Deutschland

Wie die Friedrich Ebert Stiftung einmal Menschen auf den Index setzte

Bild zeigt einen gelichteten Wald mit einer Mauer.
geschrieben von: Lucas Schoppe

„Ihre Position zu den Gender Studies scheint die drei Parteien zu einen, zumindest auf einer lokalen Ebene.“ (The position on gender studies seems to unite the three parties, at least at the local level.)  (S. 46) 

Die drei Parteien, die hier so geeint erscheinen, sind die CDU, die AfD – und die NPD. In der von der sozialdemokratischen Friedrich Ebert Stiftung herausgegebenen Schrift „Gender as Symbolic Glue“ (Gender als symbolischer Klebstoff) erscheint also die Gegnerschaft gegen den Begriff „Gender“ als große, verbindende Gemeinsamkeit von Parteien aus dem gemäßigt konservativen Mainstream mit rechtsradikalen Gruppen.

Trench

Wer genau die Friedrich Ebert Stiftung auf die Idee gebracht hat, demokratische Politik ließe sich am Besten von Schützengräben aus gestalten, lässt sich wohl nicht mehr klären. Klar ist aber, dass diese Idee erhebliche Macken hat…

Die Schrift sammelt Texte über die konservative Kritik am Gender-Begriff und der damit verbundenen Politik in verschiedenen europäischen Staaten – Frankreich, Deutschland, Polen, Ungarn, Slowakei. Für Deutschland stellt Alice Blum (S. 40ff.) fest, dass

„Menschen aus verschiedenen Hintergründen und Klassen gegen ein gemeinsames Feindbild geeint seien: die ‚Gender Ideologie’.“ (…united people from various backgrounds and classes against the common “enemy” figure – “gender ideology”, S. 47)

Es hätten sich „Allianzen zwischen radikal-christlichen Gruppen, Rechtsradikalen und etablierten Parteien“ (alliances between the Christian radical groups, right-wing groups and established parties, 47) gebildet – vereint sei darin ein Spektrum „vom christlichen Humanismus bis zum Neoliberalismus und den radikalen Nationalismus“ (ranging from Christian humanity to neoliberalism and to radical nationalism, 47), also von der CDU über die AfD zur NPD.

Die deutlichen Unterschiede zwischen den Parteien (S. 42) erscheinen so als oberflächlich. Im Fall der CDU und der AfD gebe es vielmehr einen

„Unterschied zwischen den allgemeinen schriftlichen Erklärungen zur Gleichheit zwischen Mann und Frau und den Positionen zu Gender Mainstreaming, den Gender Studies an den Universitäten und dem Gebrauch des Wortes Gender selbst.“ (1)

Auch wenn der Begriff „Gender“ im Mittelpunkt  dieser Schrift steht – er wird dort kaum diskutiert. Lohnend ist die Auseinandersetzung mit ihr trotzdem, nämlich wegen der sehr problematischen politischen Positionen, die sie bezieht – insbesondere der Position zum Rechtsradikalismus.

Wie man aus CDU und NPD eine Querfront basteln kann

Während Blum Gemeinsamkeiten von CDU, AfD und NPD durchaus selbstverständlich herausstellt, versucht sie zugleich, innere Widersprüche innerhalb dieser Parteien aufzudecken. CDU und AfD seien so zwar nicht generell gegen die Gleichberechtigung (equality) von Mann und Frau, würden aber das Adoptionsrecht für Homosexuelle ablehnen. (44)  Auf europäischer Ebene würde die CDU „Gender Equality“ als Ziel anerkennen, auf lokaler Ebene aber habe die CDU Nordwürttemberg sich gegen die „Gender-Ideologie“ gestellt. (50/51) Während aber die Frage nach dem Sinn weiterer Gender-Professuren unschuldig wirke, ginge es dabei tatsächlich darum, feministische Perspektiven in den Sozialwissenschaften und der Pädagogik zum Schweigen zu bringen. (49)

Wer A sagt, muss auch B sagen: Durchgehend erscheint der Einsatz für Gleichberechtigung hier als trügerisch, gar heuchlerisch, wenn mit ihm nicht zugleich sämtliche Ziele unterstützt werden, die Blum für unterstützenswert erachtet. So zeichnet sie dann insbesondere die CDU als eine Partei, die zwar eine moderne bürgerliche Oberfläche präsentiere, sich tatsächlich aber deutlich gegen die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, von Heterosexuellen und Homosexuellen positioniere.

Das teilt die politische Landschaft sauber und widerspruchsfrei auf. Kritik an Gender-Positionen ist für die Autorin  „reaktionär“ (57), ihre eigene Position hingegen „progressiv“ und „emanzipatorisch“ (58) – und dies so selbstverständlich, dass dafür nicht einmal eine Begründung nötig ist.

Das gilt insbesondere für Blums Auseinandersetzung mit dem Protest gegen die rot-grünen Bildungspläne. Dass die „besorgten Eltern“ von der NPD unterstützt würden, erwähnt sie gleich zwei Mal (48, 54) – als ob es gar nicht denkbar wäre, dass Eltern Gründe zur Sorge haben könnten, die nicht in rechtsradikalen und reaktionären Überzeugungen wurzeln.

Der Verweis darauf, Nazis zu Gegnern zu haben, ersetzt dabei allerdings eine schlüssige Begründung der eigenen Position. Was denn beispielweise an ihr „emanzipatorisch“ sei, erklärt Blum nirgends. Damit aber fehlt dem Text etwas Wichtiges – denn schließlich werden große Summen an öffentlichen Mitteln für die Förderung der Gender Studies an den Universitäten aufgebracht, die Politik des Gender Mainstreaming ist europaweit etabliert, die Bildungspläne rot-grün regierter Länder machen deutliche Vorgaben für Lehrpläne und Schulbuchverlage.

Wer so große Mittel aufbringt und so das Leben vieler beeinflusst – der müsste dafür bessere Begründungen liefern können als den schlichten Hinweis, dass dies schon deswegen gut sein müsse, weil es der NPD nicht gefalle. Die nämlich spricht sich auf ihrer Homepage (die ich hier gleichwohl nicht verlinke) beispielweise auch für den Umweltschutz, für eine „Verantwortung vor der Zukunft“ und gegen eine „profitmaximierende Verwertung von Raum, Ressourcen und Lebewesen“ aus. Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, dass dadurch Umweltschutz zu einer schlechten und Verantwortungslosigkeit zu einer guten Sache würde.

