Jungen lesen anders

Am Wochenende saß ich wieder einmal mit einem Freund zusammen, der wie ich Lehrer ist und mit dem ich schon einmal einen Text für man tau gemeinsam geschrieben hatte: Über den Umgang mit Jungen, über unsere Erfahrungen mit Jungen in der Schule. Schließlich sind die spezifischen Schwierigkeiten von Jungen an und mit der Schule schon lange bekannt, werden aber kaum einmal zum Thema der Bildungspolitik. Der Erziehungswissenschaftler Markus Meier dazu:

„Aber es interessiert irgendwie auch niemanden, es geht nur um das ‚Aufholen‘ der Mädchen. Das Thema will niemand wahrhaben.“

Zudem werde der „literacy-Nachteil“ – die Nachteile in der Lesekompetenz – von Jungen kaum einmal angesprochen, obwohl er etwa viermal so hoch sei wie umgekehrt die häufig thematisierten spezifischen Nachteile von Mädchen im Fach Mathematik. Dabei sei ja gerade die geringere Kompetenz im Lesen noch deutlich bedeutender als ein Nachteil in der Mathematik – geringere Fähigkeiten im Lesen wirken sich schließlich nicht nur auf alle Fächer aus, sondern seien auch „lebenstechnisch“ bedeutsamer.

lesender junge

Wir habe also am Wochenende gesammelt, welches aus unserer Erfahrung Gründe für die deutlich schlechteren Leseleistungen von Jungen sind – und was getan werden kann, um diese Leistungen zu verbessern, und um auch den Jungen Spaß am Lesen zu verschaffen. Dabei ist eine weit verbreitete Erklärung in unseren Augen schlicht falsch. 

 

1. Warum lesen Jungen weniger als Mädchen?

Haben Jungen keine Empathie? Mädchen würden sich beim Lesen auch in Jungen- oder Männerfiguren hineinversetzen, Jungen sich aber nicht in Mädchen- oder Frauenfiguren. Da aber nun einmal in einer modernen Pädagogik, die beiden Geschlechtern gerecht wird, auch Bücher mit weiblichen Heldinnen gelesen werden, würden Jungen im Unterschied zu Mädchen bei einem guten Teil der Lektüren aussteigen.

Aus der Erfahrung im Unterricht lässt sich diese Meinung nicht bestätigen. Jungen versetzen sich sehr wohl und durchaus selbstverständlich auch in Mädchenfiguren hinein. Wir haben zum Beispiel beide schon die Erfahrung gemacht, dass Lutz Hübners (mittlerweile schon etwas veraltetes) Stück Creeps – in der lediglich drei Mädchen bei einem Casting auftreten – auch Jungen begeistern kann. Heldinnen wie Lindgrens Ronja Räubertochter sprechen ganz selbstverständlich auch Jungen an.

Die Vorstellung, Jungen würden sich nicht mit weiblichen Figuren identifizieren, verrät wohl einen durchaus traditionellen und tendenziell auch ressentimentgeladenen Blick auf sie: Jungen nämlich wären weniger als Mädchen fähig oder bereit zur Empathie .

Sind Jungen reaktionär? Das ist ebenso wenig richtig wie die Vorstellung, Jungen würden sich stark an traditionellen Männerbildern orientieren und nicht von ihnen abweichen, während Mädchen deutlich offener mit Geschlechterrollen umgingen. Dagegen sprechen schon viele Buchreihen, die gezielt, und bei vielen Mädchen mit großem Erfolg, sehr klischeehafte und traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit bedienen.

Bücher oder auch Filme, deren Protagonisten von typischen männlichen Rollen abweichen, können zudem nach unserer Erfahrung problemlos im Unterricht eingesetzt werden und interessieren Jungen nicht weniger als Mädchen. Das betrifft etwas einen Film wie Billy Elliot in der Mittelstufe, in der ein Junge statt Boxen das Ballettanzen erlernt – oder The Crying Game in der Oberstufe, in dem eine IRA-Geschichte mit dem Thema der Transsexualität verknüpft wird. (Zu diesen Filmen hatte ich hier schon einmal geschrieben).

Wenn auffällig viele Jungen aus der Lektüre von Büchern aussteigen, hat das in der Regel andere Gründe.

lesen

Wie Jungen den Eindruck gewinnen konnten, Lesen sei eine reine Frauenangelegenheit, ist noch nicht vollständig geklärt…

Die Grenze zur Welt der Erwachsenen Perdita Weninger, Geschäftsführerin von Pro familia in Passau, berichtet von einem „Vätervorleseprojekt“. Kinder würden erleben, dass Lesen „überwiegend Frauensache“ sei – und Jungen würden so den Eindruck gewinnen, das Lesen gehe sie weniger als als die Mädchen.

„Väter können also entschieden dazu beitragen, Jungen zum Lesen zu motivieren.“

Die fehlende Vorbild lesender Männer ist sicherlich ein spezifisches Problem für Jungen, tatsächlich aber fehlen Väter ja nicht nur als Lesevorbilder. Dass viele Jungen „ohne einen Elternteil, meistens ohne einen Vater“, aufwachsen, bringt schon Alexander Ulfig mit dem geringeren Leseinteresse von Jungen in Verbindung.

Das trifft natürlich auch Mädchen, hat aber für sie andere Folgen. Es setzt sich zudem in der Schule fort – auch in der Grundschule erleben Kinder kaum männliche Erwachsene. So haben sie oft erst weit nach der Hälfte ihrer Kindheit und Jugend, wenn sie mit elf Jahren auf eine weiterführende Schule wechseln, einen stabilen Kontakt zu männlichen Erwachsenen – und auch dort wird der Männeranteil kontinuierlich geringer.

Das Lesen steht für eine wesentliche Grenze zwischen der Kinderwelt und der Erwachsenenwelt. Wer nicht lesen kann, dem bleiben wesentliche Aspekte der Erwachsenenwelt verschlossen – das gilt für das bloße Entziffern von Wörtern, das gilt dann für das sinnentnehmende Lesen kürzerer Texte, schließlich auch für das Lesen komplexer Texte. Wenn Jungen ein deutlich geringeres Interesse am Lesen zeigen als Mädchen, dann drückt sich darin auch ein deutlich geringeres Interesse daran aus, die Welt der Erwachsenen zu betreten, sie kennen zu lernen und sich in ihr zu behaupten.

Das ist nachvollziehbar. Da die Erwachsenenwelt, die Kinder erleben, zunehmend eine homogen weibliche Welt ist, können Mädchen ihre Identität im Rahmen dieser Welt entwickeln – Jungen aber müssen sich zum selben Zweck von ihr distanzieren. Auch dass sie in hohem Maße auf Computer ausweichen, lässt sich so erklären. Im Bildschirmspiel haben sie nicht nur Spielräume, die sie in der realen Welt nicht haben. Sie betreten auch eine eigene Welt, die Erwachsenen meist verschlossen ist – ein großer Teil der Kinder kennt sich mit Computern, und zumal mit Spielen, besser aus als die eigenen Eltern.

Anstatt also die unbekannte Welt der Erwachsenen zu betreten und dazu – weil das ein wesentlicher Aspekt dieser Grenzüberschreitung ist – lesen zu lernen, ziehen sie sich in eine Welt zurück, die einem großen Teil der Erwachsenen unbekannt ist.

Jungen als Problem Dieser Rückzug ist für sich nicht einmal problematisch, er zeigt sogar, mit welch großer Vitalität sich Kinder auch auf ungünstige Bedingungen der Erwachsenenwelt einstellen können. Der Rückzug endet aber in einer Sackgasse, weil Erwachsene in alle Regel nicht die spezifischen Probleme von Jungen, sondern statt dessen Jungen als Problem wahrnehmen.

