Gewalt

Gewalt gegen Jungen ist okay: Bitte spenden Sie jetzt!

Bild zeigt Plakat mit zwei Mädchen
geschrieben von: Lucas Schoppe

Ein Brief an das Kinderhilfswerk Plan

 

Sehr geehrte Damen und Herren vom Kinderhilfswerk Plan,

Ich hatte zunächst lange nach der Pointe gesucht. „Gewalt gegen Mädchen“ steht auf Ihren Plakaten, das Wort Gewalt ist dick und rot durchgestrichen, und daneben sieht uns ein großes Mädchengesicht an. Eine aggressive Kampagne, mit Anzeigen und Beilagen in vielen Medien und Plakaten in mehreren Städten, oft gleich mit drei oder vier Plakaten nebeneinander, immer mit demselben Bild und Text.

Warum aber wird nur Gewalt gegen Mädchen kritisiert, nicht gegen Kinder? Ich bin seit vielen Jahren Lehrer und für Jungen und Mädchen natürlich gleichermaßen verantwortlich, und ich bin auch Vater eines Jungen. Warum sollte eine offenbar große Organisation sehr viel Geld ausgeben, um gegen die Gewalt gegen Mädchen zu protestieren, Jungen dabei aber ohne Angabe von Gründen auszulassen?

Zeigt Plakate mit einem jungen Mädchen

Also suchte ich auf den Plakaten nach Hinweisen darauf, fand aber keine. Ich suchte nach alternativen Plakaten mit einem Jungengesicht oder einfach mit einem Bild von Kindern und den Slogans „Gewalt gegen Jungen“ oder „Gewalt gegen Kinder“, in denen das Wort Gewalt ebenso deutlich durchgestrichen wird – ich fand aber keine. Dafür immer dasselbe Mädchengesicht, dies aber viele dutzend Male.

Nun bin ich gerade gestern noch einmal an diese Kampagne erinnert worden, als einer der bekanntesten deutschen Blogger in einem Text am Beispiel der Terrorgruppe Boko Haram kritisierte, dass die weltweite Gewalt Jungen nicht annähernd so ernst genommen werde wie die Gewalt gegen Mädchen – er verlinkte dazu Ihr Plakat. Ich habe dann auf Ihrer Homepage nachgelesen, wie sie die Fixierung auf Mädchen – statt auf Kinder – begründen und bin nun noch ratloser als zuvor.

 

Tragen Jungen keine Bürden?

Sie stellen dort eine Reihe von Behauptungen auf, von denen sie keine belegen, nicht einmal im Kleingedruckten. Gleich von mehreren dieser Behauptungen weiß ich, dass sie so nicht zutreffen.

„Denn in vielen Entwicklungsländern ist es eine Bürde, ein Mädchen zu sein. Mädchen werden dort täglich von Geburt an in ihren Menschenrechten verletzt (…)“

Das aber gilt auch für Jungen. Zudem gilt es natürlich auch für Erwachsene, nicht allein für Kinder – dass Sie sich aber auf Kinder konzentrieren, verstehe ich, nur die Konzentration auf Mädchen bleibt rätselhaft.

 

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Wir sollten also eine Patenschaft für Mädchen übernehmen – dafür werben Sie. Bei Mädchen nämlich sei die Sterblichkeitsrate (…) sehr viel höher als bei Jungen.“ Nach dem Unicef-Report A Promise Renewed, der sich mit der Bekämpfung der weltweiten Kindersterblichkeit beschäftigt, gibt es tatsächlich noch neun Länder, im Nahen Osten und in Südostasien, in denen die Sterblichkeitsrate von Mädchen unter fünf Jahren deutlich höher ist als die von Jungen. (S. 34)

Der Schwerpunkt der Kindersterblichkeit ist jedoch weiterhin Afrika, im Jahr 2015 sind fast sechs Millionen Kinder unter fünf Jahren gestorben, Krankheiten und Mangelernährung sind die wesentlichen Todesursachen, der wesentliche soziale Grund ist nicht die Geschlechtszugehörigkeit der Kinder, sondern die Armut ihrer Familien.

Weiter schreiben Sie:

„Das Risiko, sich mit dem HI-Virus anzustecken, ist für Mädchen drei- bis sechsmal höher als für gleichaltrige Jungen.“

Es gibt tatsächlich höhere Ansteckungsgefährdungen für Mädchen in manchen Gebieten, nämlich südlich der Sahara – die Bundesregierung und die SOS-Kinderdörfer beschreiben dort ein doppelt so hohes Ansteckungsrisiko für Mädchen. Die meisten Kinder infizieren sich insgesamt aber durch Mutter-Kind-Übertragung, das gilt für Jungen ebenso wie für Mädchen. Der von Ihnen erweckte Eindruck, weltweit sei das HIV-Risiko für Mädchen bis zu sechsmal so hoch, ist offenkundig falsch.

