Jungen lesen anders

Am Wochenende saß ich wieder einmal mit einem Freund zusammen, der wie ich Lehrer ist und mit dem ich schon einmal einen Text für man tau gemeinsam geschrieben hatte: Über den Umgang mit Jungen, über unsere Erfahrungen mit Jungen in der Schule. Schließlich sind die spezifischen Schwierigkeiten von Jungen an und mit der Schule schon lange bekannt, werden aber kaum einmal zum Thema der Bildungspolitik. Der Erziehungswissenschaftler Markus Meier dazu:

„Aber es interessiert irgendwie auch niemanden, es geht nur um das ‚Aufholen‘ der Mädchen. Das Thema will niemand wahrhaben.“

Zudem werde der „literacy-Nachteil“ – die Nachteile in der Lesekompetenz – von Jungen kaum einmal angesprochen, obwohl er etwa viermal so hoch sei wie umgekehrt die häufig thematisierten spezifischen Nachteile von Mädchen im Fach Mathematik. Dabei sei ja gerade die geringere Kompetenz im Lesen noch deutlich bedeutender als ein Nachteil in der Mathematik – geringere Fähigkeiten im Lesen wirken sich schließlich nicht nur auf alle Fächer aus, sondern seien auch „lebenstechnisch“ bedeutsamer.

lesender junge

Wir habe also am Wochenende gesammelt, welches aus unserer Erfahrung Gründe für die deutlich schlechteren Leseleistungen von Jungen sind – und was getan werden kann, um diese Leistungen zu verbessern, und um auch den Jungen Spaß am Lesen zu verschaffen. Dabei ist eine weit verbreitete Erklärung in unseren Augen schlicht falsch.  Weiterlesen

Ein Kämpfer für den rechten Glauben besucht ein Amt

Die offene Gesellschaft und ihre falschen Freunde: Ein Monolog für zwei Personen

Die Kampagne „ausnahmlos“ wurde von Feministinnen nach den vielfachen sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht mit erheblicher medialer und politischer Unterstützung lanciert. Vereinzelt fragten Kommentatoren in sozialen Netzwerken auch danach, ob denn die Kampagne ausnahmslos allen Opfern, also auch männlichen Opfern helfen solle.

Das beruht wohl auf einem Missverständnis. Die Initiatorinnen zielen mit ihrer Kampagne auf die sexuellen Übergriffe ausnahmslos aller Männer und stellen sexuelle Gewalt wie die von Köln als ein allgemeines Phänomen dar. Dass Jungen und Männer auch als Opfer sexueller Gewalt, dass möglicherweise gar Frauen als Täterinnen Thema werden, ist offensichtlich nicht beabsichtigt. Als bei der Aufschrei-Kampagne der Initiatorinnen vor einigen Jahren auch Männer von Erfahrungen sexueller Belästigung zu berichten versuchten, wurde ihnen dies als „Derailing“ ausgelegt, als Ablenkung vom Wesentlichen.

Dass Frauen sich hier auf die sexuelle Gewalt gegen Frauen konzentrieren, ist natürlich völlig legitim. Problematisch aber ist, dass die Formulierungen vage im Allgemeinen bleiben und so den Eindruck erwecken, hier würde ein breiter Konsens (gegen Gewalt, insbesondere gegen sexuelle Gewalt) vertreten – und dass dabei kaschiert wird, wie umstritten einzelne Positionen sind (Rape Culture; die Meinung, Gewalt ginge unterschiedslos von Männern im Allgemeinen aus).

Wer hier nach Jungen und Männern als Opfern von Gewalt fragt, vertritt einen klassischen Liberalismus – mit der Überzeugung, dass Rechte allgemein und in gleicher Weise für alle gelten und dass prinzipiell alle Menschen gleichermaßen einen Anspruch auf Schutz vor Gewalt haben. Er trifft damit jedoch auf eine Position, die zwar dieselben Begriffe verwendet wir dieser klassische Liberalismus (Rechte, Gleichberechtigung, Freiheit, Schutz, …), diese Begriffe aber ganz anders belegt.

