Hate Speech Political Correctnes

Meinungsfreiheit statt Hass!

Bild zeigt einen Demonstranten mit einer Tafel in der Hand.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Die Förderung der Meinungsfreiheit hilft gegen Aggressionen im Netz – nicht ihre Einschränkung

Zur „Kloake der freien Meinungsäußerung“ würden sich die „sozialen Netzwerke“ entwickeln, schrieb Andreas Busche vor einigen Wochen in der Zeit – nicht etwa über rechtsradikale Propaganda, sondern über Kritik an dem neuen Ghostbusters-Film. Ähnlich genervt zeigte sich Christian Bommarius, Autor der Frankfurter Rundschau, in einem Text über die Befürchtung, die Meinungsfreiheit in Deutschland sei bedroht. „Ach ja, die Meinungsfreiheit!“ 

Schon damals war ich etwas verwundert: Wie kommen eigentlich Journalisten, die doch von der Meinungsfreiheit leben, dazu, so verächtlich und herablassend über sie zu schreiben?

Dies zudem in einer Zeit, in der sich Politiker um Einschränkungen der Meinungsfreiheit bemühen. Gerade hat der grüne Justizsenator von Hamburg, Till Steffen, gefordert, einen Shitstorm im Netz als „bandenmäßige Straftat“ zu werten. Das würde dann beispielsweise bedeuten: Wer einen Politiker kritisiert, der zugleich noch von vielen anderen kritisiert wird, der kann dafür als Mitglied einer „Bande“ verurteilt werden. Sollten während eines Shitstorms strafrechtlich relevante Äußerungen formuliert werden, könnte dann jeder Kritiker dafür mitverantwortlich gemacht werden – auch wenn er mit diesen Äußerungen gar nichts zu tun hatte.

Erstaunlich, dass diese Forderung von einem Justizsenator erhoben wird, also weder von einem Internet-Laien, der nicht wissen kann, wie Shitstorms funktionieren – noch von einem juristischen Laien.

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Anke Domscheidt-Berg, eine andere prominente Politikerin (ehemals Grüne, ehemals Piraten), hatte wenige Wochen zuvor erfreut darüber berichtet, dass „Hate Speech“ ins Zukunft durch eine „von Yahoo entwickelte“ künstliche Intelligenz automatisch aus dem Netz genommen werden könnte. Eine Zensur sei das natürlich nicht, so Domscheidt-Berg allen Ernstes, denn Zensur könne nur ein Staat ausüben – Zensur sei  aber „kein Begriff, der auf Dienste wie soziale Medien anwendbar ist“.

Na, dann ist ja alles gut.

Eben zu dieser Zeit finanziert das Bundesfamilienministerium eine No-Hate-Speech-Kampagne, die Grenzen zwischen freier Rede und Äußerungen von Hass verwischt – und die sich eher gegen unliebsame Meinungsäußerungen als gegen verbale Aggressionen im Netz richtet.

Wer nur nebenbei von solchen Entwicklungen liest, wird vermutlich nicht sonderlich besorgt sein. Dass Politiker Seltsames fordern, Journalisten Verwunderliches schreiben und Ministerien Geld für Projekte Geld ausgeben, deren Sinn unklar bleibt – das ist jeweils nicht sehr schön, aber doch alltäglich. Wir haben gelernt, damit zu leben. Wo also ist das Problem?

Eine Frage wie diese hat Antworten verdient.

 

No Hate Speech – Wo ist dabei das Problem? Wir sind doch schließlich alle gegen den Hass

Das ist ja möglicherweise gerade das Problem. Wer tritt schon für Hass, für Krieg und Feindschaft und für das Elend in der Welt ein? Wenn aber alle gegen den Hass sind – warum braucht es dann noch eine Kampagne dagegen, die aus Steuermitteln befeuert wird?

Da aber alle gegen den Hass sind, ist Hass etwas, dass sie rituell allein ihren Gegnern unterstellen. Flüchtlingsfeinde unterstellen Flüchtlingen Hass auf die westlichen Freiheiten – Politiker fast aller anderen Parteien und Journalisten unterstellen AfD-Politikern pauschal Hass auf die offene Gesellschaft – Identitäre rechte Bewegungen unterstellen der Merkel-Regierung, aus Hass auf die deutsche Bevölkerung eine gigantische „Umvolkungs“-Kampagne zu betreiben – Feministinnen unterstellen Männern pauschal, sie würden Männlichkeit frauenhassend durch die Unterdrückung, gar die Auslöschung von Frauen konstituieren.

Wenn diese Unterstellungen irrational sind, erfüllt gerade das eine Funktion. Es entsteht der Eindruck, dass diejenigen, denen Hass zugeschrieben wird, gar nicht zu Gruppe der vernunftfähigen menschlichen Wesen gehören: Sie sind die radikal anderen.

Bild zeigt Steintafel mit Aufschrift über einer Tür.Tatsächlich ist die Rede vom „Hass“ damit eine Absage an demokratische Politik. In der nämlich geht es um einen humanen Ausgleich verschiedener, jeweils mehr oder weniger legitimer Interessen. Wer aber durch Hass motiviert ist, der habe überhaupt keine rationalen Interessen, sondern irrationale Gewaltbedürfnisse, verdrängte Ängste, der formuliere eine Absage an die gemeinsame Menschlichkeit. Mit so jemandem sei kein Ausgleich möglich, der könne nur bekämpft werden.

Der kindliche Glaube, selbst für die Liebe einzutreten und gegen die Hassenden zu stehen, entspricht „einer dichotom-manichäischen Weltsicht“ die der Politologe Claus Leggewie gerade an narzisstischen Persönlichkeiten aus dem rechtsradikalen oder dem islamistischen Spektrum beschreiben hat. Dieser Glaube eignet sich nicht zur Verteidigung, sondern allein zur Bekämpfung der Demokratie.

Der Titel „Meinungsfreiheit statt Hass!“ wendet sich so auch nicht allein gegen verbale Gewalt – sondern auch gegen die infantile, unpolitische und selbstgerechte Haltung, politischen Gegnern unbesehen Hass zu unterstellen.

 

Hass ist keine Meinung – Sollten wir uns nicht zumindest darauf einigen können?

Wer aber behauptet denn eigentlich, dass es vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sei, Menschen massive Gewalt anzudrohen, ihnen zum Beispiel anzukündigen, sie zu vergewaltigen oder zu zerstückeln? Oder dass es unbedingt zur freien Rede gehöre, andere rüde und verletzend zu beschimpfen? Für solche Handlungen gibt es bereits eine Reihe von Straftatbeständen – von der Beleidigung oder Verleumdung bis hin zur Volksverhetzung.

Natürlich gibt es im Netz besondere Schwierigkeiten, solche Straftaten auch zu verfolgen – weil die Täter vom Ausland aus agieren zum Beispiel, weil die Server im Ausland stehen, oder weil die Identität der Täter nicht recherchiert werden kann.

Daran aber ändert der Slogan „Hass ist keine Meinung“ gar nichts. Der nämlich unterstellt lediglich, dass es bestimmte Äußerungen gebe, die als Meinungsäußerungen durchgehen, die aber tatsächlich Hass – bzw. Ausdruck von Hass – seien. Damit verwischt der Slogan die wichtige Grenze zwischen legitimer Meinungsäußerung und Straftaten.

 

Ist das nicht eine wilde Unterstellung – dass bestimmte Meinungen kriminalisiert werden sollen?

Zumindest an der No Hate Speech-Kampagne lässt sich sehr gut zeigen, dass sie sich nicht gegen massive verbale Aggressionen richtet, sondern gegen bestimmte Meinungen. Diese Kampagne stellt Bilder bereit, die als Verteidigung gegen bestimmte Äußerungen des Hasses genutzt werden sollen. Das ermöglicht Schlüsse darauf, um was für Äußerungen es sich dabei handelt.

Es wäre demnach eine Äußerung des Hasses,

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Je suis Charlie. Brüssel, 11. Januar 2015

Auch wer diese Positionen nicht teilt, wird gemeinhin wohl kaum auf die Idee kommen, sie als Formen des „Hasses“ einzuordnen. Offensichtlich ist: Sie als „Hass“ zu bekämpfen, bedeutet nicht, sie inhaltlich zu entkräften – es ist stattdessen ein Versuch, schon ihre bloße Äußerung zu verhindern. Dass es solche Positionen überhaupt gäbe, würde nämlich andere Menschen schon gewaltsam einschränken.

Daher setzen die verlinkten Bilder der steuermittelfinanzierten Kampagne auch keineswegs auf inhaltliche Argumente, sondern darauf, den Gesprächspartner – eher: Gesprächsgegner – zu beschämen und öffentlich lächerlich zu machen.

 

Dass die Kampagne gegen Hate Speech Schwächen hat, ändert aber doch nichts daran, dass ihr Ziel richtig und wichtig ist, oder?

Tatsächlich nennt die Kampagne auch Beispiele für Hate Speech, die nicht fragwürdig sind – dass Antisemitismus ein Beispiel für politischen Hass ist, ist beispielsweise weithin Konsens. Dadurch aber wird es nur umso schlimmer, dass solche eindeutigen Äußerungen von politischer Feindschaft mit Äußerungen verquickt werden, die Meinungen ausdrücken, welche schlicht den No-Hate-Speech-Initiatoren nicht gefallen.

Zugleich ignoriert die Kampagne ihren eigenen Beitrag zu Aggressionen im Netz – sie verbreitet selbst entwürdigende Darstellungen von Menschen und legitimiert das einfach schon dadurch, dass sie diese Menschen als „Hater“ präsentiert.

 

Ist das aber nicht ganz normal, dass Menschen die Fehler anderer eher wahrnehmen als ihre eigenen?

800px-stamp_germany_1995_minr1789_freiheit_der_meinungsaeusserungEs ist dann nicht normal, wenn diese gespaltene Wahrnehmung ideologisch abgesichert und durch die Verweigerung von Gesprächen betoniert wird. Unsere eigenen Fehler und Widersprüche fallen uns ja tatsächlich häufig erst dann auf, wenn wir uns aus der Perspektive anderer wahrnehmen. Eben diesen Perspektivwechsel aber vermeiden wir, wenn wir diese anderen als Hater etikettieren und ihre Meinung rundweg entwerten.

Ein Beispiel. Bei der Amadeu-Antonio-Stiftung ist Julia Schramm als „Fachreferentin für Hate Speech“ tätig. Die aber ist dafür berüchtigt, dass sie selbst andere im Netz rüde beleidigt, als „Arschloch“, „Fascho“ oder „Dreck“ zum Beispiel. Bekannt wurde sie auch durch ihre offene, hämische Freude über die Tötung vieler Tausender Zivilisten bei der Bombardierung von Dresden im Zweiten Weltkrieg.

Diese Freude wird von Schramm und ihren Unterstützern wohl deshalb als legitim empfunden, weil sie sich gegen die richtigen Feinde wendet – die Bombardierung von Dresden hat eben unter anderem auch für Rechtsradikale schon lange einen Symbolcharakter und wird von ihnen, historisch falsch, mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima parallel gesetzt. Dass die Bombardierung tatsächlich nicht gezielt überzeugte Nazis, sondern einfach Zivilisten – und übrigens sehr viele Flüchtlinge – traf, spielt dann für Schramm und andere keine Rolle.

Als nun Hanning Voigts, Redakteur der renommierten überregionalen Tageszeitung Frankfurter Rundschau, Schramms Äußerungen verteidigte, schrieb ich ihn bei Twitter darauf an und verfasste darüber dann kurz darauf einen Blogtext. Als Linkem war mir nämlich ein Punkt ganz besonders wichtig: Eine demokratische Linke dürfe sich nicht mit offener, sadistischer Freude an Gewalt gegen Menschen gemein machen – auch und gerade dann nicht, wenn diese Freude von der vermeintlich richtigen, von einer vermeintlich linken Position geäußert wird.

Voigts‘ Reaktion darauf: Er zog sich mit recht großem Gestus für eine Tage von Twitter zurück und blockierte mich dort. Die Forderung zur Abgrenzung gegen massive verbale Gewalt hatte er offenbar als unerträgliche Provokation empfunden.

