Wie man einen Trump bastelt

Vom Verschwinden der demokratischen Linken

tl; dr: Ich habe mich in letzter Zeit, und sogar erfolgreich, darum bemüht, meine Texte hier kürzer zu halten. Mit dem folgenden Text ist mir das nicht gelungen – was aber auch am Thema liegt. Ich versuche darin, abweichend von den fast automatisierten Schuldzuweisungen an „weiße Männer“ Gründe für den Wahlsieg von Donald Trump zu beschreiben, die auch für Deutschland wichtig sein könnten.

Kurz: Trumps Wahlsieg interpretiere ich hier auch als Reaktion darauf, dass es keine demokratische Linke mehr gibt und dass sich die in Parteien organisierte Linke zu einem Instrument eben der sozialen Spaltungen gewandelt hat, die sie eigentlich einmal überwinden wollte.

„Die Rache der weißen Männer“ (Tagesspiegel)  – „Der Mann der weißen Männer“ (Süddeutsche Zeitung)  – „Alte weiße Männer wählten Donald Trump zum US-Präsidenten“ (Express) – „Wütende weiße Männer“ (Der Spiegel) – „Weiße Männer sind das Problem“ (Alice Schwarzer bei Maischberger, einen Gorilla nachahmend, der „den Mann an sich“ darstellen sollte): Deutschen und anderen Medien fiel es leicht, den Wahlsieg Donald Trumps zu erklären. Er habe rassistische und sexistische Hintergründe, sei ein Aufstand der Männer gegen die Frauen und der Weißen gegen die Schwarzen und Latinos.

Wer etwas genauer hinschaut, kann bei dieser Einschätzung kaum bleiben. Trump hat bei Weißen weniger Stimmen geholt als Mitt Romney, der vorherige republikanische Kandidat  – aber mehr Stimmen als Romney bei den „people of color“. 

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Was immer auch geschieht – wir können uns darauf verlassen, dass DER SPIEGEL die Situation mit Ruhe, Augenmaß und der nötigen Gelassenheit analysieren wird. Das ist sehr beruhigend.

Wenn die Republikaner mit Trump trotzdem gerade in einigen weitgehend von Weißen bewohnten Bezirken ihr Ergebnis deutlich verbessern konnten, dann liegt dies also offenbar daran, dass viele ehemalige weiße Wähler der Demokraten Clinton nicht gewählt haben. Das aber ist ja eben gerade nicht rassistisch: Denn schließlich haben diese Wähler, und zum guten Teil begeistert, für einen schwarzen Präsidenten gestimmt – nun aber nicht für eine weiße Kandidatin.

Bleibt also die Frauenfeindlichkeit – denn tatsächlich hat Clinton gegenüber Obama offenbar bei weißen Männern Stimmen verloren, nicht bei weißen Frauen. Allerdings stimmten immer noch 55% der weißen Frauen für Trump, insgesamt betrug Clintons Vorsprung bei Frauen 54-44: Ein sehr guter Wert, der aber trotzdem keineswegs dafür spricht, dass Frauen Trump rundweg als frauenfeindlich wahrgenommen hätten.

Tatsächlich ist es müßig zu spekulieren, welche rachsüchtigen, ressentimentgeladenen und rückständigen Wählergruppen denn nun dringend für den Sieg von Trump verantwortlich zu machen wären. Er hat nämlich weniger Stimmen geholt als sein Vorgänger Romney und auch etwas weniger als sein Vor-Vorgänger John McCain. Gewonnen hat er trotzdem, weil Hillary Clinton noch deutlich stärker einbrach: Sie holte knapp zehn Millionen Stimmen weniger als Obama bei seiner ersten und immer noch knapp 5 Millionen Stimmen weniger als bei seiner zweiten Wahl.

Der Grund für Trumps Sieg ist also keineswegs, dass er besonders viele Menschen auf besondere Weise begeistert und mobilisiert hätte – sondern dass die demokratische Kandidatin und ihre Partei auf eine wohl historische Weise versagt haben. Kurz: Nicht Trump hat die Wahl gewonnen, sondern Clinton hat sie verloren.

Die Wählerbeschimpfung – weiß! männlich! alt! ungebildet! – verdeckt diese Fehlleistung. Dabei ist es wichtig, sie zu analysieren, denn die Gründe für sie sind auch für die deutsche Politik sehr interessant.

 

Ein Korb voller Erbärmlichkeit und eine Abrissbirne

„Change“ und „Yes, we can!“: Diese Slogans aus Obamas Wahlkampf im Jahre 2008, der ihn zum Präsidenten machte, fingen einen breit gestreuten Wunsch nach Veränderung ein – nach einer Veränderung nämlich, mit der die Menschen wieder handlungsmächtig wären, die sich offensichtlich zunehmend nur noch als Objekte abstrakter, von ihnen nicht mehr fassbarer Strukturen ansahen.

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Den Republikanern fiel als Reaktion auf den Präsidenten Obama lediglich ein, ihre Position im Kongress zur Blockade seiner Präsidentschaft zu benutzen. Das heißt: Den Wunsch nach Veränderung beantworteten sie mit einem erzwungenen Stillstand, den Wunsch nach Handlungsmacht mit der Herstellung von Ohnmacht. Sie kamen aber nicht einmal auf die Idee, eigene Konzepte zu entwickeln, um den weit verbreiteten, aber auch diffusen Wunsch nach politischer Veränderung selbst repräsentieren zu können.

So konnte Trump, der sich als Anti-Establishment-Kandidat inszenierte, in den Vorwahlen dann leicht die Riege der Kandidaten abräumen, die für das Establishment ihrer Partei standen und die eben deshalb wie erstarrte Pappkameraden wirkten.

Die demokratische Partei wiederum setzte in einer Situation, die offenkundig noch immer von einem großen Bedürfnis nach grundlegenden Veränderungen geprägt war, ausgerechnet auf eine Kandidatin, die das Politik-Establishment verkörpert wie keine andere.

Nicht nur ihre Verwurzelung und umfassende Vernetzung im nationalen Politkbetrieb, auch verhängnisvolle persönliche Eigenschaften machten Clinton für Trump zu einer idealen Projektionsfläche von Anti-Establishment-Ressentiments: Ihre abgehobene Unehrlichkeit in der Emailaffäre und ihren Reaktionen darauf, mit der sie den Eindruck erweckte, anderen Menschen nicht einmal die Einhaltung basaler gemeinsamer Regeln schuldig zu sein – der Eindruck der Korruptheit angesichts dubioser Zahlungen an die Clinton-Stiftung – und vor allem ihre herablassende Feindseligkeit gegen Menschen, die eine andere Sicht auf die Welt haben als sie.

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Ein Cartoon von einer Clinton-freundlichen Seite.

Als „basket of deplorables“, Korb der Erbärmlichen, bezeichnete sie Anhänger Trumps und stellte sie so als erbärmlichen Ausschuss hin, mit dem eine neue, schönere Gesellschaft nicht zu gestalten wäre. Es half auch nicht, dass Clinton diese Entgleisung später bedauerte: Sie bedauerte ja nicht, weil sie plötzlich ihren Respekt für die Beschimpften entdeckt, sondern weil sie gemerkt hatte, dass ihr diese offene Verachtung selbst schadete.

Das Partei-Establishment wiederum schätzte offenbar die bloße Tatsache, dass Clinton eine Frau ist, schon als ausreichendes Signal des Wandels ein – eine Fehleinschätzung, weil diese Tatsache außerhalb kleiner Filterbubbles relativ irrelevant ist. Nicht an Frauenfeindlichkeit ist Clinton gescheitert, sondern daran, dass ihre Geschlechtszugehörigkeit weithin unwichtiger war, als ihre Partei es kalkulierte.

Mit Bernie Sanders hatten die Demokraten einen Kandidaten, der – gerade weil viele seiner Positionen naiv und nicht zynisch wirkten – das Bedürfnis nach politischer Veränderung einfing und der die Basis der Partei so in Bewegung versetzte wie Trump die Basis der politischen Rechten. Ausgerechnet von der demokratischen Partei wurde Sanders, irregulär, zu Gunsten Clintons ausgegrenzt und benachteiligt. Einerseits entfremdete die Partei sich damit gerade von den besonders aktiven und begeisterten Teilen ihrer Basis, andererseits spitzte sie das Bild Clintons als abgehobener, korrupter und überheblicher Kandidatin des Establishments pointiert zu.

Dass Trump unberechenbar, rücksichtslos, unendlich narzisstisch, egoman und primitiv ist, werden vermutlich auch viele seiner Anhänger kaum bestreiten. Die breite Blockade-Front aus republikanischem UND demokratischem Partei-Establishment erweckte aber den Anschein, dass es gerade einer solchen wandelnden Abriss-Birne bedürfe, um überhaupt etwas zu ändern. Den Anschein, dass zivil und abgewogen agierende Akteure so enden würden wie Sanders, der nach seiner demütigenden Ausbootung durch die demokratische Partei auch noch solidarisch eben diese Partei und die Kandidatin Clinton öffentlich unterstützte.

Mindestens zwei Schlüsse lassen sich daraus ziehen, die auch für Deutschland wichtig sind:

Ein Bedürfnis nach Veränderung verschwindet nicht einfach irgendwann wieder, wenn es blockiert wird, sondern es kehrt zurück auf eine wildere, ungeschlachtere Weise, in der sich die Rücksichtslosigkeit spiegelt, mit der es zuvor blockiert worden war. Trump oder die AfD sind der Preis für die Blockade offener, ziviler demokratischer Auseinandersetzungen.

