Der Pöbler und die Menschenrechte

Sehr geehrter Herr Hurtz,

unter dem Titel Pöbeln für die Männlichkeit schreiben Sie in der Süddeutschen Zeitung über Menschen, die spezifische Nachteile von Männern und Jungen ansprechen. Da ich das auch öfter einmal mache, da ich aber auch davon überzeugt bin, weder zu pöbeln, noch allein für Männlichkeit einzutreten – und da es zudem bei der Süddeutschen Zeitung keine Möglichkeit der Gegenrede gibt – antworte ich Ihnen einfach einmal in einem Brief.

Sie beginnen Ihren Text mit einem Mann, der die Gesellschaft für „verweichlicht und verweiblicht“ hält, der glaubt, dass er „nirgendwo mehr richtig Mann sein“ dürfe. Er fühlt sich als Opfer einer feministischen Diktatur, redet von „Geschlitzten“ und meint damit Frauen und sagt dann gar:

„’Diese Kampflesben hassen alles, was maskulin ist (…) Echte Kerle mit harten Muskeln und harten Schwänzen. Dabei gehören die doch einfach nur mal richtig durchgefickt.’“

Spätestens bei dieser Passage hatte ich dann Zweifel daran, dass dieser Herr Stahl – nach Ihren Angaben ein von ihm selbst gewähltes Pseudonym – eine reale Person ist. Ein Mann, der im weitesten Sinne politische Interessen hat, der dann auch die unerwartete Gelegenheit erhält, einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung seine Position darzustellen – und der dann lediglich von seiner Fantasie berichtet, feministische Frauen würden harte Schwänze hassen und gehörten durchgefickt? Im Ernst?

Zudem findet sich in Ihrem Text überhaupt kein überprüfbarer Hinweis auf die Existenz dieses Mannes. Seine Twitter-Konten würden regelmäßig gesperrt, er lese ansonsten zwar im Netz mit, bleibe aber passiv. Er fahre überdies einen schwarzen Audi mit Starnberger Kennzeichen – also in einer sehr privilegierten Gegend – mit, natürlich, einem frauenfeindlichen Aufkleber.

lächeln

Dieses freundliche Lächeln könnte selbstverständlich täuschen. Gut möglich, dass dieser junge Mann eigentlich ganz ähnliche Gedanken wie der Herr Stahl hegt. Denn der ist ja schon repräsentativ, irgendwie. Sagt Herr Hurtz.

Dass es einerseits für Ihre Leser überhaupt keinen nachvollziehbaren Hinweis auf seine Existenz gibt – dass er andererseits eine Klischee-Sammlung des grundlos wütenden, nämlich eigentlich privilegierten Mannes ist, der Frauenfeindlichkeit propagiert und behauptet, ihm ginge es dabei um Gerechtigkeit, und der natürlich eigentlich pathologische Probleme mit seiner eigenen Männlichkeit hat: Das lässt ihn wie eine Kunstfigur wirken.

Möglicherweise tut Ihnen das Unrecht, und vermutlich gibt es tatsächlich Menschen wie Herrn Stahl. Gleichwohl verstehe ich nicht, warum eine solch offenkundig extreme, in mehrfacher Hinsicht fragwürdige, auch kranke Figur ihren Text rahmt, ihn beginnt und beendet – so dass alles andere auf Ihren Herrn Stahl hin perspektiviert ist.

Gegenfigur in Ihrem Text ist der zweifellos reale Arne Hoffmann, der im Unterschied zum Herrn Stahl tatsächlich ein zentraler Akteur im Netz ist und auf dessen Blog Genderama sich  Beiträge zu Geschlechterdebatten bündeln, die unter anderem auf spezifische Sorgen von Männern und Jungen hinweisen. Weiterlesen

Die Ermordung eines Männerrechtlers – und was man daraus lernen kann

Ein Kommentar zur Bones-Folge The Murder of the Meninist

In den USA sind Männerrechtler mittlerweile immerhin so wichtig, dass es sich lohnt, sie zur besten Sendezeit zu ermorden. In der Folge The Murder of the Meninist der in den USA gerade laufenden elften Staffel der Krimiserie Bones wird einer von ihnen als verbrannte Leiche in einem Auto gefunden – und seine Gruppe, die fiktive Männerrechtsorganisation Men Now, wird ausführlich vorgestellt.