Solche eingeübten, in Blocklisten sogar institutionalisierten Gesprächsverweigerungen tragen dazu bei, sich die blinden Flecke für den eigenen Anteil am Hass bewahren zu können.

 

Was aber kann gegen verbale Gewalt im Netz getan werden?

Das Beispiel des FR-Redakteurs zeigt, dass die Gleichgültigkeit gegenüber solcher Gewalt, gar ihre Legitimation eng zusammenhängt mit dem Rückzug aus offenen Diskussionen und mit dem Einrichten in Filterblasen. Dort sind dann Menschen gleicher Meinung unter sich, erregen sich über Chemtrails-Verschwörungen, über Merkels Umvolkungs-Politik oder über die Herrschaft des Patriarchats – und sie nehmen die, die anderer Meinung sind, entweder als unwissende Idioten oder als Agenten des Hasses wahr.

Gewalt gegen diese Hater erscheint damit nicht als Aggression, sondern als legitime Verteidigung des Guten, des Liebevollen, der Demokratie und der Menschlichkeit. Das initiiert einen Prozess mit Eigendymanik: Der Rückzug in Filterblasen begünstigt das Denken in Freund-Feind-Mustern, Freund-Feind-Muster fördern den Rückzug in Filterblasen – und beides legitimiert Gewalt. Besonders ausbaufähig sind solche Muster, wenn die Gegenseite ebenso verfährt.

george_washington_freedom_of_speech_quoteDie Freund-Feind-Muster, mit denen etwa die No-Hate-Speech-Kampagne arbeitet, fördern also Gewalt eher, als dass sie Gewalt behindern würden. Aus der Sicht der eigenen Filterbubble aber erscheint die Einschränkung der Meinungsfreiheit jeweils als ein Beitrag zur Befriedung der Gesellschaft: Wenn nur deren Meinungen, die ja doch nur Masken des Hasses sind, aus der Welt verschwinden würden, dann könnte es in der gesamten Gesellschaft so friedlich und einig zugehen wie in der eigenen Blase.

 

Es gibt aber nun einmal Positionen, die falsch oder unmenschlich sind. Was soll gegen die getan werden, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken?

Sachlich falsche oder inhumane Positionen verfestigen sich eben deshalb, weil ihre Vertreter sich nicht mit Gegenreden auseinandersetzen müssen. Gäbe es tatsächlich einen allgemeinen, herrschaftsfreien Diskurs, dann ließe sich die Meinung nicht halten, dass die Regierung die Bevölkerung über Chemtrails planmäßig vergifte, die deutsche Bevölkerung qua Umvolkung zu zerstören versuche oder dass die Verletzung der Rechte von Menschen legitim sei, wenn diese Menschen nur das falsche Geschlecht hätten.

Es fehlt also an Öffnungen – an Verbindungen zwischen den Filterblasen – an offenen Foren für alle – an freien Gesprächen gerade auch mit Menschen, die nicht derselben Meinung sind. Es fehlt auch an gemeinsamen Verständigungen darüber, welche Regeln für eine sinnvolle offene Debatte braucht.

Kurz: Die Förderung der Meinungsfreiheit hilft gegen Aggressionen im Netz – nicht ihre Einschränkung.

Ein Redakteur einer Lokalzeitung hat Anfang August beschreiben, wie seine Zeitung mit einer erheblichen Hetze gegen ein örtliches Flüchtlingsheim fertig geworden sei. Natürlich hat auch diese Zeitung strafwürdige Kommentare gelöscht – aber vor allem hat der Redakteur den Dialog mit den Schreibern gesucht, hat seine eigene Position erklärt. Viele Leser, die heftige Angriffe auf die Zeitung formuliert hätten, hätten beispielsweise nicht gewusst, wie sie überhaupt arbeitet: „Man kann das belächeln. Oder die Leute ernst nehmen – und bestenfalls zu Verbündeten machen.“ 

Natürlich: In überregionalen Medien wäre das deutlich aufwändiger als in einer Lokalzeitung. Aber wenn es auf lokaler Ebene sogar möglich ist, auf aggressive „Pöbelei“ ruhig zu antworten, dann sollte es einem Redakteur einer überregionalen Zeitung zumindest möglich sein, auf die höfliche Bitte um Distanzierung von massiver Gewalt zu reagieren, ohne sich passiv-aggressiv zurückzuziehen.

Anstatt also das „Netz“ als ominösen Ort der Aggression und des Hasses wahrzunehmen, sollten Vertreter von Institutionen hier selbst das Gespräch suchen. Parteipolitiker sollten etwa bereit sein, in politischen Foren mitzudiskutieren, dort die Konfrontation mit anderen Meinungen zu ertragen. Wer sein Geld damit verdient, sich wissenschaftlich mit Geschlechterverhältnissen zu beschäftigen, sollte es als selbstverständlichen Teil der eigenen Arbeit ansehen, sich Diskussionen mit Andersdenkenden zu stellen, etwa auf einem Blog wie Alles Evolution.

Solche Öffnungen von Seiten der Institutionen aus sind wichtig. Blogger und Kommentatoren nämlich können sich gegenseitig in ihren Filterblasen besuchen und Diskussionen offener gestalten – aber allgemeine Foren können sie nicht bereitstellen. Dafür fehlen ihnen die Strukturen und die Mittel, die es in größeren Institutionen gibt – in Parteien, Ministerien, Universitäten, Massenmedien.

Dieser Hintergrund macht dann auch erst ganz deutlich, wie gravierend es ist, wenn Redakteure etablierter Medien herrisch die Kommunikation verweigern, anstatt das Gespräch zu suche. Erst recht wird klar, wie verantwortungslos es ist, wenn ein Ministerium öffentliche Mittel nicht für die Förderung offener, demokratischer Debatten einsetzt – sondern öffentliche Mittel missbraucht, um Freund-Feind-Strukturen zu betonieren, Kommunikation zu unterbinden und unliebsame Meinungen möglichst effektiv zu diskreditieren.

 

PS, nachträglich hinzugefügt: Dazu passt ein gerade erschienener Bericht von Hadmut Danisch über die Veranstaltung Was tun gegen Hatespeech?, der stilistisch ganz anders, aber thematisch ähnlich ist.

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59 Comments

  • Schöner Text. Gerade gestern etwas in einem ähnlichen Zusammenhang gelesen:

    „Man muss nicht die Betroffenheit derer schützen, die sich als „die Guten“ allein sehen, dabei Andersdenkende verunglimpfen und deren Meinung und Denken verbieten wollen. Hat man Angst Gefühle zu verletzten oder ist man selbst schon so “radikalsensibel“, dass man gar keinen Zugang zur Vernunft mehr hat? Wo ist die Diskussionskultur hin? Der Wille, sich ernsthaft mit anderen und deren Positionen auseinanderzusetzen ohne direkt aus Angst vor verletzten Gefühlen im Voraus zu kapitulieren?

    Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein Recht auf Betroffenheitsschutz gibt es jedoch nicht. Wir gefährden unsere hart erkämpfte Demokratie, die Schützengräben und Vernichtungskriege für immer bannen will, wenn wir aus Angst vor Gefühlen oder angeblicher Betroffenheit nicht auf Gefahren und unbequeme Wahrheiten hinweisen. Der bereits bestehende Graben zwischen Medienmensch und Straßenmeinung darf nicht noch größer werden. Weg vom Elfenbeinturm des Gutgemeinten und –gewünschten und hin zu dem, was wirklich hilft und Früchte bringt.“

    https://hinsehen.net/2015/09/18/betroffenheitsjournalismus-schadet-der-demokratie/

  • Ich habe gestern auch den Blog-Beitrag von Danisch gelesen und ich frage mich schon die ganze Zeit, warum diese ganzen No-Hate-Speech-Propagandisten nicht ein einziges Mal auf die naheliegendste Antwort auf die Frage „Was tun gegen Hatespeech?“ kommen. Nämlich: Wie wärs, wenn man den sogenannten „Pöblern“ einfach mal zuhört, sie mal ausreden lässt, sie nicht gleich in besserwisserisch arrogantem Tonfall in die rechte Ecke stellen würde? Die sind doch oft nur deswegen so aufgebracht, und werden es mit der Zeit immer mehr, weil ihnen niemand zuhören will, weil man ihnen dauernd weismachen will, ihre Meinung zähle nichts, ja sie sei sogar unmoralisch. Das, und genau das bringt die Gesellschaft auseinander.

    Auf diese anscheinend schon ketzerische Antwort kommt offensichtlich niemand. Aber warum? Weil es eben nicht das tatsächliche Ziel dieser Kampagnen ist, wieder ziviler miteinander zu kommunizieren, das ist nur der vorgeschobene Grund. Das Ziel ist, bestimmte Meinungen aus dem demokratischen Diskurs, oder was man dafür so hält, auszuschließen.

    Die Weltraumaffen haben neulich ein wunderbares Mem kreiert: „Kein Wort ist illegal“. Natürlich spielt das auf die linke Parole „Kein Mensch ist illegal“ an, parodiert sie und ist genaugenommen, wie auch die linke Version, selbstverständlich falsch. So wie ein Staat nicht jede Einreise einfach dulden muss, muss er auch nicht jede Aussage dulden. Trotzdem ist das Mem als Parole gegen die Meinungsfreiheits-Abschleifer durchaus brauchbar.

    Sehr hübsch fand ich im übrigen Deine Volte: „Dort sind dann Menschen gleicher Meinung unter sich, erregen sich über Chemtrails-Verschwörungen, über Merkels Umvolkungs-Politik oder über die Herrschaft des Patriarchats“ Manche Verschwörungstheorien sind so dermaßen in den Mainstream übergegangen, dass sie als solche von vielen gar nicht mehr erkannt werden.

  • Thomas Fischer hat vorgestern wieder mal einen glänzenden Text abgeliefert, in dem es um die „Verdrehung elementarer Rechtsfragen“ im Fernsehen und die Kollateralschäden im allgemeinen Rechtsbewußtsein geht, letztere infolge feministischer Propaganda sind mir ja auch schon aufgefallen. Im aktuellen Fischer-Text geht es um die Unterscheidung zwischen Rechtswidrigkeit und Schuld bzw. die heillose Vermischung beider Begriffe, daneben um fehlende Grundkenntnisse von Journalisten und Medienschaffenden über die tatsächliche Rechtslage.

    Die Kritik von Fischer kann man fast 1:1 auf die Hate-Speech-Propagandisten übertragen. Wie schon mehrfach erwähnt drücken sie sich um eine klare Definition, was denn nun genau Haßrede bzw. rechtswidrig ist, ob das mehr als das ist, was schon jetzt rechtswidrig ist (selbst wenn das nicht wirksam verfolgt werden kann), und wer hier befugt ist, Rechtswidrigkeiten zu definieren. Stattdessen wird von der Schuld des Haßredners (der ggf. nur Meinungsgegner ist) ausgegangen und von dort aus rückwärts gerechnet, was der sagt, ist rechtswidrig.

    Diese Hate-Speech-Propagandisten zählen zu den gefährlichsten Verfassungsfeinden hierzulande: sie greifen elementare Grundlagen unseres Rechtssystems direkt und aus einer Machtposition heraus an. Ich kann mich dunkel an einen offiziellen Tweet erinnern, wonach man auch „Rechtswidrigkeiten unterhalb der Strafbarkeit“ anklagen und verfolgen will. Ja geht’s noch?? Unsere neuen Majestäten definieren in eigener Machtvollkommenheit eine Gender- und PC-Sharia, die das gemeine Volk gefälligst einzuhalten hat. Gewaltenteilung und Demokratie? Alles patriarchaler Quatsch…

    • „Ich kann mich dunkel an einen offiziellen Tweet erinnern, wonach man auch „Rechtswidrigkeiten unterhalb der Strafbarkeit“ anklagen und verfolgen will“

      Das war dieser hier:
      https://twitter.com/BMI_Bund/status/758648246034132993
      „Wir sprechen uns gegen Hatespeech aus, egal ob strafbar oder nicht. Jeder darf seine Meinung äußern, aber sachlich & ohne Angriffe.“ 06:00 – 28. Juli 2016

      Aufschlußreich ist auch die hatespeech-Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung: https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/hatespeech.pdf

      Ein einziger Eiertanz der üblichen Verdächtigen, was alles hatespeech sein könnte. Auf S. lerne ich, daß auch die Nicht-Erwähnung schwarzer Menschen Hassrede sein kann.