Die Veränderungsimpulse in der heutigen Politik kommen nicht von rechts – es gibt nur in der etablierten politischen Linken niemanden, der sie aufgreift.

In Deutschland ist die Situation ansonsten noch anders. Die letzten Landtagswahlen jedenfalls bestätigten allesamt, und mehrmals in überraschendem Ausmaß, die Amtsinhaber. Veränderungswünsche sind auch hier unübersehbar, sonst gäbe es keine AfD. Noch aber steht nicht der Wille im Vordergrund, eine als korrupt und abgehoben empfundene politisch-ökonomisch-publizistische Klasse abzulösen, sondern ganz im Gegenteil der Wille, die politisch Verantwortlichen auch auf die Wahrnehmung ihrer Verantwortung zu verpflichten. Wenn wir das schaffen sollen, müsst auch Ihr Eure Arbeit erledigen.

Im Unterschied zur USA haben deutsche Akteure in Politik und Medien also – noch – die Zeit, das Drängen nach Veränderung und nach Öffnung politischer Debatten selbst aufzugreifen. Doch leider haben gerade eben die Parteien damit besondere Schwierigkeiten, die sich selbst als „progressiv“ verstehen, zu deren Selbstverständnis es gehört, das Bedürfnis nach Veränderungen ernst zu nehmen und selbst zu artikulieren: Die linken Parteien nämlich. Warum eigentlich?

 

Weltweit in der Echokammer

Der Blogger und Journalist Michael Seemann, der auch schon für die Friedrich-Ebert-Stiftung als Referent für Hatespeech gesprochen hat, beschreibt auf seinem Blog eine neue, linke „globale Klasse“, die „(ö)kologische, antirassitische, antisexistische Standards“ setze und sich von den „kulturell Abgehängten“ distanziere:

„Irgendwann begann sich der progressivere Teil des Bürgertums sozial enger mit seinesgleichen über Ländergrenzen hinweg zu vernetzen und kulturell zu orientieren.“

Entstanden sei eine „globalisierte Klasse der Informationsarbeiter“, welche die Globalisierung zu „ihrer Produktivkraft“ gemacht hätten.

„Informationsarbeiter“, Globalisierung als „Produktivkraft“: Die ungenaue Redeweise kaschiert wesentliche Probleme dieser Selbstbeschreibung. Ein Tweet schafft keinen Mehrwert, auch dann nicht, wenn er 30.000mal geliked wird. Dasselbe gilt für einen Blogartikel oder einen Vortrag bei einer steuerfinanzierten Stiftung. Natürlich macht auch die Verfassung solcher Texte Arbeit – aber in einem ökonomischen, gar in einem marxistischen Sinn ist es eine ganz andere Arbeit als etwa die eines Menschen, der bei einem Autozulieferbetrieb Karosserieteile herstellt.

Die „Informationsarbeiter“ sind sozial gesponsored. So sinnvoll, legitim und für alle Seiten nutzbringend das sein mag – diesen Zusammenhang zu ignorieren, legt eine Basis für soziale Spaltungen. Seemanns Informationsarbeiter kann den Eindruck gewinnen, auf die Angehörigen der „abgehängten Klasse“ eigentlich gut verzichten zu können – Debatten über soziale Gerechtigkeit also nicht mehr in der politischen Ordnung führen zu müssen, in der er lebt, sondern sie jederzeit durch Chats mit Buddies in New York, London oder Tokio ersetzen zu können.

So schwindet gemeinsam mit dem Sinn dafür, dass die eigene Existenzgrundlage durch die Arbeit anderer geschaffen wird, auch der Sinn für eigene Privilegien – und politische Konflikte erscheinen als Ausdruck kultureller Differenzen, nicht als Resultate ökonomischer Ungerechtigkeiten.

Wer die Welt wesentlich als sprachlich verfasste Angelegenheit wahrnimmt und beispielsweise glaubt, Ungerechtigkeiten ließen sich durch die richtigen Endungen von Wörtern aus der Welt schaffen, der kaschiert damit auch, wie sehr diese in akademischen Milieus wurzelnde Haltung durch die Arbeit anderer ermöglicht wird. Wenn diese anderen sich schließlich wieder bemerkbar machen, können sie als reaktionär und anti-emanzipatorisch einsortiert und dann mit gutem Gewissen ignoriert werden.

Der Begriff der Emanzipation, der eigentlich für die Befreiung und soziale Inklusion Ausgeschlossener steht, wird zu einem Instrument der Exklusion und der sozialen Spaltung.

Die Fixierung darauf, dass sich Trump-Unterstützer an den traditionellen Massenmedien vorbei in sozialen Netzwerken gefunden hätten, kaschiert zugleich, wie sehr auch die Wahrnehmung dieser postmodernen Linken mittlerweile durch die Netz-Erfahrung geprägt wird. Besonders deutlich wird dies an Universitäten, die von Trump-Anhängern leicht als Horte einer irrationalen und abgehobenen Kultur des Establishments hinzustellen waren.

Die Erfahrung, im Netz störende Meinungen muten oder blockieren zu können und dann nicht mehr damit behelligt zu werden, übersetzt sich in Redeverbote an Universitäten. Netztypische Shitstorms werden zu Kampagnen gegen ungeliebte Redner oder Dozenten. Die Erfahrung von Menschen, jederzeit selbst im Netz ansteuern zu können, was sie lesen und was nicht, befeuert das Verlangen nach Triggerwarnungen und gesäuberten Curricula. Die Erfahrung, von verstörenden Informationen auf einer Website unmittelbar zu einer beruhigenden, vertrauten anderen Website wechseln zu können, lässt sogar die kindische Forderung nach Safe Spaces in Universitäten als plausibel erscheinen.

Trump inszeniert sich als ein Teil der Wirklichkeit, die diese Mauern der Ignoranz wieder durchbricht. „The forgotten men and women of our country will be forgotten no longer“ war ein zentraler Satz aus seiner Siegesrede.

Anstatt also die Bedingtheit der eigenen Möglichkeiten und ihre Abhängigkeit von den Leistungen anderer zu reflektieren, anstatt die Echokammern und Spiegelkabinette ihrer Debatten in Relation zu einer Welt außerhalb zu setzen, erwarten postmoderne Linke, dass diese Welt sich an die Struktur ihrer Echokammern angleichen müsste. Wie lässt sich das auf Dauer legitimieren? Wie verträgt sich die Blindheit für soziale Herrschaftsstrukturen und die eigene Beteiligung daran mit dem obsessiven Einsatz für Marginalisierte, für Unterdrückte, für unsichtbar Gemachte?

 

Von der Brauchbarkeit der Unterdrückten und der Marginalisierten 

Wer unterdrückt und marginalisiert ist, kann als rein erscheinen, als unberührt von der Korruptheit der Machtstrukturen, die ihn ausschließen. Das Engagament für die Unterdrückten wird so befeuert von einem stillschweigenden Glauben an die besseren, weniger korrupten Menschen – seien es nun Frauen, People of Color, Homosexuelle oder Transsexuelle. Ihre Unterdrückung erklärt dabei zugleich jederzeit, warum sich das von ihnen repräsentierte bessere Menschsein sozial nicht deutlicher auswirkt – es wird eben marginalisiert und unsichtbar gemacht.

So können dann Vertreter einer postmodernen Linken den Eindruck gewinnen, in ihren Spiegelkabinetten, Filterblasen und Echokammern würde ein besseres, eigentlicheres Leben repräsentiert – während die Welt da draußen, geprägt von inhumanen Machtstrukturen, irgendwie falsch sei. Die Fixierung auf immer kleinere, aber eben auch reine und unschuldige marginalisierte Gruppen erlaubt es, die unendlichen Spiegelungen in den begrenzten eigenen Diskursen als eigentlich real, die Welt außerhalb von ihnen als irreal zu erleben.

Das ist eben der Mechanismus, der ausgerechnet die Berufung auf Emanzipation zu einem Instrument der sozialen Spaltung macht. Gut im Sinne einer demokratischen Linken sind eigentlich nicht bestimmte Gruppen von Menschen, sondern reichere, offenere, vielfältigere Beziehungen zwischen Menschen, die allen Beteiligten größere Möglichkeiten sinnvollen Handelns schaffen. Die postmoderne Linke aber kappt soziale Beziehungen, weil die politisch Guten natürlich geschützt werden müssen vor denen, die ihnen Böses wollen.

Politische Debatten werden eingedampft auf die primitivste nur mögliche Formel, auf die Auseinandersetzung zwischen Liebe (repräsentiert durch uns) und Hass (repräsentiert durch die anderen). Love Trumps Hate. In der Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse verschwindet ein Gefühl für gemeinsame Grenzen – beide Seiten können sich jeweils darauf berufen, es mit einem rücksichtslosen Gegner zu tun zu haben, und eigene Grenzverletzungen als bloße Gegenwehr interpretieren.

