Wie hast du’s mit dem Feminismus?

Kritik am Feminismus – mansplained to a feminist

Es mache sie fassungslos, „wie man sich heute nicht als Feministin bezeichnen könne.“ So zitiert der Spiegel gerade die Schauspielerin Ellen Page, für die der Feminismus – um das einmal mit einem Merkel-Begriff auszudrücken, der im Jahr 2010 zum Unwort des Jahres gewählt wurde – alternativlos ist.

Im Blog Alles Evolution gab es vor einer Weile eine lange Diskussion mit der Bloggerin Alice Greschkow. Greschkow hatte in einem Artikel darüber geschrieben, wie schwer sie es finde, mit Männern über Feminismus zu sprechen. Es sei wie ein „Eierlauf“, „als würde ich dem Mann einen unsichtbaren Schatz wegnehmen wollen“. Gerade nach den Ereignissen in Köln gehe sie aber oft offensiv auf Männer zu und frage – „sag mal, was hältst Du vom Feminismus?“ 

Die Frage erscheint hier als zeitgemäße Version der berühmten Gretchenfrage aus dem Faust, mit der Margarete herausfinden wollte, ob Faust tatsächlich ein ehrenhafter Mann ist – Wie hast du’s mit der Religion? Mit jeder andere Antwort als einem entschlossenen Ausdruck der Begeisterung  diskreditiert sich dann der Antwortende selbst. Für Gretschkow ist ihre Frage aber möglicherweise als Auftakt eines offenen Gesprächs gemeint, nicht als dessen Ende.

Tatsächlich sind mir  im Offline-Leben schon Frauen begegnet, die sich als Feministinnen bezeichnet haben und die im Hinblick auf Geschlechterthemen gesprächsbereit waren (im Netz natürlich seltener, da sind Menschen in der Regel entweder gesprächsbereit oder feministisch). Oft hat der Feminismus, so mein Eindruck, für sie eine erhebliche persönliche Bedeutung – als eine politische Bewegung, der sie ihre persönlichen Freiheiten zu verdanken hätten, oder die ihnen dabei geholfen habe, selbstbewusst zu leben.

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Beim Lesen der Diskussion mit Frau Greschkow kam mir dann die Idee, für Feministinnen einmal aufzuschreiben, warum es trotz allem Menschen gibt, die an feministischen Positionen Kritik üben – warum es also Menschen gibt, die trotz aller offenkundigen Alternativlosigkeit noch immer nach Alternativen suchen.

Kritik am Feminismus – Mansplained to a Feminist.

Was sind das eigentlich für Leute, die den Feminismus kritisieren? Eigentlich sind feministische Positionen politische Positionen wie andere auch und können damit selbstverständlich zum Gegenstand von Kritik werden. Dass diese Kritik legitim ist, bedeutet dann ebenso selbstverständlich nicht immer schon, dass sie auch sachlich treffend ist.

Wenn Positionen aber als alternativlos betrachtet werden, dann ist natürlich Kritik an ihnen zwangsläufig unvernünftig. Dann stellt sich auch nicht die Frage nach den – guten oder schlechten – Gründen der Kritiker, sondern nach den persönlichen Motiven, die sie bewegen. Ihre Kritik an feministischen Positionen sage also nichts über diese Positionen, sondern bloß etwas über die Kritiker selbst aus.

So ist es dann aber ein wesentliches Problem im heutigen Feminismus, dass seine Vertreterinnen in aller Regel schon alle Antworten kennen, bevor überhaupt eine Frage gestellt wurde. Warum es Menschen gibt, die sich von ihren Ideen distanzieren, ist beispielsweise immer schon geklärt, ohne dass diese Menschen überhaupt den Mund aufgemacht haben. Es liegt dann natürlich daran, dass sie an Privilegien gewöhnt sind, die sie sich nicht nehmen lassen wollen – oder dass sie Herrschaftspositionen nicht verlieren wollen – oder dass sie reaktionären Geschlechterbildern nachhängen –  oder dass sie irgendjemanden brauchen, dem sie die Schuld für ihre persönlichen Probleme geben können.

— Ja, so etwas gibt es. So wie es auch Menschen gibt, die denken, Flüchtlinge seien Schuld an ihren Problemen – oder Männer – oder Maskus – oder Hersteller von Barbiepuppen, die unrealistische Schönheitsideale transportieren. Dass Menschen nach Sündenböcken suchen, ist recht normal – das aber rechtfertigt es nicht, vernünftigere Gründe für Kritik zu ignorieren.

Als Faustregel: Wenn dir Idioten widersprechen, bedeutet das nicht schon zwangsläufig, dass du im Recht bist.

Egalitäres Selbstbild, anti-egalitäre Praxis Die wesentliche Kritik am heutigen Feminismus, so kurz wie möglich formuliert: Er ist eine sehr einflussreiche anti-egalitäre politische Bewegung. Das wird für Feministinnen absurd klingen, weil nach ihrem Verständnis feministische Positionen definitionsgemäß egalitär sind und in jedem Fall für Gleichberechtigung stehen. Das kann aber eben auch bedeuten,  dass Selbstverständnis und politische Praxis im heutigen Feminismus weit auseinanderklaffen.

Eben das stellt Kritiker wiederum vor ein seltsames Problem: Sie erleben überrascht, dass sie, gerade weil sie das egalitäre Selbstverständnis von Feministinnen ernst nehmen und teilen, als „Frauenhasser“ oder als reaktionäre Verfechter von Privilegien hingestellt werden.

Sind wir schon alle gleichberechtigt? Aus der Perspektive der meisten heutigen Feministinnen ist Gleichberechtigung bloß formell erreicht, tatsächlich aber seien Frauen weiter benachteiligt – etwa in der Bezahlung von Berufen oder der Besetzung von Spitzenpositionen. Dabei aber stimmt schon die Grundannahme nicht – eine formelle rechtliche Gleichberechtigung gibt es in Deutschland nicht.

Es gibt zwar kein einziges deutsches Gesetz, das  Frauen rechtlich benachteiligt. Es gibt aber sehr wohl Gesetze, die Männer benachteiligen – allen voran die Gesetze zur Kindessorge und zum Unterhalt, die erhebliche Folgen für Betroffene haben können, für Väter und für Kinder. Die Wehrpflicht für Männer ist ausgesetzt, nicht abgeschafft – Posten wie der der Gleichstellungsbeauftragten werden nur an Frauen vergeben. Die Beschneidung von Jungen ist erlaubt, die von Mädchen nicht – obwohl beide die körperliche Integrität erheblich verletzen. Selbst die für die meisten Menschen unaufällige Tatsache, dass weiblicher Exhibitionismus im Unterschied zum männlichen erlaubt ist, kann für einige Betroffene erhebliche Folgen haben.

Ginge es um Gleichberechtigung, dann müsste heute vor allem die Position von Männern oder Jungen verbessert werden.

Sind Rechte von Männern wichtig? Aus ihrer Perspektive ist es allerdings in aller Regel nicht die Aufgabe von Feministinnen, sich auch noch um gesetzliche Benachteiligungen von Männern zu kümmern. Das Problem dabei: Wer sich auf Gleichberechtigung beruft, muss gleiche Rechte aller im Auge haben. Ich will gleiche Rechte, die anderen aber sollen keine gleichen Rechte haben – das ist offenkundig eine widersprüchliche Position.

Sie übersieht, zum Beispiel, dass die Erfolge des Feminismus immer auch deshalb möglich wurden, weil hinreichend viele Männer am Kampf gegen Benachteiligung von Frauen beteiligt waren: Warum sollte das umgekehrt ausgeschlossen sein?

Sie übersieht auch, dass viele Feministinnen gegenüber den gesetzlichen Benachteiligungen von Männern nicht nur indifferent sind, sondern auch aktiv und auch mit großem Einsatz dafür eintreten, dass diese Benachteiligungen bestehen bleiben. Ohne den durchaus verbissenen Widerstand feministischer Mütterlobbyistinnen in den rot-grünen Parteien und ihre Infrastruktur wäre es niemals möglich gewesen, dass die grund- und menschenrechtswidrige rechtliche Benachteiligung von Vätern über Jahrzehnte Bestand hatte und auch heute noch nicht ganz beseitigt ist. Auch und gerade hier ist der heutige Feminismus eine Bewegung für rechtliche Ungleichheit von Menschen.

Brauchen wir einen Opferwettkampf? Das ist aus der Perspektive vieler Feministinnen auch unproblematisch – denn die rechtlichen Benachteiligungen von Männern seien nicht einmal ein kleiner Ausgleich für die sozialen Benachteiligungen von Frauen in der Männergesellschaft: Gender Pay Gap, Besetzung von Aufsichtsratsposten, Alltagssexismus seien deutliche Symptome davon.

Während aber rechtliche Benachteiligungen klar benannt werden können, ist die Beurteilung sozialer Benachteiligungen immer auch eine Frage der Abwägung – und des Ausgleichs verschiedener Perspektiven und Interessen. Dabei geht es nicht darum, einen Wettkampf von Männern und Frauen um die die glaubwürdigste Darstellung der Opferrolle zu initiieren, und auch nicht darum, der Vorstellung einer umfassenden Unterdrückung von Frauen nun eine der umfassenden Unterdrückung der Männer entgegenzustellen.

Wer sich aber allein auf die Perspektive und die Situation von Frauen konzentriert, kann überhaupt nicht vergleichen, ob geschlechtsspezifische Benachteiligungen Frauen oder Männer stärker treffen – oder besser noch: entscheiden, in welchen Zusammenhängen Frauen und in welchen Männer geschlechtsspezifische Benachteiligungen erfahren. Das aber ist wohl einer der Kernfehler des heutigen Feminismus: Er öffnet sich nicht gegenüber den Perspektiven von Männern, sondern schottet sich gegen sie ab – und er interpretiert soziale Phänomene stereotyp als Hinweise auf die Benachteiligung von Frauen.

Wo bleibt eigentlich diese Männerherrschaft? Selbst die Tatsache, dass der weitaus überwiegende Teil der Obdachlosen männlich ist, wurde so von einer österreichischen Sozialdemokratin als männliches Privileg gedeutet – männliche Obdachlose würden ihre Situation „mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit“ feiern (und dabei, selbstredend, anständigen Menschen auf die Nerven gehen).  Die exklusive Verpflichtung zum Wehrdienst konnte als Privileg einer militarisierten und natürlich gewaltvollen Männlichkeit gedeutet werden, die deutlich geringere Lebenserwartung hingegen als Schuld der ungesund lebenden Männer selbst. Häusliche Gewalt gegen Männer, statistisch betrachtet etwa ebenso häufig wie die gegen Frauen, wird entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder als Auflehnung gegen männliche Herrschaft umgedeutet.

Das alles wäre  immer noch als Teil einer offenen Diskussion legitim, wenn es denn eine solche offene Diskussion gäbe. Doch auch dies scheitert an Doppelstandards.

Kritik am Feminismus nämlich sei eine Form des Hasses, des Frauenhasses natürlich.  Das Eintreten für die Rechte von Männern sei tendenziell  rechtsradikal und gar von Sympathien für den Massenmörder Breivik geprägt: Diese Position wird eben nicht einfach von ein paar obskuren Radikalfeministinnen bezogen, sondern von Institutionen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der Heinrich-Böll-Stiftung. Der amerikanische Soziologe Michael Kimmel nennt männerrechtliches Engagement völlig selbstverständlich in einem Atemzug mit rassistischem oder faschistischem Terrorismus – und wird dafür vom Bundesforum Männer zum Vortrag eingeladen. Auch Zeitungen wie die Zeit (die taz sowieso) oder öffentlich-rechtliche Sender greifen diese durchgehend haltlosen Darstellungen ungeprüft auf.

Wo bleibt eigentlich diese „Herrschaft“, die Feministinnen Männern zuschreiben, wenn solche Angriffe bedenkenlos und institutionell abgesichert gegen ein paar Blogger, ehrenamtlich Aktive oder Kommentatoren im Internet gefahren werden?

