Meinungsfreiheit Political Correctnes

Lernen braucht Freiheit

Zeigt drei sitzende menschliche Skelette.
geschrieben von: Lucas Schoppe

…und Freiheit braucht Menschen, die lernen.  

Sieben Thesen zur Meinungsfreiheit an den Universitäten. Und ein Zitat.

Von irritierten „Nordamerikanistik-Studierenden der HU Berlin“ berichtet die taz am 6. Oktober dieses Jahres. Eva Boesenberg, Professorin für Nordamerikanische Literatur- und Kulturgeschichte, hatte in einem Seminar auch das Theaterstück The Emperor Jones des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers Eugene O’Neill auf die Leseliste gesetzt. Allein in der Eröffnungsszene käme dort, so hat die taz nachgezählt, 19 Mal das Wort „Nigger“ vor. Ein Stück aus dem Jahr 1920 –

„Doch eignet es sich heute für ein Seminar, in dem auch People of Color sitzen? ‚Für eine chinesische Studentin war das nicht auszuhalten’, erinnert sich Eva Boesenberg.“

Sie werde daher das Stück nicht wieder in einem Seminar behandeln.

Dass O’Neill prekäre Verhältnisse erlebt hat, jahrelang als Seemann arbeitete, im pazifistischen Flügel der Arbeiterbewegung engagiert war und dass seine Entwicklungsgeschichte hin zum Literaturnobelpreisträger ganz außergewöhnlich war – dass er als Dramatiker eine besondere Bedeutung für afro-amerikanische Schauspieler hatte – dass er eben über den Gebrauch des Wortes „Nigger“ schon eine Auseinandersetzung mit dem ersten Schauspieler der Hauptrolle hatte und ihm eben dieser Begriff wichtig war, um die Entfremdung Schwarzer in Amerika vorzuführen: Damit müssen sich Boesenbergs Studenten dann zukünftig nicht mehr beschäftigen.

Bild zeigt Mann mit einem Mund, der verklebt ist mit Klebband.

Ebenfalls an der Humboldt-Universität richteten im vergangenen Jahr Studenten ein Blog ein, in dem sie über die Vorlesung des Politikwissenschaftlers Herfried Münkler berichteten und ihrem Professor, unter anderem, einen „militärischen Sprechduktus“ und „koloniale Praxen“ vorhielten.  Der Zeit erklärte Münkler, dass er gern mit den Blog-Betreibern reden würde,

„aber die schlagen aus dem Off zu. ‚Asymmetrische Kriegsführung’ nennt Münkler dieses Vorgehen.“

Damit ist eine Bewegung von nordamerikanischen und britischen Universitäten auch an deutschen Universitäten angekommen, in der sich politisches Engagement mit enormer Sensibilität für Gruppen verbindet, die als marginalisiert oder als unterdrückt wahrgenommen werden: für Schwarze, für Frauen, für Transsexuelle.

Der weltweit anerkannte Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, der seit Jahrzehnten an der Stanford-Universität lehrt, hat vor einer Weile in der Neuen Zürcher Zeitung von einer persönlichen Erfahrung damit berichtet. Ihm sei aufgefallen, dass er von der Universität keine Funktionen mehr zugeteilt bekommen habe, „die mit der Betreuung von jungen Kollegen und Doktoranden zu tun haben“. Erst auf Nachfrage bei der Dekanin  habe er den Grund erfahren, nämlich seinen „Hang zu frauenfeindlichen Äusserungen“. Er erfährt zudem,

„dass der Stein des Anstosses ein im öffentlichen Rahmen gefallener Satz war, in dem ich meine eigene und die Tochter eines Kollegen als Beispiele für sehr gutes Aussehen (‚looking gorgeous’) angeführt hatte.“

Das sei sicher nicht verletzend gemeint gewesen, so die Dekanin, da sich aber eben nicht alle Frauen als gutaussehend wahrnehmen, hätten einige das als aggressiv wahrnehmen können.

In diesem Sinne arbeiten amerikanische Universitäten dann, so der lange Zeit-Artikel weiter, routiniert mit Triggerwarnungen, die vor verstörenden Inhalten in Büchern warnen – z.B. vor Kants Kritik der reinen Vernunft.

Die Warnung des Verlags vor diesem Buch spricht übrigens nicht direkt die Leser, sondern Eltern an – sie sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, dass sich seit der Zeit Kants „die Sicht auf Themen wie Rasse, Geschlechterrolle, Sexualität, Ethnizität und interpersonelle Beziehungen verändert“ habe. Da Kinder ihre ersten Leseerfahrungen gemeinhin nicht mit Kants Kritik der reinen Vernunft machen, sind in diesem Beispiel offenbar die Eltern von Studenten angesprochen, und es sind eben diese Studenten, die dabei als schutz- und aufklärungsbedürftige Kinder dastehen.

So werden ihnen an Universitäten dann auch Safe Spaces geschaffen, sichere Plätzen, in denen sie vor Zumutungen provozierender Positionen sicher sind. Auch vor provozierenden Rednern und Rednerinnen werden sie geschützt – etwa vor einer transsexuellen Aktivistin, die an der Brown-Universität ausgeladen wurde, weil sie von einer jüdischen Gruppe eingeladen worden war. Das nämlich würde das Leid der Palästinenser unsichtbar machen.

