Geschlechterkampf

Wie ich vergeblich versuchte, am „Equal Pay Day“ dazwischenzureden

Zeigt Männer und Frauen
geschrieben von: Lucas Schoppe

Am Freitagmorgen konnte ich einen kleinen Luxus genießen. Die letzten Wochen waren beruflich so vollgestopft, dass ich kaum dazu gekommen bin, wenigstens die Kommentare in meinem eigenen Blog zu beantworten – oder gar anderswo selbst zu kommentieren. Dass ich überhaupt noch Artikel eingestellt hatte, war dadurch möglich, dass ich sie im Zug geschrieben hatte – auf dem Weg zu unserem Sohn, der bei seiner Mutter ein paar hundert Kilometer entfernt von mir wohnt.

Aber am Freitagmorgen hatte ich eine Dreiviertelstunde Zeit zum Umherwandern im Netz, las einen Spiegel-Online-Artikel über den Equal Pay Day und schrieb einen der allerersten Kommentare – noch in der ersten Stunde nach Veröffentlichung des Artikels.

Der Durchschittslohn falle, hieß es beim Spiegel, wenn der Frauenanteil in einem Berufsfeld steige („Wo viele Frauen beschäftigt sind, meinen Arbeitgeber offenbar, weniger zahlen zu müssen.“), und die Medizin sei einer der wenigen Bereiche, in denen das Geschlechterverhältnis gekippt sei.

Ich also schrieb dazu frohgemut eine Antwort – und verschwendete damit meine Zeit, weil sie ohnehin nicht erschien. Ich hätte die Zeit aber vermutlich auch verschwendet, wenn sie veröffentlicht worden wäre. Eine Journalistin bei bento, mit Spiegel-Online verbandelt, stellte gerade ohne unnötige Scheu vor faschistoider Sprache fest, dass der „Bereich unter den Artikeln (…)  leider oft verseucht“ sei – womit sie wohl meint, dass dort Leser wie ich schreiben würden, die andere Meinungen haben als sie.

„’Don’t read the comments’ lautet eine Regel der Netzcommunity.“

Ebenso wenig Sinn, wie Kommentare zu schreiben, hat es beispielsweise, bei einer der größten deutschen Hilfsorganisationen mal nachzufragen, warum sie eigentlich nur „Gewalt gegen Mädchen“, aber nicht allgemein „Gewalt gegen Kinder“ kritisiere. Eine Antwort darauf gibt es nicht, aber das interessiert eigentlich auch kaum jemanden.

Viel wichtiger scheint es ja ohnehin, dass Frauen noch immer mehr als 20% weniger verdienen als Männer!!! Auch wenn es mittlerweile Unmengen von Beiträgen gibt, die zeigen, dass diese Information bestenfalls irreführend ist.

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Das Blog Alles Evolution schrieb gerade über eine Umfrage, nach der ohnehin fast drei Viertel der Bevölkerung, Männer wie Frauen, diese Angabe für so unglaubwürdig halten, wie sie ist.  Dass sie trotzdem immer weiter verbreitet und am Equal Pay Day – in diesem Jahr am 19. März – weithin rituell zelebriert wird, hat also etwas seltsam Selbstbezügliches. Journalisten und Politiker bestätigen sich gegenseitig und untereinander in einem Glauben, den der größte Teil der Bevölkerung kennt, aber nicht teilt – ohne dass das die Meinungsmacher weiter interessieren würde.

Immerhin hab ich ein Blog, in dem ich veröffentlichen kann, was beim Spiegel nicht  durchkam. Ich versichere auch, dass ich alle Kommentare lese und mich darüber freue – auch wenn ich in manchen Zeiten so tief in beruflicher Arbeit stecke, dass ich kaum dazu komme, sie zu beantworten. Hier also mein eigener Kommentar – er war eigentlich sehr harmlos:

 

Wie ich einmal versuchte, beim Spiegel zu kommentieren

„Es hat wenig Sinn, Entscheidungen auf dem Arbeitsmarkt unabhängig von Entscheidungen in Partnerschaft und Familie zu betrachten. Die Erwartung an Männer, Familienversorger zu sein, ist nach wie vor groß (laut einer Studie von Jutta Allmendinger erwarten über 70 Prozent junger Frauen von einem Partner, dass er reich sei). Männer bereiten sich auf diese Rolle entsprechend schon vor einer Familiengründung vor: Die Teilzeitquote bei kinderlosen Frauen ist fast vier Mal so hoch wie die von kinderlosen Männern. Nach der Geburt eines Kindes arbeiten Männer mehr als zuvor, Frauen weniger im Beruf.

