Feminismus Männer

Männerphantasien

Bild zeigt Filmposter "Backlash"
geschrieben von: Lucas Schoppe

„Denn wir glauben daran, dass gesellschaftlicher Wandel möglich ist – weil er notwendig ist. Wir sehen Jungen und Männer als die intelligenten und gefühlvollen Wesen, die sie sind und glauben daran, dass diese erkennen können, dass Gleichberechtigung der gesamten Gesellschaft nützt. Ganz im Gegensatz zum Patriarchat glauben wir daran, dass Männer keine ausschließlich von ihrem Sexualtrieb gesteuerten Wesen sind und das notwendige Mitgefühl besitzen, um alle Menschen mit Respekt zu behandeln.“

Wer diese Sätze nicht wohlwollend liest, kann sie auch so verstehen: Männer verhalten sich im „Patriarchat“ weitgehend nicht respektvoll, nicht empathisch und nicht so, dass außer dem Sexualtrieb noch andere nennenswerte Motive zu erkennen wären. Aber dennoch werden sie hier immerhin nicht als Monstren beschreiben, sondern als Wesen, die zur Einsicht und zum Wandel fähig sind, im Rahmen einer sich wandelnden Gesellschaft.

„Männer sind zwar heilsfähig, aber noch nicht erlöst,“ spottet djadmoros als Kommentator bei Erzählmirnix über solche Zeilen und ihre unterschwellige religiöse Logik. Zur Erlösung brauchten Männer natürlich Frauen und Feminismus.

Der einleitende Abschnitt stammt, via Alles Evolution, aus dem Aufschrei-Buch Anne Wizoreks und wird von der Bloggerin onyx als ein Nachweis dafür zitiert, dass Feministinnen sich durchaus auch über Benachteiligungen von Männern Gedanken machen würden. Benachteiligungen in einer patriarchalen Gesellschaft nämlich, in der nach Wizorek „Wut, Stärke, sexueller Notstand und vielleicht Fußballjubel die einzig legitimen Emotionen sind, die als männlich gelten“ und Männer oft Gewalt „als einzigen Ausdruck ihres Innersten weitergeben“.

Natürlich liegen hier viele Fragen nahe, die nicht weit führen: Was es heißen soll, dass „das Patriarchat“ etwas glaubt, zum Beispiel. Oder seit wann denn „Stärke, sexueller Notstand und Fußballjubel“ Emotionen sind. Interessanter, wenn auch etwas polemisch wäre die Frage, was wohl passieren würde, wenn ein weißer Autor über Schwarze so schreiben würde, wie Wizorek hier über Männer schreibt: Sie seien gewaltsam und von primitiven Emotionen gesteuert, aber prinzipiell und bei richtiger Leitung durchaus veränderungs- und empathiefähig.

Backlash_FilmPoster

Natürlich: Mit einem „Backlash“ wollen Gegner emanzipatorischer Kräfte zurück in die fünfziger Jahre. Was aber, wenn diese Beschreibung etwas zu einfach ist? Wenn es gar keinen „Backlash“ gegen den Feminismus gibt? Oder sogar: Was ist, wenn der Feminismus selbst der Backlash ist?

Tatsächlich ist das, was Wizorek formuliert, aber zu unergiebig, zu sehr in sich selbst vertüdelt und zu sehr gedankenlos dahergeschrieben, als dass sich eine lange Auseinandersetzung damit lohnen würde. Wichtig ist aber ein Aspekt davon, der so sehr zu den Selbstverständlichkeiten heutigen Redens über Männer und Männlichkeit geworden ist, dass er kaum noch auffällt: Die Phantasie, Männer würden erst durch die Impulse des Feminismus zum Nachdenken über sich, ja überhaupt zum Nachvollzug ihrer eigenen Gefühlswelt gekommen sein.

Herr Theweleit promoviert mit Kneipenwitzen

In seinen Dissertation mit dem Titel „Männerphantasien“ hat Klaus Theweleit in den siebziger Jahren einige Grundmotive eines solchen Redens über Männer etabliert. Männerphantasien, das sind für ihn natürlich Phantasien über Männer, aber auch Phantasien von Männern – genauer: von Männern der Freikorps, deren Texte aus den zwanziger Jahren er als Dokumente des Faschismus liest.

Faschismus und Männlichkeit erklären sich in Theweleits assoziativer, unsystematischer, einfallsreicher und ressentimentgeladener Schrift durchgehend gegenseitig.

Der faschistische Mann, vom Autor ausdrücklich als Spitze des Eisbergs patriarchaler Männlichkeit beschreiben, ist hier gleichsam erstarrt in sich selbst. Er habe Angst vor dem Lebendigen, das er als chaotisch und bedrohlich wahrnehme, schütze sich in starren Abgrenzungen, die er gewalttätig etabliere und aufrecht erhalte. Vor allem definiere er sich über die Ausgrenzung des Weiblichen, dessen Fließen eine Bedrohung seiner Erstarrung sei und das er, wie das gemeine Volk, zu einer blutigen Masse geprügelt sehen wolle.

Das Weibliche als Erlösung des in sich selbst erstarrten Mannes, der aber das Erlösungspotenzial nicht verstehe, sondern sich davor ängstige und mit Gewalt darauf reagiere: Das ist ein Muster, das sich dann wenige Jahre später ebenso in Margarethe Mitscherlichs Mythos von der „friedfertigen Frau“ wiederfindet  wie in Wilfried Wiecks Beziehungsgesprächs-Blaupause „Männer lassen lieben“. Es taucht heute auf  in der Vorstellung, dass der Feminismus auch für Männer gut sei, weil Männer durch seine Impulse erst zu Selbstreflexionen und Veränderungsbereitschaft fähig würden.

Natürlich aber ist es eine Sexualitätsmetapher auf dem Niveau eines schlechteren Kneipenwitzes, Männlichkeit generell mit Erstarrung (=reaktionär, verhärtet) und Weiblichkeit mit etwas Fließendem (=veränderungsbereit, in Bewegung) zu assoziieren. Für Männer mögen Frauen mit Veränderungsfähigkeit und Bewegung verbunden sein – aber dann wohl deshalb, weil Frauen anders sind als sie selbst, und weil Männer sich auf dieses Andere einstellen müssen. In eben diesem Sinne wären Männer dann für Frauen etwas Fließendes – und Frauen würden in sich erstarren, wenn sie sich allein auf Weiblichkeit fixieren würden.

Wenn also Theweleit und später Mitscherlich Weiblichkeit als Erlösung beschreiben, dann reproduzieren sie damit eigentlich eben das, wovon sie die Menschen doch eigentlich gerade erlösen wollten: eine Heterophobie, hier nicht als Angst vor der Heterosexualität, aber einfach als Angst vor dem Anderen.

Dabei ist es erstaunlich, wie wenig von einem männlichen Anderen hier wahrgenommen wird, obwohl es doch eigentlich offensichtlich ist. Theweleit schleppt zusätzlich zu seinen Freikorps-Texten assoziativ unüberschaubare Mengen an Material heran, Bilder, Comics, Werbeanzeigen, Familienfotos, Gemälde, Plakate, Zeitungsausschnitte, Textausschnitte – aber wählt es immer so aus, dass es zu seinen Grundthesen passt. Es verhärtet seinen Text, anstatt ihn in Bewegung zu bringen.

Die Würde der Halbstarken

Hätte er, beispielweise, einfach einmal die unendlich erfolgreiche Popkultur der fünfziger Jahre wahrgenommen, dann hätte er seine düstere Dreifaltigkeit aus Faschismus, Erstarrung und Männlichkeit kaum über Hunderte von Seiten zelebrieren können. Schon zwischen 1950 und 1960 variieren Männer gleich reihenweise Männlichkeitsbilder, ohne sich überhaupt darum zu kümmern, dass sie damit ordnungsgemäß eigentlich zunächst auf die Impulse der zweiten feministischen Welle hätten warten müssen. Gerade der extreme Erfolg dieser Kultur zeigt, wie sehr sie damit Bedürfnisse vieler ansprechen.

Fast prototypisch haben die erfolgreichsten jungen Schauspieler hier androgyne Züge. James Dean spielt mit einer bis heute enormen Intensität zwischen nervöser Hypersensibilität und selbstbewusster Stärke, Montgomery Clift wirkt scheu, zart, zurückhaltend, Marlon Brando changiert zwischen Machismo und Weichheit. In der Musik inszeniert sich Elvis Presley den Blicken anderer als männliches Sexobjekt und ironisiert das zugleich. Chuck Berrys bis heute immenser Einfluss überwindet in der Musik spielend Rassengrenzen, während das Civil Rights Movement im Busboykott von Montgomery gerade erst beginnt.  Little Richard jongliert mit Travestie-Elementen. Buddy Holly wirkt wie ein sechzig Jahre zu früh geborener Nerd, tritt linkisch und mit großer Brille auf und revolutioniert in seiner kurzen Karriere die moderne Popmusik.