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Wer so in zementierten Frontstellungen denkt, verliert zudem die Fähigkeit zu rationalen politischer Analysen und zum demokratischen Diskurs. Nach Trumps Wahlsieg betonten einige Kommentatoren, Politiker hätten „die Sorgen vieler US-Bürger nicht ernst genug genommen“.  Nun hat es allerdings wenig Sinn, wenn Politiker oder Journalisten weiter machen wie bisher und sich lediglich ab und zu, wenn sich Wähler oder Leser bei ihnen melden, im therapeutischen Zuhören üben.

Die Sorgen von Menschen ernst zu nehmen setzt voraus, zu akzeptieren, dass sich diese Sorgen auf eine gemeinsame, reale Welt beziehen. Sie ernst zu nehmen bedeutet, Bedingungen dieser realen Welt sinnvoll zu verändern.

Wer beispielsweise nicht verstehen kann, warum eine Mehrheit weißer Frauen für Trump stimmte, hat vermutlich einfach die eigene Filterblase betoniert und fensterlos gestaltet. Ein Geschlechterkampf hat nur in eng begrenzten feministischen Kontexten einen Sinn – außerhalb davon aber wenig Bedeutung. Die meisten Menschen leben in Situationen, in denen das, was für Männer schlecht ist, auch für Frauen schlecht ist – und umgekehrt.

Es ist rätselhaft, dass die Situation für Schwesig rätselhaft bleibt. Die Armut in den USA ist zu einem großen Teil weiß. Trump wurde wesentlich von einer weißen Mittelschicht gewählt, die sich vom Abstieg bedroht sieht. Natürlich ist weißen Frauen wiederum bewusst, dass nicht nur ihre Männer, sondern auch sie selbst und ihre ganzen Familien leiden, wenn der Mann arbeitslos wird und die Familie nicht mehr finanziell versorgen kann.

Trump hat diesen Menschen das Versprechen gemacht, Arbeitsplätze zu schaffen. Linke hingegen erläutern ihnen, ihre Probleme würden vor allem darauf beruhten, dass sie falschen und antiquierten Familienkonzepten nachhängen würden. Ist es wirklich so unverständlich, dass diese Frauen lieber Trump als Clinton gewählt haben?

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Schwesigs Partei hat einmal eine wesentliche Funktion für die Demokratie in Deutschland erfüllt: Sie hat diejenigen Menschen, die sich mit guten Gründen als Opfer und Betrogene der Gesellschaft betrachten konnten, in eben diese Gesellschaft integriert – indem sie ihnen Perspektiven der Veränderung bot. Heute gibt es keine demokratische Linke mehr, die diese Funktion erfüllen würde.

Ausgerechnet die Gruppen, die sich einmal mehr als alle anderen für eine demokratische Integration verantwortlich fühlten, haben sich zu Instrumenten sozialer Spaltungen entwickelt. Ausgerechnet die politischen Gruppen, die traditionell gesellschaftliche Änderungsimpulse in den politischen Diskurs einschleusten und die reale Änderungen forcierten, blockieren heute offene Diskurse.

Der enorme Erfolg Trumps und die noch mäßigen Erfolge der AfD, die sich jeweils von weit rechts aus als Bewahrer der Demokratie gegen ein erstarrtes Establishment inszenieren, sind eine Konsequenz dieser Entwicklung.

Ich halte Trump für faschistoid, aber auch für unberechenbar – und so hoffe ich, dass ich mich in meinen Befürchtungen angesichts seiner Präsidentschaft täusche. Wer aber über Trumps Sieg wütend ist und diese Wut dann auf „weiße ungebildete Männer“ schmeißt, der repräsentiert und reproduziert damit eben die sozialen Spaltungen, die Trumps Präsidentschaft überhaupt erst ermöglicht haben.

Wesentlich angemessener ist es, wütend zu sein auf das gigantische Versagen Hillary Clintons und ihrer Partei.

  1. Politik ist die Kunst des Möglichen und der Alternativen. Beide Varianten beherrschte Obama nicht ausreichend. Reagan und die Bushs beherrschten sie und weichten die damaligen Blockaden der Demokraten auf. Mit den genannten trumpschen Attribute „unberechenbar, rücksichtslos, unendlich narzisstisch, egoman und primitiv“ kann sich allerdings Clinton gleichermaßen schmücken.

    Und das Misstrauen gegenüber Milliardären folgt eher einem Stereotyp. Ohne Engels wäre Marx nichts geworden und ohne die Sozialleistungen vieler Unternehmer, wären auch die einstmaligen Sozialdemokraten nichts gewesen. Doch wer hat uns verraten …? Die Linken haben den kleinen Mann, wann immer sie an der Macht waren, massiv verraten. Nicht umsonst trauen die meisten Arbeitnehmer den Gewerkschaften nicht.

    Der „obsessiven Einsatz für Marginalisierte“ von Linken, ist niemals Einsatz für diese Gruppen, sondern deren Missbrauch durch Instrumentalisierung. Die Marginalisierten sind Mittel zum Zweck, aber nicht der Zweck. Beispielhaft wie Nahles ihre Mütterrente, aus dem Aufkommen der Beitragszahler bedient und nicht aus Steuermitteln, und somit die Rentenbeiträge in Gutsherrenmanier zweckentfremdet.

    Nicht minder zwanghaft ist zum Beispiel der Beschluss der Grünen, sollten sie in Regierungsverantwortung gelangen, das Ehegattensplitting abzuschaffen, damit Frau mehr abhängig arbeitet und eigene Rente bekommt. (Was bitte hat Ehegattensplitting mit der Rente zu tun?) Auch hier eine Weltbetrachtung aus dem Echoraum. Lang lebe Watzmanns Echo am Königssee!

    Und über einen trumpschen Faschismus sollte man besser in vier Jahren räsonieren.

    Das Versagen Clintons ist ein Versagen der demokratischen Parteiführung und der Mainstreammedien. Clinton war von Haus aus ein Rohrkrepierer, andernfalls hätte sie sich nicht auf den Beistand dieser „Meinungsmacher“ verlassen und sich mit ihnen in die Echokammer eingeschlossen. Letztlich bediente sie mit ihrer Hetzkampagne die Reaktanz der Vergessenen.

    Antwort

    1. @Matthias

      Na ja.
      „Der „obsessiven Einsatz für Marginalisierte“ von Linken, ist niemals Einsatz für diese Gruppen, sondern deren Missbrauch durch Instrumentalisierung.“ Indem die Linke sie, nämlich die Marginalisierten missbraucht hat, qua eigener Politik nicht mehr marginalisiert zu sein?
      Was wäre denn deine Alternative?
      Und „ohne die Sozialleistungen vieler Unternehmer, wären auch die einstmaligen Sozialdemokraten nichts gewesen“ – gab es die Sozialleistungen geschenkt oder sind sie in Arbeitskämpfen erkämpft worden?

      Ok, weg von der Vergangenheit und hin zur Gegenwart – nämlich zu genau den Punkten, die eine traditionelle Linke von einer postmodernen unterscheidet.

      Du sagst: „zwanghaft ist zum Beispiel der Beschluss der Grünen, sollten sie in Regierungsverantwortung gelangen, das Ehegattensplitting abzuschaffen, damit Frau mehr abhängig arbeitet und eigene Rente bekommt. (Was bitte hat Ehegattensplitting mit der Rente zu tun?).“

      Gepflegt richtige Frage an der falschen Stelle – typisch Grüne und daher postmoderne Linke.

      Wie kommt es ERSTENS in einer umlagefinanzierten Rente überhaupt zu einer Ansparung von Mitteln, die bspw. in Form einer „Witwenrente“ vererbt werden können?
      Wo gibt es die Kapitalbildung, wo findet die statt?
      Wie kann also vor diesem Hintergrund ein Vermögenstitel als Anspruch gegenüber allen anderen Einzahlern in die Rentenkasse vererbt werden, wenn es kein Vermögen gibt, welches vererbt werden könnte?
      Wieso sanktioniert die bürgerliche Ehe ein Verteilungsregime, in dem der Frau generell die Hälfte aller durch männliche Arbeit entstandenen Ressourcen zustehen und Ansprüche an Beziehung einer Rente, wenn sie nichts davon selber erarbeitet hat?

      Das „Ehegattensplitting“ ist Einladung, noch einmal darüber nachzudenken, was „ich bin bei meinem Mann mitversichert“ eigentlich bedeutet: sie ist bei allen anderen Einzahlern von Sozialversicherungsbeiträgen mitversichert, weil die für sie mitbezahlen.
      Diese Subventionierung (über das Ehegattensplitting hinaus) haben selbstverständlich alle nicht verheirateten (Singles) zu leisten und nicht umsonst hieß die Steuerklasse 1 bei ihrer Einführung auch „Junggesellensteuer“.
      Da hatte man ganz klar vor Augen, wer wen finanziert.

      Typisch Grüne ist, der elementaren Fragestellung auszuweichen und trotzdem „progressiv“ zu scheinen.

      Nächster Punkt: „Beispielhaft wie Nahles ihre Mütterrente, aus dem Aufkommen der Beitragszahler bedient und nicht aus Steuermitteln, und somit die Rentenbeiträge in Gutsherrenmanier zweckentfremdet.“

      Das haben wir unter erstens schon ökonomisch behandelt (harhar „Zweckentfremdung“) und zu diesem Aspekt kommt die politische Dimension: hier wird – ungeachtet progressiver Phrasen der SPD – die Kindererziehung (als Arbeit) ausschließlich Frauen zugeschlagen.
      Jetzt könnte man sich daher fragen, wie ERNST es die postmodernen Linken der SPD eigentlich mit der geschlechtergerechten Aufteilung der Arbeit in den Familien meinen und die Antwort ist: überhaupt nicht. Null. Niente. Nada.