Kurz: Männer verdienen auch deswegen mehr, weil es für sie weiterhin selbstverständlicher ist, nicht nur sich allein finanzieren zu müssen – sondern auch Partnerin und Kinder. Wir sollten also nicht allein darauf achten, wer das Geld verdient – sondern auch darauf, wer es ausgeben kann.

Dass die Medizin weiblich wird, hat dabei sogar problematische Konsequenzen. Der Ärztemangel ist u.a. auf die höhere Teilzeitquote von Frauen zurückzuführen und auf im Schnitt geringere Bereitschaft einer ÄrztIN, allein eine Praxis zu führen.

‚Sie erwarte, dass Beruf und Privatleben miteinander vereinbar seien, und sie verspüre keine große Lust darauf, sich als Einzelkämpferin in einer Ein-Frau-Praxis durchzuschlagen.‘

So das Deutschlandradio Kultur dazu. 

Kurz gefasst: Ihre rechtlich und institutionell deutlich stärkere Stellung in der Familie bedingt bei vielen Frauen ein Verhalten auf dem Arbeitsmarkt, das für höhere Löhne ungünstig ist. Eine Diskriminierung von Frauen ist das nicht.“

Soweit mein Kommentar, von dem ich glatt gedacht hatte, dass er eigentlich nicht besonders trollig sei. Sehr schön passt dazu ein Bild, dass die Hamburger Linksfraktion gerade verbreitet hat:

gender pay gap

Es interessiert die, ähem, Linken nicht, dass einige der ärmsten Länder der Welt das Gleichheits-Ranking anführen und Frauengehälter im bettelarmen Burundi ganz besonders nahe an den dortigen Männergehältern sind. („Burundi is surprise winner“)  Wo Menschen kaum etwas verdienen können, bleibt eben auch wenig Raum für Verdienstunterschiede – warum das ein Beitrag zur Gerechtigkeit sein sollte, müsste die Linke noch einmal genauer erklären.

Fast infam ist der Hinweis auf „Alleinerziehende“. Dass hier Frauen deutlich stärker betroffen sind als Männer, hat unter anderem einen simplen Grund: Mütter haben weiterhin deutlich größere Chancen als Väter, dass Kinder nach einer Trennung bei ihnen bleiben.

Lebt ein Kind hingegen bei beiden Eltern, haben diese wesentlich größere Spielräume, Arbeit zwischen sich aufzuteilen, als es ein alleinstehendes Elternteil hat. Es ist kein Zufall, dass die Alleinerziehung – die ohnehin passender als „Getrennterziehung“ bezeichnet wäre – europaweit das größte Armutsrisiko für Kinder darstellt, unabhängig von allen staatlichen Unterstützungsangeboten.

Sinnvoll wäre es anhand der Zahlen der Linksfraktion also, eine gemeinsame Erziehung zu fördern, anstatt Alleinerziehen als „Befreiung“ zu verherrlichen und getrennt erziehende Mütter als Superheldinnen zu idealisieren.

wonder woman

Statt dessen erwecken hier, nunja, Linke den Eindruck, diese Frauen würden wie von Zauberhand weniger verdienen, weil die Gesellschaft ihre Arbeit nicht richtig schätze.

 

Warum rosa Kopfhörer teurer sind als schwarze

Die Rede von Gender Pay Gap ist damit Teil eines irrationalen Gesellschaftsspieles, dessen wesentliche Regel ist, beliebige soziale Daten als Belege einer Diskriminierung von Frauen deuten zu müssen. Gerade hat der öffentlich-rechtliche Sender SWR beispielsweise über den Skandal des Gender Pricing berichtet: Frauen würden für typisch weibliche Produkte (beim SWR ausgerechnet: rosa Kopfhörer) deutlich mehr bezahlen müssen, auch wenn sie qualitativ nicht besser seien als Produkte für Männer.

