Franziska Schutzbach über angebliches Intellektuellen-Bashing – oder wie man vollständig an einer Sache vorbeireden kann

Im Zusammenhang der Trump-Wahl und zunehmendem Rechtspopulismus wurde insbesondere auch die intellektuelle und politische Elite kritisiert. Die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach kann diese Kritik offenbar nur als Intellektuellen-Bashing einordnen und zeigt damit nur auf, dass sie kaum etwas von dieser Kritik verstanden hat.

In der schweizerischen Wochenzeitung (WoZ) hat sich die Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach in einem Artikel (WoZ – Nr. 49/2016 vom 08.12.2016) mit der Überschrift „INTELLEKTUELLEN-BASHING – Gesellschaftliche Verhältnisse zu analysieren ist nicht primär Elfenbeinturmbillard“ mit der Kritik an der politischen und intellektuellen Elite im Zusammenhang der Trump-Wahl in den USA sowie einem zunehmenden Rechtspopulismus in Europa auseinandergesetzt. Offenbar zählt sich Schutzbach zur intellektuellen und politischen Elite in der Schweiz und fühlt sich somit von der Kritik massiv angegriffen, sonst könnte sie vermutlich ein bisschen entspannter mit der Kritik umgehen.  Viel lieber baut Schutzbach eine Vielzahl von Strohmännern auf, damit sie die eigenen Unzulänglichkeiten der postmodernen Linksintellektuellen (hier vor allem der Vorrang der Identitätspolitik vor sozialen und ökonomischen Verwerfungen) nicht thematisieren muss. Der eigentliche Strohmann, den Schutzbach aufbaut, ist der, dass sie Kritik an politischen und intellektuellen Eliten mit Kritik an kritischem und intellektuellem Denken gleichsetzt. Kritik an der politischen und intellektuellen Elite kam aus allen Richtungen: von links, der Mitte und rechts. Schutzbach bezieht sich in ihrem Artikel insbesondere auch auf den früheren sozialdemokratischen Parlamentarier, Preisüberwacher der Schweiz und Ökonomen Rudolf Strahm.

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Donald Trump

Kritik = Beschimpfung

Schutzbach schreibt:

Intellektuelle müssen sich zurzeit als weltfremd und arrogant beschimpfen lassen. Dabei verkennen viele, die den verbalen Zweihänder schwingen, was Intellektualität und kritisches Denken überhaupt ausmacht. Und zeigen so ihre eigene Arroganz gegenüber denen, für die sie zu sprechen behaupten.

Interessant finde ich bei Schutzbach, dass sie Kritik oder Tadel (weltfremd, arrogant) bereits unter Beschimpfung subsumiert – im Sinne von: „wenn der Andersdenkende mich kritisiert, dann kann dies nur eine Beschimpfung sein (also nicht bloss Kritik). Im Gegenzug wirft sie dann ihren Kritikern desgleichen Arroganz vor, so im Sinne von: „wie Du mir, so ich Dir!“ Weshalb die Kritiker verkennen würden, was kritisches Denken und Intellektualität ausmacht, wird einfach mal unterstellt, ohne zu merken, dass sie selbst am Kern der Sache vorbei argumentiert.

Abstraktes Gerede – kleine Leute – echte Probleme

Schutzbach schreibt:

Wie oft mussten wir das in den vergangenen Wochen hören: Die ‚intellektuelle Elite‘ habe mit ihrem abstrakten Gerede die ‚kleinen Leute‘ nicht erreicht und deren ‚echte Probleme‘ nicht verstanden. Man habe über die Köpfe der breiten Bevölkerung hinwegtheoretisiert und sie dadurch in die Arme der Trumps, Blochers und Le Pens getrieben (und auch für Norbert Hofer stimmten schliesslich über 48 Prozent).

Tatsache dürfte jedenfalls sein, dass viele rechtspopulistische Parteien von Bürgern, die insbesondere wenig kulturelles Kapital besitzen, überdurchschnittlich zahlreich gewählt wurden. Sie dürften ebenfalls überdurchschnittlich von Leuten gewählt worden sein, die sogenannt zu der Arbeiterschicht gehören, infolgedessen zusätzlich überdurchschnittlich wenig ökonomisches und politisches Kapital besitzen.

Franziska Schutzbach schreibt:

In der NZZ schrieb René Scheu, die Intellektuellen hätten kein Verständnis für die Probleme der Trump-WählerInnen, wenn diesen ‚am Ende des Monats aufgrund steigender Lebenskosten immer weniger Geld bleibt‘. Stattdessen versuchten die intellektuellen Eliten, die Probleme ‚wegzuerklären‘.“

René Scheu kritisiert an dieser Stelle nicht die Intellektualität oder das kritische Denken, wie Schutzbach fälschlicherweise insinuiert, sondern er weist darauf hin, dass die intellektuelle Elite kein Verständnis für die Trump-Wähler hätte und deren Probleme nicht ernst nehme. Folglich keine Kritik an kritischem oder intellektuellem Denken, sondern Kritik an einer intellektuellen Elite, die kein Verständnis für die Trump-Wähler hat.

Schutzbach schreibt:

Ähnlich klang es bei Rudolf Strahm (SP) im ‚Tages-Anzeiger‘: Die politische und intellektuelle Elite habe sich eine herablassende Meinung über unerwünschte Volksentscheide gebildet, sich dabei aber auf Unwesentliches konzentriert und übersehen, dass Trump ‚zutiefst existenzielle Erfahrungen von Millionen Amerikanern ansprach‘, etwa die Arbeitsplatzverluste oder die erlebte ‚Arroganz der globalisierten Eliten und der Wallstreet-Banker‘.

Desgleichen haben wir bei Strahm keine Kritik am intellektuellen bzw. kritischen Denken, sondern eine Kritik, wie die politische und intellektuelle Elite mit unerwünschten Volksentscheiden umgeht (herablassend) sowie existenzielle Erfahrungen dieser Wähler (Arbeitsplatzverlust, erlebte Arroganz der globalisierten Elite und Wallstreet-Banker) nicht hinreichend aufnimmt und repräsentiert.

Franziska Schutzbach schreibt:

Strahm folgerte, der Rechtsrutsch sei ‚ein Aufstand von unten‘, und Scheu machte sich dafür stark, den US-Wahlausgang als Zeichen von Vernunft zu sehen, denn ‚auch wenn manche Trump-Anhänger keinen Ph D-Abschluss haben, so heisst dies nicht, dass es ihnen an Verstand gebricht‘.

Ebenso geht es bei diesen Aussagen von Scheu und Strahm um keine Kritik am kritischen bzw. intellektuellen Denken. Man kann dies sicherlich so wie Strahm interpretieren, dass es sich hier um primär um einen Aufstand von unten gegen die intellektuelle und politische Elite handelt. Obwohl ich eher sagen würde, es handelt sich um eine Verteilungs- Repräsentations- und Identitätskrise.

Wird hier ein Normalbürger oder sogar das Volk konstruiert?

Schutzbach schreibt

Ein solch pauschalisierender Fokus auf die ‚echten Probleme‘ der ‚kleinen Leute‘ suggeriert, diese hätten nichts mit Kultur, nichts mit Bewusstsein oder Ideologie zu tun. Als wäre ökonomische Prekarität eine von Rassismus oder Sexismus getrennte Angelegenheit, als könnte nicht auch ‚der kleine Mann‘, der ‚Arbeiter‘ schwul, migrantisch, schwarz oder weiblich sein. Der ‚Normalbürger‘ wird konstruiert als eine bestimmte, angeblich homogene Gruppe (das ‚Volk‘), zu der viele offensichtlich nicht gehören.

Was genau Schutzbach mit dem ersten Satz genau aussagen will, ist mir unklar: Die echten Probleme der ‚kleinen Leute‘ haben ihrer Ansicht nach also etwas mit Kultur, Bewusstsein und Ideologie zu tun; nur was genau, das erklärt sie leider nicht?! Ich gehe nicht davon aus, dass Scheu und Strahm davon ausgehen, dass diese kleinen Leute nicht sogenannt mehrfach diskriminiert sein können (Klassismus, Rassismus oder Homophobie etc.), aber Scheu und Strahm wollen offenbar damit sagen, dass die politische und intellektuelle Elite, wie sie u.a. Clinton verkörpert, für Probleme wie Arbeitslosigkeit, Abstiegsängste, prekäre Beschäftigungsverhältnisse der weissen Unterschicht bzw.  der weissen unteren Mittelschicht etc. zu wenig Feingefühl aufbrachte und diese deshalb in Trump den Heilsbringer sahen. Scheu und Strahm konstruieren außerdem keinen „Normalbürger“, gleichsam eine homogene Gruppe (das ‚Volk), der gewissermaßen aus der weißen Unterschicht bzw. weißen, unteren Mittelschicht besteht; diese zwei Populationen haben jedoch überdurchschnittlich Trump gewählt und sind nun einmal nummerisch eine größere Population als die der Afroamerikaner, Hispanics, Homosexuellen etc. und somit für die US-Präsidentschaftswahl von enormer Bedeutung; mit der Unterstellung der Konstruktion eines Normalbürgers bzw. einer homogenen Gruppe (‚Volk‘) baut Schutzbach einen Strohmann auf.