Das Problem der Kritiken an Gender-Positionen ist nicht, dass sie auch von rechtsaußen geäußert werden – sondern dass diese Kritik in Institutionen, die sich selbst als „links“ verstehen, nicht geäußert wird. Dadurch erst finden sich beispielweise Eltern, die schlicht durch die Bildungspläne verunsichert sind, Seite an Seite mit Homosexuellenfeinden oder Rechtsaußen-Demagogen, ohne in der bürgerlichen Linken Ansprechpartner zu haben.

Dabei gibt es viele gute Gründe für Kritik, fern von rechtsradikalen Positionen. Nach dem baden-württembergischen Bildungsplan ist der „Gesichtspunkt der Akzeptanz sexueller Vielfalt“ ein übergreifendes Leitprinzip und muss bei jedem größeren Themenbereich in der Schule berücksichtigt werden. Das Land Niedersachsen übernimmt das und legt fest, dass die „angemessene Berücksichtigung der Vielfalt sexueller Identitäten (…) auch zum Kriterium für die Genehmigung von Schulbüchern“ wird.

Das schließt an die europaweit etablierte Politik des Gender Mainstreaming an, nach der „bei allen gesellschaftlichen und politischen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen“ seien.

Verständlich wird diese umfassende Konzentration auf sexuelle Identitäten und Orientierungen erst angesichts der Überzeugung, dass die Kategorie Gender eine „omnirelevante Kategorie“ sei – dass die soziale Konstruktion von Geschlecht also für die Beurteilung jedes beliebigen anderen Themas von Bedeutung wäre.

Nun  ist Omnirelevanz eigentlich ein religiöses Kriterium, nämlich ein Merkmal von Göttlichkeit. Die Überzeugung, dass soziale Geschlechter-Konstruktionen ebenfalls in diesem Sinn verstanden werden müssten, ist weithin nicht akzeptiert, sie ist den meisten Menschen nicht einmal bekannt. Wenn eine Politik, gar eine Schulpolitik gleichwohl unerklärt auf dieser Überzeugung aufbaut, sind Irritationen und Proteste  nur folgerichtig und erwartbar.

Warum sollten beispielsweise Benachteiligungen von Homosexuellen oder Transsexuellen in allen Themenbereichen zur Sprache kommen, viele andere soziale Benachteiligungen aber unerwähnt bleiben? Viele Kinder stehen an Schulen beispielwiese erheblich unter Druck, weil sie die Kleidung tragen, die von anderen nicht akzeptiert wird. Oder: Was ist mit Kindern, die unter der Trennung von ihren Vätern leiden – von denen gibt es oft mehrere in einer Klasse?

So erwecken die Bildungspläne den Eindruck, dass hier Landesregierungen willkürlich und nach eigenen politischen Vorlieben unterscheiden, welche Gruppen von Menschen Anspruch auf Schutz vor Benachteiligungen haben und welche nicht. Mehr noch, sie unterscheiden offenbar willkürlich und nach eigenen Vorlieben, welche Kinder es wert sind, bei Schwierigkeiten gestärkt zu werden – und welche Kinder es nicht wert sind.

Auch hier ist das Problem weniger, dass gegen diese Politik von rechts aus protestiert wird – sondern dass der linke Protest unterbleibt.

Wie die Friedrich Ebert Stiftung einmal Menschen auf den Index setzte

Endgültig deutlich wird dies ganz am Ende der Schrift. Eine rätselhaft unsystematische Liste dort erwähnt zwei Organisationen (die Jugendorganisation der rechtsradikalen und antisemitischen ungarischen Jobbik-Partei und eine ungarischen Website gleicher politischer Ausrichtung), zudem erwähnt sie eine  Person positiv (den slowakischen Außenminister Miroslav Lajčak) und führt ansonsten dreiundzwanzig Personen auf, die als europaweit wirkende Gegner einer Gender-Politk präsentiert werden.

Offenkundig sind die Unterschiede zwischen ihnen erheblich: Auf der Liste stehen die ungarischen Rechtsradikalen Dora Duro und Előd Novak oder die ungarische Homosexuellenfeindin Ilona Ekes, es stehen dort Vertreter der polnischen Kirche oder polnischer konservativer Parteien, daneben die deutsche Journalistin und Autorin Birgit Kelle, die Gender-Ansätze in einer scharfen Polemik als „gaga“ hinstellt, oder der slowakische Parlamentsabgeordnete Igor Matovič, der mit dem offenbar als anstößig empfundenen Satz zitiert wird, dass Kinder Väter und Mütter bräuchten.

Ich kenne nicht alle Personen dieser Liste – mit den politischen Positionen derer, die ich kenne, habe ich nichts gemein (dazu gehört z.B. die AfD-Frau Beatrix von Storch) – und trotzdem ist diese Liste in meinen Augen skandalös.

Die Herausgeber haben hier  kein Interesse daran, sich sachlich mit Kritiken an Gender-Konzepten auseinanderzusetzen, sie nach politischer Bedeutsamkeit und Schlüssigkeit zu unterscheiden, sie möglicherweise auch zum Anlass einer Selbstkritik und zur Weiterentwicklung eigener Positionen zu machen.

Statt dessen erwecken sie durchaus gezielt den Eindruck einer Querfront, die von Rechtsradikalen gemeinsam mit Konservativen, Liberalen und Angehörigen der katholischen Kirche gebildet werde – und sie erstellen eine Liste, mit der sie einzelne Personen als Repräsentanten diese Querfront präsentieren.

Wer die Gewalt-, Bedrohungs- und Beleidungsbereitschaft in vielen Teilen des Internets kennt, kann wohl auch einschätzen, wie ungeheuer problematisch eine solche Liste ist: Wer sie erstellt hat, kann davon ausgehen, dass viele sie als Mobbing-Liste verstehen und nutzen werden. In dem Homosexuellen-Blog „Männer“ stand beispielsweise gerade erst einige Tage lang dieser Kommentar über Birgit Kelle, bis er endlich gelöscht wurde:

„Sehr gut! Immer wieder eine in die F… Mit der Faust! Hoffentlich geht der ollen bald die Puste aus und bleibt die Spucke weg, so wie allen anderen getarnten Rechtsidioten, mitunter der CDU und der Kirche!“

Der Aufruf zur Gewalt gegen Kelle bedient sich also eben der Querfront-Fantasie, die auch in der FES-Schrift verbreitet wird.