Der SWR-Beitrag selbst erklärt das schon damit, dass „einfach die Preisbereitschaft der unterschiedlichen Zielgruppen, in dem Fall Frauen, ausgenutzt“ werde.  Das ist eine einfache Marktlogik: Viele Frauen seien bereit, erheblich mehr dafür zu bezahlen, dass die Kopfhörer rosa und nicht schwarz sind – daher könnten die Anbieter auch mehr verlangen.

Warum aber sind ausreichend viele Frauen zum Draufzahlen bereit? Sie sind nicht qualitätsbewusster – der Beitrag betont, dass die Produkte sich nicht in ihrer Qualität, sondern nur in ihrem Preis unterscheiden.

Die nächstliegende Antwort wird dort nicht einmal erwogen:  Frauen sind bereit, mehr zu bezahlen, weil viele von ihnen einfach mehr Geld zur Verfügung haben. Etwa 80% der Kaufentscheidungen – so berichtet etwa stolz die Webseite „Frau und Karriere“ – werden von Frauen getroffen.

So müssen denn Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern auch nicht damit erklärt werden, dass die Gesellschaft aus unklar bleibenden Gründen Arbeit nicht schätze, sobald sie von Frauen ausgeübt werde. Wenn viele Frauen darauf bauen, dass Partner, oder manchmal auch Steuerzahler, sie mitfinanzieren – wenn viele Frauen faktisch ohnehin schon mehr Geld zur Verfügung haben als ihre Partner – dann stehen sie nicht unter dem Druck, sich auf dem Arbeitsmarkt optimal zu verhalten.

Arbeitsmarktlogiker gehen meist von der Annahme aus, dass die Marktakteure ihre eigene Position möglichst verbessern, ihre eigenen Kosten senken und ihre eigenen Vorteile so weit wie möglich vergrößern wollen. Wer aber verlässlich familiär mitversorgt wird, muss das nicht tun, sondern kann Entscheidungen auf dem Markt nach anderen Kriterien als nach denen der Marktlogik treffen.

Frauen können beispielsweise weiterhin in großen Zahlen Berufe wählen, in denen das Angebot an Arbeitskräften schon so groß ist, dass die Gehälter niedrig sind: Der Druck, sich anders zu orientieren, ist gering, wenn ein Partner ohnehin die wesentliche Verantwortung für den Familienverdienst übernimmt.

Das übrigens bedeutet nicht, dass die Frauen nun einmal SO seien – es bedeutet allerdings, dass familiäre Positionen und Positionen auf dem Arbeitsmarkt vernünftig nicht unabhängig voneinander analysiert werden können. Eines der besten Mittel gegen den Gender Pay Gap wäre es vermutlich, Frauen und Männern, Müttern und Vätern in den Familien gleiche Rechte zu geben. Seltsamerweise aber sind die politischen Gruppen, die sich besonders verbissen gegen eine solche Gleichberechtigung sperren, zugleich die, die am Lautesten über den Gender Pay Gap klagen.

Aber das ist sicherlich nur ein Zufall.

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21 Comments

  • Ich hätte heute fast die Gelegenheit gehabt, mit Plan-Werbern zu diskutieren: am Karlsruher Europaplatz haben eine junger Mann und eine junge Frau Passanten angesprochen. Normalerweise gehe ich solchen Leuten aus dem Weg. Der Mann hatte mich schon im Visier, ich wich aus, er wechselte zu jemandem etwas näher passierendem. Dann hörte ich: »Hilfsorganisation … Plan«. Da habe ich mich dann zum ersten Mal über mein Vermeidungsverhalten geärgert. Für die nächste dreiviertel Stunde meiner Erledigungen legte ich mir Argumente für den Rückweg zurecht, aber ich habe dann niemand mehr angetroffen bzw. erkannt.