      Das ganze erinnert mich 1. an meinen Masku-Knigge, wo ich auf weniger Seiten als die AAS zur Erkenntnis komme, daß man gutes Benehmen nicht formal definieren kann, und 2. an den Eiertanz in der Aufschrei-Debatte, was alles Sexismus gegen Frauen ist.

      • @mitm

        Das finde ich natürlich einen Witz! Entweder ist etwas zivil- oder strafrechtlich unzulässig oder es kann m.E. auch keine Hassrede sein. Weil unter Hassrede verstehe ich mindestens etwas, das zivil- oder strafrechtlich relevant ist und der Rest ist Pippifax! Ich vermute, mit der Hassrede will man tatsächlich die Meinungsäusserungsfreiheit einschränken. Der Witz ist jedoch, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Meinungsäusserungsfreiheit ziemlich extensiv auslegt und hier einzelne Staaten nie durchkommen würden, wollten sie auf gesetzlicher Ebene die Meinungsäusserungsfreiheit einschränken.

  • Ich halte diese Gesprächsverweigerung für für ganz bewusst. ich versuche schon lange, mit Feministinnen oder postmodernen Linken über Grundsatzfragen ihrer Weltanschauung zu diskutieren, bin aber bisher noch immer abgeblitzt. Ich denke das liegt daran, dass sie genau wissen, wie schwach iohr ganzes Weltbild begründet ist, dass der Sozialkonstruktivismus sich bald in unauflösbare Wiedersprüche verwickelt, dass Frauen in der empirischen Realität keine besseren Menschen sind als Männer, dass es keine objektiv richtige und für alle automatisch verbindliche Moral gibt usw. Und sie haben Angst, dass das in der Diskussion schnell sichtbar wird und alle sehen, dass sie praktisch nackt sind.

    Sie glauben halt, dass die moralisch oder poltiisch gebotene Theorie richtig sein MUSS, auch wenn sich diese Richtigkeit nicht nachweisen lässt.

    • @El_Mocho:

      »Und sie haben Angst, dass das in der Diskussion schnell sichtbar wird und alle sehen, dass sie praktisch nackt sind.«

      Auch das sehe ich ganz genau so. Ich habe das schon mal (sorry für den Nerdkram) mit dem »shield tanking« im Online-Gaming verglichen: die Struktur und Panzerung eines Objekts ist äußerst schwach, aber es produziert einen extrem starken Schutzschild. Wenn der Schutzschild mal weg ist, reicht ein Husten, um das Objekt zu zerstören. So sehe ich diese Ideologien: die Abschirmung ihrer unsinnigen Behauptungen durch einen Schutzschirm der kontrollierten öffentlichen Meinung ist für sie überlebenskonstitutiv. Die Kritik an ihren Standpunkten muss vor Erreichen des eigentlichen Diskurshorizonts als unzumutbar denunziert und damit abgewiesen werden (und zwar notwendigerweise unter Mißachtung ihres Inhalts, der ja den Sprengkopf darstellt), weil die immanente, »strukturelle« Widerstandsfähigkeit ihrer Positionen gegen Null geht.

      Die »Filterblase« ist die persönliche Version eines solchen Schutzschirms, die »moderierte« und zensierte Öffentlichkeit die kollektive Variante. Den völlig hysterischen Rant von Selma Mahlknecht bei Telepolis erkläre ich mir aus dem Anlass einer solchen Filterblasenverletzung: ein sexistischer Witz im Zugabteil, also in einer Situation, die man umständehalber aushalten muss und nicht einfach wegzappen kann.

      • „Den völlig hysterischen Rant von Selma Mahlknecht bei Telepolis“

        Du meine Güte. Wenn das mal keine Hate Speech ist. Ich hatte anfangs den Verdacht, das sei ein Troll, aber die Dame gibt es offenbar wirklich. Also der Unterhaltungswert von Geschlechterdebatten ist manchmal unübertroffen, wenn man von der Seitenlinie zuschaut.

        Der sexistischer Witz im Zugabteil war aber nur ein Aufhänger, die Wutattacke richtete sich generell gegen alle Frauen, die dem Feminusmus in den Rücken fallen und nicht linienkonform sind.

      • @ Djadmoros

        „Es gilt aber auch: Sozialkonstruktivisten != Sozialkonstruktivisten In der Soziologie ist »Konstruktivismus« geläufigerweise eher mit den Namen Peter Berger und Thomas Luckmann verbunden, den Autoren von »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit«.“

        Schön, dass du darauf hinweist. Ich empfinde die häufige Gleichsetzung des postmodernistischen Sozialkonstruktivismus mit Sozialkonstruktivismus an sich auch schon seit längerem als störend.

        Nun gut, unsere soziologisch weniger informierten Mitstreiter können sowas nicht unbedingt wissen, dafür haben sie andere Interessen und Fachgebiete, mit denen sie sich auskennen.
        Aber wenn Kritik wisenschaftlich fundiert sein soll, dann muss sie solche Dinge natürlich berücksichtigen.

        Die Soziologen Berger und Luckmann, die den Sozialkonstruktivismus als soziologische theoretische Strömung ursprünglich begründet haben, gelten hinsichtlich ihrer politisch Weltsicht zudem eher als konservativ und sind m.W. beide überzeugte Christen (letzteres dürfte auch mit ein Grund sein, warum sie viel zum Thema Religionssoziologie veröffentlicht haben).
        Mit Gender Studies und postmodernem Sozialkonstruktivismus haben Luckmann und Berger nichts am Hut, Berger ist übrigens zudem ein Kritiker von Politisierungstendenzen innerhalb der Soziologie.

        Es gibt innerhalb des Sozialkonstruktivismus also Unterströmungen und nicht jede Form des Sozialkonstruktivismus ist per se unwissenschaftlich und steht im Widerspruch zu wesentlichen Grundlagen empirischer Sozialforschung, das gilt nur für eine bestimmte Variante, nämlich den postmodernistischen Sozialkonstruktivismus, der aber eben etwas anderes ist als der ursprüngliche Sozialkonstruktivismus von Berger und Luckmann.

    • „Sie glauben halt, dass die moralisch oder poltiisch gebotene Theorie richtig sein MUSS, auch wenn sich diese Richtigkeit nicht nachweisen lässt.“

      Ich hatte die Postmoderne so verstanden, dass es gar nicht möglich ist, so etwas wie ‚objektive Wahrheit‘ überhaupt zu erkennen. Da damit alle Narrative ‚gleich wahr‘ sind, sei dasjenige zu wählen, welches ‚politisch am Erstrebenswertesten‘ ist.

      In diesem ‚Meta-Narrativ‘ kann man nun nicht mehr über ‚Wahrheitsgehalt‘ diskutieren, sondern nur noch über ‚politische Erstrebenswertigkeit‘. Das hat den linken Autor Alan Sokal zu massiver Kritik veranlaßt, weil dieses postmoderne Narrativ „der Arbeiterschaft ihr schärfstes Schwert nimmt: die Existenz objektiv wahrer Sachverhalte, welche auch die Herrschenden anerkennen müssen.“

      • Stimmt natürlich. Die Behauptung, dass es keine objektive Wahrheit gibt, ist genau Teil der Strategie der Diskursverweigerung. Und da liegt auch schon wieder ein Wiederspruch, denn es wird ja als Behauptung mit Wahrheitsanspruch (es gibt kein X) vorgetragen.

      • „Das hat den linken Autor Alan Sokal zu massiver Kritik veranlaßt, weil dieses postmoderne Narrativ „der Arbeiterschaft ihr schärfstes Schwert nimmt: die Existenz objektiv wahrer Sachverhalte, welche auch die Herrschenden anerkennen müssen.““

        Die Vorstellung einer universellen Wahrheit, bzw einer Objektivität, ist ein wesentliches Merkmal des politisch Linken. Obskurantismus, Relativismus, Esoterik oder Dogmatik ist immer das Kennzeichen der politischen Rechten und Reaktion auf den universellen linken Anspruch.

        Der ganze Postmodernismus ist rechts.

      • @El_Mocho:

        Stimmt natürlich. Die Behauptung, dass es keine objektive Wahrheit gibt, ist genau Teil der Strategie der Diskursverweigerung. Und da liegt auch schon wieder ein Wiederspruch, denn es wird ja als Behauptung mit Wahrheitsanspruch (es gibt kein X) vorgetragen.

        Völlig richtig! Und das treibt den rationalen Menschen (Dawkins, Harris etc.) die Tränen der Frustration in die Augen, weil die Postmoderne mit ihrem radikalskeptischen Standpunkt schlicht und einfach die Existenz offensichtlich vorhandener intersubjektiver Wahrheiten leugnet. Das ist z.B. auch bei diesem aktuell virulenten Video ‚Science must fall!‘ dieses südafrikanischen Mädels die ‚Meta-Erzählung‘.

        Nochmal Dawkins:

        If you use [scientific knowledge] to build rockets, they will put men on the moon. (…) It WORKS! (bitches!!)

        Ich bin auf diesen ganzen Themenkomplex ‚Feminismus‘ gestoßen durch mein Interesse an (natur-)wissenschaftlicher Methodik und wie man Pseudowissenschaften von ‚echter‘ Wissenschaft würde unterscheiden können, was deutlich schwieriger ist als man meinen sollte. Die Tatsache, dass (Natur-)Wissenschaft so erfolgreich ist in der Beschreibung der real existierenden Welt, verschaffte ihr ein Ansehen einer Sonderstellung innerhalb der akademischen Disziplinen (‚Wir entdecken ewige, kulturell unabhängige Wahrheiten.‘), welche insbesondere bei den Literaturkritikern offenbar schlimme Neidreflexe auslöste, was schlußendlich in der Entwicklung (Erfindung?) des Poststrukturalismus mündete. Die wesentlichen Propageten des Poststrukturalismus sind tatsächlich Literaturkritiker (Derrida, Lyotard, Irigaray et al.), die sich inzwischen selbst für Philosophen halten…

      • @CountZero „(Wir entdecken ewige, kulturell unabhängige Wahrheiten.), welche insbesondere bei den Literaturkritikern offenbar schlimme Neidreflexe auslöste,“

        Das wäre gar nicht notwendig, denn die MINT-Wissenschaften machen ganz andere Arten von Aussagen als die Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften und haben völlig andere Wissenschaftstheorien. Sogar der Begriff „Wissen“ oder „Wahrheit“ ist fundamental anders in den vier großen Wissenschaftsgebieten.

        Die Behauptung, dass es keine objektive Wahrheit gibt, ist in der Kunst und großen Teilen der Geisteswissenschaften offensichtlich „wahr“ ;-), weil der Begriff „objektive Wahrheit“ dort keinen Sinn hat bzw. keine klare Definition hat. Er stammt sinngemäß aus den empirischen Wissenschaften und den Formalwissenschaften und ist eigentlich nur auf Aussagen aus diesen Wissenschaftsgebieten anwendbar.

        Unter Philosophen nennt man es glaube ich einen Kategorienfehler, einen Begriff außerhalb seines Anwendungsbereichs zu verwenden.

        Umgekehrt begehen unsere radikalen Postmodernisten den Kategorienfehler, die in ihrem Wissenschaftsgebiet triviale bzw. sinnlose Aussage „Es gibt keine objektive Wahrheit“ auf andere Wissenschaftsgebiet anzuwenden. Es ist natürlich menschlich, von sich auf andere zu schließen, aber leider unwissenschaftlich.

      • @mitm:

        [D]ie MINT-Wissenschaften machen ganz andere Arten von Aussagen als die Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften und haben völlig andere Wissenschaftstheorien.

