruktionen es sind.

    Wenn wir diese Konstruktionen als „Instrumente“ verstehen, dann sind sie einfach ein Teil der Realität, und sie helfen uns bei der Auseinandersetzung mit der Realität. Eine GEMEINSAME Realität wird eben gerade nicht geleugnet.

    Wer aber, wie es z.B. im Gender-Feminismus durchaus selbstverständlich ist. soziale Konstruktionen bloß als Reproduktion von Herrschaft versteht, präsentiert sie als unwirklich – sie seien eigentlich nur da, um die WIRKLICHEN Interessen zu verschleiern und ihnen zugleich zu dienen.

    Es gibt dann eigentlich keine gemeinsame Realität, sondern eine Spaltung der Welt in Herrscher und Beherrschte – wobei natürlich allein die Beherrschten ein echtes Interesse haben, die „wahren“ Verhältnisse nicht zu verschleiern. So führt die Vorstellung einer umfassenden Herrschaft und Falschheit in eine Logik des Ressentiments, die Positionen ablehnt bzw. verdammt, ohne sich überhaupt mit ihnen vertraut gemacht zu haben. Es ist ja schließlich immer schon klar, dass diese Positionen angeblich bloß der Herrschaftsreproduktion dienen.

    Antwort

  3. Hallo Lucas,
    ich hatte in den letzten Tagen eine ausführliche Diskussion mit Elmar über den Relativismus und die Standpunkttheorie und habe Dich gerade hier am Ende meines letzten Kommentars zitiert:
    https://allesevolution.wordpress.com/2015/03/29/feministische-und-maskulistische-standpunkttheorie/#comment-171103

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  4. […] sie weniger weiblich wird. Ein vernünftigeres Ziel ist eine Demokratisierung der Debatten im Sinne Deweys: Alle Menschen, die von sozialen Entscheidungen und Prozessen betroffen sind, müssen auch eine […]

    Antwort

  5. […] amerikanische Philosoph John Dewey hat statt des Begriffs der „Wahrheit“ häufig den der „warranted assertion“, der […]

    Antwort

  6. […] – traumatische Erfahrungen sind ein Beispiel dafür. Der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey – der sich übrigens politisch als Linken sah, als demokratischen Sozialisten – hat schon vor […]

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