    Die entsprechenden Plakate hängen in der Stadt seit Wochen aus und werden eigentlich nur noch von der Aushangdauer der Parship-Werbung getoppt: »Alle elf Minuten verliebt sich ein Pringle über Parchips« (ok, das ist die Satireversion 🙂 ). Ich habe schon meinem (vierzehnjährigen) Sohn gegenüber eine Bemerkung gemacht, dass ich das unfair finde, aber ich erkenne nicht so recht, ob ihn das beschäftigt oder nicht. Ich hoffe mal, es kratzt ihn nicht …

    Wenn die sich am Osterwochenende wieder dort rumtreiben, mach‘ ich sie rund …

    • @ djadmoros Das hab ich schon häufiger erlebt – dass mir gute Antworten erst später eingefallen sind und ich zunächst einmal ruhig geblieben bin….

      Was den Equal Pay Day angeht, könnten Männer sich eigentlich als Antwort mal einen „Work for Yourself Day“ oder ähnliches ausdenken. Wenn ich mich richtig erinnere, hat hier jemand so etwas schon einmal vorgeschlagen: Den Tag des Jahres zu markieren, von dem an ein durchschnittlicher Mann nicht mehr für andere, sondern für sich selbst arbeitet.

      Man könnte die MANNdat-Zahlen zu Transferleistungen von Männern zu Frauen über öffentliche Kassen zu Grunde legen (http://manndat.de/feministische-mythen/berufsleben/maenner-finanzieren-frauen-profitieren.html) und gegen das Gesamtverdienst gegenrechnen. Außerdem könnten die Konsumausgaben von Männern und die von Frauen verglichen und auf die Gesamteinkünfte berechnet werden.

      Ich würde allerdings nicht jede Steuerleistung als Arbeit für andere verbuchen – wenn wir Steuern zahlen, haben wir schließlich auch selbst etwas davon. Transferleistungen an Ehefrauen sind zudem schwierig abzuschätzen, da sind die Konsumausgaben nur ein Notbehelf. Ausgaben für Kinder sollten allerdings in der Rechnung auftauchen – auch wenn Männer die gern leisten, sind es Leistungen für andere, die sehr wichtig sind und die in feministischen Argumentationen für gewöhnlich ausgeblendet bleiben.

      Ich schätze, bei einem durchschnittlichen Familienvater läge der „Work for Yourself Day“ jedes Jahr weit in der zweiten Jahreshälfte.

      • Bei Christian kam kürzlich der Vorschlag für einen Equal Worktime Day.

        Wenn man rechnet, wie viele reguläre Stunden und Überstunden Männer machen, können diese Mitte September aufhören zu arbeiten und Frauen haben sie erst zu Silvester eingeholt.

        Das fand ich kurz und knackig.

        • Die feministische standardantwort wäre der Hinweis dass Frauen halt wesentlich mehr unbezahlte Arbeit leisten. Damit ist man dann sofort auf einer anderen Ebene, wo es gerade noch um den durchschnittsverdienst ging geht es nun um die gesamtgesellschaftliche Frage wie „Arbeit“ gehandhabt werden soll. Das ist so mühsam in Diskussionen, dieser ständige kontextwechsel.

      • „dass Frauen halt wesentlich mehr unbezahlte Arbeit leisten“

        Gegenüber einer Feministin hilft ja eh nichts, nicht mal die empirische Widerlegung ihrer Behauptungen. (Jede Zeiterfassungsstudie zeigt, dass Männer eher mehr als Frauen unentgeltlich arbeiten.)

        Aber die nicht-Hardcore-Feminusten kann man vielleicht zum skeptischen Schmunzeln.

      • Habe schon vor Jahren diverse Institutionen bzgl. Equal Age Day angeschrieben und immer nur die üblichen Textbausteine als Antwort erhalten. Zermürbend.

