Geschlechterkampf

Kriegserklärungen und Bankrotterklärungen

Bild zeigt das Frauen- und Männersymbol ineinander verschränkt auf in Blau und Rosa.
geschrieben von: Lucas Schoppe
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Die Veranstalter des Gender-Kongresses, der Thema dieses Textes ist, bitten um eine Spende in Höhe von 20 €, „gern auch mehr“. Die Spende ist nötig geworden, weil der Betreiber der Gaststätte, in der die Veranstaltung stattfinden sollte, seine Zusage nach großem Druck durch Gegner des Kongresses zurückgezogen hat. Hier die Kontodaten: GENDERKONGRESS / Stadtsparkasse Wasserburg / IBAN DE91 7115 2680 0030 1883 79 / BIC BYLADEM1WSB

Brauchen Mädchen und Jungen eine unterschiedliche Förderung? Wie lässt sich nach Trennungen der Eltern der Kontaktabbruch eines Elternteils – in der Regel des Vaters – zum Kind verhindern? Wie hoch ist der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern? Wie können Eltern auch nach einer Trennung die gemeinsame Erziehungsverantwortung gestalten? Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Gesundheitsprävention – oder bei der Strafzumessung von Gerichten? Wird ihre Darstellung in den Medien beiden Geschlechtern gerecht?

Auf den ersten Blick wird nicht recht klar, warum eigentlich jemand etwas gegen einen Kongress haben sollte, der sich laut Programm mit diesen und ähnlichen Fragen auseinandersetzen wird. Auf den zweiten und dritten Blick wird es auch nicht klarer.

Dabei gehen die Aggressionen gegen diesen Kongress sehr weit. Gerade erst haben die Organisatoren des Deutschen Gender-Kongresses erklärt, dass sie den Veranstaltungsort wechseln müssen: Der Betreiber der Gaststätte, in der der Kongress stattfinden sollte, war durch „Cybermobbing“ so sehr unter Druck gesetzt worden, dass er seine Zusage zurück zog. Jetzt versuchen die Veranstalter, Spenden einzutreiben, um die Veranstaltung noch an einem anderen Ort möglich zu machen.

kongress

Die Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration Emilia Müller zog ihre Zusage für ein Grußwort zurück, ebenso ein Bundestagsabgeordneter der Linken, Jörn Wunderlich,  und die sozialpolitische Sprecherin der SPD im Bayerischen Landtag, Angelika Weikert – möglicherweise jeweils als Reaktion auf Druck der Kongress-Gegner. Die Leiterin der Bayerischen Leitstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern – ausgerechnet – nimmt Stellung: „Wir werden dafür sorgen, dass niemand am Kongress teilnimmt.“

Was ist der Grund für diese angesichts der anstehenden Fragen seltsam deplatziert wirkenden Feindseligkeit? Warum sind die Angriffe so hart, dass einige der Attackierten, so schreibt Arne Hoffmann im oben verlinkten Text, „auf die Verleumdungen bzw. deren Schärfe geradezu schockiert reagiert“ haben?

Die Veranstalter des Kongresses sind, unter anderem, das Forum Soziale Inklusion e.V., das einen Austausch zwischen Frauen und Männern in Geschlchetrfragen organisieren will – der Arbeitskreis Kinderrechte e.V. – das Väter-Netzwerk Nürnberg – und der Verein MANNdat, der männerpolitisch tätig ist. Der Kongress wird deshalb so massiv angegriffen, weil er sich mit Geschlechterfragen auseinandersetzt – und weil er dies nicht aus einer ausdrücklich feministischen Perspektive tut.

Kriegserklärungen

Nun mag es ja durchaus einigen Feministinnen auf die Nerven gehen, was einige der Teilnehmer sagen – sie mögen es kindisch, schlecht begründet, einseitig oder albern finden. Würden wir aber alle öffentlichen Äußerungen verhindern, die irgendjemand albern oder dämlich findet, dann wäre unsere Öffentlichkeit bald ein sehr stiller Ort. Warum also ist ihren Gegnern diese Veranstaltung so wichtig, dass allein ihre mögliche Realisierung für sie schon eine unerträgliche Provokation darstellt?

Die Frage lässt sich vielleicht mit einem Seitenblick auf den Monat November beantworten, in dem seit einigen Jahren schon auf Themen der Männergesundheit und insbesondere auf Prostatakrebs durch eine große internationale Aktion mit dem Namen  Movember aufmerksam gemacht wird.

Der feministische Journalist Alex Manley veröffentlichte dazu einen Text, der Movember lächerlich macht, infantilisiert und scharf kritisiert. Für ihn ist die Movember-Aktion lediglich ein kindischer Wutanfalls (“tantrum“), seine Teilnehmer würden unterstützt, weil sie „wie ein süßes kleines Kind an einem Limonadenstand“ („a child with a lemonade stand”)  wirkten. Tatsächlich sollten Männer aber einsehen, dass sie hoch privilegiert seien – und dass der Prostatakrebs regelrecht ein Kennzeichen männlicher Privilegien sei. „Kommt damit klar.“ („Prostate cancer is a hallmark of privilege. Deal with it.”)

Christan Schmidt zitiert den Text und schreibt, verwundert, er sei „ein derart männerverachtender Artikel, dass es erstaunlich ist, dass er veröffentlicht werden durfte.“ Tatsächlich haben sich sowohl der Autor auch  die Zeitschrift, die ihn veröffentlichte, dafür entschuldigt. Wer einem Krebserkrankten noch seine potenziell tödliche Krankheit höhnisch als Ausweis seiner Privilegien vorhält, verhält sich schließlich unübersehbar verrückt und verachtungsvoll.

