Geschlechterpolitik

Das Böse der Banalität

Gershon
geschrieben von: Lucas Schoppe

Wie die taz den Holocaust genderpolitisch entsorgt

Fritz Stern, US-amerikanischer Historiker deutscher Herkunft, war zwölf Jahre alt, als er mit seiner jüdischen Familie aus seiner Heimatstadt Breslau floh – im September 1938, gerade noch rechtzeitig vor den Pogromen gegen Juden in der Nacht vom 9. zum 10. November. Später studierte er an der Columbia University in New York, wurde dort Professor, kehrte aber für Gastprofessuren in Berlin, Konstanz, Mainz und Jena nach Deutschland zurück. Seine Werke über die deutsche Geschichte, aber auch sein Engagement in zeitgeschichtlichen und politischen Fragen machten ihn weltweit berühmt.

Im Alter von neunzig Jahren starb er im Mai 2016 in New York. In einem scharfen, seltsamen Kontrast zu den respektvollen Abschieden von Stern, die weltweit veröffentlicht wurden, stand ein kleiner Kommentar in der öffentlichen Facebook-Gruppe kritische geschichte. Dort schrieb die Historikerin Anka (meist: Anna) Hájkova, die an der englischen Universität von Warwick lehrt und die gerade als Gastwissenschaftlerin in Erfurt arbeitet:

hajkova-stern

Der Kommentar war nicht nur bewusst verletzend und pietätlos, sondern wirkte auch unmotiviert, weil nicht erkennbar ist, was Fritz Stern Hájkova denn eigentlich getan hatte – abgesehen von der Tatsache, dass er ein weißer straighter alter Mann gewesen war.

Ein kurzer Essay, den Hájkova gerade am 5. September in der taz veröffentlicht hat, kann helfen, ihre so scharfe und gewaltsame Reaktion auf den Tod Sterns zu erklären. Ihr Text Warum wir eine queere Geschichte des Holocaust brauchen zeigt zugleich auch, dass ein gendertheoretischer Ansatz politisch vielfältig funktionalisiert werden kann – auch für Schlussstrich-Bedürfnisse bei der Erinnerung an den Holocaust.

 

Wie Frau Hájkova Frauen zum Verschwinden bringt

„Es sind die Männer, die Geschichte als die Vergangenheit von ebenfalls Männern bestimmen.“

Das gelte, so Hájkova in ihrem taz-Essay, gerade auch für die „patriarchalen Normen der Lagergesellschaften“, die es bewirkt hätten, dass verhältnismäßig wenige Frauen ihre Erinnerungen niedergeschrieben hätten.

„Wenn sie es doch taten, wurden ihre Memoiren nicht kanonisch wie die der Männer.“

gershon_apfel_04-min

Hájkova begründet das mit genau einem Beispiel: Liana Millus Rauch über Birkenau sei erst 1998 in einer deutschen Übersetzung erschienen, obwohl die italienische Holocaust-Überlebende ihre Erinnerungen ebenso wie Primo Levi, mit dem sie befreundet war, direkt nach dem Krieg geschrieben habe. Levis Erinnerungen hingegen seien sogleich kanonisch geworden. Die Erfahrungen von Frauen aber, so Hájkova, „galten als nicht wichtig“.

Die autobiographischen Texte des Chemikers Primo Levi sind gekennzeichnet durch eine nie gelöste Spannung zwischen der Distanzierungsfähigkeit des Naturwissenschaftlers und der überwältigenden persönlichen Erfahrung, von der er erzählt. Die Kapitel von Das periodische System beispielsweise, die eine persönliche und familiäre Geschichte Levis erzählen, sind jeweils mit den Namen chemischer Elemente überschrieben.

Dass sich aber die Kanonisierung dieser Texte ihrer literarischen Qualität und nicht der Geschlechtszugehörigkeit des Autors verdankt, wird von Hájkova nicht einmal erwogen – so wie sie auch nicht erwähnt, dass Millus Schrift keineswegs verschwiegen wurde, sondern wie Levis Ist das ein Mensch? bereits im Jahr 1947 auf Italienisch erschien.

„Aber wer Zeugnis geben durfte, war eine machtpolitische Entscheidung.“

Von wem diese Entscheidung getroffen wurde, und nach welchen machtpolitischen Interessen, erläutert Hájkova nicht – es bleibt bei dem raunenden Vorwurf, dass überlebende und andere Männer, irgendwie, überlebende Frauen zum Schweigen gebracht hätten. Das projiziert Gemeinplätze heutiger Debatten in die Zeit des Holocaust und die Nachkriegszeit hinein und verfehlt viele Realitäten.

Das Schweigen über die eigene Erfahrung, ein durchgängiges Muster vieler Familiengeschichten von Holocaust-Überlebenden, war mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einfach ein Ausweis der Marginalisierung bestimmter Gruppen (Frauen, Homosexuelle), sondern eine Überlebensstrategie. Sich einem massiven, unbeherrschbaren Trauma durch seine Erzählung wieder und wieder auszusetzen, ohne es doch kognitiv einfangen zu können, ist eben eher Belastung als Befreiung.

Viele Überlebende haben sich erst sehr viel später offen mit ihren Erfahrungen auseinandergesetzt, nachdem sie in der Zwischenzeit über viele Jahre hinweg wieder Erfahrungen in zivilen Kontexten gesammelt hatten. Ignatz Bubis hat beispielsweise berichtet, wie er Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg Treblinka besuchte, wo sein Vater ermordet wurde – die Erfahrung war für ihn auch dann noch so belastend und erschütternd, dass er sie nie wiederholt hat.  Ruth Klüger  war über 60 Jahre alt, als 1992 ihre Autobiografie weiter leben erschien, in der sie von ihrer Erfahrung als jüdische Schülerin in Wien, als Kind in Auschwitz und als überlebende Emigrantin in der Nachkriegszeit erzählt.

Klügers Buch ist längst ein zentrales Werk in der Erinnerung an die Konzentrationslager und sicherlich eine der wichtigsten deutschsprachigen Autobiografien des zwanzigsten Jahrhunderts. Seinen großen Erfolg hatte es auch der dringenden Fürsprache Marcel Reich-Ranickis zu verdanken, der es im Literarischen Quartett überschwänglich lobte – die ausdrücklichen feministischen Position Klügers störten den wichtigsten Patriarchen des deutschen Literaturbetriebs dabei offenkundig überhaupt nicht. Da der Text vor fast 25 Jahren publiziert wurde, hätte Hájkova durchaus Gelegenheit gehabt, ihn in der Zwischenzeit zur Kenntnis zu nehmen.

Doch nicht nur in diesem Fall lässt sich die Suggestion, weibliche Holocaust-Überlebende seien von männlichen Holocaust-Überlebenden zum Schweigen gebracht und marginalisert worden, nicht aufrecht erhalten. Das erste und lange Zeit bleibende ikonische Werk über die Verfolgung und den Massenmord der europäischen Juden, über viele Jahre und in vielen Ländern eine gängige Schullektüre, ist ein Zeitzeugnis einer AutorinAnne Franks Tagebuch, das vor der Verhaftung und Deportation ins Konzentrationslager abbricht. Einer der ersten wichtigen Romane über Verfolgung und Massenmord wurde ebenfalls von einer Autorin geschrieben, Ilse Aichingers Die größere Hoffnung. Cordelia Edvardssons Gebranntes Kind sucht das Feuer  oder Grete Weils Tramhalte Beethovenstraat sind schon seit Jahrzehnten einschlägige Texte der Erinnerung an den Holocaust.

amsterdam_anne_frank-min

Von einer Frau stammen auch die grundlegenden Texte einer Auseinandersetzung mit dem Holocaust auf der Ebene einer politischen Theorie: Hannah Arendt analysiert in dem großen Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft den Terror Hitlers und Stalins. In Eichmann in Jerusalem reflektiert sie anlässlich des Prozesses gegen ihn über Adolf Eichmann und prägt schon im Untertitel ihres Textes die berühmte Formel von der „Banalität des Bösen“.

Dies sind nur einige Beispiele. Hájkova muss also viele wesentliche Beiträge von Frauen ignorieren, um die Behauptung aufrecht erhalten zu können, Beiträge von Frauen seien ignoriert worden.

 

„Keine einzige jüdische homosexuelle Stimme“

Ähnliches gilt für Homosexuelle.

„Die Geschichten homosexueller jüdischer Opfer wurden nicht erzählt, weil moralische Normen vorgeben, was überliefert wird und was nicht. Unsere Zivilisation diktiert, dass wir uns mit dem Erzähler identifizieren können müssen; mit einer devianten Person können wir es aber nicht, denn soziale Devianz stellt Abscheu her.“

Wieder bleibt offen, wer denn hier eigentlich die Normen diktiert, die einerseits zur Identifikation verpflichten und andererseits Homosexuelle als nicht identifikationsfähig hinstellen würden.

„Es gab schwule und lesbische jüdische Deportierte; sie durften allerdings kein Zeugnis hinterlassen“,

behauptet eine Ankündigung für einen Vortrag Hájkovas im Schwulen Museum in Berlin. Wer genau ihnen das verboten habe, bleibt unklar – es habe jedenfalls „unter den zehntausenden Zeugnissen der Holocaustüberlebenden keine einzige jüdische homosexuelle Stimme“ gegeben.

Schon die Kommentare zu der Ankündigung listen dann einige homosexuelle und jüdische Überlebende auf, die über ihre Erfahrungen in den Konzentrationalgern berichtet haben. Zumindest Gad Becks Und Gad ging zu David aus dem Jahr 1995 hätte Hájkova auch ohne weitere Recherchen bekannt sein können, dazu Jerry Rosensteins Ein gutes Leben ist die beste Antwort (aufgeschrieben von Friedrich Dönhoff)  oder Walter Guttmanns Ich wollte es so normal wie andere auch.

Die selbstverständliche Überzeugung, dass eine männliche heterosexuelle Ordnung Homosexuelle allesamt als „deviant“ marginalisiert und verfolgt habe, kaschiert zudem die wesentlichen Unterscheide zwischen männlichen und weiblichen Homosexuellen im Nationalsozialismus. Gudrun Hauer von der Homosexuellen Initiative Wien schreibt, die Behauptung könne nicht aufrecht erhalten werden könne, dass lesbische Frauen „gleichermaßen eine Opfergruppe des Nationalsozialismus waren wie etwa homosexuelle Männer.“  

denkmal für die im nationalsozialismus verfolgten homosexuellen

Die queere Geschichte des Holocaust, die Hájkova fordert, kommt ganz ohne die Information aus, dass homosexuelle Männer, nicht aber lesbische Frauen im Nationalsozialismus verfolgt, in Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden. Die Autorin wiederholt damit die Geschichts-Verzerrung, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen Frauen ebenso wie Männern zu widmen.

Eigentlich wäre die Titelfrage danach, warum wir eine queere Geschichte des Holocaust brauchen, leicht zu beantworten: weil es möglicherweise spezifische Erfahrungen Homosexueller gibt, in der Geschichte der nationalsozialistischen Massenmorde selbst und in der Erinnerung daran.

Es geht allerdings in Hájkovas Text überhaupt nicht darum, eine Geschichte der Verfolgung Homosexueller mit Hilfe der Erinnerungen an sie zu rekonstruieren. Es geht auch nicht darum, die Publikations- und Rezeptions-Bedingungen von Texten weiblicher Überlebender realistisch zu beschreiben. Der Text bleibt stehen bei der Behauptung, Frauen seien in einer männlichen und Homosexuelle in einer heterosexuellen Ordnung marginalisiert worden. Welchen Sinn aber hat er dann?

 

Holocaust und Überraschungseier

Genderpolitische Ansätze beschränken sich allgemein nicht auf die bekannte Selbstverständlichkeit, Geschlechter als soziale Kategorien zu verstehen. Dass Männer und Frauen sich nicht nur durch ihre Biologie unterscheiden, sondern auch durch soziale Erwartungen an sie, wird ohnehin kaum jemand ernsthaft bestreiten.