        Ich habe Deinen ausführlichen Blog-Artikel zu dem Thema vor längerer Zeit gelesen, nmA geht er aber am Punkt vorbei:

        Der Anspruch der MINT-Disziplinen, über die ontologisch real existierende Welt epistemisch gültige Aussagen machen zu wollen (gar zu können!), ist doch gerade das Problem, welches zu den ‚Science Wars‘ geführt hat. Nach Ian Hacking sind die Kernpunkte der Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaftlern und Kritikern der naturwissenschaftlichen Methodik (z.B. ‚Sociologists of Science‘) folgende:

        (1) Sind wissenschaftliche Erklärungen zwangsläufig, dh. sind sie unabhängig vom kulturellen Umfeld, in dem sie entdeckt wurden? Oder sind sie abhängig vom Verlauf der Wissenschaftsgeschichte und dem kulturellen Umfeld, in dem sie entstanden sind?

        (2) Entdeckt (Natur-)Wissenschaft Strukturen der realen Welt, oder werden die Strukturen erschaffen (’sozial ausgehandelt‘)?

        (3) Warum sind wissenschaftliche Erklärungen so stabil (Wasser wird immer aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff bestehen, auch in zweitausend Jahren noch)? Liegt das daran, dass die Erklärungen ontologische Entitäten der ‚realen Welt‘ (innerhalb gewisser Grenzen) korrekt abbilden oder existieren soziale Faktoren in Gesellschaft und ’scientific community‘, die diese Erklärungsstabilität erzeugen?

        Die Behauptung der ‚Sociologists of Science‘ ist z.B., dass, wenn andere Kulturen sich z.B. der Physik widmen, ganz andere Gesetze ‚entdeckt‘ werden würden, die nichts mit z.B. den Maxwellschen Gleichungen zu tun haben und die die empirischen Tatsachen genauso gut erklären. Die ‚Entdeckung‘ der Newtonschen Gravitationsgesetze, Maxwellschen Gleichung oder der Existenz von Quarks wäre demnach eben nicht zwangsläufig, sondern kulturabhängig (!).

        Persönlich denke ich, dass es sich lohnt, als praktizierender Naturwissenschaftler über diese Fragen nachzudenken. Hacking führt eine Skala von 1 – 5 ein, wobei 1 = vollst. sozialkonstruktivistische Erklärung und 5 = vollst. Abwesenheit davon bedeuten. Für mich selbst würde ich bei allen drei Punkten eine ‚4‘ vergeben, dh. ich denke, dass soziale Einflüsse vorhanden sind, schlußendlich ist es aber egal, ob ein Stalinist, ein Marktradikaler, eine australische Aboriginee oder ein kleines, pelziges Wesen aus dem Krebsnebel Physik betreiben: alle würden die Maxwell-Gleichungen und die H2O-Zusammensetzung von Wasser entdecken, auch wenn sie vielleicht nicht überall auf Anhieb als diese erkennbar wären.

        Das ist aber genau das, was z.B. Barnes und Bloor, Bruno Latour oder Sandra Harding genauso bestreiten wie unsere südafrikanische Fallistin. Das mag nach Deiner Ansicht ein Kategorienfehler sein, die Fragestellung an sich (welche Stärke sozialer Einflüsse bei (1)-(3)) halte ich aber für völlig legitim, sogar für interessant :-).

        In Diskussionen mit Gender-Forscher*n im Forumsteil des ‚Tagesspiegels‘ (ich glaube zum Artikel ‚Wer hat Angst vorm bösen Gender?‘ von Ilse Lenz) mußte ich aber lernen, das diese Leute zwar kritisch gegenüber der Einstufung von (1)-(3) durch Naturwissenschaftler sind, ihre eigene Einstufung dieses Meta-Narrativs jedoch für wahr und absolut halten! Und leider intellektuell nicht in der Lage sind, diesen Widerspruch zu erkennen.

      • @ CountZero: ich dachte, ich hätte genau die angesprochenen Punkte in meinem Text geklärt, anscheinend aber nicht. Wenn Interesse besteht, kann ich versuchen, die Stellen zu kären, wo das Verständnis aussetzt.

        Vielleicht einige Punkte hier und jetzt:

        Der Anspruch der MINT-Disziplinen, über die ontologisch real existierende Welt epistemisch gültige Aussagen machen zu wollen (gar zu können!) ….

        Die MINT-Disziplinen (die sich über Formalwissenschaften, Naturwissenschaften bis tw. in die Sozialwissenschaften erstrecken) haben gerade keinen einheitlichen Anspruch hinsichtlich der Wahrheit ihrer Aussagen, weil der Begriff Zuverlässigkeit je nach Teilbereich grundlegend verschieden ist. Das ist gerade einer der zentralen Punkte, die ich vermtteln wollte. Wenn man einen einheitlichen Wahrheitsanspruch unterstellt, hat man sofort verloren. Dann unterstellt man auch eine einheitliche Wissenschaftstheorie, und die kann es mMn nicht geben.

        Außerdem sind die Gegenstandsbereiche der Aussagen klar getrennt, um nicht zu sagen disjunkt. Die Aussage, daß die Summe der Innenwinkel eines Dreicks ein Halbkreis ist, ist eine mathematische Aussage, keine empitrische und keine psychologische.

        (1) Sind wissenschaftliche Erklärungen zwangsläufig, dh. sind sie unabhängig vom kulturellen Umfeld, in dem sie entdeckt wurden? Oder sind sie abhängig vom Verlauf der Wissenschaftsgeschichte und dem kulturellen Umfeld, in dem sie entstanden sind?

        Die Antworten auf diese Frage ist je nach Wissenschaftsgebiet und zug. Wissenschaftstheorie verschieden. Die Frage ist ähnlich falsch wie die Frage nach einem einheilichen Futter für alle Lebewesen, Mikroben, Vögel, Fische usw. Die Frage unterstellt, daß es eine einheitliche Antwort gibt, das ist eine versteckte, völlig willkürliche und falsche Annahme.

        (2) Entdeckt (Natur-)Wissenschaft Strukturen der realen Welt, oder werden die Strukturen erschaffen (’sozial ausgehandelt`)?

        Echte Naturwissenschaften entdecken Fakten. Die Fakten können nicht sozial konstruiert werden. Sozial konstruiert werden höchstens die Modelle, die vereinfachte Abbilder der Natur sind.

        3) Warum sind wissenschaftliche Erklärungen so stabil (Wasser wird immer aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff bestehen, auch in zweitausend Jahren noch)? Liegt das daran, dass die Erklärungen ontologische Entitäten der #realen Welt` (innerhalb gewisser Grenzen) korrekt abbilden oder existieren soziale Faktoren in Gesellschaft und ’scientific community`, die diese Erklärungsstabilität erzeugen?

        Die Frage ist für jedes Wissenschaftsgebiet anders zu beantworten. In den Formalwissenschaften sind bewiesene Aussagen völlig „stabil“, weil ihr Beweis immer gleich bleibt. In den empirischen Wissenschaften sind Modelle bisher im Prinzip falsifizierbare, aber bisher noch nicht falsifizierte Aussagen bzw. extrem zuverlässige Prognosen und insofern äußerst „stabil“. In den Sozialwissenschaften sind Aussagen oft nicht falsifizierbare, aber plausible Aussagen, deren Plausiblilität durch schwache Verfahren wie Induktion „bewiesen“ wird, und die ziemlich „instabil“ sind. In den Geisteswissenschaften sind Aussagen („dieses Bild ist schön“) Ansichtssache und willkürlich oder sozial konstruiert.

        Wie gesagt, bei Interesse gerne mehr, aber besser an anderer Stelle, denn es führt zu weit weg vom Thema dieses Blogposts.

      • @ CountZero „ich hatte bereits ein schlechtes Gewissen wg. OT:

        obwohl …. ganz so weit weg vom Thema sind wir überraschenderweise doch nicht. Ich habe heute einige Kommentare zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 durchgelesen. Ich traute meinen Augen kaum, im Tagesspiegel und in der Zeit sehr kritische Kommentare zu Emcke und ihrem Buch bzw. der offenbar weitegehend deckungsgleichen Rede zu lesen. Hier die Links + noch ein Text aus der Welt, alle sehr lesenswert:

        https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article158988723/Jeder-kriegt-den-Preistraeger-den-er-verdient.html Jeder kriegt den Preisträger, den er verdient, Von Thomas Schmid

        http://www.tagesspiegel.de/politik/friedenspreis-rede-von-carolin-emcke-die-gute-und-die-boesen/14730476.html von Malte Lehming Die Gute und die Bösen

        http://www.zeit.de/2016/44/carolin-emcke-friedenspreis-des-deutschen-buchhandels/komplettansicht Von Adam Soboczynski 23. Oktober 2016

        Allen drei Kommentatoren (vermutlich männlich, weiß, hetero 🙁 ) ist der innere Widerspruch aufgefallen, daß Emcke selber Feindbilder aufbaut, indem sie andere ohne wirkliche Ursachenanalyse als charakterlich minderwertig darstellt, und insb. weitgehend dabei versagt, die sozialen Ursachen für den von ihr kritisierten Haß zu betrachten. Bis hin zu der Frage, ob die Kritisierten Hasser nicht in einigen Punkten faktisch recht haben.

        Womit wir wieder bei der Erkenntnistheorie sind! Soboczynski schreibt: „Leider kann Emckes menschenfreundliches Anliegen aber nicht über die Schwäche der Argumentation hinwegtäuschen. Es stört eben nicht nur die bereits erwähnte richtiggehend ärgerliche Redundanz eher selbstverständlicher Überlegungen, sondern ein grundlegendes methodisches Problem. In stark am Poststrukturalismus orientierten Analysekapiteln werden althergebrachte Vorstellungen von Homogenität, Natürlichkeit, Ursprünglichkeit und Reinheit dekonstruiert, und mitunter fühlt man sich beim Lesen in die schöne alte Zeit von Proseminaren der achtziger und neunziger Jahre versetzt: ….“

        Jemand wie Emcke, der bei bestimmten Gruppen Haß diagnostiziert und zum Kampf gegen die Hasser aufruft, betreibt psychologische Massen-Ferndiagnosen (ob das noch unter Soziologie fällt, sei dahingestellt), vermutlich mit Textanalysen, stellt wilde soziologische Theorien auf, betätigt sich also als Amateursoziologe. Emcke hat bunt gemischt Philosophie, Politik und Geschichte studiert, jedenfalls keine Soziologie, vor langer Zeit über Kollektive Identitäten promoviert und war dann als Reporter viel unterwegs und hat sehr viel geschrieben – viel Zeit für Feldforschung wird sie kaum gehabt haben, bestenfalls liest sie wissenschaftliche Publikationen

        Wenn man das mit dem Aufwand vergleich, den seriöse Soziologen bei empirischer Forschung betreiben und wie unzuverlässig bzw. schlecht reproduzierbar die Resultate trotz hoher Standards sind, dann grenzt das, was Emcke und die meisten Reporter machen, an Kaffeesatzleserei. Ob ihr das bewußt ist, ist die Frage, jedenfalls glaubt sie offenbar an die eherne Gültigkeitkeit ihrer sozialen Theorien.

        Hier produziert sie denn auch gleich ein weiteres Paradox: Die kritisierten Hasser sind u.a. deswegen Hasser, weil sie die Welt nicht bzw. falsch verstehen (wie schon hier erwähnt ist Haß ja eine Schlußfolgerung aus Realitätswahrnehmungen, die nur falsch sein können), während Emcke die Welt natürlich richtig versteht. Natürlich!

      • Ich mauss bekennen das ich Probleme habe mit der Behauptung, es gäbe für Geistes- und Sozialwissenschaften auf der einen und Naturwissenschaften auf der anderen Seite unterschiedliche Wahrheiten und entsprechend auch unterschiedliche Wissenschaftstheorien.

        Es gibt doch letztlich nur eine Realität, die materielle Realität in Raum und Zeit, in der wir alle leben, die Wissenschaftler genauso wie die Postmodernisten. Deshalb kommt es ja überhaupt erst zu den Konflikten, denn beide unterstellen die objektive Gültigkeit ihrer Thesen.