All das gehört in eine Kultur des zunächst unterschwellig bleibenden Aufbruchs, die stärker noch von proletarischen als von bürgerlichen Jugendlichen getragen wird – in Deutschland werden sie als „Halbstarke“ verspottet. Der studentisch-bürgerliche Aufbruch der sechziger Jahre greift dann diese Impulse auf, setzt sich aber selbst als einen neuen Anfang und vergisst, worauf er aufbaut.

Vor allem das Verhältnis zu den Vätern ist in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ambivalent – und eines der eindrücklichsten Beispiele dafür ist der James Dean-Film …denn sie wissen nicht, was sie tun (Rebel Without a Cause). Einerseits sind die Männlichkeitsmodelle, für die Väter stehen, offenkundig nicht mehr haltbar – andererseits werden eben diese Väter aber auch als abwesend erlebt und unendlich vermisst. Dass junge Männer aber auf diese Weise und in dieser Zeit ihre Männerphantasien variieren, erneuern und ändern, lässt sich eigentlich leicht erklären.

Nach den ungeheuren Maschinerien zweier Weltkriege ist der herkömmliche Heroismus nicht mehr glaubhaft. Der heldenhafte Soldat, der sich über Schmerzen, Qualen und beständige Lebensgefahr erhebt, um sein Vaterland zu verteidigen – dieser Held verwandelt sich in den Materialschlachten der Weltkriege in ein kleines verletzliches Tier, das durch den Schlamm kriecht, um irgendwo Schutz vor der gigantischen Vernichtung zu finden, die in den modernen Kriegen möglich wird.

Friedrich Schiller beschreibt zu Beginn der Moderne Würde noch als eine männliche Tugend: Der würdevolle Mensch könne sich über seine Emotionen, seine Begierden, vor allem aber auch über sein Leid erheben, sich als Wesen wahrnehmen, das zu einer universell geltenden Vernunft Zugang findet und das sich so selbst beherrschen kann.

In der Vernichtungserfahrung der Weltkriege bleibt von einer solchen universellen Vernunft nichts übrig, und die Erhebung über das eigene Leid wird zu einer – hier passt die Metapher einmal – erstarrten Pose. Ernst Jünger beispielweise unternimmt noch einmal den Versuch, angesichts des Terrors des Ersten Weltkrieges eine aristokratische Haltung der Selbstbeherrschung zu bewahren – was bei Schiller aber als Würde noch nachvollziehbar ist, wird bei Jünger zu einer Mischung aus Empathielosigkeit und Manieriertheit.

Die faschistische Männlichkeit, die Theweleit beschreibt, phantasiert sich nach dem Ersten Weltkrieg eben schon im Wissen darum, dass die heroische soldatische Männlichkeit eigentlich ausgedient hat. Vielleicht ist sie gerade deshalb, weil sie verbissen an etwas Verlorenem festhält, so erstarrt und zugleich so hysterisch überdreht.

Theweleit selbst kümmert sich um solche historischen Einordnungen kaum, und so wirkt die Männlichkeit, die er beschreibt, überzeitlich und abstrakt – er essentialisiert sie. Daher entgeht ihm dann auch, dass Alternativen zu der von ihm phantasierten erstarrten patriarchalen Männlichkeit schon Jahrhunderte zuvor eher die Regel als die Ausnahme waren, etwa in der Epoche der Empfindsamkeit und ihrem Gefühls- und Freundschaftskult oder in den Phantasien der Romantiker, in denen Traum und Realität programmatisch zerflossen.

Vor allem entgeht Theweleit, während er sein Buch schreibt, dass Männer nicht nur, wie im Faschismus, verbissen  an erledigten Männlichkeitsphantasien festhalten, sondern das unüberschaubar viele Männer sich schon lange mit diesen Phantasien auseinandersetzen, mit ihnen spielen und – sie ändern.

Feministische Positionen lassen sich so auch als Teile eines Wechselspiels von männlichen und weiblichen Änderungsimpulsen verstehen – zum Beispiel der liberale Feminismus einer Elisabeth Badinter oder der anarchistische Feminismus einer Wendy McElroy. Dominant ist heute aber ein ganz anderer Feminismus – einer, dem es gerade nicht um ein Wechselspiel zwischen Männern und Frauen geht, sondern um eine Abwehr von Veränderungsimpulsen.

Es gibt keinen Backlash gegen den Feminismus. Der Feminismus ist der Backlash.

Natürlich: Die Behauptung ist  begründungsbedürftig, dass  es ausgerechnet dem Feminismus, der doch in seiner öffentlichen Darstellung wie kaum eine andere politische Richtung für Emanzipation und Veränderung steht, tatsächlich um Restauration und konservative Gesellschaftsmodelle geht.

Dabei ist eben das grundsätzlich durchaus verständlich. Männer, die sich von der Idee der heroischen Selbstopferung für Volk und Vaterland und Frau verabschieden, sind nicht nur eine psychologische Bedrohung, sondern stellen ökonomische Grundlagen bürgerlicher Frauen in Frage: Denn das Modell der bürgerlichen Frau ist nur realisierbar, wenn es auf der Versorgungs- und eben auch Opferbereitschaft des Mannes aufbauen kann.

Der heute dominante Feminismus greift Veränderungsimpulse auf, die von Männern und Frauen ausgingen, seine Vertreterinnen und Vertreter plakatieren sich  rituell als „progressiv“ und „emanzipatorisch“ – sie überführen diese Bewegung zugleich aber zuverlässig wieder in den Rahmen der vertrauten Geschlechterordnungen.

Väter und Kinder Besonders deutlich wird dies, natürlich, im Umgang mit Vätern und Kindern: Das ambivalente Verhältnis zu Vätern, das die Nachkriegsgeneration prägte, wird in feministischen Positionen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zu einer eindeutigen Ablehnung versimpelt. Die Erfahrung des Vaterverlusts in den Weltkriegen ist gewiss eine, vielleicht die wesentliche traumatische Familienerfahrung des zwanzigsten Jahrhunderts. Das heutige, feministisch verteidigte Kindschaftsrecht hält verbissen an väterausgrenzenden Regelungen fest, die diese Traumata immer noch weiter re-inszenieren, obwohl es längst keinen äußeren Anlass mehr dafür gibt.

Dass der Soldat des nationalsozialistischen Deutschland keine Bindung zu seinen Kindern haben sollte, hatte natürlich eine leicht nachvollziehbare Funktion: Wer sich nicht abstrakten Größen wie Volk und Vaterland, Blut und Boden verbunden fühlt, sondern seinen realen Kindern – der wird kaum so idiotisch sein, sein Leben auf irgendwelchen Schlachtfeldern zu riskieren und diesen Kindern den Vater zu nehmen.

Noch heute werden Vater-Kind-Bindungen mit Hilfe von ideologischen Rationalisierungen gefährdet oder verhindert: Zum Beispiel von Anita Heiliger, die mütterliche Alleinerziehung als „Befreiung“ von patriarchaler Herrschaft verkauft, oder von Antje Schrupp, die fordert, dass Vätern einfach generell alle Rechte gestrichen werden sollten. Nur mit Hilfe vorsätzlicher Blindheit ist zu übersehen, dass solche Positionen den Kult der deutschen Mutter in heutige ökonomische Bedingungen übertragen. Ein Trennungsvater muss, anders als ein kinderloser Mann, auf dem Arbeitsmarkt mehr erwirtschaften, als er für sich selbst braucht, und hat daher auch weniger Rückzugsmöglichkeiten – zugleich aber sind seiner marktgerechten Verfügbarkeit keine familiären Bindungen im Weg.

Weitere Beispiele für konservative und restaurative Positionen des heutigen Feminismus lassen sich leicht finden.

Gender Studies In den letzten Monaten erscheinen immer wieder in großen Tages– oder Wochenzeitungen, aber auch in Schriften mit wissenschaftlichem Anspruch Verteidigungen der Gender Studies. In keinem einzigen Fall aber stellt eine Autorin einfach dar, was die Gender Studies bislang erbracht haben, in welchen Resultaten sich die eingesetzten Mittel auszahlen. Statt dessen beschränken sie sich darauf, Kritiker als reaktionär, als antiemanzipatorisch, als potenziell rechtsradikal darzustellen.