      Der politische Effekt ist, dass alle „modernen Männer“ diese Arbeit doppelt verrichten: nämlich als Leistung an der Familie, für die sie nicht per Rente kompensiert werden und als Einzahler von Rentenversicherungsbeiträgen, die das ANDERE GESCHLECHT kassiert.

      Was die postmoderne SPD Männern sagt: ändere dich progressiv!
      Und zahle traditionell/konservativ.

      Was die im bürgerlichen Staat inkorporierte postmoderne Linke haben möchte ist, die viel beschworene Altersarmut von Frauen aus dem SOLL des Staates herauszuhalten, ohne diese Frauen auf das HABEN zu verpflichten.
      Alles soll weiter laufen wie bisher – nur dass die „modernen“ Anforderungen an uns Männer sich auf dem Sattel als zusätzliches Bleigewicht befinden.
      D.h. konservative PLUS „progressive“ Anforderungen – aber wir sollen diese Mehrfachbelastung als modern empfinden.

      Lauf, Esel, lauf!

      Gruß crumar

      Antwort

  2. Was ich interessant finde: Beim Sieg von Trump und der Niederlage von Clinton sind die unterschiedlichsten Narrative im Umlauf. Teilweise besteht eine gewisse Konvergenz und teilweise sind sie ziemlich divergent. Interessant wäre natürlich, was am ehesten mit der Realität übereinstimmen würde.

    Mein Narrativ würde vorläufig und eher ad hoc wie folgt aussehen:
    Ich glaube, es gibt eine gewisse Tiefenstruktur (Kontinuitäten), die vielfach vergessen wird, weil sich der Journalismus vielfach eher auf Oberflächenphänomene konzentriert (Trump und seine Pöbeleien, sein Populismus, sein postfaktisches Verhalten oder Clinton und ihre E-Mail-Affäre, ihre wenig charismatische Persönlichkeit etc.). Die Tiefenstruktur oder die Kontinuitäten lassen sich m.E. gut mit der Cleavage-Theorie verdeutlichen:

    „Die Cleavage-Theorie (englisch cleavage: ‚Kluft‘, ‚Spaltung‘) ist eine politikwissenschaftliche Theorie in der Wahlforschung, die versucht, Wahlergebnisse sowie die Entwicklung von Parteisystemen in europäischen Staaten anhand langfristiger Konfliktlinien innerhalb der Gesellschaft zu erklären.
    (…)
    Die Konfliktlinien sind dauerhaft und spiegeln Interessen- oder Wertkonflikte verschiedener organisierter sozialer Gruppen wider.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Cleavage-Theorie

    In den USA gehe ich von folgende Cleavage aus:

    Das Ethnie-Cleavage:
    Das heisst, dass Schwarze, Hispanics eher tendenziell die Demokraten wählen, während die Weissen eher die Republikaner wählen.
    Stadt-Land-Cleavage:
    In den Städten werden vermehrt die Demokraten gewählte, während auf dem Land vermehrt die Republikaner gewählt werden.
    Das Konfessions-Cleavage:
    Evangelikaner wählen primär die Republikaner, während Atheisten oder Leute, die weniger fundamentalistisch religiös sind, eher die Demokraten wählen.
    Das Klassen-Cleavage I
    Leute, die wenig ökonomisches Kapital besitzen (Einkommen und Vermögen) wählen eher die Demokraten und umgekehrt, je höher das ökonomische Kapital, desto eher wählen sie Republikaner.
    Hier spielt insbesondere auch der Begriff der „relativen Deprivation“ eine Rolle. Also Mittelschichten, die vom Abstieg bedroht sind, wählen eher die Republikaner als die Demokraten.
    Das Klassen-Cleavage II

    Je höher das kulturelle Kapital (insbesondere Bildungstitel), desto eher werden die Menschen die Demokraten wählen und je weniger kulturelles Kapital, desto eher werden die Leute die Republikaner wählen.

    Das Generationen-Cleavage

    Je jünger die Menschen, desto eher wählen sie die Demokraten und je älter die Menschen, desto eher wählen sie die Republikaner.

    Das Öffnungs- bzw. Abgrenzungs-Cleavage
    Darunter fallen so Begriffe wie:
    Materialismus vs. Postmaterialismus
    Globalisierungsgewinner vs. Globalisierungsverlierer
    Identitätspolitik: Hier die Kosmopoliten, die LGBT-Bewegungen etc. und dort die, die auf nationale Identität und traditionelle Identitäten setzen.

    Ich würde also sagen, diese 7 Cleavage sind quasi die Tiefenstruktur, also die Kontinuitäten und erklären wohl bereits über 90-95% des Wahlverhaltens.

    Die Frage stellt sich hier sicherlich noch, ob das Sex-Clevage (Gender) bei dieser Wahl noch eine gewisse Rolle gespielt hat. Zudem dürfte sicherlich auch eine Rolle gespielt haben, dass Trump wahrscheinlich etliche Protestwähler mobilisieren konnte und der Umstand, dass die Leute einen Change wollten, also sich wieder mehr von einer anderen Partei erhofften als von den Demokraten.
    Und schlussendlich spielt natürlich auch die Wahlbeteiligung und somit der Mobilisierungsgrad der unterschiedlichen Populationen eine Rolle. Es dürfte vermutlich so sein, dass insbesondere die Leute, die wenig kulturelles und ökonomisches Kapital besitzen, am meisten den Wahlen fern blieben, diese Gruppe hat sich wohl am meisten entpolitisiert.

    Antwort

  3. geliked

    Bist du nicht Deutschlehrer?
    scnr

    Antwort

    1. Oh je, gesponsored. Heißt es jetzt auch „verlinked“?

      Antwort

      1. Ja, ich bin Deutschlehrer, aber auch Englischlehrer. „Geliket“ sieht daher für mich noch schlimmer aus als „geliked“ („verlinkt“ ist ein wenig anders, weil „link“ im Deutschen und Englischen gleich ausgesprochen wird; „gelikt“ hingegen ist sehr seltsam).

        Daher meide ich solche Formen auch meistens. Hier in deisem Zusammenhang wollte ich sie aber gerade dabei haben, weil es ja um Deutsche geht, die sich als international und universell verstehen. Die internationale Netz-Sprache ist nun einmal, für uns zumindest, Englisch.

        Ich bin also Deutschlehrer, Engischlehrer – und nie um eine Ausrede verlegen…:-)

      2. Leider kann ich nicht direkt auf Schoppe antworten, deswegen so.

        Es ist unerheblich, wie etwas aussieht. Ein englisches Wort in einem deutschen Satz unterliegt trotzdem der deutschen Grammatik. „Geliked“ ist damit definitiv falsch.

        Folgendes Beispiel macht das besser klar: in dem Betrieb, in dem ich arbeite, wird diese Schreibweise leider auch des öfteren verwendet. Ist ja auch ein SW-Unternehmen. Ich habe hier mal folgenden Satz gelesen: „Der Kollege XY patched…“ – also 3. Person Singular. Man übersetze den Satz mal ins Englische. Na, wird es klar? (He patcheS…) Was der Schreiber nämlich in Wirklichkeit meint, ist tatsächlich eine deutsche Konjugation, aber da es sich um ein Verb handelt, das ursprünglich aus dem Englischen kommt, meint er (fälschlicherweise), man müsse es auch so schreiben.
        Ja, englische Verben, die man in einem deutschen Satz verwendet, schauen komisch aus, wenn man sie deutsch konjugiert, vor allem, wenn es zusammengesetze Verben sind. Aber wenn man das nicht will, kann man es auch anders lösen. Man kann stattdessen Substantive verwenden (also statt „ich habe downgeloadet“ kann man „ich habe einen Download gemacht“ sagen) oder schlicht ein deutsches Wort. (In unserem Beispiel funktioniert das altbekannte „Herunterladen“ wunderbar.)

        Ist off topic, aber mittlerweile liest man das so oft, daß ich antworten mußte.

      3. Interessant wäre auch mal der attributive Gebrauch: gelikeder Artikel??? Und wie wäre die Aussprache?

  4. Die Erfahrung von Menschen, jederzeit selbst im Netz ansteuern zu können, was sie lesen und was nicht, befeuert das Verlangen nach Triggerwarnungen und gesäuberten Curricula.

    Sehe ich anders. Gerade die Möglichkeit, nur das „anzusteuern“, was der eigenen Meinung entspricht, macht eine „Säuberung“ unnötig. Das „Verlangen“, das du ansprichst, ist ein rein autoritäres. Es geht nicht um den Wunsch nach Rückzugsorten, sondern um den nach Expansion.

    Antwort

    1. Ich halte es für die üblichen Beschämungs-Propagandaversuche, dass man angeblich nur die Seiten ansteuern würde, die seiner Filterbubble entsprechen würde.

      Das stimmt nach meinen Erfahrungen bei den allermeisten Menschen schlicht nicht, denn z.B. jeder, der den heutigen Feminismus nicht überzeugend findet bzw. für asoziales Rosinenpicken hält, hält sich gerade nicht nur auf den Internetseiten auf, wo die Leute sich gegenseitig bekräftigen würde.

