Wie ich vergeblich versuchte, am „Equal Pay Day“ dazwischenzureden

Am Freitagmorgen konnte ich einen kleinen Luxus genießen. Die letzten Wochen waren beruflich so vollgestopft, dass ich kaum dazu gekommen bin, wenigstens die Kommentare in meinem eigenen Blog zu beantworten – oder gar anderswo selbst zu kommentieren. Dass ich überhaupt noch Artikel eingestellt hatte, war dadurch möglich, dass ich sie im Zug geschrieben hatte – auf dem Weg zu unserem Sohn, der bei seiner Mutter ein paar hundert Kilometer entfernt von mir wohnt.

Aber am Freitagmorgen hatte ich eine Dreiviertelstunde Zeit zum Umherwandern im Netz, las einen Spiegel-Online-Artikel über den Equal Pay Day und schrieb einen der allerersten Kommentare – noch in der ersten Stunde nach Veröffentlichung des Artikels.

Der Durchschittslohn falle, hieß es beim Spiegel, wenn der Frauenanteil in einem Berufsfeld steige („Wo viele Frauen beschäftigt sind, meinen Arbeitgeber offenbar, weniger zahlen zu müssen.“), und die Medizin sei einer der wenigen Bereiche, in denen das Geschlechterverhältnis gekippt sei.

Ich also schrieb dazu frohgemut eine Antwort – und verschwendete damit meine Zeit, weil sie ohnehin nicht erschien. Ich hätte die Zeit aber vermutlich auch verschwendet, wenn sie veröffentlicht worden wäre. Eine Journalistin bei bento, mit Spiegel-Online verbandelt, stellte gerade ohne unnötige Scheu vor faschistoider Sprache fest, dass der „Bereich unter den Artikeln (…)  leider oft verseucht“ sei – womit sie wohl meint, dass dort Leser wie ich schreiben würden, die andere Meinungen haben als sie.

„’Don’t read the comments’ lautet eine Regel der Netzcommunity.“

Ebenso wenig Sinn, wie Kommentare zu schreiben, hat es beispielsweise, bei einer der größten deutschen Hilfsorganisationen mal nachzufragen, warum sie eigentlich nur „Gewalt gegen Mädchen“, aber nicht allgemein „Gewalt gegen Kinder“ kritisiere. Eine Antwort darauf gibt es nicht, aber das interessiert eigentlich auch kaum jemanden.

Viel wichtiger scheint es ja ohnehin, dass Frauen noch immer mehr als 20% weniger verdienen als Männer!!! Auch wenn es mittlerweile Unmengen von Beiträgen gibt, die zeigen, dass diese Information bestenfalls irreführend ist.

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Der Equal Pay Day ist ein jährlich begangenes Ritual, hier ein Bild aus dem Jahr 2012. Quelle: DIE LINKE im Bundestag

Das Blog Alles Evolution schrieb gerade über eine Umfrage, nach der ohnehin fast drei Viertel der Bevölkerung, Männer wie Frauen, diese Angabe für so unglaubwürdig halten, wie sie ist.  Dass sie trotzdem immer weiter verbreitet und am Equal Pay Day – in diesem Jahr am 19. März – weithin rituell zelebriert wird, hat also etwas seltsam Selbstbezügliches. Journalisten und Politiker bestätigen sich gegenseitig und untereinander in einem Glauben, den der größte Teil der Bevölkerung kennt, aber nicht teilt – ohne dass das die Meinungsmacher weiter interessieren würde.

Immerhin hab ich ein Blog, in dem ich veröffentlichen kann, was beim Spiegel nicht  durchkam. Ich versichere auch, dass ich alle Kommentare lese und mich darüber freue – auch wenn ich in manchen Zeiten so tief in beruflicher Arbeit stecke, dass ich kaum dazu komme, sie zu beantworten. Hier also mein eigener Kommentar – er war eigentlich sehr harmlos: Weiterlesen

Warum nicht „Keine Gewalt gegen KINDER?“ Ein Brief bei Facebook

Vor nun fast drei Wochen habe ich einen offenen Brief an die Organisation Plan geschrieben, die mit einer groß angelegten Werbekampagne sehr präsent ist: Sie richtet sich ausdrücklich gegen Gewalt gegen Mädchen. Ich hatte in dem Brief gefragt, warum nur Gewalt gegen Mädchen abgelehnt werde – und nicht Gewalt gegen Kinder allgemein.

