Geschlechterkampf Gewalt

Jedes Kind ist wertvoll – Eine Antwort an die Hilfsorganisation Plan International

Zeigt Werbekampagne Plan International
geschrieben von: Lucas Schoppe

Auf den offenen Brief, den ich an die Hilfsorganisation PLAN geschrieben hatte, habe ich nun doch noch eine Antwort bekommen. Ich hatte die Hilfsorganisation danach gefragt, warum auf ihrer großen und weithin präsenten Werbeaktion Gewalt gegen Mädchen, aber nicht Gewalt gegen Kinder generell abgelehnt werde. Denn dadurch würde Gewalt gegen Jungen als weniger schlimm, vielleicht gar als ganz in Ordnung erscheinen.

Nun hat bei Facebook, wo ich den Brief gepostet hatte, „dein Team von Plan“ geantwortet.

Lieber Man tau – Lucas Schoppe,
es tut uns leid, dass wir bis jetzt noch nicht auf deinen Beitrag auf unserer Seite reagiert haben, es muss uns versehentlich im Tagesgeschäft durchgerutscht sein.
Wir setzen uns für die Kinderrechte und die Gleichberechtigung von Mädchen UND Jungen ein. Das heißt, wir fördern Mädchen und Jungen gleichermaßen, berücksichtigen aber auch geschlechtsspezifische Benachteiligungen. Natürlich leiden auch Jungen unter Kinderrechtsverletzungen. Auch ihnen wiederfährt Gewalt, sie werden ausgebeutet oder misshandelt – das wissen wir als Kinderhilfsorganisation aus unserer Arbeit vor Ort. Mit unserer Kampagne „Gewalt gegen Mädchen stoppen“ wollen wir die Aufmerksamkeit aber speziell auf den Umstand lenken, dass Mädchen vor allem in Entwicklungsländern noch immer als Menschen zweiter Klasse gelten und dass sie deshalb im Verhältnis oft noch schlechter behandelt werden als Jungen. Das bedeutet nicht, dass wir die Kinderrechtsverletzungen, die Jungen widerfahren, kleinreden oder gar ignorieren wollen. Das bedeutet auch nicht, dass wir Jungen nicht helfen.
Im Gegenteil: Unsere Erfahrung ist, dass man geschlechtsspezifische Benachteiligungen abbauen und Gleichberechtigung nur fördern kann, wenn man beide Geschlechter in die Arbeit mit einbezieht. In unseren Partnerländern arbeiten wir deshalb auch immer mit Jungen und Männern. Unter folgendem Link erfährst du mehr zu unserem Arbeitsansatz: https://www.plan.de/wie-wir-arbeiten/gleichberechtigung-foerdern.html
Viele Grüße,

Welchen Sinn aber hat es eigentlich, so fragte ich mich beim Lesen der Antwort wieder einmal, abzuwägen, ob nun Jungen oder Mädchen mehr leiden? Dass „Mädchen vor allem in Entwicklungsländern noch immer als Menschen zweiter Klasse gelten und dass sie deshalb im Verhältnis oft noch schlechter behandelt werden als Jungen“, kann eigentlich nur jemand behaupten, der die Situation von Kindern selektiv wahrnimmt.

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Denn dass etwa Jungen sehr viel häufiger als Mädchen als Kindersoldaten missbraucht werden und dass sie deutlich häufiger in der Kinderarbeit ausgebeutet werden als Mädchen, spielt für PLAN International hier keine Rolle. Laut der hier verlinkten Bundeszentrale für politische Bildung ist gar der

„Rückgang der Kinderarbeit in den Jahren 2004 bis 2008 (…) ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Mädchen unter den 5- bis 17-jährigen Kinderarbeitern von 102,7 auf 87,5 Mio. sank.“ 

Wenn überhaupt jemand zwischen der Hilfe für männliche und der Hilfe für weibliche Kinder unterscheiden wollte, gäbe es also offenbar Gründe, die Hilfe auch einmal auf Jungen zu konzentrieren.

In meinen Augen ist es allerdings deplatziert, die Verantwortung Erwachsener für Kinder anhand der Geschlechtszugehörigkeiten aufzuteilen und unterschiedlich zu bemessen. Erwachsene, Männer ebenso wie Frauen, haben Kindern gegenüber Verantwortung, gegenüber Jungen ebenso wie gegenüber Mädchen. Das reicht. Warum also PLAN seine Hilfe so beflissen und grundsätzlich zwischen den Geschlechtern aufteilt, wird auch nach dem Statement nicht deutlich.

Immerhin erkennt die Organisation an, was ohnehin nicht zu leugnen ist – dass auch Jungen „ausgebeutet oder misshandelt“ werden. Die Feststellung, dass PLAN „auch immer mit Jungen und Männern“ arbeitet, steht hier allerdings nicht im Zusammenhang mit einer Hilfe für Kinder in Not, sondern mit dem Abbau „geschlechtsspezifischer(r) Benachteiligungen“.

So wirft die Antwort also mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Ich bin daher vor meiner Rückantwort an PLAN International einmal dem Link gefolgt, mit dem die Antwort endet, und habe mir dort einige Materialien durchgelesen – unter anderem ein fast dreihundert Seiten starkes Trainingshandbuch für die Arbeit von PLAN International mit Jungen.

 

„Und was ist mit den Jungs?“ Ja, was eigentlich?

„Starke Jungen für Gleichberechtigung“ ist jedoch zunächst einmal der Titel des kürzeren Abschlussberichts eines Projekts, das PLAN in El Salvador, Guatemala und Honduras durchgeführt hat.  Dort wurden Jungen

„ermutigt, ihre alltäglichen Verhaltensweisen zu hinterfragen und ihre Einstellung zu Frauen, zu Sexualität sowie den Zusammenhang zwischen Gewalt und Männlichkeit kritisch zu reflektieren.“

Nach den Workshops hätten die Jungen „als Botschafter für ein anderes Männerbild und die Gleichberechtigung der Geschlechter“ weiter wirken wollen.

In einem anderen Bericht stellt PLAN allerdings fest:

„Forderungen nach mehr Gleichberechtigung für Mädchen und Frauen wecken jedoch auch Ängste. Einige der Männer, die für die diesjährige Langzeitstudie interviewt wurden, waren besorgt, dass ihre Söhne durch die Stärkung der Rechte der Frauen ins Hintertreffen geraten könnten“.

Diese Ängste hätten allerdings abgebaut werden können – ein Vater wird mit dem Satz zitiert:

„Es ist großartig, wenn eine Nation den wahren Wert einer Frau versteht. Die Entwicklung des Landes wird dadurch unterstützt.“ (Seite 3-4)

Der Bericht trägt den Titel „Because I am a Girl. Die Situation der Mädchen in der Welt 2011. Und was ist mit den Jungs?“ Das Engagement für Jungen ist also Teil eines Engagements für Mädchen – und die Arbeit mit Jungen erscheint deshalb als notwendig, weil eine „Stärkung der Rechte der Frauen“ nur möglich ist, wenn sich auch Jungen und Männer dafür engagieren. So also ist es zu verstehen, wenn PLAN schreibt,

„dass man geschlechtsspezifische Benachteiligungen abbauen und Gleichberechtigung nur fördern kann, wenn man beide Geschlechter in die Arbeit mit einbezieht.“

Nun ist es selbstverständlich völlig legitim, wenn eine Hilfsorganisation Frauenrechte verletzt sieht und sie fördern möchte. Nur geht es dabei eben nicht um Hilfe für Jungen – die Arbeit mit Jungen ist hier wichtig als Mittel zum Zweck, um die Situation von Frauen und Mädchen zu verbessern. Zwar gibt ein Mann in dem eben zitierten Bericht an, dass sich durch die Arbeit Beziehungen verbessert hätten und Männer und Frauen sich nun besser verstünden (S. 4) – aber das ist nicht nur eine nicht weiter belegte Einzelmeinung, sondern offenkundig auch eher ein Nebeneffekt der Arbeit.

Die Texte, die PLAN verlinkt, machen deutlich: Dass Jungen ausgelassen werden, wenn die Organisation mit großem Werbeaufwand Gewalt gegen Mädchen verurteilt, ist nicht einfach unglücklich formuliert, es ist auch kein Resultat einer unbedachten oder zynischen Spekulation darauf, dass Mädchen werbetechnisch möglicherweise anziehender sind als Jungen – es ist Programm.