Um Situationen zu verstehen, braucht es komplexe Gedanken und Theorien?

Franziska Schutzbach schreibt:

Vor allem aber unterstellt die Gegenüberstellung von Intellektuellen und ‚kleinen Leuten‘, Wissen werde ausschliesslich an Universitäten produziert und top-down dem ‚Volk‘ – wider dessen Vernunft und Erfahrung – übergestülpt. Nicht nur, dass man damit ‚kleine Leute‘ tatsächlich für dumm erklärt. Unterschlagen wird auch, dass kritisches Denken – und das ist eines der zentralen Merkmale von Intellektualität – eng verzahnt ist mit sozialen Bewegungen. Viele herrschaftskritische und emanzipatorische Impulse kommen von Minorisierten, von Prekarisierten und Ausgebeuteten. Diese können sehr wohl komplex und theoretisch denken – das müssen sie sogar, um ihre Situation zu verstehen, um zu überleben.

Strahm unterstellt keine Gegenüberstellung von Intellektuellen und ‚kleinen Leuten‘, wie dies Schutzbach insinuiert, sondern eine Gegenüberstellung von intellektuellen und politischen Eliten mit „kleinen Leuten‘. Strahm kritisiert folglich nicht kritisches bzw. intellektuelles Denken, wie Schutzbach unterstellt, sondern er kritisiert die Population bzw. Gruppe der politischen und intellektuellen Elite. Zudem behauptet Strahm auch nicht, dass Wissen gewissermaßen ausschliesslich von den Universitäten produziert und top-down dem ‚Volk‘ appliziert wird; das sind alles Erdichtungen von Schutzbach, die sie Strahm quasi in den Mund legt und die Strahm so nie explizit gesagt hat; was Strahm diesbezüglich denkt, kann Schutzbach nicht wissen., weil er sich dazu nicht geäussert hat. Ob kritisches Denken bzw. Intellektualität eng mit sozialen Bewegungen verzahnt ist oder herrschaftskritische bzw. emanzipatorische Impulse vielfach von Prekarisierten bzw. Minorisierten kommen, ist möglich, wäre jedoch eine empirische Fragestellung und müsste durch empirische Untersuchungen beantwortet und nicht einfach proklamiert werden, wie dies Schutzbach tut. Strahm und Scheu haben auch niemals behauptet, die „kleinen Leute“ könnten nicht komplex denken; alles Strohmänner, die Schutzbach hier aufbaut!

Wissen fliesst weder von unten nach oben noch von oben nach unten?

Schutzbach schreibt:

Es geht darum zu verstehen, dass Wissen weder von unten nach oben noch von oben nach unten fliesst. Solche Unterscheidungen gilt es in Bezug auf die Entstehung und Verbreitung von Wissen aufzubrechen. Gesellschaftliche Verhältnisse zu hinterfragen und zu analysieren, ist nicht primär Elfenbeinturmbillard privilegierter Intellektueller, sondern ist ebenso eine Denkleistung des ‚kleinen Mannes‘.

Vorab wäre einmal zu klären bzw. zu definieren, was unter Wissen verstanden wird und erst dann könnte man der Frage nachgehen, von wo aus Wissen produziert wird; auch dies wäre jedoch eine empirische Frage und wird nicht valider, wenn man einfach „freihändig“ Behauptungen aufstellt.

Schutzbach schreibt:

Anders ausgedrückt: Das Entstehen von Theorie ist ein komplexer Prozess, an dem ganz unterschiedliche AkteurInnen beteiligt sind. Erfahrungen und Perspektiven der kleinen Leute sind an den Universitäten sehr wohl vertreten und gerade in Theorietraditionen zunehmend verankert, denen das Wechselverhältnis von sozialer Bewegung, Betroffenheit und Theorie besonders wichtig ist: in feministischen, materialistischen, queeren und postkolonialen Perspektiven auf die Gesellschaft.

Auch diese Behauptungen können schlussendlich nur mithilfe umfangreicher empirischer Untersuchungen beantwortet werden und nicht einfach dadurch, dass man gleichsam „freihändig“ Behauptungen aufstellt. Welche „kleinen Leute“ sind denn an den Universitäten vertreten? Diejenigen Personen,  die im Bereich der Lehre und Forschung eine Stelle besitzen bzw. tätig sind, müssen zumindest über entsprechende Bildungstitel (kulturelles Kapital) verfügen, sonst ist eine Arbeit im akademischen Bereich der Universität ein Ding der Unmöglichkeit.

Wahrheit ist immer relativ. Ist das eine wahre Aussage?

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Schutzbach schreibt:

Und es bedeutet zu akzeptieren, dass Wahrheit immer relativ ist und der wissenschaftliche Blick nicht universell und schon gar nicht unschuldig oder neutral.

Jetzt muss man die Autorin fragen, ob ihre Aussage, dass Wahrheit immer relativ ist, eine wahre Aussage ist, folglich unabhängig von bestimmten Bedingungen?! Sollte sie der Auffassung sein, dass es sich um eine wahre Aussage handelt, die absolut ist, dann könnte man dies wohl performativer Widerspruch nennen. Wenn sie der Auffassung ist, dass diese Aussage ebenfalls nur relativ ist, also quasi kontingent, infolgedessen einmal wahr und ein andermal wieder unwahr, demnach relativ, dann ist diese Aussage nicht viel mehr als Nonsens. Und es würde sich dann die Frage stellen, was Nonsens von Wissenschaft unterscheidet?!

Schutzbach schreibt:

Denn das denkende Subjekt steht nicht jenseits von Herkunft, Sozialisation, Sexualität oder Hautfarbe. Und schon gar nicht jenseits von Machtverhältnissen. Wissensproduktion geschieht von einem Standpunkt aus, und dieser muss mitbedacht werden. ‚Wessen Blut wird vergossen, damit meine Augen sehen können?‘, fragte die feministische Erkenntnistheoretikerin Donna Haraway. Anders ausgedrückt: Welche Stimmen oder Erkenntnisse werden ignoriert, damit sich eine bestimmte Sicht durchsetzt? Haraway und vielen anderen geht es darum, eine Kultur des Zuhörens, des Aufnehmens zu etablieren; darum, durch Offenheit gegenüber vielfältigen Einflüssen die eigenen Positionen immer wieder zu überdenken. Kurzum: Das Verständnis eines neutralen, distanzierten und abgehobenen Forschers – einer «intellektuellen Elite» – kann nicht länger aufrechterhalten werden.

Ist die Aussage, dass sich Schutzbach mit Strahm und Scheu in einem Text auseinandergesetzt hat eine wahre Aussage oder ebenfalls bloß eine Aussage, die eine relative Wahrheit besitzt? Was hat beispielsweise die Aussage „ein Buch ist vom Tisch gefallen“ mit Machtverhältnissen, Sozialisation, Herkunft, Sexualität, Hautfarbe zu tun, wenn es darum geht, eine wahre Aussage zu tätigen?

Könnte es nicht sein, dass Schutzbach die Erkenntnistheoretikerin Donna Haraway ein bisschen missverstanden hat? Ich selbst bin z.B. der Auffassung, dass Haraway zwischen Entdeckungs-, Begründungs- und Verwertungszusammenhang unterscheidet und sie beim Begründungszusammenhang keine Relativität zulässt, weil sonst Wissenschaft kaum noch von Nonsens zu unterscheiden ist.

Identifikationsangebot führt zu Faschismus?

Schutzbach schreibt:

Wenn Leute von links – wie Rudolf Strahm – gegen „intellektuelle Eliten“ schiessen, mag das mit einer eingeschränkten Vorstellung von Intellektualität zu tun haben.

Noch einmal: Kritisches Denken bzw. Intellektualität und „intellektuelle und politische Elite“ sind zwei verschiedene Dinge. Schutzbach kann offensichtlich nicht zwischen eigener Dichtung (man legt Strahm einfach mal Sachen in den Mund, die er nicht gesagt hat) und Wahrheit (was Strahm tatsächlich gesagt hat) unterscheiden.

