Political Correctnes

Lernen. Eine Triggerwarnung

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geschrieben von: Lucas Schoppe
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Von seltsamen Geschehnissen an amerikanischen Universitäten berichtet in dieser Woche die Zeit:

„Im Februar wurde auf Drängen von Studentinnen der Northwestern University ein Disziplinarverfahren gegen eine Professorin eingeleitet, die erklärt hatte, dass die Missbrauchsangst bei Liebeleien auf dem Campus übertrieben werde.

Im Mai verlangten Studenten der Columbia University, Professoren müssten sie vor dem traumatisierenden Inhalt von Ovids Metamorphosen warnen.

Im Oktober löste in Yale eine Psychologin eine Protestwelle aus, als sie sich weigerte, Studenten vorzuschreiben, welche vermeintlich kulturell aneignenden Kostüme sie zu Halloween nicht tragen dürften.“ 

Aktueller Anlass für den Artikel: Die Kantine des berühmten Oberlin-College hatte internationale Speisen angeboten und dafür, voller Naivität, „wohl auf Lob gehofft“. Tatsächlich gab es heftige Proteste von Studentenvereinigungen: Die Speisekarte würde Güter fremder Kulturen vereinnahmen und mache sich der „kulturellen Aneignung“ (cultural appropriation) schuldig.

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Heutige studentische Aktivisten würden, anders als ihre Vorgänger vor einigen Jahrzehnten, nicht mehr für „Free Speech“, die Freiheit der Rede, eintreten – so Josef Joffe in einem anderen Zeit-Artikel:

„Heute wollen die privilegierten Zöglinge von Yale (und anderen Elite-Colleges) nicht hören und sehen, was ihnen ‚Schmerz’ bereitet.“

Der Autor des zuerst zitierten Textes bleibt anonym: Ein solcher Artikel sei Selbstmord für seine akademische Karriere, habe ihm eine Freundin gesagt. Selbst überaus profilierte Rednerinnen, über deren Vorträge Universitäten normalerweise stolz wären, wurden aufgrund von Protesten wieder ausgeladen. Condolezza Rice, die Sicherheitsberaterin von G.W. Bush, und Christine Lagarde, die IWF-Chefin, zum Beispiel. Als vor wenigen Tagen die Feminismuskritiker Milo Yiannopoulos und Christina Hoff Sommers an der University of Minnesota eingeladen waren, konnten sie ihre Vorträge nur gegen massive Störungen halten. Erst in der Woche zuvor war ein Vortrag von Yiannopoulos an der Rutgers University ebenso heftig, und mit den Einsatz von Kunstblut, gestört worden.

Seit Jahren schon verlangen Studenten Trigger Warnings für Bücher – Warnungen davor, dass der Inhalt sie verstören könnte. Bücher wie Mark Twains Huckleberry Finn (weil darin das Wort „Nigger“ vorkommt), F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby (weil darin Gewalt vorkommt) oder Virginia Woolfs Mrs Dalloway (weil der Text an vergangene Verletzungen erinnern könnte) gehören dazu.

Bemerkungen, die ohne böse Absicht gesagt, aber von den Angesprochenen als verletzend erlebt werden, gelten als „Mikroaggressionen“ – die Frage an eine japanisch aussehende Studentin etwa, ob sie japanische Schriftzeichen lesen könne, schließe sie auf subtile Weise aus.

Auch Deutschland ist von solchen Entwicklungen nicht frei. Die feminismuskritische Monika Ebeling erlebte ebenfalls schon massive Proteste bei Reden an Universitäten. Eine Vorlesungsreihe des berühmten Berliner Politik-Professors Herfried Münkler wurde von anonym bleibenden Studenten in einem Blog  regelmäßig selektiv wiedergegeben, Münkler selbst wurde problematischer und diskriminiereneder Äußerungen bezichtigt. Kinderbücher von Astrid Lindgren und Ottfried Preußler lösten eine erregte Diskussion aus: Die Verlage hatten aus Pippi Langstrumpf und Die kleine Hexe den Begriff „Neger“ entfernt, so wie Mark Twains Verlag schon zwei Jahre zuvor im Huckleberry Finn den Begriff „negro“ mit „slave“ ersetzt hatte.

So skurril oder nebensächlich solche Konflikte wirken mögen, so haben sie doch ernsthafte Konsequenzen. Die oben erwähnte renommierte Kinderpsychologin beispielsweise, die ihren Studenten keine Vorschriften im Hinblick auf Halloween-Kostüme machen wollte, hat unter dem Druck massiver studentischer Proteste gegen sie – und gegen ihren Mann, der die Kühnheit besaß, sie offen zu verteidigen – ihre Lehrtätigkeit eingestellt. Für die Aktivisten ist das kein Grund, die Angemessenheit ihres Protestes zu überdenken.

„’Ich will nicht irgendwelche Debatten führen müssen’, schrieb eine Protestführerin in Yale während der Kontroverse um Halloween-Kostüme. ‚Ich will über meinen Schmerz reden.’“

Welchen Sinn aber haben solche Proteste? Und warum werden ausgerechnet Universitäten, die doch eigentlich Zentren offener Debatten sein müssten, zu Zentren ihrer massiven Behinderung?

Und – welche Auswirkungen hat das darauf, dass Universitäten eigentlich Stätten des Lernens sind?

 

Vom Glück der Unsicherheit

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget trifft eine einfache, aber sehr nützliche Unterscheidung, die zwischen Assimilation und Akkommodation. Wir würden die Wirklichkeit nicht in jeder Situation ganz neu wahrnehmen, sondern sie unwillkürlich nach bereits erlernten Mustern – Schemata –  sortieren. Sehen wir ein Haus, können wir es beispielsweise ohne weitere Überlegung nach dem Schema „Haus“ einordnen, ohne es jeweils von Neuem genau untersuchen und auf seine Funktion hin überprüfen zu müssen.

Was aber geschieht, wenn das, was wir wahrnehmen, nicht zu den vorgängigen Schemata passt? Für Piaget gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten: Wir können assimilieren, also die Wirklichkeit an die Schemata anpassen, die wir schon mitbringen – oder wir können akkommodieren, nämlich unsere Schemata entsprechend der neuen Situation ändern.

Wer bislang nur Häuser mit roten, gelben oder schwarzen Steinen kennt und dann ein Haus aus leuchtend grünen Steinen sieht, wird es trotzdem unschwer als „Haus“ erkennen – er kann den Unterschied als irrelevant herausfiltern und so die Wahrnehmung assimilieren.

Wer aber sein Leben in einem kleinen Bergdorf verbracht hat, lediglich kleine  Einfamilienhäuser und Berghütten kennt – und wer dann eine Großstadt besucht und plötzlich vor einen fünfzigstöckigen Hochhaus steht – der wird sein Schema „Haus“ modifizieren, also akkommodieren müssen.

Würden wir niemals assimilieren, dann wären wir permanent überfordert, weil jede Situation für uns wieder und wieder völlig neu wäre und wir niemals auf Routinen und Gelerntes zurückgreifen könnten. Würden wir aber niemals etwas anders tun als zu assimilieren, dann würden wir auch niemals etwas lernen.

So wird dann auch deutlich, warum der Ruf nach Trigger-Warnungen, Safe Spaces, dem Schutz vor ungeliebten Meinungen und Daten, vor den Irritationen durch „Mikroaggressionen“ so destruktiv werden kann: In ihm drückt sich die Erwartung aus, dass die Wirklichkeit beständig an das assimiliert werden müsse, was die Rufenden immer schon für richtig halten. Ausgerechnet an Universitäten etabliert sich damit eine einflussreiche politische Bewegung, die in ihrer Logik lernfeindlich ist.