 

Die „hegemoniale Männlichkeit“ von Jungen in der Kinderarbeit

Das Handbuch „Manual for facilitators ‘Changing the World’” operiert wesentlich mit einer simplen Gegenüberstellung: Hegemoniale Männlichkeit vs. Geschlechtergerechtigkeit (hegemonic masculinity vs. gender equality) (Modul Being Young, S. 13 – insgesamt S. 95) [Anmerkung: Da das Handbuch in verschiedene Module eingeteilt ist und mit jedem Modul die Seitenzählung neu beginnt, gebe ich im Folgenden immer zwei Seitenzahlen an: Die des Moduls und die des Gesamttextes. Es tut mit leid, wenn das den Lesefluss stört – es erleichtert aber die Überprüfung der Zitate.]

Die „Gesellschaft, in der wir leben“ (the society we live in) wird – als ob es eine übergreifende Weltgesellschaft wäre – als patriarchal dargestellt (Being Young S, 8, insg. S. 90). Sie sei geprägt von Glaubenssystemen, die von den Mächtigen geschaffen worden seien – negativen Stereotypen, die Männer- und Frauenrollen einschränken würden (belief systems that were created by those who have the power – negative stereotypes that limit men and women’s roles, Being Young S. 10, insg. S. 92).

Wenn also PLAN in seinem Bericht „Und was ist mit den Jungs?“ an einer Stelle immerhin kurz zugesteht, dass auf „Männern ein großer Druck, Arbeit zu finden und ihre Familie zu ernähren“, laste (S. 8) – dann erklärt das die Organisation nicht mit pragmatischen Zwängen, mit der Armut von Familien und dem Zwang ihrer Versorgung unter sehr widrigen Bedingungen. Sie erklärt es mit dem Einfluss von Geschlechterstereotypen, deren Zweck in der Sicherung von Herrschaft bestünde.

Männer und Jungen wiederum sind aus dieser Perspektive nicht Opfer politischer oder ökonomischer Strukturen – sondern sie sind Beteiligte an einer Herrschaft, die in ihrer Konsequenz nur eben in manchen Aspekten auch für die Herrscher selbst negative Konsequenzen habe.

„Safe Spaces“ (Handbuch, S. 13), die in der Arbeit mit Jungen geschaffen werden, haben daher auch nicht den Sinn, ökonomischen Druck von ihnen zu nehmen und ihren Alltag zu entlasten – sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, sich von Männlichkeitsvorstellungen zu distanzieren, die sie als selbstverständlich empfinden.

Insgesamt verfehlt das die Situation von Jungen in der Kinderarbeit ebenso wie etwa die Situation der durchgehend männlichen Wanderarbeiter auf den WM-Baustellen, die in Katar unter mörderischen Bedingungen die Stadien fertig stellen, um ihre Familien in den Heimatländern ernähren zu können. (Genderama, Punkt 5). Es erklärt aber die fehlende Empathie der Organisation für Jungen, die von PLAN offenbar gar nicht bemerkt wird.

Laut Handbuch müssen die Jungen vor allem lernen, ihre eigene Männlichkeit zu überdenken. Wer einen Workshop besuche,

„erkennt die Privilegien, die durch das Modell der hegemonialen Männlichkeit garantiert werden, und weist sie zurück, einschließlich der Kontrolle und der Herrschaft über Frauen und Mädchen“ (Siehe unten, Zitat 1)

Er

„erkennt die Hauptchrakteristiken des Modells hegemonialer Männlichkeit: Zum Beispiel männliche Privilegien, Diskriminierung und Unterordnung von Frauen und Mädchen, gender-basierte Gewalt, Homophobie etc. Er wertschätzt die gemeinsame Verantwortung von Männern und Frauen in häuslichen Tätigkeiten, in der Fürsorge für Kinder und dem Spiel mit ihnen. (…) Hegemoniale Männlichkeit bedeutet Kosten und Privilegien für Männer und Jungen und bedeutet erhebliche Kosten für Frauen und Mädchen.“ (Zitat 2)

Dies ist die Grundlage der gesamten Arbeit. Wenn das Handbuch über 293 Seiten lang Übungen für die Arbeit mit Jungen vorstellt, dann geht es in diesen Übungen niemals einfach um die Jungen, sondern immer darum, sie zu „Champions of Change“ zu erziehen, zu Verkündern und Vertretern einer neuen Geschlechterordnung.

„Das Projekt ‚Champions of Change’ ist Teil von Plans globalem Innovationsprogramm ‘Because I am a Girl’“ (The project Champions of Change is part of Plan’s Because I am Girl Global Girls Innovation Programme, Handbuch S. 29):

So wie das Programm für die Jungenarbeit vor allem unterstützender Teil eines globalen Programms für die Mädchenarbeit ist, sollen auch die Jungen sich vor allem als Unterstützer von Frauen und Mädchen verstehen.

Legitimiert wird dies durch deutlich abwertende Männlichkeitsbilder – die Jungen sollten verstehen, dass sie vom „Meins“ zum „Unseren“ gelangen müssten (Modul Showing Solidarity S. 19, insg. S. 46), sollten Arroganz und Aggression nicht mit Selbstachtung verwechseln (Showing Solidarity S. 7, insg. 34), und sie sollten fragen: „What is needed to empower women and girls?” (Showing Solidarity 23, insg. 50)

Da Männlichkeit also tendenziell als herrschaftsorientiert, aggressiv und egoistisch erscheint, würden die Jungen gerade in der Orientierung an der Unterstützung von Frauen und Mädchen lernen können, sie selbst zu sein („be ourselves“, Showing Solidarity 11, insg. 38)

Gewalt erscheint in diesem Kontext grundsätzlich als geschlechtsbestimmt, als Instrument der Kontrolle von Frauen durch Männer (Being Young 7, insg. 89). Männer würden dann Opfer von Gewalt, wenn sie vom hegemonialen Modell abweichen. In der „Triade männlicher Gewalt“ nämlich würden Männer Gewalt gegen Frauen, gegen sich selbst und gegen andere Männer richteten. (Modul Being Non-Violent S. 9, insg. S. 210): ein alltäglicher männlicher Chauvinismus (Being Non-Violent S. 7, insg. 208)

Selbst in dem Beispiel eines Gewaltaktes einer Frau gegen einen Jungen wirkt sich das noch aus – eine 40jährige drängt einen 15jährigen zum Sex mit dem Hinweis, er solle ein „richtiger Mann“ (real man) sein und mit ihr schlafen. (Being Non-Violent S. 24, insg. S. 225). Die Frau kann hier auf den Jungen eben nur deshalb Druck ausüben, weil auf ihm schon der Druck eines hegemonialen Männlichkeitsmodelles lastet.

„Sexistische Gesellschaften klassifizieren Frauen in zwei Typen: die guten (Mädchen die sich ‘gut benehmen‘, die keine eigenen sexuellen Bedürfnisse haben) und die bösen (Mädchen, die sexuelles Interesse zeigen)“ (Sexist societies classify women into two types: good [girls who ‘behave well’, who don’t feel sexual desire] and bad [girls who show sexual interest], Modul Being Responsible regarding Sexuality, S. 22, insg. S 172)

So fragwürdig diese Feststellung auch ist – sie hätte den Verfassern des Handbuchs zumindest den Gedanken nahelegen können, dass auch ihr eigenes Modell sexistisch ist. Sie unterscheiden nämlich deutlich zwischen schlechten, traditionellen Männern und Jungen, die noch nicht gelernt haben, ihre Männlichkeit zu reflektieren – und guten, die zu einer solchen Reflexion fähig sind und die zu Agenten der Geschlechtergerechtigkeit werden. (”My life committed to gender-equality”, Modul Being an Agent of Change, S. 17, insg. S. 273)

 

Every child matters – Noch ein Brief

Hilft es aber Jungen, die als Kindersoldaten ausgebeutet und ausgeschlachtet werden, tatsächlich, wenn sie lernen, ihre Geschlechterrollen zu reflektieren und zu verstehen, dass alles, was sie tun, im Dienste der Kontrolle von Frauen durch Männer steht? Hilft es den Wanderarbeitern, die sich in Katar im Wortsinne totschuften und von dort aus Geld an ihre Familien in Bangladesh, Indien oder Nepal schicken, wenn sie darüber reflektieren können, dass sie sich eigentlich mit ihrer Frau die Hausarbeit teilen sollten und dass sie häufiger mit ihren Kindern spielen müssten? Hilft es den Jungen, die in der Kinderarbeit ausgebeutet werden, wenn sie lernen, es sei ein Instrument der Dominanz von Männern über Frauen, keine Gefühle zuzulassen?