Schutzbach schreibt:

Die verbreitete Erzählung, das Volk werde automatisch faschistisch, wenn man ihm den Traum vom Einfamilienhaus wegnehme, ist ein Identifikationsangebot, das genau dies will: Menschen faschistisch machen. Oder neoliberal. Oder beides.

Es dürfte um Einiges zu kurz greifen, die Ursachen von Populismus oder Faschismus einfach auf kulturelle bzw. diskursive oder symbolische Praktiken zu reduzieren, im Sinne von: „Man muss dem Volk nur ein gewisses Narrativ immer wieder erzählen, und dann wird es populistisch oder faschistisch.“

Populismus steht nicht nur im Zusammenhang einer Identitätskrise, sondern vielfach im Kontext einer Repräsentations- und Verteilungskrise.

Müssen Bücher und Theorien kompliziert sein?

Schutzbach schreibt:

Die Meinung, keine ‚gescheiten Bücher‘ zu brauchen, keine ‚komplizierten Theorien‘, beinhaltet die Vorstellung, die eigene Perspektive sei vollkommen ausreichend. Man müsse anderen nicht zuhören, nichts Neues lernen. Besonders deutlich zeigt sich dies, wenn auf Alltagserfahrungen oder den «gesunden Menschenverstand» gepocht wird und Theorie nur dann akzeptiert wird, wenn sie die Vertrautheit des Anekdotischen, das unmittelbar Nachvollziehbare und bereits Gewusste bestätigt.

Wie bereits weiter oben wiederholt dargelegt, redet Schutzbach größtenteils an der Sache vorbei. Dennoch kann es sinnvoll sein, sich mit ihrer Argumentation auseinanderzusetzen:

Strahm hat vermutlich nichts gegen gescheite Bücher. Ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass er etwas gegen unnötig komplizierte Bücher hat. Auch ein Buch, das lesefreundlich geschrieben ist, kann neue Perspektiven vermitteln, kann eigene Alltagserfahrungen hinterfragen oder reflektieren oder den „gesunden Menschenverstand“ in Frage stellen, dazu braucht es jedoch keinen unnötig komplizierten Satzbau oder unzählige Fremdwörter.

In diesem Zusammenhang ist Noam Chomsky sehr interessant, der u.a. wie folgt rezipiert und zitiert wird:

Komplizierte und unverständliche Theorien über die Gesellschaft und Politik haben für Chomsky nicht die Aufgabe, die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse besser zu erklären. Vielmehr dienen sie den Intellektuellen dazu, sich einen Namen als Experten zu machen, damit sie sich im Wissenschaftsbetrieb eine berufliche Stellung erobern und sichern können, die Prestige, Privilegien, Zugang zu Macht, Einfluss und ein hohes Einkommen ermöglicht.[26] Für diesen Zweck muss man sich als Intellektueller „seine Unverständlichkeit hart erarbeiten“.[27]

Antiintellektualismus als Wegbereiter für Fremdenfeindlichkeit?

Schutzbach schreibt:

In einer solchen Selbstreferenzialität liegt aber die eigentliche Arroganz, das eigentlich Elitäre. Denn sie weist alles Fremde und nicht unmittelbar Verstehbare zurück. Die Vermutung drängt sich auf, der in der Schweiz besonders ausgeprägte Antiintellektualismus stehe in einem engen Zusammenhang mit der Verweigerung gegenüber dem ‚Fremden‘.

Fremdenfeindlichkeit hat viele Ursachen wie z.B.:

  • Einflüsse sozialer Bedingungen;
  • relative Deprivation;
  • wenig Kontakte mit anderen ethnischen Minderheiten (Kontakthypothese)
  • und das eigene mittels Sozialisation und aktiver Aneignung erworbene Überzeugungssystem.

Wir sehen: Antiintellektualismus ist nicht dabei; ausser man würde es unter das eigene Überzeugungssystem subsumieren.

Ein zusätzlich spezifischer Faktor für Populismus in der Schweiz dürfte allerdings die halbdirekte Demokratie sowie die Konsensdemokratie sein.

Sind die Macher starrsinnig?

Schutzbach schreibt:

Der viel beschworene Schweizer Sonderweg ist vom Starrsinn geprägt, sich nichts von anderen sagen zu lassen. Ein Starrsinn, der sich nicht zuletzt mit einer stark idealisierten Vorstellung vom «Machen» verbindet, von der Idee also, Taten seien besser als Worte, es brauche keine komplizierten Reflexionen, sondern vor allem konkretes und beherztes Handeln.

Ich finde den Spruch „ausser man tut es“ genial. Worte können natürlich auch Taten sein. Aber wenn ich wählen müsste, dann würde ich den Taten den Vorrang vor den Worten geben. Wie bereits bei Chomsky gesehen, braucht es keine komplizierten Reflexionen, demnach Reflexionen mit unnötig kompliziertem Satzbau, gespickt mit unzähligen Fremdwörtern.

Jegliche Praxis von Theorie geleitet?

Schutzbach schreibt:

Gegen Praxis ist im Prinzip nichts einzuwenden. Aber Fakt ist auch, dass jegliche Praxis von Theorie geleitet ist. Sich dem zu verschliessen, heisst, Reflexion als etwas zu sehen, das dem Handeln entgegensteht, angeblich weltfremd, ja unnütz ist, Handeln gar verhindert. Eine solche Trennung von Theorie und Praxis bemisst Reflexion daran, ob sie einen unmittelbaren Dienst an der Praxis leistet. Wenn aber die bereits bekannte und vorherrschende Praxis festlegt, was gedacht werden darf, was nützlich ist und was nicht, dann wird es unmöglich, die Praxis einer kritischen Analyse zu unterziehen. Anders gesagt: Der vorherrschende Istzustand erscheint damit als nicht hinterfragbar.

Da haben wir noch einmal Glück gehabt, dass gegen Praxis nichts einzuwenden ist, sonst würde gegebenenfalls alles still stehen auf dieser Welt. Vielleicht könnte es auch so sein, dass es eine praktische Praxis und eine theoretische Praxis gibt und sich diese beiden Praxen doch grundlegend unterscheiden. Was für Theorien hat wohl ein fünfjähriges Kind im Kopf, wenn es seinen Alltag praktisch bewältigt? Den Historischen Materialismus, die Strukturationstheorie, die Systemtheorie, die Praxistheorie, den methodischen Individualismus, eine Handlungstheorie? Für die praktische Praxis (Handeln unter Zeitdruck) reicht es vielfach vollständig aus, wenn wir das gelernte Wissen gleichsam im impliziten Handlungsmodus, gewissermaßen automatisch, anwenden

Ebenso sind Reflexion und Theorie zwei verschiedene Dinge: Bei Theorien geht es um Abstraktionen, um Erklärungen, um Modelle, also um eine Komplexitätsreduktion, um Verallgemeinerungen, Regelmäßigkeiten etc. Bei der Reflexion geht es um das Nachdenken, Überprüfen, Überlegen, ohne dass explizit auf Theorien zurückgegriffen werden muss oder Theorien entworfen werden.

Schutzbach schreibt:

Der Jurist und Publizist Matthias Bertschinger hat darauf hingewiesen, dass das Problem nicht abgehobene Intellektuelle seien, sondern vielmehr, dass kritisches und auch utopisches Denken nicht als ein Recht für alle betrachtet werde. Gekämpft werden müsse wieder für einen Bildungsbegriff, der mehr als betriebswirtschaftliche Logiken bediene, der Reflexion nicht auf technokratische Anwendbarkeit verkürze.

Die politische und intellektuelle Elite wird dann zum Problem, wenn sie gewisse Bevölkerungsteile nicht mehr genügend repräsentiert bzw. diese sich nicht mehr genügend repräsentiert fühlen im politischen System: Ihre Bedürfnisse, Sorgen, Ängste und Nöten etc. nicht mehr wahrgenommen werden oder Politik nur noch von oben herab proklamiert und kein Dialog mehr geführt wird etc.  Wie gesagt: Schutzbach argumentiert größtenteils an den Kernthesen von Strahm vorbei.

Fazit

Anstatt sich substanziell mit der Kritik von Strahm an der intellektuellen und politischen Elite auseinanderzusetzen, die besagt, dass diese Elite versagt hat und deshalb mitverantwortlich ist für einen erstarkten Rechtspopulismus, zumal sie für soziale und ökonomische Verwerfungen der „kleinen Leute“ kein Gehör mehr hat, zündet Schutzbach Nebelkerzen und baut eine Vielzahl von Strohmännern auf, um nicht auf diese Kritik eingehen zu müssen. Was hilft es wohl diesen Menschen, die kaum ökonomisches, politische und kulturelles Kapital besitzen, wenn Schutzbach davon spricht, dass Wahrheit relativ, sämtliche Praxis theoriegeleitet und jegliche Wissensproduktion mit Machtverhältnissen gekoppelt ist und es ihr primär darum geht, ihre postmoderne Weltsicht zu rechtfertigen?! Vermutlich nicht viel und vor allem geht es vollständig am Kern der Sache vorbei und bestätigt so gleichsam die These von Strahm.