Genderpolitik und –theorie gehen allerdings fast durchgehend und stillschweigend von sehr viel weiter gehenden Voraussetzungen aus. Sie verstehen Geschlechterkonstruktionen nicht im Hinblick auf ihre vielfältigen möglichen Funktionen, sondern im Anschluss an Butler als Herrschaftskonstruktionen. Die heterosexistische Ordnung basiere auf der Herrschaft von Männern über Frauen, von Heterosexuellen über Homosexuelle – und sie würde diese Herrschaft zugleich auch reproduzieren.

Diese Verknüpfung von Geschlecht und Herrschaft durchziehe sämtliche Bereiche der Gesellschaft, sei omnirelevant und lasse sich sogar, und gerade, in den vermeintlich objektiven Wissenschaften wiederfinden. Kurz: Geschlecht sei ebenso ein Ausdruck wie eine Basis von Herrschaft – Machtmechanismen hätten, so auch Hájkova, einen „gegenderten Charakter“ („gendered character of power mechanisms“).

Omnirelevanz aber ist eigentlich ein religiöse Kategorie – eine Qualität Gottes. In wissenschaftlichem oder politischem Kontext hat dieser Begriff vor allem eine beträchtliche Beliebigkeit zur Folge. Ob es nun um rosafarbene Überraschungseier geht, um breitbeinig in der U-Bahn sitzende Männer oder um den Massenmord an den europäischen Juden: Jeweils gelangen gendertheoretische Überlegungen zu denselben Schlüssen, die zufälligerweise in jedem Fall identisch sind mit den immer schon vertrauten Vorannahmen. Männer marginalisierten Frauen, Heterosexuelle marginalisierten Homosexuelle.

Wird aber die Erinnerung an den Holocaust mit diesem Mechanismus traktiert, dann hat das noch eine andere Konsequenz als eine erneute Bestätigung des Immer-Schon-Gewussten. Grundsätzlich gibt es nämlich zwei Möglichkeiten, den Massenmord an den europäischen Juden in eine Beziehung zur zivilen modernen Gesellschaft zu setzen: als Bruch damit oder als konsequentes Extrem von ihr.

Als Zivilisationsbruch hat etwa Hannah Arendt den Holocaust erlebt, und sie beschreibt die ersten Informationen darüber als einen grundlegenden Schock. Anders, zum Beispiel, Theodor Adorno: Er interpretiert den industrialisierten Masssenmord in einer Kontinuität zur modernen Zivilisation, als extreme Ausprägung der Verdinglichung in einer Warengesellschaft. Die Pointe beider Sichtweisen aber ist dieselbe: Der Holocaust ist abgründig, eine bleibende Beunruhigung – sei es als Bruch der Zivilisation, die damit als fragil erscheint, oder als eine Konsequenz von ihr, mit der die Zivilisation selbst abgründig wird.

In der genderpolitischen Interpretation ändert sich das. Hier wird der Schrecken des Holocaust gespiegelt im immer schon Bekannten, in einfachen, vielfach eingeübten, vertrauten und klischeehaften Gemeinplätzen und Argumenten. Die Herrschaft, die Hájkova interessiert, ist nicht die der nationalsozialistischen Massenmörder – es ist die Herrschaft diffus bleibender Strukturen, die diktieren würden, dass die Erinnerungen männlicher Überlebender ins Deutsche übersetzt werden und die Erinnerungen weiblicher Überlebender nicht, oder dass Homosexuelle überhaupt nicht über die Konzentrationslager schreiben könnten.

 

Schlussstriche und Triumphgesten

Sachlich ist das natürlich nicht haltbar, sogar irreal – diskursstrategisch aber ist es durchaus wirkungsvoll. Schon seit Jahrzehnten ist es eine wesentliche Frage von Kultur- und Geschichtswissenschaftlern, wie die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen nach dem Tod der letzten Zeitzeugen aufbewahrt bleiben kann. Der Kulturwissenschaftler und Ägyptologe Jan Assmann erläutert dazu schon in den Neunziger Jahren in einem Interview, dass „das Ende der Zeitzeugengeneration immer eine Schwelle“ darstelle, und er erklärt damit, dass viele Zeitzeugen, „ihren nun absehbaren Tod vor Augen, Zeugnis abzulegen“ begonnen hätten.

Hájkova wiederum schreibt noch einmal zwanzig Jahre später und zählt sich zu einer

„Handvoll von Holocaust-Historiker_innen, (…) die nach den fehlenden Geschichten suchen“.

Das hört sich gut an und wäre noch besser, wenn Hájkova die fehlenden Geschichten nicht selbst versteckt hätte, um die immergleiche Geschichte von männlicher Dominanz und weiblicher Marginalisierung auch am Beispiel des Holocaust noch einmal erzählen zu können.

Das Resultat: Hier werden die Abgründigkeiten des Massenmordes gespiegelt in den Banalitäten einer gegenwärtigen Identitätspolitik, zu deren größten nur vorstellbaren Schrecken es etwa gehört, dass ein Mensch zu einer wichtigen Gelegenheit ein unpassendes Hemd tragen könnte.

Eine „Hierarchisierung der Opfer“ und „mangelnden Respekt“ hätten manche Kritiker den „feministischen Forscherinnen“ vorgeworfen, empört sich Hájkova – und zumindest in ihrem eigenen Fall ist das durchaus komisch. Denn als Historikerin weiß sie gewiss, dass sie sich mit ihrer demonstrativen Triumphgeste zum Tode Sterns bei den schlimmsten Mustern der ohnehin abstoßenden antisemitischen Rhetorik bedient.

Der offene Triumph anlässlich des Todes von Überlebenden ist eigentlich ein sicheres Erkennungszeichen Rechtsradikaler. Unrecht waren in ihrer kranken Perspektive nicht Verfolgung und Massenmord – Unrecht war das Überleben. Wenn nun ein Jude, der aus ihrer Sicht von Rechts wegen eigentlich längst hätte tot sein müssen, nach Jahrzehnten tatsächlich gestorben ist – dann ist in der gewaltverliebten antisemitischen Logik endlich eine Ordnung wiederhergestellt, die durch das Überleben gestört worden war.

Auch Fritz Stern wäre, wenn seine Familie sich nur wenig später zur Emigration entschlossen hätte, mit einiger Wahrscheinlichkeit schon seit mehr als siebzig Jahren tot gewesen. Hájkovas offene Geste des Triumphs zu seinem Tod im Jahr 2016 ist nicht nur Ausweis einer pathologisch anmutenden Verrohtheit, sondern auch ein demonstrativer Tabubruch. Sie zeigt vor, dass ein Gefühl der Scham und der Schuld gegenüber dem jüdischen Menschen, der in der Emigration überlebt hat, nicht mehr notwendig wäre, und Respekt gegenüber seiner Lebensleistung schon gar nicht – wichtig sei viel mehr als das die Tatsache, dass Stern ein weißer, alter, heterosexueller Mann war.

Die gängigen Kategorien der Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen, Juden vs. Antisemiten oder Demokraten vs. Faschisten, werden damit abgelöst durch die Kategorien ritueller gegenwärtiger Herrschaftsunterstellungen: Frau vs. Mann, Homosexuelle vs. Heterosexuelle. Hájkova demonstriert mit ihrem Tabubruch, dass sich heutige Generationen nicht mehr von den Erinnerungen der Überlebenden dazwischenreden und dass politische Frontstellungen der Gegenwart sich nicht mehr stören lassen sollten von einer Vergangenheit, die nicht vergeht.

Gender-Politik wird damit zum Instrument von Schlussstrich-Bedürfnissen, die gar keine ausdrückliche Schlussstrich-Debatte mehr brauchen. Gender-Ansätze stehen zwar, natürlich, nicht an sich schon rechtsaußen. Durch die unkritische und unreflektierte Selbst-Einschätzung ihrer Protagonisten als „emanzipatorisch“ und die rituelle Diskreditierung ihrer Kritiker als „reaktionär“ sind Gender-Politiken aber besonders gut geeignet, sogar rechtsradikalen Positionen einen Anschein der Legitimität zu verleihen – ihnen gleichsam Persilscheine auszustellen.

Faschistoid nämlich sind selbstverständlich immer nur die anderen.

RSS
Follow by Email
Google+
https://man-tau.com/2016/09/10/das-bose-der-banalitat/
PINTEREST
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

42 Comments

  • Es gibt ja die unterschiedlichsten Ansätze. Da wird der Holocaust kleingeredet, über die Zahlen, dann schlichtweg im Ganzen abgestritten. Die perfideren Varianten ziehen dann die Juden rein und stellen sie als die Drahtzieher des Holocaust hin. Ist natürlich diese Elite, die verschworen alle Strippen der Welt zieht, wie könnte es in der Weltanschauung des Antisemiten auch anders sein. Aber was Hájkovas „Theorie“ leistet ist sogar jenseits dessen. Über die überhaupt schon von vorneherein wahnsinnige Vorstellung, Macht würde nur über Sexualität ausgeübt, weist sie darauf hin, dass die allermeisten Opfer des Holocaust auch irgendwie Täter gewesen sein müssen und reduziert damit die „wahren Opfer“ auf eine Schar von „Queers“. Herrn Sterns Verscheiden kann sie dann als einen weiteren „Täter“ oder Schuldigen auffassen und das rechtschaffen bejubeln.
    Das ist wirklich die abartigste Holocaustleugnung, dieser Ansatz von Hájkova, die mir je bekannt wurde. Eigentlich ist sie im Ansatz von Butler und ihrem Genderismus schon von vorneherein mitgedacht und musste nur noch enthüllt werden.

    Es ist wirklich noch viel wahrer, dass im Banalen das Böse steckt bzw sich versteckt als dass das Böse banal wäre. Das „Böse der Banalität“, das muss es wohl sein, was Arendt mit ihrer „Banalität des Bösen“ eigentlich gemeint haben muss.

    Einen ausserordentlich feinen und meisterlichen Essay hast du wieder mal geschrieben, Lucas.

    • @Alex

      Zuerst schließe ich mich deinem Lob an: Ein toller Essay, Lucas!!!

      Deine radikale These: „dass die allermeisten Opfer des Holocaust auch irgendwie Täter gewesen sein müssen und reduziert damit die „wahren Opfer“ auf eine Schar von „Queers“. Herrn Sterns Verscheiden kann sie dann als einen weiteren „Täter“ oder Schuldigen auffassen und das rechtschaffen bejubeln.“ ist so von ihr m.E. noch nicht einmal gemeint.

      Was man ihr völlig berechtigt vorwerfen kann, ist die Konstruktion einer Opferhierarchie.

      Das eigentliche Problem liegt jedoch m.E. in ihrem Kopf, in ihrer paranoiden Wahnvorstellung, die aus ihrer queer-feministischen Theorie hervorgeht.
      Lucas hat ihr ein ums andere mal im Text nachweisen können, ihre Vorwürfe, bspw. schwule, lesbische Erinnerungen des Holocaust würden nicht gehört oder erinnert seien objektiv falsch.

      Aus ihrer subjektiven Empfindung heraus jedoch, die durch ihre „Theorie“ geleitetet ist, kultiviert sie die Unterstellung, einen Generalverdacht, es gäbe eine andere, machtpolitisch bestimmte Realität in der eben diese Stimmen bisher zum schweigen gebracht worden sind.
      Diese Machtpolitik exekutieren – und damit erinnert werden – gemäß dieser Theorie: Weiße Männer (bevorzugt alt und heterosexuell, „Tätergeschlecht“ eben), die für die Exklusion von Menschen, besonders Frauen, mit deviantem Verhalten (lesbisch) sorgen.
      In der Realität und so auch in der Geschichtsschreibung.

      Die feministische Unterstellung ist, dass den weißen, alten, heterosexuellen Männern damit ein unverdientes Privileg zukommt. So weit, so bekannt.

      Der Vorgang selbst aber ist perfide (und ich glaube, ihr ist er gar nicht bewusst):
      Sie selektiert nach dieser biologischen Klassifikation biologisch invarianter Merkmale die Opfer noch einmal neu und konstruiert eine Hierarchie von Opfern, Halb- und Viertel-Opfern, die unterschiedlich würdig sind erinnert zu werden.
      Und zwar nach der Wahrnehmung (Wahnvorstellung) ihrer Position in der Gesellschaft und in der Geschichte durch Hájkova – bloß umgekehrt.