Der Plan von PLAN International legt die Folie westlicher Gender-Diskussionen über die brutalen sozialen und ökonomischen Bedingungen anderer Länder – und erweckt so den Eindruck, der Schlüssel für die Lösung dieser Probleme läge in der Reflexion hegemonialer Männlichkeit. Dass Jungen dabei Empathie vorenthalten wird, dass Gewalt gegen Jungen gleichsam demonstrativ nicht verurteilt wird, hat einen einfachen Grund: Ganz gleich, was immer ihnen auch getan wird, Jungen sind hier eigentlich niemals ganz Opfer, sondern als männliche Kinder immer auch Träger und Profiteure eines Gewaltsystems.

Was immer ihnen getan wird, sie sind immer irgendwie auch selber schuld. Die größte Hilfe für sie ist es, ihnen zu helfen, das auch einzusehen.

Diese programmatische Ausrichtung, die sich natürlich an Begrifflichkeiten und Konzepten Connells orientiert, wird in den Werbekampagne von PLAN nicht deutlich. Die irritierende Fixierung auf Mädchen und die Ignoranz gegenüber der Gewalt, die Jungen erleben, ist aber erst vor diesem Hintergrund zu erklären.

So habe ich mich also daran gemacht, PLAN noch einmal zu antworten. Ich glaube natürlich nicht, dass an der jetzigen Kampagne noch etwa zu ändern ist – und ich glaube auch nicht, dass PLAN an seinem Konzept grundsätzlich etwas ändern wird. Vielleicht aber könnte zumindest erreicht werden, dass die nächste Werbeaktion nicht, wie die jetzige, von Hunderten Plakatwänden immer dieselbe deprimierende Botschaft vermittelt: Dass der Wert eines Kindes sich an seiner Geschlechtszugehörigkeit bemesse. Die Antwort habe ich bei Facebook gepostet.

 

Liebes PLAN-Team,

danke für die Antwort! Noch immer allerdings ist nicht klar, warum Ihr eigentlich Gewalt gegen Mädchen klar verurteilt, Gewalt gegen Jungen aber nicht. Um nicht missverstanden zu werden: Ich finde es völlig verständlich, wenn in bestimmten Maßnahmen Hilfe auf Mädchen und Frauen konzentriert wird, weil es Kontexte gibt, in denen das nötig ist. Es steht mir auch gar nicht zu, das zu kritisieren.

Der Eindruck, den Ihr erweckt, ist aber ein anderer: Nämlich dass generell Mädchen in deutlich stärkerem Maße als Jungen die Opfer von Gewalt seien, und dass sie generell deshalb eine Unterstützung bräuchten, die bei Jungen nicht notwendig sei. Das stimmt einfach nicht. Die Ausbeutung und Ausschlachtung von Kindern als Kindersoldaten trifft Jungen extrem viel häufiger als Mädchen, und auch von Kinderarbeit sind sie deutlich stärker betroffen. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt sogar:

„Der Rückgang der Kinderarbeit in den Jahren 2004 bis 2008 ist ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl der Mädchen unter den 5- bis 17-jährigen Kinderarbeitern von 102,7 auf 87,5 Mio. sank.“ http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung/52687/kinderarbeit

Ich habe aber, weil ich an Eurer Arbeit interessiert bin, die Texte durchgelesen, die Ihr in Eurem Link angegeben habt – unter anderem ein fast 300 Seiten dickes Handbuch für die Arbeit mit Jungen. Damit wird vieles klarer. Arbeit mit Jungen bedeutet bei Euch vor allem, dass Jungen Geschlechterrollen überdenken, dass sie einsehen, als männliche Menschen gegenüber Frauen und Mädchen dominant und privilegiert zu sein. Ich möchte hier Eure Kommentarspalte nicht völlig zuschütten, daher hab ich meine Kommentare im Einzelnen in einem Artikel im Blog festgehalten.

Jungen sind bei Euch also vor allem Profiteure eines Gewalt- und Herrschaftssystems – und wenn sie zum Opfer werden, dann nur deshalb, weil diese Rolle auch ihnen Härten und Inhumanitäten abverlangt.

Dass Ihr Gewalt gegen Mädchen, aber nicht Gewalt gegen Kinder auf Euren Plakatwänden ablehnt, ist damit dann aber erklärbar: In Euren Augen stehen die Jungen grundsätzlich eher auf der Seite der Täter als auf der der Opfer. Arbeit mit Jungen bedeutet vor allem, sie dazu zu bringen, ihre eigenen – vermeintlichen – Privilegien anzuerkennen.

Ich glaube, dass vielen, die für Eure Organisation spenden, diese Sichtweise auf Kinder nicht klar ist – und dass sie auch bei Euren Spendern nicht mehrheitsfähig wäre. Zumindest meine eigene Kritik kann ich nun  aber klarer äußern.

Ich bin mir sicher, dass Ihr an vielen Orten gute und sinnvolle Arbeit leistet und Menschen helft. Ich glaube aber, dass Eure Veröffentlichungen ein gutes Beispiel dafür sind, wie unpassend es ist, massive soziale Probleme vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der Geschlechtszugehörigkeit zu betrachten.

Wichtig ist mir, dass wir als Erwachsene – Frauen wie Männer – gleichermaßen Verantwortung gegenüber Kindern haben, gegenüber Mädchen ebenso wie gegenüber Jungen. Wer diese Verantwortung entlang der Geschlechteruntetschiede unterschiedlich zuteilt, der drückt damit unvermeidbar aus, dass die einen Kinder weniger wert sind als die anderen.

Ich glaube Euch, dass Ihr das nicht ausdrücken wollt. Ich finde es aber auch unverkennbar, dass Ihr es trotzdem tut.

Und ich hoffe, dass bei Eurer nächste Kampagne Kinder im Mittelpunkt stehen, einfach weil sie Kinder sind – ganz unabhängig von Ihrer Geschlechtszugehörigkeit. Every child matters.

Bei anderen Hilfsorganisationen ist das ja auch möglich.

Mit freundlichem Gruß

 

Alle Übersetzungen stammen von mir. Zwei Zitate waren so lang, dass ich sie im englischen Original nicht im Text unterbingen wollte. Hier sind sie:

Zitat 1: Recognises and rejects the privileges granted by the hegemonic masculinity model, including control and power over women and girls. Modul Being Young S. 16, insg. S. 98

Zitat 2: Recognises the main characteristics of the hegemonic masculinity model: e.g. male privilege, discrimination and subordination of women and girls, gender-based violence, homophobia, etc. / Values the shared responsibility between men and women in domestic tasks, and in caring and playing with children. (…) Hegemonic masculinity has costs and privileges for men and boys, and has substantial costs for women and girls Modul Being Young S. 48, insg. S. 130

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48 Comments

  • @Lucas:

    Danke für die Arbeit. Ich bewundere, wie Du angesichts dieser Femo-Perversion, diesem Geschlechterrassismus, der selbst vor Kindern nicht Halt macht, so ruhig, nüchtern und sachlich analysieren und argumentieren kannst. Ich persönlich werde buchstäblich mordlustig, und wenn ich mich dazu äußern würde, wäre ich bloß ein Hater und Troll, der alle Vorurteile gegenüber Feminismuskritikern bestätigen würde.

    • @ uepsilonniks Ich bin ja in meiner Arbeit ziemlich häufig in der Situation, Konflikte moderieren zu müssen – zwischen Schülern, zwischen Schülern und Kollegen oder auch zwischen Kollegen. Ich habe mit der zeit den Eindruck gewonnen: Ganz gleich, wie schräg, aggressiv oder destruktiv sich jemand auch verhält, er tut es niemals einfach nur deshalb, weil er gern „pervers“ ist. Eigentlich immer sind Menschen davon überzeugt, das, was sie tun, deshalb zu tun, weil es eben GUT ist. So bekloppt das auch von außen aussehen mag.

      Ich habe noch nie erlebt, dass sich jemand dadurch verändert hätte, dass man ihm klar gemacht hat, was für ein Arsch oder Idiot er ist. Veränderungen entstehen nach meiner Erfahrung durch anderes: Nämlich dadurch, dass jemand Perspektiven wahrnehmen muss, die er ignoriert oder ausgegrenzt hatte – dass er sie mit seiner Perspektive abgleichen muss – und dass er lernt, sich mit den Augen anderer zu sehen. Veränderungen entstehen durch Verknüpfungen, die zuvor nicht möglich waren.

      Eben deshalb verweigern beispielsweise Feministinnen in Institutionen wohl auch so konsequent Verständigungen: Sie sind in guten, privilegierten Positionen, und sie müssten Verschlechterungen befürchten, wenn sie in ernsthafte Gespräche mit Menschen anderer Meinung treten würden.