„Häufig sind Mädchen Gewalt und Missbrauch ausgesetzt.“ Das stimmt, aber das gilt eben auch für Jungen. Eine Studie des US-Justizministeriums ergab 2008, dass 45 Prozent aller minderjährigen Prostituierten in New York männlich waren. Ric Curtis, Professor des College of Criminal Justice in Manhattan, beklagt wütend, dass diese Jungen „in Hilfseinrichtungen keine Chance haben“ (Hoffmann, Plädoyer, S. 218) Laut der Initiative Restore One machen Jungen etwa die Hälfte des weltweiten Kinderhandels aus.

Einige Gewalt, die Kinder erleben, ist sogar spezifisch gegen Jungen gerichtet. Beim brutalen Krieg in Ruanda versuchten manche Eltern, ihre kleinen Jungen als Mädchen auszugeben, weil Jungen – auch Säuglinge – sofort getötet wurden. (Hoffmann, S. 200) Die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram hatte vor ihrer spektakulären Entführung von Mädchen Jungenschulen angegriffen und Jungen systematisch abgeschlachtet. Weltweite Beachtung aber fand erst die Entführung der Mädchen in der Bring Back Our Girls-Kampagne.

„In einigen Kulturen leiden sie (die Mädchen, L.S.) an den Folgen der Genitalverstümmelung. Das gilt auch für Jungen – die Jungenbeschneidung wird gerade in westlichen Medien weniger ernst genommen als die von Mädchen, sie wird von Kinderärzten aber einmütig als unnötiger und riskanter Eingriff verurteilt. Medizinisch sind Beschneidungen bei Jungen ebenso wenig zu rechtfertigen wie bei Mädchen, wenn sie aus kulturellen oder religiösen Gründen durchgeführt werden.

 

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„Und viel zu oft werden sie zur Kinderarbeit gezwungen und können die Schule nicht abschließen.“ Ja – aber Sie bleiben einen Hinweis schuldig, warum das auf Mädchen zutreffe sollte, aber nicht auf Jungen.

Richtig ist natürlich, dass Mädchen „häufig noch als Kinder schwanger und viel zu früh Mütter“ werden – das ist, aus biologischen Gründen, ein deutlicher Nachteil von Mädchen gegenüber Jungen. Jungen werden umgekehrt deutlich häufiger als Kindersoldaten verschleppt und missbraucht. Finde Sie es wirklich angemessen, das eine gegen das andere aufzuwiegen, nur um nicht „Gewalt gegen Kinder“, sondern allein „Gewalt gegen Mädchen“ zu verurteilen?

Es gibt Bereiche und Länder, in denen Mädchen stärker leiden als Jungen – was nicht bedeutet, dass es den Jungen dort gut geht. Dass aber Mädchen weltweit stärker als Jungen von Gewalt und Elend betroffen seien, lässt sich nicht halten – Sie suggerieren eine besondere Belastung für Mädchen, ohne sie belegen zu können.

Selbst wenn Sie aber zeigen können, dass Mädchen in manchen Gegenden der Welt und auf manche Weise stärker leiden als Jungen, und selbst wenn sie die Frage vermeiden, ob das andernorts nicht umgekehrt ebenso für Jungen  gilt – selbst dann wäre es nicht zu rechtfertigen, die Gewalt gegen die einen Kinder offen zu verurteilen, die Gewalt gegen die anderen Kinder aber nicht.

 

Wie man dafür wirbt, nicht für notleidende Jungen zu spenden

Da die radikale Einseitigkeit Ihrer Kampagne also auf keinen Fall dadurch zu rechtfertigen ist, dass Jungen weltweit weniger als Mädchen unter Gewalt litten, habe ich nach anderen Gründen gesucht. Könnte es vielleicht sein, fragte ich mich, dass ansonsten die meisten Hilfsangebote für Jungen gemacht werden und dass es daher nötig ist, zum Ausgleich demonstrativ und aggressiv allein zum Schutz von Mädchen zu werben?

Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall. Dass nach der kanadischen Studie Under the Radar. The Sexual Exploitation of Young Men sexuelle Ausbeutung bei Jungen im Schnitt früher beginnt und später endet als bei Mädchen, wird dort damit erklärt, dass Jungen deutlich weniger Hilfsangebote haben. (auch Hoffmann, S. 220)

Als ich mich über Kindersoldaten informierte, fiel mir auf, dass der Artikel dazu auf der Terre des Hommes-Website sorgfältig geschlechtsneutral formuliert war, was die deutlich größere Betroffenheit von Jungen gegenüber Mädchen verschleiert. Dafür enthält die Seite ein eigenes Kapitel mit dem Titel Mädchen stärken – hier wird die Geschlechtszugehörigkeit plötzlich explizit.

Das Beispiel ist durchaus typisch: Deutlich stärker als Jungen oder Männer werden Mädchen oder Frauen als Opfer wahrgenommen, in internationalen Kampagnen wie im Flüchtlingsrat der Vereinten Nationen (Hoffmann, S. 231) Sie gleichen also mit Ihrer Kampagne nichts aus, sondern verstärken bestehende Einseitigkeit noch.

 

Also überlegte ich weiter. Auch wenn die rätselhafte Fixierung auf weibliche Kinder sachlich nicht zu begründen ist, so sei sie vielleicht doch auf andere Weise zu legitimieren. Da finanzielle Mittel begrenzt sind und wir nicht allen zugleich helfen können, müssten wir nun einmal irgendwo anfangen – warum also nicht bei den Mädchen? Mädchen werde dadurch geholfen, Jungen aber nicht geschadet – was sei daran auszusetzen?

Diese Argumentation krankt daran, dass sie – einfach nicht stimmt. Natürlich schadet eine systematische Einseitigkeit der Empathie Menschen. Gerade die große Aggressivität Ihrer Kampagne, der offenbar enorme Einsatz von Mitteln für sie zeigt ja, dass Hilfsorganisationen um Mittel konkurrieren. Das Geld, das Sie für Ihre Kampagne einnehmen, wird tendenziell Hilfsorganisationen fehlen, die sich für Kinder allgemein, und nicht allein für weibliche Kinder, einsetzen. Genau genommen werben Sie also nicht um Spenden für Mädchen – Sie werben darum, NICHT FÜR JUNGEN zu spenden.

Sie setzen viel Geld ein, um die Botschaft unter die Menschen zu bringen, dass Gewalt gegen Mädchen verhindert, Gewalt gegen Jungen aber nicht einmal erwähnt werden müsse.

Mehr noch: Es geht dabei nicht einmal nur um Spenden, sondern um Patenschaften. Wir sollen ganz persönlich für ein Kind die Verantwortung als Pate übernehmen – solange dieses Kind nicht männlich ist.

 

Wie Aufrufe zur Mitmenschlichkeit ummenschlich werden können

Doch auch hier in Deutschland richten Ihre Plakate nach meiner Überzeugung Schaden an. Stellen Sie sich vor, jemand würde eine Kampagne fahren mit dem Slogan „Keine Gewalt gegen blonde Kinder“ – natürlich würde unterschwellig Gewalt gegen dunkelhaarige oder rothaarige Kinder als weniger gravierend erscheinen, vielleicht gar als legitim.

Oder stellen Sie sich vor, es hätte gerade ein Bürgerfest gegeben, das von Einheimischen und Flüchtlingen veranstaltet und dann von einer Gruppe gewalttätiger Nazis überfallen wurde (leider ist die gegenwärtige politische Situation ja so, dass ein solches Beispiel nicht völlig hergeholt ist). Stellen Sie sich weiter vor, Politiker würden danach empört die „Gewalt gegen Deutsche“ verurteilen. Wäre es nicht völlig gerechtfertigt, diesen Politikern dann vorzuhalten, eine sinnlose und willkürliche Trennung zwischen deutschen und ausländischen Opfern zu machen und die ausländischen Opfer zu verharmlosen?

Mädchenhandel

Findet Ulrich Wickert Jungenhandel ganz okay? Das ist auszuschließen. Welchen Sinn hat dann aber eine solche Werbung?

Wenn mein Sohn an Ihren Plakaten vorbei geht, dann erfährt er, dass Gewalt gegen Mädchen schlecht sei – von Gewalt gegen Jungen steht da nichts. Ob Sie es wollen oder nicht, Sie drücken damit aus, dass Gewalt gegen Jungen weniger gravierend sei als die gegen Mädchen, und dass allein die letztere wirklich zu verurteilen sei. Das vermitteln sie ebenso den Kindern selbst wie den Erwachsenen, die ihnen vielleicht Gewalt zufügen.