An keiner Stelle akzeptieren die Autorinnen so die selbstverständliche Verantwortung Erwachsener,  die Verwendung durchaus erheblicher öffentlichen Mittel auch öffentlich zu legitimieren. Statt dessen variieren sie das klassische Damsel in Distress-Motiv: Eine Vertreterin der Gender Studies erscheint zuverlässig als verfolgte Unschuld, der von Unholden nachgestellt wird und die dringend den Beistand anderer braucht. Dass Kritik an den Gender Studies, oder einfach auch schlichte Nachfragen, nicht nur legitim, sondern auch wichtig sind – das gerät angesichts der so wirkmächtigen Damsel in Distress-Inszenierung ganz selbstverständlich aus dem Blick.

In Männertränen baden Dass es Männern durch den heutigen Feminismus erleichtert würde, ihre Gefühle zu formulieren und offen zu zeigen, kann ernsthaft nur jemand behaupten, der entweder Männer oder den Feminismus nicht kennt. Ob Gefühle der Beschämung (zum Beispiel angesichts der Darstellung als Primitivling), der Trauer (zum Beispiel angesichts des verlorenen Kontakts zu den eigenen Kindern), der Angst, der Hilflosigkeit – wenn Männer solche Gefühle offen darstellen, müssen sie damit rechnen, als „Jammerlappen“ (Bascha Mika) lächerlich gemacht, mit Phrasen wie „Mimimi“ oder dem weinerlichen „What about teh menz?“ persifliert zu werden – oder selbstbewussten Feministinnen zu begegnen, die höhnisch-triumhierend verkünden, gerne in Männertränen zu baden.

Hinter der Aufforderung an Männer, nicht zu klagen, sondern die eigenen patriarchalen Privilegien zu reflektieren, verbirgt sich hier der vertraute, aber längst überholte Kult des harten Mannes, der um sein Gefühlsleben kein Aufhebens macht und der anderen nicht zur Last fällt. Die einzige intensive Emotion, bei der ein Mann in diesem Kontext nicht damit rechnen muss, als Weichling verspottet zu werden, ist Wut – weil Wut sich nämlich nutzen lässt, um ihn als potenziell gefährlichen„angry (white) man“ zu präsentieren, der keine rationalen Argumente hat, sondern sich lediglich maßlos über den Verlust seiner Privilegien echauffiert.

Patriarchatsphantasien Die kritiklos wiederholte Rede von einem „Patriarchat“ oder von „patriarchalen Strukturen“ baut dabei grundsätzlich auf einer äußerst selektiven Wahrnehmung von Männern. Männer sterben früher als Frauen, sind deutlich häufiger obdachlos, drogensüchtig oder Opfer von Gewalt, die Selbstmordrate junger Männer ist um ein Vielfaches höher als die junger Frauen. Offenkundig führen Männer, aus welchen Gründen auch immer, im Schnitt ein deutlich riskanteres Leben als Frauen.

Wer vom „Patriarchat“ redet, konzentriert sich jedoch in aller Regel allein auf die wenigen Männer, für die sich dieses Risiko auszahlt: auf Männer in Spitzenpositionen der Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Das ist schon deshalb reaktionär, weil damit die Rede vom Patriarchat Ausdruck eines überholten traditionellen Blicks auf Männer ist, mit dem nur die wenigen besonders erfolgreichen Männer wahrgenommen und die vielen anderen ignoriert werden.

Die Rede vom „Patriarchat“ ist aber vor allem notwendig, um die Versorgungsstrukturen der bürgerlichen Geschlechterordnung aufrecht erhalten zu können, obwohl sie längst offensichtlich unsinnig geworden sind. Dass Männer Frauen versorgen müssten, lässt sich heute nicht mehr glaubwürdig im Rückgriff auf biologistische Konstrukte begründen und ist ökonomisch funktionslos. Der Hinweis auf eine diffuse, allumfassende „Unterdrückung“ von Frauen durch Männer begründet aber die Phantasie einer männlichen Schuld, die gleichsam endlos abgetragen werden müsse.

Dass allein über die öffentlichen Kassen jährlich Gelder in vielfacher Milliardenhöhe von Männern zu Frauen umverteilt werden – dass darin die familiären finanziellen Versorgungsleistungen noch nicht einmal enthalten sind – dass Männer in die Krankenkassen deutlich mehr einzahlen, aber aus ihnen deutlich weniger herausholen als Frauen: Das erscheint im Lichte diffuser männlicher Verpflichtungen gegenüber Frauen nicht einmal als begründungsbedürftig. Der heutige institutionalisierte Feminismus kennt „He-for-She“-Modelle, aber kein Modell der gegenseitigen Verantwortung – oder der gemeinsamen Verantwortung Erwachsener für Kinder.

Jungen Wenn Männern so ein Recht auf die Fürsorge der Gemeinschaft versagt bleibt, betrifft das selbst noch männliche Kinder. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass Jungen in der Schule Nachteile erleben, für dieselben Leistungen tendenziell schlechter benotet werden als Mädchen, in Haupt- und Förderschulen weit überrepräsentiert, in Gymnasien weit unterrepräsentiert sind. Eine feministisch orientierte Pädagogik entdeckt die Ursache für solche Schwierigkeiten ganz selbstverständlich nicht etwa bei den Schulen – sondern bei den Kindern und Jugendlichen selbst, die nun einmal in Schwierigkeiten geraten würden, weil sie noch patriarchalen Rollenmodellen verhaftet seien.

Unter einer dick aufgetragenen Paste progressiver Rhetorik ist gleichwohl leicht die alte, überkommene Haltung der autoritären Schulpädagogik erkennbar: Die Schule ist richtig – nur die Kinder sind falsch.

Die Feministin Susan Faludi hat für Kritik an feministischen Positionen den Begriff „Backlash“ etabliert: Männer würden in Angst um ihre Privilegien gegen die feministischen Erfolge zurückschlagen. Das ist so nicht haltbar. Tatsächlich gleichen die Geschlechterphantasien des heutigen Feminismus in einem sehr wichtigen Aspekt sogar den faschistischen Männerphantasien, zu denen Theweleit seine Dissertation assoziiert: Sie klammern sich mit verbissener Aufgeregtheit an eine Geschlechterordnung, die überholt und längst nicht mehr funktional ist.

Wenn heute Männer und Frauen feministische Positionen mit größer werdender Dringlichkeit kritisieren, dann drückt sich darin weder die Angst vor Veränderungen noch der Wunsch nach der Bewahrung von Privilegien aus. Sie formulieren einfach aus vielen unterschiedlichen Richtungen eine Kritik an Positionen, die sich emanzipatorisch geben, aber tatsächlich eine reaktionäre, ungerechte, auch inhumane Politik vertreten – die sich in  öffentlichen Institutionen verankert haben, aber außerhalb dieser Institutionen kaum noch jemanden überzeugen – und die reale Veränderungen blockieren, anstatt sie zu fördern.

Für seine heute vorherrschenden und einflussreichen Strömungen lässt sich das auch einfach so formulieren: Es gibt keinen Backlash gegen den Feminismus.

Der Feminismus ist der Backlash.

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38 Comments

  • „Benachteiligungen in einer patriarchalen Gesellschaft nämlich, in der nach Wizorek „Wut, Stärke, sexueller Notstand und vielleicht Fußballjubel die einzig legitimen Emotionen sind, die als männlich gelten“ und Männer oft Gewalt „als einzigen Ausdruck ihres Innersten weitergeben“.“
    Nun, das diese „Emotionen“ ( hust! ) bei Feministen als die einzig legitimen gelten, bestreiten sie ja seltsamerweise selbst. Schon das ist absurd, denn es ist doch eindeutig das feministische Weltbild, das derartiges unterstellt.
    Ich alter Unterschichtler habe praktisch mein gesamtes Erwachsenenleben lang stets Bekanntschaften zu Rockern gehabt, war selbst zeitweise MC-Member.
    Und da galt und gilt etwas ganz anderes.
    Von den „Emotionen“ mal abgesehen geht es ja auch bei Wizorek eigentlich um Verhaltensweisen und deren Urachen.
    Und in dem Bezug habe ich vor allem drei Chraktereigenschaften bei den „pösen, gewalttätigen, unempathischen Rockern“ kennen- u. schätzengelernt:

    Gemeinschaftssinn, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit.
    Man macht sich gerade ( steht zu seiner Meinung und macht ggf. auch den Schnabel auf ), kommuniziert auf Augenhöhe ( egal wer was sagt, es wird zugehört ), steht zueinander ( auch wenn man gerade Probleme miteinander hat ).