      Aber weiter: Das ableben dieser alten, weißen usw. Männer wird damit perspektivisch zu einer „Revolution“ dieser Geschichtsschreibung führen, in der sich endgültig eine „queere Perspektive“ durchsetzen, die bspw. die Verfolgung von (jüdischen) Lesben im Nationalsozialismus besser beschreiben wird, weil deren Stimmen gehört und erinnert werden.
      Für diese Utopie, die gerechte Sache darf der weiße, alte, heterosexuelle Jude ruhig mal ins Gras beißen (das schöne an weiblichen Utopien: Es sterben nie Frauen für diese).

      So weit also zu den Absichten von Hájkova.

      Das Problem dieser queeren Perspektive ist m.E. erstens die reale Geschichte des Nationalsozialismus selbst. Lesbische Jüdinnen wurden verfolgt, weil sie Jüdinnen waren, Lesben im Nationalsozialismus wurden gar nicht verfolgt.
      D.h. die Umsetzung ihrer „queeren Perspektive“ auf den Nationalsozialismus kann also zweitens mit der realen Geschichte nichts zu tun haben, sondern wird auf Geschichtsfälschung hinauslaufen.
      Man könnte fast sagen, nur aus dem Gefühl der Macht, kann sich die Macht ihrer Gefühle durchsetzen.

      Gruß crumar

      • weiter im Text:

        „Was man ihr völlig berechtigt vorwerfen kann, ist die Konstruktion einer Opferhierarchie.“

        Selbst „nur“ das wäre in Bezug auf die Ermordeten ein übester Relativismus. Oder meist du das wäre moralisch auf der gleichen Stufe, wie ganz x-beliebige, lebende Menschen willkürlich in Täter und Opfer aufzuteilen, in Mann und Frau zB? Oder noch besser, man sucht sich nur die „Queers“ raus und tut den Rest ab (waren ja alles auch letztich nur Unterdrücker). Nein, solch eine Übung an den tatsächlichen Verbrechensopfern, wie der Shoa, zu exerzieren ist ungleich schlimmer. Du hast es später im Text verhaltener und amoralisch formuliert:

        „Sie selektiert nach dieser biologischen Klassifikation biologisch invarianter Merkmale die Opfer noch einmal neu und konstruiert eine Hierarchie von Opfern, Halb- und Viertel-Opfern, die unterschiedlich würdig sind erinnert zu werden.“

        Eigentlich ja nicht nach einer biologischen Klassifikation, die gäbe es ja laut Hohepristerin Butler gar nicht und sei nur „gesellschaftliches Konstrukt“. Was eben letztlich zur Top-Position der „Queers“ in dieser „Opferhierachie“ führt.

        „Das eigentliche Problem liegt jedoch m.E. in ihrem Kopf, in ihrer paranoiden Wahnvorstellung, die aus ihrer queer-feministischen Theorie hervorgeht. ….“

        Das eigentliche Problem ist, was diese Art von Ideologie hier leisten soll: Geschichtsrevisionismus der allerzweifelhaftesten Sorte. Du hast das ja auch anklingen lassen, im Folgenden.

        „Man könnte fast sagen, nur aus dem Gefühl der Macht, kann sich die Macht ihrer Gefühle durchsetzen.“

        Habe ich das jetzt richtig verstanden, sie versucht mit der Ideologie lediglich „Gefühle“ (also ihre eigenen) auszudrücken? Das kann ich nicht sehen, sie folgt ideologisch genau den Vorgaben der Judith Butler und ihrem Genderismus. Hajkova ist doch schliesslich Professorin für das.

      • @Alex

        „Habe ich das jetzt richtig verstanden, sie versucht mit der Ideologie lediglich „Gefühle“ (also ihre eigenen) auszudrücken?“

        Die relativistische Pest in Reinkultur ist m.E. „emotional reasoning“ – das Problem ist nicht, dass sie versucht, diese auszudrücken, sie hält sie für wahr.
        Sie hält sie für wahr, weil sie sie so EMPFINDET.
        Und weil sie sie so empfindet, sind sie WAHR.

        Und wenn du sie mit historischen Fakten festnageln willst, dann bist du eine Reaktionär, der eigentlich nur verhindern will, dass eine alternative Sicht auf die Geschichte erfolgt, deren Sicht du verhindern willst, weil du von der gängigen profitierst.

        Schach. Matt.

        Von der gängigen profitierst du ohnehin durch deine biologische Bestimmung als weißer Mann und durch deine Biologie als weißer Mann bist du bestimmt.
        Wenn du schreibst: „sie folgt ideologisch genau den Vorgaben der Judith Butler und ihrem Genderismus“ kann ich nur schreien.

        Was Butler nie im Leben unterschrieben hätte, ist diese Form eines vulgären Biologismus, der hier zum Ausdruck kommt.
        Butler ist a. selber Jüdin und b. nicht dumm.

        Ich habe bisher noch immer nicht verstanden, wie und warum sich dieses Denken durchgesetzt hat – nimm es mir nicht übel, aber manchmal denke ich einfach nur laut.

        Gruß crumar

      • „Was Butler nie im Leben unterschrieben hätte, ist diese Form eines vulgären Biologismus, der hier zum Ausdruck kommt.“

        Oh, sie versteht sich bestens darin, den Teilen der „progressiven Bewegung“, die doch für das Gute arbeiten würden gegen allen Augenschein höhere Weihen zu erteilen wie der Hamas.

        Wenn die Zeit reif ist, wird sie auch den „vulgären Biologismus“ feiern. Worauf ruht denn die unausgesprochene Grundannahme ihres oevres? Eben auf einem implizierten Evolutionsprozess, der die Welt so gemacht hätte, wie sie sie beklagt.

        Andere, verleichbare „Denker“ drückten sich so aus, in reinem Ästhetizismus, ein berühmtes Zitat aus….

        “ … Strahlungen (1949), in denen Jünger bekanntermaßen bei Burgunder mit Erdbeeren die Stadt Paris unter dem Anflug der deutschen Bomber als Blütenkelch erschien, der „zu tödlicher Befruchtung überflogen wird“.“

        „Der poetische Schwulst des Buches …. schaffen die faszinierende, in Sonne gebadete brutale Milde von Jüngers Bildern.“

        „Hier überkommt ihn die düstere Ahnung „der drohenden Zeiten, die sich (…) ankündigen, ja deren Flammen bereits am Horizont emporzüngeln“.“

        http://www.zeit.de/2014/23/ernst-juenger-atlantische-fahrt-reisebericht

      • @Alex

        Vielleicht noch einmal zurück zum Ausgangspunkt:

        „Oder meist du das wäre moralisch auf der gleichen Stufe, wie ganz x-beliebige, lebende Menschen willkürlich in Täter und Opfer aufzuteilen, in Mann und Frau zB? (…) Nein, solch eine Übung an den tatsächlichen Verbrechensopfern, wie der Shoa, zu exerzieren ist ungleich schlimmer.“

        Ich verstehe deine moralische Empörung, die ich teile, ich verstehe deine „Überempfindlichkeit“, wenn es um die Shoa, die Opfer und die Überlebenden geht.
        Trotzdem existiert keine gerade Linie von Hájkova zu Jünger.
        Es führt m.E. in die Irre, wenn wir die schärfste Interpretation eines Textes auch noch extrapolieren.

        Ich wollte mit dem unten geschriebenen zum Denkmal aufzeigen, Hájkova ist in ihrer Denk- und Vorgehensweise keineswegs ohne Vorbild, sie spitzt diese nur zu.

        Gruß crumar

      • „Trotzdem existiert keine gerade Linie von Hájkova zu Jünger.“

        Nein, natürlich nicht, damit wollte ich nur die ähnliche Abgehobenheit von Butler illustieren. Du hast ja gemeint, dass sie sich nicht mit primitivem Biologismus nicht gemein machen wollte, was ich nicht glauben kann. Ein vegleichbarer Typ war auch Jünger, der hat sich auch immer von allem distanzieren können. Das hat nichts mit Denktradition zu tun, ist aber ein interessanter Parallelismus bei diesen beiden. Ist so in etwa der gleiche Grad an Selbstverleugnung.

        Ausserdem: das Medium, welches hier so fasziniert von Jünger ist, macht heute auf Intersektionalismus. War auch ein Grund, diesen Querschläger zu machen.

        „Es führt m.E. in die Irre, wenn wir die schärfste Interpretation eines Textes auch noch extrapolieren.“

        Das finde ich berechtigt, weil es eben um die Ideologie Butlers geht, der sich Hajkova bedient. Ausserdem meine ich, dass sich spätenstens bei der Interpretation von sowas wie dem Holocaust die volle Unmenschlichkeit von Buters Philosophie zeigt. Es ist eben etwas anderes ein gigantisches Verbrechen oder nur einfach Menschen an sich theoretisch zu kategorisieren, wie die Gendertheorie das macht.

        Apropos Unmenschlichkeit. Der Arendt hat man Herzlosigkeit vorgeworfen, dazu gab es mal einen Beitrag auf DLF, ein Rabbi war es. Das Argument gegen den Bericht vom „Banalen des Bösen“ schien vor allem emotional vorgebracht, aber dennoch überzeugend. Vor allem, wenn man den Bösen mal böse gesehen hat im Prozess. Da gingen zwei Zeugen aufeinander los und Eichmann rutsche plötzlich aus seiner Rolle als emotionsloser Bürokrat heraus und freute sich furchtbar sadistisch, aber dennoch verhalten. Da rutsche dann das Böse aus dem Banalen raus und das scheint Arendt übersehen zu haben. Deshalb kommt sie mir doch zweifelhaft vor.

      • Ausserdem muss man auch sehen, dass solche Arbeiten wie Hajkovas nicht im geschichtlichen Vakuum stattfinden. Derzeit läuft eine konzertierte, breit gefächterte und getragene antisemitische Kampagne in USA und GB, die nicht zuletzt von den Hochschulen und den Gender-Depts ausgeht, und auch BDS hervorgebracht hat. Das sind schon pogromartige Zustände dort, an der die „intersektionalen Progressiven“ voll beteiligt sind, mit Islamisten und schwarzen Rassisten.

        Und all das ist kein Thema bei der TAZ. Dafür hingegen gibt es einen Essay, warum die Geschichte des Holocaust nach gender-Kriterien revisioniert gehört.

      • @Alex

        Ich habe eine eine Menge Dinge zu sagen zu deinen Ausführungen, aber ich verstehe nicht, warum wir das HIER austragen sollten.

        Gruß crumar

      • Danke! Angst kann aber auch ein guter Ratgeber sein. Schwierig jedoch das eine von dem anderen zu unterscheiden, das ist wahr.
        Würde jetzt auch lieber mit dir quatschen als mühsam in die Tastatur hacken 😉

    • @crumar

      „Herrn Sterns Verscheiden kann sie dann als einen weiteren „Täter“ oder Schuldigen auffassen und das rechtschaffen bejubeln.“ ist so von ihr m.E. noch nicht einmal gemeint.“

      Oh, doch.
      Im kollektivistischen Denken (intersektional, und identitär) der Genderisten sind die „Weissen“ und die „Männer“, damit auch Herr Stern, nunmal sowieso prinzipiell schuldig, was allein schon in der Phrase der „weissen, straighten Männer“ im Tweet von Hajkova zum Ausdruck kommt. Ausserdem sind sie Täter, da sie die Geschichte der Frauen unterdrücken würden und daraus irgendwelchen Vorteil ziehen täten.
      Beachte Hajkovas Buchbesprechung unten, da kommt nochmal klar heraus, was sie von männlichen Historikern hält, die ein „unmenschliches“ und falsches Narrativ hätten, welches die wahren Opfer „auslöschen“ würde.
      Aus dem ganzen ist wohl sehr leicht abzuleiten, dass Hajkova auch Stern wegen eines „falschen Narrativs“, wegen seines Daseins als „berühmter Mann“ grundsätzlich ablehnt, was sie ja auch folgerichtig in ihrem Ausruf nach Geschichtsrevisionismus zum Ausdruck bringt.