Die Verachtung legitimiert sich offensichtlich durch die Vorstellung, sie würde ja nur Privilegierte treffen – andere Menschen hätten Empathie viel dringender nötig als die Mitglieder einer herrschenden Klasse. Da politische und wirtschaftliche Spitzenpositionen mehrheitlich von Männern besetzt sind und sich so die Vorstellung einer „Männerherrschaft“ pflegen lässt, geht Manley offenbar davon aus, dass folgerichtig auch alle Männer irgendwie „Herrscher“ seien.

Das ist ein recht offensichtlicher logischer Fehlschluss. Gleichwohl dient die Idee, Männer würden herrschen, nicht nur hier zur Legitimation von Aggressionen und Empathieverweigerung.

Dabei ist eine solche Position  nicht nur feindselig, sondern auch geschichtsvergessen und apolitisch. Eine Politik der Feindschaft hat sich traditionell immer wieder durch die Fantasie legitimiert, dass die „Feinde“ Herrschaft ausüben würden. Schon der alte deutsche Franzosenhass heizte sich durch die Erinnerung an die französische Besatzung an – der Hass weißer Rassisten legitimiert sich durch die Fantasie, die Schwarzen würden das Land überschwemmen und die weiße Rasse auslöschen – Fremdenfeinde aller Länder argumentierten ebenso – der mörderische Antisemitismus stützt sich auf die fixe Idee einer „jüdischen Weltverschwörung“, von der die reine „arische Rasse“ unterdrückt würde.

Die Fantasie der Feinde als Herrscher hat offensichtlich eine doppelte Funktion: Sie erleichtert die Verweigerung von Empathie, und sie trägt dazu bei, dass die Reihen der eigenen Gruppe geschlossen werden. Schließlich geht es um den gemeinsamen Kampf gegen eine übermächtige, skrupellose Gefahr. Ein ziviles Verhältnis zum „Feind“ ist in dieser Kriegslogik eine Form des Verrats an der eigenen Gruppe.

Bankrotterklärungen

So lässt sich auch die extreme Aggression gegen den Gender-Kongress verstehen. Er wird nicht als – wie auch immer guter oder schlechter – Beitrag zu allgemeinen Debatten interpretiert, sondern als Selbstvergewisserung einer herrschenden Gruppe auf Kosten aller anderen. Auch das aber ist eine typische Eigenschaft des Freund-Feind-Denkens: Die Angreifer nehmen ihre eigenen Aggressionen gegen den „Feind“ überhaupt nicht an sich selbst wahr – sondern unterstellen sie diesem „Feind“. Die massive Hetze gegen den Kongress erscheint so als eine Art der Notwehr.

Es geht dabei also wohl nicht allein um die Verteilung von Ressourcen. Die Hetzer haben offenkundig Angst davor, dass Geschlechterdebatten sich öffnen könnten und Feministinnen darin keine Monopolstellung mehr haben.

Vor allem aber: Das Denken in Kategorien der Feindschaft ließe sich nicht mehr aufrecht erhalten, wenn den Feinden mit Empathie begegnet, wenn ihnen Menschlichkeit zugestanden und ihre Sorgen ernst genommen würden. Besonders verrückt ist es, dass ausgerechnet eine leitende bayerische Gleichstellungsbeauftragte massiv gegen die Möglichkeit auftritt, auch Männerperspektiven in Geschlechterdebatten zu vertreten. Unter den Bedingungen einer Freund-Feind-Logik fällt ihr der offensichtliche Widerspruch zu ihren Aufgaben und ihrer Verantwortung überhaupt nicht auf, oder er ist ihr egal.

Die Kriegslogik, die Sigmar Gabriel einem faschistoiden „Pack“ zuschreibt, findet sich also nicht allein bei der Pegida, sondern auch in öffentlichen Institutionen. Dort wird sie sogar aus Steuermitteln gefördert und verbreitet.

Dass aber allein die Möglichkeit, die Position von Männern könne ernsthaft zu einem Thema in Geschlechterdebatten werden, feministisch inspirierten Akteuren unerträglich ist, zeigt vor allem: Ihre Position ist so schwach, dass sie sich in einer offenen Debatte nicht behaupten könnte. Und: Sie wissen um die Schwäche ihrer Position. So sind denn die offenen Aggressionen gegen den Kongress vor allem – ein offenes, unmissverständliches Eingeständnis, dass der heutige Feminismus intellektuell und moralisch gescheitert ist.

Er ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Statt dass aber seine Vertreterinnen versuchten, ihre Positionen zu klären und zu verbessern – versuchen sie lediglich, den Wettbewerb offener Debatten so lange wie möglich zu verhindern.

Ich bin vor Jahren aus der katholischen  Kirche ausgetreten. Der Anlass war damals der Entzug der Lehrerlaubnis für den katholischen Theologen Eugen Drewermann, der die Bibel psychoanalytisch interpretierte und der die katholische Ausgestaltung des Priesteramts scharf kritisierte.

Drewermann hat mich nicht begeistert – sein Versuch, Dogmen der katholischen Amtskirche durch psychoanalytische Deutungen zu ersetzen, erschien mir wie ein Versuch, den Teufel durch den Beelzebub auszutreiben. Gerade weil Drewermann aber offensichtlich intellektuell angreifbar war, fand ich die Reaktion der Kirche auf ihn erbärmlich. Dass diese gigantische Organisation mit ihren Tausenden von hochgebildeten Mitgliedern nicht in der Lage war, sich mit einem charismatischen Paderborner Theologieprofessor sachlich und klar auseinanderzusetzen – sondern dass sie sich nur dadurch behelfen konnte, dass sie ihm im Rahmen der Kirche den Mund verbot – das kam mir ungeheuer schwach vor.