 

 

Lara Fritzsche über Geschlechter- stereotypien in der Politik

 

Die Journalistin Lara Fritzsche beschäftigt sich in einem Beitrag mit dem Wahlkampf einer Spitzenkandidatin für das Ministerpräsidentschaftsamt hinsichtlich Geschlechterrollen und –stereotypien und hat dabei Ungeheuerliches entdeckt.

In ihrem Blogbeitrag, mit dem Titel „Frauenlauer befasst sich Lara Fritzsche vornehmlich mit der Spitzenkandidatin der CDU für das Ministerpräsidentschaftsamt in Rheinland-Pfalz: Julia Klöckner. Ort des Geschehens ihrer Reportage ist eine Wahlveranstaltung des CDU-Ortsverbands im „Örtchen“ Ingelheim („Provinz“) im Bundesland Rheinland-Pfalz, bei der Klöckner die Hauptrednerin war. Dabei geht es Fritzsche vor allem darum, den Geschlechterstereotypien und –rollen nachzuspüren, denen Frauen als Spitzenkandidatinnen für ein Ministerpräsidentschaftsamt oder anderen Spitzenpositionen in einer Exekutive unterliegen.

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Julia Glöckner

Ein leicht sexistisches Lied an der Wahlveranstaltung

 Lara Fritzsche schreibt in ihrem Vorspann:

Erstmals in der deutschen Geschichte stehen sich bei einer Landtagswahl zwei Spitzenkandidatinnen gegenüber. Die beiden Frauen führen einen Wahlkampf ohne Kampf – und das ist leider das Schlaueste, was sie machen können.

Fritzsche kommt in ihrer Reportage gleich zur Sache und schildert den „vergnüglichen“ Beginn der Wahlveranstaltung u.a. wie folgt:

Auf der Bühne stehen sieben junge Frauen und singen a cappella. Alle sind sie schwarz-rot gekleidet, alle wippen sie im Rhythmus zu ihrem Lied. Es handelt von Frauen und was die alles können: »Männer verführen, bestellen und stornieren, Brote schmieren, Pflaster kleben, Geheimnisse rauskriegen, sich gut cremen, gut aussehen.« Die Männer nicken, und die Frauen gucken neckisch ertappt und kriegen dafür ein Bussi. (…) Alles so weit normal: Feierabend in der deutschen Provinz, ein Bierchen und ein bisschen lieb gemeinter Sexismus, von dem sich niemand angegriffen fühlt. Julia Klöckner sitzt zwischen den Ingelheimern und klatscht mit. Was bleibt ihr auch übrig.

Das ist richtig! Wer Ministerpräsidentin werden möchte, der sollte bei seiner Wählerbasis zumindest den Anschein von „Volkstümlichkeit“ (Sozialintegration und Rollenübernahme) wachrufen, sonst wird es wohl eher weniger klappen mit dem höchsten Exekutivamt auf Landesebene. Aber: wer sagt, dass dies Julia Klöckner nicht auch gerne macht? Das können wir selbstredend nicht wissen! Und was genau meint wohl Fritzsche mit dem „lieb gemeinten Sexismus“? Ist das Lied ihrer Meinung nach deswegen „lieb sexistisch“, weil die Frauen darin „nur“ bestimmte Tätigkeiten ausführen und andere Tätigkeiten, die sie ebenso in ihrem Leben tun, keine Erwähnung finden? Dürfen demzufolge nur noch Lieder gesungen werden, wenn diese nicht das Etikett sexistisch aufgeklebt bekommen wollen, wenn mithin die gesamte Spannbreite aller Tätigkeiten, die Frauen in ihrem Leben überdies noch ausüben, dargetan werden? Folglich korrekt „gegenderte“ Lieder bzw. Kultur? Und wie ist das zu bewerten, wenn sich die Frauen, die diese Lieder singen, mit dem Inhalt des Liedes identifizieren können und ein grosser Teil des Publikums ebenfalls? Es ihnen infolgedessen völlig ausreicht, wenn Frauen, die das so möchten und frei wählen, nur diese Tätigkeiten in ihrem Leben erwähnenswert oder toll finden?

Im Zusammenhang des Liedes schreibt Fritzsche:

Julia Klöckner möchte aber keine Knie pusten, sie möchte Ministerpräsidentin werden, sie möchte die mächtigste Frau in einem Bundesland werden. (…) Kurz: Julia Klöckner ist nicht die Art Frau, die hier besungen wird. Und wenn sie die Menschen anspricht, merkt man, dass sie weiß, dass das ein Problem ist.

Woher weiss Fritzsche, dass Klöckner keine Knie pusten möchte? Hat sie Klöckner darauf angesprochen? Vielleicht möchte ja Klöckner Knie pusten und Ministerpräsidentin werden?!

Einmalig: Zwei Frauen als Spitzenkandidatinnen

Fritzsche schreibt:

Erstmals stehen sich jetzt in einem deutschen Landtagswahlkampf zwei Frauen gegenüber. Malu Dreyer und Julia Klöckner in Rheinland-Pfalz. Und damit stellt sich die Frage: Ist dadurch alles anders? Führt eine Frau einen anderen Wahlkampf? Ist es dann ein Vorteil, wenn die Konkurrenz auch eine Frau ist: Ist das dann ein Patt? Hebt sich der Faktor Frau gegenseitig auf, so wie minus mal minus plus ergibt? Gibt es überhaupt einen Faktor Frau – oder ist das bloß eine angenommene diffuse Kraft, die der eine als mysteriöse Geheimwaffe und der andere als offensichtlichen Nachteil beschreiben würde? Diese Fragen können nur die beantworten, die Politik machen, und am besten können es die beantworten, die als Frau Politik machen.

Wenn man diese Fragen valide beantworten möchte, sollte man sich ev. nicht nur auf die subjektiven Aussagen der Frauen verlassen, die Politik machen. Vielmehr wäre es mutmaßlich sinnvoll, wenn beispielsweise auch Experten, die sich wissenschaftlich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt haben, befragen würden, weil sie wissenschaftliche Studien über diesen Forschungsgegenstand angefertigt haben.

Die Schwierigkeit mit den Frauen, die Ministerpräsidentin werden wollen

Fritzsche schreibt:

„Und schnell wird klar: Dies wird keine Geschichte über die Schwierigkeiten von Frauen. Es ist eine über Schwierigkeiten mit Frauen. Denn keine der oben genannten Frauen empfindet es als Problem, eine Frau zu sein. Auch nicht als schwierig. Es ist nicht das Amt, das anders lastet, nicht der Machtkampf, den sie scheuen. Das Problem, das sie haben, liegt darin, dass andere eines mit ihnen haben. Viel mächtiger als der politische Kontrahent oder der harte Angriff ist das Klischee, wie eine Frau zu sein hat. Das ist ihr Gegner. Und nie ist dieser Gegner so stark wie im Wahlkampf.“

Wie hat denn letztlich eine Frau zu sein? Haben bei dieser Frage 100% aller Menschen in Deutschland die gleiche Meinung? Oder gibt es nicht ev. mehr als bloß ein Frauenbild, das sich herauskristallisiert. Gibt es repräsentativ empirische Studien darüber, welche Vorstellungen die Menschen haben, wie eine Frau sein sollte?

Und der Mann? Kann dieser im Gegensatz zur Frau so sein, wie er will? Gibt es über den Mann infolgedessen keine Stereotypien oder  Geschlechterrollen mit Zwangscharakter?

Bezugnehmend auf Arno Gruen schreibt Lothar Böhnisch in diesem Zusammenhang folgendes:

Er argumentiert, dass Männer in unseren Industriegesellschaften auf Grund ihrer habituell eingeübten Zurichtung für den industriellen Prozess stärker gesellschaftlich ‚ausgesetzt‘ sind und das sie damit auch unter einem rigideren Zwang stehen, eigene Bedürfnisse zu unterdrücken und die eigene Hilflosigkeit diesem Ausgesetztsein gegenüber zu verleugnen. (…) Der Mann ist aber nicht nur der ökonomisch-gesellschaftlichen Verfügbarkeit und Zurichtung stärker ausgesetzt, er hat auch keine eigenverfügte Alternative sein Mannsein aus den gesellschaftlich-ökonomischen Fesseln zu lösen und aus sich heraus, seine eigene Natur aufzubauen.“ (Böhnisch 1996: 34)

Das heisst: Nicht nur die Frauen sind einem gesellschaftlichen Rollenzwang ausgesetzt, sondern überdies die Männer.