Am Londoner Goldsmith Institut wiederum, auch das berichtet die Zeit, sei eine iranische Menschenrechtlerin gezwungen worden, „ihren Vortrag zu unterbrechen, weil der muslimische Studenten verletze.“

Zur dieser Kultur einer modischen Verachtung der Meinungsfreiheit sieben Thesen und ein Zitat:

 

1. Wer beständig Herrschaftsverhalten enttarnt, zerstört Kommunikation

bodyGumbrecht schreibt überraschend aggressionsfrei und reflektiert über seine Ausbootung, die ihm nicht einmal offiziell erklärt worden war. Er betont „dass diese College-Studenten mit ihren so unendlich verschiedenen Herkunftsmilieus in einem Ton miteinander umgehen, der ohne persönliche Verletzungen auskommt.“

Ihre hohe Sensibilität auch für ungewollt-verletzende „Mikro-Aggressionen“, für unterschwellig-ausgrenzendes Herrschaftsverhalten sei eine Bedingung dafür, dass Menschen aus ganz unterschiedlichen Kontexten gut zusammenleben könnten.

Allerdings bedeutet eine hohe Sensibilität für Herrschaftsverhalten ja nicht, dass umgekehrt alles Herrschaftsverhalten wäre, was Sensibilitäten verletzt. Etikettierungen und Normierungen erfüllen in Institutionen, und nicht nur dort, pragmatische Funktionen. Es sind notwendige Hilfsmittel, um Erfahrungen zu strukturieren. Was aber ein Mensch auf der Basis seiner Erfahrungen tut oder sagt, kann für ihn selbst ganz unverdächtig sein, für einen Menschen aus einem anderen Kontext aber verletzend oder provozierend.

Die Kommunikation wird notwendig einseitig und asymmetrisch, wenn die Aufmerksamkeit für solche Sensibilitäten und Verletzungen wie in Gumbrechts Beispiel nicht ausbalanciert wird durch die Unterstellung eines kommunikativen Wohlwollens – wenn also das Gefühl des Verletztseins zählt, nicht aber die Annahme, dass Menschen in aller Regel keine Verletzungsabsicht haben.

 

2. Wer Verletzbarkeit sakralisiert, beschreibt Herrschaft grob und holzschnitthaft

sheep-441942_960_720„Sie geben allein den Gefühlen derer Relevanz, die sich verletzt fühlen.“ So Gumbrecht. Das aber ist nicht realisierbar – denn schließlich kann dieselbe Handlung, die einen Menschen vor Verletzungen schützen soll, selbst wiederum einen anderen Menschen verletzen. Wer – wie das etwa auch der DGB in Deutschland schon getan hat – mit Rücksicht auf muslimische Sensibilitäten eine Rednerin auslädt, weil sie sich für Interessen Israels eingesetzt hat, wird damit zugleich Juden verletzen.

Eine Fixierung auf Sensibilitäten passt nicht in eine demokratische Kultur, in der sich in öffentlichen Räumen verschiedene Menschen mit verschiedenen, jeweils mehr oder weniger legitimen Interessen verständigen, als prinzipiell gleichberechtigte Akteure. Denn in einer solchen Kultur wird die Relevanz von Verletzungen nicht durch diejenigen entschieden, die sich verletzt fühlen – sondern alle Beteiligten müssen sich anhand allgemeiner Regeln verständigen, welche Verletzungen bedeutsam und welche zumutbar seien.

Die Fixierung auf das Verletzungsgefühl braucht statt dessen klare Einteilungen, wessen Verletzungsgefühle ernst zu nehmen seien – die der „Marginalisierten“ – und wessen Verletzungen vernachlässigt werden können – die der „Privilegierten“. Eine große Sensibilität für subtile Herrschaftsmechanismen des Alltags verbindet sich so mit einer bemerkenswert groben, holzschnitthaften Vorstellung von Herrschaft: Weiße beherrschten Schwarze, Männer beherrschten Frauen, Heterosexuelle beherrschten Homosexuelle, Cis-Sexuelle beherrschten Transsexuelle.

 

3. Wer das Opfer sakralisiert, landet im Biologismus

stained-glass-645544_960_720-min„soziale Konstruktionen“. Die biologistische Orientierung ergibt sich daraus, dass die Selbstbeschreibung des Opfers gar nicht mehr zum Gegenstand der Kommunikation und schon gar nicht in Frage gestellt wird, sondern aller Kommunikation immer schon zu Grunde liegt.

Das dreht sich erkennbar im Kreis: Ein Mensch ist Opfer, weil er verletzt wurde – und seine Verletzung ist eben deshalb relevant, weil er Opfer ist. Dieses Modell lässt gar keine Diskussion über seinen Status mehr zu – stattdessen muss vor jeder Kommunikation immer schon eine Entscheidung gefallen sein, wer als Opfer zu betrachten ist und wer nicht. Diese Entscheidung wiederum braucht Kriterien, die in aller Regel ohne weitere Verständigung anwendbar sind. Dazu gehört dann vor allem die Hautfarbe oder das Geschlecht eines Menschen, aber – bezeichnenderweise – eben nicht seine soziale Herkunft, die ihm ja nicht immer schon fraglos anzusehen ist.