      Eben aus dem Grund hat wohl auch der Vorsitzende des Bundesforum Männer, Rosowski, die Veranstalter des Gender-Kongresses in Nürnberg – mit, so scheint es, durchaus krimineller Energie – als Nazis und Rechtsradikale verleumdet (dazu ja dieser Brief: http://frontberichterstatter.blogspot.de/2016/04/die-mannerarbeit-der-ev-kirche.html ). Aus seiner Sicht darf es einfach nicht sein, dass die Perspektive dieser Männer Gehör findet – weil damit die Gefahr einer Veränderung von Zuständen verbunden wäre, in und mit denen Herr Rosowski eigentlich sehr gut leben kann.

      Selbst Rassisten sind nicht deshalb Rassisten, weil sie gern inhumane Arschlöcher sind, sondern weil sie glauben, dass das, was sie denken, GUTEN Zwecken dient. So irre das von außen auch aussieht. Natürlich sind das oft einfach Rationalisierungen eines brachialen Egoismus, das ändert aber nichts daran, dass Menschen diese Rationalisierungen für real halten.

      Ein Beispiel, das hier im Zusammenhang gut passt, ist die Geschichte der „Stolen Generation“ in Australien. Über viele Jahrzehnte hinweg, und bis in die Siebziger hinein, wurden Aborigine-Kinder aus ihren Familien gerissen und an weiße Pflegefamilien oder in Kinderheime von Weißen gesteckt. Diese brutale rassistische Praxis hatte nach der Überzeugung ihrer Betreiber gute humane Motive: Sie waren überzeugt davon, dass die Kinder ein besseres Leben haben würden, wenn sie sich an die Lebensweise der Weißen anpassen würden. (Ganz ähnlich argumentiert ja heute auch PLAN, wenn die Organisation behauptet, es würde Jungen besser gehen, wenn sie sich einfach nur von traditionellen Männlichkeitskonzepten verabschieden würden.)

      Es gibt (mindestens) einen grandiosen Film über diesen Teil der australischen Geschichte, „Rabbit Proof Fence“, der die Geschichte von drei Aborigine-Mädchen erzählt, die aus einem weißen Kinderheim ausbrechen und durch die Wüste hindurch zurück zu ihren Familien wandern. Eben dadurch wurde aber auch eine Veränderung der brutalen australischen Politik möglich: In einem solchen Film, oder in Liedern wie denen von Archie Roach ( Took the Children Away, https://www.youtube.com/watch?v=br83o_JpIFw ) musste die australische Gesellschaft eben die Perspektive der Aborigine wahrnehmen, und nach und nach (und viel zu langsam) öffnete sie sich auch dafür.

      Natürlich sind Männer heute in Deutschland nicht in derselben Situation wie die Aborigine in Australien, aber ein Aspekt lässt sich ohne Reibungsverlust übertragen: Veränderungen entstehen dadurch, dass Perspektiven ins Gespräch aufgenommen werden, die bislang ausgeschlossen waren. In Diskussionen mit heutigen Feministinnen ist das allerdings deshalb auf spezielle Weise schwierig, weil sie meist gegen alle Evidenz davon überzeugt sind, IHRE Perspektiven seien weithin ausgeschlossen, und die Perspektiven von Männern seien überall dominant.

      Dass so eine Kampagne wie die von PLAN überhaupt möglich ist, zeigt ja, wie gering die Gegenwehr geworden ist – und wie verschüttet das Gefühl dafür ist, dass hier offenkundig etwas falsch läuft. Daran etwas zu ändern, ist auch ein Geduldsspiel – anderen brachial klarzumachen, dass man sie für perverse Ärsche hält, blockiert die Veränderungen eher noch stärker.

      • anderen brachial klarzumachen, dass man sie für perverse Ärsche hält, blockiert die Veränderungen eher noch stärker.

        Ja, sehe ich ein, Asche auf mein Haupt.

        Allerdings: Bin ich der Dalai Lama oder was?

        Aus meiner Perspektive sind Feministen die Dominierenden des Diskurses, wie gerade auch durch die Existenz einer Organisation wie PLAN bewiesen wird. Und einen Machthaber durch gute Worte zum Umdenken zu bewegen, das hat es meines Wissens nach so gut wie nie gegeben. Um zurück zum Dalai Lama zu kommen: Er war für einen Diskurs und Austausch mit den Chinesen offen, und diese erklärten ihn zum Terroristen und setzen unbeirrt ihre Invasionspolitik in Tibet fort.

        (Editiert: Keine Nazi-Vergleiche, bitte. Lucas Schoppe)

      • @ uepsilloniks Ich wollte Dir keine Asche auf das Haupt streuen, aber auch nicht behaupten, dass man ein Dalai Lama sein müsste. Es geht mir einfach nur darum zu akzeptieren, dass Leute, deren Positionen man skandalös findet, aus IHRER Perspektive in der Regel gute Gründe für diese Positionen haben.

      • Herr Schoppe, ich danke zunächst für Ihre/n Brief/e und muss gestehen, ich könnte nicht so ruhig und sachlich bleiben. Als die PLAN-Aktion los ging, hatte ich die Faust in der Tasche und wollte schon los ziehen, die Plakate zu bemalen. Das Schlimme ist, dass die meisten Leute nicht kapieren. Obwohl ruhig vorgetragen, stieß ich bei meiner Bekannten auf Unverständnis und hatte den größten Krach. Nicht einmal sie, der Kinder über alles gehen, vermochte diese unglaubliche Missachtung von Kindern begreifen, sofern es denn Jungs sind.

        Was Sie aber in dieser Antwort hier schreiben, das kann man nicht lernen, das ist Weisheit, Lebensweisheit. Ich freue mich sehr, in diesen Zeiten des ‚Geiz ist geil‘, wo jeder nur noch sich selbst der Nächste ist, so etwas unaufgeregtes zu lesen. Leider muss ich gestehen, dass mir so etwas sehr, sehr schwer fallen würde. Aber Sie haben recht!

        Die besten Diplomaten sind die, die die Sichtweise der Gegenseite mit einbeziehen. Und es scheint verrückt, aber sie haben den größten Erfolg in Verhandlungen.

        Danke auch, dass Sie den Brief von Frontberichterstatter/Kai hier erwähnt haben. Ich bin selbst Evangele und halte meiner Kirche nur noch deshalb die Treue, weil sie in den 500 Jahren schon manchen Sturm überstanden hat. Und ich habe die Hoffnung, dass sie auch diesen überstehen wird. Und es gibt dort auch vernünftige Stimmen. Nur werden sie von der veröffentlichten Meinung halt ignoriert.

        Ich habe jahrelang Sprüche gesammelt. Ein passender für hier ist der (Aus Reader’s Digest 1971, ohne Autor):

        Wissen allein ist nicht Weisheit.
        Weisheit ist Wissen
        gepaart mit eigenem Urteil.

      • @uepsilonniks, April 7, 2016 um 5:01 nachmittags:

        Naja. Also was die Chinesen in Tibet treiben, das ist Machtpolitik. Für Machtpolitik werden sogar Menschen geopfert, indem sie kaltschnäuzig aufeinander gehetzt werden. Aber Gesellschaften verändern sich schleichend, unmerklich fast. Als ich jung war, da war ich der festen Überzeugung, nichts würde sich ändern. Nach 67 Jahren weiß ich, dass das nicht stimmt. Zunächst spürt man das, wenn man nicht allzu verbohrt ist, dann fängt man an nachzudenken. Man blickt zurück und sieht dann, dass sich im Laufe des Lebens doch einiges verändert hat. Man wird verunsichert, bleibt aber dran an diesem Gefühl.

        Und dann blickt man noch weiter zurück, schließlich weiter als das eigene Leben reicht. Man hat die Adenauer-Ära erlebt mit ihrer Bräsigkeit. Da gab es noch Parkwächter, die darauf achteten dass niemand den Rasen betritt. Mein Englischlehrer erklärte uns warum man das in England tun durfte: Das Wetter! Nass und feucht, gut für den Rasen. Macht dem deshalb nichts aus, wenn mal einer drauftappst. Die Studenten gingen mit Krawatte und Anzug zur Uni. Und ein Professor war der liebe Gott. Erste Zweifel hatte ich, als mal ein Schüler in einer Diskussion meinte. „Aber der Professor sowieso hat gesagt“. Darauf meinte mein Mathelehrer kühl, wie es so seine Art war, für die wir ihn mochten: „Sie (es war schon Oberstufe) werden für jeden Blödsinn irgendeinen Professor finden, der das auch behauptet.“ Blasphemie! Damals.