  • Was mich (als weissen, heterosexuellen Mann, ja 🙂 ) vor allem daran stört, ist die Rolle der großen Gewerkschaften bei diesem Thema. Verdi, IGM, BGE wiederholen jedes Jahr die Geschichte vom Gender Pay Gap und den >20% – das sind Gewerkschaften, die auch heute, 27 Jahre nach dem Mauerfall, kein Problem damit haben, für ihre eigenen Mitglieder im Osten des Landes weniger Lohn zu verlangen (und das, wohlgemerkt, für nun wirklich die gleiche Arbeit in Vollzeit) als im Westen. Das ist gerade bei uns in Berlin absurd, wo es für das Einkommen entscheidend sein kann, in welchem Stadtviertel ein Unternehmen seinen Sitz hat – und wo gerade der Öffentliche Dienst ganz bewußt seine Hauptsitze in den billigeren Ostteil verlegt hat.

    • @ valdebaran Eine solche Willkür ist bei Gleichstellungspolitik gar nicht zu umgehen, glaube ich. Wir könnten ja ganz unterschiedliche, einander überschneidende Gruppen gleichstellen: Nord- und Süddeutsche, Ost- und Westdeutsche, Protestanten und Katholiken, Christen und andere, 40jährige und 50jährige, Menschen aus Akademikerhaushalten und Menschen aus Arbeiterfamilien etc. Warum sollte sich die Gleichstellung auf Männer und Frauen konzentrieren?

      Es ist offenbar gar nicht möglich, sämtliche Gruppen der Gesellschaft einander gleichzustellen – also muss sich Gleichstellungspolitik auf wenige Gruppen konzentrieren.

      Und auch dort sollen dann keineswegs alle Bereiche gleichgestellt werden. Stundenlohn: ja, aber Überstundenzahl: nein. Aufsichtsratsposten: ja, Grundschullehrkräfte: nein. Führungspositionen im öffentlichen Dienst: ja, Obdachlosenzahlen: nein.

      „Gleichstellung“ ist lediglich ein Codewort dafür, die Position relativ weniger, bereits relativ privilegierter Frauen zu verbessern. Es geht keineswegs darum, tatsächlich Lebensverhältnisse anzugleichen, wenn sie aufgrund von Ungerechtigkeiten ungleich sind.

    • @valdebaran: „vor allem daran stört, ist die Rolle der großen Gewerkschaften bei diesem Thema.“

      Mich auch, bzw. das ist mir eines der größten Rätsel. Ich habe gerade meinen Text über meinen Text über das „Gender Pay Gap“ noch mal erweitert und zitiere hier mal den letzten Absatz der neuen Einleitung:

      „Insgesamt wird deutlich, daß die Skandalisierung des GPG und Kampagnen wie der EPD nur Vorwand sind, die eigenen kommerziellen oder ideologischen Interessen durchzusetzen. Zu den Kuriositäten hierbei gehört, wie die grundsätzlichen Interessengegensätze der Akteure übertüncht werden. Große Teile des GPG-Aktivismus dienen nur den Interessen von „Spitzenfrauen“ bzw. des Elitefeminismus, setzen sich also für mehr soziale Ungleichheit innerhalb der Gruppe der Frauen ein. Dies ist diametral entgegengesetzt zu üblichen Zielen von egalitären Ideologien – feministische Ideologien sind grundsätzlich egalitär – oder von Gewerkschaften. Schwer zu verstehen sind auch häufige Absichtsbekundungen von Gewerkschaften, „Frauenberufe aufzuwerten“ – dies bedeutet im Prinzip, in den Lohntarifen nicht nur Merkmale des Arbeitsplatzes und des Arbeitnehmers, sondern auch die Frauenquote in einem Arbeitsmarktsektor zu einem lohnrelevanten Einflußfaktor zu machen. Wenn also die Frauenquote in einem Arbeitsmarktsektor auf über 50% ansteigt, müssen deswegen die Löhne dort z.B. um 10% erhöht werden und umgekehrt – ein absurdes Prinzip.“

      @Lucas: sieh bitte mal auf Deine „Kontakt, Disclaimer“-Seite.

  • Danke für diesen Beitrag.

    Bezahlung richtet sich für mich nach unterschiedlichen Elementen. Ich übersehe jetzt mal die Billiglöhner, aber für gut bezahlte Jobs brauche ich verschiedenste Fähigkeiten. Nicht nur Sachkenntnis. Ich teile das mal in weiche Skills und harte Skills.