Die Sakralisierung des Opfers gehört grundsätzlich eben nicht in eine moderne oder gar progressive Politik, sondern in archaische Kulte.

 

4. Wer sich auf Gruppendenken fixiert, beschädigt Individuen und Gemeinwohl gleichermaßen

pandasOxford University nach dem Imperialisten und Sklavenhalter Cecil Rhodes benannt ist, finde ich beispielsweise völlig berechtigt. The Empire Writes Back: Dieses an Star Wars angelehnten Schlagwort bezeichnet eine schon jahrzehntelange Bewegung, mit der Autoren aus den ehemaligen britischen Kolonien im englischen Sprachraum ihre eigene Perspektiven geltend machen – und das stellt natürlich auch Selbstverständlichkeiten der britischen Kultur und Geschichte in Frage.

Solche wichtigen inhaltlichen Ziele aber werden beschädigt durch eine Form der Auseinandersetzung, die Rederecht und Relevanz von Menschen anhand ihrer Gruppenzugehörigkeit zuteilt. Das entwertet Menschen einerseits als Individuen, da sie ja nur alle Mitglieder einer Gruppe relevant sind oder nicht – andererseits verhindert es die Orientierung an einem alle gemeinsamen Wohl.

Wer lernt und sich entwickelt, macht die Erfahrung, dass die eigene Perspektive durch die anderer nicht nur provoziert und in Frage gestellt, sondern auch bereichert und ergänzt werden kann. Voraussetzung dafür ist die Annahme einer gemeinsamen Wirklichkeit, die unabhängig von allen einzelnen Perspektiven existiert, vor deren Horizont aber diese Perspektiven koordiniert werden können.

Ethisch und politisch entspricht dem die Vorstellung eines Gemeinwohls, in dessen Rahmen unterschiedliche Interessen vermittelt werden können. An die Stelle dieser Vermittlung, die wesentlich von den Bürgern selbst geleistet werden muss, tritt in einer Kultur des Opfers und der Verletzlichkeiten die Politik eines starken, wohlwollenden Staates. Gut ist nämlich nun nicht mehr die Vermittlung unterschiedlicher Interessen – gut ist das, was bestimmte marginalisierte Gruppen vertreten. Der Staat hat hier die Aufgabe, als Super-Akteur für die Interessen derjenigen einzustehen, die in einer zu schwachen Position sind, um sie allein durchzusetzen.

Die Frage, warum ausgerechnet die wichtigste Institution der Gesellschaft verlässlich auf der Seite der Schwächsten stehen sollte, wird dabei gar nicht erst gestellt.

 

5. Es geht Social Justice Warriors“ nicht um soziale Gerechtigkeit (und sie sind auch keine Krieger)

board-1621551_960_720Diese autoritäre Ausrichtung einer linken Politik dient dann eher auch bestehenden Interessen, als dass sie die Sache Marginalisierter vertreten würde. Wer es etwa aus sogenannten bildungsfernen Schichten an die Universität schafft, wird dort heute nicht mehr allein durch  die Gepflogenheiten eines akademischen Habitus und Sprachgebrauchs ausgegrenzt – sondern auch durch die für Laien unüberschaubaren Feinheiten einer geschlechtergerechten Sprache und durch Regeln einer politischen Korrektheit, die nach außen hin unverständlich und absurd wirken können.

So wird diese linke Bewegung dann auch eher von Angst getrieben als von der Hoffnung auf eine bessere, gerechter Zukunft. Es ist eine Bewegung der moralisierenden Abschottung gegen eine als überfordernd und bedrohlich wirkende Welt, bei der dann die Menschen, die nicht dazugehören, draußen bleiben. Es ist eine Abschottung vom Pöbel, die wohl befeuert wird durch die Abstiegsängste einer – noch – solventen oberen Mittelschicht.

Es ist daher auch falsch, die Aktivisten als Social Justice Warriors“ zu bezeichnen – auch wenn diese Bezeichnung ironisch gemeint ist. Es geht ihnen nicht um soziale Gerechtigkeit, sondern um die Interessen ausgewählter Gruppen. Eine Kriegerethik zudem mag Rohheiten und Gewalttätigkeiten gegen andere begünstigen – aber sie legitimiert diese Gewalt zumindest nicht auch noch mit Hinweisen auf die Hypersensibilität der Krieger.

 

6. Angst verhindert Lernen. Und wer Lernen verhindert, produziert Angst.

skeletons-1617539_960_720Was aber von Angst befeuert wird, produziert neue Angst und zerstört Freiheit. Wer jedoch lernt und sich entwickelt, braucht eben gerade diese Freiheit – und die Bereitschaft zur Weiterentwicklung ist zugleich die Bedingung für sie. Etwas Neues zu lernen, bedeutet immer, das Gewohnte, Bekannte und Verlässliche neu zu strukturieren. Das kann schmerzhaft sein, verunsichernd, frustrierend – aber in der Erfahrung, dass es die eigenen Möglichkeiten erweitert, auch beglückend und befriedigend.