Arne Hoffmann kommentiert allerdings, die Serie lege

„Männerrechtlern Sätze in den Mund, die ich in den fast 20 Jahren, in denen ich bei diesem Thema aktiv sind, noch von keinem einzigen Männerrechtler (von welchem radikalen Flügel auch immer) habe sagen hören“  

Tatsächlich sind Männerrechtler in der Folge stumpf frauenfeindlich, auf die Unterordnung der Frau und auf die Wiederherstellung ihrer immer irgendwie angegriffenen männlichen Würde bedacht – ganz so, als ob die Produzenten ausgerechnet den MRA-feindlichen Soziologen Michael Kimmel („Angry White Men“) als wissenschaftlichen Berater engagiert hätten.

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Die Darstellung von Männerrechtlern in der Fernsehserie Bones ist durchaus nicht frei von Polemik. Trotzdem lohnt es sich, die Folge The Murder of the Meninist anzuschauen.

Trotzdem habe ich die Folge gesehen – und finde, dass es sich sehr gelohnt hat. Weiterlesen

Was hat das „Bundesforum Männer“ eigentlich gegen Männer?

Der Kommentator Fiete berichtet von einer unheimlichen Begegnung mit Martin Rosowski, Vorsitzender des Bundesforum Männer und Geschäftsführer der Evangelischen Männerarbeit. Es habe vor wenigen Jahren bei der Papaliste humoristisch auf ein „Werbeposting“ von Hans-Georg Nelles reagiert, mit dem dieser sich unter anderem auf die Mitgliedschaft im Bundesforum Männer bezogen habe. Statt einer Antwort sei er von Martin Rosowski persönlich angeschrieben worden, „und zwar auf einem Niveau weit unterhalb der Rasenkante“.

Er habe darauf geantwortet und einen Austausch auf der Liste angeboten. Die Antwort sei eine Mail gewesen, deren „Tenor, Orthografie und Wortwahl“ Fiete so zusammenfasst: „Ha!! Typ!!! Jetz hab ich dich!!!“

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So sieht ein Mann aus, wenn er nicht die gendersensiblen Selbstreflexionen nutzt, die das Bundesforum Männer selbstlos anbietet (realistische Darstellung).

Was dann geschah, bewegt sich nach dieser Darstellung irgendwo zwischen Posse, Schulhofmobbing und Politskandal. Fiete erzählt weiter:

„Direkt danach fand ich mich im Verteiler des BuFoMä wieder, in den Rosowski mich und meine erste Antwort an ihn (nicht jedoch sein Anschreiben) hineinkopiert hatte.
Inhaltlich beschwerte er sich darüber, daß ich ihn angebl. angeschrieben und das BuFoMä “gestalkt” hätte, was glatt gelogen war. Desweiteren verlangte er eine strafbewehrte Unterlassungserklärung/ Entschuldigung und drohte offen mit seiner Juristentruppe.
Während ich noch leicht Baff war, kamen dann auch schon die ersten “Antwort”-Mails von BuFoMä-Members herein, am auffälligsten die ausgerechnet von Dr. Winter (formeller Oberdruide des VAfK-BuVo derzeit), in denen sich “das Stalking” verbeten und sich, kaum verhohlen, Rosowski’s Drohung angeschlossen wurde.
Es blieb mir also gar nichts anderes überig, als den Spieß umzudrehen, was dank Rosowski’s überhastetem Anfall auch recht einfach war.
Ich fragte also in Rosowskis Liste nach ob das üblich wäre, daß der große Vorsitzende Menschen in deren Verteiler kopiert und geklaute, verstümmelte Threads zum Zwecke der aggressiven Verunglimpfung instrumentiert. Gleichzeitig antwortete ich denen, die mich persönlich anschrieben, daß ich mich ausdrücklich und fremdschämend für das ungebührliche Verhalten des BoFoMä-Bosses bei ihnen entschuldige, nicht Urheber dieser Unannehmlichkeiten bin (sondern eben Rosowski selbst), daß jener offenbar ein extrem intrigantes Manöver fährt und, daß sie von mir nichts, zumindest nichts derart dämliches, zu befürchten hätten.
Allerdings konnte ich es mir nicht verkneifen, die dazugehörigen Mails (Nelles’, Rosowski’s und meine) mal chronologisch und vollständig untereinander und in den Thread hineinzukopieren (honi soit qui mal y pense ).
Von der BuFoMä-Liste (also querbeet von Winter bis zum Frauenrat) kam daraufhin – exakt gar nix mehr.
Von Rosowski noch genau eine Mail, in der er zerknirscht versuchte sich durch unklare Hintertürchen vom Acker zu schwurbeln (irgendwo müsse da wohl ein Versehen vorgelegen haben, oder so ähnlich ….).
Das gab ich dann inhaltlich (logischerweise nicht als exakte Kopie) an die Papa-Liste weiter, ließ Gnade vor Recht ergehen, und bot ausdrücklich noch mal einen offenen und ehrlichen Austausch auf Augenhöhe an, was dazu führte, daß in den nächsten Tagen und Wochen immer mal ein paar Anfragen kamen, ob “der Martin” denn mal aus’m Quark gekommen wäre.
War er natürlich nicht….“

Warum eigentlich diskreditiert der eigentlich für Männeranliegen zuständige Vorsitzende und Geschäftsführer offenbar andere Männer mit Hilfe von zweifelhaften oder irreführenden Informationen – im Versuch, Männern, die andere Ansichten haben als er, die offene Meinungsäußerung schwer zu machen?