        Dann war ich ein 68-Revoluzzer. In Heidelberg hing das „Tageblatt“ aus. Ich las und einer schrie: „Da, das sind sie. Die mit den langen Haaren. An die Wand!“ Aber auch er konnte nicht verhindern, dass die Adenauer-Ära heute Geschichte ist. Und heute sind eben andere das Establishment, das wir damals bekämpften. Und auch dass wird verschwinden, und wieder bin ich Rebell. Und jetzt darfst du selbst weiter in die Geschichte zurückblicken. Was ist geblieben von der Kaiserzeit, was vom mächtigen Rom?

        Es ist der Vorteil von Demokratien, dass sie flexibel sind, dass sie sich mit der Zeit verändern. Aber dass dauert Jahrzehnte, manchmal Generationen. Es gibt Opfer, aber im wesentlichen verläuft das unblutig. Diktaturen beharren steif und fest, während die Welt um sie herum sich verändert. Was dann abgeht, kannst du heute in Syrien sehen: schon 200.000 Tote. Ich bete, dass uns so etwas erspart bleibt!

        Die Apparatschiks in China sehen sich noch als die großen Sieger, die es besser gemacht haben, als die Sowjets im Norden. Du wirst es vielleicht noch erleben: Sie werden sich einmal wünschen, dass sie es genauso gemacht hätten. Man kann nur hoffen, dass sie dann nicht zu einem Amoklauf ansetzen und die ganze Welt mit in den Abgrund reißen. Der unblutige Untergang der SU, Südafrika für mich ein Wunder! Ich hatte Bäder von Blut befürchtet.

      • (Editiert: Keine Nazi-Vergleiche, bitte. Lucas Schoppe)

        Passt Schon, das Thema nimmt mich emotional etwas mit, und dann neigt man dazu die radikalsten Vergleiche zu ziehen.

      • @Rei_H

        ein Spruch der besser passt ist:
        „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.
        Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.
        Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
        Friedrich Christoph Oetinger (1702 – 1782)“

        Doch auch mir geht es ähnlich, die Faust ist viel zu oft in der Tasche! Auch bei Plan, auch bei dem Brief an die Kirch ist noch eine Restschärfe zu erkennen…

        Ach ja, es gibt eine Antwort der Kirche, Standard, wir lieben Väter, wir lieben Euch alle, blablabla!!!

        Schön wäre wenn solche Aktionen von mehreren unterstützt würden, wie ich in einem Kommentar geschrieben habe, eine Kerze kann man leicht auspusten, aber 500 können ein Zimmer erhellen, 1000 erleuchten das Haus und 10000 können auch Vorurteile hinwegbrennen…

        Gruss
        Kai

    • @ Der nachdenkliche Mann Verschwörungstheorien sind eben auch sehr praktisch und ökonomisch. Anstatt mühsam Strukturen untersuchen, Interdependenzen überprüfen und Dynamiken analysieren zu müssen – anstatt sich die Mühe machen zu müssen, sich in die Position anderer hinein zu versetzen – kann man einfach feststellen, dass Dinge schieflaufen, weil BÖSE MENSCHEN WOLLEN, dass sie schieflaufen…

  • PLAN geht es allein darum Spendengelder zu generieren, deshalb setzen sie auf Mädchen weil sie sich davon eine höhere Spendenbereitschaft aus der Bevölkerung versprechen.
    Mit Mädchen kann man besser auf die Tränendrüse drücken als wie mit Jungs.

    Schau dir doch mal an, wer da alles bei PLAN mitmischt. PolitikerInnen verschiedener Parteien.
    Banker, Kapitalisten und Medien-GroßunternehmerInnen.

    https://www.plan.de/organisationsstruktur/kuratorium.html

    Ganz lustig: Da wird PLAN in dem Manager-Magazin Capital, als ‚Transparentes Hilfswerk‘ hoch gelobt. Zufälligerweise ist Angelika Jahr-Stilcken stellvertretende Kuratoriumsvorsitzende bei PLAN, aber sie ist auch Mitglied des Aufsichtsrates der Gruner + Jahr AG. Und zu welchen Verlag gehört Capital? Genau, zu Gruner + Jahr 😉

    Dazu ist PLAN durch und durch feministisch – guckt euch doch die Leute an die dort mitmischen.
    Da kommen zuerst die Mädchen dran, dann kommen die Mädchen dran, dann nochmals die Mädchen – und vielleicht, wenn noch 10 cent von 100 € über sind – auch mal ein Junge.

    PLAN ist für mich eine widerliche Organisation, ich hab mir deren Programm auch schon angeguckt – einfach ekelhaft deren Geschlechter-Rassismus!

    Es macht auch keinen Sinn mit denen zu kommunizieren. Sinn macht es, die Öffentlichkeit auf deren Ideologie hinzuweisen. Deshalb danke an Dir, dass du das hier Thematisierst !

    • @ Ralf „Schau dir doch mal an, wer da alles bei PLAN mitmischt. PolitikerInnen verschiedener Parteien. Banker, Kapitalisten und Medien-GroßunternehmerInnen.“ Ja – aber ich bezweifle, dass das alles feministische Überzeugungstäter sind. Bei einigen ist es klar – Dörner, Schwesig z.B. Einige wollen sich sicherlich einfach nur engagieren, weil sie das Gefühl haben, es macht etwas her. Ich vermute aber, dass auch einige dabei sind, die ernsthaft überzeugt sind, damit etwas Gutes zu tun.

      Wichtig ist aber schon: Es ist die Veranstaltung einer politischen und ökonomischen Elite. Das macht es dann eben auch gefährlich, wenn PLAN eine so jungen- und kinderfeindlichen Kampagne wie die „Keine Gewalt gegen Mädchen“-Kampagne startet. Die Organisation kann hundertfach Bilder mit ihren Botschaften öffentlich und großformatig platzieren, und sie kann es sich leisten, Kritik daran einfach an sich abperlen zu lassen.

      Trotzdem ist es für mich einfach kein politisches Argument, etwas „widerlich“ zu finden. Es ist eine verständliche Reaktion, aber nichts, womit man Menschen ansprechenn könnte.

      Interessant wäre es vielleicht, mal nicht bei PLAN selbst, sondern direkt bei den Unterstützen nachzufragen, wie sie die Ignoranz gegenüber Jungen eigentlich vertreten können. Bei Wickert zum Beispiel. Denn ich bin tatsächlich überzeugt, dass viele dabei sind, die sich einfach nur in einer positiven Weise engagieren – und dabei sicher auch: in, ähem, guter Gesellschaft unter sich sein – wollen.

    • Mein erster Impuls war, anzuregen Ullrich Wickert anzuschreiben und ggf. sogar um Stellungnahme/Umdenken bitten.
      Dass der Sumpf aber so tief ist.
      Hanns-Eberhard Schleyer ist der Sohn von Hans-Martin Schleyer, der von der RAF ermordert wurde. Dass der sich für eine letztlich radikal-sozialistische Ideologie (gender) einsetzt?!
      Und so weiter:
      Angelika Jahr-Stilcken sitzt im Aufsichtsrat von Gruner+Jahr und Nestle Deutschland (lt. Wikipedia). Die Firmen anschreiben?
      Walter Scheel anschreiben und fragen, ob das bei Plan immer schon so war oder sich erst so entwickelt hat und was er davon hält?
      Christian Graf von Bassewitz zumindest scheint tatsächlich selbst Afrika-Erfahrung zu haben. Anschreiben und fragen, wie er über diese Korrespondenz denkt?
      Thomas Ellerbeck bzw. die TUI-Stiftung oder direkt TUI anschreiben?
      Die TUI könnte zur Imagepflege sogar Interesse an „Entwicklungshilfe“ haben.
      Und so weiter.

      Ich selbst kann das leider nicht leisten, aus Angst vor persönlichen Nachteilen durch „das System“.

      Auf der Homepage von plan findet man durchaus, dass die Organisation schon seit Beginn der Mädchenförderung (2007) immer wieder gefragt wurde: „Und was ist mit den Jungs?“.
      Die Selbstreflektion dazu ist der absolute Horror!!

  • Die folgenden Sätze scheinen mir ja die Quintessenz Deines Artikels zu sein:

    „Der Plan von PLAN International legt die Folie westlicher Gender-Diskussionen über die brutalen sozialen und ökonomischen Bedingungen anderer Länder – und erweckt so den Eindruck, der Schlüssel für die Lösung dieser Probleme läge in der Reflexion hegemonialer Männlichkeit.