So lange ich auch darüber nachdenke – ich finde keine Möglichkeit, die Einseitigkeit Ihrer Kampagne zu legitimieren. Ich finde nicht einmal einen plausiblen Grund dafür – mit einer Ausnahme.

In der Konkurrenz der Hilfsorganisationen steht jede von ihnen unter dem Druck, sich von anderen zu unterscheiden, sich besonders hervorzuheben. Sie tun das einerseits dadurch, dass Sie besonders viel Geld für die Werbung einsetzen. Sie tun es andererseits dadurch, dass Sie offenbar kalkulieren, eine auf Mädchen zugeschnittene Kampagne würde mehr Menschen ansprechen als eine Kampagne, die Gewalt gegen Kinder allgemein verurteilt.

Dass der Slogan „Bring Back Our Girls“ zu einem weltweiten Erfolg wurde und die männlichen Kinder, die Boko Haram abgeschlachtet hat, dabei übersehen wurden – das spricht dafür, dass Ihr Kalkül aufgehen könnte. Das macht es aber nicht weniger unmenschlich.

Mit Ihrem Kalkül selektieren Sie vom sicheren Deutschland aus Kinder weltweit nach einem willkürlichen Kriterium, dem der Geschlechtszugehörigkeit – und Sie unterteilen sie in Kinder, denen Schutz und Hilfe zustehen, und Kinder, denen Schutz und Hilfe nicht zustehen.

Sie, als Erwachsene, selektieren Kinder in die, deren Menschenrechte ernst genommen werden, und die, deren Menschenrechte vernachlässigt werden können.

Damit ist ihre Fixierung auf Mädchen nicht allein jungenfeindlich, sondern kinderfeindlich. Kindern wird von Ihnen nicht deshalb geholfen, weil es nun einmal Kinder sind, weil sie schutzbedürftiger, hilfloser und verletzlicher sind als Erwachsene. Kindern wird geholfen nach den jeweiligen Vorlieben spendenbereiter Erwachsener in den westlichen Ländern. Damit aber geht es nicht um die Kinder, sondern um die willkürlichen Maßstäbe Erwachsener.

Das ist in meinen Augen nicht nur, aber auch deshalb gravierend: Überall dort, wo die Empathie für Menschen völlig verschwand, wo ziviles Mitgefühl völlig zusammengebrochen ist – überall dort hat es mit einigen Gruppen angefangen, denen dieses Mitgefühl versagt wurde.

Sie versagen Empathie ausgerechnet Kindern – denen gegenüber wir als Erwachsene eigentlich ganz besondere Verantwortung tragen müssten. Da es aber um Kinder geht, ist der demonstrative Empathieentzug besonders gravierend und besonders verstörend.

Oder liege ich falsch? Hat Ihre Konzentration auf Mädchen vielleicht Gründe, auf die ich nicht gekommen bin?

Oder setzen Sie sich für Kinder allgemein ein, nicht  selektiv nach Geschlecht sortiert – nur dass ich das übersehen hätte?

In dem Fall wäre ich wirklich dankbar für eine Antwort – und für eine Klärung des verstörenden Eindrucks, den Ihre Kampagne hinterlassen hat.

Mit freundlichen Grüßen

Lucas Schoppe

 

Ich habe mich mehrmals auf folgendes Buch bezogen, das über die zitierten Passagen hinaus noch eine Unmenge weitere Informationen zum Thema enthält:

Arne Hoffmann: Plädoyer für eine linke Männerpolitik, 2014

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21 Comments

  • Es geht um Spendengelder. Spendengelder sind zunächst einmal Einkommen für die Funktionäre des Vereins. Sie sind zudem Einkommen für das Werbebüro, die Plakatvermieter und womöglich für Ulrich Wickert, sofern er nicht aus einfältiger Überzeugung eine solche Kampagne kostenfrei unterstützt. All die aufgebrachten Kosten sind auch eine Steuerquelle. Und je aggressiver und aufwendiger man wirbt, umso mehr Spenden müssen akquiriert werden. Und leidende Mädchen rühren eher das Herz der Rentner, die am meisten Spenden aufbringen. Ein Bub mit dreckigem Gesicht rührt niemand, er sieht aus wie ein Lausbub, aber nicht wie ein Kindersklave.