Der Mann ein leeres Blatt und zugleich die Norm

 Fritzsche schreibt:

Ein Mann ist ein leeres Blatt Papier. Eine Frau ist kein leeres Blatt, sie ist eine Abweichung vom Normalzustand. Sie ist die Frau. Natürlich ist sie noch mehr. Sie kann schlau sein oder dämlich, höflich oder unfreundlich, rigide oder locker. Aber sie ist das alles als Frau. Das Blatt Papier, das sie ist, hat die Farbe rosa. Alles, was man darauf schreibt, sieht anders aus als auf einem weißen Blatt Papier. Blaue Tinte wirkt lila. Gelbe Tinte wirkt orange. Aus energisch wird hysterisch. Aus konsequent wird zickig. Aus realistisch wird verbittert. Aus attraktiv wird Barbie. Aus Vollzeitpolitikerin wird Rabenmutter. Aus durchsetzungsstark wird eiskalt. Aus schwanger wird »nicht erreichbar«. Aus emotional wird gaga. Aus machtbewusst wird Königsmörderin. Und aus einem neutralen Gesichtsausdruck wird bei einer Frau ein unfreundlicher. Politikerinnen müssen all diese Verfärbungen immer mitdenken.

Und wenn unterschiedliche Männer mit homogenen Verhaltensweisen beurteilt werden, dann werden sämtliche Männer identisch bewertet: wenn sie lachen, schmunzeln, feixen, wütend sind, ärgerlich sind – zumal sie ja schliesslich die Norm sind? Wenn ich unterschiedliche Männer betrachte, die sich deckungsgleich verhalten, dann kann mir ein Lachen sympathisch oder weniger sympathisch sein, das Gleiche gilt bei Frauen. Zugleich werden andere Menschen wahrscheinlich zu einer anderen Bewertung kommen als ich: Sie finden das Lachen eines Mannes unsympathisch, das ich sympathisch finde und umgekehrt. Nun kann es sein, dass im Durchschnitt Frauen anders beurteilt  werden im Vergleich zu Männern, wenn sie beispielshalber lachen, weinen, wütend etc. sind. Dem ungeachtet: positive wie negative Vorurteile gibt es nicht lediglich über Frauen, sondern gerade auch über Männer. Das Blatt ist demzufolge auch beim Mann nicht einfach weiss, sondern dieses hat desgleichen bereits eine gewisse Färbung bei bestimmten Verhaltensweisen. Insofern ist die Frau nicht bloss eine Abweichung von der Norm; genauso gut könnte man sonst nämlich bei positiven Vorurteilen, die die Frauen betreffen, sagen, dass der Mann die Abweichung von der Norm ist.

Frauen die lächeln und der Zwangscharakter der Geschlechterrolle

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Malu Dreyer

Fritzsche schreibt im Zusammenhang von Malu Dreyer, die als Spitzenkandidatin der SPD auf Wahlkamptour ist, folgendes:

In warmrotem Blazer und schwarzer Bluse redet sie auf die Kamera ein: ‚Wir sind schon fast am Ziel. Am 13. März will ich mit euch allen feiern.‘ Fast nie sagt sie ‚ich‘, sondern vor allem ‚wir‘. Sie lächelt beim Sprechen so ausdauernd, dass ihre Mundwinkel immer nach oben zeigen. Im TV-Duell gegen Julia Klöckner wird sich zeigen, dass sie sogar lächelnd widersprechen kann. Und sie hat auch noch eine Steigerung des breiten Lächelns drauf ; die meisten ihrer Facebook-Ansprachen an ihre Wähler beendet sie mit einem Lächeln, bei dem sie noch die Nase kraus zieht. Mehr Freundlichkeit kann man auf der Fläche eines Gesichts nicht unterbringen. Lutz Meyer ist Politikberater und weiß um die Macht von Mundwinkeln. Im vergangenen Bundestagswahlkampf hat er Angela Merkel beraten, in Imagefragen. Manche nennen ihn seitdem auch den Kanzlerinnen-Macher. Von ihm habe sie gelernt, wie sie besser rüberkomme, heißt es. Meyer selbst hat in dieser Zeit auch etwas gelernt, nämlich dass der Faktor Frau so einiges verändert: ‚Frauen können nicht Wahlkampf machen wie Männer, aber sie dürfen es auch nicht als Frauen machen, sie sind was dazwischen. Sie sind in einer Rolle.‘ Das klingt erst mal nicht so schlimm. Dass Macht ihren Tribut fordert, ist klar, natürlich muss man etwas aufgeben. Ein echtes Privatleben, ein echtes Familienleben. Frauen müssen aber ein Stück von sich selbst aufgeben, ein bisschen »Ich«. Was das wirklich bedeutet, versteht man erst, wenn man Frauen eine Weile beim Wahlkampf zugesehen hat. So wie Julia Klöckner in der deutschen Provinz.

Malu Dreyer hat also nicht „ich“ gesagt, sondern „wir“. Hmmm, ich könnte mir gut vorstellen, dass dies männliche wie weibliche Politiker vornehmlich so handhaben, zumal das „wir“ viel „volkstümlicher“ ist, es schliesst das Publikum mit ein und verhindert, dass Politiker als egoistisch wahrgenommen werden. Mir fällt dies speziell bei Interviews im Sport auf, insbesondere bei Mannschaftssportarten: Fussballspieler streichen nahezu nie ihre eigene individuelle Leistung heraus, sondern sie sprechen, wenn sie den Erfolg analysieren, meist vom Kollektiv, das für das Ergebnis verantwortlich war.

Gut, in der Politik müssen Frauen offenbar vermehrt ein lachendes Gesicht zeigen im Vergleich zu Männern, um positiv wahrgenommen zu werden. Freilich müssen die Männer mutmaßlich eher den „Haudegen“ und „Durchsetzungstyp“ markieren, sonst werden sie voraussichtlich schnell als Weichei und lahme Ente apostrophiert. „Hüben wie Drüben“ folglich entsprechende Vorgänge.

Ahaa! Frauen werden also in eine Rolle gedrängt, wenn sie sich als Spitzenkandidatin für ein Ministerpräsidentschaftsamt bewerben?! Und Männer? Die  können so sein, wie es ihnen gerade beliebt – kein Rollenzwang, keine gesellschaftlichen Verhaltenserwartungen: frei wie ein Vöglein?!

Was ist eigentlich eine Rolle? Im soziologischen Sinne versteht man ja unter einer Rolle ein Set von Zumutungen und Verhaltenserwartungen, die im Verbund von alltäglichen Interaktionen, gesellschaftlichen Normierungen und institutionellen Funktionserfordernissen das Verhalten der Menschen im Alltag und im gesellschaftlichen Leben mehr oder weniger stark strukturieren. Aus der Perspektive der Gesellschaft kann Sozialisation folglich als ein biografischer Vorgang bezeichnet werden, der die schrittweise Übernahme von Rollen gewährleistet: Kinderrolle, Schülerrolle, Ausbildungs- und Berufsrolle, unterschiedliche Mitgliedsrollen in Organisationen, Institutionen, Verbänden, Vereinen etc.

Organisationen und Institutionen sind sogenannt funktionalistisch ausgerichtet. Sie können im Allgemeinen auf die einzelne Persönlichkeit in ihrer gesamten Komplexität nicht Rücksicht nehmen, weil sie sonst ihrem Auftrag bzw. ihrer Funktion nicht mehr nachkommen könnten; deshalb werden ihre Mitglieder auf ihre Mitgliedsrollen verpflichtet bzw. zugerichtet. Männer wie Frauen sind infolgedessen, wenn sie im politischen System tätig sind, über ihre Mitgliedsrolle integriert und mit Verhaltenserwartungen konfrontiert, die sich dann eben in Berufs- und Mitgliedschaftsrollen ausdrücken; zusätzlich dazu kommen die Geschlechterrollen. Es kann insofern keine Rede davon sein, dass sozusagen nur Frauen, wenn sie als Spitzenkandidatinnen für ein Exekutivamt kandidieren, eine Rolle übernehmen müssen, sondern dasselbe gilt ebenso für Männer.