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Ich hatte die Organisation auch per Mail auf den Brief aufmerksam gemacht, aber natürlich keine Antwort erhalten. Ich verstehe durchaus, dass die Plan-Leute nicht auf jeden Blogger antworten, der Ihnen etwas schreibt – aber ich habe von Ihnen auch abgesehen davon noch nirgends irgendeine überzeugende Antwort auf die Frage gelesen, warum Sie sich nicht allgemein gegen Gewalt gegen Kinder engagieren, sondern sich auf Mädchen konzentrieren. Immerhin erwecken die überall präsenten Plakate den Eindruck, Gewalt sei halb so wild, wenn sie männliche Kinder träfe.

Also habe ich auf der Facebook-Seite von Plan Deutschland noch einmal eine Nachfrage gepostet. Diese hier: Weiterlesen

Wie die „Zeit“ den Feminismus rettet (und ihn dabei aus Versehen versenkt)

„Sucht man nach einem Beispiel für die sprichwörtliche verbrannte Erde, dann ist die Frauenbewegung ein ziemlich geeignetes Terrain.“

Heutige Feministinnen nämlich: schürten „Ressentiments“,

vermieden Kritik in einer „abschottenden Haltung“,

grenzten Männer aus („Unliebsam ist dabei mitunter schon, ‚wer keine Gebärmutter’ besitzt.“),

verwischten Unterschiede zwischen Verbrechen und bloßen Unannehmlichkeiten („In ihrer Empörung ist jemand, der vor Kameras ein Shirt mit Pin-up-Motiven trägt, praktisch das Gleiche wie jemand, der eine Frau vergewaltigt.“),

konzentrierten sich eher auf „das lautstarke Zetern über die Zumutungen der Männerwelt“ als auf „Analysen, Ursachenforschung und die für alle verständliche Vermittlung der Mechanismen der Ungerechtigkeit“,

ihr Feminismus sei lediglich der „gelangweilte, übersättigte Selbstverwirklichungsfeminismus privilegierter Frauen“,

und sie präsentierten Frauen als passive Opfer und stabilisierten so einen „Prinzessinnen-Mythos“, nämlich „das Narrativ vom schwachen Geschlecht, das nur durch das gute Verhalten ehrbarer Männer frei sein kann“.

Dies sind keine Sätze aus der Hate Speech eines Antifeministen, sondern Zitate aus einem Text der Feministin Meike Lobo – und sie erschienen nicht etwa in einem Blog oder Forum der wilden Welt des Internets, sondern in der ganz und gar respektablen Wochenzeitung Die Zeit: Die feministische Selbstdemontage.

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Anstatt nun aber darüber zufrieden zu sein, dass traditionelle Kritikpunkte von Männerrechtlern nun auch in einer solch seriösen und über jeden Zweifel erhabenen Zeitung formuliert werden, kritisiert Arne Hoffmann:

„Generell ist Lobo schon seit Jahren nicht nur unfähig, sondern vor allem unwillig zu sehen, dass Männer in der Geschlechterdebatte irgendwelche berechtigten Anliegen haben können.“

Hat Lobo also Recht mit ihrer Rede von den „obligatorisch beleidigten Männerrechtlern“, denen eigentlich gar nichts recht gemacht werden könne?

Tatsächlich ist ihr Text wesentlich widersprüchlicher und inkonsequenter, als die oben zitierten Passagen es nahelegen. Verwirrend ist es zum Beispiel schon, dass Lobo eine „Überkriminalisierung der Männer“ kritisiert – als ob eine Kriminalisierung ganz okay wäre, solange man damit nicht übertreibt. Ohnehin ist für Lobo das wesentliche Problem daran nicht, dass hier Unschuldige belastet werden könnten – sondern dass der Feminismus damit „der rape culture“ zuarbeite, da Opfern echter Gewalt durch solch einen „Missbrauch des Themas Gewalt“ nicht mehr geglaubt werde.

Seltsam auch die Formulierung, man (hier wohl: DER Mann) habe lange Zeit in Frauen nicht mehr „als eine Milchbar auf zwei Beinen und die Verheißung sexueller Erleichterung“ gesehen: Das ignoriert ganz nebenbei die vergangenen Jahrtausende der dokumentierten Geschichte, in denen sich Männer eben niemals so eindeutig negativ, sondern auch durchgehend idealisierend, verliebt, anbetend oder schlicht respektvoll  über Frauen geäußert haben.

Tatsächlich ist Lobos Text kein Frontalangriff auf den heutigen Feminismus, sondern ein Rettungsversuch. Wie sie aber diesen Versuch unternimmt, sagt vieles aus über heutige Debatten zu Fragen sozialer Gerechtigkeit. Weiterlesen

Liebe Feministinnen,

In ihrem Blog gleichheitunddifferenz stellt die Feministin Margret die Frage, warum sich eigentlich Männerrechtler nicht für „nicht-konforme Männer“ einsetzen. Ich wurde darauf über das Blog Alles Evolution aufmerksam. Unglücklicherweise aber wurde mein eigener Kommentar dazu aus mir selbst noch unklaren Gründen so lang, dass ich mich aus lauter Höflichkeit – ich möchte schließlich meinen Mitmenschen nicht die Kommentarspalten zuschütten –  schließlich entschloss, einen eigenen Text daraus zu machen.