Wer also das Verstörende, Irritierende, Beängstigende, auch Enragierende aus dem Weg räumt – der sorgt dafür, dass Menschen nicht mehr lernen können. Damit schafft Angst Bedingungen, die wiederum Angst schaffen. Wer Menschen die Irritation des Lernens erspart und sie stattdessen dafür belohnt, die eigenen Empfindlichkeiten auszustellen – der nimmt ihnen eben die so wichtige Erfahrung, sich auf immer wieder neue Situationen sinnvoll einstellen und an ihnen wachsen zu können.

Da aber die Wirklichkeit niemals clean sein, da sie immer neue Irritationen und Provokationen heranschaffen wird – daher gibt es auch immer wieder Gründe für Ängste, die doch angeblich so gut begründet sind und so wichtig genommen werden müssen. Die Fixierung auf Verletzbarkeiten, die Hypersensibilitäten belohnt und Menschen keine Robustheit abverlangt, ist auch eine Erziehung in die Angststörung hinein.

 

7. Wölfe sind keine geeigneten Hoffnungsträger für Schafe

wolfStatt vor einem offenen Horizont, den die Freiheit braucht, die eigene Möglichkeiten zu erweitern, rufen Menschen dann nach starken Autoritären, die es ihnen ersparen, mit Irritationen konfrontiert zu werden.

Vermutlich überträgt diese Bewegung die Erfahrung des Internets, seiner Filterblasen und Blocklisten, in die Welt außerhalb des Netzes, in der eben jeder störende Mensch durch Filter und Blockademanöver aus dem Blickfeld geräumt werden kann. In der realen Welt außerhalb des Netzes aber reicht es nicht, Menschen nur virtuell zum Verschwinden zu bringen.

Die Ausgrenzung störender Inhalte ist so auch unweigerlich verknüpft mit der Ausgrenzung von Menschen – die Verweigerung des Lernens ist auch die Weigerung, die Welt aus neuen, ungewohnten Perspektiven zu betrachten. So idealistisch die neue soziale Bewegung an den Universitäten auch sein mag, in ihrer autoritären Ausrichtung ist sie auch eine Bewegung von Schafen, die nach dem Wolf rufen – in der Hoffnung, dass er ihnen die anderen, bösen Schafe vom Hals schaffen möge.

Ohne Widerstand gegen sie hat diese Bewegung das Potenzial, sich zu einem Faschismus der Riechsalzfläschchen auszuwachsen.

 

8. Wenn der König nackt ist, müssen wir das auch sagen, oder: Es lohnt sich, Camus zu lesen

emperor_clothes_01Dass es keine Gerechtigkeit ohne Freiheit und keine Freiheit ohne Gerechtigkeit geben kann, hat schon in den Fünfziger Jahren der französische Literaturnobelpreisträger Albert Camus betont. In seinem Interview zur Niederschlagung des Ungarn-Aufstands, Sozialismus der Galgen, drückt er eine Kritik aus, die heute wieder überraschend gültig ist. Camus fordert von linken Intellektuellen, zu denen er sich selbst zählt, ihre eigenen Ideologien „einer kritischen Prüfung“ zu unterziehen und sich nicht unkritisch mit linker Politik gemein zu machen.

„Der Konformismus findet sich heutzutage bei der Linken, das lässt sich nun einmal nicht abstreiten. Es stimmt, dass die Rechte nicht eben ein leuchtendes Vorbild gibt. Aber die Linke ist ausgesprochen dekadent, gefangen in Worten, nur noch stereotyper Antworten fähig, sie klebt auf der Leimrute der Formeln und versagt unablässig angesichts der Wahrheit, von der sie doch ihre Gesetze herzuleiten behauptet. Die Linke ist schizophren und muss Heilung suchen – in unerbittlicher Kritik, Übung des Herzens, Festigung der Überlegung, und auch in ein wenig Bescheidenheit. Solange diese Revisionsarbeit nicht auf breiter Basis begonnen hat, ist jeder Zusammenschluss schädlich. Bis dahin hat der Intellektuelle die Pflicht zu sagen, dass der König nackt ist, wenn er es tatsächlich ist, und sich nicht in begeisterten Beschreibungen seiner eingebildeten Gewänder zu ergehen.“

Camus allerdings war Algerien-Franzose, damit im Verständnis heutiger Riechsalzfläschchen-Linker ein Repräsentant imperialistischer Politik und also ein Mensch, der Marginalisierten zuhören sollte, anstatt sich selbst im Diskurs breitzumachen. Dass seine Geschichte – vom Jungen, der ohne Vater und mit einer analphabetischen, tauben Mutter in einem Armenviertel von Algier aufwächst, zum Literaturnobelpreisträger – eine der erstaunlichsten Entwicklungsgeschichten des 20. Jahrhunderts ist, verschwände in diesen moralisierenden Klischees ebenso wie die Tatsache, dass er als Linker für eine linke Selbstkritik stand, die auch heute noch, und wieder, dringend nötig wäre.

 

Albert Camus: Der Sozialismus der Galgen, in: ders., Verteidigung der Freiheit. Politische Essays, Reinbek 2016, S. 114-120, hier S. 119

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17 Comments

  • Wenn die chinesische Studentin in der Einleitung das nicht aushält, dann muss sie das Seminar eben verlassen. Was wird stattdessen gemacht? Nachgegeben. Diese Kultur des Jasagens zu Tabus und Sonderregeln hat diese Form von Unfreiheit erst installiert.