Dabei geht es nicht allein um das Lernen von Daten und Fakten, auch wenn die Ausblendung unerwünschter Sachverhalte ein wichtiger Aspekt dieser Bewegung ist. Selbst schon ein schlichtes Erwachsenwerden wird so verweigert – als ob die Aktivisten die seltsam regressive Erwartung hätten, akademisch gefüttert zu werden wie Kinder: mit mäßig gewärmten, nicht zu kalten und nicht zu heißen Mahlzeiten, mit immer gut verträglichen Portionen, und ohne Bestandteile, die über längere Zeit gekaut oder verdaut werden müssten.

Auch politisch ist diese Bewegung destruktiv. Der Unterschied zwischen einer Ideologie und einer seriösen politischen Position lässt sich gerade an dem zwischen Assimilation und Akkommodation gut verdeutlichen. Ein Ideologe assimiliert ausschließlich und akkommodiert nicht – seine politische Position erlaubt es ihm, beliebige Daten der Wirklichkeit jeweils so umzurechnen, dass sie wiederum als Bestätigung der Position gedeutet werden können.

Wer beispielsweise einer Verschwörungstheorie nachhängt, kann jeden Hinweis auf die fehlende Tragfähigkeit dieser Theorie als bewusst gesetzte Täuschung der Verschwörer interpretieren und sich durch ihn schließlich sogar bestätigt fühlen. Ähnlich funktioniert das abstrakte Reden von „Herrschaftsstrukturen“, das viele der heutigen linken Bewegungen dominiert und das der politischen Linken derzeit wohl mehr Schaden zufügt als jede andere Idee. Noch jeder Versuch, den verselbständigten und um sich selbst kreisenden Herrschaftslogiken zu widersprechen, lässt sich im Rahmen dieser Logiken als Verteidigung von Privilegien interpretieren  – und bestätigt damit eben jede Logiken, die eigentlich widerlegt werden sollten. Sie sind damit in sich selbst abgedichtet und abgesichert.

Wer hingegen akkommodiert, also lernt, der wird Unsicherheit ertragen müssen. Mehr noch: Das Glücksgefühl, das mit Lernen verbunden sein kann, ist ohne diese Unsicherheit kaum zu erklären.

Ganz allgemein ließe Lernen sich beschreiben als Übergang von einem halbwegs stabilen Zustand in einen anderen halbwegs stabilen Zustand – aber dieser Übergang selbst ist notwendigerweise in aller Regel nicht stabil. Lernen ist grundsätzlich eine Erweitung von Möglichkeiten – und wer das will, der wird über das hinausgehen müssen, was er jeweils schon kennt. Deutschbücher beispielsweise sind – nach meiner Erfahrung als Deutschlehrer – oft eben auch deshalb so langweilig, weil sie sorgfältig auf alle Texte verzichten, die irgendjemanden stören oder provozieren könnten: Eben damit wird aber überhaupt nicht mehr deutlich, weshalb das Lesen von Literatur wichtig sein kann.

Wenn ein Kind lernt, Fahrrad zu fahren, dann ist es irgendwann ungeheuer stolz auf das Gelernte, probiert es aus, variiert es – aber zuvor ist es in den meisten Fällen mehrere Male mit dem Rad umgefallen und hat sich weh getan.

Dass Kinder beim Lernen hinfallen können, lässt sich nicht verhindern – es lässt sich aber verhindern, dass sie sich ernsthaft verletzen können. Auch nur halbwegs verantwortungsbewusste Eltern kämen beispielsweise kaum auf die Idee, einem Kind mitten auf einer vielbefahrenen Straße das Radfahren beizubringen.

Eben dies aber wird in der extremen Empfindlichkeit der Forderungen nach Safe Spaces, Trigger-Warnungen, in der aufgeregten Enttarnung von Mikroaggressionen geschleift: Der so wichtige Unterschied zwischen eine Unannehmlichkeit und einer ernsthaften Gefahr existiert hier nicht.

 

Emanzipation durch Angst?

Statt dessen wird in dieser Logik unmerklich eine andere Unterscheidung wichtig: Die zwischen uns und denen. Während die, die sich als schützenswert – nämlich als unterprivilegiert, emanzipatorisch, ausgegrenzt – definieren, selbst noch vor der Provokation einer unliebsamen Lektüre zu schützen sind, werden die Risiken für die anderen, die diese Provokation zu verantworten haben, beliebig vergrößert und ignoriert.

Die immensen persönlichen Risiken und die erheblichen Risiken für Bildungsinstitutionen, die mit einer beliebigen Einschränkung der freien Debatte verbunden sind, scheinen heute vergessen – als hätten es niemals eine Auseinandersetzung mit den Schrecken und Brutalitäten der McCarthy-Ära gegeben.

Es fehlt ein gemeinsamer, von allen nachvollziehbarer Maßstab dafür, wo Grenzen gezogen werden müssen – stattdessen  werden Grenzen von dem jeweils subjektiven Gefühl einiger gesetzt, angegriffen oder verletzt worden zu sein. In der Vorstellung, an amerikanischen Universitäten grassiere eine Vergewaltigungsepidemie, wird diese Abwendung von gemeinsamen Maßstäben auch juristisch hochgefährlich.

Ein Beispiel dafür ist der deutsche Paul Nungeßer, der als Student der New Yorker Columbia University von seiner ehemaligen Freundin Emma Sulkowicz öffentlich, nachdrücklich, effektvoll und mit großem medialen Erfolg als Vergewaltiger inszeniert wurde – obwohl er von den Vorwürfen entlastet wird.

„Wenn US-Unis gegen sexuelle Gewalt vorgehen, haben Angeklagte weder einen Verteidiger, noch gilt für sie die Unschuldsvermutung“,

kommentiert die Zeit.

Ein Student der Auburn University, der einer Vergewaltigung bezichtigt wurde, wurde trotz eines gerichtlichen Freispruchs von der Universität verwiesen. Ein Student der University of Montana erhielt immerhin 245.000 Dollar Entschädigung von der Universität, weil seine akademische – und sportliche – Karriere dort durch fälschliche Vergewaltigungsvorwürfe zerstört worden war.

Dozenten aber, die sich gegen die faktische Abschaffung der Unschuldsvermutung wenden, werden – so Joffe –  offen als Verteidiger von Vergewaltigern gebrandmarkt.

Damit leben zwei zentrale Prinzipien der McCarthy-Ära wieder auf: das Prinzip der „Guilt by Suspicion“, des Schuldigseins auf Verdacht, das keinen Raum für die Unschuldsvermutung lässt – und das Prinzip der „Guilt by Association“, bei dem jemand schuldig ist, weil er zu jemand anderem, der schuldig ist, in einer Verbindung steht, ihn also zum Beispiel verteidigt. Warum aber mündet das Versprechen der Emanzipation darin, erneut ein Klima der Angst zu schaffen?

 

Eine Fernbedienung für die Welt

In dem Erfahrungsbericht How I Became a Feminist Victim“ (was sich mit „Wie ich ein feministisches Opfer wurde“ übersetzen lässt, aber auch mit „Wie ich ein Opfer des Feminismus wurde“) erzählt Eleanor Sherman, Studentin und Autorin in Oxford, davon, wie sie sich an ihrer Universität einer bekannten feministischen Gruppe anschloss, sich intensiv mit Frauenfeindlichkeit und dem Konzept der Rape Culture auseinandersetzte – und wie sie sich schließlich immer mehr zurückzog, ängstlicher und verletzbarer fühlte, weil sie sich einer umfassenden männlichen Herrschaft ausgeliefert sah.