Wer hasst hier eigentlich wen? Während aber etwa der feministische Autor Thomas Gesterkamp schon offene Zweifel am wissenschaftlichen Wert seiner Texte als Zeichen des „Hasses“ deutet, erscheinen selbst erhebliche Beschimpfungen von Kritikern als legitim und harmlos: Ein Journalist bezeichnet Männerrechtler offen als „menschlichen Abschaum“ und als „Nazis“ und wird dann von der Friedrich Ebert Stiftung als Experte zur Aufklärung über Internet-Hass eingeladen. Die Bloggerin Erzählmirnix macht sich in Comics über Männerrechtler und Feministinnen lustig, erntet dafür von Feministinnen einen enormen Shitstrom und wird von der ehemaligen Stern-Kolumnistin Yasmina Banaszczuk als „Scheiße“ beschimpft. Ebensowenig, wie Kritik am Feminismus frauenfeindlich ist, ist der Feminismus selbst also gegen Frauenfeindlichkeit immun.

Die Vorzeigefeministin Anne Wizorek veröffentlicht Bilder von der Verwüstung einer Berliner Apotheke und verbittet sich jede Kritik an dieser politischen Gewalt. Das Vergehen des Apothekers: Er hatte aus religiösen Gründen keine Pille danach verkaufen wollen, so dass Paare, die eine haben wollten, unbequemerweise eine der über siebzig anderen Apotheken in Neukölln aufsuchen mussten.

Gewaltphantasien haben traditionell einen festen Platz im Feminismus – nicht allein in der irren Zuspitzung von Valerie Solanas, die eine Ermordung aller Männer fordert, sondern auch in den wiederholten Forderungen, den Anteil von Männern an der Weltbevölkerung eugenisch zu reduzieren – etwa erhoben von der anerkannten feministischen Theologien Mary Daly.

Ich unterstelle Feministinnen nicht, dass sie allesamt diese Gewaltnähe teilen – ich verstehe aber nicht, warum sie sich nicht damit auseinandersetzen, dass sie einen so festen Platz im Feminismus hat.

Deutlich ist jedenfalls auch hier, dass der heutige Feminismus eine anti-egalitäre Bewegung ist. Es geht darin nicht um einen allen Menschen gemeinsamen Rahmen, der alle unterschiedslos vor Gewalt, Bedrohungen oder Beschimpfungen schützt – sondern um eine Gruppen- und Identitätspolitik, für die das, was die einen (WIR!) tun und erleiden, immer etwas ganz anderes ist als das, was die anderen tun und erleiden.

Warum sind traditionelle Geschlechterrollen feministisch? Auch die Behauptung, Geschlechterrollen öffnen zu wollen, kollidiert mit der feministischen Praxis. Der Hohn gegenüber Männern, die von eigenen Leiderfahrungen berichten (I bathe in male tears) – das verbissene Festhalten an der Ausgrenzung von Vätern – die Gleichgültigkeit gegenüber männlichen Gewalterfahrungen und die Erwartung, dass Männer damit bitteschön selbst klarkommen sollten, weil institutionelle Hilfen Frauen vorbehalten seien – der Anspruch auf Schutz und Versorgung, sei es im Unterhaltsrecht oder in HeForShe-Kampagnen, die eben nicht auf eine gegenseitige Sorge setzen: Fast durchgehend halten Feministinnen an hergebrachten Geschlechterrollen fest, machen Versuche von Männern, sich davon zu distanzieren, lächerlich oder skandalisieren sie.

Mächtig? Ich doch nicht… Dazu gehört auch, die eigene Machtposition nicht wahrzunehmen oder konsequent herunterzuspielen – Macht würden eben allein Männer ausüben. Institutionell sind Feministinnen heute deutlich besser verankert als ihre Kritiker, haben – beispielweise über Parteistiftungen oder das Frauenministerium – Millionen an Steuermitteln zur Verfügung und nutzen sie auch.

Frauen hätten eine Macht, von der sie selbst nichts wissen – das schreibt die französische Feministin Elisabeth Badinter in ihrem Buch zur Wiederentdeckung der Gleichheit. Möglicherweise ist das ein wesentlicher Grund, warum heutige Feministinnen in aller Regel zum offenen Dialog mit Menschen anderer Meinung nicht bereit sind: Sie haben institutionell abgesicherte Möglichkeiten, Interessen auch ohne diesen Dialog durchzusetzen.

Die Ignoranz gegenüber eigener Macht jedenfalls ist gefährlich – denn zur Kontrolle von Macht gehört es selbstverständlich, diese Macht auch wahrzunehmen und sie offen zur Diskussion stellen zu können.

Deutlich wird diese Macht insbesondere im Verhältnis gegenüber Kindern. Die prekäre Situation von Jungen in der Schule, ihre offenkundigen Nachteile gelangen auch deswegen nicht in den Mittelpunkt schulpädagogischer Diskussionen, weil Vertreter einer feministisch orientierten, institutionell stark geförderten Pädagogik sie kleinreden oder den Jungen selbst die Verantwortung dafür zuweisen.

Besonders bitter war das Verhalten von Berliner Feministinnen der dortigen grünen Alternativen Liste: Die systematische sexuelle Gewalt gegen Jungen im Umfeld der Grünen war über mehr als ein Jahrzehnt lang durchaus ein offenes Geheimnis, wurde aber auch deshalb nicht offen thematisiert, weil feministische Frauen eine solche offene Diskussion nicht wünschten: In ihren Augen hätte es von der Fokussierung auf Mädcheninteressen abgelenkt, wenn die sexuellen Verbrechen an Jungen deutlich angesprochen worden wären.

Dies wiederum ist keine Erfindung böswilliger Männerrechtler, sondern findet sich so im Bericht der Berliner Grünen zur Aufarbeitung der Pädosexualität im Umfeld der Partei.

Wozu brachen wir eigentlich ein Patriarchat? Durchgehend prägt den heutigen Feminismus also ein erheblicher, eigentlich gar nicht zu übersehender Widerspruch zwischen einem egalitären Selbstbild und einer anti-egalitären Praxis. Dieser Widerspruch ist behelfsmäßig nur über die Vorstellung zu überbrücken, dass unsere Gesellschaft ein Patriarchat, eine Männerherrschaft sei. Eben weil diese Gesellschaft gegenüber Frauen so durchgehend diskriminierend sei, müsse der Staat Frauen anders als Männer behandeln, um diese Diskriminierungen auszugleichen: Eine anti-egalitäre Haltung, die sich auf egalitäre Ziele beruft.

Da also die Annahme eines Patriarchats im heutigen Feminismus eine zentrale Funktion erfüllt, ist es in aller Regel auch völlig aussichtslos, zumindest eine Diskussion darüber zu führen, ob eine moderne Massengesellschaft tatsächlich sinnvoll als „Patriarchat“ beschrieben werden kann. Dabei hat diese Zuschreibung mindestens zwei gravierende Folgen.

Warum ist Kaiser Wilhelm plötzlich modern? Erstens steht im politischen Denken des heutigen Feminismus ein irgendwie immer aufgeklärter, humaner, korrigierend eingreifender Staat einer immer irgendwie reaktionären, inhumanen und fehlerhaften Gesellschaft gegenüber. Die Frage, wie sich dieser gute Staat eigentlich auf der Basis der schlechten Gesellschaft entwickeln konnte, bleibt dabei auffällig irrelevant. Die Folge: Nicht etwa die Machtausübung staatlicher Institutionen ist gesellschaftlich zu legitimieren, sondern gesellschaftliche Prozesse und Strukturen müssen gegenüber staatlichen Institutionen legitimiert werden. Diese Gegenüberstellung eines besseren, geordneten Staates und einer irgendwie immer mangelhaften, dumpfen Gesellschaft gehört nicht in ein demokratisches, sondern in ein monarchistisches oder autoritäres Staatsverständnis: Zurück zu Kaiser Wilhelm.

Warum sehen mich nicht alle so, wie ich mich sehe? Zweitens verhindert die Fantasie eines Patriarchats eine offene Debatte zwischen Männern und Frauen nachhaltig. Da unsere Gesellschaft patriarchal strukturiert sei und Beiträge von Männern also bloß Privilegien reproduzierten, erscheint es gerechtfertigt, diese Beiträge als Derailing abzutun, also als Ablenkung von Wichtigerem, und aus Debatten auszugrenzen. Da wiederum männliche Perspektiven, soweit sie nicht feministisch sind, dann gar nicht wahrgenommen werden, lässt sich die Vorstellung eines Patriarchats ungestört aufrechterhalten: Eine in sich geschlossene Haltung, die von außen nicht mehr erreichbar ist.

So erklärt sich der durchgehende Widerspruch zwischen dem egalitären feministischen Selbstbild und der anti-egalitären feministischen Praxis eben auch dadurch: Wer feministische Positionen vertritt, sieht sich selbst – das zumindest ist meine Erfahrung –  nach einer Weile nicht mehr aus der Perspektive anderer.

Damit aber verschwindet eine Basisübung zivilen Verhaltens aus dem Repertoire, nämlich der Perspektivwechsel. Soziales Verhalten ist dann kein Wechselspiel mehr, sondern eine beständige Ausübung von Herrschaft, die Gegenwehr erfordert.

Warum sind überall Feinde? Da aber auf diese Weise gesellschaftliche Strukturen immer als Strukturen der anderen, als fremde Strukturen erscheinen und der eigene Anteil daran geleugnet wird, bleibt der Eindruck einer umfassend feindlichen gesellschaftlichen Ordnung erhalten.

Die Gutwilligen seien dort auf Safe Spaces angewiesen, in die sie sich zurückziehen können. Diejenigen wiederum, die als Träger dieser Ordnung identifiziert werden, verlieren damit ihren Anspruch auf Empathie. Die Verweigerung des Perspektivwechsels verfestigt die Idee eines Patriarchats, und die Idee eines Patriarchats legitimiert die Verweigerung des Perspektivwechsels.

Wer sich so abschottet, leugnet schließlich ebenso die eigene Macht wie die eigene Möglichkeit zur Gewalt und weist beides jeweils nur denen zu, die als Feinde identifiziert sind.

Wer heute allerdings feministische Positionen kritisiert, wer – als Mann oder auch als Frau – die eigene Perspektive ohne den Rückgriff auf feministische Annahmen formuliert, hat in aller Regel überhaupt kein Interesse an einer solchen Feindschaft, dafür aber ein Interesse an einer offenen Diskussion.

Wenn es bei Feministinnen ankommen würde, wäre das, was ich ihnen sagen wollte, daher eigentlich ganz kurz. Da es dann auf ein paar bekannte Zitate anspielt, versuche ich es einfach mal auf Englisch:

Come out of your closet. It’s a big world outside.

And it’s not a man’s world.

 

Zum Weiterlesen: Eine enorme Menge an Informationen findet sich in den einführenden Texten, die der Blogger man.in.th.middle für sein Blog Maskulismus für Anfänger geschrieben hat. Darin findet sich auch ein Kapitel Maskulismus für Anfängerinnen, das sich ebenso wie der oben stehende Text direkt mit der Kritik am heutigen Feminismus beschäftigt. 

  1. Der selbstbezügliche Opferkult der Feministen hat zumindest hierzulande ein historisches Pendant in der Auffassung rechtskonservativer Kreise, dass Deutschland Opfer des Friedens von Verdun und nach dem 2. Weltkrieg Opfer der deutschen Teilung wurde, als auch die allgemeine Auffassung in der Bevölkerung Opfer der Hitlerei geworden zu sein.

    Ansprüche aufgrund selbstdefiniertem Opferdasein zu stellen, haben in einer verwandten Ableitung vom Gemüt der Kriegsgeneration meines Erachtens auch die Feministen der 68er geprägt. Jedenfalls ist mir damals unangenehm aufgefallen, wie sich die Feministen in den 70er Jahren mit den Hexen der Hexenverfolgung in der Renaissance als Opfer gleichsetzten. Eine ebenfalls unhistorische aber dennoch effektive Ableitung.