Die Liste übrigens, die einzelne Personen beliebig als Repräsentanten dieser Querfront vorführt, ist mit einem Begriff überschrieben, der in der römischen Inquisition eine Liste verbotener Bücher bezeichnete: Index. Diese Anspielung ist wohl unabsichtlich, sie ist aber bezeichnend.

Wie aber ist es möglich, dass die sozialdemokratische Friedrich Ebert Stiftung hier Menschen auf einen Index setzt und dieses Verzeichnis europaweit verbreitet?

Aufklärung, Emanzipation und die böse Restwelt

Andrea Pető beschreibt in ihrem abschließenden Text der Schrift einen „wissenschaftlichen Paradigmenwechsel“ („paradigm change in science“), der von der Kritik an einer „Gender-Ideologie“ betrieben werde (129). Die Hinweise auf eine vermeintlich interesselose „Wissenschaftlichkeit“ dienten dort ihrerseits lediglich der Durchsetzung ideologischer Interessen. Nach ihrem Wissenschaftsverständnis hingegen sei Wissenschaft immer an spezifische Positionen gebunden. („In this context, science became a moral and normative category acknowledging the positionality of the knower.“)

Damit konstruiert Pető eine Alternative, mit der das Wissenschaftsverständnis der Gender Studies schon zuvor gegen den Einwand der Unwissenschaftlichkeit verteidigt worden ist. Sie erweckt den Eindruck, wir hätten lediglich die Wahl zwischen der Anmaßung einer universell gültigen, gottgleichen, objektiven Position, von der aus die Welt scheinbar wissenschaftlich erforscht und beschrieben werde – und der Einsicht, dass alle Beschreibungen der Welt, die uns möglich sind, an spezifische, begrenzte Perspektiven gebunden sind.

Natürlich drücken sich in diesem Verständnis in der gottgleichen Perspektive verschwiegene Herrschaftsinteressen aus, die durch Objektivitätsansprüche bloß verdeckt würden – während die Perspektivengebundenheit als ein urdemokratisches Konzept erscheint. Eben das aber ist fatal.

Denn Pető operiert hier, wie andere vor ihr, mit einer falschen Alternative. Der klassische Anspruch auf Wissenschaftlichkeit ist kein Anspruch auf Gottgleichheit, ganz im Gegenteil. Kriterien der Wissenschaftlichkeit reagieren immer schon auf die Einsicht, dass unsere Wahrnehmung der Welt an Perspektiven gebunden und jeweils begrenzt ist – und sie sind Versuche, gleichwohl gültige, verallgemeinerungsfähige Aussagen über die Welt formulieren zu können.

Wissenschaftlich sind demnach Aussagen, die von anderen Perspektiven aus, aber nach gemeinsamen Kriterien überprüft und bestätigt bzw. verworfen werden können. Wissenschaftlichkeit produziert keine Gottgleichheit, sondern koordiniert die Perspektiven beliebig verschiedener Beteiligter nach Maßstäben, die für alle gleichermaßen nachvollziehbar und kontrollierbar sind.

Da wir auf soziale Kooperation angewiesen sind, ist eine solche Koordination der Perspektiven von erheblicher Bedeutung. Wer hingegen auf der Perspektivität jedes einzelnen Standpunktes beharrt, aber die Möglichkeit einer gemeinsamen Perspektivierung leugnet, hat nur noch eine Möglichkeit, allgemeingültige Aussagen zu formulieren: Er muss unterscheiden, welche Perspektiven gültig und welche nicht gültig sind.

Pető beispielweise würde schließlich keineswegs davon ausgehen, dass eine Aussage wie „Feminismus ist eine neue Form des Faschismus“ aus ihrer spezifischen Perspektive ebenso gültig wäre wie die Aussage „Feminismus steht für eine emanzipatotische Politik“ aus einer anderen Perspektive,

So sehr Pető für sich jedoch in Anspruch nimmt, in der Tradition der europäischen Aufklärung (129) zu stehen: Eine prinzipielle Unterscheidung zwischen gültigen und ungültigen Perspektiven ist mit dieser Tradition nicht vereinbar.

Das Problem wird eher noch vertieft durch die Hinweise, eine „progressive“ Position zu formulieren und damit die Rechte von Minderheiten zu vertreten. (129/130) Denn das legt nahe, die Unterscheidung zwischen gültigen und ungültigen Perspektiven nach moralischen Maßstäben zu treffen: Ungültig sind dann die Perspektiven der Herrscher, gültig die der Beherrschten und Marginalisierten – gültig die Perspektiven der Opfer, ungültig die der Täter.

Natürlich wird dadurch das Problem nur verschoben – denn aus welcher Perspektive kann dann allgemein entschieden werden, wer überhaupt Opfer und wer Täter ist? Wie sollte überhaupt angesichts der Komplexität und der Widersprüchlichkeit moderner Massengesellschaften eine klare Unterscheidung in Herrscher und Beherrschte möglich sein? Tatsächlich können hier eigentlich nur die Opfer selbst entscheiden, dass ihnen die Position des Opfers gebührt – womit die Konstruktion Petös in dem einfachen Glauben kollabiert, dass die eigene Position grundsätzlich gültig, die der anderen ungültig sei.

Die rätselhafte Fixiertheit auf Geschlechterkategorien erklärt sich möglicherweise einfach dadurch, dass solche Kategorien angesichts dieser Probleme scheinbar einfache, leicht fassbare Antworten ermöglichen. Männer können dann generell als Herrscher, Frauen als Beherrschte, Homosexuelle als Marginalisierte, Heterosexuelle als Profiteure einer „Heteronormativität“ phantasiert werden.

Problematisch aber ist, dass damit Politik nicht mehr ein – gemeinsam zu verantwortender – Ausgleich verschiedener Interessen ist, auch keine Auseinandersetzung unterschiedlicher Positionen, sondern ein Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, dem Heil und dem Unheil. Es kommt dann nicht mehr darauf an, eine gemeinsame demokratische Perspektive zu finden – sondern darauf, dass die richtigen Perspektiven sich durchsetzen.