Dabei hätte sie von dieser Auseinandersetzung sehr profitieren können. Schon viele Jahre vor den Skandalen um den Kindesmissbrauch durch katholische Priester hatte Drewermann in seinem Buch „Kleriker“ ausladend erklärt, warum die katholische Ausgestaltung das Priesteramt gerade für gestörte Charaktere sehr anziehend mache. Hätte sich die Kirche irgendwann einmal mit einer solchen Kritik ernsthaft auseinandergesetzt, dann hätte das nicht nur ihr, sondern auch unzähligen Kindern helfen können.

Die Unterdrückung der offenen Debatte ist also einerseits ein Zeichen von Schwäche – und sie ist ein Eingeständnis, um diese Schwäche zu wissen. Wer die offene Debatte unterdrückt, nimmt andererseits bereitwillig in Kauf, dass diese Unterdrückung gravierende, noch gar nicht absehbare Folgen haben kann.

Doch selbst wenn es bei diesen Konsequenzen vielleicht um Leben und Tod von Tausenden geht: Für die Hetzer und Gegner offener Debatten ist das immer das kleinere Übel, verglichen mit der Möglichkeit, dass ihre Feinde offen sprechen können und dann vielleicht nicht mehr als Feinde, sondern als Mitmenschen erscheinen.

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24 Comments

  • Ich zitiere mich mal selbst:

    „In Kriegen wurden häufig Gegner dämonisiert und verteufelt: Sie sollen dadurch als kollektive Bedrohung, als Masse, als das Böse wahrgenommen werden, nicht als menschliche Individuen, um die eigenen Soldaten zu enthemmen und die Anwendung von militärischer Gewalt zu erleichtern. Dabei wächst die Gefahr von Exzessen und brutalen Entgleisungen, wie etwa im Zweiten Weltkrieg oder im irakischen Gefängnis Abu Ghraib.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Menschenbild#Entmenschlichung

    Wichtig hierbei ist das Enthemmen. Ist diese Einstellung in den Köpfen erstmal erreicht, ist es leichter Sanktionen gegen die Gruppe durchzuführen – Männersteuer, positive Diskriminierung, Anti-Vergewaltigungskurse für Männer, etc.

    http://man-tau.blogspot.de/2014/08/evangelisches-mannerbasteln-und-andere.html?showComment=1408653497462#c1507100593004479476

    Die Frage, ob an dem was die Leute auf diesem Kongress sagen wollen etwas dran ist, stellt sich für die Gegner doch gar nicht mehr.

  • Wenn eine bayrische Gleicherstellungsbeauftragte, die garantiert verbeamtet und vereidigt ist, sich derart verfassungsfeindlich äussert, müsste das doch strafrechtlich relevant sein. Ich bitte Juristen unter den Lesern um Stellungnahme und Hinweise für eine diesbezüglich effektiv formulierte Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.

    • Dienstaufsichtsbeschwerde wäre auch denkbar. Allerdings gibt es den Spruch: Formlos, fristlos, zwecklos. Vorteile: Die vorgesetzte Stelle MUSS sich damit beschäftigen und die Dienstaufsichtsbeschwerde kostet dem Beschwerdeführer nichts.

  • Vielleicht sollte man die die Debatte um die Gründe der Feindseligkeit gegen diesen Kongress noch ein bisschen erweitern. Ev. hilft dabei folgendes Geschehen. Es geht um den Historiker Daniele Ganser, der in den letzten Jahren vor allem Forschung im Zusammenhang der „verdeckten Kriegsführung“ betrieben hat. Von der Univerität Witten/Herdecke wurden nun Ganser angefragt, zum Thema „Fakten, Meinungen, Propaganda – Wie mache ich mir selbst ein Bild?“ zu referieren. Das passte nun u.a. folgenden Gruppierungen nicht:

    SPD Witten
    Bündnis90/Die Grünen Witten
    Piratenpartei NRW

    Diese Gruppierungen forderten nun also die Uni Witten/Herdecke auf, Ganser wieder auszuladen. Nun ist m.E. Ganser sicherlich ein Linker (u.a. Friedensforscher) und kein rechter Geselle. Vorwürfe gegen ihn sind dann meist so gelagert, dass Ganser auch schon mit Leuten wie Ken Jebsen etc. Kontakt gehabt habe. Mir selbst ist Ganser ab und an auch ein bisschen zu plakativ und charismatisch, aber m.E. doch in der Wissenschaft ergebnisoffen.

    Ich finde, Telepolis hat zur Ausladung von Ganser zwei gute Artikel geschrieben:

    Verschwörungstheoretiker blasen zur Hexenjagd auf Historiker
    http://www.heise.de/tp/artikel/46/46404/1.html

    Weltbild in Gefahr: Auftritt von Daniele Ganser an Uni in Witten
    http://www.heise.de/tp/artikel/46/46412/1.html

    Wie gesagt denke ich, dass diese Geschehnisse um Ganser auch ein bisschen Aufschluss darüber geben können, weshalb gewisse Leute eine Debatte abwürgen wollen.

    • Ganser ist ein weiteres Beispiel für diesen Kampf um Deutungshoheit. In seinem Fall geht um die Deutungshoheit über sogenannte »Verschwörungstheorien«. Der Begriff hat sich mittlerweile als Totschlagvokabel gegen eine nicht personalisierende Systemkritik etabliert, die besonders dann in Anschlag gebracht wird, wenn Organisationshandeln im Fokus der Kritik steht (z.B. von Konzernen manipulierte Wissenschaft).