      • Gute Besserung, Lucas! (und vielleicht das Rauchen aufgeben, ggf)

        „ohne dass ihr die Überlebenden noch dazwischenreden könnten.“

        Darüber triumphiert sie.

        „Gendertheoretische Ansätze müssen m.E. keineswegs zwangsläufig zu solchen Ausradierungs-Phantasien führen.“

        Das Problem ist aber, dass dieser Ansatz von einer wesentlichen Bösartigkeit und reiner Machtgetriebenheit ausgeht, die heterosexuelle Männer, alle und ausnahmlos, beseelen würden, laut Butler und allzu vielen anderen Feministinnen.
        Deshalb führt das letztendlich zu Totalvernichtungsphantasien, wenn man das nur konsequent zuende denkt. Denn das absolut Böse kann doch nur vernichtet werden. Wer daran nicht aktiv mitmacht, ist doch geradezu schuldig mitzumachen oder nichts zu machen.
        Es ist ein paranoider Wahn, der von dieser extremen Dichotomie, diesem Gut und Böse Dogma angefacht wird.
        Gender muss wirklich keinesfalls zu diesem Wahn führen, aber er führt trotzdem direkt hinein.

        „… Störung in den gegenwärtigen Opfer-Täter-Zuordnungen, … Schnittpunkt mit Schlussstrich-Ideologien liegt m.E. in dem Willen, die Erinnerung an die Vergangenheit als störenden Eingriff in die Gegenwart wahrzunehmen, und der Überzeugung, dass es jederzeit moralisch zu rechtfertigen wäre, diese Eingriffe abzuwehren.“

        Im Willen des Schlussstriches, also des Vergessens, liegt der Wille wieder damit anzufangen. Und die Täter-Opfer-Umkehr ist ein wesentliches Mittel dazu.

    • @ Alex, Crumar Ich lieg seit ein paar Tagen, und bald nach der Veröffentlichung des Textes, mit einer Bronchitis flach – aber ein paar Bemerkungen möchte ich auch noch beisteuern.

      Erst einmal: Auffällig an Hájkovas Facebook-Satz ist ja, dass die „alten weißen straighten Männer“ tatsächlich gar nicht sterben, weil ja immer neue nachwachsen. Es sterben die alten weißen straighten Männer (und Frauen) einer bestimmten Generation, nämlich der Generation, die Krieg, Verfolgung und Massenmord noch persönlich erlebt haben. Insofern ist ihr Statement grundsätzlich eines einer Nachgeborenen, die jetzt endlich mit ihren gegenwärtigen Interpretationsmustern an die Geschichte herangehen kann, ohne dass ihr die Überlebenden noch dazwischenreden könnten. Jan Assmann hatte mal geschrieben, dass mit dem Sterben der letzten Zeitzeugen das biographische in ein kulturelles Gedächtnis umgewandelt werden müsse. Er war aber wohl nicht auf die Idee gekommen, dass das in der Form einer Machtergreifung passieren könnte, sondern war eher davon ausgegangen, dass die Umwandlung vom Respekt vor den (auto)biografischen Zeugnissen geprägt ist.

      Gendertheoretische Ansätze müssen m.E. keineswegs zwangsläufig zu solchen Ausradierungs-Phantasien führen. Ginge es grundsätzlich einfach darum, Geschlecht als soziale Kategorie zu verstehen und vorauszusetzen, dass sich in sozialen Kategorien unter anderem Herrschaftsinteressen ausdrücken können – dann wäre das mit einem respektvollen Umgang mit den Zeitzeugen durchaus vereinbar. Das Problem ist aber eine Fixierung auf die Herrschaftskategorie – und die Phantasie, dass eine haltbare Position eigentlich jeweils nur die Position der Opfer sein könne.

      Und das macht eine Opferkonkurrenz dann fast unausweichlich. Nur: In dieser perversen Opferkonkurrenz sind jüdische Opfer natürlich in einer einzigartigen Position. Daher wohl auch schon früh im Feminismus die Versuche (z.B. bei Dworkin), die Zahlen der Hexenverbrennungen auf Neun Millionen zu schrauben – damit hätten sie die jüdischen Opferzahlen während des Holocaust übertroffen. Tatsächlich waren es wohl etwa 30.000 – 60.000 Opfer, unter denen ein relevanter Teil Männer waren. (Dazu der von mitm unten verlinkte Artikel: http://maninthmiddle.blogspot.de/p/feministische-falschaussagen.html#hexen )

      „Die feministische Unterstellung ist, dass den weißen, alten, heterosexuellen Männern damit ein unverdientes Privileg zukommt. So weit, so bekannt.“ (Crumar) Das unverdiente Privileg ist dann, dass sich selbst alte, weiße straighte Männer als Opfer präsentieren können, und dass ihnen das allseits abgenommen wird. Das ist eine Störung in den gegenwärtigen Opfer-Täter-Zuordnungen, mit der jetzt endlich Schluss sein kann.

      Der Schnittpunkt mit Schlussstrich-Ideologien liegt m.E. in dem Willen, die Erinnerung an die Vergangenheit als störenden Eingriff in die Gegenwart wahrzunehmen, und der Überzeugung, dass es jederzeit moralisch zu rechtfertigen wäre, diese Eingriffe abzuwehren.

      PS. Vielen Dank für die Kommentare zum Text!

      • @Lucas – ich wünsche dir erst einmal gute Besserung!

        „Der Schnittpunkt mit Schlussstrich-Ideologien liegt m.E. in dem Willen, die Erinnerung an die Vergangenheit als störenden Eingriff in die Gegenwart wahrzunehmen“

        Unterschreibe ich. Nur unterschätzt du dabei das Bedürfnis, sich der Vergangenheit zu bemächtigen, um eine Gegenwart zu erklären, die aus dieser erklärbar ist.

        Wenn du sagst: „Daher wohl auch schon früh im Feminismus die Versuche (z.B. bei Dworkin), die Zahlen der Hexenverbrennungen auf Neun Millionen zu schrauben – damit hätten sie die jüdischen Opferzahlen während des Holocaust übertroffen.“

        Dann ist das nicht nur Opferkonkurrenz, um eine Opfererfahrung ins Verhältnis zu setzen – Norman Finkelstein schreibt berechtigt, im Kongo wären im Zuge der kolonialistischen Ausbeutung mehr Menschen, nämlich 10 Millionen, dieser Praxis zum Opfer gefallen – aber Dworkin lügt nicht nur, was die Zahlen betrifft, sondern sie instrumentalisiert die Lüge, um ihr Narrativ zu rechtfertigen.
        D.h. sie hat ein MOTIV.

        Ihr Anliegen reduziert auf dieses erstunken und erlogene Argument: Was ist denn der Holocaust gegen die historische, eliminatorische Frauenunterdrückung?

        Sie VERZWECKT erstens damit die Opfererfahrungen. Spielt diese auch noch gegeneinander aus – aber wichtig ist, sie haben sich zu fügen in dieses feministische Narrativ der Geschichte.
        Und zweitens ist durch den relativierende Vergleich auch der zivilisatorische Bruch verschwunden, den die Shoa darstellt, sondern diese muss sich einordnen lassen in eine feministische Geschichtsschreibung, in dem (eliminatorische) Frauenunterdrückung der Regelfall ist.

        Das ist die feministische ORDNUNG der Geschichte, die damit wieder hergestellt wird.
        Das ist nicht nur Opferkonkurrenz in der Geschichte, sondern es ist Opferkonkurrenz basierend auf feministischer GESCHICHTSSCHREIBUNG (Revisionismus).
        Dworkin Behauptung ist m.E. kein Zufall, sondern Konsequenz ihres eigenen Anliegens.

        „Das Problem ist aber eine Fixierung auf die Herrschaftskategorie – und die Phantasie, dass eine haltbare Position eigentlich jeweils nur die Position der Opfer sein könne.“

        Nächstes, sehr spannendes Problem.
        WARUM ist das so?
        Das Feld, das sie bestellt, lässt uns nur „die Wahl“ zwischen realen und vermeintlichen Tätern und realen und vermeintlichen Opfern zu wählen.
        Wo ist eigentlich das, was wir gemeinhin unter antifaschistischem Widerstand verstehen und verstanden haben?

        Die Fixierung auf die „Herrschaftskategorie“ in ihrem Sinn lässt diese historische, politische, individuelle ENTSCHEIDUNG hochgradig auffällig aus.
        Und ich finde es sehr auffällig, dass sie damit eine „Herrschaft“ rekonstruiert, in der es reale Vorkommnisse, dass 45% der Wähler der NSDAP Frauen waren, jedoch nur 15% des antifaschistischen Widerstands und 5% der Opfer dieses Widerstands im „theoretischen“ Sinne gar nicht geben kann und konnte.

        Wir spielen mit ihr erstens auf einem Spielfeld, auf dem diese Optionen gar nicht mehr existent sind, wenn wir uns ausschließlich mit der Frage der „Opferkonkurrenz“ beschäftigen.
        Auf diesem geordneten Spielfeld gibt es auch keine genuin linke Opfererfahrung aus der Perspektive eines Widerstands mehr.
        Was zweitens in einer Debatte um Ursachen des Faschismus ausgesprochen nützlich sein dürfte.

        Gruß crumar

      • (leider ist der Text, den ich hier anhängen wolte über dem Ausgangstext gelandet, bin ungeschickt. Deshalb copy paste hierhin, an die richtige Stelle, sorry!)

        Gute Besserung, Lucas! (und vielleicht das Rauchen aufgeben, ggf)

        „ohne dass ihr die Überlebenden noch dazwischenreden könnten.“

        Darüber triumphiert sie.

        „Gendertheoretische Ansätze müssen m.E. keineswegs zwangsläufig zu solchen Ausradierungs-Phantasien führen.“

        Das Problem ist aber, dass dieser Ansatz von einer wesentlichen Bösartigkeit und reiner Machtgetriebenheit ausgeht, die heterosexuelle Männer, alle und ausnahmlos, beseelen würden, laut Butler und allzu vielen anderen Feministinnen.
        Deshalb führt das letztendlich zu Totalvernichtungsphantasien, wenn man das nur konsequent zuende denkt. Denn das absolut Böse kann doch nur vernichtet werden. Wer daran nicht aktiv mitmacht, ist doch geradezu schuldig mitzumachen oder nichts zu machen.
        Es ist ein paranoider Wahn, der von dieser extremen Dichotomie, diesem Gut und Böse Dogma angefacht wird.
        Gender muss wirklich keinesfalls zu diesem Wahn führen, aber er führt trotzdem direkt hinein.

        „… Störung in den gegenwärtigen Opfer-Täter-Zuordnungen, … Schnittpunkt mit Schlussstrich-Ideologien liegt m.E. in dem Willen, die Erinnerung an die Vergangenheit als störenden Eingriff in die Gegenwart wahrzunehmen, und der Überzeugung, dass es jederzeit moralisch zu rechtfertigen wäre, diese Eingriffe abzuwehren.“

        Im Willen des Schlussstriches, also des Vergessens, liegt der Wille wieder damit anzufangen. Und die Täter-Opfer-Umkehr ist ein wesentliches Mittel dazu.

        • „und vielleicht das Rauchen aufgeben“ Guter Hinweis! Hab ich aber schon vor sechs Jahren gemacht, und es hat mir tatsächlich sehr gut getan. Die allgemeine Fitness wird besser, man schmeckt besser, man riecht besser (in doppelter Hinsicht), die Kondition wird besser (in jeder Hinsicht) – lohnt sich. Obwohl ich Raucher immer noch verstehen kann – ich war ein echter Genussraucher, und genossen hab ich’s sehr.:-)

      • @ crumar „Die Fixierung auf die „Herrschaftskategorie“ in ihrem Sinn lässt diese historische, politische, individuelle ENTSCHEIDUNG hochgradig auffällig aus.“ Ja. Ich würde sogar noch einen draufsetzen: Es ist auffällig, wie desinteressiert die gegenwärtige LINKE Identitätspolitik nicht nur an autonomen, selbstbestimmten Entscheidungen ist – sondern auch an SOZIALEN Kategorien wie „Klasse“ oder „Schicht“.