Anstatt die sachliche Auseinandersetzung verschiedener Positionen zu suchen, ist es nur noch wichtig, zu identifizieren, wer die Feinde sind.

Sozialdemokraten suchen hier nicht nach einem breiten demokratischen Konsens gegen Rechtsradikale, sondern sie konstruieren stattdessen eine Gemeinsamkeit zwischen Liberalen, Konservativen und Nazis. Sie agieren, als ob Faschismus und Rechtsradikalismus bloß virtuelle Größen wären – leere Begriffe, deren wesentlicher Sinn darin bestünde, politische Gegner möglichst effektiv damit belasten zu können.

Angesichts der realen, massiven Feindschaft gegen Flüchtlinge und deren Unterstützer wirkt das eben so realitätsentrückt wie verantwortungslos. Besonders gravierend: Anstatt eine demokratische, zivile Gemeinsamkeit gegen Hetzer zu finden, die Einzelne zur Zielscheibe machen, erstellt die Friedrich Ebert Stiftung selbst, öffentlich und aus Steuergeldern, eine Liste politisch unerwünschter Personen. Auch wer (wie ich zum Beispiel) die Politik dieser Personen ablehnt, müsste sich darüber eigentlich erschrecken.

Sascha Lobo schreibt in einer aktuellen Kolumne über den Hass auf Flüchtlinge im Netz, dessen Positionen könne man nur übernehmen,

„wenn man ein polares Weltbild mit sich herumschleppt, wo Grauwerte, Verhandlungen und Kompromisse nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sind.“

  Und weiter:

„Die Vereinfachung beginnt also mit Bekenntnis statt Diskussion. Das aber bedeutet, dass die Kommunikation einem anderen Zweck dient als dem Meinungsaustausch, nämlich der Findung Gleichgesinnter und dem spontanen Zusammenhalt gegen die böse Restwelt.“

Sozialdemokraten sind natürlich keine Rechtsradikalen, und Vertreter von Gender-Positionen sind keine Flüchtlingshasser. Auf die hier vorgestellte Schrift der Friedrich Ebert Stiftung treffen Lobos Zitate gleichwohl mit einer beunruhigenden Genauigkeit zu.


Eines der Zitate ist im Text wegen seiner Länge bloß in der Übersetzung aufgeführt, hier ist das Original:

(1) In the case of CDU and AfD there seems to be a divergence between general written declarations on equality between men and women, and on the position relating to gender mainstreaming, gender studies at universities, and the use of the word gender itself. Gender as symbolic glue, S. 44

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20 Comments

  • „Dass die „besorgten Eltern“ von der NPD unterstützt würden, erwähnt sie gleich zwei Mal (48, 54) – als ob es gar nicht denkbar wäre, dass Eltern Gründe zur Sorge haben könnten, die nicht in rechtsradikalen und reaktionären Überzeugungen wurzeln.“

    Die Gender Studies Leute bekommen richtig Probleme wenn die Rechtsradikalen auf einmal anfangen würden die Genderideologien offen zu unterstützen. ^^

  • Also wenn das Linke Ideologie ist, ist doch das Erledigen des Genderwahns ganz einach.
    Sehr geehrte Damen und Herren von der NPD,
    könnten Sie bitte ab jetzt ganz doll FÜR alles mit Gender sein und dies entsprechend in Ihrem Parteiprogramm und Verlautbarungen verankern?

    Dann ist die gesammelte Linke nämlich gezwungen diese Position aufzugeben und sich allen Forderungen diesbezüglich zu enthalten, um nicht mit Ihnen eine Querfront zu bilden.

    Der Dank des Vaterlandes ist Ihnen sicher!

    MfG:

    Gereon

  • Ich schrieb gestern in einem anderen Zusammenhang, bei dem es um eine Auswanderung wegen der hierzulande zunehmenden Einengung der Meinungsfreiheit und indirekter Zensur ging, an eine Kollegin u. a. folgendes: … So wie aktuell jeder, der gegen Genderismus, für Männerrechte ist und eine differenzierte Meinung zur Völkerwanderung besitzt, ebenfalls als Nazi verunglimpft wird. Damit aber wird der Nazivorwurf so beliebig wie die „rote Socke“ und zugleich ein Terrain für die wahren Nazis bereitet.

  • Ich hatte dieses Werk auch vor einiger Zeit kurz durchgeblättert. Nachdem ich zum x. Mal die Selbstbeweihräucherung als „progressive“ gelesen hatte, neben anderen feministischen Dogmen, war mir dann die Zeit zu schade. Ich habe jetzt aber noch mal hineingesehen.

    Generell fand ich das Buch qualitativ schlecht. Das fängt mit der „Chronology“ ab Seite 13 an, die eine völlig willkürliche Auswahl von Ereignissen in den 5 Ländern in zeitlicher Reihenfolge präsentiert. Es wird wild zwischen den Ländern hin- und her gesprungen. Man erkennt allenfalls, daß es da wenig Gemeinsamkeiten gibt (womit die These des Buchs, daß es innere Zusammenhänge zwischen den Entwicklungen in Europa gibt, eher widerlegt wird).

    Das Kapitel über die Entwicklung in Deutschland fand ich großenteils langweilig und sehr oberflächlich und holzschnittartig, was daran liegen kann, daß hier Ausländer grundlegend informiert werden sollen, z.B. wer und was die CDU ist und was „die CDU“ über „die Familie“ denkt. Sinnvolle Erkenntnisse kann man auf der Basis mMn nicht gewinnen.

    Der zusammenfassende Abschnitt von Andrea Peto der sich wissenschaftstheoretisch versucht, erzeugt bei mir nur Kopfschütteln. Beispiel: „[questiong the subject-object division] .. – what Eric Hobsbawn referred to as „my truth is as valid as your truth“ – signals an anti-universalistic approach leading to new scientific paradigm which is now appropriated by anti-gender forces.“

    Auf Deutsch wird hier wieder mal der Poststrukturalismus bzw. die Feministische Standpunkttheorie herausgekramt und beklagt, daß die Feminismuskritiker sich erdreisten, sie einfach selber auf bzw. gegen die feministische Doktrin anzuwenden („appropriate“). Unglaublich sowas.