    Ich habe zum Jahresbeginn über die Aktion von Plan unter der Überschrift „Kein Plan“ unter anderem folgendes gebloggt:

    „Die Plakataktion von Plan ist diskriminierend. Sie macht Jungs zu gewöhnlichen Opfern. Jungs sind nach Plan International e.V. Opfer zweiter Ordnung. Dieses Gehabe ist noch unbarmherziger als die widerliche Triage der Militärärzte, die wenigstens den überlebenschancenreichen Opfern eine besondere Chance einräumt. Jungs haben bei Plan jedoch keine Chance verdient. Und dieser Gedanke wird mit einer derart eindimensionalen Aktion verfestigt.“

    Zudem hat sich das Blog Geschlechterallerei Anfang Dezember zu der Aktion von Plan geäußert und eine entsprechende Antwort von Plan erhalten, die in ihrer pejorativen Vorurteilsbeladenheit unterirdisch ist. Hier ein Auszug aus der Antwort von Plan:

    „Viele Jungen lernen während ihrer Sozialisation, was von ihnen erwartet wird, um später als „richtiger Mann“ in der Gesellschaft anerkannt zu werden. So wird ihnen zum Beispiel vermittelt, dass sie keine Schwäche oder Gefühle zeigen sollen, dass Mädchen und Frauen weniger wert seien als sie selbst, und dass sie als Jungen und Männer Macht über sie haben.“

    • @ Lotosritter Danke für die Links! Ich war zu der Zeit, als sie erschienen, stark vom Offline-Leben absorbiert :-), deswegen hatte ich sie übersehen. Ich finde beide Texte sehr gut, und es hätte meinem Text gut getan, wenn ich sie vorher gekannt hätte.

      Die Bezeichnung „selektive Barmherzigkeit“ für das, was PLAN macht, finde ich sehr passend. Auch der Vergleich mit der Triage der Militärärzte ist sinnvoll (also mit der Konzentration medizinischer Behandlungen auf Menschen, bei denen diese Behandlung noch etwas helfen kann – um so vielen wie möglich zu helfen). Da ist klar, dass eine harte Entscheidung ist, weil die Ärzte manche Verwundete einfach sterben lassen. Der Wikipedia-Artikel dazu schreibt entsprechend etwas von Schuldgefühlen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen, die damit verbunden sein könnten.

      Von solchen Schuldgefühlen ist beim PLAN nichts zu spüren, auch nicht vom Bewusstsein, angesichts knapper Mittel eine tragische Entscheidung treffen zu müssen. Das PLAN-Kriterium der Zuweisung von Hilfe für Kinder anhand ihrer Geschlechtszugehörigkeit hat eben mit Kriterien für tragische Entscheidungen angesichts knapper Mittel oder ungenügenden Wissens gar nichts zu tun.

      Es ist eher ein Kitsch-Kriterium – was verschafft dem Spendenden ein wohligeres Gefühl? Und da kalkuliert der PLAN offenbar, dass Bilder von kleinen Mädchen besser geeignet sind als Bilder von kleinen Jungen.

    • „Viele Jungen lernen während ihrer Sozialisation, was von ihnen erwartet wird, um später als „richtiger Mann“ in der Gesellschaft anerkannt zu werden. So wird ihnen zum Beispiel vermittelt, dass sie keine Schwäche oder Gefühle zeigen sollen,“

      Diesen Beschreibung bekam ich auch zur Antwort als ich auf Facebook mit Plan zu dem Thema diskutierte. Also besser hätte doch Plan seine eigene Kampagne nicht beschreiben können. Genau das vermittelt diese doch: Mädchen, die Gefühle zeigen (Trauer, Hilflosigkeit, etc.) erzeugen Empathie. Man interessiert sich für ihr Schicksal und möchte ihnen helfen. Wie man auf Jungen reagiert, die in ähnlicher Weise Gefühle zeigen, hast du gut beschrieben. So dumm, können die Verantwortlichen bei Plan nicht sein, dass sie nicht merken, dass ihre Kampagne vorherrschende Denkmuster verstärkt.

  • @Lucas: Ich meine deinem Brief eine gewisse Ratlosigkeit entnehmen zu können, mit der Du diesem – pardon – Geschlechterrassismus begegnest. Das kann ich nachempfinden: Dort wo sich der Femosexismus auch auf Kinder ausdehnt, z.B. auch an deutschen Schulen, tendiere ich auch zu einer gewissen Sprachlosigkeit. Allerdings ist es vielleicht angebracht, weniger freundlich Fragen zu stellen, auf dass man den Sexismus erklärt bekommt, sondern stattdessen eine Anklage zu erheben:

    http://der-juengling.blogspot.de/2015/12/feministen-rufen-auf-bitte.html

    • @ uepsilonniks Danke auch an Dich für den Link! Auch bei Deinem Text wäre es gut gewesen, wenn ich ihn vorher gekannt hätte (s.o. …).

