Feminismus

Der Jürgen Drews des deutschen Feminismus

Zeigt Graphik mit Motiv Aufschrei
geschrieben von: Lucas Schoppe
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Was ist eigentlich dieser Feminismus? Zweiter Teil einer Reihe nach Empfehlungen der Süddeutschen Zeitung: Anne Wizorek

Etwas voreilig habe ich hier das Projekt gestartet, zur Vorstellung der Feministinnen, die Sie kennen sollten in der Süddeutschen Zeitung eine kleine Serie zu starten. Voreilig, weil gerade ein sehr kurzes Schuljahr zu Ende geht, der Beruf sehr hektisch ist und das Bloggen darüber ohnehin zurückstehen muss. Aber immerhin, nach dem Text über Antje Schrupp kommt hier einer über die wohl derzeit bekannteste deutsche Feministin nach Schwarzer.

Der von Anne Wizorek und anderen im Jahr 2013 initiierte, später mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete #Aufschrei ist heute die stilprägende Aktionen des Netzfeminismus. Zugleich hat er gerade bei Twitter viele Männer aktiviert, die der Art und Weise, wie hier über Männer geredet wird, ihre eigene Perspektive entgegensetzen wollten.

Oft sei

„den übergriffigen Männern oft gar nicht klar ist, was sie da tun, oder ihr Verhalten gar selbstverständlich finden, weil sie eben Männer sind“,

schreibt die Bloggerin Meike im Januar 2013 in einem Text für das Blog kleinerdrei. Wizorek beruft sich ausdrücklich auf diesen Text, wenn sie die Wurzeln von #Aufschrei schildert. Tatsächlich ist dessen Grundmotiv in Maikes Text schon enthalten: Das Leben in öffentlichem Raum sei von übergriffigem Männerverhalten geprägt, aber Männern sei dieses Verhalten gar nicht bewusst – weil sie aufgrund ihrer männlichen Privilegien die Folgen dieses übergriffigen Verhaltens nicht wahrnehmen müssten.

aufschrei-min

Die Pointe des #Aufschrei ist also nicht, dass alle Männer SO seien – aber dass alle Männer so PRIVILEGIERT seien, sich übergriffig verhalten zu können, ohne die Folgen zu beachten. Warum dieser Aufschrei ein so enormer Erfolg war – und warum bis heute zwischen (nicht-feministischen) Männern und (feministischen) Frauen ein Dialog darüber nicht möglich ist: Das sind Fragen, die zu wesentlichen Problemen heutiger Geschlechterdebatten führen.

 

2. Der Jürgen Drews des deutschen Feminismus – Anne Wizoreks Netzfeminismus

Ende Januar 2013. Anne Wizorek antwortet auf einen Tweet, der einige Stunden zuvor von Nicole von Horst veröffentlicht worden war.

Es dauert nur kurze Zeit, bis sich zu diesem Hashtag Hunderte von Tweets angesammelt haben.  Der Tweet Nicole von Horsts wird dabei zum Muster: Es beginnt mit der Benennung einer männlichen Person, gefolgt von einem Relativsatz, der erklärt, was dieser Mann getan habe – abgeschlossen mit dem Haschtag #aufschrei.

Der Typ, mit dem ich Englisch sprechen konnte, und dann war alles, worüber er mit mir reden wollte, wie er mich fingern würde. #aufschrei – Der Lehrer, der andauernd mitten im Unterricht meine Haare und Augen lobte und mir vielsagende Blick zuwarf. #aufschrei – Der Schwimmlehrer, der alle Mädchen im Kurs zur Begrüßung auf den Mund küsste – die jeweils jüngste mit Zunge #aufschrei – der prof, der wissen wollte, ob ich meinen referatspartner date. jede sprechstunde alleine bei ihm wurde zu purer anspannung. #aufschrei – Der Typ, der mit mir im Nachtbus fuhr, wartete, bis dieser um die Ecke war und mich dann an die Wand drängte und fummelte… #aufschrei

Ein Mann ist dann dabei, der schreibt:

Noch in der ersten Stunden reagieren darauf andere:

Und Jasna Strick kommentiert auf eine Weise, die sogleich Parallelen zwischen diesem Mann und den übergriffigen Männern anderer Tweets konstruiert:

Sehr schnell steigen auch Medien ein. Wizorek (@marthadear) sammelt deren Reaktionen: Bald interviewt das Handelsblatt sie und von Horst, die Süddeutsche Zeitung, Der Spiegel, das ZDF, die Berliner Zeitung und die Tagesschau berichten schon am Nachmittag des 25. Januar, und auch Der Spiegel veröffentlicht ein eigenes Interview mit Wizorek.  In ungeheuer kurzer Zeit ist aus dem Vorschlag eines Hashtags ein umfassendes massenmediales Phänomen geworden. Wie war diese Entwicklung so schnell möglich?

Der enorme Erfolg ist vorbereitet durch zwei Texte, in denen Journalistinnen prominent über Belästigungen durch Politiker berichtet hatten: Die Spiegel-Journalistin Annett Meiritz über Verleumdungen gegen sie in der Piratenpartie, in denen ihr unterstellt worden sei, journalistische Tätigkeiten und Bettgeschichten zu vermischen (Untertitel: „Wie ich die Frauenfeindlichkeit der Piratenpartie kennenlernte“) – und die Stern-Journalistin Laura Himmelreich über ein Treffen mit dem FDP-Vorsitznden Rainer Brüderle, der ihr gegenüber sexualisierte Kommentare gemacht habe.

Beide Texte hätten allerdings einfach als Ausdruck eines speziellen Problems verstanden werden können: als Hinweis auf das Selbstverständnis einiger männlicher Politiker, sich als Gegenleistung für den Zugang zu Informationen oder zu exklusiven politischen Zirkeln sexuelle Grenzverletzungen gestatten zu können. Außerdem konnten beiden Journalistinnen auch politische Motive unterstellt werden: Meiritz‘ Artikel, der die gesamte Piratenpartei für das Verhalten einiger haftbar macht und als „frauenfeindlich“ darstellt, erscheint sechs Tage vor der wichtigen Niedersachsenwahl, Himmelreichs Text wird ein Jahr nach den geschilderten Begebenheiten veröffentlicht – und wenige Tage, nachdem die FDP Brüderle zum Spitzenmann im Wahlkampf erklärt hatte.