      Im Gegenteil plärrt doch gerade der Mainstream, dass diese sich die Anhänger der angeblichen Populisten in deren Foren herumtummeln würden und angeblich Hate-Speech verbreiten würden. Gerade diese Leute gehen doch auch auf die feministischen Internetseiten.

      Und in Bezug auf diejenigen, die AfD wählen oder bei Pegida mitlaufen, sieht es doch nicht anders aus.

      Wenn der Mainstream daher überzeugende Argumente hätte, könnte man durchaus mit diesen Leuten in einen Dialog treten. Und der allergrößte Teil der angeblichen Populisten würde – meiner Erfahrung nach – sogar sehr gerne sachlich über die Themen diskutieren und Meinungen bzw. Argumente austauschen.

      In Wahrheit ist es nämlich eher der Mainstream, der sich in seiner Bubble abschottet und sich gar nicht mehr mit Gegenargumenten auseinanderzusetzen versucht. Außer „Das ist so und Du hast mir gefälligst meine Behauptungen zu glauben bzw. ansonsten bist Du ein unbelehrbarer Populist“ findet im Mainstream doch überhaupt nicht statt.

      Oder hat jemand schon mal versucht, einen möglichst sachlich gehaltenen Beitrag in einem feministischen Blog in die Kommentare zu schreiben? Wie hoch ist da die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Beitrag gar nicht veröffentlicht wird oder sich mit den Argumenten auseinandergesetzt wird? Wie sieht es umgekehrt aus? Haben Beitragsschreiber mit feministischen Argumenten genauso Probleme, auf antifeministischen Blogs veröffentlicht zu werden bzw. verweigert man dort auch eine Auseinandersetzung mit den Gegenargumenten?

      Man braucht sich doch nur mal die dem Frauenministerium angegliederte Antidiskriminierungsstelle des Bundes anzuschauen. Vor einigen Monten hatten diese einen Verantstaltungstag unter dem Motto „Gleiches Recht. Jedes Geschlecht“. Nachdem dann auf Facebook Bürger die Antidiskriminierungsstelle fragten, warum denn nahezu nur Frauenverbände eingeladen wurden bzw. Männerbenachteiligungen vollkommen ausgeblendet werden, ist keiner von der Antidiskriminierungstelle in einen Dialog bzw. Austausch von Argumenten getreten. Im Gegenteil wurden die Beiträge der Fragesteller auf Facebook einfach gelöscht. Nachdem das dann publik wurde und immer mehr Menschen auf Benachteiligungen gegenüber Männern hinwiesen (und sachlich begründeten), wurden auch diese von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wieder gelöscht. Irgendwann versuchte die Antidiskriminierungsstelle dann die Löschung mit ihren angeblichen Netiquette zu begründen bzw. mit dem Hinweis, dass man für die vorgebrachten Benachteiligungen angeblich nicht zuständig sei.

      Wer war hier der wahre Populist? Wer nimmt das Motto „Gleiches Recht. Jedes Geschlecht.“ denn ernst bzw. wer verwendet es eher als Etikettenschwindel? Wer versucht denn die sachliche Diskussion durch Wegblenden von Gegenansichten unsichtbar zu machen und sich in seiner Bubble zu verschanzen?

      Es wirkt schon ziemlich dreist, wenn der Mainstream das, was tatsächlich im Wesentlichen nur er selber tut, den Andersdenkenden vorwirft. Denn in Wahrheit betreibt der Mainstream mit Sicherheit nicht weniger Populismus oder Hetze (z.B. Abwertung als Populisten, „angry white men“, „Pack“, „Rattenfänger“, …).

      Auf mich wirkt der Mainstream in vielen Politik jedenfalls ziemlich argumentationsbefreit und ohne jede Bereitschaft, die eigenen Ansichten unter Einbeziehung von Gegenargumenten überzeugend darstellen zu wollen. Und, wenn man bei seinen Darstellungen zum Feminusmus, Gender-Pay-Gap, Gewalt von Links/Rechts, Gewalt von Männern/Frauen, … immer einen Teil der Wahrheit unter den Tisch fallen lässt, dann überzeugt das halt nicht nur nicht, sondern führt zu einem Abwenden, weil man das Gefühl bekommt, dreist manipuliert zu werden.

      In einem gewissen Maß ist das ja vollkommen menschlich, dass man seine eigene Ansicht durch die Wahl der Darstellung bzw. Weglassen von Gegenaspekten, überzeugender darzustellen versucht. Das, was aber zur Zeit in der Politik und den Medien stattfindet, betrachte ich aber inzwischen als bewusste dreiste Manipulierungsversuche im Sinne einer ideolgischen Volkserziehung. Da werden ganz bewusst abwertende Kampfbegriffe für Andersdenkende verwendet („Populisten“, „angry white men“, …), um Andersdenkende einfach mundtot zu machen und sich gerade nicht mit Gegenargumenten auseinandersetzen zu müssen.

      Antwort

  5. Interessanter Beitrag, Lucas. Obwohl mir diese Links-/Rechts-Diskussionen zwar mittlerweile bis obenhin stehen und ich, ehrlicherweise gesagt, schon nach der Überschrift nicht mehr weiter lesen wollte, hat es sich am Ende dennoch gelohnt.

    Denn der Effekt, welcher entsteht, wenn man sich in seiner Blase einsperrt (oder verbunkert), um ja nur im Milieu des „Safe-Spaces“ und der „Schutzzonen“ zu bleiben, um zu denken, dass Alles gut ist, den hast du sauber herausgearbeitet.

    Ebenso wie die Antizipation, dass wenn ich auf Twitter blocke, bei missliebigen Wahrheiten im Web eben den Tab wechsle, um wieder in meinem Refugium der Glückseligkeit zu sitzen – und dann zu meinen, dieses lasse sich auch auf die Realität übertragen, trat klar hervor. Ansätze dazu, dies dennoch zu tun, sieht man allerdings bei Maas und Schwesig und ihren NGOs, teils mit Ex-Stasi-Mitarbeiterinnen besetzt.

    So bastelt man sich halt seine Trutzburg des eigenen Universums zusammen und merkt gar nicht im Ansatz, wie blind und abgeschirmt vom wahren Leben man eigentlich lebt. Wie empathielos das ist, hatte ich in meiner speziellen Wahlnachlese an einem anderen Punkt beschrieben:

    „Hilly, Billy & Donald T – Game Over“
    https://emannzer.wordpress.com/2016/11/11/hilly-billy-donald-t-game-over/

    Warum ich auf diesen Beitrag hinweise? Nun, weil darin offensichtlich wird, wie egal den meisten Leuten mittlerweile die Meinungen, Bedenken, Stimmungen und Emotionen anderer geworden ist. So egal, dass man nicht mal den eigenen Mitstreitern mittlerweile mehr seinen Dank ausspricht.

    Das ist Narzissmus in Reinkultur und dann gibt es da eben noch den, wie Arne Hoffmann es mal nannte: „Gruppennarzissmus“. D.h. diese Personen sammeln sich, bestätigen sich gegenseitig und meinen, wie ein Perpetuum Mobile die Neue Weltordnung geschaffen zu haben.

    Und wundern sich dann, dass das Ganze nicht funktioniert …

    Antwort

  6. Hier ist eine zu eingeschränkte Sichtweise auf die Idee des „Informationsarbeiter“ zu Grunde gelegt:

    Neben dem wertlosen (im ökonomischen Sinn) Informations“arbeiter“ gibt es noch den Informationsarbeiter mit okönomischen Nutzen:
    Da die moderne Arbeit wesentlich komplexer ist als früher, gibt es Tätigkeiten, die aus aggregieren, analysieren und komprimieren von Informationen primär bestehen.
    Dies kann zum Beispiel die Konzeption einer neuen Roboter-gestützten Fertigungshalle sein.
    Der Output dieser Tätigkeiten ist beschriebenes Papier. Menschen, die derartiger Tätigkeiten nachgehen sind ganz eindeutig (und werden auch so genannt) Informationsarbeiter.
    Typische Beispiele sind hier Berater aller Arten (Aber natürlich auch jedem anderen, der irgendwie dazu verdonnert wurde ein Konzept zu irgendwas zu erstellen)

    Aus Sicht der sozialen Schichten sind das – meiner Meinung nach – typische Facharbeiter, und deren ökonomischer Nutzen ist auch vergleichbar dem eines Werkzeugmachers.

    Mit Twitter oder Blogs hat das allerdings gar nichts zu tun.

    Zur Wahl:
    Die Tatsache, dass Trump von Frauen ähnlich wie auch von Männern gewählt und H clinton von Männern wie auch von Frauen ähnlich nicht gewählt wurde zeigt aus meiner Sicht, dass das Geschlecht der Kandidaten in der Masse der Bevölkerung schlicht keine Relevanz hatte (warum hätte es auch haben sollen?)
    In diesem Sinn hat das Bedürfnis der „Demokraten“ unter allen Umständen eine frau aufzustellen genau dazu geführt, wozu es führte, und daher haben die „Demokraten“ – und nur diese – Schuld an trump (und mittelbar an allem, was dieser nun tun wird)

    Antwort

    1. @Alex

      „Neben dem wertlosen (im ökonomischen Sinn) Informations“arbeiter“ gibt es noch den Informationsarbeiter mit okönomischen Nutzen“

      Lucas kritisiert m.E. nicht die Verwissenschaftlichung von Produktion und Verwaltung, die solche Arbeitskräfte hervorgebracht hat und die natürlich einen ökonomischen Nutzen haben, sondern folgendes Geschwätz:

      „Entstanden sei eine „globalisierte Klasse der Informationsarbeiter“, welche die Globalisierung zu „ihrer Produktivkraft“ gemacht hätten.“

      Was ist ein „Informationsarbeiter“ eigentlich?
      Ein Programmierer, ein im Marketing oder in einem Politik think tank arbeitender, ein Journalist, ein Mitglied der Geschäftsleitung?
      Alle diese Tätigkeiten haben mit der Arbeit an „Informationen“ zu tun – der Begriff beschreibt alles und daher nichts.