    Eine intensivere Verquickung von Basisdemokratie und Rechtsstaatlichkeit habe ich bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe beobachten können.

    Solche hinterhältig intriganten Spruchkaspereien wie die von Wizorek, nach der Methode: „Eigentlich seid Ihr ja potentiell ganz nett, aber leider eben doch total scheiße, aber wenn Ihr uns anbetet, dann zeigen wir Euch, wie Ihr doch noch fast so gut wie wir werden könnt.“, würden in jedem Club die Aufnahme sicher unmöglich machen.

    Wenn man sich dazu noch die feministischen Kommunikationstaktiken anschaut, sollte der Fall eigentlich klar sein. Wizorek plappert planlos einher und stets dazwischen, Jasna Strick gestaltet gerade einen Shitstorm gegen Erzählmirnix ( der allerdings jetzt schon voll nach hinten losgegangen ist ) und die Hetzschriften der Ober-Allys Gesterkamp, Rosenbrock, Kemper u.w. kennt man ja. Vom narzisstischen Gejammer einer A. Schrupp ganz zu schweigen.

    Übrigens, Nebenthema Väter: ein tatsächlich hammerharter Backlash wurde gerade vom OLG Karlsruhe vollzogen:
    http://www.rechtslupe.de/familienrecht/umgangsrecht-des-biologischen-nicht-rechtlichen-vaters-395348

    Ob das nun mehr feministisch beeinflusst ist, oder aus der Tradition des Mutterkreuzkultes entspringt, mag der Leser selbst entscheiden. Heiliger und Schwab fühlen sich dadurch sicherlich in ihrer Auffassung bestätigt.
    Man kann nur hoffen, daß es ein paar Betroffene gibt, die in entsprechenden Fällen den Gang zum BVerfG und ggf. nach Strasbourg antreten.
    Mein bescheidener Kommentar dazu:

    „Das ist ein absoluter Hammer!
    Hier wird in übelst verschwurbelter Form nichts anderes zum Ausdruck gebracht, als daß es egal ist ob die Kinder einen Vater haben und falls sie einen haben, steht das angebl. Recht einer psychisch schwer gestörten Mutter trotzdem weit über dem Recht der Kinder. Daß die deren beste Interessen seit Geburt extrem mit Füssen tritt und sich dabei auf nichts als ihre eigenen Defizite beruft wird schlichtweg als „bestenfalls unwichtig“ erklärt.
    Mit diesem Freibrief für kinderverachtende Väterhasser werden sämtliche Fortschritte, die seit Sept 2009 in winzigen Häppchen umgesetzt wurden, mit einem radikalen Schlage zunichte gemacht.
    Es wird eine vollkommen absurde Beweispflicht geschaffen, die absolut unmöglich zu erfüllen ist, wenn die Mutter ( und ggf. auch deren neuer Lover ) nur ein wenig auf die Tränendrüse drückt und den Kindern den Vater radikal verbieten.
    Zweifelsohne ein von radikalen Feministen u./o. Mutterkreuzfetischisten maßgablich beeinflusster Entscheid, der auf Hass basiert.
    Ein Freibrief für psycho-sozial defizitäre Charaktere, Kinder als persönliches Eigentum zu instrumentalisieren und mißbrauchen.“

  • Sehr interessant, ich kannte Theweleit und seine „Männerphantasien“ noch nicht. Ich frage mich allerdings, welche Bedeutung sie hier und heute haben. Vordergründig fällt es in die Kategorie Sexismus gegen Männer und seine historischen Quellen.

    Zwischenbemerkung: ich lästere ja viel und gerne über die real existierenden Gender Studies, u.a. weil dort Literaturwissenschaftler sehr stark vertreten sind und man meint, viel über das Geschlechterverhältnis lernen zu können, indem man (meist alte) Literatur analysiert. Nun enthält diese Literatur leider eher die Phantasievorstellungen von Schriftstellern, sie ist keine empirische Sozialforschung und beschreibt oft eher das Gegenteil der normalen realen Verhältnisse. (Das ist mir übrigens auch bei Kucklicks Dissertation aufgefallen: die Literatur, die er analysiert hat, ist nicht repräsentativ für die damaligen Verhältnisse, sondern reflektiert eher das Meinungsbild einer Intellektuellenschicht.) Die gelernten Soziologen haben bekanntlich genug Probleme, die realen sozialen Strukturen zu erforschen. Literaturproduzenten sind keine besseren Soziologen, sondern bessere Darsteller ihrer „Narrative“. Bestenfalls kann man die Narrative als Leitbilder ansehen, die die Gedanken und damit indirekt das Verhalten der damaligen Leser mehr oder weniger beeinflußt haben. Dieser Effekt ist aber proportional zur Zahl der Leser und sollte mMn nicht überbewertet werden.

    Theweleits Text hat offenbar damals in bestimmten Kreisen das Denken stark beeinflußt, das sind aber heute alles Pensionäre, sofern sie überhaupt noch leben. Haben spätere Generationen die „Männerphantasien“ noch gelesen (z.B. Wizorek wohl kaum), und falls ja, darin mehr als eine Beschreibung einer längst vergangenen Epoche gesehen?

    Am ehesten wäre der damalige Text noch relevant, wenn er als wesentliche Ursache des heutigen Sexismus gegen Männer angesehen werden kann, der sich sozusagen als Tradition verselbständigt hat und der seine Ursprünge gar nicht mehr kennt. Man könnte also diesen Sexismus kritisieren, indem man auf seine Entstehung und die unhaltbaren damaligen Theorien und Pseudo-Analysen hinweist. Womit wir wieder bei meiner generellen Kritik an der literaturwissenschaftlichen Genderforschung wären.

    • @mitm:

      Ich habe Theweleit währen meiner Studienzeit gelesen, und in dem Milieu, in dem ich mich damals bewegt habe (Soziologie, Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft, die damaligen »Männergruppen« inklusive), hatte er großen Einfluss. Ich glaube auch nicht, dass er heute noch gelesen wird, aber er dürfte der Ursprung oder eine Hauptquelle für die betreffenden »Meme« sein: dass »Männerbünde« ihrem Wesen nach faschistisch seien (was unmittelbar auf die Wahrnehmung männerrechtlicher Assoziationen durchschlägt), dass das Selbst des Mannes ein »gepanzertes« Selbst sei, und nicht zuletzt der vermittelte Eindruck, dass »Männerphantasien« insgesamt pathologisch und therapiebedürftig seien.

      Und Kucklick hat zwar einerseits unbekannte Autoren im Paket, andererseits aber auch Fichte und Adam Smith. Und es passt auch zu dem, was ich im Studium über die komplementären Geschlechtsrollen der bürgerlichen Familie gelernt habe (das war hauptsächlich Heidi Rosenbaum, »Formen der Familie«). Ich habe mir auch auf die Agenda gesetzt, ihn beizeiten gegen Peter Gays großes Werk von der »bourgeois experience« zu lesen.

    • @mitm:

      Addendum: Kucklicks unbekannte Autoren wiederum äußern sich zum Teil so drastisch, dass man m. E. einen speziellen kulturellen Kontext voraussetzen muss, in dem diese Texte geschrieben werden konnten. Meinem Eindruck nach setzen sie die moderne bürgerliche Gesellschaft mit ihrer eigenen, spezifischen Familien- und Geschlechterkonstruktion voraus – in der »Alten Welt« der frühen Neuzeit mit ihrem noch »aristotelischen« Menschenbild und ihrem aus Haushaltsvorständen aufgebauten Staat (Jean Bodin) hätten deren Aussagen nicht »funktioniert«.

  • Ein lesenswerter ausführlicher Artikel zu Klaus Theweleits Buch „Männerphantasien“ von einem Historiker findet sich hier:

    http://www.zeithistorische-forschungen.de/site/40208708/default.aspx

    Das Buch ist damals insbesondere im damaligen linksalternativen Milieu (Sponti-Szene und Umfeld) und in der linksliberalen Presse positiv aufgenommen worden. Die zeitgeschichtlichen Gründe dafür werden in dem Artikel erörtert.
    In der heutigen Linken spielt das Buch allerdings keine nennenswerte Rolle mehr.