„Der Feminismus hatte mir nicht das Selbstvertrauen gegeben, es mit der Welt aufzunehmen – er hatte mich nicht stärker, wilder oder härter gemacht. Ironie der Ironien: Er hatte mich in eine Frau verwandelt, die lange Kleider trug und mit ihren Freundinnen zu Hause blieb. Die Welt draußen wurde zu einem Minenfeld.” (Originalzitat im Anhang)

Ist aber nicht auch das eine Form des Lernens?  Schließlich hatte sich Sherman intensiv mit Theorien und politischen Positionen auseinandergesetzt und etwas kennen gelernt, was sie zuvor nicht kannte.

Tatsächlich können wir natürlich auch etwas lernen, das uns schadet – traumatische Erfahrungen sind ein Beispiel dafür. Der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey – der sich übrigens politisch als Linken sah, als demokratischen Sozialisten – hat schon vor genau hundert Jahren in seiner 1916 erschienenen Schrift Democracy and Education einen abstrakten, allgemeinen Maßstab dafür angegeben, welche Art des Lernens in Schulen angestrebt werden solle: Lernen sei eben dann sinnvoll, wenn es weiteres Lernen ermögliche und fördere.

Wer hingegen lernt, die Welt als Produkt der Herrschaft von Feinden anzusehen – der lernt eben das und dann nichts mehr weiter, weil er alles Weitere ohnehin nur als Bestätigung seiner Ausgangsthese interpretiert. Zudem behindert er andere Menschen, eben die Feinde, an ihrer weiteren Entwicklung und beschädigt so die sozialen Strukturen, die für das Lernen einer demokratischen Gesellschaft wichtig sind. Die Angst vor der Welt, welche beständig reicher und mannigfaltiger ist als die eigenen Schemata, äußert sich im Ressentiment gegen den jeweiligen Feind.

Angst liegt wohl auch den heutigen Bewegung protestierender Studenten zu Grunde. Es ist die Angst einer sehr privilegierten, akademisch gebildeten, gehobenen – ob weißen oder nicht-weißen – Mittelschicht, in den Abwärtsstrudel der unteren Mittelschichten hineinzugeraten. Die eigene Gefährdung wird von den Aktivisten dabei massiv überproportional wahrgenommen – die Rede von einer Vergewaltigungsepidemie an den Universitäten verdeckt beispielsweise, dass Frauen mit universitärem Abschluss statistisch deutlich seltener Opfer sexueller Gewalt werden als Frauen ohne einen solchen Abschluss.

Im gängigen, zentralen und moralisierenden Feindbild des „angry white man“ bündelt sich also das Bestreben einer gehobenen akademischen Mittelschicht, sich von den sozial abstürzenden unteren Mittelschichten und der Arbeiterschicht abzugrenzen. Schon im Glauben, eine Kontrolle der Sprache könne soziale Ungerechtigkeiten verhindern, drücken sich die sozialen Privilegien der protestierenden Studenten aus: Möglich ist dieser Glaube nur in einem Umfeld, dessen Angehörige von Handlungsdruck weitgehend befreit sind und in dem Menschen sich mit medialen Repräsentationen der sozialen Wirklichkeit stärker auseinandersetzen als mit dieser Wirklichkeit selbst.

Das wiederholt beständig eine berühmte absurde Szene aus dem Film Willkommen Mr. Chance (Being There). Peter Sellers spielt dort den Gärtner Mr. Chance, der sein Leben im Hof seines Herrn zugebracht und der die Welt nur über das Fernsehen kennen gelernt hat. Als sein Arbeitgeber stirbt, muss er den Hof verlassen. Er geht in die Stadt, wird von einigen Jugendlichen mit einem Messer bedroht, holt als Reaktion darauf seine Fernbedienung aus der Tasche, richtet sie auf die Jugendlichen – und versucht, sie damit auszuschalten.

Ein Gegenstück zu einem Gestus des Abschlusses, der Angst vor der Welt und vor dem Lernen findet sich in einer der wichtigsten politischen Reden des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist eine Rede, die heute, genau genommen, mit Triggerwarnungen versehen oder in Druckfassungen umgeschrieben werden müsste – in ihr kommt nämlich insgesamt sechzehn Mal das Wort „Neger“ / „Negro“ vor. Es ist Martin Luther Kings Rede, die er 1963 am Lincoln Memorial in Washington hielt und die unter dem Titel „I Have a Dream“ bekannt ist.

Sicherlich würde King heute selbst nicht mehr das Wort „Negro“ verwenden, das er 1963 völlig unbefangen benutzt – gleichwohl wäre eine nachträgliche Reinigung seiner Rede davon verfälschend. Auch das gehört eben wesentlich zum Lernen dazu  – zu verstehen, dass der eigene Horizont nicht derselbe Horizont ist, den andere Menschen haben, und dass der Horizont der Gegenwart anders ist als der vergangener Zeiten.

King zielt in seiner Rede auf eine umfassende soziale Inklusion, nicht auf eine Exklusion. Er spricht offenkundig nicht deshalb von einem Traum, weil er etwa zeigen wollte, wie unrealistisch eine gerechte, nicht-rassistische Gesellschaft ist – sondern um einen offenen Horizont zu skizzieren, der über das hinaus weist, was gegenwärtig möglich ist.

Es ist ein Gestus des Vertrauens, nicht der Angst, mit dem er seine Rede hält – des Vertrauens darauf, dass Menschen immer weiter lernen können, um die Gesellschaft seines Traumes eines Tages zu realisieren.

Der Aktivismus der Safe Spaces und der Triggerwarnungen, der aggressiven Zuweisung von Schuld und der Empörung über Mikroaggressionen, der Angst vor der Welt und der Angst vor dem Lernen hat sich von diesem Traum Martin Luther Kings so weit wie nur irgendwie möglich entfernt.

 

Die zitierte Passage aus dem Text Eleanor Shermans habe ich selbst ins Deutsche übersetzt, hier ist das Original:

Feminism had not empowered me to take on the world – it had not made me stronger, fiercer or tougher. Irony of ironies, it had turned me into someone who wore long skirts and stayed at home with her girlfriends. Even leaving the house became a minefield.

PS. Und dazu passend:

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23 Comments

  • Zitat:
    „Wer beispielsweise einer Verschwörungstheorie nachhängt, kann jeden Hinweis auf die fehlende Tragfähigkeit dieser Theorie als bewusst gesetzte Täuschung der Verschwörer interpretieren und sich durch ihn schließlich sogar bestätigt fühlen.“

    Diese Leugnung von „Verschwoerung“ ist wohl ein aehnlicher Mechanismus wie das Leugnen von Wirklichkeit durch „safe spaces“:

    Wohl einer der Grundpfeiler der „Linken“ ist der Aberglaube an „Strukturen“, die irgendwie alles einerseits ganz heimtueckisch einrichten, andererseits ist nie jemand persoenlich schuldig. So reagiert ein „Linker“ ja auf „9/11“ mit der reinen theoretischen Leugnung — so was kann es gar nicht geben.

    Und so reagiert die Trigger-Bewegung durch Rekurs auf „Strukturen“, die alles ganz automatisch „richtig“ einrichten sollen (niemanden „triggern“, wobei „niemand“ hier sich auf die, die zaehlen, bezieht).

    In beiden Faellen haben wir die fundamentale Leugnung von persoenlichen Entscheidungen, den eigenen wie die der anderen. Der Anti-Verschwoerungstheoretiker glaubt an die grosse Maschine, wo alle nur kleine Raedchen sind (und deshalb wird er nie einen Verbrecher bekaempfen, sondern immer nur Nichts tun — eben „die Ursachen“ bekaempfen). Und so glaubt auch die Trigger-Bewegung an die praestabilierte Harmonie, ohne Entscheidungen, ohne Kampf.