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Jungen in der Schule zurückfallen – es ist stillschweigend geteiltes, aber selten diskutiertes Wissen in den Schulen. An den Universitäten und in der Lehrerausbildung spielt es praktisch keine Rolle, ebenso wenig in der Bildungspolitik. Der Grund ist nicht nur ein großes Desinteresse der verantwortlichen Erwachsenen, sondern auch das Bemühen zahlreicher Akteure, das stillschweigende Wissen um die Probleme von Jungen nicht zum Thema allgemeiner Diskussionen werden zu lassen.

Stereotyp wird dabei die These aufgestellt, mögliche Schwierigkeiten von Jungen würden darauf beruhen, dass sie in einer sich wandelnden und öffnenden Welt an traditionellen Männlichkeitskonzepten festhielten – so Thomas Viola Rieske für die GEW, Marcel Helbig für das Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung oder die Professorinnen Helene Decke-Cornill und Carola Surkamp in einem Fachmagazin für den Englischunterricht. Erwachsene idealisieren hier jeweils die Erwachsenenwelt, stellen sie sich als offen und progressiv vor, während sie die männlichen Kinder gleichsam als reaktionäre Bremsklötze imaginieren, die durch ihr Festhalten an überlebten Modellen selbst die Verantwortung für Schwierigkeiten trügen.

Tatsächlich haben diese Positionen eine ähnliche Funktion wie die Beiträge von Wissenschaftlern, die in den Fünfziger Jahren im Auftrag der Tabakindustrie systematisch die vorhandenen Informationen über die Schädlichkeit des Rauchens in Zweifel zogen oder sie umdeuteten.  Es geht jeweils gar nicht darum, eine stichhaltige Position zu entwickeln, auf deren Basis alle Beteiligten sinnvoll agieren können – sondern darum, Besitzstände zu verteidigen, indem so lange wie möglich verhindert wird, dass ein stillschweigend verbreitetes Wissen zum Gegenstand allgemeiner Diskussionen werden kann.

Es ist illusorisch zu denken, dass eine Leseförderung an den Schulen alle Konsequenzen solcher erheblichen bildungs-, familien- und wissenschaftspolitischen Fehlleistungen auffangen könnte. Gleichwohl können Schulen vieles tun, um diese Konsequenzen zu lindern.

 

2. Was können wir in den Schulen tun?

Handlungsfähige Helden Deutlich wichtiger noch als für Mädchen  ist es nach unserer Erfahrung für Jungen, dass ein Buch handlungsstark ist, also eine nachvollziehbare, spannende, vielleicht auch actionreiche äußere Handlung hat. Die Protagonisten müssen nicht unbedingt männlich, aber sie müssen handlungsfähig sein. Jungen würden sich, kurz gefasst, mit Katniss Everdeen aus den Hunger Games eher identifizieren als mit Bella Swan aus der Twilight-Reihe – die tatsächlich fast ausschließlich von Mädchen gelesen wird.

Bella ist ihrem geliebten Vampir Edward hoffnungslos unterlegen, und sie wird von ihm nur deshalb nicht getötet wird, weil er dies nicht will und seinen ungeheuren Drang nach ihrem Blut kontrollieren kann. Wäre das nicht so, hätte sie keine Chance, sich zu wehren. Zudem verbringt sie gleich seitenweise ihre Zeit damit, etwa darüber nachzugrübeln, warum Edward sie in der Schule ein Mal wütend angeschaut hat.

Katniss hingegen ist selbstständig, wehrhaft, trickreich, und sie hat gelernt, sich auf sich selbst zu verlassen.

Bücher, in denen das innere Erleben der Protagonisten im Mittelpunkt steht und die äußere Handlung kaum eine Rolle spielt, lassen insbesondere Jungen auch dann kalt, wenn die Protagonisten männlich sind. Dass solche Bücher aus der Perspektive erwachsener Leser oft als anspruchsvoller und wertvoller gelten als actionreiche Texte, hat Gründe, die mit der Lesefreude von Jungen nichts zu tun haben. Es sind in aller Regel Bücher für sehr geübte Leser, die von den Andeutungen eines inneren Erlebens auf die Zusammenhänge der gesamten Handlung schließen können.

Vor allem spiegelt sich in der Geringschätzung äußerer Handlung auch eine soziale Spaltung – Bücher, die wie Texte von Peter Handke oder Botho Strauß fast ausschließlich aus der Reflexion inneren Erlebens bestehen, sind in aller Regel auch nur für Menschen interessant, deren eigene Tätigkeit eher reflexiv als körperlich ist. Es sind akademische Bücher für ein akademisches Publikum.

Bruno Bettelheim erläutert in seinem Klassiker Kinder brauchen Märchen, dass eine wesentliche Funktion von Geschichten für Kinder darin besteht, ihnen Möglichkeiten zu verschaffen, verschiedene Weisen des Handelns in der Welt durchzuspielen. Zudem verschaffe ihnen das Lesen auch das Zutrauen, selbst große Schwierigkeiten überwinden und auch verzweifelte Situationen klären zu können – daher auch das rituell gute Ende von Märchen.

Dass das Jungen noch wichtiger ist als Mädchen, deutet wohl darauf hin, dass Jungen sich weiterhin deutlich stärker als Mädchen darauf einstellen, sich in der Welt behaupten zu müssen. Wer auch Mädchen in diesem Sinne stärken möchte, sollte also weniger versuchen, Jungen zur Anpassung an Lesegewohnheiten von Erwachsenen, oder von Mädchen, zu bewegen. Sinnvoller ist es,  in der Auswahl von Lektüren die Vorlieben von Jungen ernst zu nehmen und damit zu rechnen, dass sie durchaus auch für Mädchen förderlich sein können.

Tatsächlich habe ich diesen Rat schon vor zwölf Jahren im Referendariat von einer Ausbilderin bekommen. Wir würden die Jungen verlieren, sagte sie, damals schon – und sollten bei der Lektüreauswahl für die Schule immer darauf achten, Bücher für Jungen auszuwählen. Mädchen nämlich würden diese Bücher auch gern lesen – umgekehrt Jungen aber nicht unbedingt spezifische Mädchenbücher.

Wer jedenfalls Bücher mit handlungsunfähigen Protagonisten auswählt, tut dies weder im Interesse von Jungen noch in dem von Mädchen. Sehr ungünstig ist zum Beispiel in dieser Hinsicht die klassische Deutsch-Lektüre Damals war es Friedrich von Hans Peter Richter. Es mag ja gut gemeint sein, anhand dieser Geschichte einer jüdischen Familie und eines jüdischen Jungen im Nationalsozialismus den Schülern die Geschichte des Holocaust nahe zu bringen. Da Friedrich aber rundweg handlungsunfähig bleibt, mutlos, gebrochen, ist er eben keine Identifikationsfigur. Wer als Kind dieses Buch liest und Möglichkeiten des Handelns im eigenen Leben durchspielen möchte, wird sich mit dem nichtjüdischen deutschen Freund von Friedrich identifizieren, aber gegenüber Friedrich Distanz halten. Die Lektüreauswahl erreicht damit eben das Gegenteil des Gewollten.

Neue Welten Zum Handeln in der Welt gehört auch ein Interesse daran, wie die Welt funktioniert. Als eines der Kriterien für eine Bücherauswahl, die Jungen anspricht, nennt die Publizisten Katrin Müller Walde,  dass diese Bücher informativ sein sollten. Das bedeutet nicht, dass nun vor allem Sachbücher für den Deutschunterricht ausgewählt werden müssten – auch wenn es eine gute Idee sein kann, Kindern die Möglichkeit zu geben, Sachbücher im Unterricht vorzustellen.

Auch fantastische Welten, Science-Fiction-Geschichten, möglicherweise auch Geschichten aus einem anderen Zeitalter können gerade für Jungen sehr interessant sein. Schließlich muss in solchen Büchern zwangsläufig eine halbwegs schlüssig funktionierende Welt entworfen werden.