      Ich verstehe, dass eine solche Kampagne aggressiv machen kann. Ich bin nur auch sicher – viele, die dafür spenden oder die sich engagieren, werden das aus durchaus idealistischen Motiven machen, und mit dem realen Wunsch zu helfen. Ich hatte das Gefühl, dass es für solche Menschen nur völlig unverständlich oder schräg wirkt, wenn andere darauf mit Wut reagieren.

      Das PLAN-Kalkül ist möglicherweise durchaus sehr zynisch: Mädchen als Opfer bringen mehr Spenden als Jungen als Opfer – also lohnt sich die Konzentration auf Mädchen.

      Ich habe den Brief aber als OFFENEN Brief geschrieben, und es ist ja nicht ausgeschlossen, dass den auch Menschen lesen, die sich überlegen würden, für PLAN zu spenden. Also sind die Adressaten nicht allein Zyniker – und deshalb war es in meinen Augen angemessener, den Brief nicht aggressiv zu schreiben.

      • „und deshalb war es in meinen Augen angemessener, den Brief nicht aggressiv zu schreiben.“

        Dies ist meines Erachtens eine falsche Alternative: entweder (scheinheilig) weich oder aggressiv. Es geht hier doch um Wirkung, und die ist mit beiden Formen nicht zu erreichen.

        Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur einer, der nicht von vornherein die Problematik kennt, durch einen solchen „offenen Brief“ irgendwie beruehrt wird. Jemand, der in einem solchen Kontext spendet, tut dies, weil die herrschende Ideologie eben so ist. Genauso wie mit dem Feminismus — man laeuft halt mit. Das Einzige, was in einigen Faellen helfen kann, ist eins in die Fresse. Dafuer ist aber der Text (wohl mit Absicht) so voller Ausweichmoeglichkeiten, dass nichts bleibt: „Oder liege ich falsch? Hat Ihre Konzentration auf Mädchen vielleicht Gründe, auf die ich nicht gekommen bin?“ — ja eben, da wird’s schon was geben, und fertig.

        Und die Leute von PLAN werden lachen, in der Art „da sollen wir jetzt wohl Angst bekommen, wuhaha“.
        https://s-media-cache-ak0.pinimg.com/736x/04/33/05/043305fe37b160ae8c9042b4f1485bfe.jpg

  • Zu Plan Deutschland gab es Anfang Dezember mal einen guten Beitrag auf Geschlechterallerlei (Den du aber sicher gelesen hast. Ich greif ihn trotzdem mal auf…). Die Antwort von Plan auf die Frage eines FB-Nutzers, was denn mit denn Jungen sei lässt sich ganz gut runterbrechen auf:

    „Wir helfen Jungen, indem wir stereotype Rollenbilder aufbrechen und ihnen beibringen, dass sie Mädchen gut behandeln sollen.“

    Fand ich sehr nett. Und sehr bezeichnend. Und nachdem ich den Beitrag gelesen hatte, war mir sehr übel 🙂

    https://geschlechterallerlei.wordpress.com/2015/12/11/wenn-gefuehlskaelte-auf-verlogenheit-trifft-plan-deutschland-und-benachteiligte-kinder-falschen-geschlechts/

    • Diese Antwort von Plan ist auf so viele Arten menschenverachtend.
      Zuerst natürlich, weil sie Jungen nicht als hilfsbedürftige Klientel, sonder nur als korrekturbedürftige Problemquelle sieht.

      Zum andern werden hier Menschenrechte als relativ zu einer Referenzgruppe definiert. Man kümmert sich nicht um Jungs um ihrer Selbst willen sondern nur insofern, als es Mädchen nutzt. Bezeichnend ist dabei auch die bizarre Vorstellung einer Rückkopplung auf die Jungs: Den Jungen geht es gut wenn sie dafür sorgen, dass es den Mädchen gut geht. Mädchen sind der Bezugspunkt in dieser Wahrnehmung und die Jungs der Rest, der auf diesen Bezugspunkt hin ausgerichtet werden muss.

      Zuletzt löst PLAN damit tradierte Rollenbilder auch nicht auf sondern zementiert sie: Die Jungs sind Erfüller und Kümmerer für die Mädchen. Zudem führen solche einseitigen Kampagnen zum Aufbau gesellschaftlicher Invisibilisierungsmechanismen. Wo Jungen-Leid marginalisiert und nicht ernst genommen wird, da wird von Jungs auch erwartet, dass sie sich durchbeißen. Auch lernen die Jungs selber, dass sie keine Empathie erwarten können. Ein Männlichkeitsideal wie man es halt kennt.