      Was charakterisiert diese Menschen als eigenständige „Klasse“?
      Gar nichts; zumindest nicht im marxistischen Sinne als Eigentümer oder nicht Eigentümer der Produktionsmittel.
      Nach welchen Charakteristika bilden diese denn überhaupt eine soziale Schicht?
      Selbst da hätte ich Probleme, denn außer evtl. Einkommen (da wird es beim Journalisten schwer) und Bildungsabschluss fallen mir keine weiteren Gemeinsamkeiten auf.

      „Globalisierung“ an sich ist ebenso wenig eine Produktivkraft ist wie die „Evolution“.
      Globalisierung beschreibt bspw. den Prozess der weltweiten Reorganisation von Produktionsketten, einer „internationalen Arbeitsteilung“ unter diesem Oberbegriff.
      Von daher ist es nicht möglich, diesen Prozess zu „ihrer Produktivkraft“ zu machen, sondern es ist genau umgekehrt.

      Die weltweite Reorganisation von Produktionsketten erfordert Spezialisten, also Produktivkräfte, die diese organisieren und kontrollieren.
      Notwendigerweise z.B. Spezialisten für die Logistik und solche für die informationstechnische Abbildung der Warenströme, die diese überhaupt erst bewältigbar machen.

      Aber auch die, die eine solche Form der Reorganisation der internationalen Arbeitsteilung medial als positives, quasi unabwendbares Naturschicksal verkaufen.
      D.h. auch das politische und mediale Marketing der Globalisierung erfordert Spezialisten, die den medialen und politischen Diskurs kontrollieren und organisieren.

      Diese Spezialisten haben einen durchaus ökonomischen Nutzen – man muss sich nur fragen, für wen – nur sind sie weder mit der Produktion, noch mit der Distribution von Waren beschäftigt, sondern mit der von Ideologie.

      Dass diesen Ideologieproduzenten die eigene Arbeit als ebenso nützlich erscheint, wie bspw. die eines Logistikspezialisten ist selbstverständlich konträr zur Realität.
      Denn sie sind die einzigen Beschäftigten im Rahmen der Globalisierung, die man aus der Gleichung streichen kann – die zugrunde liegenden Prozesse würden immer noch funktionieren.

      Gruß crumar

      Antwort

      1. @ crumar, Alex Wenn Seemann auf marxistische Terminologie zurückgreift, dann bedient er damit auch das Bedürfnis, dass „Informationsarbeiter“ sich als Mitglieder einer fortschrittlichen, vielleicht gar revolutionären Klasse ansehen können. Für die Trump-Wähler aus der Arbeiterschicht bleibt in dieser Logik eigentlich nur die Position des unzuverlässigen, unaufgeklärten, der Reaktion zuarbeitenden „Lumpenproletariats“.

        Um die Globalisierung irgendwie zur „Produktivkraft“ erklären zu können, müsste er wohl darauf beharren, dass die „Informationsarbeiter“ die so wichtige globale Gerechtigkeitslogik auf einer regionalen oder nationalen Ebene vermitteln können. Aber selbst wen ich ihm das schenke: Worin besteht denn dann eigentlich diese Vermittlungsleistung? Darin, dass sie Menschen als Reaktionäre oder Nazis hinstellen, wenn sie die Alleinerziehung nicht als moderne Familienform betrachten oder gar glauben, es gäbe eigentlich nicht mehr als zwei Geschlechter?

        Logistiker oder Ingenieure, @Alex, arbeiten vermittelt mit dem Markt und mit modernen Fertigungsprozessen. Seemanns Informationsarbeiter vermitteln sich nur mit sich selbst. Das macht möglicherweise Arbeit, ist aber keine im ökonomischen Sinn.

        Eigentlich ist Seemanns Position ebenso egozentrisch wie die einiger Feministinnen, die von einer „emotionalen Arbeit“ der Frauen in Beziehungen sprechen und die dafür eine Bezahlung einfordern. Anstatt auf dem Markt eine Arbeit zu wählen, die anderen – wie auch immer – nützt und entsprechend bezahlt wird, erklären sie einfach das, was sie eh schon machen, zur Arbeit und beklagen, dafür nicht genügend entlohnt zu werden. Dann könnte eigentlich auch jemand, der viel masturbiert, behaupten, damit zum Gleichgewicht des Universums beizutragen und eine entsprechende Bezahlung zu verdienen.

        Wichtig ist mir: Seemanns und anderer Haltung ergibt nur in einer sozialen Position einen Sinn, in der Menschen erstens beständig von anderen zugearbeitet wird und sie zweitens die Möglichkeit haben, diese Zuarbeit beständig zu ignorieren.

        @ Alex: Ich glaube ja auch, dass die Demokraten die Bedeutung der ERSTEN WEIBLICHEN Präsidentin völlig überschätzt haben – aber diese Einschätzung hätte nicht dazu geführt, dass so viele ihrer ehemaligen Wähler zu Hause geblieben sind. Neben taktischen Fehlern – zum Beispiel der (allerdings verständlichen) Konzentration darauf, gegen Trump einen Negativ-Wahlkampf zu führen – leiden die Demokraten vor allem unter dem grundsätzlichen Widerspruch, eine sozial gerechtere Politik vertreten zu wollen, aber einen Großteil der Bevölkerung überhaupt nicht wahrzunehmen. Diesen Widerspruch hat Clinton wie keine andere repräsentiert – und Trump hat ihn genützt („The forgotten men and women of America will be forgotten no longer.“)

      2. @Lucas

        Du schreibst: „Wenn Seemann auf marxistische Terminologie zurückgreift“.
        Genau das tut er gar nicht, das wollte ich eigentlich aufzeigen und ist mir anscheinend nicht gelungen.

        Mich ärgert diese völlig bekloppte Enteignung und Redefinition von präzise definierten Begrifflichkeiten, die ich vom Feminismus allzu gut kenne: „Verschiebe die Torpfosten und erfinden neue Regeln!“
        Wenn ein selbsternannte Marxistin von sich gibt, Frauen seien eine „soziale Klasse“, dann ist das Mumpitz, es ist ebenso blöd wie das „cultural marxism“ der Rechten und die „Globalisierung als Produktivkraft“.

        Mein Problem ist, dass diese „Terminologie“ für marxistisch gehalten wird.
        Das neeeeeeervt.

        „Aber selbst wen ich ihm das schenke: Worin besteht denn dann eigentlich diese Vermittlungsleistung? Darin, dass sie Menschen als Reaktionäre oder Nazis hinstellen, wenn sie die Alleinerziehung nicht als moderne Familienform betrachten oder gar glauben, es gäbe eigentlich nicht mehr als zwei Geschlechter?“

        Die „Vermittlungsleistung“ besteht m.E. darin zu suggerieren, was eine „moderne und gerechte Gesellschaft“ ist, was du von ihr zu erwarten hast und welchen Platz du darin findest.
        Man kann nicht sagen, dass sie uns seit H. Rosin über die „message“ im Unklaren gelassen haben. Männer sind überflüssig, am Ende und das Auslaufmodell der Evolution.

        D.h. natürlich haben sie ebenfalls ein Fortschrittsmodell der Gesellschaft, auf das eben diese Gesellschaft unausweichlich (das haben sie von uns gestohlen!!!) zusteuert – es ist, ganz speziell für Männer, jedoch ein Leben ohne DICH.
        Demnach ist „Fortschritt“ die Anerkennung, selber überflüssig gemacht worden zu sein durch den – nun ja – Fortschritt. Farrell hat die Frühform der Betrachtung von Männlichkeit in den 90ern mit „disposable“ beschrieben und nunmehr ist es also „obsolete“.

        Für mich hat der Feminismus mit der radikalisierten Beschreibung den Erfordernissen einer neoliberalen Gesellschaft einfach nur Schritt gehalten.
        Die Gesellschaft, die die „Überflüssigen“ produziert, hat neue Wege gefunden, diese so zu beschreiben und auszuschließen, ohne auch nur den Hauch von Mitleid zu empfinden mit deren Schicksal. Denn die „toxische Männlichkeit“ hat dies zweifellos verdient.

        In ihren Augen vollzieht sich dies in fünf Phasen:

        Denial
        Anger
        Bargaining
        Depression
        Acceptance

        Tod.

        „Resistance“ ist in diesem Modell natürlich nicht vorgesehen. 😉

        Gruß crumar

      3. @ Crumar War viel los bei mir in den letzten Tagen, daher eine verspätete Antwort.

