Marcel Helbig und die Aggressionen gegen Jungen

In ihrem Buch Das faule Geschlecht beschrieb die Journalistin und Grünen-Politikerin Claudia Pinl 1994 Strategien, die von arbeitsscheuen Männern entwickelt worden seien, um Frauen für sich schuften zu lassen. Pinl hatte damit so viel Erfolg, dass sie noch zwei Bücher zum selben Thema folgen lassen konnte (Männer können putzen. Strategien gegen die Tricks des faulen Geschlechts und Männer lassen arbeiten. 20 faule Tricks, auf die Frauen am Arbeitsplatz hereinfallen).

Dass Pinl damit ohne Scheu das rassistische Klischee vom angeblich „faulen Neger“ einfach auf Geschlechterverhältnisse übertrug, fiel schon 1994 auf, ohne dass das für die Autorin Konsequenzen gehabt hätte. Ganz in diesem Sinn zitierte Prof. Dr. Michael Reeken sie in diesem Jahr  im „Zentralblatt für Jugendrecht“ und beschrieb, wie sie in der Diskussionssendung Talk im Turm

„unwidersprochen das männliche Geschlecht als das faule Geschlecht bezeichnete und an einer Stelle ausrief, die faulen Hunde müssten endlich zum Arbeiten gebracht werden. Es gab unüberhörbar Beifall aus dem Publikum.“

boys keep out

Nein, das ist keine typische Szene aus einem typischen Gymnasium. Es sind dort keineswegs die Mädchen, die Jungen draußen halten.

Der englische Begriff One Trick Pony bezeichnete ursprünglich ein Zirkuspony, das nur einen einzigen Trick beherrschte. Heute wird der Begriff fast ausschließlich metaphorisch gebraucht, nämlich für Menschen, die anscheinend nur ein einziges Talent besitzen. Als ein wissenschaftliches One Trick Pony betätigt sich seit Jahren Marcel Helbig, der am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, in der Projektgruppe von dessen Präsidentin Jutta Allmendinger arbeitet, bei der er promoviert hat und die ihn seit Jahren protegiert.

Helbigs Trick, den er wieder und wieder vorführt, besteht darin, vor aller Augen die eigentlich unübersehbaren schulischen Nachteile von Jungen verschwinden zu lassen. Im Vergleich zu Mädchen sind Jungen an Gymnasien erheblich unterrepräsentiert, an Haupt- und Förderschulen erheblich überrepräsentiert, und sie verlassen die Schule deutlich häufiger ohne Abschluss.

Helbig aber erklärt, warum das kein Problem der Schule sei, und greift dabei auf die Argumentation Pinls zurück. Er übertragt deren Argumentation einfach weiter in den Bereich der Schulpädagogik,  und er hat damit so großen Erfolg, dass überregionale Zeitungen freudig über seine Thesen berichten. „Zu faul fürs Gymnasium“, titelt beispielweise die vorgeblich so progressive taz genüsslich und meint damit, dass Jungen sich durch ihre Arbeitsscheu ihre Probleme selbst zuzuschreiben hätten. „Die Krise der Jungen ist ein Mythos“, hat Helbig selbst schon vor zwei Jahren im Berliner Tagesspiegel behaupten können, und dieselbe Zeitung referierte vor einer Woche erneut Helbigs Thesen, und erneut distanzlos.

Wäre die akademische Landschaft im Bereich der Erziehungswissenschaften einigermaßen intakt, dann würden Helbigs Arbeiten nicht erfolgreich sein, sondern als der wissenschaftliche Skandal herausgestellt werden, der sie sind. Es lohnt sich gleichwohl, einen näheren Blick in sie zu werfen, weil so an einem konkreten Beispiel gezeigt werden kann, wie ungeheuer problematisch das Hantieren mit Gender-Konzepten sein kann: Nicht einfach nur „Gaga“, wie Birgit Kelle behauptet, sondern gefährlich und folgenreich.