  • Das ist ein toller Text zu „Intersektionalismus“, „Political Correctness“ und „Social Justice“.

    Dazu noch ein Zitat von http://helensatheistblogs.blogspot.de/2016/02/why-i-no-longer-identify-as-feminist.html:

    ‚Liberal feminist aims gradually shifted from the position:

    „Everyone deserves human rights and equality, and feminism focuses on achieving them for women.“

    to

    „Individuals and groups of all sexes, races, religions and sexualities have their own truths, norms and values. All truths, cultural norms and moral values are equal. Those of white, western, heterosexual men have unfairly dominated in the past so now they and all their ideas must be set aside for marginalised groups.“‚

    Der Schluessel hierbei ist: „All truths, cultural norms and moral values are equal.“

    Und damit gilt nicht mehr „was“ jemand sagt, sondern „wer“.

  • “Möglich ist dieser Glaube nur in einem Umfeld, dessen Angehörige von Handlungsdruck weitgehend befreit sind und in dem Menschen sich mit medialen Repräsentationen der sozialen Wirklichkeit stärker auseinandersetzen als mit dieser Wirklichkeit selbst.“

    Mir fällt zunehmend auf, dass viele Menschen ihre reale Wahrnehmung, wenn nicht verloren, so doch stark beschränkt haben. Sie verstehen einfach nicht mehr, was um sie herum geschieht, solange dies ihnen nicht durch ihr Smartphone vermittelt wird. Die Fiktion „Willkommen Mr. Chance“ ist offensichtlich zur Non-Fiktion geworden.

    Ich möchte diesen Umstand nicht verurteilen. Er ist eine allgegenwärtige Erscheinung. Die von ihr betroffenen spüren wie manche psychisch Kranke nicht, dass sie ihren gesunden Realitätsbezug verloren haben. Das ist allerdings keine wirklich neue Erscheinung. Wir kennen dieses Phänomen seit Menschengedenken. Ideologien und Religionen, erschienen schon immer den meisten Menschen wirklicher als die Wirklichkeit. – Bitter ist es allenfalls für den Außenstehenden, der nicht in dieser Blase und in diesen Echoräumen lebt. Er kann nur feststellen, dass er im falschen Film ist. Aber er findet niemanden, der diese Ansicht mit ihm teilt. Somit wird er zum Irren, denn er irrt im Auge der Verwirrten, da er ihre Wirrnis als Wirrnis erkennt.

    • @ Matthias Mala „Sie verstehen einfach nicht mehr, was um sie herum geschieht, solange dies ihnen nicht durch ihr Smartphone vermittelt wird.“ Ja, manchmal habe ich den Eindruck, in der Wahrnehmung wird ein Geschehen erst dann real, wenn es irgendwie aufgenommen und medial verbreitet worden ist…

      Bitter ist das auch im Hinblick auf politische Entscheidungen und ihre Wahrnehmung. Es gab z.B. seit Beginn des Irak-Krieges 6646 männliche Tote und 160 weibliche Tote in den US-Streitkräften – ein Verhältnis von etwa 42:1. http://apps.washingtonpost.com/national/fallen/

      Aber die Aufmerksamkeit beim Thema „Gleichberechtigung“ liegt bei einem Projekt wie dem von Anita Sarkeesian, die sich empört mit der in ihren Augen sexistischen Repräsentation von Frauen in Computerspielen beschäftigt – weil z.B. in manchen Szenen der Blick auf den Hintern einer Frau gelenkt werde.

      Es sind auch Aufregungen wie diese, die stur auf der Ebene der virtuellen Wirklichkeit bleiben, die es ermöglichen, dass reales Leid weiterhin ohne große Störungen politisch verursacht werden kann.

  • Das ist alles sehr fein und klug ausanalysiert, aber vergebliche Liebesmüh.
    Diese Generation Endzeitdekadenz wird in den kommenden Kriegen und Bürgerkriegen als Erstes draufgehen, weil völlig lebensunfähig. Die schmeissen sich unter den Schreibtisch und sterben freiwillig, wenn der Strom ausfällt, eine Bürgerkriegsrealität trifft diese wie ein ungebremster Absturz aus dem Wplkenkuckushein in 10tausen Meter Höhe auf den harten Erdboden.

  • „Pippi und Langstrumpft“ und „Die kleine Hexe“ waren zwar große Aufreger im Feuilleton, allerdings zu Unrecht, wie ich finde. In beiden Fällen wurde der Sprachgebrauch an die Gegenwart angepasst, was in Neuauflagen von Kinderbüchern gängige Praxis ist. In der kleinen Hexe beispielsweise wurde auch der Ausdruck „durchwichsen“ geändert, weil die von Preußler gemeinte Bedeutung (verprügeln) sich heute (fast) niemand mehr erschließt (und vor allem keinem Kind im Grundschulalter).

    http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2013/01/15/achtung-die-sprachpolizei-kommt-die-kleine-hexe-wird-bedroht/

    Auch die deutsche Übersetzung von Pippi Langstrumpf ist im Laufe der Zeit immer wieder überarbeitet worden, wenn nicht bereits von Anfang an bestimmte Details anders wiedergegeben wurden als im schwedischen Original (so weit ich weiss isst Pippi da einen Fliegenpilz, was in der deutschen Übersetzung wohl aus pädagogischen Gründen abgeschwächt wurde). Last but not least war der eigentliche Grund für die aktuelle Überarbeitung sowohl bei Pippi Langstrumpf wie bei der kleinen Hexe der Wunsch, dass auch schwarze Kinder die Bücher lesen können, ohne dabei Wörtern zu begegnen, die sie aus ihrem Alltag als rassistische Beschimpfung kennen. Das ist für mich etwas komplett anderes als das Tom Saywer Beispiel, wo in der Geschichte selbst Rassismus thematisiert wird und das sich ja auch in der Sprache der Figuren niederschlägt. Da ist es natürlich durchaus problematisch, das plötzlich einfach aus Rücksichtsnahme zu ändern. Aber anstatt das differenziert zu betrachten, wird in der Debatte dann sofort der Kampfbegriff „Politische Korrektheit“ in den Ring geworfen und gefühlt die halbe Republik regt sich auf, dass spätestens jetzt das Abendland endgültig untergeht („Jetzt zensieren die sogar schon unsere schönen Kinderbücher!“) und die orwellsche Sprachpolizei die Macht übernimmt.

    • so weit ich weiss isst Pippi da einen Fliegenpilz, was in der deutschen Übersetzung wohl aus pädagogischen Gründen abgeschwächt wurde

      Die Übersetzerin war keine Pädagogin. Eine schlechte Übersetzung im Nachhinein zu adeln ist bestenfalls lächerlich.

      Last but not least war der eigentliche Grund für die aktuelle Überarbeitung sowohl bei Pippi Langstrumpf wie bei der kleinen Hexe der Wunsch, dass auch schwarze Kinder die Bücher lesen können, ohne dabei Wörtern zu begegnen, die sie aus ihrem Alltag als rassistische Beschimpfung kennen.

      Wo genau in Deutschland wird das Wort Neger als rassistische Beschimpfung verwendet? An der Heinrich-Böll- oder Amadeu-Antonio-Stiftung? Vermutlich reicht es einfach, dass Nazi-Opa das Wort schon benutzt hat.

      Die Autorin selbst hatte sich bis zu ihrem Tod gegen die Änderung gewehrt.

    • @ Calvin&Hobbes, HansG Ich finde die Unterscheidung – Pippi Langstrumpf, Kleine Hexe vs. Huckleberry Finn – sinnvoll. Sie ist aber auch ein Ausdruck dafür, dass Kinderliteratur nach anderen Maßstäben bewertet wird als die Literatur Erwachsener (obwohl „Huckleberry Finn“ als Jugendbuch durchgeht, ist der Text zugleich einer der zentralen Romane der amerikanischen Literatur). Einerseits haben wir an Kinderliteratur pädagogische Ansprüche und erheben Bedenken, die wir bei Erwachsenenbüchern weniger hätten – andererseits werden sie als KUNST auch weniger ernst genommen.