Nach meiner Erfahrung werden solche Geschichten wiederum für viele Mädchen erst dann uninteressant, wenn der technische Aspekt dabei sehr weit in den Vordergrund tritt. Ich habe es zwei Mal – einmal bei einem Buch, einmal bei einem Film – erlebt, dass Jungen davon begeistert waren, Mädchen aber desinteressiert den Kopf schüttelten.

Das eine Mal bei der Lektüre von Douglas Adams’ Per Anhalter durch die Galaxis, von dem ein Junge hinterher meinte, es sei das beste Buch, das er jemals in der Schule gelesen habe. Viele Mädchen hingegen fanden die schräge Technik-Fixierung und den durchgehend überdrehten Humor des Buches regelrecht bekloppt.

Ähnlich groß klaffte die Lücke bei dem Film Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt, der eine Adoleszenz-Geschichte als ein überdrehtes Bldschirmspiel zeigt.

Eine ähnliche Diskrepanz zwischen der Ablehnung durch Mädchen und der Freude von Jungen habe ich übrigens umgekehrt niemals bei einem Buch oder Film erlebt – auch nicht, z.B., bei dem Film Juno über die Schwangerschaft eines jungen Mädchens. Auch wenn die junge Juno deutlich im Mittelpunkt steht, waren Jungen daran nicht weniger interessiert als Mädchen – schließlich kann das Thema auch sie betreffen.

Humor Dass die Lektüre humorvoll sein solle, ist ein weiteres Kriterium, das Müller-Walde nennt. Natürlich müssen nicht alle Lektüren witzig sein, es hilft aber ungemein. Genussvolles oder begeistertes Lesen hat häufig etwas Spielerisches – die Anforderungen des Unterrichts hingegen sind für viele Kinder ernst, manchmal auch belastend. Humor ist nützlich, um dazu etwas Distanz aufbauen zu können.

Humor vermittelt zudem Leichtigkeit und kann Kinder bestärken in dem Vertrauen, dass selbst aussichtslos erscheinende Situationen gemeistert werden können.

Identität Dass ein Schwerpunkt bei der Lektüre von Jungen auf einer starken äußeren Handlung liegt, bedeutet nicht, dass inneres Erleben für sie uninteressant wird. Die Frage nach der eigenen Identität, dem eigenen Ort in der Welt ist für Jungen gewiss nicht weniger wichtig als für Mädchen. Eines von vielen möglichen Beispielen ist Kevin Brooks‘ Being, das die Frage nach der eigenen Identität als fantastische Geschichte durchspielt – aus der Perspektive des Jungen Robert, der merkt, dass er ein Android ist. (Mir persönlich gefällt von Brooks das Buch Lucas allerdings besser…)

Dabei ist auffällig, wie viele Bücher oder Comics Protagonisten haben, deren Existenz gespalten ist zwischen einem Leben in der gewöhnlichen Normalität und einer fantastischen Existenz. Kinder können ein sehr braves und angepasstes Leben führen, ihre anarchischen und wilden Impulse aber auf Freunde regelrecht auslagern – so wie in den Büchern Astrid Lindgrens Thomas und Annika Pippi Langstrumpf haben, so wie Lillebror den Karlsson von Dach hat oder in Rüdiger Bertrams COOLMAN und ich der Junge Kai den imaginären, narzisstisch-überdrehten Superhelden Coolman.

Wiederkehrend ist auch das Muster eines Jungen, der in der gewöhnlichen Realität keine Rolle spielt, in einer fantastischen Welt aber ein Held ist – so wie Michael Endes Bastian Balthasar Bux, der in der Unendlichen Geschichte zum Helden wird – oder Lindgrens Bosse in Mio mein Mio, der als abgelehntes Kind bei Tante und Onkel lebt und als Mio  in einer fantastischen Welt seinen Vater vor dem bösen Ritter Kato rettet – oder natürlich Harry Potter, der in der Familie seiner Tante in einem Verschlag unter der Treppe leben muss und der in der Zauberschule von Hogwards die ganze Welt rettet.

Klassische Doppelexistenzen sind natürlich auch die Superhelden – der unscheinbare Nerd Peter Parker beispielweise, der durch den Biss einer Spinne übernatürliche Kräfte bekommt.

All diese unterschiedlichen Doppelexistenzen geben Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, einerseits ihr Leben im Rahmen der alltäglichen Normalität zu spiegeln, andererseits aber Möglichkeiten durchzuspielen, die weit über diesen Rahmen hinausweisen. Wenn am Ende von Mio mein Mio der Titelheld wieder allein auf einer Parkbank sitzt, dann können erwachsene Leser traurig annehmen, dass seine Heldengeschichte vorher bloß eine Fantasie war – in der Lektüre aber ist sie nicht weniger real als das Leben im Alltag Stockholms.

Auch hier spielen Kinder Möglichkeiten des Handelns in der Welt durch, Möglichkeiten, mehr zu erreichen, als sie zunächst erwartet hätten – und Möglichkeiten, über die Bedingungen hinauszuwachsen, die sie umgeben. Die Frage nach der eigenen Identität und die Frage nach der eigenen Handlungsfähigkeit sind jeweils sehr eng verknüpft – innere Reflexion und eine starke äußere Handlung stehen nicht im Widerspruch zueinander, sondern bedingen sich gegenseitig.  Das hat offensichtlich für Jungen eine ganz besonders große Bedeutung.

Unterricht Wenn es stimmt, das Jungen die Einpassung in eine weiträumig als weiblich erlebte Erwachsenenwelt schwerer fällt als Mädchen, dann hat das auch Konsequenzen für die Gestaltung des Unterrichts und für den Umgang mit dem Lesen.

Den Kindern und Jugendlichen bei der Lektüre Standards geisteswissenschaftlich gebildeter Erwachsener aufzuerlegen, ist vor diesem Hintergrund besonders deplatziert. Das bedeutet nicht, dass keine Klassiker gelesen werden sollen – aber dass die Lektüre der Kinder nicht unnötig begrenzt werden sollte.

Kinder müssen nicht auf Texte verpflichtet werden, die in den Augen Erwachsener qualitativ hochwertig sind. Grundsätzlich gilt: Wenn Kinder eine Sorte von Texten ausdauernd lesen, dann erfüllt das auch eine sinnvolle Funktion für sie. Ob es sich dabei um Comics oder um Romane, um Abenteuergeschichten oder Fußballerbiographien handelt, ist zweitrangig – wichtiger ist, dass die Kinder und Jugendlichen eine Freude am Lesen erleben.

Auch die Art und Weise, wie sie in der Schule mit Texten umgehen, muss ihnen Freiheiten lassen. Es gibt Standardaufgaben des Deutschunterrichts, so zum Beispiel die künstliche und außerhalb der Schule nirgends gebräuchliche Textform der Inhaltsangabe (die etwa die willkürliche Regel enthält, dass beim Verfassen des Textes keine Zitate verwendet werden dürfen), die Lesefreude eher verhindern als fördern. Wir kennen Beispiele, in denen Kinder stereotyp nach jedem gelesenen Kapitel eine Inhaltsangabe verfassen mussten: Es gibt wohl kaum einen Erwachsenen, dem eine solche Aufgabe nicht das Lesen verderben würde.

Die Schulen können freies Lesen fördern, so wie das der Leseexperte Frank Maria Reifenberg vorschlägt. Die Schüler können auch auf eine Weise mit Texten umgehen, die ihnen Freiheiten lässt. Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit Sets von Aufgaben, aus denen die Schüler sich nach bestimmten Vorgaben selbst die Aufgaben auswählen können: zum Beispiel Comics zu bestimmten Szenen zu zeichnen, oder Werbetrailer zum Buch herzustellen, oder Szenen als Fotofolge oder kurze Filme zu inszenieren, oder Szenen mit Musik einzusprechen, oder Szenen aus anderer Perspektive neu zu erzählen…. Der Methodenreichtum des Deutschunterrichts ist mittlerweile sehr groß, und er lässt sich nutzen, um Kindern Spielräume im Umgang mit Texten zu verschaffen, die heutige Erwachsene in ihrem Deutschunterricht oft nicht erlebt haben.