        Entscheidende Gründe für diese Annahme sind aus meiner Sicht 1. wie schon oben angeführt die Möglichkeit, die Realität zu verändern unter Rückgriff auf wissenschaftliche Theorien. Wenn sich jemand im falschen Körper empfindet und sein Geschlecht wechseln will, lässt er sich operieren, von Ärzten, die wissenschaftlich ausgebildet sind. Wenn man von der sozialen Konstruiertheit von Geschlecht ausgeht, müsste sich das doch durch Diskurse o.ä. machen lassen, aber mir ist nicht bekannt, dass das irgenwo mal gelungen wäre. Im gegenteil, sie fordern, dass die Geschelchtsumwnadlung von der Krankenkasse bezahlt werden soll, womit man implizit eingesteht, das sie nur dirch eine Operation machbar ist.

        Sehe ich hier auch eine defensive Strategie von Seiten der Geistes- und Sozialwissenschaften zur Erhaltung des eigenen Status. Wenn Naturwissenschaften auch auf traditionell geisteswissenschaftliche Fragen angewandt werden können, Ethik und Ästhetik etwa, ist die Geisteswissenschaft in diesem Bereich zumindest relaitiviert, wenn nicht überflüssig.
        Im Bereich der Ethik ist das ganz klar schon der Fall, s. z.B. http://www.stafforini.com/txt/Singer%20-%20The%20expanding%20circle.pdf

      • „Ich mauss bekennen das ich Probleme habe mit der Behauptung, es gäbe für Geistes- und Sozialwissenschaften auf der einen und Naturwissenschaften auf der anderen Seite unterschiedliche Wahrheiten und entsprechend auch unterschiedliche Wissenschaftstheorien.
        Es gibt doch letztlich nur eine Realität, die materielle Realität in Raum und Zeit, in der wir alle leben, die Wissenschaftler genauso wie die Postmodernisten. Deshalb kommt es ja überhaupt erst zu den Konflikten, denn beide unterstellen die objektive Gültigkeit ihrer Thesen.“

        Naturwissenschaftliche Fakten haben nicht den gleichen Charakter wie soziale. Betrachten wir mal zwei Aussagen:
        1. Die Erde dreht sich um die Sonne.
        2. Angela Merkel ist Bundeskanzlerin der BRD.
        Die erste Aussage ist wahr, selbst wenn alle Menschen glauben würden, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Bei der zweiten ist es anders: Angela Merkel ist Bundeskanzlerin der BRD, weil alle Menschen es glauben. Würden wir uns darauf einigen, dass Sigmar Gabriel Bundeskanzler ist, hätten wir damit eine neue Wahrheit erschaffen. Was im sozialen Raum wahr ist, hängt eben ganz entscheidend davon ab, was die Menschen denken, und durch die Änderung ihrer Gedanken ändert sich auch die soziale Realität. Oder anders ausgedrückt: Die Menschen konstruieren sich ihre Wahrheit selbst.

      • Aber diese Wirklichkeit ist doch ganz einfach mit naturwissenschaftlichen Mitteln überprüfbar, indem man etwa die entsprechenden Dokumente konsultiert. Ich sehe nicht, wozu man da eine besondere Wahrheitstheorie bräucte.

      • @JC Denton:
        Natürlich ist der Begriff ‚Bundeskanzler‘ (oder, sagen wir allgemeiner einmal: ‚Staatenlenker‘) menschengemacht (sozial konstruiert?), dh. andere Gesellschaften haben andere Arten von Staatenlenkern und/oder andere Mechanismen zu deren Inthronisation.

        Trotzdem ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt intersubjektiv reproduzierbar sicher, dass Frau Merkel Bundeskanzlerin ist und nicht Sigmar Gabriel, unabhängig vom sozialen Hintergrund des politischen Beobachters. Anders ist das z.B. bei der Bestimmung der politischen Aussage eines Gedichtes, nehmen wir einmal „The White Man’s Burden“ von Rudyard Kipling, welches für die einen eine Verpflichtung zur humanistischen Befreiung der unzivilisierten Völker, für die anderen eine selbstgerechte Umdeutung der kolonialen Ausbeutung armer, unschuldiger Menschen in einen humanistischen Akt darstellen soll. Welche der Interpretationen ist nun ‚wahr‘? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt einer Interpretation dieses Gedichtes festzustellen, intersubjektiv und reproduzierbar?

        ‚Fußball‘ ist in Europa und Südamerika eine Männersportart, in den USA eine Frauensportart. Die Wahrnehmung von ‚Fußball‘ als ein Sport, den vor allem von Mitgliedern eines der beiden Geschlechter ausgeführt wird, ist abhängig von der Gesellschaft, aus der der Wahrnehmer kommt, aber jeder Beobachter würde feststellen, dass Fußball in den USA im wesentlichen weiblich konnotiert ist.

        Die ‚Tatsache‘, dass sich die Sonne und sechs weitere ‚Planeten‘ um die Erde drehen, war für die Europäer der Zeit vor Kopernikus, Galilei und Kepler ‚wahr‘ (in dem Sinne, dass die ihnen bekannte Empirie im wesentlichen ausreichend mit diesem Modell erklärt werden konnte). Mit der Ankunft des Fernrohrs wurden weitere empirische Beobachtungen zugänglich, die eine Veränderung des Modells nahelegten und das heliozentrische Modell wurde fortan als ‚wahr‘ angesehen.

        Die Argumentation der Sozialkonstruktivisten geht nun so, dass sowohl geozentrisches als auch heliozentrisches Weltbild gleichermaßen ‚wahr‘ sind, lediglich hatten die Heliozentriker eine Diskurshoheit dergestalt, um ihre Ansicht als ‚wahr‘ durchsetzen zu können.

        Das entspricht den sozialkonstruktivistischen Prämissen (1) – (3): wissenschaftliche Erkenntnis ist kontingent, Struktur in der Natur wird ‚erdacht‘ und nicht ‚entdeckt‘, die aktuell gültige ‚Wahrheit‘ wird sozial durchgesetzt durch Akteure mit Diskurshoheit, die abweichende Meinungen zum Schweigen bringen.

        Die bessere Paßgenauigkeit des heliozentrischen Weltbildes an empirische Beobachtungen wird mit ‚Theoriebeladenheit der Beobachtungen‘ (Hanson/Duhem/Quine -> Kuhn) als unzutreffend, bzw. ‚Interpretationssache‘ (wie Kiplings Gedicht) angegriffen und außerdem gebe es ja auch im heliozentrischen Bild Probleme mit diversen Beobachtungen (z.B. Periheldrehung des Merkur), dh. ein Strohmann, da beim Vergleich Geo- gegen Heliozentrismus irrelevant ist, ob der Heliozentrismus nicht ebenfalls Schwächen hat, solange er die Empirie besser erklärt als der Geozentrismus.

        Das ist eine grundsätzliche Kritik der Erkenntnistheorie (der Naturwissenschaften), egal ob man nun mitm folgt und verschiedene Erkenntnistheorien für verschiedene Disziplinen ansetzt oder nicht: jede Erkenntnistheorie, die die Korrespondenz zwischen ‚wissenschaftlicher Erkenntnis‘
        und ontologischen Entitäten über empirische Beobachtungen herstellt, würde so kritisiert.

        Diese ‚kontingente wissenschaftliche Erkenntnis‘ der Sozialkonstruktivisten treibt skurrile Blüten: Lt. Bruno Latour kann Pharao Ramses II gar nicht an Tuberkulose gestorben sein, weil die Tuberkel-Bazillen erst 1882 von Robert Koch ‚entdeckt‘ wurden(!!) und – da Naturwissenschaft Struktur in der Natur ‚erdenkt‘ oder ’sozial konstruiert‘ und also ‚erschafft‘ – demnach 1213 v. Chr. noch(!) gar nicht existierten, als der Pharao starb.

        Mir (und z.B. auch Ian Hacking oder Steven Weinberg) erscheint es seltsam, eine solche Einstellung überhaupt ernsthaft vertreten zu können. Daraus speist sich jedoch die Grundlage für die Einlassungen einer Carolin Emcke, Judith Butler oder die Aussage der Gender Studies generell, für die in großen Teilen die Tatsache, dass Menschen fast immer geschlechterdimorph ausdifferenziert beobachtet werden, als ‚Biologismus‘ (im Sinne von: ihr habt ja erwartet, zwei Geschlechter zu finden, also ist das auch ‚rausgekommen…) diffamiert wird.

      • @El_Mocho Oktober 25, 2016 um 8:49 am: „Ich muss bekennen das ich Probleme habe mit der Behauptung …“

        Keine falsche Bescheidenheit 😉 Ich glaube, ich muß meine Argumentation bessser auf den Punkt bringen und die Seite über die Wissenschafstheorien (bzw meine private Meinung zu dem Thema) aufteilen in das wesentliche und die sekundären Argumente. Im Moment habe ich nicht genügend Zeit dazu. Ich bin gerade beruflich und privat gerade voll im Streß, wie man so schön sagt, und werde mich erst am WE wieder melden.

        @JC Denton Oktober 25, 2016 um 8:46 pm: „Naturwissenschaftliche Fakten haben nicht den gleichen Charakter wie soziale.“

        Das geht schon in die richtige Richtung. Leider ist auch „Naturwissenschaft“ üblicherweise, speziell wenn man den Begriff mit „MINT“ gleichsetzt, ein Sammelbegriff, der tatsächlich in Teilbiete zerfällt, in denen die Aussagen bzw. Fakten ebenfalls nicht den gleichen Charakter haben. Insb. ist die Mathematik keine Naturwissenschaft.

        Noch ein paar spitzfindige Bemerkungen zu den beiden Aussagen über die Erde und Merkel: deren Wahrheit ist auf bestimmte Zeiträume beschränkt. Generell sind die meisten Aussagen nur eine bestimmte Zeitlang gültig. Angela Merkel ist aktuell Bundeskanzler, außerdem schon eine Weile vorher und wahrscheinlich auch noch bis zu den nächsten Wahlen. Die Erde dreht sich aktuell um die Sonne außerdem schon eine Weile vorher und zumindest solange noch, bis Prognosen zufolge unsere werte Sonne leider zu einer Nova bzw. einem roten Riesen wird und dann wird es hier auf der Erde richtig ungemütlich, schon in ca. 5 Mrd. Jahren, also eigentlich übermorgen, wenn man langfristig denkt. Wenn wir Pech haben, kommt schon vorher so ein fieser Killer-Meteor wie damals bei den Sauriern und haut alles in Stücke. Oder ein noch fieseres schwarzes Loch saugt uns weg. Ich warne also vor Aussagen mit zeitlich unbeschränkter Gültigkeit 😉

        @CountZero Oktober 23, 2016 um 12:01 pm „Hacking führt eine Skala von 1 – 5 ein, wobei 1 = vollst. sozialkonstruktivistische Erklärung und 5 = vollst. Abwesenheit davon bedeuten“

        Kann man dazu eine Quelle haben, wo diese Skala beschrieben ist?

      • In diesem Zusammenhang zitiere ich mal:

        „The postmodern approach is bound by ist own historical antecedents in a way that stretches as far back as Descartes. It cannot take seriously the approach from things in themselves. It is incapable of understanding how things in themselves may be epistemologically prior to thoughts and words. Still conditioned by the Cartesian asceticism of turning one’s back upon the immaturity of sense cognition and taking one’s ideas as the starting points for philosophical thinking, it finds incomprehensible the stand that the thing signified can be epistemologically prior to the sign. It is but going a step further to claim that language in its turn precedes thought in the genesis of human cognition, since through language thought is handed down from generation to generation. Yet language does not necessarily change thought. Image and idea remain the same. The visible solar system stays the same, whether conceived as geocentric or heliocentric. The thing itself is not changed by our thought about it. Nor by changing our language do we change our ideas, any more than by changing our ideas we change things. Rather, as Aristotle noted, all persons can have the same mental images even though they use different speech-sounds to express them. Language, in fact, is checked by thought for its correctness, and thought by things. Once the Cartesian origin of philosophy in ideas has been put aside, it is not difficult to see how things can be epistemologically prior to both thought and language, with sensible things themselves as the ground on which the differences between the philosophy of Aristotle and the philosophy of Aquinas are to be judged. …

        Both these ways of thinking, moreover, are to be judged by their accordance with the really existent sensible world, the sole tribunal to which they pay homage as philosophies. Each is led to its starting points by the urgings of its cultural circumstances, but each finds those starting points in naturally knowable things and not in the cultural tradition.“

        THE CAMBRIDGE COMPANION TO AQUINAS, 2006, S. 56

        Es handelt sich um ein Buch über mittelalterliche Philosophie. Vor dem Aufkommen der idealistischen Philosophie wäre niemand auf die Idee gekommen, dass es verschiedene Wahrheiten usw. geben könnte.