      Tatsächlich hat Lindgren sich offenbar bis zuletzt gegen die Änderungen gewehrt (danke für den Hinweis, Hans, das habe ich nicht gewusst http://www.n-tv.de/panorama/Negerkoenig-sorgt-fuer-Aerger-article2696131.html ), ebenso ihre Erben. Würden ihre Bücher als Texte der Weltliteratur ernst genommen, dann würde sich eine nachträgliche, aus moralischen Gründen vorgenommene Änderung schon deshalb verbieten. Sie würde ebenso banausenhaft wirken wie das Bestreben züchtigerer Zeitalter, bei Gemälden der Antike oder der Renaissance unsittliche Stellen zu übermalen.

      Ich finde Lindgrens Texte oft grandios (ausgerechnet „Pippi Langstrumpf“ allerdings nichtmal so besonders gut), und schon aus Respekt ihnen gegenüber sollte man Eingriffe mMn unterlassen.

      Trotzdem ist der Hinweis richtig, dass es nicht nur einen Furor der politischen Korrektheit, sondern auch einen der politischen Unkorrektheit gibt – eine aufgeregte Suche danach, wo mal wieder die PC-Ideologen zugeschlagen hätten.

      • Übrigens: Wenn man die Texte aus vergangener Zeit „anpasst“ an unser aktuelles Verständnis, müsste das nicht auch Einfluss haben auf die Lesekompetenz? Denn zu dieser gehört meiner Meinung nach auch die Fähigkeit, alte Texte in ihrem Kontext verstehen zu können. Beispiel: Man liest Goethe, findet einen ungewohnten, etwas pathetischen Sprachgebrauch vor, aber lernt dies einzuordnen in die Entstehungszeit des Textes. Aber wenn wir die Texte „reinigen“, verlieren sie die Geschichtlichkeit und der Leser lernt schließlich, Texte nur noch aus dem je aktuellen Zeitgeist heraus zu verstehen, weshalb er dann schlechter mit Erwartungsbrüchen umgehen kann.

        Also das ist natürlich zugespitzt, aber ich sehe da schon einen Verlust an hermeneutischer Kompetenz.

  • „Selbst schon ein schlichtes Erwachsenwerden wird so verweigert“

    Das mag wohl sein und ist besonders auffällig, allerdings sind viele der Hochschullehrer, die eine Generation älter sind, scheinnbar keinen Deut besser und stacheln die Studenten regelrecht zu diesem Verhalten an.

    „‚Ich will nicht irgendwelche Debatten führen müssen‘, schrieb eine Protestführerin in Yale während der Kontroverse um Halloween-Kostüme. ‚Ich will über meinen Schmerz reden.'“

    Nein danke, der Schmerz dieser Dame ist ihr Problem, nicht meins. Man kann aber trotzdem darüber reden, wenn auch aus einem vermutlich unerwünschten Blickwinkel: Was für ein Schmerz ist das, und wie um Himmels willen hat die Dame gelernt, diesen Schmerz zu empfinden und für irgendjemanden interessant zu halten?

    Es ist offenbar kein medizinischer Schmerz wie Bauchschmerzen, sondern die subjektive Bewertung sozialer Vorgänge, die die Dame in Wallung bringt. Bewertungen sozialer Vorgänge sind aber nie naturgegeben (im Gegensatz zu einer Magenverstimmung infolge verdorbener Speisen), sondern erlernt!

    Der Zufall will es, daß ich kürzlich meine Kernpunkte der Feminismuskritik überarbeitet und neu gruppiert und einen eigenen Abschnitt Konstruktion sozialer Probleme und weibliche Selbst-Viktimisierung gebildet habe. In dem ich übrigens auch den Text von Eleanor Sharman zitiert habe, der ist wirklich lesenswert.

    Die Yale-Dame scheint mir ein weiterer Beleg für die Hauptthese, daß sehr viele Probleme, als deren Lösung sich der heutige Feminismus darstellt, sozial konstruiert sind. D.h. es gibt soziale Gruppen, die an die Existenz dieser Probleme glauben – bis hin zu den Phantomschmerzen der o.g. Dame – und soziale Prozesse, die die Interpretation bestimmter Phänomene als Problem generieren. Das ist nicht zwangsläufig so, andere Leute haben mit den gleichen Phänomenen kein Problem, weil sie die Realität genauer wahrnehmen oder andere Bewertungsskalen haben.

    Wenn die o.g. Protestführerin in Yale meint, ihr erlernter Schmerz sei für irgendjemand anders wichtig, dann übersieht sie die Willkürlichkeit und Konstruiertheit ihrer Privatmeinung. Wenn überhaupt kann man über die Fakten reden und ggf. über Bewertungsmaßstäbe, nicht über private Aufwallungen, die i.w. Ergebnis von Propaganda und Verdummungstechniken sind.

    „Ist aber nicht auch das eine Form des Lernens?“

    Wenn man Lernen als Kompetenzgewinn ansieht, dann war das kein Lernen. Vor einiger Zeit fand der Vortrag von Prof. Mausfeld ja einige Beachtung, und der hat den Blick gelenkt auf den verbreiteten Einsatz von Propagandatechniken in der heutigen Meinungsbildung. Propagandatechniken werden meistens im Kontext von Kriegspropaganda diskutiert. Es ist wirklich frappierend, daß so gut wie alle in der Kriegspropaganda eingesetzten Propagandatechniken auch in der feministischen Propaganda eingesetzt werden. Ich bin leider zur Zeit zu sehr im analogen Leben eingespannt, um das im Detail durchzugehen. Vielleicht hat jemand anders Zeit und Lust. Jedenfalls ist Propaganda bewußte Verdummung, kein Lernen mit dem Ziel besser Urteilsfähigkeit. Auch nach Deweys Definition „Lernen sei eben dann sinnvoll, wenn es weiteres Lernen ermögliche und fördere.“ ist Propaganda das Gegenteil von Lernen: es soll einseitiges, unausgewogenes Wissen erzeugen.

    Ich frage mich oft, wie verbreitet die Infantilisierung der Studenten in den USA wirklich ist und inwieweit die oft erst 16- bis 17-Jährigen Opfer von Indoktrination und Gehirnwäsche sind oder ob sie sich diese Absurditäten selber ausgedacht haben.

    • @ mitm „Man kann aber trotzdem darüber reden, wenn auch aus einem vermutlich unerwünschten Blickwinkel“ Das ist für mich ein zentraler Punkt. Wenn wir für uns in Anspruch nehmen, dass unsere Anliegen KOMMUNIZIERT werden, dann müssen wir uns zwangsläufig damit abfinden, dass diese Anliegen aus einer anderen Perspektive als unserer betrachtet werden.

      Wir können nicht beides haben: Dass unsere persönlichen Anliegen zu einem sozialen Gut werden, von öffentlichen Institution gestützt, gar mit möglichen juristischen Folgen für andere – und dass zugleich unsere Perspektive auf sie die einzige ist, die dabei zählen darf.

      Die Protestführerin kann ja ruhig über ihren Schmerz reden – aber sie muss dann akzeptieren, dass andere ebenso über ihren Schmerz reden können, und dass andere den Schmerz der Protestführerin nicht ebenso wichtig nehmen, wie sie selbst es tut. Das ist kein Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen, sondern simple Konsequenz der simplen Tatsache, dass man es in der KOMMUNIKATION mit anderen Menschen als mit sich selbst zu tun hat.

