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Im Kampf für den rechten Glauben: Zehn praktische Tipps

Bild zeigt gezeichnete Landschaft mit Fluss und zwei Schiffen und Türmen in der Landschaft
geschrieben von: Lucas Schoppe
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Zum Jahreswechsel erschien in der Zeit eine Glosse, die ein „Mittel gegen all Ihre Probleme“ anpries: PEGIDA™. Das Mittel verspreche eine neue Weltsicht durch „effektive Faktenbausblendung“, „fortgeschrittene Sündenbocktechnologie“, „Instant-Volksgemeinschaft“, „fortgeschrittene Irrationalität“ oder durch „selektiven Gedächtnisverlust“.

Wer schon einmal Diskussionen mit Pegidisten erlebt hat, weiß, dass diese Beschreibung ausgesprochen treffend ist. Wer schon einmal Zeitung gelesen hat, weiß aber auch, dass sie nicht allein auf die Pegida zutrifft. Allüberall kämpfen gerade die Guten gegen die Bösen, die Vernünftigen gegen die Irrationalen, die Vertreter der Richtigen gegen die Kräfte des Falschen: gute deutsche Bürger gegen gutmenschelnde Volksverräter, aufrechte Demokraten gegen die Pegida-Nazis, Feministinnen gegen das Oktoberfest.

Unglücklicherweise herrscht also Uneinigkeit darüber, wer genau nun eigentlich gerade die Guten sind, und so entsteht ein heilloses Durcheinander. Neulich erzählte mit gar jemand, er habe Angst vor „Weimarer Verhältnissen“.

Natürlich ist allein eine, eine einzige Möglichkeit zur Lösung und Klärung dieser verworrenen Situation überhaupt nur denkbar: Nämlich, dass die richtigen Guten gewinnen.

Tom Gauld

Natürlich auch fällt es jedem Wohlmeinenden ganz leicht zu erkennen, welches die richtigen Guten sind – es ist, wie jeder weiß, immer die Gruppe, zu der man selbst gehört. Schwieriger jedoch ist es zu verstehen, wie sich diese Guten auch durchsetzen, wie sie gegen die Feinde obsiegen können. Dafür stellt das Service-Blog man tau nun endlich als Orientierung zehn wertvolle Hinweise bereit, die aus jahrzehntelanger, ja jahrhundertelanger Erfahrung entwickelt wurden.

Und das Beste ist: Es ist eigentlich alles ganz einfach.

1. Wir sind die Guten

Denk immer daran: Du gehörst zu den Guten. Gute sind gutmütig. Gutmütige Gute haben die natürliche Tendenz, auch alle anderen Menschen für gut und wohlwollend zu halten. Deine Feinde hingegen sind skrupellose Arschlöcher, die keinen Moment zögern, schlecht über andere zu reden.

Deine Güte wird von Ihnen ausgenutzt werden, wenn Du Dich nicht wappnest. Du darfst also keine Skrupel haben – die haben sie auch nicht. Du darfst nicht versuchen, sie zu verstehen – die verstehen Dich auch nicht. Fang gar nicht erst an, ihnen zuzuhören – denn sie werden auch Dir niemals zuhören.

Gute Menschen müssen heute also zwangsläufig skrupellos sein. (Ach, wir leben in finsteren Zeiten.) Die Skrupellosigkeit guter Menschen ist aber, wie jeder verstehen wird,  etwas ganz anderes als die Skrupellosigkeit böser Menschen, weil sie guten Zwecken dient und bloß Notwehr ist. Skrupellosigkeit ist gut – wenn sie gut ist.

2. Die Wirklichkeit verschleiert Herrschaftsverhältnisse

Naive Menschen denken oft immer noch, wir würden allesamt in einer gemeinsamen Wirklichkeit leben, in der wir gemeinsame Probleme haben, für die wir gemeinsame Lösungen  finden müssen. Leider verdeckt diese Idee bloß die wahren Herrschaftsstrukturen und kaschiert Verantwortlichkeiten.

Die wirkliche Wirklichkeit erkennst Du erst, wenn Du hinter die naive Idee einer gemeinsamen Wirklichkeit schaust und die Welt als Kampf begreifst – den Du natürlich nicht willst, den aber die anderen Dir aufzwingen.