      Solange man die »Spinner« unter den Verschwörungstheoretikern (Marke »Area 51«) vorführen kann, ist noch alles in Butter, denn deren öffentliche Wahrnehmung steuert sich praktisch von selbst. Leute wie Daniele Ganser dagegen sind gefährlich, weil sie den Finger auf solche »Verschwörungen« (konspiratives, kriminelles Organisationshandeln) legen, die sich gut belegen lassen.

      Und sich darum in einer Grauzone befinden, in der sich die klaren Feindbilder, von denen obiger Blogpost spricht, auflösen – Gut und Böse, Rationalität und Irrationalität sind nicht mehr eindeutig fixierbar. Und das ruft Ängste bei all denen hervor, die aus emotionalen oder taktischen Gründen darauf angewiesen sind, sich selbst beständig auf der Seite der »Guten« zu positionieren.

      Für solche Leute ist nichts schwerer aushaltbar als Ergebnisoffenheit und Ambivalenz.

  • Als ich mich vor ein paar Wochen für den Kongress angemeldet habe, habe ich mich schon gewundert, wie »milde« der in der Öffentlichkeit aufgenommen wurde – leider war das wohl nur die erforderliche Anlaufzeit, um die feministische Denunziationsmaschine auf Touren zu bringen.

    Grundsätzlich finde ich diese Reaktion – aus den im obigen Blogpost genannten Gründen – wenig überraschend: die Inanspruchnahme des Gender-Begriffs für eine »dissidente« Veranstaltung stellt einen Angriff auf die Deutungshoheit der feministischen Institutionen dar – eine Deutungshoheit, die diskursiv abzusichern sich der Feminismus offenkundig nicht mehr zutraut.

    Das kann man auch positiv sehen: entweder muss sich das feministische Establishment dem offenen Diskurs stellen, oder es muss das totalitäre Gewaltpotential aufdecken, dass es ebenso sorgsam zu verbergen sucht wie den eigenen Mangel an Argumenten. Ein weiterer kleiner Schritt auf dem Weg der Delegitimierung feministischer Ansprüche: »heads we win, tails they lose.«

  • Drewermann hat mich nicht begeistert – sein Versuch, Dogmen der katholischen Amtskirche durch psychoanalytische Deutungen zu ersetzen, erschien mir wie ein Versuch, den Teufel durch den Beelzebub auszutreiben.

    Sie sprechen mir aus der Seele!

    Das ist ein so offenkundíger logischer Fehlschluss, dass so etwas nur jemand behaupten kann, deim es völlig egal ist, ob seine Aussagen schlüssig sind oder nicht.

    Es ist ihm egal oder er versteht es nicht und ist dumm, bzw. ein Idiot, wie ich bei Christian schrieb. Ich benutze nicht gerne solche Worte im Internet, aber einen so offenkundíge(n) logische(n) Fehlschluss kann mann kaum von einem einigermassen intelligenten Menschen erwarten. Also bleibt neben ‚ideologischer Mattscheibe‘ nur noch die weniger nette Schlussfolgerung.

  • „Ihre Position ist so schwach, dass sie sich in einer offenen Debatte nicht behaupten könnte. Und: Sie wissen um die Schwäche ihrer Position. So sind denn die offenen Aggressionen gegen den Kongress vor allem – ein offenes, unmissverständliches Eingeständnis, dass der heutige Feminismus intellektuell und moralisch gescheitert ist.“

    Argumentativ ist ihre Position schwach, real aber überaus stark. Sie können nicht nur die Politik beeinflussen, sie sitzen mitten drin. Sie haben wissenschaftlich scheinende Institute, sie können die Gesetzgebung mitbestimmen, in allen westlichen Staaten haben sie Unterstützung bis in die höchsten Regierungsposten, sie haben die Unterstützung der Medien und sie haben auch die Unterstützung breiter Bevölkerungskreise (gerade auch von Männern dank dem Beschützerinstinkt). Die Stärke ist so groß, dass sie ohne weiteres Veranstaltungen, Veranstalter und alle, die mit ihnen zusammenarbeiten, massiv attackieren und schädigen können, ohne auch nur die geringste Konsequenz fürchten zu müssen.

    Angesichts dieser überragenden Position der Stärke erscheint mir die argumentative Schwäche beinahe als Lappalie.

  • „in allen westlichen Staaten haben sie Unterstützung bis in die höchsten Regierungsposten, sie haben die Unterstützung der Medien und sie haben auch die Unterstützung breiter Bevölkerungskreise „

    dem kann man nun etwas entgegensetzen
    50 EUR in die Kriegskasse der Veranstalter sind eben rausgegangen

  • Eine organisatorische Lösung wäre die, den Kongress im kleinen Kreis zu veranstalten, nur für geladene Gäste, die Vorträge und gegebenenfalls die Diskussionen auf Video aufzunehmen und die Aufnahmen auf Youtube zu stellen. Dadurch hätte man die erhoffte Wirkung.

  • Ich habe von diesem Kongress gelesen und die Info getwittert. Woraufhin mir eine Frau mitteilte, dass sie ihren spontanen Retweet gelöscht hat, nachdem sie die Referenten gecheckt hatte. Und: es seien da 16 Männer und nur 4 Frauen, die Themen entsprechend tendenziös.

    Hab mir das Programm noch immer nicht angesehen, jedoch geantwortet: Wäre es besser, wenn da 16 Frauen und 4 Männer wären? Und: Gab es nicht zu diesem Thema recht viele Veranstaltungen mit 100% Frauen?

    Auch habe ich eine Nachfrage-Mail an die hier erwähnte Gleichstellungsbeauftragte gesendet: ob sie das wirklich so gesagt und und wenn ja, warum?