    Oder „progressive politics is a result of the enlightenment“. Dazu fällt einen nichts mehr ein. Eine Bewegung, die zu den wissenschaftsfeindlichsten überhaupt gehört und die durchgängig mit Falschaussagen und Propagandamethoden arbeitet, glaubt allen Ernstes, sie habe etwas mit Aufklärung zu tun.

    Besonders gespannt war ich bei Abschnitt „3. Counter-strategies“, man muß sich ja warm anziehen heutzutage. Man findet dort aber nur Jammern, daß der Poststrukturalismus infragegestellt wird, und die verblüffende Einsicht, daß die „progressive forces“ sich was neues einfallen lassen müssen und doch bitte wieder zurückkehren sollten zur „bravery and originality of those historical political actors who dared to question previously unquestionable dogmas of society“. Da hatte ich Konkreteres erwartet.

    Sprachlich interessant fand ich die Benutzung des Begriffs „gender“ bzw. sehr häufig „anti-gender“ im Text, z.B. in „anti-gender mobilisation“. „gender“ ist wahlweise eine soziale Bewegung oder die zugrundeliegende (feministische) Ideologie. „anti-gender“ ist irgendwie synonym zu „anti-feminist“ oder ganz einfach zu böse, „gender“ ist demnach gut“ oder auch aufgeklärt und progressiv und vielleicht sogar ein Adjektiv. Doublespeak in Reinform, der Begriff wird weitgehend entkernt und zu einem reinen Symbol für die Zugehörigkeit zu einer Ideologie (was feministische Akteure keineswegs hindert, Feminismuskritikern immer wieder vorzuwerfen, den Begriff „gender“ nicht zu verstehen oder pauschalisierend einzusetzen). Irgendwie paßt dazu nicht, daß gemäß dem Buchtitel Gender der „symbolic glue“ sein soll, der die Feminismuskritiker verbindet, also vom Debattengegner okkupiert sein soll. Korrekt wäre „anti-genderism“ gewesen, aber damit hätte man implizit bestätigt, daß es so etwas wie Genderismus gibt, das war wohl zu riskant.

    Zu den Autoren: der deutsche Anteil stammt von einer bis dato unbekannten Alice Blum. Offenbar Studentin an der FH Frankfurt, dort scheinbar als Aktivistress hervorgetreten. Das kann erklären, warum ihr Beitrag das Niveau einer Proseminararbeit hat. Andrea Peto ist Professor at the Department of Gender Studies at Central European University in Budapest. Ihr Beitrag dokumentiert nur das desaströse Niveau der Gender Studies. Die anderen Autoren sind überwiegend PhD students, also keine wirklich erfahrenen Forscher.

    Mein Gesamteindruck: Überflüssig. Braucht man nicht zu lesen, man verschwendet seine Zeit. Aus Sicht der FES ist das auch nur eine von hunderten Publikationen, mit der man die Welt beglückt. Ich frage mich gerade, wie ernst selbst die Verantwortlichen bei der FES diese Publikation nehmen.

    • „Oder “progressive politics is a result of the enlightenment”. Dazu fällt einen nichts mehr ein. Eine Bewegung, die zu den wissenschaftsfeindlichsten überhaupt gehört und die durchgängig mit Falschaussagen und Propagandamethoden arbeitet, glaubt allen Ernstes, sie habe etwas mit Aufklärung zu tun.“
      Das hast Du vermutlich falsch verstanden, Mitm.
      „Enlightenment“ bedeutet ja keineswegs einfach nur „Aufklärung“, sondern auch „Erleuchtung“. Siehe Schoppe im Blogpost ( „Gottgleichheit“ ) u.s.w..
      Dazu fällt mir dann allerdings eher noch weniger ein, außer, daß Wissenschaftsfeindlichkeit dadurch kein Widerspruch mehr ist, sondern im Gegenteil, geradezu inquisitorische Notwendigkeit……. 🙁

  • Zu den wissenschaftlichen Aussagen: Ich denke, man solle hier zwischen
    a) Entdeckungszusammenhang
    b) Begründungszusammenhang
    c) Verwertungszusammenhang

    unterscheiden. a) und c) sind m.E. nie wertfrei, also sind sie perspektivisch und interessengebunden. Bei b) würde ich zumindest in den Naturwissenschaften sagen, dass es zumindest dort Gütekriterien für die empirische Forschung gibt und dies sind Objektivität, Validität und Reliabilität. Wenn man also bei der empirischen Forschung messen oder zählen kann, dann ist Objektivität ein sinnvolles Gütekriterium. Anders ist es bei der qualitativen Forschung, wo es schlussendlich um Interpretationen geht und hier kann man dann nur quasi auf einer Interrater-Reliabilität oder Inter-Coder-Reliabilität setzen – eine vollständige Objektivität wird es hier nur sehr selten geben. Aber wird selbstverständlich angestrebt.

    • @Sandra

      Es wäre gut, wenn du die „Standpunkttheorie“ kennen lernst; hier kurz dargestellt von man in the middle (und ich kommentiere an einigen Punkten):

      „Die Standpunkttheorie basiert auf zwei Unterstellungen:

      Die Erkenntnisgewinnung hängt von der Position des Forschenden innerhalb gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse ab.
      Es gibt bessere und schlechtere Standpunkte, von denen aus die Welt betrachtet und interpretiert werden kann. Tendenziell ist der Blickwinkel einer dominierten Gruppe für eine objektive Wahrnehmung besser geeignet als die Perspektive vom Standpunkt einer herrschenden Gruppe.

      D.h. indem sich ein Forscher als Mitglied einer dominierten Gruppe erklärt bzw. konkurrierende Forscher als Mitglied einer privilegierten Gruppe, sind seine Erkenntnisse automatisch besser und er Gewinner eventueller Debatten.“

      a. Vom Standpunkt der Standpunkttheorie ist das Argument eines Vertreters der „privilegierten Gruppe“ damit automatisch AB- und das der „dominierten Gruppe“ AUFGEWERTET.
      b. „Wahrheit“ oder das Streben danach existiert nicht, sondern sie wird personalisiert und subjektiviert > wobei der privilegierten Gruppe per se vorgeworfen wird, mit ihren Argumenten nur die eigenen Privilegien sichern zu wollen. Das muss dieser Gruppe nicht einmal nachgewiesen werden. Es ist sozusagen „inkludiertes“ Merkmal der Gruppe.