Denn alle Probleme würden sich von selbst lösen, wenn nur die Guten sich durchsetzen und die Feinde einsehen würden, wie falsch sie liegen. Oder wenn die, noch besser, gleich ganz verschwinden würden. Ausländer raus. Nazis raus. Ach, am Besten gleich alle raus – und dann schauen wir mal, wer zurückkommen darf.

3. Tatsachen sind eine Erfindung des Feindes

Da es keine gemeinsame Wirklichkeit gibt, entpuppt sich auch das Konzept der „Tatsachen“ als Instrument der Täuschung. Tatsachen sind häufig einfach eine Erfindung des Feindes und haben den Zweck, unter den Wohlmeinenden Zweifel und Zwietracht zu säen.

Ganz gleich, für welche einzige Wahrheit Du auch gerade eintrittst: Nur in ihrem Lichte kannst Du oberflächlichen Tatsachen erst richtig einschätzen. Dann erkennst Du auch, dass scheinbar ganz ähnliche Sachverhalte tatsächlich unendlich verschieden sind.

Migranten sind arbeitslos? Typisches Beispiel für Sozialschmarotzertum. Deutsche sind arbeitslos? Typisches Beispiel dafür, dass der Staat seine Bürger im Stich lässt.

Oder: Frauen sind in Aufsichtsräten unterrepräsentiert? Typisches Beispiel für patriarchale Unterdrückung. Männer sind unter Obdachlosen weit überrepräsentiert, sterben im Schnitt deutlich eher, und Jungen schneiden in der Schule deutlich schlechter ab als Mädchen? Typisches Beispiel dafür, dass typisch männliches Verhalten auch den Männern selbst schadet.

4. Nicht was jemand tut, ist entscheidend – sondern wer es tut

Es ist naiv und oberflächlich zu glauben, das Verhalten von Menschen ließe sich anhand ihres Verhaltens beurteilen. Auch das, was Menschen tun, lässt sich nur verstehen anhand der Strukturen, die dahinter stecken. Nicht was ein Mensch tut, ist entscheidend – sondern wer es tut, und welche Position er hat. Das aber kann nur ein Mensch erkennen, der schon die richtige Position hat – ein Mensch wie Du.

Jemand bezeichnet alle arabischen Männer als potenzielle Vergewaltiger? Typische rechte Hetze von Leuten, die meinen, sexuelle Gewalt gegen deutsche Frauen müsse das Vorrecht deutscher Männer bleiben. Deine Partei bezeichnet alle Männer als potenzielle Vergewaltiger? Ein wertvoller Beitrag zur Versachlichung der Debatte.

Oder:

Eine Feministin betont, dass es verschiedene Arten des Feminismus gäbe und nicht alle gleich beurteilt werden sollten? Bloß ein Versuch, vom Wesentlichen abzulenken und Probleme zu verschleiern. Ein Maskulist klassifiziert die ca. 23 aktiven Maskulisten im deutschen Netz sauber in exakt 37 Untergruppen? Ein sinnvoller Versuch zur Analyse des Feldes.

5. Alles ist moralisch

Lass Dir nicht einreden, Menschen hätten einfach unterschiedliche Interessen, die auf unterschiedliche Weise allesamt mehr oder weniger legitim sind. Lass Dir auch nicht einreden, es ginge einfach darum, diese Interessen auf eine Weise zu vermitteln, die für alle Beteiligten die möglichst besten Konsequenzen hat.

Damit wird nur kaschiert, dass es um Leben und Tod geht. Beständig. Immer. Auch wenn Du nur eine Straße entlanggehst. Oder ein Buch ohne Triggerwarnung liest.

Und da es immer um Leben und Tod geht, ist jedes Problem im Kern ein moralisches Problem. Wissenschaftliche Studien? Sind nur wertvoll, solange sie die rechte, also richtige Position unterstützen. Politische Konsequenzen? Dürfen uns nicht davon abhalten, das zu tun, was richtig ist. Wenn Gutes getan wird, kann das bekanntlich logischerweise gar keine schlechten Folgen haben.

Und wenn doch, ist der Feind daran schuld. Irgendwie.

6. Entlarven, nicht diskutieren

Es ist bekanntlich logisch vollkommen ausgeschlossen, dass die Gegner von Arschlöchern selbst Arschlöcher sein können. Es ist also überhaupt nicht nötig, dass Du Deine Position begründest, verteidigst oder legitimierst. Am Ende fühlst Du Dich noch verpflichtet, die Gültigkeit Deiner Meinung zu überprüfen. Lass Dich auf solche Spielchen gar nicht erst ein!