    Was speziell Crumar freuen dürfte: In den marxistischen Theorieschulen wurde Theweleits Buch dem Artikel zufolge überwiegend abgelehnt:

    „In der marxistisch inspirierten Theorieschule wurde das Buch hingegen regelrecht verrissen. Das kann man schon in der Kritik Lothar Baiers vom April 1978 nachlesen. Baier, der der Frankfurter Schule anhing, bemängelte die „ungezwungen, unbekümmert“ geschriebene Arbeit Theweleits, in der die „‚Wunschproduktion‘ zum Absolutum gemacht [werde]: der historische Erklärungswert seiner Theorie tendiert deshalb eher gegen Null“. Die „Ontologisierung“ des wunschtheoretischen Ansatzes, so der bedenkenswerte Einwand, sei eine „Abkürzung“, weil sie im Grund unhistorisch argumentiere. Vor allem störte Baier jedoch die „Arroganz“, mit der Theweleit „andere Theoretiker abfertigt“, um sich dann auf der allgemeinen „Theorienmüdigkeit“ auszuruhen und zu proklamieren, es komme nur auf das „richtige Gefühl“, nicht aber auf das „richtige Bewusstsein“ an. Für Baier war das „fadenscheinige Textgewebe“ dieses Buches insgesamt eine „Enttäuschung“, und er mochte dem Autor denn auch bloß einen „Dr. leb.“ verleihen.45
    Von der DKP wurde das Buch ebenfalls als „Droge des intellektuellen Irrationalismus“ kritisiert.46 Und Gerd Koenen, ehemaliges KBW-Mitglied, schrieb noch 2001 vom „Theweleit-Syndrom“ als einem „System von elaborierten Zwangsgedanken“, als Ausdruck der damals „hypochondrischen Weltgefühle“. Theweleits „gesteigerte adoleszente Verklemmungen“ über den angeblich „naziverbundenen Elternkörper“ seien nichts als „schlichte Dialektik“.47 Reinhard Kühnl schließlich urteilt: „Den höchsten Grad an Irrationalität und methodischer Verworrenheit erreicht […] das Buch von Theweleit, das den Faschismus auf ein gestörtes Verhältnis der Männer zur Frau reduziert.“48“

    Das erwähnte Zitat von dem bekannten marxistischen Faschismusforscher Reinhard Kühnl, dessen Buch „Faschismustheorien. Ein Leitfaden“ ein wichtiges Standwerk der Faschismusforschung darstellt, habe ich zufällig komplett vorliegen, da ich das Buch besitze. Er schreibt:

    “Die zahlreichen neueren Versuche, an die Tradition der “Linksfreudianer“ anzuknüpfen, die besonders im Gefolge der antiautoritären Studentenbewegung entstanden, haben über das von Reich und Fromm erreichte Niveau nicht hinausgeführt, in manchen Fällen sind sie sogar dahinter zurückgeblieben. Den höchsten Grad an Irrationalität und methodischer Verworrenheit erreicht dabei das Buch von Theweleit, das den Faschismus auf ein gestörtes Verhältnis der Männer zur Frau reduziert und das gesamte reichhaltige Material in dieses Erklärungsschema presst. Damit wird nicht einmal mehr das geleistet, was die Psychoanalyse leisten könnte. Elisabeth Endres hat die Mängel dieses Buches in einer präzisen Kritik offengelegt: „Die Männlichkeit ist an allem schuld. Weil die Männer die Frauen entweder zu Idolen erheben oder sie als das Strömende und Flutende schlechthin empfinden, fühlen sie sich unterlegen, gefährdet oder herausgefordert. Deshalb machen sie Terror, die Männer, nicht etwa eine soziologisch oder politisch abgrenzbare Gruppe von Menschen“ Es sei genau diese „Droge des intellektuellen Irrationalismus“, die einschläfert und lediglich „den sehr kühl denkenden Machthabern (hilft), die sich zur gegebenen Zeit den Irrationalismus zunutze machen. Wie schon gehabt.“
    In der Tat lehrt Theweleit, dass es nicht aufs Bewusstsein, sondern aufs richtige Gefühl ankomme. Muss man sich wundern, dass dieses Buch, das ganz in der feministischen Welle mitschwimmt, von der Presse zum Teil enthusiastisch begrüßt wurde (…)?“

    (Reinhard Kühnl – Faschismustheorien. Ein Leitfaden, Distel Verlag, 1990, S. 133)

    Klaus Theweleits Buch „Männerphantasien“ ist aber nicht nur wegen seiner Männerfeindlichkeit und Unwissenschaftlichkeit kritikwürdig, sondern auch weil es dazu beitrug das homophobe Klischee vom „schwulen Nazi“ in der Linken zu verbreiten:

    http://schwule-nazis.de/index.php?option=com_content&view=article&id=9&Itemid=12

    Es liegt hier also eine Intersektionalität von Männerfeindlichkeit und Homophobie vor.

    • @Leszek

      Ich gehörte zum orthodoxen Teil des Marxismus und habe mir das Buch von Theweleit unlängst wieder gekauft in der Hoffnung, diesem damals Unrecht getan zu haben.

      Es gab in meiner frühen und späten Jugend viel linke Verdammungskritik und die Gefahr liegt dann nahe, sich von Verrissen leiten zu lassen – zumal, wenn diese von so anerkannten Wissenschaftlern wie Kühnl erfolgt.

      Ich habe mich also wirklich angestrengt, das Buch noch einmal zu lesen (nach 40 Seiten aufgegeben und querlesen) und bin mit einem Gefühl des Erleichterung zu einem fast identischen Schluss gekommen wie damals.

      Was mich aber beschäftigt ist, warum die „Droge des intellektuellen Irrationalismus“ zu einem solchen Suchtmittel in einem großen Teil der Linken hat werden können (bei den SJW geradezu Voraussetzung ist).
      Welche Bedürfnisse lassen sich hinter der „„Ontologisierung“ des wunschtheoretischen Ansatzes“ vermuten oder finden, warum sind diese Karrieren ab 1977ff gestartet?

      Schönen Gruß, crumar

    • @Leszek
      Sehr interessant!

      „Es sei genau diese „Droge des intellektuellen Irrationalismus“, die einschläfert und lediglich „den sehr kühl denkenden Machthabern (hilft), die sich zur gegebenen Zeit den Irrationalismus zunutze machen. Wie schon gehabt.“

      Es ist wirklich immer das gleiche.

      @crumar
      „warum die „Droge des intellektuellen Irrationalismus“ zu einem solchen Suchtmittel in einem großen Teil der Linken hat werden können““

      Finde ich auch die spannende Frage. Aber ob das erst 77 anfing? Würde eher denken 10 Jahre früher, als sich überhaupt eine ernsthafte politische Veränderung abzeichnete. Da sind einfach viel klassisch rechte Ideen in die Köpfe der Leute hineingetragen worden, ganz hintenrum.

    • Nachtrag:

      Schoppe hatte in seinem Text bei der Passage zu Klaus Theweleits Buch „Männerphantasien“ auch auf den Artikel des Historikers Sven Reichardt zum Thema verlinkt, sehe ich gerade.
      (Hätte ich natürlich auch vorher mal nachprüfen können, aber egal.)

  • Ich schließe mich Arnes Lob im Übrigen an. Lucas‘ Artikel ist bedeutend, weil er eine Grundstruktur auf den Punkt bringt: die zur Kollektivstrategie erhobene weibliche Unterverantwortlichkeit (also die gleichzeitige Abdrängung und Erhöhung von Frauen ins Ästhetische und Moralische).

    Letzteres ist zunächst ein Konstrukt der bürgerlichen Geschlechtsrollen – Arbeiter- und Bauernfamilien ebenso wie Familien des »alten Handwerks« konnten und können sich eine weibliche Unterverantwortlichkeit schon ökonomisch gar nicht leisten. Nach dem Ende des »langen 19. Jhdts« löst sich die ursprüngliche bürgerliche Konstellation allmählich auf, und die zweite Welle der Frauenbewegung setzt ein, als es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entgegen allen objektiven gesellschaftlichen Tendenzen zu einem kurzlebigen kulturellen Restaurationsversuch kommt.

    In dem Maße aber, in dem sich die Zweite Frauenbewegung insbesondere in Bildungswesen, Sozialverwaltung, Parteien und Journalismus institutionalisiert, setzen sich (das »eherne Gesetz der Oligarchie« lässt grüßen) feministische Kader in bürokratisierten Kontexten als Repräsentanten dieser neuen sozialen Bewegung durch. Dadurch entsteht ein Legitimationsbedarf dieses Kaders, der darauf angewiesen ist, dass das »Proletariat«, dessen Interessen er vertreten möchte, auch tatsächlich existiert. In diesem Augenblick wird die »bürgerlich konstruierte« weibliche Unterverantwortlichkeit (als Kehrseite einer erzwungenen weiblichen Unmündigkeit) von einem Skandal zu einem Postulat. Von nun an will der Feminismus Frauen »befreien«, die das entweder schon sind oder gar nicht wollen.