        Die Kategorien, die sie stattdessen bemüht, sind so simpel wie nur möglich BIOLOGISTISCH: Geschlecht und Rasse. Wenn es differenziert wird, kommen auch mal Alter und sexuelle Orientierung hinzu.

        Kein Wunder, dass sich diese Identitätspolitik – wie djadamoros das hier im Thread ausdrückt – so weit nach rechts lehnt, dass sie umkippt.

      • @ Alex „Im Willen des Schlussstriches, also des Vergessens, liegt der Wille wieder damit anzufangen.“ Das ist, glaube ich, eigentlich eine abgewandelte Version eines Zitats von George Santayana, das schon oft im Zusammenhang mit dem Holocaust verwendet worden ist: „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.“ (Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, ist dazu verdammt, es zu wiederholen.)

        Meines Erachtens haben aber Verrohtheiten wie die von Hájkova oder irre Texte wie SCUM von Solanas – einschließlich der Akzeptanz solcher offenen Inhumanitäten – nicht die Konsequenz eines neuen Holocaust. So genüsslich Solanas und ihre Leserinnen (einschließlich Jasmin Tabatabai, die aus dem Buch in einer öffentlichen Lesung vorgetragen hat, übrigens in Schwarzers öffentlich so reichhaltig gefördertem FrauenMediaTurm) auch die Ermordung aller Männer wieder und wieder durchspielen – sie steht trotzdem tatsächlich nicht an.

        Die Konsequenz, und auch beabsichtigte Konsequenz, ist eher die einer systematischen Befreiung von Erwartungen der Empathie. Es wäre schon okay, Massenmord- und Endlösungsphantasien über Menschen zu verfassen,sie zu feiern, sich daran zu freuen, sie als „Satire“ zu verharmlosen – wenn diese Menschen eben männlich sind.

        Diese demonstrative, niemals geahndete Empathieverweigerung hat völlig reale Folgen. Ich glaube, jeder Trennungsvater, der den Kontakt zu seinen Kindern zu behalten versucht, erlebt immer wieder mal Situationen, in denen er – in Beratungsstellen, Jugendämtern, bei den Müttern sowieso – einer Empathieunfähigkeit begegnet, die eigentlich pathologisch ist. Ähnlich die Empathieunfähigkeit, mit der gerade viele auf die Kuckucksmütter-Entscheidung reagiert haben. Oder die Empathieunfähigkeit gegenüber Männern, die in Beziehungen Gewalt erleben. Oder gegenüber Männern, die sich zu einem wesentlich größeren Anteil selbst töten als Frauen (bei Jugendlichen liegt der Anteil der männlichen Selbstmörder etwa bei drei Vierteln). Oder gegenüber Männern, die am Arbeitsplatz im Schnitt deutlich höheren Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind als Frauen. etc.

        Das ist m.E. der eigentliche Sinn solcher Verrohtheiten: Männer als das Geschlecht zu markieren, das der Empathie nicht wert ist. Daher dann auch der systematische Spott über „male tears“, die z.B. die (Anti-)Hate-Speech-Aktivistin Jasna Strick infantil als ihren „Gummibärensaft“ (also als ihre Kraftquelle) bezeichnet hat.

        Natürlich ist das ein faschistoides Denken – aber „faschistoid“ bedeutet eben nicht zwangsläufig, dass etwas in einem neuen Holocaust enden muss. Und ganz in dem Sinn argumentiert auch Hájkova, Sie zeigt, dass sie es gar nicht einsieht, mit einem Mann Empathie empfinden zu müssen, nur weil der ein Jude ist, der als Kind dem Holocaust gerade noch durch Emigration entkommen konnte.

        Die Pointe ist dann: Die gerade in linken Kreisen akzeptierte Verrohtheit gegenüber Männern dient hier zur Legitimation einer Verrohtheit gegenüber Juden. Die antijüdische Verrohtheit wiederum ist in linken Kontexten keineswegs so tabu, wie viele Linke das gern hätten (Zwerenz: „Einen linken Antisemitismus gibt es nicht!“) – aber sie ist in diesen Kontexten, anders als in rechten, immerhin begründungspflichtig. Beliebt und erprobt ist eine Begründung über die Identifikation mit den Palästinensern, Hájkova hat nun eine feministische Variante geliefert.

        Was sich für mich daraus vor allem ergibt: Verrohtheit und Empathieverweigerung gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen zu akzeptieren, ist an sich schon schlimm genug – aber es ist völlig naiv, davon auszugehen, dass es bei diesen Gruppen bleibt. Verrohtheit ist expansiv, und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit richtet sich prinzipiell gegen Menschen, nicht nur gegen bestimmte Gruppen.

      • @Lucas

        Du schreibst m.E. völlig berechtigt: „Die gerade in linken Kreisen akzeptierte Verrohtheit gegenüber Männern dient hier zur Legitimation einer Verrohtheit gegenüber Juden.“

        Das ist die Schwelle, über die gesprungen werden muss.

        Wie djadmoros nämlich richtig gesagt hat: „Denn es ist die jüdische Erfahrung der Shoah, die einem (orwellschen) Umschreiben der Vergangenheit Grenzen der »Anständigkeit« gezogen hat.“

        Wenn du dieses Minimum an Menschlichkeit und Anstand geschliffen hast und die „Unanständigkeit“ in einer linken Zeitung wie der „taz“ veröffentlicht werden kann, dann ist lechts und rinks tatsächlich zu verwechelrn.

        Ich glaube die Publikation an sich bereitet Alex und mir weniger Angst als der Publikationsort.

        Und der Knackpunkt ist tatsächlich: „Verrohtheit und Empathieverweigerung gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen zu akzeptieren, ist an sich schon schlimm genug – aber es ist völlig naiv, davon auszugehen, dass es bei diesen Gruppen bleibt. Verrohtheit ist expansiv, und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit richtet sich prinzipiell gegen Menschen, nicht nur gegen bestimmte Gruppen.“

        Nein, es wird auch nicht bei diesen Gruppen bleiben.
        So weit, so einverstanden.
        Die Defma über die Bestimmung dieser Gruppen, denen diese „Verrohtheit“ gebührt ist aber exakt das, was einer nicht fassbaren Macht übereignet wird, die darüber befindet, was im weitesten Sinne unnütz ist.
        Es werden bestimmt – situativ geprägt – weitere Gruppen folgen.
        Was mich fasziniert ist hier die VHB eines völlig herrschaftsdienlichen Feminismus als Signal.

        Gruß crumar

      • @Lucas
        „Das ist, glaube ich, eigentlich eine abgewandelte Version eines Zitats von George Santayana“

        Ja, das war auf den Iran gemünzt, ua hier war das hier so zu lesen, in Bezug auf den Iran.
        http://matthiaskuentzel.de/contents/

        Während der bekanntere Spruch von Santayana im Passiv gehalten ist, ist der andere Spruch aktiv und deutet aktive Verleugung mit einem zugrundeliegenden Wunsch nach einem neuen Holocaust. Ich meine, da ist sehr viel Wahres dran und ergibt eine angemesse Warnung.

        „Diese demonstrative, niemals geahndete Empathieverweigerung hat völlig reale Folgen. ….“

        Klar, die Saat des Hasses geht auf. Und führt zu neuem Unbill und wieder Hass. Menschenfeindliche Ideen vergiften eine Gesellschaft, die Beziehungen der Menschen untereinander. Und da lassen sich die progessiven Linken wirklich etwas einfallen und bieten eine ganze Palette von Hassobjekten an.

        Diese „Linke“ ist im Grunde eine Hassbewegung, international präsent und kanpp mehrheitsfähig, ob in Kalifornien, Neuseeland, Schweden, Spanien, oder sonstwo in der westlichen Welt, inklusive der „Dritten“ von einst. Strukturiert ist diese Bewegung in Sektionen, wovon der Feminismus nur eine unter vielen ist.

        Ich sehe die Bewegung einmal als Wiedergänger der „Völkischen Bewegung“ und darüber hinaus als eine säkulare Version eines christlichen Apokalpyse-Kults, der in der ultimativen Selbstverleugnung und im rigiden Moralismus seine Heilslehre hat. Gewachsen ist das Ganze gleich nach dem 2. WK, die Prägung der politischen Ideologie als Dach dieser Bewegung erfolgte in den 70ern. Die Geschichte wiederholte sich, da man sich offenbar nicht mit ihr in geeigneter Weise auseinander gesetzt hat.

        Dass auch das Ende dieser Geschichte wieder das Ende der alten ist, ist zum Glück keineswegs ausgemacht. Denn die Geschichte ist kein automatischer Prozess, sondern kann von Menschen aktiv gestaltet werden. Insofern kann ich deinen Einwänden diesbezüglich nur voll zustimmen.

        Wo wir stehen hast du wunderbar am Ende des posts beschrieben:

        „Was sich für mich daraus vor allem ergibt: Verrohtheit und Empathieverweigerung gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen zu akzeptieren, ist an sich schon schlimm genug – aber es ist völlig naiv, davon auszugehen, dass es bei diesen Gruppen bleibt. Verrohtheit ist expansiv, und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit richtet sich prinzipiell gegen Menschen, nicht nur gegen bestimmte Gruppen.“

        Ganz genau, da die Verrohtheit, der politische Hass, naturgemäss irrational und diffus ist, ist er auch veränderbar und kann seine Objekte wechseln. Da ich jetzt schon jetzt die Juden, bzw Israel als ihr Symbol, im Zentrum des Fadenkreuzes der progressiven, postmodernen Bewegung sehe, halte ich es für naheliegend, dass sich einst der Hass darauf bündeln könnte. Das wäre dann mal wieder der richtige Sündenbock, den eine zerrüttete Gesellschaft suchen würde, um das interne Hassgeflecht abzuschütteln und nach aussen zu schaffen. Und ganau deshalb macht mir dieser „Essay“ in der Taz zu schaffen, hier hat sich eine Grundlage für den Fortschritt zu dem zukünftigen und ohnehin potentiellen Sündenbock als Auflösung der Hass-Dynamik aufgetan.

        Der einzige Weg, diese Dynamiken zu brechen, scheint mir in scharfen Rationalismus gegen die Zustände heute und am besten auch gegen ihre wahrscheinlich erscheinende Fortentwicklung zu bestehen. Nicht nur Irrationalismus ist ansteckend 😉

        Allerdings ist wäre meine Prognose eher negativ, da die progressive Bewegung in den zwei letzten Jahrzehnten ein beschleunigte Bewegung erfahren hat und sich überdies aus unserem tieferen westlichen kulturellen Selbstverständnis speist (die christliche Abkunft der Bewegung ist ja schliesslich vollkommen unreflektiert und wähnt sich sogar als Überwindung der christlichen Kultur).

        Hoffe, du bist bald wieder auf dem Damm!

  • Es ist eigentlich immer wieder das gleiche Produkt, nur in einer andern Farbe. Wenn Frauen, Homosexuelle, Kampfhubschrauber, Transmenschen irgendwo nicht oder nur in sehr geringer Zahlen auftauchen, dann wurden sich zum schweigen gebracht/ausgerenzt/hat MANN ihnen keine Chance gegeben sich zu äußern.

    Die Idee das diese Gruppen vielleicht gar kein Interesse daran hatten, wird von vorhherein ausgeschlossen. Menschen mit bösen Absichten haben sie daran gehindert!

    Hájkova muss also viele wesentliche Beiträge von Frauen ignorieren, um die Behauptung aufrecht erhalten zu können, Beiträge von Frauen seien ignoriert worden.

    Hájkova erinnert mit ihrer Art zu arbeiten allzusehr an Anita Sarkeesian und ihrer Behauptung es gäbe keine beliebten weiblichen Spielfiguren bei den Gamern. Ihr einen ganzen Haufen davon zu zeigen, was viele Leute getan haben, ändert ihre Meinung auch nicht. Die ist nämlich völlig von der Realität entkoppelt.