In der schnellen Berichterstattung über den #Aufschrei wird auf beide Texte immer wieder hingewiesen, zum Nutzen für beide Seiten. Während die Tweets damit in ein schon bekanntes, aktuelles und scharf diskutiertes politischen Thema eingeordnet werden und so den Bereich einer begrenzten Twitter-Gruppe schnell verlassen, geben sie den Berichten zugleich eine Legitimation, die sie weit über das Verhältnis von Politikern und Journalistinnen hinaus bedeutungsvoll machen. Sexismus sei alltäglich, und jede Frau erlebe ihn beständig.

Damit wird der herkömmliche Sexismus-Begriff – als Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit – gleich in doppelter Hinsicht stillschweigend eingeschränkt. „Sexismus“ bezeichnet hier sexualisierte Verhaltensweisen, und grundsätzlich sind Frauen Opfer des Sexismus, Männer Täter oder Profiteure. Sexismus ist es in dieser Definition, wenn ein Mann einer Frau hinterherpfeift – aber nicht, wenn ein Mensch sein Kind nicht mehr sehen kann, weil er der Vater ist und nicht die Mutter.

Dass Männer also vereinzelt unter dem Aufschrei-Hashtag betonen, Sexismus könne auch Männer treffen, erscheint unter diesen Voraussetzungen als ein durchschaubarer Versuch, vom eigentlichen Thema abzulenken.

„Männer beteiligen sich übrigens ebenfalls unter dem Hashtag #Scham“,

schreibt Antje Schrupp dazu maliziös. Die akzeptable Männer-Rolle in diesem Zusammenhang ist klar: die von Zuhörern, der zerknirscht erfahren, was Männer Frauen täglich antun.

Die Wahrnehmung der alltäglichen Wirklichkeit zerfällt damit in zwei große, unverbundene Teile: Was Männern als normal, alltäglich und unproblematisch erscheine, sei für Frauen tatsächlich eine Atmosphäre beständiger Bedrohung, Verletzbarkeit, ein alltägliches Ausgeliefertseins.

„Für ganz viele Frauen ist es extrem schlimm, einfach schon auf die Straße zu gehen“,

ruft Anne Wizorek in einer der vielen Fernseh-Talkshows aus, in die sie geladen wird.

 

Tüpisch Tüpen: Ganz normale Übergriffe ganz normaler Männer

Damit aber ist der Aufschrei mehr als eine Verständigung von Frauen über Erfahrungen, auch mehr als ein Offenlegen von lange Verschwiegenem und Vergessenem. Er bekommt den Charakter einer Offenbarung, in der eine geleugnete Wirklichkeit plötzlich in eine falsche Normalität hineinscheint: als Einbruch der Realität von Frauen in eine von Männern bestimmte Welt.

Pragmatische, nüchterne Überlegungen haben in dieser Dynamik keinen Platz. Wer etwa darauf hinweist, dass viele der unter #Aufschrei aufgelisteten Erfahrungen – unerwünschte körperliche Annäherungen, verbale Grenzverletzungen, Konfrontationen mit Geschlechterklischees, wütende Reaktionen auf sexuelles Desinteresse – auch Erfahrungen von Männern mit Frauen seien, muss mit dem Vorwurf des „Derailings“ rechnen. Eine Metapher übrigens, die mehr verrät, als sie soll: Angemessen könne die Diskussion nur auf zuvor verlegten Schienen verlaufen – und jeder Versuch, ihr eine andere Richtung zu geben, brächte sie zum Entgleisen.

Vor allem eine nüchterne Untersuchung von Zahlen bleibt aus – die medial verbreitete Wahrnehmung, unter dem Hashtag hätten Zehntausende von Frauen ihre Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus mitgeteilt, ist falsch, bleibt aber unwidersprochen. Tatsächlich sind die Zahlen deutlich geringer, und vor allem: Nach dem tatsächlich beeindruckenden Start mitten in der Nacht legen bald die meisten Tweets nicht mehr Belästigungs-Erfahrungen offen, sondern kommentierten, ironisieren, bestätigen den Aufschrei in der überwiegenden Mehrheit, oder sie legen Einspruch ein.

Zudem sind die Medien an der Produktion des #Aufschreis, über den sie berichten, selbst erheblich beteiligt. Die große Zahl der Tweets, auf die sich die Berichte berufen, wird ja eben gerade dadurch möglich, dass nach nur wenigen Stunden alle Massenmedien den #Aufschrei prominent zum Thema gemacht hatten.

Der Eindruck, Männer würden dabei grundsätzlich in die Position von Tätern gedrängt, ist keineswegs nur Resultat einer männlichen Abwehr gegen unangenehme Wahrheiten. Das Grundmuster der Aufschrei-Tweets – Der Arzt, der… – stellt nicht die Wahrnehmung einer Frau, sondern einen übergriffigen Mann in den Mittelpunkt. Grammatikalisch ist der Hauptsatz unvollständig und enthält so die stillschweigende Aufforderung, das Fehlende zu ergänzen.

Der Typ, der mich befummelte … steht stellvertretend für alle Typen / …ist jemand, den wir so alle kennen / …gehört zu den Männern, die Frauen den Alltag unerträglich machen.

Diese Struktur schafft eine stillschweigende Gemeinsamkeit: Wir wissen alle, wovon hier die Rede ist.

Der Lehrer/Der Busfahrer/Der Prof/Der Schwimmlehrer/Der Vater einer Freundin/Der Kommilitone und, immer wieder, Der Typ: Wesentlich an den Männern, die als sein Gravitationszentrum den Mittelpunkt des Aufschreis bilden, ist ihre Alltäglichkeit. Der normale Mann ist übergriffig.