      • @El_Mocho:

        »The postmodern approach is bound by ist own historical antecedents in a way that stretches as far back as Descartes. It cannot take seriously the approach from things in themselves. It is incapable of understanding how things in themselves may be epistemologically prior to thoughts and words.«

        Dazu gibt es eine Neuerscheinung bei Suhrkamp, die genau dieses Thema aufgreift: Hubert Dreyfus und Charles Taylor vertreten die These, dass Descartes‘ Idee, dass der Geist niemals in direkten Kontakt mit der Außenwelt treten könne, »final dekonstruiert« werden muss.

      • @mitm:
        Ian Hacking: The social construction of what?, Harvard University Press; Revised ed. (1. November 2000), ISBN-13: 978-0674004122.

        Zu der ‚Skala‘ wird da allerdings nicht viel gesagt, Hacking hat die Ansicht, dass sowohl soziale Phänomene als auch eine tatsächlich vorhandene Korrespondenz zur ontologischen Wirklichkeit die aktuell prävalenten naturwissenschaftlichen Ansichten bestimmen. Die Zahlen dienen nur dazu, die eigene Meinung dazu auszudrücken, wie sehr soziale und wie sehr Empirie für wissenschaftliche Erkenntnis bestimmend sind.

        An dieser Stelle eine weitere Anmerkung: Sozialkonstruktivisten lehnen auch die Ansicht ab, wissenschaftliche Erkenntnis wäre kumulativ, dh. frühere Erkenntnis würde im Laufe der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit verbessert, weil neuere Modelle genauer sind. Sie hingegen vertreten den Standpunkt, dass frühere Ansichten im Laufe der Zeit regelmäßig durch neuere Theorien komplett verworfen werden. Dh. es könnte sein, dass Newton’s Gravitation zukünftig nicht mehr benutzt werden kann, um die Bahn von geworfenen Schlagbällen sinnvoll vorherzusagen, weil eine neue Theorie die Newton’sche ersetzt.

        Das ist offensichtlich nicht der Fall: kein Artillerieoffizier rechnet relativistisch oder sogar mit ART die Flugbahnen seiner Geschosse aus, obwohl wir wissen, dass ART nach aktuellem Stand die beste Theorie der Gravitation ist, und nicht Newton. Und wenn ich ’nur‘ den Frühlingspunkt des nächsten Jahres bestimmen will, damit ich weiß, wann ich das Fest der Auferstehung des HErrn feiern muß, reicht auch eine geozentrisches Modell aus.

        Natürlich gab es auch ‚wissenschaftliche‘ Theorien, die einfach falsch waren und verworfen wurden (Phlogiston-Theorie z.B. oder Technicolor für eine neuere Idee). Die haben aber auch damals schon die Empirie nicht sinnvoll beschrieben und wanderten gerechtfertigterweise auf den Müllhaufen hübscher, aber unzutreffender Theorien. Etwas, was mir z.B. bei Gender Studies unbekannt ist: die machen offenbar derart gute Forschung, dass sie nie eine Hypothese als falsch verwerfen müssen….

        (ein klares Anzeichen für eine Pseudowissenschaft!).

      • @CountZero:

        »Sozialkonstruktivisten lehnen auch die Ansicht ab, wissenschaftliche Erkenntnis wäre kumulativ, dh. frühere Erkenntnis würde im Laufe der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit verbessert, weil neuere Modelle genauer sind.«

        Ich glaube nicht, dass dieser Vorwurf zutrifft. Sozialkonstruktivisten lehnen ja nicht per se empirische Forschung und kausale Modelle ab, und solche Modelle lassen sich in einem kumulativen Sinne verfeinern. Auch die sozialwissenschaftliche Theoriebildung selbst ist ja in dem Sinne kumulativ, dass sie unter anderem Fragestellungen der Klassiker immer wieder in neuer Formulierung aufnimmt. Ein Bourdieu ist nicht denkbar ohne Marx und Weber, ein Habermas nicht ohne Adorno, Marx, Weber und Parsons, ein Parsons nicht ohne Weber und Durkheim.

        Auch in den Geschichtswissenschaften sind zum Teil immer noch Klassiker aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert von Bedeutung. Auch historische Quellenforschung ist kumulativ, weil zum einen die Quellenbestände selbst noch wachsen können (neue Ausgrabungen, Wiederentdeckung verschollener Handschriften) und zum anderen jeder Interpret die Geschichte der Interpretationen seiner Quelle berücksichtigen muss.

      • @djadmoros:

        „Ich glaube nicht, dass dieser Vorwurf zutrifft. Sozialkonstruktivisten lehnen ja nicht per se empirische Forschung und kausale Modelle ab,“

        Hm. Ich hätte gedacht: Sozialwissenschaftler != Sozialkonstruktivisten.

        Der von mir kolportierte Punkt gibt – IIRC – die Ansicht weiter Teile von Vertretern der Sociology of Scientific Knowledge (SSK), insb. Barry Barnes und David Bloor, korrekt wieder. Diese Denkschule und ihre Verwandten waren in meinen Beiträgen mit ‚Sozialkonstruktivisten‘ gemeint.

        Selbstverständlich gibt es eine große Anzahl Soziologen oder Politikwissenschaftler, die solche Ideen ablehnen und ihre Theoriebildung an empirischen Beobachtungen vollziehen. Die würden auch Theorien für ‚wahrer‘ halten, je besser sie die empirischen Daten beschreiben. Für Sozialkonstruktivisten nach meiner Definition würde der ‚Wahrheitsgehalt‘ einer wissenschaftlichen Theorie von denjenigen Individuen bestimmt, die das aktuelle Narrativ im Diskurs am besten durchsetzen können. Natürlich halten viele Gesellschaftswissenschaftlier einen solchen Standpunkt für inkorrekt.

      • @CountZero:

        »Hm. Ich hätte gedacht: Sozialwissenschaftler != Sozialkonstruktivisten.«

        Es gilt aber auch: Sozialkonstruktivisten != Sozialkonstruktivisten 🙂 In der Soziologie ist »Konstruktivismus« geläufigerweise eher mit den Namen Peter Berger und Thomas Luckmann verbunden, den Autoren von »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit«.

        Berger und Luckmann interessieren sich mehr für »Alltagswissen« als für den Status wissenschaftlicher Theorien. Sie sind der Meinung, dass eine Wissenssoziologie wahres und falsches Wissen gleichermaßen in seiner Relevanz für das Alltagsleben untersuchen kann. Das jedes menschliche Wissen »sozial konstruiert« ist, steht für sie nicht im Widerspruch zur Existenz einer »objektiven Wirklichkeit«. »Sozial konstruiert« bedeutet nur, dass jegliche empirische Erfahrungen (ganz gleich ob über Sinnesorgane oder Messgeräte) nur über »Sinnstrukturen« verarbeitet werden können, die über Kommunikationsvorgänge hergestellt (»konstruiert«) werden.

        Letztlich gilt das aber auch für wissenschaftliche Theorien: auch eine wahre wissenschaftliche Aussage über die Wirklichkeit muss als Verbindung von Daten und Theorien »konstruiert« werden.

        Ein weiterer bedeutender Konstruktivist ist John Searle (z. B. »Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit«, zuletzt: »Wie wir die soziale Welt machen«), dessen Theorie die Existenz »natürlicher Tatsachen« nicht in Frage stellt, aber sich sehr ausführlich mit der Entstehung »institutioneller Tatsachen« befasst. Searle ist mehr Sprachphilosoph als Soziologe, aber wichtig für die soziologische Grundlagenforschung.

        Eine Gleichsetzung von »Sozialkonstruktivismus« mit »Leugnung einer objektiven Wirklichkeit« wäre jedenfalls nicht haltbar.

      • @Leszek/djadmoros:


        djadmoros schrieb:
        Es gilt aber auch: Sozialkonstruktivisten != Sozialkonstruktivisten. In der Soziologie ist »Konstruktivismus« geläufigerweise eher mit den Namen Peter Berger und Thomas Luckmann verbunden, den Autoren von »Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit«.

        Leszek antwortete:
        Schön, dass du darauf hinweist. Ich empfinde die häufige Gleichsetzung des postmodernistischen Sozialkonstruktivismus mit Sozialkonstruktivismus an sich auch schon seit längerem als störend.

        Ahem, da muß ich Abbitte leisten: ich hatte meinen Begriff ‚Sozialkonstruktivist‘ verengend benutzt für die (postmodernistischen Nachfolger von Kuhn) und verwandte Geister, weil mir die genannten anderen Strömungen aktuell nicht mehr präsent waren, obwohl ich sie – per meiner Beschäftigung mit den Postmodernisten – auch am Rande durch Sekundärliteratur rezipiert hatte.

        Ich bitte also darum, beim Lesen meiner bisherigen Kommentare ‚Sozialkonstruktivisten‘ zu ersetzen durch ‚postmoderne Wissenschaftsinterpretation‘ (PIS: postmodern interpretation of science), insbesondere die ‚Sociology of Scientific Knowledge‘ (SSK) und hoffe, dass ich damit dann keinen falschen mehr treffe…

  • @mitm:

    »Diese Hate-Speech-Propagandisten zählen zu den gefährlichsten Verfassungsfeinden hierzulande: sie greifen elementare Grundlagen unseres Rechtssystems direkt und aus einer Machtposition heraus an.«

    Sehe ich ganz genau so. Die eigentliche Gewalt der No-Hate-Speech-Kampagne ist die institutionalisierte Gewalt der Herrschenden. Die sich genau darum, weil sie herrscht, nicht als Gewalt wahrnimmt, sondern als legitime Nutzung eines Handlungsspielraums. Während sie in der Sache ein Orwellsches »Ministerium für Liebe« installiert.

  • Danke für den Artikel, der die üblichen Einwände der ’no-hate-speech‘-Propageten gegen die Kampagne oder die Art, wie sie geführt wird, exzellent diskutiert.

    Gleichermaßen besonders perfide wie auch allgegenwärtig ist ja das Vorgehen, zunächst einen Standpunkt zu definieren, dem sich kein ernsthafter Diskussionsteilnehmer nicht anschließen würde, gar könnte (wie könnte man wohl ernsthaft ‚pro-Hass‘ sein?), um dann eine Begriffsumdefinition vorzunehmen, die alles als ‚Hass‘ einstuft, was nicht dem eigenen, engumrissenen Standpunkt entspricht (s. z.B. die Bullet-Points im Artikel).

    „Wenn diese Unterstellungen irrational sind, erfüllt gerade das eine Funktion. Es entsteht der Eindruck, dass diejenigen, denen Hass zugeschrieben wird, gar nicht zu Gruppe der vernunftfähigen menschlichen Wesen gehören: Sie sind die radikal anderen.

    Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Entmenschlichung des Gegners. Diese ist essentiell, wenn eine Ideologie ihre Mitglieder im Umgang mit ihren Gegnern enthemmen will. Das konnte man beobachten
    * beim Umgang der RAF mit Polizisten (‚Bullenschweine‘ darf man ruhig ‚abknallen‘).
    * an der Ostfront des 2. Weltkrieges: Die Verbrechen der Wehrmachtssoldaten dort wären ohne die ‚Untermensch‘-Indoktrination wohl nicht möglich gewesen und wurden an der Westfront so nicht beobachtet.
    * andere Bespiele fallen sicher sofort ein 🙂 („Stalingrad war wunderbar, Naziopa blieb gleich da.“ bringt mich durchaus auf als jemanden, bei dem einige Familienmitglieder (standhafte Sozialdemokraten) an der Ostfront sterben mußten…).

    Ohne diese Entmenschlichung funktionieren die Untergebenen leider oft nicht so, wie von den Ideologen gewünscht. Beispielsweise verweigerten Soldaten der Deutschen Schutztruppen in Deutsch-Südwestafrika den Befehl, auf unbewaffnete Herero zu schießen.