Diese Spielräume sind noch aus einem anderen Grund wichtig: Sie vermitteln Kindern Vertrauen von Erwachsenen. Eben das fehlt vielen, und Jungen auf eine spezifische Weise: Denn sie wachsen auf unter Rahmenbedingungen, in denen sie stereotyp von Erwachsenen nicht als Kinder in problematischen Situationen, sondern als problematische Kinder wahrgenommen werden.

Eine große Hilfe bei der Auswahl von Lektüren – für Klassen oder für die eigenen Kinder – kann die Jungenleseliste von MANNdat sein.

  1. off-topic: ich hätte gerade fast vor Lachen den Rotwein über die Tastatur gekippt, als ich das Promo-Bild für meinen Blog gesehen habe ;-)))) Das Bild ist ja genial! Ist das schon länger da und habe ich das bisher übersehen? Danke jedenfalls!

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    1. Freut mich, dass es Dir gefällt. Ich hab es erst seit ein paar Tagen hier dabei, Du hättest es noch gar nicht sehr viel eher sehen können. Ich fand es einfach schön, dass sie so interessiert liest – und sie hat auch schon einiges gelesen, wie es scheint… Dass sie dabei ein bisschen skeptisch blickt, ist ja ihr gutes Recht. 🙂

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  2. Schöne Analyse!

    Die schlechteren Leseleistungen von Jungen werden ja oft auf geringere Begabung zurückgeführt; zu dieser Frage habe ich in folgendem Buch eine interessante Passage gefunden:

    Jens B. Asendorpf, Franz J. Neyer: Psychologie der Persönlichkeit. 5., vollst. überarb. Aufl., Springer, ISBN 978-3-642-30263-3, 2012. http://www.springer.com/us/book/9783642302633

    Seite 345:

    Verbale Fähigkeiten

    Während Männer in manchen räumlichen Fähigkeiten im Durchschnitt etwas besser abschneiden als Frauen, gilt nach weit verbreiteter Meinung das Gegenteil für verbale Fähigkeiten: Dort seien Frauen besser als Männer. Diese Meinung ist eher dem Streben nach ausgleichender Gerechtigkeit zu verdanken als den Tatsachen. Tab. 7.4 zeigt die Ergebnisse einer Metaanalyse von 120 Studien zu verbalen Fähigkeiten.

    Die gefundenen Unterschiede sind bestenfalls minimal und weisen bei weiterer Aufgliederung in spezifische Fähigkeiten nicht einmal in dieselbe Richtung. Eine Analyse der jährlichen Ergebnisse der verbalen Testwerte für Studienbewerber in den USA zwischen 1967 und 1990 zeigt einen nur minimalen Geschlechtsunterschied (. Abb. 7.5). Dieser Unterschied ist wesentlich geringer als der historische Trend zu schlechteren Ergebnissen (der dem säkularen Trend für den IQ widerspricht; vgl. # Abschn. 4.3.1) und er kehrt sich während dieser Testperiode um zugunsten der männlichen Bewerber – möglicherweise bedingt durch eine steigende Rate von männlichen Schulversagern, sodass die getesteten Männer bereits stärker ausgelesen sind als die getesteten Frauen.

    Wirklich klare Unterschiede gibt es nur im unteren Extrembereich. Starke Leseschwierigkeiten und Legasthenie sind bei Jungen etwa fünfmal häufiger als bei Mädchen (Halpern, 1992).

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  3. Zur Empathiefrage: Ich finde es erstaunlich, daß man einerseits behauptet, Jungen seien weniger empathiefähig als Mädchen, andererseits bringen es Jungen aber schon mit 6 Jahren fertig auf dem Fußballfeld mit sechs anderen als Mannschaft zu kicken. Das beinhaltet Spielzüge, Laufwege und auch Zusammenspiel. Wie macht man das ohne Empathiefähigkeit?

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    1. @ Dummerjan George Herbert Mead führt einen Mannschaftssport wie Fußball als ein zentrales Beispiel für die Fähigkeit zum Perspektivwechsel an. Das bedeutet bei ihm nicht nur, die Situation insgesamt, sondern auch sich selbst mit den Augen anderer zu sehen. Er meint, dass ein guter Mannschaftsspieler sich und seine Aktionen zugleich immer auch aus den Perspektiven der anderen auf dem Platz abschätzen kann.

      Man könnte das schon an einem einfachen Doppelpass deutlich machen. Der setzt nicht nur voraus, dass jeweils beide antizipieren, was der andere macht – sie antizipieren auch, was der jeweils andere antizipiert. Ich weiß nicht nur, was der andere tun wird – sondern auch, was er erwartet im Hinblick auf das, was ich tun werde.

      Ich finde das völlig überzeugend und glaube, dass tatsächlich ohne solche gegenseitigen Antizipationen (und Antizipations-Antizipationen, sozusagen) schon ein einfaches Zusammenspiel nicht klappen würde. Man merkt es nur nicht mehr, weil es so selbstverständlich wird, wenn man es sich antrainiert hat.

      Dass nicht auffällt, wie sehr ein solches Zusammenspiel mit Empathie und der Fähigkeit zum Perspektivwechsel zu tun hat, liegt wohl auch daran, dass es stark zweckgebunden ist. Es geht hier eben nicht darum, sich in jemanden einzufühlen, um zu verstehen, was ihn in der Tiefe seiner Seele bewegt – sondern darum, Kooperation sinnvoll zu organisieren. Das macht diese Empathiefähigkeit aber ja nicht weniger wertvoll.

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  4. Also, ich als Junge, habe gerne Pippi Langstrumpf und den „Negerkönig“ gelesen.

    Bereut habe ich das bis heute nicht – bin aber entsetzt, was unserere PC-Pädagogen daraus machten.Es ist ein einziges Jammertal geworden, welches niemand mehr (er)lesen mag.

    Deine Analyse ist sehr gut – der IST-Zustand dementsprechend miserabel.

    „Judy Moody – Mordsmäßig motzig“ ist ja momentan der totale Renner bei Mädchen.
    – Bei Jungen wohl eher nicht; was seine Gründe haben dürfte, die im Sujet liegen …

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    1. @ Emannzer Ja, ich glaube, es gibt Bücher, die nur Mädchen interessieren, aber so gut wie keinen Jungen. Das ist umgekehrt höchstens bei ein paar Sachbüchern der Fall, die ein sehr eng begrenztes Thema haben. Judy Moody kenn ich nicht, ich glaube aber, dass „Twilight“ z.B. zu etwas 97% von Mädchen und Frauen gelesen wurde – und eine Reihe wie „Freche Mädchen“ ist den meisten Jungen vermutlich völlig unbekannt.

      Das setzt sich möglicherweise so sogar fort. Ich hab vor ein paar Jahren für eine Weile bei jeder Zugfahrt, die ich machte (und ich fahre viel Zug) mindestens einen Menschen im Abteil gesehen, der „50 Shades of Grey“ gelesen hat. Kein einziges Mal einen Mann – es waren ausschließlich Frauen.