        Die radikale Verfügbarkeit von Menschen, die eine durchökonomisierte (neo-liberal ist eigentlich ein zu harmloses Wort, weil der Begriff „liberal“ ja sehr positiv ist) Gesellschaft auszeichnet, wird über „Männlichkeit“ ausgetragen. In diesem Sinn lässt sich dann der Feminismus, soweit er männerfeindlich ist (und das ist er heute fast durchgehend), tatsächlich als eine Ideologie dieser Durchökonomisierung betrachten.

        Ich verstehe nur noch nicht, warum das ausgerechnet über Geschlechterklisschees aufgebaut wird. Eine möglche Erklärung: Kucklick führt dieses Muster ja schon in die Aufklärungszeit zurück, in der die unüberschaubaren Strukturen der modernen Gesellschaft über Geschlechterklischees wieder in die Lebenswelt zurückgezerrt worden seien: Männlichkeit sei dann eben mit den bedrohlichen Aspekten der Modernisierung identifiziert worden, die anders kaum fassbar gewesen seien.

        Eine mögliche andere Erklärung ist, dass sich hier historische Erfahrungen aufbewahren – insbesondere die Erfahrung der radikalen Verfügbarkeit im modernen Krieg, die ja weitgehend eine Erfahrung von Männern war.

        Wichtig ist aber auch, dass den allermeisten Frauen die feministische Männlichkeitsverdammung nicht hilft. Die Durchökonomisierung menschlichen Lebens, die von Menschen als SUBJEKTEN ihres Lebens eigentlich nichts mehr übrig lassen möchte, trifft ja auch real existierende Frauen. Nur in den Projektionen der Ideologie sind Frauen davor zu schützen. Als Faustregel: Wer Menschenrechte nur für bestimmte Gruppen gelten lassen möchte und für andere nicht – der lässt sie eigentlich für niemanden gelten.

      4. @Lucas

        „Als Faustregel: Wer Menschenrechte nur für bestimmte Gruppen gelten lassen möchte und für andere nicht – der lässt sie eigentlich für niemanden gelten.“

        Fuckin WORD!

        Das ist der goldene Satz schlechthin, das ist die Quintessenz humanistischen Denkens.
        Wer dieses Gedankengebäude verlassen hat, hat sich aus dem Humanismus verabschiedet.
        Und wir sollten den Verflossenen keine Träne nachweinen: De mortuis nil nisi ARSCHLOCH.

        „In diesem Sinn lässt sich dann der Feminismus, soweit er männerfeindlich ist (und das ist er heute fast durchgehend), tatsächlich als eine Ideologie dieser Durchökonomisierung betrachten.“

        Ich betrachte die Nützlichkeit einer Argumentation im Kontext des Rahmens ihrer Entfaltung.
        Wenn „zufällig“ alle gesellschaftlichen Risiken auf der Basis eines Geschlechts individualisiert und personalisiert werden können – ein im Übrigen rechtes Argument – dann verbleibt die Konsequenz des Risikos der Gesellschaft beim anderen Geschlecht.
        Klassisch „links“.

        D.h. das GLEICHE ARGUMENT führt bei „Mann“ zur Individualisierung des Risikos und bei „Frau“ zu dessen Vergesellschaftung.
        Das ist BÜRGERLICHER FEMINISMUS.
        Sie wollen gleichzeitig links scheinen und rechts sein.
        Deshalb wird dieser Feminismus u.a. hofiert.

        Gruß crumar

  7. Die beste Analyse, warum Trump gewinnen konnte, habe ich ausgerechnet auf einer Seite gefunden, die ansonsten eher für clickbait bekannt ist:
    http://www.cracked.com/blog/6-reasons-trumps-rise-that-no-one-talks-about/

    Antwort

  8. Gerade habe ich noch einen schönen englischen Rant gefunden, der sehr gut hierher passt. Der Herr, der sich hier enragiert, heißt Jonathan Pie.

    Antwort

  9. Das ist Qualitätsjournalismus!
    Alleine schon das „ungeschlacht“ hat mich begeistert..

    Antwort

  10. Trump muss jetzt gar nichts mehr machen, seine Partei ist überall dominierend. Diese Restlinken, die sich an Clinton geklammert haben haben nur versucht mit extremer Agitation die Tide zu wenden, wenigstens mit der Präsidentschaft für weitere vier Jahre.

    Das dürfte wenigstens der Anfang vom Ende der „progressiven Linken“ gewesen sein. Zeit für die rationalistischen Linken und die demokratischen. Die ein Trump nicht erschrecken kann 🙂

    Antwort

  11. […] Schoppe bezeichnete Trump jüngst als faschistoid. Wie müßte die Realität beschaffen sein, damit das […]

    Antwort

  12. Vielen Dank für den klugen Artikel und den Verweis auf das großartige Video von Jonathan Pie. Pie scheint mir einer von den immer zahlreicher werdenden Linken zu sein, die den Eindruck erwecken, dass sie richtiggehend erleichtert darüber sind, dass der (linksliberale) Karren gegen die Wand gefahren ist und sie endlich aussprechen dürfen, was sie schon lange geahnt oder gar gedacht haben, dass sie nämlich mit ihrem Verhalten genau das produzieren, was sie zu bekämpfen vorgeben.

    Wenn Trump es schaffen sollte, die Linken in der westlichen Welt im großen Stil dazu zu bringen, sich den selbstauferlegten Maulkorb und das Brett vor dem Kopf abzunehmen, dann hat er einen Welterfolg erzielt und wir sollten ihm alle dankbar sein, meine ich.

    Und noch eine Frage, die mich interessiert: Warum halten Sie Trump für „faschistoid“?

    Antwort

    1. @Ralf Danke für den Kommentar. „Faschistoid“ finde ich an Trump den Gestus des Aufräumens mit einem (natürlich: korrupten) System, ohne seine eigene Abhängigkeit von diesem System in Frage zu stellen – die Selbstbezogenheit und die Weigerung, sich in etablierte Strukturen einbinden zu lassen – die Willkür – das Fixiertsein auf Freund-Feind-Bilder, auf den Zusammenprall verschiedener Gruppen – die Lust an der erheblichen Abwertung anderer.

      Aber wie schon erwähnt – ich lasse mich da gerne positiv überraschen.

      Antwort

      1. @Schoppe

        Die Merkmale die Du aufzählst, passen m.E. eher zu dem, was unter Populismus aufgeführt wird. Wobei es sicherlich auch Überschneidungen gibt (Freund-Feind-Bild) zum Faschismus. Ich glaube jedoch, dass Trump kein Ideologe ist, sondern ein Opportunist. Faschismus würde ich doch vielfach mit einer Ideologie verbinden und das sehe ich bei Trump eher nicht, sondern er macht immer gerade das, was ihm am besten nützt – deshalb eher Opportunismus.

      2. @Mark „Ich glaube jedoch, dass Trump kein Ideologe ist, sondern ein Opportunist … er macht immer gerade das, was ihm am besten nützt.“ In meinen Augen verhält sich so opportunistisch, wie jeder erfolgreiche Unternehmer auf einem freien Markt: er zieht seinen Vorteil daraus, dass seine Kunden einen Vorteil aus seinem Verhalten ziehen. Scott Adams (Dilbert-Comics) hat Trumps Volten gut begründet vorausgesagt und prophezeit deshalb auch für die Zukunft ein „anpasslerisches“ (= populistisches) Verhalten.

        Mir macht ja derzeit mehr die Widerstandsbewegung des durch die Democrats geführten Establishment Sorgen. Insbesondere die Person Soros. Ein Kommentator in diesem sehenswerten Video nennt Soros treffend „Trump without humility“. Und wenn ich dann noch Nachrichten wie „Soros bands with donors to resist Trump, ‚take back power‘“ lese, dann habe ich schlimmste Befürchtungen, was diese Kampfansage für den inneren Frieden in den Vereinigten Staaten bedeutet.

        Ich hoffe nur, dass sich durch diese Zuspitzung die demokratische von der faschistoiden (und als solchen bisher nicht so richtig sichtbar gemachten) Linken spaltet und in wieder in die Lage gerät, wirkliche linke Politik zu betreiben.

      3. @ Mark, Ralf Wenn sich Eure Einschätzung Trumps als richtig herausstellte, fänd ich das erleichternd – auch wenn ein Opportunist natürlich auch nicht gerade das ist, was ich mir als politisches Modell wünsche.

        Meine Bezeichnung als „faschistoid“ bezieht sich vor allem auf den Gestus des Aufräumens mit einem korrupten System und auf die hemmungslosen Freund-Feind-Muster, mit denen Trump arbeitet. Beschimpfungen und Herabwürdigungen ganzer Gruppen sind da ganz in Ordnung, solange sie nur die Richtigen treffen – Tatsachentreue ist da auch nicht so wichtig, wenn es um die größeren Wahrheiten geht – und da endlich mal aufgeräumt werden müsse, dürfe man auch nicht zaudern damit, entsprechende Maßnahmen einzuleiten. So ist Hitler nach Weimar auch aufgetreten – umgeben von den Überzeugungen der Konservativen, dass sich dieser Typ sicherlich in die gegebenen Strukturen der Politik einbinden lasse.