    • @ Novalis Es gibt zwischen Es-Nicht-Aushalten und Das-Seminar-Verlassen ja noch eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die aber wohl allesamt als illegitim abgetan werden.

      Sehr hilfreich wäre es hier z.B., einfach den Kontext einer Äußerung mal einzubeziehen, anstatt sie einfach nur stur auf Triggerndes zu scannen. Es ist nun einmal ein Unterschied, ob jemand einen anderen Menschen „Nigger“ nennt, um ihn herabzuwürdigen – oder ob er das Wort „Nigger“ in einem Stück verwendet, um die Entwürdigung Schwarzer vorzuführen und zu kritisieren. Solche Unterschiede sind nicht einmal Feinheiten, sondern eigentlich offensichtlich.

      Fatal ist an der Kultur der Empfindlichkeit, dass jeweils nur der eigene Kontext zählt und der Kontext, in dem eine Äußerung getätigt wurde, ganz irrelevant wird. So kann Kommunikation aber immer nur schiefgehen – denn für die ist es wichtig, einigermaßen wohlwollend zu überprüfen, wie eine Äußerung in ihrem eigenen Kontext gemeint sein könnte. Wer immer nur den eigenen Kontext für wichtig hält, kann gar nicht kommunizieren. Und die Kommunikationserwartungen anderer erscheinen ihm dann recht bald als Bedrohung, die abzuwehren er jedes Recht hätte….

  • In diesem gesamten Tummelfeld von Safe Space, Triggerwarnungen und Mikroaggressionen würde ich insbesondere folgende Einwände geltend machen:

    (1)
    Das psychoanalytische Konzept des primären und sekundären Krankheitsgewinn.
    Ich weiss nicht, wie viel Gültigkeit dieses Konzept in der empirischen Forschung hat, aber sollte es eine gewisse Gültigkeit haben, dann sollte man es m.E. wichtig nehmen.

    • „Der primäre Krankheitsgewinn (innerer Krankheitsgewinn[3]) besteht in inneren oder direkten Vorteilen, die der kranke Mensch aus seinen Symptomen zieht: z. B. kann er dadurch als unangenehm empfundenen Situationen oder Konflikten aus dem Weg gehen. Das Symptom wird dann zwar als unangenehm erlebt, jedoch erlaubt es dem Kranken, keine sofortige (aus dem Konflikt herausführende) Entscheidung treffen zu müssen (oft erkennt er einen Konflikt, den er hat oder in dem er steht, gar nicht als solchen). Er fühlt sich nur in einer unangenehmen (für ihn z. Z. ausweglos erscheinenden) Situation, welche ihn schwächt. Der Zusammenhang zwischen Konflikt und Krankheitssymptomen wird nicht für möglich gehalten und bleibt unbewusst. Auch kann das Symptom unbewusst dazu dienen, unangenehmeren Konflikten aus dem Weg zu gehen (z. B. das plötzliche Erkranken vor einer schweren Prüfung). Ein Beispiel wäre wenn eine hysterische Blindheit einem hilft, angstauslöstende Situationen nicht mehr zu sehen.[4]
    • Der sekundäre Krankheitsgewinn (äußerer Krankheitsgewinn[3]) besteht in den äußeren Vorteilen, die der kranke Mensch aus bestehenden Symptomen ziehen kann, wie dem Zugewinn an Aufmerksamkeit und Beachtung durch seine Umwelt und/oder z. B. der Möglichkeit, im Bett bleiben zu können und dort Nahrung serviert zu bekommen.[5] Stavros Mentzos sieht in diesem Aspekt eine allgemeine Bedeutung des Symptoms, die nicht nur bei der Hysterie, sondern auch bei anderen psychischen Auffälligkeiten wie etwa bei Zwängen und Phobien einen kommunikativen Aspekt dieser Symptomsprache offenbaren und damit gleichzeitig auch einen therapeutischen Zugang ermöglichen.[6]“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Krankheitsgewinn

    (2)
    Das Konzept der Selbstviktimisierung: auch hier wäre natürlich zu fragen, wie stichhaltig ist dieses Konzept, aber auch hier: sollte es eine gewisse Stichhaltigkeit haben, dann wäre dies mit in die Diskussion einzubeziehen.

    „Bei der Verstetigung der Rolle von „Opfern“ spielt der Effekt der erlernten Hilflosigkeit eine Rolle. Durch Attribuierung von außen oder durch die Übernahme entsprechender Etikettierungen ins Selbstbild können leicht aus Menschen, die einmal oder mehrmals geschädigt wurden (Vorgangspassiv), Menschen werden, die dauerhaft geschädigt sind (Zustandspassiv), die also dauerhaft in eine Opferrolle geraten sind, einen dauerhaften Opferstatus erworben haben oder einen Opfermythos pflegen.
    Pejorativ, also in kritischer Absicht wird der Terminus verwendet, indem z. B. Forschern wie Pierre Bourdieu unterstellt wird, sie würden jedes soziale Phänomen in das Raster Opfer-Täter einordnen und einseitig Stellung zugunsten der Geschädigten beziehen.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Viktimisierung#Sozialwissenschaften

    (3)
    Selbstverständlich auch, dass die Meinungsfreiheit auf dem Spiel steht oder dass diese immer wie mehr eingeengt wird.