Über die Persönlichkeit Rosowskis zu spekulieren, trägt dabei wenig aus. Interessanter ist es schon, wie sich Rosowski und andere aus dem Bundesforum Männer solch ein Vorgehen legitimieren und rationalisieren – welche Vorstellungen sie von Männern und von ihren spezifischen Interessen haben.

Ich habe mir, um diese Frage beantworten zu können, einen Text vom Bundesforum angeschaut – einen Kommentar Rosowskis zu einem Vortrag Michael Kimmels („Angry White Men“), der im Sommer 2014 unter anderem vom Bundesforum Männer in die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladen worden war. Weiterlesen

Woher kommt eigentlich dieser Hass?

Ein Brief an die Evangelische Kirche in Deutschland

„Er ist sozusagen eine Kerze als Licht der (oder meiner) Erkenntnis, dass ich der Kirche sende. Eine Kerze kann man leicht ausblasen, 500 Kerzen können aber ein Haus in ein anderes Licht rücken und neue Erkenntnisse bringen. 500 Kerzen zu löschen dauert länger wie 1…“

Das schreibt der Blogger Kai Vogelpohl über seinen offenen Brief, den er an die Evangelische Kirche in Deutschland geschrieben hat. Anlass ist das kaum glaubliche Verhalten des Vorsitzenden der Männerarbeit in dieser Kirche, Martin Rosowski, der zugleich Vorsitzender des Bundesforum Männer im Familienministerium ist. In dieser Funktion hatte Rosowski offenbar versucht, mit erheblichen, ehrverletzenden und politisch schwerwiegenden Unterstellungen den Veranstaltern und Teilnehmern des Gender-Kongresses in Nürnberg zu schaden oder gar den Kongress unmöglich zu machen.

Da ich ja gerade ohnehin damit beschäftigt bin, offene Briefe zu schreiben, dachte ich mir, dass ich zu Kais Brief einfach noch ein weiteres Licht dazustelle. Hier ist es:

 

Sehr geehrte Herren, sehr geehrte Damen,

ich bin Vater eines Jungen, der ungefähr vierhundertfünfzig Kilometer von mir entfernt bei seiner Mutter lebt. Ich besuche unseren Jungen seit Jahren regelmäßig mindestens alle zwei Wochen und habe uns beiden zu diesem Zweck an seinem Wohnort eine kleine Zweitwohnung genommen. Etwa siebenhundert Euro bringe ich im Monat für die Fahrten, die Wohnung und die Umgangskosten auf, zusätzlich zum Unterhalt natürlich – ich finanziere damit regelmäßig eine Situation, die ich so nie gewollt habe.

Warum die Mutter sich bald nach seiner Geburt und nach meiner Elternzeit von mir getrennt hat, habe ich von ihr nie erfahren, und auch nicht, warum sie den Kontakt zwischen mir und unserem Sohn erheblich erschwert. Die Frage, wo er – in seinem Interesse –  nach der Trennung leben sollte, bei der Mutter oder beim Vater, konnte angesichts der deutschen Gesetzgebung ohnehin niemals gestellt werden.

Ich bin seit einigen Jahren Mitglied im Väteraufbruch für Kinder, weil ich davon überzeugt bin, dass die politischen Probleme des deutschen Kindschaftsrechts im Interesse der Kinder auch als politische Probleme angesprochen werden müssen, anstatt sie in den Beziehungen der Eltern auszutragen. Aus demselben Grund habe ich auch das Blog gegründet, auf dem ich den Brief an Sie veröffentliche.

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„Eine Kerze kann man leicht ausblasen, 500 Kerzen können aber ein Haus in ein anderes Licht rücken und neue Erkenntnisse bringen.“

Vor einigen Tagen habe ich einen offenen Brief des Bloggers Kai Vogelpohl an Sie gelesen, der sich auf einen Vorgang bezieht, den ich zunächst kaum glauben konnte. Im unrühmlichen Mittelpunkt steht dabei ein Vertreter Ihrer Kirche, nämlich der Vorsitzende der evangelischen Männerarbeit, Martin Rosowski. Der wiederum konnte mit seiner Kirchenfunktion auch zugleich Vorsitzender des Bundesforum Männer im Familienministerium werden, das die taz als „Dachverband der profeministischen Männerprojekte“ vorstellt.