Es genügt völlig zu zeigen, dass die Feinde Feinde sind. Denn das bedeutet logisch zwingend, dass Du selbst zu den Guten gehörst. Die Feindlichkeit der Feinde aber zeigt sich daran, dass ihr Verhalten nicht von vernünftigen Motiven, sondern immer nur von Hass geprägt ist. Egal, was sie tun.

Ein Migrant hat keine Arbeit? Böswilliger Sozialschmarotzer. Ein Migrant hat Arbeit? Nimmt rechtschaffenen Deutschen die Möglichkeit weg, ihre Familien zu ernähren.

Ein Vater hat nach einer Trennung keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern? Ein Schwein, das sich einen Dreck um das Wohl seiner Kinder sorgt. Ein Vater versucht, nach einer Trennung den Kontakt zu seinen Kindern zu behalten? Ein Schwein, das damit nur seine Herrschaftsposition gegenüber der Mutter behauptet und das sich einen Dreck um das Wohl seiner Kinder sorgt.

7. Zivilität ermöglicht Verbrechen

Wer ziviles Verhalten einfordert – wer möchte, dass alle Menschen zueinander zumindest höflich sind – wer gar glaubt, das würde zur Entspannung sozialer Situationen beitragen – der hat einfach den Schuss nicht gehört. Zivilität ist eine Erfindung des Feindes, um seinen Opfern die Möglichkeit zur effektiven Gegenwehr zu nehmen.

Zögere daher nicht, jemanden als menschlichen Abschaum und Masku-Nazi zu beschimpfen, weil er z.B. findet, dass Väter dieselben Rechte haben sollten wie Mütter. Oder jemandem, der die Grenzen nicht dichtmachen möchte, klarzumachen, dass das Blut deutscher Frauen an seinen Gutmenschen-Griffeln klebt.

8. Du bist Luke

Auch wenn Du wenn Du einen sicheren Posten in öffentlichen Institutionen hast, oder einen guten Arbeitsplatz, oder politischen Einfluss, denke immer dran: Du bist der Underdog im Kampf gegen eine übermächtige Herrschaft, die kurz vor dem endgültigen Sieg steht.

Du bist ein Guerillakrieger – ein Subversiver – jemand, der gegen allmächtige Strukturen interveniert. Du bist Luke Skywalker bei der Zerstörung des Todessterns.

Dabei musst Du Dich selbstverständlich ganz auf Dich konzentrieren, solltest keine ablenkenden Gedanken und sicherheitshalber überhaupt keine Gedanken haben. Lass Dich einfach zurückfallen auf das, was Du ohnehin immer schon gewusst hast. Es kann nicht falsch sein.

9. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Außer in Filterbubbles.

Überall um Dich herum ist das Falsche, das Dich ablenkt und vom rechten Weg weglockt. Dagegen musst Du Dich wappnen.

Umgib Dich mit Menschen, die wie Du das Rechte, also Richtige erkannt haben. Es ist wunderbar, ihre Unterstützung, ihre Güte und ihre Herzenswärme zu erleben. Und: Vernünftig wird allein der, der nur mit vernünftigen Menschen redet.

Meide Menschen, die anderes denken. Das geht im Internet ganz leicht – Du kannst sie blockieren, Du kannst sie als Hater bloßstellen, Du kannst sie so lange beschimpfen, bis sie sich endlich verpissen. Ist ja für einen guten Zweck.

10. Keinen Humor – außer für den guten Zweck

Die Situation ist ernst, sehr ernst, und das beständig. Witzele also nicht herum. Glaub bloß nicht, dass Selbstironie sympathisch ist – tatsächlich spielt sie den Gegnern in die Hände.

Humor geht gar nicht.

Es sein denn, Du benutzt den Humor, um die Feinde bloßzustellen, um sie lächerlich zu machen, um sie sichtbar zu machen als das, was sie sind. Dann ist Humor prima und lässt sich sogar auf T-Shirts oder Sweatshirts drucken.

Falls sich darüber jemand beschwert, ist das selbstentlarvend und zeigt nur, dass er keinen Humor hat. Was bekanntlich typisch für die Feinde ist.