  • Dieser möglichen Erklärung möchte ich eine weitere Erklärungsmöglichkeit zur Seite und zur Diskussion stellen:

    Inwieweit ist die Angst vor der „Akkommodation“ der „Ein-Kind-Politik“ der westlichen Industriegesellschaft geschuldet?

    (Ja klar, „Ein-Kind-Politik“ ist eigentlich die Geschichte mit China und dessen Versuch, sein Bevölkerungswachstum zu kontrollieren. Jedoch sehe ich wenig Unterschied zu der demographischen Situation in westlichen Industriegesellschaften. In China war es ein a priori-Vorgabe, im Westen ist es ein a posteriori-Ergebnis. Denn mehr als ein Kind zu haben birgt ein Armutsrisiko…)

    Aus meinen Erfahrungen heraus – ein Geschwister innerhalb einer Vierer-Geschwister-Gruppe zu sein und ein Jahrzehnt später meinen kleinen Bruder als „Nachzügler“ als de-facto-Einzelkind aufwachsen zu sehen – und auch durch praktische Berufsarbeit in Kindergarten, Kinderheim, Jugendheim – und last not least aus der Erfahrung als erziehender Vater in der Konkurrenz zur Kindesmutter, die allseits besorgt war, ihrem Kind den größtmöglichen Schutz angedeihen zu lassen – …

    …sehe ich die wertvolle Lernsituation, die entsteht, wenn Kinder zum einen innerhalb einer Gruppe gleichaltriger aufwachsen (und das im 24/7-Modus!) und die entsteht, wenn zum anderen die Eltern aufgrund der Anzahl an Kindern sich nicht mehr umfassend um das einzelne Kind kümmern können. (Stichwort: „einen Sack Flöhe hüten“)

    Denn Kinder schonen sich gegenseitig nicht. Sie sind untereinander die härtesten „Erzieher“. Unter ihnen entstehen am laufenden Band Situationen, die „Akkommodation“ im Piquet’schen Sinn erfordern. Während besorgte Eltern immer wieder versucht sind, ihrem Nachwuchs „assimilativ“ in die Welt zu führen. Und dort dann auch (Stichwort: „Abwesende Väter“) mit einem Ungleichgewicht der Schonung seitens der Kindesmütter. Mama schützt, Papa fordert heraus. Aber wenn Papa fehlt, bleibt nur noch die Pampers-Isolation von Mama. Und die wiederum hat alle Zeit der Welt, weil da ja nur ein einziges Kind ist, dem Aufmerksamkeit gewidmet wird.

    Weil da nur ein einziges Kind ist, dem Ressourcen zur Verfügung gestellt werden müssen. Und das diese Ressourcen demzufolge nicht teilen muss, und demzufolge nie in Auseinandersetzungen gerät, die die Fähigkeit zur „Akkommodation“ fordern und lehren.

    Und später haben wir dann die einen, die beständig safe spaces fordern, so wie sie es von zu Hause aus kennen und die anderen, die die Grenzen des Konfliktes nicht kennen gelernt haben und ihre Mitmenschen mobben und schon am Boden Liegende treten…

    Westliche „Ein-Kind-Politik“?

  • Natürlich sind Ausführungen des Artikels interessant.

    Die Elemente Assimilation und Akkommodation sind relevant für Entwicklung eines Babys und Kleinkinds. Beim Erwachsenen haben sie keinen Einfluss mehr auf Reife der Persönlichkeit (entweder zu Robust oder „sowieso zu spät“).

    Ich fühle mich dabei erinnert an Phasen eigener Entwicklung (seinerzeitige studentische Politisierung). Ich gebe – nicht gerne – zu, dass ich massive Probleme bei Gegenpositionen hatte, und es mir schwer fiel, zuzuhören.

  • @Schoppe

    Zusammengefasst deutest/interpretierst Du ja Safe Spaces, Triggerwarnungen, Verweigerung von Debatten, das ubiquitäre Vorhandensein von Mikroaggressionen und deren Empörung, aggressiver Zuweisung von Schuld, die Behauptung der Allgegenwart von Herrschaftsstrukturen, die allgegenwärtigen Gefährdungen und Gefahren des realen Lebens quasi entwicklungspsychologisch ev. auch lernpsychologisch oder zumindest intrapersonal. Ich könnte mir auch vorstellen, dass hier intrapersonale Effekte eine Rolle spielen, würde jedoch auf dieser Ebene den Schwerpunkt ein bisschen anders setzen als Du. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Fokussierung auf das eigene Selbst, diese Mimosenhaftigkeit und diese Selbstviktimisierung und Gut-Böse-Dichotomie etc. gewisse psychologisch funktionale Äquivalente impliziert, also quasi eine gewisse Bedürfnisbefriedigung erfüllt. Mir kommt schon wieder das Konzept des symbolischen Kapitals in den Sinn, aber man könnte dies auch eher auf einen psychiatrischen Diskurs herunterbrechen und würde dann bei einem sekundären Krankheitsgewinn landen. Mir kommen jedoch auch Schuldabwehr, Feinbildkonstruktion (also Reduktion der Komplexität), Selbstwertstabilisierung etc. in den Sinn, um diese von Dir beschriebenen Mechanismen zu verstehen. Nur denke ich, sollte man die Gründe/Ursachen für diese von Dir beschriebenen Mechanismen nicht allein auf einer intrapersonalen individualistischen Ebene suchen, sonst verbleibt man dann im Psychologismus. 🙂 Ich denke, man darf hier schon auch noch ein bisschen vermehrt auf einer sozialpsychologischen, auf einer mikro-, meso- und makrosoziologischen Ebene Ursachenforschung betreiben und selbstverständlich auch auf einer ökonomischen, politökonomischen und politologischen Ebene, was Du teilweise ja auch ein bisschen gemacht hast. Weil die Mechanismen, die Du beschrieben hast, sind ja vermutlich schon primär in einem bestimmten akademischen Milieu „beheimatet“, sodass bestimmte sozialmoralische Milieus, ausgestattet mit bestimmten Ressourcen (z.B. kulturelles Kapital), einhergehend mit gewissen Lebenslagen, gewissen Überzeugungssystemen und eingebunden in gewisse Diskursräume, eine Rolle spielen könnten. Aber ich finde, die Gefahren hast Du sehr gut benannt (Unschuldsvermutung, McCarthy-Ära, Debattenverweigerung, „doppelt verschanzter Dogmatismus“ etc.)

    • @ Mark „Ich denke, man darf hier schon auch noch ein bisschen vermehrt auf einer sozialpsychologischen, auf einer mikro-, meso- und makrosoziologischen Ebene Ursachenforschung betreiben“ Ich stimme sofort zu, dass psychologische Erklärungen allein meist bestenfalls einen Teil einer Erklärung bieten können. Ich versuche mal ein paar andere Ansätze:

      • Ungleichheiten

      Die gegenwärtige ökonömische Dynamik ist ja geprägt von sich rapide vergrößernden Ungleichheiten. Die Geldvermehrung durch Kapitalbesitz hat dem Gelderwerb durch Arbeit immer größere Vorteile – während viele mehrere Jobs brauchen, um sich und ihre Familien zu ernähren, wachsen die privaten Vermögen einiger zugleich rapide.