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  5. Das Lesen nichts für Jungen ist… da muss ich gleich wieder an die überraschend interessante Fantasy-Buchreihe „Die Sturmlicht Chroniken“ denken:

    https://www.lovelybooks.de/autor/Brandon-Sanderson/reihe/Die-Sturmlicht-Chroniken-in-Reihenfolge-998877557/

    Dort gibt es verschiedenen Völker die in sehr unterschiedlichen Gesellschaften leben und ihr Leben regeln. Im Volk der Hauptprotagonisten entscheidet die Augenfarbe (Hellaugen vs. Dunkelaugen) ob mal zu den herrschenden oder den beherrschten Menschen gehört (Viele Möglichkeit zu Diskriminierung). Gleichzeitig sind die Aufgaben, die Sitzordnungen und selbst das Essen streng nach Geschlecht getrennt. Die Männer kriegen nur herbe bis scharfe Sachen vorgesetzt während es bei Frauen fruchtiges bis süßes Essen gibt. Es sind auch nur die Frauen, die studieren und Wissenschaft betreiben, neue Dinge entwickeln oder künstlerisch tätig sind. So können auch nur die Frauen lesen. Für Männer ziemt sich Lesen nicht und von daher lassen sie sich Nachrichten dann immer vorlesen (daher kam mir das in den Sinn). Helläugige Männer sind hingegen fürs Herrschen und Krieg führen zuständig. Einer der Charaktere kreidet dann auch einmal an das alles was Frauen machen Spaß macht, während bei Männern alles irgendwie mit Gewalt zu tun hat und wie man ein guter Krieger wird.

    Es gibt verschiedene Charakter, hauptsächlich männlich, aber auch ein paar weibliche, die sich innerhalb der Reihe stark entwickeln.

    In Bezug auf das Geschlechter-Ding sehr interessant, aber ob das für Schüler geeignet ist? Ich befürchte nicht.

    Naja, vielleicht etwas offtopic…

    Dann hier noch etwas sehr lustiges über die Unterschiede was Jungen und Mädchen in Geschichten interessant finden:

    http://9gag.com/gag/aeN9oxm/men-are-from-mars-women-from-venus

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    1. @ Matze Die Sturmlicht-Chroniken kenn ich nicht, aber was Du über die Geschlechter dort erzählst, ist tatsächlich interessant.

      Zum verlinkten Gag, in dem ein Junge und ein Mädchen sich mit einer Geschichte abwechseln. Ich mach das tatsächlich öfter mal in Klassen, zum Aufwärmen, dass ich die Schüler zu Beginn eine Geschichte erzählen lasse. Ich fange kurz an, jemand macht weiter, gibt dann wieder weiter etc. In der fünften Klasse war das Ergebnis, was die Geschlechter anging, zunächst wirklich phänomenal deutlich. Die Mädchen erzählten harmlose Geschichten, sobald ein Junge dran war, tauchten plötzlich Zombie-Armeen oder Panzer auf und Atombomben kamen ins Spiel – war wieder ein Mädchen dran, stellte sich plötzlich heraus, dass alles nur ein Traum war und dass alle Toten noch lebten – als der nächste Junge dran war, wurde plötzlich eine Atombombe gezündet etc.

      Es war wirklich auffällig: Bei den Jungen ging regelmäßig alles kaputt, die Mädchen versuchten, alles wieder gut zu machen – und beide Seiten hatten jeweils das Gefühl, die anderen würden ihre Geschichte zerstören.

      Mit der Zeit wurde der Unterschied dann weniger extrem, unter anderem deshalb, weil die Erzählstile einander anglichen. Außerdem hatte ich mit den Kindern gesprochen und ihnen gesagt, dass es das Erzählen Geschichten schwieriger macht, wenn nach ca. zwei Minuten alle Beteiligten tot sind. Oder dass man Spannung durch Andeutungen etc. aufbaut und nicht dadurch, das ständig und in jedem Moment irgendeine Zombie-Armee aufmarschiert.

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  6. Als Vater von zwei Jungs (8 und 12) und einem Mädchen (10) muss ich sagen, dass mir die Analyse gut gefällt. Ich habe aber meine Zweifel, ob die „Verweiblichung“ des Lehrkörpers wirklich so übel, wie dargestellt ist. Mein Referenzpunkt ist Russland, wo es praktisch keine männlichen Lehrer gibt, es aber andererseits auch nicht die beschriebenen Schwierigkeiten.(Ich spreche Russisch, meine Frau ist Russin und meine Kinder waren bis vor 4 Jahren in Russland) Ich denke, die gesamte Lebensweise unserer Gesellschaft tendiert ins „weibliche“. Ein einfaches Beispiel: Raufen war auf dem Schulhof meines Ältesten in Russland ganz normal. Eingeschritten wurde nur, wenn die Sache ausartete. Hier in Deutschland wird sofort eingeschritten und in vielen Fällen kommt gleich der Sozialarbeiter oder der Psychologe. Ich wusste schon, dass es Ärger geben würde, wenn man Ältester hier in die zweite Klasse kommt. Wir hatten aber das große Glück, dass er eine ältere, sehr erfahrene Lehrerin hatte. Als das unvermeidliche passierte und mein Sohn bei einer Rauferei bei einem anderen Jungen Nasenbluten auslöste, da machte diese Lehrerin kein großes Drama. Mein Sohn bekam eine kleine Strafe und die Lehrerin meinte zu mir, dass sie die Situation (Junge kommt neu in Klasse und muss sich behaupten) kenne und ihm das nicht weiter übel nehme. Bei jüngeren Lehrerinnen wäre das anders abgelaufen. Da hätte es ein großes Drama gegeben.
    Zum Lesen: ich denke, dass ein ganz großer Faktor die Veränderung der kindlichen Lebenswelt ist. Selbst hier auf dem Land (oder gerade hier – ich nicht beurteilen, wie es in den Innenstädten mit hohem Migrantenanteil ist) spielen die Kinder nicht mehr draußen. Die Umwelt ist einerseits asphaltiert oder Agrarsteppe und dann gibt es eine geradezu hysterische Besorgtheit um die Kinder. (Auf dem Spielplätzen eilen die Mütter herbei und trösten die Kinder, wenn sie fallen noch bevor die überhaupt zum Heulen kommen) Zum einen, weil die meisten Eltern hier geradezu uralt sind, im Vergleich mit Russland und zum anderen, weil die Bewusstseinsindustrie mit Horrormeldungen die Mütter an die Glotze fesselt. Resultat ist eine massive Einschränkung der physischen Erlebniswelt. Bewegen tun sich die Kinder hauptsächlich im organisierten Rahmen und die Mütter sind zu Berufsfahrern mutiert.
    Für Jungs mit ihrem erhöhten Bewegungsdrang ist kein Platz mehr. Die ziehen sich an den Computer zurück. Dort können sie ausleben, was wir (und die meisten Kinder der Welt) noch im Freien erlebt haben. Doch Computer und Handy sind Teufelszeug. Ich als Erwachsener habe schon Probleme, mich vom Internet loszureißen. Kinder und besonders Jungs werden davon richtiggehend gefesselt. Nach meiner Beobachtung (und der Meinung sind auch alle Lehrer, mit denen ich gesprochen habe) leidet die Konzentrationsfähigkeit enorm. Die Jungs sind so an äußere Reize gewöhnt, dass sie es nicht mehr fertig bringen, sich auf irgendetwas (und natürlich auch aufs Lesen) länger zu konzentrieren.
    In meinen Augen hat man eine ganze Generation an die Bewusstseinsindustrie verraten. Aus Faulheit und Bequemlichkeit (nichts ist leichter als einen Jungen vor einen Computer zu setzen), aber auch weil sich die Lebenswelt tatsächlich sehr stark verändert hat. Meine Jungs haben weder Handy noch Computer aber sie finden auch (kaum) andere Jungs, die draußen spielen. Es ist für uns ein beständiger Kampf, aber was uns hilft ist, dass unsere Kinder tatsächlich noch lesen und sie ergo viel besser in der Schule zurecht kommen. Das sehen die Kinder selbst, was uns die Argumentation erleichtert.
    Gibt es eine Lösung? Es ist sehr schwer und die Schule kann nur bedingt etwas ausrichten. Immerhin gibt es Schulen (so die Realschule meines Ältesteten) die ein striktes Handyverbot durchsetzen. Dies ist nur der gesunde Menschenverstand, aber die Lehrer werden (für meine Begriffe) mit ihren Problemen allein gelassen. Was nicht zuletzt daran liegt, dass viele und gerade Politiker gar keine Kinder mehr haben.