      „In der feministischen Standpunkttheorie kommt als weitere Unterstellung hinzu, daß eine Geschlechterhierarchie existiert, in der die Frauen die dominierte Gruppe bilden. Hieraus ergibt sich automatisch, daß Frauen bzw. Vertreter feministischer Standpunkte bessere und damit die gültigen Erkenntnisse gewinnen.“

      Und es ist ist ausgesprochen praktisch, dass genau diejenige Gruppe, die überall die finsteren Mächte des Patriarchats am Werke sieht, nach dieser – ihrer eigenen – Theorie, von eben diesem Patriarchat unterdrückt wird. Was ihnen im Kampf um die besseren Argumente den unschätzbaren, ich würde sogar sagen privilegierten Zugang zu einem besseren Standpunkt verschafft. (Mein Gott versprach mir dieses Land! – so macht Religion Spaß)

      „Die feministische Standpunkttheorie steht in krassem Gegensatz zum klassischen, an Objektivität orientierten Wissenschaftsverständnis, wonach Erkenntnisse nicht von der Person des Erkenntnisgewinnenden abhängen dürfen. Dieses klassische Wissenschaftsverständnis wird bei einem feministischen Wissenschaftsverständnis als „maskulin“ bzw. „androzentrisch“ abgelehnt, ebenso die Annahme, es könne so etwas wie „objektive Erkenntnisse“ geben.“

      Denn das patriarchale Konstrukt „Objektivität“ verschleiert nur die Herrschaftsinteressen, die der Erkenntnis zu Grunde liegen – das eigentliche Motiv der Forschung der privilegierten Gruppe ist die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien. Oder anders gesagt: Das Problem hat einen Penis.

      „Begründung der Minderwertigkeit von Erkenntnissen privilegierter Forscher

      Die Standpunkttheorie arbeitet mit zwei strukturell verschiedenen Unterstellungen, warum Erkenntnisse privilegierter Forscher minderwertig sind:

      Die falschen Fragen werden erforscht.
      Unterstellt wird, daß die Realität, die man erforscht, durch den Einfluß der dominierenden Klasse „deformiert“ ist. Die Erkenntnisse können daher nur die Absichten der dominierenden Klasse reproduzieren. Beispielsweise kann man in einer Welt, wo es nur Königreiche gibt, nicht über Demokratien forschen.

      Allgemeiner gesagt wird unterstellt, daß die Themen und Fragestellungen, die erforscht werden, von den herrschenden Verhältnissen und Wertungen abhängen. D.h. es werden nur solche Fragen erforscht, die den Interessen der herrschenden Klasse dienen, während andere, wichtigere Themen (aus Sicht der diskriminierten Klasse) nicht erforscht werden.
      Die Antworten sind defizitär, weil dem privilegierten Forscher wesentliche Erfahrungen fehlen, da er nicht persönlich von der Diskriminierung betroffen ist.“

      So weit also zur „Standpunkttheorie“ – vielleicht wird es verständlich, was wir gegen einen solchen Feminismus haben. Nichts ist besser geeignet Wissenschaft zu ruinieren.

      @mitm

      Da hat der Feminismus auch recht, es ist bspw. völlig unmöglich über die sozialen Folgen von Alkoholismus zu forschen und selber nüchtern zu sein.

      Und es ist völlig unmöglich über Feminismus zu forschen in einer Welt, die fest im Würgegriff des Patriarchats ist, weil dieser Feminismus durch den Einfluss der dominierenden Klasse deformiert ist. Denn das Patriarchat ist allmächtig und allumfassend (wie Gott, nur noch gemeiner zu Frauen).

      Die Erkenntnisse eines solchen Feminismus können daher nur die Absichten des Patriarchats reproduzieren. Und ein solcher Standpunkt kann daher nur vorgeblich feministisch sein, tatsächlich ist es jedoch ein privilegierter und patriarchaler.

      Das aber heißt, wer einen privilegierten Standpunkt hat, der Standpunkte sieht, die einen bessere oder schlechtere Position ermöglichen, von denen aus die Welt betrachtet und interpretiert werden kann, hat damit einen objektiv schlechteren Standpunkt, die Welt zu betrachten und zu interpretieren.

      Oder anders herum: Die Standpunkttheorie ist selber Produkt einer privilegierten Standpunkts und von daher – zwingend – eine minderwertige Erkenntnis.

      Wer sich fragt, warum das noch keinem aufgefallen ist, sollte sich vergegenwärtigen, die meisten Feministinnen sind weiß, demnach privilegiert und heterosexuell.
      Und mit falschen Hautpigmenten, ungerechtfertigten Privilegien und der falschen sexuellen Orientierung kann man keine richtige Theorie produzieren.

      Es liegt – das ist meine Theorie – bereits in ihren Genen, die selber Produkt einer sozialen Konstruktion sind, die ihre Privilegien sichert.
      Sonst wäre sie ja auch nicht weiß und heterosexuell.
      QED

      Du siehst, mitm, alle Männer sind aufgerufen, den Feminismus logischer, nachvollziehbarer und besser zu machen! 😉

      Schönen Gruß, crumar

    • @Sandra Meier: „Zu den wissenschaftlichen Aussagen: Ich denke….“

      Diese drei Zusammenhänge oder Phasen der Entstehung und Nutzung von Wissen kann man in den Sozialwissen- und Geisteswissenschaften unterstellen und auf dieser Annahme Wissenschaftstheorien aufbauen, in anderen Wissenschaftsgebieten definitiv nicht. Ich habe das hier breiter dargestellt.

      „Wenn man also bei der empirischen Forschung messen oder zählen kann, dann ist Objektivität ein sinnvolles Gütekriterium.“

      Wie gesagt, wenn man in den Sozialwissen- und Geisteswissenschaften lebt, dann ist diese Aussage (wenn ich sie richtig verstehe) OK. In den Naturwissenschaften oder sogar den Formalwissenschaften bedeuten die Begriffe Empirie bzw. Objektivität etwas völlig anderes bzw. sind teilweise gar nicht sinnvoll anwendbar.

      Für die Geschlechterdebatte ist diese Diskrepanz der Wissenschaftstheorien insofern relevant, als man hier interdisziplinär in einer Schnittmenge von Biologie/Medizin, Psychologie, Soziologie und Philosophie liegt.