Die eigene Parteibasis als Herausforderung – insbesondere der alte Mann

 Fritzsche schreibt:

Für eine konservative Wahlkämpferin sind allein die eigenen Leute eine Herausforderung, zumal für eine wie Klöckner. Sie ist ehrgeizig, unverheiratet und kinderlos. Keine konservative Traumfrau. Trotzdem vollzieht sie das Kunststück, in einem Saal voller älterer Leute, in dem nichts so heftig beklatscht wird wie ihre Witze über das Binnen-I, einen Sieg zu verbuchen. Feuilletondebatten über 50/50, Vereinbarkeit und den neuen Mann sind hier ganz weit weg. Hier ist Ingelheim, hier sitzt der alte Mann – und der soll sie wählen. Klöckners Rede ist auf ihn zugeschnitten, egal wie weit sie sich vorwagt in Sachen Gleichberechtigung der Frau, Fremdbetreuung oder Flüchtlingspolitik, immer nimmt sie ihn mit.

Für Klöckner ist offenbar die eigene Parteibasis bereits eine Herausforderung. Augenscheinlich haben die Parteibasis und die Elite der Partei andersgeartete Vorstellungen darüber, was Geschlechterfragen anbelangt. Da stellt sich immerhin die Frage, ob allenfalls Klöckner nicht in der falschen Partei ist oder sonst müsste sie eventuell die Parteibasis auswechseln, die anscheinend nicht zu ihrem politischen Programm passt.

In Ingelheim, der Provinz, sitzt sonach der alte Mann, der vermutlich nach Fritzsche vollständig irregeleitet ist, was die Geschlechterfrage anbelangt. Gibt es eigentlich in Ingelheim keine alten Frauen, die ansonsten Klöckner wählen könnten? Sind alte Frauen in der Provinz keine Herausforderung für Klöckner, sondern lediglich die alten Männer? Und Klöckner nimmt darum den alten Mann mit?! Zumal dieser ersichtlich noch hinter dem Mond ist, muss er gleichsam wie ein kleines Kind über die Strasse geführt werden. Man könnte, wenn man möchte, dies auch ein klein wenig als Infantilisierung und Maternalismus bezeichnen. Die gendersensible Spitzenkandidatin oder Journalistin wissen offensichtlich, was das Gute in Geschlechterfragen ist und helfen nun dem armen, alten Mann dazu, dass ihm doch noch auf die Sprünge geholfen wird.

 Fritzsche schreibt:

Mitunter führt das zu rhetorischen Figuren, die Pirouetten drehen müssen. ‚Manche sagen, früher war alles besser, da gingen die Frauen noch nicht arbeiten, sondern waren zu Hause, und die Kinder waren gut aufgehoben‘, sagt Klöckner, und es das hat etwas unfreiwillig Komisches, wenn sie, die supersmarte Berufspolitikerin, das sagt. Aber sie steht hier nicht als Frau, die führen will. Sie ist hier als Vermittlerin zwischen dem alten Mann und der Frau, die gewählt werden will.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass in vielen anderen Politikfeldern Politiker, wenn sie gewählte werden wollen, auch viele Pirouetten schlagen müssen, zumal in einer Volkspartei wie der CDU die Meinungen nicht stets konvergent sind.

Aufopferung der Frauen, die Männer nicht erbringen müssen

Fritzsche schreibt:

Das andere ist: Was man sieht, wird nicht als Leistung wahrgenommen. Julia Klöckner hat sich, um sich für dieses Amt zu empfehlen, auch selbst optimiert. Sie hat stark abgenommen, zieht sich moderner an als früher, hat eine Frisur, die fernsehtauglich ist und halbwegs unkompliziert zu pflegen. Weiblich, aber nicht zu sehr. Selbst beim Haar scheint das das Motto zu sein. Während in Ingelheim alle Obazdn essen, Brezen und Kartoffeln mit Hering, bleibt sie bei grünem Salat. Das Weißbrot dazu gibt sie der Kellnerin gleich wieder mit. Das ist eine Aufopferung, wie Männer sie nicht erbringen müssen.

Klöckner hat sich mithin für den Wahlkampf optimiert, indem sie 17 Kilogramm abgenommen hat. Woher weiss Fritzsche eigentlich, dass Klöckner dies aus Wahlkampf-Optimierungsgründen getan hat? Hat sie Klöckner darauf angesprochen oder ist dies bloss Spekulation? Könnte es nicht sein, dass dies Klöckner originär für sich gemacht hat? Gibt es überdies Untersuchungen darüber, dass vollschlanke Frauen schlechtere Chancen im politischen Wahlkampf haben im Vergleich zu schlanken Frauen?

Sogar die Kleidung und der Haarschnitt wurden folglich für den Wahlkampf optimiert! Hat Fritzsche beispielsweise einmal geklärt,  welche Wandlung der frühere Aussenminister Joschka Fischer während seiner politischen Laufbahn durchgemacht hat: also vom Taxifahrer und Sponti bis zum Aussenminister. Hat sich Fritsche einmal die Ministerpräsidenten oder Bundesminister angeschaut, wie die aussehen? Die haben selbstverständlich alle lange und zerzauste Haare und laufen mit Jeans, Lederjacke und bequemen Turnschuhen herum – oder?  Und dann gebraucht Fritzsche in diesem Zusammenhang auch noch das Wort „Aufopferung“. Könnte das eventuell und vielleicht nicht ein „Jammern auf höchstem Niveau“ sein? War die Journalistin Fritzsche in Aleppo, in einem Erdbebengebiet, bei Fabrikarbeitern, bei chronisch Kranken, Behinderten und Invaliden, beim Strassenbau, bei der Kanalreinigung, bei der Feuerwehr, bei der Polizei und den Sanitätern? Folglich bei denjenigen Menschen auf der Welt, die wirklich an Entbehrungen leiden oder Aufopferungen auf sich nehmen, weil sie helfen, Menschenleben zu retten oder alltägliche Arbeit zu verrichten, die dazu führen, dass sie vielfach im Alter von über 50-55 Jahren in frühzeitige Pension gehen müssen, weil ihr Körper durch die jahrlange Schufterei zerstört worden ist oder die elf Jahre früher sterben, weil sie den unteren sozialen Schichten/Milieus angehören.

Mediale Formate sind männlich geprägt

Fritzsche schreibt:

Es ist die Wahrnehmung, die das Verhalten beeinflusst. Frauen in der Politik sind umgeben von Männern, wenden sich an männliche Entscheidungsträger, häufig über Medien, die männlich geführt sind und deshalb Formate zur Selbstdarstellung anbieten, die männlich geprägt sind. Lutz Meyer, dessen Aufgabe es war, dafür zu sorgen, dass Angela Merkel gut rüberkommt, hat ein Lieblingsbeispiel: das Fernsehduell. Natürlicherweise würden sich Frauen so nicht austauschen, sagt er; einander gegenüberstehend, kampfbereit, manchmal pöbelnd. Denn eigentlich würden Frauen inhaltsbezogener arbeiten, weniger Show, mehr Ergebnis. Ob das nun stimmt oder nur ein weiteres Klischee ist, wenn auch ein positives, ist beinahe egal. Was stimmt: Ein Duell ist ein Format, das Frauen nicht sympathisch wirken lässt, wenn sie sich verhalten, wie das Format es vorgibt: laut und aggressiv.

Bei einem Wahlkampf unter Männern gehört der Seitenhieb zum Ritual, in Rheinland-Pfalz wird er sorgfältig gemieden.

Also: Aggressive und laute Frauen werden im Durchschnitt offenbar negativer bewertet als Männer mit vergleichbarem Verhalten. Aber auch hier gilt: Unterschiedliche Männer werden bei gleichartigem Verhalten eben auch unterschiedlich bewertetet: bei einem wird es heissen, er setze sich lautstark und tatkräftig für eine gute Sache ein und bei einem anderen wird es heissen, er sei einfach ein Schreihals. Ausserdem: Diejenigen Männer, die weniger zur Selbstdarstellung, Expressivität und Aggressivität neigen, werden von einem solchen Setting desgleichen abgeschreckt oder benachteiligt, zumal sie einem solchen Format nicht viel abgewinnen oder quasi nur schlecht abschneiden können.

Ein Flirt in der Bar als Ministerpräsidentin

Fritzsche schreibt:

Eine deutsche Landesministerin erzählt in vertrauten Runden unter Frauen gern ihre gesammelten Erlebnisse von der Hotelbar. Wie den Männern, die sich gerade noch super engagiert auf den Barhocker neben ihr vorgearbeitet haben, das Gesicht zusammenfällt, wenn sie hören, wen sie da anflirten. Eine Ministerin? Und tschüss! Die traurige Pointe aus all den lustigen Anekdoten: Die Ministerin hat irgendwann angefangen, sich als Lehrerin auszugeben. Dann ging es. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass die mächtige Frau immer eine ihrer Seiten verschleiern muss: tagsüber die Frau. Und abends die Macht.