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    1. @ Tom Das Schlagwort von der „Feminisierung“ der Schule finde ich selbst nicht sonderlich glücklich. Das Problem sind ja nicht die Frauen dort – würden die es nicht machen, dann wäre ja, insbesondere an den Grundschulen, überhaupt niemand mehr übrig, der unterrichtet. Das Problem ist aber schon, dass es an Männern fehlt – also eher eine Ent-Maskulisierung als eine Feminisierung.

      Das wäre vielleicht tatsächlich nicht weiter gravierend, wenn zugleich die Väter in den Leben ihrer Kinder einigermaßen präsent wären. Das sind sie nur noch bei einem Teil – es gibt in jeder Klasse reihenweise Kinder, die zu ihren Vätern kaum oder gar keinen Kontakt haben. Nach meinem Eindruck ist für so viele Kinder die Erwachsenenwelt weiblich, dass dadurch das Klima insgesamt erheblich geprägt wird.

      Die von Dir genannten Punkte kommen dazu. Das Verschwinden von Männern aus dem Leben von Kindern hat (auch, aber) nicht nur mit männlichem Desinteresse zu tun – sondern auch damit, dass Männlichkeit seit Jahrzehnten durchaus systematisch negativ konnotiert wird. Das gilt gerade für Kontexte, die in der Schule wichtig sind, also z.B. für die Universitätspädagogik. Und es fehlen männliche Erzieher in den Kindergärten sicherlich auch deswegen, weil viele Männer einfach Angst hätten, sie würden in einem solchen Beruf unter beständigem Verdacht stehen. (Unser Sohn hatte gleich mehrere männliche Kindergärtner – das hat ihm nach meinem Endruck gut getan.) Väter wiederum ziehen sich ja nicht nur desinteressiert zurück, sondern werden oft regelrecht weggebissen – orchestriert von öffentlichen Väterdarstellungen, die enorm abwertend sind (der Satz „Papa war ein Arschloch“ geht z.B. in einigen linken Kontexten glatt als progressive, emanzipatorische Aussage durch.)

      Zum Prügeln: Ich halte es überhaupt nicht für sinnvoll, dass sofort eingegriffen wird, wenn Kinder sich prügeln. Es ist m.E. sehr wichtig, dass sie stillschweigende Regeln kennen lernen (nicht weiter zu machen, wenn jemand am Boden liegt – niemanden ernsthaft verletzen etc.). Das lernen sie nicht, wenn schon ein einfacher Schubser ebenso als Übertritt gilt wie ein Tritt ins Gesicht.

      Ich hab aber festgestellt, dass ich selbst enorm früh eingreife, wenn ich raufende Kinder sehe. Der Grund ist einfach: Ich hab schlicht schon oft erlebt, dass einfache Raufereien in Windeseile zu ernsthaften, bedrohlichen Prügeleien wurden. Möglicherweise hat eine Pädagogik der totalen Pazifizierung der Kinder eben das Gegenteil des Gewollten produziert: Keine friedlichen, unaggressiven Kinder – sondern Kinder, die ihre Aggressionen überhaupt nicht mehr richtig steuern können und kein Maß dabei haben.

      Computer sehe ich wiederum für Kinder gar nicht prinzipiell als Problem an – auch hier ist es wichtig, dass sie einen Umgang und ein Maß damit lernen. Gravierend sind zwei andere Aspekte. Der eine ist, dass Kinder sich, wie auch von Dir angesprochen, sehr gut vor dem Computer parken lassen und dann keine Aufmerksamkeit mehr benötigen, scheinbar.

      Der zweite: Dass die sozialen Netzwerke einen enormen Druck ausüben, beständig dabei zu sein. Ein Junge meiner Klasse erzählte mir mal, dass an einem einzigen Wochenende bei der WhatsApp Gruppe der Klasse (also einer sehr begrenzten Anzahl von Schülern) 1500 Nachrichten zusammengekommen seien. Der Druck, ständig auf dem Laufenden zu sein über das, was geredet wird – darüber, ob über MICH geredet wird etc. – der ist enorm. Daher ist es auch wichtig, dass Schulen die Benutzung von Handys weitgehend untersagen – nicht zuletzt deswegen, weil das auch den Schülern für eine Weile etwas von diesem Druck nimmt.

      Antwort

  7. Michael Schäfer 26. Januar 2016 um 10:41 am

    Schöner Artikel. Aber vergebens. Unser Schulsystem hat weder die Lehrer, noch die finanziellen Mittel und den politischen Willen, in dieser Richtung etwas umzusetzen.

    Antwort

    1. @ Michael Schäfer Das Geld wäre durchaus da, was fehlt, ist der politische Wille. Und was die Lehrer angeht: Es gibt durchaus Kollegen UND Kolleginnen, die sich der prekären Situation von Jungen bewusst sind und die sich darum bemühen, ihr gerecht zu werden. Im eigenen Unterricht. Aber es gibt praktisch keine Versuche, gemeinsame Positionen zu beziehen, so etwas wie Jungenförderung zu koordinieren.

      Besonders bitter ist das, was sonst aus den Institutionen kommt. Ein Beispiel: Als im letzten Jahr der Deutsche Schulpreis der Bosch-Stiftung vergeben wurde, da ging er — an eine Mädchenschule. Weil diese Schule Mädchen besonders in Naturwissenschaften gefördert hätte. Der Schulpreis-Jury war völlig egal, welche Botschaft sie damit noch in die Landschaft gesandt hat: nämlich, dass man Schule am besten machen könne, wenn man sie ohne Jungen macht.