Als dieser Vorsitzende hat Rosowski – sehr rüde, wie es scheint – nun gegen eine Veranstaltung ausgetreten, die nicht eindeutig profeministisch war. Der Deutsche Gender-Kongress, der im vergangenen November in Nürnberg stattfand, stellte unter anderem folgende Fragen:

Brauchen Mädchen und Jungen eine unterschiedliche Förderung? Wie lässt sich nach Trennungen der Eltern der Kontaktabbruch eines Elternteils – in der Regel des Vaters – zum Kind verhindern? Wie können Eltern auch nach einer Trennung die gemeinsame Erziehungsverantwortung gestalten? Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Gesundheitsprävention – oder bei der Strafzumessung von Gerichten?

Beteiligt waren unter anderem der Väteraufbruch für Kinder, der seinerseits Mitglied im Bundesforum Männer ist, oder der Verein Gleichmaß e.V., der einen Sonderberaterstatus bei der UN hat.

Doch schon im Vorfeld stand der Kongress vor erheblichen Schwierigkeiten. Mehrere Politiker, die Grußworte zugesagt hatten, zogen diese Zusagen plötzlich wieder zurück – ebenso, offenbar nach Cybermobbing-Attacken, der Betreiber der Gaststätte, die Veranstaltungsort sein sollte.

Nachdem der Kongress dann aber an anderer Stelle stattgefunden hatte, wurde bekannt, dass Martin Rosowski per Mail an mindestens einen Politiker geschrieben hatte, der auf dem Kongress ein Grußwort sprechen sollte. Ausdrücklich in seiner Funktion als Vorsitzender des Bundesforum Männer unterstellt Rosowski dabei, dass der Kongress „radikalen Aktivisten“ ein Forum für Frauenfeindlichkeit biete, äußert offen die unbegründete Vermutung, dass angekündigte Grußworte anderer Politiker ein Fake seien, und stellt beleglos Verbindungen zwischen den Veranstaltern, Teilnehmern und Rechtsextremen in den Raum.

Rosowksi suggerierte also, wer an dem Kongress teilnehme, würde sich mit rechtsradikalen Aktivisten gemein machen, und versuchte so ganz offenkundig, einen Politiker – hier einen der Partie Die Linke – vom Grußwort an dem Kongress abzubringen. Dass er in dieser Weise auch Vertreter anderer Parteien angeschrieben hat, steht zu vermuten.

Mittlerweile muss er sich mit mehreren Strafanzeigen wegen Verleumdung auseinandersetzen. Die juristische Tragweite kann ich nicht beurteilen – es fällt mit aber eine seltsame politische Implikation auf. Der Bufo-Vorsitzende versucht, Vertreter demokratischer Parteien vom Besuch des Kongresses mit einem Hinweis auf dessen angeblichen Rechtsradikalismus abzuhalten – und kann zugleich die Nähe zum Rechtsradikalismus mit der Unterstellung konstruieren, dass demokratische Politiker dort gar nicht teilnähmen. Das ist ein in sich geschlossenes Ressentiment, das sich völlig unabhängig von den tatsächlichen demokratischen Orientierungen des Kongresses selbst bestätigt.

Wie kann es eigentlich sein, dass ein Kirchenvertreter sich so heimtückisch schädigend verhält gegenüber Menschen, die vielleicht nicht seiner politischen Meinung sind – die aber doch immerhin versuchen, im Interesse vieler gewichtige soziale Probleme offen anzusprechen, und die dafür eine erhebliche Arbeit auf sich nehmen?

Und wie kann es sein, dass so etwas in Ihrer Kirche so selbstverständlich möglich ist? Weiterlesen

Jedes Kind ist wertvoll – Eine Antwort an die Hilfsorganisation Plan International

Auf den offenen Brief, den ich an die Hilfsorganisation PLAN geschrieben hatte, habe ich nun doch noch eine Antwort bekommen. Ich hatte die Hilfsorganisation danach gefragt, warum auf ihrer großen und weithin präsenten Werbeaktion Gewalt gegen Mädchen, aber nicht Gewalt gegen Kinder generell abgelehnt werde. Denn dadurch würde Gewalt gegen Jungen als weniger schlimm, vielleicht gar als ganz in Ordnung erscheinen.

Nun hat bei Facebook, wo ich den Brief gepostet hatte, „dein Team von Plan“ geantwortet.