    Hilft es aber Jungen, die als Kindersoldaten ausgebeutet und ausgeschlachtet werden, tatsächlich, wenn sie lernen, ihre Geschlechterrollen zu reflektieren und zu verstehen, dass alles, was sie taten, im Dienste der Kontrolle von Frauen durch Männer stand?“

    Erstens ist m.E. die Ursachenanalyse von PLAN vollständig unterkomplex: brutale soziale und ökonomische Bedingungen die mit Kindersoldaten, Kinderarbeit und Wanderarbeit einhergehen, haben sicherlich nicht allein mit dem Geschlechterverhältnis zu tun und die Reflexion über die möglichen Ursachen eines Missstandes bzw. Leidens hilft in etwa so viel, wie die Reflexion darüber, dass ein Knabe oder ein Mädchen Opfer eines Verbrechens geworden sind. Abgesehen davon, Jungen bzw. Kindern quasi noch – zumindest implizit – die Täterrolle aufzubürden (quasi selber Schuld), wenn sie Opfer wurden und wenn sie überhaupt keine anderen Handlungsmöglichkeiten hatten, weil sie eben gerade Kinder sind und somit wenig Handlungsoptionen (Ressourcen, Kompetenzen, Macht etc.). ist m.E. zynisch bzw. makaber. Also mein Tipp: PLAN als Hilfsorganisation würde ich konsequent boykottieren.

    • @ Mark „Jungen bzw. Kindern quasi noch – zumindest implizit – die Täterrolle aufzubürden (…). ist m.E. zynisch bzw. makaber.“ Das sehe ich ganz genau so. Ich glaube, PLAN würde darauf antworten, dass ja keinesfalls SIE den Jungen etwas aufbürden – sondern dass die Gesellschaft es tut, in der sie leben. Und dass das, was PLAN tut, darauf abzielt, den Jungen diese Bürde abzunehmen.

      Was natürlich zu der Frage führt, womit man die Organisation angesichts so abgedichteter Argumentationen dann überzeugen könnte. Ich glaube, allein durch die Gefahr, dass sie ihr Gesicht verliert. Deshalb finde ich es auch so schade, dass sich nur ein paar Blogger und Kommentatoren über die Kampagne ärgern, während fast alle Menschen sie achselzuckend hinnehmen – obwohl sie ja so öffentlich ist, dass kaum die Chance besteht, sie zu übersehen.

  • Aus diesem Artikel wurde auf Twitter der Hashtag #EveryChildMatters generiert. Lasst uns auch dort auf den Mißstand bei @PlanGermany & @PlanGlobal aufmerksam machen. Vllt. greifen es auch andere dann auf. Wäre toll, wenn diese Analyse noch mehr Leute erreicht, möglicherweise auch Entscheidungsträger von PLAN & Spender, die dann ihre Spenden an Hilfsorganisationen spenden, für die #EveryChildMatters

  • Ich bin heute aus irgendwelchen Gründen ausnehmend schlecht gelaunt und die meisten Gedanken, die ich zu diesem Artikel hatte, sind einer Verschriftlichung nicht wert. Insbesondere würden sie der Arbeit nicht gerecht, die Du Dir mit der Recherche, Analyse und der Formulierung der Antwort gemacht hast.
    Ich hoffe, der Folgende ist eine Ausnahme:

    Man könnte postulieren, daß soziale und ökonomische Fortschritte in Gesellschaften oft mit einer besonderen Verbesserung der Stellung der Frau in diesen einhergingen. (Besonders auch und insbesondere im Vergleich zur Stellung des Mannes.)
    Ich habe den Eindruck (und halte das noch für eine wohlwollende Betrachtungsweise), daß Plan diese Beobachtung nimmt und nun versucht, solche Fortschritte in den Zielländern durch die Verbesserung der dortigen Stellung der Frau zu erreichen.

    Allerdings stellt so ein Ansatz natürlich recht offensichtlich die Kausalitäten auf den Kopf; ich würde ihn mal als Cargo Cult Social Engineering bezeichnen. Er ist ungefähr so plausibel, als wollte man den IS besiegen, indem man sich für Schwulenrechte im nahen Osten einsetzt.

    B20

    BTW: Bin ich nur mal wieder zu blöd für Facebook oder hat Plan Deine Antwort heimlich, still und leise verschwinden lassen? Unter dem Link finde ich Dein Erinnerungsschreiben mit vier Antworten, eine davon hat wiederum drei Antworten. Aber Deine Antwort an Plan sehe ich dort nicht.

    • @ Bombe 20 Ja, seltsam, ich konnte per Handy auch nicht darauf zugreifen – per PC dann aber schon. Der Kommentar ist noch da, unter diesem Link: https://www.facebook.com/PlanDeutschland/posts/687344518074267?comment_id=696580443817341&reply_comment_id=700053726803346&comment_tracking={%22tn%22%3A%22R2%22}

      Beim Handy-Zugriff geht bei mir der Link auf die Plan-Antwort, meine eigene Atwort muss dann noch extra darunter angeklickt werden. Gelöscht ist da jetzt nichts.

      Deine Interpretation des PLAN-Vorgehens finde ich übrigens ganz schlüssig. Würde es klappen, dann würde das ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Beispielsweise könnte man dafür sorgen, dass es Sommer wird, indem man einfach im Winter mit Badehosen rumläuft. Oder man könnte jeden Beinbruch dadurch kurieren, dass man einfach ein bisschen Fußball spielt.

      Das klingt allerdings alles, um ehrlich zu sein, ein bisschen kontra-intuitiver als das, was PLAN da macht.

      • Lucas,

        wenn ich den ganzen Rattenschwanz an Parametern weglasse, einfach nur https://www.facebook.com/PlanDeutschland/posts/687344518074267 aufrufe, die Kommentaranzeige sicherheitshalber auf „ungefiltert“ stelle und alles aufklappe, was aufzuklappen ist, dann sieht die Seite bei mir so aus: https://imgur.com/4rbyXJT

        Warst Du auf dem Handy bei Facebook eingeloggt? Kannst Du Deine Antwort auf dem PC auch sehen, wenn Du Dich ausloggst? Mag sein, daß ich mittlerweile ein Bißchen paranoid bin, aber bei all der Panik wegen Haßkommentaren in letzter Zeit denke ich bei sowas mittlerweile als Erstes an Shadowbanning.

        Es ist immerhin nah an Volksverhetzung, wie Du in Deinem wütenden Pamphlet rücksichtslos gegen Hilfe für arme, diskriminierte Mädchen agitierst. Und das nur, weil sie Mädchen sind! Und schwarz! Und überhaupt…

        B20

  • Das ist schon eine Filterblase aus verdunkeltem Panzerglas, in der die Leute von PLAN leben. Anscheinend wollen sie Solanas SCUM an Knaben exerzieren. Die meinte: „Die Mitgliedschaft in der Männerhilfstruppe ist eine notwendige, aber noch nicht ausreichende Bedingung, um bei SCUM von der schwarzen Liste gestrichen zu werden. Um ihre nutzlosen Ärsche zu retten, müssen die Männer vielmehr das Schlechte verhindern …“ Also lebenslange Bewährung für Männer.

    Das ist unbedingte Herrschaftsmentalität, die hier zum Ausdruck kommt. Sie ist den PLAN-Leuten so selbstverständlich, dass ihnen ihre Unmenschlichkeit nicht mehr bewusst wird. In diesem Bewusstsein haben die Kolonialisten einst ihre Sklaven abgerichtet. Ebenso agieren sie: Mädchen bilden wir, Jungen indoktrinieren wir mit unserer Abscheu vor allem Männlichen.

    Es ist eben die Herzlosigkeit – oder besser gesagt einseitige kolonialistische Wohlfahrt, die zwischen Feldarbeitern und Hauspersonal zu unterscheiden wusste -, die PLAN lebt, und die hierzulande in gleicher Weise überall und tagtäglich aufscheint, wo Jungen benachteiligt werden. Wobei diese Benachteiligung den wenigsten ebensowenig bewusst ist, wie den einstigen Sklavenhaltern ihre Ignoranz; zum Beispiel die Vernachlässigung von Jungs in der Schule; oder die Missachtung männlicher Opfer von sexueller Gewalt in der Berichterstattung wie bei den privaten oder staatlichen Hilfsangeboten. Der Name des Bundesfamilienministeriums sagt hierzu alles: Ein Ministerium für alles außer für Männer!

    Insofern denke ich nicht, dass es PLAN im Kern um die Kinder geht, auch nicht speziell um die Mädchen. Vielmehr geht es ihnen m.E. um ihre Ideologie, und die ist menschenverachtend; denn wer Menschen ausgrenzt, der grenzt auch jene aus, die er vermeintlich eingrenzt.