    Vermutlich bringen mir diese kleinen Aktivitäten zu Gunsten einer echten Debatte auf Augenhöhe allerlei Feindseligkeiten ein, bzw. kann ich womöglich damit rechnen, nun von einigen als „Maskulistin“ gelabelt zu werden, bloß weil ich mir wünsche, dass mann und frau verdammt nochmal die jeweils als schmerzlich empfundenen Probleme mal ERNSTHAFT debattieren sollten, ohne sich gegenseitig als kollemtive/n Feind/in zu verunglimpfen.

    Ist mir egal, ich leide nicht an „Gender“, nicht an Männern, nicht an Frauen. Bzw. nicht im eigenen Leben, aber was ich da so lese, dieser ganze Hass (auf BEIDEN SEITEN!) – das finde ich gruslig und traurig!

  • Ob Linke, Grüne oder SPD- die linksorientierten Parteien arbeiten an der Dekonstruktion von Identität, Ent- Individualisierung, Zerstörung von allem materiell Eigenem („Kapital“) und imateriell Eigenem: Persönlichkeit, eben auch der Männlichen.
    Das geschieht zugunsten einer massenhaften Ideologisierung des Beliebigen, („Gender“) Radikal bis Gewalttätiger Brutalität (Antifa gegen AfD) Kollektivierung von Moral und Bewusstsein.
    Schade, dass der Veranstalter, Gerd Riedmeier, wie auch Arne Hoffmann sich immer noch explizit „links“ bezeichnen. Das muss ihnen zur Zeit richtig weh tun.

    • @ ThFuegner Den Punkt sehe ich anders. Das Problem der linken Politik heute ist eher, dass sie gar keine Vorstellung davon hat, wie eine linke Politik aussehen könnte – und dass ihre Protagonisten sich dafür auch gar nicht sonderlich interessieren. Heutige Linke sind eben vor allem bürgerliche, akademische Linke mit dem Interesse, privilegierte Positionen nicht aufzugeben.

      Es ist eine Linke ohne ernsthaftes Interesse an sozialer Gerechtigkeit – und das ist eben ein Widerspruch in sich.

      Entsprechend ist das Verständnis von „Freiheit“ und die Analyse von „Herrschaft“ jeweils völlig abstrakt und leer. Typisch ist die Obsession mit Sprache, DEM Instrument einer akademischen bürgerlichen Schicht – und das völlige Desinteresse an ökonomischen Analysen. Die abstrakten, wirklichkeitsentrückten Kategorien brauchen allerdings irgendeinen Anker in der Wirklichkeit – und der wird ausgerechnet in den einfachsten biologischen Eigenschaften von Menschen gefunden, in ihrer Geschlechtszugehörigkeit oder ihrer Hautfarbe. Diese Anleihen beim Sexismus und Rassismus legitimieren sich dann damit, dass es ja jeweils die „Herrscher“ seien, die von linker Politik angegriffen würden, Männer und Weiße.

      Es gehört aber zur wirklichkeitsentrückten Abstraktheit heutiger linker Politik dazu, dass es dabei überhaupt keine Rolle spielt, wie sehr die allermeisten Männer weit von Herrschaftspositionen entfernt leben – oder wie sehr die Armut in den USA („working poor“) längst nicht mehr nur ein massives Problem für Schwarze ist.

      Die Zerstörung von „Identität“ ist in meinen Augen also gerade nicht das Problem linker Politik – eher im Gegenteil: Gerade die akademische Linke betreibt eine Identitätspolitik, in der es überhaupt nicht mehr um eine gemeinsame Debatte, um allgemeine Rechte oder um so etwas wie ein Gemeinwohl geht, sondern nur noch um Gruppenzugehörigkeiten und Feindbilder.

      • @Schoppe: Du schreibst:

        „Es gehört aber zur wirklichkeitsentrückten Abstraktheit heutiger linker Politik dazu, dass es dabei überhaupt keine Rolle spielt, wie sehr die allermeisten Männer weit von Herrschaftspositionen entfernt leben – oder wie sehr die Armut in den USA („working poor“) längst nicht mehr nur ein massives Problem für Schwarze ist.“

        Gerade heute gelesen:

        „Soziale Ungleichheit treibt Amerikaner in den Tod
        Die Schere zwischen Arm und Reich wird in den USA immer größer – mit dramatischen Folgen. Eine Studie des frisch gebackenen Wirtschaftsnobelpreisträgers Deaton zeigt: Immer mehr Amerikaner sterben früher als nötig.
        Immer mehr weiße US-Bürger sterben schon um die 50 herum. Vor allem unter ärmeren und schlecht gebildeten Weißen im Alter von 45 bis 54 Jahren steige die Zahl der Todes- und auch Krankheitsfälle, bilanziert eine Studie in den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften („Pnas“). Gründe seien Drogen- und Alkoholvergiftung, Suizid sowie Lebererkrankungen, schreiben die Gesundheitsökonomen Anne Case und Angus Deaton von der Princeton University. Von den Afro-Amerikanern und Latinos in den USA aber auch von den Deutschen überleben dagegen immer mehr Menschen dieses Alter.
        Die Forscher werteten für ihre Metaanalyse die Daten von 45- bis 54-Jährigen aus mehreren großen US-Gesundheitssurveys für den Zeitraum 1999 bis 2013 aus. Dabei zeigte sich bei der weißen Bevölkerung ein deutlicher Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit: Unter denjenigen, die eine Highschool – in den USA eine Gesamtschule – oder weniger absolviert hatten, vervierfachte sich in dem Zeitraum die Todeszahl durch Alkohol oder Drogen. Es gab 80 Prozent mehr Suizide und 50 Prozent mehr Tote durch Leberleiden. Insgesamt stieg die Todesrate im mittleren Alter in dieser Gruppe um 22 Prozent an.“

        http://www.handelsblatt.com/politik/international/studie-des-nobelpreistraegers-deaton-soziale-ungleichheit-treibt-amerikaner-in-den-tod/12531020.html

    • @ThFuegmer:

      Meinem Verständnis nach ist an diesen Positionen »links«, dass ihnen ein Festhalten am Emanzipationsbegriff zugrunde liegt, also die Idee der Erarbeitung einer persönlichen Autonomie gegenüber allen Kräften, die einer selbstbestimmten Lebensführung entgegenstehen.