        Um nicht missverstanden zu werden: Ich halte es angesichts der berühmten „checks and balances“ im amerikanischen System tatsächlich für ausgeschlossen, dass irgendjemand einen Durchmarsch wie Hitler starten könne. Die USA werden nicht zu einem faschistischen Staat werden. Was ich mir aber vorstellen kann, sind Einschränkungen der Pressefreiheit und Repressionen gegen bestimmte Gruppen, seien es ethnische oder politische. Aber wie schon mehrmals erwähnt – sicher bin ich mir natürlich nicht, und ich werde froh sein, wenn sich das als falsch herausstellt.

        Es stimmt, @ Ralf, dass eben diese Befürchtungen auch gegenüber heutigen linken Gruppen gerechtfertigt sind – auch ganz unabhängig von der Person Soros, die ich überhaupt nicht beurteilen kann. Das ist für mich die eigentliche Gefahr in der heutigen Situation: Von links und rechts stehen sich Gegner der Offenen Gesellschaft gegenüber, die sich beide ineinander spiegeln und die ihre eigenen problematischen Aspekte jeweils nur im „Feind“ erkennen, aber nicht in sich selbst.

        Beide vertreten eine Form der Identitätspolitik, die Menschen abhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit Rechte zu- oder aberkennt, die Gruppen von Menschen gegeneinander ausspielt und aufeinander hetzt und die demokratische UND rechtsstaatliche Strukturen erodieren kann. Es hilft nichts, sich der einen oder der anderen Gruppe anzuschließen oder zu überlegen, welche das geringere Übel sei.

        Eigentlich besteht die einzige Perspektive darin, demokratische Werte (z.B. langweilig wirkende „Sowohl-als-auch“- oder „Einerseits-andererseits“-Positionen) wieder zu stärken. Das hat prinzipiell durchaus gute Aussicht auf Erfolg – denn diese Positionen werden nach meiner Überzeugung von einer weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung vertreten.

      4. @Lucas

        „Meine Bezeichnung als „faschistoid“ bezieht sich vor allem auf den Gestus des Aufräumens mit einem korrupten System und auf die hemmungslosen Freund-Feind-Muster, mit denen Trump arbeitet.“

        Ja, das trifft einen zentralen Punkt. Dies ist auch für mich der Grund, von einer „faschistoiden Linken“ zu sprechen, weil man im linksradikalen und feministischen Bereich eben jenen Gestus seit Jahren beobachten kann, ohne dass bisher in der medialen Öffentlichkeit oder bei der etablierten Linken (SPD, Linkspartei, Grüne, resp. ihrer jeweiligen Anhängerschaft) darin ein Problem gesehen wurde.

        Insofern teile ich auch Deine Ansicht, nach der sich „Von links und rechts … sich Gegner der Offenen Gesellschaft gegenüber [stehen], die sich beide ineinander spiegeln und die ihre eigenen problematischen Aspekte jeweils nur im „Feind“ erkennen, aber nicht in sich selbst.“ Ich sehe allerdings einen Unterschied, dass nämlich der Radikalismus und teilweise auch der Extremismus von links mainstreamfähig ist, was auf den rechten nicht zutrifft.

        Deine Einschätzung bezüglich der Perspektiven teile ich ebenfalls. Gerade heute hat mich jemand darauf aufmerksam gemacht, dass selbst bei den Grünen auf deren Bundesparteitag ein Sprecher wiederholt starken Applaus für seine Feststellung bekommt, dass man in Filterblasen und Echokammern lebt und dies ein Ende haben müsse, wolle man nicht dasselbe Erleben, wie die USA derzeit.

        Beste Grüße und danke für Deine klugen und anregenden Gedanken.

      5. @Schoppe et al.

        Ich habe per Zufall heute noch die Kolumne von Jakob Augstein im Spiegel gelesen mit dem Titel und Vorspann:

        „Trump beim Namen nennen
        Alle reden von Rechtspopulismus. Das ist eine Verharmlosung. Wir erleben die Rückkehr des Faschismus. Die Demokratie hat die Gefahr verschlafen. Jetzt ist es zu spät: In den USA ist ein Faschist an die Macht gekommen.“
        http://www.spiegel.de/politik/deutschland/donald-trump-wie-seine-wahl-die-demokratie-gefaehrdet-kolumne-a-1121716.html

        Wenn ich mir dann ein bisschen die Definitionen bzw. Charakteristika über Faschismus in der Wikipedia anschaue, dann kann ich leider Augstein zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht zustimmen.
        https://de.wikipedia.org/wiki/Faschismustheorie#Definitionen_des_Faschismusbegriffs

        M.E. baut Augstein zum jetzigen Zeitpunkt einen Popanz auf!
        Ich will das jetzt hier nicht näher begründen (weshalb, wieso, warum), aber ich glaube, man muss immer vorsichtig sein, was Rhetorik und Handeln betrifft.
        Die faschistische Rhetorik dürfte, nach dem Zeitalter des Faschismus (1920er, 30er und 40er Jahren) nicht mehr sooo schnell hegemonial werden. Ich spreche hier explizit von der Rhetorik. Die faschistische Rhetorik hat sich soo diskreditiert, dass sich ein praktischer Faschismus quasi nicht mehr mit dieser alten Rhetorik schmücken darf, um überhaupt noch hegemonial zu werden. Schau mal, wie Kriege heute legitimiert werden: Früher gab es noch ein Kriegsministerium, das wurde dann schleunigst in ein Verteidigungsministerium umgewandelt. Wenn heute Deutschland wieder allmählich in der gesamten Welt intervenieren will, dann geht das über den Begriff „neue Verantwortung“, also Deutschland quasi als Weltpolizei im humanitären Sinne. Imperiale Kriege oder geopolitische Kriege werden als „Humanitäre Interventionen“ verkauft oder quasi, wie bei Ex-Jugoslawien, wird ein drohender Genozid behauptet, den man nun unbedingt mit der NATO verhindern muss. Also: Auf die Rhetorik ist seit dem Faschismus nicht mehr Verlass, man muss genauer hinschauen, was dahinter steckt.

      6. @ Mark; Ralf „M.E. baut Augstein zum jetzigen Zeitpunkt einen Popanz auf!“ Ja, das lässt sich so nicht halten. Es erweckt zudem den seltsamen Eindruck, dass Trump von Deutschland aus mal kräftig die Leviten gelesen werden.

        Vielleicht ist wiederum der von mir verwendete Begriff „faschistoid“ einfach zu unbestimmt. Dass etwas, oder jemand, faschistische Anteile habe – das lässt sich eben oft behaupten. In diesem Sinne wäre beispielsweise auch die Ministerin Schwesig faschistoid, weil sie einen deutlichen Unterschied macht zwischen Menschen, die des Beistands und der Hilfe wert sind – und Menschen, die es nicht sind. Das gilt zum Beispiel für ihre Politik zur häuslichen Gewalt, in der Männer, gegen alle seriösen Studie dazu, überhaupt nicht als Opfer und ausschließlich als Täter vorkommen. https://man-tau.com/2014/04/13/merkel-schwesig-und-die-freude-an-gewalt/

        Ähnliches gilt für Landesministerinnen, etwas die Frau Bätzing-Lichtenthäler (SPD) aus Rheinland-Pfalz. Gerade erst hat „Gleichmaß“ einen Brief einer Beratungsstelle für häusliche Gewalt veröffentlicht https://familienschutz.wordpress.com/2016/01/30/reaktion-der-interventionsstelle-gegen-haeusliche-gewalt-suedpfalz-auf-opferanfrage/ Die versagt einem männlichen Gewaltopfer ausdrücklich die Hilfe, da die Beratungsstelle „vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Frauen gefördert wird und die Vorgabe lautet, mit Frauen zu arbeiten.“ http://www.kraftfelder.madmindworx.com/VatersachenGleichmass/ReaktionIntervStGgHaeuslGewSuedpf.jpg

        „Ihre Aufgabe ist es, aus Steuergeldern Gewaltopfern zu helfen – aber nur denen aus DIESER Gruppe, und DENEN DA auf keinen Fall“: Für Frau Bätzing-Lichtenthäler ist der Begriff „faschistoid“ eigentlich schon zu harmlos.

        Jedenfalls ist der Begriff insgesamt tatsächlich zu unscharf, um damit sinnvoll agieren zu können.

        @ Ralf Danke zudem für den Kommentar zum Blog – der freut mich sehr!

      7. @Mark, Lucas: Wieder mal ein typischer Augstein: die wildesten denunziatorischen Äußerungen über Menschen absondern, die nicht seiner Meinung sind, und das wie immer, ohne auch nur den Hauch eines Beleges für seine tolldreisten Behauptungen beizubringen. (Das kann man getrost als vollendete Hetze bezeichnen.)

        You Are Still Crying Wolf“ von Scott Alexander ist der passende Artikel dazu. Sehr lesenswert und der beste Faktencheck zur Behauptung „Trump ist ein Faschist.“, den ich kenne.

  13. […] Der Grund für Trumps Sieg ist also keineswegs, dass er besonders viele Menschen auf besondere Weise begeistert und mobilisiert hätte – sondern dass die demokratische Kandidatin und ihre Partei auf eine wohl historische Weise versagt haben. Kurz: Nicht Trump hat die Wahl gewonnen, sondern Clinton hat sie verloren. man tau […]

    Antwort

  14. […] als „basket of deplorables“, als „Korb der Kläglichkeiten“ abgetan und sich auch sonst viel Mühe gegeben, den Endruck zu erwecken, dass sie vom Leben der meisten Amerikaner keine Ahnung hat und dass es […]

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