    In diesem Lichte bekomme ich es mit der Angst zu tun, wenn ein deutscher Spitzenpolitiker Demonstranten als ‚Pack‘ bezeichnet und von der gesamten politischen Klasse und breiten Teilen der Bevölkerung dafür Beifall erhält. Um Mißverständnisse zu vermeiden: ich halte einen Teil der Pegida-Protestanten und viele ihrer Führungspersonen ebenfalls als vom politischen Dialog nicht mehr erreichbar, glaube aber nicht, dass das für deren Mehrheit gilt. Hier schließe ich mich Arantxo an: „Die sind doch oft nur deswegen so aufgebracht (…), weil ihnen niemand zuhören will, weil man ihnen dauernd weismachen will, ihre Meinung zähle nichts, ja sie sei sogar unmoralisch.“

    Selbst wenn man die Ansicht seiner Gegner nicht teilt, muß man sie – in einer demokratischen Gesellschaft, die ohne den ‚freien Markt der Ideen‘ keine sein kann – zunächst mal als legitim betrachten und evtl. zu Kompromissen im politischen Handeln bereit sein. Das dabei bestimmte Grundkonsense nicht kompromißfähig sein dürfen, versteht sich von selbst. Freiheit der Meinungsäußerung gehört dazu, wird aber gerade von den Regierenden bedroht, während gleichzeitig die Menge der ‚Grundkonsense‘ stark erweitert wird auf politische Einstellungen, die eben kein Konsens sind und zur politischen Ausgrenzung führen, wenn man sie nicht teilt.

    • @CountZero:

      »„Stalingrad war wunderbar, Naziopa blieb gleich da.“«

      Man mache die Gegenprobe und stelle sich vor, die Vergewaltigungen durch Angehörige der Roten Armee gegen Kriegsende würden auf analoge Weise glorifiziert, vielleicht mit dem zweckentfremdeten Zitat von Bootsmann Lamprecht (Uwe Ochsenknecht) in »Das Boot«: »Nazi-Zicke? Soll er sauber ficke!«

  • @El_Mocho:

    „Sie glauben halt, dass die moralisch oder poltiisch gebotene Theorie richtig sein MUSS, auch wenn sich diese Richtigkeit nicht nachweisen lässt.“

    Ich hatte die wesentliche Aussage des Poststrukturalismus so aufgefaßt, dass man garnicht mehr ‚Recht haben‘ könne, weil jede ‚Wahrheit‘ im sozialen Machtdiskurs ausgehandelt wird. Da man nun aber nicht mehr entscheiden kann, welchen Diskurs man propagieren (bzw. vertreten) soll (alle sind ja ‚gleich wahr‘), ist derjenige zu wählen, der der politisch Erstrebenswerteste ist.

    Innerhalb dieses ‚Meta-Narrativs‘ kann man natürlich über Wahrheitsgehalt nicht mehr diskutieren, nur noch über politische Erstrebenswertigkeit.

    Dies wurde vom linken Autor Alan Sokal (s. Sokal-Affäre) heftig kritisiert, da er ‚der Arbeiterschaft ihr schärfstes Schwert nimmt: die Existenz objektiv wahrer Sachverhalte, die auch die Herrschenden anerkennen müssen.‘ (zitiert nach hier).

  • Was heute allgemein als „hate speech“ bezeichnet wird, ist nicht das, was der unbefangene Beobachter allein auf der Begrifflichkeit ableiten würde: dass es sich um eine Meinungsäusserung handeln würde, die von starker negativ besetzter emotionaler Ergriffenheit bestimmt würde.

    Es ist vielmehr leicht aus dem allgemeinen Gebrauch des Begriffs zu ersehen, dass „hate speech“ nichts mit Emotionen zu tun hat. Diejenigen, die diesen Begriff benutzen, liefern keine befriedigende Definition und es besteht Grund zur Annahme, dass diese auch gar nicht erwünscht ist. Man muss also selbst eine abgeben, die dann so lauten müsste:

    „hate speech“ ist jede Äusserung aus einem falschen Bewusstsein heraus und das falsche Bewusstsein beruht auf der falschen Identität. Richtig ist das richtige Bewusstsein, welches aus der richtigen Identität stammt.

    Es geht also um das Verdrängen und Ausschalten von falschen Ansichten, die falsch sind, weil diese auf negativ gesetzten Identitäten beruhen. Männer, Männlichkeit sind solche falschen Identitäten und jede Meinungsäusserung, die als Ausdruck dieser Identität gedeutet werden kann, ist so „hate speech“.

    Mit Hilfe des Begriffs „hate speech“ soll Meinungsfreiheit nicht nur eingeschränkt werden, sondern sie soll ganz abgeschafft werden. Es darf eben gar keine Freiheit dem falschen Bewusstsein eingeräumt werden. Wie auch das richtige Bewusstsein im Grunde keine Freiheit kennt, sondern strikt auf Notwendigkeit beruht.

    Diese Kreuzzügler gegen die Meinungsfreiheit sind jetzt im politischen Mainstream angekommen und hier scheinen sie ohne nennenswerten politischen Widerspruch zu agieren.

    • @ Alex „‚hate speech‘ ist jede Äusserung aus einem falschen Bewusstsein heraus und das falsche Bewusstsein beruht auf der falschen Identität.“ Das ist, wenn ich den Gebrauch des Begriffs betrachte, tatsächlich eine passende Definition.

      Nur hätte sich der Begriff so niemals als ein Mainstream-Begriff durchsetzen lassen. Dafür wiederum war die stark emotional aufgeladene Bedeutung wichtig. Ich z.B assoziiere damit Gewaltandrohungen – wüste Beschimpfungen – Vergewaltigunsgdrohungen – verbale Erniedrigungen etc. Welcher vernünftige Mensch würde behaupten wollen, dass so etwas okay ist? Oder für das „Recht“ von Menschen eintreten, so etwas zu lancieren?

      Der Begriff „Hate Speech“ ist also sozusagen ein Kokon. Er wird platziert als Kampf gegen den Hass im Netz – aber heraus fliegt schließlich eine Diskurs-Unkultur, in der schon FALSCHE Meinungen strafbar sind.

      Auch hier steht im Hintergrund wohl ein unreflektiertes Verständnis sozialer Herrschaft. Herrschaft ist demnach Gewalt, geronnener Hass – und ein „falsches Bewusstsein“ ist ein Bewusstsein, das diese Herrschaft reproduziert. Also ist seine Formulierung „Hate Speech“.

      • @LS
        Das „falsche Bewusstsein“ ist Wissenschaft und Objektivität, die Ideen von Wahrheit und der Gerechtigkeit. Daher werden alle Begriffe umdefiniert und aufgelöst, „dekonstruktiviert“, um sie neu synthetisch zusammenzusetzen. Die wissen, was sie da in ihrer dunklen Begriffsküche zusammenbrauen. Der Hass ist ja immer ein höchst politisch motivierendes Gefühl gewesen, dieser hat die gesamte Moderne durchzogen. Es handelt sich also um einen ganz wichtigen Begriff des Politischen, dessen Geschichte allerdings „vergessen“ worden ist. Wenn die Postmoderne den Hass terminieren will, dann handelt sie eigentlich ganz vernünftig. Doch die Unvernunft kommt hinein durch die Umdefinition des Hasses als Herrschaftsausdruck sich ins Übersinnliche verlierender „Strukturen“, die rein imaginatives Produkt der postmodernen Ideologie der Sozialen Gerechtigkeit sind. Diese Ideologie stachelt aber ihrerseits zum Hass auf, verklärt diesen aber zur Notwendigkeit einer Hingabe für das sozialpolitische Ziel, die dann als „Liebe“ in Gegensatz zu dem „Hass“-Begriff gestellt wird, was alles nur die manichäische Dichotomie des Gut-Böse Weltbilds der Ideologie wiederspiegelt.
        Das Schlimme ist, wie unreflektiert dieser Unfug geglaubt zu werden scheint und wie er bei den Gläubigen Kritik ausschaltet und dafür den „Aktivismus“ einschaltet.

    • @Alex schrieb:

      Diese Ideologie stachelt aber ihrerseits zum Hass auf, verklärt diesen aber zur Notwendigkeit einer Hingabe für das sozialpolitische Ziel, die dann als „Liebe“ in Gegensatz zu dem „Hass“-Begriff gestellt wird,

      Ausgezeichnet formuliert. Hieran kann man überdeutlich erkennen, wie prophetisch der Text ’nineteen-eighty-four‘ eines gewissen Eric Blair tatsächlich war.

  • Sind feministische Gesetze (als Textsorte) eigentlich auch hate speech?

    Also als Mann bin ich ja seit langem an den Gedanken gewöhnt, Objekt der Verachtung, ggf. auch des Hasses usw. vieler Feministinnen zu sein. Die Frage lautet also: woran erkenne ich als Haßobjekt, aktuell Haßobjekt zu sein?

    Wenn ich mir die Rechtsradikalen zum Vergleich ansehe, dann ist ein Hauptmerkmal von deren Denkstrukturen die extreme Bereitschaft, die unsinnigsten Gerüchte über Ausländer zu glauben und diese Gerüchte als argumentative Basis für Schlußfolgerungen zu verwenden, Ausländer sollten raus oder man müßte ihre Wohnungen anzünden. Haß ist ja nur eine Schlußfolgerung aus Realitätswahrnehmungen (die ggf. nichts mit der Realität zu tun haben) und deren moralischer Bewertung. Strukturell ist diese Bereitschaft, Schlechtes über das Haßobjekt blind zu glauben und nicht zu hinterfragen – denn das könnten ja doch irgendwie auch Menschen sein – für mich der Hauptindikator für Haß.

    Die ganzen Patriarchatstheorien sind aber exakt so ein blinder Glaube daran, daß Männer die Dämonen schlechthin sind. Und auf diesen Theorien beruhen die Quotengesetze und andere diverse andere Gesetze zur Frauenprivilegierung, die GG Art. 3 verletzen.

    Also sind diese Gesetze verbaler Ausdruck von Haß, mithin hate speech.

    Sollte man vielleicht mal der AAS als Tip verraten, wo sie sich sinnvoll betätigen könnten.

  • Wenn sich über einen Zeitraum der Zeitpunkt, an dem Frauen Kinder bekommen auf ein höheres/späteres Alter verlegt, sinkt dann nicht schon alleine dadurch kurzfristig die Geburtenquote ab, aber eben nicht insgesamt die Anzahl der Geburten pro Frau?

  • „NoHateSpeechDE“ behauptete als Antwort auf den tweet von LS („… Was sagen Sie dazu?“):

    „Wir sind für Meinungsfreiheit. Hate Speech hingegen bedroht die freie Meinungsäusserung von Betroffenen.“

    Impliziert wird, dass „hate speech“ keine freie Meinungsäusserung sein kann („hingegen“) und daher wohl auch nicht als Meinungsäusserung zu gelten hat („Hass ist keine Meinung“ war auch so ein Slogan von denen).
    Hier wird mal wieder der Versuch unternommen Zensur zu rechtfertigen, weil die freie Meinungsäusserung „bedroht“ würde. Eine extrem vage und nichtssagende Begründung ist das.

    Eine „Bedrohung“ einer Meinung durch eine andere liegt doch immer schon vor, wenn zwei Meinungen aufeinanderstossen.

    Genauso wie „NoHateSpeechDE“ argumentieren die Verfechter der „Safe Spaces“, der „Räume“, aus denen „kontroverse Meinungen“ oder einfach gewisse Menschen („Weisse“ und „Männer“) ausgeschlossen werden sollen (das folgt natürlich ihrem konstruktivistischen Dogma, dass diese gewisse Menschen immer die ihnen gemässen Meinungen haben, die nur „Hass“ sein können).

    Offenbar will also die Kampagne „NoHateSpeechDE“ den öffentlichen Raum, die veröffentlichte Meinung, zu einem grossen „safe space“ machen.

  • „When your free speech is violence, but their violence is free speech.“
    JeffC

    https://twitter.com/JeffChrz/status/788808972174254080

    Meinungsfreiheit in 2016.