    Gudrun Hauer von der Homosexuellen Initiative Wien schreibt, die Behauptung könne nicht aufrecht erhalten werden könne, dass lesbische Frauen „gleichermaßen eine Opfergruppe des Nationalsozialismus waren wie etwa homosexuelle Männer.“

    Manchmal kriege ich das Gefühl das Lesben einigermaßen unzufrieden damit sind das sie nicht im gleichen Maße wie Schwule verfolgt und Opfer von schlimmeren wurden. Da sheint ein gewissen Bedürfnis zu bestehen Opfer zu sein.

  • Eine höchst faszinierende Analyse! Dass feministische Ideologie mit neoliberaler Herrschaft kompatibel ist bzw. sich ihr andient, ist eigentlich schon Old News, zumal mit Nancy Fraser bereits in der linken Gesellschaftskritik angekommen.

    Nun aber liefert dieser Blogpost eine Antwort auf die Frage, wie weit man sich mit feministischer Ideologie nach rechts lehnen kann, ohne auf immanente ideologische Grenzen zu stoßen: so weit, bis man nach rechts umfällt! Schoppe hat schon öfter ein scharfes Auge demonstriert, wenn es darum ging, faschistoide Tendenzen im Feminismus auszumachen.

    Hier hat er erneut gezeigt, wo es enden kann, wenn man das eigene ideologische Koordinatensystem so weit über alle anderen stellt, dass es sich an keinem anderen mehr messen lassen will: man kann sich beliebigen politischen Standpunkten annähern und sich immer noch avantgardistisch und unschuldig dabei fühlen. Die dahinterstehende Haltung hat ein Satiriker sehr schön illustriert, indem er Alice Schwarzer folgende Worte zur Verteidigung ihrer Steuerhinterziehung in den Mund gelegt hat:

    »Man kann doch jetzt nicht dahergehen und mich an den hohen sozialethischen Maßstäben messen, die ich selber immer für andere aufgestellt habe! Also ich soll mich moralisch rechtfertigen, obwohl ich Feministin geworden bin – das ist doch einfach absurd!«

    Diese moralische Überheblichkeit und damit Beliebigkeit ist aber auch das Produkt einer Gesellschaft, die sich (von wenigen Ausnahmen wie dem Lohfink-Urteil abgesehen) immer noch ganz überwiegend unfähig zeigt, dem metastasierenden Narzissmus der feministischen Ideologie von außen her Grenzen zu setzen, weil Bequemlichkeit, Feigheit und Opportunismus zu viele potenziell kritische Geister zu einer Haltung des Appeasement verleiten.

    Vielleicht ergibt sich ja daraus eine sinnvolle Taktik für Männerrechtler: »Do the Triggering!« Durchbrechen wir das Appeasement, indem wir die feministischen »politisch korrekten« Verhaltenserwartungen breit, gezielt und systematisch verletzen – in dem Bewusstsein, dass dazu oftmals nicht mal Agressivität erforderlich ist, sondern die Verweigerung der Zustimmung bereits ausreicht.

    • „wo es enden kann, wenn man das eigene ideologische Koordinatensystem so weit über alle anderen stellt, dass es sich an keinem anderen mehr messen lassen will“ Das ist m.E. ein zentraler Punkt, aus dem sich vieles andere ergibt: die Unfähigkeit zur Empathie (zumindest, sobald jemand als Feind klassifiziert wurde) – die Unfähigkeit, eigene Positionen weiter zu entwickeln – das Verharren in Filterblasen und die Verweigerung von Kommunikation – die Wahrnehmung von Widerspruch als Ausdruck des Hasses.

      Es ist eigentlich eine Haltung, die eben gerade das verweigert, was für ein ziviles Zusammenleben nötig ist.

  • So richtig die Beobachtung ist: Wahrscheinlich wird niemand behaupten, wollen, die Dame sei tatsächlich irgendwie nationalsozialistisch bewegt? Der Vorwurf geht ja nur in bester PC-Manier dahin, eine soziale oder politische Konvention verletzt und ein bemerkenswertes Empathiedefizit gezeigt zu haben.

    Dergleichen lässt sich im Feminismus viel finden, denn der Feminismus ist keine intellektuell ausgefeilte Ideologie, die sich nach Konsistenz strebend im Widerstand zu Gegenargumenten und in Abgrenzung zu anderen Ideologien entwickelt hat oder entwickelt. Die innere Logik des Feminismus kommt über ein „ich fühle mich schlecht“ der Feministin nicht hinaus.

    Wenn man also Feminismus und Feministinnen im Diskurs so ernst nimmt, wie man einen Mann ernst nehmen würde, dann kann das allenfalls Satire sein um zu zeigen, dass dies offensichtlich der falsche Umgang damit ist.

  • Sehr schöne Analyse! Geschichtsklitterei ist aber sowieso guter Brauch im Feminismus, speziell beim Thema Hexenverfolgung hatte das signifikante Ausmaße, und die gefälschten Angaben waren lange Zeit wesentlich für das feministische Selbstverständnis (grenzenloser Opferstatus).

    Bei einer Publikation in der TAZ ist natürlich immer unklar, wie relevant das ist und ob das nicht nur dazu dient, group-think in einer ansonsten isolierten Population zu verstärken und den Haß auf den sinngebenden Lieblingsfeind aufzufrischen. Und wer ist Frau Hájková?

    Immerhin ist Frau Hájková wichtig genug, um einen eigenen Wikipedia-Eintrag zu rechtfertigen – findet zumindest eine gewisse Fiona B., wie man in der Versionsgeschichte der Seite erfährt. Bei einem männlichen Juniorprof mit exakt gleicher Vita fände ich die Selbstbeweihräucherung als „namhafte, bemerkenswerte“ (notable) Person eher peinlich.

    Bedauern kann man unterdessen die armen Studenten in Warwick, genauer gesagt diejenigen, die die Veranstaltung HI31Z Reinterpreting the Holocaust: Sexualities, Ethnicity, Class oder HI996 Themes & Approaches to the Historical Study of Gender & Sexuality besuchen. Die Geschichtsklitterei von Frau Hájková ist für diese Studenten die reine Wahrheit und prüfungsrelevant.

    Bei nächster Gelegenheit nehme ich diesen Fall in meine Seite über die Unwissenschaftlichkeit der Gender Studies als weiteres Beispiel auf…

    • @mitm

      „Geschichtsklitterei ist aber sowieso guter Brauch im Feminismus, speziell beim Thema Hexenverfolgung hatte das signifikante Ausmaße, und die gefälschten Angaben waren lange Zeit wesentlich für das feministische Selbstverständnis (grenzenloser Opferstatus).“

      Nun ja, wenn nach der feministischen Theorie das Geschlechterthema omnirelevant und die Unterdrückung von Frauen überhistorisch omnipräsent sein soll, dann ist es sinnvoll, eine Geschichte vorzufinden, die dies bestätigt.
      Eine solche „Geschichtsklitterei“ würde ich der Intention nach also nennen: Geschichtsrevisionismus

      Das ist auch das Thema des Artikels und m.E. hat dieser einen historischen Vorläufer:

      Es sollte sich in der Geschichte eine Blutspur der Frauenschlachterei vorfinden lassen und nachdem „Frau“-sein allein schon Opfer ist, besonders gegen deren Avantgarde (also Lesben) entschieden vorgegangen worden sein.
      Wenn im Nationalsozialismus zwar 10.000-15.000 schwule Männer im KZ gab, wovon ca. 7000 umgebracht wurden, aber keine einzige Lesbe, dann ist eine solche Geschichte Blamage für die Theorie und eine narzisstische Kränkung.

      M.E. spiegelte sich diese Abwendung einer Blamage wider im Kampf um das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen.
      Denn als sich der Entwurf an die historischen Tatsachen hielt, kam prompt kam aus berufenen Munde die Forderung:

      „Stoppt das Homo-Mahnmal!“

      Bei der Frage nach der politischen Herkunft dieser Forderung kommt man leicht ins stolpern. Nein, es war nicht die NPD, die solches forderte, sondern die „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer.
      Die auch stolz titelte, es hätten „über tausend Frauen, Männer und Organisationen (sic!), (…) den von EMMA initiierten Protest unterschrieben“.

      Und sie rief alarmierend zu den Waffen:

      „Wenn nicht ganz schnell etwas passiert, ist es zu spät. Denn der umstrittene Entwurf für das Homo-Mahnmal ist bereits in der Realisierungsphase. (…) Es wäre dann nicht mehr rückgängig zu machen, dass in Berlin für 600.000 Euro Steuergelder ein Homo-Mahnmal errichtet wird, das ausschließlich der schwulen Opfer in der Nazi-Zeit gedenkt – die lesbischen Opfer jedoch ignoriert.“ (1)

      Ich würde den Satz wahrheitsgemäßer so formulieren: Nachdem es historisch unumstritten keine lesbischen Mordopfer der Nazi-Zeit gab, sollte mit der Aufnahme von Lesben in das Denkmal dem Publikum suggeriert werden, es hätte welche gegeben.
      Wenn die tatsächliche Geschichte nichts hergibt für Bestätigung der Theorie, dann muss mit der Übernahme der Erinnerungskultur darauf hingewirkt werden, diese passend umzuschreiben.

      Wobei die Unterstützer dieser Aktion mit Sprachhypnose und schamlosen Gleichsetzungen arbeiteten (2):

      „Aber ist das schon ein Grund für die einseitige Konzeption des Mahnmals, dass die lesbischen Überlebenden, traumatisiert und verängstigt bis an ihr Lebensende, nicht sprechen wollten?“

      Lesben waren eben keine „Überlebenden“ (survivor) eines KZ/Holocaust, sie waren nicht einmal Opfer einer strafrechtlichen Verfolgung durch die Nazis – der §175 galt ausschließlich für Männer.

      Zudem ist bezeichnend, was hier in die Waagschale geworfen wird: „Trauma“ und „Verängstigung“ auf Seite der lesbischen Frauen, auf Seiten der schwulen Männer: Kastration, medizinische Experimente mit Todesfolge, Quälerei, Hinrichtung.

      Über die Situation schwuler Männer im KZ Sachsenhausen (3):

      „Die Isolierung seit 1939, die Strafkommandos und die gezielte Mordaktion vom Sommer 1942 überlebten nur wenige Homosexuelle des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Die meisten überstanden den täglichen Terror nicht lange – zwischen Einlieferungs- und Todesdatum liegen in der Regel nur wenige Tage oder Wochen. Für Rosa-Winkel-Häftlinge war Sachsenhausen im fraglichen Zeitraum faktisch ein Vernichtungslager.“

      Lesbische Erfahrung, beschränkte sich – wie gesagt – auf „Trauma“ und „Verängstigung“.

      Der Lerneffekt der obig geschilderten „Intervention“:
      Solche qualitativ verschiedenartigen Erfahrungen, die Männer und Frauen machen, sind dennoch gleich viel wert. Weil Frauen das so empfinden.
      Leider, leider kann man die schwulen Männer nicht mehr nach ihren Empfindungen fragen.
      Die sind ja tot. /sarcasm off

      Zurück zum Artikel, kann nun auch verstanden werden, wie Frau Hájková diesen Satz: „Jetzt können wir die Geschichte revolutionieren“ gemeint hat.

      Sie schreibt in dem Essay für die „taz“ (4) erwartungsgemäß, man müsse „nach Jahrzehnten des Kampfes um Anerkennung, auch für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben“ endlich „eine queere Perspektive entwickeln“.

      Das Problem ist hier, die entwickelte „queere Perspektive“, die „Revolution“ drückt sich bereits darin aus, eine Gruppe von Verfolgten zu benennen, die gar nicht verfolgt worden ist.
      Die Lesben in das Denkmal für die Verfolgten Homosexuellen des Nationalsozialismus mit aufzunehmen war bereits das Resultat einer Machtpolitik – allerdings (s.o.) einer feministischen.

      Ihrer Forderung, die Geschichte umzuschreiben ist bereits so weit nachgekommen worden, dass ich unbedingt dafür bin, ihr folgendes Anliegen in eine politische Forderung umzusetzen:

      „Um einen Platz in der Geschichte zu haben, bedarf es eines Namens, einer Stimme, eines Grabsteins, eines Denkmal – am besten aller vier Elemente.
      Auch deswegen werden bei Gedenkveranstaltungen die Namen der Toten verlesen.“

      Eine öffentliche, jährliche Gedenkveranstaltung,
      – auf der beide Gruppen gleichermaßen erinnernd gewürdigt werden,
      – auf der erst alle Namen aller ermordeten Schwulen vorgelesen werden
      – sodann die aller ermordeten Lesben.