So kollidieren hier zwei Positionen, die von Vertretern eines klassischen Liberalismus häufig, und irrtümlich, als eng verwandt verstanden werden. In den Fremdsprachen gibt es dafür den Begriff der false friends – Begriffe, die in zwei Sprachen identisch oder sehr ähnlich sind, aber tatsächlich etwas Unterschiedliches bedeuten.

Daher ist auch die Frage interessant, wie denn wohl ein Gespräch ablaufen würde, in dem die Unterschiede zwischen diesen false friends wirklich deutlich würden…

Bis auf die Grundkonstellation sind alle Bestandteile des folgenden Dialogs realen Diskussionen entnommen, ich habe sie lediglich dann und wann ein wenig pointiert.

jorge

Als ich den Dilaog schrieb, hatte ich – warum auch immer – beständig das Cover der Weezer-CD „Hurley“ im Kopf. Es zeigt den amerikanischen Schauspieler Jorge Garcia, der durch seine Rolle in der Fernsehserie „Lost“ bekannt wurde. Warum er mir als Herr M… wieder in den Kopf kam, weiß ich nicht – sowohl seine Figur als auch sein Spiel hatten mir eigentlich sehr gut gefallen. Foto: Dominik D.

Ein Büro im kommunalen Rathaus, ein Mitarbeiter des Bürgermeisters sitzt hinter dem Schreibtisch. Ein Mann betritt den Raum. Er ist groß, dick, trägt einen Vollbart und hat eine durchdringende Stimme. Er setzt sich ächzend in den Stuhl vor dem Schreibtisch.

Mitarbeiter Ja, Herr M…, mir liegt hier Ihre Bewerbung für den Posten der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten vor. Ich kann Ihnen ehrlich sagen: Meine Sympathien haben Sie. Es wird Zeit, dass auch Männer diese Position wahrnehmen können. Aber leider ist das nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht vorgesehen.

Herr M. Es wäre völlig absurd, wenn ein Mann auf dieser Position arbeiten würde. Aber was hat das mit mir zu tun?

Mitarbeiter Nun ja, sie sind nun einmal ein Mann.

Herr M Sie lesen mich als Mann. Das sagt etwas über Sie aus, nicht über mich. Weiterlesen

Der fremde Mann

Zu Shaun Tans Ein neues Land, das plötzlich überraschend aktuell geworden ist

Das Buch ist zehn Jahre alt, und es passt in die derzeitige politische Situation wie kein anderes. Shaun Tan, australischer Zeichner und Autor, veröffentlichte seine Graphic Novel Ein neues Land (The Arrival) im Jahr 2006. Das Buch erzählt eine ganz einfache Geschichte: die eines Mannes, der sein Heimatland und seine Familie verlässt, der in ein fremdes Land auswandert, dort eine Wohnung und nach einiger Zeit auch eine Arbeit und Freunde findet, und der seine Familie schließlich nachholt.

arrival

Der Begriff „erzählt“ ist allerdings irreführend: Das gesamte Buch ist wortlos, die Handlung wird allein in Bildern präsentiert. Gleichwohl kann es heute auch als Kommentar verstanden werden zu Ressentiments, die aktuelle politische Debatten in Deutschland prägen – und als Gegenbild zu Bildern, die in diesen Debatten von allen politischen Richtungen instrumentalisiert werden: zu Bildern von Migranten und zu Bildern von Männern.

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Im Kampf für den rechten Glauben: Zehn praktische Tipps

Zum Jahreswechsel erschien in der Zeit eine Glosse, die ein „Mittel gegen all Ihre Probleme“ anpries: PEGIDA™. Das Mittel verspreche eine neue Weltsicht durch „effektive Faktenbausblendung“, „fortgeschrittene Sündenbocktechnologie“, „Instant-Volksgemeinschaft“, „fortgeschrittene Irrationalität“ oder durch „selektiven Gedächtnisverlust“.