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13 Comments

  • Du projizierst. Ich glaube nicht, daß PEGIDA jemals behauptet hätte, sie seien die Guten oder daß sie ihre Anliegen moralisch begründen. Falls doch, bitte ich um Belege dafür.

    Meines Wissens begründen sie ihre Anliegen mit eigenen Interessen („gegen Islamisierung“) und genau deswegen wird ihnen vom Mainstream-Mob aus Linken und Gutmenschen vorgeworfen, sie seien unmoralisch. Und mit dieser Begründung werden sie dann diffamiert, verleumdet usw.

    Die Einstellung, die Du hier beschreibst, trifft also auf PEGIDA gerade nicht zu, sondern nur auf den Mainstream-Mob aus Linken und Gutmenschen. Und auf Dich auch, denn Du wirfst ja anderen Menschen auch mal vor, sie würden „inhuman“ handeln, also unmenschlich.

    • stker:

      Hilf mir auf die Sprünge, mit „Pegida“ meinst Du jene Organisation, die schon mal mit Galgen und Morddrohungen demonstrieren geht, und auf der Hetzer Muslime mit Menschenmüll also Abfall gleichsetzen?!

      Aber wer ein Problem damit hat, ist ein „Gutmensch“; wolltest du das sagen?

  • Ich halte den Begriff des „Gutmenschen“ fuer einen analytisch recht wertvollen Begriff: ein Zeichen unserer Zeit, zumindest in Deutschland, scheint mir jenes „Aufblitzen“ des „Guten“ im Sprecher/Schreiber, jener „ploetzliche“ Rekurs auf fundamentale, absolute und unumstoessliche Grundlagen (z.B. „Die Wuerde des Menschen ist unantastbar“), die sich unmittelbar mit bestimmten Einstellungen/Handlungen verbinden und, der sich voellig gegen Wahrheit abdichtet — es bleibt blosse Moral.

    Ein grosses Problem ist nun, dass eben Pegida etc. eben auch nur groesstenteils aus Gutmenschen besteht. Der linke Mob schaut bloss in einen Spiegel. (Z.B. das dumme „Empoert Euch!“.)

    • @ Oliver K. Das sehe ich auch so. Der Begriff „Gutmensch“ wird häufig von rechtsaußen aus verwendet, aber keineswegs nur von dort, und insgesamt nach meiner Erfahrung wesentlich differenzierter, als es in der Begründung zum „Unwort des Jahres“ ausgedrückt wird. Die Unwort-Wahl hat ohnehin nur einen vorgetäuscht wissenschaftlichen Anspruch – tatsächlich geht es darum, einfach ein Wort zu diskreditieren, das den Mitglieder der Akademie aus politischen Gründen nicht gefällt. Wäre ganz in Ordnung, wenn sie nicht den Anspruch erheben würden, das hätte etwas mit Sprachwissenschaft zu tun.

      Ich kenne, zum Beispiel, auch einige Grünen-Wähler, die den Begriff weitgehend ironiefrei verwenden, auch für ihre eigene Partei. Gemeint ist dann ein Politikstil, für den es allein um moralische Ansprüche geht und für den die Konsequenzen einer Politik wenig zählen.

      Im Hinblick auf diese Hypermoralität sind dann eben auch die Pegidisten „Gutmenschen“, nur dass sie etwas anderes für gut halten als die Grünen.

      Zur Erklärung: Ich kenne einige und ganz unterschiedliche besorgte Bürger, die genau das sind: Bürger, die sich Sorgen machen. Zum Beispiel darüber, dass die Aufnahmeeinerichtungen für Flüchtlinge ohnehin schon seit Monaten bis weit über den Rand ihrer Kapazitäten arbeiten und dass jetzt für 2016 noch einmal eine Million Migranten annonciert sind. Sich darüber Sorgen zu machen, wie das gut gehen soll, ist naheliegend und völlig rational.

      Was ich von Pegidisten kenne, schießt aber weit über solche Sorgen hinaus. Zum Beispiel in einer völlig beliebigen Darstellung Merkels als Nationalsozialistin, dann im selben Atemzug als Stalinistin, dann als Unterstützerin von Vergewaltigungen. Gerade las ich bei Twitter wütende Vorwürfe an jemanden, der die Grenzen nicht zumachen wollte – er wolle eine Vergewaltigungsquote einführen und habe das Blut deutscher Frauen an seinen Gutmenschen-Griffeln (daher die Passage im Text). Ich weiß nicht, ob der Urheber Pegidist war, aber ähnliche Sätze sind mir von dort auch schon begegnet.