      Ein so verstandener Emanzipationsbegriff schließt auch die Möglichkeit ein, sich zu sogenannten »traditionellen« Rollenaufteilungen zu bekennen, da der Begriff einer selbstbestimmten Lebensführung ein Leben in glücklichem Einklang mit den eigenen Veranlagungen impliziert – was selbstverständlich auch ein Bekenntnis zu homosexuellen Veranlagungen einschließt.

      »Links« (aber auch »liberal«) an diesem Konzept ist, dass der persönlichen Entscheidung des Individuums Priorität zugemessen wird, nicht aber den Vorstellungen Dritter, was für ein Individuum als »natürlich« oder »politisch angemessen« zu gelten habe.

      Für die »Linken« und »Linksliberalen« unter den Männerrechtlern ist diese Positionierung kein politischer Sündenfall, dem man abzuschwören oder von dem man sich zu reinigen hätte, sondern vielmehr eine Kampfansage an den feministischen (und sozialdemokratischen) Verrat an ihr.

      Sie sollten daher nicht erwarten, dass sich an dieser politischen Selbstverortung etwas ändert.

      • Ich habe ohnehin den Eindruck, dass in den Medien, auch in den sozialen Medien, Links-Rechts-Auseinandersetzungen zelebriert werden, die sinnlos sind. Wenn es um Identitäten geht, sind dabei niemals persönliche Freiheiten gemeint, sondern Gruppenidentitäten. Eben damit pflegen Rechte wie Linke regelrechte Obsessionen.

        Ob nun rechte Identitäre, die von einer Zerstörung der Identitäten durch Zuwanderung und Gender Mainstreaming warnen – oder linke Identitätspolitiker, die richtig und falsch, gut und böse sauber nach Gruppenzugehörigkeiten aufteilen: Die Kämpfe zwischen ihnen kommen mir mehr und mehr wie Schaukämpfe vor. Ping-Pong-Spiele, bei denen sich vermeintliche politische Todfeinde gegenseitig die Bälle zuspielen, zu Lasten Dritter.

        Der gemeinsame Gegner ist dabei, um das einmal ziemlich hoch zu hängen, das Erbe der Aufklärung: Die Überzeugung, wir würden mit einer gemeinsamen Vernunft in einer gemeinsamen Welt besser zurechtkommen – das Engagement für eine offene Gesellschaft – das Wissen darum, dass freie Rede zu einer offenen Gesellschaft dazugehört, auch wenn sie manchmal nervt – universelle Menschenrechte, die unabhängig von Gruppenzugehörigkeiten gelten. Rechtsradikale und Feministinnen sind sich beispielsweise darin einig, dass sie jeweils äußerst entschieden und mit großem Empörungspotenzial für freie Rede eintreten – aber immer nur für ihre eigene freie Rede. Die Rede der anderen behindert sie darin immer, irgendwie, so dass diese anderen dann das Maul zu halten haben – im Interesse der freien Rede, selbstverständlich.

        Das sind ermüdende Spielchen.

        Die Gegnerschaft gegen die offene Gesellschaft wird von rechts und links jeweils entsprechend der jeweiligen Obsessionen ausgestaltet. Auf der rechten Seite die fixe Idee, dass das Bestehende, Funktionierende bösartig zerstört werde – auf der linken Seite die betonierte Überzeugung, dass die bestehende Normalität bloß ein bösartiger Herrschaftsapparat sei. Ob nun das rechte Buzzword „Zerstörung“ oder das linke Buzzword „Herrschaft“ – beides wird jeweils gegen eine offene Gesellschaft ins Feld geführt.

        Ich glaube, dass diese hohlen Rechts-Links-Spielchen wirklich gefährlich werden können. Und für mich ist natürlich die Position der „Linken“ besonders enttäuschend – weil linke Politik nach meinem Verständnis (im Anschluss an Dewey, nicht an Stalin) ohne eine offene Gesellschaft gar nicht denkbar ist.

  • Ich hatte letzte Woche ein recht instruktives Erlebnis: Phoenix brachte da nämlich einen Themenabend über die neue Ausländerfeindlichkeit in Deutschland und ich habe den Fehler gemacht, mir das anzusehen.

    Nicht, daß mir nicht sehr schnell die Schwarz-Weiß-Malerei (hier gut, da böse[1]) und die Absolutsetzung von eigentlich belegpflichtigen Ansichten der Journalisten(?) negativ aufgestoßen wären, aber trotzdem haben die gezeigten Berichte ihre Wirkung auf mich nicht verfehlt. Gut — daß mir angesichts von Bildern von ausländerfeindlichen Demonstrationen wieder eingefallen ist, wie mir schon Anfang der 90er nach Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen der Gedanke kam, daß in bestimmten Situationen der Einsatz von Streubomben vielleicht doch legitim sein könnte, war damals wie heute nicht wirklich ernst gemeint.