      Es wäre m.M.n. ein bemerkenswertes Ereignis.
      Weil mit seiner Aufführung dieser entsetzliche, schamlose, unmenschliche, feministische, lesbische, queere Opfernarzissmus sich offensichtlich und hoffentlich endgültig blamieren wird.

      Gruß crumar

      (1) http://www.emma.de/artikel/noch-nicht-zu-spaet-stoppt-das-homo-mahnmal-263098
      (2) http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2006/11/20/a0158
      (3) http://www.rosa-winkel.de/index.php?option=com_content&view=article&id=5&Itemid=4
      (4) http://www.taz.de/!5333203/

      • „Opfernarzissmus“

        Crumar, wäre es für die nicht absolut geboten, jedes echte Opfer (also wie das von unideologisierten Menschen empfunden wird) verschwinden zu lassen?
        Nichts kann doch so beleidigend und negierend für einen Opfernarzissten sein als echte Opfer…?

      • @Alex

        Nach meiner Erfahrung ist „wäre es für die nicht absolut geboten, jedes echte Opfer (also wie das von unideologisierten Menschen empfunden wird) verschwinden zu lassen?“ die eher suboptimale Form der Aneignung.

        Ich hoffe, ich bekomme meinen Sarkasmus so verpackt, dass er bei dir nicht völlig schräg ankommt.

        Nimm doch einfach „holocaust survivor“, nivelliere die Differenz und gib dem ganzen ein rosiges gender-Schnäuzchen, in dem du „rape survivor“ daraus machst!
        Auf die Art und Weise hast du Frauendasein in einen einzigen Kampf ums Dasein in einem zugleich patriarchalen, als auch alltäglichen Vernichtungslager verwandelt, in dem Überlebende glücklicherweise die Mehrzahl stellen und Ermordete die Minderheit.
        Also ein wenig konträr zur realen Geschichte.

        Das ist ein klein wenig revisionistisch von der Anlage her, aber irgendwie nützlich.
        Und wenn du die richtigen Schlüsse ziehst, ist dann nicht „holocaust culture“ nicht vergleichbar mit „rape culture“?!

        Dann mach doch aus „racial segregation“ einfach „gender segregation“.
        Was die Rassen trennt, das trennt auch die Geschlechter.
        Schwarze durften nicht die gleiche Sitzbank wie Weiße benutzen?
        Siehst du! Und vergleichbar sind Toiletten für Männer und für Frauen!

        Und was ist der Diebstahl von indigenem Land noch wert, wenn wir gelernt haben, dass dieses Land oft als weiblich gelesen worden ist, welches männlich kolonial in Besitz genommen wurde?
        Was zählt der familiäre Besitz von Sklaven, von denen Frauen profitierten, wenn wir alle doch wissen, Ehe ist eine Form von Sklaverei?

        Alex, gerade in den USA nehmen sie reale Opfergruppe für reale Opfergruppe, weiden diese aus, verwandeln „Frau“ in ein universelles Opfer und werfen die Kadaver weg.

        Gruß crumar

      • @Schoppe:

        »Hájkova demonstriert mit ihrem Tabubruch, dass sich heutige Generationen nicht mehr von den Erinnerungen der Überlebenden dazwischenreden und dass politische Frontstellungen der Gegenwart sich nicht mehr stören lassen sollten von einer Vergangenheit, die nicht vergeht.«

        Das ist auch die Quintessenz ihres Tweets: sie sagt aus, dass sich nach dem Tod der »alten weißen straighten Männer« nunmehr die Geschichte revolutionieren lasse. Sie meint aber nicht die Geschichte. Sie meint die Geschichtsschreibung: nach dem Tod der letzten vom Holocaust noch direkt betroffenen Juden ist der Weg frei für feministischen Geschichtsrevisionismus.

        Denn es ist die jüdische Erfahrung der Shoah, die einem (orwellschen) Umschreiben der Vergangenheit Grenzen der »Anständigkeit« gezogen hat. Wenn Menschen, die von der Shoah persönlich und direkt betroffen waren, sich nicht mehr empören können, dann ist das Terrain frei für den Revisionismus.

        Der von Schoppe erwähnte Jan Assman hat auch argumentiert, dass Geschichte zwei Pole hat: einen der Fakten und einen der Erinnerung, und Geschichtsschreibung dementsprechend auf beide Pole bezogen ist. Historiker können sich nicht dem Umstand entziehen, dass sie, sobald sie Geschichte erzählen, immer auch »Gedächtnispolitik« betreiben.

        Und das ist der pragmatische Gehalt ihres Tweets: ein Aufatmen, dass ein Hindernis der feministischen Gedächtnispolitik im Begriff ist, wegzufallen.

        (Das wurde auch in den Kommentaren schon herausgearbeitet, aber mir ist diese Pointe gerade noch mal aufgegangen, darum paraphrasiere ich sie noch einmal.)

        @crumar:

        »Wo ist eigentlich das, was wir gemeinhin unter antifaschistischem Widerstand verstehen und verstanden haben?«

        Das verblüfft mich immer wieder von Neuem: wie es die feministische Ideologie immer noch fertigbringt, sich trotz solcher faschistoider Tendenzen immer noch und immer wieder als politisch unschuldig darzustellen. Ich vermeide ja nach Möglichkeit psychologische Erklärungen, aber vielleicht ist hier eine am rechten Ort: die Wirksamkeit von moralischen Mutter-Imagines, von denen sich freizumachen zu einer gelingenden psychischen Emanzipation gehört, die aber um so schwerer fällt, je mehr eine Gesellschaft Frauen und Mütter auf ein Podest der moralischen Überlegenheit stellt (ok, damit ist es keine rein psychologische Erklärung mehr).

        Aber das ist vielleicht auch die Achillesferse des Feminismus: die Angreifbarkeit durch ein öffentliches Anzweifeln und Bestreiten dieser Überlegenheit. Die Machtstrukturen des Feminismus werden durch einen ideologischen Schutzschirm abgesichert – fällt dieser Schutzschirm weg, fallen auch die Machtstrukturen. In den Begriffen des Online-Rollenspiels: der Feminismus setzt auf shield tanking – der Schild ist schwer zu überwinden, aber sobald er weg ist, ist die Beseitigung der »structure« eine Leichtigkeit.

        Aber vielleicht ist das das Merkmal des ganzen Zeitalters, denn es dürfte analog auch für die Vorherrschaft neoliberaler Ideologien und Wirtschaftstheorien gelten: es sind die Ideologien, die uns primär im Griff halten, nicht die direkten Repressionsmittel.

      • @ djadamoros „Aber das ist vielleicht auch die Achillesferse des Feminismus: die Angreifbarkeit durch ein öffentliches Anzweifeln und Bestreiten dieser Überlegenheit.“ Das erklärt zumindest die enorme Empfindlichkeit, mit der noch auf kleine Kritik reagiert wird. Gerade erst hat Arne Hoffmann ja auf einen Journalisten in Missouri hingewiesen, der doch tatsächlich einen Text darüber veröffentlicht hatte, dass er keine Feministin daten würde – und der dann von feministischen Angriffen aus dem ganzen Land überrascht wurde.
        https://twitter.com/LucasSchoppe1/status/774151887687868416

        Ansonsten glaube ich aber, dass die größte Stärke des Feminismus darin besteht, einfach auf den bestehenden Geschlechterstrukturen aufzubauen, aber zugleich den Eindruck zu erwecken, eine Reflexion dieser Strukturen zu liefern. Die Frau als schutzbedürftig, der Mann als gewalttätig, die Frau als moralisch, der Mann als amoralisch, die Frau als fragil, der Mann als unverwundbar, das Kind gehört zur Mutter, der Vater muss Frau und Kind finanziell versorgen, etc. : Es gibt eigentlich kein Geschlechterklischee, das nicht im Feminismus reproduziert würde.

        Damit fängt der Feminismus zwei widerstreitende Impulse ein: einerseits die tiefe Angst vor Veränderungen, die es im linken wie im rechten Lager gibt – andererseits den Wunsch, sich selbst als modernen, emanzipatorischen, aufgeschlossenen Menschen sehen zu können, einen Wusch also, der besonders unter Linken verbreitet ist. So ist denn auch verständlich, warum der Feminismus insbesondere bei politisch Linken Fuß fassen konnte, obwohl er in seinen heute dominanten Versionen eigentlich, und leicht erkennbar, über weite Strecken eine reaktionäre Ideologie liefert.

        Ich illustriere das einmal mit einem kleinen Beispiel, das als Anekdote nichts beweist, das aber ein ziemlich gutes Bild ist für das, was ich meine. Als wir vor einigen Wochen von einer Klassenfahrt zurückkamen, mussten die Taschen der Schüler von drei Klassen von einem Anhänger entladen werden. Zwei Schüler waren zu dem Zweck auf den Anhänger geklettert und reichten die Koffer und Taschen runter, ich und noch ein paar helfende Väter stellten die Taschen vorn dem Wagen auf den Boden.

        Dabei war mir immer wieder eine Neuntklässlerin im Weg, die nichts tat außer zuzuschauen und auf ihren eigenen Koffer zu warten. Sie hatte ein T-Shirt an, auf dem stand: „FEMINISM: the radical notion that women are people“. Ich sagte ihr drei Mal, dass sie entweder mit anpacken oder aus dem Weg gehen sollte – sie blieb stehen und wartete auf ihren Koffer. Schließlich sagte ich ihr sehr deutlich, dass sie ein paar Schritte zurück gehen müsse, weil sie im Weg sei – und dann machte sie tatsächlich ein paar Schritte zurück. Bis sie schließlich ihren Koffer entdeckte, ihn nahm und ging.

        Ich glaube nicht, dass sie den Spruch so versteht, dass NUR Frauen Leute/Menschen seien – sondern eher in dem Sinne, dass AUCH Frauen Menschen seien. Allgemeingültig an der Anekdote war für mich ohnehin etwas anderes, und das prägt faktisch jede Diskussion mit Feministinnen, die ich jemals erlebt habe, sei es als Beteiligter oder als Beobachter bzw. Leser:

        Die offene feministische Stellungnahme geht mit großer Verlässlichkeit davon aus, dass sich an der existierenden Geschlechterpraxis im Prinzip gar nichts ändert, dass sie noch nicht einmal zum Thema wird. Gerade der klassische Glaube bürgerlicher Frauen, dass sie einen Anspruch auf Versorgung durch Männer hätten, bleibt völlig unberührt.

        Im Prinzip ist das eine Haltung pubertierender Kinder (deshalb finde ich sie bei einer Neuntklässlerin auch noch völlig nachvollziehbar, und ich mache sie ihr überhaupt nicht streitig): Sich von Erwachsenen schon zu distanzieren, sie möglicherweise auch hart zu kritisieren, um eine eigenständige Identität ausbilden zu können – sich zugleich aber noch ganz selbstverständlich auf die Versorgung und die Sorge dieser Erwachsenen verlassen zu können.

        Dass Männer gefälligst ihren Anteil der Hausarbeit erledigen sollten, ist dann klar – aber dass das auch bedeuten müsste, ihnen die Hälfte der finanziellen Versorgung abzunehmen, ist ganz allgemein im Feminismus noch nicht angekommen.

        crumar ist neulich mal von der feministischen Bloggerin onyx als frauenfeindlich hingestellt worden, weil er darauf aufmerksam gemacht hat, dass öffentliche Gelder rundweg – wenn man es denn nach Geschlechtern aufschlüsselt – von Männern hin zu Frauen transferiert werden, und zwar jährlich in gigantischem Umfang. Allein der HINWEIS darauf ist nach onyx‘ feministischem Verständnis schon frauenfeindlich – und ich bin mir sicher, es gibt kaum Feministinnen, die ihr darin widersprechen würden. Was würde wohl erst passieren, wenn jemand fordern würde, dass die Transferleistungen von Männern zu Frauen im Sinne der tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung GESTOPPT werden müssten?