Dass Maike Lobo angesichts dieser Struktur ein gleichberechtigtes Gespräch zwischen Männern und Frauen einfordert, spielt aus der Aufschrei-Perspektive männliche Privilegien und männliche Übergriffigkeit herunten: Als Illusion, angesichts der radikal getrennten Welten der Männer und der Frauen gäbe es einen gemeinsamen Rahmen des Gesprächs.

Für Anne Wizorek leugnet diese Illusion Machtstrukturen, die sie nicht genauer erklärt, die aber durchdringend seien: das Patriarchat, Strukturen einer männlichen Herrschaft, die alle Männer privilegiere und alle Frauen diskriminiere. (Dazu zum Beispiel der kurze Abschnitt zur Frage „Was habt ihr denn gegen Männer?“ in Wizoreks Buch „Weil ein Aufschrei nicht reicht“ , das trotz erheblicher Förderung durch Berichte in großen Medien wohl eher von Kritikern als von Anhängerinnen Wizoreks gelesen wurde.)

Gerade eine Auseinandersetzung mit Strukturen aber fehlt: Weder interessiert sie sich für rechtliche Voraussetzungen, schon gar nicht, wenn diese Männer benachteiligen – noch für ökonomische oder politische Strukturen. Als würde der Hinweis, dass Männer Machtpositionen in Institutionen besetzen, die Vorstellung einer Männerherrschaft immer schon völlig ausreichend begründen.

Dass die meisten Männer von solchen Machtpositionen ebenso weit entfernt sind wie die meisten Frauen – dass Hunderte von Institutionen, einschließlich eines ganzen Ministeriums, sich exklusiv um die Angelegenheiten von Frauen kümmern, aber fast keine spezifisch um die von Männern – dass es in Deutschland rechtliche Benachteiligungen von Männern, aber keine von Frauen gibt – das spielt ebenso wenig eine Rolle wie allgemeine ökonomische Analysen, Fragen der demokratischen Partizipation, des Austauschs von Institutionen mit informellen Bereichen der Gesellschaft.

Kurz: In Wizoreks Rede von Strukturen geht es nicht darum, politische, ökonomische oder soziale Strukturen zu analysieren, sondern es geht dabei um eine Strukturierung der Debatte. Die Unterstellung, dass Männer privilegiert wären, legitimiert dabei die Forderung, dass diese Debatte abseits sonstiger demokratisches Selbstverständlichkeiten ungleich geführt werden müsse. Anstatt dass alle Beteiligten Sprecher- und Zuhörerpositionen einnehmen könnten und müssten, sollen hier Männer zuhören, wenn Frauen sprechen. Eben gerade weil sie nämlich privilegiert seien, würden sie die Gewalt des alltäglichen Sexismus nicht erleben – und eben gerade deshalb würden sie auch nicht wissen, wie privilegiert sie seien, und könnten es erst von Frauen erfahren.

 

Frau Wizorek verlegt Kunstrasen

Ein Apotheker in Neukölln weigert sich aus religiösen Gründen, die „Pille danach“ zu verkaufen. Obwohl es etwa siebzig andere Apotheken im selben Stadtteil gibt und daher niemand durch diese Weigerung Nachteile hat, verwüsten ihm Aktivisten – oder eben: Aktivistinnen – sein Geschäft. Wizorek postet auf ihrem Twitter-Account umgehend Fotos davon und verbittet sich im Weiteren, dass ein Mann diese Gewalttat kritisiert.

Als ob die Tat aus männlicher Perspektive überhaupt nicht zu beurteilen wäre, und als ob es Männer gar nichts anginge, wenn politische Gewalt offen legitimiert wird.

Die Vorstellung einer radikalen Spaltung der Wirklichkeit in eine männliche und eine weibliche legt auch in ganz anderer Hinsicht Gewalt nahe. Mehr noch als Männer, die Aufschrei-Logiken kritisieren, sind Frauen ein Problem, die nicht bestätigen, dass hier universelle Erfahrungen von Frauen wiedergegeben würden. Jasna Strick, die wie Wizorek für den Aufschrei mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet wird, initiiert einen gewaltigen Shit-Storm gegen eine solche Frau. Ochdomino, als neunzehnjährige Bloggerin, Twitter-Userin und Feminismus-Kritikerin im Netz, wird daraufhin mit massiven Bedrohungen und Beschimpfungen konfrontiert. Erst die fragwürdige Information, ochdomino existiere gar nicht und sei eine Erfindung eines Mannes gewesen, beendet die Kampagne. (Dazu übermorgen mehr in einem kurzen Nachtrag.)

Bei der Comic-Zeichnerin Erzählmirnix, die sich über Feministinnen wie über Maskulisten lustig macht, ist Strick weniger erfolgreich.  Die Schwarze Link-Liste, die sie zusammenstellt, gerät an den vielgelesenen Blogger Fefe, der sie nutzt, um die Comics von Erzählmirnix weiter zu empfehlen – und deren Zugriffszahlen boomen.

Auch Wizorek scheitert mit dem Versuch, ein einmal erprobtes Muster neu aufzulegen. Nach den massiven sexuellen Übergriffen in der Kölner Sylvesternacht lanciert sie mit anderen Feministinnen des Projekt „ausnahmlos“ – das ausnahmslos gegen sexuelle Gewalt gerichtet sei, nicht allein gegen die, die von Migranten verübt werde.

Das unterstellt, der Schrecken über die Angriffe in Köln sei eigentlich fremdenfeindlich begründet – solche Taten von Deutschen würden ignoriert, aber bei Flüchtlingen skandalisiert. Zu halten ist diese Position nur dadurch, dass stillschweigend die Unterschiede in der Gewalt organisierter massenhafter Angriffe auf Frauen am Kölner Dom und, beispielsweise, das übergriffige Verhalten von Oktoberfest-Besuchern gleichgesetzt werden. Die Kölner Gewalt, wie auch immer ihre Ursachen eingeschätzt werden, wird dadurch effektiv verharmlost.