      @crumar: „Da hat der Feminismus auch recht, es ist bspw. völlig unmöglich über die sozialen Folgen von Alkoholismus zu forschen und selber nüchtern zu sein.“

      Noch schlimmer: Man kann nur über Mörder forschen, wenn man schon mal ermordet worden ist 😉

      „Und ein solcher Standpunkt kann daher nur vorgeblich feministisch sein, tatsächlich ist es jedoch ein privilegierter und patriarchaler. … Die Standpunkttheorie ist selber Produkt einer privilegierten Standpunkts und von daher – zwingend – eine minderwertige Erkenntnis.“

      🙂 Gut erkannt. Du rennst natürlich offene Türen ein, denn Du schilderst hier den zentralen inneren Widerspruch der feministischen Privilegientheorie. Die feministische Standpunkttheorie besteht ja im Kern darin, die feministische Privilegientheorie auf (sozial- oder geistes-) wissenschaftliche Debatten anzuwenden. Damit erbt die Standpunkttheorie natürlich alle Schwächen und inneren Widersprüche der Privilegientheorie.

      • @mitm

        „Noch schlimmer: Man kann nur über Mörder forschen, wenn man schon mal ermordet worden ist“ – was aber nur für Forscherinnen gilt, denn sonst würdest du damit unterstellen, Frauen könnten Täter, also Mörder sein. 😉

        Die Privilegientheorie und die Standpunkttheorie nehmen m.E. – unter völligem Verzicht auf Überprüfung in der empirischen Realität – Setzungen vor, die wiederum Struktur in die poststrukturalistische Ursuppe bringen, wonach es keine objektiven, wahren Erkenntnisse in einer empirischen Realität geben kann, die selber eine soziale Konstruktion ist, geformt von diffusen Machtverhältnissen.

        Die Unterstellung bspw., es gäbe keine Objektivität und die gleichzeitige Personalisierung dieser, indem ich weiterhin unterstelle, diese existierten bei bestimmten Personengruppe „mehr“ oder „weniger“ ist ein ideologischer Eiertanz.
        Entweder sie existiert gar nicht, dann handelten nicht-privilegierte und privilegierte Forscher aber beide ideologisch – nämlich nur gemäß ihrer eigenen Interessen.
        Oder sie existiert, dann müsste ich jedoch den Privilegierten nachweisen Ideologie zu produzieren und die nicht-Privilegierten stünden nicht von vorneherein mit dem Bonus da, keine Ideologie zu produzieren.

        Wenn das Wort Bonus fällt, dann sollte die klassische Frage gestellt werden: Wem nützt eine solche Theorie?
        Offensichtlich Forscherinnen, deren Erkenntnisse damit automatisch höherwertig, wohingegen die von männlichen Forschern minderwertig ausfallen.

        Jetzt ersetze Frau/Forscherin durch „Arier“ und Mann/Forscher durch „Jude“ und du erhältst einen sehr interessanten, hinlänglich bekannten Satz.

        Schönen Gruß, crumar

  • Die Schützengrabenmeiaphorik ist leicht erklärbar. Die Ebert-Stiftung ist eine POLITISCHE STIFTUNG, ihre Finanzierung bewegt sich – wie die aller politischer Stifungen – in diffuser Nähe zu einer rechtlichen Grenze, jenseits derer der verbotene Tatbestand verdeckter Parteienfinanzierung eindeutig erkennbar wäre.

    Als „parteinahe“ Stiftung ist ihre Aufgabe AUCH, alle politischen Gegner zu bekämpfen. Es ist immerhin interessant, WEN die Stiftung als Gegner ansieht – den eigenen Koalitionspartner! Abgrenzungsarbeit zu den Grünen und zur Linken findet nicht mehr statt mit dem Ergebnis, dass „linke Politik“ heute wie ein undifferenzierter Sumpf wirkt, aus dem nur noch die auffälligsten Stimmen herausragen – und das sind Sarah Wagenknecht mt immerhin harten politischen Ansichten und „gender“ als das letzte, was der SPD noch die Illusion einer eigenen Haltung verleiht.

    Je unklarer die eigene Position, desto wichtiger ist der Kampf gegen Gegner, denn nur ein solcher Kampf kann einem den Eindruck verschaffen, man nähme noch eine in sich eineitliche Position mit erkennbaren Werten und Inhalten ein.

    In Wirklichkeit ist gender ein Symptom der endgültigen Selbstaufgabe der einstigen Arbeiterpartei.
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    • „In Wirklichkeit ist gender ein Symptom der endgültigen Selbstaufgabe der einstigen Arbeiterpartei.“

      Dazu paßt, daß angeblich inzwischen Schwesig, deren einziges Thema Feminismus ist, als Kanzlerkandat für die nächste Wahl gehandelt wird (habe ich vor ein paar Tagen in irgendeiner Zeitung gelesen, ich weiß nicht mehr, welche). Sie scheint im aktuellen Sommerloch eine Image-Tour durch die Lande zu machen und läßt sich möglichst oft in sympathiefördernden Situationen ablichten, z.B. zusammen mit glücklichen Kindern oder Flüchtlingen.

      • @ mitm Ja, das passt. Schwesig kommt mir absolut substanzlos vor, aber sie setzt auf Inszenierungen.

        Ich würde eigentlich gern mal wissen, wie es mit ihrer Verantwortung gegenüber uns aussieht. Sicher, sie ist Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – aber grundsätzlich erscheint mir diese Einschränkung auf bestimmte BEVÖLKERUNGSGRUPPEN (und nicht etwas Themengebiete, wie bei „Wirtschaft“, „Verkehr“, „Bildung“ etc.) unlogisch und überhaupt nicht damit vereinbar, dass Minister grundsätzlich für die ganze und gegenüber der ganzen Bevölkerung verantwortlich sind.

        „Ministerium für alle außer Männer“ stimmt übrigens nicht, auch wenn es ein lustiger Spruch ist. Die Finanzierung des „Deutschen Frauenrats“ durch das Schwesig-Ministerium zeigt ja z.B., dass sie sich auch für viele Frauen nicht zuständig fühlt. Zwei der drei Gender-Gegner, die der Frauenrat an der Plasberg-Sendung so „ungeheuerlich“ fand, waren ja weiblich – so wie auch eine ganze Reihe der gender-kritischen Zuschauerkommentare von Frauen kamen.