    Weiche Skills: Gute Schulbildung, Ehrgeiz, Karrieredenken, Risikobereitschaft im Job, Bereitschaft zu Überstunden und hohem Einsatz im Job.

    Und Harte Skills: Bereitschaft, Ellenbogen zu nutzen und „über Leichen zu gehen“. Knallharte Gehaltsverhandlungen führen können. In der Lage sein, den „besten“ Kollegen/Kollegin bei einer Beförderung wegzudrängen und trotzdem weiter mit ihm gut arbeiten können.

    Weiche Skills sind einigermaßen geschlechtsneutral. Ich kenne insgesamt allerdings deutlich weniger Frauen als Männer, die bereit sind harte Skills (offen) im Job einzusetzen. Ist das gut? Ist das schlecht? Es ist die Realität in der westlichen Arbeitswelt.

    Ich habe mir schon oft Gedanken gemacht, wie die Welt etwas gleichberechtigter sein könnte. Dann können wir Frauen aber nicht nur fordern, wir müssen auch bereit sein, in unseren „angestammten“ Revieren zurück zu stecken. Das würde nicht allen Frauen gefallen.
    http://stiefmutterblog.com/2015/03/08/liebe-bundesfamilienministerin-schwesig-haetten-sie-jetzt-auch-den-mut-zur-vaeterquote-per-gesetz/

    • „Ich habe mir schon oft Gedanken gemacht, wie die Welt etwas gleichberechtigter sein könnte.“

      Das ist ein regelrechter Volkssport 😉

      Gleichberechtigtung im Sinne von rechtlicher Gleichstellung ist einfach zu überprüfen: es darf keine Gesetze geben, die alleine aufgrund des Geschlechts bevorzugen oder benachteiligen. Da liegt allenfalls zuungunsten von Männern so einiges im Argen.

      Mit „gleichberechtigter“ war vermutlich so etwas wie Verringerung unbegründeter sozialer Ungleichheiten gemeint. Dazu muß man natürlich eine sinnvolle Methode haben, soziale Ungleichheiten zu messen, und die Gründe für die Ungleichheiten verstehen und hinsichtlich ihrer Fairness bewerten. Der EPD ist in dieser Hinsicht eine Desinformationskampagne, weil er ein genaues Verständnis der Statistiken gezielt torpediert.

      Selbst wenn man präzise, gut verstandene Meßmethoden für gruppenbezogene soziale Ungleichheiten unterstellt, führt die Absicht „Verringerung unbegründeter sozialer Ungleichheiten“ zu großen Problemen:

      Was sind die Ursachen der Ungleichheiten? (die Antworten sind durch die Bank spekulativ)

      Wie werden die Ursachen – z.B. mehr Ehrgeiz – moralisch bewertet? (die Antworten sind willkürlich)

      Ideale Bedingungen für Demagogen und Propaganda, Betroffenheit zu konstruieren und namentlich „die Frauen“ aufzuhetzen. Soziale Probleme sind sozial konstruiert, das GPG ist ein besondes krasses Beispiel dafür.

    • @ Susanne Petermann Ich finde die von Ihnen im verlinkten Text vorgeschlagene Väterquote sehr gut. Und das, obwohl ich eigentlich nichts von Quoten halte. Ich bin selbst z.B, schon häufig bei Vorstellungsgesprächen dabei gewesen, und ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn eine Quote (welche auch immer) eingeführt wird, dann wird das nur unter der Bedingung möglich sein, dass in anderen Bereichen – Eignung, Leistungen, spezifische Bedingungen der ausgeschriebenen Stelle – Abstriche gemacht werden. Dass eine Quote nur „bei gleicher Eignung“ greifen würde, ist nach meiner Erfahrung eine sehr theoretische Annahme.

      Trotzdem: Wenn es denn eine Quote für Aufsichtsratsposten geben soll, dann fehlt eine komplementäre Quote in den Familien. Erwartungen an Frauen und an Männer, oder eingespielte Handlungsweisen beider bestehen schließlich nicht unabhängig voneinander, sondern sind aufeinander bezogen und in aller Regel komplementär. Wer die Situation von Frauen ändern möchte, wird das nur dann tun können, wenn er auch die Situation von Männern ändert.