Jetzt können wir uns einmal als Kontrast die folgende Szene vorstellen: Die Landesministerin sitzt vergnügt in einer Bar und Ali, der nebenan in einer Dönerbude arbeitet, hat sich zur Landesministerin vorgekämpft. Ali ist eine kontaktfreudige und ehrliche Person und sagt gleich zu Beginn des Gesprächs, dass er nebenan bis jetzt in der Dönerbude gearbeitet habe und nach Feierabend meist noch hier in der Bar vorbeikomme, um ein bisschen abzuschalten, zu flirten und neue und nette Frauen kennenzulernen und ob er sie auf einen Prosecco einladen dürfe. Was denken sie Frau Fritzsche, wie hoch wird die Wahrscheinlichkeit sein, dass Ali und die Landesministerin in zwei Jahren ein glücklich verheiratetes Paar sind? 10 Prozent oder doch nur 1 Prozent? Ich vermute, die Wahrscheinlichkeit liegt unter 0,000001 Promille und diese geringe Wahrscheinlichkeit hat nicht nur mit Ali zu tun.

Positive Vorurteile über die Frauen

Fritsche schreibt:

Denn verbindlich zu sein, an der Sache interessiert und pflichtbewusst – das alles sind positive Vorurteile gegenüber Frauen. Zu diesen Vorurteilen gehört auch die Annahme, Frauen seien zugänglicher. Es heißt, man öffne sich ihnen gegenüber eher, ja fühle sich geborgen. Das kann besonders dann ein Vorteil sein, wenn Menschen gerade das Gefühl haben, die Politik entferne sich von ihnen. Wenn Menschen sich nach Halt, nach Hilfe, nach Nachsichtigkeit sehnen. Frauen, die Macht haben, nutzen dieses Stereotyp.

Eben! Auch Männer haben Nachteile gegenüber Frauen, weil Frauen vom Privileg des positiven Vorurteils profitieren können: also nicht nur Nachteile für Frauen, sondern auch Vorteile gegenüber Männern.

Fritzsche schreibt:

Als authentisch wahrgenommen werden Frauen, wenn sie sich verhalten, wie man es von Frauen annimmt. Und es scheint, als hätten Malu Dreyer und Julia Klöckner sich entschieden, da mitzuspielen. Fleißig entsprechen sie den positiven Klischees.

 Das wird bei den Männern freilich genau so sein. Wenn sich Männer nicht so geben, wie man es bei ihnen voraussetzt, dann werden sie gewiss ebenso als nicht authentisch wahrgenommen wie die Frauen. Infolgedessen werden Männer, wenn sie ihre Chancen bei einem Wahlkampf verbessern wollen, analog wie Frauen, positive Vorurteile bedienen.

Fazit

Der Text von Fritzsche zeigt sehr gut auf, dass man ein verzerrtes Bild von einer Gesamtsituation erlangt, wenn der Blick gewissermaßen nur auf die Privilegien/Vorteile der Männer und die Nachteile der Frauen gerichtet wird. Ausserdem bekommt man den Eindruck, dass diesen Eliten-Frauen grösstes Unrecht mittels der Gesellschaft angetan wird und diese grösste Opfer erbringen müssen, damit sie überhaupt den Olymp der Eliten erreichen können. Selbstverständlich darf man auch Benachteiligungen innerhalb der politischen Elite aufzeigen, aber man sollte nicht so tun, als wäre dies quasi der grösste Skandal der Welt, wenn 0.000001 Prozent der Bevölkerung, also die Elite, davon betroffen ist. Deshalb: Jammern auf höchstem Niveau scheint momentan im hegemonialen Feminismus on vogue zu sein

Ich werde diesen Beitrag der Journalistin Lara Fritzsche zukommen lassen, und es würde mich freuen, wenn sie sich hier auf diesem Blog oder in einer privaten E-Mail-Korrespondenz dazu äussern würde.

Der WDR und der Hass auf Jungen

Hass? Ist das nicht sehr übertrieben? Selbst wenn eine journalistische Sendung mal danebenliegt, muss doch sicher nicht gleich von „Hass“ geredet werden?

Das stimmt. Nur ist die Rede von der Hassrede zur Zeit so einflussreich, wird institutionell so stark gefördert und wird sogar so weit und bis in die Gesetzgebung hinein getrieben, dass es sich lohnt, ihre Maßstäbe auch einmal an eine Positionen anzulegen, die nach ihrem Selbstverständnis des Hasses ganz unverdächtig sind.

jungen

Laien sehen hier lediglich zwei freundliche Kinder. Dem Experten aber bleibt die arrogante Neigung zur Faulheit nicht verborgen.

Nur 8,7 % aller Lehrkräfte an den Grundschulen Nordrhein-Westfalens sind nach Angaben des statistischen Landesamts zum vergangenen Jahr männlich – ein neues Rekordtief. Im Morgenecho des WDR hat die Journalistin Annika Franck in der Sendung Kleine Helden in Not Ursachen und Folgen davon auf eine Weise erläutert, die ihre Sendung tatsächlich als „Hassrede“ qualifiziert. Diese Zuordnung würde selbst selbst sicher überraschen – nach einschlägigen Definitionen dieses Begriffs ist sie aber zwingend. Weiterlesen

Männer, Muslime und das absolute Böse

„Es herrscht ein Krieg der Männer gegen die Frauen. Scheinbar wahllos bewegen sich Männer wie Wahnsinnige durch die Landschaft um an nichtsahnenden, wehrlosen Frauen die grausamsten Verbrechen zu verüben. Manchmal sind es Beziehungstaten, bei denen wenigstens noch das Fünkchen eines Motives aufblitzt, ein winziger Anhaltspunkt der es dem fassungslosen Beobachter ermöglicht, sich das Unerklärbare zu erklären.

Manchmal sind es keine Beziehungstaten. Übrig bleibt der pure Hass auf Frauen, gepaart mit einer Blutrünstigkeit, einer Willkür, einer rasenden Mordlust, die rational nicht erklärbar ist.“

Der Text, aus dem dieses Zitat stammt, wurde vom Blogaggregator rivva der Süddeutschen Zeitung sogleich als „Neu und lesenswert“ empfohlen: „Der Krieg der Männer gegen die Frauen“,  den der Journalist Martin Niewendick (Tagesspiegel, Zeit) beim angesehenen Blog der Ruhrbarone veröffentlicht hat.

Männliche Gewalt ist hier kaum noch einmal motiviert, scheint grundlos und allgegenwärtig. Der Begriff „Männer“ steht so nicht einmal mehr für Rücksichtslosigkeit, für bedenkenlosen Egoismus oder Machtgier, sondern wird zu einer Chiffre des absoluten Bösen: Das Böse hat hier gar keinen anderen Zweck mehr als sich selbst.

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Eigentlich gar kein Mensch mehr, so ein Mann, nur noch ein Körperteil, das Gewalt ausübt…

Niewendicks Text ist gleich in doppelter Hinsicht radikal verkorkst, damit aber auch interessant. Erstens, und das ist offensichtlich, ist er ein Beispiel für eine Geschlechterdebatte, die sich an die Wand gefahren hat. Zweitens – und das wird auf den zweiten Blick deutlich – ist er ein Beispiel dafür, dass eine postmoderne identitäre Linke vollkommen die Fähigkeit verloren hat, auf Ressentiments von rechts angemessen und klar zu reagieren. Weiterlesen

Nicolas Zogg von männer.ch: „#AuchIch – für eine aufrichtige Auseinandersetzung von Männern mit Sexismus“

Nicolas Zogg von männer.ch hat sich in einem Beitrag auf männer.ch für eine aufrichtige Auseinandersetzung von Männern mit Sexismus stark gemacht. Wieder einmal bei dieser Thematik ist der Duktus eher paternalistisch und inhaltlich bleibt der Text auf halbem Wege stecken: Männer als Opfer und Frauen als Täterinnen von Sexismus verbleiben ausserhalb des Sagbaren.

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Frauen sind Opfer und Männer Täter von Sexismus

Der Autor schreibt:

Man(n) muss kein Feminist sein, um Sexismus scheisse zu finden. Es reicht die einfache Einsicht: Ganz egal, ob Männer und Frauen «gleich» sind, gleichwertig sind wir in jedem Fall.

Ich frage mich bloß, weshalb hier, wenn es darum geht, auf Sexismus aufmerksam zu machen, auf den Feminismus rekurriert wird. Ist der Feminismus ein Garant dafür, dass es keinen Sexismus gegenüber Männern und Frauen gibt? Der Artikel erweckt den Eindruck, dass bei Sexismus nicht beide Geschlechter betroffen sein können und gewissermaßen nur Männer die Täter und Frauen die Opfer sind. Gibt es eigentlich keinen Sexismus gegen Männer? Sind Frauen nur Opfer und Männer nur Täter? Und wer behauptet beispielsweise, dass Männer und Frauen nicht gleichwertig sind?