    Obwohl vielfach widerlegt werden die falschen Behauptungen heute noch kolportiert. Dies gilt insbesondere für die Aufbauschung der Opferzahlen; die behauptete ausschließliche Frauenverfolgung; die behauptete Verschwörung der Ärzte gegen die Weisen Frauen und ihre sanfte Medizin; die behauptete vornehmliche Täterschaft der katholischen Kirche und vieles mehr. Es war damals billig, sich Hexe zu nennen und damit eine Wehrhaftigkeit zu behaupten, die im Grunde nur eine maßlose Anspruchshaltung beim letztlich gelungenen Marsch durch die Institutionen war.

    Insofern sind feministisches Opferabo und Opferkult psychopathologisch submissive Störungen. Im Aufsatz „Erinnerungen und Pseudoerinnerungen – Über die Sehnsucht, Traumaopfer zu sein“ schreiben Stoffels und Ernst darüber (Nervenarzt 5/2002).

    Antwort

    1. @ Lotosritter Um das noch etwas weiter zu führen: Die Identifikation mit den verfolgten und ermordeten Hexen hatte noch einen anderen Hintergrund, der sich zum Beispiel bei Dworkin und ihrem Buch „Woman Hating“ nachvollziehen lässt. Die Zahlen von neun Millionen ermordeter Hexen, die sie dort angibt, sind nicht nur um ein Vielfaches zu hoch, sie stehen auch in der Konkurrenz zu anderen Zahlen, die im Erscheinungsjahr des Buches 1974 präsenter waren: Mit den Zahlen der von den Nazis ermordeten Juden nämlich. Ich hatte sogar mal einen Text dazu: https://man-tau.com/2013/02/13/dworkin-inzest-kindermord/

      Das macht diese Einverleibung von Opfern für die eigene Position noch verrückter – dass sie zugleich eine Opferkonkurrenz aufmacht mit Menschen, die tatsächlich in ungeheurem Maß zu Opfern geworden sind.

      Hier glaube ich aber auch, dass die Interpretation als „Störung“ nur einen Teil erklärt. Es geht schließlich nicht darum, wirklich Opfer zu sein, sondern eher darum, sich glaubhaft als eines präsentieren, sich schlüssig mit realen Opfern gleichsetzen zu können. Es steckt aber m.E. kein Wunsch dahinter, das Leid dieser Menschen tatsächlich real zu erleben.

      Möglicherweise ist diese Opferidentifikation manchmal einfach nur eine verunglückte Metapher, so wie sich ja z.B. auch Sylvia Plath oder Ingeborg Bachmann mit den ermordeten Juden verglichen haben. Sie sahen darin wohl einen Spiegel eines eigenen inneren Erlebens, das anders auszudrücken ihnen schwer fiel. So etwas verstehe ich sogar, auch wenn es von außen betrachtet von einer schwer erträglichen Selbstbezüglichkeit ist.

      Spätestens aber dann, wenn eine Opferkonkurrenz aufgemacht wird, geht es darum, durch die Reklamation des Opferstatus reale Vorteile für sich zu erwerben. Das ist dann nicht krank, aber egoistisch und rücksichtslos – schon allein deshalb, weil permanente Opfer-Inszenierungen den Blick versperren für Menschen, die tatsächlich erheblich leiden und Opfer sozialer und politischer Bedingungen sind.

      Antwort

      1. @Lucas

        Meine 2ct für heute Abend und ich fange einmal hinten an:

        „Come out of your closet. It’s a big world outside.
        And it’s not a man’s world.“

        In dieser großen Welt hat der Feminismus, sowie der Femininismus jedoch niemals gelebt.
        Femininismus ist der Feminismus, der sich der gelebten weiblichen (Ohn-)Macht in klein/bürgerlicher Existenz anbiedert und diese fortschreibt.
        Er schreibt die Erfahrung (akademisierter) Frauen fort, die sich zu viel mit Familie und erweiterter Familie in beruflicher Existenz auseinander gesetzt haben und müssen.
        Nur schreiben die für alle anderen Frauen eine andere Geschichte.

        Frauen sind Zeit ihres Lebens konfrontiert mit u.a. Kindern, Alten, Pflege- und Hilfsbedürftigen – also Menschen in verschiedenen Stadien der Unmündigkeit.
        Nicht mit selbstbewussten Männern und schon gar nicht mit selbstbewussten Männern, die eigene Interessen artikulieren.
        „There is no altenative!“ Besser nicht.

        Feminismus ist der idiotische Versuch, eine daraus resultierende spezifische Wahrnehmung der Welt der ganzen Welt als Wahrnehmung aufzuzwingen.
        In dieser bornierten, „heilen“ Welt der (staatlich, also männlich alimentierten) Reproduktion gedeiht die komplett gegenteilige Erfahrung zur „male disposibility“; die Unmündigen brauchen den Einsatz der Frauen und so werden sie gebraucht von den Unmündigen (im doppelten Sinn).

        Warum schreiben sie am Mythos von guten Staat?
        Weil der politische Entrismus die Fortsetzung der weiblichen Berufskarrieren ist – die Krankenschwester, die Sozial- und Behindertenpädagogin, die Kindergärtnerin, die Sozialpflegerin, die Grundschullehrerin, die Ärztin, die Hochschullehrerin.
        In ihren gesamten Existenz sind sie von diesem „guten Staat“ und dessen (also männlichen) Alimenten abhängig.
        Stellt der Staat (ergo: Männer) diese, ihre Funktionen in Frage, stürzen sie in ein Nichts.
        Dass sie nicht begreifen können und nicht begreifen wollen, was Kapitalismus, wie dessen Funktionslogik und ihre Rolle darin ist, hängt unmittelbar damit zusammen, dass ihr Selbstkonzept gefälligst bestätigt werden muss.
        Von uns, der wir diese Idiotien finanzieren.
        Sie wollen doch nur HELFEN, Frauen opfern sich mit HINGABE, das muss die „Gesellschaft“ doch WERTSCHÄTZEN.

        Dummerweise untergräbt aber die Professionalisierung von „care-Tätigkeiten“, die einem Teil der akademisierten Feministen als Lebensgrundlage dient, dem anderen Teil der Frauen die Grundlage für eine Sinnkonstruktion des eigenen Lebens.
        Das ist die eine Hälfte (zumal wenn der Männeranteil an suggeriert genuin weiblichen Tätigkeiten immer größer wird).
        Die andere Hälfte sind emanzipierte Männer in einer Beziehung – die „nicht gut genug“-Männer sind der feministische Angst-Reflex, nicht in die Austauschbarkeit/Bedeutungslosigkeit abzustürzen.
        Der perfekte Vater ist ein Albtraum.
        Angstlust.

        Warum werden Frauen mit/trotz um sich greifender Emanzipation immer unglücklicher?
        FEMALE disposibility.
        D.h. ich glaube inzwischen, es handelt sich zu einem großen Teil um femininistische Texte (also real existierenden Feminismus), die mit den Ambivalenzen umgehen müssen (und nicht wollen) das finden zu können, was sie vorgeblich ersehnen.

        Was wäre das Leben ohne einen guten Pop-Song? 😉

        Schönen Gruß, crumar

      2. @ crumar „es handelt sich zu einem großen Teil um femininistische Texte (also real existierenden Feminismus), die mit den Ambivalenzen umgehen müssen (und nicht wollen) das finden zu können, was sie vorgeblich ersehnen.“ Ich habe oft schon den Eindruck gehabt, dass feministische oder genderpolitisch korrekte Beschreibungen von Männern mit den Männern, die ich kenne, überhaupt nichts zu tun haben – sondern dass sie aus Echokammern stammen, in denen Akteure immer wieder nur sich selbst hören und wahrnehmen und dabei das, was ihnen nicht gefällt, irgendjemand anderem zuweisen müssen.

        Beispielweise der Vorwurf männlicher Empathieunfähigkeit – empathieunfähiger kann man ja gar nicht sein als mit „I bathe in male tears“-Sprüchen oder einer Politik, die Väter und Kinder willkürlich voneinander trennt.

        Oder die angeblichen Breivik-Fans unter Männerbewegten im Netz. Ich habe davon noch niemals einen erlebt, meines Erachtens ist das eine reine Fantasie – aber immer wieder kommen Neuauflagen der alten feministischen Fantasie auf den Markt, alle Männer oder den größten teil von ihnen zu töten. (Die letzte: http://www.feministcurrent.com/2016/02/03/we-need-a-mandemic/ )

        Oder der panische Hinweis darauf, „unsichtbar“ gemacht oder „gesilenced“ zu werden – eine Klage von Leuten, die sehr gute Medienkontakte und Kontakte in Ministerien haben, sich dort beständig äußern können und die dabei fordern, Äußerungen abweichender Meinungen sollten als hate speech klassifiziert und unterbunden werden.

        Oder die Fantasie männliche Verrohtheit von Leuten, die andere Menschen beliebig als „Abschaum“ oder „Scheiße“ beschimpfen.

        Das lässt sich natürlich fortführen. Aber auch im politischen Denken des heutigen Feminismus finde ich auch viele Beispiel dafür, dass Feministinnen in erster Linie mit den unliebsamen Folgen eigener Positionen und Forderungen beschäftigt sind.

        Gleichberechtigung und eine stärkere Verankerung (bürgerlicher) Frauen in der Arbeitswelt? Das führt logischerweise zu dem Gedanken, dass die Privilegien der Mütter gegenüber den Vätern nicht aufrechterhalten werden können. DAS aber zu äußern wäre heute regelrecht antifeministisch – weil sogleich deutlich gemacht werden muss, dass Väter ihre Rechte nur ausnutzen würden, um die Mütter unter Druck zu setzen, etc.

        Oder ein Eintritt in die Arbeitswelt, der dann dazu führt, dass auch bürgerliche Frauen von den Härten des Arbeitslebens deutlich stärker berührt werden als zuvor. Sogleich interpretieren sie diese Härten als spezifisch frauenfeindliche Diskriminierungen, gegen die geschützt zu werden sie unbedingt ein Anrecht haben.

        Oder die Vorstellung, dass „Geschlecht“ eine soziale Konstruktion und entsprechend veränderbar sei – die sogleich einkassiert wird, wenn Männer sich nicht mit der Rolle finanzieller Versorger der Familie zufrieden geben, sondern sich um die Kinder kümmern möchten.

        Auch das lässt sich fortsetzen.

      3. @crumar: „Feminismus ist der idiotische Versuch, eine daraus resultierende spezifische Wahrnehmung der Welt der ganzen Welt als Wahrnehmung aufzuzwingen. In dieser bornierten, „heilen“ Welt…“

        Jede Ideologie ist der idiotische Versuch, eine private spezifische Wahrnehmung der Welt der ganzen Welt als Wahrnehmung aufzuzwingen, und natürlich die auf dieser Realitätswahrnehmung basierenden Lösungen aller Probleme 😉

        Deine Analyse trifft, glaube ich, auf große Teile des institutionalisierten Feminismus (in Gestalt von Schwesig und Co., Teilen der Presse usw., jedenfalls gut sichtbare, einflußreiche Aktivisten) zu. Was dort propagiert wird, kann man als feministisch-egalitäre Familienpolitik bezeichnen (die schon seit langem in vielen Milieus praktiziert wird und die und die uns die MGTOW-Bewegung beschert hat).

        Die meisten „Alltagsfeministinnen“ haben nach meinem Eindruck wenig darüber nachgedacht und schnappen nur die egalitären Thesen auf, die oberflächlich gerecht aussehen, und schaffen – warum auch immer – keine Analyse, warum das die feministisch-egalitäre Familienpolitik ein sehr einengendes Rollenkonzept für beide Ehepartner vorsieht (sozusagen androgyne Rollen) und in der Praxis nicht funktionieren wird. Dazu dürfte i.d.R. das Hintergrundwissen fehlen, z.B. über das Gender-Paradoxon in Norwegen, weitgehende Unkenntnis der männlichen Psyche 😉 u.v.a.m.