Zudem ist auch diese Argumentation ein Beispiel für das – bei allem Reden über Strukturen – erstaunlich haltbare Desinteresse an strukturellen Überlegungen. Im modernen Feminismus gehört es zur gedanklichen Grundausstattung, davon auszugehen, dass Geschlechter soziale, also auch kulturelle Konstruktionen seien. Für die ausnahmslos-Feministinnen aber spielen weder kulturelle noch soziale Formationen als Bedingungen für Gewalt eine Rolle, entscheidend ist einfach nur die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht – als ob es eine universelle Männlichkeit gäbe, die für die systematischen Übergriffe auf dem Tahrir-Platz in Kairo ebenso verantwortlich wäre wie dafür, dass ein Mann im Geschäft zu dicht an Anne Wizorek vorbei geht.

Noch schneller als der Aufschrei wird diese Aktion massenmedial verbreitet – schon wenige Minuten nach der Präsentation berichtet das ZDF und macht sich damit wiederum zum Teil der Aktion, nicht nur zum Berichterstatter. Auch Politiker sind sofort dabei – wenn sie nicht ohnehin von Beginn an daran Aktion beteiligt waren. Die Kampagne endet wenig später als Strohfeuer – zu erkennbar substanzlos ist der Versuch, das Klischee des beständig vergewaltigungsbereiten arabischen Mannes einfach durch das des ständig vergewaltigungsbereiten Mannes zu ersetzen.

Ausnahmlos scheitert an einem Problem, das schon den Aufschrei prägt: Während der Eindruck erweckt wird, hier würden endlich die Erfahrungen vieler Tausender zusammen geführt, werden diese Erfahrungen tatsächlich nach einer immer schon bekannten und niemals bezweifelten Logik geordnet: Männer seien strukturell privilegiert, und sie würden diese Privilegien im Alltag durch Übergriffe gegen Frauen bestätigen und reproduzieren.

Nur so ist erklärlich, dass ganz unterschiedliche Erfahrungen – von einem Passanten, der zu nah vorbeigeht, bis hin zu einer Gruppe von Männern, die organisiert Frauen sexuell nötigen oder vergewaltigen – als Ausprägungen desselben Phänomens verstanden werden: als Ausdruck einer überall wirksamen männlichen Herrschaftsposition. Eben das erklärt auch das Desinteresse an den Erfahrungen von Männern, die denen von Frauen ähneln.

Was als Graswurzelbewegung verkauft wird, funktioniert so tatsächlich nach einer Top-Down-Logik, die kaum zu erschüttern ist. Die einzelnen Berichte von Erfahrungen dienen keineswegs der empirischen Überprüfung von Vorannahmen, sondern ihrer immer neuen Illustration. Als Astroturfing wird solch ein Phänomen in der englischsprachigen Politik bezeichnet, also als „Verlegen von Kunstrasen“: Die Konstruktion einer Graswurzelbewegung, die tatsächlich ohne institutionelle Unterstützung nicht existieren könnte.

Die Top-Down-Logik spiegelt die soziale Situation, die den Aufschrei rahmt. Die Annahme einer männlichen Herrschaft hat sich längst institutionalisiert, von Familien/Frauen-Ministerium bis bin zu unzähligen, meist staatlich finanzierten Organisationen und öffentlichen Posten. Feministische Annahmen sind längst erfolgreich durch die Institutionen marschiert – sie sind aber heute eher durch ihre Verankerung dort gestützt als dadurch, dass sie viele Menschen überzeugen würden.

Der Institutionen-Feminismus ist damit heillos in Widersprüche verstrickt, die er selbst nicht lösen kann, ohne seine institutionelle Verankerung aufzugeben. Schon die Tatsache, dass für die spezifischen Belange von Jungen und Männern nicht einmal ein Bruchteil der Organisationen verantwortlich ist wie für die von Frauen und Mädchen, lässt sich mit der Idee einer männlichen Herrschaft nicht vereinbaren – eben gerade diese Idee aber ist notwendig, um diese Masse an Organisationen überhaupt legitimieren zu können.

Der Aufschrei versorgte den Institutionen-Feminismus daher mit einer dringend benötigten Legitimation: Was sich tatsächlich nur noch über die Verankerung in Institutionen hält, erscheint hier als ein originäre Graswurzelbewegung. Dass Wizorek und andere die Rede von Strukturen zwar beständig im Munde führen, tatsächlich an der Analyse politischer, sozialer oder ökonomischer Strukturen weitgehend desinteressiert sind, ist hier ein erheblicher Vorteil: Sie interferieren nicht mit  den Selbstbeschreibungen der Institutionen, von denen sie gestützt werden, können ihnen also nicht in die Quere geraten.

Deutlich stärker als der institutionengestützte Netzfeminismus ist die Männerbewegung im Netz tatsächlich eine Graswurzelbewegung – und in Medien und Parteien wird eben diese Bewegung entweder ignoriert oder diffamiert. Aus der Perspektive etablierter Institutionen sind eben nur solche Graswurzelbewegungen akzeptabel, an deren Produktion sie selbst wesentlich beteiligt waren.

Die Aufschrei-typische Zuteilung in die, die sprechen dürfen und die, die zuhören sollen, wird so erst im Rahmen der institutionellen Rahmung sinnvoll: In ihr spiegelt sich gerade die Gatekeeper-Funktion von Medien und staatlichen oder parteigebundenen Einrichtungen, mit der gesteuert wird, welche Positionen Teil eines öffentlichen Diskurses sind und welche nicht. Entsprechend fordert Wizorek eine schärfere Kontrolle von Kommentaren im Netz, durchaus systematisch die Grenze zwischen Bedrohungen und Hasskommentaren auf der einen und Meinungsäußerungen auf der anderen Seite verwischend.

Tatsächlich war also die Feststellung oben im Text voreilig, im Aufschrei würde die Wirklichkeit in eine weibliche und eine männliche gespalten: Eher spaltet er sie in Menschen, die von der Idee einer männlichen Herrschaft überzeugt sind, und die, die es nicht sind. Der Aufschrei strukturiert sich an den Legitimationsnöten von Institutionen, nicht an den Erfahrungen von Männern und Frauen.