      Eine Väterquote wäre daher tatsächlich das logische Gegenstück zu einer Frauenquote in Aufsichtsräten. Das Argument zöge auch nicht, dass das Wohl von Kindern doch nicht von einer Quote abhängig gemacht werden könne. Schließlich wird über das Wohl von Kindern auch bisher oft nicht nach fachlichen Kriterien, sondern nach Geschlechterklischees entschieden – und ein klassisches Argument für die Quote ist ja gerade, das sie solcher Klischee-Orientierung entgegenwirken solle. Und: Auch das Wohl von Betrieben, in deren Vorstände oder Aufsichtsräte Frauen einrücken sollen, wird ja von Quoten abhängig gemacht, ohne dass das als großes Problem gesehen würde.

      Tatsächlich bin ich weiterhin allen Quoten gegenüber skeptisch – aus den Gründen, die mitm anführt: Sie sind viel zu gut geeignet, um willkürliches staatliches Handeln zu ermöglichen. Aber wenn schon eine Quotenpolitik vertreten wird, dann sollten zumindest die Quoten logisch einigermaßen schlüssig eingeführt werden – und nicht nur beliebig dort, wo sie einer kleinen Klientel gerade helfen.

      Zumindest als Probe, wie ernst es denn Schwesig überhaupt mit der Gleichberechtigung ist, ist der Vorschlag einer Väterquote daher in meinen Augen sehr gut geeignet. Ich nehme aber an, dass sie darauf gar nicht reagiert hat, oder?

  • „“…stellte gerade ohne unnötige Scheu vor faschistoider Sprache fest, dass der „Bereich unter den Artikeln (…) leider oft verseucht“ sei – womit sie wohl meint, dass dort Leser wie ich schreiben würden, die andere Meinungen haben als sie…““

    Ja, man fühlt sich ab und zu so, als hätte man die Beulenpest.

    Ein Aspekt der Lohnunterschiede wird permanent ausgeblendet. Es gibt Frauen, verheiratet oder in fester Beziehung lebend, die mit ihrem Lebenspartner das tradierte Modell des männlichen Versorgers teilweise fortführen – der Mann ist nicht alleiniger Versorger, aber zur Hauptsache der Versorger. Dadurch ist er unter höherem Druck, einen hohen Lohn zu erzielen als die Frau. Was die Frau verdient ist sozusagen Zugabe. Dieses „reformierte tradierte Modell“ habe ich öfters in meinem Bekanntenkreis erkannt.

    Wer durch den Partner finanziell abgesichert ist, der kann es sich leisten, sich bei der Lohnforderung etwas zurück zu halten, was wiederum die Chance einer Anstellung erhöht. Kein Soziologe weit und breit, der solche Aspekte einer genaueren Analyse unterzieht.
    Es wäre nun langsam mal an der Zeit. die „bürgerliche Weiblichkeit“, die sich für progressiv hält, zu dekonstruieren und den Mainstreamfeminismus als das zu entlarven, was er ist: Die Transformation des tradierten Geschlechterverhältnisses in die Postmoderne.

    • „Wer durch den Partner finanziell abgesichert ist, der kann es sich leisten, sich bei der Lohnforderung etwas zurück zu halten, was wiederum die Chance einer Anstellung erhöht. Kein Soziologe weit und breit, der solche Aspekte einer genaueren Analyse unterzieht.“

      Also ich zumindest habe schon diverse Male Attacken von Feministinnen gegen die verhaßte mitverdienende Ehefrau gelesen: weil sie den Lohn nur als Zubrot oder Taschengeld braucht bzw. nur arbeitet, um nicht zuhause zu versauern, verdirbt sie die Preise für die Arbeit. Und zwar speziell bei Tätigkeiten, die nichtmonetäre Vergütungen enthalten (etwas Gutes tun, sein Selbstbild verbessern usw.). Im Extremfall wird komplett auf den monetären Lohn verzichtet, die zahllosen Initiativen, Flüchtlingen zu helfen, sind ein aktuelles Beispiel. Das Phänomen als solches ist Allgemeinwissen, der genaue Umfang der dadurch verursachten Lohnsenkung dürfte schwer zu ermitteln sein.