        Aber: der feministische Egalitarismus ist politisch sehr erfolgreich. U.a. weil es kaum konkurrierende Visionen gibt, genauer gesagt kenne ich keine. Eine liberale Familienpolitik würde z.B. auf formale Gleichberechtigung achten und es ansonsten den Ehepartnern überlassen, ihr Innenverhältnis und die Aufgabenteilung auszuhandeln. Das ist nichts Handfestes, Greifbares, was man einfach als Blaupause übernehmen kann, denn es gibt keine Rollenzuweisungen. Man muß selber nachdenken und in endlicher Zeit zu einer Entscheidung kommen, und das wollen oder können viele nicht. Eine konservative Familienpolitik würde mit den klassischen Rollen arbeiten, aber das ist heute nur noch für eine Minderheit der Paare akzeptabel.

        Man kann es auch als Kampf der feministischen Strömungen deuten: der liberale Feminismus kann sich bei uns und auch anderswo politisch nicht durchsetzen.

      4. @Lucas

        „Ich habe oft schon den Eindruck gehabt, dass feministische oder genderpolitisch korrekte Beschreibungen von Männern mit den Männern, die ich kenne, überhaupt nichts zu tun haben – sondern dass sie aus Echokammern stammen, in denen Akteure immer wieder nur sich selbst hören und wahrnehmen und dabei das, was ihnen nicht gefällt, irgendjemand anderem zuweisen müssen.“

        Die können mit diesen Männern auch NICHTS zu tun haben.
        Überlege dir doch einfach popkulturell in Deutschland, wie lange es her ist:
        „Wann ist ein Mann ein Mann?“
        „Aber ich, ich will nicht werden, was mein Alter ist!“

        Wie lange haben Männer in diesen Songs sich selbst in Frage gestellt?!
        Millionenfach!
        Es gibt keinen EINZIGEN popkulturellen Song von der „anderen Seite“, in dem auch nur annähernd radikal „Weiblichkeit“ verhandelt oder in Frage gestellt worden ist.

        Den gender-Konsens aufkündigen war niemals als „beidseitig“ geplant.
        Nimm es als den Witz, der es m.E. ist.
        Ich habe mich bei djads „Arbeit und Gender“ scheckig gelacht.

        „Oder ein Eintritt in die Arbeitswelt, der dann dazu führt, dass auch bürgerliche Frauen von den Härten des Arbeitslebens deutlich stärker berührt werden als zuvor. Sogleich interpretieren sie diese Härten als spezifisch frauenfeindliche Diskriminierungen, gegen die geschützt zu werden sie unbedingt ein Anrecht haben.“

        Haben sie ja auch geschafft, in der LÜGE der weiblichen Doppelbelastung.
        Von den 100 Jahren erfasster geschlechterspezifischer Arbeitsteilung in den USA waren sie tatsächliche fast zwanzig Jahre doppelt, also mehrfach belastet ALS Männer.
        Davor nicht und danach auch nicht.
        Der gesamte bürgerliche Feminismus ist ein Witz.
        Der Pseudo-Linke Feminismus ebenfalls – das sind lächerliche, pathologische Figuren.

        Echo chambers, btw:

        „There’s only one direction in the faces that I see
        It’s upward to the ceiling, where the chamber’s said to be
        Like the forest fight for sunlight that takes root in every tree
        They are pulled up by the magnet believing they’re free“

        Schönen Gruß, crumar

      5. Zum Erfolg des Feminismus

        Crumar hat sicher Recht mit der Einschätzung, dass der Feminismus die Ideologie staatsalimentierter Dienstleisterinnen ist. Man in the middle verweist ebenfalls zu Recht auf den großen Erfolg dieser Ideologie. Letzteres führt dazu, dass eine Dekonstruktion des Feminismus im Sinne Crumars nicht ausreichen wird, um diese Ideologie zu erschüttern.

        Ich lehne mich mal an den Ethnologen Victor Turner an. Laut Turner muss sich jede Herrschaft legitimieren darüber, dass sie der Gesellschaft dient. Sie muss zuweilen die rationale, durch Hierarchien und Arbeitsteilung geprägte Ordnung überschreiten und Gemeinschaft sichtbar machen als den Zusammenhalt aller Menschen jenseits ihrer Positionen in der Hierarchie. Nur dann empfinden Menschen Herrschaft akzeptabel. Daraus folgt, dass die Schwächsten einer Gesellschaft einen gewissen Heiligkeitsstatus haben. Nicht, dass sie besonders gut behandelt werden würden. Aber an ihnen bemisst sich, wie gemeinschaftlich die Gesellschaft ist und wie gemeinwohldienlich die Herrschaft.

        Das entspricht auch einer verbreiteten Moral in unserer Gesellschaft. Die Schwächsten werden nicht zwingend privilegiert. Aber Misshandlungen der Schwächsten sind immer ein sehr skandalträchtiges Thema. Man kann Herrschaftsverhältnisse auf dieser Basis gut kritisieren und ihre Legitimität in Frage stellen, wenn sie die Schwächsten nur mit Füßen tritt und nichts für sie tut. In unserer Gesellschaft sind das die Kinder, die Alten und Kranken, dann auch die Frauen.

        Wohlgemerkt, das ist keinesfalls eine spezifisch linke Perspektive. Zumindest laut Turner ist das eine allgemeine und typische Sache, die überall wirkt.

        Auch Konservative operieren damit, aber sie tun es oft nicht konsequent. Kinderschutz und der Schutz der Familie sind konservative Themen. Insbesondere die Familie ist für Konservative der letzte Ort der Herrschaftsfreiheit, also der Gemeinschaft Gleicher.

        Was Konservative aber nicht können, ist Herrschaftskritik. Sie arbeiten sich an den 68ern und den Linken ab, wohl wissend, dass sie einen Strohmann bekämpfen. Schließlich haben Konservative die längste Zeit die Regierung gestellt. Weil sie Herrschaftskritik nicht können, ist konservative Familienpolitik nicht sonderlich attraktiv und überzeugend.

        Hier hat der Feminismus Vorteile: Er rechnet mit dem ganzen System ab. Er stellt die ganze Gesellschaftsordnung in Frage im Namen der Unterdrückten und Unterworfenen. Die Schutzbedürftigkeit der Frauen und Kinder übernimmt der Feminismus dabei vom Konservatismus. Hier gibt es keine harte Abgrenzung. Er gleicht dem Konservatismus freilich auch in seiner Blindheit gegenüber politisch-ökonomischen Ursachen von Herrschaft.

        Jedenfalls ruht der Feminismus hier auf einem Konsens auf, dass Frauen schützenswert sind und dass eine Gesellschaft ungerecht ist, wenn sie Frauen unterdrückt oder ihnen etwas antut. Nur weil das Konsens ist, ist der Feminismus erfolgreich. Wären nur Linke und Grüne davon überzeugt, dann wäre es für den Rest selbstverständlich, Frauen nicht als besonders schützenswert anzusehen. Dann sähe dieser Rest sich auch nicht bemüßigt, sich zu rechtfertigen, wenn über die vielen Opferschicksale von Frauen geklagt wird. Man rechtfertigt sich nur, weil man hier eine gemeinsame Prämisse hat: Frauen sind besonders schutzbedürftig und besonders verletzlich. Diese Prämisse reicht sehr weit bis ins bürgerliche Lager hinein. In jenem wird lediglich jemand anderes für den Frauenschutz verantwortlich gemacht: nicht der Staat, sondern der Ehemann.

        Feministische „Aufklärung“ verschwistert sich nun auch gerne mit einem anderen Konsens: die Mehrheit der Menschen sieht sich Herrschaftsverhältnissen ausgesetzt, z.B. im Unternehmen. Die Mehrheit wünscht sich, dass sie sich von diesen Herrschaftsverhältnissen emanzipieren kann, um „sein eigenes Ding“ zu machen bzw. sich selbst zu verwirklichen. Feministische Dekonstruktion dockt genau daran an: Es ist das Versprechen, die Wurzeln der Fremdbestimmung zu entdecken und auszureißen, um zu einem freien Subjekt zu werden, dass nach eigenen Maßgaben lebt. Diese Idee liest man in vielen Varianten, z.B. in der Psychoanalyse oder auch in eher bürgerlicher Philosophie. Es ist klar, dass der Feminismus deshalb Strahlkraft gewinnt, weil er allgemeinste Moralen bedient, gegen die keiner so richtig etwas haben kann – zumindest nicht so, dass es gesellschaftlich akzeptiert wird.

      6. @mitm

        „Jede Ideologie ist der idiotische Versuch, eine private spezifische Wahrnehmung der Welt der ganzen Welt als Wahrnehmung aufzuzwingen, und natürlich die auf dieser Realitätswahrnehmung basierenden Lösungen aller Probleme ;-)“

        Diese feministische Ideologie ist das Resultat einer privaten Wahrnehmung, die nicht nur idiotisch ist, sondern die notwendig idiotisch ist, weil ihre real-existierende Alimentierung durch den Staat, der wiederum nur Mittel verteilt und Männer, die es erarbeiten in ihrem Hirn „hard-wired“ ist, weil sie nämlich darauf basiert. D.h. ihre bornierte und interessengeleitete Realitätswahrnehmung selber stellt das Problem dar.

        „Was dort propagiert wird, kann man als feministisch-egalitäre Familienpolitik bezeichnen“ – was die lustige Idee ist, Hausarbeit und allgemeine „care-Tätigkeit“ hälftig zu verteilen, aber die Erwerbsarbeit nicht.

        Das siehst du daran, dass sich zwar der Anteil von Frauen, die einer Erwerbsbeschäftigung nachgehen erhöht, aber die von Frauen insgesamt geleisteten Arbeitsstunden nicht.
        In den USA hat die pathologische Lügnerin Rosin diesen Kurzschluss etabliert, dass die Mehrheit der Erwerbstätigen Frauen sind, wäre identisch mit der Mehrheit der geleisteten Arbeitsstunden.

        Seit dem Anfang des Jahrtausends aber hat sich nichts gravierend geändert in der Verteilung zwischen den Geschlechtern und damit auch nichts am ökonomischen „burden sharing“; das also nicht stattfindet.
        Männer in den USA arbeiten mehr addiert man Erwerbs-, Haus- und Familien-„Arbeit“, bzw. in D ist die Differenz zu vernachlässigen.
        Wer von „weiblicher Doppelbelastung“ spricht und weibliche Mehrarbeit meint, lügt einfach.

        Alle aus den Lügen abgeleiteten Ansprüche verfolgen m.E. nur das Ziel a. diese Stagnation zu übertünchen und b. weitere Ansprüche gegenüber Männern zu generieren, die auf die existierenden aufgesattelt werden sollen.
        That´s it.

        Gruß, crumar

      7. @ Lomi „Was Konservative aber nicht können, ist Herrschaftskritik.“ Aber das ist auch das Problem der heutigen Linken – die können auch keine Herrschaftskritik mehr. Jedenfalls nicht, soweit sie in irgendeiner Weise in Institutionen arbeiten. Das betrifft auch überhaupt nicht nur Geschlechterverhältnisse, wird aber eben auch dort deutlich.

        Von Konservativen hatte ich mir eigentlich ohnehin nichts erwartet. Dass die tendenziell an tradierten Familienstrukturen festhalten – davon ausgehen, dass Kinder zur Mutter gehören – und davon, dass Männer nicht jammern sollen, weil sie Versorgungspflichten gegenüber Frau und Kind haben – das hab ich ohnehin hie bezweifelt. Es wäre aber schön gewesen, wenn diejenigen, die sich einer progressiven Familienpolitik rühmen und die behaupten, die würden Geschlechterrollen ändern wollen, tatsächlich auch etwas mehr Initiativen zur Veränderung gezeigt hätten.

        Leider ist eher das Gegenteil der Fall – insbesondere die SPD ist hartleibiger als die CDU, wenn es darum geht, die Alleinzuständigkeit der Mutter für das Kind zu schützen.
        Das ist eine Politik mit progressiver Anmaßung, die tatsächlich – wie Du das ja auch darstellst – den gemeinsamen Grund mit konservativen Politikern niemals ernsthaft in Frage stellt.