Anstatt mit einer religiösen Metaphorik als Offenbarung einer verleugneten und unsichtbar gemachten Wirklichkeit könnte der Aufschrei so auch viel profaner in den Kategorien des deutschen Schlagers beschreiben werden. In beiden Bereichen sind die Emotionen, die angesprochen werden, den Beteiligten bitter ernst und wichtig – zugleich aber werden ihre Erfahrungen jeweils einem immer schon bestehenden, vertrauten, einfachen, unbezweiflten Muster eingeordnet, das sie niemals irritieren.

Anne Wizorek wäre in dieser Bildlichkeit der Jürgen Drews des deutschen Feminismus, der ein einziges Mal in einer günstigen Situation einen Hit hatte – erfolglos versucht, dessen Muster zu kopieren – und gleichwohl über Jahre hinweg davon leben kann.

So hätte denn der Aufschrei eine sehr wichtige, unbedingt unterstützenswerte Bewegung sein können, wenn er das gewesen wäre, als das er sich ausgegeben hat: Eine offene Verständigung über Erfahrungen, die meist aus der öffentlichen Wahrnehmung ausgeschlossen werden. Da er aber eben gerade das nicht war, da in seiner selbstbezüglichen Top-Down-Logik Erfahrungen lediglich als bestätigende Illustrationen immer schon festgezurrter Vorannahmen gebraucht wurden – da er sich als Legitimation institutionell ausgeübter Herrschaft anbot – daher verhinderte er eher eine Verständigung über Erfahrungen, als dass er sie gefördert hätte.

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27 Comments

  • Der Aufschrei strukturiert sich an den Legitimationsnöten von Institutionen, nicht an den Erfahrungen von Männern und Frauen.

    Das ist eine hervorragende analytische Einordnung. Vielen Dank für diese Perspektive.

  • Schoppe, vielen Dank für diesen ganz neuen Gedanken: Aufschrei nicht nur als benötigte Legitimation, als „Kriegsgrund“ für feministische Eingriffe in die Lebenswirklichkeit zu lesen, sondern auch als Instrument um Plurale Meinungen zu strukturieren, einzugleisen und so Diskursmacht auszuüben.

    • Dann wäre das doch mal ein neuer Kandidat für das feministische Wörterbuch der Diskursstrategien: Railing – Eingleisen von Diskussionen. Sicherstellung der ausschließlichen Verwendung eigener Talking Points.

      • @Atomino2000:

        Railing – Eingleisen von Diskussionen

        Und für besonders eingleisige Diskussionen: Monorailing! 🙂

      • Noch ein Kandidat: Unableism: Umdeutung der eigenen (eingleisigen) Beschränktheit zur Suprematie.

  • Der Text gefällt mir, aber wo erklärst du nun, daß die Wizorek der „Jürgen Drews“ des deutschen Feminismus ist?
    Ich hab da den ganzen Text drauf gewartet…

    • @wurzelsepp:

      Macht er doch. Vorletzter Absatz:

      »Anne Wizorek wäre in dieser Bildlichkeit der Jürgen Drews des deutschen Feminismus, der ein einziges Mal in einer günstigen Situation einen Hit hatte – erfolglos versucht, dessen Muster zu kopieren – und gleichwohl über Jahre hinweg davon leben kann.«

  • @Schoppe

    Du schreibst:
    „Die Aufschrei-typische Zuteilung in die, die sprechen dürfen und die, die zuhören sollen, wird so erst im Rahmen der institutionellen Rahmung sinnvoll: In ihr spiegelt sich gerade die Gatekeeper-Funktion von Medien und staatlichen oder parteigebundenen Einrichtungen, mit der gesteuert wird, welche Positionen Teil eines öffentlichen Diskurses sind und welche nicht. Entsprechend fordert Wizorek eineschärfere Kontrolle von Kommentaren im Netz, durchaus systematisch die Grenze zwischen Bedrohungen und Hasskommentaren auf der einen und Meinungsäußerungen auf der anderen Seite verwischend.“

    Da hatte Michel Foucault doch einen guten Riecher, wenn er mal schrieb:

    „Ich setzte voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu bannen.“ (Die Ordnung des Diskurses, S. 10 f.).

    Du schreibst:

    „Der Aufschrei versorgte den Institutionen-Feminismus daher mit einer dringend benötigten Legitimation: Was sich tatsächlich nur noch über die Verankerung in Institutionen hält, erscheint hier als ein originäre Graswurzelbewegung.“

    Nun, ich glaube, der Feminismus insgesamt hat natürlich schon auch eine sogenannte Basis: Ich würde mal plakativ sagen, dass dies das urbane (städtische) links-mitte-Milieu ist, vor allem mit viel kulturellem Kapital.

    Und sonst zu Wizorek:

    Vor allem Emotionalisierung und Moralisierung anstatt Analyse und Argumente.
    Dann viel Polarisierung oder Dichotomien oder schwarz-weiss-Denken oder Feinbilderzeugung: wenn Männer Täter und Frauen Opfer; Männer privilegiert und Frauen nicht privilegiert sind;

    Und fehlende Differenzierung: also ubiquitäre Frauenfeindlichkeit und ubiquitärer Sexismus gegen Frauen.

    Man könnte das, was Wizorek macht, m.E. auch wie folgt nennen: „feministischer Populismus“.

    • Im Gegensatz zu Foucault wird in Schoppes Text aber gesagt, wer was und warum tut. Typisch für Foucault ist, dass das nicht geschieht. „Es“ wird kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert, aber wer das tut und warum, bleibt im Dunkeln, womit Raum für Verdächtigunggen und Verschwörungstheorien geschaffen wird.

      • Gut, diesen Vorwurf kann man wissenschaftlich gut kontern: Theorien grosser Reichweite (Haupttheorien, grand theories) sind vermutlich immer so angelegt, dass die „Ross und Reiter“ nicht nennen. Sie sollen ja fallübergreifend quasi für alle Zeiten (Diachronie) und quasi global (Synchronie) gelten. Anders wäre es bei Theorien mit begrenzter Reichweite, die dann eben konkreter sind und ev. „Ross und Reiter“ nennen, aber deshalb auch nur eine begrenzte Reichweite haben, also nicht für alle Fälle gültig sind.