Es sind die schlimmsten Traditionen autoritärer, kinderfeindlicher Schulpädagogik, an die Helbig mit seinen Schriften ganz ohne Scheu und Bedenken anknüpft. Weiterlesen

Ilse Lenz und die Angst vor der Demokratie

Ilse Lenz,  emeritierte Bochumer Professorin, war empört:

„Was ist davon zu halten, wenn in bezug auf Vergewaltigungs- und Todesdrohungen kommentiert wird: Es ist ja noch niemand ermordet und/oder vergewaltigt worden. Müssen meine Kolleg_innen und ich uns erst umbringen lassen?“ (Kommentar der Autorin  vom 2.9., unter ihrem Artikel)

Die Empörung beruht möglicherweise auf einem Missverständnis. In ihrem im Tagesspiegel veröffentlichten Text Keine Angst vorm bösen Gender hatte Lenz geschrieben, einige Gegner der Gender Studies schreckten „vor Hass und Drohungen bis zu Mord und Vergewaltigung nicht zurück.“ Da der Vorwurf natürlich sehr schwerwiegend ist, diese Gegner hätten schon Vertreterinnen der Gender Studies ermordet und vergewaltigt, hatten Kommentatoren nachgefragt, wann denn diese Taten begangen worden seien.

Tatsächlich hatte Lenz wohl gemeint, dass diese Gegner mit Mord und Vergewaltigung gedroht hätten – und das ist ja tatsächlich schon abstoßend genug. Allerdings erhalten solche Drohungen eben auch andere, friedliche Gegner selbst.

Ein offener Gewaltaufruf gegen Birgit Kelle wurde immerhin nach einigen Tagen aus dem Netz genommen, Ronja von Rönne – die in der Welt den Fehler gemacht hatte, über ihren Ekel vor dem Feminismus zu schreiben – erhielt eine öffentliche Morddrohung und wurde von einem Redakteur des Bayerischen Rundfunks öffentlich als „Masturbationsvorlage“ verhöhnt. Als nun die österreichische Band Wanda ein Video mit Ronja von Rönne machte, wurde die Band selbst wütend als antifeministisch hingestellt: In dem offenkundigen Versuch, von Rönne möglichst  zu isolieren und sozial zu ächten, werden auch diejenigen angegriffen, die überhaupt noch mit der Geächteten zusammenzuarbeiten wagen.

Der emeritierte Bremer Professor Gerhard Amendt, der sich insbesondere mit der Situation von Trennungsvätern intensiv auseinandergesetzt hat, konnte schon 2010 auf dem Düsseldorfer Männerkongress nach ernstzunehmenden Morddrohungen nur mit Bodyguards auftreten: Da nicht nur Frauen, sondern auch Männer Opfer häuslicher Gewalt werden, hatte er skandalöserweise gefordert, Frauenhäuser in Zentren gegen familiäre Gewalt umzuwandeln, die allen Geschlechtern offenstehen.

Die Zwiespältigkeit der Vorwürfe von Lenz zeigt sich auch an der Bewegung GamerGate, die sich unter anderem gegen Sexismus-Vorwürfe an Bildschirmspiele wehrt. Unterstützer von GamerGate haben selbst massive Gewaltdrohungen an Feministinnen verschickt, andere haben solche Drohungen auch selbst von feministischer Seite erhalten. Die GamerGate-Unterstützerin Lizzy F. zog sich beispielsweise aus der Debatte zurück, nachdem solche Drohungen nicht nur an sie, sondern auch an ihre Familie gerichtet wurden. Öffentliche Veranstaltungen von GamerGate mussten mehrmals wegen ernstzunehmender Bombendrohungen unterbrochen werden.

zombies


Typische Gender-Kritiker: Reaktionäre Gestalten, die nicht verstehen, dass ihre Zeit vorbei ist – anti-emanzipatorisch, aber mit hegemonialem Gestus.

Es geht bei diesen Beispielen, die leicht erweitert werden könnten, nicht einfach um eine Retourkutsche („Feministinnen machen sowas auch!“). Professorin Lenz vermeidet es, Hass und Gewaltdrohungen im Netz allgemein zu verurteilen, sondern unterstützt stattdessen mit dem Gestus großer und aufrechter moralischer Empörung eben die Freund-Feind-Strukturen, in denen dieser Hass wachsen kann. Sie erweckt den irreführenden Eindruck, nur Feministinnen oder Vertreterinnen der Gender Studies seien von diesem Hass betroffen – oder den noch schlimmeren Eindruck, Hass sei nur dann problematisch, wenn es Hass auf eben diese Gruppen sei.

Dass die Bochumer Professorin sich nicht allgemein, sondern nur selektiv von Hass und Gewalt distanziert, hat Gründe auch in den Positionen, die sie vertritt. Weiterlesen