Wer schon einmal Diskussionen mit Pegidisten erlebt hat, weiß, dass diese Beschreibung ausgesprochen treffend ist. Wer schon einmal Zeitung gelesen hat, weiß aber auch, dass sie nicht allein auf die Pegida zutrifft. Allüberall kämpfen gerade die Guten gegen die Bösen, die Vernünftigen gegen die Irrationalen, die Vertreter der Richtigen gegen die Kräfte des Falschen: gute deutsche Bürger gegen gutmenschelnde Volksverräter, aufrechte Demokraten gegen die Pegida-Nazis, Feministinnen gegen das Oktoberfest.

Unglücklicherweise herrscht also Uneinigkeit darüber, wer genau nun eigentlich gerade die Guten sind, und so entsteht ein heilloses Durcheinander. Neulich erzählte mit gar jemand, er habe Angst vor „Weimarer Verhältnissen“.

Natürlich ist allein eine, eine einzige Möglichkeit zur Lösung und Klärung dieser verworrenen Situation überhaupt nur denkbar: Nämlich, dass die richtigen Guten gewinnen.

Tom Gauld

Natürlich auch fällt es jedem Wohlmeinenden ganz leicht zu erkennen, welches die richtigen Guten sind – es ist, wie jeder weiß, immer die Gruppe, zu der man selbst gehört. Schwieriger jedoch ist es zu verstehen, wie sich diese Guten auch durchsetzen, wie sie gegen die Feinde obsiegen können. Dafür stellt das Service-Blog man tau nun endlich als Orientierung zehn wertvolle Hinweise bereit, die aus jahrzehntelanger, ja jahrhundertelanger Erfahrung entwickelt wurden.

Und das Beste ist: Es ist eigentlich alles ganz einfach. Weiterlesen

Wie Anne Wizorek sexuelle Gewalt verharmlost

„Ein paar grapschende Ausländer und schon reisst bei uns Firnis der Zivilisation.“

Mit diesem Zitat bewirbt Jakob Augstein auf Twitter seinen Facebook-Beitrag zu den offenbar massenhaften Sexualstraftaten in der Kölner Silvesternacht. Was sonst bei Menschen, die „im Zweifel links“ sind, verpönt ist, ist hier Programm: Augstein verharmlost die Straftaten gezielt als „Grapschen“ und hat dabei eine politische Agenda. Den Schock über die Situation, die von Betroffenen als Alptraum erlebt wurde, macht er lächerlich – das Verhalten der Täter stellt er als nicht weiter schlimm hin. Die Situation reduziert sich bei Augstein schließlich „einfach“ auf „das kolossale Versagen der lokalen Polizei.“

Damit stimmen die Feindbilder wieder: Schuld ist die Polizei, und rassistischen Interpretationen des Geschehens wird vorgebeugt. Dafür ist es dann auch, irgendwie, ganz in Ordnung, die Situation zu verzerren und die Erfahrungen der Opfer kleinzureden.

focus

So gelingt es, rassistische Klischees zwanglos mit dem Wunsch zu vereinbaren, zu möglichst jeder Gelegenheit möglichst unbekleidete Frauen aufs Titelbild zu bringen. Warum aber fällt es vielen so schwer, sich von solchen Positionen zu distanzieren – ohne dabei die Gewalttaten, um die es geht, zu verharmlosen?

„Im Grunde sagen nach Köln alle nur das, was sie vorher auch schon gesagt haben, nur noch lauter“: Das schreibt Augsteins Mit-Kolumnistin Margarete Stokowski im Spiegel – ohne allerdings wenigstens kurz zu bemerken, dass dieser Satz auch auf sie und den Rest ihres Textes zutrifft. Dass die Taten rassistisch interpretiert werden, steht tatsächlich außer Frage – das neue Focus-Titelbild beispielsweise bedient sich ungeniert in rassistischen Klischeekisten und nutzt die Situation für das Bild einer nackten Frau, deren weißer Körper von Abdrücken schwarzer Männerhände übersät ist.