      • „Ich setzte voraus, dass in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu bannen.“

        Hm – muss das wirklich so allgemein sein?
        Man kann sowas auch bis zur völligen Bedeutungslosigkeit verschwabulieren und das dann als „allgemeingültigkeit“ verkaufen.

        Ich behaupte mal mindestens:
        Dass die „gewissen Prozeduren“ mit besagten Aufgaben zumindest von realen Mitgliedern dieser Gesellschaft getragen und abgesichert werden, nämlich indem sie gegen abweichende, „gefährliche“ Richtungen des DIskurses sanktionierend eingreifen.

        Ist das allgemein genug?

        „Theorien grosser Reichweite (Haupttheorien, grand theories) sind vermutlich immer so angelegt, dass die „Ross und Reiter“ nicht nennen. “

        Haupttheorien haben nur einen Sinn, wenn sie sich vom allgemeinen zum speziellen auch konkretisieren lassen, also eine „Anwendung“ der Theorie auf konkrete Beispiele auch geschieht und dadurch zu Ergebnissen bzw. Erkenntnissen führt.

        Also denke ich mal weiter:
        Eine liberale, wie wir so schön sagen, „freiheitlich-demokratische“ Gesellschaft wird diese Diskurskontrolle so ausüben, dass die Meinungsfreiheit gewahrt bleibt, also nicht möglich ist, dass eine Gruppe oder Ideologie die Diskursmacht dazu benutzte, andere Meinungen zum schweigen zu bringen. Eine so ausgeübte Diskurskontrolle sichert die Werte der Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit ab.

        Das geschieht aber gegenwärtig in vielen Diskursen gerade nicht. Vielmehr ist das Muster allgegenwärtig, Diskursmacht dadurch ausüben zu wolen, indem man abweichende Meinungen zum schweigen bringt. Eine pseudo-demokratische Elite kontrolliert Diskurse paternalistisch nach ihrem Gutdünken und verhält sich dabei eher totalitär als freiheitlich-demokratisch oder rechtsstaatlich.

      • @maddes8cht

        Du schreibst:
        „Dass die „gewissen Prozeduren“ mit besagten Aufgaben zumindest von realen Mitgliedern dieser Gesellschaft getragen und abgesichert werden, nämlich indem sie gegen abweichende, „gefährliche“ Richtungen des DIskurses sanktionierend eingreifen.“

        Ich würde mal behaupten, diese Aussage von Dir hätte Foucault zu Beginn der 1970er Jahren, als er seine Sätze schrieb, so nicht unterschrieben bzw. nicht akzeptiert.
        Foucault kommt stark vom Strukturalismus her, insbesondere Althusser dürfte einen grossen Einfluss auf ihn ausgeübt haben, aber natürlich auch die anderen Strukturalisten wie Levi-Strauss etc. Der Strukturalismus kennt quasi kein autonomes Subjekt oder ist eben keine Handlungstheorie und ist auch keine Theorie, die Akteure und Struktur quasi „dialektisch“ integriert. Für Foucault ist der Diskurs „überinidividuell“ und auch die Machtbeziehungen, die den Diskurs einschränken, kanalisieren etc. sind mal a priori überindividuell. Beim Strukturalismus sind somit nicht die Akteure/Mitglieder wichtig, sondern die Beziehungen/Relationen und die überindividuellen Strukturen.
        Ich komme dann ein anderes Mal noch zu Deinen anderen Punkten zurück.

    • @ Mark „Nun, ich glaube, der Feminismus insgesamt hat natürlich schon auch eine sogenannte Basis: Ich würde mal plakativ sagen, dass dies das urbane (städtische) links-mitte-Milieu ist, vor allem mit viel kulturellem Kapital.“ Das ist gerade das Milieu, das ich auch ziemlich gut kenne. 🙂

      In unserem Kollegium wählen, grob geschätzt, wohl etwa 75% rot oder grün. Doch auch hier hat der Feminismus keine klare Basis. Was sicher richtig ist: Offene Kritik daran ist verpönt, wirkt verbissen, irgendwie schräg – aber zugleich ist der Anteil derjenigen, die sich selbst als feministisch bezeichnen, sehr gering. „Basis“ bedeutet hier also eher „Kritiklosigkeit“, nicht unbedingt „engagierte Unterstützung“.

      Das betrifft dann Positionen wie die vom Gender Pay Gap, die ohne große Überlegung übernommen werden. Oder die Vorstellung, das Frauen allgemein Opfer gesellschaftlicher Strukturen seien, es irgendwie schwerer hätten als Männer. Mein Endruck ist: Feminismus wird gewissermaßen immer aus den Augenwinkeln wahrgenommen – gehört irgendwie dazu – aber er gerät nie wirklich in den Fokus, weder in offener Unterstützung noch in offener Kritik.

      Ich habe mal einen Kollegen, der in der GEW sehr aktiv ist, gefragt, wie eine solche Schrift wie „Bildung von Geschlecht“ überhaupt möglich war. Die lädt ja alle Verantwortung für die schulischen Nachteile von Jungen bei den Jungen selbst ab – soweit sie diese Nachteile überhaupt anerkennt und nicht wegredet. Er sagte, dass Feministinnen eben häufig sehr aggressiv auftreten würden und niemand so recht Lust hätte, sich mit ihnen anzulegen.

      Irgendwie verständlich, weil das ja nicht nur Konfliktbereitschaft erforderte, sondern auch die Bereitschaft, sich offen als frauenfeindliches Arschloch präsentieren zu lassen. Unverständlich wird es spätestens allerdings dann, wenn ich daran denke, dass hier Erwachsene über Kinder reden – und nichts Besseres zu tun haben, als Nachteile und Schwierigkeiten dieser Kinder klein- und wegzureden, damit bloß nichts daran geändert wird.