      • @djadmoros

        „es sind die Ideologien, die uns primär im Griff halten, nicht die direkten Repressionsmittel.“

        Stimme ich dir 110% zu.
        Was nicht heißt, diese würden nicht ebenfalls aufgefahren (s. Einsatz der Bundeswehr im Inneren).

        Was mich an deinem Donovan inspiriert hat, du bist über haargenau die selbe Stelle bei Bourdieu ins Grübeln geraten.
        Was wäre denn besser geeignet (proletarischen) Widerstand zu zerschlagen, als zu erklären, Widerstand sei „toxic“?
        Oder sei die strafwürdige Manifestierung eines Verhaltens eines Geschlechts (masculinity)?
        Das man „überwachen und bestrafen“ müsse?
        Es ist ja nicht so, als hätten sie Foucault weder gelesen noch verstanden.

        Das für diese Nacht…

        Gruß crumar

      • @Lucas:

        »crumar ist neulich mal von der feministischen Bloggerin onyx als frauenfeindlich hingestellt worden, weil er darauf aufmerksam gemacht hat, dass öffentliche Gelder rundweg – wenn man es denn nach Geschlechtern aufschlüsselt – von Männern hin zu Frauen transferiert werden, und zwar jährlich in gigantischem Umfang. Allein der HINWEIS darauf ist nach onyx‘ feministischem Verständnis schon frauenfeindlich«

        Diese Diskussion war mir entgangen. Das scheint, soweit ich das jetzt nachvollzogen habe, nach Art einer Verdrängung zu funktionieren: onyx beanstandet eine sprachliche Ungenauigkeit in crumars Kommentar (Verwendung einer strikten Allaussage anstelle einem Verweis auf die Nettobilanz) und verfehlt damit das Thema der Argumentation. Das ist nicht einmal ein Strohmannargument, sondern der Versuch, die Diskussion auf eine Nebensächlichkeit zu fixieren, um der Kernaussage aus dem Weg zu gehen. Wie ein angestrengter Blick auf die Maus im Porzellanladen, um den Elefanten nicht wahrnehmen zu müssen.

  • Zwei Jahre zuvor gab es in „Tablet“ eine Buchbesprechung von Hajkova, die ein Vorläufer des Taz-„Essays“ ist.

    „Warum Holocaust-Erlebnisberichte, ihre Fiktionen oder Auslassungen, eine Gefahr für die Geschichte einer komplizierten, tragischen, menschlichen Realität darstellen“ — dies behandelt Anna Hajkova anhand der Kindheitserinnerungen des Buchs „Landschaften der Grossstadt des Todes“ von Otto Dov Kulka, 2013 erschienen, gegenüber seiner von ihr selbst rekonstruierten Familiengeschichte (aus der der Aufsatz grösstenteils besteht). Kulka war 11 als er in Auschwitz wohl 1944 interniert wurde.

    Israeli Historian Otto Dov Kulka Tells Auschwitz Story of a Czech Family That Never Existed
    Why Holocaust accounts—and their fictions or omissions—can be a threat to the history of a complicated, tragic human reality

    http://www.tabletmag.com/jewish-arts-and-culture/books/186462/otto-dov-kulka

    Hajkova unterstellt Kulka, seine Geschwister Eva und Rudolf „aus der Geschichte“ und „aus der Existenz“ geschrieben zu haben (!).

    („Kulka’s omissions present a troubling gap. Nothing is left of Eva and Rudolf.
    In writing Rudolf and Eva out of his account, Otto Dov Kulka essentially wrote them out of history, and out of existence.“)

    Kulkas Vergessen der Schwester (vom Bruder ist an dieser Stelle keine Rede) wird von Hajkova in den Kontext des „beunruhigenden Trends“ gestellt, dass Männer und Frauen verschiedene Historiographien schrieben — die Männer die wichtiger Männer und ihrer Entscheidungen, Frauen hingegen würden über durchschnittliche Menschen, soziale Beziehungen und kulturelle Interpretationen schreiben, die „gegen den Strich“ gingen. „Einige“ Männer-Berichte seien selbstzentriert und egoistisch (wird an einer anderen Stelle behauptet).

    Über solche Memoiren sollten wir kritisch denken, weil die Verzerrtheit der persönlichen Geschichten absolut untrennbar mit Verzerrtheiten der „grösseren Geschichten“ (!) einhergingen.

    („ But we should think critically about this way of memoir writing, because it is a distortion of personal histories, which are inextricably and inexorably linked to distortions of the larger ones.“)

    Den Inhalt des Buchs von Kulka beschriebt Hajkova als „Kollage von Impressionen, Träumen und metaphysischen Träumereien über die Welt von Auschwitz, mit wenig Erzählung“. Sie behauptet, dieser Stil „maskiere“ die Auslassung einer komplizierten Familiengeschichte, die Hajkova recherchiert hätte, die von „Ehebruch, bitterer Scheidung und einem Vaterschafts-Gerichtsverfahren“ geprägt gewesen sei. Kulka hätte damit eine Familiengeschichte geschrieben, die nie so existiert hätte, was noch viel dramatischer im Titel des Stücks anklingt. Dieser Stil Kulkas würde eine „doppelte Funktion erfüllen“, die unangenehmen Teile der Familiengeschichte „auszulöschen“ und das Buch in den Kontext der „grossartigen literarischen Holocaust Memoiren“ stellen (also den der Männer).

    Am Ende kommt sie gar zum Schluss, dass es „vielleicht“ (das gerne verwendete Wieselwort an diesen Stellen) Liebesgeschichten und anderes Menschliches wären, die die Opfer „menschlich“ und „echt“ machen würden, diese Geschichten fehlten aber Kulkas Buch.

    („Otto Kulka’s family’s history is a complicated story. But then, many families had complex relationships, with affairs, lovers, and bitter divorces. In retrospect, perhaps it was the love affairs that made the victims human, and real. These stories about real people, though, are absent from Kulka’s Landscapes.“)

    Der letzte Satz ist eine Entmenschlichung Kukas, dem Hajkova in diesem Stück abspricht ein überhaupt ernstzunehmendes Werk geliefert zu haben, weil das Buch kein erschöpfendes Nacherzählen einer „menschlichen“ Geschichte liefern würde.
    Die Unterstellung des Verschweigens der Familiengeschichte wirkt willkürlich, ist nicht schlüssig begründet und auf sexistischem Vorurteil beruhend.
    Besonders befremdlich ist die Passage, in der Kulka gleichsam ein zweiter Mord an seinen Geschwistern angehängt wird, weil er nicht ausreichend über sie berichtet hätte. Noch befremdlicher ist ihre zusammenhanglos geäusserte Ansicht, dass verzerrte persönliche Geschichten die „grösseren Geschichten“ notwendigerweise beeinträchtigen würden. Das räumt die Möglichkeit eines durchgreifenden Geschichtsrevisionismus ein, wie er auch im Taz-Stück oder im Tweet anvisiert wird. (Das „bedient“ also weniger „Schlussstrich-Bedürfnisse“ als revisionistische Bedürfnisse).

  • Meiner Meinung nach kann man hier auf einer Metaebene mal wieder feststellen, wie sehr Kindheitstraumata die Wahrnehmung verzerren. Die Frau sieht auch noch in absurdesten Zusammenhängen vermeintliche Opferhierarchien und Frauendiskriminierung. Überall sind ominöse Diktate und Tabus am Werk. Die autoritäre Unterdrückung des Kindes kommt hier zum Ausdruck – wie bei allen Ideologien. Die Frau hat wie viele Feministinnen ein Vatertrauma und sieht überall die Gewalt von Männern am Werk. Ihr Blick auf den Holocaust und die Überlebenden erzählt im Grunde nicht anderes. Und der Feminismus und die Gender-Ideologie haben ja den gleichen Subtext. Ich persönlich verstehe nicht, wieso so viele die emotionalen Komplexe hinter dieser wahnhaften Weltsicht nicht sehen.

    Die Frau ist wohl auch lesbisch. Nach meiner Erfahrung haben Lesben auch sehr häufig sexuellen Mißbrauch erfahren. Sie verrät hier auch indirekt, daß der homosexuellen Lebensweise Traumata zugrunde liegen, die dann im Falle von Frauen feministisch verpackt werden.

    Aus meiner Sicht sind diese semantischen Zusammenhänge offensichtlich, aber es will wohl niemand den Sinn hinter der lesbischen und feministischen Lebensweise sehen. Sie ist ein verschlüsselter Ausdruck der Not.

    Ich bin mit meinen Ansichten zur Homosexualität wohl zu progressiv. 🙂

    • @ Kirk Die Ausführungen zur Homosexualität finde ich tatsächlich sehr spekulativ. Wenn Hájkova schon psychoanalytisch – und bei Dir ja auch oft: mit Alice Miller – angegangen wird, dann würde ich eher auf einen Text von Miller zurückgreifen, den sie mal zur Posener Rede von Himmler geschrieben hat (ein Kapitel aus „Am Anfang war Erziehung“).

      Sie erklärt die Brutalität der SS und ihre Verherrlichung durch Himmler mit den Begriffen „Abspaltung“ und „Projektion“: Das, was ein Mensch an sich selbst nicht wahrnehmen möchte, spaltet er gleichsam von sich ab – und entdeckt es in anderen wieder, die er dann als Feinde bekämpft.

      Dieses Muster funktioniert m.E. in allen verhärteten Freund-Feind-Strukturen. Es ist eine umfassende Selbst-Entschuldung und eine Belastung derjenigen, denen gegenüber man sich rücksichtslos oder brutal verhält. Da der alte weiße straighte Mann als Projektionsfläche lange etabliert ist, muss Hájkova hier die sonst erwartete Empathie gar nicht erst aufbringen – sie sieht Stern einfach als jemanden, der daran beteiligt war, die Stimmen von Lesben und Schwulen zum Verstummen zu bringen.

      Dass Stern so etwas überhaupt nicht getan hat – und dass er tatsächlich selbst, als Zwangs-Emigrant, zu den Opfern gehörte – das kann sie angesichts solcher Projektionen völlig vernachlässigen. Wichtig ist dann, die eigene Psychodynamik am Laufen zu halten – die eigene Rohheit und Empathieunfähigkeit nicht an sich selbst wahrzunehmen, sondern ausgerechnet an eben dem Menschen zu entdecken, dem Empathie verweigert wird. DAS ist die Realität, um die es geht – nicht die der historischen Fakten und Tatsachen.

      Ich halte meist nicht viel von psychoanalytischen Erklärungen, weil ich sie i.d.R. sehr unterstellend finde. Aber die Dynamik von Abspaltung und Projektion ist in meinen Augen ein sehr gutes Erklärungsmuster, gerade für viele der heutigen politischen Frontstellungen.

  • Sicherlich einer der prominentesten „alten, weissen straighten Männer“ vom Schlage Sterns:

    World’s Oldest Working Journalist, 90-Year-Old Holocaust Survivor Noah Klieger, Fears Nazi Genocide Will Be Forgotten in 50 Years

    http://www.algemeiner.com/2016/09/08/worlds-oldest-working-journalist-90-year-old-holocaust-survivor-noah-klieger-honored-in-tel-aviv/

    „“Young people don’t know about the Bar Kochba revolt, so I’m worried the Holocaust won’t be remembered either,” Klieger said, referring to the second century Judean war against the Romans. “But as an optimist — something I’d have to be to have survived what I did and be standing here today — I hope I’m wrong.”“

    • Lieber Jean, es ging darum, dass lesbische Frauen niemals in der Weise verfolgt wurden wie männliche Homosexuelle. In einzelnen Fällen sind lesbische Frauen in Konzentrationslager gekommen – mit der systematischen Verfolgung männlicher Homosexueller ist das nicht zu vergleichen.

      Was ich geschrieben habe, war also eine Reaktion auf die Forderung, es müsse eine „queere Geschichte des Holocaust“ geben – weil diese Forderung auf eine Weise erhoben wird, die die offensichtlichen und erheblichen Unterschiede zwischen dem Schicksal lesbischer Frauen und homosexueller Männer im Nationalsozialismus verwischt.

Leave a Comment