        Dass die offenkundigen Widersprüche einer solchen Position so überhaupt keine Rolle spielen, erklärt sich auch aus meiner Sicht – @ mitm – aus dem Verzicht auf Analysen. Wenn man sich mit Wirklichkeit gar nicht systematisch auseinandersetzen muss, sondern sich jeweils einfach nur die Aspekte auswählen kann, die man gerade zur Bestätigung der eigenen Perspektive braucht – dann lässt sich jede nur denkbare Position schlüssig belegen. Irgendwie.

        Ein Klassiker dieser Selektion ist ja tatsächlich, @ Crumar, die Konzentration auf die Hausarbeit, die gleichmäßig aufgeteilt werden sollte – ohne groß darauf zu achten, ob denn die Erwerbsarbeit eigentlich auch gleichmäßig aufgeteilt ist. Ständig wird so selektiert, was als „Wirklichkeit“ zugelassen werden kann und was nicht.

        Ich glaube, das ist tatsächlich nur durchzuhalten mit Hilfe der Überzeugung, dass wir eigentlich nur die Oberfläche der Wirklichkeit wahrnehmen, dass aber das, was die (soziale) Welt EIGENTLICH ausmacht, erst mit dem richtigen Bewusstsein erkannt werden kann.

        Rosin ist in diesem Sinne nicht einmal eine Lügnerin – sie wählt eben die Teile der Wirklichkeit aus, in denen sich eben die Herrschaftsverhältnisse (und ihr vermeintliches Aufbrechen durch junge selbstbewusste Frauen) zeigen, von denen sie ohnehin immer schon überzeugt ist.

        Eben damit aber beraubt sich eine „Linke“ der Fähigkeit zur Herrschaftskritik, weil sie ohnehin immer nur das wahrnimmt, was etablierte Sichtweisen unterstützt. Auch hier zeigt sich die Struktur, dass eine progressive Attitüde auf einer tief konservativen Haltung aufsitzt.

        Im Umgang mit abweichenden Meinungen zeigt sich diese als Herrschaftskritik nur verkleidete Wirklichkeits-Selektion in der Angewohnheit, bei den Äußerungen anderer zwanghaft entlarvend zwischen den Zeilen zu lesen, ohne überhaupt erst einmal die Zeilen selbst gelesen zu haben. Ein schönes Beispiel dafür aus dem amerikanischen „College Humor“ war auch gerade bei Alles Evolution verlinkt.

        http://www.collegehumor.com/post/7035750/dumb-things-people-say-about-women-vs-what-theyre-actually-saying

      8. @Schoppe

        ich gebe Dir recht, eine echte, belastbare Herrschaftskritik macht die „Linke“ nicht.

        Mir ging es nur um das Narrativ und um die Methode. Die „Linke“ hat halt die Selbstbefreiung aus der Unmündigkeit kultiviert und zur Methode erhoben. Das ist – äquivalent zur Idee der Psychoanalyse – die Suche nach einer verborgenen Tiefenstruktur, die dazu führt, dass man Dinge tut, die einem eigentlich im Wege stehen.

        Genau das knüpft an an den gesellschaftlichen Konsens der Selbstverwirklichung, die eben auch Emanzipation z.B. durch Abnabelung von den Eltern oder der Herkunft beinhaltet, um den eigenen Weg zu finden und um mit sich selbst im Reinen zu sein.

        Das ist etwas, was auch Bürgerliche gutheißen. Der Konservatismus kann an dieser Stelle aber keine gleichwertige Methode bzw. ein gleichwertiges Narrativ bieten. Er versucht es, indem er eine Fremdherrschaft durch die Political Correctness an die Wand malt. Ansonsten kann er nur auf Bestehendes verweisen und auf die vermeintliche überzeitliche Notwendigkeit z.B. der Familie. Aber damit kann er kein Selbstfindungsprogramm installieren, dass eben auch für Bürgerliche wichtig ist, zumal in einer Wirtschaftsordnung, die selbstgesteuerte Karrieren und Bildungswege verlangt und damit „Selbstverwirklichung“ als vorgeschobenen Wert preist.

        Der Feminismus greift diese Selbstverwirklichungs – und Emanzipationsgeschichte auf und kann deshalb wirken. Vermutlich wirkt er umso mehr, je privater er das Politische macht, je mehr er also nur noch subjektiv ist und sich nicht mehr für tatsächliche sozio-ökonomische Ungleichheitsverhältnisse interessiert. So adressiert er nämlich vorrangig die Person und ihre Sehnsucht, sich selbst zu regieren. Diese Sehnsucht teilen viele.

        Eine echte linke Herrschaftskritik würde jetzt eher danach fragen, welche sozioökonomischen Interessengruppen um ihren Vorteil kämpfen. Dann wäre auch der Feminismus eine Interessengruppe unter vielen. Konsequenterweise würde eine solche Kritik auch klar bekennen, im Dienste von Interessen zu arbeiten und sie würde in Forderungen münden, diesen oder jenen Vorteil zu bekommen oder dieses oder jenes Recht.

        Feminismus dagegen tut eher so, als ginge es um die fundamentale Befreiung von Fremdherrschaft. Er erfüllt vorgeblich nur, was moralisch unstrittig geboten sei, nämlich das Abschaffen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

        Eine Interessengruppe würde im Gegensatz dazu nur bedingt mit Moral hantieren. Vordringlich wäre eher die Verhandlung als Versuch des Ausgleichs der Interessen. Da ginge es nicht um die Schaffung der richtigen Welt, sondern um die Forderung nach einem Anteil an den Vorzügen der Gesellschaftsordnung.

      9. @ Lomi „Feminismus dagegen tut eher so, als ginge es um die fundamentale Befreiung von Fremdherrschaft.“ Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Dieses Selbstverständnis verbindet sich mit einem geradezu betonierten Ressentiment: Dass nämlich das „Fremde“, die „Herrschaft“, von der Frauen befreit werden müssten, eben das sei, was Menschen allgemein als „Normalität“ wahrnehmen. Daher also muss permanent nach Tiefenstrukturen gesucht, muss wieder und wieder die Falschheit der Normalität entlarvt werden: Was sich an der Oberfläche zeigt, ist immer nur das Fremde, von „Herrschaft“ Verseuchte – erst wenn das offengelegt werden kann, ist es möglich, Raum für das Echte und Authentische zu schaffen.

        Die zum Popslogan verwandelte Vorstellung, dass es kein wahres Leben im falschen gäbe, wird dabei von Feministinnen wie Antje Schrupp schnurstracks über die Geschlechterdifferenz aufgelöst. Adorno interpretierte die Überzeugung von der allumfassenden Falschheit einer kapitalistischen Verdinglichung immerhin so, dass natürlich auch die Kritik an dieser Logik selbst von der Falschheit nicht frei wäre. Es gibt bei ihm keine gute, reine Welt, die der bösen, falschen entgegengehalten werden könnte.

        Schrupp hingegen, und mit ihr viele andere Feministinnen, finden dieses Richtige bei den Frauen – die Falschheit ist immer schon die Falschheit der Männerwelt.

        Da damit u.a. unterstellt wird, Männer würden allumfassend herrschen, bleibt natürlich überhaupt kein Platz für den Gedanken, dass auch Männer oder Jungen benachteiligt sein können – es sei denn in gedankenlosen Slogans wie „Patriarchy hurts men too“. Als ob alles in Ordnung wäre, wenn Männer nur ein bisschen mehr wie Frauen würden. Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.

        Diese Positionen sind eigentlich zur Herrschaftskritik nicht fähig – weil die, die sie einnehmen, überhaupt kein Interesse daran haben, sich mit der sozialen Wirklichkeit und ihrer eigenen Position darin ernsthaft auseinanderzusetzen. Ich sehe auch nicht, wie die heutigen Linken, die mit dem Intersektionalismus ja ein Instrument zur immer weiteren Herrschaftsunterstellung gefunden hat, irgendeine zukunftsweisende Idee entwickeln könnte.

        Demgegenüber haben Konservative sogar einen vernünftigen Punkt. Das Bestehende wird von ihnen nicht entlarvt, sondern im Hinblick auf seine Funktionalität bewertet. Wir wissen ja gar nicht immer, warum die sozialen Strukturen und Mechanismen, in und von denen wir leben, funktionieren – wir merken nur, dass sie es (mehr oder weniger gut) tun. Eine konservative Haltung geht einfach davon aus, dass Bestehendes immerhin seine Funktionalität nachgewiesen habe. Warum sollte man etwas ändern, dass Jahrzehnte lang gut funktioniert hat?

        Natürlich gibt es für solche Änderungen mögliche Gründe, aber die müssen dann eben genannt werden. Außerdem müsste jemand, der etwas ändern will, zeigen, dass seine Ideen vermutlich besser funktionierende Strukturen ermöglichen würden.

        Von all dem ist die heutige Linke aber weit entfernt. Die beständige, ressentimentgeladene und abstrakte Herrschaftsunterstellung ist von der Frage, wie soziale Strukturen FUNKTIONIEREN, weit entfernt. Daher lässt sich darauf eine rationale Herrschaftskritik ebenso wenig aufbauen wie ein Modell von einer möglicherweise besseren, humaneren Gesellschaft.

      10. @Lucas

        Ich habe mir das brandneue „Wege des Marxismus-Feminismus“ aus dem Argument-Verlag gekauft – der Titel ist übrigens nicht ironisch gemeint (ein Insider für ehemalige Genossen und Ex-Bewohner der DDR) – und seitdem habe ich schlechte Laune.

        Frigga Haugs Artikel darin, „Marxistische Refundierung des Feminismus, feministische des Marxismus“ (S. 517), legt mir wieder einmal nahe „Geschlechterverhältnisse (GV) (Anm: Gnihihi) als Produktionsverhältnisse (PV) zu denken“. Originell.
        Ebenso „originell“ die Einebnung des Unterschieds von Produktion und Reproduktion, deren Verhältnis sie ein wenig „refundiert“, dekonstruiert und damit meine ich: zerstört

        „Die Unterscheidung kann also nicht die zwischen Produktion und Reproduktion sein, sondern die zwischen Leben und Lebensmitteln, und entsprechend sollte man statt (!!!) von Reproduktion vielleicht von lebenserhaltenden und -entwickelnden Tätigkeiten sprechen.“

        Das war von Marx und Engels „ein klein wenig“ anders formuliert und es wird hier auch klar, wie und wodurch das Verhältnis zwischen Produktion und Reproduktion vermittelt wird:

        „Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.

        Die Weise, in der die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, hängt zunächst von der Beschaffenheit der vorgefundenen und zu reproduzierenden Lebensmittel selbst ab. Diese Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, daß sie die Reproduktion der physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Individuen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben. Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“

        Wie kann ich mir also „lebenserhaltende Tätigkeiten“ von Menschen im Bereich der Reproduktion („Leben“?) vorstellen, die ganz ohne Produktion der Lebensmittel auskommen?
        Die Produktion der Lebensmittel ist die Voraussetzung der „Lebenserhaltung“.
        Nur wer auf die Produktion der Lebensmittel nicht angewiesen ist, weil andere diese produzieren, kann eine luxuriöse Sichtweise entwickeln, in der Lebenserhaltung und -entwicklung a. isoliert (=entfremdet) auf der Seite der Reproduktion und b. voraussetzungslos erscheinen (!!! nicht sind).

        Nachdem sie also damit (für mich) auf den ersten Seiten schon „farewell to marxism!“ anstimmt, geht es ab S. 521 in den offenen Brechreiz über (alle Hervorhebungen von mir):

        „Ohne große Schwierigkeit erkennt man sogleich, dass auf der weiblichen Lebendiges (!!!), Heim (!!!), Wohlsein (!!!) gewissermaßen auf Kosten derer, die dies häuslich bewerkstelligen sollen, situiert sind. Wo auch Frauen in den Lohnarbeitsbereich einbezogen werden, folgen Stress und Vernachlässigung.“

        Erkennst du noch einen Unterschied zu Rita Süssmuth?
        Hätte auch jede beliebige DNVP-Frau als Kritik gegenüber der Gesellschaft äußern können.
        Das ist der aktuelle „Marxismus-Feminismus“.
        In dem „Lebendiges, Heim und Wohlsein“ zutiefst weiblich konnotiert sind.
        Bilde jetzt Gegensatzpaare für IHRE Definition von „Männlichkeit“.