      Die „Basis“ im Milieu der linken bildungsbürgerlichen Mitte besteht also vor allem darin, dass hier Menschen die Klappe halten und sich die gängigen Positionen von Feministinnen lieber gar nicht genauer anschauen, schon gar nicht kritisch. Daher meine ich meine These schon ernst: Eigentlich hat der heutige Feminismus überhaupt keine Basis mehr, sondern hält sich durch seine Verklammerung in Institutionen. Eben wie ein Zombie, der eigentlich schon eine ganze Weile tot ist, der aber – hier: dank seiner institutionellen Absicherung und Stützung – trotzdem noch durch die Gegend läuft.

      Ich glaube, dass der enorme und sofortige Erfolg des Aufschrei – die ungeheure Bereitschaft von Medien und Politik, sich diesen Aufschrei distanzlos zu eigen zu machen – nur vor diesem Hintergrund verständlich wird.

      • @Schoppe

        Bei uns in der Schweiz hat es in urbanen städtischen Zentren eine gewisse Zeit lang eine Partei gegeben, die nannte sich „Frauen macht Politik“. Diese Partei ist vor einigen Jahren dann auch sang- und klanglos verschwunden, hat sich also aufgelöst, weil offenbar die Basis fehlte. 🙂
        Aber gut, ich schätze die Lage doch ein bisschen anders ein als Du, kann aber auch gut sein, dass ich mich mit meiner Einschätzung täusche.

        Interessant ist natürlich, wenn man die Schweiz und z.B. Deutschland vergleicht: Im Gegensatz zu Deutschland haben wir hier in der Schweiz eine halbdirekte Demokratie (können also doch bei vielen Sachfragen, falls dies der Souverän wünscht, mitentscheiden), und die Schweiz ist kein EU-Mitglied. Ich würde nun behaupten, dass diese zwei Umstände sehr entscheidend sind, dass sich Deutschland und die Schweiz hinsichtlich des Gendermainstreaming’ (und was alles damit zusammenhängt) unterscheidet. Weil Gendermainstreaming ist m.E. top-down von der EU auf die EU-Mitgliedstaaten implementiert worden und ist somit eben institutionell in Deutschland sehr stark verankert im Vergleich zu der Schweiz. Die direktdemokratischen Elemente in der Schweiz machen es zudem zusätzlich schwierig, dass sich Gendermainstreaming quasi über die Köpfe der Bevölkerung hinweg in den Institutionen verankern kann, weil direktdemokratische Elemente verlangen ja gerade nach einem Souverän oder einer Basis, die solche Institutionalisierungen auch demokratisch absegnet. Von daher würde Deine These doch gut passen.

  • Der Schwimmlehrer, der alle Mädchen im Kurs zur Begrüßung auf den Mund küsste – die jeweils jüngste mit Zunge #aufschrei

    Das ist doch gelogen. Ein Schwimmlehrer, der sich das rausnimmt wäre mit einem Wort: Erledigt.

    @Schoppe: Danke für diese Analyse.

    • Danke wieder mal für den tollen Artikel.
      Dennoch stellt sich bei mir ein eigenartikges Gefühl beim Lesen ein, das ich bei Deinen Artikeln sonst grade nicht erlebe:

      Beim Schrupp-Artikel, den Ausführungen über das eigenartige Verhältnis zu Rechtsstaatlichkeit und dem dahinter stehenden doppeldenk finde ich Deine Ausführungen geradezu zwingend entlarvend.

      Eigentlich hätte ich gedacht, dass dies bei Anne Wizorek noch leichter hätte sein müssen.

      Aber bei
      „Beide Texte hätten allerdings einfach als Ausdruck eines speziellen Problems verstanden werden können: als Hinweis auf das Selbstverständnis einiger männlicher Politiker, sich als Gegenleistung für den Zugang zu Informationen oder zu exklusiven politischen Zirkeln sexuelle Grenzverletzungen gestatten zu können.“ geht es mir durchaus so, dass ich einen imaginären außenstehenden unbeteiligten Leser verstehen kann, der sich eher dazu überzeugen lässt:
      Der Schoppe verleugnet und bagatellisiert hier die Allgemeingültigkeit des Phänomens.

      Das bleibt mir ein bisschen als Gesamteindruck.

      Wäre zu Anne nicht auch zu sagen gewesen:
      Ihre dünne argumentative Qualität, mal ganz unabhängig von der dürftigen sprachlichen Qualität z.B. ihres Büchleins, die sich weitgehend im anekdotischen erschöpft, aber keine belastbaren Quellen und Zahlen kennt, zumindest keine, die nicht anderweitig längst als unseriös oder falsch zerpflückt wurden?
      Die Demagogie und Einseitigkeit ihrer Argumentation?
      Und letztlich:
      Die Bagatellisierung und Herabwürdigung der entsprechenden Erfahrungen von Männern – durch das entsprechende Framing im feministischen „narrativ“, in dem es sowas für Männer nicht gibt.
      Du erwähnst, wie sie das macht, dass es aus ihrer Sicht nur ein „durchschaubarer Versuch, vom eigentlichen Thema abzulenken“ sei, und dass es eine „Einschränkung des sexismusbegriffes“ sei – aber dass damit eine konkrete bagatellisierung und herabwürdigung der Erfahrungen von Männern einhergeht, ein zum schweigen bringen betrieben wird, hätte ich schon noch erwähnenswert gefunden.
      (Wobei mein Gedanke meinerseits eben auch sehr stark von der Idee der eher unbeteiligten „Mitleser“ geprägt ist, die am ehesten diejenigen sind, die argumentativ erreichbar und überzeugbar sind, und denen eben genau dieser Gedanke durchaus erst mal fremd ist und ziemlich explizit nahegebracht werden sollte)

      P.S.

      eine Perle dieses Artikels, der erst so richtig in den Kommentaren ausgegraben wurde, ist die Idee vom „Eingleisen“ (einspuren?) von Diskussionen – von vorgegebenen Grenzen, die nicht verlassen werden dürfen, ohne sofort sanktioniert zu werden.