    Zugleich stellt derselbe Feminismus politische Prämien auf einen als »Empowerment« etikettierten weibliche Narzissmus aus, der es in der Praxis erschwert, dass Frauen als voll verantwortliche Mitglieder der Gesellschaft auftreten und dadurch tatsächlich emanzipiert wären. (Es gibt selbstredend auch männlichen Narzissmus, aber der wird nicht politisch prämiiert.) Der politisch verklärte weibliche Narzissmus stellt somit den sozialpsychologischen Unterbau für den Vertretungsanspruch des feministischen Kaders dar.

    Diese Konstellation entfaltet nun eine eigene Dynamik: da die politisch gepflegten narzisstischen Erwartungen massenhaft gar nicht eigenverantwortlich erfüllt werden können, wird das alte, eigentlich überholte Prinzip der männlichen Aufopferung von der Ebene der Familie auf die Ebene staatlicher Umverteilungsprozesse gehebelt: durch die systematische Schwächung der familiären Rechte des Mannes.

    Nun kann der in Schlüsselpositionen des Umverteilungsstaats aktive oder diese politisch beeinflussende feministische Kader seine weibliche Klientel zugleich unmündig halten und privilegieren und auf diese Weise seine eigene Funktion auf Dauer stellen – und zwar im Prinzip so lange, bis alles nur Vorstellbare aus den Männern herausgequetscht wurde.

    Zugleich wiederum bietet sich der Feminismus damit dem Turbokapitalismus mit kulturellen Repressionsdienstleistungen an, da dieser ebenfalls die ausbeutbare Arbeitskraft (freilich beiderlei Geschlechts) zu schätzen weiß. Damit kann der Feminismus tendenziell einen ganz traditionellen »Schutzraum« für Frauen vor kapitalistischen Zumutungen schaffen, der auf Kosten von Männern entsteht, und damit zugleich die Familie als dem Kapitalismus potentiell widerständige Solidaritätsstruktur zerstören.

    Ist dieser Zusammenhang einmal als System etabliert, kann er in beliebig viele Iterationen gehen. Die Paranoiden unter uns Männerrechtlern können diesen Prozess also nicht ohne Grund bis in die finstersten dystopischen Höllen des Radfem-Faschismus hinunter fortschreiben. Wobei das Ganze nicht im Sinne einer Verschwörungstheorie, eines Masterplans zur feministischen Weltherrschaft zu verstehen ist, sondern, gemäß der Formel von der Banalität des Bösen, als Logik der sukzessiven Funktionsausweitung bürokratischer Herrschaft im Sinne Max Webers.

    • @djadmoros in mehreren Teilen

      Ein paar Anmerkungen:

      „die zweite Welle der Frauenbewegung setzt ein, als es in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg entgegen allen objektiven gesellschaftlichen Tendenzen zu einem kurzlebigen kulturellen Restaurationsversuch kommt.“

      Die zweite Welle der bürgerlichen Frauenbewegung reagiert nicht nur auf einen Restaurationsversuch, das ist die (bequeme) feministische Erklärung.

      Sondern sie reagiert m.E. auf die Resultate eines Klassenkompromisses in den westlich-kapitalistischen Staaten vor dem Hintergrund der damals noch existierenden Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

      Zum sozialistischen Recht auf Arbeit, jedoch zugleich mit der Pflicht für Frauen zu arbeiten, also der Erarbeitung der eigenen ökonomischen Unabhängigkeit, musste ein attraktives Gegenmodell her und dies fand sich in den USA.

      Wohlbemerkt für Männer und Frauen attraktiv – Unmündigkeit durch Befreiung von Erwerbsarbeit hat durchaus attraktive Seiten.
      Das Leben in einem Haus in einem Vorort als Hausfrau und Mutter ohne einer Erwerbsarbeit nachzugehen war für eine Minderheit der (gut gebildeten) Frauen ein Gefängnis.
      D.h. der feministische Versuch zu unterstellen, Frauen handelten permanent gegen ihre eigenen Interessen unterschlägt a. ein politisches Wahlverhalten von Frauen, in dem sich der gegensätzliche Wille nicht wiederfindet und b. führt dies zwangsläufig zur feministischen Unterstellung, diese Frauen wäre vom „Patriarchat“ Gehirn gewaschen worden.

      Die ökonomische Voraussetzung dieses Lebensmodells Hausfrau <> Mann als Alleinverdiener waren a. Löhne / Gehälter, die das gewährleisteten, nämlich als Mann alleine eine Familie ernähren zu können.
      Es waren b. weiterhin Sozialsysteme notwendig, die die Subventionierung dieses Lebensmodells durch materielle Transfers zu diesen Frauen sichern konnten – ohne gesellschaftliche Subventionierung von „beim Mann in der Krankenkasse mitversichert“, Witwenrente, Ehegattensplitting usw. wäre ein Hausfrauendasein nicht möglich.

      In den 50ern wurde der Grundstein gelegt für die ab 1968ff existierende feministische Überzeugung, diese Subventionierungen und finanziellen Transfers in Richtung Frau seien der gesellschaftliche Normalzustand, auf der der Anspruch von Frauen auf „die Hälfte des Himmels“ aufgesattelt werden könne. Sie sind in dieser politisch hergestellten Normalität bereits aufgewachsen und verzichteten demnach auf die Frage, warum „männlich-patriarchale Repression“ nicht den permanenten, sozial anerkannten und juristisch nicht geahndeten Einsatz von Zwangs- und Gewaltmitteln, sondern von Geldmitteln erfordert.

      Die feministische Geschichtsschreibung suggeriert weiterhin, das häusliche Dasein wäre Lebenserfahrung aller Frauen gewesen, während Marx richtig beschreibt, im Zuge der Entwicklung des Kapitalismus sanken die Löhne der proletarischen Männer so weit, dass proletarische Familien vollständig (mit Frauen und Kindern) in die Fabriken gezwungen worden sind.

      Das Motiv eines proletarischen Vaters war es also, den Kindern und der Frau diese Hölle zu ersparen, wie Gesterkamp (ausnahmsweise) richtig schreibt, ist dies die Ursache des „proletarischen Antifeminismus“. Das hat mit dem Motiv des Fabrikbesitzers und dessen Ehefrau nichts zu tun; ebenso wenig wie sich die soziale und Interessenlage dieser Frauen miteinander vergleichen lassen.

      Spätestens mit dem Ende der Sytemkonkurrenz wurde dieser Kompromiss jedoch vom Kapital gekündigt und seitdem stagnieren oder sinken die (Real-) Löhne und Gehälter für die meisten Männer, während zugleich die Arbeitszeiten stiegen.
      D.h. das „traditionelle“ (seit dem Ende des 2. Weltkriegs eingeführte) Ehe-Modell ist nicht nur nicht mehr funktional, es ist durch allein männliche Erwerbsarbeit nicht mehr finanzierbar.

      Ende Teil 1, Schönen Gruß, crumar

      • @crumar:

        Ich verstehe Deinen Einwand eher als Ergänzung. Dass ich von einer »Restauration« gesprochen habe, ist für mich zunächst einmal wertneutral, weil die entsprechenden Rollenmuster bereits das 19. Jahrhundert prägen – der Unterschied dürfte darin bestehen, dass dieses Modell mit dem Übergang zur »Mittelstandsgesellschaft« jetzt auch quantitativ verallgemeinert wird. Ich finde es in dem Zusammenhang verblüffend, wie sehr sich amerikanische und sowjetische Stilikonen noch zu Kriegszeiten ähnlich sind, als auch in den USA »Produktionsschlachten« für die Rüstungsindustrie geschlagen werden mussten, vgl. etwa Rosie the Riveter und Darja Garmasch.

        Allerdings habe ich für diese Restauration keinen Grund genannt, und da scheint mir Dein Argument von einer ideologischen Modellierung im Kontext des Kalten Krieges plausibel. Wobei der »Klassenkompromiss« dazu führt, dass die Arbeiterklasse sehr weitgehend im »Mittelstand« aufgeht – zu dem Thema finde ich (leicht OT) auch nach zwanzig Jahren einen Aufsatz von Klaus Eder über das Kleinbürgertum als Schlüsselklasse der Industriegesellschaft ganz hervorragend.

      • @djadmoros

        „Ich verstehe Deinen Einwand eher als Ergänzung.“
        So war er auch prinzipiell gemeint.

        Ich möchte jedoch verdeutlichen, dass gerade nach dem zweiten Weltkrieg – Millionen von deutschen Männern tot oder in Gefangenschaft – der Ausgang einer politischen Wahl von Fraueninteressen abhing, weil sie die Mehrheit der Wähler stellten.