    • @ Gwenny „Beim nächsten Mal les ich die anderen Kommentare, bevor ich mich zu Wort melde, versprochen chrmchrm“ Nein nein, danke für den Hinweis, der war gut. Ich hab nochmal durchgelesen, was Gerhard bei „Geschlechterallerlei“ vom PLAN zitiert hatte. Der Brief (offenbar auf eine Kritik an der einseitigen Ausrichtung auf Mädchen) ist so lohnend, dass ich ihn hier einfach mal mitzitiere, weil ich darauf gleich noch kurz eingehen will.

      „Plan Deutschland
      Lieber XXXXXXX, wir setzen uns für die Kinderrechte und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen ein. Das heißt, wir fördern Mädchen und Jungen gleichermaßen, berücksichtigen aber auch geschlechtsspezifische Benachteiligungen. Mädchen stehen in vielen Ländern dieser Welt immer noch immer im Hintergrund. Sie werden benachteiligt, diskriminiert und sind Gewalt oft schutzlos ausgeliefert. In vielen Ländern nehmen ihre Armut und die Gewalt, der sie ausgesetzt sind, sogar weiter zu. Unsere Arbeit bezieht auch die Jungen mit ein, um Gleichberechtigung zu schaffen. Viele Jungen lernen während ihrer Sozialisation, was von ihnen erwartet wird, um später als „richtiger Mann“ in der Gesellschaft anerkannt zu werden. So wird ihnen zum Beispiel vermittelt, dass sie keine Schwäche oder Gefühle zeigen sollen, dass Mädchen und Frauen weniger wert seien als sie selbst, und dass sie als Jungen und Männer Macht über sie haben. Dabei haben diese stereotypen Rollen oft wenig mit den eigentlichen Interessen der Jungen zu tun und halten viele von ihnen davon ab, ihr volles Potential zu entfalten.

      Mehr Gleichberechtigung trägt hingegen dazu bei, dass sich Jungen von überholten Männlichkeitsrollen verabschieden dürfen. Wird es ihnen beispielsweise erlaubt, auch ihre Gefühle, Zweifel und Unsicherheiten auszudrücken, dann wirkt sich dies meist positiv auf ihre Beziehungen zu anderen aus.
      Du kannst dir gern dieses Video ansehen, in dem wir zeigen, wie wir Jungen arbeiten: https://www.youtube.com/watch?v=5gQ7_c5U9m0. Viele Grüße, dein Team von Plan“

      Es stimmt, @ Kevin Fuchs, das ist „auf so viele Arten menschenverachtend“. Vielleicht sollte man aber die Möglichkeit nicht ganz ausschließen, dass der PLAN insgesamt das Produkt einer ziemlich gewitzten und unerschrockenen Spaßguerilla ist, die das Ziel hat, Heucheleien und Unmenschlichkeiten bei der Hilfe für Notleidende bloßzustellen. Also das hier zum Beispiel ist doch wirklich zu dick, als dass es wirklich ernst gemeint sein könnte: Es geht darum, „dass sich Jungen von überholten Männlichkeitsrollen verabschieden dürfen. Wird es ihnen beispielsweise erlaubt, auch ihre Gefühle, Zweifel und Unsicherheiten auszudrücken, dann wirkt sich dies meist positiv auf ihre Beziehungen zu anderen aus.“

      Ich stelle mir gerade vor, wie Kindersoldaten, Kinder in schwerer Kinderarbeit oder verhungernde Kinder lernen, ihre Gefühle auszudrücken und sich von herkömmlichen Männlichkeitsrollen zu distanzieren. „Seit ich Frauen emphatischer wahrnehme, tut der Hunger gar nicht mehr so weh.“ – „Ich muss natürlich den ganzen Tag Steine schleppen, aber das hilft mir dabei, meine Privilegien zu checken.“ Das ist eine so zynische Projektion der westlich-bürgerlichen Produkte kommunikativer Nabelschauen mitten hinein in massive und unvorstellbare Notsituationen von Kindern anderer Länder, dass es bei aller Grausamkeit unweigerlich etwas Komisches hat. Hier ist ganz deutlich, wie die Kriterien vom PLAN zugeschnitten sind auf die Bedürfnisse möglicher Spender im Westen und mit den Notlagen der Kinder gar nichts zu tun haben.