      In gewisser Weise sind Pegidisten die Grünen in braun. Sie sind Bürgerschrecks wie die frühen Grünen und reizen die Rolle ebenso lustvoll aus. Auch sie sind hypermoralisiert – sie unterstellen Leuten mit einer anderen Meinung ebenso selbstverständlich übelste Motive – auch sie können sich gar nicht vorstellen, dass ein politischer Gegner rationale Motive für seine Position haben könnte – sie sehen sich als Kämpfer gegen ein rundum korruptes Establishment – und auch sie haben ein apokalyptisches Weltbild, beschreien den Untergang der Zivilisation.

      Allerdings ist das Milieu wohl anders – und die Grünen sind sehr schnell durch die Institutionen nach oben gewandert. Zudem war die Gewaltbereitschaft bei einigen frühen Grünen (ich kannte selbst Leute, die unbedingt Strommasten umsägen wollten) häufig Maulheldentum – ich hoffe, dass das bei der Pegida auch so ist, fürchte aber, dass diese Hoffnung trügt.

      • Die These, Pegidisten seien „Gutmenschen“ und „hypermoralistisch“ und „Grüne in braun“ ist absurd. Nochmal die Frage: Wann haben die Pegidisten ihre Anliegen jemals damit begründet, daß diese moralisch geboten seien, wann sind sie jemals für einen Politikstil eingetreten, für den es allein um moralische Ansprüche geht und für den die Konsequenzen einer Politik wenig zählen? Du willst eine Äquivalenz herbeischreiben, die es nicht gibt.

        Dein Beispiel mit den Beschimpfungen, Vorwürfen und paranoiden Vorstellungen belegt Deine These nicht. Im Gegenteil ist es sogar so, daß solches Verhalten typisch ist für jemanden, der seine Position eben gerade nicht moralisch rechtfertigen kann. Gerade weil er gegen die Hypermoralität nicht ankommt. Deshalb auch die paranoiden Vorstellungen über die durch Moral nur verschleierten Motive seiner politischen Gegner: Er selber denkt ja in Kategorien von Interessen und Nutzen, deshalb unterstellt er das auch seinem Gegner.

      • [Die Pegidisten]: „…auch sie können sich gar nicht vorstellen, dass ein politischer Gegner rationale Motive für seine Position haben könnte“

        Welche rationalen Motive gibt es denn für diese millionenfache „Flüchtings“-Invasion?

        Von den Befürwortern wird doch nur moralisch argumentiert. Am Anfang wurde auch noch behauptet, das seien „Fachkräfte“, die unsere Wirtschaft dringend bräuchte und die einmal unsere Renten zahlen werden. Aber diese Lüge ist inzwischen allzu offensichtlich geworden.

      • Warum willst Du meine Fragen nicht beantworten? Das waren doch sehr einfache Fragen, eine Antwort sollte Dir nicht schwer fallen.

  • Als Schweizer, der die deutschen Debatten in den Medien recht aufmerksam verfolgt, gelangte ich zum Schluss, dass unvoreingenommenes Abwägen von Argumenten selten stattfindet. Jede noch so unbedeutende Äusserung über Politisches muss augenblicklich – mit einem gehörigen Schuss Hysterie – politisch-ideologisch verortet werden. Die Sache ist uninteressant, was zählt, ist die ideologische Positionierung. Es gibt schwarz und es gibt weiss. Grau geht gar nicht. Kein rein deutsches Phänomen, aber in Deutschland i.m.h.o sehr ausgeprägt.

  • Ich empfinde es als keine gute Entwicklung, wenn sich die Gesellschaft weiter polarisiert.

    Das nur vorweg, damit mein ‚Rest‘ nicht missverstanden wird. Denn wir hatten und haben (in der Vergangenheit) schon genug Dissonanzen in der Deutschland AG, als das wir uns nun noch weitere auf den Hals laden sollten.

    Von mir aus können z.B. Linke und Rechte, nebst den Liberalen gerne ihre Meinung haben. Denn: Es ist ihr gutes Recht! So sie denn auf dem Boden des Grundgesetzes bleiben, bei dem manche Verfassungsrichter, wie z.B. ein Herr Papier, davon ausgehen, dass diese seitens der ‚Regentin‘ schon seit September verletzt werden.