Lieber Man tau – Lucas Schoppe,
es tut uns leid, dass wir bis jetzt noch nicht auf deinen Beitrag auf unserer Seite reagiert haben, es muss uns versehentlich im Tagesgeschäft durchgerutscht sein.
Wir setzen uns für die Kinderrechte und die Gleichberechtigung von Mädchen UND Jungen ein. Das heißt, wir fördern Mädchen und Jungen gleichermaßen, berücksichtigen aber auch geschlechtsspezifische Benachteiligungen. Natürlich leiden auch Jungen unter Kinderrechtsverletzungen. Auch ihnen wiederfährt Gewalt, sie werden ausgebeutet oder misshandelt – das wissen wir als Kinderhilfsorganisation aus unserer Arbeit vor Ort. Mit unserer Kampagne „Gewalt gegen Mädchen stoppen“ wollen wir die Aufmerksamkeit aber speziell auf den Umstand lenken, dass Mädchen vor allem in Entwicklungsländern noch immer als Menschen zweiter Klasse gelten und dass sie deshalb im Verhältnis oft noch schlechter behandelt werden als Jungen. Das bedeutet nicht, dass wir die Kinderrechtsverletzungen, die Jungen widerfahren, kleinreden oder gar ignorieren wollen. Das bedeutet auch nicht, dass wir Jungen nicht helfen.
Im Gegenteil: Unsere Erfahrung ist, dass man geschlechtsspezifische Benachteiligungen abbauen und Gleichberechtigung nur fördern kann, wenn man beide Geschlechter in die Arbeit mit einbezieht. In unseren Partnerländern arbeiten wir deshalb auch immer mit Jungen und Männern. Unter folgendem Link erfährst du mehr zu unserem Arbeitsansatz: https://www.plan.de/wie-wir-arbeiten/gleichberechtigung-foerdern.html
Viele Grüße,

Welchen Sinn aber hat es eigentlich, so fragte ich mich beim Lesen der Antwort wieder einmal, abzuwägen, ob nun Jungen oder Mädchen mehr leiden? Dass „Mädchen vor allem in Entwicklungsländern noch immer als Menschen zweiter Klasse gelten und dass sie deshalb im Verhältnis oft noch schlechter behandelt werden als Jungen“, kann eigentlich nur jemand behaupten, der die Situation von Kindern selektiv wahrnimmt.

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Es ist durchaus möglich, dass Hilfsorganisationen um Spenden für KINDER bitten, nicht allein für Mädchen. Warum macht Plan International das nicht ebenso?

Denn dass etwa Jungen sehr viel häufiger als Mädchen als Kindersoldaten missbraucht werden und dass sie deutlich häufiger in der Kinderarbeit ausgebeutet werden als Mädchen, spielt für PLAN International hier keine Rolle. Laut der hier verlinkten Bundeszentrale für politische Bildung ist gar der

„Rückgang der Kinderarbeit in den Jahren 2004 bis 2008 (…) ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Mädchen unter den 5- bis 17-jährigen Kinderarbeitern von 102,7 auf 87,5 Mio. sank.“ 

Wenn überhaupt jemand zwischen der Hilfe für männliche und der Hilfe für weibliche Kinder unterscheiden wollte, gäbe es also offenbar Gründe, die Hilfe auch einmal auf Jungen zu konzentrieren.

In meinen Augen ist es allerdings deplatziert, die Verantwortung Erwachsener für Kinder anhand der Geschlechtszugehörigkeiten aufzuteilen und unterschiedlich zu bemessen. Erwachsene, Männer ebenso wie Frauen, haben Kindern gegenüber Verantwortung, gegenüber Jungen ebenso wie gegenüber Mädchen. Das reicht. Warum also PLAN seine Hilfe so beflissen und grundsätzlich zwischen den Geschlechtern aufteilt, wird auch nach dem Statement nicht deutlich.

Immerhin erkennt die Organisation an, was ohnehin nicht zu leugnen ist – dass auch Jungen „ausgebeutet oder misshandelt“ werden. Die Feststellung, dass PLAN „auch immer mit Jungen und Männern“ arbeitet, steht hier allerdings nicht im Zusammenhang mit einer Hilfe für Kinder in Not, sondern mit dem Abbau „geschlechtsspezifischer(r) Benachteiligungen“.

So wirft die Antwort also mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Ich bin daher vor meiner Rückantwort an PLAN International einmal dem Link gefolgt, mit dem die Antwort endet, und habe mir dort einige Materialien durchgelesen – unter anderem ein fast dreihundert Seiten starkes Trainingshandbuch für die Arbeit von PLAN International mit Jungen. Weiterlesen