        Dass sich eine Partei gegen diese Interessen – mit Frauen „diskriminierenden“ politischen Vorstellungen – hätte durchsetzen können, ist eine abenteuerliche Vorstellung. Es liegt m.E. nahe zu fragen, welche konkrete Gruppe von Frauen, mit welchen konkreten Interessen sich für die Restauration entschieden.

        Naheliegend ist eine solche Sichtweise bspw. bei der von Adenauer initiierten Rentenreform, mit der die CDU 1957 die absolute Mehrheit erringen konnten.
        In der „Welt“ steht eine Erklärung, warum diese ein solcher Erfolg hatte werden können (Herv. von mir):

        „Zwar waren die Renten sowieso nur als Zusatzeinkommen gedacht, die Hauptstütze sollte nach wie vor die Familie (!!!) sein – so, wie es ganz früher, noch vor Bismarck, ausschließlich der Fall war. Doch nun standen viele Ältere ohne ihre im Krieg gebliebenen Söhne (!!!) da, an deren (!!!) Tisch sie hätten essen sollen. Das Rentengebäude war eine Kriegsruine, gleich in doppeltem Sinne.“
        http://www.welt.de/geschichte/article118214346/Der-grosse-Irrtum-unserer-Rentenversicherung.html

        Ich finde es wunderschön, wie „genderneutral“ von „Familie“ gesprochen wird, wenn praktisch Männer gemeint sind, die das Überleben der älteren Generation durch Transfers ihrer Ressourcen absichern.
        Nun braucht man sich nur zu vergewissern, welches Geschlecht nach dem Weltkrieg ohne seine ökonomische Existenz absichernden Mann und Sohn existieren musste und erhält eine Motivation CDU zu wählen.

        D.h. es war in ihrem ureigensten Interesse und kein patriarchaler Staat musste Frauen das Gehirn waschen, um konservativ zu wählen.
        Hingegen war bspw. die Wiederbewaffnung als politisches Thema für Frauen ohnehin irrelevant.

        Dann zu der These, „das Kleinbürgertum als Schlüsselklasse der Industriegesellschaft“ zu begreifen.
        Schwierig – ich werde aber den von dir verlinkten Text mal lesen.
        Der Autor hat eine eigenwillige Vorstellung von einer „traditionellen Klassentheorie“:

        „Der Ausgangspunkt der traditionellen Klassentheorie sind Eigentumsunterschiede. Wer über Kapital verfügte, hatte privilegierten Zugang zum Reichtum einer Gesellschaft. Wer nur über seine Arbeitskraft verfügte, war zu Lohnarbeit gezwungen.“ (S. 6)

        Nun ja.
        „Das Kapitalverhältnis setzt die Scheidung zwischen Arbeitern und dem Eigentum an den Verwirklichungsbedingungen der Arbeit (Anm. Hervorh. von mir und gemeint ist das Eigentum an den Produktionsmitteln) voraus.“ Karl Marx, MEW 23, S. 742)

        Insofern ist Resultat dieser Unterscheidung, dass der „Lohn“ des Kapitalisten der Mehrwert ist, den der Lohnarbeiter produziert, während der Lohnarbeiter einen Lohn erhält.
        Die unentgeltliche Aneignung des produzierten Mehrwerts ist die Basis seines Reichtums.
        Und nicht ein irgendwie „privilegierter Zugang“ zum Reichtum einer Gesellschaft.

        Schönen Gruß, crumar

    • @crumar
      „einen ganz traditionellen »Schutzraum« für Frauen vor kapitalistischen Zumutungen schaffen“

      Hier irrst du, weil du Kapitalismus aus ideologischen Gründen verkennst. Der Kapitalismus ist der Feind dieser neofeudalen Einstellung, die ohne Leistung und nur auf Privilegien pochend existieren kann. Die Wirtschaftsfeindlichkeit und die illiberale Einstellung werden den Feminismus auf Dauer sicherlich zum Scheitern bringen.

      • @Alex

        Ähmm, du zitierst eine Aussage von djadmoros und kritisierst damit mich?

        Könnte ich bitte das Privileg in Anspruch nehmen nur für die Dinge kritisiert zu werden, die ich auch selber geschrieben habe?

        Danke!

      • @Alex:

        Der Kapitalismus ist der Feind dieser neofeudalen Einstellung, die ohne Leistung und nur auf Privilegien pochend existieren kann. Die Wirtschaftsfeindlichkeit und die illiberale Einstellung werden den Feminismus auf Dauer sicherlich zum Scheitern bringen.

        Ich denke, man kann den Kapitalismus aus unterschiedlichen Richtungen »ideologisch verkennen«, aus marktliberaler Sicht ebenso wie aus marxistischer. Ersteres bekommt zum Beispiel Sciencefiles sehr gut hin, über die ich mich vor ein paar Tagen wieder geärgert habe.

        Meines Erachtens sind Erwartungen an »geschichtsnotwendige« Wirkungen des Kapitalismus verfehlt, das halte ich in positiver wie in negativer Hinsicht eine Mystifizierung. Es kommt zwingend weder Faschismus noch das Paradies der Selbständigen dabei heraus. Am kaiserlichen Deutschland ebenso wie am kaiserlichen Japan sehen wir (um mal zwei Beispiel zu nennen), dass autoritärer Kapitalismus über längere Zeit sehr gut funktionieren kann – es ist einfach nicht die wirtschaftliche Dynamik im engeren Sinne, die darüber allein oder hauptsächlich entscheidet.

      • @dj
        „man kann den Kapitalismus aus unterschiedlichen Richtungen »ideologisch verkennen«, aus marktliberaler Sicht“

        Oh ja, das Spektrum der Interpretationen ist gross und viele aus „marktlberaler“ Perspektive sind geradezu lachhaft. Bei Sci-Fi kommt mir das Libertinär-marktliberale aufgesetzt vor (vielleicht bekommen die Kohle von derart geneigten Sponsoren), er scheint vor allem ihren populistischen Aufstachelungen („Geldverschwendung!“) zu dienen. „Aufgeregt“ hat dich vermutlich diese suggestive Art nach der Regierungsform Deutschlands zu fragen, die von 68 % der Leserschaft mit „totalitär“ beantwortet wurde. Da bleibt einem echt die Spucke weg!

        Meine Prognose ist natürlich nur das – eine Prognose, auch wenn ich sie überaus inbrunstvoll hingeschrieben habe. Dieser Feminismus scheint mir nämlich allzu unverträglich mit dem „Kapitalismus“, also dem ganzen konventionellen Spektrum der Interpretationen dessen, zu sein, und klar damit auf Konfrontationskurs, ohne eine Alternative anbieten zu können.
        „Geschichtsnotwendigerweise“ ist das natürlich nicht, es gibt keine Automatismen.

        Übrigens wäre meine Definition eines Kapitalismus, dass jeder die gleiche, im wesentlichen uneingeschränkte Möglichkeit haben muss, Kapital anzureichern und zu benutzen.

      • @Alex:

        Nee – aufgeregt hat mich dieser Artikel über die »DDRisierung« zum 3. Oktober. Selbst, wenn man den Text als Polemik zu verstehen versucht, geht mir die Einseitigkeit zu weit. Und sobald man »Marktprozesse« in Frage stellt, verfallen sie in Schnappatmung und schalten dann keine Kommentare mehr frei – jedenfalls nicht, wenn der Eindruck entstehen könnte, dass der Kommentator wenigstens genau so schlau argumentiert wie sie selbst. Ist auch Adrian schon passiert. Die Großkritiker der Zensur gestalten ihre eigenen Kommentarthreads auf diese Weise sinnentstellend. Ihre Decouvrierung von Junk-Science lese ich zwar immer wieder gern, aber darüber hinaus haben die beiden echt ein Rad ab!

        Ansonsten kokettiere ich ja mit der Idee einer Konvergenz der modernen Ideologien – Liberalismus, Sozialismus, Konservatismus – in allen kann man m. E. einen rationalen Kern freilegen, der eine sinnvolle Kritik oder Utopie der modernen Gesellschaft formuliert.

      • <<>>

        Das halte ich für eine Mystifizierung des Kapitalismus – der Kapitalismus als die Meritokratie, wo im Prinzip jeder gemäss seiner Leistung (sprich Wertschöpfung) und in diesem Sinne gerecht entlohnt wird.
        Die Feudalisierung ist eine logische Folge der Akkumulation des Kapitals, eine logische Folge wohlverstanden und keineswegs etwas dem Kapitalismus Wesensfremdes. Kapitaleinkünfte und Erbschaften (in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten sind das in der BRD Billionen, die vererbt werden) sind prinzipiell leistungsunabhängig, die Kapitalrendite ist Mehrwertabschöpfung.