    Warum soll man die Meinungsfreiheit unterdrücken, wenn man ohnehin keine Wahrheit anerkennt? Weil es doch eine Wahrheit gibt, auch für die progressiven und postmodernen Kämpfer. Sie glauben an die Allmacht der Worte. Denn diese würden die Realität bestimmen. Gerade deshalb müssen sie die Kontrolle über den „Diskurs“ haben. Darin liegt aber auch ihre Achillesferse, denn ihre Argumente sind leer und hohl. Nur über die Ausübung von Zwang können sie überhaupt erfolgreich sein und hier liegt ihre Stärke.

  • @ CountZero Oktober 27, 2016 um 1:28 pm „Trotzdem komisch, dass sich die Natur mit Mathematik so gut erklären läßt…“

    Da wir das Thema Mathematik vs. Naturwissenschaften hier ja vertieft diskutieren 😉 … protestiere ich heftig gegen das Wort „erklären“ in diesem Satz. Noch so gerade geht der Begriff „beschreiben“ bzw. im Kontext formuliert „… sich die Natur mit mathematischen Modellen so gut beschreiben läßt“, und noch genauer müßte man eigentlich „approximativ beschreiben“ sagen.

    Kurz gesagt:
    (a) sind es Physiker (und keine Mathematiker), die mathematische Modelle benutzen, um natürliche Phänomene zu beschreiben.
    (b) „erklären“ Modelle nichts, sie beschreiben nur. Der Begriff „erklären“ hat für diesen Satz eine zu weite Bedeutung, weil man darunter eher „den Sinn oder die Herkunft erklären“ versteht.
    (c) geht es ja meistens um physikalische Größen, die mathematisch modelliert werden, und zwar unter der Annahme, daß man die Größen als rationale oder sogar reelle Zahlen (in dem zitierten Papier kam auch noch gleich die transzendente Zahl pi vor) angeben kann – solche Abstände oder andere physikalische Größen kann es nicht geben, auch so etwas wie stetige Funktionen, mit denen man physkalische Abläufe beschreibt, kann es im subatomaren Bereich nicht wirklich geben. Die Physiker mißbrauchen (um nicht zu sagen vergewaltigen) hier also mathematische Konzepte.

    • noch mal @ CountZero Oktober 27, 2016 um 1:28 pm „Trotzdem komisch, dass sich die Natur mit Mathematik so gut erklären läßt…“

      Inzwischen habe ich den Text von Wigner (von dem ich noch nichts wußte, aber man kann ja nicht jeden Nobelpreisträger kennen 😉 ) gelesen, Besten Dank dafür!

      Erfreulicherweise sagt er hinsichtlich der Beziehung zwischen Mathematik und Physik (als mathematischste der Naturwissenschaften) genau dasselbe, was ich auch sagen will. Interessant ist dabei, daß er den Begriff Modell nicht verwendet, denn der Modellbegriff (a la Stachowiak) ermöglicht es nach meinem Eindruck, viele Beobachtungen von Wigner einfacher zu formulieren. Stachowiak sein Buch Allgemeine Modelltheorie erst 1973 publiziert, Wigners Text (1960) kann durchaus Stachowiak inspiriert haben.

      Besonders erhellend fand ich Wigners Bemerkungen, daß es eigentlich ein Faszinosum ist, daß sich derart viele natürliche Phänomene so gut und präzise bestens mit mathematischen Formeln beschreiben lassen – das ist überhaupt nicht selbstverständlich und keiner weiß, warum das so ist. Man kann es auch anders herum sehen: Versuche, bestimmte physikalische Phänomene (z.B. Gravitation) in natürlicher Sprache oder in nicht-mathematischen Sprachen zu formulieren, sind gescheitert. Deswegen ist der Themenbereich, den wir pragmatisch mit dem Begriff Physik verbinden, dominiert von Fragestellungen, für die man eine mathematisch formulierte Lösung findet. In der Chemie scheint mir die zentrale Rolle mathematischer Modelle (ich habe wenig Ahnung von Chemie) schon deutlich geringer, insb. in der organischen Chemie und der Biochemie, man arbeitet dort viel mehr mit Begriffen wie Bindungen oder (Bio-) Molekülen. In der Biologie sieht es erst recht nicht gut aus für die Mathematik. Lebewesen sind schlicht zu komplex, um sie mit mathematischen Modellen sinnvoll zu beschreiben.

      Das ganze zeigt wiederum mMn klar, daß es einen engen Zusammenhang gibt zwischen

      dem inhaltlichen Gehalt einer Aussage (bzw. von Wissen) den Möglichkeiten, diese Aussage zu formulieren den Methoden, wie Wahrheit der Aussage zu beweisen bzw. sie zu widerlegen, also den anwendbaren Wissenschaftstheorien

      Die großen Wissenschaftsbereiche haben in ihren Kernbereichen jeweils völlig eigene Kategorien von Aussagen, die nur mit den eigenen Wissenschaftstheorien „bewiesen“ werden können, und zwar prinzipiell. Ich kann mit dem Handwerkzeug eines Literaturwissenschaftlers nicht das Phänomen Gravitation erforschen oder Wissen über Gravitation sinnvoll formulieren, ebenso umgekehrt.

      Bei den Sachfragen der Wissenschaften ist das noch ziemlich offensichtlich, für viel tückischer halte ich die Metaebene der Wissenschaftstheorien: die Wissenschaftsheorien werden nämlich alle in natürlicher Sprache formuliert, was sofort die Philosophen auf den Plan ruft, die glauben, sie seien generell für Wissen, das in natürlicher Sprache formuliert wird, zuständig. Großer Irrtum. Weil ich Deutsch kann, kann ich nicht automatisch auf Deutsch formulierte Kochrezepte verstehen oder deren „Wahrheit“ beurteilen. Dazu brauche ich Domänenwissen, das liefert die Philosphie als solche nicht. Sie liefert ggf. Werkzeuge, mit der ich eine konkrete Wissenschaftsheorie entwickeln kann, mehr aber nicht.

  • @Schoppe: sag‘ Bescheid, wenn wir die Erkenntnistheorie woanders weiterdiskutieren sollen… ;-).

    @mitm:

    protestiere ich heftig gegen das Wort „erklären“ in diesem Satz.

    Meinetwegen. Ich habe – schnellformuliert und ohne weiteres Nachdenken – ‚Erklärung‘ im ‚Labormodus‘ verwendet, nicht im ‚Philosophie-Modus‘. Im ‚Labormodus‘ ‚erklärt‘ ein Gravitationsmodell, in dem die Gravitationskraft proportional zum inversen Quadrat der Entfernung zweier Körper zueinander abfällt, elliptische Bahnen der Planeten oder parabolische oder sogar hyperbolische Bahnen extrasolarer Körper (wenn sie mit ausreichender Geschwindigkeit einfallen). Nämlich deswegen, weil diese geometrischen Figuren bei einem solchen Kraftgesetz als Lösung der Bewegungsgleichung aus der Mathematik ‚herausfallen‘. Da Physik induktiv ist, war natürlich die Beobachtung elliptischer Planetenbahnen zuerst da, dann das 1/r^2-Kraftgesetz. Sobald man das aber hatte, konnte man – allein durch mathematische Symbolmanipulation, ohne weiteren empirischen Input – auch parabolische und hyperbolische Bahnen als Lösung der Gleichungen generieren (–>Vorhersage des Modells), nach denen man dann empirisch suchen konnte und sie auch gefunden hat. In diesem Sinne ‚erklärt‘ ein 1/r^2-Kraftgesetz hyperbolische Bahnen in einem Gravitationsfeld.

    Warum Gravitation eine 1/r^2-Kraft aufweist, ‚erklären‘ Newton und Laplace natürlich nicht (übrigens auch nicht, warum diese Kraft durch den leeren Raum wirken kann(!)).

    solche [irrationalen] Abstände oder andere physikalische Größen kann es nicht geben, auch so etwas wie stetige Funktionen, mit denen man physkalische Abläufe beschreibt, kann es im subatomaren Bereich nicht wirklich geben.

    Ist das so? Oder ist das Dein ontologischer Bias 😉 ? Bist Du der Ansicht, natürliche Zahlen besitzen eine ontologische Existenz? Roger Penrose vertritt diese Ansicht, nach seiner Meinung haben aber auch irrationale oder komplexe Zahlen ontologische Bedeutung. Persönlich denke ich schon dass die Zahl Pi eine ontologische Existenz aufweist. Max Tegmark geht noch weiter und behauptet, dass Universum sei Mathematik (da kann ich dann auch nicht mehr folgen…).

    „(keine) stetigen Funktionen im subatomaren Bereich“: Hm. Es ist so, dass – nach aktuellem empirischen Stand – Erhaltungsgrößen (Energie, Impuls, Drehimpuls), elektrische Ladung und Felder (bis auf Gravitation) quantisiert auftreten, nicht jedoch Raum oder Zeit(!!!). Ich kann also mit einer Differentialgleichung in Raum und Zeit (z.B. Erdumlauf um die Sonne) ‚guten Gewissens‘ das Limit Delta-h –> 0 nehmen, ohne bisher bekannte Beobachtungen unzulässig zu vereinfachen. Die Forscher, die eine Quantentheorie der Gravitation aufzustellen versuchen, hantieren mit Planck-Längen und solchen Sachen herum, bei denen Raum und Zeit Quantenstrukturen zeigen sollen, bisher hatten die aber (noch) keinen Erfolg.

    „Approximativ beschreiben“: Dem schließe ich mich an (aber nicht wg. der nicht-unendlichen Teilbarkeit von Raum und Zeit). Generell hat eine physikalische Theorie lediglich den Anspruch, innerhalb bestimmter Grenzen die Empirie korrekt zu beschreiben. Wir haben damit aber Männer auf den Mond geschickt, die Gender Studies bisher nur Männer in Mädchentoiletten….

  • @mitm:

    Die Physiker mißbrauchen (um nicht zu sagen vergewaltigen) hier also mathematische Konzepte.

    Ui. Und Du bist sicher, dass Du nicht zuviel Luce Irigaray gelesen hast (Philosophiae Naturalis Principia Mathematica = Newton’s Rape Manual)? 😉

  • Lässt sich die Passung zwischen Mathematik und Natur nicht viel einfacher im Rahmen der evolutionären Erkenntnistheorie erklären? Indem der menschliche Geist eben ein evolutionäres Produkt eben jener materiellen Welt ist, die er dann mittelst Mathematik berechnen kann? Mathematik bietet dann gewissermaßen einen Selektionsvorteil.

    • @El_Mocho:

      Interessante Idee – aber welchen Selektionsvorteil bietet die Passung der Mathematik auf die Kernphysik dem, sagen wir, Homo habilis? Warum »endet« die »passende« Mathematik nicht bei der elementaren Artihmetik? Warum kann diese Passung nach dem Ende der biologischen Evolution des Menschen auf Objekte ausgedehnt werden, die während dieser evolutionären Prozesse keine Rolle spielten? Wie kann die evolutionäre Anpassung des menschlichen Geistes sozusagen »aus der Steinzeit heraus« um eine halbe oder ganze Million Jahre erfolgreich auf Quanteneffekte und quanteneffektbasierte Halbleitertechnologie vorausgreifen?

      Das setzt doch voraus, dass der menschliche Geist derselben Natur angehört wie die vom menschlichen Geist erkannte Natur, also einen naturalistischen Monismus: der menschliche Geist ist der objektiven Realität nicht nur a posteriori erfolgreich angepasst, sondern a priori wesensverwandt, d.h. die erfolgreiche Anpassung ist nur die Entfaltung einer präexistenten Passung.

    • @El_Mocho

      Vielleicht verstehe ich die Frage falsch, aber mMn hängt die Mathematik und die Natur (hier: Physik oder Chemie) nicht vom Menschen ab. Die vielfache Passung zwischen beiden ist nicht menschengeschaffen, sondern ein Rätsel, das war eine der oben zitierten Bemerkungen von Wigner.

      Gute persönliche Mathematikkenntnisse können ein persönlicher Selektionsvorteil sein, weil damit viele praktische Probleme lösbar werden. Ich weiß aber nicht, inwieweit mathematisches Talent vererbbar ist.

      Auf der Ebene konurrierender Kulturen ist eine wissenschaftlich hochentwickelte Mathmatik und ein entsprechendes Schulsystem sicherlich ein Selektionsvorteil.

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