      Eine Haltung, die das eigene Empfinden zum Maßstab für politisches und juristisches Handeln macht, spiegelt diese Spaltungen. Hier gibt es eben keine allgemeinverbindlichen, gemeinsamen Maßstäbe dafür, welche Unnannehmlichkeiten Menschen zuzumuten sind und welche nicht. Tatsächlich zählt aber auch nicht allein der SUBJEKTIVE Eindruck – denn dann stünden ja einfach nur verschiedene subjektive Eindrücke unverbunden und unvermittelbar einander gegenüber. („Du diskriminierst mich!“ – „Nee, DU diskriminierst MICH!“)

      Was zählt, ist der subjektive Eindruck EINIGER, die für sich in Anspruch nehmen, ihn nicht mehr allgemein vermitteln zu müssen – sondern die schlicht von anderen erwarten, ihn gefälligst zur Kenntnis zu nehmen und zu respektieren, wie er ist.

      Spaltungen im ökonomischen Kapital spiegeln sich so in Spaltungen des symbolischen Kapitals: Wer sich aus einer privilegierten Position heraus als Opfer inszeniert, kann diese Inszenierung immer weiter treiben, sie gleichsam als Kapital benutzen, mit dem sich weitere Opferinszenierungen finanzieren lassen. Wer sich aus einer weniger privilegierten Position als Opfer inszeniert, wird einfach nur darauf aufmerksam gemacht, dass sein symbolisches Kapital dafür nicht ausreicht: Er ist dann einfach ein „angry white man“, kein Opfer.

      • Opfer

      Warum sich die Ungleichheiten so auf Opferinszenierungen konzentrieren, ist auch erklärbar. Einerseits haben wir noch relativ gefüllte öffentliche Kassen, aus denen etwas zu holen ist. Andererseits ist jedoch klar, dass die Mittel bei Weitem nicht ausreichen, um alle Nöte zu lindern.

      In einer halbwegs solidarischen Gesellschaft, deren sozialen Schichten durchlässig und vermittelbar sind, gäbe es in einer solchen Situation eine ernsthafte Diskussion darüber, wo die öffentlichen Mittel eingesetzt werden sollten: Wo sie am dringendsten benötigt werden – oder wo sie sinnvoll als Investitionen verwendet werden können, also Folgekosten sparen und sich so auf lange Sicht lohnen.

      In einer unsolidarischen, sozial nicht vermittelten Gesellschaft aber lohnt es sich für privilegierte Gruppen, einen Opferwettkampf zu beginnen, in dem sie aufgrund ihrer besseren sozialen Kontakte, insbesondere zu den Medien (soziales Kapital), und aufgrund ihrer Möglichkeiten der Selbstpräsentation (kulturelles Kapital) erhebliche Vorteile gegenüber anderen Gruppen haben. Dass diese anderen Gruppen zugleich abgewertet werden, möglichst auch mit erheblich moralisierenden Argumenten, wiederholt eigentlich den Blick des Adels auf den Pöbel.

      Insofern ist der Begriff „Opferwettkampf“ sogar trügerisch: Es gibt so einen Wettkampf gar nicht. Diejenigen, die ihn betreiben, betreiben ihn eben deshalb, weil sie wissen, dass sie ihn eh immer schon gewonnen haben.

      • Feindbilder

      Auch durch andere mediale Möglichkeiten ist das Agieren in Freund-Feind-Strukturen leichter geworden. Über das Netz können wir uns unschwer weltweit mit Gleichgesinnten verbünden – zugleich können wir die Position unserer direkten Nachbarn weitgehend ignorieren. Tendenziell verschwindet die Erfahrung, mit Menschen, die einen ganz anderen Blick auf das Leben haben, eben ganz einfach mal klarkommen zu müssen, ohne darüber groß zu lamentieren.

      Zu Freund-Feind-Strukturen gehört aber immer eine Selbstinszenierung als Opfer, die den Feind zugleich als Täter hinstellt. Das hat den großen Vorteil, ihm dann begründet Empathie verweigern zu können – was ihm wiederum Möglichkeiten nimmt, mit den eigenen Opferinszenierungen irgendwann einmal konkurrieren zu können.

      Das waren ein paar Ideen dazu – lässt sich sicherlich fortsetzen….

  • Ich denke mal wie ein Feminist und vermute hinter allem Herrschaft und Macht 😉

    Dann stellt sich das für mich so dar:

    Die Entwicklungen an US-Universitäten sind das Ergebnis einer gezielten Strategie. Die Universität ist aus zwei Gründen interessant für feministische Strategien:
    – sie ist Ort der Sozialisation
    – sie ist ein relativ autonomer Ort. Hier kann die Uni-Leitung vieles bestimmen und regeln, ohne dass man dafür staatliche Gesetze braucht.

    Feministische Ziele sind häufig nicht rechtsstaatskompatibel. Die Abschaffung der Unschuldsvermutung etwa bei Vergewaltigungsvorwürfen ist zunächst einmal erfolglos, denn Gerichte und Gesetzgeber wehren das (noch) ab. Ebenso lässt sich der Staat nicht dazu herbei, junge Männer umzuerziehen bzw. sie zu Anti-Rape-Kursen zu verpflichten.

    Da diese Ziele auf der nationalstaatlichen politischen Ebene nicht realisierbar sind, werden sie an Orten umgesetzt, wo mehr Gestaltungsspielraum existiert. Die Universität ist ein solcher Ort. Im Fall von Vergewaltigungsvorwürfen kann die Uni ihr Hausrecht ausüben. Sie kann gewissermaßen die Mitgliedschaftsbedingungen (= unter welchen Bedingungen darfst Du hier studieren?) bestimmen und dann Vorgaben machen wie z.B. den Besuch von Anti-Rape-Kursen für Männer. An Unis gibt es größere Spielräume für feministische Projekte als auf der nationalstaatlichen Ebene.

    Gleichzeitig kann man an der Uni junge Leute a) formen und b) rekrutieren. Diese werden als künftige Akademiker später in Entscheiderpositionen gelangen, wo sie feministische Positionen umsetzen können.

    Warum ist diese Annahme plausibel?
    – Feministinnen sind gut vernetzt. Gleichstellungsbeauftragte in Deutschland z.B. sind organisiert. Gewisse Kampagnen, etwa gegen sexuelle Belästigung in Unis, werden bundesweit initiiert und koordiniert.
    – Feministinnen sind nicht nur über Gleichstellungsbeauftragte in der Institution Uni verankert, sondern auch über zahlreiche Genderlehrstühle oder über Lehrstühle in Literaturwiss., Philosophie, Sprachen usw.
    – in Deutschland ist Gleichstellung offizielle Politik auch im Hochschulbereich. Es gibt – wenn ich mich nicht irre – auch Akkreditierungsauflagen, die die Gleichstellung zum Thema machen. Ebenfalls gibt es ein Siegel, die in einem Zertifizierungsprozess vergeben wird. Es heißt „Total Equality“. Beispiel: http://www.hs-bremen.de/internet/de/hsb/struktur/gleichstellungsstelle/frauenbuero/total_equality/

    Feminismus ist folglich eine gut organisierte, staatlich unterstützte Macht an Universitäten. Dieser Einfluss wird auch genutzt, um feministische Ziele zu verfolgen.

    • @Lomi

      „Die Entwicklungen an US-Universitäten sind das Ergebnis einer gezielten Strategie.“

      Das ist völlig richtig, die Steilvorlage lieferte aber der Staat samt entsprechender gesetzlicher Interpretation:

      „Title IX of the Education Amendments of 1972 is a federal civil rights law that prohibits discrimination on the basis of sex in any education program or activity that receives federal funding.

      Under Title IX, discrimination on the basis of sex can include sexual harassment, rape, and sexual assault. A college or university that receives federal funds may be held legally responsible when it knows about and ignores sexual harassment or assault in its programs or activities. The school can be held responsible in court whether the harassment is committed by a faculty member, staff, or a student. In some cases, the school must pay the victim money damages.