Sich von rassistischen Deutungen zu distanzieren, hat also gute Gründe. Warum aber ist das nicht möglich, ohne zugleich die Taten herunterszuspielen? Und, mehr noch: Wie kommen eigentlich ausgerechnet Feministinnen dazu, sexuelle Gewalt an Frauen zu verharmlosen? Denn Augsteins gezielten Vergleich dieser Taten mit übergriffigen, aber nicht schwerkriminellen Handlungen stellen auch Feministinnen an, ebenfalls mit einer politischen Agenda – wenn auch mit einer anderen.

Anne Wizorek beispielweise hatte am 7. Januar die Gelegenheit für Zwischenruf im Heute-Journal – und es lohnt sich, diesen Zwischenruf näher zu betrachten. Weiterlesen

Köln: Vom Alptraum in die Schützengräben

 „Für die Masse an besoffenen Vollidioten waren viel zu wenig Polizisten da! Überall wurden Mädchen beschimpft und begrabscht. Ich habe noch nie so viele heulende Frauen gesehen – Frauen, die so voller Angst waren. Schlimm war, dass ich die ganze Zeit nicht wusste, was eigentlich los war.“

So berichtet in der Süddeutschen Zeitung eine einunddreißigjährige Frau, dort Steffi genannt, wie sie die Situation am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht erlebt hat.  Sie war mit einer Freundin am Bahnhof verabredet, habe aber im Gedränge für eine kurze Strecke von wenigen Metern eine Viertelstunde gebraucht.

„In dieser Situation fiel mir zum ersten Mal auf, dass alles voll war mit arabisch oder nordafrikanisch aussehenden Männern. Man muss vorsichtig sein, wenn man so etwas sagt, aber es ist mir wirklich aufgefallen. Und ich komme aus der sozialen Arbeit, ich habe Freunde aus allen möglichen Kulturkreisen. Ich stand da und habe kein Wort verstanden von dem, was um mich herum geredet wurde. Immer wieder wurden anzügliche Bemerkungen gemacht. Die Beschimpfungen habe ich dann doch verstanden. Im Laufe der Nacht wurde mir mehrmals ‚Schlampe‘ an den Kopf geworfen, ‚Fotze‘ und ‚dumme Hure‘.“  

Die Freundin hingegen „hatte Glück. Sie war mit syrischen Freunden unterwegs und wurde in Ruhe gelassen.“ Dass die Täter Flüchtlinge waren, hält sie für ausgeschlossen – sie hätten sich am Hauptbahnhof offenbar sehr gut ausgekannt und müssten offenkundig „schon länger hier sein.“ 

Von der Polizei wird diese Darstellung mittlerweile im Wesentlichen bestätigt. Polizeipräsident Wolfgang Albers: „Es hat in sehr hoher Anzahl Sexualdelikte gegeben, auch in sehr massiver Form“, oft verbunden mit Diebstählen, mindestens einer Vergewaltigung, mit etwa 90 Anzeigen Betroffener bis zum Dienstag. Allerdings gäbe es keine tausend Täter, wie verschiedentlich berichtet wurde. „Es gibt eine Gruppe von etwa tausend Menschen, aus der heraus Straftaten begangen wurden.“

Köln

Die Taten sind brutal, Steffis Schilderung in der Süddeutschen Zeitung ist alptraumhaft. Die öffentliche Debatte aber, die darauf folgt, hat nicht nur in den sozialen Netzwerken auch absurd-komische Züge, die im Kontext der Gewalttaten sehr bitter sind – die aber viel über die Strukturen heutiger öffentlicher Debatten verraten.

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