    (4) Und irgendwie stört mich wohl der Egozentrismus ev. auch Narzissmus dieser Leute.

    Ja, werde dann mal noch ein anderes Mal ein bisschen näher auf Deine Analyse eingehen, da mir noch nicht so richtig alles einleuchtet.

    • @ Mark Dass es Krankheitsgewinne gibt, glaube ich auch. Jemand muss sich zum Beispiel nicht dafür rechtfertigen, irgendetwas nicht auf die Reihe bekommen zu haben – sondern kann sich darauf berufen, verletzt, überfordert und einfach nicht in der Lage gewesen zu sein, zu tun, was von ihm oder ihr erwartet wurde. Der zusätzliche Gewinn durch die erhöhte Aufmerksamkeit anderer ist natürlich ein weiterer Vorteil.

      Das steht ganz im Gegensatz zu der Erwartung, dass Menschen – gerade in wichtigen Berufen – sich in Krisen und anderen Situationen eben NICHT von äußeren Eindrücken überwältigen lassen. Es ist eine Standarderwartung an Menschen, so etwas wie ein Gefühlsmanagement betreiben zu können.

      Wer hätte z.B. schon gern einen Arzt, der mitten in einer Operation feststellt, dass ihm jetzt alles zu viel wird und dass er jetzt erst einmal Safe Spaces braucht? Oder eine Lehrerin, die sogleich demonstrativ fertig mit den Nerven ist, wenn sich ihre Schüler mal anders als erwartet verhalten? Oder Handwerker, die plötzlich von ihrer eigenen Verletzbarkeit überwältigt werden, sobald sie die Wohnung gerade zur Hälfte renoviert haben – und die dann einfach nicht mehr weiter machen können?

      Die Kultur der Safe Spaces ist eben auch deswegen die Kultur einer sehr privilegierten Elite, weil sie darauf aufbaut, dass ANDERE sich die Hypersensibilität gar nicht leisten könnten, die in dieser Kultur gepflegt wird.

      Umso erstaunlicher ist die Bereitschaft, solch eine Kultur diffus als „links“ zu verstehen. Auch Bourdieu z.B. wartet nicht einfach mit simplen Opfer-Täter-Gegenüberstellungen auf, sondern argumentiert wesentlich differenzierter. Was z.B. in einem Feld ein Kapital ist, mit dem ein Mensch gut agieren kann, kann in einem anderen Feld eher zur Belastung werden. Die Grenzen sind nicht eindeutig.

      Ich also wüsste gern, aus welchen Traditionen sich diese Bewegung eigentlich speist – denn von klassischen linken Positionen ist sie eigentlich weit entfernt.

      • Wenn man alle menschlichen Beziehungen nur im Zusammenhang mit Machtverhältnissen versteht, kann es eigentlich garnicht anders sein. Sowas wie Solidarität gibt es dann nur gegen einen anderen, also eine Solidarität der Opfer gegen die Täter. Die dann letzten Endes auch nicht auf so etwas wie Gemeinwohl setzen kann, denn dann müsste man ja auch die Täter mit einbeziehen und ihnen zumindest sowas wie legitime Interessen zugestehen, mit denen man einen Ausgleich sucht. Hingegen strebt man den Sieg an, der eigentlich nur durch die Vernichtung des Täters gelingen kann. Um so befremdlicher, dass man für diese Position eine höhere Moral in Anspruch nimmt.

        • @ ElMocho Die höhere Moral begründet sich dann eben darin, dass der „Täter“ eben immer auch moralisch vernichtet wird. Wenn es keine gemeinsame Welt gibt, dann gibt es auch keinen gemeinsamen Sinn für Proportionen – noch dien kleinste Überschreitung kann als massiver Gewaltakt gedeutet werden, während das eigene Verhalten jederzeit ganz unproblematisch ist.

          Bei Twitter wird häufig ein Video verlinkt, das diese Situation schön illustriert. M.E. ist die häufigste Version des Videos – die mit furchtbaren Schreien der gezeigten jungen Frau unterlegt ist – nicht das Original, sondern manipuliert.

          Das aber ist gar nicht nötig, um zu zeigen, wie die Kriminalisierung des „Täters“ inszeniert wird. Die „Tat“ besteht hier darin, dass ein Polizist doch tatsächlich keine Lust mehr hat, von einer jungen Demonstrantin mit einem Luftballon geschlagen zu werden.

          https://www.youtube.com/watch?v=973J7DqPTFo

  • Ich verstehe diese voluntäre Viktimisierung nicht. Wer Opfer wurde, hat die Arschkarte gezogen, und er muss sie mühsam aus seinem seelischen Talon tilgen; was meist nur zum Teil gelingt.. Was also ist am Opfersein so schön, dass man sich ständig bei jedem queren Furz zum Opfer erklären möchte? Da nimmt sich niemand mehr richtig ernst, aber jederzeit zu wichtig …