    • @djadmoros

      Um es ein wenig spannender zu machen.
      Cliffhanger! 🙂

      „In dem Maße aber, in dem sich die Zweite Frauenbewegung insbesondere in Bildungswesen, Sozialverwaltung, Parteien und Journalismus institutionalisiert, setzen sich (das »eherne Gesetz der Oligarchie« lässt grüßen) feministische Kader in bürokratisierten Kontexten als Repräsentanten dieser neuen sozialen Bewegung durch.“

      Diese Betrachtungsweise ist leider – in meinen Augen – doppelt falsch.

      Du konstruierst eine magische Stunde NULL, basierend auf der Mythologie der zweiten Frauenbewegung, als gäbe es ein „vor 1968“ und ein „nach 1968“, statt dir anzuschauen, WO (akademische) Frauen genau VOR 1933 (!!!) und DANACH beschäftigt gewesen sind.
      Und wie viel Widerspruch es Seitens der organisierten Frauenschaft gegen 1933 gegeben hat.
      Nach Althusser sind „Bildungswesen, Sozialverwaltung, Parteien und Journalismus“ verschiedene ISA, nämlich ideologische Staatsapparate.

      Der Unterschied zum repressiven Staatsapparat: „Der repressive Staatsapparat „funktioniert durch den Rückgriff auf Gewalt“, während die Ideologischen Staatsapparate „durch den Rückgriff auf Ideologie“ funktionieren.“ Althusser, 2010, S. 56

      In ihrer Funktion haben diese jedoch das gleiche Ziel (Hervorhebung von mir): „die Reproduktion der Arbeitskraft (…), sondern zugleich auch eine Reproduktion ihrer Unterwerfung unter die Regeln der etablierten Ordnung, d.h. für die Arbeiter die Reproduktion ihrer Unterwerfung unter die herrschende Ideologie und für die Akteure der Ausbeutung und der Unterdrückung eine Reproduktion der Fähigkeit, die herrschende Ideologie gut zu handhaben, um auch „durch das Wort“ die Herrschaft der herrschenden Klasse abzusichern.“ a.a.O. S. 43

      Es ist sinnvoll hier darauf hinzuweisen, dass das „gender“ in diesen Überlegungen egal ist.
      Wer „das Wort der Herrschaft“ artikuliert ist – dem Geschlecht nach – irrelevant.
      Es lohnt sich jedoch darauf hinzuweisen, dass auch die „Reproduktion der Herrschaftsideologie* in diesem Prozess reproduziert werden muss – eine statische Herrschaftsideologie ist keine stabile Herrschaftsideologie.

      Schönen Gruß, crumar

      • @crumar:

        Unter dem Vorbehalt, dass ich mich noch nicht im Detail in die Geschichte der Frauenbewegung eingelesen habe: ich würde »1968« nicht gerade als magisches Datum oder »Stunde Null« betrachten – ich würde aber schon einen deutlichen Generationsbruch darin sehen. Gegen die These einer (wenn ich Dich hier nicht missverstehe) institutionellen Kontinuität spricht m. E. auch, dass die Gelegenheiten zu einer Insitutionalisierung mit der Bildungsexpansion und später im Kontext der 4. Weltfrauenkonferenz erst in Breite geschaffen wurden.

        Den Begriff der »Repression« habe ich tatsächlich unscharf verwendet. Im Hintergrund steht eine These, die Claus Leggewie in Bezug auf den amerikanischen Konservatismus formuliert hat: »Das konservative Modell, das die minimierte Intervention in die Selbstregulierung des Marktes mit der Aufrüstung des Staates als moralische Sanktionsinstanz verbindet, erfreut sich genau wie in Amerika in vielen neuen Nationen und Demokratien wachsender Beliebtheit.« (Leggewie, America first? S. 39) Das habe ich für mich so umformuliert, dass diese Staaten ökonomisch permissiv und kulturell repressiv werden.

        Dass sich der Feminismus für letzteres eignet, liegt auf der Hand. Wenn man »Repression« dem Gewaltmonopol vorbehält, ist der Feminismus in diesem Sinne nicht repressiv, aber die Funktion, auf die ich abziele, finde ich auch in Althussers Definition wieder. Die wiederum andere Aspekte ausleuchtet als Michels und Weber. Ich bin ja ein Freund integrativer Ansätze 🙂

        Zur »Dynamik« der Herrschaftsideologie passt ja prima, dass der Feminismus erst dazu geworden ist.

  • @admin: Irgendwie wird hier ein längerer Kommentar von mir verschluckt, der Versuch ihn nochmal einzustellen, bringt eine Doublettenwarnung.

  • @Kommissar Spambinski:
    Nur mal ein Versuch, ob ich vom Smartphone aus posten kann. Der PC wird von System offenbar als Feind betrachtet. 🙂

  • Joris K. Huysmans hielt in seiner 1884 erschienen Novelle „Gegen den Strich“ die Figur der Gscheithaferln – wie wir in Altbayern sagen – folgendermaßen fest: „Gleichzeitig lernte er Freidenker kennen, die Doktrinäre der Bourgeoisie, Leute, die alle Freiheiten für sich in Anspruch nehmen, um die Meinungen anderer zu erdrosseln, gierige, schamlose Puritaner, die er, ihrer Bildung nach, geringer einschätzte als den Schumacher an der Ecke.

    Und dieserart „Freidenker“ erzählen den Mannsbildern, was sie zu sein und zu scheinen haben. Unser Pech, dass die Ideologen und Scheinheiligen aus Post68er-, Sponti-, Alternativ- und Kirchentagsbewegung ihren Marsch durch die Institution dank rot-gründer Protektion durchsetzen konnten. Leider werden diese Leute wenigstens für die nächsten 20 Jahre irgendwo in irgendwelchen Institutionen in die Sessel pupsen und die Bürger mit ihren Krampf belästigen. Und wenn diese Generation an Gscheithaferln verschwunden ist, werden schon die nächsten Kasperl in Amt und Würden sein. Das ist seit Babylon so und wird bis zum Untergang der Menschheit so bleiben. Und ebendas macht so schrecklich müde … Deshalb schätze ich jeden, der noch dagegen ansteht, und darum danke ich Ihnen, Lucas Schoppe und ihren Mitstreitern, von ganzem Herzen.

    M. M.

  • Apropos Männerträume, einer der meinen ist gerade ein Stückweit in Erfüllung gegangen.
    Gerade kommt von VoR-Ösis diese Meldung herein, welche mich zu dem folgenden Kommentar veranlasst hat:

    http://www.vaeter-ohne-rechte.at/europarat-fordert-doppelresidenz-als-standardmodell/

    „Das geht erstmal runter wie Öl!
    Sogar zwei deutsche Sozialisten ließen sich nicht lumpen und stimmten dafür! ( Wäre sonst wohl auch extrem peinlich für sie geworden )

    ‚Am 02.10.2015 fand eine Sitzung der parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg statt. Alle Mitgliedsstaaten wurden aufgefordert, die Doppelresidenz/Wechselmodell, also die Betreuung von Trennungskindern durch beide Elternteile, als bevorzugtes anzunehmendes Modell im Gesetz zu verankern. Die Resolution wurde mit 46 Stimmen dafür:, 0 Gegenstimmen und 2 Abwesenden einstimmig verabschiedet und soll von den Mitgliedsstaaten ratifiziert werden.‘

    Tja, liebe Femis, das Ding habt Ihr schonmal reichlich verkackt!
    Der Punkt geht an die pösen Kinderrechtler ( selbst auf die Schulter klopf 😉 )
    Ich sehe vor meinem inneren Monitor gerade die Tanten vom djb ihre Schreibtische vollkotzen!
    Yihaa!“

  • […] öffnen – ganz unabhängig von maskulistischen oder feministischen Selbstzuschreibungen. An Männerbildern aus der Pop-Kultur der Fünfziger Jahre wird beispielsweise schnell deutlich, wie groß der Veränderungswunsch schon damals […]

  • […] In seiner 1977/78 erschienen, längst zu einem Klassiker avancierten Männerphantasien assoziiert Klaus Theweleit Männlichkeit und Faschismus miteinander und interpretiert beide als erstarrte Ordnungen, die sich abschotten gegen das, was ihnen fremd und feindlich erscheint. Theweleit kann diesen Vorwurf an die Männlichkeit auch deshalb über Hunderte von Seiten aufrecht erhalten, weil er seinerseits störende Informationen ausblendet. Hier im Blog war das schon einmal Thema:  […]

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