      Wenn wir uns dann ansehen sollen, „wie wir mit Jungen arbeiten“, dann sehen wir ein Video „im Rahmen der Kampagne Because I’m a Girl“. Mit Jungen darf gearbeitet werden im Rahmen von Kampagnen für Mädchen. Einer der Jungen im Video sagt zum Beispiel, dass er „die Gewalt“ stoppen wolle. Natürlich ist es SEINE Gewalt als Macho im Wartestand, die er stoppen will – nicht eine Gewalt, der er etwa selbst ausgeliefert wäre.

      „wir fördern Mädchen und Jungen gleichermaßen“ Das ist nach allem, was bekannt ist, glatt gelogen. Würden Jungen und Mädchen im gleichen Maß gefördert, dann hätte die ganze Kampagne keinen Sinn. Das EINZIGE Beispiel, dass PLAN hier für die Förderung von Jungen anführen kann, ist ein Projekt im Rahmen eines Mädchenprojekts, in dem Jungen lernen sollen, weniger Macho zu sein. Jungen brauchen keine Hilfe – außer der Hilfe dabei, zu erkennen, was für Arschlöcher sie sind, wenn sie sich „von überholten Männerrollen“ nicht verabschieden.

  • […] Zuletzt schrieb im Februar der Blogger Schoppe in seinem Blog man-tau einen offenen Brief an Plan. Mal sehen, ob Plan erneut so sexistisch antwortet wie zuletzt im Blog Geschlechterallerei dokumentiert. Hier der Link zu man-tau. […]

  • Ich nenne dies das Resultat einer gelungenen feministischen Sozialisation. Wenn Männlichkeit stets mit Gewalt, Unterdrückung, Aggression und sexuellem Missbrauch assoziiert wird, dann kann das auf Dauer nicht ohne Folgen für die Wahrnehmung bleiben.
    Diese Leute sprechen vom Aufbrechen stereotyper Rollenbilder und bedienen sich gleichzeitig einer ganzen Reihe stereotyper Charakterisierungen von Männlichkeit. Aber Introspektion scheint nicht Teil der Gender-Studies zu sein.

  • Ich habe mir kurz die angegebene Stelle aus dem UNICEF-Bericht zur Kindersterblichkeit angeguckt. Wenn ich das richtig verstehe, steht da nicht, dass bei den 9 Ländern die Sterblichkeit der Mädchen höher ist „als bei Jungen“ sondern, dass sie signifikant höher ist „als man es auf Grundlage weltweiter Muster erwarten würde“. Ich habe leider auf die Schnelle keine konkreten Zahlen gefunden (das Geschlechterverhältnis ist im Wikipediaartikel „Kindersterblichkeit“ oder „Child mortality“ nicht angegeben), aber durch Artikel wie dieser http://www.welt.de/gesundheit/article1834368/Sterberisiko-bei-Jungen-hoeher-als-bei-Maedchen.html oder auch durch den allgemeinen Vergleich der durschnittlichen Lebenserwartungen von Männern und Frauen muss ich vermuten, dass das Muster so aussieht, dass „normalerweise“ die Kindersterblichkeit von Jungen höher ist als die von Mädchen. Ob dieser umständlichen Formulierung („girls’ risk of dying before age 5 is significantly
    higher than would be expected based on global patterns.“ statt „higher than the boys‘ risk“) stellt sich mir die Frage, ob es nicht vielleicht sogar so ist, dass selbst in diesen 9 Ländern die Kindersterblichkeit der Jungen größer ist als die der Mädchen – nur eben mit einem signifikant kleineren „gender based gap“.

  • […] Hier in Berlin waren sie auf vielen Wänden zu sehen, die Plakate des Kinderhilfswerks „Plan“, die „Gewalt gegen Mädchen“ ächteten. „Und Gewalt gegen Jungen ist okay?“ habe ich mich jedesmal gefragt, als ich an so einem Plakat vorbeikam. Lucas Schoppe hat den Herrschaften jetzt einen offenen Brief geschrieben. […]

  • Mann darf die Jungens auch nicht zu sehr verweiblichen, damit sie später auch bereit sind ihr Vaterland tapfer zu verteidigen. Man sieht es ja bei der Bundeswehr, Frauen kassieren den gleichen Wehrsold, haben dort durch Quotenregelung die gleichen Aufstiegschancen wie Männer, doch nur Männer müssen dort ihr Leben,ihr einzigartiges Leben aufs Spiel setzen, für das gleiche Geld. Es kamen ja bisher auch nur junge Männer(über 120) in Leichensäcken zurück nach Deutschland. Vielleicht ist es den Männern dort auch deshalb nicht erlaubt lange Haare zu tragen, damit sie auch weiter in ihr Rollenklischee passen.

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