    • @ Lotosritter Das ist möglicherweise ja auch gerade der Sinn der Viktimisierungs-Kultur. Es gibt nun einmal auch reale Opfer – Opfer im Bereich persönlicher Beziehungen und Opfer sozialer und politische Verhältnisse. Die Triggerwarnings- und Safespaces-Hypersensibilitäten erfüllen eben auch die Funktion, die Konzentration hin zu Menschen zu lenken, die eigentlich auf der Gewinnerseite stehen und die Kleinigkeiten zu Gewaltakten aufblasen müssen, um sich überhaupt irgendwie als „Opfer“ präsentieren zu können. „Er hat mich süße Maus genannt!“

      Einer der infamsten Aspekte daran: Menschen, die tatsächlich leiden, und die tatsächlich traumatisiert sind, können es sich gar nicht leisten, dieses Leid ähnlich beliebig zu Markte zu tragen. Wer tatsächlich schlimme Gewalt erlebt hat, ist nach meiner Erfahrung meist vorsichtig damit, wem er davon erzählt – weil es in solchen Situationen seht wichtig sein kann, sich erst einmal zu vergewissern, dass der Gesprächspartner auch vertrauenswürdig und der Situation gewachsen ist.

      Im Forum der Selbst-Inszenierungen haben Menschen, die Kleinigkeiten zu gigantischem Leid aufblasen, damit erhebliche Vorteile gegenüber Menschen, die tatsächlich erheblich leiden. Die abstoßende Triggerwarnungs-Kultur konzentriert sich einfach darauf, diesen Vorteil konsequent zu nutzen.

  • Lucas schrieb:

    „Es ist nun einmal ein Unterschied, ob jemand einen anderen Menschen „Nigger“ nennt, um ihn herabzuwürdigen – oder ob er das Wort „Nigger“ in einem Stück verwendet, um die Entwürdigung Schwarzer vorzuführen und zu kritisieren. Solche Unterschiede sind nicht einmal Feinheiten, sondern eigentlich offensichtlich.“

    Das bringt das Thema auf den Punkt! Ich finde es unerträglich und an Lern-Institutionen komplett fehl am Platz, wenn sogar die Auseinandersetzung mit Diskriminierung nicht mehr möglich ist, da entsprechende Texte nicht mehr gelesen werden dürfen.

    Das sollte eigentlich für jede und jeden offensichtlich sein – gerade auch für Linke! Ich verstehe wirklich nicht, wie man dahin kommen kann, solchen Lesestoff auszuschließen. Es ist so dermaßen unlogisch und KONTRAPRODUKTIV – ich fasse es nicht!

    An anderer Stelle kann ich nicht folgen:

    „Der Staat hat hier die Aufgabe, als Super-Akteur für die Interessen derjenigen einzustehen, die in einer zu schwachen Position sind, um sie allein durchzusetzen.
    Die Frage, warum ausgerechnet die wichtigste Institution der Gesellschaft verlässlich auf der Seite der Schwächsten stehen sollte, wird dabei gar nicht erst gestellt.“

    Wer denn, wenn nicht der Staat? Schließlich bestimmt der Staat durch Gesetze und Verordnungen unser Zusammenleben in vielerlei Hinsicht. Insofern ist es ein Erfolg, wenn man dem Staat im Wege demokratischer Prozesse beigebracht hat, sich für die Schwächeren einzusetzen. Das reicht von der Behindertenförderung bis hin zu Steuerprogression und Kindergeld. Und ist gut so!

  • Der Begriff „Meinungsfreiheit“ ist eigentlich fehl am Platz. Es geht vielmehr um Wissenschaftsfreiheit. Das macht schon das erste Beispiel des Textes klar: Der von Frau Boesenberg herangezogene Text hat einen wissenschaftlichen Wert für sie, weshalb sie ihn einsetzen möchte. Überlagert wird das dann aber durch Moral. Die Moral verhindert hier, dass Frau Boesenberg tut, was ihr aus wissenschaftlicher Sicht als sinnvoll und angemessen erscheint.

    Eigentlich ist eine Hochschullehrerin autonom in der Frage, was sie beforschen und was sie lehren will. In diese Autonomie hat sich – nach herkömmlichen Verständnis – niemand einzumischen, weder der Staat noch irgendwelche Interessengruppen. Einziges Kriterium ist hier die Wissenschaft selbst.

    Aber das hat sich offenbar verändert und die Moral beginnt die Wissenschaftsfreiheit auszuhöhlen. Seminartexte werden dann nach moralischen und nicht mehr nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgewählt. Statt Wertfreiheit ziehen also die Werte als Leitstern des Handelns von Professorinnen und Professoren in die Hörsäle ein.

    Das ist der Punkt, um den es geht. Die Institution Universität geht hier faule Kompromisse ein. Wissenschaftliche Wahrheit kann nur im Diskurs ausgefochten werden. Zweifel oder Kritik an der Boesenbergschen Textauswahl hätten also in wissenschaftlichen Debatten ausgesprochen und sachlich begründet werden müssen. Freilich hätte diese Debatte keinen Rekurs auf Moral zugelassen. Die wissenschaftliche Debatte ist aber die einzige Arena, in der angemessen über Sinn und Unsinn von wissenschaftlichen Aktivitäten geredet werden kann.