    Ich bin kein Freund von Pegida und wie die alle heißen. Und ich denke, die Satire von man-tau ist auch gut formuliert. Allerdings meine ich aich, dass es wohl seine Gründe hat, warum viele spazieren gehen, die scheinbar mutiger sind, als die, deren Meinungen ich zur aktuellen Politik tagtäglich wahrnehme.

    Dieses Land rannte schon mit dem Feminismus in eine Polarisierungs-Falle – und die Weimarer-Geschichte, als Rechte und Linke aufeinander los gingen, scheint sich aktuell zu wiederholen. Das ist keine gute Entwicklung für dieses Land, welches manche aus der Antifa-Szene gerne mit „verrecke“ oder Fäkalien aus dem Darmausgang bezeichnen.

    Ich möchte das nicht weiter vertiefen. Aber hat sich jemand mal gefragt, was passiert, wenn man 1.000 Ameisen eines fremden Haufens in einenen anderen kippt?

    Assimilation, Integration und Migration klappt nur, wenn man gewisse Grenzen einhält. Schimpansen z.B. entpuppen sich als ‚Kannibalen‘, wenn sie einen anderen Clan überfallen – ob uns das nun gefällt; oder eben nicht. Es ist die Natur der Dinge …

    Sicherlich bin ich nun ein „Rechter“ (was übrigens Quatsch ist). Und es könnte durchaus sein, dass ich nun eines ‚Besseren‘ belehrt werde. Aber ich nehme lediglich wahr, denke darüber nach und stelle bedenkliche Entwicklungen in diesem Land fest (aus meiner Sicht).

    Und nun?

    Wie soll das weiter gehen, wenn sich beide Seiten radikalisieren und man noch eine dritte Partei ins Spiel bekommt, die auch mal an den Ball will? Und das ist nur die Spitze eines Eisbergs namens Diversität – vom Feminismus und den Gender-Mainstreaming-Auswüchsen nebst einem Familenrecht jenseits des ‚Guten‘ mal ganz abgesehen.

    Soweit meine „Nachtgedanken“. Frei nach Heine bin ich wohl nun um den Schlaf gebracht.

    Bester Gruß vom Emannzer,
    der das nicht als Rant meint

  • „9. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Außer in Filterbubbles.“

    Dazu habe ich im Zusammenhang mit dem Thema dieses Artikels noch ein interessantes Zitat von Adorno gefunden (Hervorhebung von mir). Aus einer Vorlesung von Adorno aus dem Jahre 1963:

    „Wenn ich den Ausdruck hier einmal gebrauchen soll, dann gehört jedenfalls zu einer sich selbst reflektierenden Humanität ebenso (…) jenes Moment nicht nur der Selbstkritik, sondern der Kritik an jenem Starren und Unerbittlichen, das in uns sich aufrichten will. Es gehört dazu also vor allem das Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit, und damit, würde ich sagen, ist doch das Moment der Selbstbesinnung, der Selbstreflexion heute eigentlich zu dem wahren Erben von dem geworden, was was einmal moralische Kategorien hießen. Das heißt, soweit es auf der subjektiven Seite heute überhaupt so etwas wie eine Schwelle, WIE EINE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN DEM RICHTIGEN UND DEM FALSCHEN LEBEN GIBT, ist sie wohl am ehesten darin zu suchen, ob man blind nach außen schlägt – und sich selber und die Gruppe, zu der man gehört, als Positives setzt und das, was anders ist, negiert -, oder ob man statt dessen in der Reflexion auf die eigene Bedingtheit lernt, auch dem sein Recht zu geben, was anders ist, und zu fühlen, dass das wahre Unrecht eigentlich immer genau an der Stelle sitzt, an der man sich selber blind ins Rechte und das andere ins Unrechte setzt. (…) Mit anderen Worten, wenn man mich pressen würde, nach dem alten antiken Gebrauch die Kardinaltugend zu nennen, würde ich wahrscheinlich und nun allerdings recht hintersinnig keine andere zu nennen wissen als die Bescheidenheit. Man muss also, wenn ich es noch einmal variieren darf, Gewissen haben, darf sich aber auf das Gewissen nicht zurückziehen.“

    (aus: Theodor W. Adorno – Probleme der Moralphilosophie, Suhrkamp, 2015, S. 251 f.)

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