        Mit Geldern des Frauenministeriums wird hier dafür gesorgt, dass öffentliche Stellungnahmen von Frauen zu ihrer Situation als Frauen nicht mehr zugänglich sein sollen. Schwesig ist eben nicht einfach für Frauen zuständig – es müssen schon die richtigen Frauen sein.

    • „In Wirklichkeit ist gender ein Symptom der endgültigen Selbstaufgabe der einstigen Arbeiterpartei.“ Das sehe ich auch so, und ich würde es hier ausweiten auf die Konstruktion einer gemeinsamen Front, die angeblich von Katholiken und Marktliberalen bis zu Neonazis reicht.

      Sowohl die SPD als auch die Grünen, so scheint es mir, inszenieren Kulturkämpfe, die überhaupt nicht nötig wären, die auch eher schädlich sind – die ihnen aber die Möglichkeit geben, sich als Bollwerke gegen „rechts“, gegen die „Reaktionäre“ oder eben einfach gegen Nazis zu präsentieren.

      Es ist eine hohle Inszenierung, die aber wohl von der Inhaltsleere und Orientierungslosigkeit der eigenen Politik ablenken soll.

      Gerade den richtigen Nazis schadet diese Inszenierung übrigens überhaupt nicht.

    • Die Schützengrabenmeiaphorik ist leicht erklärbar. Die Ebert-Stiftung ist eine POLITISCHE STIFTUNG, ihre Finanzierung bewegt sich – wie die aller politischer Stifungen – in diffuser Nähe zu einer rechtlichen Grenze, jenseits derer der verbotene Tatbestand verdeckter Parteienfinanzierung eindeutig erkennbar wäre.<<<

      Es gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus den 60-er Jahren, das besagt, dass die Parteienfinanzierung durch öffentliche Mittel nur dann zulässig sind, „wenn sie in unmittelbarem Zusammenhang zum Wahlkampf stehen und damit zur politischen Willensbildung des Bürgers beitragen“. Nun kann man sich endlos streiten, was nun in unmittelbarem Zusammenhang zum Wahlkampf steht und was nicht. Eines aber ist klar: die Finanzierung permanenten Wahlkampfs und die (zeitlich) unbeschränkte Finanzierung der Parteien im Allgemeinen ist grundrechtswidrig. Genau deswegen wurden die „parteinahen Stiftungen“ (tatsächlich sind es von der Rechtsform her Vereine) gegründet, um nämlich die Einschränkung des Bundesverfassungsgerichts zu umgehen.

      • Dabei erhalten die Parteien selbst tatsächlich deutlich weniger als ihre Stiftungen – etwa ein Drittel der Beträge. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat 2014 143,9 Millionen Euro erhalten, die Konrad-Adenauer-Stiftung 130 Millionen Euro, die Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) und die Heinrich-Böll-Stiftung (Grüne) bekamen jeweils 48,4 Millionen Euro, die Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linke) 48,1 Millionen Euro, die Hanns-Seidel-Stiftung (CSU) 47,5 Millionen Euro.

        Diese gigantischen Summen legitimieren sich unter anderem damit, dass die Stiftungen „die Bürger zum politischen Engagement anhalten“ sollen. Was die FES hier macht, ist genau das Gegenteil: politisches Engagement von Bürgern möglichst zu erschweren, indem es pauschal und argumentfrei in die Nähe des Rechtsextremismus gestellt wird.

        Das Problem dabei ist, unter anderem, dass Menschen damit ihre Steuergelder dafür verwenden müssen, ihr eigenes politisches Engagement so massiv wie möglich zu diskreditieren.

        http://www.welt.de/politik/deutschland/article132945556/Der-Staat-pumpt-unablaessig-Geld-in-Parteistiftungen.html

  • Hallo Lucas,

    schöne Analyse.
    Der Satz gefällt mir besonders: „Warum sollten beispielsweise Benachteiligungen von Homosexuellen oder Transsexuellen in allen Themenbereichen zur Sprache kommen, viele andere soziale Benachteiligungen aber unerwähnt bleiben?“
    Als beste Antwort darauf hat der Chef von Kritische Wissenschaft mal den Pflegenotstand genannt – mit Sicherheit sind mißgepflegte Alte deutlich schlechter dran als Homosexuelle. U.v.a. Nur mit schlechterer Lobby.

    Gut, daß Du solche Texte wie den der FES in die Öffentlichkeit zerrst. Solche Stiftungstexte liest doch sonst kein Normalbürger. Vor allem, wenn man bedenkt, daß die SPD-Stiftung vornehmlich radikale Halb- und Antiwissenschaftler, und gescheiterte Existenzen wie Andreas Kemper sponsert.

    Wie die Autoren der auseinandergenommenen Studie ernsthaft behaupten können, daß Nazis, AfD, CDU und konservative Christen zusammenarbeiten, ist mir schleierhaft.
    Die Demonstranten in Stuttgart, Christen, Eltern, Kinder, Priester, sogar ein Grüner (!), machen mit Sicherheit nicht den Eindruck, Nazis gut zu finden oder gar mit ihnen zusammen zu arbeiten.

    Nazis im Priesterrock oder als brave Eltern mit kleinen Kindern – schon die Vorstellung ist absurd.

    Wenn sich tatsächlich ein NPDler unter die Demonstranten mischt, wundert das nicht – diese Typen docken gern bei Bürgerlichen an, um aus ihrem Ghetto rauszukommen.

    Diesen Umstand als „Beweis“ für die Nazihaftigkeit von Genderkritikern zu nutzen, ist schlicht irre und müßte selbst den FES-Genderologen deutlich als demagogische Absicht zu erkennen sein.

    Grüße, Axel

    PS: Wer hat denn die vielen Porträts gezeichnet?

    • @ Axel Danke für den Kommentar! Die Porträts sind eigentlich Fotos, die der Fotograf ins Netz gestellt hat, ausdrücklich zur freien Verwendung. Ich wollte sie aber nicht als Fotos übernehmen, weil ich den Zeichnungsstil etwas schöner fand und die Bilder auch gern etwas verfremden wollte. Deshalb hab ich sie leicht mit einem Bildbearbeitungsprogramm überarbeitet.

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