      • @ maddes8cht „Der Schoppe verleugnet und bagatellisiert hier die Allgemeingültigkeit des Phänomens.“ Ja, das kann sein, das der Vorwurf kommt. Das gilt aber für alle Überlegungen, die das Gesagte relativieren und in Zusammenhänge einbauen könnten, die nicht allein mit dem Nachweis eines universellen antiweiblichem Sexismus zu tun haben.

        Ich hab mal eine kurze Diskussion darüber gehabt, dass Männer doch oft ganz ähnliche Erfahrungen machen würden wie viele der Erfahrungen, die Frauen beim Aufschrei aufschreiben. Die Antwort war, diese Aussage würde Gewalt relativieren.

        Dass nicht relativiert, also in neue Zusammenhänge gesetzt werden darf, ist nicht RESULTAT der Aufschrei-Überlegungen, sondern ihre GRUNDLAGE. Jedes Herstellen solcher Zusammenhänge, und sei es noch so vorsichtig formuliert, könnte mit dem Vorwurf rechnen, hier würden extreme Erfahrungen bagatellisiert.

        Eben das ist aber eine Position, die aus einem ganz anderen Zusammenhang stammt und die auch nur dort einen Sinn ergibt: aus Diskussion um die Erinnerung an die Massenmorde in Konzentrationslagern. Da hat die Frage der Singularität der Gewalt schon lange einen festen Platz (und wird auch dort übrigens unterschiedlich beantwortet).

        Ganz gleich, wie die Aufschrei-Erfahrungen einzuschätzen sind: Es ergibt keinen Sinn, sie unter dem Gesichtspunkt einer solchen Singularität zu betrachten. Angreifbar, und zwar in hohem Maße, sind eher die, die das fordern.

        Zu Anne Wizorek: Ich glaube, dass tatsächlich recht wenige daran interessiert sind, was Wizorek denkt und zu sagen hat. Sie hat ihre Bedeutung als medial zentrale Figur des Aufschrei. Dessen Strukturen zu analysieren finde ich daher wichtiger, als auf die großen Schwächen von Wizoreks Texten hinzuweisen, die ja auch andere – bei den amazon-Rezensionen von Arne Hoffmann und anderen zum Beispiel – schon deutlich gemacht haben.

    • „Das ist doch gelogen.“ Das ist ja der Witz – oder einer der Witze – beim Aufschrei. Die einzelnen Angaben sind niemals überprüfbar. Ihr Wahrheitsnachweis erfolgt nicht empirisch, sondern moralisch: Wer ihnen nicht glaube, mache die Opfer ein zweites Mal zum Opfer und beteilige sich an Gewaltstrukturen.

      Natürlich ist das zirkulär – ob die Opfer wirklich Opfer sind, entscheidet sich ja eben daran, ob die gemachten Angaben stimmen oder nicht…

      Abgesehen vom Einzelfall, bei dem es sinnlos ist zu rechten, ob das nun so geschehen ist oder nicht (man hat ja gar keine Anhaltspunkte): Strukturen gib es nach meiner Efahrung nicht wieder. Es gibt durchaus Lehrkräfte, die sich Grenzverletzungen erlauben, auch sexualisierte, ohne dass ihnen etwas passiert. Aber dass ein Lehrer rituell Zungenküsse mit den jüngsten Schülöerinnen pflegt, und alle anderen küsst – das hätte an allen mit bekannten Schulen erhebliche Folgen für ihn. Gerade das, was suggeriert werden soll, eine grenzenlose und strukturelle männliche Willkür und weibliche Verfügbarmachung nämlich, lässt sich mit so einem Beispiel sicher nicht begründen.

  • Für Wizorek ist ihre feministische Haltung Broterwerb. Dementsprechend hat sie sich mit anderen Firlefanzwerkern allüberall verbunden, die auf ähnliche Art ihr Geld verdienen. Von daher betrachtet ist ihr Aufschreiprojekt, wie Sie zurecht sagen, ihr „Bett im Kornfeld“. Das ihre weiteren Projekte, wenn auch nicht mehr Hit, doch einträglich waren, liegt daran, dass Wizorek für Reklicks gut ist. Berichten die Mainstreamer über sie, können sie mit entsprechenden Klicks rechnen und ihre Werbeeinnahmen damit erhöhen. Wizoreks Feminismus ist hier nur der Teaser. Der Inhalt bleibt zweitrangig. Hauptsache die Klickrate steigt.

    Zum anderen sind Massenphänomene wie Aufschrei immer auch autopoietisch, indem sie ihren Teilnehmern allein durch die Teilhabe Bedeutung verleihen. Bei Aufschrei mitzutwittern, erhöhte zweifellos den Serotoninspiegel. Antworten auf seinen Beitrag zu erhalten, steigerte ihn noch mehr. – Man ist dabei, wie bei einer Weltmeisterschaft oder bei einem Festival. All das vermehrt die Klickrate und vermittelt dem Bedeutungslosen Bedeutung.

    Dass die Wirklichkeit für eine Wizorek eindimensional ist, ist wie bei allen Ein-Themen-Ereignissen zwingend. Die Wirklichkeit ist das autopoietisch entstandene Konstrukt einer sich formenden Gemeinschaft. Sie ist nur innerhalb ihres Systems real; weswegen die Binnensicht des Echoraumes nicht aufgegeben werden darf. So vermeidet man, in einem Solipsismus stecken zu bleiben. Der Austausch mit anderen Eindimensionalen ist somit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch für die Stabilität der sozialen Konstruktion von erhaltender Bedeutung.

    Als einen gesellschaftlichen Beitrag vermag ich Wizoreks tun nicht zu erkennen. Es bleibt für mich ein narzisstisches Tun, das nur aufgrund der günstigen Umstände (ähnliche neurotische Multiplikatoren) derzeit nachhaltig erscheint. Ob es so bleiben wird, wird sich zeigen. In jedem Fall ist es ein sehr begrenztes und überschätztes Phänomen; auch wenn es insgesamt Milliarden an Euro verschlingt und viel menschliches Leid verursacht. Gerade deshalb birgt es auch – wie wir alltäglich sehen können – eine derart immense gesellschaftliche Sprengkraft in sich.

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