    Jetzt scheint aber die Moral wichtiger zu werden und die Wissenschaft hat sich nach ihr zu richten. Das ist also keine Frage der Meinungsfreiheit mehr, sondern eine des Fortbestehens einer unabhängigen Wissenschaft selbst.

    • @LoMi:

      »Das ist also keine Frage der Meinungsfreiheit mehr, sondern eine des Fortbestehens einer unabhängigen Wissenschaft selbst.«

      Das halte ich für einen ganz wichtigen Punkt! Wobei sich hinter der Moral wiederum eine bestimmte, mit wissenschaftlichem Anspruch auftretende Theorie verbirgt, recht grob gesagt der »Intersektionalismus«. Faktisch wird ein bestimmter wissenschaftlicher Standpunkt zur Prämisse für den Wissenschaftsbetrieb erhoben, der sich selbst nicht mehr wissenschaftlich ausweisen muss, sondern politisch gedeckt wird.

      Symptomatisch finde ich die Fassungslosigkeit, mit denen den Thesen eines Ulrich Kutschera begegnet wird. Die betroffene Genderforschung ist gar nicht in der Lage, das sachlich zu diskutieren, weil sie auf »außer Diskurs gestellten« Prämissen beruht, die den Charakter ideologischer Glaubenssätze haben. Insofern ist das Marxismus-Leninsmus light. Die fallen tatsächlich aus allen Wolken und sind argumentativ völlig hilflos, wenn diese Prämissen öffentlich angezweifelt werden.

      Das ist in meinen Augen zugleich die größte Schwachstelle des feministischen Apparats: wenn es gelingt, das öffentliche Schweige- und Denunziationskartell zu durchbrechen, gibt es dahinter keine zweite Verteidigungslinie mehr. Dann wird diese Ideologie einfach weggespült.

  • „Camus fordert von linken Intellektuellen, zu denen er sich selbst zählt, ihre eigenen Ideologien „einer kritischen Prüfung“ zu unterziehen und sich nicht unkritisch mit linker Politik gemein zu machen.“

    Dazu habe ich auch noch ein passendes Zitat. Albert Camus (der, was viele heute nicht wissen, in politischer Hinsicht libertärer Sozialist war und den französischen Syndikalismus unterstützte) folgte auch in einem Meinungsstreit mit Jean Paul Sartre dem jeder Political Correctness widersprechenden anarchistischen Grundsatz das Streben nach Gerechtigkeit nicht in Widerspruch zum Streben nach Wahrheit zu setzen.
    Der post-anarchistische französische Philosoph und Camus-Fan Michel Onfray schrieb hierzu folgende interessante Passage:

    „Nachdem Albert Camus das Sowjetregime wahrheitsgemäß als kriminell bezeichnet hatte, musste er sich von Sartre anhören, die positive Aufnahme seines Buches seitens der Konservativen entwerte es – womit er zu verstehen gab, dass die Linken recht und die Konservativen unrecht hätten. Sartre konnte nicht verwinden, dass die „Kapitalisten und die Bourgeoisie“ Camus Analyse zustimmten. Simone de Beauvoir schrieb in „La Pensee de droite aujourd`hui“: „Die Wahrheit ist eins, Fehler sind vielfältig. Es ist kein Zufall, dass die Konservativen für den Pluralismus sind.“ Das Zitat stammt aus „Faut-il bruler Sartre?“ (Idees-Gallimard, S. 85). Camus gab Sartre zur Antwort:
    „Man urteilt über die Wahrheit eines Gedankens nicht danach, ob er rechts oder links steht, und noch weniger danach, was die Rechte oder Linke daraus macht. Wenn ich die Wahrheit auf Seiten der Konservativen sähe, stünde ich dort.“ (Zitat Camus Ende)
    Wir erliegen alle dem bedauerlichen Mißverständnis, die Wahrheit gehöre einem bestimmten politischen Lager an, und die andere Seite irre sich folglich. Das muss ich deutlich machen, gerade weil ich links stehe.“

    (aus: Michel Onfray – Anti-Freud, Knaus, 2010, S. 504)

    • Ich hab Camus gerade wiederentdeckt, weil eine Freundin mir seine Autobiografie „Der erste Mensch“ geschenkt hatte. Damit hatte ich bislang wirklich etwas verpasst – das Buch ist grandios.

      In dem von mir zitierten Aufsatz ist eben das das Leitthema: Gerechtigkeit und Freiheit (und das heißt eben immer auch: Meinungsfreiheit) stünden nicht im Gegensatz zueinander, sondern seien Bedingung füreinander. Ich bin davon überzeugt, dass der Streit mit Sartre um diesen Punkt unter anderem in der ganz unterschiedlichen sozialen Herkunft wurzelt.

      Während Sartre aus bürgerlichen Verhältnissen stammt, wuchs Camus in Algier unter Bedingungen auf, die wir heute wohl als asozial wahrnehmen würden. Ich glaube, dass Camus – ähnlich wie Orwell in England – immer klar war, wen Einschränkungen der Meinungsfreiheit als erste treffen: nämlich, natürlich, die Ärmsten und Ohnmächtigsten.

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