      Antwort

  8. Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Was Du über die fehlenden Männer im Umfeld von Jungs sagst, habe ich mir noch gar nicht so überlegt. Vielleicht bin ich dem auch einfach noch nicht begegnet. Allerdings ist auch eine ganze Generation nach dem Krieg groß geworden, die keine Väter hatte. Diese Generation (so Edmund Stoiber in dessen Klasse laut „Zeit“ von 35 Kindern 19 keine Väter mehr hatten) hatte jedoch nicht mit diesen Problemen zu kämpfen. Zumindest nicht so stark oder auf andere Art. Probleme wegen der abwesenden Väter jedoch gab es sehr wohl. Dass jedoch männliche Lehrer Jungs gut tun, das glaube ich gerne. Ist meine persönliche Erfahrung und beobachte ich auch bei meinem Ältesten und seinem Mathelehrer.
    Ich glaube es gibt ein grundsätzliches Problem in dieser Gesellschaft mit der Übertechnisierung aller Lebensbereiche. Man glaubt alles sei machbar und das betrifft auch den Mensch. Es ist zum Beispiel idiotisch, die Anforderungen für Feuerwehrleute so stark zu senken, bis auch die Durschschnittsfrau ihnen genügt. Oder der Wahnsinn in der Bundeswehr. Schließlich die Geschichte mit der Gorch Fock. Die war für mich ein schlagendes Beispiel, wie sich diese Gesellschaft aus der Realität verabschiedet. Sehr interessant ist das Beispiel Jens Berger. Der ist einer der Betreiber der Nachdenkseiten und hat mal auf der Gorch Fock gedient. Er hat eine sehr interessante Verteidigung des Kapitäns und seiner Mannschaft geschrieben. Mir scheint Du bist ein Segler und kannst Dir vorstellen, was er geschrieben hat. Nämlich wie wichtig es ist, dass die Mannschaft reibungslos zusammenarbeitet und dass auch jeder fähig und imstande ist, bis an seine absoluten körperlichen Grenzen zu gehen. Dass zum einen junge Frauen jede Gruppe von jungen Männern durcheinanderbringen und zum anderen Frauen einfach körperlich extremen Belastungen nicht so gewachsen sind wie Männer. Doch das darf man nicht mehr sagen. Dafür hat er einen höllischen Ärger in sogenannt linken Kreisen bekommen. Jetzt findest Du den Artikel nirgendwo mehr.
    In Deutschland herrscht echte Palmström Logik. „Denn so schloss er messerscharf: was nicht sein kann, das nicht sein darf.“
    Das Netz hat die Sache enorm verschlimmert. In meinen Augen ist z.B. der Netzfeminismus nur noch damit zu erklären, dass weite Bevölkerungskreise die Netiquette tatsächlich mit dem Leben verwechseln. Das heißt Haltungen aus dem Internet auf das „wahre“ Leben übertragen.
    Diese völlige Entkörperlichung hat gerade für die Jungs schlimme Konsequenzen. Und da muss ich Dir absolut zustimmen: die Pazifizierung von der Du schreibst, bewirkt, dass die Jungs nie lernen, dass man Gewalt abgestuft einsetzt. Es ist alles oder nichts. Wer nicht lernt, mit Gewalt spielerisch umzugehen, der wird im späteren Leben meinen, nur noch die Wahl zwischen wegrennen und Waffeneinsatz zu haben. Darauf laufen im Übrigen immer öfters auch Polizeieinsätze in unseren Innenstädten hinaus, weil man gegen jede Logik gerade auch dort darauf beharrt gemischte Patrouillen einzusetzen. Will man den Einsatz eines Duos aus Mann und Frau zum Scheitern bringen, braucht man nur die Polizistin angreifen. Der Mann wird sich dann nicht um den Straftäter kümmern, sondern versuchen, die Frau zu schützen. Oder er muss zur Waffe greifen. Im Endeffekt laufen beide meistens davon.
    Ich befürchte, dass man nach Köln über solche Fragen gar nicht mehr nachdenken, sondern immer mehr zur Waffe greifen wird. Auch und gerade zur Waffe im übertragenen Sinne. Also Verschärfungen des eh schon fragwürdigen Sexualstrafrechts usw.
    Was Computer angeht, so sind wir offensichtlich verschiedener Meinung. Oder nicht ganz. Ich denke auch, dass eine zeitlich klar beschränkte Nutzung noch in Ordnung geht. Nur ist sie verdammt schwer durchzusetzen. Daher unser Computerverbot.

    Antwort

    1. @ Tom Die von Dir angesprochene Senkung von Standards leuchtet auch mir nicht ein. Als Laie und Zivilist (ich war Zivi, hab also die Bundeswehr nicht als Soldat kennen gelernt) denke ich mir: Entweder die Standards haben eine wichtigen sachlichen Grund und spiegeln die Anforderungen des Berufs wieder – dann macht man sich und anderen etwas vor, wenn man sie für bestimmte Gruppen senkt, um Zugänge zu erleichtern. Oder die Standards spiegeln diese Anforderungen nicht wieder – dann müssten sie für alle angepasst werden, nicht nur für eine Gruppe. Sonst signalisiert man unweigerlich, dass an diese Gruppe nur zweitklassige Erwartungen gerichtet werden können.

      Bei Polizistinnen glaube ich allerdings, dass es auch Vorteile hat, wenn nicht nur männliche Polizisten unterwegs sind. Ich glaube z.B., dass viele – nicht nur Frauen selbst – sich im Gespräch mit Polizistinnen erst einmal leichter tun als im Gespräch mit Polizisten. Ob männliche Polizisten eine selbstgefährdende Schutzhaltung gegenüber Kolleginnen einnehmen, kann ich allerdings nicht beurteilen.

      Den Hinweis auf die Kriegsgeneration finde ich besonders wichtig. Tatsächlich ist die Vaterlosigkeit ja so etwas wie ein Leitmotiv in den Familiengeschichten des zwanzigsten und des beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die Generation junger Männer, die in den 2. Weltkrieg gezogen sind, hatte ja schon mit dem Vaterverlust des 1. Weltkriegs zu kämpfen. Danach waren noch einmal mehr Väter verschwunden. Die verbliebenen Väter waren dann über Jahrzehnte mit dem deutschen Wirtschaftswunder beschäftigt.

      Und als dann endlich die soziale, politische und ökonomische Situation so war, dass die Kette der Vaterlosigkeit durchbrochen werden konnte – da wurde diese Vaterlosigkeit dann gesetzlich und ideologisch erzwungen. Das wäre m.E. gar nicht möglich gewesen, wenn Menschen sich in den Jahrzehnten vorher nicht daran gewöhnt hätten, das Trauma des Vaterverlusts als etwas ganz Normales wahrzunehmen.

      Immerhin aber gab es vorher noch Männer in den Schulen, auch in den Grundschulen. Die heutige Situation unterscheidet sich in meinen Augen durch zwei Faktoren von der Vaterlosigkeit vergangener Jahrzehnte. Erstens ist für viele Kinder die Erfahrung einer homosozial-weiblichen Erwachsenenwelt normal, Männer fehlen nicht nur in den Familien, sondern auch in den Institutionen, die Kinder erleben.

      Und zweitens ist diese Erfahrung begleitet von einer mehr oder weniger subtilen, aber alltäglichen Abwertung von Männlichkeit. Ich finde es zum Beispiel verrückt, dass der zweite Landesvorsitzende der Hamburger Grünen, Gwosdz, einfach alle Männer als potenzielle Vergewaltiger hinstellen konnte, ohne dass irgend einer in seiner Partei sich ernsthaft daran störte. Es ist für mich belastend, dass unser Sohn in einem Land aufwächst, in dem er allein wegen seiner Geschlechtszugehörigkeit von einer der wichtigsten Parteien als Verbrecher hingestellt wird (auch wenn dann großmütig eingeräumt wird, dass es ja an ihm selbst läge, ob er seine geschlechtsgegebene Tendenz zum Verbrecher auch tatsächlich realisiere)

      Auch in der Hinsicht haben wir uns daran gewöhnt, Verrücktes als normal wahrzunehmen.

      Antwort

  9. StatistikFan100 27. Januar 2016 um 11:53 am

    Dies ist ein faszinierender Artikel. Vielen Dank dafuer!

    Auch ich (maennlich) habe mit Freude viele der genannten Buecher von Astrid Lindgren gelesen und „Damals war es Friedrick“ ueberhaupt nicht gemocht.

    Insbesondere das mit den Fantasiewelten habe ich genau so erlebt.

    Ich mag sie heute noch und habe aus diesem Artikel heraus meiner Fantasie mal wieder komplett freien Lauf gelassen. Was fuer eine Befreiung!

    Das neue Zeitalter bietet viele neue Herausforderungen.

    Vielen Dank fuer Ihren Einsatz auch fuer Jungen und es ist sehr sehr entspannend, dass hier keine Ideologie herrscht und niemand meint, dass das „so ist und nicht anders“, sondern lediglich Tendenzen, Ideen und Moeglichkeiten aufgezeigt werden.

    Liebe Gruesse,

    Hans

    PS: Gibt es einen Twitter-Account, dem ich folgen koennte um neue Blog-Beitraege mitzubekommen? (email habe ich bereits abboniert)

    Antwort

    1. @ Hans Vielen Dank für den Kommentar, der hat mich sehr gefreut!

      Ich hab heute Nachmittag mal ein kleines Twitter-Fenster an der rechten Seitenleiste eingerichtet. Dort bin ich als @LucasSchoppe1 zu finden.

      Antwort

  10. Also, vieles davon unterschreibe Ich sofort. Besonders das mit der Literaturauswahl. Damals war es Friedrich war auch so langweilig, dass Ich alles davon wieder vergessen hatte. Bei einem anderen Buch über die Nazis erinnere ich mich nur daran, dass sich die Schüler darüber beschwerten, wie Hässlich Schulranzen seien.

    Sehr häufig waren es Bücher, die teilweise das Thema verfehlt hatten. In der 5. Klasse hatten wir ein Buch über Indianer gelesen, wo es aber nur um einen Vater ging, der mit seinen Kindern einen Zoo besuchte.