„Betrachtet man sich die aktuelle Männrechtsbewegung, fällt immer wieder eines auf: Es gibt kaum Unterstützung oder Rückhalt für nicht-konforme Männer. Seien es Hausmänner; schwule Männer; Männer, die für die Familie Arbeitszeit reduzieren; alleinerziehende Männer; Männer, die lange Elternzeit nehmen; Männer, die “weibliche” Berufe ergreifen oder ergreifen möchten; Männer und Jungen, die gerne Rosa oder “weibliche” Kleidung tragen oder ansonsten als “weiblich” definiertes Verhalten zeigen oder zeigen möchten;  Männer, die einen Angehörigen pflegen; männliche Transvestiten oder gar Sub-Männer.“ (Hervorhebung im Original)

Statt auf Unterstützung und Rückhalt werde, so Margret, eher auf Antifeminismus und Traditionalismus gesetzt, und „Aufbrechung traditioneller Vorstellungen von Männlichkeit“ sei „nur bei sehr wenigen Maskulisten Thema.“

Nun trage ich öfter einmal rosa Hemden oder Pullover, wenn auch keine rosa Hosen, bin aber tatsächlich noch nie auf die Idee gekommen, dafür von anderen Männern Unterstützung und Rückhalt einzufordern. Ich war mir nicht einmal so recht darüber klar, dass ich das brauche.

Unterstützung und Rückhalt brauche ich allerdings als Trennungsvater, der – und ich hoffe, dass mich das für die Position einen nicht-konformen Mannes einigermaßen qualifiziert – nicht allein Zahlvater sein, sondern auch für das gemeinsame Kind sorgen möchte. Dieser Rückhalt für entsorgte Väter ist ein Kern der heutigen Männerbewegung.

Dass Feindschaft gegen homosexuelle Männer im Lichte männerpolitischer Anliegen absurd und schädlich ist, haben längst alle halbwegs vernünftigen Männer eingesehen, die sich geschlechterpolitisch äußern – ich kenne, um ehrlich zu sein, kaum jemanden, der das jemals anders gesehen hätte. Ein wesentlicher Unterschied zur feministischen Unterstützung homosexueller Männer ist aber natürlich, dass Hetero-Männer Homosexuelle unterstützen, ohne sie zugleich gegen die angeblich so traditionellen heterosexuellen Männer auszuspielen.

Was den Antifeminismus betrifft, bin ich jedoch ganz wie Margret der Meinung, dass eine Fixierung auf die Ablehnung feministischer Positionen eine Sackgasse ist. Allerdings glaube ich ohnehin, dass maskulistisch-feministische Auseinandersetzungen deutlich weniger wichtig sind, als sie den Beteiligten manchmal erscheinen. Besser ist es, freundlich miteinander ins Gespräch zu kommen.

Durchaus mit Freude lese ich daher bei Margret, dass es Feministinnen wichtig sei, traditionelle Geschlechtervorstellungen zu öffnen. Das bedeutet nun natürlich nicht, dass alle Menschen anders leben müssten, als sie es bislang tun – aber dass sie die Möglichkeit dazu haben, ohne einen unnötig hohen Preis dafür zahlen zu müssen.

Allerdings habe ich manchmal den verwirrenden Eindruck, Feministinnen würden sich – ganz gegen die eigene Absicht, natürlich – so verhalten, dass sie traditionelle Geschlechterrollen eher zementieren als öffnen. Als einer der davon Betroffenen, als Mann nämlich, möchte ich dazu gern einen freundlichen Brief schreiben.

Do not disturb

Schon falsch – es müsste natürlich „Gender – Do not disturb“ heißen. Ich störe aber einfach trotzdem mal – welchen Sinn hat es schließlich, wenn alle Menschen unabhängig voneinander vor sich hin gendern und darüber ganz vergessen, dass man auch ab und zu miteinander reden kann? Oder eben Briefe schreiben… (Quelle)

Ich bin mir natürlich bewusst, dass einige politisch aktive und engagierte Menschen Texte von mehr als 140 Zeichen als strukturelle Gewalt erfahren, und dass ein solcher Text, wenn er zudem auch noch von einem Mann geschrieben wurde, nur als schwer erträgliches Mansplaining empfunden werden kann. Ich möchte daher ganz ohne alle Ironie versichern, dass ich keine anderen als allerbeste Absichten bei diesem Text habe – ich will, ganz ehrlich, der feministischen Sache nur helfen. Also:

 

Liebe Feministinnen, Weiterlesen