  • Hat dies auf Lotoskraft rebloggt und kommentierte:

    Missbrauch mit dem Missbrauch hat viele Gesichter. Eines davon ist die Kinderhilfsorganisation PLAN. Ich habe selbst im Dezember darüber gebloggt. Doch PLAN scheint einsichtslos, wesewegen ich den Beitrag aus dem Blog man-tau hier reblogge.

  • Man kann sich nur darüber freuen, dass die Bedingungen für die Menschen dieser Welt weiterhin besser werden wie in den letzten Jahrzehnten. Diese negativen Typen, die auf die Mitleidsmasche übelste regressive Politik betreiben, haben am Ende auch immer verloren. Wozu dient diese Spaltung der Geschlechter, die nebulös im „wahren Wert der Frauen“ im Plan-„Manifest“ so wundersam zum Ausdruck gebracht wird? Kann nichts Positives bei raus kommen, die negativen Implikationen der abgewerteten Gruppe („Jungen“) hat Schoppe gut angetippt! Interessant geschrieben, schlaglichthaft.
    Über diesen Aspekt im Besonderen und wie organisierte Hilfe im Allgemeinen alle andere als diese ist … „kann man nur philosophisch werden“, wie so schön gesagt wird.

    Plan Werbung hängt neuerdings übrigens überall rum, Bushaltestellen, etc. Sagt das nicht eigentlich alles?

  • […] Inzwischen hat Plan auf den offenen Brief geantwortet. Die Antwort war so schwammig wie merkwürdig, dass der Blogger Schoppe erneut nunmehr eine offene Antwort darauf gab, die die geschäftsmäßige und praktische Missachtung von Jungen durch Plan aufs Korn nimmt. Hier der Link zu man-tau. […]

  • Bin echt sprachlos. Nicht nur wegen deiner akribische Recherche und souveränen Postings.

    Aber vor allem wegen dieses ideologischen Irrsinns. Da werden unsere Wohlstandsideologien tatsächlich zu eins in die ärmsten Länder übertragen – wie das dort wohl ankommt?

    Wär auch interessant, zu erfahren, wie das vor Ort umgesetzt wird.

  • Entwicklungshilfe ging schon all zu oft mit Missionierung einher. Früher sollten die Begünstigten zu guten Christen erzogen werden, heute zu guten Feministen, und das Heil wird kommen.

  • @Schoppe:

    Auch von mir vielen Dank für diese präzise Arbeit!

    »Männer und Jungen wiederum sind aus dieser Perspektive nicht Opfer politischer oder ökonomischer Strukturen – sondern sie sind Beteiligte an einer Herrschaft, die in ihrer Konsequenz nur eben in manchen Aspekten auch für die Herrscher selbst negative Konsequenzen habe.«

    Das ist die Entdifferenzierung der politischen Analyse im Feminismus: mehrdimensionale Problemlagen werden auf eine einzige Dimension reduziert: auf das Geschlecht. Das ganze Elend der feministischen »Gesellschaftskritik« kondensiert sich darin. »Herrschaft« gilt im Kern stets als »männliche Herrschaft« und »männliche Hegemonialität«, und die funktionalen Gründe für die ursprüngliche Entstehung von Herrschaft, nämlich Gewährleistung eines Mindestmaßes an sozialer Ordnung, werden völlig ausgeblendet. Die Theorie der »männlichen Hegemonialität«, die an deren Stelle tritt, ist eine Theorie, die nur psychologische Variablen in Betracht zieht, nämmlich die innere Beschaffenheit des männlichen Selbst.

    Paradoxerweise ist der von der Umwelt ausgehende Überlebens- und Bewährungsdruck, dem sich primär Männer stellen und der von Feministinnen nicht wahrgenommen wird, genau dasjenige, von dem Männer Frauen (und Feministinnen) entlasten. Die sich als überlegene Analyse aufspreizende feministische Kritik ist an dieser Stelle systematisch blind für ihr eigenes, von Männern bereitgestelltes Privileg. Und genau dieser Umstand erlaubt es, den Feminismus als Ganzes nach dem Modell der nörgelnden Ehefrau zu begreifen, deren Kritik eine von Männern gewährleistete soziale Position bereits voraussetzt – in der Familie wie in der Gesellschaft.

    Aus diesem psychologistischen Kurzschluss resultiert dann die Halluzination, man könne die Gesellschaft reformieren, indem man Männer reformiert, oder indem man Männer auf Herrschaftspositionen durch Frauen auf Herrschaftspositionen ersetzt. Das Handbuch von Plan ist in diesem Zusammenhang ein mustergültiges Exempel dafür, wie sich die Ideologie einer sozialen Bewegung im Zuge ihrer Institutionalisierung (in diesem Fall zu einer von den herrschenden Eliten kooptierten NGO) zu einem doktrinär gesteuerten bürokratischen Apparat verfestigt.

    • Im April 1919, als sich in Bayern eine Räteregierung zu installieren versuchte, gingen bei ihr jede Menge Vorschläge ein, wie man eine künftige bessere Welt gestalten könnte. Ein bemerkenswerter Vorschlag kam von einem Mann aus Gauting, der der Regierung vorschlug, anzuordnen, dass man fürderhin nur noch im Wald kacken dürfe. Seine Begründung war, der Mensch würde sich seines wahren friedfertigen Wesens bewusst, wenn er am Morgen sein Plätzchen im Freien suchte, sich niederhocke und während seines Geschäftes mit der Natur eins werde. So erkenne er den Kreislauf des großen Ganzen, in den er eingebunden sei und käme somit für den Tag erleichtert und geläutert aus dem Wald zurück.

      Ähnlich monokausal und naiv kommen mir auch die Analysen und Vorschläge der Feministen und vieler anderer Weltverbesserer vor. Wobei das interessante an derlei Perspektiven ist, dass der Weltverbesserer, stets der Bessere ist, der weiß, wie es besser wird, und er von daher das Recht ableitet, die Unverbesserlichen anzuleiten. Nur er ist der Conducteur des großen Weltorchesters, alle anderen tanzen nach seiner Pfeife. Derlei Positionierung ist im Grunde ein Atavismus, denn sie ist paternalistisch und dem phantasierten Patriarch ebenbürtig.

    • „“…Die Theorie der »männlichen Hegemonialität«, die an deren Stelle tritt, ist eine Theorie, die nur psychologische Variablen in Betracht zieht, nämmlich die innere Beschaffenheit des männlichen Selbst…““

      Gut formuliert, djadmoros. Das riecht aber verdächtig nach Essentialismus, was doch ein Widerspruch zur propagierten sozialkonstruktivistischen Auffassung der Genderisten ist. Es sind diese Widersprüche, die eine konstruktive Diskussion nahezu verunmöglichen.

      Wenn es zuträfe, dass der Mann in essentialistischer Weise nach Herrschaft strebt, es somit Teil seines Wesenskerns wäre, dann wäre der Versuch der Umerziehung tatsächlich wider die Natur und somit langfristig zum Scheitern verurteilt. Das ist so nebenbei bemerkt nicht meine Auffassung. Die Genderisten kommen aber nie über diesen Punkt hinaus. Wenn der Mann sich ändern sollte, dann müsste aus sozialkonstruktivistischer Sicht seine Lebensumstände gesamthaft betrachtet, d.h systemisch analysiert werden. Der Marxismus tut das. Die feministische „Analyse“ aber geht schon von widersprüchlichen Prämissen aus. Notwendigerweise bleibt eine solche Pseudoanalyse eine Farce.

      • @Pjotr:
        »Das riecht aber verdächtig nach Essentialismus, was doch ein Widerspruch zur propagierten sozialkonstruktivistischen Auffassung der Genderisten ist.«

        Genau das ist m. E. der »Witz« an der feministischen Argumentation. Ein aktueller Sammelband von Hark und Villa zum »Anti-Genderismus« (das PDF enthält zwei Texte, ich beziehe mich auf den zweiten) folgt (abgesehen von dem Versuch, der Kritik dadurch auszuweichen, dass man sie als bloßen »Diskurs« relativiert) dem Anspruch, im (angeblichen) Unterschied zur Biologie post-essentialistisch vorzugehen und deklariert ein entsprechendes »post-essentialistisches Paradigma« zum analytischen Kern der Gender Studies.