      Sexual harassment can qualify as discrimination under Title IX if it is „so severe, pervasive, and objectively offensive that it effectively bars the victim’s access to an educational opportunity or benefit.“ Courts have generally found that even a single instance of rape or sexual assault by another student meets this standard.
      To be held responsible, the college or university must have authority over the harasser and over the environment in which the harassment takes place.3
      According to the Supreme Court, a school becomes legally responsible when the school’s response to harassment „is clearly unreasonable in light of the known circumstances.“4
      The Supreme Court has ruled that a college or university receiving federal funding may have to pay damages to the victim of student-on student sexual harassment or assault if the victim can show that the college acted with „deliberate indifference to known acts of harassment in its programs or activities.“

      https://www.aclu.org/know-your-rights/title-ix-and-sexual-assault

      Ich denke, man sollte „den Feminismus“ nicht isolieren von Interessen des Staates, denn damit wird dessen Erfolgsgeschichte in den Institutionen, dessen offene Subventionierung und Förderung verschleiert.
      M.E. sollte man umgekehrt vorgehen und fragen, welche staatliche Interessen der Feminismus bedient, welche Mechanismen spielen diesem direkt in die Hände.

      Du schreibst:

      „Gleichzeitig kann man an der Uni junge Leute a) formen und b) rekrutieren.“

      Die Maßnahmen laufen m.E. vor allem auf eine Disziplinierung, Konditionierung und eine „freiwillige“ Unterwerfung heraus. Zutiefst repressive Maßnahmen, die sich den Anschein des Fortschritts geben – womit sie schlecht zu kritisieren sind. Damit gelingt die Rückverwandlung der Universitäten in Disziplinaranstalten, ohne offensichtliche staatliche Zwangsmittel einzusetzen.
      Und die dort unterworfenen disziplinieren sich gegenseitig.

      Dabei spielt der universitäre „kangaroo court“ bei Fällen von „sexual harassment“ in meinen Augen die Rolle der „Avantgarde“, nämlich wie weit kann man in Sachen offener Rechtsbruch (z.B. Abschaffung der Unschuldsvermutung) gehen?!
      Paul Nungesser z.B. wurde nicht nur Opfer einer Falschbeschuldigung, sondern ihm wurde in seinem „Verfahren“ verboten, Beweise für seine Unschuld zu erbringen.
      Die später veröffentlichen Auszüge aus den chats mit seinem vermeintlichen „Opfer“ hätte die Anschuldigungen von vorne herein diskreditiert.
      Sie wurden aber nicht zugelassen.

      In Kalifornien gilt bereits das „yes means yes!“ Sexualstrafrecht und es ist ein pikantes Detail am Rande, das selbst eine Video-Aufnahme eines Einverständnisses kein zulässiges Beweismittel ist. D.h. dies bedeutet die völlige Unterwerfung der Männer unter die Willkür von Frauen.

      Sehe ich jedoch vom Geschlechterthema ab, dann ist „Disziplinierung“, „Konditionierung“ und „Unterwerfung“, Gewöhnung an „Willkürherrschaft“ generell ein spannendes Thema für jeden Staat, der sich in Zukunft ein wenig undemokratischer zu geben gedenkt.

      In diesem Sinne ist Feminismus (TM) ein sehr gutes, ein nützliches Werkzeug.

      Schönen Gruß, crumar

      • @Crumar

        Deine Einschätzung deckt sich mit Aussagen des österreichischen Philosophen Robert Pfaller.

        Der sagt in etwa folgendes:
        Universitäten etwa werden verschult durch die Bolognareform. Diese Umwandlung wird bemäntelt mit der Idee, dass man dies aus Gerechtigkeitserwägungen tut, weil man Bildungsbenachteiligte an die Unis holen wolle. Das Label soziale Gerechtigkeit werde hier eigentlich neoliberalen Reformen aufgeklebt.

        Politische Strömungen von „links“ würden in ganzer Breite den neoliberalen Reformen Legitimität verschaffen, indem sie diese Reformen zu ihren eigenen Anliegen erklären. Das geschehe immer dann, wenn eine Politik der Angstabwehr betrieben werde. Ein Beispiel sei das Rauchverbot, das die Angst vor Krankheit bedient und vor allem die Angst vor krankmachenden Einflüssen durch andere Personen. Deshalb dürfe niemand mehr öffentlich rauchen, damit niemand mehr befürchten müsse, durch Andere das Risiko zu haben zu erkranken. Vordergründig trägt das das Label „Schutz“ und „Gesundheit“, aber hintergründig ruiniere diese „Pseudopolitik“ das Solidarprinzip, weil jetzt erkrankende Raucher für ihre Krankheit verantwortlich gemacht werden und die Systeme das tendenziell nicht mehr aus dem gemeinsamen Topf bezahlen möchten.

        Folgt man Pfaller, der noch mehr Beispiele bringt, dann ist diese Angstpolitik auch im Feminismus massiv präsent. Er kritisiert insgesamt die Idee der Selbstbefreiung von allem Fremden als vollkommen illusorisch. Diese führe aber letztlich dazu, alle gesellschaftlichen Zumutungen als Bedrohung wahrzunehmen und stattdessen eine Individualisierung anzustreben. Das wiederum schwächt sowohl das Bewusstsein für gesellschaftliche Anliegen im Sinne von Gruppeninteressen als auch die Solidarität an sich.

        Und greifen wir mal noch weiter zurück, dann haben Boltanski/Chiapello ja auch schon vor Jahren behauptet, dass der moderne Kapitalismus die linksalternativen Selbstentfaltungsträume komplett assimiliert hat und jetzt nutzt für seinen neoliberalen Umbau.

      • @suwasu

        „Deine Einschätzung deckt sich mit Aussagen des österreichischen Philosophen Robert Pfaller.“

        Das ist erstaunlich, denn eigentlich lehne ich mich an Althusser an; nicht um Pfaller zu diskreditieren, den ich nicht kenne, sondern um zu sagen, hier scheinen Einschätzungen in ähnliche Richtungen zu laufen.

        „Ein Beispiel sei das Rauchverbot, das die Angst vor Krankheit bedient und vor allem die Angst vor krankmachenden Einflüssen durch andere Personen.“

        Was übrigens eine perfekte Individualisierung eines Risikos ist, die ironischerweise in der EU über das Einfallstor Arbeitsschutz erreicht worden ist – während Risiken wie Alkohol, Autoverkehr und Arbeit selbst für die Gesundheit der Bevölkerung nicht annähernd so drastisch behandelt worden sind.

        „Das wiederum schwächt sowohl das Bewusstsein für gesellschaftliche Anliegen im Sinne von Gruppeninteressen als auch die Solidarität an sich.“

        Wenn der Fokus auf die Inszenierung eines Geschlechterkampfes liegt, dann zerfällt „Gesellschaft“ ohnehin in zwei Teile und einem gebührt unsere Solidarität per definitionem.
        D.h. damit hat sich die Solidarität, basierend auf einer realen sozialen Lage.

        Evtl. könnte man das Gelingen dieser feministischen Ideologie auf den Effekt der Individualisierung selbst schieben; als „fall back“-Option der Individualisierung.
        Wenn man sich sonst nichts mehr sicher sein kann, dann doch immerhin seines Geschlechts.

        Früher hatten wir die Ständegesellschaft, in die man hineingeboren wurde und nun in eine Opferpyramide, die sich vererbt und genetisch festgeschrieben ist. 😉

        Gruß, crumar

  • Als ich heute meiner Frau erklärte, was Mikroaggression sein soll, musste ich an Philip Roths Roman „Empörung“ denken. Darin zeigt Roth auf, dass ein kollektiver Wahnsinn offensichtlich den amerikanischen Universitäten von jeher immanent ist, und dass der Lehrkörper wesentlicher Teil dieser strukturellen Verwirrung ist. – Welch eine Vergeudung …

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