    Die impulsiven Wünsche, die Gegendemonstranten mögen doch bitte so laut auf ihren Trillenpfeifen blasen, daß der Redner auf einer NPD-Kundgebung nicht mehr zu hören wäre, und allen Eltern, die ihre Kinder in rechtsextreme Freizeitlager mitnehmen, wo diese Unterricht in „völkischem Sport“ und „Rassenkunde“ erhalten, solle automatisch das Sorgerecht entzogen werden, waren dagegen echt.
    Ebenso, wie ich nach einigen (ausgewählten, natürlich) Statements von Pegida-Anhängern, von denen ich wußte, daß sie rationalen Argumenten vermutlich nicht zugänglich wären und eine echte Gefahr für mich persönlich darstellen könnten, wenn immer mehr Menschen ihren Ansichten folgen würden, nachvollziehen konnte, wie es dazu kommen kann, daß man jemandem „You are fucking schcum! You are fucking rape-apologist anti-immigrant schcum!“ in Gesicht schreien möchte.

    Nachdem mein Bewußtsein mit der Verarbeitung durch war, ist mir aber jedes Mal –oft nicht ohne ein gewisses Erschrecken– klar geworden, daß meine erste Reaktion mit rechtsstaatlichen Grundsätzen und meinen persönlichen Prinzipien nicht vereinbar oder jedenfalls einer in meinem Sinne ergebnisorientierten Diskussion nicht förderlich gewesen wäre.

    Jedenfalls hat mich dieses Erlebnis mir wieder mal die Frage stellen lassen, ob es eigentlich einen kategorischen Unterschied gibt zwischen Menschen, die ihre erste emotionale Reaktion reflektieren, und solchen, die sie nur noch rationalisieren. Im englischsprachigen Raum war die Unterscheidung zwischen „Left-Brain Thinkers“ (rational) und „Right-Brain Thinkers“ (emotional) ja mal sehr beliebt.
    Oder sind es einfach verschiedene Themenbereiche, bei denen unterschiedliche Menschen sich die Mühe machen, ihre Intuitionen zu hinterfragen? Und welche neurologischen Voraussetzungen und formenden Erfahrungen mag wohl jemand haben, dessen Prinzipien nicht rechtsstaatliches Handeln vor Selbstjustiz und rationale Argumente vor persönliche Emotionen stellen?

    So möchte ich dann auch im Sinne von Hanlon’s Razor eine alternative Deutung der Geschehnisse vorschlagen:
    Wenn jemand tatsächlich glaubt, in einer frauenverachtenden, patriarchalen Rape Culture zu leben, dann ist jede Vergewaltigung das Äquivalent eines brennenden Flüchtlingsheims, jeder Fall von häuslicher Gewalt („Gewalt gegen Frauen“, natürlich) das Äquivalent einer rassistisch motivierten Gewalttat und ein „Gender-Kongress“, der vom nicht-feministischen Forum Inklusion organisiert, von MANNdat unterstützt und unter anderem mit einem Vortrag von Monika Ebeling eröffnet wird, die Entsprechung eines Flüchtlingskongresses von Pegida und AfD mit Akif Pirinçci als Hauptredner.
    Und wenn mein Bundestagsabgeordneter da ein Grußwort sprechen wollte, würde ich auch mal ganz vorsichtig nachfragen, ob er es wirklich für eine gute Idee hält, einer solchen Veranstaltung durch seine Anwesenheit Legitimität zu verleihen — und das nicht, weil ich nicht glaube, daß man diesen Menschen nicht mit rationalen Argumenten gegenübertreten könnte.[2]

    Ich würde es jedenfalls nicht als gegeben ansehen, daß der Restfeminismus wirklich weiß, daß er argumentativ am Ende ist und sich mit jeder Äußerung nur noch lächerlicher macht. Er merkt, daß der Gegenwind massiv stärker wird, kann sich das aber nur als „letztes Aufbäumen des Patriarchats“ erklären und setzt entsprechend dagegen.
    Das mag jetzt klingen, als würden wir uns auf eine Art Entscheidungsschlacht zubewegen, aber wenn militärische Analogien hier überhaupt angemessen sind, sehe ich eher einen langen, blutigen Stellungskrieg am Horizont.

    Bombe 20

    [1] BTW, ist mal jemandem aufgefallen, wie dynamisch die moralisch-argumentative Bewertung von Angst ist, und zwar auf allen Seiten einer Diskussion? Mal ist sie ein berechtigtes Argument, im nächsten Moment wertet schon ihre unterstellte Existenz nicht nur einen Menschen als ganzes ab, sondern macht natürlich auch alle seine Argumente unbeachtlich.
    Einerseits „Deutsche Frauen haben Angst auf die Straße zu gehen, weil überall diese syrischen Feiglinge herumlungern, die lieber nach Europa flüchten als für ihre Heimat zu kämpfen.“, andererseits „Ständig leben Frauen in dieser Rape Culture in Angst vor Vergewaltigung, und diese Maskulinininisten unterstützen das noch, weil sie Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien haben.“ und in diesem Fall „Migranten in Deutschland können sich nicht sicher fühlen, weil hier Leute demonstrieren, die doch nur Angst um ihren Lebensstandard haben.“

    [2] JFTR: Ich glaube nicht, in Deutschland in einer nationalistischen, gewaltbereit fremdenfeindlichen Gesellschaft zu leben. Terroristen sind ja gerade darüber definiert, eine winzige Minderheit in Opposition zur Mehrheitsmeinung darzustellen.

    • @ Bombe 20 „Ich würde es jedenfalls nicht als gegeben ansehen, daß der Restfeminismus wirklich weiß, daß er argumentativ am Ende ist und sich mit jeder Äußerung nur noch lächerlicher macht.“ Ich kann mir gut vorstellen, dass die Reaktion auf den Gender-Kongress erst einmal tatsächlich so ist wie auf die Nazis, die Flüchtlingsunterkünfte überfallen haben: Eine instinktive Abscheu, und eine große Empörung darüber, dass sich jemand mit so etwas gemein machen könnte.