    Und sowas will ich beim Thema Indianer nicht lesen. Da will Ich eher lesen, wie ein Cowboy mit einem Apachenhäuptling Blutsbruderschaft schließt, oder wie Indianer ein kleines Mädchen aus einem Dorf entführen und die Cowboys zu einer Racheaktion aufbrechen. 😉

    Oder auch eine Geschichte um den Wahlfang, die sich nur mit der Ehefrau und den Kindern des Wahlfängers beschäftigte und in der kein einziger Wahl harpuniert wurde.

    Und sehr viele Bücher waren komplett belanglose Kindergeschichten, die nicht über das Allttägliche hinaus gingen. Von wegen Kinder treffen auf einen italienischen Schweinetüchter. Da hätte man uns auch ein Buch über umgefallene Säcke Reis geben können.

    Was mir Spaß gemacht hatte, waren die Schachnovelle, die Physiker, The Handmaids Tale und Macbeth.

    Bei Klassikern, was Ich schrecklich fand, war Emilia Galotti. Meine Eltern hatten mir zwar auch gesagt, ich sollte doch mal Lessing lesen. Bevor wir den in der Schule hatten, hatte Ich mehr Spaß an Heidegger, Nietzsche, Sartre, Konrad Lorenz, Camus, Adam Smith, Platon etc.

    Nachdem wir Emilia Galotti gelesen hatten, fasste Ich Lessing nicht mal mehr mit der Kneifzange an. Ich fand den einen widerlichen, Ehrenmord verherrlichenden Autor.

    Meine Eltern meinten zwar, Lessings Nathan der Weise sei ganz anders und das deutlich bessere Buch, aber auf Grund meiner Schulerfahrung mit Lessing wollte Ich von dem Kerl nichts mehr wissen.

    Vor einigen Jahren hatte ich mal kurz in den reingelesen und hatte das Gefühl gehabt, meine Eltern hatten Recht und Nathan der Weise ist wirklich ein geniales Buch. Hab das dann aber irgendwie nie komplettiert, weil Ich Dostojevski deutlich spannender fand.

    Theodor Fontanes Irrungen und Wirrungen habe Ich auch in der Schule gelesen, aber auch alles wieder vergessen.

    Ein Buch, was mir sehr furchtbar in Erinnerung blieb ist „Papa, was ist ein Fremder?“. Erstens ist das ein politisch korrektes, um es mit Akiv Pirincci zu sagen, „linksversifftes Gutmenschenbuch“. (Wird ja von Grünen auch explizit empfohlen. Fand Ich vor 3 Jahren auch besonders lustig, als Ich das wieder fand, dass da drauf steht, „Empfohlen von Daniel Cohn Bendit“. Hab dann allen gesagt, dass ich es unheimlich finde, dass unsere Lehrerin mit Uns Sachen machte, die von Daniel Cohn-Bendit empfohlen wurden. 😉 Und wenn Ich mit 13 gewusst hätte, wer Daniel Cohn-Bendit war, hätte unsere Lehrerin dieses Buch wahrscheinlich sehr schnell bereut. )

    Außerdem war dieses Buch eine Orgie an nicht angezeigten Plagiaten aus anderen Büchern. Deshalb hätte dies auch Karl Theodor zu Guttenberg empfehlen können.

    Und zum Thema Niveau und Science Fiction: Das Niveauvollste Buch was Ich bisher las ist meiner Meinung nach VALIS von Phillip K. Dick. Da wird auch fast die gesamte Geschichte abendländischer Philosophie nebenher behandelt. Das ist in meinen Augen deutlich Niveauvoller als Fontane und Lessing.

    Ach ja, unsere Deutschlehrerin hat im Politikunterricht auch als Thema zur Aufklärung Rousseau gewählt. Ausgerechnet diesen primitiven Möchtegernneanderthaler. Warum nicht John Locke, VoltaIre oder Adam Smith. Die 3, und davon besonders Adam Smith, halte ich nämlich für deutlich intelligenter als Rousseau und seinen Schwachsinn vom von Natur aus guten Menschen.

    (Was ich aber bei Rousseau gut finde, der hat gesagt „Schule ist Scheisse“. Und da bin ich mit dem vollkommen einer Meinung. 😉 )

    Zum Glück hat unser Philosophielehrer in der Oberstufe mit Uns Thomas Hobbes gelesen. Das ist im Gegensatz zu Rousseau nämlich ein intelligenter Philosoph gewesen.

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  11. […] Mit Möglichkeiten, Jungen zum Lesen zu motivieren, beschäftigt sich der Gymnasiallehrer Lucas Schoppe: Jungen lesen anders. […]

    Antwort

  12. Kann nur sagen, einige meiner Lieblingskinderbücher von Kir Bulytschov drehen sich um die Abenteuer eines Mädchens im Weltraum. Ich erinnere mich auch an Roboter Geschichten eines weiblichen Roboters names Wilhelmine. Hat Interesse und Identifikation nie irgendwie in Frage gestellt. Allerdings ging es bei diesen Stories auch nie um einen Geschlechterkampf (in kindicher Form), es waren einfach Abenteuer. Wenn man Mädchengeschichten schreibt, die aber betonen müssen, wie die tollen Mädchen es den doofen Jungs mal wieder gezeigt haben, schaft man natürlich keinen Identifikationsanreiz für Jungen.

    Antwort

    1. Danke. Kennst du noch mehr? Ich liebe SciFi und lese das fast ausschließlich, habe aber festgestellt, dass es für Kinder (jenseits von StarWars, was ich nicht ausstehen kann) so gut wie nichts gibt. Ich war sogar in einem speziellen Kinderbuchladen.

      Gut der Kleine mag andere Sachen auch, aber ich ärgere mich trotzdem darüber. Selbst eine Internetrecherche hat mich nicht nennenswert weitergebracht.

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  13. […] Schoppe hatte vor einigen Monaten in einem sehr aufschlussreichen Text namens „Jungen lesen anders“ aufgeführt, welche Mythen über die Lesegewohnheiten von Jungen herrschen und was sie […]

    Antwort

  14. […] Kommentare unter dem Artikel „Jungen lesen anders“, die mich zum Lachen gebracht […]

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  15. Danke, guter und wichtiger Artikel!

    Ich kann alles bestätigen. Vorlesen, vor allem durch den Vater, ist für Jungen sehr wichtig. Aktives handeln, statt Passivität usw.

    Es kommt m.E. aber noch etwas hinzu: lesen selbst, ist eine eher passive Tätigkeit. Ohne TV und Computer war es früher eine Möglichkeit der Langeweile zu entkommen. Das Erregungspotential bei Computerspielen ist aber viel höher!

    Bei unserem Sohn haben wir (ich meine mit großem Erfolg) die Erlaubnis Computer zu spielen daher als extrinsische Motivation eingesetzt. Er darf es nur, wenn er sich genügend „Punkte“ mit lesen (z.B. pro Seite einen Punkt) oder Haushaltshilfe verdient hat, wobei jeder Punkt zu einer viertel Stunde spielen berechtigt. Zwei frei wählbare Tage in der Woche müssen ganz spielefrei bleiben, niemals vor 12 Uhr und erst wenn die Hausaufgaben gemacht sind. Eine unglaublich starke Zugkraft!

    Man könnte meinen, dass er das als Zwang empfindet und daher nicht gerne liest, aber das Gegenteil ist der Fall. Da er es oft macht und daher gut kann, taucht er schnell in die Geschichten ein und Geschichten liebte er schon immer. Er spielt trotzdem lieber Computer, wenn er die Wahl hat, aber sobald wir irgendwo unterwegs sind oder abends im Bett, hat er ein Buch in der Hand (deshalb besser keine Tablets und Handys zum spielen geben und Einsatz immer kontrollieren).

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