        Und damit du nicht denkst, ich würde „zwischen den Zeilen“ etwas hineinlesen, was da nicht geschrieben steht; DAS hier ist der nächste Satz und ich hebe NICHTS hervor:

        „Frauen können sich keine Kinder mehr leisten, sobald sie den Ernährer, der Haustyrann war, in neoliberaler Freiheit los sind und mit ihm ihre Existenzgrundlage.“

        Hiermit eröffne ich das verschleppte geistige Insolvenzverfahren gegenüber dem Argument-Verlag. Es ist deprimierend, es ist traurig, es ist grotesk.

        Gruß, crumar

      11. @Lucas

        „Ein Klassiker dieser Selektion ist ja tatsächlich, @ Crumar, die Konzentration auf die Hausarbeit, die gleichmäßig aufgeteilt werden sollte – ohne groß darauf zu achten, ob denn die Erwerbsarbeit eigentlich auch gleichmäßig aufgeteilt ist. Ständig wird so selektiert, was als „Wirklichkeit“ zugelassen werden kann und was nicht.

        Ich glaube, das ist tatsächlich nur durchzuhalten mit Hilfe der Überzeugung, dass wir eigentlich nur die Oberfläche der Wirklichkeit wahrnehmen, dass aber das, was die (soziale) Welt EIGENTLICH ausmacht, erst mit dem richtigen Bewusstsein erkannt werden kann.“

        Das Problem sehe ich hier darin, dass eine Theorie über diese Wirklichkeit existiert, die das elementare Problem hat, keine Anknüpfungspunkte in der empirischen Realität zu finden.
        Und sich darum darin ergeht, eine zu konstruieren, die selektiert wird.
        Danach wird sie medial in Dauerschleife wiederholt und schafft eine ganz eigene Realität.
        So wird die empirische Realität zur Oberfläche einer medialen Realität, die zur „eigentlichen Realität“ wird.

        Die Aussage z.B.: „Das Patriarchat herrscht, bzw. alle Männer herrschen über alle Frauen durch die Instrumentalisierung sexueller Gewalt gegenüber einigen Frauen zum Zweck der Erzeugung von Angst, welche diese (alle, bzw. die Mehrheit) in einen Zustand der Unterwürfigkeit: a.bringt und b. belässt, welche wiederum die männliche Herrschaft a. überhaupt und b. dauerhaft ermöglicht.“

        Das ist der Klassiker von Brownmiller mit allen Implikationen ausgeschrieben.
        Die Logik der Feststellung einer existierenden „rape culture“ ist tatsächlich das Resultat der Beweisführung des „richtigen Bewusstseins“ – nämlich empirische Beweise für die Existenz zu fabrizieren, die es niemals gegeben hat.
        Allein die Strafwürdigkeit (und es gab drakonische Strafen) von Vergewaltigung spricht der gesamten Theorie Hohn.

        (Die simple Fragestellung des „richtigen Bewusstseins“ war ursprünglich wesentlich einfacher: „Wie funktioniert männliche Herrschaft?“; was wiederum voraussetzt, diese hätte es gegeben.)

        Du weißt, ich arbeite an Studien zu sexueller Gewalt gegen Frauen, die in sich als plumpe Fälschungen erweisen.
        Das ist keine „Selektion“ von Wirklichkeit, sondern so wird „Wirklichkeit“ erzeugt.

        Ein Beispiel: Wir alle wissen, es gibt sexuelle Belästigungen gegenüber Frauen.
        In der großen Studie der KFN von 1992 wurden Frauen gefragt, wie viele sexuelle Belästigungen sie erfahren haben im Zeitraum der letzten 5 Jahre.
        ALLE Opfer von sexuellen Belästigungen der Studie fanden sich im zurückliegenden Jahr.
        Davor kein einziges.
        Mit der medialen Einführung der „sexuellen Belästigung“ als Tatbestand fanden sich also Opfer der sexuellen Belästigung. Ich möchte an dieser Stelle klar sagen, dass ich die Zeiten nicht wieder haben möchte, in der ein Klaps auf den Po der weiblichen Beschäftigten „gut für das Betriebsklima“ ist.
        Sondern nur klar machen, dass „sexuelle Belästigung“ nur insofern als solche empfunden werden konnte, indem in medialer Dauerberieselung darauf hingewiesen worden ist, dies wäre ein drängendes Problem der Mehrheit aller Frauen.

        Die damit wiederum eingeladen worden sind, die Theorie empirisch zu bestätigen – d.h. mit solchen Maßnahmen entsteht ein Bewusstsein von Frauen, die sich eher damit rechtfertigen müssen, noch nicht (was Angesichts der schieren Masse „erwartbar“ wäre) Opfer einer sexuellen Belästigung, Nötigung, Vergewaltigung geworden zu sein.

        Die NEUE Wirklichkeit (W2=medial produziert), ist eine fabrizierte, nicht eine „selektierte“.

        „Rosin ist in diesem Sinne nicht einmal eine Lügnerin – sie „wählt eben die Teile der Wirklichkeit aus, in denen sich eben die Herrschaftsverhältnisse (und ihr vermeintliches Aufbrechen durch junge selbstbewusste Frauen) zeigen, von denen sie ohnehin immer schon überzeugt ist.“

        Sie konnte nur „auswählen“, indem sie die Realität auf den Kopf stellte.
        Es gibt keine andere Interpretation der realen Empirie.
        Du kannst mir nicht erzählen, die Datenlage hätte auch eine andere Interpretation ermöglichen können.
        Es ist Tatbestand, dass die realen Zahlen ihrer Ideologie widersprachen.
        Die „Herrschaftsverhältnisse“ existierten nicht, also musste sie die Zahlen vergewaltigen.
        Rosin ist ein „truth rapist“.

        Schönen Gruß, crumar

      12. @Crumar

        Weißt Du eigentlich, auf welcher Basis die Brownmiller zu dieser „Erkenntnis“ gelangt ist? Das würde mich mal sehr interessieren. Woraus leitet sie das ab?

        Begriffe wie „Macht“ und „Herrschaft“ müssten ja eigentlich genau definiert werden und zwar so, dass man Kriterien hat, anhand derer man prüfen kann, ob man es mit „Macht“ und „Herrschaft“ zu tun hat. Das heißt, dass man den Spezialfall „Macht kommt zum Einsatz“ unterscheiden muss von rein zufälligen Ereignissen. Dazu muss man angeben können, wer mit welchen Mitteln was tut und warum das Macht ist im Gegensatz z.B. zur Überredung oder zum vorauseilenden Gehorsam. Brownmiller et al. klingen immer so als sei „Macht“ ein catch-all-Begriff. Noch alles und jedes wird durch „Männerherrschaft“ erklärt, so dass man am Ende gar keine empirisch testbaren Merkmale einer solchen mehr herausfiltern kann.

        Soweit ich mich mit Macht- und Herrschaftskonzepten befasst habe, ist es eben auch immer schwierig, Macht zu monopolisieren. Eine solche Monopolisierung behauptet der Feminismus ja sehr gerne. Vernünftige Herrschaftsmodelle zeigen aber oft genug, dass in vielen Konstellationen in der modernen Gesellschaft auch vielen Personen Handlungsmöglichkeiten zuwachsen, nicht nur dem „Chef“. Selbst die etwas archaischere Beziehung zwischen Herr und Knecht (klassisch: Hegel) ist dialektisch, weil auch der Knecht noch Optionen hat, den Herrn zu beeinflussen. Solche strikten Herr-Knecht-Beziehungen existieren selten in unserer Gegenwart.

        Ich frage mich, ob Brownmiller und Co. überhaupt über ein differenzierten Machtbegriff verfügen.

      13. @Schoppe

        Das hier finde ich sehr schön herausgearbeitet:

        „Die zum Popslogan verwandelte Vorstellung, dass es kein wahres Leben im falschen gäbe, wird dabei von Feministinnen wie Antje Schrupp schnurstracks über die Geschlechterdifferenz aufgelöst. Adorno interpretierte die Überzeugung von der allumfassenden Falschheit einer kapitalistischen Verdinglichung immerhin so, dass natürlich auch die Kritik an dieser Logik selbst von der Falschheit nicht frei wäre. Es gibt bei ihm keine gute, reine Welt, die der bösen, falschen entgegengehalten werden könnte.

        Schrupp hingegen, und mit ihr viele andere Feministinnen, finden dieses Richtige bei den Frauen – die Falschheit ist immer schon die Falschheit der Männerwelt.“

        Nebenbei bemerkt: Nebenan, bei Evo-Chris, findet ja ab und zu der Streit um den Begriff „Kulturmarxismus“ statt. Und ich finde, die Linie, die du dort aufzeigst, macht deutlich, dass
        a) Kulturmarxismus durchaus ein sinnvoller Begriff ist, um bestimmte Denktraditionen zu bezeichnen
        b) es hier einen inneren Konnex gibt in der Form, dass der Feminismus sich einer bestimmten Denkfigur bemächtigt und sie mit eigenen Inhalten gefüllt hat

        Und es erklärt auch, warum das feministische Projekt immer noch als politisch „irgendwie links“ verortet wird im Bewusstsein vieler – obwohl faktisch da nichts mehr ist, was mit klassischer linker politischer Denke vereinbar wäre.

        Ich meine, jedem ernsthaften Kapitalismuskritiker müssen sich doch die Fußnägel aufrollen, wenn die Kritik an gesellschaftlicher Herrschaft nicht mehr an der Verfügungsgewalt über Produktionsmittel oder an entfremdeter Arbeit oder dergleichen festgemacht wird – sondern an der Frage, welchen Winkel meine Oberschenkel beim Sitzen in der U-Bahn einnehmen oder an einem nebulösen „male gaze“ oder an irgendwelchen Kleidernormen, die so wie so schon aufgeweicht bis zum geht nicht mehr sind.

        Wer soll das noch intellektuell ernst nehmen?

        Das ist eine so ungeheure Verflachung und Vulgarisierung von klassisch linken Denkweisen, dass einem vor Staunen nur noch der Unterkiefer herunterfallen kann. Da weiß man wirklich oft nicht mehr, was man sagen soll.
        Und von dieser Sprachlosigkeit der im eigentlichen Sinne politisch Linken lebt dann der Feminismus.

        Weshalb sie ja auch immer so allergisch mit Sprach- und Denkverboten reagieren, wenn jemand mal nicht sprachlos ist, sondern aus einer dezidiert linken oder gar marxistischen Perspektive Kritik an diesen vulgär-feministischen Gemeinplätzen anmeldet. Da merken sie sehr schnell, wie argumentativ schwach auf der Brust sie sind. Deswegen darf eine Debatte mit Argumenten ja auch nicht stattfinden. Deswegen muss es dann immer heißen: MIT euch reden wir gar nicht – höchsten ÜBER euch, aber unter Ausschluss von euch.

      14. @ Crumar „Du kannst mir nicht erzählen, die Datenlage hätte auch eine andere Interpretation ermöglichen können.“ Nein, darum geht es Rosin ja auch gar nicht – zu überprüfen, welche der unterschiedlichen möglichen Interpretationen empirischen Daten am Besten gerecht werden. Sie steht für eine Position, die HINTER der empirischen Wirklichkeit eine echtere soziale Realität entdeckt, die bei ihr sogar optimistischer gedeutet wird als bei vielen anderen: Als Siegeszug der Frauen in männlich geprägten Herrschaftsverhältnissen. Aus ihrer Sicht ist es eben KEINE Lüge, wenn sie sich auf passende Daten konzentriert und unpassende weglässt. Da die von Herrschaftsformationen bestimmte empirische Wirklichkeit natürlich immer fragwürdig sei, sei es eben wichtig, den gelieferten Daten nicht naiv zu folgen, sondern sie im Sinne einer „emanzipatorischen Politik“ zu interpretieren.