        Tatsächlich haben die Gender Studies aber den Essentialismus nicht überwunden, sondern ihn nur aus der Biologie in die Psychologie verschoben und ihn sexistisch gegen Männer gegendert. Und dass sich dieser Widerspruch in einem aktuellen programmatischen Text zweier feministischer Star-Soziologinnen (und nicht irgendwelcher Radfem-Harpyien) findet, belegt meines Erachtens, dass die etablierte feministische Theorie und Kritik ihr argumentatives Arsenal tatsächlich erschöpft haben. Ich sehe darin den Punkt, an dem wir zumindest den akademischen Feminismus tatsächlich an den Eiern packen können.

        Um einen alten Chuck-Norris-Witz abzuwandeln: der Feminismus ist tot – aber der Tod traut sich nicht, es den Feministinnen zu sagen.

    • @djadmoros: „Die Theorie der »männlichen Hegemonialität«, die…“

      Absurderweise wird diese Theorie zusätzlich von einer ganzen Serie von Publikationen bzw. ggf. sogar von einer feministischen Denkschule falsifiziert, die ich als „end-of-men“-Feminismus etikettiere. Vor kurzem ist in der Zeit (Druckausgabe!) wieder mal ein relativ langer Artikel hierzu erschienen: Cathrin Gilbert: Arme Frau? Armer Mann!. DIE ZEIT Nr. 13/2016, 17.03.2016. http://www.zeit.de/2016/13/feminismus-debatte-geschlechter-ratschlaege

      Der war Anlaß für mich, einen seit längerem geplanten Text zum Thema Die Karrierefrau als Freßfeind (für den Karrieremann, natürlich) zu einem halbwegs lesbaren Zwischenstand zu ergänzen. Dieser „end-of-men“-Feminismus schwebt ja nicht im luftleeren Raum, die Statistiken sind klar genug.

      Interessanterweise wird das jetzt als Versagen „der Männer“ oder wahlweise von der andern Seite als Glanzleistung „der Frauen“ geframet, und psychologisch zu einer eher arrogant wirkenden Überlegenheitshaltung funktionalisiert, die mich ehrlich gesagt nervt.

      Eigentlich ging es mir in dem Freßfeind-Text darum, diese Überlegenheitshaltung zu durchleuchten und Stellung dazu zu beziehen, ferner ein paar gute Tips zu entwickeln, was man in der Praxis gegen die Ursachen machen könnte. An letzterem hapert es noch, das führt vermutlich auch zu weit.

      Jedenfalls ist eine männliche Hegemonialität völig inkompatibel mit dem „end-of-men“-Feminismus, er unterstellt eher eine weibliche Hegemonialität.

      • @djadmoros: Den Freßfeind-Text habe ich inzwischen wieder aus dem Verkehr gezogen, weil er zu unfertig war. Der größte Teil davon war sowieso eine Kritik von „Arme Frau? Armer Mann!“ von Gilbert, in dem eigentlich nur alte Kamellen aufgewärmt werden. Daraus habe ich jetzt einen eigenen Blogpost gemacht.

        Den “end-of-men”-Feminismus bzw. dessen zentrale Argumente muß ich bei Gelegenheit einmal separat zusammenfassen. Viele Argumente sind nicht 1:1 auf Deutschland übertragbar, außerdem sind jetzt rund 7 Jahre seit den ersten Veröffentlichungen vorbei.

        Falls übrigens irgendjemand Zeit und Lust hat, daran mitzuarbeiten, bitte hier melden, das ist relativ viel Recherchearbeit und alleine kaum zu schaffen.

        Jedenfalls kann man glaube ich davon ausgehen, daß Rosin genügend Argumente hat, um die Patriarchatsthese massiv unter Druck zu bringen. Immerhin behauptet sie selber:
        The Patriarchy Is Dead. Slate, 11.09.2013, http://www.slate.com/articles/double_x/doublex/2013/09/the_end_of_men_why_feminists_won_t_accept_that_things_are_looking_up_for.html

      • @mitm:

        Ich frage mich, ob sich die »männliche Hegemonialität«-Strömung und die »End-of-men«-Strömung nicht als zwei Aspekte derselben Bewegung verstehen lassen: ersteres ist an die »proletarischen Massen« gerichtet, die der feministische Kader zu repräsentieren und zu führen beansprucht, letzteres an den Kader selbst, um seine welthistorische Mission zu beglaubigen.

        Kann man bei Deinem Blog eigentlich ein Follow anmelden? Ich stelle fest, dass ich gar keine Benachrichtigungen habe, wenn Du was aktualisierst.

      • „…nicht als zwei Aspekte derselben Bewegung verstehen lassen: …“

        Kann gut sein, klingt plausibel. Man kann die unterschiedlichen Theorien sowohl von Seiten der „Konsumenten“ wie der Produzenten (also Vordenker) sehen. Bei letzteren kann viel von der Biographie einzelner Personen ab hängen. Lies mal die Biographie von Rosin: http://hannarosin.com/about-the-author/

        Erfolgreicher sozialer Aufsteiger, die glauben typischerweise an die eigene Stärke und haben kein Verständnis für Faulpelze, dann eine extrem dominante Mutter als Rollenmodell, und dann noch gute Kontakte in die Medienlandschaft durch ihren Mann und ein Gespür für eine sensationelle Story 😉

        Die typische Opferabo-Feministinnen sind nach meinem Eindruck verzogene Wohlstandskinder oder soziale Nicht-Aufsteiger (+ sexuelle Sonderfälle + Vergewaltigte oder sonstwie traumatisierte, die in diesen Zirkeln anscheinend extrem überrepräsentiert sind).

        Die beiden Typen haben völlig andere Erfahrungshintergründe, Wertungen und Zuschreibungen von Verantwortung.

        Darüber hinaus gab es glaube ich schon immer Strömungen im Feminismus, die mehr oder weniger explizit von einer female Superiority / Supremacy ausgehen, da kenne ich mich aber nicht gut mit aus.

        „Kann man bei Deinem Blog eigentlich ein Follow anmelden?“

        Es gibt standardmäßig einen Feed bei Blogspot: http://maninthmiddle.blogspot.de/feeds/posts/default
        Darin erscheinen aber nur Blogposts, keine sog. Seiten, die eigentlich bei mir die Hauptsache sind.

        „Ich stelle fest, dass ich gar keine Benachrichtigungen habe, wenn Du was aktualisierst.“

        Ich ergänze öfter z.B. Quellen oder kleinere Zusätze. Das führt bei Blogposts dazu, daß die einen neuen Datumsstempel bekommen und bei manchen Nachrichtenaggregatoren als aktueller neuer Eintrag erscheinen. Das ist natürlich nicht so ganz korrekt, und es nervt, wenn es häufig passiert, vermutlich die Leute. Deswegen vermeide ich Korrekturen auf den Blogposts mittlerweile.

        Änderungen an den Seiten erscheinen weder im Feed noch auf den Nachrichtenaggregatoren. Ich habe jetzt im Seitenkopf einen Abschnitt „Aktuelles“, da habe ich von Hand größere Änderungen in den Seiten eingetragen. Vielleicht sollte ich das als kurzen Blogpost bekanntgeben, den ich nach ein paar Tagen lösche, dann käme es immerhin auf den Feed und z.B. in den Patriarchat-Verteiler. Mehr als 1 – 2 erwähnenswerte Änderungen pro Monat schaffe ich aber sowieso nicht.

  • Ich bin gerade auf der Suche nach einer guten Organisation für eine Kinderpatenschaft und da war Plan International eigentlich einer meiner Favoriten. Vielen Dank für diesen Artikel! Ich sehe das genau so. Hilfe für Kinder sollte unabhängig sein von Geschlecht, Nationalität, Behinderung usw. Auch wenn der Fokus auf Mädchen gut gemeint ist, warum sollten kleine Jungs weniger Hilfe benötigen?

    Ich bin daher nun wieder davon abgekommen, mich bei Plan International zu engagieren. Wer kennt denn weitere Organisationen, bei denen eine echte Gleichberechtigung besser gelebt wird? Die bestehenden Vergleichsportale (z.B. http://www.patenvergleich.de/patenschaft-kind/) bieten schon einmal eine gute Übersicht. Plan International ist in deren Ranking aber sogar einer der Gesamtsieger als bestes Patenprogramm…

  • Aktuell ein Einleger von PLAN in der aktuellen Titanic: Aufdruck „Mädchen haben es noch schwerer“. Gesucht werden, mit schwülstigen Worten von Ulrich Wickert, ausschließlich Paten für Mädchen.

    Und gerade noch frisch aus dem Spam gefischt – ebenfalls Werbung von PLAN. Die scheinen’s nötig zu haben, derart halbseiden anzukobern…

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