Weshalb wird nur von Männern Verantwortung verlangt?

Der Autor schreibt:

Du benimmst dich anständig, sagst Dinge wie «Ich respektiere die Frauen» und glaubst, damit seist du fein raus? Irrtum! Männliche Verantwortung gegen Sexismus beginnt lange bevor du selbst sexistisch handelst.

Wo sind hier die Männer? Werden die alle respektiert? Sagen alle Menschen, sie würden die Männer respektieren? Und weshalb werden die Frauen ausgelassen, wenn es um die Verantwortung gegen Sexismus geht? Oder weshalb werden nur die Männer angesprochen?

Die Männliche Perspektive ist die Norm

Der Autor schreibt:

Das ist unfair, denn du selbst hast ja keine Privilegien und willst dir auch keine Erbschuld aufbürden lassen? So einfach ist es nicht. Als Männer haben wir Privilegien, ob wir sie wollen oder nicht. Wir haben allen voran das Privileg, uns in der Illusion sonnen zu können, unsere eigene Perspektive sei der Normalfall, die gesellschaftliche Mitte, die reine Vernunft. Und was Frauen und andere «Minderheiten» denken, können wir dann «interessant» oder «auch wichtig» finden, es bleibt immer eine Abweichung vom Nullpunkt, der durch unseren Standpunkt vorgegeben ist.

Weshalb weiss der Autor, dass alle Männer sich darin sonnen können, die eigene Perspektive sei der Normalfall oder die reine Vernunft? Gibt es diesbezüglich empirisch repräsentativ wissenschaftliche Untersuchungen, die genau das festgestellt haben oder ist das einfach die „gefühlte Wahrheit“ des Autors oder überträgt er gleichsam seine subjektive Sichtweise auf alle Männer? Und seit wann sind Frauen in der Schweiz oder z.B. in Deutschland eine Minderheit? Nummerisch sind Frauen in der Schweiz eine Mehrheit, was das Geschlecht anbelangt. Und wie kommt der Autor auf die Idee, dass die Population der Männer eine einheitliche Perspektive auf die Welt aufweist? Männer wählen unterschiedliche Parteien, lesen unterschiedliche Zeitungen und Bücher, schauen unterschiedliche TV-Programme etc.. Desgleichen ist die Population der Frauen mit ihren Präferenzen breitgefächert: Unterschiedliche Frauen wählen unterschiedliche Parteien und lesen unterschiedliche Bücher oder konsumieren unterschiedliche Medien etc. Weshalb sollte es folglich bloß eine männliche und eine weibliche Perspektive geben und diese Perspektiven sind dann auch noch vollends divergent?

Selbstkasteiung als Signum für Läuterung

Der Autor schreibt:

Wenn du kein Patriarsch sein willst, dann gibt’s nur eins: Hinschauen, bis es weh tut. Denn wenn es nicht weh tut, hältst du dich noch immer in der Komfortzone auf, dort wo du glaubst, irgendwie halt trotz allem dann doch noch ein gott- oder naturgegebenes Vorrecht in Anspruch nehmen zu können. Sorry, dieses Spiel ist vorbei.

Gibt es überdies auch eine Matriarsch? Und weshalb sollte das Hinschauen weh machen? Und warum hält sich ein Mann immer noch in der Komfortzone auf, wenn es nicht weh tut? Was genau sollte eigentlich weh tun? Geht es denn Menschen in Syrien, die vom Krieg betroffen sind, besser, wenn wir gleichsam in Depressionen verfallen? Geht es den Hungernden, Kranken, Behinderten, Invaliden, Kriegsbetroffenen in der Welt besser, wenn es uns schlecht geht oder wir in Depressionen verfallen?

Das hört sich alles ein bisschen nach religiöser Selbstkasteiung an: Wer Busse tut, wird innerlich rein und frei von seinen Sünden sein.

Und inwiefern sollten die Frauen nicht auch hinschauen, wenn Sexismus gegenüber Männern erfolgt oder ebenfalls gegen andere Frauen? Und von welchem gott- oder naturgegebenen Vorrecht spricht der Autor?

Echter, fehlender Respekt der Männer gegenüber den Frauen

Der Autor schreibt:

Jungs, jetzt haben wir 40 Jahre weibliche Emanzipation ausgesessen, ohne uns wirklich damit zu befassen oder uns zu bewegen. Wir haben vielleicht nachgegeben oder zumindest so getan. Aber wir haben es versäumt, echten Respekt zu zeigen, indem wir uns all diese Fragen wirklich nahe hätten kommen lassen. Die Schonfrist ist vorbei.

Das hört sich alles ein bisschen kryptisch an! Von welchem Respekt spricht der Autor? Und was genau meint er unter echtem Respekt? Und welche Fragen hätten sich die Männer näher an sich ran lassen sollen? Und was genau ist eigentlich mit den Frauen?

Der Autor schreibt:

Lasst uns in Würde vom Sockel treten, von dem wir sowieso gestossen werden. Lasst uns mit Respekt der Angst in die Augen schauen, die uns davor abhält. Lasst uns mit Stolz den Schmerz ertragen, den unsere Väter und Grossväter nicht zu ertragen wagten. Lasst uns mit Freude erkunden, was möglich wird, wenn wir in unserem tiefsten Inneren die Einsicht zulassen: #auchich bin nur ein Mensch.

Wer von den Männern ist eigentlich auf dem Sockel? Und was genau muss man sich eigentlich unter diesem Sockel vorstellen? Sind Männer mit spärlichem kulturellen, ökonomischen, symbolischen oder politischen Kapital auf einem Sockel? Könnte es nicht vielmehr sein, dass originär Männer und Frauen mit hohem kulturellen, ökonomischen,  symbolischen oder politischen Kapital auf einem Sockel stehen?

Fazit

Der gesamte Text des Autors hat m.E. einen sehr stark paternalistischen Duktus. Er ist quasi der Erleuchtete und weiss, was Sache ist und wie sich die Männer bisher verhalten haben und sich in Zukunft verhalten müssen, damit sich alles zum Besseren wendet.

Frauen sind Opfer von Sexismus, jedoch sicherlich nicht Täterinnen und umgekehrt sind Männer Täter und gewiss nicht Opfer von Sexismus. Für eine Organisation wie männer.ch, die sich ja hauptsächlich für Probleme und Anliegen von Männern einsetzen möchte, finde ich es schon sehr erstaunlich, dass ein geradeso einseitiges Bild gezeichnet wird und auf Grautöne und Differenzierungen verzichtet wird.

Ich werde diesen Text dem Autor von männer.ch zukommen lassen und ihn darum bitten, mir meine Fragen zu beantworten, und ich bin gespannt, ob sich männer.ch auf eine Diskussion einlässt oder nur proklamieren möchte?!

Die unmodernen Wurzeln einer modernen Geschlechterpolitik

Eine moderne Familienpolitik würde nicht etwa die sogenannte „Alleinerziehung“ fördern, sondern darum besorgt sein, dass Eltern – gerade auch nach Trennungen – gemeinsam die Verantwortung für ihre Kinder tragen. Mit dieser Feststellung endete der letzte Text hier im Blog. Dass die Politik des „Familienministeriums“ und die deutsche Gesetzgebung der mütterlichen Alleinerziehung faktisch Vorrang vor der gemeinsamen Erziehung durch beide Eltern einräumen, ist schädlich für Kinder, es ist schädlich für Väter, und es ist such schädlich für Mütter.

Wenn aber der Schaden so umfassend ist: Wem nützt denn dann eigentlich diese Politik?

Abgesehen von Lobbyistinnen profitieren ausgerechnet die Eltern von dieser Politik, die eben nicht im Interesse ihrer Kinder agieren: Mütter, die Väter aus der gemeinsamen Verantwortung ausgrenzen – und Väter, die sich auf Kosten der Kinder und der Mütter ihrer Verantwortung entziehen. In selteneren Fällen ist es auch umgekehrt.

Wie aber ist es möglich, dass uns eine Politik als ganz normal erscheint, die ein kindsschädigendes Elternverhalten fördert, ja sogar züchtet – während sie es Eltern beiderlei Geschlechts, die im Interesse ihrer Kinder agieren wollen, das Leben schwer macht?

alfred-brumme

Ist das tatsächlich ein angemessenes Modell einer modernen Familienpolitik?

Wir haben uns offenbar in einem langen Prozess daran gewöhnt, destruktive familiäre Konstellationen als etwas ganz Normales wahrzunehmen, während uns konstruktivere Modelle als ungewöhnlich, riskant und als fragwürdig erscheinen. Weiterlesen