      Der Unterschied ist aber ja: Die Verbindung des Kongresses mit einer (eh fiktiven) Rape Culture ist bloße Fiktion – die rechte Gewalt war, und ist, real. Es gab zudem keine Rechtsradikalen, die sich – wie das Forum soziale Inklusion zum Beispiel – um eine gemeinsames Forum verschiedener Interessen gekümmert hätten. Oder die ein Interesse an sachlichen Diskussionen gehabt hätten, in die alle Betroffenen eingebunden werden.

      Das eben verstehe ich nicht. Die Gegnerinnen des Kongresses müssten doch gar nicht allzuviel reflektieren, um zu merken, dass ihr Feindbild mit den Themen des Kongresses überhaupt nichts zu tun hat – und dass sie bloß um ihre eigenen Projektionen kreisen. Wer nicht einmal zu einer so winzigen Reflektionsleistung im Stande ist (denn: so bescheuert kann man doch gar nicht sein), der schottet sich offensichtlich ab. Für diese Abschottung wiederum müsste es Gründe geben.

      Daher bin ich dann auf die Idee gekommen, dass die Akteurinnen eigentlich ganz gut wissen, dass ihr Feminismus intellektuell und moralisch gescheitert ist – und dass die einzige Chance, ihn zu schützen, in einer Abschottung gegen offene Debatten besteht.

      PS. „ist mal jemandem aufgefallen, wie dynamisch die moralisch-argumentative Bewertung von Angst ist, und zwar auf allen Seiten einer Diskussion?“ Es war mir noch nicht aufgefallen – es ist aber sehr bezeichnend. Die typische Immunisierung gegen den Vorwurf der double standards wäre hier wohl, dass es etwas völlig anderes ist, ob HERRSCHER Angst um ihre HERRSCHAFTSPOSITION haben – oder ob UNTERDRÜCKTE im Repressionsapparat Angst um ihr LEBEN haben müssen

    • „Jedenfalls hat mich dieses Erlebnis mir wieder mal die Frage stellen lassen, ob es eigentlich einen kategorischen Unterschied gibt zwischen Menschen, die ihre erste emotionale Reaktion reflektieren, und solchen, die sie nur noch rationalisieren.“

      Ich glaube nicht, daß das ein binäres Phänomen ist, sondern daß es graduell ist. Ich würde es eher als Grad der Medienkompetenz betrachten, wie sehr man sich emotional beeinflussen läßt. Nachrichten formen immer Meinungen, und lernpsychologisch behält man Informationen am besten, wenn sie mit einer Emotion verbunden sind. Deshalb sollte man auch bei Informationen aus ziemlich seriösen Medien immer gewollte Tendenzen bzw. Meinungsbildungen unterstellen. Das Arbeiten mit aus dem Zusammenhand gerissenen und dadurch falsch interpretierbaren Fakten ist im übrigen ein klassische Propagandatechnik.

  • Die konzertierte Aktion der Gegner des Kongresses kann sich leicht als Pyrrhussieg herausstellen: Man hat sich als Diskussionsverweigerer und Undemokrat positioniert.

    Andererseits ist die Reaktion fast zwangsläufig, denn die feministischen Aktivisten sind sehr fixiert auf symbolische Akte wie Konferenzen und andere Auftritte – denn alles ist bekanntlich sozial konstruiert und sie arbeitet selbst ständig mit propagandistischen Methoden, mit denen sie Bewußtsein formen wollen.

    Die wirklich relevanten Fronten verlaufen mMn woanders, und zwar in den mainstream Medien und in den dort stattfindenden Begriffskriegen. Das beste Beispiel ist die seit Monaten laufende Serie Gender in der Forschung im Tagesspiegel, die 8. Folge ist gerade erschienen. Um Forschung dreht es sich dabei nur am Rande, Hauptthema ist offenbar, den Begriff „Gender“ so ähnlich wie „Umweltschutz“ als das Losungswort für eine goldene Zukunft in das Unterbewußtsein der Leser zu hämmern. Wer dieses Wort definiert, beherrscht die Meinungen.

    Der Begriff „Gender-Kongress“ ist deshalb die Kriegserklärung schlechthin. Die Definitionsmacht über diesen Begriff zu haben ist für den Feminismus jede Anstrengung wert. Vor allem deswegen, weil man beim genauen Hinsehen keine wirklich tragfähige Definition hat (der Kaiser ist nackt) bzw. die Bezeichnung „Gender“ ständig mit anderen Bedeutungen unterlegt.

    Mir ist dieser Begriffskrieg seit langem negativ aufgefallen, Ansätze für mich selber, mir ein brauchbares Glossar zusammenzustellen, sind regelmäßig gescheitert, weil man immer sehr schnell in diese Begriffskriege hineingerät. Dabei ist mir auch klargeworden, wie zentral die Kontrolle über den Begriff „Gender“ ist. Aus dem Material habe ich jetzt eine eigene neue Seite gemacht: Kampfbegriff „Gender“. Vermutlich habe ich den Begriff „dekonstruiert“ 😉

    Die Seite ist höchstens zu 80% fertig, ich stelle sie trotzdem schon mal hier zur Diskussion. 100% fertig wird die Seite nie sein, dazu nimmt man auch die Begriffskriege zu selektiv wahr. Jedenfalls wird man diesen Kampf um diesen zentralen Begriff führen müssen, egal ob auf einem Gender-Kongress oder im Netz.

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