      Markttechnisch gesehen führen alle Mitverdiener (in Zukunft sicher auch mehr Männer als bisher) zu einem hohen Angebot an Arbeitnehmern mit einem sehr niedrigen Reservationslohn, der noch nicht einmal das Existenzminimum von Selbstversorgern erreichen muß.

  • Arne Hoffmann veröffentlichte bereits einen Leserbeitrag, der darauf verweist, dass der blaue Kopfhörer ebensoviel kostet wie der rosafarbene. Schwarze sind wahrscheinlich deswegen günstiger, weil sie in größerer Stückzahl gefertigt werden.

    Ein anderer Punkt von Irrsinn auf den ich jüngst stieß ist die britische Tamponsteuer. Während Rasierklingen in Großbritannien mehrwertsteuerfrei sind, werden Tampons mit 5 % MWST belastet. Eine Folge des britischen EU-Beitritts 1970, nach dem Hygieneartikel mehrwertsteuerfrei waren. Zu dieser Zeit waren Tampons aber gerade erst auf dem Markt angekommen, wurden also kaum verwendet. Heute, nachdem die Beitrittsregel unverändert blieben, eine hübsche Steuereinnahme, die man, wie so viele Bagatellsteuern nur abschafft, wenn sie strittig werden. Jedenfalls war diese steuerliche Last keine patriarchale Verschwörung, wie dies britische Feministen derzeit behaupten. Jedenfalls hat Cameron auf dem Flüchtlingsgipfel die Gelegenheit wahrgenommen und die Tamponsteuer gekippt.

    Mal sehen, wann hierzulande die ersten Feministinnen vor den Drogeriemärkten für die Mehrwertsteuerfreiheit von Damenbinden und Tampons demonstrieren werden. Ich wette drauf, dass die Mannsbilder es im Gegenzug nicht schaffen werden, für steuerfreie Rasierklingen zu demonstrieren.

    Ein anderer Punkt ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen, dass in Berufsfeldern, die zunehmend von Frauen ausgeübt werden, die Gehälter stagnieren. Dies liegt meines Erachtens aber daran, dass Frauen untereinander, was ihre Arbeit angeht, selten solidarisch sind. Da scheint für viele Arbeit eher ein Faktor der Selbstverwirklichung als ein Broterwerb zu sein, weswegen wohl auch weniger Frauen gewerkschaftlich organisiert sind als Männer. Wobei der Organisationsgrad insgesamt hierzulande erschreckend niedrig ist, was mit ein Grund dafür ist, dass die Einkommen bei steigender Produktivitätsrate real gesunken sind.

    Ach ja, selbst Emma hatte dieses Jahr zur geschlechtlichen Lohnlücke nichts zu sagen.

    • @ Matthias Mala Das Sinken des Reallohns ist möglicherweise eben das Problem, von dem mit dem Gerede vom „Gender Pay Gap“ abgelenkt wird. Daher auch das Beispiel „Burundi“ im Text: Auch, sogar GERADE ein Land, das weitgehend verelendet ist, kann im Hinblick auf Gendergerechtigkeit bei den Löhnen vorbildlich dastehen.

      Das Aufrechnen und Gegeneinanderrechnen von Frauen und Männern lenkt davon ab, dass in den meisten Fällen beide ohnehin auf die Kooperation miteinander angewiesen sind – und dass ihre Spielräume dafür durch die Senkung ihrer realen Kaufkraft sinken. Gemeinsam sinken. Auch hier greift die alte Einsicht, dass feministische Politik eine Politik für eine sehr kleine, privilegierte Schicht ist.

      Es ist nur schade, dass gerade linke Parteien dabei so blind und begeistert mitmachen.

  • „Kurz: Männer verdienen auch deswegen mehr, weil es für sie weiterhin selbstverständlicher ist, nicht nur sich allein finanzieren zu müssen – sondern auch Partnerin und Kinder.“

    Dahinter muss wohl eine geheime Übereinkunft stecken, denn mit dieser Kennzahl lässt sich kein Einkommen berechnen und verhandeln.

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