        Hier ist der Bezug auf Adorno, @ virtual cd, tatsächlich passend. Im „Positivismusstreit“ der Sozialwissenschaften vertrat Adorno ja tatsächlich eine solche Position gegen Popper: Da alle sozialen Daten schon durch Herrschaftsverhältnisse mit-konstruiert seien (ich drücke das mal in heutiger modischer Sprache aus, nicht auf Adornitisch), würde es diese Gesellschaftsverhältnisse nur reproduzieren, wenn sich Forschung naiv auf diese Daten stützen würde. Eine seriöse Forschung sei nur in der Perspektive einer Utopie möglich, die gleichsam die bestehenden Verhältnisse transzendiere – erst so könnten soziale Daten angemessen beurteilt und verwendet werden.

        Ich war in dieser Diskussion immer auf Poppers Seite, ich finde es aber trotzdem missbräuchlich bis hin zur Verleumdung, wenn Adorno als „Kulturmarxist“ für eigentlich sämtliche Probleme der westlichen Welt verantwortlich gemacht wird. Aber erst einmal zur Adorno-Kritik: Ein zentraler Einwand gegen ihn ist eigentlich schon von Peirce formuliert worden, bevor Adorno überhaupt zu schreiben anfing (in Peirces Kritik an Descartes): Es habe einfach keinen Sinn, von einer umfassenden „Falschheit“ auszugehen. Auch Zweifel seien begründungsfähig und begründungsbedürftig, und es könne kein Zweifel an irgendeiner Position formuliert werden, ohne dass dabei implizit Positionen eingenommen würden, an denen eben NICHT gezweifelt werde.

        Descartes universeller Zweifel ist daher ebenso eine optische bzw. logische Täuschung wie Adornos Gedanke einer umfassenden Falschheit der Verhältnisse: Man kann die Wörter aneinanderreihen, aber es verbindet sich eigentlich kein nachprüfbarer Sinn damit.

        Wer aber von „Kulturmarxismus“ redet, meint ja i.d.R. nicht einfach nur, dass die Idee einer umfassenden Falschheit der sozialen Verhältnisse in sich widersprüchlich und sinnlos ist. Er hat in aller Regel auch wenig Ahnung von der Frankfurter Schule – sondern sucht nur nach Möglichkeiten zu behaupten, dass sämtliche ernsthaften sozialen Probleme irgendwie auf eine linke Verschwörung zurückzuführen seien. Die Rede vom Kulturmarixismus ist meist einfach eine Art Pop-Version von McCarthy – eine ressentimentgeladene antilinke Verschwörungstheorie.

        Dass die Linke heute solchen Ressentiments nichts entgegenzusetzen hat, sondern am laufenden Band Bestätigungen für sie liefert, ist allerdings nicht die Schuld rechter Verschwörungstheoretiker, sondern liegt an eben den Absurditäten heutiger linker Politik, die Du beschreibst.

        Für die abstrakte und absolute Herrschaftsunterstellung, die zur Basiskompetenz heutiger linker Debattenbeiträge gehört, gibt es meines Wissens überhaupt keine konkrete, überprüfbare Herrschaftstheorie. Auch Brownmiller, @ Lomi, hat sie nach meiner Erinnerung an keiner Stelle geliefert. Bei ihr geht es nur darum, dass die gängigen Interpretationen von Vergewaltigung – der Täter als sozial ausgegrenzte Ausnahme, und als Triebtäter – nicht stimmig seien. Sie setzt dem etwas entgegen: das Bild vom Täter als Exekutor allgemeiner männlicher Herrschafts- und Kontrollinteressen, dem eher an Macht als an Triebbefriedigung gelegen sei.

        Diese Position verkauft sich aber weitgehend in der Kritik an der als unzureichend hingestellten gängigen Interpretation vorn Vergewaltigungen – sie selbst wird nicht weiter begründet. Allgemein formuliert: Wir müssen nur zeigen, dass unsere Gegner falsch liegen – daraus ergibt sich dann schon irgendwie von selbst, dass wir selbst richtig liegen müssen.

      15. @ Schoppe

        „Im “Positivismusstreit” der Sozialwissenschaften vertrat Adorno ja tatsächlich eine solche Position gegen Popper: Da alle sozialen Daten schon durch Herrschaftsverhältnisse mit-konstruiert seien (ich drücke das mal in heutiger modischer Sprache aus, nicht auf Adornitisch), würde es diese Gesellschaftsverhältnisse nur reproduzieren, wenn sich Forschung naiv auf diese Daten stützen würde. Eine seriöse Forschung sei nur in der Perspektive einer Utopie möglich, die gleichsam die bestehenden Verhältnisse transzendiere – erst so könnten soziale Daten angemessen beurteilt und verwendet werden.“

        Ich erlaube mir mal dies nach meinem Verständnis von Adornos Position etwas zu ergänzen und zu korrigieren.

        Adornos Begriff von Kritik war nicht der einer Kritik, die die kritischen Maßstäbe quasi von außen durch Orientierung an einem bestimmten alternativen Gesellschaftsmodell an die zu kritisierende Sache heranträgt, sondern er war Anhänger der sogenannten „immanenten Kritik“, also einer Form von Kritik, die stets ausgehend von zentralen Werten und Prinzipien der kritisierten Sache selbst Kritik übt.

        Dieses Kritikverständnis leitet sich ab aus Adornos Verständnis dialektischen Philosophierens in der Tradition von Hegels idealistischer Dialektik und Marx materialistischer Dialektik. Adorno ist selbst – u.a. neben Hegel und Marx – einer der bedeutendsten Vertreter der westlichen philosophischen Tradition der dialektischen Philosophie.
        Ausgehend von diesem philosophischen Standpunkt lehnte Adorno es ab die bürgerliche Gesellschaft durch Vergleich mit einem potentiell besseren Gesellschaftsmodell zu kritisieren, sondern seinem Selbstverständnis nach sollte der Maßstab der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft selbst entnommen sein, ihrem eigenen Anspruch eine aufgeklärte und emanzipatorische Gesellschaft zu sein, die auf den Werten der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beruht.

        Adorno bemerkt hierzu:

        „Wenn man an einem Gebilde Kritik übt, dann kann diese Kritik – und das ist eine populäre Redeweise – entweder transzendente Kritik sein, das heißt, sie kann das Gebilde oder die Realität oder was immer es sei, messen an irgendwelchen Voraussetzungen, die dem Urteilenden zwar festzustehen scheinen, die aber nicht in der Sache sind; oder sie kann immanente Kritik sein, das heißt, sie kann woran Kritik geübt wird, messen an dessen eigenen Voraussetzungen, an seinem eigenen Formgesetz. Der dialektische Weg ist nun immer der, der immanenten Kritik, das heißt, es darf ganz in dem Sinn, den ich Ihnen eben entfaltet habe, nicht etwa an die Sache ein ihr äußerliches Kriterium herangebracht werden, keine „Versicherung“ und kein „bloßer Einfall“, sondern sie muss, um zu sich selber zu kommen, an sich, an ihrem eigenen Begriff gemessen werden. Wenn etwa Marx, um Ihnen ein Beispiel aus der materialistischen Dialektik zu geben, Kritik übt an der kapitalistischen Gesellschaft, dann kann das bei Marx niemals geschehen, indem er ihr eine sogenannte ideale, etwa eine sozialistische Gesellschaft gegenüberhält. Das ist bei Marx an allen Stellen sorgfältig vermieden, genau wie Hegel niemals an irgendeiner Stelle sich dazu hergegeben hat, die Utopie oder die verwirklichte Idee als solche auszumalen. Darüber herrscht in beiden Versionen der Dialektik ein schweres Tabu.“

        (aus: Theodor W. Adorno – Einführung in die Dialektik, Suhrkamp, 2015, S. 50 f.)

        Ob Adornos Marx-Interpretation hier so ganz zutreffend ist, sei dahingestellt, aber ausgehend von seinem Dialektik-Verständnis ging es Adorno nicht wirklich darum, dass seriöse Forschung in der Perspektive einer Utopie betrieben werden sollte, sondern er wollte der von ihm präferierten Form von Soziologie neben der Aufgabe der empirischen Forschung zwei weitere Aufgaben zuweisen,
        1. die einer Gesellschaftsanalyse mittels einer interpretativen dialektischen Methode, da Adorno glaubte, dass bestimmte wesentliche Aspekte der Gesellschaft durch empirische Sozialforschung allein nicht erfasst werden könnten und
        2. die Aufgabe einer immanenten Kritik der Gesellschaft, um dadurch zu ihrer Weiterentwicklung beizutragen.

        Adorno schrieb dazu:

        „Wenn Sie mich fragen, was Soziologie eigentlich sein sollte, dann würde ich sagen, es muss die Einsicht in die Gesellschaft sein, in das Wesentliche der Gesellschaft, Einsicht in das, was ist, aber in einem solchen Sinn, dass diese Einsicht kritisch ist, indem sie das, was gesellschaftlich „der Fall ist“, wie Wittgenstein gesagt haben würde, an dem mißt, was es selbst zu sein beansprucht, um in diesem Widerspruch zugleich die Potentiale, die Möglichkeiten einer Veränderung der gesellschaftlichen Gesamtverfassung aufzuspüren.“

        (aus: Theodor W. Adorno – Einleitung in die Soziologie, Suhrkamp, 2015, S. 31)

        Max Horkheimer betonte in seinen Spätschriften übrigens mit Bezug auf Schopenhauer, dass das Prinzip der immanenten Kritik nicht nur für einen politisch linken Standpunkt reserviert sei, sondern, dass immanente Kritik ebenso von einem konservativen Standpunkt aus geübt werden könne:

        „(…) Schopenhauer stand kritisch zur Welt, aber nicht kritisch im Sinne moderner Revolution, sondern kritisch im Sinne des Konservativen. (…) Er maß – wie sehr viele Konservative – die Welt an den Ideen, zu denen sie sich bekannte, und er fand einen krassen Unterschied; und das bestimmte weitgehend die Kritik, die er an der gesellschaftlichen Realität übte. Ich will jetzt nicht auf seine Metaphysik eingehen, die zwar sehr wichtig ist, sondern darauf hinweisen, dass die konservative Haltung ebenso kritisch sein kann, wenn sie eine wahre konservative Haltung ist, wie die ihr entgegengesetzte revolutionär-marxistische. Von Marx las ich erst nach dem Ersten Weltkrieg etwas, und ich fand manche Ähnlichkeit mit Schopenhauer, denn es schien mir, dass die Marxsche Lehre eigentlich ein Protest dagegen war, dass die Losungen der bürgerlichen Revolution – liberte, egalite, fraternite – in der Welt, die sich zu ihnen bekannte, nur für eine relative kleine Gruppe verwirklicht wurden. Und so kamen für mich diese beiden Denker zusammen.”

        (aus: Max Horkheimer – Verwaltete Welt. Gespräch mit Otmar Herrsche. In: Max Horkheimer – Gesammelte Schriften Band 7, Vorträge und Aufzeichnungen 1949 – 1973, S. 364)

        „Aber erst einmal zur Adorno-Kritik: Ein zentraler Einwand gegen ihn ist eigentlich schon von Peirce formuliert worden, bevor Adorno überhaupt zu schreiben anfing (in Peirces Kritik an Descartes): Es habe einfach keinen Sinn, von einer umfassenden “Falschheit” auszugehen.“

        Adornos Auffassung, dass es „kein richtiges Leben im falschen gebe“ ist m.E. auch nur vor dem Hintergrund seines Dialektik-Verständnisses genauer zu verstehen.

        Adorno ging davon aus, dass es in jeder Gesellschaft „objektive Bewegungsgesetze“ gebe, durch die die „gesellschaftliche Totalität“, der gesellschaftliche Strukturzusammenhang wesentlich geprägt würden. Er glaubte nun, dass diese „objektiven Bewegungsgesetze“ der Gesellschaft nicht allein durch empirische Sozialforschung ermittelt werden könnten, sondern dass es dazu vor allem eines interpretativen Verfahrens mittels der dialektischen Methode bedürfe.

        Für Adorno waren diese objektiven gesellschaftlichen Bewegungsgesetze das „Wesentliche“ innerhalb der Analyse der Gesellschaft, denn diese objektiven Bewegungsgesetze beeinflussen Adorno zufolge – und zwar in signifikanter Weise – alle gesellschaftlichen Teilsysteme und die Sozialisation der Gesellschaftsmitglieder.
        Aber, wichtig: Dass bedeutet nicht, dass alle gesellschaftlichen Teilsysteme völlig von diesen Bewegungsgesetzen determiniert werden und keine Eigengesetzlichkeit und Eigendynamik mehr aufweisen, es bedeutet aber, dass alle gesellschaftlichen Teilsysteme erst im Lichte dieser Bewegungsgesetze in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang tiefergehend verstanden werden können.

        Adorno hat meines Wissens nirgendwo eine systematische Darstellung seiner interpretativen soziologischen Methode gegeben, aber sein soziologisches Werk enthält viele Einzelanalysen aus denen Adorno-Kenner versuchen sein Vorgehen zu rekonstruieren.

        Nun vertrat Adorno die Ansicht, dass wenn die objektiven Bewegungsgesetze einer Gesellschaft wesentlich einen irrationalen Charakter haben und gravierende Dysfunktionalitäten aufweisen, sich dies bis zu einem gewissen Grad – aber in signifikantem Ausmaß – in allen gesellschaftlichen Teilsystemen einschließlich der gesellschaftlichen Sozialisation niederschlägt.

        Für Adorno, der sich bezüglich der bürgerlichen Gesellschaft an der marxistischen Kapitalismusanalyse orientierte, waren die objektiven Bewegungsgesetze der bürgerlichen Gesellschaft vor allem durch ein sich verselbständigendes Prinzip der Profitmaximierung geprägt, was nach marxistischer Auffassung – und dem stimme ich zu – viele negative Folgewirkungen nach sich zieht.

        Gemäß Adornos dialektischer Gesellschaftsauffassung wirkt sich die Irrationalität dieser objektiven Bewegungsgesetze nun bis zu einem gewissen Grad – aber in signifikantem Ausmaß – in allen gesellschaftlichen Teilsystemen aus und das ist mit der Auffassung gemeint, dass es kein „richtiges Leben im Falschen gebe“.

        Nicht damit gemeint ist allerdings, dass die Gesellschaft bzw. alle gesellschaftlichen Teilsysteme zu 100 % „falsch“ seien, dass also irrationale gesellschaftliche Bewegungsgesetze die gesamte Gesellschaft zu 100 % zur Irrationalität determinieren würden, es bedeutet nur, dass kein gesellschaftliches Teilsystem von einem gewissen Maß an Irrationalität und Dysfunktionalität verschont bleibt. Daneben gibt es aber durchaus auch noch rationale und funktionale gesellschaftliche Aspekte.

        Adorno war bekanntlich eng verbunden mit und stark orientiert an den Werken der deutschen Hochkultur des 19. Jahrhunderts und kann in diesem Sinne als kulturkonservativ bezeichnet werden.

        Auch bejahte Adorno z.B. Reformen. Zwar glaubte er, dass die Auswirkungen von Reformen in einer Gesellschaft mit irrationalen gesellschaftlichen Bewegungsgesetzen zwangsläufig begrenzt seien, er warnte aber trotzdem davor Reformen gering zu schätzen:

        „Ich möchte dem aber noch eines hinzufügen, was vielleicht an dieser Stelle doch auch gesagt werden muss. Glauben Sie nicht, dass ich wegen der hier angemeldeten Alternative, nun über partikulare Verbesserungen, wie sie etwa die positivistischen Soziologen, soweit sie pragmatistisch orientiert sind, ja vorschlagen, gering dächte. Es wäre eine schlechte und eine idealistische Abstraktheit, wenn man um der Struktur des Ganzen willen die Möglichkeit von Verbesserungen im Rahmen der bestehenden Verhältnisse bagatellisieren würde oder gar – und auch daran hat es früher nicht gefehlt – negativ akzentuieren würde. Es läge darin nämlich ein Begriff von Totalität, der sich über die Interessen der jetzt und hier einzeln lebenden Menschen hinwegsetzt, und es gehört dazu eine Art von abstraktem Vertrauen auf den Gang der Weltgeschichte, das ich jedenfalls in dieser Gestalt schlechterdings nicht aufzubringen vermag. (…) Also ich würde denken, in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität sollte man dann auch mit dem Vorwurf des sogenannten Reformismus sehr viel sparsamer umgehen, als das im vorigen Jahrhundert und zu Anfang diesen Jahrhunderts vielleicht noch möglich war.“

        (aus: Theodor W. Adorno – Einleitung in die Soziologie, Suhrkamp, 2015, S. 52)

        Diese Bejahung von Reformen zeigt, dass Adorno nicht der Ansicht war, es gebe keine Ansatzpunkte für partikulare Verbesserungen innerhalb der bestehenden Gesellschaft, dass also Verbesserungen innerhalb des Bestehenden grundsätzlich nicht möglich wären. Dann kann aber auch nicht alles zu 100 % „falsch“ sein.

        Zu guter Letzt sei kurz erwähnt, dass ich hier Adornos Auffassung zur Gesellschaftskritik kurz darstellen wollte, so wie ich sie verstanden habe, nicht meine eigene.
        Ich bin in meiner Auffassung zur Gesellschaftskritik stärker vom libertären Sozialismus geprägt und da gibt es zur Kritischen Theorie im Sinne von Adorno (und Horkheimer) schon einige Unterschiede.

    2. Also ich sehe Opferabo und Opferkult nun a priori auch nicht als irgend eine pathologische Störung, obwohl dies nicht rundweg auszuschliessen ist. Ich sehe Opferkult und Opferabo mal primär mit eigenen Interessen gekoppelt: das können unterschiedlichste Interessen sein im Sinne: „als Opfer habe ich das Recht, Forderungen und Ansprüche zu stellen, sei dies ökonomischer, politischer, sozialer Art und Weise.“ Ist also m.E. eher eine Strategie, um die eigenen Interessen besser durchsetzen zu können. Identifizierung mit Opfern oder sich als Hexe zu sehen, kann auch auf der Ebene des eigenen Wohlgefühls sinnvoll sein. Man ist ja auf der Seite der Unterdrückten und Leidgeplagten und das bringt vielfach auch symbolisches Kapital ein, was sich wiederum eben dann auf das eigene Wohlbefinden auswirken kann. Und bei der Hexe kann man sich als Häretikerin inszenieren, die gegen die Orthodoxie ankämpft und für das Gute und Edle kämpft – auch dies vielfach mit Vermehrung des symbolisches Kapitals verbunden. 🙂

      Antwort

    3. @crumar
      „Hiermit eröffne ich das verschleppte geistige Insolvenzverfahren gegenüber dem Argument-Verlag. Es ist deprimierend, es ist traurig, es ist grotesk.“

      Dieses Insolvenzverfahren wird wohl „mangels Masse“ gar nicht eröffnet werden können. Geistig ist da nichts mehr, was einer Verwertung zugeführt werden könnte.

      Es ist eine Farce. Man kann das nur noch von der lustigen Seite nehmen.

      Antwort

  2. Moin Lotosritter,
    ein paar Anmerkungen dazu:

    „…Opfer des Friedens von Verdun…“
    Ich vermute, Du meinst eigentlich den Versailler Vertrag. welcher übrigens schon derzeit von internationalen Kritikern ( und insofern prophetisch ) als Provokation für den WW II betrachtet wurde ( gerade eben zufällig eine Doku zum WW I gesehen ).
    „…als auch die allgemeine Auffassung in der Bevölkerung Opfer der Hitlerei geworden zu sein“
    Nun ja. Teile der Nachkriegsbevölkerung und besonders die Kinder waren das natürlich.
    Aber es ist schon skurril, daß offenbar sehr viele heute noch mit Selbstzuweisungen, als Opfer o. Täter, oder eben ( nicht zuletzt den feministischen ) Täterzuweisungen, in dem Kontext kokettieren.
    Noch verrückter finde ich es, aus einer vermeindlichen, oder auch tatsächlichen „allgemeinen“ Opferrolle grundsätzlich eine Anspruchshaltung abzuleiten ( spezielle Ausnahmen bestätigen die Regel ), besonders wenn diese Ansprüche, oder daraus resultierende Forderungen für das konkrete, oder zukünftige Opfer keinen nennenswerten Sinn ergeben.
    Ansonsten stimme ich Deinem Kommentar praktisch umfassend zu.
    C.u. Fiete

    Antwort

  3. Klar, Fiete, meinte ich den Versailler Vertrag. – Was die selbstgewählte Opferrolle angeht, bleibe ich bei der Psychopathologie, auch wenn dahinter wiederum rationale Gründe an einfach zu erringender Machtteilhabe und Auskommen stehen. Ich meine, dass erfolgreiches Machtstreben überwiegend auch einer gestörten Psyche geschuldet ist. Zudem ist die Opferrolle ein über alle Zeiten tradierter Habitus, um Forderungen durchzusetzen und Gewalt zu begründen. Im Nahen Osten lässt sich dies seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches, in der Frauenbewegung seit den Suffragetten beobachten. Opfer zu sein, ist mit dem christlichen Märtyerkult auch ein fester und honorabler Bestandteil westlicher Kultur geworden. Nur deswegen, funktioniert auch der feministische Opferkult. Dass es dabei zu Opferkonkurrenz kommt, liegt in der Natur der per se lohnenswerten Sache. Dass dabei diejenigen, deren Opferrolle fantasiert ist, am lautesten trommeln begründet sich gleichermaßen. Schließlich müssen Pseudologen ihre Lügen schon deswegen beständig wiederholen, damit diese Wahrheit und sie selbst glaubhaft bleiben.

    Dies zeigt sich auch im Opferverhalten. Wirkliche Opfer treten überwiegend nicht so fordernd und laut auf wie Opferanwälte. Auch dies liegt in der Natur der Sache. Der Opferanwalt gewinnt Ansehen und Macht aus seiner Anklage. Das wahre Opfer vertritt er nicht per se sondern pro domo. Feministen sind Opferanwälte für ihre eigene phantasierte Benachteiligung, denn sie kümmern sich im Grunde nur soweit um die Frauen als solche, als es ihnen selbst von nutzen ist. So bleibt die Frauenbewegung was sie von Anfang an war: ein Steckenpferd bürgerlicher Frauen.

    Antwort

    1. @ Lotosritter „Wirkliche Opfer treten überwiegend nicht so fordernd und laut auf wie Opferanwälte. Auch dies liegt in der Natur der Sache.“ Wer beispielsweise Opfer erheblicher Gewalt geworden ist, der riskiert sehr viel, wenn er sich offen dazu äußert. Er oder sie ist ja bleibend verletzlich, und er spricht über etwas, wozu er nicht leicht Distanz gewinnen kann, wenn das Gespärch schief geht – etwa, wenn er verspottet wird, oder wenn er für das, was er sagt, angegriffen wird – oder wenn er einfach die Erfahrung macht, dass es niemand hören will. Dazu kommt noch, nach meiner Erfahrung, sehr häufig ein tiefes Gefühl der Scham – nicht bei denen, die gewalttätig waren, sondern bei denen, die Gewalt und Hilflosigkeit erfahren haben.

      Wer hingegen – so wie das Mark E. Smith ja oben schreibt – einen Opferstatus als symbolisches Kapital verwendet, gewinnt dabei am meisten, wenn er dieses Kapital weitgehend souverän und frei investieren kann. Ich finde den Rückgriff auf Bourdieus Kapital-Begriff hier sehr passend – aber das bedeutet eben auch, dass Opferinszenierungen umso erfolgversprechender sind, je mehr sie eben vor allem INSZENIERUNGEN sind, kein Ausdruck echter Schmerzen und Verletzungen.

      Die „Anspruchshaltung“ (@ Fiete) erklärt sich ebenfalls daraus. Wer ein Kapital investiert, erwartet eben Gewinne.

      Antwort

  4. […] mit 36 Fragen an Männer ist ein günstiger Anlass, die Frage Wie hast Du’s mit dem Feminismus? um die Frage Wie hast Du’s mit dem Antifeminismus? zu […]

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